Der Klausenhof
Roman
von
Angela Langer
S. Fischer, Verlag, Berlin
1916
Alle Rechte, besonders die der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1916 S. Fischer, Verlag, Berlin
Erstes Kapitel
Die Baukommission war wieder einmal den Berg heraufgekommen. Östlich vom Klausenhof, keine fünfzig Meter davon, gerade an der Stelle, wo der Wald mit tiefdunklen Tannen und hellgrünen Lärchen einsetzte, machte sie halt und begann den Boden zu prüfen und zu messen.
Unten auf der Wiese standen der Klausenbauer und sein Sohn. Sie hatten die Fremden den steilen Weg emporkommen sehen, hatten sie ihre rätselhaften Geräte auf dem grünen Waldboden ausbreiten sehen, und nun stockten sie in ihrer Arbeit und sahen sich schweigend an. Der Sohn hinab zu dem Vater, der Vater hinauf zu dem Sohn. Und respektvoll wartete der Junge, bis der Alte reden würde. Aber der Alte redete nicht. Er spuckte in seine ledernen Hände, griff nach der Hacke und führte gegen den fetten, lockeren Boden zähe, energische Streiche. Da nahm auch der Junge seine Arbeit wieder auf. Aber seine Finger zitterten nicht um den Schaft der Hacke, und in seinen Augen lag kein Zorn. – Was war auch so sehr Böses daran, daß sie hier oben bauten? Die Schuld lag beim Vater. Hätte er doch den Wald vor sechs Jahren erstanden. Damals fing es an. Erst das Haus am äußersten Bergrand. Breit, behäbig, als ob es ein uraltes Recht hätte dort zu stehen, erhob es sich aus dem Boden, und als es fertig war, erhielt es den Namen »Waldfriede«. Den Winter über merkten die Klausen kaum etwas davon, aber mit dem Sommer begannen sie es zu spüren. Die Eigentümer der Villa zogen herauf, und nun wehten bald im Wald, bald auf den Wiesen die Schleier der Frau Doktor. Noch im selben Jahre erbaute man zwei andere Villen, im nächsten Jahr noch eine. – Und der Klausenhof, der seit Jahrzehnten stolz und einsam auf dem Berg gestanden, stand nicht mehr allein.
Das kam den Klausenbauern vor wie ein Unglück.
Seit Generationen und Generationen war kein fremder Mensch auf den Berg gekommen, und nun traf man bald da, bald dort diese neuen Leute mit ihrem weichlichen Getue. Aber ihre Villen lagen doch tiefer unten, denn die weiten Wiesen, die den Klausenhof umgaben und zum Klausenhof gehörten, wehrten jede Ansiedelung in der Nähe. Nur der Wald war fremdes Gut. Das hatte den Klausenbauern längst Sorge gemacht, und sie hätten ihn gerne erstanden. An Geld hätte es auch nicht gefehlt, denn sie waren reiche Bauern. Aber der Alte war langsam, bedächtig und schwer von Entschluß. – Ja, schwer von Entschluß – und der Junge erschrak über seine Respektlosigkeit und schaute scheu auf den Alten. Der aber war ruhig geworden und arbeitete fort, als gäbe es nichts. Nur den Blick des Jungen vermied er geflissentlich, und als Stephan das merkte, fiel ihm ein, daß er zu den Knechten müsse. Darauf nickte der Alte, aber es war wie eine traurige Antwort auf eine traurige Frage. Das schnitt Stephan ins Herz, und er dachte: »Könnte ich ihn nicht trösten? Er meint, mir liegt etwas an dem Wald.« Aber die Worte, die er reden wollte, freundliche, begütigende Worte, überschlugen sich in seiner Kehle mit dumpfem Geräusch, und als sie endlich heraus waren, sagten sie etwas Gleichgültiges über eine der Wiesen weiter unten. Ganz beschämt nahm er seine Hacke und ging.
Das war die Art der Klausen. Vater und Sohn innerlich voll Liebe zueinander, aber im Verkehr herb und stolz wie Herr und Diener. Ja, es herrschte Zucht unter den Klausen.
Vor dem Bauernhaus stieß Stephan auf die Knechte. Sie brachten das erste Heu herein und schoberten es haushoch auf. Er sprach ein paar Worte mit ihnen, dann schritt er in den Hof und begegnete seiner älteren Schwester Therese. Sie kam aus den Ställen, die derben Lederschuhe bis zu den Knöcheln voll Kot. Mürrisch lief sie an ihm vorbei, hastete irgendwohin. Sie war immer dort, wo es am meisten zu tun gab, arbeitete mehr als zwei Dienstboten zusammen, und Stephan hatte große Achtung vor ihr. Aber keine besondere Liebe. Seine Zuneigung galt der jüngeren Schwester Maria. Sie war gleich ihm ein wenig aus der Art. Nicht überfleißig, verstohlen heiter und zu Kurzweil aufgelegt. Das hatte ihnen früher von den Eltern manches scharfe Wort eingebracht, so daß sie sich gewöhnten, ihre Freude zu verbergen und ihr Lächeln zu unterdrücken. Aber in den Ställen, in den Scheunen, im Wald, und wo immer sie allein waren, holten sie ihre Munterkeit hervor und spotteten oft genug über Therese, über ihre unschönen Züge und ihren schweren, raschen Gang. Später wurden sie ernster, unterschieden sich aber doch noch immer von den andern Klausen. Maria arbeitete im Küchengarten und winkte, als sie den Bruder kommen sah. Stephan wollte eigentlich in die Küche, doch nun ging er daran vorbei und trat zu Maria in den Garten. Als sie dann beisammen standen, merkte man erst, wie groß der junge Klausen war. Einen guten Kopf höher als das Mädchen, das auch nicht zu den Kleinen zählte. Im Antlitz aber Zug um Zug Abkömmlinge der Klausen. Hochgezogene Augenbrauen, schwere Lider und einen festen, schmalen Mund. Nur der strenge Strich um die Lippen fehlte bei den beiden, den man am Vater und der älteren Schwester so deutlich wahrnehmen konnte.
Maria zeigte Stephan die Pflanzen, die sie soeben gesetzt hatte, und als sie nach einer Weile den Weg in das Haus einschlugen, sagte er: »Weißt du es schon, daß im Wald gebaut wird?«
»Im Wald?« fragte sie schnell, »wo?«
»Gleich hinter uns.«
Da stieg eine feine Röte bis in ihre Schläfen auf, und sie wandte sich an den Bruder mit blitzenden Augen.
»Warum hast du Vater nicht längst dazu überredet, daß er den Wald kauft?«
Ihr Vorwurf ärgerte ihn, zugleich aber freute ihn ihr Eifer. Die Unnahbarkeit der Klausen sprach daraus.
»Du weißt,« sagte er, »Vater läßt schwer mit sich über Geschäfte reden.«
Sie aber war sehr zornig.
»Daß der Wald nicht längst uns gehört, ist deine Schuld. Die früheren Klausen hätten natürlich nie daran gedacht, daß Fremde heraufkommen könnten. Aber als sie vor sechs Jahren zu bauen anfingen, hättest du daran denken müssen. Vom Vater konnte man so etwas nicht verlangen. Er war immer so – du weißt wie ich meine – zäh am Hergekommenen – – aber du – –, wenn sie jetzt den Wald niederreißen und eine Stadt aufbauen, kannst du dir vorstellen, wie das hier oben aussehen wird?«
Es war der erste ernstliche Zwist, den die Geschwister miteinander hatten, und Stephan sann nach, wie er das erregte Mädchen begütigen könne.
»Den ganzen Wald niederreißen, aber Maria, davon kann keine Rede sein. Da müßten sie ja den ganzen Berg wegräumen. Ich glaube auch, daß sie weiter hinauf nicht mehr bauen, denn sie finden keinen Schutz gegen den Wind. – Und wenn sie auch den ganzen Berg wegräumten und eine Stadt hier oben erbauten, du und ich, Maria, würden das kaum mehr erleben.«
Da trat sie dicht an ihn heran und sagte leidenschaftlich: »Du bist ein schlechter Klausen.«
Dann ließ sie ihn stehen und ging in das Haus.
Obwohl es Mittag war und Stephan wußte, daß seine Mutter auf ihn wartete, folgte er doch nicht, sondern blieb bei der Mauer stehen, wo er gerade stand. Und die Luft wurde voll mit einem merkwürdigen Getöse, und von allen Seiten klang es zu ihm: »Du bist ein schlechter Klausen.«
Aber nein – das war nur die Glocke, die die Leute zu Mittag rief. Und Stephan starrte auf die Knechte, die über den Hof kamen. Derbe, tüchtige Leute, erfahren und erprobt. Bauern von oben bis unten und den Klausen zäh ergeben. – Und einmal würde er Herr sein über diese Leute – ein schlechter Herr – ein schlechter Klausen – ja, er hatte es längst gespürt.
Schweißtropfen traten auf seine Stirn, und er wischte sie ungeschickt hinweg. Dann schritt er langsam um den Hof. Ohne jede Zierlichkeit, ein breiter, massiver Kasten lag er da. Aber vornehm durch sein Alter und seine Weltgeschiedenheit. Das Stammhaus der Klausen, 1300 Meter hoch, mit rissigen, sturmfesten Mauern, der ragenden Windmühle dahinter, und über dem Tor in roter, verblichener Farbe den trotzigen Spruch:
| »Wer baut an den Straßen, |
| Muß jeden reden lassen. |
| Der eine schaut vor, |
| Der eine schaut vor, |
| Der andere hinten, |
| So wird jeder einen Tadel finden.« |
| Adalbert Klausen. |
Stephan schaute noch immer auf den Namen unter dem Spruch. »Adalbert Klausen.« Der Name stand allein unter den anderen Namen – Adalbert. –
Niemand wußte etwas über sein Leben, nur daß er den Hof erbaut hatte, stand fest – und daß er ein Geschlecht hinterlassen hatte, das auf sich stolz sein konnte, bis – ja, bis auf den einen. –
Stephan straffte sich plötzlich in jähem Trotz.
Warum aber war er ein schlechter Klausen? Sah er etwa die neuen Ansiedelungen gern? Nein, gewiß nicht. Dann, warum war er schlechter als die andern Klausen? – Wie waren eigentlich die Klausen immer gewesen? Es gab eine Menge Geschichten darüber. Jeden Winter erzählten sie die Knechte aufs neue. Ein Klausen hatte einmal eine mittlere Eiche samt den Wurzeln aus dem Boden gerissen. Ein anderer hatte einen wütenden Stier ohne jede Waffe mit der Kraft seiner Arme gebändigt. Ein dritter hatte sich an einen Wagen, der schwer mit Steinen beladen war, gespannt und ihn den Berg heraufgezogen. – Also stark waren alle Klausen gewesen, stark und tapfer – aber war er das denn nicht auch? Stephan spreizte die Finger und sah hinab auf seine Hände. Große, braune Hände waren es, aber nicht breit und hart wie die des Vaters, sondern eher schlank und weich. Ja, er hatte zu lange in der Schule gesessen – und im plötzlichen Zorn drückte er die Rechte zur Faust. Die Nägel gruben sich in die Handfläche, und immer tiefer grub er sie. Erst zeigten sich vier rote Male, dann zeigten sich vier rote Tropfen, und schließlich zeigten sich vier rote Bächlein, die durch die Finger sickerten. –
Da erschien im Garteneingang, noch schmollend und gekränkt, aber doch Versöhnung wünschend nach echter Frauenart, abermals Maria. Zögernd blieb sie in der Türe stehen, da sie dachte, daß der Bruder ihr entgegenkommen werde. Weil er aber nicht kam, sich nicht rührte, trat sie zu ihm. Dann schrie sie laut auf. Stephan aber dachte an die Mutter, die erschrecken würde, und herrschte sie an: »Schweig.« Darauf spannte er die erstarrten Finger auseinander, hielt ihr die blutüberströmte Hand entgegen und fragte:
»Bin ich schlechter als die andern Klausen?«
Da begriff sie. Nun wollte sie aber nicht jammern, sondern zeigen, daß sie auch eine Klausen sei. Sie löste ihr Halstüchlein und wischte das Blut von seiner Hand. Dann küßte sie die Wundmale, küßte sie einzeln, leise und zärtlich, und dabei sagte sie:
»Du bist der beste Klausen.«
Zweites Kapitel
Der Sommer hatte in diesem Jahre besonders früh eingesetzt, und die Junitage kamen mit heißem Atem und Dunstmänteln. Erst lungerten sie im Tale herum, hatten nichts Schlechtes im Sinne und lachten nur unbändig über die Erde, die unter den Tritten ihrer ungestümen Gäste keuchte und an Blüten und Blumen brachte, was sie besaß. Nach einer Weile aber wurde ihnen ihr eigenes sanftes Spiel zuwider. Sie spien Staub, daß das Land rauchte, verbrannten Blüten und Blumen, soffen die Bächlein leer, hockten sich an die Landesflüsse und steckten ihre glühenden Mäuler hinein, daß das Wasser aufzischte und schwand. Und als im Tale kein Tropfen Feuchtigkeit mehr war, wurden sie matt vom eigenen Ungestüm und klommen auf die Höhen. Oben war es frisch und kühl. Da kamen sie wieder zu sich, rollten lachend über die Hänge, und wo sie einen Menschen trafen, sprangen sie ihm auf die Schultern und preßten ihre Finger um seine Kehle. Aber die Leute da oben waren zäh.
Am allerzähesten die Leute vom Klausenhof.
Die Knechte warfen ihre Joppen, die Mägde ihre Tüchlein weg, und unablässig arbeiteten sie weiter. Heute auch. Plötzlich aber hielten sie inne, stützten sich auf ihre Schaufeln und Rechen und horchten auf. – Durch die Hitze und den Dunst des Mittags klang vom Hof her die Alarmglocke. Schrill und schneidend, wie um Hilfe rufend, ertönte sie und zeigte an, daß etwas Entsetzliches geschehen sei. –
»Feuer!«
Dieses eine Wort fuhr durch die Köpfe der Leute, und nun kam Leben in die erstarrten Gruppen. Und noch etwas anderes kam. Etwas Merkwürdiges, bei diesem treuen, jahrelang erprobten Gesinde nie Dagewesenes: eine wilde Angst um die eigene Habe. Die Mägde dachten an ihren Sonntagsstaat, die Knechte an ihre silbernen Uhren. Aber keines unter ihnen dachte an den Bauer, an die Bäuerin oder an den alten Hof. Mit großen Schritten hasteten sie heimwärts, rochen Rauch in der Einbildung und sahen ihre geringen Schätze bereits verkohlt. –
Gerade als sie auf die Höhe kamen und den Klausenhof still und friedlich ohne Rauch und Flammen auf dem gewohnten Orte sahen, hörte die Glocke auf. Darauf herrschte eine so unheimliche Stille, daß sie sich fürchteten, obwohl es heller Tag war.
Unwillkürlich rückten sie zusammen, und der älteste Knecht sagte: »Es muß eine plötzliche Seuche unter das Vieh gekommen sein.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, faltete er die Hände und begann das Bittgebet, das sie bei Seuchen immer beteten. Die andern folgten Wort für Wort, und als sie damit fertig waren, langten sie bei der Haustüre an. Aber obwohl keines unter ihnen dachte, daß irgendetwas Schreckliches im Hause zu sehen sei, wagte sich doch niemand hinein. Scheu aneinandergedrückt blieben sie stehen und wunderten sich nur, daß alles so still blieb.
Plötzlich öffnete sich die Tür mit einem Ruck nach innen, und auf der Schwelle erschien eine Schar Männer und Frauen. Allen voran der junge Klausen, den rechten Arm um die Mutter geschlungen, die sich schwer auf ihn stützte und leise weinte. Als sie die fassungslosen Gesichter der Leute sah, schluchzte sie laut auf. Dann aber beherrschte sie sich und sagte:
»Der Bauer ist tot.«
Das traf wie ein Schlag. Alles hätten sie eher erwartet.
Der Bauer tot! Der Bauer, der nie eine Stunde krank gewesen, der bei keiner Arbeit fehlte und rüstiger war als mancher Junge. – Der Bauer tot! – Und nun fiel ihnen ein, wie gut er war. Wie reichlich er den Wein bemaß und jedes Jahr um einen halben Silbergulden ihre Löhne besserte. – Und voll Scham dachten sie an ihre Bänder und Uhren, die ihnen im Augenblick der Gefahr zuerst einfielen. – Dann stolperten sie in die Stube, worin der Tote war. Ein weißes Tüchlein lag auf seinem Gesicht, aber sein Anzug, das Bett und die Dielen waren voll Blut. Während die Leute ihre schweren Hände, die so viele Jahre für den Bauer gearbeitet hatten, steif und mühsam ineinanderfalteteten, suchten ihre stumpfen Gehirne nach einer Erklärung. Was war denn eigentlich geschehen? – Endlich sagte es ihnen jemand. Drüben beim neuen Bau hatten fremde Arbeiter mit dem Sprengen begonnen, und ein Felsstück traf den Bauer, als er auf der Wiese Heu einfuhr. Man könne aber niemand zur Verantwortung ziehen, denn die Tafel, die gegen das Betreten der nahen Gründe während der Sprengzeit warnte, war aufgepflanzt gewesen. Es wäre des Bauern eigene Schuld. –
Die ganze Nacht wurde gebetet, und Stephan, als der neue Herr, betete vor. Einmal aber gegen Mitternacht trat er hinaus. Er durchschritt den Hofraum und öffnete das Tor. Die Nacht war kühl und hell. Weiß und glatt wie ausgespannte Tücher lagen die Wiesen vor dem Haus. Aber östlich, wo der Wald begann, war der Grund zerrissen, und gestürzte Lärchen lagen links und rechts ... lagen steif und lang wie Tote ... Da hob Stephan die Arme wie in einer mächtigen Verzweiflung und sagte: »Du Unglückshaus!«
Drittes Kapitel
Im Klausenhof ging bald wieder alles den gewohnten Gang. Es wäre auch nicht anders möglich gewesen, denn es gab immer zu tun, und die Mühen halfen über vieles hinweg.
Anfangs spürte man allerdings stark, daß der Alte fehlte. Er hatte so wacker bei der Arbeit mitgeholfen und besaß so viel Einsicht und Erfahrung, daß der älteste Knecht wie ein Knabe war neben ihm. Er hatte auch die Fäden der ganzen Wirtschaft in der Hand gehalten und wußte allein Bescheid über alles. Oft hatten sie sich nach seinem Heimgang ratlos angeschaut und gewünscht, daß er nur noch einmal bei ihnen wäre, daß sie ihn um dies oder jenes fragen könnten. Am meisten aber fehlte der Vater dem Sohn.
Plötzlich zu Selbständigkeit und Verantwortung gelangt, merkte der Junge nun, wie weit weg er eigentlich von einem richtigen Bauer war. Und jedesmal, wenn er einen Fehler begangen hatte und ihm der älteste Knecht bescheiden seinen Rat antrug, schämte er sich und dachte, er sei am Ende doch ein schlechter Klausen. – Dann griff er tagsüber nach der schwersten Arbeit und stöberte des Nachts in landwirtschaftlichen Büchern. Aber trotz der schweren Arbeit und der landwirtschaftlichen Bücher wußte er doch nie richtig Bescheid, wenn es sich um etwas Wichtiges handelte. In einer solchen Not kam ihm einmal Therese zu Hilfe. Damals wunderte er sich, wie klug sie dachte und wie beherzt sie die Sache anpackte. Seitdem frug er sie öfters um ihre Meinung und entdeckte dabei immer mehr, wie sehr sie innerlich und äußerlich dem Vater glich. – Maria ging es wie ihm. Sie hatte manches nachzuholen und begann von der Schwester zu lernen. Aber trotzdem sie überall zugriff und hinter den andern nicht zurückstehen mochte, beschäftigte sie sich doch am liebsten in Garten und Küche und ging nur selten in die Ställe oder in das Feld. Auch ließ sie die Mutter nicht gern allein, die, trotzdem es nun schon Herbst wurde, noch immer um den Vater weinte. Allerdings nur heimlich, wenn sie niemand sah. Diesen Zug hatten sie übrigens alle. Jedes trauerte um den Verstorbenen, jedoch keines sprach davon. Nur Maria schluchzte manchmal plötzlich auf, wenn sie mit Stephan allein war. Dann strich er wortlos über ihr Haar, horchte aber dabei hinaus auf den Gang, ob auch niemand käme. –
Drüben im Walde aber wurde gebaut. Schwere Zugochsen brachten täglich große Ladungen von Sparren und Balken herauf, und geübte Hände fügten sie kunstvoll ineinander. Wie ein Feenschlößchen, so zauberschnell, so leicht und zierlich, mit Gesimsen, Erkern und Balkonen wuchs die Villa zwischen den Bäumen auf. Das Erdgeschoß war aus Stein, aber der ganze obere Teil bestand aus geschnitztem und gebranntem Holz. Vom Dache strebten drei schlanke Türme mit schönem Ebenmaß empor, und die vergoldeten Spitzen ihrer Blitzableiter ragten leuchtend, glückverheißend neben den höchsten Lärchen auf. – Und als die Handwerker ihre Arbeit getan hatten, kamen Künstler und schmückten das Haus innen wie außen mit Bildern und Sprüchen. Auf der Seite gegen den Wald war zu lesen:
| »Auf hoher Warte rag' ich da, |
| Dem Tale fern, dem Himmel nah, |
| Blick' weit hinaus ins freie Land |
| Und stehe so in Gottes Hand.« |
Über dem großen, geschnitzten Eingangstore aber stand:
| »Grüß Gott, tritt ein, |
| Bring Glück herein.« |
Und so oft einer von den Klausen die Aufschrift sah, dachte er an den toten Vater und lächelte bitter. Andere Leute aber, die des Weges kamen, blieben vor dem Bau bewundernd stehen, und die Träumer unter ihnen meinten, daß nur bevorzugte Menschenkinder mit heiterem Herzen und sorglosen Sinnen dieses Haus bewohnen würden. – Vorläufig aber wohnte niemand drinnen.
Der Winter stand hinter den Bergen und hatte seine ersten schweren Stürme bereits herübergeschickt. Nicht lange danach kam er selbst, hetzte seine Nebelschwaden wie Hunde auf die Sonne und pflanzte, als sie nach langem Kampfe ihre Königskrone dem Sieger vor die Füße legte, in den Feldern, in den Wäldern, auf den Wiesen, auf den Matten seine weiße Fahne auf.
Da wurde es still auf der Höhe und still im Klausenhof.
Die Knechte und Mägde arbeiteten zwar wie früher, aber über ihrem ganzen Tun und Gehaben lag eine ernste Bedächtigkeit, die gut übereinstimmte mit dem feierlichen Ebenmaß, das der Schnee ringsum geschaffen hatte. Alles Schroffe war verschwunden, alle Gegensätze waren fort. In langen, weichen Wellenlinien erstreckte sich der Berg bis zu den Wäldern, und der Klausenhof, der sonst so breit und stattlich auf seiner Höhe stand, sah aus wie ein verschneiter Vogel, der sich frierend niederduckt.
Drinnen aber war es warm und gemütlich. In dem mächtigen Kachelofen brannten Tag und Nacht große, duftende Scheite, und von morgens bis abends surrten die Spinnrocken der beiden Schwestern daneben. Therese sollte nächstes Frühjahr Hochzeit halten, da mochte wohl das Rädchen surren! Ein heimlicher Liebeszauber hatte nun endlich die stolze, nüchterne Klausin ergriffen, und sie spann die Träume aller Bräute in die groben Fäden ein. Maria, sanft und gut wie immer, sann auch viel über die Zukunft ihrer Schwester. Dabei ließ sie nun schon öfters die schlanken Hände von dem Rocken gleiten und ertappte sich auf fremden, drängenden Gedanken. Der vorwurfsvolle Blick Theresens, die Müßiggang nicht leiden konnte, brachte sie dann erst zurück, und hastig, mit doppeltem Eifer, nahm sie die Arbeit auf. – Die Mutter kränkelte seit dem Herbst und war nicht mehr so rüstig wie früher. Maria umgab sie mit zärtlichster Sorge, aber so dankbar auch die alte Frau für alle Liebe war, erhielten ihre Augen doch erst den rechten Glanz, wenn sie am Abend Stephans Schritt im Flur vernahm. Dann wurde sie gesund, wurde jung und bemühte sich um ihn mit rührender Geschäftigkeit. Das aber verdroß Maria aus geheimer Eifersucht. Sie sprang dann auch schnell vom Rocken, lief in die Küche und bemächtigte sich der Dinge, die sie zur Herstellung seines Abendbrotes brauchte. Stephan besänftigte mit einem raschen Lächeln den aufwallenden Groll der Mutter, zog aus seiner Jagdtasche einen seltenen Vogel oder ein schönes Stück Wild und erzählte, wie er dazu gekommen sei. Dabei aber sah er durch die offene Tür in die Küche nach Maria, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen, funkenumsprüht beim Herde stand. Dann wunderte und freute er sich über ihre Schönheit und dachte an die Zukunft. Dachte, wie er und Maria allein hier am Hofe bleiben würden, wenn Therese ging ... und später die Mutter auch ... Und bei dem letzten Gedanken drängte er sich näher an die alte Frau ... Während alledem Therese spann. Ihr Blick war hart wie immer, und schärfer als gewöhnlich lag um ihren Mund der strenge Zug der Klausen. Sie spürte den stummen Kampf der Liebe und der Eifersucht, den die drei miteinander führten, und sie konnte die Mutter, die Schwester und den Bruder nicht verstehen. –
Heute blieb Stephan ungewöhnlich lange aus. Die Bäuerin begann schon unruhig auf und ab zu wandern, und Maria horchte beständig nach der Türe. Endlich kam er. Sie hörten, wie er draußen den Schnee von den Stiefeln stampfte. Es mußte aber noch jemand mit ihm gekommen sein, denn es erklangen viele Tritte. Therese hielt einen Augenblick im Spinnen inne, und in Marias Wangen stieg ein feines Rot. Dann ging die Türe auf, und Stephan und zwei Männer traten ein. Der eine von den Besuchern war Theresens Bräutigam, ein wohlhabender Bauer aus der Nachbarschaft, und der zweite war ein junger Jäger. Therese begrüßte ihren Bräutigam mit einer schönen Wärme in den sonst wechsellosen Augen und ging dann in die Küche, um den Männern mit einer warmen Speise aufzuwarten.
Maria grüßte die Besucher mit zwangloser Freundlichkeit, zeigte sich aber ein wenig scheu dem Jäger gegenüber und vermied, soviel es ging, den Blick des Bruders. Dann begann sie der Schwester zu helfen. Geschäftig, aber ohne Hast ging sie hin und her, stellte die langen Bänke rings um das Feuer, deckte den Tisch, brachte Brot und Wein und beteiligte sich hier und da mit einigen Worten am Gespräch. Nach dem Essen ließen sich die drei Männer auf den Bänken um das Feuer nieder; die Bäuerin machte es sich in ihrem Großvaterstuhl bequem; die Mädchen setzten sich wieder an ihre Rocken, und nun wurde die Unterhaltung eine allgemeine.
Stephan erzählte von frischen Schlägen im Wald, Theresens Bräutigam berichtete von einer jungen Magd, der Geisler-Toni, die er wegen Diebereien fortgejagt hatte, und der Jäger sprach über sein Gewehr. Er streichelte den langen, glänzenden Lauf und sagte:
»Es ist das beste Gewehr im Land. Oft genug schon hätte ich es teuer verkaufen oder gegen ein feineres, neueres umtauschen können. Ihr solltet gehört haben, wie beim letzten Scheibenschießen der Oberförster aus Deutnofen darum feilschte. Zum Schluß versprach er mir sogar eine Försterei.«
»Welche?«
»Und die hast du abgeschlagen!«
»Ja ...,« er stockte, sah hinüber zu Maria, deren Rocken plötzlich schwieg, errötete stark, und sagte:
»... sie war mir zu klein ...«
Dann war er wieder ganz unbefangen, und Marias Rocken setzte auch wieder ein. Stephan wollte das Gewehr näher beschauen und langte danach. Als er es in die Hand nahm, schlug im Hofe der Hund an.
Laut und zornig klang sein Gekläff in die Stube, und die Kette, woran er befestigt war, klirrte dazu. Aber weder Stephan noch sonst jemand kümmerte sich darum, da sie dachten, es handle sich um einen verspäteten oder wegmüden Wanderer, den die Knechte schon erquicken und für die Nacht unterbringen würden. Eine kleine Kammer in der Nähe der Scheunen war für solche Fälle da. Plötzlich aber wurde die Tür aufgestoßen, und wie hereingeschleudert von einem eisigen Windstoß, der für Augenblicke das Zimmer kalt machte, stand ein Mädchen da.
In tausend Rinnchen floß der Schnee von ihren dünnen Kleidern, nur auf dem unbedeckten Kopf lag er dicht und fest wie eine weiße, krause Mütze. Vielleicht aus Schmerz, vielleicht aus Kälte preßte sie die Hände an die Brust, und aus ihren Augen sprach es wie Zorn und Weinen. Alle sahen sie erstaunt an, ausgenommen Theresens Bräutigam. Unwillig sprang er auf und herrschte sie an:
»Was soll das, Toni? Wo kommst du her?«
Das Mädchen aber sah an ihm vorbei und blickte auf Therese.
»Ich komme zu Euch,« sagte es, »daß Ihr den Bauern bitten möget, mich zurückzunehmen. Ich habe eine alte Mutter zu Hause – erbarmet Euch, ich will nie wieder stehlen.«
Ohne Scham, ohne Zögern, sprach sie das letzte Wort, und alle wußten nun, wer sie war. Den Bauern schienen der flehende Ton und die bittenden Worte bereits milder gestimmt zu haben, denn die zornige Röte wich aus seinen Wangen, und fragend blickte er Therese an. Diese aber trat hastig vor und sagte:
»Ihr habt einen weiten Weg gemacht, aber Ihr habt ihn umsonst gemacht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.«
Da schämte sich ihr Verlobter seiner Schwäche, und während er Theresens Hand erfaßte, wie sich an ihrer Stärke zu erhärten, sagte er:
»Ja, sie hat recht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.« Da trat in Tonis Augen ein böses Licht, und während Schaum von ihren Lippen spritzte, schrie sie: »So seid verflucht!«
Dann war sie fort, und in das Zimmer drang wieder der eisige Wind, den sie zuerst gebracht hatte und unter dem die Zurückgebliebenen zu erstarren schienen, denn keines regte sich. Abergläubisch, wie alle Bergbewohner, hatten die Worte des Mädchens ihre Wirkung auf sie nicht verfehlt. Stumm, mit eingehaltenem Atem sahen sie einander an.
Die Bäuerin war die erste, die sich ermannte. Langsam, andächtig bekreuzte sie sich, und Maria tat das gleiche. Die Männer hoben die Hände, hielten sie unschlüssig in der Luft und ließen sie wieder sinken ... sie waren keine Feiglinge, aber so ein Fluch ist etwas Schreckliches ... und heimlich, voneinander abgewendet, machten sie das Kreuz. Nur Therese nicht. Ihre Wangen waren bleich bis an die Lippen, aber Blick und Gebärde ruhig, unerschüttert. Mit Fraueninstinkt fühlte sie, um was es jetzt ging. Um Herzensruhe. Um Herzensglück. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie sich wieder an den Rocken und nahm die Arbeit auf. Aber ihre Hände zitterten, und der Faden riß hintereinander. Maria legte frische Scheite in den Herd, und die Männer versuchten es wieder mit dem Reden. Es kam jedoch nichts Rechtes mehr dabei heraus, und schließlich brachen die Besucher auf. Therese begleitete ihren Bräutigam über den verschneiten Hof bis an das Tor. Dort blieben sie trotz der Kälte stehen, und der Bauer nahm ihre Hände. Er spürte, daß sie eiskalt waren, und rieb sie sachte an den seinen. Dabei fragte er: »Fürchtest du dich?« Da sah sie ihn voll an und sagte fest »Nein«.
Darauf nickte er, und sie trennten sich. Als Therese dann aber allein in ihrer schmucklosen Kammer war, entzündete sie eine geweihte Kerze und stellte sie vor dem Bildnis des heiligen Benediktus auf. Dabei flüsterte sie: »Heiliger Benediktus, der du Vieh und Leute vor Zauberei beschützest, schirme und bewahre uns.«
Das tat sie jeden Abend den ganzen Winter durch bis zu ihrem Hochzeitstag. – Der kam mit dem Föhn und den Schneeglocken. Aber es waren unverläßliche Frühlingszeichen. Der Winter saß noch fest im Land. Therese hatte den ganzen Tag ein Gefühl von Glück und Beschämung. Sie war das Getue um sich nicht gewohnt, und nun drehte sich schon seit einer Woche alles um sie. Jedes zweite Wort hieß Therese, und all die neuen, hübschen Dinge, die überall herumlagen, gehörten ihr. Gestern, am Vorabend des großen Tages, kam Maria ganz spät in ihre Kammer, blieb eine Weile verlegen stehen, fing dann zu weinen an und bat Therese, ihr zu verzeihen. – Was? Therese konnte sich auf kein Unrecht der Schwester besinnen, und ihr wurde hilflos zu Mute. – Es gab doch nichts zu verzeihen. – Daß sie einander nie so recht verstanden hatten, dafür konnte niemand. Stephan und Maria waren eben anders als die andern Klausen. Sie dachte plötzlich an den Vater und wurde ernst im Gedanken, daß er diesen Tag nicht mehr erlebt hatte. Er hätte sich darüber gefreut ... heimlich zusammen hätten sie sich darüber gefreut, wie die andern zwei sich immer freuten ... Herb, hart, feindselig leuchtete es einen Moment in ihren Augen auf. Dann aber trieb sie die uneinigen Bilder fort, faßte Marias Hände und sagte freundlich:
»Du warst ja immer gut, Maria.«
Und heute! Heute wich Maria keinen Schritt von ihrer Seite, nahm ihr jede Arbeit aus der Hand und erinnerte sie tausendmal, daß sie in ein paar Stunden Hochzeit habe. Und gegen Mittag schritten sie Hand in Hand in Theresens Stübchen, wo auf dem schmalen Mädchenbett das Ehrenkleid aus schwarzer, starrer Seide lag. Da kam es wie eine Verwandlung über das steife, ältliche Mädchen. Ihre Wangen begannen sich zu färben, ihre rauhen Finger fuhren über den glänzenden Stoff, und plötzlich drückte sie das Gesicht tief in die knisternde Seide. Maria hatte Therese nie so weich, so haltlos gesehen und umschlang sie wie in Angst. Das brachte Therese zu sich. – »Weißt du, Maria,« sagte sie, mit den Augen fest auf dem Kleid, »manchmal glaube ich, ich verdiene es gar nicht!«
»Was?«
»All das Glück.«
»Aber Therese ...«
»Ich meine, Maria, es ist eigentlich eine Sünde gegen den Hof.«
»Ja!«
»Aber warum gegen den Hof?«
»Ich meine ... schau, wenn man bedenkt, was für Freude so eine Wirtschaft macht. Und dann gar unsere Wirtschaft. Der Klausenhof ist kein gewöhnlicher Hof. Ich glaube, im ganzen Land gibt es keinen, den man damit vergleichen könnte ... Und wenn man daran denkt, wie er gehalten wurde; – vom Vater, vom Großvater und von den andern. Und jeder von uns tat sein Teil daran und ist ein Teil davon.«
Sie sorgt sich um den Hof, dachte Maria, sie sorgt sich darum, weil sie weiß, daß weder Stephan noch ich für die Wirtschaft taugen. Laut aber sagte sie: »Aber schau, Therese, du gehst ja so gern.«
»Das ist es ja eben.« Therese stockte verwirrt, »das ist es ja, was ich meine, daß ich imstande bin zu gehen und so gern.«
»Gehst du so gern?«
»Ja ...,« sie stockte abermals, und während sich ihre Wangen verdunkelten, schloß sie: »Du kannst ja nicht begreifen, wie das ist, wenn man einen Mann so lieb hat.... Alles täte man für ihn, immer möchte man bei ihm sein, und man ginge mit ihm bis ans Ende der Welt ...«
Maria errötete jetzt auch. So offen hatte Therese nie gesprochen. Mit zitternden Fingern hob sie das rauschende Kleid in die Höhe und hielt es gegen das Licht.
»Wie schön du aussehen wirst, Therese.«
Sie nickte verträumt ... »und einmal wirst du auch kommen, Maria.«
»Zu dir?«
»Ja, zu uns.«
Maria versprach es und half ihr in das Kleid. Als die Braut angezogen war, kam die Bäuerin in das Zimmer. Sie weinte, als sie Therese fertig sah, und machte ihr das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust. »O Therese ...« und alles andere, das sie sagen wollte, schwemmten neu hervorbrechende Tränen hinweg. Maria versuchte, sie heiter zu stimmen. »Aber, Mutter, Therese geht doch nicht aus der Welt.«
»Daran dachte ich auch gar nicht.«
»Woran denkst du dann?«
»Ich weiß es nicht ... aber wenn ich Therese wäre, würde ich ihn nicht heiraten.«
Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und blickte auf die beiden Mädchen, um zu sehen, wie sie das aufnahmen. Therese stand still beim Bett, und Maria lehnte sich gegen einen Stuhl. Sie hatte einen Augenblick das Gefühl, als ob sie schwanke, hielt sich aber aufrecht und sagte fest: »Meinst du wegen dem Fluch?«
Endlich war es heraus. Den ganzen Winter hatte es zwischen ihnen gelegen, und keines hatte gewagt, darüber zu reden. Endlich heute ... Maria hatte es gut gemeint. Ohne Scheu, ohne Rücksicht, ohne Ängstlichkeit, glaubte sie, müsse man darüber reden ... es sich ausreden. Nun es aber gesagt war, erschrak sie aufs tiefste ... wollte alles ungesagt machen ... das gräßliche Wort zurückholen. Aber es hing schon in der Luft, flatterte schon durch die Stube. Die Mutter hatte es schon gehört, denn sie bejahte schluchzend, und Therese mußte es auch gehört haben. Langsam wandte Maria den Kopf nach ihr. Die stand noch immer beim Bett, ruhig wie vorher. Als aber die Bäuerin jetzt laut zu beten begann, Gebete gegen den Teufel und gegen die Zauberei, trat Therese vor. Im starren, schwarzen Seidenkleid, Gesicht und Hände blaß, sagte sie mit schweren, zwingenden Lauten: »Ich habe den ganzen Winter Kerzen geopfert.« Sie errötete vor Scham über das Geständnis, gleich aber nahm ihr Gesicht die vorige Ruhe und Blässe wieder an, und sie schritt ihrem Bräutigam entgegen, den sie durch das Fenster über den Hof kommen sah.
Als sie von der Trauung zurückkehrten, blieben sie nun aber nicht mehr lange, denn sie mußten zu Fuß in das neue Heim. Der Weg dorthin ging steil bergab und war nicht fahrbar. Die Bäuerin verabschiedete sich von den Neuvermählten im Zimmer, aber Stephan und Maria begleiteten sie bis an das Tor. Dort blieben sie dann noch stehen und schauten den zweien nach. Als sie so weit waren, daß man sie nicht mehr sehen konnte, blickte Stephan hinüber zu dem Berg, wo Therese fortan leben sollte. Düster und stolz, ein wenig wie Therese selbst, schied er sich von den andern Bergen und trug wie eine Krone den Hof an seiner Spitze. Maria lehnte indessen still beim Tor. Sie dachte an die Försterei in Kampenn und an Förstereien im allgemeinen und kam zu dem Entschluß, daß es auch in kleinen Förstereien schön zu leben sein müsse, wenn man nur das Zeug in sich hat, zufrieden zu sein ... Stephan merkte plötzlich ihre Versonnenheit, und mit einem Male war ihm, als ginge Maria denselben Weg, den Therese eben ging, mit einem Mann an ihrer Seite ...
Mißtrauen und Eifersucht quoll in seinem Herzen auf, aber er beherrschte sich, und zum erstenmal an diesen Gegenstand rührend, fragte er wie im Scherz: »Nun, und du, Maria?«
Darauf fuhr sie zusammen, wurde rot und verlegen, faßte sich aber rasch und sagte schlagfertig: »Nun, und du, Stephan?«
Da wurde sein Gesicht, das so lebhaft jede Regung seiner Seele spiegelte, noch ernster als vorher, und nach einem sinnenden Schweigen sprach er: »Du weißt ja, Maria, daß wir immer davon geredet haben, beisammen zu bleiben.« Nun drückte Maria, wie ihn zu besänftigen, ihre weichen Wangen an den rauhen Ärmel seines Gewandes und sagte, wie ihn auf andere Gedanken zu bringen, zögernd, einschmeichelnd und voll süßer Schelmerei: »Weißt du schon, Stephan, daß seit gestern Leute in der neuen Villa wohnen? ... Nicht? ... O, du hättest sehen sollen, was für prachtvolle Dinge man hineingeschafft hat. Feine, große Schränke, Spiegel mit breiten, goldenen Rahmen, Waschtische mit Marmorplatten, Stühle mit rotsamtenen Überzügen ... und dann an allen Fenstern ... hast du die Vorhänge nicht gesehen? ... sie sind aus himmelblauer Seide.«
Stephan, leicht getäuscht wie alle harmlosen Naturen, merkte ihre Absicht nicht und fragte interessiert: »Und Leute hast du auch gesehen, Maria?«
»Ja, Stephan. Eine alte Frau und einen alten Mann. Aber ich glaube, das sind nur Bedienstete. Wahrscheinlich aber kommt die Herrschaft schon diesen Sommer.«
»Wahrscheinlich.«
Dann befreite er sich aus der leichten Umarmung seiner Schwester und blickte nach der Villa. Das Gebäude lag im Dunkel; plötzlich aber flammte Licht hinter einem Fenster auf. Die Geschwister beobachteten es atemlos, und nach einer Weile sagte Maria: »Es ist weiß wie das Licht der Sonne.«
Darauf Stephan: »Ja, ich kenne es. Wir hatten es in Innsbruck in der Schule und bei der Kostfrau, wo ich zuerst wohnte.«
Sie nickte auf seine Worte und fragte nach einer Pause:
»Warum bist du eigentlich nicht Geistlicher geworden? Hattest du keine Freude am Lernen?«
»Erstens. Und zweitens, weil ich einmal einem Mitschüler ein paar Rippen brach. Ich hatte natürlich nichts Schlechtes im Sinne, sondern wollte ihn nur ein wenig drücken ... aus plötzlicher Freude, weißt du, weil nach langer Regenzeit auf einmal die Sonne durch die Fenster auf die Bänke schien. Das machte mich so froh, ich kann dir nicht sagen wie froh, und ich legte meinen Arm ein wenig um meinen Nachbar. Der aber wurde leichenblaß, schrie auf und sank zurück, als wäre er tot. Den Schreck, den ich damals erlebte, werde ich nie vergessen ... Seit diesem Tag grüßten mich die Lehrkörper immer zuerst, solche Angst hatten sie vor meiner Stärke ... Ich aber dachte dann viel an die heilige Hostie, die der Priester bei der Messe in die Höhe heben muß, und träumte oft, ich hätte den lieben Herrgott mitten entzweigebrochen. Es fing auch wieder zu regnen an, und wenn es regnete, fiel mir das Lernen immer schwerer als sonst ... Aber du mußt nicht denken, daß ich ein Faulenzer war. Es gab nur gewisse Dinge, die mir durchaus nicht in den Kopf wollten. Rechnen zum Beispiel. Am liebsten wäre ich Altertumsforscher geworden. Ja, dazu hätte ich Lust und vielleicht auch Talent gehabt. Aber unser Vater hätte so etwas nie erlaubt. Nach seinen Begriffen gab es nur zwei ehrenvolle Stände: Geistlicher oder Bauer.«
»Und was war dann weiter?«
»O, ich weiß es nimmer. Die Professoren tuschelten, so oft sie mich sahen, und einmal schrieben sie an Vater. Er kam nach Innsbruck, und sie hatten mit ihm lange, geheime Unterredungen. Darauf nahm er mich heim.«
»Und ich weiß noch genau den Tag, an dem du gekommen bist. Unsere Mutter weinte den ganzen Abend, weil sie dachte, du würdest sicher sterben, weil du gar so mager warst ... und weißt du noch, wieviel du damals gegessen hast?«
»Und weißt du noch, wieviel du damals gekocht hast? Es wäre schade gewesen um die guten Sachen.«
Sie lachten und schritten engumschlungen zurück über den Hof. Plötzlich erschien im Rahmen der offenen Küchentür die Bäuerin mit einem Licht in der Hand und hielt Ausschau nach ihren Kindern. Da lösten Stephan und Maria schnell die Arme voneinander, weil sie sich vor der Mutter schämten, daß sie sich so liebhatten, und schritten hintereinander in das Haus.
Viertes Kapitel
Es war wieder Juni geworden. Die breiten Wiesen vor dem Klausenhof lagen dunstend in der Sonne, und wer die Hand an ihre Erde drückte, konnte fühlen, daß sie bebte, wie eine Brust vielleicht, die unter einer Bürde atmet. Abwärts an die Wiesen schlossen sich die Felder und trugen an derselben Schwere. Dort, um das drängende Korn verteilt, arbeiteten die Knechte mit Stephan in ihrer Mitte, der sie alle um Kopfeslänge überragte. Es war keiner unter ihnen so sehnig, so licht und stark wie er. Nach der strengen Zucht, die von jeher am Hofe herrschte, wurde bei keiner Beschäftigung gesprochen. Gleichmäßig, in wortloser Übereinstimmung arbeiteten sie zusammen, bis der Westen brannte. Dann reckten sie ihre krummen Rückgrate, entzündeten ihre Pfeifen, nahmen ihre Werkzeuge auf ihre Schultern und stampften heim. Nur Stephan blieb. Langsam schritt er noch einmal die Wege ab, prüfte und ordnete, wo es noch etwas zu ordnen gab, und verfiel in Träumereien, die zuletzt in leisen Zwiegesprächen mit seinem toten Vater endeten ... »Schau,« sagte er, und beschrieb mit der Hand einen weiten Bogen gegen das blühende Land, »das erste Jahr, das du nicht da bist – ein schweres Jahr und doch voll wunderbarem Segen. Schau nur das Korn an, es ist noch ganz grün und kann sich doch schon nimmer halten vor lauter Schwere in den Ähren.«
»Ja, das Korn steht schön.«
»Und im Haus, Vater, geht auch alles viel besser, als wir dachten, daß es gehen würde. Maria ist viel tüchtiger, als wir alle glaubten, und seit Therese nimmer da ist, merkt man erst, was sie leisten kann. Freilich, sie war ja auch schon vierundzwanzig Jahre letzte Woche.«
»Vierundzwanzig ... ja, sie kommt in die Jahre ... sag, Stephan, wie wird denn dann das mit all der Arbeit werden, wenn sie auch einmal nicht mehr da ist?«
»Wie meinst du das, Vater?«
»Nun ja, du sagst doch selbst, sie war letzte Woche vierundzwanzig ...«
»Das schon, aber ...«
»Und du, Stephan, wie alt wirst du jetzt?«
»Dreißig, Vater, nächsten Herbst.«
»Dreißig ... Du bist eigentlich auch schon in den Jahren ... und der Müller hat drei Töchter. Die Älteste ist mager und bissig, die möchte ich dir nicht raten. Die zweite, glaube ich, ist schon versprochen. Aber die dritte ist lieb und gut und ging den weiten Weg, nur um dich zu sehen, als du damals kamst von Innsbruck ...«
»Das schon, Vater, aber ...«
»Darum meine ich, du sollst einmal hinübergehen und den Müller fragen, wieviel die große Wiese kostet, die er schon so lange feil hat ... und so im Gespräch, du weißt schon, wie ich meine ...«
»Ja, Vater, des Müllers Agnes ist lieb und gut, aber ich getraute mich doch nie um sie zu freien, denn die nimmt nur einen ganzen Mann.«
»So meinst du, Stephan, du seiest kein ganzer Mann?«
»Kein ganzer Bauer, Vater. Ich schäme mich immer, daß ich lesen und schreiben kann und die Berge ringsum beim Namen kenne. Kein richtiger Bauer kennt sie und kümmert sich darum.«
»Hm, hm, und trotzdem steht das Korn schöner als je ...«
»Das schon, Vater ... aber dafür verdiene ich kein Lob. Ich war nicht bei dem Säen ...«
»Da hast du recht ... aber denke nach, Stephan, hast du nicht heimlich in die Stadt um einen der neumodischen Samen geschrieben? Und in der Gartenecke, wo früher immer nur Brennesseln waren, ist jetzt ein ganzes Feld von großen, gelben Blumen ... die sind dort auch nicht aus freien Stücken gewachsen ...«
Da wurde Stephan rot, und als ob sein Vater wahrhaftig an seiner Seite schritte, wandte er den Kopf und sagte:
»O Vater, ich habe soviel Kummer deswegen gehabt, nicht der Blumen wegen. Die kosteten nicht viel, und ich dachte, wie sehr Maria sich freuen würde. Aber des Kornes wegen. Der Samen war nicht billig, und da dachte ich oft, ich sei ein schlechter Erbe, der das Geld der Klausen leichtsinnig vertut. Den ganzen Winter konnte ich nicht richtig essen und schlafen aus lauter Angst, daß das fremde Zeug nicht aufgehen könnte.«
»Und es ist doch so schön aufgegangen, Stephan.«
»Ja, Vater; und die Freude, die ich hatte, als ich die ersten, grünen Spitzen sah, kann ich nie beschreiben.«
»Aber vorsichtig mußt du doch sein mit neuen Dingen. Es könnte nicht immer so gut ausfallen ... die Klausen waren stets bedächtige Leute.«
»Das schon, Vater ...« Stephan dachte plötzlich an den Wald und an die neue Villa, »aber, wer nichts wagt, gewinnt nichts.«
»Hast du das in Innsbruck gelernt?«
»Ja.«
Darauf schwieg sein Vater, als ob er über die Antwort nachsänne, und Stephan schritt tüchtiger aus. Als er auf dem holprigen Fahrweg ankam, bemerkte er weiter unten eine Kutsche, die sich langsam näherte. Er blieb stehen, um sie vorbei fahren zu lassen, und sah, daß es ein fremdes Gespann war, das er nie gesehen hatte. Ein Mann mit hohem Hut und gelben Knöpfen lenkte die Pferde, und grünseidene Vorhänge verdeckten an den Fenstern das Innere des Wagens. Während der Wagen aber langsam an ihm vorbei fuhr, schob sich plötzlich eine Hand aus dem grünseidenen Vorhang und legte sich auf den schwarzlackierten Wagenrand. Nichts weiter kam zum Vorschein, nur diese weiße, müde Hand. Stephan aber konnte die Blicke nicht davon wenden und schritt dem Wagen nach. Der fuhr die Höhe hinauf, um die Wiesen herum, am Klausenhof vorbei, und noch immer schritt Stephan nach. Ohne es zu wissen, ohne es zu wollen, schritt er nach, bis die Kutsche vor der neuen Villa hielt und das helle, weiße Licht, das aus jedem Fenster drang, blendend seine Augen traf. Da schämte er sich und eilte heim.
Fünftes Kapitel
Frau von Kletten fror. Sie gab Befehl, sämtliche Zimmer zu heizen, und breitete sich überdies ein warmes Tuch um die Schultern. Dann legte sie sich auf den weichen Plüschdiwan, schloß ermüdet die Augen und dachte nach, warum in aller Welt sie eigentlich hergekommen war. Nach einer Weile fiel es ihr ein. Richtig, wegen Margarete. Sie war in den letzten Jahren so überzart geworden, irgendein Arzt hatte etwas von den Bergen gesagt, und der gute, ängstliche Papa hatte sofort eine Villa bauen lassen, eine Villa mitten im Wald, 1300 Meter hoch ... gräßlich!
Sie schüttelte sich, gähnte, rückte die seidenen Kissen bequemer und versuchte zu schlafen. Plötzlich aber kam ihr eine neue Sorge. Leichtsinnig wie alle jungen Mädchen saßen ihre Kinder sicher draußen auf dem Balkon, in dünnen Batistkleidern. Seufzend streckte sie die Hand nach der Klingel aus, besann sich aber auf halbem Weg und stand auf, um selbst nach ihnen zu sehen. Sie fand die Mädchen auf dem breiten Hauptbalkon und, wie sie vermutete, in dünnen, weißen Kleidern. Fröstelnd trat sie zu ihnen und sah prüfend auf die jungen, frischen Gesichter.
»Friert euch nicht, Kinder?«
»Aber Mama, wir sitzen die ganze Zeit in der Sonne.«
»Ohne Hut und Schirm, das sollt ihr eben nicht.«
Nun lachte Frida, die Älteste, und sagte:
»Dafür mußt du Hugo schelten. Er hat es uns erlaubt.«
Scherzhaft mit dem Finger drohend, wandte sich Frau von Kletten jetzt an den jungen, eleganten Mann, der lang und nachlässig im bequemsten Sessel lag.
»Sie bringen mich noch um meine Töchter, lieber Hugo.«
Ein feiner Doppelsinn lag in ihren Worten, und er machte eine komische Gebärde des Entsetzens.
»Doch nicht um beide, gnädige Frau.«
Margarete, zart und blond, erhob sich und legte ihre Arme schmeichelnd um die Mutter.
»Ist es nicht gottvoll hier oben, Mama?«
»Im Sommer, Kind, und bei schönem Wetter, aber im Winter muß es direkt gräßlich sein.«
»Im Winter wohnt ja auch niemand hier.«
Hugo von Rotenau lächelte spöttisch.
»Glauben Sie vielleicht, die Bauern ziehen mit ihren Kühen in die Stadt?«
»Aber es sind doch keine Bauern da.«
»Doch, dort drüben das große, weiße Haus ist ein Bauernhaus.«
»Sind noch mehr da?«
»Nein, das ist das einzige.«
»Wer wird soviel über Bauernhäuser reden,« sagte Frau von Kletten. »Wie finden Sie die Gegend, lieber Hugo?«
»Unvergleichlich schön.«
»Und wie lange werden Sie diese unvergleichliche Schönheit ertragen können?«
»Bis ich ihrer müde bin.«
»Dann dürfen wir mit Ihrer Gesellschaft nicht für lange rechnen.«
»Nein« ... und er zündete sich eine Zigarette an.
Frida reichte ihm jetzt ihr Fernglas.
»Wollen Sie uns nicht sagen, bitte, wo der Rosengarten liegt?«
Er wies das Glas zurück.
»Danke, ich habe gute Augen ... dort geradeaus, die drei Zinken.«
Margarete blickte ebenfalls nach der Richtung und sagte lebhaft:
»Ja, das wollte ich auch schon wissen. Aber woher rührt eigentlich dieser schöne, merkwürdige Name?«
Hugo von Rotenau zuckte gleichgültig mit den Achseln.
»Das weiß ich nicht.«
Dann wandte er sich Frau von Kletten zu, die sich inzwischen gesetzt hatte, und ohne sich weiter um die Mädchen zu kümmern, begann er, aus einer seiner blitzartigen, unergründlichen Launen heraus, über die Kunst zu reden. Er redete mit weicher, gedämpfter Stimme und sagte:
»Wie die Natur erst reizvoll wird, wenn der Mensch kommt und sein Menschenauge sie reizvoll findet, so wird das Kunstwerk erst lebendig, wenn der Beschauer kommt mit seiner Phantasie. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit ein Bild gesehen, das mich interessierte, weil es ohne den Menschen – ich meine, ohne den richtigen Menschen – gänzlich belanglos wird. Bitte, stellen Sie sich es vor ... Ein ärmliches Zimmer, im Vordergrund ein paar Arbeitsleute in Sonntagskleidern. Weiter nach hinten eine offene Tür. Links und rechts davon Grabkränze. Im anderen Raum Kerzenlicht und die Ecke eines Sarges ... Nichts weiter ... Das ganze Bild wartet. Wartet auf jemand, der da kommt und sagt: ›Es ist die Mutter, die dort drinnen liegt.‹ Ja, sicher, es ist die Mutter. Man merkt, wie sie zu dem Raum gehört, noch da ist und doch schon fehlt. Verlassen steht der Rocken in der Ecke, aber ihre alten Hände schweben schattenhaft darüber. Die Blumen an den Fenstern atmen leise und trinken das letzte Wasser, das sie ihnen gab. Das ganze Stübchen ist voll Liebe. Ihr ganzes Leben hat sie hier zugebracht. Alles hat sie hier gelitten ... Ihre Kinder wurden da geboren, ihren Mann trug man von da hinaus ... Wie müde Vögel flattern ihre Schmerzen durch den Raum. Hinter der Türe hängt ihr Werkelkleid, das sie auszog für den Feiertag ... sie dachte nicht, daß er so lang sein würde ... Das starre Bild wird warm und regt sich unter dem Zauberkuß der Phantasie. Was aber wird daraus, wenn einer kommt, der vorbeigeht und sagt: ›Jemand ist gestorben.‹«
»Wie hübsch Sie reden,« sagte Frau von Kletten. Aber sie dachte: »Wie taktlos er ist. Er redet von Grabkränzen und Särgen, wo er weiß, daß ich die Toten fürchte. Nein, er ist kein Mann für meine Kinder.« Und um den Gegenstand des Gespräches zu wechseln, fragte sie: »Was war das für ein Flieger, der letzte Woche abstürzte?«
»Ich weiß es nicht.«
»Interessieren Sie sich denn nicht für Aviatik?«
»Sehr.«
»Dann? ...«
»Aber nicht für Unfälle.«
»Warum nicht?«
»Weil es nicht meine Gewohnheit ist.«
»Aber das eine gehört zum andern.«
»Ja.«
»Sie sind hartherzig,« sagte Frau von Kletten. Aber sie dachte: »Er ist nüchtern und praktisch, gerade wie es das Leben verlangt. Der einzig richtige Mann für meine Frida.«
Dann stand sie auf und sah sich nach den Mädchen um. Die waren fort.
»Also auf Wiedersehen,« sagte sie und reichte ihm die Hand, die er artig küßte. Als sie fort war, zündete er sich eine neue Zigarette an, und während er sie in langsamen Zügen rauchte, schaute er hinab auf die Wiesen, wo eine Schar Männer das erste Heu mähte. Sie boten ein schönes Bild, und der vornehme Müßiggänger auf dem Balkon betrachtete mit Künstlerblick und Künstlersinn, wie die nackten, braunen Arme in weichen, langen Linien die blitzenden Sensen führten und ein Strich Gras nach dem andern lautlos niedersank. Seine besondere Aufmerksamkeit aber galt einem jungen Mann. Er schied sich von den andern durch seine ungezwungene Haltung und seinen hohen, stolzen Wuchs ...
Und Hugo von Rotenau dachte: »Leicht wie ein Spielzeug handhabt er die Sense, und jede Gebärde verrät den Herrn. Wie stolz er sich trägt und wie vollkommen er ist. Ich habe nicht gewußt, daß es solche Geschöpfe gibt ... wenn ich einmal am Ende meines Ichs anlange und fühle, daß ich einen Menschen brauche, möchte ich diesen Knaben um seine Freundschaft bitten ...«
Und als hätte er plötzlich einen Gedanken bekommen, der ihm früher fremd war, sprach er laut und deutlich:
»Am Ende meines Ichs ... was da heißen soll, wenn das Herz leer wird und von dem Witz, der Weisheit und der Güte der andern leben will.«
Er warf die Zigarette weg und sprang auf. Sein Gesicht war gleichmütig wie immer, nur seine Lider lagen ein wenig schwer über den Augen. Kein Mensch hätte ihm angesehen, daß er erregt war, daß ihn eine tolle Furcht erfüllte, die Furcht des Einsamen, dem bangt um seine Einsamkeit ... Er verließ das Haus und wanderte durch den Wald. Kühl und feucht, mit hängenden Zweigen, standen die Lärchen links und rechts. Er griff in ihre langen, grünen Haare, und nun dachte er an Frauen, an die eine, die er geliebt hatte und doch auch gehen ließ wie all die andern, weil er allein sein wollte ... Ihr Name – einer von den wenigen Frauennamen, die er behalten hatte von all den Namen, die er schon kannte, lag plötzlich in der Luft, und dann kam sie selbst mit der Abendröte auf den Wimpern und den Wangen ... »Vera«, sagte er, obwohl er genau wußte, daß es unmöglich Vera sein konnte. Dann wartete er mit angehaltenem Atem und ließ sie vorübergehen. Ruhig und stolz, mit einer leisen Falte zwischen den Brauen, schritt das fremde Mädchen an ihm vorbei. Sie ging den Weg zum Bauernhaus, und als sie hinunter an die Wiese kam, trat der junge Mann zu ihr, den er vorhin bewundert hatte. Da merkte er an Gang und Haltung, daß sie Geschwister waren. Hugo von Rotenau blickte ihnen eine Weile nach, dann setzte er seinen Spaziergang fort. Auf dem Heimweg aber machte er einen weiten Bogen um die Villa, kam beim Bauernhaus vorbei und sah das Mädchen noch einmal. Sie stand im Garten unter einem Feld von großen, gelben Blumen. Da zog er tief den Hut und grüßte sie.
Sechstes Kapitel
Stephan und Maria verbargen sich etwas. Sie vermieden sogar, soviel es ging, allein miteinander zu sein, und wenn es einmal nicht anders möglich war, dann sprachen sie, in hastigem Eifer die gleichen Dinge wiederholend, über die Knechte, die Ernten, die Mutter und Therese. Aber kein Wort über die Villa und die neuen, fremden Menschen, deren Kommen sie mit Spannung und Groll erwartet hatten. Und nun waren diese Menschen schon so lange da, und beide wußten es, und keines sagte es dem andern ...
Maria nicht, weil sie einen Mann gesehen hatte mit dunklen, merkwürdigen Augen, der sie grüßte, als ob sie eine Gräfin wäre, und mit ihr über fremde, traumhafte Dinge redete, wenn er sie im Garten oder im Walde traf ... und Stephan nicht, weil er einmal in dämmeriger Abendstunde einem Wagen nachgegangen war, einem Wagen und einer Hand, zu der er sich seither Augen, Mund und Haare nach dem Bild der Gottesmutter, das er in Innsbruck sah, geschaffen hatte. Und wenn er vom Felde heimging, dachte er nicht mehr wie früher an Maria oder an den Vater, sondern an die Gottesmutter ... und doch wieder nicht an die Gottesmutter, sondern an ein Mägdlein mit langen, blonden Haaren und tiefen, scheuen Blicken ... Und eine Unruhe war über ihn gekommen wie über den Wald, wenn die ersten Frühlingsstürme auf dampfenden Rossen durch die alten Tannen reiten, und ein Getöse war in sein Blut gekommen, wie wenn ein starker, breiter Strom sich schwer auf starren Felsen bricht ... So kam es, daß er übersah, wie Marias Eifer abnahm. Daß sie nimmer aufsprang, wenn er abends heimkam, sondern sitzen blieb und auf den Weg hinausstarrte ... daß sie oft mitten in der Arbeit innehielt, die Hände noch in der Luft, den Kopf gesenkt, gerade als ob sie lauschte ... vielleicht nach einer Stimme, vielleicht nach einem Schritt, vielleicht nach Gedanken, die plötzlich aus dem Herzen steigen, ein rasches Licht ins Auge tragen und lautlos wieder gehen ... übersah, wie sie höher wurde, merkwürdig reifte und erblühte gleich einer Blume oder Frucht, die nach lauen Tagen plötzlich die Sommersonne spürt und alle ihre Blätter breitet ... übersah, wie sie edel wurde in Schritt und Gebärde, wie ein Zauber sie mit leuchtenden Fäden umspann, bis sie wie etwas Fremdes, Fernes in den niedren Stuben stand ... Das alles übersah Stephan. Er wurde schwer und verträumt, wie alle Klausen waren, wenn sie die Liebe packte, denn Stephan liebte, liebte in einer wundersamen, wesenlosen Weise, wie kein Klausen je geliebt hatte ...
Siebentes Kapitel
Im Tale reiften die Pfirsiche und Frühtrauben. Dick und saftig standen Bäume und Reben von der Erde, die in ihrem Innern noch den letzten Regen trug. Die Berge aber waren ausgetrocknet, und alles litt unter der Dürre. Verzweifelt blickten die Bergbewohner zum Himmel auf, aber kein Wölkchen zeigte sich, und die Hitze wuchs. Sie grub sich in den Wiesenboden, daß er hell und hart wurde wie Stein. Sie bohrte sich in den Fels, daß er sprang und zerstob wie Staub. Sie fraß sich in den Wald und brannte die Nadeln dürr, daß sie abfielen wie Spreu.
Da ließ die Klausenbäuerin eines Morgens das große Holzkreuz aus der Stube tragen, und ein Knecht stellte es mitten auf der Wiese auf. Dann schickte sie Boten in die entlegensten Höfe, und nun kamen jeden Abend Bauern und beteten vor dem Kreuze Rosenkranz und Litanei. Aber noch immer zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, und die Hitze wuchs. Niemand hatte je auf den Bergen einen solchen Sommer erlebt. In der fünften Woche, da geschah etwas. Es war Sonntag und ein Uhr. Tiefblau und unbeweglich wie immer stand der Himmel, und die Sonne darin eine senkrechte Flamme. Sämtliche Bewohner des Klausenhofes standen vor dem Brunnen und blickten auf das Wasser, das dünn wie ein Seidenfaden floß. Sie dachten an die Hilfe der armen Seelen und sprachen über eine Messe, die sie lesen lassen wollten. Da kam ein Fetzen Rauch. Er war nicht viel größer als eine ausgespannte Hand, und als er an den Köpfen der Leute vorbeiflog, brachte er einen Geruch von Brand. Eine Weile schwankte er unentschlossen hin und her, dann drehte er sich gegen die Wiese und hockte sich auf das große Kreuz, gerade auf die Spitze. Gleich danach kam ein zweiter Fetzen. Niemand hatte ihn kommen sehen. Wie aus der Erde gewachsen war er da, und der Brandgeruch verstärkte sich. Der Himmel aber stand noch immer tiefblau und unbeweglich. Nun kam ein dritter Fetzen, lang und fein wie ein Schleier. Aber er wuchs wie eine Wolke und füllte das Tal mit unendlicher Schnelligkeit. Dann sprang ein weißes Licht nieder, aber kein Donner folgte, und der Himmel war noch immer blau.
Plötzlich schob sich ein Schatten vor die Sonne, und es entstand ein Getöse. Oben? Unten? in dem Wald, oder in den Wiesen? Man hätte es nicht sagen können, denn die Wipfel der Bäume waren unbeweglich, und kein Grashalm regte sich. Aber es war da, und man empfand die Gegenwart unheimlicher Kräfte. Dann begann es von unten auf zu dampfen und zu steigen. Überallhin warf der Nebel seine Riesenschleppen aus. Der ganze Himmel schien im Tale zu liegen. Das dauerte einen Augenblick, dann wurde es schwarz, und als ob das das Zeichen wäre, kam der Sturm. Das ganze Land zitterte unter seinen Tritten, und der Wald stöhnte wie ein Mensch. Aus einer Wolke im Westen sprang der Blitz. Eine Sekunde lang war alles blau, und der Donner, der folgte, übertönte den Sturm. Dann wurde es Nacht wie vorher, und prasselnd setzte der Regen ein. Da erwachten die Leute um den Brunnen aus ihrer Erstarrung und liefen in das Haus. Sie hatten nur ein paar Schritte bis zur Türe, aber als sie in die Stube kamen, lag auf den Hüten der Knechte ein Kranz von Eis. »Hagel«, sagten sie und fingen laut zu beten an. – Den nächsten Morgen stand Stephan allein im Hof und schaute mit verschränkten Armen in das Land. Die Luft war klar, der Himmel wunderbar blau, und die Wiesen und die Wälder leuchteten im doppelten Grün. Ringsum auf den hohen Bergen aber lag der Winter. Weiß und glänzend hoben sie ihre Spitzen in das blaue Firmament und trugen ihre Schneekronen leicht und froh wie junge Mädchen ihr Geschmeide. Da freute sich Stephan und sprach:
»Wie schön! wie schön!«
Dann fuhr er zusammen, denn jemand hatte plötzlich seinen Arm berührt. Er drehte sich um, und neben ihm stand der älteste Knecht. Sein Gesicht war blaß wie von einer großen Erregung, und seine Knie schlotterten. »Herr,« sagte er fassungslos, »Herr, das arme Vieh auf den Almen.« Darauf wandte Stephan den Blick und sprach lange nicht, so schämte er sich. Endlich aber faßte er sich und sagte: »Ja, das Vieh ... das arme Vieh ...« Und als er sah, daß der Knecht die Worte, die er vorhin aus einem großen Empfinden heraus gesagt hatte, nicht gehört hatte, wurde er ruhig und sprach mit sachlichem Eifer über die Almen und die Hütten darauf: daß die Dächer ausgebessert und mit schwereren Steinen beschwert werden müßten, daß er Fürsorge treffen würde mit dem Futter und dergleichen für den Fall eines Unwetters wie gestern, und daß er in den nächsten Tagen selbst hinaufgehen werde, um genau zu sehen wie alles stünde ... Über das und vieles andere redeten sie, und der Knecht erzählte noch über den Schaden, den der Hagel in den Tälern angerichtet hatte. Endlich ging er mit bekümmertem Gesicht. Stephan aber blieb im Hofe stehen. Seine Blicke waren finster, zwischen seinen Brauen stand eine senkrechte Falte, und als ob die schöne Villa, die östlich von ihm aus einer Gruppe grüner Lärchen grüßte, schuld an seinem Kummer wäre, schaute er starr hinüber. Dann schüttelte er sich, wie um etwas abzuschütteln, und dabei sagte er:
»Vielleicht ist es doch besser, daß ich einmal zum Müller gehe und ihn wegen der Wiese frage ...«
Achtes Kapitel
Seit dem Unwetter floß im Klausenhof das Wasser aus dem Brunnen gelb und schlammig. Es mußte daher mit der Quelle etwas nicht in Ordnung sein. Weil es Erntezeit war und die Knechte alle Hände voll Arbeit hatten, um den Segen des Jahres heimzubringen, zog Stephan seinen schlechtesten Rock an, nahm eine Picke auf die Schulter und ging selbst, nach dem Übel zu schauen. Die Quelle lag weit oben im Wald, und er mußte an der neuen Villa vorbei. Obwohl er alle Sprüche darauf kannte und sie oft genug gelesen hatte, blieb er doch stehen und las den Spruch, der sich dem Wald zukehrte:
| »Auf hoher Warte rag' ich da, |
| Dem Tale fern, dem Himmel nah, |
| Blick' weit hinaus ins freie Land |
| Und stehe so in Gottes Hand.« |
Gerade als er weiter gehen wollte, sah er im Garten etwas Weißes durch die Büsche schimmern. Es war ein Kleid, und nun blieb er noch einmal stehen, als ob er hoffte, noch mehr zu sehen als das Kleid. Aber dann dachte er an Agnes, dachte daran, wie lieb und gut sie sei und welch weiten Weg sie machte, nur um ihn zu sehen, als er damals kam von Innsbruck. Da ging er wieder und beschäftigte sich vorsätzlich weiter mit ihr. Er hatte sie jetzt schon längere Zeit nicht gesehen, aber ehe er nach Innsbruck ging, waren sie viel beisammen. Als Kinder jagten sie oft die Berge hinauf und hinunter, und er fing sie bei den Zöpfen, die mit roten Bändern geputzt hinter ihr flogen ... Ja, früher ging er nicht ungern hinab zur Mühle und verirrte sich auch oft, denn genau muß man den Weg dorthin kennen ... Über gefällte Bäume und wüstes Geröll muß man klettern, dann findet man sie versteckt zwischen Felsen und Fichten, und ein schwarzbrauner Waldbach treibt ihre großen, hölzernen Räder ... Und wenn man just Glück hat, kommt einem Agnes entgegen, im kurzen, kleidsamen Dirndlgewand. Und sie führt den Gast über holprige Dielen und knarrende Treppen in die gemütlichste Stube, plaudert dabei über lustige Dinge und lächelt schelmisch die ganze Zeit ... Ja, so ist des Müllers Jüngste, und ein liebes Kind ist sie ... Immer weiter spann Stephan seine Gedanken, und immer leichter und froher wurde er. Alles Schöne fiel ihm neben Agnes und der Mühle ein: daß im Stalle alles so gut stand, daß die Ernte so reich war, daß die Mutter nimmer kränkelte, und daß Maria so ein frohes Licht im Auge trug ... Ja, es ging gewiß alles gut auf seinem Hofe, und er war vielleicht doch kein allzu schlechter Bauer.
Oben bei der Quelle fand er Arbeit, und nun wurde er praktisch und hörte zu träumen auf. Der heftige Regen hatte die Felsen abgeschleift, Schutt und Schlamm herangeschwemmt und Felsblöcke auf den Mund der Quelle gelegt. Die Erde aber war fortgewaschen, und das Rohr lag stellenweise bloß. Stephan zog seinen Rock aus, rollte die Hemdärmel zurück, und bald zitterte der ganze Wald von den Schlägen seiner Picke. Weil er aber die schweren Felsstücke fortrollte, als wären sie nur Kieselsteine, und den Boden mit den dicken Baumwurzeln so leicht aufriß, als träge er nur Moos, verdroß ihn die Arbeit insgeheim, da er meinte, sie brauche keine Kraft. Trotzdem arbeitete er weiter und stand oft bis zu den Knien im Schlamm. Es dämmerte schon, als er endlich fertig war. Erst wollte er denselben Weg zurückgehen, den er gekommen war, dann aber änderte er seinen Sinn und schlug einen Pfad ein, der in die Felder führte. Er schlug diesen Pfad ein, vielleicht weil er sehen wollte, wie weit seine Leute mit dem Korn gekommen waren, vielleicht aber auch, weil er vermeiden wollte, daß er wieder an die Villa kam. Als er aus dem Walde trat, sah er schon von weitem in langen Reihen die Garben aufgestellt. Die Knechte aber waren nimmer da, und das ganze Feld lag einsam im Sonnenuntergang. Stephan faßte seine Picke fester und eilte rascher vorwärts. Eine feierliche Freude war über ihn gekommen, denn nun dachte er an die Winternächte, in denen er nicht schlafen konnte aus lauter Sorge um den Samen. Und weil sein Herz so voll war, sagte er: »Schau, Vater, schau ...!« Dann schritt er das ganze Feld entlang, blieb bei jedem Büschel stehen und streichelte es liebevoll ... Währenddem ging die Sonne unter. Stephan fiel jetzt die Mutter ein, die zu Hause wohl wartend an der Türe stand, und er wußte, daß es Zeit war heimzugehen. Darum schritt er aus dem Feld heraus, hinüber zu dem Fußpfad, der das Korn von den Wiesen trennte. Als er hinkam, sah er von unten eine weiße Gestalt herankommen ...
Vielleicht eine Frau ...
Vielleicht ein Mädchen ...
Stephan beschattete die Augen mit der Hand, denn die Abendröte lag blendend nach dieser Seite.
Ja, ein Mädchen ...
Leicht und sicher, ohne das lange Kleid zu raffen, schritt es durch das hohe, blühende Gras. Von seinem Kopfe wehte ein feiner weißer Schleier, in der Hand trug es einen Hut mit Mohnblüten. Da sie demselben Pfad zustrebte, auf dem Stephan stand, dachte er daran, sie vorangehen zu lassen. Nicht etwa aus Höflichkeit, sondern weil er nicht leiden konnte, wenn jemand hinter ihm ging. Weil die Fremde aber noch ein gutes Stück unten war und Stephan nicht auf dem Wege stehenbleiben wollte, schritt er in das Feld zurück und machte sich an den Garben zu schaffen. Dadurch verlor er sie aus den Augen, doch tauchte sie bald auf der Höhe des Weges auf. Als sie den einsamen Mann gewahrte, hemmte sie plötzlich ihre Schritte, zauderte einen Augenblick, bog dann vom Wege ab und trat zu ihm ...
Stephan lehnte sich ein wenig schwer an die Garben.
Das Mädchen, das plötzlich vor ihm stand, sah er heute zum erstenmal und kannte es doch schon lange. Das waren dieselben blonden Haare, dieselben scheuen Augen, dieselbe weiche Hand ... Unter tausend Händen hätte er diese Hand herausgekannt. Er wollte an Agnes denken, aber er konnte nicht. Dumm und verwirrt wie ein Knabe stand er vor ihr. Sie aber wußte nichts von seinen Gedanken und sagte mit einfacher Herzlichkeit:
»Wir haben erst vor ein paar Tagen erfahren, was für ein großes Unglück Euch traf, als man unsere Villa baute ... es tut mir ...« sie stockte und verbesserte sich, »ich meine uns allen so leid.« Nun kam er zu sich, und weil er sich schämte, daß ein ganz fremdes Mädchen ihn so erregen könne, nahm er alle Kraft zusammen, wandte den Kopf zur Seite, als ob sie gar nicht da wäre, und sagte leichthin: »O, das ist jetzt schon lange her, und wir haben es überwunden ... einmal hätte es doch kommen müssen, so oder so.« »Allerdings ...« Dann schwieg sie, blickte auf seinen beschmutzten Anzug und dachte: »Was nützt diesen Leuten Mitgefühl? Sie brauchen Geld.« Und während ihr Ton kühler und ihre Haltung stolzer wurde »... aber es wäre vielleicht nicht so plötzlich gekommen. Wenn Sie darum irgendeine Hilfe brauchen ... mein Papa ist sehr gut.« Da flammte eine heiße Röte in seine blassen Wangen, seine Augen blitzten, und er sagte verächtlich: »Sie irren sich vollkommen. Wir haben Geld genug, daß wir dreißig solche Villen bauen könnten, als die dort drüben ist ...« und nach einer Pause, während der sie erstaunt und verletzt dastand »... aber Sie verschwenden Ihre Zeit mit einem einfachen Bauer ... sehen Sie dort das Alpenglühn.« ... Und er wollte gehen und konnte nicht, weil ihn das Schauspiel selber bannte.
Geradeaus vor ihnen, jäh sich hebend vom dämmrigen Himmel wie Edelsteine auf dunklem Sammet, lohten eng aneinander gerückt die Königskinder der Dolomitenberge, und die weißen Mauern eines einsamen Bergkirchleins, das sich im äußersten Osten gegen den Himmel schob, brannten in einem tiefen, lilafarbenen Schein ...
Das dauerte einige Minuten, dann sprang am Fuße des mächtigen Schlern ein Schatten auf, der langsam höher kroch und Licht fraß. Es floh in die äußersten Spitzen und leuchtete dort noch intensiver als vorher, aber der Schatten warf sich darauf wie ein riesiger Mantel und löschte die Glut. Nun standen sie grau wie die andern Berge und zeigten ihre Furchen, ihre Schluchten und ihren Schnee ...
Da erwachten die beiden auf dem Feld aus ihrer Versunkenheit. Schweigend, atemlos, jedes die Gegenwart des andern vergessend, hatten sie sich in die ferne Pracht versenkt. Nun sahen sie sich in die Augen, schämten sich, daß sie noch da waren, und freuten sich doch darüber, denn sie fühlten, daß sie sich verstanden und versöhnt hatten. Sie schritten aus dem Feld heraus, hinüber zum Fußpfad, und als ob es selbstverständlich wäre, gingen sie nebeneinander her. Erst gingen sie ohne zu reden, aber dann sagte das Mädchen: »Sie sind hier aus der Gegend und wissen vielleicht besser Bescheid als wir Fremden. Warum trägt der Rosengarten diesen merkwürdigen Namen?«
Darauf lächelte Stephan im freudigen Eifer, denn die Berge waren ihm immer das Liebste, und mit gedämpfter Stimme erzählte er ihr das Märchen von König Laurin und dem tapfern Ritter Dietrich von Bern. Er erzählte dieses Märchen mit so viel Bewegung, mit so viel eigener Phantasie und Begeisterung, daß sie auch davon begeistert wurde. Aber zum Schluß schien sie das Märchen und den Zweck des Märchens vergessen zu haben, denn sie lächelte fein und sagte: »Ich habe nicht gewußt, daß die Bauern so gelehrte Leute sind.« Da schämte und ärgerte er sich, denn sie hatte, ohne es zu ahnen, seine wunde Stelle getroffen, und er antwortete: »O, ich bin ein schlechter Bauer.«
Und weil sie nicht mehr weit vom Hofe waren, grüßte er rauh und ging.
Aber er ging nicht direkt ins Haus, sondern lief um den Hof herum wie jemand, der etwas Heimliches mitbringt, das er gern verbergen möchte, ehe es die anderen sehen, und als er endlich in die Stube kam, freute er sich, daß die Lampe nimmer brannte. Er tastete nach den Streichhölzern, aber als das Licht aufflammte, sah er, daß Maria in der dunklen Stube saß. Zu einer andern Zeit wäre ihm das befremdend aufgefallen, aber heute fiel es ihm nicht weiter auf. Doch auch Maria schien es nicht zu wundern, daß Stephan so spät kam. Sie brachte sein Essen ohne ein Wort des Erstaunens, begann dann über die Ernte zu reden und erzählte, daß der Brunnen wieder in Ordnung sei. Aber unter all dem Gerede über die Ernte und den Brunnen fragte sie plötzlich: »Sag, Stephan, wann gehen denn gewöhnlich die Fremden fort?« Die Frage schien nichts bedeuten zu wollen, aber Marias Gesicht war totenblaß, und ihre Augen brannten dunkel. Und plötzlich wußte Stephan ihr Geheimnis, weil ihn die Frage mit demselben Schreck und derselben Wucht traf. Er schwieg lange, als ob er sänne, aber er dachte: »Mein Gott ... mein Gott.« ... Dann zwang er sich zum Gleichmut und sagte: »Das hängt vom Wetter ab.«
»Ja ... aber gewöhnlich, Stephan?«
»Anfang Oktober.«
»Und jetzt haben wir schon September ...«
»Ja, Maria.«
Danach griff sie nach einer Kerze, entzündete sie, und ihre Hand zitterte stark über der Flamme. Das preßte Stephan das Herz zusammen, und er dachte: »Könnten wir es nicht ausreden miteinander?« Gleich aber fühlte er deutlich, daß so etwas zwischen zwei Klausen unmöglich sei, und ohne aufzuschauen sagte er ihr gute Nacht.
Neuntes Kapitel
In der neuen Villa war Besuch angekommen. Herr von Kletten, Industrieller und Großgrundbesitzer, hatte seine geliebten Güter einige Tage dem Verwalter überlassen, um seine Familie in Tirol aufzusuchen, und brachte eine Schar Bekannte mit. Die ersten Tage blieb die Gesellschaft vollzählig beisammen. Sie tauschten untereinander ihre wechselseitigen Eindrücke über die Gegend, besprachen Tagesneuigkeiten und machten Pläne für den kommenden Winter. Aber schon gegen Ende der Woche teilten sie sich in mehrere Gruppen. Die Herren unternahmen Ausflüge in die Berge, die Damen blieben zu Haus. Die Jüngeren unter ihnen verfertigten feine Handarbeiten, und die Älteren spielten Schach. Dadurch kam Frau von Kletten etwas zu sich, kümmerte sich wieder mehr um ihre Töchter und entdeckte nun, daß ihre blonde Jüngste irgendein Geheimnis barg. Sie zeigte der Mutter gegenüber eine merkwürdige Scheu, und Frau von Kletten zweifelte keinen Augenblick, daß die Liebe mit im Spiele war ...
Wen aber liebte ihre Margarete? ... Hugo von Rotenau ... Das war eigentlich das Nächstliegende, denn er war, ob er schwieg oder redete, eine bestrickende Persönlichkeit, und von seinen dunklen Augen strömte eine Macht aus, der zu widerstehen beinahe unmöglich war. Aber daß gerade Margarete ihn liebte, schien der kleinen, nervösen Frau etwas Schreckliches. Seine Lebensauffassung ... Lebensbrutalität nannte sie es insgeheim ... stand im schlagenden Gegensatz zu der weichen, schwärmerischen Gemütsart ihrer Tochter. Für Margarete paßte zum Beispiel der junge Waldburg. Der war reich, vornehm, nicht allzu geistreich, gutherzig, nachgiebig und viel auf Reisen. Da hatte sie ihr Kind viel bei sich. Gerade, was sie wollte. Hugo von Rotenau dagegen hatte sie, so unsympathisch er ihr auch in vielen Dingen war, für Frida bestimmt. Die war mehr für das Praktische, Positive, fand sich ausgezeichnet in die Gesellschaft und würde einmal Lebensklugheit genug haben, um einzusehen, daß ein Mann wie Hugo unmöglich treu sein könne ... denn treu würde er niemals sein, und so ein Mann bräche der armen, kleinen Margarete das Herz.
Alles das und noch viel mehr erwägte Frau von Kletten, während sie in ihrem Schaukelstuhle lag, sich leise schaukelte und feine Schokolade naschte. Sie erwägte hin und sie erwägte her, aber es kam doch immer dasselbe dabei heraus: Ihre scheue, stolze Margarete liebte, und der Mann, den sie liebte, war ein grausamer, unverständlicher, übersinnlicher Egoist. Und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, stand sie auf, zog aus einem kunstvoll gearbeiteten Schrank ihr Tagebuch und schrieb hinein: »Der schmerzlichste Undank der Kinder ist ihre Selbständigkeit.« Sie lächelte zufrieden über den eigenen, schönen Gedanken, legte das Büchlein wieder zurück und ging dann, sich für den Abend umzukleiden. Ehe sie sich aber in den gemeinsamen Speisesaal begab, suchte sie Margarete auf. Sie wollte sie wenn möglich warnen, sie ein klein wenig merken lassen, welch schrecklich gefährlicher, unmöglicher Mensch Hugo von Rotenau sei, ein Mensch, dem sie nie und nimmer Vertrauen schenken dürfe. Als sie aber in Margaretens reine Kinderaugen blickte, fehlte ihr doch der Mut dazu, und sie sagte nur: »Bist du auch ganz wohl, Liebling?«
Margarete bejahte lächelnd, hing sich dann an den Arm der Mutter und erzählte von einer Freundin, die ihr geschrieben hatte. Aber während sie plauderte, kam es Frau von Kletten vor, als ob das Mädchen ihre Gedanken wüßte und vorsätzlich so viele und so gleichgültige Dinge über die ferne Freundin brachte. Darum konnte sie sich doch nicht enthalten, ganz zu schweigen, und als sie auf der Schwelle zum Speisesaal standen, sagte sie: »Weißt du auch, daß du immer recht kühl sein mußt mit Hugo von Rotenau?«
»Warum, Mama?«
»Weil er ein böser Wildfang ist, der mein kleines Mädchen nie glücklich machen könnte.«
»Aber, Mama ...« und der große, erstaunte Blick, den ihr Margarete gab, beschämte Frau von Kletten so sehr, daß sie das Gespräch abbrach und hastig in den Saal schritt.
Die Mahlzeit verlief ruhig in leichter angenehmer Unterhaltung, ganz im Sinne der Hausfrau. Sie konnte geistreiche Dinge, wobei man denken, witzige Dinge, wobei man lachen, und schaurige Dinge, wobei man zittern mußte, durchaus nicht leiden. Anfangs hatte sie zwar befürchtet, daß man über die letzten Opfer der Schweizer Berge – alle Zeitungen waren voll davon – reden würde, aber niemand dachte daran. Sie machten dem Essen Ehre, lobten das Wetter, nahmen sich Dinge vor, die sie niemals zu tun gedachten, und Hugo von Rotenau, der einen oft ganz unerwartet mit außergewöhnlichen Dingen überfiel, war glücklicherweise in einer schweigsamen Laune ... Ja, glücklicherweise, trotzdem er Fridas Tischnachbar war und das arme Kind auffallend vernachlässigte. Zum Glück hatte sie Takt und Temperament und unterhielt sich mit dem Rittmeister nebenan. Der wieder war Feuer und Flamme ... O, sie waren Probleme, diese Männer ... Frau von Kletten seufzte und sah sich nach Margarete um. Die saß steif und korrekt neben dem jungen Waldburg, das feine Näschen leicht gebläht, wie in Hochmut, wie in Abwehr ... Der junge Waldburg erzählte ihr etwas über Pferde. Frau von Kletten hörte es deutlich durch das Geklirr der Gabeln und Messer. Er war ohne Zweifel ein wunderbarer Mann mit einem schönen Schloß und einem schönen Titel, devot und unverdorben, das Ideal von einem Schwiegersohn ...
»Verzeihung,« sagte ihr Nachbar, »haben Sie es gelesen?«
Sie dachte an die Schweizer Berge ... also doch ... und weil sie nicht wieder alle Einzelheiten des gräßlichen Unglücks hören wollte, sagte sie rasch: »Ja, es waren Berliner und ihrer sieben ... aber warum bleiben sie nicht zu Hause?«
»Sehr richtig ... aber ich meine die Frau mit den Fünflingen.«
»Wie interessant,« Frau von Kletten errötete wie ein junges Mädchen, »wahrscheinlich eine ... wie heißen sie nur? ... eine von den wilden Rassen.«
»Nein, eine Frau aus Südtirol, ganz in der Nähe.«
»Und sind die Babys alle am Leben?«
»Vorläufig, ja.«
»Entzückend!«
Aber sie fand es schauderhaft und im höchsten Grade unsittlich. Die Stimme ihres Mannes, die laut und vernehmlich durch das Zimmer klang, beruhigte sie wieder. Er gab harmlose Schilderungen landwirtschaftlicher Verhältnisse, und als er sich trocken geredet hatte, ergriff eine Dame das Wort und hielt einen Vortrag über japanische Seide. Das waren alles ganz ungefährliche Dinge, und Frau von Kletten erhoffte sich einen gemütlichen Abend. Plötzlich aber fuhr sie erschrocken zusammen. Am unteren Ende war ein erregtes Gespräch entstanden, und ein junger Mann sagte: »Ein Arzt, ein Freund von mir, sitzt seit acht Monaten im Zuchthaus, weil er einen Patienten, der an einer äußerst schmerzvollen und absolut unheilbaren Krankheit litt, vergiftet hat. Zu bemerken ist, daß der Kranke seinen Tod wünschte ... Nun frage ich: Ist der Mann schuldig oder nicht schuldig?«
»Schuldig!«
»Schuldig nach dem Gesetz, und das Gesetz ist das Oberste ...«
»Schuldig nach der Religion, und die Religion ist unfehlbar ...«
»Ja, schuldig, denn es ist ein Mord.«
»Und was sagen Sie, mein Herr?«
»Ja ... Nein ... das heißt ...« der Angeredete wickelte bedächtig an seiner großen Zigarre, »die Herrschaften sprechen von einem Mord. Ein Mord kann aber nur sein, wo Leben ist. Wohlverstanden, Leben. Ich habe vor dem Worte Leben einen hohen Respekt. Es bedeutet für mich vor allem die Fähigkeit zur Freude; dann alles, was stark ist, gesund ist und die Bürgschaft liefert, daß es diese Eigenschaften fortpflanzen kann und fortpflanzen wird ... Bringen Sie mir einen unheilbaren Kranken, der auch nur eine dieser Eigenschaften besitzt, und ich gebe Ihnen recht.«
»Und was ist Ihre Meinung in der Sache, Herr von Rotenau?«
»Einen Augenblick!« rief Frau von Kletten und riß nervös an ihrem kostbaren Halsband, »in der englischen Zeitung stand wieder ein so hübscher Artikel über die Frauenfrage. Hat ihn jemand gelesen?«
Aber niemand beachtete sie. Aller Augen waren auf Hugo von Rotenau gerichtet, der über die Köpfe der Anwesenden hinweg durch das offene Fenster auf die Berge blickte, die sich in schweren, schwarzen Linien vom Firmamente hoben. Dann sagte er: »Meine Meinung ist, daß nicht nur alle unheilbaren Kranken, alle Lahmen, alle Blinden, sondern auch alle Häßlichen vertilgt werden sollten.
Meine Meinung ist, daß eine schiefe Nase, ein dicker Hals, ein kurzes Bein Fehler der Natur sind und daß diese Fehler weggeschafft werden müßten, wie die Fehler der Menschen weggeschafft werden müßten.
Meine Meinung ist, daß nur vollkommen schöne und vollkommen gesunde Menschen lebensberechtigt sind, alle andern aber weggeräumt werden sollten, wie man etwa ein mißlungenes Bild aus einer guten Sammlung räumt, oder eine widerwärtige Raupe von einer schönen Blüte streift, denn,« und er hob sein Glas wie zu einem Trinkspruch, »schön ist das Leben. Aber tausendmal schöner würde es sein, wenn es von dem Menschen, den ich jetzt im Sinne habe, gelebt würde.
Dieser Mensch würde das Ideal der Denker und Philosophen sein. Dieser Mensch würde eine Gleichheit und eine Harmonie auf die Erde bringen, wie sie sich unsere Sinne, die an Krasses und Häßliches gewöhnt sind, nicht vorstellen können.
Dieser Mensch würde einen Jubel auf die Erde bringen, wie ihn bisher nur die Dichter in erlesenen Stunden kannten.
Dieser Mensch würde die wahre Liebe auf die Erde bringen, weil man ihn sofort, ohne Rückhalt und ohne Überwindung lieben müßte ...«
Als er schwieg, herrschte eine peinliche Stille. Es gab viele unter der Gesellschaft, die so strengen Gesetzen nicht hätten standhalten können und sich insgeheim wunderten, daß er so rücksichtslos sein konnte. Aber Hugo von Rotenau selbst hob den Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, indem er ganz zu vergessen schien, worüber soeben die Rede war, und fragte:
»Ist kein Wein mehr da?«
Und während Frau von Kletten dem Diener läutete, dachte sie:
»Ich habe nicht gewußt, daß er so entsetzlich ist. Wenn er nicht bald geht, reise ich mit den Kindern ab.«
Zehntes Kapitel
Hugo von Rotenau und Stephan sahen sich öfters, und so oft sie sich sahen, schoß ihnen durch den Sinn:
»Warum reden wir nicht miteinander?«
Und jeder von ihnen verlangsamte seine Schritte und wartete, daß der andere reden sollte. Aber keiner redete; Stephan nicht, weil er zu bescheiden war, Hugo nicht, weil er im letzten Moment wieder dachte: »Wozu?« ... Und er tat, als sähe er Stephan nicht, und sah auch nicht, daß Stephan stehen blieb und ihm nachschaute, bis er ihm aus den Augen schwand. Dann nahm Stephan seinen Weg in den Wald oder in die Wiese wieder auf und dachte: »Diesen Menschen liebt Maria und weiß Gott, wie das enden wird. Von Rechts wegen sollte ich ihn hassen und könnte ihm doch um nichts in der Welt böse sein.«
So war das auch heute wieder gewesen. Auf der großen Lärchenwiese hinter dem Wald hatten sie sich gesehen, hatten gewartet, wie sie immer warteten, und waren doch weitergegangen, als wäre niemand da. Und als Hugo von Rotenau ein gutes Stück fort war, blieb Stephan stehen, wie er immer stehen blieb, und dachte an die Dinge, an die er dann immer dachte. Er dachte an die merkwürdige Freundschaft, die er für diesen Fremden fühlte, an Marias dunkle Zukunft und dachte heute zum erstenmal auch noch an etwas anderes. Er dachte daran, daß dieser schöne, rätselhafte Mann, der auf jeden Menschen eine so zwingende Gewalt ausübte, Stunde um Stunde, Tag um Tag unter einem Dach mit Margarete weilte ... Seit jener Begegnung im Feld hatten sie oft miteinander geplaudert. Mit der Ungezwungenheit eines Kindes kam sie auf ihn zu, so oft sie ihn sah, und leitete mit der Selbstverständlichkeit eines guten Bekannten irgendeine Unterredung ein. Gewöhnlich war es eine Frage, die sie schon in Bereitschaft hielt und die entweder der Gegend oder den Bergen galt. Und weil Stephan seine Heimat liebte und jeden Stein und jeden Hügel kannte, und weil es etwas Wunderbares war, neben diesem Mädchen einherzugehen, oft so nahe, daß er ihr langes, weißes Kleid streifte, wich er nicht aus, wie er es anfänglich beschlossen hatte, sondern ging auf ihre Weise ein und erzählte ihr alles, was sie zu wissen wünschte. Er erzählte ihr von der Fruchtbarkeit des Föhns, wenn er im Frühling durch die Wälder braust und die alten Tannen biegt, als ob er sie vom Grunde fegen möchte ... von der Schönheit der Wiesen, wenn sie im ersten Schmuck des Jahres prangen ... von der Ruhe des Winters, vom lodernden Herdfeuer, vom surrenden Spinnrad, und einmal erzählte er ihr auch von seiner Schwester Maria. Wie lieb und gut sie sei, wie geschickt im Hauswesen und welch treue Stütze für die Mutter, die anfange alt zu werden ...
Das alles hatte er ihr erzählt und sich dabei insgeheim gewundert, daß einer aus dem schweigsamen Geschlecht der Klausen soviel zu erzählen wußte. Aber wenn sie nah war oder wenn er nur an sie dachte, verwandelte sich sein ganzes Wesen. Alles, worüber er früher träumte, alles worüber er früher sann, unbestimmte, unbewußte Dinge, die verworren sein Gehirn umwogten, wurden Farbe und Gesang. Der ganze Wald, das ganze Feld begann zu klingen, und alle seine Sinne klangen harmonisch mit ...
Das war es, woran Stephan dachte, als er jetzt auf der Wiese stand; und was die Sorge um die Schwester nicht vermocht, bewirkte plötzlich ein anderes Gefühl. Eifersüchtige, haßvolle Gedanken wallten in ihm gegen den schönen, vornehmen Fremden auf, und so vertieft war er darin, daß er die lichte Gestalt nicht sah, die zwischen den Bäumen auftauchte. Erst als sie dicht vor ihm stand, gewahrte er sie und fuhr zusammen und vergaß zu grüßen, so verwirrt war er. Sie aber lächelte und sagte:
»Haben Sie jetzt gedichtet, Herr Klausen?«
Und er: »Gedichtet? O nein, ich habe mich um Fallholz umgeschaut.«
Sie blickte auf die herrlichen Lärchen, deren Zweige bis auf den Wiesenboden niedertropften, und ihr Gesicht wurde betrübt.
»Es ist so schade um die schönen Bäume.«
Nun vergaß Stephan, daß er ein Bauer war, und sagte lebhaft:
»Ja, nicht wahr? ... ich denke es mir immer, wenn die Knechte fällen gehen.«
Sie nickte, ohne recht zu überlegen, was er sagte, und schritt neben ihm über die Wiese. Er lauschte auf ihr Kleid, das leise hinter ihr rauschte, und sie sah hinab in die Tiefe, wo nach drei Seiten hin sich drei fruchtbare Täler spannten, in denen heiß in der Sonne die Etsch und der Eisack brannten. Plötzlich aber blieb das Mädchen stehen und wies nach einem Berg, der, mit einer Burg gekrönt, weit unten lag.
»Ist das nicht ein Schloß?«
Er folgte der Richtung ihrer schlanken Hand und nickte.
»Ja, ein Schloß mit einer schönen Geschichte.«