Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.

Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt sie alljährl. an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher. Bis Ende 1912 wurden 534.020 Bücher im Werte von Mk. 608.837,83 an Volksbibliotheken verteilt.

Die Auflage unserer »Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Ende 1912:

über 1¾ Millionen Exemplare.

Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. Für Beiträge von 2 Mk. an gewährt die Stiftung durch Übersendung eines Einzelbandes ihrer »Hausbücherei« oder »Volksbücher« Gegenleistung. Ausführliche Drucksachen stehen kostenlos zur Verfügung.

Gute billige Bücher

(zum Teil künstlerisch illustriert, für die Jugend besonders geeignete Bücher sind mit * versehen). Bisher sind erschienen:

Hausbücherei

(gebunden, jeder Band in sich abgeschlossen 1 Mark, Vorzugspreis für 11 Bände – beliebig gemischt – nur 10 Mark)

*Bd. 1. Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Mit Bild Kleists und 7 Vollbildern. 11.–20. Taus.

*Bd. 2. Goethe: Götz von Berlichingen. Mit Bild Goethes.

*Bd. 3. Deutsche Humoristen Band 1: P. Rosegger, W. Raabe, Fr. Reuter und A. Roderich. 56.–70. Taus.

Bd. 4. Deutsche Humoristen Band 2: Cl. Brentano, E. Th. A. Hoffmann, H. Zschokke. 26.–35. Taus.

*Bd. 5. Deutsche Humoristen Band 3: Hans Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. 36.–45. T.

Bd. 6/7. Balladenbuch Band 1: Neuere Dichter. 21.–30. T.

Bd. 8. Herm. Kurz: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzählung. Mit Bild Kurz'. 11.–15. Taus.

Bd. 9. Novellenbuch Band 1: C. F. Meyer, E. v. Wildenbruch, Fr. Spielhagen, Detl. v. Liliencron. 26.–35. Taus.

Bd. 10. Dorfgeschichten ( Novellenbuch Band 2): E. Wichert, H. Sohnrey, W. v. Polenz, R. Greinz. 16.–25. T.

Bd. 11. Schiller: Philosophische Gedichte. Ausgew. u. eingel. v. Prof. E. Kühnemann. Mit Bild Schillers. 6.–10. T.

Bd. 12/13. Schiller: Briefe. Ausgew. und eingel. von Prof. E. Kühnemann. 6.–10. Taus.

Bd. 14. Geschichten aus deutscher Vorzeit ( Novellenbuch Band 3): A. Schmitthenner, J. J. David, W. Hauff.

*Bd. 15. Seegeschichten ( Novellenbuch Bd. 4): J. Nettelbeck, W. Jensen, Wilh. Poeck, Johs. Wilda u. a. 21.–30. T.

Bd. 16. Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes. Mit Bild u. Silhouette Mörikes. 11.–20. Taus.

Bd. 17. Heine-Buch. Eine Auswahl von Otto Ernst-Hamburg. Mit Bild Heines. 6.–10. Taus.

Bd. 18/19. Goethes ausgewählte Briefe. Herausgeg. v. Dr. Wilh. Bode-Weimar. 11.–15. Taus.

*Bd. 20/21. Deutsches Weihnachtsbuch. Eine Sammlung der schönsten und beliebtesten Weihnachtsdichtungen in Poesie u. Prosa. 21.–30. Taus.

Bd. 22. Frauennovellen ( Novellenbuch Band 5): Cl. Viebig, L. v. Strauß u. Torney u. a. m. 21.–30. Taus.

Bd. 23. Kindheitsgeschichten: H. Aeckerle, M. Lienert, M. v. Rentz, Hans Land, Eh. Niese, Th. Mann u. a.

*Bd. 24. Kriegsgeschichten: H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La Roche, D. v. Liliencron, Th. Fontane u. a.

*Bd. 25/26. Balladenbuch Band 2: ältere Dichter. 6.–10. T.

*Bd. 27. Karl Immermann: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons. Eingeleitet von Dr. Wilh. Bode. Illustr.

Bd. 28. Martin Luther als deutscher Klassiker.

Bd. 29/30. Deutsche Humoristen Band 4/5. (Humoristische Gedichte.) 11.–20. Taus.

Bd. 31. Deutsche Humoristen Band 6: (Humor. Erzählungen.)

*Bd. 32. Max Eyth: Geld und Erfahrung (humoristische Erzählung). Illustriert. 21.–30. Taus.

*Bd. 33. Ludwig Uhland: Ausgewählte Balladen und Romanzen. Mit Illustrationen. 6.–10. Taus.

Bd. 34. J. J. David: Mährische Dorfgeschichten. Ruzena Capek. Cyrill Wallenta. 6.–10. Taus.

*Bd. 35. Ludwig Finckh: Rapunzel. 21.–30. Taus.

Bd. 36. Grethe Auer: Marraksch. (6 Jahre in Marokko.) Mit Bild Gr. Auers u. Einl. v. Dr. H. Bloesch. 11.–15. T.

Bd. 37. Ernst Wichert: Die Schwestern. Illustriert.

Bd. 38. Musikergeschichten: K. Söhle, R. H. Bartsch, W. Schmidtbonn, E. v. Wolzogen.

Bd. 39. Emil Ertl: Der Salto mortale und andere Geschichten. Illustriert.

Bd. 40. Jürgen Jürgensen: Kongo-Geschichten. (7 Jahre in Afrika.) Illustriert. 11.–20. Taus.

Bd. 41. Christian Reuter: Schelmuffskys kuriöse Reisebeschreibung (humoristisch). Illustriert.

*Bd. 42. Die deutschen Lande in der Dichtung Band 1: Deutschland. Mit 16 Zeichn. v. Walter Strich-Chapell u. 7 Bild.

Bd. 43. Ernst Zahn: Der Schatten. Illustr. 11.–20. Taus.

*Bd. 44. Adolf Schmitthenner: Treuherzige Geschichten.

Bd. 45. Hans Hoffmann: Die Teufelsmauer und andere Erzählungen. Illustriert.

*Bd. 46. Andreas Streicher: Schillers Flucht von Stuttgart. Illustriert.

Bd. 47. Friedrich Hebbel: Die Nibelungen 1: Der gehörnte Siegfried. Siegfrieds Tod. Illustriert.

Bd. 48. Friedrich Hebbel: Die Nibelungen 2: Kriemhilds Rache. Illustriert.

Bd. 49. Deutsche Humoristen Band 7: Enking, Greinz, Thoma u. a. Illustriert.

Bd. 50. Alfred Huggenberger: Bauernland. Illustriert.

Bd. 51/52. Ad. Müller-Guttenbrunn: Deutscher Kampf. Illustriert.

Vorzugsausgaben

in prächtigem, biegsamem Einband mit Goldschnitt sind zum Preise von je 4 Mark hergestellt von:

Volksbücher (zum Teil illustriert)

*Heft 1. 50 Ged. v. Goethe. Geh. 20, geb. 50 Pf. 11.–20. T.

*Heft 2. Schiller: Tell. 21.–30. T. Geh. 30, geb. 60 Pf.

*Heft 3. Schiller: Balladen. 36.–40. T. Geh. 20, geb. 50 Pf.

*Heft 4. Schiller: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. Geh. 30, geb. 60 Pf. 11.–20. T.

*Heft 5. Schiller: Wallensteins Tod. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 4 u. 5 in einen Band gebunden 1 Mark. 11.–20. T.

Heft 6. Brentano: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem schönen Annerl. Geh. 15, geb. 40 Pf. 11.–20. T.

Heft 7. E. Th. A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi. Illustr. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 8. Fr. Halm: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. Geh. 20, geb. 50 Pf. 11.–20. T.

*Heft 9. Fritz Reuter: Woans ick tau 'ne Fru kamm. Geh. 15, geb. 40 Pf. 11.–20. T.

Heft 10. Max Eyth: Der blinde Passagier. Illustr. Geh. 20, geb. 50 Pf. 31.–40. T.

Heft 11. Marie von Ebner-Eschenbach: Die Freiherren v. Gemperlein. Ill. 21.–30. T. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 12. Wilhelm Jensen: Über der Heide. 25, geb. 55 Pf.

*Heft 13. Ernst Wichert: Der Wilddieb. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 14. Levin Schücking: Die drei Großmächte. Illustr. Geh. 25, geb. 55 Pf. 11.–20. T.

Heft 15. Ludwig Anzengruber: Der Erbonkel u. a. Geschichten. 11.–20. Taus. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 16. Helene Böhlau: Kußwirkungen. 11.–20. T. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 17. Ilse Frapan: Die Last. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 18. H. v. Kleist: Die Verlobung in St. Domingo. Das Erdbeben in Chili. Der Zweikampf. 11.–20. Taus. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 19. Peter Rosegger: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. Geh. 30, geb. 60 Pf. 21.–30. T.

Heft 20. Ernst Zahn: Die Mutter. Geh. 20, geb. 50 Pf.

*Heft 21. E. J. Groth: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustrationen. Geh. 15, geb. 40 Pf. 21.–30. Taus.

*Heft 22. A. Schmitthenner: Die Frühglocke. Illustr. Geh. 20, geb. 50 Pf. 21.–30. T.

*Heft 23. G. Freytag: Karl d. Große. Minnesang und Minnedienst. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 24. Fr. Spielhagen: Hans und Grete. Mit Illustr. 11.–20.T. Geh. 40, geb. 75 Pf.

Heft 25. St. v. Kotze: Geschichten a. Australien. 11.–20. T. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 26. Paul Heyse: Andrea Delfin. Geh. 30, geb. 60 Pf.

*Heft 27. H. Villinger: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. 11.–20. T. Geh. 20, geb. 50 Pf.

*Heft 28. Otto Ludwig: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. 11.–20. T. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 29. Richard Huldschiner: Fegefeuer. 70 Pf., geb. 1 M.

Heft 30. Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! Geh. 25, geb. 55 Pf. 11.–20. T.

*Heft 31. Paula Dehmel: Märchenbüchlein. Mit 2 bunten Voll- u. 4 Halb-Bildern. Geh. 30, geb. 70 Pf.

Heft 32. Auguste Supper: Die Hexe von Steinbronn. Ill. Geh. 10, geb. 40 Pf.

Heft 33. Adolf Wilbrandt: Der Mitschuldige. Ill. Geh. 30, geb. 70 Pf.

Heft 34. Gottfried Keller: Kleider machen Leute. Illustr. Geh. 30, geb. 70 Pf.

Heft 35. W. v. Uxkull: Das Kriegsgericht. Illustr. Geh. 25, geb. 60 Pf.

Heft 36. Paul Schreckenbach: Volksbuch vaterländischer Dichtung. Geh. 50, geb. 80 Pf., Lederband m. Goldschnitt 2 M.

* Schillerbuch, enth. Einleitung über Schillers Leben, die Glocke, Balladen, Tell. Mit Bild. 346 S. 21.–30. T. Geb. 1 M.

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.

Hausbücherei

der Deutschen Dichter-
Gedächtnis-Stiftung

49. Band

Signet

Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
1913

1.–10. Tausend

Deutsche Humoristen
7. Band

Ottomar Enking ▣ Anna Croissant-Rust
Rudolf Greinz ▣ Wilhelm Schussen
Ludwig Thoma ▣ Sophus Bonde
Wilhelm Fischer-Graz

Signet

Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
1913

1.–10. Tausend

Inhaltsverzeichnis
zu den übrigen Bänden der »Deutschen Humoristen«

Band 1: Friedr. Theodor Vischer: Humorist. Gedicht. Peter Rosegger: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß. Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten. Wilhelm Raabe: Der Marsch nach Hause. Fritz Reuter: Woans ick tau 'ne Fru kamm. Albert Roderich: Nemesis. 46.–55. Tausend.

Band 2: Clemens Brentano: Die mehreren Wehmüller oder ungarische Nationalgesichter. E. Th. A. Hoffmann: Die Königsbraut. Heinrich Zschokke: Die Nacht in Brczwezmcisl. 26.–35. Tausend.

Band 3: Hans Hoffmann: Eistrug. Otto Ernst: Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben. Max Eyth: Der blinde Passagier. Helene Böhlau: Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe. 36.–45. Tausend.

Band 4/5 (Doppelband): Humoristische Gedichte. Eine hervorragende Sammlung der schönsten heiteren Gedichte bis auf die neueste Zeit. 352 Seiten. 11.–20. Tausend.

Band 6: E. Th. A. Hoffmann: Aus »Klein Zaches genannt Zinnober«. Bettina von Arnim: Die Reise nach Darmstadt. Fr. Th. Vischer: Die Tücke des Objekts. Ad. Bayersdorfer: Die militärpflichtige Tante. Henry F. Urban: Der Eishund. Ludwig Thoma: Besserung. 11.–20. Tausend.

Preis jeder dauerhaft gebundene Band 1 Mark.

Inhaltsverzeichnis

▣ zum 7. Bande der ▣
»Deutschen Humoristen«

Enking, Ottomar
: Das Kriegerfest in Wettorp
7–32

Croissant-Rust, Anna
: Der Herr Buchhalter
33–48

Schussen, Wilhelm
: Pilgrime
49–71

Greinz, Rudolf
: Das Hennendiandl
73–85

Bonde, Sophus
: Jochen Appelbaums Galion
87–102

Thoma, Ludwig
: Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech
103–111

Fischer-Graz, Wilhelm
: Die Rebenbäckerin
113–159

Vorbemerkungen
zum siebenten Bande

Die Erzählung »Das Kriegerfest in Wettorp« von Ottomar Enking ist mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem Roman »Ikariden« (Dresden: Verlag von Carl Reißner).

»Der Herr Buchhalter« von Anna Croissant-Rust ist mit gütiger Erlaubnis der Verfasserin und des Verlegers abgedruckt aus Anna Croissant-Rusts Buch »Aus unseres Herrgotts Tiergarten« (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt).

Für den Abdruck der »Pilgrime« schulden wir Herrn Wilhelm Schussen Dank.

»Das Hennendiandl« von Rudolf Greinz ist mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus Rudolf Greinz' Buch »Bergbauern« (Leipzig: Verlag von L. Staackmann).

Für die Abdruckserlaubnis von »Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech« von Ludwig Thoma schulden wir dem Verfasser und dem Verlage Albert Langen in München Dank.

»Jochen Appelbaums Galion« von Sophus Bonde ist mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus Sophus Bondes Buch »Schimannsgarn« (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt).

»Die Rebenbäckerin« von Wilhelm Fischer-Graz ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus Wilhelm Fischers Buch »Unter altem Himmel« (München: Verlag von Georg Müller).

Ottomar Enking:
Das Kriegerfest in Wettorp

Wenn Thomas Mann der Dichter des niederdeutschen Patriziertums ist, so ist Ottomar Enking der berufene Schilderer des niederdeutschen Kleinbürgertumes. Beide Gesellschaftsschichten umspinnt die leise Tragik: stehen geblieben zu sein, überholt zu sein von einer Zeit der lärmenden Maschinen, der konzentrierten Kräfte und des gesteigerten und gehetzten Lebenstempos. Herrisch verfolgt diese Zeit ihr Ziel und schreitet unerbittlich über die kleinen gedrückten oder verzweifelt aufbegehrenden Existenzen hinweg: über verstörte Patriarchen, die »die Welt nicht mehr verstehen«, und über sehnsüchtige Mädchenseelen, die am Zwiespalt zwischen der beengenden Überlieferung und der lockenden Freiheit zerbrechen. In die behagliche Selbstgenügsamkeit und behäbige Selbstzufriedenheit, mit der sich die Gestalten der Reuterzeit bewegten, kommt nun ein weher Ton wie von einer Glocke, die zersprang. Denn das Gefühl des Überholtseins gibt Bitterkeit oder, vom Betrachter aus, Ironie. Das Genrebild geht durch die Schule der naturalistischen Impression, die Beobachtung wird exakter, schärfer, unbeirrter, erreicht eine verblüffende Fertigkeit, Dinge, Geräusche und Bewegungen sinnfällig zu machen, und stellt die Alltagstypen der deutschen Kleinstadt greifbar nahe und unauslöschlich vor uns hin: mit einem wehmütigen Humor, der zugleich mitfühlende Liebe und ironische Überlegenheit ist und der ihren Untergang ohne jede Sentimentalität verklärt. Enking, der früher Schauspieler, dann Redakteur war und jetzt als freier Schriftsteller in Dresden lebt, ist seiner Geburtsstadt nach Kieler (er wurde dort am 28. September 1867 geboren). Einzelne seiner Werke, so der Roman »Johann Rolfs«, spielen sich auch auf Kieler Boden ab; für seine Hauptwerke ist jedoch Wismar das, was Lübeck für Manns »Buddenbrooks« ist: es ist das »Koggenstedt« jener Romanfolge, als deren Meisterstück mit Fug und Recht die » Familie P. C. Behm « gilt.

L. Adelt.

Gauting,
im September 1913.

Das Kriegerfest in Wettorp.

Viele, viele Nachtsitzungen hatte das »Geschäftsführende und Hauptkomitee für das zwanzigjährige Stiftungsfest des Kriegervereins von Wettorp und Umgegend sowie die Enthüllung des Denkmals für Kaiser Wilhelm den Großen« im Landhause abgehalten, viele Vornotizen und Hinweise hatten in den »Wettorper Nachrichten« gestanden, und viele eifrige Straßenunterhaltungen über das Fest und das Denkmal waren von den patriotischen Bürgern Wettorps gepflogen worden. Ja, viel, viel war geschehen, bis endlich der ersehnte Augusttag erschien, der Wettorp in einen noch nie dagewesenen Rausch und Jubel versetzte. Schon am Abend vorher, am Freitage, kamen die fremden Gäste, denn die ganze Umgegend war eingeladen. Die Straßen waren schön geschmückt, Girlanden hingen quer von Haus zu Haus, und unter ihrer Mitte schwankten bemalte Tafeln mit sinnigen Kernsprüchen.

Am Sonnabend, morgens um 6 Uhr, zog der Ortsmusikus mit seinen Trommlern, Bläsern und Klarinettisten durch die Straßen des Ortes; das war der »Weckruf«, wie es im Programm hieß. Die braven Kriegervereinsmitglieder ärgerten sich zwar über das frühe Getute, aber ohne Reveille läßt sich ja nun einmal kein Kriegerfest feiern, und deshalb beruhigten sie sich und schliefen wieder ein.

Um 9 Uhr gab es eine große Sehenswürdigkeit: der Neustädter Militärverein hielt nämlich seinen Einzug. Er hatte seine eigene Kapelle mitgebracht, die der Ortsmusikus allerdings als eine Gesellschaft Bremer Stadtmusikanten bezeichnete; aber es war doch etwas besonderes, was sich die Neustädter leisteten, und die Militärvereinsmitglieder blickten stolz um sich herum, während sie im strammen Takte vorwärts marschierten. Sie hatten wahrhaftig auch alles Recht, stolz zu sein, denn außer der Musik trabten vor ihrem Zuge noch drei feurige Rappen, auf denen Herolde saßen. Diese drei Männer hatten sich großartig bunt kostümiert und wilde Bärte ins Gesicht geklebt, die freilich immer herabfielen, weil sich der Gummi vom Schwitzen auflöste. Aber wenn auch die Bärte so oft auf ihren Sattel niedersanken, daß sie sie schließlich beiseite unter das Volk warfen: Herolde waren sie deshalb doch mit ihren Heroldsstäben in der Hand, den grauen Schlapphüten auf dem Kopfe, den Wappenwämsern um die Brust und den hohen Stiefeln an den Beinen. Sie fühlten ihre Würde und stützten ihre Stäbe in die Seiten, wie sie es wohl im illustrierten Sonntagsblatte bei Bildern von Königen gesehen hatten.

Ihre Pferde waren nicht minder frohgemut, daß sie heute, anstatt den Roggen einzufahren, als edle Araber durch Wettorps Straßen hindurch angestaunt wurden. So achtunggebietend zog der Neustädter Militärverein in den Festort ein.

Im Laufe des Sonnabendmorgens versammelten sich also wohl an die vierhundert Krieger in Wettorp, alte und junge, und die alten trugen ihre Zylinder vom Jahre 1848. – Um 11 Uhr begann der »offizielle Frühschoppen mit Musik« im Landhause. Der Ortsmusikus ließ blasen, was die Trompeten halten konnten; er hatte ein außergewöhnlich patriotisches Programm zusammengestellt, das denn auch von den Kriegern vollauf gewürdigt wurde.

Währenddessen war die kleine Mieze Stamm, des Landhauswirts Tochter, die dazu auserkoren war, als Germania bei der Denkmalsenthüllung das Festgedicht zu sprechen, in ihrem Stübchen sehr beschäftigt. Schon um 12 Uhr hüllte sie sich unter dem Beistande der Wirtschafterin in den weißen Germania-Mantel, den sie sich selbst zurechtgeschneidert hatte; sie ließ sich frisieren mit Locken an den Seiten, und die Flut des lichten Haares fiel wellig über ihre Schultern. Dann wurden die bis zum Ellenbogen freien Arme mit goldenen Armbändern aus poliertem Messing geschmückt, und auf das Haupt drückte ihr die Wirtschafterin das Diadem mit dem größten und buntesten Edelsteine, der aus der Maskengarderobe zu entleihen gewesen war. Majestätisch sah die kleine Mieze aus, und sie freute sich auch erst ihres Spiegelbildes; aber dann kam die Angst über sie, und bleich und zitternd ging sie umher und murmelte immer und immer wieder, daß nun der schöne Tag gekommen sei. Essen konnte sie nichts.

Genau um ein Viertel vor drei Uhr fuhr der alte Kutscher Engel mit seiner Kalesche vor, und tief aufseufzend, mit einem Stoßgebet an den lieben, lieben Gott, stieg die Germania in den Karren, der sie zum Richtplatze führen sollte. Sie kam auf dem Markte an, wo es schon ganz voll von Leuten war, und wurde vom Ortsvorsteher sogar dem Herrn Geh. Regierungsrat v. Zabrowski und dem Herrn Regierungsassessor v. Schmidt vorgestellt, die die allergnädigste Miene machten, weil sie doch bei der Denkmalsenthüllung die Vertreter der hohen Regierung und des Kaisers bildeten. Der Regierungsassessor konnte es sich freilich trotz seiner hohen Würde nicht versagen, nach Miezes rundem Arm zu schielen. Der Geh. Regierungsrat indessen war ganz nur Vertreter Seiner Majestät. Die hohen Herren, der Ortsvorsteher, die Gemeinderäte, die Schulbehörde und die Geistlichkeit, die Herren vom Komitee und Mieze Stamm stellten sich unter dem Thronhimmel auf, der dem noch verhüllten Denkmal gegenüber erbaut war. Der Thronhimmel bestand aus vier Stangen, über die oben Leinwand gezogen war, und das ganze hatte Gärtner Meyer mit Laub bewunden.

Der Ortsvorsteher blickte prüfend in die Runde, ob auch alles in Ordnung sei. Rings auf dem Markte, in einiger Entfernung von dem Denkmal, hatten sich die Kriegervereine aufgestellt, die Fahnen wehten über den Zylindern der Kameraden. Links von dem Thronhimmel standen die vereinigten Gesangvereine, und alles war so ruhig und feierlich, daß es dem Ortsvorsteher ordentlich zu Herzen ging. Er hatte seinen Hochzeitsfrack heute nicht umsonst angezogen, das fühlte er deutlich. Er sah also in die Runde, und sein Blick fiel auch auf die zwei Sitzreihen, rechts vom Denkmal, auf denen die Honoratiorenfrauen des Ortes in ihrem besten Staate saßen, und auf den alten Orts- und Polizeidiener Pilgerim, der da stand und die Schnur hielt, mit der die Hülle des Denkmals nach oben zusammengerafft wurde. Alles war in Ordnung. Der Ortsvorsteher nahm seinen Zylinder ab, rieb sich mit dem Taschentuche die Tropfen von der Stirn, trat vor und verbeugte sich nach der Seite, auf der sich die hohen Herren befanden. Der Geh. Regierungsrat nickte, der Ortsvorsteher winkte den Sängern, der Ortsmusikus, der alles einübte, was in Wettorp an Gesang- und Orchesterkunst geleistet wurde, hob den Taktstock, und es ertönte prachtvoll: »Seht den Sieger …«

Alle waren ergriffen. – Als der Gesang sein Ende gefunden hatte, verbeugte sich der Ortsvorsteher wieder, wischte sich nochmals die Stirn und begann seine Festrede: daß er die hohe Ehre habe, die Vertreter Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers und einer hohen Regierung untertänigst und ehrfurchtsvollst zu begrüßen, und daß es eine hohe Ehre für den Ort sei, einen solchen Tag feiern zu können. Er wies hin auf die zusammengeströmten Scharen der ehemaligen Krieger, und angesichts dieses Denkmals fordere er sie alle auf, den Treueschwur zu erneuern für Kaiser und Reich. Er schloß damit, daß er die hohen Vertreter einer hohen Regierung bat, Sr. Majestät den Ausdruck der unwandelbarsten Liebe Wettorps zu überbringen.

Der Geh. Regierungsrat trat nach dieser Rede vor, nahm den feinen Hut ab, steckte einen Augenblick den zweiten und den mittleren Finger zwischen den obersten und den zweiten Frackknopf und fing nun an: »Mein lieber Herr Ortsvorsteher! Verehrte Festgenossen und Kameraden! Als Vertreter der Regierung Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers, Königs und Herrn bin ich hierher gekommen, um an dem nationalen Ereignisse, das dieser Tag für Wettorp darstellt, teilzunehmen. Es hat die hohe Staatsregierung mit außerordentlicher Befriedigung erfüllt, daß nun auch in Wettorp durch das einmütige Zusammengehen aller gutgesinnten Bürger ein Denkmal für seine hochselige Majestät Kaiser Wilhelm den Großen errichtet werden konnte. Der Opfersinn der Bürger ist der beste Beweis dafür, daß der Geist des Umsturzes (er sprach das Wort mit harter, erhobener Stimme, und der Regierungsassessor runzelte finster die Stirn dabei), daß dieser Geist der Vaterlandslosigkeit und der Verachtung alles Ehrwürdigen und Großen keine Stätte in Ihrer blühenden Ortschaft gefunden hat. Möchte es so bleiben! Möchten Sie sich stets bewußt sein des innigen Zusammenhanges zwischen der Krone und dem Staatsbürger, jenes Zusammenhanges, der Preußen groß gemacht hat und der jetzt auch diese Provinz mit seinem Segen überströmt. Ich sehe hier die tapferen Veteranen, die in den Schlachten gestanden und dem Tode getrotzt haben für die Freiheit Schleswig-Holsteins, ich grüße diese Männer, die für die edelsten Güter ihres Vaterlandes alles hinzugeben bereit waren. Wenn ich daher meiner leider notwendigen frühen Abreise wegen schon jetzt dem festgebenden Vereine, dem Kriegervereine für Wettorp und Umgegend, meine aufrichtigsten Glückwünsche zu seiner zwanzigjährigen Stiftungsfeier ausspreche im Namen einer hohen Staatsregierung, so bin ich mir bewußt, daß solche Glückwünsche an keiner besseren Stätte zum Ausdruck gebracht werden können, als an dieser, wo, jetzt noch verhüllt, bald aber als ein glänzendes Wahrbild des Patriotismus, das Kaiserdenkmal aufragt. Halten Sie fest, das bitte ich Sie in dieser erhebenden Stunde, an dem nationalen Gedanken, seien Sie eingedenk des hohen Berufes, den die Kriegervereine zu erfüllen haben: ein Bollwerk zu bilden wider die Macht eines unterminierenden, destruktiven Geistes (das kam wieder mit erhobener Stimme heraus, und der Regierungsassessor, der so lange auf Miezes Arme geblickt hatte, reckte sich hoch auf und zog die Brauen drohend zusammen). Mögen Sie noch oft Ihr Stiftungsfest im Kreise Ihrer anderen Kameraden von nah und fern so schön und von allen Umständen so begünstigt begehen wie heute. Das sind unsere Glückwünsche. – Jetzt aber (er trat weiter vor, und der Regierungsassessor blieb immer einen Schritt hinter ihm) lassen Sie uns die Hülle von dem Denkmal gleiten sehen (Ortsdiener Pilgerim faßte das Tau fester und sah unverwandt zu seinem Vorgesetzten, dem Ortsvorsteher, hin), mit dem Gelöbnis, daß wir nie vergessen wollen, was Kaiser Wilhelm der Große für uns und besonders für unsere engere Heimat getan hat und gleich ihm sein erhabener Enkel, unser allergnädigster Kaiser, König und Herr. Wir fassen daher alle unsere Hoffnungen, alle unsere Gefühle, unsere ganze vaterländische Gesinnung in dem Rufe zusammen (der Ortsvorsteher erhob den Zeigefinger, Ortsdiener Pilgerim paßte mit allen Seelenkräften auf): Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser, König und Herr – Hurra! Hurra! Hurra!«

Ortsdiener Pilgerim riß an der Schnur, so stark er nur konnte, die Leinewand flog davon, und im Sonnenschein grüßte die eherne Büste mit dem mildig ernsten Gesichte des alten guten Kaisers von dem blanken granitenen Sockel herab. Die Musik blies Tusch auf Tusch, die alten und jungen Männer riefen Hurra, die Hüte waren von den Köpfen gerissen. Die Frauen waren aufgestanden und schwenkten ihre Tücher, die Fahnen wehten.

Dann stimmte der Ortsmusikus an: Deutschland, Deutschland über alles, und alle sangen voll wahrer Inbrunst mit; die Frauen weinten vor Rührung. Und alle blickten auf zu dem neu enthüllten Bildwerk. Am lautesten aber sangen hinter der festlichen Schar die Wettorper Jungen, die vorhin schon ein ganz gewaltiges Hurrageschrei angestimmt hatten.

Der Ortsvorsteher atmete auf, daß alles so gut gegangen war. Er hatte immer gefürchtet, Ortsdiener Pilgerim möge nicht schnell oder stark genug ziehen oder das Tau möchte sich verwickeln, oder es möchte sonst irgend etwas geschehen, was die Feier störte.

Als der Gesang verklungen war, trat die kleine Germania-Mieze, die auch so gerührt war von den schönen Reden und von des alten Kaisers freundlichem Gesichte, erst ein wenig zaghaft, dann aber tapfer vor und deklamierte ihr Gedicht. Und es klang so brav, wie die Kleine es hersagte in ihrer natürlichen, herzlichen Weise, und sie legte den Ton auch immer auf die Hauptstellen, und andächtig lauschten alle rings im Kreise auf Kaiser … Reiser … Gut und Blut … Todesmut … Vaterland … Herz und Hand. – Mieze kam so in Begeisterung bei ihrem Sprechen, daß ihre frischen Wangen glühten. – Am Ende ihres Gedichtes legte die Germania einen hübschen Lorbeerkranz mit blau-weiß-roter Schleife am Fuße des Denkmals nieder und knickste zierlich, als der Geh. Regierungsrat zu ihr kam und ihr die Hand gab, um sie zu beglückwünschen zu ihrem schönen Erfolg. Auch der Regierungsassessor bekam ein Patschhändchen ab.

»Gnädiges Fräulein,« sagte er, – »geradezu tadellos, ein–fach ta–del–los.«

Noch aber war nicht alles zu Ende. Der Geh. Regierungsrat winkte dem gallonierten Diener, der sich so lange ganz beiseite gehalten hatte, und der brachte ihm drei kleine Etuis. Der Regierungsrat, auf dessen eigener Brust fünf Orden funkelten, hielt nun eine kurze Ansprache, in der er betonte, wie sehr es ihn freue, auch der Überbringer mehrerer allerhöchster Auszeichnungen zu sein. Und dann überreichte er dem Ortsvorsteher den Kronenorden vierter Klasse und teilte ihm gleichzeitig mit, daß ihm der Titel Bürgermeister verliehen sei; dem Wettorper Kriegervereine hatte der Kaiser einen Fahnennagel gestiftet, und Ortsdiener Pilgerim erhielt das allgemeine Ehrenzeichen in Gold. Der neue Bürgermeister machte bei seiner Auszeichnung ein ernstes Gesicht und antwortete nur ein paar stotternde Worte: wäre sein Kaiser dagewesen, so hätte er ihm stumm die Hand gedrückt, so mächtig wirkte die Ehre auf den einfachen Mann. Der Vorsitzende des Kriegervereins hielt den Fahnennagel in der Hand und zeigte ihn all seinen Nachbarn, und Ortsdiener Pilgerim glänzte. Nun löste sich die strenge Ordnung, und es gab ein großes Gratulieren und Händeschütteln. Der Herr Geh. Regierungsrat und der Regierungsassessor verabschiedeten sich, nachdem sie das Denkmal eingehend gemustert hatten, und fuhren, vom Bürgermeister begleitet, zum Bahnhofe, denn sie mußten heute abend in Kiel sein; Se. Exz. der Herr Kultusminister Dr. Bosse kam abends. Damit war denn die Denkmalsenthüllung vorbei.

Auf dem Markte ordneten sich währenddessen die Vereine wieder und zogen zum Landhause. Da war im Garten großes Konzert, die vereinigten Gesangvereine trugen ihre Weisen vor, und die Kameraden saßen alle beisammen mit Frauen und Kindern und waren so recht von Herzen vergnügt und zufrieden. Damit ging der Nachmittag hin, und am Abend nach neun Uhr, als es schon dunkel war, brannte Apotheker Juliussen das große Extra-Brillantfeuerwerk ab. Wie die Feuerräder zischten und wirbelten, wie die pots à feu knallten, wie die Schwärmer knatterten und die Goldregenspringbrunnen funkelten. Nur mit den Raketen wollte es nicht immer recht gehen, und jedesmal, wenn eine hochging, bliesen die Musikanten mit verstärktem Pust, damit die Raketen mehr Schwung bekämen. Und das Blasen half auch wirklich manchmal.

»Fihtz,« sagte die erste Rakete, und dann ging sie oben aus; »Ffiehtz,« sagte die andere und stieß mit dem Kopfe gegen einen Baumast, daß es knallte; »Ffi-i-htz,« sagte die dritte und richtig: »knatter, knatter, knatter« hörte man in der Luft, und rote, grüne und weiße Leuchtkugeln bubbelten heraus und sanken im Bogen langsam herab, bis sie verglommen. – »Oh,« sagten ringsum die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder, »wie herrlich!« – Die Musik war stolz auf ihren Erfolg, denn sie war es gewesen, die dieser Rakete gerade zur rechten Zeit den nötigen Auftrieb verliehen hatte. Und deshalb paßte sie nun erst recht auf.

»Fiehtz-z-z-tz,« sagte die vierte Rakete, und »tschinkte« machten die Musiker gleichzeitig, und siehe da: das Wunderwerk zerteilte sich im Äther, und eine goldene Flut rieselte hernieder. »Oh,« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder, »das war aber wirklich wieder herrlich!«

»Fitzefitzefitz,« sagte die fünfte Rakete, und »tschumbdi« ließ die Musik sich im rechten Augenblicke vernehmen, während die Pauke auch noch ihr Besonderes tat und »plumm« machte, und wahrhaftig, es half wieder, denn »sisisisi« tönte es von droben herab, und singende Sternlein schwebten am Himmel.

»Nein doch!« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder. »So was haben wir denn doch noch nicht gesehen!«

Dann sagten noch ein paar Raketen »fihtz«, und die Musiker bemühten sich redlich, sie ordentlich hoch zu bringen mit tschumbdi, tschintata und plumm, – meist gelang es, bisweilen kamen sie aber mit ihrer Aufmunterung auch etwas zu spät.

Schön war es aber eigentlich immer.

Und am nächtlichen Firmament blinkten traurig die armen natürlichen Sternlein, die nicht gegen Apotheker Juliussens Feuerwerk aufkommen konnten.

Den Schluß bildete die Erstürmung von Alexandria, – die war ordentlich beängstigend, denn es knallte und fauchte und zischte und sprühte durcheinander, daß einem schier schwindelig wurde. Dann kamen drei Kanonenschläge, bei denen die Veteranen von der Artillerie an ihre alten Hinterlader dachten und die Frauen und Kinder »Uhch!« schrien, und endlich wurde der ganze, durch Papierlaternen erhellte Garten mit bengalischen Flammen in rotes und grünes Licht getaucht.

»Ah, nein doch! So furchtbar hell!« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder.

Dann ging es heim, nachdem die vereinigten Gesangvereine noch voll tiefer Empfindung: »Gute Nacht, gute Nacht, mit Näglein bedacht« gesungen hatten. Die Gäste begaben sich in ihr Freilogis bei den Wettorper Kameraden oder zu den Massenquartieren, die im »Blauen Löwen« und im »Landhause« hergerichtet waren.

Der neue Bürgermeister gab seiner Frau vor dem Zubettgehen einen herzlichen Kuß und meinte: »Siehst du, Dora, – unser Kaiser – das is 'n Mann, den muß man achten.«

Und der Tag war so schön verlaufen, wie überhaupt nur das zwanzigjährige Stiftungsfest eines Kriegervereins und eine Denkmalsenthüllungsfeier verlaufen kann.

Am Sonntagmorgen fand Konzert auf dem Eichenberg bei Wettorp statt, und nach dem Kirchgange wanderten die Kameraden erst ganz gemütlich durch die Straßen. Die Musik, die am frühen Morgen vom Kirchturm herab Choräle geblasen hatte, spielte von zwölf bis ein Uhr auf dem Markte vor dem Denkmal, das weidlich angestaunt ward, und als sie geendet hatte, da traten die Vereine zum Festzuge an. Knaben mit Tafeln, auf denen die Ortschaften der verschiedenen Vereine geschrieben standen, stellten sich in bestimmter Entfernung hintereinander auf, und bei ihnen versammelten sich die Mitglieder. Bald war der ganze Markt voll. Der Vorsitzende vom Wettorper Kriegervereine kommandierte: »Stillgestanden!« und die Alten nahmen ihre Arme fest zusammen und machten ein Dienstgesicht, so gut es noch anging. Der Vorsitzende befahl: »Fahnensektionen – vor! Fahnen holen!« und von jedem Vereine schritten drei Männer ins Rathaus, um die Wahrzeichen an sich zu nehmen. Der Ortsmusikus paßte mit erhobenem Taktstocke auf, und sobald die erste Fahnenspitze sichtbar wurde, senkte er den Stab, und »tra–tatata–diida« ging es los, während alle Veteranen und Kameraden den Kopf entblößten, bis die Fahnen sich eingereiht hatten. Die Musik stellte sich nun an die Spitze des Zuges. »Bataillon Marsch!« hieß das Kommando, und der Festzug setzte sich in Bewegung. Die Kameraden hatten alle ihre Orden und Ehrenzeichen angelegt, und die blinkerten goldig im warmen, lustigen Sonnenscheine. So marschierten sie durch die Straßen; aus den Fenstern warfen ihnen Frauen und Mädchen kleine Sträuße und einzelne Blumen zu, die die Vorübergehenden mit ihren verarbeiteten Händen auffangen sollten, aber sie waren zu ungeschickt dazu, und die Blumen fielen zwischen den gespreizten Fingern hindurch zur Erde, um von den Hinterleuten halb zertreten aufgehoben zu werden. So pilgerten die Alten hinter der Musik und den wehenden Fahnen her und gaben sich bisweilen einen Ruck, wenn der Ortsmusikus ein recht forsches Stück spielen ließ, das sie wohl anno 1848 oder 1870 schon gehört hatten.

Zu beiden Seiten des Zuges aber standen die Wettorper, Frauen und Männer, dichtgedrängt, ließen alles vorbeimarschieren und eilten dann schnell durch eine Querstraße bis dahin, wo sie den Zug später wieder sehen konnten.

»Tschingda tschingda dudeldudeldudel bumm,« machte die Ortskapelle und so gelangten alle ins Landhaus, wo das Festessen stattfand. Das war nun ein wahrer Hochgenuß. Königinnen-Kraftsuppe mit Fleischklößen und Spargel gab es zwar nur wenig auf den Tellern, denn wenig Suppe geben ist vornehm, die Butten mit der Mehlsauce waren schon kalt, aber das kam nur daher, daß sich der Festzug um eine halbe Stunde verspätet hatte und daß so viele mit essen wollten, die sich vorher nicht angemeldet hatten. Das Roastbeef dagegen war nun wunderbar zart. – »Ja,« sagten die Wettorper, »Fru Stamm weet, wo 'n Stück Ossenfleesch bradn wardn mutt. Na, un de Sohs' de mugg man ja rein mit Lepeln eten.« Und alles, was dann noch kam, Früchte, Brot, Butter und Käse, war gut und reichlich, und das Eis war nicht zu kalt. Nein, für zwei Mark »das trockene Kuvert« hatte man da ein herrliches Essen. Und der Wein war auch so schön; je zwei Kameraden tranken meist eine Flasche.

»He farvt örntlich, – kick mal, wo rod min Glas is. Un denn is he bannig stark, aber wenn man twee Mark föftig för so 'n Buddel utgifft, denn will man em ock marken1 können. Junge, wat markt man em!«

Und Reden wurden gehalten. Erst auf den Kaiser, dann auf die Gäste, dann auf den Wettorper Verein, dann auf den Bürgermeister, dann auf das Komitee, dann auf die Frauen, dann auf Deutschland, dann auf Schleswig-Holstein, dann auf alle Kriegervereine, dann auf die deutsche Flotte, dann auf die Kaiserin, dann auf Mieze, dann auf alles Mögliche – – man konnte die Redner gar nicht mehr verstehen, so laut wurde es mittlerweile im Saale und so dicht war der Zigarrendampf. Wenn aber einer sein Glas erhob und hoch! hoch! hoch! rief zum Zeichen, daß er mit seiner Ansprache zu Ende war, so erhoben sie alle die Gläser mit und riefen alle mit hoch! hoch! hoch! – Es war auch einerlei, meinten sie, auf wen das Hoch ausgebracht wurde: zugute mußte es ihm ja unter allen Umständen kommen, wenn sie nur kräftig mitschrieen. – Die Ortskapelle musizierte auf der Tribüne und spielte ein patriotisches Potpourri nach dem andern, und sie sangen alle mit »lalala,« denn den Text kannten sie nicht oder doch nur die erste Strophe jedes Liedes.

Natürlich waren hier nur die Herren versammelt; die Damen tranken während des Festessens ihren Kaffee im Garten und blickten wohl einmal durch die Saalfenster, ob ihre Männer es auch nicht zu arg trieben; aber die fühlten sich sicher und ließen sich weder durch Winke noch durch Blicke davon abbringen, sich noch eine Flasche Rotwein mit ihrem Nachbar zu teilen.

Um sechs Uhr erst wurde der Saal geräumt, und in einer halben Stunde war alles, was an das Essen erinnerte, beseitigt. Das Trompetensignal, der Ruf zum Sammeln, ertönte, die Veteranen mit den Ihrigen strömten wieder herein, wunderten sich, daß alles so schnell verändert war, und setzten sich erwartungsvoll hin mit dem Gesichte zur Bühne gewandt, wo das Festspiel aufgeführt wurde.

So schönes Theater hatten die Kriegsveteranen und Kameraden nie gesehen. Als der Vorhang nach dem rührenden bengalischen Lichte und nach dem herrlichen lebenden Bilde fiel, da klatschten sie, was sie nur klatschen konnten.

Und dann begann der Kommers. An vier langen Tafeln, ebenso wie vorhin beim Festessen, hatten die Kameraden Platz gefunden, und lustig flogen die Worte hin und her.

Die Lieder waren alle in Reihenfolge, wie sie gesungen werden sollten, auf ein Blatt gedruckt, und ganz zum Schlusse stand auch »Schleswig-Holstein, meerumschlungen«. – Und niemand wußte recht, wie es eigentlich kam, – eben war die Wacht am Rhein verbraust, und es sollte nun »Wohlauf, ihr wackeren Kameraden« kommen, – aber auf einmal ertönte, als hätte man sich vorher dazu verabredet, außer der Reihenfolge der Anfang des Schleswig-Holstein-Liedes, – erst hier und da – ein paar alte schleswig-holsteinische Lehrer mochten damit angefangen haben, dann fielen immer mehr und mehr ein, die Musik mußte sich dem allgemeinen Willen fügen, die alten Kämpen erhoben sich von ihren Plätzen, stützten die Hände auf den Tisch, blickten in die Höhe mit begeisterten Augen und es klang:

»Schleswig-Holstein meerumschlungen –«

Und es kam eine Kraft über sie, wie damals, als sie für die Freiheit ihrer Heimat ins Feld zogen, als die Hand den Säbel fest umfassen und das Auge die Büchse scharf richten konnte.

»deutscher Sitte hohe Wacht –«

Ihre Stimme zitterte bei diesen Klängen; die hohe Wacht, die hatten sie einst gehalten und deutsch waren sie gewesen bis in ihr innerstes Mark hinein.

»wahre treu, was schwer errungen –«

Und sie dachten an alles Schwere, was sie durchgemacht hatten in Kampf und Sturm, und an die Sorgen, die sie einst für die Ihren daheim im Herzen getragen hatten. Und es war wie ein schmerzliches Zucken um ihre Mundwinkel, als die Alten so da standen, die Blicke aufwärts und die Hände auf den Tisch gestützt.

»bis ein schön'rer Morgen tagt –«

Ja, jetzt war alles ganz anders gekommen, als damals, wo sie um ihre Freiheit streiten mußten. Freilich, ihr Herzog war ihnen genommen, aber ihre Herzogstochter, die war jetzt deutsche Kaiserin. Es hatte schön getagt auf die Nacht des Kampfes.

»Schleswig-Holstein stammverwandt –«

Alle fühlten sie sich als Brüder, so innig miteinander verwoben, und sahen einander in die Augen, wie sie das sangen, und Tränen blinkten darin, und sie nickten einander zu mit den braven, geraden Gesichtern.

»wanke nicht, mein Vaterland!«

Sie hoben die Gläser, die Alten und die Jungen, und stießen an und schüttelten einander die Hände und waren einander gut und umarmten die Kameraden. Und dann wiederholten sie die beiden letzten Zeilen:

»Schleswig-Holstein stammverwandt,
wanke nicht, mein Vaterland!«

Und als diese einfachen Veteranen das Wort »Vaterland« aussprachen, so ernst begeistert, so innig trotz der Rauheit der Stimmen, da lag für die Jungen im Saale das Geheimnis geoffenbart, warum wir jetzt ein einiges Deutschland haben!

Das war das Kriegerfest in Wettorp.

Anna Croissant-Rust:
Der Herr Buchhalter

Für Anna Croissant-Rust, die am 10. Dezember 1860 in Dürkheim a. d. Haardt geboren und in München-Pasing wohnhaft ist, lassen sich drei Stufen künstlerischer Entwicklung feststellen. Ihre ersten »Lebensstücke« und Volksdramen sind im Grundton herb, brüchig, grell, aber bereits bewundernswert in ihrer Objektivität und klugen Beobachtung. Ihre »Gedichte in Prosa« verraten ein durchaus eigenes lyrisches Talent, das um seine Form ringt. Danach aber kommt es wie eine innere Befreiung über die Dichterin: wo vordem nur einzelne heitere und ironische Lichter spielten, da bricht jetzt die Sonne des Humors durch und steht sieghaft und erwärmend über den Härten und Unverständigkeiten des Alltags. Keiner unter den heutigen Künstlern hat aus eingeborener tragischer Grundstimmung heraus so ernst und schwer um sein bißchen Heiterkeit und Lebensfrohsinn gerungen wie diese herbe und doch zutiefst herzensgütige Frau. Mag Anna Croissant-Rust von Menschen oder von Tieren erzählen, mag sie uns nach der Pfalz oder nach Tirol führen, mögen die Leutchen ihrer Geschichten in der Kleinstadt die Köpfe zu aller Narretei zusammenstecken oder auf den verschneiten Einödshöfen der Berge gegen die Härte der Natur und des Herzens ankämpfen: immer erhebt uns die tapfere Hand der Dichterin aus den Niederungen des Lebens in die reine Luft geläuterter Menschlichkeit.

L. Adelt.

Der Herr Buchhalter.

Jeden Mittag und jeden Abend sitzt er in der Post. Er kennt kein anderes Wirtshaus, hat den Fuß nie in ein anderes gesetzt. Nicht etwa, weil sie schlechter sind, davon weiß er nichts; aber er ist ein Mann von Charakter. Hat er einmal angefangen, sein Mittagmahl und sein Abendessen in der Post zu nehmen, so bleibt's dabei, das gehört sich; unnötige Veränderungen in der Lebensweise sind nur Schwächen, wert eines Lächelns. Konsequent muß man sein!

Er hat seinen Stammtisch, seinen Stammplatz, sein Stammkrügel, sein Stammglas, seinen Stammserviettenring und – wehe der Kellnerin, die ihm einmal im Drang der Geschäfte etwas anderes vorzustellen oder vorzulegen wagte! Den Wechsel der Kellnerinnen hat er noch stets dem Wirt als persönliche Beleidigung angerechnet, und so unbefangen ihm jede »Neue« entgegentrat, so befangen war der Wirt, so befangen wurde auch bald die Neue. Das war doch wohl die größte Rücksichtslosigkeit! Hatte man so ein Frauenzimmer jahrelang erzogen, und wenn sie sich dem Ideal nun etwas näherte, schickte man sie ihm vor der Nase fort.

In den zwölf Jahren, seit er hier aß, war das schon sechsmal geschehen. Die immerhin freundschaftlichen Beziehungen, die er mit dem Wirt unterhielt – sie grüßten sich stets beim Kommen und Gehen –, wurden dadurch erheblich getrübt, und es dauerte immer ein Vierteljahr, bis er den Gruß des Wirtes wieder sah.

Draußen in der großen Kunstmühle, die der schnell rauschende Silberbach trieb, war er seit zwölf Jahren Buchhalter, dort wohnte er, und nur des Mittags, Sommer wie Winter, bei Schnee und Regen und Sonnenschein, erschien er fünf Minuten nach zwölf auf der Post, und des Abends fünf Minuten nach sieben.

Er war ehemaliger Soldat, – er behauptete Leutnant, die Bauern Feldwebel – und hatte sich beim Manöver eine Verletzung zugezogen, die ihn dienstuntauglich machte. Noch jetzt schleppte er den einen Fuß etwas nach, und die Schmerzen, die ihm der Witterungswechsel brachte, veranlaßten ihn immer zu lauten Ausbrüchen über die unsinnige Soldatenschinderei, die nur den Preußen zu verdanken sei. An den alten Soldaten erinnerte außer dem kleinen, etwas borstigen Schnurrbart, der in zwei fest gezwirbelten Spitzen auslief, nichts als das kurzgeschorene Haar und die rotbraune, etwas cholerische Gesichtsfarbe. Er war mittelgroß und eher schmächtig, schwarz von Haar und Bart, mit kleinen, etwas gewölbten, stechenden, dunkeln Augen.

Wenn er so am Kopfende seines Tisches saß, die Zigarre, die er stets in einem Röhrchen rauchte, nach oben gestemmt, die Unterlippe vor- und aufwärts geschoben, die beiden Arme aufgestützt, und über den Tisch blickend, so sah er niederschmetternd selbstbewußt aus.

Mit ihm aßen ein paar Adspiranten2 der kleinen Bahnstation, ein junger Schreiber und der unverheiratete Bahnmeister. Doch stets blieben die beiden Stühle rechts und links vom Herrn Buchhalter leer, das war der Brauch von Anbeginn gewesen, und daran durfte nicht getippt werden. Während der Mahlzeiten hatte der Tisch zu schweigen, das heißt, er sprach nicht und verbat sich auch nachdrücklich eine lautere Unterhaltung. So wurde also am Tisch unten nur gewispert, man bot sich mit stummem Nicken die Platten und begehrte säuselnd nach Brot und Bier. Wie ein frischer Wind wehte in diese gedrückte Atmosphäre stets die resche Art einer neuen Kellnerin herein, die mit voller Naivetät und, der Pflichten ihres Amtes bewußt, die Herrn zum »Dischkriern« animieren wollte, und voll Heiterkeit mit ihrer Unterhaltungsgabe wie eine Fregatte mit vollen Segeln an dem Tisch landete. Zuerst legte er die Zigarre weg; dann stemmte er den linken Arm ein, seine blanken, kleinen Augen fuhren wie Blitze hin und her, und alsbald brach auch schon das Donnerwetter los.

»Jetz' schaugt's ma dö an! Na, frei' di' ner3, Madl, i' werd' dir Mores lehren! So a G'schroa machen! Du ungebildete Bersohn! Wos? – Stad bist! Ball4 i' red', hot a jed's stad5 z' sein, verstanden?« – Eine einzige hatte es je gewagt, ihm sofort prompt zu erwidern, beide Arme einstemmend und ihn auch gehörig anblitzend: »Jö, schaugt's den an, den z'widern Raunzer6! I' tua, wos i mog, und von dir laß i' mir nix anschaffen.«

Aber sie wurde augenblicklich von der Strafe ereilt. Mit einem Satz war er in der Höhe, und so sehr sich die im übrigen Handfeste wehrte, hatte er sie mit einem einzigen Griff beim Halse gepackt und hinausgedreht. Da er kleiner war als sie und bei der Prozedur verschiedene Tritte und Püffe abkriegte, war es für die aller Pietät baren, frivolen Adspiranten eine solche Wonne, daß sie die Füße auf die Stühle zogen und sich in die Zunge bissen, um nicht gerade herauslachen zu müssen, während der kleine Schreiber, der schon von Amts wegen darauf eingeübt war, lautlos grinste, und der Bahnmeister, etwas schwerfälligeren Temperaments, mit offenem Maul dem hochnotpeinlichen Halsgericht zusah.

Diese eine, die aller Tradition solchergestalt Hohn gesprochen, mußte auf kategorischen Wunsch des Herrn Buchhalters entlassen werden. Der Wirt leistete zu Anfang energischen Widerstand, denn alle übrigen Eigenschaften der Hebe standen ganz im Einklang mit ihrer Handfestigkeit und stempelten sie zum Ideal einer Kellnerin.

Aber der »Buachhalter« drohte, das Haus »nie mehr zu betreten« – es war eine der dramatischsten Szenen seines Lebens; schließlich war er der älteste Stammgast, der Wirt unterlag also der Übermacht seiner Persönlichkeit, achselzuckend und mit der Miene, wie man etwa einem ungezogenen Kinde nachgibt.

Am Stammtisch hatte die Sache ein Nachspiel, als der »Buachhalter« um die gewöhnliche Zeit verschwunden war. Alles ging da außer Rand und Band, »es lösten sich alle Bande frommer Scheu«, es war die reinste Meuterei.

Über den Wirt ging's her vorerst, denn die »Resche« hatte ihnen samt und sonders den Eindruck gemacht, wie wenn man sie unbedingt da lassen müsse, und wenn's nur wäre, um ein Gegengewicht gegen »den da oben« zu haben.

»So a Hanswurscht, der Wirt! Na, so 'was! Aber gar koan Kurasch. Der hätt' i sein mög'n, i hätt' anderscht aufg'muckt. Herr di Gatti, dem hätt' i 's zoagt! Was is denn dös iwerhaupt's für a Wirtschaft? Is denn ner der da? Zahl'n mir unser Zeig net grad a so wie der? Wenn mir g'sagt hätten, mir möchten 's Madl b'halten, was er epper7 da g'macht hätt'!? Dös war' a Hetz' word'n! Mir derften uns schließli' nimmer z' schnaufen trau'n. War uns scho' z' dumm! Mir san a so viel wia der da herinnet, und mir leiden amal dös nimmer, jetz' muaß 's anderscht geh'n!«

So schrien und schimpften und brüllten sie durcheinander, schauten sich kampfmutig und mit roten Köpfen an und hieben auf den Tisch, daß die Gläser sprangen.

Da tat sich die Türe auf, der Herr Buchhalter erschien aufs neue, zwickte die Äuglein zusammen, und ein paar Hohnfalten liefen vom Mund abwärts, als er die aufgeregten »Mander« sah.

»Ös scheint's enk8 ja recht guat z' unterhalten!« sagte er in einem Ton, der, oberflächlich gehört, ans Väterliche gemahnte, für die Eingeweihten aber ein Sturmsignal barg.

Ruhig hängte er seinen Mantel an den Nagel, das Lodenhütl, das er immer etwas links trug, dazu, rückte sich den Stuhl zurecht und – setzte sich.

»I' hab' ja d' Innsbrucker heut no' net g'lesen mit der saudummen G'schicht',« sagte er.

Die »Mander« saßen stumm und stocherten in ihren Tellern weiter, die Augen fest auf die Überreste ihrer Mahlzeit geheftet.

»I' hab' heut d' Innsbrucker no' net g'lesen,« wiederholte er mit gehobener Stimme, und seine Gesichtsfarbe vertiefte sich um einige Nüancen.

Ein leises Gebrumm ging unter den Verschworenen herum, ein Räuspern – »Dort hängt s' ja, Sakrament!« schrie er und deutete an die Wand, wo sie über dem Kopfe des jüngsten Adspiranten hing.

»Jessas, was hast d' denn? So gib's eahm doch!« Und mit Reden und Stößen und Püffen wurde der Hartnäckige aufgemuntert, bis er sie dem vor Zorn Blauroten, der mit seinen bösen Augen förmlich auf ihn einstach, reichte.

So endete die so merkwürdige Verschwörung, und bis dato ist noch keiner gekommen, der den Bann gebrochen hätte, dem Milieu nicht unterlegen wäre.

Zwar gab es immer von Zeit zu Zeit einen neuen Adspiranten, und das war immer eine »Gaudi«9 für die Wissenden. Gewöhnlich setzte er sich auf einen der leeren Stühle, fing als artiger Mann eine Konversation mit dem Ältesten der Gesellschaft an, also mit ihm, dem k. k. Feldwebel in Pension und jetzigen Buchhalter, ließ sich vielleicht durch sein erstes Gegengrunzen nicht einmal abschrecken und redete weiter – dann langte der Gewaltige gewöhnlich die größte Zeitung, die über seinem Haupte hing, herab, hielt sie vor sein Antlitz, daß oben nur das Ende seines Haarschopfes und das Ende seiner Zigarre herausragte. War der Kerl frech, so plapperte er weiter, bis ihm aus den Tiefen ein: »Halten's jetzt Eahna Maul oder nöt?« entgegenscholl – dann wagte er vielleicht noch ein: »Sie, aber erlauben's!« – »Nix erlaub' i, 's Maul habt's z' halten.« – War er nicht frech, so wandte er sich nach den ersten deutlichen Winken an die unten Sitzenden, um dort Unterhaltung zu suchen. Aber hier bekam er nur Kopfnicken, unartikulierte Laute und Achselzucken als Antwort, und seine Verwirrung, sowie das Gesicht, das über der Zeitung auftauchte und einmal mit den andern gemeinsame Sache machte, war ihre einzige Entschädigung und ihre einzige Rache. Deshalb wurde keiner eingeweiht.

Mit den Zeitungen hatte es auch seinen Haken. Er las sie genau der Reihe nach, und jedem Neuling passierte es, daß er in seiner Verlegenheit gewöhnlich nach irgend einer dieser Zeitungen griff. Der Buchhalter las die seine ruhig weiter, bis die andere an die Reihe kam; dann sagte er gewöhnlich: »Erlauben's!« und nahm sie einfach dem Lesenden aus der Hand.

Protestierte der, so fielen die anderen über ihn her: »Sie kommt jetzt dran, lassen Sie's eahm doch, Sie können's ja später lesen!« Und der Herr Buchhalter bekam sie jedesmal, klein gekriegt hatte er noch jeden.

Vom Beginn des Essens bis zum Schluß las er. Er löffelte hinter der Zeitung seine Suppe, er stocherte mit der rechten Hand im Essen, links hielt er sein »Bladl« – er war kein großer Esser, aber Roten trank er gern und viel.

Nicht etwa, daß er während des ganzen Mahles geschwiegen hätte! Er liebte es, einige Pointen aus der Zeitung zuerst halblaut, dann ganz laut zu lesen, mit Bemerkungen wie: »Dös is do' zu narrisch, jetz' ham's im Landtag …« und er heischte Repliken von der Tischgesellschaft. Keinen Widerspruch, aber Anteilnahme. Fiel diese zu lahm aus, so rief er wohl: »Schlaft's denn heut alle? San dös Mannsbilder!« Auch die Neuigkeiten des kleinen Ortes stieß er unter dem Lesen hinter der Zeitung heraus, kurz, bissig, mit einem eigentümlich meckernden Lachen.

Er sah es als Beleidigung an, wenn der Tisch Neues wußte und nicht verriet. Wußten die »Untern« etwas, so fing ein leises Gesäusel am Tisch an, das ihn zuerst nicht irritierte, denn das kam, in schicklichen Grenzen, hie und da vor; aber wenn es vernehmbarer wurde, spitzte er die Ohren, und sein Schopf, das Ende der Zigarre und dann die Äuglein kamen nach und nach hinter der Zeitung zum Vorschein. Das war das Signal zum Ausbruch, und nun wollte jeder mit der Neuigkeit herausplatzen, bis er endlich einen direkt darum anredete. Dann war's aber immer noch kein leichtes; man mußte die richtige Form finden, witzig sein, besonders wenn es Weibergeschichten waren. Trug man die nicht gut vor, so raunzte er wohl: »Machen's an Spektakel wegen aner solch'n Bagadelln!«

Er war ein ausgesprochener Weiberfeind und sprach nur mit äußerster Verachtung von den Frauen. Zum Saubermachen, zum Putzen und »Nah'n« kann man sie brauchen, meinte er, »aber net amal 's Kochen verstehngen's – i mog mi net ärgern!«

Und als einmal ein Vorwitziger rief: »Aber 's Kinderbringen!« entgegnete er nicht ohne Würde: »O na, mei' Liaber, grad dös verstehngen heutigen Tags die wenigsten; drum, i sag's net umasunst, sie san verpfuscht um und um, und net der Müah wert, daß d' über sie red'st.« Wußte er von einem der »Untern« etwa, daß er verliebt war, so war der vor seinen bissigen Bemerkungen nicht sicher; ängstlich hielten sie drum alles geheim, was mit der Liebe zusammenhing. Als der Bahnmeister sich verlobte, blieb er lieber von der Post weg, anstatt sich seinen Spötteleien auszusetzen, und ging in weitem Bogen um den »Pascha von der Mühle«, wie sie ihn unter sich nannten, herum.

Da rieb er sich schmunzelnd die Hände. Feiner und größer war noch keiner seiner Triumphe gewesen. »Secht's 'n?! – und solche Mannsbilder seid's allz'samm'!« Bei solchen Vorkommnissen liebte er es, weit über seine Zeit sitzen zu bleiben, und weit über sein Maß zu trinken, das immer sehr respektabel war. Der Zustand der Bärbeißigkeit schlug nach zwölf Uhr in den der Jovialität um; er erzählte mit halb krähender, halb kichernder Stimme, immer dabei die Zigarre mit der Spitze gen Himmel streckend, dem ganzen, vor Vergnügen wiehernden Gastzimmer alle möglichen Liebesgeschichten. Besonders die seiner Tischrunde. Es begann etwa mit: »Da sitzt a aso Oaner10 «, und endete mit: »werd scho' 'no schaug'n, so a Gimpel, so a verliabter.«

In der Nacht hatte dann die Korona das Vergnügen, ihn nach Hause zu geleiten, und es gehörte zur süßesten Erfüllung aller schlummernden Rachegelüste, wenn sie den Lallenden, Schimpfenden und Wankenden durch einen gelinden Stoß, den er in seinem Zustand nicht bemerkte, im Winter in den Schnee, im Herbst und Frühjahr in den Schmutz und im Sommer in den Staub werfen konnten. Niemals waren sie ausgesöhnter mit ihrem Schicksal, und niemals fühlten sie sich dem Pascha überlegener.

Singend, pfeifend und laut lachend zogen sie durch die Gassen, und sogar den nächsten Morgen hielt die Kampfstimmung noch an – es war beinah' wie zur Zeit der Saison, wo alle Bande auseinander gingen, wenn die Fremden kamen: wo sich die Unterschiede verwischten, die beiden Stühle nicht leer bleiben durften, wo sie alle eng gedrängt sitzen mußten und laut reden durften, so wie ihnen der Schnabel gewachsen war, denn in dem allgemeinen Geräusch ging das bißchen Lärm, das sie machten, so wie so unter.

Dann saß er am Tisch, förmlich gekauert unter der Zeitung. Nie warf er einen Blick vor, nie grüßte er jemanden, nie sprach er während der Zeit. Der Ingrimm häufte sich so in ihm, daß er sichtbarlich magerer wurde, nichts mehr aß und ganz gealtert aussah. O, wenn er sie alle hätte vertilgen können! Alle, alle! Und jährlich wurden's mehr, und keiner war unter ihnen, der sich auch nur um ihn kümmerte! Er sehnte den September herbei, als die Zeit der Erlösung, und wenn der letzte den Rücken gekehrt, so rief er aus: »Is 's jetz' endlich dahin, dös G'sindel? Koan Respekt vor nix! Den anständigen Menschen d' Luft verpesten, 'n Platz versitzen und d' Ohren doret schrei'n, daß an andrer gar nimma aufkimmt! Und dös wollen gebildete Leut' sein? Pfui Teifel! Da san mir scho' andere, da herinn in die Berg'!«

Wilhelm Schussen:
Pilgrime

Abseits vom Heer der modernen Literaten und Poeten steht Wilhelm Schussen, ein eigenwilliger und eigenartiger Kopf, ein Verneiner aller Gesellschaftslügen und aller Scheinwerte unserer Kultur, ein rarer Vogel, der seine »philosophischen Kuckuckseier« in das enge Nest der Konvention legt. Vor seinem ehrlichen und rücksichtslosen Suchertum fallen die Kulissen unserer öffentlichen und persönlichen Zustände; Heuchler und Schelme zu entlarven ist ihm ein grimmiges Bedürfnis. Fern allem Zelotismus und Pharisäertum aber bricht er nicht selbstzufrieden den Stab über den armen Sündern – was er will und dichterisch gestaltet, ist die sittliche Läuterung des irrenden Menschen. Eine kraftvolle, reiche und ungesuchte Sprache spiegelt seine kantige und starke Persönlichkeit. Gleich dem Vinzenz Faulhaber seines Schelmenromanes stammt Schussen aus dem Schwäbischen; er ist am 11. August 1874 in Schussenried geboren. Sein bürgerlicher Name lautet Wilhelm Frick in Fürstenfeldbruck bei München.

L. Adelt.

Pilgrime.

Da sah ich kürzlich in einer Sammlung japanischer Beinschnitzereien unter den vielen kunstvoll gearbeiteten Gegenständen auch ein entzückend hübsches elfenbeinernes Figürchen, das den schlauen Meister Reineke als Pilger darstellte, wie er, eingehüllt in einen Mantel und die mit dem Pilgerstab versehenen Hände vor dem Leibe gekreuzt, barfüßig auf dem Wanderwege Halt macht und sich eben wieder einmal umsieht, ob keine Augen in der Nähe wachen.

Er wird, das merkt man seinen Mienen schon im voraus an, sich herzlich satt lachen, wenn er sich unbehelligt weiß, oder er wird, sofern etwa eine alte Frau oder eine junge, die sich an seiner Gottseligkeit erbauen wollen, vorbeikommen, das Haupt noch tiefer herunterfallen lassen und die Züge noch mehr verklären und mit schönen Lichtern begießen.

Und jetzt fallen einem ganz von selber alle die alten Geschichten wieder ein. Und man denkt wieder sofort daran, wie der Spitzbube sich gar einmal als Beichtvater vermummte und im Dämmer der Adventszeit einen Dom entheiligte und daselbst Männern und Frauen und Kindern und Nonnen und Kapuzinern die Beichte abnahm und eines jeden Gewissen erforschte und einem jeden seinen Zuspruch erteilte und von allen Sünden lossprach und eine gehörige Buße auferlegte. Es ist selbstverständlich, daß er so nebenzu auch an die eigene Seele dachte und die gute Gelegenheit nicht ohne Nutzen gebrauchen wollte. Befahl er doch einem bekannten Weinhändler, der immer den Wein verbesserte, weil ihm der Regen unseres Herrgotts nicht genügte, zur heilsamen Buße einen großen Korb Weintrauben bei Nacht und Nebel nach einem stundenweit entfernten Walde zu tragen und dort am Fuße der sogenannten Geistereiche niederzulegen. Auch forschte er einen reuigen Rentner, der ihm bekannte, er hätte bei einem Gansessen des Guten ein bißchen zu viel getan, so lange aus, bis er wußte, wieviel Gänse der Geflügelstall noch beherbergte und wann die Magd des Abends schlösse und des Morgens wieder öffnete. Es ist ja auch nichts Neues, daß er dann beim Bekenntnisse einer schon angejahrten Jungfer laut auflachte und die Füße unterm Rock vorstreckte und auf diese Weise entlarvt und vom Meßner fortgeprügelt wurde. –

Das sind die alten Geschichten, die, wie die hübsche Elfenbeinfigur bestätigt, auch den Japanern und wohl auch anderen Völkern nicht fremd bleiben konnten. Solche Streiche hat nun der Schreinermeister Lorenz Daisenrieder nie ausgeführt. Das leuchtet ohne weiteres in die Augen.

Aber Schloßverwalter des Schlosses zu Wittenberg hätte er doch einmal gar zu gerne werden mögen und wäre es beinahe auch geworden, wenn jene unglückselige Wallfahrt, die hier erzählt werden soll, nicht so übel geendet hätte. Übrigens war wieder einmal seine Frau Mechthilde an allem schuldig gewesen. Das war so die Regel. Und er hätte es eigentlich wissen können.

»Lorenz,« hatte sie abends im Bett zu ihm gesagt, »wenn ich du wäre, Lorenz, tät ich schon lieber meinen Kopf durch ein Schloßfenster hinausstrecken als durch ein Schiebefenster, wo du ihn übrigens nicht mal durchbringst, weil er zu dick ist.«

»Drum hab' ich mich ja bereits an den Laden gelegt,« versetzte er, sich ein paarmal tüchtig rülpsend.

»Was heißt an den Laden gelegt? Mit dem An-den-Laden-gelegt ist noch nichts getan. Regen mußt du dich, Lorenz, wenn du es zu was bringen willst.«

»Petitioniert hab' ich,« sagte er darauf.

»Ach was, petitioniert,« sagte sie.

»Der Graf ist ein Esel. Ganz Wittenberg weiß es. Sonst tät er sich ein sauberes Weib ein und ließe es sich mit ihr wohl sein.«

»Die alte Schloßverwalterin habe nach dem Tode ihres Mannes ein Vermögen von dreißigtausend Mark fortgeschleppt, hört man,« erzählte Frau Mechthilde.

Daisenrieder richtete sich im Bett auf und sagte: »Das finde ich nicht 'mal so viel. Es wird sich einer doch auch noch ein paar Groschen ersparen dürfen, wenn er sich so und so lange abplagt.«

»Wieviel hast denn du schon erspart?« spottete sie, und es war gut, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte.

»Drum hab' ich ja auch petitioniert,« versetzte er ärgerlich. »Davon bist mir jetzt aber sofort still. Sag' lieber, auf welcher Geldbank hast denn du deinen Profit aufgehoben? Und hast auch dein Papier gut versorgt? Und bist auch Mitglied der Wach- und Schließgesellschaft, damit dir niemand deinen Reichtum stiehlt?«

»Der Schloßpastor habe großen Einfluß auf den Grafen, heißt es,« behauptete sie weiter.

»Der Domänenrat Mehltreter wird wohl auch ein Wort haben,« widersprach er mit Fleiß.

»Davon hab' ich noch nichts gehört,« beharrte sie, richtete sich ebenfalls auf und stützte den Rücken mit ihren beiden Kopfkissen. »Wenn man nur mal den Kaplan für sich hätte, dann ginge es; verlaß dich drauf.«

»Gestern bin ich dem Grafen begegnet,« erzählte er.

»Wo bist du ihm begegnet?« fragte sie angelegentlich.

»Im Sägewerk natürlich, wo er Tag für Tag aufpaßt und die Stämme zählt und die Bretter zählt und acht gibt, daß der Wind keinen Splitter fortweht. Und derweil kriegt sein Geld Füße und verschwindet zu allen Hintertüren hinaus.«

»Hast ihn doch angesprochen?«

»Nein,« sagte er.

»Das hättest aber tun müssen, Lorenz. Wie kann man so was vergleichgültigen?« tadelte sie und schlug mit den Händen auf das bauschige Oberbett. »Guten Tag, Herr Graf, hätt' ich an deiner Stell' gesagt, guten Tag, mit Verlaub und nichts für ungut, Herr Graf, aber ich hätt' ein kleines Anliegen, Herr Graf. Nehmen es Seine Durchlaucht nicht in übel, wenn ich halt so frei war und um die Verwaltersstell' eingegeben hab', und wenn ich jetzt noch so beiläufig ein gutes Wort für mich einlege, Herr Graf. So hätt' ich gesagt, wenn ich an deiner Stell' gewesen wär. Und dann hätt' ich ihm den ganzen Fall gründlich expliziert.«

»Wenn dir aber der Graf über die Eichenstämme weg davongesprungen wäre, wie er es mir getan hat, wie hättest du dann gesagt?« foppte er.

»Es gibt nichts anderes, als man wendet sich noch extra an den Kaplan,« sagte sie.

»Das darfst mich nicht lang' heißen. Das tu' ich schon. Aber das tun die andern alle auch. Soweit wirst du die Welt kennen,« sagte er und rülpste sich wieder.

»So meine ich es jetzt nicht, Lorenz,« erklärte sie zutulich und strich mit den Handflächen über die Bettzieche weg. »Man müßte sich beim Kaplan nur erst mal gut dranmachen, Lorenz, verstehst du mich, und ihn für sich gewinnen. Verstehst du mich?«

Daisenrieder aber ließ sich wieder auf sein Kissen zurückfallen, schloß die Lider und hörte der Frau Mechthilde zu, halb davon träumend, wie schön es wäre, wenn er die Stelle bekäme, und halb neugierig darauf, was seine Frau ihm nun wieder für Mittel vorschlüge. Er war übrigens zum voraus sicher, daß er keines dieser Mittel anwenden würde, sondern vielmehr ganz seinem eigenen Kopf folgen müsse, wenn er etwas erreichen wollte.

»Der Herr Kaplan sei jeden Mittag um viere in der Schloßkirche und bete sein Brevier, hab' ich sagen hören, und ich selber hab' ihn auch schon dort angetroffen,« sagte sie weiter.

»Jawohl, und was willst du damit?« fragte er aus seinem Dunkel heraus.

»Man müßte die nächsten Tage z. B. mal – eine Wallfahrt machen,« rückte sie endlich heraus.

»Jetzt glaub' ich bald, du rappelst, Mechthild'!« rief er aus.

»Man könnte zum Beispiel ganz gut die Stationen beten, und wenn uns dann noch zufällig jemand vom Schloß sehen tät, wär's auch kein Schaden nicht. Jetzt, wo das Laub von den Bäumen weg ist, sieht man deutlich vom Schloß auf den Kreuzweg hinüber,« redete sie aber unbekümmert weiter. Er lachte immer nur und stieß den Atem so heftig durch die Nase, als wollte er eine Dampfmaschine nachahmen.

»Und zum Schluß täte man die Aufopferung in der Schloßkirche abmachen. Da brauchst gar nit lachen, Lorenz. Das wär' noch gar nichts Einfältiges und auch gar nichts Unrechtes. Und wenn's was nützen tät, wär's dir so lieb wie mir. Das ist nun mal so: wenn man Wasser will, muß man zum Brunnen gehen. Auch ist das Wallfahrten noch nie eine Sünd' gewesen. Und wenn man Gott darum bitten darf, daß man in Himmel kommt, darf man ihn auch darum bitten, daß man Schloßverwalter wird,« sagte sie allen Ernstes. »Daß du aber die Stellung so gut wie jeder andere versehen kannst, wirst mir wohl noch glauben wollen,« schloß sie, an seine schwache Seite sich wendend.

»Sicher mal so gut oder besser als der alte Schloßverwalter selig,« sagte Daisenrieder nun ganz ernsthaft.

»Na also, was besinnst du dich dann noch lang?« predigte sie, indem sie ihr vom hellen Übereifer locker gewordenes Kopftuch festband.

»Das erste wär', daß ich das Einfahrtstor anders anstreichen ließe oder es selber anstriche. Es ist eine Schand', was das Tor für ein Gesicht gegen die Straße hin macht,« sagte er. »Und auch die drei alten Eschen im Hof müßten mir umgemacht werden.«

»Na also!« ermutigte sie ihn.

»Und inwendig im Schloß fehlt es auch da und dort. Eine Schand', solch' ausgeschlorkte Fliesen, wie sie der untere Flur noch hat.«

»Na, also, siehst du, du hättest doch den Kopf dazu, Lorenz.«

»Was aber eben nicht anders sein könnte, ließe ich natürlich wie es ist. Denn wenn ich mal Verwalter wär', wär' mir meine Ruh' eben wohl was wert, verstehst mich? Das kann ich dir gleich zum voraus sagen.«

»Na, also!« rief sie zum vierten Male.

Er drehte sich um und legte sich auf die Seite, sein Antlitz der Frau Mechthilde zuwendend. »Das Einfachste wär', man tät' die Sach' gleich morgen nachmittag abmachen. Zur Hildegard oben, die ja doch alles gewußt haben muß, tät man ganz einfach sagen, man müsse auf eine Hochzeit oder zur Kindstauf' nach Moosheim. Was meinst?«

»Daß du ganz recht hast, mein' ich,« lobte sie ihn. »Ich sag's ja immer, es kommt bloß darauf an, daß der Kaplan mal eine gewisse Ansicht von dir kriegt, und die kann er nur kriegen, wenn er dich sieht. Ein Kaplan ist in diesem Punkt auch ein Mensch wie wir andern. Und nachher kannst du dann immer noch bei ihm vorstellig werden und beim Grafen Besuch machen und beim Domänenrat oder wo du willst. Wenn's nur mal erst richtig angefaßt ist, das andere kommt dann von selber; verlaß dich darauf. Aber richtig anfassen muß man es.« Sie wiederholten noch einigemal, was sie eben gesprochen hatten, und es blieb nun dabei, daß sie morgen nach dem Mittagessen ihre Wallfahrt ausführen wollten.

Nun war es ganz still in der Kammer, und man hörte draußen einen Hund dumpf vor sich hinbellen und dann wieder breit hinausheulen.

»Wenn das Viech mal still wär', hätt' ich nichts dagegen,« schalt er.

»Es ist dem Feilenhauer seiner. Wenn du recht nachguckst, hat der Feilenhauer auch um die Verwalterstell' angehalten. Aber kriegen tut sie halt bloß einer,« redete sie ihm zu, weil sie wußte, daß er nur der Stelle wegen auf den Hund so bös war.

Jetzt klingelte das Ladenglöckchen beim Strumpfwirker drüben, und bald darauf ließ der Nachbar den Rollladen herunter.

»Schon neune,« gähnte Frau Mechthilde in einem langgezogenen hellen Schwung.

»Wär' wirklich nichts Dummes, die Schloßverwalterstelle,« murmelte er nochmals, halb in Schlaf und Traum. – – –

Des andern Morgens ging Daisenrieder zunächst wie gewöhnlich seinen Handwerkspflichten nach. Er schritt also, den Bleistift hinterm Ohr und den gelben Maßstab in der ausgeschlitzten Rocktasche, durch die Baldungsstraße und Goethestraße, rauchte seine Zigarre und überdachte, wie er dem Kleiderschrank der Frau Stiegele wieder auf die Beine helfen könnte. Jedenfalls mußte er sich den Kleiderschrank erst mal ansehen, wenn er ihn aufrichten wollte. Vorher konnte er überhaupt nichts sagen. Die Frau Stiegele hatte da merkwürdige Ansichten. So schnell ging das Ding doch nicht …

Mußte ein neuer Fuß eingesetzt werden. »Würde innerhalb der nächsten acht Tage, spätestens aber bis zum Thomastag erledigt werden,« versprach er der Frau Stiegele.

Nun wollte er heim, um den Kindersarg, der bereits vollendet in der Werkstatt stand, zu Oberlehrers zu tragen, ward aber auf dem Weg vom Rathausdiener aufgehalten, der ihm bekannt gab, daß die Tür zum Sitzungssaal ripste. Nach einer halben Stunde war der Fehler behoben und die Tür konnte nun ohne Ripsen auf- und zugemacht werden. Und Daisenrieder entzündete die vierte Zigarre am Stummel der dritten und wandelte heim zum Vesperbrot.

»Wär' schon recht schön, wenn er, statt so umherzuwalzen, zu einem der schönen Schloßfenster über Wittenberg her und ins weite Tal hinunterschauen dürfte.« – – –

Sein Frühtrunk in der Schwanenwirtschaft fiel heute reichlicher als gewöhnlich aus. Dann sägte er vor dem Mittagessen noch eine Weile an einem Brett herum. »Wär' doch recht schön, wenn – –.«