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Schillers Flucht
von Stuttgart
und
Aufenthalt in Mannheim
von 1782–1785
Von
Andreas Streicher
Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen
von
Prof. Dr. J. Wychgram
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Übersetzungsrecht vorbehalten
Einleitung.
Das Buch, das wir, nachdem es zum ersten- und einzigen Male im Jahre 1836, drei Jahre nach dem Tode seines Verfassers, erschienen war, nun zum Schiller-Jubiläumstag neu in die Welt senden, ist nicht mit Unrecht ein Kleinod unserer Literatur genannt worden. Nicht als ob es schriftstellerische Vorzüge aufweisen könnte. Sein Wert liegt vielmehr einmal in den berichteten Tatsachen, die für die Kenntnis von Schillers Entwicklung von außerordentlichem Werte sind und die uns unbekannt geblieben sein würden, wenn nicht Streicher sie uns erzählt hätte, sodann aber in dem Geist und Sinn, der aus dem Buche spricht. Da die Vorbereitungen zur Flucht aus Stuttgart und ihre Ausführung selbst sehr geheim gehalten werden mußten und da das, was außerhalb des Weichbildes von Mannheim mit Schiller geschah, nur Streicher zum Zeugen hatte, so können wir in der Tat den Wert dieser Aufzeichnungen nicht genug schätzen; aber auch, daß dieser Zeuge gerade Streicher war, ist von der größten Bedeutung. Denn wir haben in diesem Manne, der ja, wie der Leser aus dem Buche selbst erkennen wird, mit einer Art Vergötterung an Schiller hing, einen Berichterstatter, der alle diese aufregenden und abenteuerlichen Erlebnisse mit der größten Einfachheit, ohne subjektive Färbung und mit einem treuen geschichtlichen Sinne uns erzählt. Freilich ist das Buch selber erst geschrieben worden, als Streicher bereits im Greisenalter stand; aber die Ereignisse der Jugend standen ihm, soweit er sie selbst miterlebt hatte, als die denkwürdigsten seines ganzen Lebens vor der Seele, und später erschienene Briefe bezeugen uns, daß Streicher in der gewissenhaftesten Weise überall da, wo entweder sein Gedächtnis ihn nicht mehr sicher beriet oder wo er von Dingen zu erzählen hatte, die er selbst nicht mit angesehen (wie zum Beispiel in dem Berichte über die letzte Begegnung Schillers mit seiner Schwester und seiner Mutter), durch briefliche Erkundigung die Lücke zu ergänzen oder falsche Gerüchte zu berichtigen suchte. Einen solchen Brief teilen Speidel und Wittmann in ihrem vorzüglichen Buche »Bilder aus der Schillerzeit,« S. 26, mit. So kann man sagen, daß die Partien des Streicherschen Buches, die sich mit der Flucht und den auf die Flucht folgenden Ereignissen beschäftigen, durchaus zuverlässig sind und nur in ganz unwesentlichen Einzelheiten, in den Angaben einiger Monatsdaten und ähnlichen Kleinigkeiten, von der späteren Schiller-Forschung berichtigt worden sind.
Streicher hat nun dem Berichte von der Flucht eine kurze Übersicht über Schillers Leben bis 1782 beigegeben; diese Übersicht mußte er nach den damals zugänglichen Quellen abfassen, und sie ist daher, wie wir gleich hier bemerken, nicht in demselben Maße unanfechtbar, wie der eigentliche Kern des Buches. Insbesondere waren Streicher die näheren Umstände, die das Zerwürfnis Schillers mit dem Herzog veranlaßten, nicht bekannt; vermutlich hat Schiller selbst von dem, was an Intrigen gegen ihn und gegen seinen Vater sich abgesponnen hat, nicht alles gewußt. Wir verzichten hier darauf, die Einzelheiten zu berichtigen, da der Leser dazu jede moderne Schillerbiographie benutzen kann; es sei gestattet, auf die betreffenden Abschnitte in der von mir verfaßten Biographie Schillers (4. Auflage, Bielefeld und Leipzig, Velhagen & Klasing; Volksausgabe, ebenda 1904), zu verweisen, wo ein ausführliches Bild gegeben wird. Die Universal-Bibliothek bietet die Schiller-Biographie von Rudolf von Gottschall (Nr. 3879/80), die in gedrängterer Form berichtet.
Andreas Streicher wurde als der Sohn unbemittelter Eltern im Jahre 1761 in Stuttgart geboren; er widmete sich der Tonkunst und sollte bei Emanuel Bach in Hamburg seine Ausbildung als Musiker erhalten. Von der Reise nach Hamburg aber wurde er durch die von ihm selbst erzählten Umstände abgehalten; er blieb vielmehr einige Jahre, mit Schiller und auch noch nach Schiller, in Mannheim, wandte sich dann nach München und ging 1794 nach Wien, wo er als Klavierlehrer eine auch an äußeren Erfolgen reiche Tätigkeit entwickelte. Später hat er in Wien die Pianofortefabrik seiner Frau, einer geborenen Stein aus Augsburg, übernommen und es in dieser Tätigkeit zu erheblichem Wohlstande gebracht. Er starb am 15. Mai 1833. Wie sehr er an dem Jugendfreunde hing, zeigt nicht nur das Buch selber, das er etwa in den Jahren 1828–30 verfaßt hat, sondern dies wird uns auch aus Briefen, die er nach Schillers Tode an dessen Angehörige schrieb, deutlich. Man hat wohl bemerkt, es sei auffallend, daß Schiller selbst später nicht wieder an den aufopferungsfreudigen Freund seiner Jugend geschrieben habe, insbesondere Julian Schmidt hat in seinem Buche »Schiller und seine Zeitgenossen« dieses Befremden ausgedrückt; man ist aber damit im Irrtum gewesen. Wir besitzen noch einen Brief von Schiller, der uns zeigt, wie Schiller in dankbarem Herzen die Erinnerung an Streicher bewahrt hat. Im Jahre 1795 hatte Streicher einem Herrn seiner Bekanntschaft einen Empfehlungsbrief an Schiller mitgeschickt; Schiller antwortete darauf:
»Mein teurer und hochgeschätzter Freund!
Gestern erhielt ich durch Herrn von Bühler Ihren Brief, der mich auf eine sehr angenehme Weise überraschte. Daß Sie mich nach einer zehnjährigen Trennung und in einer so weiten Entfernung noch nicht vergessen haben, daß Sie meiner mit Liebe gedenken und mir ein gleiches gegen Sie zutrauen, rührt mich innig, lieber Freund, und ich kann Ihnen auch von meiner Seite mit Wahrheit gestehen, daß mir die Zeit unseres Zusammenseins und Ihre freundschaftliche Teilnahme an mir, Ihre gefällige Duldung gegen mich und Ihre auf jeder Probe ausharrende Treue in ewig teurem Andenken bleiben wird.
Wie erfreuen Sie mich, lieber Freund, mit der Nachricht, daß es Ihnen wohl geht, daß Sie mit Ihrem Schicksale zufrieden sind und nun auch die Freuden des häuslichen Lebens genießen. Diese sind mir schon seit sechs Jahren zu teil geworden, und ich könnte, im Besitze eines hoffnungsvollen Knaben, sowie in meiner unabhängigen äußeren Lage ein ganz glücklicher Mensch sein, wenn ich aus dem Sturme, der mich so lange herumgetrieben, meine Gesundheit gerettet hätte. Indessen macht ein heiteres Gemüt und der angenehme Wechsel der Beschäftigung mich diesen Verlust noch ziemlich vergessen, und ich finde mich in mein Schicksal.
Eben dieser Zustand meiner Gesundheit läßt mich nicht daran denken, eine Reise zu unternehmen, und raubt mir also die Freude, Ihre freundschaftliche Einladung anzunehmen. Aber was mir unmöglich ist, können Sie vielleicht ausführen, und um so eher, da ein Tonkünstler überall zu Hause ist und selbst auf Reisen die Zeit nicht verliert. Daß mir Ihre Erscheinung in Jena unbeschreiblich viele Freude machen würde, bedarf keiner Versicherung, und daß auch Sie nicht unzufrieden sein sollen, dafür, glaube ich, gutsagen zu können. Ich könnte Ihnen wenigstens dafür stehen, daß Sie in Weimar, wo man Musik zu schätzen weiß, eine sehr erwünschte Aufnahme finden sollten.
Ihr aufrichtig ergebener
Schiller.
Jena, den 9. Oktober 95.
An Herrn Andreas Streicher, Tonkünstler in Wien.«
Man sieht aus diesem Briefe, daß Schiller, wenn auch keine häufigeren Anlässe zu lebhafterem Briefwechsel mit seinem Jugendfreunde vorlagen, ihn doch in dankbarer Erinnerung bewahrte. Folgende beiden Briefe mögen noch dem Leser zeigen, mit welcher Wärme Andreas Streicher spät nach Schillers Tode für die Pflege von dessen Andenken gesorgt hat. Der erste dieser Briefe ist am 30. August 1826 an Schillers einzige überlebende Schwester Christophine, die verwitwete Hofrätin Reinwald in Meiningen, gerichtet, der andere am 29. April 1829 an Schillers bekannten Freund Körner. Die Briefe lauten folgendermaßen:
I.
»Wohlgeborne Frau!
Seit dem Tode Ihres herrlichen Bruders sind einundzwanzig Jahre verflossen, und noch ist er nicht begraben, sondern sein Sarg steht in Weimar in dem Gewölbe einer Sterbkassen-Gesellschaft unter dreißig bis vierzig andern versteckt, so daß es unmöglich ist, zu ihm zu gelangen oder ihn nur zu sehen.
Man sagt, daß diese ungeheure Vernachlässigung die Schuld der Witwe sei.
Als ich im Jahre 1820 die erste Nachricht hierüber in der »Allgemeinen Zeitung« las, schrieb ich sogleich nach Weimar und erkundigte mich um die Wahrheit derselben. Leider wurde solche bestätigt und die Vermutung geäußert, daß wohl der Vermögenszustand der Schillerschen Familie einige Schuld daran haben könne. Sogleich entschloß ich mich, eine kleine von mir verfaßte Schrift: »Schillers Flucht von Stuttgart und sein Aufenthalt in Mannheim von 1782 bis 1785,« die erst nach meinem Tode erscheinen sollte, jetzt schon, und zwar zu dem Zwecke herauszugeben, damit für den eingehenden Betrag Schiller ein ordentliches Grabmal errichtet werden könnte.
Mancherlei Schwierigkeiten, die ich nicht beseitigen konnte und deren Aufzählung zu weitläufig sein würde, brachten diese Sache ins Stocken, bis endlich bei der Austeilung des neuen Kirchhofs in Weimar sich Frau von Schiller entschloß, eine Familiengruft zu wählen, und nur noch ihre Rückkehr von Köln erwartet wurde, um eine vollkommene Entscheidung herbeizuführen. Allein ein Schlagfluß überraschte sie in Bonn, wohin sie sich wegen einer Augenoperation begeben hatte, und brachte diese Sache insoferne wieder aufs neue zum Stillstande, als man sich deshalb nun an den ältesten Sohn in Köln wenden mußte. An diesen habe ich nun geschrieben, und es läßt sich erwarten, daß er die Pflicht des Sohnes erfüllen und das Murren aller Reisenden, sowie die in so vielen Zeitschriften darüber erhobenen Klagen stillen wird.
Ich habe Herrn von Schiller auch zugleich um genaue Nachrichten in betreff der letzten Lebensjahre seines Vaters ersucht, welche in den Schriften von Körner, H. Döring und andern entweder ganz übergangen oder unrichtig angegeben sind, indem mir daran liegt, daß meine Schrift als (wenigstens kleines) Ganzes sich darstelle. Da aber die Angaben über seine Eltern, über seine ersten Jugendjahre gar zu karg aufgeführt sind, und solche weder in der Zeitfolge noch in der Sache selbst zusammenpassen, so legt man diese Schriften desto unbefriedigter weg, je gespannter man auf alle Nachrichten ist, welche diese merkwürdige Familie betreffen.
Von dieser Periode lassen sich nun nur noch von Ihnen, wohlgeborne Frau, die allerzuverlässigsten Nachrichten erwarten, indem Sie der einzige noch lebende Zeuge derselben sind. Ich nehme mir daher die Freiheit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, welche diesen Zeitraum betreffen, mit der Bitte, selbige einiger Aufmerksamkeit würdigen und mir gefälligst beantworten zu wollen. Da ich meine Absicht, warum ich alles dahin Gehörige zu wissen wünsche, deutlich ausgesprochen, so darf ich nicht fürchten, daß Sie diese Fragen als aus bloßer Neugierde oder aus einer unedlen Ursache gestellt ansehen werden, sondern habe gegründete Ursache, zu hoffen, daß Sie dem Jugendfreunde und Leidensgefährten Ihres Bruders sein Verlangen um so weniger versagen werden, weil dieses nur zur Verherrlichung des Verewigten gereichen solle. Da aber die Schrift schon in einigen Monaten in Druck gegeben werden muß – da erst, wenn dieser schon im Gange ist, die Unterzeichnung darauf öffentlich angekündigt werden kann – da auch nur alsdann erst zur Erbauung eines ordentlichen, würdigen Grabmals geschritten wird, wenn man der Kostendeckung versichert ist – da meine Geschäfte mir nur sehr wenig Zeit zur Vollendung dieser Schrift gestatten, und da mein Alter, sowie meine Gesundheit es nicht ratsam machen, diese Angelegenheit noch länger als bis zum 9. Mai 1827 zu erstrecken, so muß ich den dringenden Wunsch beifügen, daß Sie die Güte haben und mir Ihre Antwort sobald als möglich übermachen wollen. Keine Ihrer Nachrichten soll für mein Eigentum abgegeben, sondern dankbar dem Publikum die Quelle genannt werden, aus welcher mir solche zugeflossen.
Es sind nun volle dreiundvierzig Jahre, daß mir nicht mehr vergönnt ward, Sie zu sehen, und nur meine lebhafte Erinnerung an Sie, sowie an Ihr ganzes Haus, kann mir einige Schadloshaltung für dieses Glück gewähren.
Mein innigster Wunsch ist, daß dieser Brief Sie, sowie Ihren Herrn Gemahl in bestem Wohlsein treffe, und daß von diesem durch eine gefällige Antwort recht bald die Überzeugung erhalte, wohlgeborne Frau, Ihr hochachtungsvoll ergebenster Diener
Andreas Streicher, Tonkünstler.
Wien, am 30. August 1826.«
II.
»Das Werk erscheint gegen Unterzeichnung, und der reine Ertrag desselben, wenn er sich auf 20 000 Gulden beläuft, soll erstens dazu verwendet werden, um eine Stiftung zu gründen, damit alle zehn Jahre die Interessen dieses Kapitals demjenigen (oder dessen Erben) eingehändigt werden, der während dieser Zeit das beste Schauspiel, Drama oder Trauerspiel, dessen Inhalt aus der deutschen Geschichte genommen sein muß, gedichtet hat. Zweitens, da aber die 10 000 Gulden Interessen des Kapitals in zehn Jahren wieder 2500 Gulden abwerfen, so werden diese demjenigen Schriftsteller als Preis zugeteilt, der in diesem Zeitraume das beste Werk für die Jugend oder das Volk in dem Sinne geschrieben, wie es Schiller in der Rezension von Bürgers Gedichten in den Worten: »Welches Unternehmen usw. bis: würden sie endlich selbst von der Vernunft abfordern,« angedeutet hat. Diese Preise würden einmal in Stuttgart, als der Hauptstadt von des Dichters Vaterland, das andere Mal in Weimar, wo er Unterstützung fand und starb, und das dritte Mal in Wien, wo seine hohe, gemütvolle Dichtung noch am meisten gewürdigt und empfunden wird, öffentlich und feierlich erteilt werden. Jeder der genannten Orte würde drei Schiedsrichter ernennen, welche die des Preises würdigsten Stücke bezeichnen würden.
Dies ist das Hauptsächlichste von dem, was ich mir hierüber ausgedacht und auch Herrn Ernst von Schiller mitgeteilt habe. Dieser aber erwidert mir, daß ich durch Ausführung dieses Vorsatzes dem Verkaufe der sämtlichen Werke seines Vaters bedeutenden Schaden zufügen und vielleicht das ganze Unternehmen gefährden würde. Allein ich habe Freiherrn von Cotta diesen Plan voriges Jahr mündlich mitgeteilt und weder damals, noch seit jener Zeit irgend einen Widerstand von ihm erfahren. Auch scheint die abgesonderte Herausgabe des Briefwechsels von Goethe und Schiller darauf hinzudeuten, daß vorerst alles bisher noch Unbekannte von Schiller einzeln herausgegeben und dann erst in späterer Zeit eine ganz vollständige Ausgabe seiner Werke veranstaltet werden solle.
Da ich nun den Zweck der Herausgabe von Nachrichten über unsern Dichter genau und wahr angegeben: da alles, was darauf Beziehung hat, gänzlich von einer Nebenabsicht frei und rein ist, da nichts anderes dadurch erreicht werden soll, als daß seine schwere Laufbahn die eines nicht unwürdigen Nachfolgers erleichtern solle; da es auch nicht gleichgültig ist, das Volk, für das er lebte und schrieb, nicht nur zu einer dauernden Anerkennung seines außerordentlichen Geistes aufzufordern, sondern damit auch zugleich der Dichtkunst einen Rang anzuweisen, den sie schon lange bei andern Nationen, aber leider bei den hadersüchtigen, nur nach Geld und Titeln strebenden Deutschen bisher nicht hatte; da eine genaue Schilderung seines Lebens, seines himmlischen Gemütes, der Tiefe und Fülle seiner Empfindung nur von denen getreu dargestellt und erwartet werden kann, die ihn im Glück und Unglück handeln sahen – so werden Sie dieses Schreiben sowohl als auch die Fragen mit Nachsicht aufnehmen und nicht kalt zurückweisen.«
***
Streicher ist durch Christophine und auch aus seinen anderen Quellen nicht immer ganz richtig unterrichtet worden; es sind in dem Originaldruck eine Reihe von Versehen. Diese sind in unserem Neudruck entweder ohne weiteres korrigiert oder aber durch Fußnoten kenntlich gemacht worden.
Im übrigen verweisen wir auf Streichers Büchlein selber; es mag durch sich und für sich sprechen.
Berlin, im Februar 1905.
J. Wychgram.
Vorrede
der Hinterbliebenen Streichers zur Ausgabe von 1836.
Der Verfasser des nachstehenden Werkchens, Andreas Streicher, lebt nicht mehr. Zu den schönsten Erinnerungen seines reich beschäftigten Lebens gehörten die Tage, die er in Schillers Nähe zugebracht hatte, dessen Andenken er mit liebender Begeisterung, mit schwärmerischer Verehrung bewahrte. Er hatte den edlen Dichterjüngling im Unglücke gesehen, im Kampfe mit feindlichen Verhältnissen, und treu und aufopfernd an ihm festgehalten. Und gerade jenen Zeitraum, so wichtig für die Darstellung von Schillers Charakter, als er es für die Entwicklung desselben und seiner äußern Lage gewesen, fand der Verfasser in allen Biographien des Verewigten fast nur erwähnt, nur kurz und unvollständig behandelt. Er wußte, daß wenige der Überlebenden in dem Falle waren, so richtig und ausführlich darüber zu berichten als er, und es drängte ihn, die Feder zu ergreifen, um das Seinige zur Charakteristik des für Deutschland und die Menschheit denkwürdigen Mannes beizutragen. In weit vorgerückten Jahren begann er mit der strengsten Wahrhaftigkeit und sorgsamer, gewissenhafter Liebe die folgenden Mitteilungen auszuarbeiten. Diese Sorgfalt bewog ihn, immer noch daran zu bessern; diese Liebe machte, daß er zuletzt auch Materialien über spätere Lebensabschnitte seines Jugendfreundes sammelte, und über dem Sammeln, Sichten, Ordnen – ereilte ihn der Tod.
Er hatte sich oft und gern mit Entwürfen in Hinsicht auf die Verwendung des Ertrages seiner Schrift zu einer passenden Stiftung, einem Dichterpreis, irgend einem gemeinnützigen Zwecke beschäftigt. Seine Hinterbliebenen halten es für ihre Pflicht gegen ihn und das Publikum, die Herausgabe des Werkes zu besorgen, an welcher den Erblasser selbst ein unerwartetes Ende hinderte. Überzeugt, ganz in seinem Sinne zu handeln, legen sie das Honorar, welches die Verlagshandlung ihnen dafür zugesagt, als Beitrag zu dem Denkmale Schillers, auf den Altar des Vaterlandes nieder.
Sie geben das Werk, wie sie es in Reinschrift in seinem Nachlasse fanden.
Sie befürchten nicht, daß der Titel »Flucht« auch nur einen leisen Schatten auf das Andenken oder den Namen Schillers werfen dürfte, da es allbekannt ist, wie dessen Entfernung von Stuttgart keineswegs Folge irgend eines Fehltrittes war, sondern ganz gleich der Flucht seines »Pegasus,« der mit der Kraft der Verzweiflung das Joch bricht, um ungehemmten Fluges himmelan zu steigen.
Wie an dem Titel, so glauben sie auch an dem Inhalte, ja selbst an dem Stile nichts willkürlich ändern zu dürfen, um das Eigentümliche nicht zu verwischen, woran man den Zeitgenossen der frühesten Periode und den Landsmann unsers gefeierten Dichters erkennen mag. Der Verfasser war Musiker, nicht Schriftsteller, und was ihm die Feder in die Hand gegeben, nur seine glühende Verehrung Schillers und der frohe und gerechte Stolz, ihm einst nahe gestanden zu sein.
Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, den sie festzuhalten bitten, wird seine Leistung nachsichtige Beurteiler in den geneigten Lesern finden.
Schillers Flucht von Stuttgart
und
Aufenthalt in Mannheim von 1782–1785.
Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater unseres Dichters und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten, die er auf die beste, würdigste Weise verwendete, und die sowohl von seiner Umgebung als auch von seinem Fürsten auf das vollständigste anerkannt wurden.
In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde und ging, nachdem er sich hierin ausgebildet, in seinem zweiundzwanzigsten Jahre mit einem bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er, nach geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner Gattin, verheiratete. Dem höher strebenden und mehr als zu seinem Fache damals nötig war, ausgebildeten Geiste dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis, in dem er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ, und er auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den Feind als Anführer in den Vorpostengefechten diente, Kräfte in sich hatte kennen lernen, deren Gebrauch ihm edler sowie für sich und seine Familie nützlicher schien als dasjenige, was er bisher zu seinem Geschäft gemacht hatte. Er verließ daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikunde gänzlich, suchte eine militärische Anstellung und erhielt solche 1757 als Fähnrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis um so leichter, da er schon früher den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen Anführers sich erworben hatte.
So lange als das württembergische Korps im Felde stand, machte er diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere, um mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war im November 1759 bei der Geburt seines Sohnes, der auch der einzige blieb, gegenwärtig. Nach geschlossenem Frieden wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen Lorch als Werboffizier mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber, sowie die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während drei ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte diese ganze Zeit über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten zusetzen. Erst als er dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung einreichte, daß er auf diese Art unmöglich länger als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem Posten bleiben könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von Ludwigsburg angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während der langen Dauer des Krieges als auch in seinem ruhigen Aufenthalte zu Lorch war sein lebhafter, beobachtender Geist immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu erwerben und diejenigen, welche ihn besonders anzogen, zu erweitern. Den Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet, war ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige Anwendung dem Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile verschafft, die nicht hoch genug gewürdigt werden können. Da zu damaliger Zeit die Baumzucht kaum die ersten Grade ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so verwendete er auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in Ludwigsburg eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte, daß der Herzog – gerade damals mit dem Bau eines Lustschlosses beschäftigt – ihm 1775 die Oberaufsicht über alle herzustellenden Gartenanlagen und Baumpflanzungen übertrug.
Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er wußte und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern auch seine Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf das wirksamste zu beweisen. Um seine Erfahrungen in der Baumzucht, welche nach der Absicht seines Fürsten für ganz Württemberg als Regel dienen sollten, auch dem Auslande nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem kleinen Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage zu Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen erschien.
Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen Mannes ganz außerordentlich. Sein Geist rastete nie, stand nie still, sondern suchte immer vorwärts zu schreiten. Er schrieb Aufsätze über ganz verschiedene Gegenstände und beschäftigte sich sehr gern mit der Dichtkunst – zu welcher er eine natürliche Anlage hatte.
Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen Schriften und Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen unter die Augen der Welt kam; wäre es auch nur, um einigermaßen beurteilen zu können, wie viel der Sohn im Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als Erbteil erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang als Major erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen, die in großer Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden, liebten ihn ebenso wegen seiner Unparteilichkeit, als sie seine strenge Handhabung der Ordnung fürchteten; Gattin und Kinder bewiesen durch Hochachtung und herzlichste Zuneigung, wie sehr sie ihn verehrten.
Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt, aber sehr gut geformt. Besonders schön war seine hohe, gewölbte Stirn, die durch sehr lebhafte Augen beseelt, den klugen, gewandten, umsichtigen Mann erraten ließ. Nachdem er seine heißesten Wünsche für das Glück und den Ruhm seines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten Enkel seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796 im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten Katarrhs nach achtmonatlichen Leiden in den Armen seiner Gattin und der ältesten Tochter, die von Meiningen herbeigeeilt war, um mit der Mutter die Pflege des Vaters zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des damaligen Krieges und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu helfen.
Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß, war aus einem alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich von Kattwitz nannte und durch unglückliche Zeitumstände Ansehen und Reichtum verloren hatte. Ihr Vater, der schon den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor zu Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn dort seines ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um seine Familie nicht darben zu lassen, zu gewerblichen Mitteln, bei welchen er jedoch nichts vernachlässigte, was die Bildung des Herzens und Geistes seiner Kinder befördern konnte.
Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre Haare waren sehr blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich. Ihr Gesicht war von Wohlwollen, Sanftmut und tiefer Empfindung belebt, die breite Stirne kündigte eine kluge, denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche Gattin und Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung, so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären des Neuen Testaments einzuwirken suchte.
Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber – was jede Mutter tun sollte – Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen berühmter Männer, passende Gedichte sowie geistliche Lieder allen andern vor. Auf den Spaziergängen leitete sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf die Wunder der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers. Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes, so viel Gehalt und Würde einzuflechten, daß es ihnen in späten Jahren noch unvergeßlich blieb. Ihre häusliche Lage war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten sehr beschränkt, und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit, sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen unterrichten zu lassen.
Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in Württemberg herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung um so mehr, als eine Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Rechtschaffenheit sowie der aufrichtigsten Verehrung Gottes als ein großer Fehler angesehen und scharf getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung, Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde in das Herz zu prägen. In der Schule wie zu Hause wurde auf die Ausübung dieser Tugenden ein wachsames Auge gehalten. Die Vorbereitungen zur Ablegung des Glaubensbekenntnisses waren größtenteils Prüfungen des vergangenen Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun und Lassen Gott und den Menschen gefällig einzurichten sei.
Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs, zu welchem sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten, konnte sich aber an derjenigen Religionsübung, welche in der Kirche gehalten wurde, nicht begnügen, sondern schloß noch besondere Vereinigungen, um die innerliche, geistige Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen der Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit dadurch hier schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein Vorgeschmack dessen erlangt würde, was das Neue Testament seinen mutigen Bekennern im künftigen Leben verspricht. Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher diese Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken und Empfindungen waren.
Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen Übung der Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen, so hatten sie doch nachahmungswürdige Vorbilder unter Augen, vor welchen sie sich scheuen mußten, die rohe Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun, was einen zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen, stillen Gesellschaften die gute Folge, daß der württembergische Volkscharakter als ein Muster von Treue, Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit gepriesen wurde, und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt werden durften.
In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die Eltern unseres Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen erzogen sie auch ihre Kinder. Die Eindrücke dieser tief wirkenden Leitung konnten nie erlöschen; sie begleiteten die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten in den schwersten Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der höchsten Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus.
Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten Augenblick, ihren einzigen Sohn und Liebling als glücklichen Gatten und Vater, mit errungenem Ruhm gekrönt, im Vaterlande selbst umarmen zu können.
Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802. Ihre Ehe, die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich durch sechs Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch Dorothea Luise Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer Frankh zu Möckmühl im Württembergischen verheiratet, und Elisabetha Christophina Friederika Schiller, geboren 1757, Witwe des verstorbenen Bibliothekars und Hofrats Reinwald zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester, Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes Feldlazarett verbreitet wurde, in ihrer schönsten Blüte schon im achtzehnten Jahre. Zwei andere Kinder starben bald nach der Geburt.
Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten ist die edle Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich noch eine Handschrift gesellt, welche der des Dichters so ähnlich ist, daß man sie davon kaum unterscheiden kann.
Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie, auch als kinderlose Witwe, am 16. September 1826 dem Verfasser schreiben: »Aber ich stehe doch nicht allein, überall umgibt mein Alter der Freundschaft und Liebe sanftes Band, und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten Lebensjahr noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine Heiterkeit der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt. So sehe ich mit Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das mich in einer bessern Welt mit den Geliebten, die vorangingen, wieder vereinigt.«
Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller, wurde am 10. November 1759 zu Marbach, einem württembergischen Städtchen am Neckar, geboren. Obwohl Marbach damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so hatte sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort, in der Mitte von Verwandten und Freunden das Wochenbett zu halten.
Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung mit größter Liebe und Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem er sehr zart und schwächlich schien.
Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten bestimmter und verbürgen, daß der Knabe seinen ersten Unterricht im Lesen, Schreiben, Lateinischen und Griechischen von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen zugleich in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt ward.
Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren, hatte er ein sehr tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich täglich aussprechende Neigung zum geistlichen Stande. Sowie ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer Gedanke ergriff, versammelte er seine Geschwister und Gespielen um sich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um, stieg auf einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt eine Begebenheit, die sich zugetragen, ein geistliches Lied oder ein Spruch war, worüber er eine Auslegung machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören; denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit oder Andacht bei der kleinen Gemeinde wahrnahm, wurde er sehr heftig und verwandelte sein anfängliches Thema in eine Strafpredigt.
So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch waren, so zeigte in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter dennoch nichts von jener Heftigkeit, Eigensinn oder Begehrlichkeit, welche die meisten talentvollen Knaben so lästig machen, sondern war lauter Freundschaft, Sanftmut und Güte.
Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit sowie gegen die Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit und Liebe, welche von allen auf das herzlichste, besonders tätig aber von der ältesten (der noch lebenden Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl sie unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem Bruder teilte.
Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen eines Fehlers, durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig in Verlegenheit gesetzt wurden, hart und strenge gegen ihn. Der Sohn hatte nämlich denselben unwiderstehlichen Hang, hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm Tell mit den wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen konnte,« so treffend schildert.
Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige, über was er frei verfügen konnte, sondern er gab auch den ärmeren Bücher, Kleidungsstücke, ja sogar von seinem Bette.
Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang hatte, seine Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngern Bruder zu schützen, sich als Mitschuldige bekannte, ergingen nun gleichfalls Strafworte und sehr fühlbare Züchtigungen.
Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden Geschwister ein Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen. Hatten sie so gefehlt, daß sie Schläge befürchten mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr Vergehen und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit der Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren möchte.
So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit des Sohnes von dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte dieser dennoch die übrigen seltenen Eigenschaften des Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner Begierde, etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen, zartfühlenden Gemütes.
Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen Stande so auffallend und anhaltend aussprach, so war ihm der Vater um so weniger hierin entgegen, da dieser Stand in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde, auch viele seiner Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren.
Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte, wurde der junge Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen geschickt, wo er neben dem Lateinischen und Griechischen auch Hebräisch – als zu dem gewählten Beruf unerläßlich – erlernen mußte.
In den Jahren 1769–72 war er viermal in Stuttgart, um sich in den vorläufigen Kenntnissen zur Theologie prüfen zu lassen, und bestand jederzeit sehr gut. Sein Fleiß konnte nur wenige Zeit durch körperliche Schwäche, welche durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde, unterbrochen werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend über seinen Büchern, daß ihm der Lehrer befehlen mußte, hierin Maß zu halten, indem er sonst an Geist und Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend, wohlwollend und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte er sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte. Bei einer solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo er in der Kirche sein Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen sollte, sah ihn einst die fromme Mutter, und ihre Vorwürfe über seinen Mutwillen machten so vielen Eindruck auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen Inhalts waren.
Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines der Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche Jünglingen, noch ehe sie die Universität beziehen konnten, gewidmet waren, mit um so größerm Eifer ergab er sich nun seinen Studien.
Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen erhalten haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit, eingreifende Sprache, Tiefe der Philosophie und deren richtige Anwendung auf die Religion Epoche gemacht und alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen von Wissenschaften genötigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte oder denen er nur durch die höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack abgewinnen konnte.
Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im Jahr 1770 auf seinem Lustschlosse Solitüde eine militärische Pflanzschule errichtet, die so guten Fortgang hatte, daß die Lehrgegenstände, welche anfänglich nur auf die schönen Künste beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der Zöglinge auch auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden.
Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde von Zeit zu Zeit bei den Lehrern Nachfrage gehalten, und diese empfahlen 1772 unter andern guten Schülern auch den Sohn des Hauptmanns Schiller als den vorzüglichsten von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den Antrag, seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf fürstliche Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen zu wollen.
Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen war, verursachte aber in der ganzen Schillerschen Familie die größte Bestürzung, indem es nicht nur den so oft besprochenen Plan aller vereitelte, sondern auch dem Sohn jede Hoffnung raubte, sich als Redner, als Schriftsteller und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu können.
Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt noch kein Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle Vorbereitungsstudien für diesen Stand gemacht hatte, so versuchte der Vater diese Gnade durch eine freimütige Vorstellung abzuwenden, die auch so guten Erfolg hatte, daß der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der Fürst den jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz unvermutet stellte er noch zweimal an den Vater das Begehren, seinen Sohn in die Akademie zu geben, wo ihm die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen Stande möglich wäre.
Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur zu gut, was zu befürchten wäre, wenn dem dreimaligen Verlangen des Herzogs, das man nun als einen Befehl annehmen mußte, nicht Folge geleistet würde, und mit zerrissenem Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.
Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen und konnte sich für das Aufgeben so lange genährter Wünsche nur dadurch einigermaßen für entschädigt halten, daß die weitere Erziehung des Jünglings keine großen Unkosten verursachen und eine besonders gute Anstellung in herzoglichen Diensten ihm einst gewiß sein würde.
Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern beitrug, war die Nähe des Institutes; die Gewißheit, den Sohn und Bruder jeden Sonntag sprechen zu können; dann die große Sorgfalt, welche man für die Gesundheit der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft väterliche Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche die strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.
Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller 1773 das väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen zu werden, und wählte zu seinem Hauptstudium die Rechtswissenschaft, weil von dieser allein eine den Wünschen seiner Eltern entsprechende Versorgung einst zu hoffen war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren konnte, dem Bekenntnis, welches jeder Zögling über seinen Charakter, seine Tugenden und Fehler jährlich aufsetzen mußte, schon das erste Mal die Erklärung beizufügen: »Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«
Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen Wunsch wurde jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium der Rechtswissenschaft mußte fortgesetzt werden und wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von ihm betrieben. Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, weil gar zu viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, seinem Sohne eine so gute Anstellung bei seinem Austritt nicht werden könne, wie er selbst gewünscht hätte. Der junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn dann mit der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«
Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für seine Eltern und Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende Sohn aus Rücksicht für seine Angehörigen die Neigung zu einem Stande aufgeopfert, den ihm die Vorsehung ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er ein zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles Jahr der Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, gegen das er die gleiche Abneigung wie gegen das zuerst erwählte an den Tag legte. Jedoch der beugsame, kindliche Sinn, der ihn auch später in allen Vorfällen seines Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn bestimmt hatte.
Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß er die zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke ganz unnützerweise angeschafft hatte und nun für das neue Fach noch viel größere Ausgaben machen mußte, indem nur den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher von der Akademie verabfolgt wurden.
Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten mußte, war er in seinem sechzehnten Jahre, und so ungern er auch die neue Wissenschaft ergriff, indem er nicht hoffen konnte, sich jemals recht innig mit ihr zu befreunden, so fand er sie doch nach kurzer Zeit um vieles anziehender, als er sich vorgestellt hatte; denn die verschiedenen Teile derselben, so trocken auch ihre Einleitung sein mochte, behandelten doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur und versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse über die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen aufeinander. Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang zum Forschen, zum tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung angefeuert, hier einst Entdeckungen machen zu können, die seinen Vorgängern entschlüpft wären, oder daß es ihm vielleicht gelingen würde, die in so großer Menge zerstreuten Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate zurückzuführen. Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und ungeachtet der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng gehalten werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, um sich mit der Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften zu beschäftigen, welche den Geist, das Gemüt oder den Witz anregen, und vermied solche, bei denen der kalte, überlegende Verstand ganz allein in Anspruch genommen wird. Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl, das noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen eignen Genuß an diesen Werken suchte er auch seiner ältesten Schwester wenigstens in dem Maße zu verschaffen, als es durch briefliche Mitteilung in Erklärung der schönsten und schwersten Stellen möglich war. In seiner jugendlichen Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu dem ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen Gaben so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl öfters die entschiedene Neigung für dichterische oder andere Geisteswerke als eine bloße Belustigung für seine Phantasie betrachten und sich Vorwürfe darüber machen, wenn dadurch so manche Stunde seinem Berufsstudium entzogen wurde. Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu: ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch zugleich ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der Schöpfung schöner und herrlicher als Haller?
»Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,
Und seinen Knochenberg beseelt,«
war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses Dichters nicht nur damals, sondern auch dann noch mit Bewunderung anführte, als seine erste Jugendzeit längst verflogen war.
Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm die Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst, sondern es waren in der Abteilung, in welche er jetzt versetzt war, noch mehrere Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft für Genüsse des Geistes und Gemütes hatten, unter denen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere als Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben. Je erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute ihr Hauptstudium trieben, je gieriger suchten sie Erholung in dichterischen Werken, von denen endlich die von Goethe und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre natürlichen Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen Aufsätzen oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und daß keiner seine Arbeit den anderen verheimlichte; daß jeder mit größter Offenheit getadelt oder gelobt wurde; daß diese Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder verwegenen Dichtungen zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren. Die gleiche Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen durften, die gleiche Subordination, unter die sie ihren Willen beugen mußten, ketteten sie so fest aneinander, daß sie in der Folge sich nie trafen, ohne ihre Freude durch die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu bezeugen.
Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen, die für das Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck auf den jungen Schiller. Jede Handlung im ganzen, jede Szene im einzelnen weckte in ihm eine der schlummernden Kräfte, deren die Natur für diese Dichtungsart so viele in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren, daß er mit einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern. In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in Ludwigsburg Opern gesehen, die der Herzog mit allem Pomp, mit aller Kunst damaliger Zeit aufführen ließ. So neu und wundervoll dem empfänglichen Knaben der schnelle Wechsel prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher Elefanten, Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick von Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanzt wurden – so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer sich versetzen mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne des Auges, des Ohres berührt, aber Gefühl und Gemüt weder angesprochen noch befriedigt. Dagegen waren Julius von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen und, einige Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und Empfindungen so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt bemeisterten, daß er schon in seinem siebzehnten Jahre sich an dramatische Versuche wagte und das später so berühmte Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen anfing. Gaben die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische Poesie schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie für schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und bestärkt, daß er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne, die Tonkunst oder Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange stand. Denn so streng auch in dieser Akademie darauf gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände seines künftigen Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der Zöglinge untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre freien Stunden nicht hätten nach ihrem Willen benützen dürfen, wenn dieser die allgemeine Ordnung nicht störte. Auch war es denjenigen unter ihnen, die Gefallen daran fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke in einem akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten. Schiller konnte dem Drange nicht widerstehen, sich auch als Schauspieler zu versuchen, und übernahm im Clavigo eine Rolle, die er aber so darstellte, daß sein Spiel noch lange nachher sowohl ihm als seinen Freunden reichen Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte.
Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese dichterischen Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen Studien genossen wurden, und daß er manchen Verdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters Vorwürfe von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte.
Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen er Freude zu machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem Stolze, war sein Fleiß aufrichtiger und größer als der seiner Mitschüler. Aber geschah es denn mit seinem Willen, daß ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder überraschten, die mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste Ähnlichkeit hatten! – War es seine Schuld, daß er anatomische Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie sogleich in dem Großen, Allgemeinen der ganzen Natur umherschweifte? Oder konnte er es seiner ihm so treu anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den Kollegien, wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor horchte, ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem Vortrage wegriß und seinen Geist auch den ernstlichsten Vorsätzen entgegen in dichterische Gefilde leitete? – Nichts von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er sich diesen Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe, die immer stärker andrängten, je mehr der Mann sich in ihm entwickelte und seine Vorstellungen sich bereicherten.
Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten Treiben seiner Berufswissenschaft sehr spät das Ziel erreichen würde, welches er sich vorgesetzt hatte, und ob auch seine Lehrer die treffenden Bemerkungen und Antworten von ihm weit höher als den mechanischen Fleiß der andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten genügen können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten Jahre, so lange nichts anderes, als was die Medizin betreffe, zu lesen, zu schreiben oder auch nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche davon ganz zu eigen gemacht hätte. Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete, ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit und studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel unausgesetztem Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum drei Monaten eine Prüfung darüber bestehen konnte, von welcher er die größten Lobsprüche einerntete. Diese außerordentliche Anstrengung, bei welcher er sich auch den kleinsten Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte, hatte zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen aber ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß er nun mit größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben sowohl in ihren verschiedenen Fächern als in der Heilkunde selbst übergehen konnte.
Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe bringen mußte, war eine so lange dauernde Entsagung der Dichtkunst, die bei ihm schon zur Leidenschaft geworden war. Aber er hatte sich von der Geliebten ja nur entfernt! Untreu konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde machen sollte, einmal erobert hatte, kehrte er mit allem Feuer ungestillter Sehnsucht in die Arme der Göttin zurück und benutzte jeden freien Augenblick zur Ausarbeitung seines angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer vielen andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele, die so großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt werden sollen, alle mechanische Kunst des Theaters damaliger Zeit (und man darf sagen, auch der jetzigen) nicht ausgereicht haben würde, um sie gehörig darzustellen.
Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger Mühe, als ihm das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung der vorgeschriebenen Regeln erhöhten sein Interesse schon darum, weil er ihre Wirkung beobachten und Bemerkungen darüber äußern konnte, die von seinen Professoren oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sie ihm erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er mit dem Antritt seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine von ihm selbst geschriebene Abhandlung öffentlich disputieren durfte und für fähig gehalten ward, nicht nur aus der Akademie treten, sondern auch eine ärztliche Anstellung in herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden Grenadierregiment Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher Besoldung von achtzehn Gulden Reichswährung oder fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß.
Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere Auszeichnung verdient hätten und auch die Stelle nebst ihrem kleinen Sold sehr tief unter der Erwartung der Eltern war, die dem gegebenen Versprechen des Herzogs gemäß auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten, so durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder eine Einwendung dagegen gemacht werden.
Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt hätte, war am besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil nun seine Tätigkeit freien Raum hatte und weil ihm der ungehinderte Gebrauch seiner Dichtergabe gestattet schien, die sich von Tag zu Tag stärker entwickelte; denn je mehr ihm der Zwang und die unabänderliche Regelmäßigkeit mißfiel, in welcher er sieben Jahre seiner schönsten Jugendzeit zubringen mußte, um so öfter und leidenschaftlicher beschäftigte er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit genießen wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit, sowohl ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung, sich ihre Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen. Die letzteren betrafen jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände, die so tätig ins Werk gesetzt wurden, daß Schiller sogleich nach dem Antritt seines Amtes das Schauspiel, die Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines akademischen Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachte und solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab.
Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen, den diese Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule und, wie man wußte, eines Lieblings des Herzogs in dem ruhigen, harmlosen Stuttgart hervorbrachte, wo man nur mit den frommen, sanften Schriften eines Gellert, Hagedorn, Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk, Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte; wo man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von Wieland als das Äußerste anerkannte, was die Poesie in sittlichen Schilderungen sich erlauben darf – wo man Ugolino für das schauderhafteste und Götz von Berlichingen für das ausschweifendste Produkt erklärte; – wo Shakespeare kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die Leiden Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise von Memel nach Sachsen das höchste Interesse der Leseliebhaber erregt hatten. Nur derjenige, der die genannten Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck, den sie einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung lebhaft genug vorstellen, welche diese – in Rücksicht ihrer Fehler sowohl als ihrer Schönheiten – außerordentliche Dichtung hervorbrachte. Die jüngere Welt besonders wurde durch die blendende Darstellung, durch die natürliche, ergreifende Schilderung der Leidenschaften in die höchste Begeisterung versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste äußerte.
Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland beschränkt. Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung und Erstaunen, daß ein Jüngling seine Laufbahn mit einem Werk eröffne, womit andere sich glücklich preisen würden, die ihrige beschließen zu können.
Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem Ehrgeize waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Grade berauschen, daß er geglaubt hätte, schon vieles oder gar alles erreicht zu haben, sondern waren eher ein Sporn für ihn, noch Größeres zu leisten.
Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe einer Sammlung Gedichte, die teils von ihm selbst, teils von seinen Freunden schon in der Akademie bearbeitet worden waren, und ließ solche unter dem Titel Anthologie 1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor Balthasar Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische Magazin sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft mit seinen Freunden die erlöschende Monatschrift als ein Repertorium für Literatur fortzusetzen; was um so leichter zustande kam, je größer der Vorrat war, den sie schon früher gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem Übermut verfaßte er für diese Schrift in der Folge eine Rezension seiner Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht begreifen konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit so streng zu tadeln, deren Glanz die meisten Leser verblendet und auch den größten Kennern Achtung abgenötigt hatte. Der über diese Beurteilung häufig geäußerte Tadel gewährte aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand – außer einigen Freunden, die darum wußten – vermutete, daß der Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen.
Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte Sehnsucht befriedigten, und bei welchen sich Schiller ganz in seinem Element befand, hätten ihm wenig zu wünschen übrig gelassen, wenn dadurch seine körperlichen Bedürfnisse ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen wären. Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner in Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen Leute war, die nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten. Es ließ sich schon für die Räuber kein Verleger finden, der die Ausgabe auf seine Kosten wagen, noch minder aber etwas dafür honorieren wollte, daher der Dichter genötigt war, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu borgen.
Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner Auslagen gelangen könne, und um sein Werk auch im Ausland bekannt zu machen, schrieb er, noch ehe der Druck ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und Buchhändler Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten Ruf bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen zu, welche er, mit Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt.
Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser aufmerksam machten, oder ob er selbst darüber erschrak, wie grell und widerlich sich manches dem Auge darstelle, nachdem es nun gedruckt vor ihm lag – genug, in den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine neue mit gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt.
Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler wird, wenn er nicht mit andern seines Faches, die höher als er, oder doch mit ihm auf gleicher Stufe stehen, Umgang haben und seine Ideen austauschen kann; wer zugibt, daß bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten Jünglingsjahren nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen, Verstand und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der wird die stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher entschuldigen, als der Dichter nicht in der Lage war, einen in der Literatur bedeutenden Mann zum Vertrauten zu haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich bezeugte, mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden gesucht.
So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich zu werden suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem damaligen Intendanten des Mannheimer Theaters, Baron von Dalberg, damit dieses Stück für die Bühne brauchbar gemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge forderte Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten für die Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten. Schiller willigte um so lieber in diesen Vorschlag, je entfernter der Zeitpunkt war, in welchem eine seiner Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte aufgeführt werden können, indem die Leistungen desselben bloß als Versuche von Anfängern gelten konnten.
Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches Theater in der Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst vom Schauspiel kannte, waren die Opern und Ballette, welche früher, ganz auf herzogliche Kosten, von Italienern und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren, von den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie, gleichfalls in italienischer und französischer Sprache gegeben wurden. In Mitte der siebziger Jahre kam Schikaneder nach Stuttgart; durfte aber keine Vorstellung im Opernhause geben, sondern mußte seine Operetten, Lust- und Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge der Akademie mehr herangewachsen, und man sie – da sie doch einmal für das Schauspiel bestimmt waren – in Übung erhalten wollte, gaben sie so lange, bis ein neues Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche Operetten in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein sehr mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere Theater fertig stand, wurden anfänglich nichts als kleine, deutsche Opern aufgeführt; was um so natürlicher war, da sich unter allen, welche sich dem Theater gewidmet hatten, nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes Talent sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte.
Diese war – Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur. Wäre ihm damals das Glück geworden in einer andern Umgebung zu sein, gute Vorbilder und Beispiele zu sehen, so hätte er einer der besten Schauspieler Deutschlands werden können, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten dieser Kunst zugleich genannt worden.
Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem Ideale stand, das Schillern von einem guten, besonders aber tragischen Schauspiel vorschwebte, um so lebhafter ergriff er den Vorschlag, sein Stück für eine Bühne zu bearbeiten, die nicht nur einen sehr großen Ruf hatte, sondern sich auch um so mehr als die erste in Deutschland achten durfte, da fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof gebildet waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung zur Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner Wünsche war, nur immer hervorbringen können, ging Schiller an die Umarbeitung seines Trauerspiels, die er sich weniger schwer dachte, als er in der Folge fand. Denn wäre es ihm auch leicht geworden, seinen hohen, dichterischen Flug den Schranken der Bühne und den Forderungen des Publikums gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine Freunde sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine Berufsgeschäfte den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie die nötige Stimmung, die eine solche Arbeit erfordert. Seinem ganzen Wesen, das nicht den mindesten Zwang ertragen konnte, war das immerwährende Einerlei der Lazarettbesuche und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die Kranken abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische Uniform, aus einem blauen Rock mit schwarzem Samtkragen, weißen Beinkleidern, steifem Hut und einem Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein Abzeichen an, das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle. Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen und seine nur eine Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern und Geschwister besuchen durfte. In seiner schönsten Jugendzeit mußte er diesen Umgang meistens nur auf schriftliche Unterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei glauben durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten zu müssen.
Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als Regimentsarzt getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner Neigung zur Theologie entsagen mußte, auf das von dem Herzog gegebene Versprechen fest baute, daß er ihn für die gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art schadlos halten würde.
Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb nur der Trost, den er in seinen dichterischen Beschäftigungen fand, und nebenbei die Aussicht, sich dadurch im Auslande bekannt und seinen Wirkungskreis bedeutender zu machen. Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht allein wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der hohen Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte, und war überglücklich, als er von diesem großen Mann eine Antwort erhielt, die nicht nur das Ungewöhnliche und Seltene der frühzeitigen Leistungen Schillers in vollem Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr geistreich und schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die an allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil nahmen, war es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen; sowohl die schöne, reine Schrift als die fließende Schreibart zu bewundern und sich über dessen Inhalt zu besprechen. Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der Musarion auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die Sprache der Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen werde.
Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem Drange, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft verwirklicht zu sehen, stärkten den Mut des jungen Dichters und erhoben ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm seine Lage täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber, die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe des Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet, ihn bei guter Laune für seine Arbeit zu erhalten, und man darf sich daher auch nicht wundern, daß er zur Umschmelzung seines Schauspiels so viele Monate brauchte, als es bei minderer Störung Wochen bedurft hätte.
Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch sein ganzes Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich wie von der schwersten Last erleichtert, als er sein Manuskript für fertig halten und nach Mannheim absenden konnte. Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher zu machen, sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die Umarbeitung begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier einzurücken, indem es zur Bestätigung des Obigen dient, und zugleich den Beweis liefert, wie streng und mit wie wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr. Selten wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles für so wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als es hier von einem zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen ist.
Stuttgart, den 6. Oktober 1781.
»Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin, den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit der getroffenen Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch, daß eine Ruhrepidemie in meinem Regimentslazarett mich von meinem otiis poeticis sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf ich Sie versichern, daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes und gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja selbst ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit nochmals unterziehen. – Hier mußte ich Fehlern abhelfen, die in der Grundlage des Stückes schon notwendig wurzeln, hier mußte ich an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen Konventionen aufopfern, und einem so durchdringenden Kenner, wie ich in Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein können, daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine Idee, eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit gibt. Eine Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der auf diesen Handlungen ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung. Also Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter sich in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe haben, vier oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen gegen die Delikatesse des Schauplatzes anzurennen. Als ich es anfangs dachte und den Plan bei mir entwarf, dacht' ich mir die theatralische Darstellung hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß sie den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer, der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will, ermüden und verdrießen muß. In der veränderten Auflage konnte ich diesen Grundriß nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende Strom der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüberreißt, und ihn also wenigstens um den dritten Teil des ganzen Charakters bringt. Der Räuber Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte, seinen Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die aber auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen, weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben. Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichsten Verstande Menschen für den Schauplatz; weniger Amalie und der Vater.
Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als ich leisten konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, zumal wenn er selbst noch Verbesserer wird, zeigt sich das non plus ultra vollkommen. Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu, und meiner Meinung nach, das ganze Stück wert – – – – – – – – –
Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der Weg dazu ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften Akt, ist meines Wissens auf keinem Schauplatz erlebt, ebensowenig als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten. Die Katastrophe des Stücks deucht mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt seine Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen ist. Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es in der Willkür des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider protestiere ich höflich, daß beim Drucken etwas hinweggelassen wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen ließ, und soweit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht, daß ich Lücken lasse und Charaktere der Menschheit für die Bequemlichkeit der Spieler verstümmle.« – – – – – – – – –
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Fr. Schiller, R. Medicus.
Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, wenn auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe des Freiherrn von Dalberg widerlegen sollten, hier angeführt würden. Nur so viel sei noch hierüber gesagt, daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter Karl Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich zur ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben betrachtete, sein Gegner davon nicht abzubringen war, daß Amalie sich selbst mit dem Dolch erstechen müsse. Der andere Punkt, die Räuber in die Zeiten Maximilians des Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung spielen zu lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen Eintrag, indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen zwischen der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, und damals nur äußerst wenige der Kritik, sondern nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene bei ihnen zurücklassen sollte, das Schauspiel besuchten.
Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim entgegensah, und in welcher Spannung er die Zeit zubrachte, welche zu den Vorbereitungen, den Proben erforderlich war, mag wohl nur der am richtigsten beurteilen, der als Dichter oder Tonkünstler sich zum erstenmal in gleichem Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem der folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im höchsten Grad begierig, und von Herrn Böck, der ihn ja vorstellen soll, höre ich nichts als Gutes. Ich freue mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner: »Ich glaube meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und im ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«
Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte Tag heran, wo er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs die Räuber benennen wollte, in der Mitte Januars 1782 auf dem Theater in Mannheim darstellen sah. Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und zu Wagen herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das eine außerordentliche Publizität erlangt hatte, von Künstlern aufführen zu sehen, die auch unbedeutende Rollen mit täuschender Wahrheit gaben und nun hier um so stärker wirken konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die Ausdrücke, je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren, welche dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum des Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu teil wurde, eine Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags um ein Uhr zu suchen und geduldig zu warten, bis um fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte. Um die Veränderung der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte man aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach zehn Uhr dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung nicht, die man im Lesen davon erwartete; aber die letzten drei enthielten alles, um auch die gespanntesten Forderungen zu befriedigen.
Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals hatte, wendeten alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, um die Dichtung auf das vollkommenste und lebendigste darzustellen. Böck als Karl Moor war vortrefflich, was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte anfangs, bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, auch diese vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts zu wünschen übrig; so wie auch Kosinsky durch die passende Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann. Durch die Art aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur durchgedacht, sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß sie mit seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über alle hinaus und brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung hervor, indem keine seiner Rollen, welche er früher und dann auch später gab, ihm die Gelegenheit verschaffen konnte, das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu erschüttern, wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war. Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, in welcher er seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, mit aller Seelenangst die Worte ausrief: »Richtet einer über den Sternen? Nein! Nein!« und bei dem zitternd und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten Worte: Ja! Ja! – die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches Gesicht erleuchtete – zusammensank. Damals war Iffland 26 Jahre alt, von Körper sehr schmächtig, im Gesicht etwas blaß und mager. Dieser Jugend ungeachtet, war sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen so durchgeführt, daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge, das ihn sah, zurückließ.
Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den Dichter derselben hervorbrachte, davon haben wir noch ein Zeugnis in dem Brief an Baron Dalberg vom 17. Jänner 1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von der vorigen Woche zählen etc.«
Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, bezeugte er in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses einzige gestehe ich, daß die Rolle Franzens, die ich als die schwerste erkenne, als solche über meine Erwartung (welche nicht gering war) vortrefflich gelang.« Schiller hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen, aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten daher auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb für diesmal verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der Abreise sein ganzes Wesen beseelt hatte, war nach seiner Rückkehr fast ganz verschwunden; denn so heftig er die Stunden des schöpferischen Genusses herbei gewünscht hatte, so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen Ordnung fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch der Kenner, der stürmische Beifall des Publikums, sondern hauptsächlich sein eignes Urteil die Überzeugung verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders aber zum Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. Jede Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, machte ihn mißmutig, und er achtete die Zeit, die er darauf verwenden mußte, als verschwendet. Es bedurfte wirklich auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt sich wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als er etwas ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft sogleich wieder über neuen Sujets, die als Schauspiele bearbeitet werden könnten.
Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen wurden, blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung des Fiesco zu Genua diejenigen, welche ihm am meisten zusagten. Endlich wählte er letzteres, und zwar nicht allein wegen des Ausspruchs von J. J. Rousseau, daß der Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei, welche die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der meisten und wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald sein Entschluß hierüber fest stand, machte er sich mit allem, was auf Italien, die damalige Zeit sowie auf den Ort, wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte, mit größter Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den Plan im Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den Inhalt der Akte und Auftritte in derselben Ordnung, wie sie folgen sollten, aber so kurz und trocken nieder, als ob es eine Anleitung für den Kulissendirektor werden sollte. Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen Auftritte und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung ihm aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit und warmer Teilnahme er die Überzeugung hatte, um so mehr unentbehrlich war, da er auch bei seinen kleinern Gedichten es sehr liebte solche vorzulesen, um das dichterische Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken und Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.
Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen Jüngling für alles schadlos hielten, was er an Freiheit oder sonstigem Lebensgenuß entbehren mußte, wurden aber auf eine sehr niederschlagende Art durch etwas gestört, was wohl als die erste Veranlassung zu dem unregelmäßigen Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen werden kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten Ausgaben der Räuber, in der dritten Szene des zweiten Aktes, befindet sich eine Rede des Spiegelberg, welche einen Bezug auf Graubünden hat, und die einen Bündner so sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich wäre diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, wenn nicht die Zeitung als eine Anklage gegen Schiller dem Herzog vor Augen gelegt worden wäre. Dieser war um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht, indem derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Zöglinge seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit gepflegten Akademie war. Er erließ daher an Schiller sogleich die Weisung, sich zu verteidigen, sowie den Befehl, alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es nicht medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit dem Ausland zu enthalten.
Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige Rede nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern als einen unbedeutenden Ausdruck einem Räuber, und zwar dem schlechtesten von allen, in den Mund gelegt. Auch habe er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die er von früher Jugend an gehört.
War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, das er auf eine so zufällige und ganz unschuldige Art sich zugezogen, schon im höchsten Grad unangenehm für Schiller, so mußte der harte Befehl – sich bloß auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte, einschränken zu sollen – noch schmerzlicher für ihn sein, indem es ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung hatte, zu unterdrücken und sich in einer Wissenschaft auszuzeichnen, die er nur aus Furcht vor der Ungnade des Herzogs ergriffen und der er seine Lieblingsneigung, den ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert hatte. Durch das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Umstände abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten Sorgen, die härtesten Entsagungen hätten es nicht bewirken können, mit einer so geringen Besoldung auszureichen. Das Versprechen, welches der Herzog bei der Aufnahme Schillers in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so wenig erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum demjenigen eines Pfarrvikars gleich kam und durch den Aufwand für Equipierung, für standesmäßiges Erscheinen beinahe auf nichts herab gebracht wurde.
Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen Geist und Glieder erschlafft, hebt den Mut der Starken, der Kraftvollen nur um so höher. Noch in den Jünglingsjahren bewährte sich jetzt Schiller als einen Mann, der sich durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen läßt, sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto eifriger an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel zur Sprengung seines Gefängnisses betrachtete und in dessen Ausarbeitung er all das Wilde, Rohe, was ihm bei den Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden suchte.
Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten wurde durch die Dissertation veranlaßt, welche er in diesem Frühjahr einreichen mußte, um auf der hohen Karlsschule (welchen Titel nun die ehemalige Militärakademie erhalten hatte) den Grad eines Doktors der Medizin zu erhalten. Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, welche er erziehen lassen, vor den Augen der Welt sich als der Anstalt vollkommen würdig zeigen sollten. Auch war Schiller, was seine Studien betraf, einer der hervorstechendsten Zöglinge in der Akademie, weswegen er nicht nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, wie schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet wurde.
Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem Zögling unangenehm gewesen sein, wenn der junge Arzt bloß darum, weil er den Doktorhut nicht genommen, von den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder weniger Achtung erfahren hätte.
Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad gleichgültig war, äußerte er oft und stark genug gegen seine Freunde, und wer daran noch zweifeln könnte, findet seine unverhohlene Äußerung hierüber in dem Brief an Baron Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu diesem Ende muß ich eine medizinische Dissertation schreiben, und in das Gebiet meiner Handwerkswissenschaft noch einmal zurückstreifen. Freilich werde ich von dem milden Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung in den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen müssen; allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse um so feuriger, je länger ich von ihr geschieden war; vielleicht finde ich dann im Schoß der schönen Kunst eine süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«
(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, so möge er sich erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die Teilung der Erde« nur der Dichter ausschließend ist, zu welchem Jupiter sagt:
Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
So oft du kommst, er soll dir offen sein.)
Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft mit demselben Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das erste Mal gegeben, und es war nichts natürlicher, als daß der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses Stücks sowie von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach Stuttgart gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff zum Sprechen gab. Man darf sich daher auch nicht wundern, daß Schiller den öftern Wünschen und dringenden Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine kurze Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit, ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim zu gehen und daselbst im Wiedersehen seines Schauspiels seinen eignen Genuß durch das Mitgefühl seiner Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu gern ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der Räuber auf einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm auch von der Intendanz sehr leicht gewährt wurde. Aber bei der Anschauung dessen, was er mit seinen ersten, jugendlichen Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke unabweislich, wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, wenn diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, sondern freien, ungemessenen Spielraum erhalten könnten. Eine Idee, die durch seine enthusiastischen Begleiter um so mehr angefeuert und unterhalten wurde, je tiefer die Eindrücke waren, welche die erschütternden Szenen bei ihnen zurückgelassen hatten.
Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige Sorge, daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die zweite nahm er schon außer dieser Sorge das beschränkende Verbot mit, seine dichterischen Arbeiten bekannt zu machen, nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland als für ihn gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart zurück, ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis als leidend durch die Krankheit, welche er mitbrachte. (Diese Krankheit, welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich heftigen Schnupfen und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser dieses, als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte.)
Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, dem er völlig vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem Widerwillen er sich Stuttgart genähert habe – wie ihm hier nun alles doppelt lästig und peinlich sein müsse, indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme erfahren, wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter Druck und Verboten leben könne – daß ihm nicht nur von seinen Bewunderern, sondern von Baron Dalberg selbst die Hoffnung gemacht worden, ihn ganz nach Mannheim ziehen zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles mögliche angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien. Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle er anders hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten Schritt tun müssen. Er nahm sich vor, sowie er nur den Kopf wieder beisammen habe, sogleich nach Mannheim zu schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine Erlösung bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß Baron Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig aufgehoben, und daß sie durch den Druck bekannt geworden sind, indem sonst manches, was jetzt und in der Folge vorkommt, als Anschuldigung oder bloße Meinung erklärt, und unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne, als es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief ist der erste Beleg hierzu.
Stuttgart, den 4. Junius 1782.
»Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in vollen Zügen genoß, seit meiner Hieherkunft durch die epidemische Krankheit gebüßt, welche mich zu meinem unaussprechlichen Verdruß bis heute gänzlich unfähig gemacht hat, E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit meine wärmste Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe die glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann bald niemand sein als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation, vielleicht auch Selbstgefühl genug für das Verdienst eines bessern Schicksals, und für beides nur – eine Aussicht.
Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid und Menschenliebe es auffordern; ich weiß wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber es war diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich das Glück hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist, mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden.
Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu erwarten?
E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig fühlen; wenn Eure Exzellenz diese drei Ideen goutieren und in einem Schreiben an den Herzog Gebrauch davon machen, so stehe ich ziemlich für den Erfolg.
Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die Bitte, die Seele dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in das Innere meines Gemütes sehen, welche Empfindungen es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen meiner Lage sich sträubt – Sie würden – ja ich weiß gewiß – Sie würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei Briefe an den Herzog geschehen kann.
Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche nichts anderes, als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden Eifer und mit einer persönlichen Dienstleistung die Verehrung bekräftigen zu können, mit welcher ich mich und alles, was ich bin, für Sie aufzuopfern wünsche.
E. E.
untertäniger Schiller.«
Beilage.
»Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren, als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen vielleicht folgende Ideen dienen.
1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch Erledigung einer Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will, mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben, einfließen ließen, daß – Sie mich für eine Geburt von ihm, für einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der Passepartout beim Herzog.
2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte. So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich selbst nicht mehr anmahne.
3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.«
Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen könnte, wäre nicht imstande, die traurigen Empfindungen des armen Jünglings über seine beklemmende Lage stärker und wahrer zu schildern, als er es selbst in diesem Briefe getan.
Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch Aufmunterung von Leuten getan, die ihre Gewährung für sehr leicht und unfehlbar hielten, erhellt aus der Stelle: »ich weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch besiegelte, ewig fühlen etc.« beweist auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst ihm das Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.
Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten sind, waren ganz auf die genaue Kenntnis vom Charakter des Herzogs berechnet, indem er einen sehr verzeihlichen Stolz darein setzte, daß durch seine Fürsorge und Leitung schon so viele talentvolle Jünglinge aus seiner Akademie hervorgegangen, und er auch ein sehr großer Liebhaber des Theaters, so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen Zöglingen gute Dichter fanden, weil alle Jahre am Geburtsfeste der Gräfin von Hohenheim (später Gemahlin des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer Feierlichkeit und dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen sowohl das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt waren.
Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft väterliche Sorge, welche der Herzog für das Wohl derer hatte, die er erziehen ließ, als alles, was man dafür anführen könnte, und es läßt sich nicht im geringsten zweifeln, daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten Bedingungen versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart nach Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand – gewiß aber mit der Anempfehlung, für Schiller alle Sorge zu tragen – das Gesuch bewilligt haben würde.
Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er nun bald aus seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. Als aber nach Verlauf mehrerer Wochen nichts geschah, war es ihm um so schmerzlicher, seine dringende, flehende Bitte umsonst getan zu haben und sich ohne alle äußere Hilfe zu sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht sinken, sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand vergessen zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters hatten nicht vergessen, daß sie in seiner Gesellschaft zu Mannheim die Räuber hatten aufführen sehen, und konnten dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses Trauerspiels sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch andern nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des Geheimnisses erfuhr es die halbe Stadt, erfuhr es auch der General Augé und endlich – der Herzog selbst. Dieser wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit seines ehemaligen Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst vernachlässigt habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm die strengsten Verweise darüber, daß er sich dem ausdrücklichen Verbote zuwider aufs neue mit dem Auslande eingelassen und befahl ihm, augenblicklich auf die Hauptwache zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage im Arrest zu bleiben.
Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des herzoglichen Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß und nichts weniger als zu streng war, so wurde Schiller davon dennoch in seinem Innersten verwundet, und zwar nicht darum, weil ihm solche zu hart schien, sondern weil er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich nichts anderes als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene Arbeit verrichten müsse.
In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden nicht anders als im höchste Grade traurig und verzweifelt beurteilt werden, weil an eine Milderung oder Zurücknahme der Befehle des Herzogs um so weniger zu denken war, je mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und je seltener die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder erfinden mochte, war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche Machtspruch allem ein unübersteigliches Hindernis entgegensetzte.
Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen außerordentlichen Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich ganz der Arzneikunde zu widmen, so hätte es mehrere Jahre bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der ihn von dem Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte er es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber alle Entbehrungen, alle Strafen sich hätte gefallen lassen, wenn ihm nur die Erlaubnis geblieben wäre, den Reichtum seines Geistes in der Welt auszubreiten, und sich denjenigen anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt nur in Bewunderung und Verehrung genannt wird.
So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer menschenleeren Wüste bringen, so wenig konnte ihm die köstlichste Gabe des Himmels nützen, wenn er sie nicht gebrauchen durfte, wenn er bei ihrer Anwendung Strafe befürchten mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur zur Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er dachte, was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es ihm die schmerzlichste Überwindung gekostet haben würde, Ideen dieser Art abzuwehren.
Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm über sein erstes Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut, die schmeichelhaften Zuschriften eines Wielands und anderer, die Lobeserhebungen derjenigen, von deren gesundem Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, und er hätte lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein eigentliches ganzes Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen, oder den Lorbeerkranz des Dichters den Beschäftigungen des Arztes aufzuopfern.
Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt, daß ihm durch dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten Untertans – von seinen Naturgaben freien Gebrauch machen zu können, wenn er sie nicht zum Nachteil des Staates oder der Gesetze desselben anwende – jetzt gänzlich benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre, dieses Recht aus Mißbrauch verwirkt zu haben.
Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch strengen Verhaft gebüßt; was über diesen noch gegen ihn verhängt worden, hielt er für eine zu harte Strafe.
Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben, wenn nicht sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden, er selbst nicht auf Kosten des Fürsten in der Akademie nicht nur erzogen, sondern auch mit vorzüglicher Güte und Auszeichnung behandelt worden wäre, so daß voraus zu schließen war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf der größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht erfolgen. Um jedoch nichts unversucht zu lassen, was seine Entfernung von Stuttgart auf dem der Ordnung gemäßen Wege bewirken könnte, schrieb er noch einmal an Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung bei dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses einzige kann ich Ihnen für ganz gewiß sagen, daß in etlichen Monaten, wenn ich in dieser Zeit nicht das Glück habe zu Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist, daß ich jemals bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in Mannheim zu bleiben.«
Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg um so leichter für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische und württembergische Hof im besten Vernehmen standen, auch der Herzog schon einigemal den italienischen Hofpoeten von Mannheim hatte kommen lassen, um bei Aufführung der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten, daß das Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung mit dem Ausland betraf, größtenteils daher kam, weil bei Aufführung der Räuber das deutsche Theater in Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen, ohne Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne zuerst gegeben worden war.
Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte der bedrängte Dichter um so zuverlässiger einen günstigen Erfolg seiner Bitten erwarten, indem der Rang den Baron Dalberg als Geheimrat, Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident und Theaterintendant Sr. kurfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog Rücksichten auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht stattfinden konnten.
Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen hin, indem er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser das gegebene Versprechen erfüllen würde, je deutlicher ihm zu verstehen gegeben worden, daß das Äußerste werde geschehen müssen, wenn keine Vermittlung eintrete. Als aber nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah und er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe am leichtesten, der gute Erfolg am gewissesten schien, kein Beistand zu erwarten sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer Sinn in finstere, trübe Laune; was ihn sonst auf das lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und gleichgültig; selbst seine Jugendfreunde, die sonst immer auf den herzlichsten Willkomm rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr weniger beinahe zuwider.
Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam weiter rücken. Auch war es leicht vorauszusehen, daß, wenn dieser Zustand noch lange oder gar für immer hätte dauern sollen, er nicht nur für jede Geistesbeschäftigung verloren sein, sondern auch seine Gesundheit, die ohnedies nicht sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst hielt sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen Zustand in Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern oder aber sein Schicksal ganz durchreißen und ihm eine andere, bessere Gestalt geben müsse. Da er es nicht wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen den erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar Strafen befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, noch einmal heimlich nach Mannheim zu reisen, von dort aus an den Herzog zu schreiben, ihm darzulegen, daß durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz zernichtet sei und ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte. Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte er auch nicht mehr nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte die Hoffnung, daß er dann um so leichter in Mannheim als Theaterdichter angestellt werden könnte, je zuversichtlicher ihm dort von vielen versichert worden, daß ein solcher Dichter wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes heben würde.
Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig zu finden, ist es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis aufmerksam zu machen, in welchem Schiller zu seinem Fürsten stand.
Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde alles, was die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und Baumzucht betraf, untergeben war, führte dies so sehr zur Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte dessen Willen, noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten, daß er seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine Hochachtung erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser Achtung, daß der Sohn in der Akademie mit besonderer Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum Teil waren es aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen, welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen Erzieher aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und Zuneigung erwarben. Es war diesem geistvollen Fürsten, der Scharfsinn und das Talent, was er im hohen Grad selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit weniger darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus zu bilden, was ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. Er ließ sich daher mit ihnen in Einzelheiten ein, die einem gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder überflüssig scheinen würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als durch sein Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß die Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm – dem Herzog – ihre Fehler bekannten als den vorgesetzten Offizieren.
Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging nie ein Tag, an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, um sich von dem Fleiße der Lehrer und den Fortschritten der Schüler zu überzeugen. Und als die Akademie nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben entfernt halten konnten. Auch das freundliche Benehmen der Gräfin von Hohenheim, welche sich an der Unbefangenheit der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit kleinen Geschenken beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng scheinende Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß darum in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende Blicke oder Worte dieser wohlwollenden, nichts als Güte und Teilnahme atmenden Frau, entweder ganz erlassen, oder doch gemindert werden zu können.
Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben, von Knaben zu Jünglingen herangewachsen, von seinen durchdringenden Augen oft getadelt oder mit Beifall belohnt, konnten sich die jungen Leute, nachdem sie der akademischen Aufsicht entlassen waren, ihr Dienstverhältnis unmöglich so scharf denken als andere, die mit der Person des Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt waren.
Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, wie Schiller auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten so fest sich verlassen konnte, daß er zu dem Glauben verleitet ward, der Herzog werde ihm seine Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere Huld erinnere und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.
Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich in einen unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand nur noch die Frage, auf welche Art und in welcher Zeit die heimliche Reise am besten auszuführen sein würde; denn die harten Verweise des Herzogs, der darauf folgende strenge Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß er sich in allen seinen Handlungen beobachtet halten konnte und die schärfste Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht gegen sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen konnte, so wenig konnte er sich seinen Schulfreunden anvertrauen, weil es eben so unnütz als gefährlich gewesen wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem keiner von ihnen – was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen Reise, betraf – die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art seine Pläne befördern konnte.
In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit nur einem einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit ihm in der Akademie erzogen worden und auch zwei Jahre weniger als er zählte; durch dessen Bekanntschaft er aber seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt hatte, daß er hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne, die an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen Edlen erzeugt wird, deren Gemüt und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als Verehrung und Hochachtung verdienen.
Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, den wir mit S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie er zu dem genauen Umgang mit dem herrlichen Jüngling gelangte, so viel erwähnt werde, als des Folgenden wegen unumgänglich nötig ist.
Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, die – wie eingangs erwähnt worden – alljährlich in der Akademie in Gegenwart des Herzogs daselbst gehalten wurden und welche S. als ein angehender Tonkünstler um so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag eine vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser war bei einer medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen Disputation gegen einen Professor Opponent, und obwohl S. dessen Namen so wenig als seine übrigen Eigenschaften kannte, so machten doch die rötlichen Haare – die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen, wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während dem Sprechen, besonders aber die schön geformte Nase und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling unverwandt ins Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so tief ein, daß, wenn er Zeichner wäre, er noch heute – nach achtundvierzig Jahren – diese ganze Szene auf das lebendigste darstellen könnte.
Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal folgte, um Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es wieder derselbe Jüngling, mit welchem der Herzog auf das gnädigste sich unterhielt, den Arm auf dessen Stuhl lehnte und in dieser Stellung sehr lange mit ihm sprach. Schiller behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde opponierte.
Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen waren und besonders auf die junge Welt einen ungewöhnlichen Eindruck machten, ersuchte S. einen musikalischen, in der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem Verfasser bekannt zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. hatte die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels denselben Jüngling zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen so tiefen Eindruck bei ihm zurückgelassen hatte.
Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben ein Bild seiner Person, Haltung, Stimme, seiner Sprache vormalt, so konnte es wohl nicht anders sein, als daß man sich in dem Verfasser der Räuber einen heftigen jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon den tiefempfindenden Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten der Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit ausschweifen müsse.
Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung zerstreut!
Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem Kommenden freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede wurde nur ablehnend, mit der einnehmendsten Bescheidenheit erwidert. Im Gespräche nicht ein Wort, welches das zarteste Gefühl hätte beleidigen können.
Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und Dichtkunst betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend und doch im höchsten Grade natürlich.
Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, aber dennoch voll Schonung und nie ohne Beweise.
Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, mußte man seinem Maßstabe beistimmen, den er an alles legte und vor dem vieles, was bisher so groß schien, ins Kleine zusammenschrumpfte und manches, was als gewöhnlich beurteilt war, nun bedeutend wurde.
Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des Gespräches in hohe Röte überging – die kranken Augen – die kunstlos zurückgelegten Haare, der blendend weiße, entblößte Hals gaben dem Dichter eine Bedeutung, die ebenso vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der Gesellschaft abstach, als seine Aussprüche über ihre Reden erhaben waren.
Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die verschiedenen Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen wußte, daß eine aus der andern sich zu entwickeln schien, und trug wohl am meisten dazu bei, daß man den Zeiger der Uhr der Eile beschuldigte und die Möglichkeit des schnellen Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.
Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, die nirgends etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ – Gespräche, welche den Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, die jede Empfindung veredelten, jeden Gedanken verschönerten – Gesinnungen, die nichts als die reinste Güte ohne alle Schwäche verrieten – mußten von einem jungen Künstler, der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die ganze Seele gewinnen und der Bewunderung, die er schon früher für den Dichter hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit für den Menschen beigesellen.
Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht unzufrieden; denn freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm zu kommen, als er nur immer wolle. Diese Einladung wurde von S. so emsig benützt, daß während eines Jahres selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen oder auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte sich zwischen beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und von dem die natürliche Folge war, daß die Verhältnisse Schillers sowie seine wahrhaft unglückliche Lage der unerschöpfliche Gegenstand ihrer Gespräche wurden. Auch schien beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden zu schreiben, um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten Dieners seines Fürsten hätte zuziehen können, und er die zwei unerlaubten Ausflüge durch den ausgestandenen Arrest schon genug gebüßt zu haben glaubte. Außer S. machte Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem Vorsatze bekannt, und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen nicht erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden könne, den er, um sich von gänzlichem Verderben zu retten, unternehmen werde.
Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen wäre und der die nötigen Anstalten dazu erleichtern könne, war schon in seinem Freunde S. vorhanden, der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg antreten wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste Unterstützung versprochen hatten, und der es nun bei seiner Mutter dahin zu bringen wußte, diese Reise jetzt schon machen zu dürfen.
Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes Geheimnis bleiben, damit er im schlimmsten Fall als Offizier sein Ehrenwort geben könne, von dem Vorhaben des Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne Grundsatz des Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler der Eltern oder die Eltern wegen Vergehen der Kinder etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon zu viele Beweise von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen können. Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden Freunden mit der Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter so ganz natürlich ist, überlegt war, als für mögliche, künftige Hindernisse, ihre Einbildungskraft sogleich Mittel wußte, um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb der Entschluß Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen Teilen zu verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, die er bis jetzt nur dem Namen nach kannte. Nun aber mußte er sich mit Anspannung aller Kräfte der Dichtung seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher ausgeführt werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er bisher – da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen konnte – außer dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke niedergeschrieben hatte. Die Gewißheit, was er tun wolle und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun müsse, belebte seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte zurück, und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, die nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, indem er bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart aber nur insofern beachtete, als er ihr nicht ausweichen durfte.
Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung für ihn, seinem jungen Freund einen Monolog oder einige Szenen, die er in der vorigen Nacht ausgearbeitet, vorlesen und sich über Abänderungen oder die weitere Ausführung besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine von Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um wie viel er schon weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, sein Trauerspiel weit früher als er anfangs dachte, beendigt zu haben. Je geräuschvoller die Außenwelt war, um so mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er an allem dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte, nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu Anfang des Monats August wurden nicht nur in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg, auf der Solitüde etc., sondern auch in der ganzen Umgegend die größten Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von Rußland (nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin gemacht. Die Einwohner Württembergs waren stolz darauf, in der künftigen Kaiserin aller Reußen eine Nichte ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen Eltern hervorrief, die jedem württembergischen Herzen um so tiefer eingegraben blieben, als sie solche aus Scheu vor ihrem Regenten nicht zu zeigen wagen durften, und auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es zweifelhaft ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.
In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen Reisenden zu Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher die meisten benachbarten Fürsten und eine außerordentliche Menge Fremder vorausgeeilt waren, um den Festlichkeiten, welche für die allerhöchsten Gäste bereitet wurden, beiwohnen und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den Geschmack, mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu können. Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten Marställe sowie die dazu gehörigen Equipagen, boten Gelegenheit zu Auffahrten, die man damals wohl schwerlich irgendwo anders mit so großem Aufwand und so vielem Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren des Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend Hirschen in einen nahe bei der Solitüde liegenden Wald zusammengetrieben hatte, die von einer Menge Bauern am Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch eine enge Kette von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht konnte dem Großfürsten in einem andern Staat eine solche Anzahl von Wild beisammen gezeigt werden, und um das Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere bestimmt, eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus einem eigens dazu erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten.
In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den Städtern immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der Arbeit an das Nötige hierüber gedacht.
Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen, eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater, die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen. Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz, etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg – wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse – viel zu groß bei ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines ungewissen Erfolges widerlegt zu werden.
Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung, daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn passendste anerkannte.
Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.
Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht, erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig, als sich auf das Glück zu verlassen.
Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich, sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.
Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.
Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber – ohne seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte, der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde Denkweise eingesogen zu haben schien – er hatte ihr von jeher nichts als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt, die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte! Und nun! – – – – – – – – – Wie schmerzhaft das Lebewohl von beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.
Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September abends um neun Uhr festgesetzt.[1]
Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen, seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich – jetzt in einem so entscheidenden Augenblick! – ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem – gewiß weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund – der Schönheit der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern, daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.
Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte, wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend; denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen, die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert wurden.
Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt werden.
Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden, nun auch an S. – von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.
Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers – möchte ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen – als Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden könne.
Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen, welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.
So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der Schildwache – Halt! – Wer da! – Unteroffizier heraus! – einen unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend, angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer ausrief: »Meine Mutter!«
Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke, folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.
Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.
Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.
Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen. »Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«
Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde, verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose Nacht um so erwünschter war.
Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig, um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können, war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des Dichters – das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den gebildeten Teil desselben berechnet war – gleichfalls aufzunehmen? Es ließ sich für gewiß erwarten – die Entscheidung des Herzogs möge nun gewährend oder verneinend ausfallen – daß noch in diesem Jahre Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.
Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge Mann, den er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe. Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen. Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde.
Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:
»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können, indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein Anfänger zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch von Haus nichts zuzusetzen habe.
»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme zu verbessern.
»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit, eine Reise in das Ausland zu machen.
»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.«
Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten zu bewilligen.
Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs durch zu viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen.
Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen; eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem Abschiednehmen nachgesetzt wird.
Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären.
Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.
Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des neuen Stücks beizuwohnen.
Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen: da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.«
Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte, so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.
Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller – was er schon am zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan – sogleich an einige Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen.
Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken, die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten. Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten, schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung der wirklichen Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf er dann zu lesen anfing.
Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier, Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen, sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken, welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.
Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende, als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten.
Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr nachts entfernte.
Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein Freund jemals zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr beklagenswert sein müßte.
Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden; denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen, zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber geschrieben?«
Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?
»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer daran geholfen?«
Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?
»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«
S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse, aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können, und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.«
Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als einen vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben? Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte. Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller bewilligte diese Bitte sehr gern.
Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste Aufnahme erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid, die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht angenommen werde, er selbst als Schauspieler auftreten wolle, indem eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester, besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei.
Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«
Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte, um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen Gestalten vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.
Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen, das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde.
Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm fragen.
Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main beschlossen, wo auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von Mannheim abgewartet werden konnten.
Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital, das jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise, durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte. Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen Umständen unmöglich verlassen könne.
Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können. Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt hatte, ob man nicht reiten, fahren oder schreien höre; sie öffneten die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille!
Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne.
Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war, sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend, die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen Stamm eines Baumes, ängstlich und bange nach dem armen Freund hinschauend, der nun doppelt unglücklich war.
In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht, während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige. Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch antwortete: »Reisende.«
Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu sprechen, entfernte.
Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf, durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der Dämmerung eintrat.
Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen geschehen sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.
Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner Jugend auf Rosen gebettet wird; daß – ist er nicht schon durch die Eltern mit Glücksgütern gesegnet – er die rauhesten, mit verwundenden Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten, eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen geschrieben.
»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.[2]
»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.
»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E. E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege) beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.
»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung meiner Not zu quälen.
»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu schreiben zu überheben.
Mit entschiedener Achtung nenne ich mich
Euer Exzellenz
wahrster Verehrer
Friedr. Schiller.«
Vorstehender am 29. oder 30. September[3] geschriebener Brief wurde an Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu senden, wo man sie von der Post abholen wolle.
Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll – Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein, welche diese – wohl manchem sehr unbedeutend scheinende – Summe von 200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze Auseinandersetzung erlaubt.
Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei, welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf 200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen 180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.
Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde, um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen, sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte. Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien. Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden; daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile? Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er, der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.
Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf- und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.
Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut, daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor seinem Geiste standen.
Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war.
Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.
Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen, die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden, erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er sich derselben, im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz ruhig überließ.