Der Skorpion
I

Alle Rechte vorbehalten
Copyright by Askanischer Verlag
Berlin 1919

Druck von Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg
Einband von C. Albert Kindle, Berlin SW

Anna Elisabet Weirauch

Der Skorpion

Ein Roman

Qui vivens laedit
Morte medetur

Erster Band

Askanischer Verlag Berlin
1919

«Vous que dans votre enfer mon âme a poursuivies,

Pauvres sœurs, je vous aime autant que je vous plains,

Pour vos mornes douleurs, vos soifs inassouvies,

Et les urnes d’amour dont vos grands cœurs sont pleins!»

Baudelaire.

Wenn ich ehrlich sein soll – daß ich durchaus Melitta Rudloffs Bekanntschaft machen wollte, geschah ihres schlechten Rufes wegen. Die geraden, gesunden und reinlichen Durchschnittsmenschen hatten für mich keine Bedeutung. Ich suchte die Kranken, die Verlorenen, die Ausgestoßenen. – Ich suchte sie mit geteiltem Gefühl, und – seltsam, wie wir Menschen nun einmal sind – ich bin stolz darauf, daß ich sie suchte mit der klaren und kalten Freude des Forschers, daß ich sie suchte, um sie zu vivisezieren, zu analysieren, sie in Systeme einzuschachteln – und ich schäme mich ein bißchen, zu gestehen, daß ich sie suchte in dem überheblichen Wahn, helfen zu können, bessern zu können – sie mit reinen und gütigen Händen hellere Wege zu führen.

Es geschah durch Tante Antonie, daß ich zuerst von Melitta Rudloff erzählen hörte. Tante Antonie war eine sehr fromme und ehrenwerte Frau, und Lüge und Verleumdung lagen ihr fern. Sie sah die Dinge mit scharfen Augen, aber sie sah sie von ihrem unverrückbaren Standpunkt aus.

Nach diesen Erzählungen hatte Melitta – oder Mette, wie sie genannt wurde – als Kind schon einen sonderbaren Hang zum Lügen und Stehlen gezeigt. Auf der Schule galt sie als dumm und faul. Als junges Mädchen lief sie einer merkwürdigen Frau nach, einer Hochstaplerin mit ausgesprochen männlichem Gebaren. Vielleicht verführt von dieser Freundin, von der sie nebenbei späterhin hinausgeworfen wurde – stahl sie im väterlichen Hause das Silberzeug und trug es aufs Leihamt. Nach einem Tobsuchtsanfall, bei dem sie ihre Tante, die treue Pflegerin ihrer mutterlosen Kindheit, erwürgen wollte, wurde sie zu ihrem Onkel nach einer kleinen Stadt gebracht. Dort stahl sie, was im Hause nicht niet- und nagelfest war, erbrach schließlich auf raffinierteste Weise den Schreibtisch, entwendete eine größere Summe Geldes und entfloh.

Ihr Vater, eine feinsinnige Gelehrtennatur, überlebte die Nachricht von diesen Geschehnissen nicht lange – er wurde vom Schlage getroffen.

Mettens Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Wie Jürgen von Seyblitz stets bitter zu sagen pflegte: „Zum Glück“.

Mette war nicht dieser Meinung. Sie hatte eine phantastische Vorstellung von der Wesenheit einer Mutter und glaubte immer, daß der frühe Tod der ihren alles Unheil ihres Lebens verursacht hätte.

Ich meinesteils weiß nicht, welcher Ansicht ich mich anschließen soll. Ganz sicher hätte Mette nicht eine so trübe und freudlose Kindheit gehabt, wie unter Tante Emiliens knochigen Fingern – aber selbst die weichste Mutterhand hätte die schwersten Kämpfe ihres Lebens nicht von ihr fernhalten können. Und wenn ich an diese Zeiten denke, begreife ich Onkel Jürgens „Zum Glück“ recht wohl. Vielleicht hatte er ein besseres Bild von seiner Schwester, als Mette es von ihrer Mutter haben konnte.

Wenn ich nun versuchen will, zu erzählen, was ich von Mette Rudloff und von ihren Beziehungen zu Olga Radó weiß, so muß ich fürchten, falsch gedeutet zu werden. Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit Peterchen, unserem gemeinsamen kleinen Freund, den Olga Metten gegenüber in herzlichem Spott „Unser Baudelairechen“ zu nennen pflegte. Peterchen war bei allem, was seine Freunde betraf, mit überschwenglichem Gefühl beteiligt. Ich sehe ihn noch immer mit seinen aufgeregten Schrittchen durch sein Zimmer hin und her laufen und flammende Reden führen. Er machte Welt und Vorwelt verantwortlich für Olgas Tod und Mettens Leben. Wenn es nach ihm gegangen wäre – er hätte ein Gemälde entworfen, auf dem er Olga und Mette mit schimmernder Gloriole umgeben und Jürgen von Seyblitz und Tante Emilie und Frau Flesch und noch einige andere, die er nicht leiden konnte, an den Pranger gestellt hätte. Er hätte sich mit dem Stock des Ausrufers auf den Markt begeben und auf seine Heiligen gedeutet und geschrien: Seht her, so sind sie, die Verfemten, die Verworfenen, die ihr haßt und verachtet und fürchtet – und nicht kennt!

Nach allem, was ich von Olga Radó weiß, hätte er ihr damit einen schlechten Dienst erwiesen. Was ihr die meiste und glühendste Feindschaft eingetragen hat, war nicht ihr lasterhaftes Leben, ihre Verschwendungssucht, ihre unnatürlichen Leidenschaften – nicht einmal ihr Geist oder ihre Schönheit – nein, es war ihr grenzenloser Hochmut.

Sie haßte es, verallgemeinert zu werden. Und wir alle, die wir sie kannten, haben hundertmal aus ihrem Munde das Wort gehört – so oft, daß es zur scherzhaften Redensart bei uns wurde:

„Bitte! Nix ihr, nix euch!“

Ich habe keine Ähnlichkeit mit Peterchen. Ich bin nicht dazu geschaffen, zu verteidigen oder anzuklagen. Ich verfolge keinen Zweck, wenn ich etwas erzähle. Ich habe keine Ziele und keine Absichten, nicht einmal eine Meinung oder ein Urteil, und kaum ein Gefühl. Keine andere Absicht, als Bilder und Worte, die unendlich flüchtig vorüberrauschen, mit allen Sinnen festzuhalten, und sie in Form zu bannen, und kein ander Gefühl, als die weltabgewandte, weltaufsaugende Hingabe, mit der der Zeichner den Silberstift über das Papier führt.

Einmal war Mette einen Sommer lang bei ihren Großeltern auf dem Gut. Vielleicht war es dieser Sommer, der ihr den irrsinnigen Hang zum Leben ins Blut goß. Woher hätte sie sonst auch wissen sollen, daß das Leben mitunter schön sein konnte? Immer, wenn sie in späteren Jahren sich nach Glück sehnte, hatte sie die qualvoll-süße Vorstellung von einem Glücksgefühl, das sie ganz erfüllt hatte, als sie auf einer blühenden Wiese lag und das Blau des Himmels zwischen säulenhohen Grashalmen sah, als der heuduftende Wind über ihr sonneglühendes Gesicht blies, und Tausende von Bienen und Hummeln und Wespen in der Luft läuteten, wie tiefe und hohe, ferne und nahe Glockenstimmen. Wann hätte das sein können, wenn es nicht in jenem Sommer war?

Oh, es war so viel Herrliches in jenem Sommer gewesen.

Da war ein Gartenhäuschen gewesen, aus Birkenstämmen und borkebenagelten Brettern. Und von der Birkenrinde konnte man eine dünne, durchsichtige Haut abziehen. Sie zerriß leicht, und es war sehr schwer, aber auch sehr ehrenvoll, ein großes Stück unversehrt loszulösen.

Dies Gartenhäuschen hatte Glasfenster nach allen Seiten. Und jedes Fenster hatte einen Rand, einen Rahmen gleichsam, von kleinen Vierecken aus Buntglas. Da konnte man die Welt in allen Farben sehen.

Immer sah Mette zuerst durch das blaue Glas. Da lag alles in einem geheimnisvollen Dunkel, alles wurde still und weit, die Sonne stand strahlenlos am Himmel wie der Mond – es war wie eine Nacht aus dem Märchen, und über die blauen Wiesen, unter den blauen Bäumen, hätten Elfen mit wehenden Schleiern tanzen müssen.

Dann kam das grüne.

Da leuchteten die Bäume und Wiesen wie von innerem Licht. Aber die apfelgrüne Luft war voll Unheil geladen, und die schweren dunkelgrünen Wolken waren zum Bersten belastet mit furchtbaren Dingen.

Dann war ein goldgelbes.

Man muß nicht etwa denken, daß der Garten hell und heiter aussah im goldfarbenen Licht. Das Grün war fahl und wie verbrannt, die Luft schien gewitterig. Es war so, wie es ganz gewiß am jüngsten Tag aussehen mußte, wenn die Erzengel in die Posaune stießen, wenn Teufel mit Fledermausflügeln durch die Luft schwirrten, und die Gräber sich auftaten.

Zuletzt kam das rote, weil es das schönste war. Es war so schön und so schrecklich, daß Mette jedesmal Herzklopfen bekam. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte die Welt ganz gewiß immer so ausgesehen. Die Bäume so dunkel wie Blutbuchen, und die Wiesen so glührot, der Himmel so brennend mit tiefpurpurnen Wolken.

Wenn man dann wieder durch das klare Glas sah, war alles unsagbar fad und nüchtern und blaßfarbig. Trotzdem – man konnte erleichtert aufatmen. Alles Unheimliche war geschwunden – in einer Welt, die so hell und harmlos und ein bißchen langweilig aussah, wo es keine blauen Wiesen und keine purpurnen Bäume gab – da gab es auch keine Feen und Teufel, da gab es nichts, wovor man sich zu fürchten hatte.

Manchmal, in späteren Jahren, dachte Mette darüber nach, ob sie dies alles damals schon in klar ausgesprochenen Gedanken gedacht hatte. Und dann rechnete sie nach, und es schien ihr, als wäre sie damals noch viel zu klein gewesen. Aber später hat sie ja nie mehr durch die bunten Glasscheiben in dem Birkenhäuschen sehen können; denn in dem Winter, der auf jenen Sommer folgte, starb der Großvater, das Majorat ging auf den Erben über, und die Großmutter zog zu ihrem Bruder nach Güstrow.

Die Großmutter schwankte damals lange Zeit. Trotz ihrer Abneigung gegen die große Stadt wäre sie damals gern zu ihrem Schwiegersohn gezogen, um der kleinen Mette nahe zu sein. Aber sie wagte es nicht, den Kampf mit Tante Emilie aufzunehmen.

Tante Emilie war viel zu musterhaft, als daß nicht jeder andere sich überflüssig gefühlt hätte. Und Tante Emilie von ihrem Posten vertreiben – um Gottes willen! Dazu gehörte eine kampflustigere Persönlichkeit als es Conrad von Seyblitz’ arme, kleine Witwe jemals war.

Die Großmutter zog nach Güstrow, wo sie die paar Jahre bis zu ihrem Tode lebte – und Tante Emilie blieb – blieb unumschränkte Herrscherin des Hauses.

Das heißt, daß Mette nicht in die Schule gehen sollte, das ordnete Franz Rudloff selber an. Er hatte eine fast krankhafte Scheu vor allem, was „Masse“ und „Gemeinschaft“ hieß. Es schien ihm, als müßten die kühlen, hohen Räume seiner Wohnung sich mit dem Dunst schlecht gelüfteter Klassenzimmer füllen, als müßten die stillen Wände hallen von hundert hohen Stimmen, von hundert trappelnden Füßen, wenn er sein Kind in eine Schule schickte.

Und also kam das „Fräulein“ ins Haus.

Tante Emilie war innerlich von vornherein dagegen. Sie selbst war in die Schule gegangen, und die Schule hatte ihr nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sie war absolut nicht dafür, daß irgend jemand auf der Welt es in irgend etwas besser haben sollte, als sie es selbst hatte oder gehabt hatte. Zu den wenigen Freuden, die sie im Leben hatte, gehörte die Freude an der „ausgleichenden Gerechtigkeit“, wie sie es nannte: Wenn nämlich jemand, dem es ganz ohne Würdigkeit sehr gut ging, sein unverdientes Glück durch einen schweren Schicksalsschlag abbüßen mußte.

Andere Leute haben für diese Art Freude eine andere Bezeichnung.

Tante Emilie war gegen das Fräulein. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um zu widersprechen, wenn der Herr des Hauses einen Wunsch äußerte. Sie wußte, daß sie sich in solchen Fällen schweigend zu fügen hatte. Nicht etwa, daß der arme Franz das von ihr verlangt hätte, o nein! Aber so war es vorbildlich und musterhaft. Und also kniff sie die Mundwinkel noch etwas fester zusammen und fügte sich schweigend.

Das Fräulein hatte so krauses, widerspenstiges Haar, daß die braunen Löckchen sich in keinen Scheitel fügen wollten und ihr immer ums Gesicht tanzten. Sie hatte auch den Sinn, den das Sprichwort mit solchem Haar verbindet. Alle die Männer, die in ihrem Leben eine längere oder kürzere Rolle gespielt hatten, sagten, sie wäre eine entzückende Geliebte gewesen. Zur Erziehung eines kleinen Mädchens eignete sie sich weniger gut.

Tante Emilie hatte sie nicht ausgesucht. Das hatten Franz Rudloff und Mette ganz allein besorgt. Eins hatten Vater und Tochter gemeinsam: all ihre Sinne dursteten nach Schönheit und Harmonie. Sie gaben was aufs Äußerliche, wie Tante Emilie das nannte.

Das Fräulein hatte ein so liebliches Jung-Mädchengesicht, so weiche Bewegungen, eine so schöne klingende Stimme.

Es war nicht die geringste persönliche Sympathie, die Franz Rudloff zu diesem Fräulein hinzog. Nur, wenn er schon einen fremden Menschen ins Haus nehmen mußte, so war ihm lieber, wenn es ein angenehmes Wesen war. Vielleicht hatte er – uneingestandenermaßen – an einem unangenehmen genug.

Bei Mette war es etwas anders. Sie hatte noch nie einen Menschen gesehen, der ihr so gefiel. Ihr ganzes sehnsüchtiges Kinderherz, das noch niemals Liebe oder Zärtlichkeit gefühlt hatte, flog dieser Fremden entgegen, dieser Fremden, die sie in den Arm nahm, ihr mit weichen Händen das Haar aus der Stirn strich, sie mit kosender Stimme „Mädi“ und „Herzblatt“ nannte. Die Aussicht, diesen Menschen immer um sich zu haben, erschien ihr wie ein unfaßbares, berauschendes Glück.

Sie bat ihren Vater nicht. Sie konnte nicht bitten, Mette Rudloff, nie, und wenn es um ihr Leben ging, nicht.

Aber als ihr Vater sie fragte, ob das Fräulein kommen sollte, sagte sie: „Ja.“

Und das Fräulein kam.

Tante Emilie aber kniff die Mundwinkel zusammen und fügte sich schweigend.

In den nun folgenden drei oder vier Jahren, die das Fräulein im Hause blieb, durchlebte Mette Rudloff das ganze Martyrium einer unglücklichen Liebe.

Die ersten Monate ging alles herrlich. Das ist ja eben das Unglück einer unglücklichen Liebe, daß sie immer mit einem überschwenglichen Glück anfängt.

Das Fräulein hatte Mette sehr lieb, und Mette hatte das Fräulein sehr lieb, und sie lernten miteinander und spielten miteinander und gingen miteinander spazieren. Es war eine wundervolle Zeit. Aber wie alle wundervollen Zeiten nur von kurzer Dauer.

Es war sicher der Teufel, der den früheren Husarenleutnant von Hanstein plötzlich in den Weg warf; den Husarenleutnant, den das Fräulein glühend geliebt hatte, als sie noch kein Fräulein war, sondern Friedel Eggebrecht hieß und aufs Seminar ging und in ihrer Vaterstadt auf ihren ersten Jung-Mädchen-Bällen tanzte.

Dieser frühere Husarenleutnant hatte keine ganz saubere Karriere hinter sich. Er hatte schuldenhalber den Dienst quittieren müssen, hatte sich in allen möglichen Berufen herumgetrieben und sprach sich über seine jeweilige Beschäftigung immer nur in sehr unklaren, aber hochtönenden Worten aus.

Das hinderte nicht, daß in dem Fräulein sehr bald die alte, nicht rostende Liebe erwachte, und daß Mette, die kleine, süße, goldige Mette, jetzt überall lästig und im Wege war.

Zuerst war Mette nur ärgerlich, wenn das Fräulein Besuch von ihrem „Bruder“ bekam und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde, weil das Fräulein Herrenbesuch nicht in einem Raum empfangen konnte, in dem ein Bett stand. (Späterhin wurde das anders.)

Im Schlafzimmer war es kalt und langweilig. Mette stand am Fenster und sah den Spatzen zu, die auf dem kahlen Baum im Hofe lärmten. Nebenan waren ihre Bücher, ihre Puppen, ihre Spielsachen. Aber sie durfte nicht hinein, solange der Besuch da war, und der Besuch dachte nicht daran, wegzugehen.

Es war recht ärgerlich. Und wenn es so weitergegangen wäre mit Besuchen und Eingesperrtwerden und dem kalten und unfreundlichen Ton, den das Fräulein jetzt meistens hatte, so wäre Mettes glühende Liebe vielleicht bald in Haß umgeschlagen – und es wäre alles gut gewesen.

Aber mochte der Teufel wissen – derselbe Teufel, der den Herrn von Hanstein eines Vormittags auf den Viktoria-Luise-Platz warf – was diesem Herrn von Hanstein gerade über die Leber lief. Hatte er Sorgen oder Schulden oder irgendeine andere Liebelei – kurz – das Fräulein fing an, sich gekränkt zu fühlen, sich zu grämen, des Nachts zu weinen.

Das war zuviel für Mette.

Mette Rudloff weinte schwer. Sie begriff nicht, daß ein Mensch weinen konnte, ohne bis an die Grenzen des Wahnsinns zu leiden. Darum hätte sie sich das Herz aus der Brust herausreißen mögen, um einen Weinenden zu trösten.

Wenn Friedel Eggebrecht um ihren Husarenleutnant weinte, so litt Mette alle Qualen der Hölle.

Im Anfang, als das Fräulein das Kind nicht wecken wollte, weinte sie leise und weinte sich nach einer Viertelstunde in den Schlaf. Aber als sie merkte, daß Mette doch aufwachte oder vielleicht auch nicht einzuschlafen wagte, sich mühsam wach hielt, um auf jeden Atemzug zu lauschen, da war es ihr ganz bequem, sich einem lauten Schmerz hinzugeben und sich trösten zu lassen.

Beim ersten Aufschluchzen sprang Mette aus dem Bettchen und kam auf bloßen Füßen über die Dielen gelaufen. Dann kauerte sie auf dem Bettrand und weinte und zitterte und tröstete mit ihrem süßen, zärtlichen Stimmchen, mit ihren weichen, guten Kinderhänden.

Und das Fräulein ließ sich streicheln und trösten und stieß mit den Füßen gegen die Bettkante, warf den Kopf nach hinten, krallte die Nägel in die Kissen und schrie:

„Der Hund! Der Schuft! Ich ertrage es nicht mehr. Ich sterbe! Er mordet mich!“

Zu der Zeit, als diese Szenen sich abspielten, wußte Mette schon längst, daß diese Ausbrüche dem Bruder galten, und daß dieser Bruder kein Bruder war.

Sie empfand einen so wütenden, qualvollen Haß gegen diesen Mann, daß sie oft angestrengt darüber nachdachte, wie sie es bewerkstelligen könnte, ihn zu ermorden.

Diese durchweinten, durchwachten Nächte waren schlimm. Aber sie waren nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, wenn am nächsten Tage der Herr Bruder wieder ankam und empfangen wurde zwischen Lachen und Weinen, mit offenen Vorwürfen und kaum verhehlter Zärtlichkeit, und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde.

Dann rieb Mette die Zähne aufeinander und bohrte die Nägel in die Handflächen, und zerpeinte sich in schmerzlicher Wut.

Bei solchen Anlässen konnte Mette auch sehr ungezogen werden. Es lag ihr nicht, Traurigkeit zu zeigen, wenn sie litt. Sie zog es vor, ungezogen zu werden. Es war mitunter ganz begreiflich, daß das Fräulein eine maßlose Wut auf sie hatte.

Wenn Mette hätte zeigen können, wie es in ihr aussah, so hätte sie geweint und gesagt: „Ich liebe dich, und ich bin eifersüchtig, doppelt eifersüchtig, weil deine Liebe einem Mann gehört, der dich quält, und den zu verachten du vorgibst. Ich leide, daß ich einen Menschen lieben muß, der so wenig Stolz und Charakter besitzt.“

Wenn die kleine Mette ihre unklaren Gefühle in Worten hätte ausdrücken können, so würden diese Worte ungefähr so gelautet haben.

Wer von uns, die wir reife und kluge Menschen sein wollen, die wir gelernt haben, die Worte zu wählen, zu wägen, zu setzen, vermag das auszusprechen, was er empfindet? Selten wollen wir es tun. Und die wenigen Male, die wir uns bemühen, können wir es nicht und werden mißverstanden.

Mette wollte es nicht und konnte es nicht. Sie verlangte Liebe. Aber die konnte sie nicht erbetteln, da beanspruchte sie ihr Recht.

Haben nicht ältere und vernünftigere Leute manchmal so gehandelt?

Mette ging hinein in das Zimmer, in ihr Zimmer, das sie nicht betreten durfte, solange der verhaßte „Kerl“ dasaß. (Mette nannte ihn so in Gedanken, und das war kein Wunder, sie hatte ihn zu oft so nennen hören, wenn das Fräulein in Wut war.) Sie ging hinein, ohne anzuklopfen, sie reckte den Kopf sehr hoch und setzte die schmalen Füße sehr fest auf.

Sie legte die Bücher und Hefte auf den Tisch, klappte den Deckel vom Tintenfaß auf, tat, als ob sie nach der Uhr sähe (sie tat so; denn in Wirklichkeit wurde es ihr schwer, die richtige Zeit festzustellen, so klein war sie noch) und sagte:

„Ich habe jetzt Stunde!“

Der „Kerl“ grinste höhnisch und empfahl sich. Das Fräulein fauchte sie an, wie sie sich unterstehen könne ...?

Mette bemühte sich, etwas sehr Häßliches zu sagen. Und es gelang ihr.

„Bloß, daß der ‚Kerl‘ hier immerfort sitzt, dafür bezahlt Sie mein Vater nicht!“ sagte sie.

Das Fräulein wollte sie schlagen. Aber sie schrak zurück vor dem drohenden Ernst in dem blassen Kindergesicht.

Niemals hat jemand gewagt, Mette Rudloff zu schlagen, obgleich vielleicht manch einer die Lust dazu verspürte.

Das Fräulein packte sie am Arm und rüttelte sie. So fest packte sie, daß noch nach Tagen der Abdruck ihrer Finger in bläulichen Flecken auf der zarten Haut zu sehen war.

Es geschah nicht einmal, es geschah hundertmal, daß Mette blaue Flecken am Arm hatte, oder Striemen über der Schulter, oder Kratzwunden an den Händen.

Wenn sie sich hätte beklagen wollen, so wäre ihr Hilfe sicher gewesen. Wenn sie einmal Tante Emilien die Spuren einer solchen Szene gezeigt hätte, statt sie angstvoll zu verbergen, so wäre die „Person“ geflogen. Das wußte Mette, aber das wollte sie nicht. Darum mußte sie diesen Kampf ganz allein auskämpfen.

Als die Eggebrecht einsah, daß das Kind ihr überlegen war, änderte sie ihre Taktik. Es ging nicht mehr an, Mette als Feindin zu behandeln, darum wurde sie zur Vertrauten gemacht. In Mettes kleines verschwiegenes Herz wurde alles ausgeschüttet, alle Freuden und Kümmernisse dieses Verhältnisses und eine ganze Masse Unrat dazu.

Mette mußte Horchposten stehen, Mette mußte Briefe befördern und Telephongespräche führen, und Mette wurde mit Liebkosungen und Süßigkeiten überschüttet.

Vielleicht hätte ein anderes Kind sich in diesem Zustand sehr wohl befunden. Mette fuhr fort zu leiden.

Es lag wohl auch daran, daß ihr der Mann so widerwärtig war. Wenn es jemand gewesen wäre, der ihr gefallen hätte, hätte sie sich vielleicht eher in die Sachlage gefunden.

Manchmal, wenn das Fräulein in der Laune war, ihren Liebsten zu beschimpfen, dann warf das Kind sich vor ihr auf die Knie und beschwor sie, von diesem schrecklichen Manne zu lassen. Dann wurde unter Tränen und Eiden alles versprochen.

„... ja, mein Süßes, ja, mein Engel, er betritt mir die Schwelle nicht mehr, der verfluchte Hund, ich habe ja dich, mein Süßes, mein Trost, ich will nur noch für dich leben!“

Das waren für Mette Momente qualvoller Seligkeit.

Aber es waren immer nur Momente; denn wenn das Telephon klingelte, oder wenn ein Brief kam, oder wenn man dem Herrn „zufällig“ im Tiergarten begegnete, dann war alles wieder vergessen.

Mette begriff, daß da etwas war, wogegen sie nicht ankonnte.

Sie begriff dunkel, daß sie nicht das Recht hatte, einen Menschen ganz für sich zu verlangen, weil sie noch ein Kind war. Und sie wünschte sich glühend, schnell, schnell erwachsen zu sein, um das, was sie liebte, ganz und ungeteilt zu besitzen.

Es kam noch eins dazu, das Leben zu erschweren. Das Fräulein hatte nicht viel Zeit und Lust, mit Mette zu arbeiten. Es war so unendlich viel anderes zu tun. Das Fräulein mußte Briefe schreiben, oder spannende Bücher lesen – oder Handarbeiten machen. Das Fräulein machte gern Handarbeiten und hatte flinke und geschickte Hände. Sie nähte sich allerliebste Blusen und stickte sich zierliche Hemdpassen – oder sie häkelte Schlipse und stopfte seidene Herrensocken. Von alledem hatte Mette weiter keinen Nutzen.

Sie war nicht böse, daß sie mit dem langweiligen Lernen ziemlich verschont blieb. Aber Tante Emilie kam bald dahinter. Es war ein so ernster Fall, daß der Vater zugezogen wurde. In solchen Dingen, und nur in solchen Dingen konnte man mit Franz Rudloffs Anteilnahme rechnen. Er stellte eine eingehende Prüfung mit seiner Tochter an. Das Ergebnis war derart, daß er allen Ernstes erschrak.

Er rechnete nach, daß er im selben Alter ein fehlerfreies Dicté geschrieben, verba irregularia auswendig gelernt und Schillers Don Carlos mit Begeisterung verschlungen hatte.

Mette las lateinische Druckschrift mühsam und stockend.

Von dem Tage an ließ sich Franz Rudloff die schmerzliche Überzeugung nicht nehmen, daß sein armes Kind geistig zurückgeblieben sei. Damit zerbrach das letzte Brett, das zu einer Brücke zwischen ihnen hätte werden können. Er hörte nicht auf, seine Tochter mit Zartheit und Höflichkeit zu behandeln. Im Gegenteil. Aber sie war ihm so fremd, daß sie ihm mitunter beinah unheimlich erschien.

Obgleich Tante Emilie Metten gern alle nur mögliche Trägheit und Unbegabung zugetraut hätte, wußte sie doch, daß sie nicht die Alleinschuldige sein konnte. Das Fräulein mußte verschiedentlich recht scharfe Bemerkungen hören, die sie veranlaßten, einige Tränen zu vergießen und Metten bitterliche Vorwürfe zu machen.

„Ich gehe,“ das war der ständige Schluß ihrer Rede. Und das war das, was Metten jedesmal mit tödlichem Schrecken erfüllte. Sie fühlte zu gut, daß die Drohung Wahrheit werden konnte, Wahrheit werden mußte, wenn Tante Emilie bei einer nächsten Prüfung wieder auf so „krasse Unwissenheit“ stieß.

Also fing Mette mit zähem und verbissenem Eifer an zu lernen. Das Fräulein half ihr nicht oft dabei, sie störte sie höchstens.

Aber sie streichelte ihr manchmal das Haar, oder preßte sie an sich, oder küßte sie fast leidenschaftlich auf den Mund.

Und um sich diese flüchtigen Liebkosungen zu erhalten, mußte Mette lernen.

Sie war zu begabt, als daß sie nicht bald am Lernen und Lesen selbst Freude gehabt hätte. Aber das wußte sie nicht. Sie bildete sich ein, daß sie nur um des geliebten Fräuleins willen mit so fanatischer Inbrunst über den Büchern saß.

Sie fing an zu lügen. Etwas, was sie in dieser Weise auch in späteren Jahren mit wahrer Leidenschaft tat. Wenn die Rede – dem Vater, der Tante oder Gästen gegenüber – einmal auf irgend etwas kam, was Mette in ihren Büchern gefunden hatte – in Büchern, in die das Fräulein niemals ihr hübsches Näschen steckte – und Mette ein wenig erstaunt gefragt wurde: „Wo hast du denn die Weisheit her?“ dann war sie sehr stolz darauf, zu antworten: „Von Fräulein!“

Und Fräulein widersprach nie. Mette glaubte, jedesmal zu sehen, daß sie rot wurde. Und sie liebte sie doppelt, weil sie ihr leid tat. Aber es war ein Irrtum. Sie wurde nicht rot. Sie hörte meistens gar nicht danach hin. Sie hatte so viel andere Gedanken im Kopf ...

Und dann kam die merkwürdige Angelegenheit mit dem Silberzeug.

Eines Nachts gab das Fräulein Metten die Schlüssel zum Silberschrank und einem flachen, lederbezogenen Kasten. Mette sollte den Kasten in den Schrank zurücktragen. Das Fräulein hatte ihn sich heimlich ausgeliehen, weil ihr Bräutigam das Silber gern einmal sehen wollte.

Mette wollte auch gern einmal sehen. Sie drängelte so lange, bis das Fräulein den Kasten öffnete. Da lagen die dicken, blanken Löffel in Reih und Glied, jeder auf seinem Einschnitt im dunkelblauen Samt. Keiner fehlte.

Es machte Metten ein unbändiges Vergnügen, unhörbar wie auf Katzenpfötchen durch den langen Korridor zu schleichen, sich im Speisezimmer zurechtzutasten, ohne Licht anzumachen, behutsam den Schrank aufzuschließen, ohne daß die Schlüssel klirrten oder die Tür knarrte, den Kasten an seinen Platz zu stellen, abzusperren – und dann mit mühsam unterdrücktem Jubel in Fräuleins Arm zu fliegen und sich beloben zu lassen.

Dieses erste Mal war nur eine Einleitung.

Mette lernte mit staunender Bewunderung die schätzenswerte Einrichtung eines Leihamtes kennen. Es war eine ganz fabelhafte Angelegenheit, daß man Silber oder Schmuckstücke nur zu verleihen brauchte, um eine Menge Geld dafür zu bekommen. Nach einiger Zeit bekam man seine Sachen unversehrt zurück. Ja, sie wurden nicht einmal benutzt in der Zeit, wie Fräulein auf Mettens Fragen lachend versicherte. Es war eine schöne, aber merkwürdige Einrichtung.

Immerhin! Es gab so viele merkwürdige Einrichtungen. Zum Beispiel: daß man Geld auf eine Bank legte – daß es nicht irgendeine beliebige Gartenbank sein durfte, das hatte Mette unterdessen schon gelernt – daß man dann immerfort Geld geschickt bekam, von dem man leben konnte, und das Geld auf dieser seltsamen Bank doch niemals weniger wurde – das war auch so eine merkwürdige Tatsache. So ähnlich würde es sich wohl mit dem Leihamt auch verhalten. Es lohnte nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Man begriff es doch nicht.

Also wanderte das Silberzeug aufs Leihamt. Und bei Gelegenheit wanderte es wieder zurück in den Schrank.

Es war so lustig, abends im Bett zu liegen und zu schwatzen und Konfekt zu knabbern. Aber das Konfekt kostete so rasend viel Geld. Darum wurde von Zeit zu Zeit das Silber „verliehen“. Es schadete ihm ja nichts. Und die Heimlichkeit, mit der es geholt und wieder zurückgebracht werden mußte, machte einen Heidenspaß.

Aber einmal war der große Kasten fort und kam und kam nicht wieder. So ewig lange war er schon fort, es dachte kaum mehr ein Mensch an ihn.

Da verfiel Tante Emilie eines Tages beim Reinmachen auf die Idee, das ganze Silber nachsehen und putzen zu lassen. Tante Emilie wußte ganz genau, wieviel Silber im Haushalt vorhanden war. Sie wußte sogar, von welcher Großmutter oder Schwiegermutter oder Tante jedes einzelne Stück stammte. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um sich in so wichtigen Dingen auf ihr Gedächtnis zu verlassen.

Auf der Innenseite jeder Büfettür war mit vier Reißnägeln ein Papier befestigt, auf dem in Tante Emiliens sehr deutlicher und leserlicher Schrift stand:

Inhalt:

Ein Lederetui mit 12 Suppenlöffeln, gezeichnet L. R.

Ein Holzkasten mit 12 Dessertlöffeln, gezeichnet G. v. S.

Ein Kasten mit 12 Mokkalöffeln, vergoldet.

Ein brauner Pappkarton mit 9 großen Gabeln, Alfenid.

Usw. usw.

Ja, und an der Hand dieses Zettels ließ es sich mit unfehlbarer Sicherheit feststellen, daß da ein Kasten fehlte.

Mette erschrak gar nicht, als sie Tante Emiliens scharfe, empörte Stimme hörte und das Aufweinen des gekränkten Hausmädchens.

Sie war nur froh, die Sache richtigstellen zu können. Gott sei Dank. Sonst wäre die arme Berta womöglich in den Verdacht des Diebstahls gekommen! Mette trat ins Zimmer und sagte sehr kühl und ein wenig hochmütig:

„Du brauchst dich nicht aufregen, Tante. Das Silber ist da. Ich hab’ es nur verliehen!“ –

Aus dem, was sich in den nächsten Tagen ereignete, wurde Metten allmählich klar, daß sie etwas getan hatte, wozu sie nach Ansicht der anderen nicht berechtigt war.

Das Hausmädchen erzählte jedem, der es hören wollte, daß in diesem Hause ehrliche Leute verdächtigt würden, weil das „Quack“ das Silber „klaue“ und zum Juden trage.

Die alte dicke Köchin weinte und schlug jammernd die Hände zusammen.

Die Tante ging umher, als hätte das Entsetzen sie versteinert. Dem Vater traten die Tränen in die Augen, wenn er sein unseliges Kind ansah. Sogar ein Kinderarzt erschien auf der Bildfläche, der den grauenerregenden und unheimlichen Titel „Psychiater“ führte und ein langes Examen mit ihr anstellte.

Und das Fräulein tobte und weinte und schrie und schimpfte sie „idiotisch“ und „blödsinnig“ und stieß und kratzte sie und fiel dann wieder vor ihr auf die Knie und nannte sie „kleine Heilige“ und flehte sie an, zu schweigen.

Und Mette schwieg. Da sie aber nicht wußte, was sie verschweigen sollte, so schwieg sie auf alles. Sie ließ sich fragen, in Ruhe, im Zorn, in stundenlangem Verhör, sie ließ sich rütteln, sie ließ sich anflehen, sie ließ sich einsperren – und schwieg. Das Schweigen wuchs wie eine Mauer um sie herum. Sie hätte nun nicht mehr hindurch gekonnt, auch wenn sie gewollt hätte.

Dennoch mußte das Fräulein aus dem Hause. Ob sie nun beteiligt war oder gänzlich ahnungslos – es war klar, daß ein Kind nicht so verwahrlosen konnte, wenn die Erziehung in den richtigen Händen lag.

Das Fräulein ging. Und Mette litt alle Todesqualen der Trennung und Einsamkeit.

Ich möchte über Friedel Eggebrecht kein Urteil sprechen. Wenn ich die Geschichte ihres Lebens schreiben sollte, würde ich versuchen, alles zu verstehen, was sie getan hat. Sie liebte – und immer ist Liebe gut und schön und edel. So liebte sie, daß sie fähig war, um ihrer Liebe willen ihre Pflichten zu vergessen und zu lügen, zu stehlen, zu betrügen. Wer von uns kann sich rühmen, dessen fähig zu sein?

Immer, wo Liebe ist, ist Leid. Und fast immer, wo zwei sich lieben, leidet ein Dritter.

Es wäre unsinnig, deswegen zu klagen oder anzuklagen.

Nur Kinder sollten nicht darunter leiden müssen.

Es ist genug, wenn man sie mit Frühaufstehen peinigt und mit Schularbeiten und mit langweiligen Sonntags-Spaziergängen.

Aber von Haß und Liebe und Eifersucht, von solchen Dingen sollten Kinder nicht zu leiden haben. – – –

Mette wurde in die Schule geschickt.

Dafür, daß man ihr das Fräulein genommen hatte, rächte sie sich nun, indem sie sich dagegen wehrte, irgend etwas zu lernen.

Während der Schulstunden schickte sie ihre Gedanken auf Wanderschaft. Manchmal schlug irgend etwas an ihr Ohr, das ihr Interesse weckte. Dann war die Versuchung da, hinzuhören, und man mußte eine gewisse Kraftanstrengung anwenden, um an etwas anderes zu denken.

Aber diese Versuchung kam nicht oft.

Es dauerte über ein Jahr, bis dieser trotzige Widerstand nach und nach zerbröckelte.

Da war es zu spät, nachzuholen. Sie wollte auch nicht. Gott bewahre! Sie wendete nicht die geringste Mühe an, um vorwärts zu kommen. Aber es lohnte auch nicht mehr, sich zur Wehr zu setzen. Sie tat, was man von ihr verlangte. Sie tat es darum, weil es weniger störend war, das unsagbar Geringfügige zu lernen, als immer lange Straf- und Ermahnpredigten stehend anzuhören.

Sie wuchs unglaublich rasch in dieser Zeit und war immer müde. – – –

Als sie mit der Schule fertig war, saß sie ein paar Jahr im Hause herum und langweilte sich. Sie nahm den üblichen Klavierunterricht und übte die vorgeschriebene Zeit. Aber sie hatte keine anererbte musikalische Begabung, dagegen eine übertriebene Empfindsamkeit, so, daß sie litt unter der Unzulänglichkeit ihres eigenen Spiels, ohne die Fähigkeit oder auch nur das Streben zu haben, sich selbst Genüge zu tun.

In diesen Jahren wechselten ihre Stimmungen wie Sonne und Regen im April.

Sie sehnte sich danach, tot zu sein, oder mündig, in einem andern Jahrhundert zu leben, oder in einem andern Erdteil, Nonne zu werden, oder schön genug zu sein, um alle Menschen der Welt zu berücken.

Es kamen Märztage, wo sie meinte, zerspringen zu müssen in ungeduldiger Erwartung des unendlichen Glücks, dem sie an der nächsten Straßenecke in die Arme laufen konnte – und es kamen Juninächte, wo sie aus dem Fenster springen wollte, um sich zu lösen von den schnürenden Fesseln einer quälenden Leiblichkeit, um aufzustrahlen gegen das sternhelle Firmament, um sich auszubreiten, zu zerfließen im unendlichen Äther, groß zu werden, gewaltig, grenzenlos, allumfassend.

Es kamen Tage, an denen sie sich vornahm, wie ein Heiland durch die Welt zu gehen und alle Menschen zu lieben – an denen sie mit Tante Emilie in einem Ton so leidenschaftlicher Demut sprach, wie Griseldis zu ihrem Herrn – und es kamen Tage, da alle Menschen ihr so verhaßt waren, daß sie körperlich Qualen ausstand, wenn sie bei Tisch ihrem Vater gegenüber saß und ihn essen sah.

An Ereignissen waren diese Jahre arm. So arm, daß Mette selten in ihrem Leben daran zurückdachte, und wenn die Rede auf etwas kam, was in diesen Jahren geschehen war – eine Reise, eine Geburt oder Trauerfall im Bekanntenkreis, ein öffentliches Begebnis – sie immer erst lange nachrechnen mußte, wann sich das zugetragen haben könne und wie alt sie gewesen sei, während sie sonst ein auffallendes Gedächtnis hatte für den Zeitpunkt, an dem Menschen oder Dinge flüchtig an ihr vorübergestreift waren, weil sie alles in Verbindung brachte mit den Tagen, die wie Denksteine in ihr aufgemauert waren – vor oder nach Olgas Tod – als sie mit Olga zusammen oder von ihr getrennt war.

Es ist unwichtig, von diesen Jahren zu sprechen – es wäre auch nicht nötig gewesen, von Friedel Eggebrecht des Längeren und Breiteren zu reden, aber Mette sagte selbst so oft in späteren Jahren, wenn sie auf das „Fräulein“ zu sprechen kam, sagte es mit einem etwas bitteren Lächeln: „Es war der Auftakt zu meinem Leben!“

Als ihr Leben wirklich einsetzte, mit hundert brausenden Stimmen, mit einem vollen, klingenden und singenden Motiv, das nie wieder stumm wurde, das in Dur, in Moll, bald von allen Geigen und Celli, bald von einer einzigen klagenden Hoboe, in tausend Verschlingungen, aus tausend Verschleierungen immer wieder durchklang und durchklingen wird bis zum Schlußakkord – das war in derselben Minute, da bei Konsul Möbius die Tür aufging und Olga Radó ins Zimmer trat.

Gegen Konsul Möbius war im allgemeinen nichts einzuwenden. Es war der Verkehr, den Tante Emilie selbst ausgesucht hatte. Die Familie stammte irgendwoher aus Lübeck oder Bremen, und sie sprachen ein spitzes „st“, was ihren ohnehin manierlichen Umgangsformen noch einen leisen besonderen Duft von kühler Vornehmheit verlieh.

Es waren zwei Töchter da, Fanni und Emmi, beide jünger als Mette, beide rotblond und sehr ordentlich in Anzug und Haartracht, dabei beide so merkwürdig belanglos, daß man nach wochenlangem Umgang noch nicht wußte, ob sie eigentlich hübsch oder häßlich waren.

Wie es sich mit der Verwandtschaft zu Olga Radó verhielt, wird sich wohl jetzt mit Sicherheit nicht mehr feststellen lassen. Als Olga damals in Berlin auftauchte und alle Welt von ihr begeistert war, hieß es immer: „Unsere Cousine.“ Später – zu der Zeit, als Jürgen von Seyblitz schon das Wort von der „kriminellen Hochstaplerin“ auf sie geprägt hatte – da war in Frau Konsul Möbius’ Gedächtnis jede Erinnerung an eine Verwandtschaft völlig erloschen. Ihr Schwager, der Mann ihrer verstorbenen Schwester, hatte eine Preßburgerin geheiratet, diese hatte einen Vetter in Budapest, der eine Schwester der Olga Radó zur Frau hatte ... oder so ähnlich.

Olga selbst hat nebenbei von dieser „Verwandtschaft“ mit Konsul Möbius nie viel Gebrauch gemacht, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Es ist nicht vorgekommen, daß sie das Haus betreten hat, wenn sie nicht dreimal darum gebeten wurde.

Mette hatte mit den Möbiusschen Mädchen und Erika Hannemann ein Kränzchen. Einmal in der Woche kamen sie zusammen und machten Handarbeiten und lasen französische Theaterstücke mit verteilten Rollen.

Mette langweilte sich wahnsinnig dabei, sie hörte nie danach hin, wenn die anderen lasen und versäumte immer, zur rechten Zeit einzufallen. Am schlimmsten aber war es, wenn sie selber einen langen Absatz zu lesen hatte. Dann mußte sie bei jeder Zeile ein Gähnen unterdrücken, so, daß sie nachher immer förmlich einen Kinnbackenkrampf hatte.

Und an einem solchen Mittwochnachmittag im April, als die vier wieder in den weißlackierten Stühlen des zierlichen Mädchenzimmers saßen, an einem Nachmittag, an dem Fliegen nicht mehr herumschwirrten, sondern träge über die Kuchenschüsseln krochen, weil ihnen die Langeweile in der Luft wie ein Bleigewicht auf den Flügeln lastete, in dem Augenblick, da Fanni Möbius – sie war die einzige, die eine gewisse Leidenschaft für die Sache hatte und den Ehrgeiz besaß, immer die dankbarsten Rollen zu lesen – mit überschwenglichem Pathos und miserabler Aussprache die Worte las:

„Impitoyable honneur, mortel à mes plaisirs,

que tu me vas coûter de pleurs et de soupirs!“

in dem Augenblick ging die Tür auf, und Olga Radó kam herein.

Es mußte durch einen Zufall irgendwo eine Tür offenstehen – mit Olga zugleich kam ein Luftzug, frisch wie ein Windstoß, ins Zimmer. Das angelehnte Fenster sprang auf, die weiße Mullgardine blähte sich und flog in die Höhe, die Seiten der Bücher blätterten sich knisternd um, die Fliegen schwirrten aufgestört um die Lampe, eine Hand am Himmel riß einen Wolkenfetzen von der Sonne – blendende Helligkeit und wehende Luft füllte das Zimmer bis in seinen letzten Winkel.

Dann schloß sich die Tür mit einem harten Krachen, die Fensterflügel bewegten sich knarrend, die Gardine fiel schwer wie ein Sack herunter, eine neue dunklere Wolke schob sich vor die Sonne – aber dies alles bemerkte Mette Rudloff nicht – denn sie hatte vollauf zu tun, Olga Radó zu betrachten und konnte ihre Sinne und ihre Gedanken nicht wieder von ihr abwenden – für lange Zeit nicht.

Olga war sehr groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schön und kühn geschnitten. Das schlichte, dunkle, reiche Haar ließ viel von der hohen und wundervoll durchgebildeten Stirne frei, die schmalen, schwarzen Brauen flossen über der Nasenwurzel zusammen, was den scharfen, metallisch-grauschimmernden Augen einen fast drohenden Ausdruck gab. Ihre Sprache war scharf und hart. Aber ihre Stimme hatte einen tiefen, weichen Celloklang. Das gab einen sonderbaren Kontrast.

Es war etwas in ihrer Art, sich zu kleiden, was Mette gefiel, ohne daß sie sagen konnte, warum. Man konnte es mit einem Wort wie „geschmackvoll“ oder gar „elegant“ oder „adrett“ nicht abtun. Mette empfand dunkel: so möchte ich angezogen gehen.

Woran das lag, das wurde ihr erst viel später klar. Olga Radó hatte eine fast krankhafte Abneigung gegen alles, was billig war. Ein billiger Stoff, ein billiger Schneider waren ihr ein Greuel.

Außerdem hatte sie – wie sie Mette viel später einmal mit ihrem bezauberndsten Lächeln sagte – „das sehr ehrenwerte Prinzip, lieber einem Millionär etwas schuldig zu bleiben, als einer armen kleinen, hungernden Schneiderin“ – also ließ sie nur in den teuersten Geschäften arbeiten.

Als sie hineinkam, machte Emmi Möbius den mißglückten Versuch einer feierlichen Vorstellung, den Olga mit einem kurzen „Ja, ja, schon gut – und so weiter und so weiter –“ abschnitt, worauf sie jedem flüchtig ihre große, schmale, kühle Hand reichte, sich mit einem:

„Bitte, laßt euch nicht stören“ – ein wenig abseits in den Schaukelstuhl setzte, Fannis kleinen, schwarzen dicken Hund, der sie wie unsinnig anblaffte und anwedelte, am Genick packte und auf ihre Knie setzte.

Fanni fuhr fort zu lesen. Vielleicht dachte sie ihrer Cousine durch diese ernsten wissenschaftlichen Bestrebungen zu imponieren.

Mette war gezwungen, ins Buch zu sehen und Olga den Rücken zuzuwenden. Sie hörte nur den Schaukelstuhl leise auf und ab gehen, ein leichtes Rauschen der Röcke und manchmal eine halblaute Bemerkung, die dem Hunde galt.

Mette verspürte Trockenheit im Hals und rasendes Herzklopfen, als sie lesen sollte. Nie hatte sie sich in der Schule so geängstigt, und wenn sie noch so unpräpariert „drangekommen“ war. In jedem Wort schien ihr eine Fußangel versteckt. Sie würde alles falsch aussprechen und sich unrettbar blamieren. Es war wirklich ein Skandal, so wenig Französisch zu können. Morgen wollte sie zu Vater gehen und ihn um französische Konversationsstunden bitten. Er würde sich freuen, wenn sie ihm einmal mit solchem Anliegen kam.

Sie war glücklich, als sie ihre paar Sätzchen hervorgewürgt hatte. Dann kam Erika, und dann las Fanni wieder mit allem ihr zu Gebote stehenden Pathos.

Plötzlich flog der Schaukelstuhl mit einem hörbaren Ruck nach vorn, und eine tiefe, verwunderte Stimme fragte mitten in den Satz hinein:

„Sagt mal, was lest ihr denn da eigentlich?“

„Den Cid!“ sagte Fanni in einem unendlich ausdrucksvollen Ton.

Es sollte ganz leicht hingesagt werden, und doch zitterte die Ehrfurcht vor der eigenen Gelehrsamkeit darin. Es sollte ausdrücken: Das hört doch ein gebildeter Mensch beim ersten Wort, und zugleich: Freilich, dergleichen liest du ja nicht, das ist dir zu klassisch, zu langweilig.

Olga schenkte diesem Ton gar keine Beachtung. Sie schien mit einer leichten ungeduldigen Handbewegung die Antwort als unzulänglich beiseite zu werfen.

„Was für eine Sprache, meine ich?!“

Die Mädchen sahen sich an und lachten, halb erstaunt und halb verlegen. Nur Mette lachte nicht, sondern schämte sich qualvoll.

Die Möbiussens kannten ihre Cousine zu gut, um zu antworten. Aber Erika Hannemann war wirklich der Meinung, Olga Radó wäre in fremden Sprachen nicht so bewandert wie sie und sagte mit der ganzen Herablassung der höheren Tochter:

„Französisch!“

Der Schaukelstuhl glitt wieder zurück. Über Olgas Gesicht zuckte nicht der Schein eines Lächelns. Sie sagte mit so langgezogener Verwunderung, als hätte ihr jemand im Ernst eine überraschende Mitteilung gemacht:

„Französisch soll das sein?!“

Nun wollte Emmi ihr das Buch aufdrängen. Ob es wirklich Bildungstrieb bei ihr war oder die Absicht, sich vor den anderen mit Olgas wunderschönem Französisch großzutun, sie quälte und quängelte:

„Lies du doch, ach bitte, bitte, nur eine halbe Seite, nur einen Satz!“

„Hältst du mich für verrückt?“

„Ach bitte, bitte!“

„Den Deibel auch! Ich bin doch nicht eure Gouvernante!“

Und da das Buch sich nicht von ihr entfernen wollte, knipste sie mit den Fingern dagegen, daß es mit einem schönen großen Bogen auf den Teppich hüpfte und mit zugeschlagenen Deckeln liegen blieb.

Mette war sehr froh. Nun war die Leserei für heute beendet. Sie brauchte nicht die langen Sätze des Königs zu lesen, vor denen sie sich schon gefürchtet hatte. Sie brauchte sich nicht zu blamieren und nicht zu langweilen. Und vor allem – sie konnte ihren Stuhl herumdrehen und Olga Radó anstarren.

Es war so interessant, ihren Bewegungen oder dem fortwährend wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes zuzusehen.

Mette war sich klar darüber, daß diese Frau ihr gefiel. Und doch spürte sie in ihrem Empfinden mehr Feindseligkeit als Zuneigung. Niemand von den andern schien beleidigt. Mette war es, als ob der scharfe Spott nur sie getroffen hätte, nur sie hätte treffen sollen.

Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie die Spitze hätte zurückwerfen können, oder sich wenigstens mit Trotz und Verachtung panzern. Aber sie fühlte sich wehrlos, hilflos preisgegeben und wünschte sich, unsichtbar zu sein, sich in ein Mauseloch zu verkriechen, um zu sehen, zu hören, zu beobachten, ohne bemerkt zu werden – um jeden Blick dieser Augen, jedes Wort dieser Stimme gierig in sich aufzunehmen, ohne davor zu zittern, daß ein scharfer Blick, ein scharfes Wort sie treffen, sie verletzen, sie demütigen konnte.

Olga Radó schenkte ihr indessen keine Beachtung. Sie hatte auf dem Fußbrett eines Tischchens eine Zigarettenschachtel entdeckt und zog sie hervor. Daneben, in zierlichem Kästchen, lag ein Spiel Karten.

„Da, schau her! Zigaretten haben die Mäderln auch hier! Ihr seid mir ja ein schöner Klub der Harmlosen! Offiziell wird der Cid gelesen, und wenn kein Erwachsener es merkt, dann wird hier geraucht und gepokert!“

Fanni Möbius wollte sich halbtot lachen, sowohl über die Zumutung, daß sie pokern sollte, als darüber, daß sie mit ihren achtzehn Jahren noch nicht zu den Erwachsenen gerechnet wurde.

„Es sind Emmis Karten!“

„Nein!“ schrie Emmi.

„Doch! Ich sag’s, Emmi, ich sag’s! Sie legt sich jeden Abend Patiencen – und fragt ...“

„Tu doch nicht so – du legst dir ja auch welche ...“

„... und fragt ...“

„... Sie lügt, sie lügt, sie lügt!“

„... und fragt ... soll ich’s sagen, Emmi? ...“

„... sei still! ...“

Zwischen den beiden Schwestern entspann sich ein Handgemenge, das Tischchen kam ins Schwanken. Olga rettete es mit einem raschen und kraftvollen Zugreifen.

„Kinder, tobt nicht so!“ sagte sie ruhig. „Bist du so neugierig, deine Zukunft zu erfahren, Emmilein?“

Das „Emmilein“ gab Metten einen leisen Stich. Wie kam der alberne Backfisch dazu, von dieser Frau mit solcher Vertraulichkeit angeredet zu werden?!

„Soll ich dir mal die Karten legen?“

„Kannst du das, Olga? Oh, fein!“

„Ja, mach, bitte, bitte, mir auch!“

„Wirklich, ja? Kannst du das?“

„Natürlich!“ sagte Olga ernsthaft. „Das ist doch das einzige, was ich kann. Das hab’ ich wenigstens gelernt von den Zigeunern. Wenn’s einmal schief mit mir geht, etablier ich mich als Kartenlegerin. Weißt du, mit Eule und Totenkopf und Kaffeegrund und allem Zubehör. Im Dutzend billiger. Nimmst du Abonnement bei mir?“

„Ehrensache!“ versprach Emmi. „Aber heut’ machst du’s noch umsonst!“

„Nein,“ sagte Olga, „für eine Zigarette.“

Sie nahm den Kasten auf und schob eine zwischen die Zähne. „Ich hab’ nämlich keine bei mir!“

Erika Hannemann beeilte sich, ihr ein brennendes Streichholz zu reichen. Sie sog ein paarmal an der Zigarette, bis sie aufflammte und schlug das Streichholz durch die Luft, daß es erlosch.

„Danke!“ sagte sie dann erst.

Mit einem flüchtigen Blick sah sie, daß Mette sich eine Zigarette genommen hatte.

„O Verzeihung!“ sagte sie so bedauernd, als hätte sie ein wirkliches Unrecht abzubitten, während ein halber Blick die Aschenschale mit dem verglimmenden Streichholz streifte. Rasch, fast eilig nahm sie aus ihrer Tasche ein kleines goldenes Feuerzeug, strich es an und reichte Metten das Flämmchen hinüber. In ihren Bewegungen, die die einfachsten, die ungezwungensten von der Welt waren, lag ein eigener Ausdruck.

Es war weit mehr als Höflichkeit, und doch lag keine Spur von Unterwürfigkeit darin. Es war eine Mischung von Zuvorkommenheit und Zurückhaltung, von Adel und Dienstbeflissenheit, die man nicht gut anders als mit dem Wort „chevaleresk“ bezeichnen konnte.

Sie bot auch den andern Zigaretten und Feuer.

„Raucht, Kinder, raucht! Wenn die Mutter nachher schimpft, bin ich’s gewesen.“

Sie hielt immer noch den kleinen schwarzen Hund auf den Knien und blies ihm den Zigarettenrauch um die Nase. Der Hund schnitt possierliche Grimassen, und sie bemühte sich, ihm nachzumachen. –

Sie hatte überhaupt die Angewohnheit, ihr Gesicht zu verzerren, ohne im geringsten Rücksicht darauf zu nehmen, ob es sie kleidete oder entstellte, so daß man sich manchmal qualvoll danach sehnte, das allzu lebhafte Mienenspiel zu unterbrechen, um die regelmäßige Schönheit der Züge genießen zu können.

Nur sagen durfte man ihr das nicht, sonst bekam sie es fertig, ohne Aufhören die greulichsten Fratzen zu schneiden.

Der Hund rümpfte die Nase, drehte den Kopf und hustete und prustete in beleidigter Würde.

„Ihr dürft eure Sophonisbe nicht so verfüttern, Kinder!“ sagte Olga. „Sie hat ja schon Asthma vor Fettsucht, das arme Viech!“

Die Mädchen lachten kreischend auf.

„Sophonisbe! Wie kommst du nur auf Sophonisbe?“

„Er heißt doch Mäuschen.“

„Er?“ sagte Olga spöttisch und legte das zappelnde Tier mit einem festen Griff auf den Rücken. „Er ist ganz bestimmt eine Sie. Und sie sieht aus wie Sophonisbe!“

Die Mädchen erröteten bis über die Ohren und kicherten nur noch in gedämpften Tönen.

„Nein, Olga, wie du aber auch bist!“

Warum sieht sie aus wie Sophonisbe?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga plötzlich müde. Ihr Gesicht war einen Augenblick ganz ruhig, ihre Augen sahen irgendwohin, an den Mädchen vorüber, durch die Wände hindurch.

„Danach dürft ihr mich doch nicht fragen. Auf die Frage: Wie? kann ich manchmal antworten, aber niemals auf die Frage: Warum?“

Sie zog den Hund wieder in die Höhe und versuchte, ihm die Zigarette in die Schnauze zu stecken.

„Magst du rauchen, Sophonisbe? Da! Schmeckt’s, Alterchen?“

Der Hund drehte den Kopf und leckte mit der Zunge nach ihrer Hand, die ihn im Genick festhielt. Mit einer Gebärde des Widerwillens warf sie die Zigarette in die Aschenschale und ließ den Hund auf die Erde gleiten.

„Du mußt dem Köter das Lecken abgewöhnen, Fanni,“ sagte sie. „Ich sehe dich ja doch noch am Hundewurm zugrunde gehen.“

„Ach, Unsinn!“ sagte Fanni und nahm den beleidigten Hund zärtlich in die Arme. „Mein Hund hat keine Würmer! Nicht wahr, Mäuschen, wo du doch so schön rein gehalten wirst?“

Der Hund schnupperte zärtlich nach ihrem Gesicht.

Olga zog die Brauen zusammen und machte eine hastige Bewegung, als wollte sie ihr den Hund wegnehmen. Aber sie unterbrach sich und lehnte sich in den Schaukelstuhl zurück.

„Meinetwegen,“ sagte sie, „der Mensch muß an dem zugrunde gehen, was er liebt. Mir wär ja so ein Köter das nicht wert. Aber wenn es dir Vergnügen macht. Schließlich, ob du nun am Echinokokkus krepierst, oder ob dich nachher ein Liebster oder kirchlich angetrauter Gatte mit Syphilis behaftet ...“

Die drei Mädchen kriegten glühendrote Köpfe und fingen an zu kichern.

Auch Olga Radó wurde rot. Aber es war eine andere Art zu erröten. Die hellen Gesichter der blonden Mädchen waren wie gedunsen vom Blut und vom unterdrückten Lachen. Über Olgas Gesicht lief das tiefe Rot wie ein flüchtiger Schatten, wie eine Wolke, die für einen Herzschlag selbst die Augen verdunkelte.

„Gänse!“ sagte sie zornig, „da ist doch, weiß Gott, nichts zu lachen.“

Die Mädchen wollten sich entschuldigen und konnten vor Prusten und Kichern nicht reden.

Olga hob die Hand und ließ sie fallen – durch die abendliche Dämmerung leuchtete die lange, schmale Hand mit einem seltsamen Glanz wie Silber oder Perlmutter – mit einer Geste, die ganz deutlich „Ach, laßt doch!“ sagte, so deutlich, als stände es in der Luft geschrieben.

Sie saß jetzt ganz vornübergebeugt. Ihre Hände lagen wie müde zwischen ihren Knien. Sie starrte hinaus in das blaue Dämmerlicht und das knospenbedeckte Gewirr der braunen Zweige.

Sie schwiegen alle eine Weile. Dann fingen Emmi und Erika ein Gespräch an, im Flüsterton, als wagten sie kaum, sich bemerkbar zu machen.

So plötzlich stand Olga auf, daß der Schaukelstuhl nach rückwärts flog.

„Macht Licht an!“ sagte sie beinah herrisch. „Ich werd’ euch die Karten legen!“ –

Sie saß am Tisch unter der Lampe. Das gelbe Licht fiel schimmernd auf ihr Haar und auf ihre hellen Hände, die mit raschen Bewegungen die Karten mischten und ausbreiteten.

„Wem zuerst? Dir, Fanni? Dann mußt du abheben – dreimal – so! Muß ich nun auch erst Hokuspokus sagen, oder glaubt ihr mir so? – Die Karodame bist du – da liegt ein schwarzer Jüngling – da liegt eine Reise, in der Vergangenheit – ein heimlicher Brief – in der nächsten Woche – oh, Ärger im Haus – das hängt mit dem Brief zusammen – Trennung – viele Tränen – siehst du die Treffzehn? – Da liegt eine große Veränderung – eine neue Bekanntschaft – ein blonder Herr – Verlobung und Heirat – viel Glück ins Haus – aber der Schwarze liegt doch dazwischen – neben dem Blonden liegt Reichtum und große Ehre ...“

Die Mädchen horchten in fieberhafter Spannung, Fanni preßte die Hand mit dem Taschentuch vor die Zähne und kniff Emmi bei jedem Wort in den Arm, während Emmi und Erika mit mühsam unterdrücktem Gekreische in halb artikulierte Rufe ausbrachen, die man ganz gut als „Max“ und „Travemünde“ deuten konnte.

„Ich glaube nicht an Kartenlegen,“ sagte Erika Hannemann überlegen, „aber aus der Hand wahrsagen, da ist schon eher was dran. Meinem Vetter hat mal eine Zigeunerin gewahrsagt ...“

„Kannst du aus der Hand wahrsagen?“ schrie Emmi. „Ach, bitte, bitte, Olga, kannst du nicht aus der Hand wahrsagen? Oder besser aus den Karten?“

„Ich kann auch aus der Hand wahrsagen,“ sagte Olga, „genau so gut wie aus den Karten.“

Sie nahm Emmis kleine, rundliche Hand und zog gedankenvoll die Linien nach.

„Die Lebenslinie ist ganz, siehst du? Du wirst ein langes Leben haben – aber die Linie des Hirns ist zerschnitten – die Linie des Tisches hast du überhaupt nicht – – –“

„Was bedeutet die?“ forschte Emmi dringend.

„Je nachdem – Güte oder Bosheit – du bist jenseits von gut und böse.“ Dabei zuckte es um ihre Mundwinkel. „Aber hier, Ordnung und Sparsamkeit, die sind sehr ausgeprägt bei dir – das scheinen deine Haupteigenschaften –“

Jetzt war die Reihe zu lachen an Fanni.

„Aber nimm dich nur in acht, dir steht eine unglückliche Liebe bevor – in Verbindung mit einer Kunst – mit Musik, glaub’ ich ...“

Emmi wurde blutrot und Fanni tanzte auf einem Bein herum und schrie:

„Wassermüller, Wassermüller!“

Das war der Klavierlehrer.

Mette war befangen in einem sonderbaren Zwiespalt. Sie hätte so gern sich wahrsagen lassen – schon, um die schöne Frau anreden zu dürfen.

Dabei schien es ihr aufdringlich, sie zu belästigen. Sie wollte auch nicht gern für abergläubisch gehalten werden.

Olga Radó belustigte sich sicherlich über den Feuereifer, mit dem die Mädels bei der Sache waren. Und dann wieder hatte Mette eine Angst, die sie selbst kindisch schalt: so, als wäre doch vielleicht ein geheimnisvoller Zauber in dieser Spielerei, und es könnte klar und deutlich eine furchtbare Eigenschaft in ihrer Handfläche stehen, eine, die sie selbst nicht kannte, oder ein entsetzliches Schicksal.

Vielleicht würde die schöne Zigeunerin vor Schreck erblassen und sagen: „Quälen Sie mich nicht, ich kann Ihnen die Wahrheit nicht sagen, die da zu lesen ist.“

Und plötzlich stand sie doch neben Emmi und streckte die Hand aus und sagte:

„Ach, bitte, bitte, mir auch!“

Olga sah zu ihr auf, und zum erstenmal trafen sich ihre Augen und blieben für ein paar Sekunden ineinander haften.

Olga lächelte. Und Metten wurde bewußt, daß sie dies Lächeln zum erstenmal sah. In dem fortwährend wechselnden Mienenspiel blieb das Gesicht fast immer ernst. Sie runzelte die Brauen, kniff die Augen zusammen, schob den Unterkiefer vor, legte die Zähne auf die Lippe, zuckte mit den Nasenflügeln, verzog die Mundwinkel in leichtem Spott, aber sie lächelte sehr selten. Jetzt zum erstenmal lächelte sie, lächelte Metten an, und es schien wirklich, als ob das ganze Gesicht seltsam erhellt wurde von einem plötzlich durchbrechenden Licht.

„Aber, Mädelchen!“ sagte sie halblaut mit ihrer tiefen Stimme. „Von Ihnen weiß ich doch nix! ...“

Als sie nachher auf der Diele nebeneinander standen und vorm Spiegel die Hüte aufsetzten, sah Mette mit einer unerklärlichen Freude, daß sie fast ebenso groß war wie Olga Radó, viel größer als die drei blonden, rundlichen Mädels.

Sie gingen zu dritt die Treppen hinunter und ein Stück die Straßen entlang. Erika Hannemann führte das Gespräch.

„Nein, wie Sie das wissen konnten, Fräulein Radó, von Travemünde die Sache und von Wassermüller ... von Fannis Max weiß ich ja alles, weil ich es direkt miterlebt habe – ich war ja auch in Travemünde ... kennen Sie es? – Ach, Travemünde ist entzückend ... Ich möchte dies Jahr zu gern wieder hin, es hat so feines Publikum, soviel gute Hamburger und Lübecker Familien ... aber meine Eltern wollen ins Gebirge ... ins Salzkammergut, glaub’ ich ... wissen Sie da nicht irgendeinen hübschen Ort? Aber einen, wo ein bißchen was los ist?!“