Anmerkungen zur Transkription
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Hannis Heimkehr
Klänge
aus goldenen Jugendtagen
Meinen Kindern erzählt von
Anna Schaeder geb. Sellschopp-Kiel
Mit Illustrationen von T. Buschberg
Hamburg
Agentur des Rauhen Hauses
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung
in fremde Sprachen, vorbehalten.
Copyright 1914 by Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg.
1914
Druckerei des Rauhen Hauses
Inhalt
| Seite | |
| 1. Verschiedene Meinungen | [7] |
| 2. Abschied | [13] |
| 3. Auf dem Lande | [30] |
| 4. Der Einzug | [39] |
| 5. Neue Freunde überall | [49] |
| 6. Hundstage | [57] |
| 7. Wer nie sein Brot mit Tränen aß | [77] |
| 8. Im Wald und auf der Heide | [80] |
| 9. Das Wetter muß weggetanzt werden | [91] |
| 10. Dunkle Wolken | [101] |
| 11. Die Schatten des Todes | [106] |
| 12. Weil ich Jesu Schäflein bin | [113] |
| 13. Advent und Weihnachtszeit | [121] |
| 14. Bittere Enttäuschung | [136] |
| 15. Konfirmation | [151] |
| 16. Über den hohen Bergen | [158] |
| 17. Jeder für jeden | [166] |
| 18. Allerhand Bekanntschaften und Tante Luciens Nöte | [171] |
| 19. Immer höher hinan | [184] |
| 20. Im Regen und Sonnenschein wachsen die blauen Blümelein | [195] |
| 21. Der Ludwigstag und seine Folgen | [205] |
| 22. Am Kreuzweg | [212] |
| 23. Stille Zeiten | [217] |
| 24. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken | [226] |
| 25. Wie Käte doch recht behielt | [237] |
1. Kapitel.
Verschiedene Meinungen.
»Aufs Land, Hanni? Weit weg von uns allen – von allem, was schön ist und groß! Kein Kränzchen mehr, kein Tiergarten, kein Theater! All unser Spaß in der Literaturstunde vorbei! – Kannst die kleinen Gänse und Ferkel pflegen und bist in drei Jahren selbst ein Gänschen vom Lande! – Das finde ich greulich von deinem Papa; er sollte auch an deine Zukunft denken!«
»Ja, Vater sagte, gerade für mich freute es ihn. – Aber außerdem ist auch gar nichts daran zu ändern. Tante Ida mag schon längst nicht mehr wirtschaften und bat Vater oft, das Gut zu übernehmen. Bisher konnte er sich nicht entschließen, den Dienst zu verlassen, jetzt aber hat er allerhand Gründe, die ihm den Abschied erleichtern, und da nun der alte Inspektor in Schönfelde ernstlich erkrankt ist, so soll die Übersiedlung nächstens vor sich gehen. – Ja, euch alle zu verlassen, ist wohl schade, aber Mutti meint, dort gibt es soviel zu tun, daß es zur Langeweile gar nicht kommen wird.«
»Na, das sind so Tröstungen – denk an mich, du armes Tierchen; und wenn dir in den langen, dunklen Winterabenden die Zunge festfriert, dann flüchte dich zu uns – wir werden dich schon wieder zum Menschen machen mit unseren tausend Abwechslungen.«
Sie wurden unterbrochen durch Hannis Mutter. »Guten Tag, kleine Ilse; Mademoiselle Senn ist draußen, um dich abzuholen. Da müßt ihr euch für heute schon trennen. Aber nicht wahr, du kommst im Herbst mit deiner Mama, dich nach uns umzusehen?«
Ilse war noch keineswegs bereit. »Die langweilige Person ist immer da, wenn man sie nicht wünscht! Liebe Frau Major, sie darf doch noch ein wenig warten?«
»Nein, liebes Kind, sie ist deine Erzieherin, und du mußt kommen, wenn sie ruft. – Und dann versprich mir eins: sei zuvorkommend gegen das gute Mädchen. Du machst ihr das Leben zu schwer, und sie trägt es so still und vornehm!«
»Vornehm?« meinte Ilse sehr gedehnt; »eine Gouvernante? – Es ist überhaupt eine Plage, sie zu haben. Mit vierzehn Jahren kann man doch unmöglich so einer noch gehorchen!«
»Liebes Kind, sie kann doch nicht dafür, daß sie deine Erzieherin ist, sondern deine Mutter hat sie dazu gemacht. Deren Wille ist es doch, gegen den du dich auflehnst mit deinem schroffen Wesen! Und das junge Mädchen scheint mir so vertrauenswürdig und lieb. Als sie mich neulich nach Hause begleitete, erzählte sie mir auf meine Frage von ihrer Heimat. Es kam kein Wort der Klage über ihre Lippen; aber daran, wie die Gestalt sich aufrichtete und das Gesicht strahlte, als sie von ihren Lieben sprach, merkte ich, unter welchem Druck sie sich in der Fremde fühlt, und wie nur der Gedanke an ihre Mutter und die kleinen Geschwister, denen sie ein wenig helfen möchte, sie hoch hält. Denk doch, wie würde es dir sein, mitten aus allem, was dir lieb ist, herausgerissen zu werden und allein und unbekannt dein Brot verdienen zu müssen!«
»Mir? Aber das ist doch ausgeschlossen!«
»Woher? Sie hat es vor einem Jahre auch nicht gedacht, als ihr Vater mitten in seinem großen Wirkungskreise stand und alle möglichen Gäste in dem angeregten Hause kamen und gingen. Dann ist er ganz plötzlich gestorben. Die Mittel, die der Witwe bleiben, braucht sie nötig zur Ausbildung der fünf Brüder. Da mußte das junge Mädchen den ersten Weg einschlagen, der sich ihr bot. Aber sie hat es sich nicht so schwer gedacht, wie sie es jetzt findet, ohne den Rückhalt des Elternhauses zu sein! Man sollte doch mehr daran denken, denen, die in der Fremde leben, eine Heimat zu bereiten!«
Ilse sah sehr erschrocken aus. Ihr war nie der Gedanke gekommen, daß eine Mademoiselle auch Eltern, Heimweh, ein Herz habe. Sie hatte sie nur als eine Last empfunden, der sie sich möglichst viel durch stachliches Wesen zu entziehen strebte. Mama hatte auch nichts weiter mit ihr besprochen, als »was ihre Obliegenheiten wären«. – Bei Gerloffs sah man alles so ganz anders an. Und gerade die sollten nun fort. –
Eiligst raffte sie Handschuhe und Sonnenschirm zusammen und wollte Mademoiselle aus dem Vorzimmer befreien. Aber diese war längst durch Hanni in Anspruch genommen, die in ihrer natürlichen Herzlichkeit es als unpassend empfunden hatte, das junge Mädchen draußen warten zu lassen. Sie hatte die Französin in ihr Stübchen geführt und zeigte ihr Bilder von dem großelterlichen Gut, das nun bald ihre Heimat werden sollte.
Als Ilse mit ihrer Gouvernante eben den Vorsaal verlassen hatte, wurde so heftig an der Klingel gerissen, daß Mutter und Tochter erschrocken auffuhren, und schon im nächsten Moment meldete der Bursche: »Das kleine Fräulein von Platen.«
Aber schon hatte sich an dem ungelenken jungen Menschen ein blonder Krauskopf vorbeigedrängt.
»Hanni, ist es wahr? – Ihr geht wirklich fort von hier? Auf immer? Du, die einzige im Kränzchen, die noch nicht affig geworden? Das halt ich nicht aus! – Dann will ich auch von dem ganzen ollen Berlin nichts mehr wissen! O, das überlebe ich nicht!«
Stürmisch fiel sie der heißgeliebten Freundin um den Hals und erstickte sie fast mit Küssen und Tränen.
»Guten Tag, meine liebe kleine Käte! Nun, ist das Unglück denn wirklich so furchtbar? Es ist ja doch keine Trennung auf ewig! Und freust du dich denn nicht mit Hanni auf den großen Garten, den See mit dem Ruderboot, die Stachelbeeren, den Pony? – Denk, was das für Hundstagsferien gibt, wenn ihr uns dort besucht!« –
»Ach, liebste Tante Else, daß es aufs Land geht, ist ja himmlisch. Aber wie lang wird das Jahr sein ohne Hanni! Und die Ferien sind immer so rasch herum! – Ach, und unser Kränzchen soll dann lieber auffliegen!«
»Meinst du das wirklich? Sieh, Herta Kähler ist doch nicht ›affig‹?«
»Nein, aber reichlich görig ist sie!«
»Ja, sie ist aber auch jünger als ihr!«
»Und Lena läßt sich völlig von Ilse ins Schlepptau nehmen! Letzthin kam sie auch schon mit langen Handschuhen an und erzählte, ihre Tante wolle ihr einen Sonnenschirm schenken.«
»Käte, sei da auch nicht zu ungeduldig. Sieh, Ilses große Fehler sehe ich ganz gewiß, und sie betrüben mich. Aber im tiefsten Herzen ist sie ein ›guter Kerl‹! Und glaubst du, daß sie sich sehr wohl fühlt bei ihren Torheiten? Manche entspringen sicher nur aus Langerweile. Du weißt ja, ihre Mutter muß sie viel allein lassen.«
»Muß?« fuhr Käte auf. »Tante Else, würdest du dir so ein ›Muß‹ vorschreiben lassen, wenn es sich um dein einziges Kind handelt?«
Frau Gerloff lachte laut auf.
»Käte, was hast du wieder gelesen? Du redest wie ein Buch! – Du siehst ja, ich lasse mich nicht von meinem einzigen Kinde losreißen; aber deshalb maße ich mir doch noch kein Recht an, Frau von Herders Leben zu verurteilen. Sieh, Vorstandsdamen muß es auch geben, und manche von ihren Geselligkeiten sind wirkliche Pflichten. Dazu ist sie von Kind auf in so völlig anderen Gedanken erzogen, als deine liebe Mutter und ich, daß notwendig ihr Leben anders verlaufen muß als unseres! Sowohl sie als auch Ilse tun mir oft leid. Desto mehr wünsche ich Ilse eine treue, feste Freundin, die ihr zuweilen die Augen öffnet. Meinst du, man hat Freundschaft nur, um zu genießen? Sicher nicht! – Aber du bist mein liebes Kind,« fügte sie hinzu, indem sie eine Träne wegküßte, die sich von neuem hervorstahl. »Du verstehst mich schon! Und wenn ihr dann zu den Ferien kommt, haben wir uns so – soviel zu erzählen!« –
Auch Käte ging stiller und nachdenklicher, als sie gekommen war, die Treppe von der schönen, freundlichen Gerloffschen Wohnung wieder hinunter. Ach, daß all die frohen Stunden, die sie dort verlebt, nun auf immer vorbei sein sollten!
2. Kapitel.
Abschied.
Es kamen unruhige Tage. Ganz gegen ihre Gewohnheit mußte Frau Gerloff viel unterwegs sein, und Hanni machte alle Stadien der Ungemütlichkeit und daneben all die kleinen interessanten Wichtigkeiten durch, die einem solchen Ereignis vorangehen. Auch für sie gab es Trennungsstunden der verschiedensten Art. Jede der Freundinnen wollte sie gern noch einmal bei sich haben.
Bei Admiral Kählers, Hertas Eltern, gab es ein vergnügtes Abschiedsfest. In dem weiten, hellen Kinderzimmer war eine lange Tafel mit Schokolade und Kuchen hergerichtet. Herta und Lilli hatten selbst Blumen aus dem hübschen Garten holen und alles festlich schmücken dürfen. Auf Hannis Platz lag sogar ein Rosenstrauß, den die süße kleine Lore eiligst herunterzog, um ihn mit großem Eifer selbst zu überreichen, wobei sie begeistert rief: »Da Bümi soll Hanni haben! – Da!«
Daß sie dabei ein bißchen an die Tasse stieß und einen kleinen braunen See über die Tischdecke und ihr reines Kleidchen ergoß, wurde nicht sehr tragisch genommen. Sie war ja erst 1½ Jahre alt – und solche Zwischenfälle waren auch zu häufig, um viel Aufsehen zu erregen. Nur Lena Wallis zog entsetzt ihr seidenes Kleidchen in die Höhe und rief: »Git, du kleiner Schmierfink, bleib mir vom Leibe! Was würde Tante Sophie sagen, wenn du mein neues Kleid beschmutztest!«
Da konnte sich wieder Käte von Platen nicht halten: »Das wäre dir ganz recht! Warum bist du so albern, dir zum Spiel ein seidenes Kleid anzuziehen.«
»Bitte, du bist nur neidisch, weil du so was nicht hast,« versetzte Lena schnippisch.
Da zog aber Hanni ihre geliebte Käte rasch zurück und flüsterte ihr zu: »Du hast doch Mutti versprochen, nicht so heftig zu sein – und nun gar hier, wo Kählers alles so reizend gemacht haben. Wie würde es sie betrüben, wenn ihr euch zanktet!«
Kätes Zorn war auch bereits verraucht. Sie murmelte nur noch leise: »Ach ja, laß die alberne Puppe,« – und mit einem schnellen Griff hob sie die kleine Lore auf ihren Rücken und sprang unter lautem Jauchzen der Kleinen mit ihr als Huckepack um den Tisch. »Hoppe, hoppe, Seiter!« rief die Kleine immer von neuem, indem sie ihre goldigen Locken schüttelte, und wollte nur unter der Bedingung endlich absteigen, daß Fräulein Lottchen ihr erlaubte, »danz dicht bei Pferdchen zu sitzen«, worüber Käte sehr beglückt war.
Nach der feierlichen »Kuchenschlacht«, wie der freundliche Admiral, der hereinkam, um die Truppen zu inspizieren, die Sitzung nannte, kommandierte er mit rauher Donnerstimme, die gar nicht zu seinen freundlich lachenden Augen paßte: »Nun alle Mann an Bord und das Deck klar gemacht!«
Alles rieb und putzte die Händchen und Mäulchen, und sogar die kleine Lore bemühte sich nach Kräften und reckte gegen Käte die gespitzten Lippen in die Höhe: »Is säuberlich?« – »Fein!« bestätigte diese entzückt, und belohnte sie mit einem kräftigen Kuß, wonach die Kleine zu ihrem größten Pläsier von neuem mit Reiben begann, indem sie murrte: »Böse Käte, nich wieder einmutzen.«
Aber schon erscholl neues Kommando: »Nun die Anker hoch und vorwärts in See!« Alles erhob sich stürmisch, und mit großem Gepolter ging es über die Veranda in den Garten.
»Na, wenn ihr in unserer Wohnung wäret,« sagte Käte, »Frau Dommbersky schickte aber sofort herauf um Ruhe!«
»Ja, Vater sagt, wenn wir zur Miete wohnten, so knüpfte uns die Wirtin am ersten Abend alle in der Reihe am Treppengeländer auf!« meinte der kleine, dicke Rolf treuherzig. – »Das möchte ich nicht!«
Käte schüttelte sich vor Lachen: »Nein, das wäre auch greulich!« Aber mit leisem Seufzen dachte sie dann an ihren »unleidlichen« kleinen Bruder Ernst, der so viele trübe Stunden wegen Lärm und Unruhe hatte. – Könnte er so ungehindert spielen, dann wäre sein Leben auch anders!
Für Betrachtungen blieb aber keine Zeit. Unten hatte bereits eins der kleinen Mädchen die Augen verbunden. Es wurde blinde Kuh, Eins, zwei, drei und all die schönen Spiele gespielt. Herr und Frau Admiral saßen vergnügt in der Laube, halfen hier und dort und lachten selber am herzlichsten über jeden lustigen Spaß. Aber als dem kleinen Karl etwas nicht recht war und er den Spielverderber machte, faßte sein Vater ihn mit einem schnellen Griff am Kragen, und ehe er sich’s versah, steckte er in dem niedrigen Verließ, in dem Harken und Spaten verwahrt wurden. Käte meinte, er würde ein schreckliches Geschrei erheben, wie Ernst es so gern tat, aber alles blieb still. Er wußte genau, daß dann das Stöckchen gekommen wäre und die Sache noch viel schlimmer gemacht hätte. Erst am späten Nachmittag wurde er wieder sichtbar und verhielt sich sehr bescheiden im Hintergrund.
Der Höhepunkt des schönen Abends kam, als die kleine Gesellschaft ihre Erdbeeren mit Schlagsahne verzehrt hatte und eben meinte, Abschied nehmen zu müssen. Die breiten Glastüren wurden geöffnet, und da blitzten ihnen von draußen ungezählte kleine Flämmchen entgegen, die wie Glühwürmchen im Grase saßen, wie eine leuchtende Schnur die kleinen Beete einfaßten, an der Laube in die Höhe kletterten und das Häuschen auf dem Tannenhügel zauberisch beleuchteten. Mit einem entzückten »Ah!« wollten die Kinder hinausstürmen. Aber: »Alles in Ruhe!« kommandierte wieder die Donnerstimme des Hausherrn. »Einzeln angetreten – an die Gewehre!« Damit übergab er jedem kleinen Gast ein rotes Papierlämpchen, und mit dem eintönigen Singsang: »Laterne – Laterne!« zog man durch die beleuchteten Gartenwege.
»Aber dies Lied ist doch für heute, für ein Abschiedsfest, viel zu profan! Willi, du als Fähnrich mußt doch wissen, was sich gehört. Hole mal dein Waldhorn!« Das war nun dem schneidigen, jungen Fähnrich eigentlich gegen den Strich – vor den »dummen Mädels« seine geliebte Kunst zu profanieren. Aber er wußte, vor Vater gab es kein Fackeln. Bald stand er in dem Hüttchen und schickte die weichen Horntöne in den stillen Abend hinaus. Ein Lied folgte dem anderen, und als zum Schluß die herzige Melodie von »Morgen muß ich fort von hier« erklang, stahl sich hier und da ein Tränchen über die rosigen Backen. Sie alle fühlten zum erstenmal, was Abschiednehmen heißt. Aber »Soldatenkinder dürfen nicht heulen!« schluchzte Käte, und küßte hastig zum Abschied die Hand der freundlichen Wirtin, der sie und Hanni eben hatten danken wollen für den herrlichen Tag. Vor Weinen konnte sie kein Wort herausbringen, und als der Admiral und Willi nun auch herbeikamen und feierlich Lebewohl sagen wollten, waren die beiden, um ihre Tränen nicht zu zeigen, längst über alle Berge.
Die Gesellschaft ging still auseinander. – Scheiden tut weh!
Als Lena Bunsen ihrer Mutter am nächsten Morgen von den Erlebnissen bei Kählers erzählte und hinzufügte, zu Herders sollten sie in der nächsten Woche auch einmal kommen, da gab es ein großes Hin- und Herreden.
»Ja, wenn sie alle ›etwas‹ geben, darfst du auf keinen Fall zurückstehen. – Wie würde das aussehen!«
»Ja, Mama, dann muß es aber auch ebenso großartig sein, wie bei Kählers, sonst lieber gar nicht!«
»Das ist aber sehr schwierig für uns. Kählers haben eine Villa. Unsere Räume sind doch nicht groß genug für so viel Bewegung.«
»Ich meine, da räumten wir etwas aus – das hört man doch öfter, wenn es sich um Gesellschaften handelt.«
Die Mutter sah kleinlaut aus. Was würde das für einen Umstand geben. Aber nun ließ Lena nicht nach. »Erst müssen wir mal die Einladungen schreiben!«
»Haben denn Kählers schriftliche Einladungen geschickt?«
»Nein. Weißt du nicht, der Bursche kam doch und bestellte es.«
»Aber einen Burschen haben wir ja nicht.« –
»Das ist eigentlich schlimm! Regierungsrats oben schickten voriges Jahr zum Ball einen Lohndiener mit Karten herum. Ich habe sie gesehen; er zeigte sie der Hulda auf der Treppe!«
»Ja, ein Ball ist dies ja nun nicht! Aber Karten könnten wir am Ende mit der Post schicken!«
»Ich will gleich welche besorgen; vorgedruckte, mit ›beehren sich‹, so ist es schick!«
Sie machte sich zum Ausgehen fertig, was eine ziemliche Zeit erforderte, denn »mit der alten Fahne kann man unmöglich auf die Straße«, meinte sie! »Bitte, Mama, noch Geld für die Karten. Unter 1.50 Mark wird es kaum gehen.«
Mit leisem Seufzen erhob sich die Mama von ihrem bequemen Sitz am Kaffeetisch. Sie ließ sich so ungern von ihrer Morgenzeitung aufstören; »aber was tut man nicht für das Kind!« sagte sie in solchen Fällen. Ob sie ihm gut tat oder nicht, darüber machte sie sich weiter keine Gedanken.
Die Karten waren mit viel Umständlichkeit geschrieben und alle mit »ja« beantwortet; und schon am Morgen des großen Tages prallte Lenas Vater erschrocken zurück, als er das Eßzimmer betrat. Noch nichts war in Ordnung, und das Mädchen trug gerade eilig die Tassen in sein Zimmer.
»Was soll denn das bedeuten?« fragte er unwirsch.
»Ja, heute wird ja alles umgeräumt wegen der Kaffeegesellschaft!«
Wohlweislich war dem Hausherrn noch der große Plan verschwiegen, weil er es durchaus nicht liebte, in seiner gewohnten Ordnung gestört zu werden. Aber wenn erst alles eingefädelt wäre, würde er sich schon in sein Schicksal finden. Was blieb ihm auch übrig?
»Ach, lieber Mann, wir dachten, am Freitagnachmittag gehst du doch in deinen Klub. Da hat Lenchen für heute ihre Freundinnen eingeladen, weil die eine von hier fortkommt. – Aufs Land, das arme Ding! – Wir hätten ja gern die Umstände gespart, aber die anderen tun es alle – da war es nicht gut zu vermeiden!«
»Charlotte, du mit deinen ›anderen‹, die alles tun. Wenn die anderen alle anfingen, auf dem Seil zu tanzen, würdest du von mir das gleiche verlangen! Ich verspreche dir aber, es nicht zu tun!« schalt der erzürnte Gatte.
Seiltanzen verlangte sie ja auch einstweilen nicht, sondern war zufrieden, daß die ungemütliche Kaffeesitzung bald ein Ende fand und die umfassenden Vorbereitungen beginnen konnten.
Am Mittag kam der Hausherr sehr naß geregnet heim. »Ist das ein Hundewetter! Ach, und heute ist ja wohl eure Festvorstellung, und ich soll in den Klub! Wieder in das Hundewetter raus? Fällt mir nicht im Traume ein! Ich bleibe in meinem Zimmer, und die Gören verhalten sich hübsch ruhig, damit ich nicht gestört werde!«
»Gören?« wiederholte Lena sehr pikiert. – Aber die Mutter versetzte ihr einen kleinen Stoß, den Verstimmten nicht noch mehr zu reizen, denn das Schlimmste stand ihm noch bevor. – Als er sich seiner nassen Sachen entledigt hatte und in seinem Zimmer Ruhe suchte, fand er dort Zustände vor, die ihm die Haare zu Berge trieben. »Seid ihr denn ganz verdreht! Ist hier Jahrmarkt?«
Von seinem Schreibtisch waren Bücher und Akten weggeräumt, und in buntem Durcheinander lagen dort ungezählte kleine »Nichtse«, bunte Sächelchen, die man einmal neugierig besieht, um sie dann völlig ohne Interesse beiseite zu legen.
»Wir machen eine kleine Lotterie, Väterchen. Etwas Amüsement müssen sie doch haben. Bei Kählers haben sie im Garten gespielt – aber der fehlt uns ja leider!«
»Und was ist hier los?«
»Ja, das geht nun wirklich nicht anders, wir mußten heute schon einmal auf deinem Sofatisch decken. Sieh, die eine Tochter hast du doch auch noch nur!«
»Ja, Gott sei Dank! Wenn diese heillose Wirtschaft sechsmal im Jahre sein sollte, ginge ich lieber auf und davon!«
Übrigens blieb ihm auch heute nach der schnell und stumm erledigten Mahlzeit nichts anderes übrig, denn seine Damen erklärten, die Flügeltüren, die seine Stube vom Eßzimmer und Salon trennten, dürften auf keinen Fall geschlossen sein. Es sehe zu wenig herrschaftlich aus, wenn man nur noch in ein einziges Zimmer hineinsehen könnte.
Mit dem grollenden Ausruf: »Wenn bei euch nur alles ›aussieht‹, dann seid ihr zufrieden. Wie es ›ist‹, das bleibt Nebensache!« verließ er die Wohnung. – Er tat ganz gut daran, denn viel Freude hatte an diesem Nachmittag kein einziger von den Veranstaltungen, am allerwenigsten Hulda, die schon ganz erschöpft war vom Hin- und Herspringen. Als aber Lena ihr zum dritten Male mit großer Wichtigkeit Anweisungen gab, wie sie die Tassen zu reichen und die Torten zu bringen hätte, und daß sie um Himmels willen keine Schokolade verschütten möchte, da riß der Geplagten ihr Geduldsfaden:
»Einen solchen Aufstand zu machen um solche dummen Dinger! Da mögen sie sich alleine bedienen, wenn alle so klug sind; ich wenigstens tue es nicht!«
Es bedurfte einer aufgeregten und langen Auseinandersetzung, um sie überhaupt wieder in Gang zu bringen. Und zur Harmonie des Festes trug auch dann noch ihr verweintes Gesicht nicht bei.
Als am Abend Hanni und Käte Arm in Arm heimgingen, seufzte letztere: »Ach, Hanni, mir ist so bange, wie es nach deinem Fortgehen werden wird. Von Lena hat man doch zu – zu wenig!«
»Käte, wir wollen jetzt nicht darüber sprechen. – Sieh, sie haben uns doch heute eine Freude machen wollen!«
»Glaubst du das so sehr?«
»Ja, warum haben sie sich denn sonst alle die Mühe gemacht? Sie selbst haben doch, glaube ich, nicht so arg viel Freude davon gehabt! Sie sahen nicht so aus.«
»Nein, das glaube ich auch nicht!«
»Ja, für wen tun sie es dann eigentlich? – Manche Menschen verstehe ich doch nicht.«
»Nein, ich auch nicht!« –
Am Sonntag nach dem Kindergottesdienst kam Ilse von Herder schnell auf Hanni zu: »Du, heute nachmittag könnt ihr nun doch leider nicht bei mir sein. Es ist mir zu leid. Aber es kommen hochgestellte Gäste von außerhalb, da muß Mama ihre Gedanken ganz darauf richten. Und auch die Leute haben keine Zeit für uns. Ein rechter Jammer! – Aber ade! ich muß auch Lena und Herta noch erwischen. Bitte, sage du Käte Bescheid!«
Eigentlich waren die beiden Freundinnen über diesen Ausfall nicht so sehr traurig. Es war ihnen immer reichlich steif und feierlich bei Herders; sie mußten so sehr »manierlich« sein, was besonders Käte sehr störend fand.
»Dann hast du nun doch noch einen Abend für mich frei, nicht wahr?« meinte Käte entzückt. »Letzthin wollte deine Mutter nicht gern davon hören, weil sie meinte, es würde zuviel Unruhe für dich.«
Frau Gerloff tat ihrem Liebling von Herzen gern den Gefallen, und auch ihr selbst war es lieb, noch einen Abend mit der Cousine ihres Mannes zusammen zu sein, von der sie sich so ungern trennte. Sie wußte, wie schmerzlich die einsam lebende junge Witwe die Verwandten entbehren würde, bei denen sie stets Trost und Anhalt gesucht in den dunkelsten Stunden. – Als vor Jahren die zarte, fünfundzwanzigjährige Frau in tiefstem Gram ganz versank – rings umher war Siegesfreude nach Sedan, aber sie beweinte den, der ihres früh verwaisten Lebens Licht, der Vater ihrer so kleinen Kinder gewesen –, da war Frau Gerloffs stets gleiche, teilnehmende Liebe das einzige gewesen, was ihr noch Halt gab. Erst ganz, ganz allmählich hatte sie eingesehen, daß es ihre Pflicht sei, weiterzuleben für ihre Kinder; – und noch viel allmählicher war ihr eine Ahnung aufgegangen von der Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Aber zaghaft und schüchtern war ihr Sinn immer geblieben.
Ihre Käte war anderer Art. Sie hatte die krausen Haare und den geraden Sinn ihres Vaters geerbt. Fest sah sie ins Leben. Wenn ihr jemand in den Weg trat, ballte sie die kleinen Fäuste und wich nicht zur Seite. Wo ihre zarte Mutter zögerte und schwankte, griff sie ohne weiteres zu; und das Verhältnis hätte leicht verkehrt werden können, wenn sie nicht ihr Mütterchen so glühend geliebt hätte – fast mit einem ritterlichen Gefühl – gerade wie ihr Vater!
Leidige Zusammenstöße hatte sie oft mit ihrem Bruder Ernst, der die sensible Natur der Mutter geerbt hatte und leicht gereizt und verstört war. Empören konnte sie sich über sein ängstliches Zögern bei der kleinsten Schwierigkeit. O, man konnte ja aus der Haut fahren bei so viel Umständen und Nöten! Und dies Gefrage: »Was soll ich nun tun?« »Wie soll ich dies anfangen?« – »Mensch, hilf dir selber!« herrschte sie ihn oft rauh an. Und wenn sein wehklagendes: »Es geht nicht!« erscholl, so fuhr sie ihm heftig an den Kragen und schüttelte ihn derb.
Dabei kam ihr niemals in den Sinn, wie schwer der kleine Pessimist an sich selber zu tragen hatte, und welche Hilfe ein ermunterndes Wort, eine bereitwillige Hand ihm gewesen wären. – Da waren die Zwillinge doch andere Kerlchen; mit denen mochte sie spielen! Selig rannten sie der großen Schwester entgegen, so oft sie ihren Schritt auf der Treppe hörten, und es gab ein Jauchzen und Lärmen, daß Ernst sich jammernd beklagte: »Dabei kann kein Mensch Rechenarbeit machen!«
Ein Sonnenstrahl fiel jedesmal in sein oft beschattetes Leben, wenn Hanni Gerloff zum Besuch kam. Die neckte ihn nie und hatte immer ein Auge für seine Angelegenheiten.
An dem bewußten Sonntagabend spielte sich gerade wieder ein kleiner Streit zwischen Bruder und Schwester ab. Die Kinder standen auf dem Flur, als die Gäste eintraten, und Hanni sah auf den ersten Blick Ernsts nur notdürftig getrocknete Tränen. »Käte ist zu greulich!« platzte er recht unritterlich heraus; »sie will nicht, daß ich Mutti bitte, aufbleiben zu dürfen. Kleine Kinder gehörten ins Bett! – Und was ich überhaupt wollte – ich störte euch beide nur!« – Neues Schluchzen.
»Nein, Erni, greulich ist Käte gewiß nicht, ich würde mich sonst doch hüten, sie zu besuchen! Aber ich glaube, sie ist ein klein bißchen dumm, daß sie meint, du würdest uns stören – das fällt dir doch nicht ein? Und dann erst, wenn du erfährst, was in meiner Tasche steckt! – Nein, nein, halt! Nach dem Tee! Jetzt wollen wir erst deine Mutter tüchtig bitten, daß du aufbleiben darfst!«
Dazu gehörte nicht viel Überredung. Die kleine Frau sagte sehr viel lieber »ja« als »nein« zu den Wünschen ihrer Kinder – und bald saß alles behaglich beim Tee. Die beiden Mütter hatten sehr viel zu besprechen, Großes und Kleines, und die jungen Mädchen zogen sich bald in den traulichen Winkel zurück, der Kätes Besitztümer barg. Von Ernst sah und hörte man nichts. Er war ganz versunken in die Herrlichkeiten eines Briefmarkenalbums, das Hanni ihm vererbt hatte. Viel zu früh für alle verging der gemütliche Abend, und als beim Abschied die Herzen gar zu schwer werden wollten, sagte Frau Gerloff: »Käte, hole doch eben den Kalender. Wo sind wir jetzt? Sieh, hier: 5. Juni! – Noch eins, zwei, drei, vier Wochen! – Beginnen nicht da eure Ferien? Gut! Nun gehen wir nicht eher weg, als bis Mutti uns fest verspricht, am 10. Juli, wenn ihr aus der Schule kommt, schon alle Koffer gepackt zu haben und Max und Moritz gestiefelt und gespornt. Und dann geht’s zum Bahnhof – und abends seid ihr in Schönfelde – soll es so sein?«
Frau von Platen wollte Einwendungen machen, es sei zu bald, und mit den vier Trabanten auch zu viel Unruhe. Im Grunde konnte sie das Glück kaum fassen, aufs Land zu sollen, für Wochen aus allem Kleinkram und Druck des täglichen Lebens heraus – mit ihren Kindern von Morgen bis Abend in Gottes schöner Natur, was hier doch höchstens ein paarmal im Jahre und auch dann nur unter großen Schwierigkeiten möglich war! Es schien fast zu schön, um wahr zu sein. Aber nun geriet auch Hanni in Feuer:
»Liebe, liebe Tante, du mußt es fest versprechen! Es wird zu schön, hörst du? Max und Moritz bekommen einen Sandhaufen, so groß wie –«
»Wie ein Omnibus!« half Ernst aus.
»Ja, und du, Ernst, darfst den ganzen Tag reiten und fahren!«
»O ja, o ja!«
Gegen all diese Argumente war es unmöglich, länger standzuhalten, und noch zur selben Stunde wurde der Plan für die »himmlische« Ferienreise ganz festgesetzt.
»Mutti,« rief es am späten Abend aus Kätes Kammer, »bitte, setz dich noch eine Minute auf mein Bett! Sag mal, wie ist das eigentlich mit Hanni? Man merkt doch im Grunde, wenn sie da ist, gar nicht so arg viel von ihr, nicht?«
»Nein, hören tut man meistens nur dich!«
»Mutti, wirklich? Ich will auch anders werden! – Aber, weißt du, es liegt so etwas in der Luft bei Hanni! Wo sie ist, da ist es immer nett; keiner mag eklig sein, wenn sie ihn so fragend ansieht. Und wenn sie weggeht, fühlt man etwas, als wenn der Sonnenschein schwindet!«
Als die todmüde junge Frau sich endlich auch zur Ruhe legen wollte, schreckte erregtes Rufen aus Ernsts Bett sie auf: »Er will nicht stehen! – Halt, halt! – O weh, der Pony rennt mir weg!« Der Schweiß perlte auf seiner Stirn. Mit weicher Hand strich sie die blonden Haare zurück und knöpfte das Hemdchen über dem heftig klopfenden Herzen zu. »Muß denn alles, auch die Freude, nur dazu dienen, unsere Unruhe zu mehren?«
Als sie an dem breiten Gitterbettchen der Zwillinge vorbeikam, zog ein heller Schein über ihr müdes Gesicht. Wie zwei rote Äpfel lagen die süßen Köpfchen einander zugekehrt auf den runden, rosigen Ärmchen. Die beiden schliefen in seligem Vergessen all dem noch unbekannten Glück entgegen.
***
»Na, Lisbeth, ist die Petersilie verhagelt?« fragte am nächsten Morgen der Major gutmütig, als das Stubenmädchen mit rotverweinten Augen den Tee brachte. – Verstört stürzte sie aus dem Zimmer, um neue Tränen zu verbergen.
»Ja, was hat denn die für Jammer?« wandte er sich nun an Hanni.
»Lisbeth sagt, sie könne auf keinen Fall mit aufs Land gehen, sie hätte die ganze Nacht vor Angst kein Auge zugetan.«
»Was soll denn das bedeuten? Warum sagt sie das nicht gleich? Es hat sie doch niemand gezwungen? Nun solche Quackelei im letzten Augenblick! So recht Weiberart!«
»Nein, Vati, hieran hat allein Franz schuld. Er ist auch vom Lande und hat ihr nun alles gesagt, wie es dort wäre: Ihre hübschen Lackschuhe sollte sie ruhig hier lassen; sie müßte barfuß die Gänse hüten; auf dem Bilde im ›Daheim‹ könne sie es ja sehen!«
»Sie, Gänse hüten? Ha, ha, ha! Sie ist ja selber ’ne Gans!« –
»Und jeden Morgen um vier würde geweckt. Dann müßte Lisbeth in den Stall, die Kühe zu melken – zwölf nacheinander! Einige schlügen so mit dem Schwanz, daß von ihrer Haarfrisur überhaupt nichts nachbliebe – aber sie dürfe nicht mucksen, denn wer etwas von der Milch verschütte, dem ginge es übel. Um sechs gebe es Frühstück! – Aber Kaffee oder gar ihren geliebten Kakao kenne man dort nicht. Mehlsuppe mit faustdicken Klütern – dabei rieb er sich ordentlich den Magen vor Wonne – und dazu Schwarzbrot. Davon hätte er die weißen Zähne und brauchte nicht sein Geld zum Zahnarzt tragen wie die zimperlichen Stadtpuppen! – Dann, sagte er, ginge es ins Heu. Lisbeth müsse mit solcher großen Gabel oben auf einem Fuder stehen, und wehe, wenn sie das Heu schief hinpackte. Im Galopp würde heimgefahren, und wenn sie nicht ordentlich aufgepackt hätte, flöge sie mitsamt ihrer Gabel herunter und spießte sich auf oder würde von den Pferden zertreten! – Und wenn sie ihre rote Schürze mitnähme, die sie so schön findet, dann ginge es ihr ganz elend: Auf dem Hof käme der Puterhahn und kratzte ihr die Augen aus, und wenn sie sich in den Stall flüchten wolle, so nähme der Stier sie auf die Hörner, und dann sei es mit ihr aus!«
Der Major hielt sich die Seiten vor Lachen. »Aber das ist ja ein ganz infamer Esel, ihr so was vorzulügen. Dem werde ich den Kopf waschen, daß ihm das Flunkern vergeht!«
»Weißt du, Schatz,« meinte Frau Gerloff, »ich finde, wir mischen uns gar nicht in diese Dummheiten. – Hanni, soviel Erinnerung hast du doch noch an Schönfelde, daß du ihr erzählen kannst, wie es dort zugeht. Und dann sag ihr, von Franz wäre es der reine Neid, daß er nicht mitkönne, sondern noch zwei Jahre im bunten Rock stecken müsse! – Was würde ihre gute Mutter sagen, wenn aus dem schönen Plan nichts würde, dem blassen Stadtkind endlich rote Backen anzupflegen. Geh und setze ihr den Kopf zurecht, und dann nehmt alle Gedanken zusammen, daß wir nichts Nötiges versäumen!«
So zerstreuten sich auch diese Wolken, und mit steigender Erwartung sah alles dem Tage der Übersiedlung entgegen.
3. Kapitel.
Auf dem Lande.
Kennt ihr das Leben auf einem schönen, alten, mecklenburgischen Rittergut? –
Wenn ihr von Reisen lest oder von interessanten Begebenheiten, so sitzt ihr wohl manchesmal nur halb auf dem Stuhl und schlagt hastig eine Seite nach der anderen um. – Jetzt müßt ihr euch einen behaglichen, stillen Winkel suchen, wo euch niemand stört – oder noch lieber eure Hängematte unterm Nußbaum festbinden, wenn ihr so glücklich seid, einen zu besitzen. Die Sonne flimmert durch die dicken, grünen Blätter, und wenn ihr die Augen schließt, glaubt ihr das Gurren der Tauben auf dem Dache zu hören – das ganz ferne Läuten der schwarzbunten Herde – das Scharren und Gackern der Hühner, die ihr Futter suchen.
Auf dem Giebel des Herrenhauses holt die alte Uhr zu lautem Schlage aus – viermal – aber einen Menschen seht ihr noch nicht! Die Leute sind alle beim Heu. Ihr tretet in die nur angelehnte Haustür; eine Klingel gibt es dort nicht, denn zu Fuß kommen selten Gäste und einen Wagen, der vorfährt, wird das Hausmädchen schon bemerken. – Auch die große, hohe Diele ist leer und still. Ernst sehen die Hirsch- und Renntierköpfe von den Wänden mit ihren mächtigen Geweihen. Ein paar prachtvolle Fischreiher und Falken sehen aus, als wollten sie zu euch herunterfliegen mit ihren ausgebreiteten Schwingen. Aber zum Glück sind sie nur ausgestopft! – Durch mehrere große, stille Zimmer führt euch der Weg. Überall nicken Rankrosen und wilder Wein in die Fenster. Auf einmal fahrt ihr erschrocken zurück: dort kommen euch eure eigenen Doppelgänger in ganzer Länge entgegen! – Aber es war nur die Spiegeltür gegenüber, die euch neckte und in der ihr nun auch den wundervollen, alten Ofen mit dem kleinen Säulentempel oben drauf und die weißen und goldenen Wände des Eßsaals erblickt. Schnell brecht ihr den Bann und durcheilt die Tür – aber dieselbe Stille auf den langen, winkeligen Korridoren und der breiten Eichentreppe, die frei nach oben führt zu dem weiten Vorsaal, auf dem oft bei festlichen Anlässen mehr als 60 Personen tafelten. Aber nur im Sommer. Im Winter war er grausam kalt mit seinen vielen hohen Fenstern.
Ja, ja, so war es einmal! Manches wohl unbequem und weitläufig – und deshalb muß ich euch auch mit schwerem Herzen anvertrauen, daß die jetzigen Besitzer das Haus nicht mehr zeitgemäß fanden, womit sie wohl recht haben mögen. – Die alte Uhr ist abgelaufen, der schwere Messingklopfer an der Haustür verstummt. Ein neues, schönes Schloß reckt seine Giebel höher als früher das alte Haus. Zentralheizung und elektrisches Licht sind sicher bequemer als die vielen Öfen und die Petroleumlampen oder gar die Talglichter, mit denen wir noch in früher Jugend zu Bett gehen mußten und die nicht schön rochen, wenn man ihnen den Lebensfaden buchstäblich abschnitt. –
Ob aber das neue Geschlecht bei allem Komfort glücklicher ist, als die alten waren, weiß ich nicht. Gäste traulicher aufnehmen und vor Unbill gastlicher schützen – im Sommer wie im Winter – alle Jahre hindurch – kann auch das neue, stattlichere Dach unmöglich! Viele Herzen schlagen warm und dankbar, wenn sie an das alte, liebe Haus denken, und die schönsten Stunden, die sie verlebt, werden in ihrer Erinnerung wach.
Gerloffs hatten seit Jahren wenig in der alten Heimat gelebt.
Es war ein zu furchtbarer Sommer gewesen, als die Diphtheritis im ganzen Kirchspiel wütete. Keine von den Tagelöhnerfamilien war verschont geblieben; – aus dem einen Hause hatten sie alle Kinder fortgetragen auf den Gottesacker. Hart und stumpf waren manche von den rauhen, stillen Leuten geworden. Der Doktor riet dem damaligen Rittmeister zu eiliger Flucht nach Berlin. Aber davon wollte der gar nichts wissen: »Die miteinander arbeiten, teilen auch die Gefahren miteinander! Das ist so bei Gewitter und Feuer; das war so im Feldzuge, wie sollte es jetzt anders sein, wo es gilt, für das Leben der Liebsten zu kämpfen!«
Er wie seine Frau, die ebenso tapfer von Geist war wie zart von Körper, suchten mit Hilfe des Arztes alles zu tun, was sich zur Pflege der Kranken und zum Schutz der noch Gesunden erdenken ließ.
In solchen Zeiten braucht der »kleine Mann« einen Halt und Führer, er verliert sonst den Kopf. So fest und ausdauernd die Leute bei ihrer harten Arbeit sind, so verzagt und unberaten, ja töricht sind sie oft bei Gefahr und Not. Da war seine leitende Hand ganz unentbehrlich.
Die Kinder im Herrenhause wurden streng abgeschlossen, und sie hatten trübe Tage, wo sie die sonst so frohen Eltern wenig sahen.
Aber als dann doch der Tod an das bisher so ganz glückliche, immer sonnige Herrenhaus anklopfte – als der herzige kleine Hans, der noch nie krank gewesen, sich Tage und Nächte in den schrecklichsten Qualen wand – da konnte der junge Vater nicht glauben, daß dies Wahrheit sei.
Wenn noch vor zwei Wochen der stramme, kleine Pony mit dem fünfjährigen Bürschchen neben dem schönen Pferde des Vaters hertrabte, dann hatte jeder Arbeiter auf dem Felde, an dem sie vorbeikamen, einen Augenblick die Hände ruhen lassen und dem Paar nachgesehen. Über die teilnahmlosesten Augen war ein heller Schein gehuscht, wenn sie bemerkten, wie der Kleine – das Ebenbild des stattlichen Vaters – Zügel und Peitsche genau so faßte wie der, und dabei so treu und ehrenfest aus den blitzblauen Augen sah.
Das konnte doch nicht alles vorbei sein, zerstört werden? Unmöglich!
Der Rittmeister hielt es nicht mehr aus in den dumpfen Zimmern – der Sommer war auch zu heiß! Ziellos schritt er über den Hof. Da kam ihm ein junger Tagelöhner mit verstörtem Gesicht entgegen. Schon als Jungen hatte er ihn gut leiden können; der zwei Jahre ältere hatte ihm geschickt geholfen, Borkenschiffe und Weidenflöten zu schnitzen. – Diesen Augenblick sah er aus wie ein alter Mann.
»Wat is, Hinrich?«
»Herr, mit Paul iss’t uk vörbi! – min Letzt,« fuhr es ihm mit rauher Stimme heraus.
»Ne, Hinrich, – is’t möglich? – Gott bewohr dien arme Fru!«
»Gott?« – lachte der arme Mensch heiser auf, »wenn dei noch lewt – üm uns kümmert hei sik nich mihr!«
»Still, Hinrich, du weißt nich, wat du sprickst!«
Rasch ging jeder seines Weges. – Viel Worte zu machen, liegt dem richtigen Mecklenburger nicht, zumal wenn ihm das Wasser bis an die Kehle geht.
Aber der Rittmeister reckte sich auf, als er merkte, daß er ebenso gebeugt hinging wie sein Vorknecht. Nein, das durfte nicht sein! Gott würde ja helfen.
Als dann der kleine, schwarze Sarg aus dem Herrenhaus herausgetragen wurde, war es, als seien all die großen, hellen Räume eiskalt und dunkel – mitten im Sommer. Alle Leute sahen völlig verstört aus, und der Hausherr fühlte sich wie betäubt. Er wußte später nicht, wie diese Tage herumgegangen. Das erste, was ihm in Erinnerung wieder deutlich vor Augen stand, war, wie er neben Hinrich Kurt, dessen Haare grau geworden, hinter einem Sarge herging. Die vergrämte junge Tagelöhnerfrau war ihren vier Lieblingen gefolgt.
Es war nie Sitte gewesen, daß der Herr sich einem Leichenzuge in seinem Dorfe anschloß. Er hatte es sich auch gar nicht weiter überlegt, – es schien ihm so natürlich. Ihm selber war noch sein geliebtes Weib geblieben – und doch auch seine süße, kleine Hanni, die eben so arglos allein im Sande spielte. – Dieser arme Mensch hatte alles verloren.
Auf dem Wege hatten beide kein Wort gesprochen. Als sie aus dem Kirchhofstor traten, sagte der Rittmeister: »Hinrich, dei Gang wir surer, als dei Dag vör Gravelotte, as uns de Kugeln üm den Kopp susten!«
»Ja, Herr!«
»Öwer Gott hätt uns donmals hulpen, hei lewt nu ok noch!«
»Ja, wenn de Herr dat hüt seggt, wo lütt Hans begraben is, möt ik’t woll glöben – letzt künn ik’t nich!«
Am anderen Tage trat der Vorknecht an seinen Herrn heran, was sonst ungerufen nicht geschah. »Herr, ik meint so« –
»Wat meinst du, Hinrich?«
»Ja, Herr, dei Roggower Inspekter sähr mal, son’n lütten frommen Pony müggt hei woll vör de oll gnädig Fru ehren Parkwagen hebben. – Ik mein, ob ik em nu nich röwer bringen süll, dat man uns’ Madam em nich mihr vör Ogen kreg! – Hei kriegt dat dor gaud – und denn is’t doch beder, dei oll Dam’ hätt em, as wenn anner lütt Jungs –«
Der Rittmeister wendete sich rasch ab, und der gutmütige Knecht fürchtete, etwas Verkehrtes gesagt zu haben. Aber gleich darauf kehrte der Herr um und drückte dem Getreuen hastig die schwielige Hand, was er noch nie getan.
»Bring min Pird, Hinrich, – ik will na dei Roggenmieten seihn – und wenn’t düster watt, kannst du den Pony röwer bringen.«
Am selben Abend ließ die bleiche, junge Frau den vereinsamten Vorknecht auf die Diele rufen: »Hinrich Kurt, der Herr hat davon gesprochen, daß der alte Kutscher Wilhelm gern aufs Altenteil will, und daß dann wohl Sie Kutscher würden.«
Hörte er recht? Dies war das Ziel seiner Wünsche gewesen – jetzt war ihm alles gleich. – Aber die schöne, junge Frau sah ihn so teilnehmend an, daß ihm warm ums Herz wurde.
»Dann wäre es wohl besser, Sie wären immer dicht bei der Hand. Deshalb habe ich Mamsell Bescheid gesagt, daß sie die Stube neben dem Gärtner für Sie herrichte. – Es ist auch besser, wenn Sie nicht immer allein sind,« fügte sie leiser hinzu. »Überlegen Sie sich’s mal.«
»Ne, dor is nix tau öwerleggen,« meinte Hinrich, der die ganze Zeit über seine Mütze zu einem Knäuel gedrückt hatte. »Wenn Madam dat so inseih’n, denn is’t gaut – dat sähr Rieke ok ümmer.«
So vergaßen Herr und Knecht auf Stunden das eigene Leid über dem Schmerz des anderen. Und dann waren Jahre gegangen und gekommen mit Sommer und Winter, Frost und Hitze – und in vieler, ernster Arbeit hatten die Herzen wieder Ruhe gefunden.
Aber eins war anders als früher. Alle Leute hatten früher »den jungen Herrn Rittmeister« gern gehabt und geachtet. Jetzt sahen sie zu ihm auf. Sie hatten in der Not den Kopf verloren – er nicht. Sie waren in Gefahr gewesen, Gott zu verlieren. Er hatte ebenso gelitten wie sie und hatte seinen Blick fest auf Gott gerichtet behalten – das hatten sie gefühlt. Sie haben ein feineres Gefühl, als die Städter meinen.
Und noch eins war anders geworden: Seit alters hatten die Gerloffs ein Herz für ihre Leute gehabt. Das war ihnen ganz selbstverständlich. Auch die getreuen Haustiere versorgt man gut und gibt ihnen, was sie brauchen. Wer täte das nicht!
Aber mit ihnen denken und sprechen kann man nicht.
In jenem Sommer hatten Herr und Knecht in dunklen Stunden gefühlt, daß sie dieselben Schmerzen litten. Sie hatten miteinander gesprochen als Mann zum Mann – Vater zum Vater. Da waren die Schranken gefallen und nicht wieder aufgerichtet. Nie war hierüber gesprochen, man fühlte aber, es gab Punkte, wo alle hergebrachten und ererbten Formen nichts bedeuten. Es war ein tieferer Ton in das gegenseitige Verhältnis gekommen. Der Gehorsam war größer und freier geworden, – mehr aus innerem Bedürfnis als aus Zwang. Das Befehlen mehr ein Anordnen, bei dem man stets auch die Achtung vor der Persönlichkeit des anderen durchfühlte.
Und so hatte sich zu einer Zeit, wo ringsumher bitter geklagt wurde über schlimme »Leuteverhältnisse«, in Schönfelde ein Vertrauen zwischen Arbeitern und Herrschaft gebildet, was manche der Nachbarn gar nicht begreifen konnten. Und wenn der Rittmeister und seine Frau das warm und beglückend empfanden, so wurde ihnen klar, daß der Herr oft, indem er herbes Leid auferlegt, zugleich auch tief verborgenes Glück schenkt.
4. Kapitel.
Der Einzug.
An dem wichtigen Tage, der die jungen Herrschaften in die alte Heimat führen sollte, herrschte vom frühesten Morgengrauen an rege Tätigkeit in Schönfelde. Einfahrt und Haustüren wurden mit Girlanden geschmückt, der ganze Hof aufs sauberste geharkt, und im Hause war ein geschäftiges Rennen und Laufen. Von Tante Ida bis zur Mamsell, und von der bis zum kleinen Küchenmädchen wollte jeder sein Reich so blitzblank abliefern wie nur möglich. Der Gärtner hatte die schönsten Blumen für alle Vasen gebracht, und Tante Ida hatte das beste Porzellan und Silberzeug aus den eichenen Schränken geholt und das feinste Damastgedeck aus der übergroßen Leinentruhe. Wieder und wieder hörte man ihr Wahrzeichen, den elfenbeinbeschlagenen Handstock, mit dem sie das rechte Bein unterstützte, hin und her eilen. Wie klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken, ob der heißgeliebte Bruder mit allem zufrieden sein würde, ob die zarte Schwägerin, die so viel jünger und verwöhnter war als sie selber, sich nun dauernd heimisch einleben möchte in der alten Heimat, die sie selber mehr liebte als alles in der Welt! Von Herzen freute sie sich, für ihren allmählich etwas müde gewordenen Körper mehr Ruhe zu bekommen, die große Verantwortung loszuwerden.
Aber wie würde es ihr nun eigentlich vorkommen, wenn nicht mehr an sie jede der ungezählten Anfragen sich richtete, wenn das große Schlüsselbund in anderen Händen klirrte – wenn die Leute aus dem Dorfe nicht mehr mit jeder Not zu Fräulein Ida kamen, wie sie hier seit ihrem vierzehnten Jahre – seit bald vierzig Jahren – hieß! Sie preßte die Hand auf das unruhig klopfende Herz, wie um ihm Ruhe zu gebieten. »Das findet sich alles – die Hauptsache ist, daß sie sich hier einleben!«
So hatte sie auch betreffs der häuslichen Anordnungen gedacht. Der Bruder war immer schwer für eingehende Besprechungen zu haben, und die Schwägerin war zu zartfühlend und zu vorsichtig gewesen, um von fern und schriftlich Anweisungen geben zu mögen über die künftige Einrichtung des Hauses. Beide hatten noch einmal kommen wollen, um alles zu bereden. Als aber eine leichte Erkrankung der Majorin das vereitelte, hatte der Bruder mit militärischer Kürze geschrieben:
»Die Sachen kommen Mittwoch auf dem Bahnhof an. Schickt für jeden Möbelwagen vier Pferde und ladet vorsichtig aus. Auf der Diele der roten Scheune kann alles stehen bleiben, bis wir da sind. Mündlich mehr. – Else läßt bitten, die Damastmöbel aus ihrem Zimmer zuzudecken, damit sie nicht leiden; na, Du weißt, Stadtdamen sind vorsichtig für ihre Prachtstücke. Dein Hans Günther.«
Sie hatte doch den Kopf schütteln und lachen müssen. Die prachtvoll geschnitzten Möbel ihrer Schwägerin tagelang auf der Scheunendiele stehen lassen; die braven, aber nicht gerade sauberen Hände der Knechte auf dem zarten, gelben Seidenstoff! – Nein, Bruder, bei allem Respekt vor deiner Einsicht – das geht nicht!
Und sollte sie erst alles lassen, wie es zu der seligen Eltern Zeit gewesen? Und dann müßte die so weich empfindende junge Frau die durch die Erinnerung geheiligten, aber für nüchterne Augen natürlich teils altersschwachen Sachen beiseite schieben? Das würde schwere Stunden verursachen und konnte einen Schatten auf den ganzen Anfang werfen. Da hieß es, lieber dem Herzen einen Stoß geben und selber den schweren Schritt tun!
Sie rief ihre braven Truppen zusammen: die Frau des Saathalters, des Schäfers, des Kuhhirten und des Vorknechts, die alle in ihrer Mädchenzeit auf dem Hofe gedient hatten und mit jeder Einzelheit bei der Arbeit ganz genau vertraut waren. Mit ihrer Hilfe wurde eine wahre Sintflut veranstaltet; und als dann die Möbelwagen vorgefahren waren, konnte jedes Stück gleich an Ort und Stelle gebracht werden. Die schönsten von den alten Sachen waren in den Saal gekommen und in die beiden danebenliegenden Zimmer, die hauptsächlich für größere Geselligkeit benutzt wurden und für die die Möbel der Geschwister nicht ausreichten. Deren Sachen kamen in die früheren Zimmer der Eltern, denen sie einen unbeschreiblichen, neuen Reiz verliehen. Tante Ida mußte das Ganze immer wieder bewundern. Ja, sie hoffte, die Lieben sollten zufrieden sein! Was würde Hans Günther wohl zu der Diele sagen? Früher war sie mehr nur Durchgang gewesen. Jetzt sah sie unendlich anheimelnd aus mit des Vaters uralten Eichenmöbeln. Noch einmal wollte sie alles prüfend durchwandern, da knirschten draußen die Räder auf dem Kies und die Jagdhunde schlugen an.
Erschrocken eilte sie an die Klingel. Aber da kannte sie Marieken schlecht! Die stand bereits an der weitgeöffneten Haustür und strich verlegen und brennend rot an der weißen Schürze herunter, bis der Wagen hielt und sie ihren Gefühlen Luft machen konnte, indem sie hastig und dienstbeflissen Decken, Schirme und Taschen an sich riß.
»Halt, halt – meinen Handstock laß mir! Die Waffe gibt ein Soldat nicht her!« wehrte der Major vergnügt ab, und hob dann seine Frau selber aus dem Wagen. Aber Hanni wartete nicht auf irgend eine Hilfe, sondern sprang eilig an allen vorbei auf ihre Tante zu.
»Tante Ida, Tante Ida! Endlich sind wir da!« jubelte sie. »O, es ist zu, zu schön!« Es war ein stürmisches Durcheinander, und erst nach geraumer Zeit konnten die Angekommenen sich näher umsehen.
»Wie ist es doch gemütlich und heimisch hier!« rief der Major aus, sich glücklich in der alten Diele umsehend. »So schön hatte ich’s gar nicht in Erinnerung! Hier lasse ich mich häuslich nieder und gehe überhaupt nicht weiter.«
»Vater, Vater, o komm hierher,« rief Hanni erregt. »Nein, ganz wie zu Hause!« Sie stand mitten in ihres Vaters Zimmer und sah durch die Flügeltür in das schöne Wohnzimmer ihrer Mutter. – Jetzt erst begriffen die Eltern die Veränderung gegen früher, und tief gerührt faßte der Major seine treue Schwester um die Schulter.
»Liebe, gute Seele – was hast du denn gemacht? Das ist alles schon in schönster Ordnung für uns, und wir brauchen uns bloß reinsetzen in das warme Nest! Das ist ja zu schön! Sieh doch, Else – dort dein Nähplatz am Fenster – dein Schreibtisch! – Nein, sieh doch, die Sessel dort am Kamin! Du bist ja eine goldene Schwester! Das vergeß ich dir nie! Else war so müde seit der Krankheit neulich und hatte so große Angst vor all der Umwälzung! Aber wo ist denn Mutters Zimmer geblieben?«
»Kommt mal mit! Ich dachte, es würde euch so recht sein: Mutters Sachen habe ich ganz nach oben genommen. Ich bin ja nun selbst ein altes Mütterchen und gebrauche einen bequemen Winkel! Und für meine kleinen, zierlichen Möbel aus der Mädchenzeit hatte ich eine andere Verwendung.«
Auch oben wurde mit größtem Behagen alles in Augenschein genommen; aber auf einmal wurde die Gesellschaft durch einen lauten Schrei des Entzückens aufgeschreckt. Hanni war ans Ende des kleinen Korridors vorgedrungen, an dem Tante Idas Zimmer lagen – seitwärts vom großen Vorsaal, auf den alle Gaststuben führten. Als sie nun die Tür zu dem kleinen Raum öffnete, wagte sie nicht, den Fuß hineinzusetzen, so schön erschien ihr das, was sie dort sah!
Alles war klein und zierlich, sogar die weißlackierten Fenster, die – weit geöffnet – einen entzückenden Ausblick boten über den in herrlichstem Frühlingsschmuck daliegenden Park, auf die grünen Rasenflächen, die weißen Brücken, die zwischen dunklen Taxusbüschen in leichtem Bogen über die klaren Teiche führten.
Duftende Rosen und Goldlacktöpfe standen in einem zierlichen Blumenständer; am Fenster lud ein altmodisches Nähtischchen, mit allem angefüllt, was fleißige Hände nur wünschen können, zum Gebrauch ein. Ein kleines Sofa war mit hellgeblümtem Stoff überzogen, ebenso der verlockend bequeme, alte Sessel in der Ecke unter dem Schatten der Stubenlinde. Aber das Allerschönste schien das Schreibpult aus hellem, glänzendem Birkenholz mit schönen Elfenbeineinlagen. O, all die Schubfächer oben und unten – und noch ganz versteckte, die erst das kundige Auge entdecken konnte! – Und über allem der rosige Schein der Ampel, die an feinen Ketten von der Decke hing.
»Tante Ida, Tante Ida! Was ist das hier? Wohnt hier eine Fee?«
»Ich glaube nicht! Oder bist du eine? Seht,« sagte sie, »dies sind meine kleinen, alten Sachen. Hans Günther, kennst du sie noch?«
»Nein, wirklich nicht, – in diesem neuen Gewande nicht! – Bloß hier das geheime Fach! O ja, das weiß ich noch genau! Das wollten wir so gern aufmachen, weil du dein Tagebuch dort verwahrtest. Aber dazu gehörte ein heimlicher Schlüssel, oder ein Kniff – ich weiß nicht mehr!«
»Sollst du auch nicht, das kriegt niemand zu wissen als Hanni! Es liegt wieder ein Tagebuch drin, aber ein leeres.«
Hanni brauchte viel Zeit, bis sie alles gesehen und bewundert hatte. Sie drückte und preßte ihre Tante so, daß der Vater meinte, sie solle sie doch wenigstens heute noch am Leben lassen. Endlich machte die kräftig erklingende Glocke, die zum Teetisch rief, ein Ende; und als die Familie zusammen saß, bemerkte die gute Tante erst, wie schwach und angegriffen ihre Schwägerin noch aussah. Unendlich dankbar für alle Liebe und Fürsorge, ließ sie sich gern bald zur Ruhe geleiten.
»Ida, du bist zu gut – du nimmst mir ja rein alles ab! Wie soll ich dir das jemals danken?«
»Dadurch, daß ihr euch hier glücklich fühlt.«
»Ach, das ist ja gar nicht anders möglich! Es ist wirklich zu schön hier! Aber wo bleibt denn das Kind? Ich überlasse dir auch alles. Das ist doch zu arg!«
»Else, es ist ja meine größte Freude! – Nun schlaf nur; ich bringe Hanni schon zur Ruhe. Auf morgen!«
Hanni hatte der Ungeduld nicht widerstehen können, einmal durch den Garten zu springen, und kam eben atemlos wieder durch die große Glastür herein. »O Tante, Tante! Dies ist wie ein Märchen!«
»Dann kannst du es ja nun im Bett zu Ende träumen; komm nur.«
»Schon? Ja, wo schlafe ich denn?«
»Wir wollen mal sehen. Komm nur.«
Über den großen Vorsaal ging’s wieder in den kleinen Nebenflur an Tante Idas Zimmern vorbei. »Sieh, Liebling, hier hausen wir ganz verträglich nebeneinander. Das ist dein Schlafstübchen – dort die kleine Tapetentür.«
»Nein, Tante, das ist nun ein wirkliches Märchen!« Sie hatte vorhin die kleine Tür gar nicht bemerkt. Als sie nun geöffnet war, warf die rosa Ampel ihr Licht in den hinteren Raum, und jetzt war es sehr schwer zu sagen, was schöner war: das Wohnstübchen oder die kleine Schlafkammer. Alles war schlicht und praktisch, aber so zierlich und anmutig in seinem reinen Weiß, daß jetzt die Gefahr, unter Hannis Umarmungen zu ersticken, für die gute Tante wirklich groß war.
»Dies alles soll mein sein? Ich kann es nicht glauben!«
»Ja, Liebling, und jedes einzelne hat dir viel zu erzählen! Sieh, die weißen Mullgardinen hat meine Jugendfreundin mir gestickt. Dies glänzende Leinen hat deine Urgroßmutter gesponnen auf dem Spinnrad dort; ich sehe noch ihre weichen, weißen Hände, mit denen sie mir die Locken von der Stirn strich – damals,« fügte sie leise errötend hinzu; »jetzt habe ich längst keine mehr. – Diese weißen Bezüge für die Tischchen brachte mein Vater einmal aus der Schweiz mit; Mutter war kürzlich gestorben, und er wollte mir gern eine Freude machen. – Damals war das eine große Pracht! – Dies weiche Fell vor deinem Bett gehörte meinem Lieblingslämmchen. Aber nun leg dich hin und schlafe süß; morgen ist wieder ein Tag, und ich kann dir noch viel erzählen! – Sieh, diese andere kleine Tür führt durch einen leeren Raum in mein Schlafzimmer, – ich will sie nur angelehnt lassen. Wenn du irgend etwas möchtest, so rufe nur, ich kann dich hören.«
Aber sie wünschte nichts mehr. Ihr war’s, als schwämme sie in einem Meer von Glück und Wonne – selig, wunschlos.
Die Fenster standen weit offen. Draußen fiel mit leisem Rauschen der Springbrunnen in das überfließende Becken; – die Nachtigall schluchzte im Traum; – fern im Sumpf hörte man den Unkenruf. Es war zu schön! – So schnell ging es nebenan nicht. Nach dem langen, unruhigen Tag war dies die erste stille Stunde. – Ja, es war ein wunderbares Glücksgefühl, mit vollen Händen zu geben. Es war noch schöner als das Nehmen, hier in denselben Räumen. Wie froh erwartend hatte auch ihr Herz gepocht, als liebende Fürsorge für sie den Eintritt ins Leben geschmückt hatte! Wie – wie anders war dann alles gekommen, als sie sich’s erträumt! Gut, daß man’s nicht noch einmal durchleben mußte! Mancher Weg war gar zu steinig gewesen – mancher Tag wollte kein Ende nehmen! Nun war das Herz still geworden und hatte in allem Gottes Wege gesehen. Und nun schien auch das Wort sich erfüllen zu sollen: »Um den Abend soll es licht werden!«
5. Kapitel.
Neue Freunde überall.
Früh am anderen Morgen tanzten und zitterten die Sonnenstrahlen durch die weißen Vorhänge auf Hannis Bett und huschten neckend über ihre heißgeschlafenen Wangen. Sie rieb sich voller Erstaunen die Augen und konnte sich erst gar nicht besinnen. Was waren denn das für fremde Töne? Gackern, Krähen, Zwitschern und Flöten – Pferdegetrappel – leises Rauschen in der hohen Tanne dicht am Fenster. – In Berlin hatte man durch die gegen den Straßenlärm dicht verschlossenen Läden nichts vernommen, höchstens war vom Hof her das eintönige Klopfen der vielen Teppiche an ihr Ohr gedrungen. – Plötzlich wurde ihre Erinnerung wach, und schon war sie mit einem Satz aus dem Bett und am Fenster. Im Hause schien noch alles still. Wie spät mochte es sein? Da ließ sich ein leiser Kuckucksruf vernehmen! Fünfmal – dann ein kleines Schnarren! Ach, es war eine Uhr – kein lebendiger Vogel!
Schnell war sie im Wohnzimmer. – Richtig, da hing eine zierlich geschnitzte Schwarzwälder Uhr. Die gute, rührende Tante – an alles hatte sie gedacht. – Das Stübchen sah so reizend aus! Und alles, wie sie es gern hatte und brauchte.
Was für ein Herz voll Liebe mußte die haben, die so für andere denken und sorgen konnte!
Ob sie wohl schon wachte? Der Zeiger stand auf fünf. Hanni wollte mal leise zusehen.
Vorsichtig schlich sie mit nackten Füßen durch das kleine Vorzimmer hinein in die Schlafstube der Tante. Richtig, die rieb eben auch die Augen!
»Tante Ida, darf ich reinkommen?«
»Gewiß, Liebling, immer!«
»Tante Ida, woher kommt die süße Kuckucksuhr? Sie hat eben gerufen!«
»Ja, woher meinst du wohl? Ich glaube, der Kuckuck ist von selbst hereingeflogen, um der kleinen Hanni Gesellschaft zu leisten!«
»O Tante Ida, ich sehe es dir genau an, von dir kommt sie! Wie kannst du eigentlich alles wissen, was ich mir immer gewünscht habe? So eine kleine, weiße Schlafstube war mein höchster Wunsch. Natürlich, so süß wie diese ist, habe ich mir sie nicht gedacht! Dann ein Schreibpult mit geheimen Fächern; dann einen Nähtisch und sogar eine Kuckucksuhr – als wenn du zaubern könntest!«
»Ja, Herzchen, ich weiß noch sehr genau, was ich selber gern hatte, als ich so alt war wie du – daher kommt es wohl! – Aber du erkältest dich ja, Kind!«
»Ich?« lachte sie und zog die Füße hoch. »Nein, Tante Ida, das kannst du nicht verlangen – und dann im Sommer! Ich laufe so gern eine Stunde herum, bevor das langweilige Anziehen angeht! Aber Mutti liebt das nicht. Und dann mußte man ja auch immer zur Schule fertig sein! Sag, wie wird es damit eigentlich? Vater ist zu komisch, er sagt immer: ›Laßt nur gut sein; besorgt, was heute nötig ist, das andere findet sich!‹ Ob ich nun gar keine Schule haben soll? Mir wär’s ja am allerliebsten!«
»Du, das glaube ich doch nicht auf die Dauer. Aber miteinander haben sich deine Eltern das sicher schon überlegt. Dein Vater hat sogar schon an Herrn Pastor geschrieben, ob der dir einige Stunden geben würde. So hoffen die Eltern vielleicht, daß du das Nötige lernen kannst, ohne daß wir eine fremde Erzieherin ins Haus nehmen, die ja sehr leicht störend sein könnte, wenn sie nicht gerade in unsern kleinen Kreis paßt.«
»O, das ist herrlich, Tante Ida! Könntest du mir nicht auch einige Stunden geben? Denke bloß, es müßte ja zu schön sein, wenn wir hier schnurrend vor Behagen zusammensäßen. Draußen schlüge der Schnee gegen die Scheiben, im Ofen prasselte das Feuer und die Bratäpfel knackten in der Röhre! Zu schön!«
»Ja, was wolltest du da hauptsächlich lernen? Feuer machen oder Schnurren oder Bratäpfel essen?«
»Nein, das alles verstehe ich schon großartig! Nein, Literatur, Lektüre – all so was!«
»Nun, wir müssen es mit den Eltern bereden! Einstweilen schlägt kein Schnee ans Fenster, sondern die Fliederbüsche. Da wollen wir nur eilen, in die Kleider zu kommen und uns draußen unter Gottes freiem Himmel umsehen.«
»Wer zuerst fertig wird, Tante Ida!«
»Jawohl!«
Husch, war sie weg. – Nach einer Weile klopfte sie leise: »Eine Klingel ist nicht bei mir, Tante Ida; wie kann ich zu Lisbeth gelangen, daß sie mir das Haar kämmt?«
»Eine Klingel? – Nein, Mäuschen, da sind wir hier nun noch ganz altmodisch. Nur die Eltern haben Klingeln; wir anderen helfen uns im großen und ganzen selber. Kannst du dir die Zöpfe denn noch nicht flechten? Dann helfe ich dir gern.«
Hanni holte kleinlaut Kamm und Bürste herbei. Mutti hatte schon manches Mal gemeint, so ein großes Mädchen könne sich selber frisieren – aber es war zu schrecklich unbequem.
»Ja, die Zöpfe sind mächtig dick, eine Arbeit ist es schon,« begütigte Tante Ida, »aber wir lernen ja noch Schwereres, nicht, du?« – –
»Nun, hast du dich mit deinen Sachen schon ein bißchen eingerichtet?« fragte sie dann, indem sie bei Hanni eintrat. Aber sie brauchte keine Antwort – alles lag wie Kraut und Rüben durcheinander; einige Stücke waren unten aus dem Koffer vorgezogen, anderes vorläufig auf Tische und Stühle gepackt!
»Lisbeth muß nachher erst kommen und aufräumen.«
»Du, ich fände es viel netter, wir machten das gleich selbst, meinst du nicht? Sieh, diese Schublade hatte ich immer für meine Wäsche, die dort oben für die Kleinigkeiten. Im Schlafzimmer ist der Schrank für die Kleider und die Borte für das Schuhzeug. – So, das sieht gleich ganz anders aus. – Und nun finde ich, in der Stadt sind sie ja so sehr fürs Turnen, und das ist sicher auch ausgezeichnet. Dafür gibt es hier aber nicht so recht die Vorrichtungen. Trotzdem können wir überreichlich genug Bewegung haben, und da macht es mir immer besondere Freude, wenn auch gleich ein Nutzen dabei ist! Sieh, wir leben ja hier soviel gemeinsam mit unseren guten Leuten, die sich selbstverständlich ihre Gedanken machen über unser Treiben und sich nur in unserer Nähe glücklich fühlen, wenn ihnen das verständlich ist. Sie müssen immer arbeiten. – Daß unsere Arbeit vielfach anderer Art ist als die ihre, begreifen sie durchaus. Aber reines Umherlaufen und Nichtstun würde ihnen abstoßend erscheinen. Meinst du nicht, daß es für unsere Glieder gut sein würde – für meine, damit sie geschmeidig bleiben und für deine, damit sie Kraft bekommen –, wenn wir unsere Sachen gleich selbst in Ordnung brächten? Hier habe ich niedliche, neue Bürsten, Besen und Tücher. Ich werde dir zeigen, wie man alles macht, und ich glaube, es bringt dir Spaß, dann ganz allein Herrscher in deinem kleinen Reiche zu sein.«
Hanni rüstete sich mit großem Eifer wie zu einem Feldzug. Ja, Ordnung liebte sie gewiß, hatte sie auch stets in ihrem Berliner Stübchen gehabt. Aber leider mußte sie sich wohl gestehen, daß sie das Aufräumen der gutmütigen Lisbeth überlassen hatte. – Es dauerte nicht lange, da war alles wieder so schön wie gestern beim Eintritt.
»Und so halten wir es immer, nicht, du?« meinte Tante Ida, als sie noch einen Blick der Befriedigung zurückwarf. »Und nun sind wir hungrig wie die Löwen, nicht wahr, und wollen die Eltern nicht warten lassen.«
Wirklich, sie saßen schon beim Tee, und nun hatte Hanni soviel zu berichten, zu fragen und zu schildern, daß zum Essen trotz allen Hungers kaum Zeit blieb. Desto stiller wurde sie, als die Mutter den Unterrichtsplan aufs Tapet brachte. Freilich meinte der Vater: »Ach, das Mädel hat ja zeitlebens nichts weiter getrieben als Wissenschaft. Gebt ihr nun doch erst mal Freiheit. Laßt sie von Ida lernen, was sie von Haus und Garten wissen muß, damit sie auch solche Goldschwester wird wie die und nicht solche langweilige, gelbe Rübe wie die studierten Staatsratstöchter.«
»Nein, Hans Günther, das wird sie sicher nicht. Aber für das alles haben wir auch nebenher unsere Zeit, nicht wahr, Mäuschen? Das ist unser Geheimnis. Im übrigen aber muß ich doch Else recht geben: einen ordentlichen Schulsack muß sie erst haben. Den haben wir auch gehabt. Weißt du noch, wie Vater darauf bestand, daß wir es mit der Schule genau nahmen, trotzdem du nicht immer darüber begeistert warst?«
»Schwester, Schwester, berühre keine alten Wunden! Aber recht habt ihr wohl. Mir ist bloß angst vor solcher gestrengen Gouvernante, die uns dann jeden Spaß verdirbt.«
Tante Ida mußte sehr lachen. »Mademoiselle vite, vite, wie du sie nanntest, steckt dir doch noch recht in den Gliedern! Aber ich glaube, wir brauchen gar keine, eben weil wir alle unsere Sache ernst genommen haben. Herr Pastor sprach neulich sehr erfreut davon, daß du an ihn geschrieben. Er wird gern Hanni an Klärchens Stunden teilnehmen lassen, und ich glaube, er ist recht auf der Höhe. Wenn sie nun jeden Morgen mit dem Pony hinüberführe und nachmittags versuchten wir hier unser Heil! Was meinst du, Else? Klavierstunden willst du ihr sicher geben? Du spielst so schön.«
»Meint ihr, daß es noch reicht? Ach ja, ich denke, es soll gehen. Und Handarbeit mußt du ihr zeigen, Ida; darin bist du Künstlerin!«
»Gewiß, zu gern!«
»Und Literatur wollten wir doch miteinander treiben, Tante Ida – bitte!«
»Sicher, Kind. Mit Begeisterung unsere Dichter zusammen studieren, das wird herrlich sein! Aber mit den Aufsätzen gebe ich mich nicht ab! Da haben die Herren Schulmänner allerhand Grundsätze, die ich gar nicht teilen kann. Das kann Herr Pastor besorgen.«
»Himmel, wird das eine Gelehrsamkeit,« seufzte der Major; »ich muß dann wohl zufrieden sein, wenn ich am Sonntag noch einen Zipfel von euch erwische?«
»O nein, Vater, zum Spazierengehen oder besser -fahren ist immer noch Zeit. Du wirst sehen, es wird herrlich! – Sag mal, Tante Ida, ist die Klara – oder wie sagtest du? – nett?«
»Ein allerliebstes Mädchen. Ihr werdet euch sicher anfreunden!«
»Ja, dann müßten wir dieser Tage einmal hinüberfahren, Pastors zu begrüßen, bevor wir sie Sonntag in der Kirche sehen. Und am Sonnabend fahren wir zu meinem alten Freunde Rantzau nach Buchdorf, und sehen, wie es dort geht. – Damit wären denn wohl die äußeren Angelegenheiten in Ordnung. Jetzt halte ich das Stillsitzen nicht länger aus. Auf Wiedersehen zu Mittag!«
Man sah ihm an, mit wie innerlichster Befriedigung er sich an die Arbeit begab, die ihm von Kind auf die allerliebste gewesen war. Und auch Frau Gerloff ließ sich von ihrer Schwägerin herumführen. Sie war in der Stadt geboren und erzogen und wußte gut, daß es viel zu lernen gab, bevor sie sich in diesen großen, musterhaft geordneten Haushalt hineinfinden würde. Mehr als einmal sagte sie mit Herzlichkeit: »Ein Glück, Ida, daß dein Altenteil nicht weit ab ist und daß du die Ruhe noch nicht absolut brauchst! Einstweilen wirst du noch sehr oft raten müssen und sagen, wie alles sein soll!«
»Das tue ich auch herzlich gern. Aber du wirst sehen, Mamsell ist eine tüchtige Person, von der du viel Hilfe haben kannst. Und die Mädchen sind auch recht ordentlich.«
»Ja, und du versprichst mir, dein Auge über allem zu behalten und mir ehrlich zu sagen, wo etwas fehlt. Dann wird es schon gehen.«
Die beiden schüttelten sich herzlich die Hände. Es ist auch nie ein Schatten auf ihre gemeinsame Arbeit gefallen.
6. Kapitel.
Hundstage.
Die geplanten Besuche und die Regelung des Unterrichts waren nach Wunsch verlaufen, und bald war das Leben in so festem Geleise, daß die wenigen Wochen bis zu den Ferien im Fluge dahingingen und bevor man’s gedacht, der Tag vor der Tür stand, der die ersehnten Gäste herbeiführen sollte.
Das gab eine Geschäftigkeit für Tante Ida und ihren Adjutanten, wie der Major Hanni nannte. Die Versorgung der Gastzimmer hatte die Tante einstweilen sich selbst und ihrem alten Stubenmädchen vorbehalten, und nun war es von größtem Interesse für Hanni, alle zur Verfügung stehenden Zimmer zu prüfen, und zu beraten, welche für die lieben Freunde die schönsten sein würden. Ihr Sinn stand nach einem Erkerzimmer mit einer Kammer daneben; aber »das muß für die beiden Oberinnen freibleiben,« sagte Tante Ida. »Es sind alte, würdige Cousinen von uns, die jeden Sommer einige Wochen zu Besuch kommen.«
»Dann nehmen wir den Sommersaal, nicht?«
»Nein, Hanni, ich glaube nicht; da ist kein Nebenraum, und es ist gar nichts für die liebe Platen, die Trabanten immer alle um sich zu haben. Ich meine, wir machen für Käte unser kleines Vorzimmer zurecht, dann hast du sie dicht bei dir.«
»O Tante Ida, wenn das ginge, das wäre das allerschönste!«
»Ja, und deine Tante könnte Nr. 6 bekommen und die drei Jungen in der Kammer daneben schlafen.«
»Gewiß, Tante Ida; aber darf ich mal eins sagen? Dürfte nicht Ernst die Kammer ganz für sich allein haben, und für die Zwillinge machten wir eine kleine Ecke im Zimmer der Mutter zurecht? Du sollst Ernst bloß kennen lernen. Den möchte ich zu gern mal ordentlich anwärmen. Der arme, kleine, magere Wicht kommt mir oft vor wie ein kümmerliches Bäumchen, dessen Wurzeln keinen rechten Platz haben. Ich möchte ihn schön in die Sonne pflanzen, um ihn graben und ihn tüchtig begießen. Du solltest sehen, wie er die Zweige recken würde!«
»Und du meinst, diese Kammer wäre ein so besonders lockerer Boden für ihn?« neckte die Tante.
»Böse Tante Ida,« wehrte die Kleine ab, indem sie sie tüchtig drückte und küßte. »Ich meine, wenn er irgend einen kleinen Besitz für sich allein hat, wenn er sieht, daß man ihm Freude machen will und niemand ihn stört, das müßte ihm so gut tun!«
»Ganz sicher, mein Mäuschen, und du kannst ihm seinen kleinen Zwinger so schön machen wie du willst. Wenn du Hilfe brauchst, so bitte nur meine Luise.«
Mit Feuereifer begab sich Hanni an die Arbeit. Der Hausboden war ein wunderbares Feld für ihre Forschungen. Hoch getürmt standen dort alte Kinderbettchen, Spinnräder, seltsame Geräte, von deren Gebrauch sie sich gar keinen Begriff machen konnte. Besonders verheißungsvoll erschien ihr eine schwere Kiste, die abseits stand – und wirklich, als mit Mühe der Deckel gehoben war, konnten die Augen gar nicht gleich alles fassen, was sich ihnen bot. Die seltsamsten, ganz alten Spielsachen kamen zum Vorschein. Sorgfältig eingewickelte, übergroße Puppen in verblichenen seidenen Kleidchen, allerliebstes Kochgeschirr, kleine Waffen und Handwerksgeräte für Jungen. Sie war überglücklich über ihren Fund und lief zur Tante, um zu fragen, ob sie von den Sachen aus der Kiste welche herunterholen dürfe.
Diese wollte selber mitkommen, um nachzusehen, wies dann aber ganz erschrocken auf ihren Adjutanten: »Kind, wie siehst du wieder aus! Ist es nun recht, sich in einer Viertelstunde von oben bis unten einzuschmutzen – bloß aus Unachtsamkeit? Kannst du denn nicht an die Überschürze denken?«
Kleinlaut holte Hanni die immer wieder vergessene, – und dann ging’s von neuem an die Arbeit. Tante Ida fand ganz gerührt allerhand Sachen aus ihrer eigenen Kinderzeit wieder, und mit Mariekens Hilfe wurde alles, was man für die kleinen Gäste brauchbar fand, gesäubert und einigermaßen hergerichtet, und bald war Ernsts Reich ein wahres kleines Jungenparadies. Für die Zwillinge und Käte wurde auch gesorgt, und Hanni konnte kaum ihre Ungeduld bändigen, bis sie ihnen alles würde zeigen können.
Endlich fuhr der Wagen vor, und mit großem Getümmel krabbelte die ganze »Kinderei«, wie Tante Ida sie nannte, aus der Kutsche hervor. Gab das ein Begrüßen und Küssen, ein Staunen und Fragen! Alles, alles war ja neu – eine ganze Welt von Wundern und Entzückungen, deren Pforten wie mit einem Zauberschlage weit aufsprangen, so daß die Augen geblendet waren von der Lichtfülle.
Erst etwas scheu, dann aufs höchste interessiert, gingen die Stadtkinder von einem Zimmer ins andere. Alles war so fremdartig, so hoch und weitläufig, wie sie es nie gesehen. Als die Zwillinge ihr Doppelbild in der Glastür erblickten, steckten sie zuerst scheu die Köpfe weg. Als aber die Spiegelbilder das gleiche taten, gab es einen endlosen Jubel. Der Bann war gebrochen, laut lachend rannten sie hin und her durch die »blanken Fenster«, dann Ernst voraus und sie jauchzend hinterher durch die andere Glastür in den Garten. Erschrocken eilte Frau von Platen herbei, um Ruhe zu gebieten. Aber der Hausherr wehrte ab. »Das lassen Sie nur hier ganz auf sich beruhen, liebe Cousine. Mögen sie sich ruhig austoben, soweit die Kräfte reichen, das ist so gesund! Und wir brauchen’s ja nicht anzuhören! Hanni ist hier auch schon beinahe zum Jungen geworden, was das Rennen und Klettern anbetrifft. Ja, auch Purzelbäumeschlagen, nicht wahr, du Hummel?«
»Aber Vati!«
»Na, laß man! Die großen Mädels werden schon auf die Jungen achtgeben – und außerdem habe ich den Gärtnerburschen angewiesen, nach ihnen zu sehen und ihnen zurechtzuhelfen. Gehorchen tun sie doch aufs Wort?«
»Sicher, dafür stehe ich ein.«
»Gut, dann seien Sie ganz ruhig, ihnen kann nichts geschehen. Und daß sie kein Unheil anrichten, dafür wird gesorgt. Nun wollen wir’s uns gemütlich machen. Sie sollen sich hier ordentlich ausruhen.« Damit bot er der reisemüden Frau den Arm, und es gab eine schöne, friedliche Feierstunde auf der vom Abendschein beleuchteten Veranda. Auch für die Kinder war ein hübsches Tischchen abseits gedeckt, aber einstweilen waren sie noch nicht imstande, stillzusitzen. Als der ganze, große Park einmal im Galopp in Besitz genommen und ein schneller Abstecher in die eben reif werdenden Johannisbeeren gemacht war, ging’s noch in den Pferdestall, um zu sehen, was die schönen Goldfüchse fraßen, die sie von der Bahn geholt hatten. Endlich traten auch bei ihnen die leiblichen Bedürfnisse in ihr Recht. Bis sie sich aber soweit beruhigt hatten, daß an Einschlafen zu denken war, dauerte es noch lange. Besonders Ernst mußte durch einen Machtspruch der Mutter befördert werden, denn als er gesehen, was für Schätze seine Stube barg, hätte er am allerliebsten noch mit jedem Stück gespielt.
Als sie den Kleinen zu Bett geholfen hatten, kamen auch Hanni und Käte dazu, sich häuslich einzurichten. »Nein, Hanni, Briefe können doch wenig sagen. So schön hatte ich’s mir doch lange, lange nicht gedacht! Ich komme mir vor wie eine Prinzessin mitten im Märchen! Wirklich! Als wir so in der schönen Kutsche saßen, Hinrich mit den blanken Tressen und die prachtvollen Pferde mit den Silberbeschlägen – alles für uns –, dann die Felder, der Wald, der See an den Fenstern vorüberflogen – –«
»Na, ich finde, fliegen tut es nun gerade nicht bei Hinrich! Ich treibe ihn immer zur Eile an, aber er hat schreckliche Angst für seine Pferde!«
»Doch vor meinen Augen flog und tanzte alles, und ich mußte mich mehrmals in den Arm kneifen, um zu fühlen, ob ich es wirklich selbst noch sei. Stelle dir doch das Lärmen und Fauchen unserer Vorortszüge vor, wenn wir mal ins Freie wollen. Dies Gedränge auf den Bahnhöfen, das Klingeln auf der Elektrischen! All diese gräßlichen Einrichtungen machen es, daß ich oft lieber ganz zu Hause bleibe, unsern Gummibaum und unsern Piepmatz ansehe, und mir dann einbilde, ich wäre im Freien! Aber Hanni, jämmerlich armselig ist das doch! Und nun frage ich dich, ob nicht Lena das größte Schaf unter Gottes Sonne ist, dich immer noch wegen des Landlebens zu bedauern?«
»Tut sie das wirklich? Ja, das ist in der Tat komisch! Sie meinte ja auch, die Zeit würde mir lang werden! Das ist unglaublich dumm. Erstens könnte sie mir überhaupt niemals lang werden, auch wenn ich allein in eine dunkle Kammer gesperrt wäre! Denk doch bloß, was man sich alles ausmalen kann! Die ganze Welt und das lange Leben liegt doch vor einem! Ich bin ja zu, zu gespannt, was man alles erleben wird. Wenn ich zum Beispiel nachmittags in der Schaukel sitze und so leise hin und her fliege, die großen Linden über mir, die schwarzen Taxus und hellen Ahorn auf dem wunderbar grünen Rasen gegenüber, dann ist mir, als führte zwischen dem Gebüsch eine geheime Pforte in die Zukunft hinein und ich könnte nun mit meinen Gedanken vordringen von einem Raum zum anderen, Menschen und Gegenden und Vorgänge vorweg sehen, und der flimmernde Sonnenschein vergoldet alles. Ist es ein trüber, beschatteter Tag, so kommen mir leicht die Bilder wehmütig und traurig vor die Seele. So gehen mir Stunden und Stunden hin, wenn niemand mich stört. Und wenn die Glocke dann ruft, schrecke ich auf und muß durch einen tiefen Schacht erst wieder herauf an die Oberwelt – oder durch einen Zauberwald einen weiten Weg in der Hast zurück – es tut ordentlich weh. Aber Mutti und Tante Ida lassen mir nicht allzuviel Zeit für meine einsamen Reisen. Es ist eben immer etwas zu tun, und das mag ich ja auch furchtbar gern!«
»Hanni, soviel Erlebnisse hattest du aber früher noch gar nicht. Mir kommt es beinahe vor, als wärest du hier erst du selbst geworden! Du gehst viel fester, deine Stimme ist viel klarer. Wovon kommt das?«
»Ja, du, das kann ich wirklich nicht sagen. Aber eins ist gewiß: es war immer etwas in dem Hin und Her, dem Vielerlei, dem lauten Geräusch, was mir den Atem und die volle Sammlung nahm. Im Zimmer kann ich höchstens im Dunkeln den Eingang zu meinem Märchen- und Zukunftsland finden. Aber so recht öffnet er sich nur im Freien. Und wo sollte das sein in der Stadt, wo man nie allein in Gottes freier Natur ist? Sind wir dort draußen, so muß jemand zum Schutz bei uns sein; ein großes Unglück, wie mir scheint! Denn in der Natur möchte alles, alles mit uns sprechen: jeder Busch, die zarten Gräser und Blümchen! O, das murmelnde Wasser hat soviel zu erzählen! Das Rauschen in den Tannen, das Flüstern in den silbernen Blättern, die schnellhuschenden Lichter und Schatten! Aber sie können nur zu einem sprechen, wenn man still und allein ist. Und das ist in der Stadt nie der Fall. Deshalb denke ich immer: die armen, armen Seelen, die nie dazu kommen, alle diese Stimmen zu vernehmen!«
Käte sah nachdenklich ins Weite. Die beiden waren hin und her durch die dämmernden Parkwege geschlendert; jetzt standen sie still vor einem mit schwankendem Farnkraut eingefaßten Teich, auf dem in leuchtendem Weiß die Seerosen sich von der schwarzen Tiefe abhoben. Aus dem Grunde klang klagend ein Unkenruf herauf; ein leiser Schauer rieselte Käte durch die Glieder.
Aber da stieg klar und silbern der Vollmond hinter den Tannenwipfeln empor und verklärte alles mit seinem Licht.
»Ja, Hanni, dies ist zu schön. Hier muß einem das Herz weiter und besser werden!«