Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].
Heimat
Erzählungen
von
Anna Schieber
Elftes bis zwanzigstes Tausend
Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
1915
Inhalt
| Seite | |
| Der Tunichtgut | [3] |
| Zum zweitenmal | [55] |
| Von der stummen Kreatur | [115] |
| Nichts Besonderes | [145] |
| Heimat | [163] |
Der Tunichtgut
Das Glöcklein an der Ladentür der Schmidbergerin bimmelte heut den ganzen Tag. Es hatte ein helles, hohes Stimmlein, und wenn es angestoßen wurde, konnte es lange nicht zur Ruhe kommen. Es war so geschwätzig, wie die Weiber, die sich in dem niedrigen Lädchen trafen und einander die Stadtneuigkeiten erzählten. Es war das Gegenteil von der Schmidbergerin selber, die nicht viel redete um einen Kreuzer, wie die Leute sagten. Sie sagte auch heute nicht viel, wo es doch wahrhaftig wichtige Dinge zu bereden gab. Der Büttel war durchs Städtlein gegangen und hatte es ausgeschellt, daß Krieg sei. Krieg, und die Männer und die Buben mußten fort, ein ganzer Trupp schon heute, die anderen morgen und übermorgen, je nach dem Alter und der Dienstzeit. Krieg gegen die halbe Welt, wenn man alles glauben durfte, was von Mund zu Mund ging. Der Hutmacher Haas kaufte ein halbes Pfund Tabak und sagte, so lang die Schmidbergerin ihn auswog (denn er nahm immer vom offenen): »Wer da wieder heimkommt, das weiß kein Mensch. Man kann froh sein, wenn man Mädle hat und keine Buben, einmal ich bin froh.« Der Hutmacher Haas hatte ein Gallenleiden und darum fast immer einen üblen Humor und seine drei Töchter hatten es nicht am besten bei ihm.
Aber als er das sagte, da nickte die Kreuzbäurin, die zwei Söhne und einen Schwiegersohn hinauslassen mußte, und neben ihr die Schreiner Hübnerin ließ einen tiefen Seufzer fahren, denn sie hatte nur einen einzigen Sohn, der in Ulm bei den Pionieren gedient hatte und der heute nacht noch fortmußte. Der alten Schullehrerin aber liefen ganz still zwei große Tränen herunter, als sie an ihre vier Enkel dachte, an denen ihr Herz hing.
Aber in die entstandene kleine und bedrückte Stille hinein fuhr die Stimme des jungen Polizeidieners Ruckhaber, der sich ein Paar Hosenträger holen wollte und grad noch die Rede vernommen hatte.
»Ihr Leut, jetzt ist keine Zeit zum Kopfhängen,« sagte er frisch, »und wer Buben hat, soll Gott danken, daß sie mitkönnen. Zum Vergnügen geht keiner, das ist gut wissen, aber doch möcht ich den sehen, der sich halten ließ’, wenn’s gegen den Feind geht und fürs Vaterland.«
»Jawohl,« fiel der Fuhrmannsknecht Schorsch Weidler ein, der ein Kistchen Wetzsteine auf der Achsel hatte und sich nach einem Platz umsah, wo er es abstellen könne. »Und im Gegenteil kann man froh sein, wenn man ein Mannsbild ist und muß nicht daheim hinsitzen, wie die Weiber, sondern kann vorne hinstehen und zu den Franzosen sagen: ›Aus dem Weg da, denn nach Deutschland hinein kommt ihr nicht, da muß alles im guten Alten bleiben.‹«
»Fest steht und treu die Wacht am Rhein,« sagte der Polizeidiener dazu, und nun konnte man sehen, wie über die ernsten und stillen Züge der Schmidbergerin ein Lächeln und ein Aufglänzen ging und wie sie vor sich hinnickte, wie eine, die jetzt das gehört hat, was sie selber gern gesagt hätte.
Die Leute gingen nach und nach, und andere kamen herein und draußen vor dem Laden sagte die Schlosserin ein bißchen giftig: »Die Schmidbergerin hat gut lachen. Ihr Mann ist tot und ihr Lausbub, ihr verkommener, ist in Amerika in guter Sicherheit, die braucht niemand ins Feuer zu schicken.«
Aber die Weiber waren selber erbaut und gerührt von der guten Rede der zwei jungen Männer und sie spürten auch selber etwas von dem Großen, das da auf schweren Flügeln herangesaust kam, und sagten nur: »Ein Kreuz ist so und das andere anders, es hat ein jedes sein Päckle,« und strebten eilfertig ihren Häusern zu, denn da war die Arbeit zu Haufen, ungerechnet das, daß man noch jeden Augenblick da sein wollte, so lange die Ausziehenden daheim waren.
Die Schmidbergerin hatte aber nicht »gut lachen«, und lachte auch nicht. Sie tat den ganzen Tag ihre Schuldigkeit im Laden und schenkte denen, die zum b’hüet Gott sagen unter ihre Tür traten, ein paar Zigarren oder auch eine gute Münze auf unterwegs je nach ihrem Stand und Vermögen, und gab ihnen mit stillen Gesicht gute, feste Händedrücke mit auf den Weg. Aber als sie am Abend die Holzläden vor das Schaufenster und vor die Tür getan und die Riegel geschlossen hatte, da ging sie in ihr Gärtlein hinter dem Haus, beugte sich zu einem rotblühenden Nelkenstock herunter und sagte mit schwerer Stimme: »O Gottlieb!« Und in dem Wort lag so viel Kummer und so viel Liebe und so viel vergebliche Sehnsucht und Sorge, als ein volles, zugeschlossenes und geduldiges Mutterherz nur fassen kann. Der Nelkenstock nahm ein paar große, warme Tropfen in seine offenen Blüten auf, obgleich der Abendhimmel klar und licht war, und vielleicht duftete er darauf noch stärker als vorher. Der Nelkenstock stammte noch von ihrem Gottlieb; er war aus einem Ableger von demjenigen gezogen, der das Mansardendach vor seiner Bubenkammer mit seinen purpurnen Blüten überschüttet hatte. Darum war er der Mutter ans Herz gewachsen. Aber Antwort konnte er doch nicht geben auf das dringliche Fragen ihres Herzens:
Bub, lieber Bub, wo bist du? und was schaffst du? und wenn du noch lebst, wie mag dir’s zu Mut sein, wenn du es hörst, daß das Land in Gefahr und Not ist? Gleich ist dir’s nicht, so wenig wie mir. Wenn ich dir’s nur sagen könnt’! Wenn ich dir nur einen Strauß von den Nelken an den Helm stecken könnte und einen in den Gewehrlauf, und hinter dir drein gucken, wie andere Mütter ihren Buben. Ich tät’ dich nicht halten, wenn ich auch dürfte, und ich könnt’ auch nicht. So einen Hitzkopf, wie dich.
Da mußte die Mutter in all ihre suchenden Gedanken hinein lächeln, wenn sie dachte, daß sie ihren Buben vom Kriege zurückhalten wollte, falls er da wäre; den und halten, wenn er etwas wollte!
Sie stand auf und ging das Gartenweglein hinunter, bis da, wo der kleine Garten an die Wand des Nachbarhauses anstieß. Dort setzte sie sich müde auf das Bänklein, das der Gottlieb noch gemacht hatte, eh’ er fortging von ihr. Das war jetzt sechs Jahre her. Damals war er sechzehn gewesen, klein und mager, ein leibarmes Bürschlein. Kein Mensch hätte vom bloßen Ansehen wissen können, wie wild und hitzig und ungefügig er war, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Höchstens an dem steil aufstehenden Haar sah es, wer es wußte, und an den Augen, die aus tiefen Höhlen heraus Funken schießen konnten. Wie er jetzt wohl aussah? Sie besann sich oft darüber. Im Traum und im Wachen sah sie ihn vor sich. Aber immer wie damals, und sie hätte doch so gerne sein jetziges Bild gehabt. Seine Schulkameraden hatten jetzt Schnurrbärte und waren ausgewachsene junge Männer.
Als die Mutter mit ihren Gedanken so weit war, sah sie ihre Tochter von weitem die Gasse heraufkommen. Sie hatte eine breite, gedrungene Gestalt, so jung sie war, und sie ging ein wenig schwerfällig, denn sie stand vor der Geburt ihres ersten Kindes. Unter einer Haustür blieb sie stehen und sprach zu jemanden, den man nicht von hier aus sehen konnte, ins Haus hinein. In dem Haus wohnte eine Freundin von ihr, deren Mann morgen fort mußte.
»Die Lene wird froh sein, daß der Jakob nicht in den Krieg muß,« dachte die Schmidbergerin. Denn der Tochtermann hatte einen stark verkürzten Fuß und war militärfrei.
»Ich weiß nicht, ich gönn’s ihr, zumal jetzt, wo das Kind um den Weg ist. Aber ich, wenn ich jung wär, ich glaub’ es wär mir ein Leid, wenn meiner nicht mitkönnte. Grad wenn ich ihn gern hätte und einen Stolz auf ihn haben möchte.«
Die Mutter fühlte sich oft nicht recht eines Blutes und einer Art mit der Tochter, die ihr doch nie Sorgen und Kummer gemacht hatte. Die Lene war wohl mehr ihres Vaters Tochter, brav, nüchtern und ein wenig phlegmatisch. Den Flaschner Bäuerle hatte sie genommen, weil er ihr ähnlich war und weil er ein gutes Geschäft hatte. Von dem Bruder sprach sie nicht gern. Sie schämte sich seiner, denn er war als ein Tunichtgut in aller Leute Mund und hatte mehr Streiche verübt als sonst irgend ein Bub im Städtlein, noch eh’ er seiner dritten Meistersfrau bloß aus Zorn über ein paar empfangene Ohrfeigen einen Stein durchs Fenster und an den Kopf geworfen hatte.
Der Vater hatte damals den Gottlieb halb tot geprügelt und am andern Morgen war der Bub fortgewesen und hatte noch Geld mitgenommen. Seither prophezeiten alle Schluderbacher, daß er ein böses Ende nehmen werde, und nur seine Mutter hielt an ihm fest und meinte, es sei doch ein guter Kern in ihm, der eines Tages herauskommen werde. Wie eben die Mütter sind, besonders wenn sie, wie die Schmidbergerin, so ein Büblein schon mit in die Ehe gebracht haben und nun ihrer Lebtag meinen, sie haben etwas an ihm gutzumachen.
Die Lene hielt aber zu ihrem Vater, der darüber verstorben war, daß der Bub, den er gehalten hatte wie seinen eigenen, seiner Meinung nach, ein Tunichtgut sei und bleibe. Auch wollte der Flaschner Bäuerle nicht viel von dem Schwager wissen und war froh, daß er fort sei.
So war die Mutter allein mit ihrem heimlichen Kummer und ihrer großen Liebe und auch allein mit ihrem warmen und raschen Herzen, das sie aus ihrer Jugend mit herübergebracht hatte und das immer noch feurig schlagen konnte, wo etwas Großes und Lebendiges geschah. Sie hätte gern einen Helden aus ihrem Haus und Blut dem Vaterland gestellt, dem sie sich plötzlich mit allen Sinnen verwachsen und verwandt fühlte, seit es angegriffen und in Not war.
»Wenn nur auch gewiß alle gehen und ihre Schuldigkeit tun,« dachte sie ein wenig sorgenvoll und ließ ihre Gedanken in allen Häusern, die sie kannte, herumgehen.
»Ach was, sie werden schon,« wies sie sich zurecht. »Wenn Not an Mann geht, weiß ein jeder, wo er hingehört.« Und wie zur Bestätigung dieses Gedankens klang von weitem ein Lied auf, von vielen Männerstimmen im Marschieren gesungen. »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.«
Da schossen dem einsamen Weib die Tränen in die Augen vor einer heiligen Freude und Liebe.
Wie die Stimmen vorüberzogen und verklangen, schlug eine einzelne Stimme an ihr Ohr. Sie kam aus dem offenen Fenster des Nachbarhauses, in dessen Nähe sie saß. Es war eine tiefe Männerstimme und sie gehörte dem Weber Boßhardt, der das Haupt der kleinen Pietistengemeinde des Städtleins und der Stundenhalter war. Die Schmidbergerin horchte auf. Boßhardt betete den Abendsegen mit seiner kleinen Hausgemeinde. Sein Sohn und der Knecht mußten heut in der Nacht noch fort, dann blieb der alte Mann, der ein Witwer war, allein mit der Hauserin.
Die Schmidbergerin tat unwillkürlich die Hände zusammen beim Zuhören. Es waren die großen, feierlichen Worte eines Psalms, die in die tiefe Dämmerung herausfielen.
»Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest. Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf den jungen Löwen und Drachen. Er begehret meiner, so will ich ihm aushelfen, er kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen.«
Als der Vorleser so weit war, fiel wieder naher Soldatengesang in die Stille hinein, und das Fenster wurde von innen leise zugemacht.
»Jetzt segnet der Jedele seinen Sohn und seinen Knecht zum Auszug,« dachte die Schmidbergerin. »Er läßt einen jeden ein Blättchen aus dem Ziehkästlein mit den Bibelsprüchen herausgreifen als Wegzehrung. Und er sagt ihnen zum Abschied, daß er daheim tun wolle, wie Aaron bei der Amalekiterschlacht, der oben auf dem Berge die Arme zum Himmel streckte, so lang unten im Tal die Schlacht tobte. Da nehmen sie einen Rückgrat mit von daheim und im Kugelregen fällt ihnen auf einmal ein, daß der alte Mann in Schluderbach für sie zu Gott ruft und daß sie siegen müssen.«
Sie seufzte. »Mein Gottlieb ist bei Nacht und Nebel aus dem Fenster gestiegen und hat den Rücken voll blutiger Striemen gehabt von seinem Stiefvater. Seinen rechten hat er nicht gekannt. Und seine Mutter hat ihn müssen laufen lassen ohne ein b’hüt Gott. Und was aus ihm geworden ist, weiß sie nicht.«
Sie zog ihren Geldbeutel aus der Tasche, und aus einem verschlossenen Fach desselben einen ganz zerlesenen Zettel. Sie konnte ihn auswendig, aber sie wollte die Schriftzüge ansehen. Sie waren alles, was sie seitdem von ihrem Buben hatte.
»Liebe Mutter, ich bin in Amerika. Das Geld kann ich noch nicht schicken, aber sobald es mir möglich ist, schicke ich es. Ich schaffe in einer Ziegelei, es ist streng, aber schlagen tut mich niemand und auch niemand sagt, daß ich ein Lump werden müsse. Liebe Mutter, ein Lump werde ich nicht, und an Dich denke ich immer. Wenn ich etwas Rechtes geworden bin, schreibe ich wieder.
Dein Sohn Gottlieb.«
Es war dunkel geworden. Die Mutter tat den Zettel, den sie nicht gelesen, nur hergesagt hatte, wieder an seinen Platz.
Das Gartentürlein knarrte. Die Tochter kam den Weg herunter; sie hatte ihren Schwatz beendigt und wollte noch nach der Mutter sehen. Seit sie das Kind unter dem Herzen trug, zog sie es eher als vordem einmal zu ihr.
»Ich hab’ Dir bloß noch guten Abend sagen wollen, Mutter,« sagte sie.
»Lang aufhalten kann ich mich nicht mehr. Der Jakob will noch an den Bahnhof gehen und ich geh’ auch mit. Um zehn Uhr fährt der Zug ab mit den Unsern, unser Geselle ist auch dabei. Den Jakob kenn ich gar nicht mehr. Er schimpft den ganzen Abend über seinen kurzen Fuß. ›Wenn ich den nicht hätte, könnt’ ich mit hinaus,‹ sagte er. ›Wie an der Kette komm’ ich mir vor.‹« Sie gingen miteinander aufs Haus zu. Im Gehen bückte sich die Tochter hie und da zu den Blumen, die in schmalen Rabatten längs des Weges blühten. Ein voller Strauß entstand unter ihren Händen.
»Den will ich dem Christoph geben, unserem Gesellen. Er ist fremd hier und hat keinen Schatz und keine Mutter. Man kann ihn doch nicht so hinauslassen.«
Die Mutter sah sie beifällig und freundlich an.
»Nimm auch von den Nelken,« sagte sie.
»Was, von deinem heiligen Nägelesbusch?« staunte die Tochter.
»Den hat sonst kein Mensch anrühren dürfen! Als der Jakob mein Bräutigam war, hab’ ich ihm einmal eine Nelke anstecken wollen, da hast du gleich gesagt: Laß den Stock in Ruh’, der ist mein allein. Der Jakob hat sich geärgert damals, wenn er auch nichts gesagt hat!«
»Das ist heut eine andere Sache. Hörst du, wie sie singen auf der Landstraße drüben? »O Deutschland, hoch in Ehren,« singen sie. Das sind die von Holderwies und vielleicht die von Ambach dabei. Die kommen vom Acker weg und vom Hof und Haus. Alles lassen sie hinter sich und singen noch, wie wenn sie zu einem Fest gingen. Das Herz möcht’ man sich aus der Brust nehmen und ihnen geben, nicht bloß ein paar Blumen.« Der Mutter Stimme zitterte vor Bewegung.
Die Tochter suchte durch die Dunkelheit ihr Gesicht.
»Dich kennt doch auch kein Mensch,« sagte sie. »Immer bist du anders, als man jetzt meint. Du lachst anders und heulst anders als andere Leut. Hast doch auch schon viel durchgemacht, und jetzt, wenn Krieg ist, und du könntest froh sein, daß du niemand fortschicken mußt, tust du, wie wenn dich alles am meisten anginge. Was ist? was hast denn?«
Es drang ein leise schluchzender Laut durch die Stille.
»Laß mich nur sein, wie ich bin,« sagte die Schmidbergerin, und schluckte ihre Bewegung hinunter.
»In dich geht alles langsamer hinein, als in mich. Du wirst’s schon auch noch spüren, wie das ist, was wir jetzt erleben, und daß wir alle aneinander hangen, alles was deutsch ist, wie einer Mutter Kinder, und daß wir der Mutter nichts geschehen lassen. Ich hab’ immer alles so stark spüren müssen, meiner Lebtag schon. Ich mach mich nicht mehr anders. Gut’ Nacht, Lene.«
»Gut’ Nacht, Mutter.«
□□□
Wie die Tage nun kamen, einer nach dem andern, schwoll ihr Inhalt und das Geschehen, das sie brachten, zu einer unerhörten, ungeheuren Fülle an. Wer hat sie miterlebt und wird sie je vergessen? Da sei Gott vor, daß aus Deutschlands Herzen jemals schwinde, was da Offenbarung wurde aus den Tiefen der Volksseele herauf: wir gehören zusammen; wir stehen, wie eine Mauer gegen die Feinde. Laßt sie zuhauf kommen, so viele ihrer sind, Deutschland geht nicht unter. Es ist ein innerstes Wissen geworden, daß wir siegen werden. Ein leidenschaftliches Sich-Hingeben von allen, ein Sich-Opfern können, ein stilles, tiefes Gott-Gedenken: Du hilfst uns.
Der alte, engbrüstige Schneider Merz, der schon lang nach dem Tod gejammert hatte, machte sein Fenster auf, wenn die singenden Militärzüge an seinem Haus vorbeifuhren, und sagte zu dem Weber Boßhardt, der ihn besuchte: »Jetzt das muß ich sagen, das tät mich jetzt reuen, wenn ich schon gestorben wäre. Daß ich das noch erleben darf, das freut mich. Jetzt bloß noch so lang, wenn’s Gottes Will’ ist, bis man sieht, wie’s geht.«
»Gehen tut’s gut,« sagte der Weber Boßhardt. »Grad weil’s so viel Feind’ sind, denen wir nichts getan haben, und die sich alle ins Unrecht setzen gegen uns, darum muß es gut gehen. Daß das Wunder und die Hilf’ um so größer ist. So ist’s im Alten Bund auch gewesen. Gib einmal das Buch her.«
Der Schneider gab »das Buch« her und der Weber las:
»Wohl her, sprechen sie, laßt uns sie ausrotten, daß sie kein Volk seien, daß des Namens Israel nicht mehr gedacht werde. Denn sie haben sich miteinander vereinigt und einen Bund wider uns gemacht.
Die Hütten der Edomiter und Ismaeliter, der Moabiter und Hagariter, der Gebaliter, Ammoniter und Amalekiter, die Philister samt denen zu Tyrus.«
Da ging die Tür auf und die Schmidbergerin kam herein mit einer Suppe für den Schneider, der ihr nächster Nachbar war.
»Wißt ihr’s schon?« fragte sie, »die Japaner tun jetzt auch mit und der Landsturm muß fort.«
»Assur hat sich auch zu ihnen geschlagen und helfen den Kindern Lots,« murmelte der Weber.
»Es ist, wie ich sag’! Für das deutsche Volk ist’s eine Heimsuchung, keine leichte. Aber wenn’s wettert, so machen die Kinder, daß sie unter Dach kommen und heim, und so ist’s bei uns auch. Sie kommen alle, man sieht’s jetzt schon. Nicht bloß zum Militär, auch zu unserm Herrgott. Aber für die Feinde ist’s das Verderben.«
Als er das sagte, da glänzte sein trockenes, verknittertes Webergesicht über alle tausend Fältchen hin, wie von einem inwendigen, starken Licht und der Schneider sah ehrfürchtig zu ihm auf.
Die Schmidbergerin ging gleich wieder, denn sie mußte ihren Laden versorgen, und hinter sich drein hörte sie noch den Weber sagen: »Gott, mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde.«
Aber sie hatte ein anderes Wort ins Herz gefaßt, das was der Weber von den verlaufenen Kindern gesagt hatte, die heimkommen, wenn’s wettert. Das kam zu einer heimlichen Hoffnung, die schon all die Tage daher in ihrem Herzen das Wort haben wollte, und die Hoffnung wurde stärker und froher daran, so still sie auch vor andern Leuten sein mußte.
Es kamen die Nachrichten von draußen herein, von Schlachten und Siegen und von vielen Verlusten. Die Verluste sah man nicht, man hatte nur ein blutiges und feuriges Bild von so einem Schlachtfeld vor den Sinnen, bis einmal ein Sanitäter auf einen Tag heimkam, der junge Provisor Mergentaler, der einen Lazarettzug begleitet hatte und der im Ochsen den aufhorchenden Männern erzählte, wie es da eigentlich herging. Die Wirtstochter, die ihn gern hatte, sah, daß sein Gesicht sich stark verändert hatte, es sah immer so gerade vor sich hin, wie in eine Ferne, und in der Ferne war Grausiges. Vom Ochsen kam es im Städtlein herum, was er erzählt hatte: ganze Bäche von Blut sah man rinnen, und am Abend, wenn man das Schlachtfeld absuchte, lagen viel stille Leute da unter den jammernden Verwundeten drin. Einer hatte ein Bild von seiner Frau in der Hand. Und neben einem andern lag ein Büchlein, das war rot gefärbt mit seinem Blut, und manche hatten sich in den Grasbüscheln festgekrallt. Aber das Ärgste war, daß der Sanitäter gesagt hatte: »Ihr Leut, es sind da Sachen, die kann kein Mensch wiedersagen, wer die sieht, der verlernt das Lachen für immer.«
Jetzt hätten die Weiber gern die Sachen gewußt, die man nicht sagen kann, denn wer konnte wissen, ob sie nicht gerade einen von den ihrigen angingen. Davon redeten sie hin und her und machten sich schwere Gedanken. Es war aber nicht nur eine, die, wenn sie die Schmidbergerin ansah, dachte, die habe es gut, und habe ihren Buben weit vom Schuß, und sie brauche ihre Lippen nicht so fest zusammenzupressen, sondern könne froh sein, obgleich es wahrhaftig nicht schad wäre um ihr Früchtchen.
Aber am selben Tag, als die Nachricht kam, daß von den vier Enkeln der alten Schulmeisterin zwei gefallen seien, bekam die Schmidbergerin auch einen Brief, und als sie ihn gelesen hatte, ging sie merkwürdig aufrecht und hellsichtig herum, und das Pfarrersbüblein, das Essig holte, hörte sie hinten im Laden am Essigfaß vor sich hinsummen:
»Frankreich, o Frankreich, wie wird es dir ergehen,
wenn du die deutschen Soldaten wirst ersehen.«
Da wunderte sich das Büblein, weil die Schmidbergerin sonst nie so etwas tat, und weil sie aussah, als ob sie etwas von Herzen freue.
Am Abend aber, als sie den Laden geschlossen hatte, ging die Schmidbergerin auf das Bänklein unter dem Fenster des Webers Boßhardt und wartete, bis er heraussah. Da reichte sie ihm fast verschämt den Brief, den sie hinter ihrem Schürzenlatz stecken hatte, und sagte: »Wenn Ihr ihn lesen wollet, Boßhardt; der Mensch braucht einen Menschen, nicht bloß im Leid, auch wenn er eine Freud’ erlebt.«
Der Weber sah sie mit seinen kleinen, hellblauen Augen freundlich an. Denn sein Herz ging über die kleine Gemeinde der Stundenleute hinaus und spürte, wo etwas Lebendiges um ihn her gleich ihm aus unsichtbaren Quellen trank oder sich nach ihnen hinsehnte.
»Kommt aber doch ins Haus, Nachbarin,« sagte er. »Die Lampe brennt schon und ich brauch’ meine Brille zum Lesen.«
Gleich darauf saß die Schmidbergerin auf der langen Bank, die drinnen in der Stube an der Wand hinter dem Tisch entlang lief, neben der Haushälterin, und der Weber saß oben am Tisch bei der Lampe, hatte die Brille auf und las mit der gleichen tiefen Stimme, wie er ein Kapitel aus der Bibel las:
»Lissabon, den …
Liebe Mutter!
Da wirst Du staunen müssen, daß ich hier bin im Königreich Portugal, das in Europa liegt. Ich bin aber bloß auf der Durchreise hier, denn Du kannst Dir denken, daß ich heimpressiere und zwar nicht nach Schluderbach, sondern sogleich zum Militär, wo man jetzt hingehört. Denn, liebe Mutter, wenn man im Ausland hört, daß alle zusammenstehen und wollen einem sein Vaterland verhauen, dann schießt einem das Blut in allen Adern herum und sucht einen Ausweg, so heiß wird es einem, und man merkt auf einmal, daß man ein Deutscher ist, an was man vorher oft nicht gedacht hat. Und man muß sich keinen Augenblick besinnen, daß man heim muß und mittun.
Liebe Mutter, als ich erfahren habe, daß Krieg ist, da bin ich mit meinem Herrn, der ein Ingenieur ist, hoch im Gebirge in Argentinien gewesen, wo mein Herr eine große Wasserleitung hat bauen sollen. Er ist auch ein Deutscher; ich bin außer ihm der einzige Deutsche an dem Werk gewesen. Als die Botschaft kam, da sind wir beide die Nacht durch gelaufen, manchmal in Sprüngen den Berg hinunter und weiter, immer weiter, und haben fast nichts geredet. Nur einmal hat mein Herr gesagt: »Jetzt kann ich’s wieder wett machen.« Aber was er wett machen wollte, daß weiß ich nicht, bloß das von mir selber.
Liebe Mutter, es hat mich schon oft umgetrieben, das muß ich jetzt sagen, daß Du hast um mich leiden müssen. Das reut mich, weil ich spüre, daß Du und ich zusammengehören und sonst zu niemand. Wenn man in der Fremde ist und hart durch muß, fallen einem viele Sachen ein. Ich hätte Dir auch oft gern geschrieben. In der Nacht hab’ ich’s mir oft ausgedacht, was ich Dir schreiben will. Aber bei Tag hab’ ich gedacht: wartest noch eine Weile, bis du sagen kannst: das und das bin ich geworden. Liebe Mutter, ich hätt’ es schon lang weiter gebracht, aber es ist mir immer wieder zur Unzeit der Zorn aufgefahren und habe ein paarmal meine Stellen verloren und einmal bin ich auch gesessen, weil ich einen halbtot geprügelt habe. Lügen will ich nicht, darum sage ich es Dir. Er ist aber ein Schuft gewesen, er hat es verdient.
Jetzt aber, liebe Mutter, wie wir nach ein paar Tagen an den Hafen gekommen sind, mein Herr und ich, da haben wir erfahren, daß die Deutschen nirgends durch können, weil die Engländer alle Schiffe absuchen und die Deutschen gefangen nehmen. Es sei alles umsonst. Da ist mein Herr ganz still hingesessen und hat vor sich hingebrütet und übers Meer hinausgesehen. Aber ich habe gesagt: »Es muß zu machen sein, daß wir hinüber kommen, da soll uns kein Teufel und kein Engländer hindern.«
Liebe Mutter, es ist das einzigemal, daß ich gestohlen habe, nämlich zwei Pässe von Portugiesen, die mit mir in der Kammer geschlafen haben. Es reut mich aber nicht, denn die können wieder Pässe kriegen. Als ich damit zu meinem Herrn kam und ihm sagte, daß ich mir ausgedacht habe, wie wir reisen wollen, sah er mich traurig an und sagte: »Nein, nein, so kann ich nicht heimfahren, es würde nicht gut ausfallen bei mir. Ich kann nicht Komödie spielen; es liegt nicht in mir. In Gibraltar gefangen sitzen möchte ich aber nicht.«
Dabei sah er aber aus, wie das Heimweh selber, und wenn ich an ihn denke, so sehe ich ihn immer so sitzen, den Kopf in der Hand, da brennt es mich im Herzen für ihn.
Aber ich bin anders. Wenn ich etwas muß, so muß ich. Den einen Paß warf ich ins Feuer, denn zurück konnte ich nicht mehr. Mit dem andern habe ich mich als Kohlenschaufler auf einem Schiff anwerben lassen, das nach Europa gefahren ist. Portugiesisch kann ich zur Not und auch ein bißchen Englisch. Die Haut und das Haar habe ich mir dunkel gemacht und habe einen alten Seemannsanzug gekauft und dann ging es los. Als das Schiff heimzu schwamm, da hätte ich jauchzen mögen; denn das weiß kein Mensch, wie ich Heimweh gehabt habe in der Zeit vorher. Aber ich habe mich nicht mucksen dürfen und kein deutsches Wörtlein verlieren, sonst wäre ich verloren gewesen, denn überall waren Aufpasser von den Engländern.
Liebe Mutter, da habe ich mich aber zusammennehmen müssen, bei Tag und Nacht. Es ist mir oft angst gewesen, ich könnte im Traum deutsch reden. Oder wenn die Leute auf dem Schiff über Deutschland geschimpft haben, dann habe ich meine Fäuste im Sack ballen müssen, daß ich nicht losgefahren bin. Denn je näher heimzu, desto besser habe ich gespürt, daß ich eine Heimat habe und ein Vaterland.
Liebe Mutter, es ist das allerärgste, wenn man nirgends hingehört. Es ist schwer gegangen mit dem Verstellen, aber dennoch habe ich es fertig gebracht. In den Häfen, wo englische Offiziere aufs Schiff gekommen sind, da ist es am schwersten gewesen. Denn sie haben Verdacht auf mich gehabt und haben mich deutsch angeredet, ob ich mich vielleicht verrate. Aber ich habe getan, als ob ich sie nicht verstehe und habe den Kopf geschüttelt, da haben sie mich gelassen.
Es ist ein Heizer auf dem Schiff gewesen, der hat mir nicht getraut und hat mich immer den Engländern angezeigt. Ich habe ihn aber hier in Lissabon, als wir glücklich an Land waren, in eine stille Seitenstraße geführt und habe ihm vor Gott eine solche Ohrfeige hingehauen auf deutsch und ohne Worte, daß er an ein Haus hingetaumelt ist. Liebe Mutter, das reut mich auch nicht. Denn wenn ein Mensch heim will und seinem Vaterland beistehen, so soll man ihn lassen; das geht niemand etwas an.
Einen solchen langen Brief habe ich in meinem Leben noch nicht geschrieben und schreibe auch keinen solchen mehr. Morgen fahre ich mit der Eisenbahn heimzu. Sobald ich an der deutschen Grenze bin, stelle ich mich beim Militär. Eingelernt will ich bald sein, denn ich kann schießen und reiten wie ein Alter, und Strapazen bin ich auch gewöhnt.
Wenn ich im Feld bin, schreibe ich Dir eine Karte. Wenn der Krieg aus ist und ich lebe noch, dann komme ich zu Dir.
Dein Sohn Gottlieb.«
Der Weber hatte zu Ende gelesen. Er gab der Mutter den Brief zurück und sah sie freundlich an.
»Der Herr wolle ihn segnen und heimbringen,« sagte er.
Die Schmidbergerin war seine Sprache nicht recht gewohnt, denn sie ging nicht in die Stunde, aber es war ihr doch, als gebe ihr der Weber etwas Heiliges mit für ihren Gottlieb. Doch wußte sie nicht gewiß, ob mit dem Heimbringen das Wiederkommen nach dem Krieg gemeint sei und sie sagte fast schüchtern: »Man darf es schier nicht verlangen, daß man grad den seinigen gesund behält, wo so viele fallen; wenn er aber nur seine Schuldigkeit tut, das ist jetzt die Hauptsache. Ich bin ja froh genug, daß er überhaupt noch lebt, und daß er heimkommt und weiß, wo er hinstehen muß, jetzt.«
Sie sah so froh aus, als sie ging, daß die Haushälterin, die ihr leuchtete, nicht das Herz hatte, ihr zu sagen, daß in dem ganzen Brief nichts von einer Bekehrung des Buben oder auch nur von einer bürgerlichen Tüchtigkeit stehe, und daß die Schmidbergerin scheint’s noch lange nicht wisse, was die Hauptsache sei. Die Haushälterin hatte ein etwas säuerliches Gemüt, aber seit sie dem milden Weber den Haushalt führte, schluckte sie hie und da eine Schärfe hinunter, die ihr sonst leicht über die Lippen trat.
So sagte sie nur: »Er hat’s schlau angestellt, dein Gottlieb, daß er die Engländer getäuscht hat, es hätt’ ihm können schlecht gehen unterwegs. Leut’ wird man brauchen können da draußen im Krieg. Auf dem Berg, sagt der Sailer, habe man heut wieder den ganzen Tag schießen hören vom Elsaß her.«
»Ich denk’s, daß man Leut’ brauchen kann,« sagte die Schmidbergerin so stolz und heiter, daß es der Haushälterin schier leid tat, ihren Stich nicht angebracht zu haben. Stolz brauchte sie nicht zu sein, die. Man wußte schon noch etwas von ihr, aus der leichtsinnigen Jugend her.
Aber da schritt sie schon die Gasse hinunter, dem Haus ihrer Tochter zu, die im Kindbett lag und einen Buben an der Brust hatte.
Und die Haushälterin schützte ihr Lämplein vor dem Nachtwind und ging ins Haus zurück, denkend, daß Reden Silber gewesen wäre, und daß es nicht allemal Gold sein müsse.
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In Schluderbach ging gegen den Spätherbst hin die Rede, die Schmidbergerin tue seit neuerer Zeit, als ob der Krieg ihr gehöre. Geradewegs gesprächig war sie geworden. Zwar wo man im voraus jammerte um böse Dinge, die kommen könnten, und schlechte Aussichten eröffnete, da tat sie nicht mit. »Unsere Männer werden’s schon schaffen,« sagte sie, »es ist mir gar nicht angst. Die stehen hin wie eine Mauer.«
»Unsere Männer,« sagte sie und niemand konnte ihr wehren, sozusagen. Denn sie hatte ja auch einen draußen im Feld, und man mochte sonst über ihn sagen, was man wollte, er hielt sich scheint’s nicht schlecht. Ja, die Meistersfrau, die dazumal den Stein an den Kopf bekommen und dem Gottlieb seither Galgen und Rad zugeschworen hatte, verzog ihr Gesicht zu einem halb ärgerlichen Lachen und sagte: »Da kann er seinen Jäst vertoben.« Denn er hatte bereits das Eiserne Kreuz bekommen, weil er ganz allein seinen Hauptmann aus lauter Farbigen herausgehauen und wie wütend mit dem Gewehrkolben um sich geschlagen hatte.
Der Hauptmann hatte an die Schmidbergerin geschrieben: »Ihr tapferer Sohn,« hat in dem Brief gestanden. »Ihr tapferer Sohn hat mir das Leben und meinen Kindern ihren Vater gerettet.«
Nicht, daß die Schmidbergerin damit groß getan hätte. Sie sagte zu keinem Menschen etwas darüber. Es stand aber in der Zeitung, dafür konnte sie nichts.
Aber sie ging umher, wie eine Junge, mit heiter-hellem Gesicht, besuchte die Soldaten in dem kleinen Lazarett, das in der Turnhalle eingerichtet war, und tat mit ihnen, wie eine Mutter: weil doch meiner auch draußen ist. Sie hielt zwei Zeitungen und las sie andächtig und mit Überlegung und wenn man vom Stand der Dinge sprach, so konnte sie Auskunft geben und hatte eine Meinung darüber, so gut wie der Stadtschultheiß, obgleich sie nicht mit ihm zusammen kam. In ihrem Lädlein ging es oft hitzig zu, denn die Ansichten gingen manchmal auseinander, besonders wenn die Blätter die feindlichen Tagesberichte brachten, die den deutschen zuwiderliefen, oder wenn sie gar Erzählungen von deutschen Greueln im Ausland abdruckten, die irgendwo in Paris oder London erfunden worden waren.
»Ist nur gut, daß es nicht wahr ist,« sagte dann die Schmidbergerin so ruhig als möglich, obgleich es in ihr kochte, daß man »Unseren« so etwas nachsagte. Dann war gewöhnlich einer da, der achselzuckend sagte: »Ha alles wird auch nicht erlogen sein. Unsere sind auch keine Engel. Überhaupt kommt man nicht mehr draus, wer lügt. Meine Frau hat einen Vetter, zu dem hat ein Unteroffizier gesagt, bei uns kommen auch Sachen vor –«
Aber da kam ihm die Schmidbergerin in die Rede.
»Das ist mir ganz eins, was eurer Frau ihr Vetter gesagt hat.« –
»Nein, ein Unteroffizier hat’s zu meiner Frau ihrem Vetter gesagt.«
»Was der Unteroffizier zu eurer Frau ihrem Vetter gesagt hat; wir tun so Sachen nicht, das brächten wir gar nicht übers Herz. Wenn einer einmal im Zorn zuschlägt, wo’s nicht sein müßte, das ist noch lang kein Greuel. Aber mit Fleiß und Bosheit tun wir’s nicht. Und Lügenmeldungen bringen wir auch nicht, das braucht’s nicht bei uns.«
Immer »wir« sagte sie, und darum redeten die Schluderbacher davon, daß die Schmidbergerin tue, als ob der Krieg ihr gehöre.
Aber sie rechnete sich nur ehrlich mit Leib und Leben dazu. Sie stand hinter ihrem Ladentisch mitten drin in den Schützengräben, in die das Wasser hineinlief, daß die Stiefel nicht mehr trocken wurden, und patrouillierte freiwillig auf gefährlichen Pfaden gegen die feindliche Stellung hin, und hörte das höllische Geknatter der Maschinengewehre und der großen Geschütze, bei dem man sein eigenes Wort nicht verstand, und stand nachts einsam auf vorgeschobenem Posten Wache, und litt tausend Schmerzen mit den Verwundeten, und suchte verborgene Gräben und Hecken ab, ob nicht einer drinnen liege, der sich verblute, wenn man ihn nicht bald finde. Das alles tat und erlitt sie durch die tausend Fäden, die von ihrem Herzen hinausgingen zu den Söhnen ihres Volkes, von denen einer ihr eigener war, wie das die Mütter so tun und erleiden, denen in ihren wachen, hinaushorchenden Herzensgedanken allmählich alle, die draußen sind, so zu eigen werden, als wären sie alle ihres Blutes Kinder, unter sich verbunden, und ihnen innig nah verwandt.
Es war an einem Abend am Ende des Oktobers, da kam grad als die Schmidbergerin schließen wollte, noch ein kleines Dirnlein in den Laden und holte, was ihm die Mutter auf einen Zettel geschrieben hatte und gab das Geld dazu aus seinem zusammengepreßten Fäustlein her.
Die Schmidbergerin machte ihm die Tür auf zum Hinausgehen, denn es hatte Düten in beiden Armen, da flog ein lauer, starker Windstoß die Gasse herauf, der das Kind schier umgeblasen hätte. Es taumelte gegen die Schmidbergerin hin und diese sagte: »Ei, was für ein Wind auf einmal. Geh’ nur ganz nah an den Häusern hin, Dorle, sonst kommst du nicht heim.«
»Der Wind kommt von Belgien her,« sagte das Kind wichtig, und lachte, als ob es etwas Schönes wisse.
»Von Belgien? woher weißt du denn das?« fragte die Schmidbergerin erstaunt.
»Von meiner Mutter. Sie hat gesagt: Immer wenn der Wind über den Kälberkopf herbläst, dann kommt er von Belgien. Da ist mein Vater. Vorhin hat sie gesagt: Laß dich nur durchblasen, das tut dir nichts, den Vater bläst er auch durch.«
Das Kind sprang unverzagt in den Wind hinaus und die Schmidbergerin fühlte eine seltsame Lust, sich auch von dem Wind aus Belgien her durchblasen zu lassen. Sie tat ein Tuch um und schloß den Laden. Ihr Lämplein stellte sie brennend in den Hausflur, dann ging sie dem Wind entgegen die Gasse entlang.
Am Haus ihrer Tochter stand sie still. Aus der Schlafstube kam das klägliche Weinen des Kleinen; die Lene war scheint’s bei ihm und trug ihn herum, man hörte sie hin und her gehen. Im Wohnzimmer saß der Tochtermann am Tisch und las die Zeitung. Man konnte von der Straße her die Stube übersehen. Einen Augenblick dachte sie daran, einzutreten. Aber sie ging weiter. Es war den ganzen Tag schon etwas in ihr, dem mußte sie jetzt ins Gesicht sehen, ganz allein für sich. Gleich hinter dem Städtlein ging eine stille Staffel in die Höhe, die stieg sie hinan. Als die Staffel aufhörte, breitete sich ein freier Platz aus, der war mit Gebüsch und Ruhebänken angelegt. In der Mitte stand eine junge Linde, die bog der Wind hin und her und sie ließ es sich schlank und ruhig gefallen, daß er mit ihrem Stamm und mit ihren weichen, fast nackten Ästen ein derbes Spiel trieb und ihr die letzten gelben Blätter entführte.
Die Schmidbergerin setzte sich auf die Bank unter der Linde und tat ein paar tiefe Atemzüge. Aber aus dem Haus, das den freien Platz auf einer Seite begrenzte und das allein von allen im Städtlein so hoch gestiegen war, fielen Töne einer Ziehharmonika, die sie wieder vertrieben, denn sie mußte jetzt gerade etwas anderes hören. So stieg sie noch höher hinan, den schmalen Fußweg bis zu der Eiche, die oben an der Anhöhe mit weit ausladenden Ästen stand und über das Tal hinblickte. Hinter ihr ging ein Weglein an den Wald hinüber, der schwarz dastand, eine dunkle, lebendige Mauer. Der Vordergrund war ein breiter, großer Acker. Er war umgebrochen und die Schollen rochen herb und stark. Am Himmel flogen die Wolken hin, große, zerrissene, eilige Heerhaufen. Der Wind aus Belgien trieb sie vor sich her. Wie ein geschlagenes Heer. Oder war es anders? Mußten sie sich sammeln zu einem großen, gemeinsamen Angriff? Zwischen den flüchtigen Gebilden sahen die Sterne heraus, ruhig, groß und klar. »Die sehen über alles hin und lassen sich’s nicht anfechten,« dachte die Schmidbergerin. Sie zog ihr Tuch fester an sich, daß es der Wind nicht fortnehme. Also das war es, was sie umtrieb und was sie nicht zwischen Schmierseife und Heringen ausdenken konnte: seit sich ihr Gottlieb so wacker hielt im Feld draußen und auch anerkannt wurde von seinen Mitkämpfern und Vorgesetzten, wuchs immer stärker der Wunsch und das Verlangen in der Mutter, daß er möchte am Leben bleiben und ein rechter, tüchtiger Mann werden in der Heimat. Jetzt war dann doch ein dicker Strich zwischen seinem früheren und seinem neuen Dasein. Die Mitbürger würden ihn achten lernen, und er würde es auch verdienen, gewiß, wenn er jetzt im Krieg so den Ernst und den Tod kennen gelernt hatte. Die Lene sprach schon jetzt in einem anderen Ton von ihm und ihr Mann auch. »Mein Bruder hat das und das geschrieben, das ist einer, der.« »Mein Schwager ist Unteroffizier geworden, er meint, mit Belgien werde es vollends schnell gehen.«
Ihr, der Mutter, schrieb er fleißig Postkarten, wie andere Söhne ihren Müttern auch. Sie hatte sich noch nie so an ihm freuen dürfen, wie jetzt. Darum wallte eine Leidenschaft in ihr auf: sie wollte ihn behalten. Und neben der Leidenschaft eine zunehmende Angst: es trifft ihn. Du wirst sehen, es trifft ihn.
Das war vorher nicht gewesen. Da war alles lauter Freude und Stolz, daß er mittat, und daß sie nicht nebendraußen stehen mußte, wenn alle dem Vaterland ihre Söhne gaben.
Mit den Wolken flog schnell, in gleitenden Bildern und ohne Aufenthalt, ihr Leben an ihr vorbei. Ihre Mädchenjugend und der Dienst in der Stadt, und die hitzige Verliebtheit in den »besseren Bürgerssohn« und ihr Glaube an ihn. Und seine Heirat mit einer Kaufmannstochter, und das Büblein, das keinen Vater hatte, und das Abfindungsgeld, das sie dem Treubrecher gern an den Kopf geworfen hätte, und der junge Schmidberger, der das Geld und das tüchtige Mädchen gut in seinem Geschäft brauchen konnte und der nach langem Sträuben auch das Büblein dazu nahm und ihm sogar seinen Namen gab. Das hitzige Blut, das der Bub geerbt hatte, nur im höheren Grad, und der Vater, der »es ihm austreiben wollte«. Die tausend Streitigkeiten um ihn, die brave Lene, die schon mit fünf Jahren ein Tugendböldlein war und den Bruder beim Vater verpetzte; sie selber, die Mutter, die sich nicht recht zu helfen wußte, weil man ihr tausendmal sagte, sie solle Gott danken, daß der Bub eine feste Hand über sich habe, er könne es brauchen, wahrhaftig.
Gott danken dafür, das tat sie nicht, denn sie meinte oft, die feste Hand mache ihr den Buben noch ganz zunichte. Aber sie wurde still und verschlossen, und bat nur ihren Gottlieb von Zeit zu Zeit: »Gelt, werd mir recht. Werd’ mir brav, Gottlieb. Der Vater meint’s gut, er meint’s gewiß gut.«
Einmal, als sie das sagte, streckte der Bub die Zunge heraus, breit und lang, da erschrak sie im tiefsten Herzen, denn es war wie eine lange Antwortrede auf alles, was sie gesagt hatte. Da tat sie ihrem Herzen Gewalt an und gab ihrem Buben eine Maulschelle von großer Kraft und er lief fort und kam vor Abend nicht wieder.
Tausend Bilder, mehr als tausend, vorüber mit Gedanken-, Wind- und Wolkenschnelle.
Also ja, sie hatte viel um ihn gelitten, um ihren Buben, und am meisten dadurch, daß sie wußte: Er hat selber nichts Gutes. Gar nichts.
Wer weiß, vielleicht käm’s jetzt? Vielleicht dürfte sie, die Mutter, ihm noch Liebe antun, und er ihr, und es würde noch schön, und er brächte eine brave, gute Frau ins Haus, die mit ihr, der Mutter, auch gut wäre.
Und darum, weil noch so viel zu richten und zu schlichten wäre in des Gottlieb Schmidbergers Leben, und alles im besten Zuge damit, darum soll das Vaterland so gut sein und soll ihn wieder hergeben. Nicht jetzt, behüte, erst nach dem Krieg. Die Mutter hat so eine große Angst in sich, die läßt sie nicht im Haus, und läßt sie nicht schlafen bei Nacht. Sie hat ihren eigenen Krieg in sich, von dem die Schluderbacher nichts wissen, und überhaupt niemand als, ja, vielleicht unser Herrgott. Mit dem probiert sie als einmal drüber zu reden. Sie paktiert sogar mit ihm: »Verwundet, wenn er das würde, da wollte ich nichts sagen. Durch Kreuz zur Krone, sagt man allemal; es muß ihm nichts geschenkt sein. Grad einen Arm oder Fuß wird’s ja nicht kosten. Obgleich, ich will gar nichts verlangen, im Notfall hat er ja eine Mutter. Nur grad, daß er heimkommt, weil ich auch gar nicht weiß, wie er aussieht, seit er ein Mann ist.«
Aber unser Herrgott, oder was da in ihrem Herzen sich regt, geht auf gar nichts ein.
»Ich versprech dir nichts, gar nichts. Die Sachen, die ich verspreche, sehen ganz anders aus. Was weißt denn du, was ich mit dem Gottlieb Schmidberger im Sinn habe?«
Das ist oft so eine Antwort, die sie in sich spürt.
Darauf getraut sie sich’s und sagt, sie sei halt doch die Mutter und habe so viel Schmerzen um ihn gehabt und sie müsse es zugeben, sie habe auch manches versehen an ihm, das müsse sie wieder gut machen. Zum Beispiel, daß sie ohne alle Liebe den Schmidberger genommen habe, bloß um eine Frau zu werden, da sie doch gesehen habe, daß er das Büblein als Last empfinde.
Und daß sie nicht besser für den Gottlieb eingetreten sei, wenn der Mann ihn geschlagen habe. Auch habe er das heiße Blut von ihr geerbt, dafür könne er nichts. Solche Sachen hält sie in ihrem Herzen dem Herrgott vor und horcht begierig, was er sagt.
Aber er sagt gar nichts. Er schweigt.
Heut abend, da oben, ist ihr’s, er fahre auf dem Wolkenwagen dahin und sei der Feldmarschall und übersehe das Ganze.
Es wird ihr, als müsse sie knieen und schier ohne daß sie es weiß, tut sie es auch.
Die Wolken bilden jetzt ein großes Heerlager auf der einen Seite des Horizonts. Da scheinen sie stillzustehen und auf etwas zu warten. Dann kommt eine große, lichte Stelle, von der die Sterne niederfunkeln und die sich zusehends vergrößert. Ein langes, schmales Wolkenschiff aber löst sich aus der Gruppe, die hinten über den Wald hängt, segelt langsam durch das dunkle Blau und über die Sterne hin, und gesellt sich zu dem stummen Heer.
In der lebendigen Mauer des Waldrandes regt es sich gewaltig. »Singen!« befiehlt der Wind, da stimmen die Wipfel einen mächtig brausenden Chorgesang an, der pflanzt sich weiter, tausendstimmig.
Die Schmidbergerin spürt, wie ihr eine Welle mächtig vom Herzen nach den Augen emporsteigt und auf der Welle zittert etwas: ein sich Hingebenwollen, ein Stillseinwollen, ein Drang, das bißchen Ich mitsamt den großen Schmerzen und der großen Liebe da mitströmen zu lassen.
»Ich bin ein dumm’s Weib,« denkt sie in ihrer Kleinheit. »Für mich könnt’ ich’s ja nicht verlangen, aber auf den Gottlieb wird unser Herrgott schon ein Aug’ haben, von ihm selber aus, wenn’s auch schon« – da wallt es doch bedenklich im Innern – »wenn’s auch schon so viele sind, auf die er achten muß.«
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Das Singen wurde mächtiger und schwoll ungeheuer an.
Kam der Gesang wohl auch aus Belgien her mit dem Wind?
Gestern war im Tagesbericht ein Satz gestanden, der kam der Schmidbergerin nun wieder in den Sinn. Er sprach von Flandern: Heute drangen unsere jungen Regimenter, »Die Wacht am Rhein« singend, unaufhaltsam in die Stellungen des Feindes ein und nahmen dieselben.
Da, als sie die vielen, vielen Gesellen singend in den Kampf und in den Tod gehen sah und den Gesang aus dem Wald heraus zu hören meinte, und ihr Herz sich wieder weitete, daß es nicht mehr an den Gottlieb allein dachte, da brach auf einmal das Grundwasser aus der Tiefe herauf mit Macht; warme Tränen flossen ihr stromweis übers Gesicht, ohne daß ihnen gewehrt wurde, und während sie flossen, fand die Schmidbergerin wieder ihr altes Wörtlein »wir« und »unser« und sagte in ihrem Herzen ganz von selber:
»Es sind doch Prachtskerle, unsere. Mit Singen gehen sie ins Feuer. Da müssen wir freilich siegen.«
Das Grundwasser aber trug auch das hinweg, bis nichts mehr war, als ein großes Wohlmachen und ein Leichtwerden, ein Getröstet- und ein Beruhigtsein, da versiegte es nach und nach und zuletzt hing nur noch die eine oder andere Träne an den Wimpern und erglänzte matt im Sternenlicht.
Die Schmidbergerin ließ mit sich geschehen, was geschah und tat nichts dazu und nichts davon.
In die letzten Tränen hinein lachte sie ein bißchen und sagte gutmütig zu sich selber: »Jetzt das sollte die Lene gesehen haben.«
Darauf fing sie sachte an, niederzusteigen und war froh, daß niemand kam und fragte, was sie da oben so spät noch geschafft habe, da sie es ja doch niemand hätte sagen können.
Es war jetzt alles still und von einer linden Gelassenheit in ihrem Innern, sie meinte, ihrer Lebtag noch nie so wohlmachend geweint zu haben, und ihr Gottlieb samt seinen Kameraden hätte spüren müssen, wie sie ihnen ein »gut Nacht« hinüber sandte in das fremde Land, wenn nicht eben der Wind in umgekehrter Richtung gegangen wäre.
Als sie in ihrer Kammer lag, hob es sachte an, zu regnen. Da horchte sie, wie es leise plätscherte, und sagte: »Es hat’s gebraucht. Es hat schon den ganzen Tag regnen wollen und nicht können.«
Am andern Tag kam ein Brief vom Gottlieb, den die Mutter niemand lesen ließ, so dringlich auch die Lene danach fragte.
»Nimm mir’s nicht übel,« sagte sie, und ihr Gesicht hatte einen seltsamen Glanz, »er ist bloß für mich. Weißt, wenn dein Büble einmal groß ist, und wer weiß, vielleicht auch fort, oder, kann sein, im Krieg, dann gibt’s einmal eine Stund’, da redet er mit seiner Mutter ganz allein. Mutterseelenallein. Und das ist vielleicht das Schönste, was du überhaupt erlebst an ihm.«
Die Lene schüttelte den Kopf. Vielleicht ging eine Ahnung künftiger Schmerzen und Schönheiten durch ihr Herz. Es ging nur, wie die Mutter sagte, alles langsamer in sie hinein.
»Schreibt er denn gut?« fragte sie. »Bloß, daß ich’s sagen kann, wenn mich die Leut’ fragen.«
»Er schreibt gut,« sagte die Mutter. »Paß auf, was wir noch an ihm erleben. Er ist nicht umsonst im Krieg gewesen.«
Sonst kam nichts mehr. Da trat der Besitzer vom Wochenblatt in den Laden. Er kaufte Zigarren und zündete gleich eine an.
»Was ich noch sagen wollte, Frau Schmidberger, haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Sohn?«
»Dank’ der Nachfrage, ja das hab’ ich.«
»Da ist man froh in solchen Zeiten.«
»Jawohl, das ist man schon.«
»Wäre es unbescheiden – es interessiert einem doch auch, was die tapferen Söhne der Stadt angeht – er hat gewiß viel erlebt in letzter Zeit?«
»Ja,« sagte die Mutter, »er schreibt, was man jetzt erlebt, das wäre genug für ein ganzes langes Leben.«
Da sah der Zeitungsmann, daß nichts mehr folge und empfahl sich höflich und ein bißchen ärgerlich. Denn er brachte gern gutgeschriebene Feldpostbriefe in seinem Blatt und wer wußte, ob ihn jetzt nicht die Konkurrenz bekomme?
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Drei Tage nachher bekam die Schmidbergerin wieder zwei Briefe, die konnte jedermann lesen, der Lust dazu hatte.
Der eine kam von des Gottliebs Regiment und meldete, daß der Unteroffizier Schmidberger am 28. des Monats bei einem Sturmangriff gefallen sei, und es tue seinen Vorgesetzten und Kameraden leid, denn er sei ein tapferer und beliebter Soldat gewesen.
Der andere war von schreibungewohnter Hand, die mühsam die Buchstaben nebeneinander hingestellt hatte und hieß:
»Indem wir es einander versprochen haben, daß der eine dem andern den Dienst tut, und wenn er fällt für ihn heimschreibt, so schreibe ich Ihnen, daß mein Kamerad Schmidberger heute Abend um sieben Uhr einen Schuß in die Brust bekommen hat, und in einer Viertelstunde tot gewesen ist. Ich habe nicht bei ihm bleiben können, denn wir haben müssen die Stellung vollends nehmen, aber wie wir sie gehabt haben, bin ich zu ihm hingegangen, da war er schon verschieden ohne Kampf, denn er lag ganz freundlich da. Und haben wir ihn mit zwölf andern sogleich begraben und das sind lauter gute Kameraden gewesen und liegen gut beieinander im Feindesland.
Und umsonst sind sie nicht gefallen, denn die Stellung haben wir, und haben sie nötig gebraucht. Nun schreibe ich Ihnen bloß noch das, daß mein Kamerad Schmidberger für das Vaterland gestorben ist, einen schönen Tod.
Mit freundlichen Gruß Ihr
Paul Seidenschwanz, Musketier.«
Die Tochter Lene empfing die Leute, die kamen in die Ladenstube, hatte ein schwarzes Kleid an, und schluchzte hie und da ein bißchen.
»Erst vorige Woche hab’ ich ihm noch ein Feldpostpaket geschickt,« sagte sie, als einmal ein Häuflein beisammen war. »Das wird er wohl nicht mehr bekommen haben.«
»Jetzt hätt’ er’s erst noch zu etwas bringen können,« sagten die Schluderbacher, und das war das Höchste, was sie sagen konnten.
Der Weber Boßhardt war auch grad gekommen, um der Mutter die Hand zu geben, als sie das sagten. Die Schmidbergerin war aber nicht in der Stube, sie war ins Gärtlein gegangen, um einen Augenblick für sich zu sein, obgleich das Gärtlein kahl und abgeblüht dalag. Da ging er ihr nach, denn er wollte nicht vor vielen mit ihr reden.
Und er besann sich im Hinausgehen auf ein gutes Wort, das er ihr sagen wollte. Er hatte einen Zettel aus seinem Kästlein gezogen, suchenderweise. Darauf stand: wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen.
Aber der Weber kam sich nicht stark vor und wußte nicht, ob die Schmidbergerin schwach sei. So legte er den Zettel wieder beiseite. Je länger sein Sohn draußen im Feuer stand, je sparsamer wurde der Vater mit allen großen und hohen Worten.
Als er das Gartentürlein aufklinkte, sah er, wie sie den Nelkenbusch mit der Hand streichelte und hörte sie mit schwerer Stimme sagen: »O Gottlieb! O mein Büble!«
Da wußte er, daß sie nun klagen mußte um ihr Kind, wie reiche und stolze und glückliche Mütter klagen müssen, wenn sie beraubt werden. Und er wußte, daß das ihr Reichtum werde, später dann, daß sie solchermaßen um ihren Sohn klagen konnte.
Sie sah ihn aber zögernd herkommen, richtete sich auf und sagte, wie wenn sie ihn erwartet hätte:
»Weber, ich muß Euch etwas zeigen von meinem Buben, das hat er mir zuletzt geschrieben. Ich hab’s wollen für mich behalten. Aber er braucht’s nicht mehr, daß man’s ihm hütet.«
Sie zog ein Blatt aus ihrer Schürze, zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, und der Weber las:
»Das eine muß ich Dir auch noch sagen, liebe Mutter, daß ich mir heut nacht auf der Wache, als ich habe eine Sternschnuppe fallen sehen, schnell gewünscht habe: einen ehrlichen Soldatentod. Denn ich passe nicht in den Frieden hinein, es wird mir oft alles zu eng und dann muß ich in etwas dreinschlagen. Jetzt weiß ich nicht, wie es wird. Denn aufs Wünschen kann man nicht gehen.
Wie aber der Morgen gekommen ist, hätt’ ich doch auch gern noch gelebt, denn ich bin doch auch noch jung. So ist es hin und her gegangen. Wie der Feldgeistliche am Sonntag gesagt hat: es hat ein jeder noch extra seinen Krieg in sich selber. Da hab’ ich’s mit dem Herrgott ausgemacht: meine Mutter soll noch eine Freud’ an mir haben. Sonst soll mir’s gleich sein.«
»Und jetzt?« fragte der Weber, als er gelesen hatte.
»Und jetzt muß ich halt eine Freud’ an ihm haben. Kann ich denn anders?« sagte die Schmidbergerin und lächelte in ihre Schmerzen hinein.
Da war der Weber froh, daß er seinen Zettel daheim gelassen hatte.
Er ging still wieder in die Stube zurück, um seine Kappe zu holen.
Dort waren sie immer noch an den Zukunftsaussichten, die der Gottlieb vielleicht gehabt hätte.
Zum zweitenmal
Als die Schuhmacher Bernerin vom unteren Eck in Hirzenbach in grauer Morgenfrühe das Haus verließ, tat der Hund an seiner Kette wie unsinnig. Er stieg kerzengerad in die Höhe, an der Schuhmacherin hinauf und zerrte an der Kette, am liebsten hätte er die ganze Hundehütte mitgenommen. Denn mit wollte er, koste es, was es wolle. Aber die Schuhmacherin war auch eine von denen, die nichts verstehen, und wenn man es ihnen noch so laut in die Ohren brüllt. Auf diese Meinung, die er schon öfters gehabt hatte, kam der Nero heut wieder, denn sie gab ihm kurzerhand einen gehörigen Patscher auf die Vorderpfoten, so daß er sich verdutzt draufstellte, und sagte: »Viech dumms, unvernünftigs. Und wer soll dann vielleicht das Haus hüten und die Kinder, wenn ich dich mitnehm’, he? Also da leg’ ich den Schlüssel unter den Schuhkratzer, im Fall die Pfarrmagd kommt und ihre Milch holen will. Und außer der Pfarrmagd läßt du mir niemand ins Haus.«
Der Nero konnte winseln, eine ganze Tonleiter herauf und hinunter, die Schuhmacherin fragte nicht so viel darnach, als unter den Nagel geht. Sie nahm ihren Korb mit dem Morgenessen für den Mähder an den Arm und schritt hurtig zu, denn es war weit an die Hölzleswiese und wenn einer von zwei Uhr an gemäht hat, will er um fünf Uhr sein Essen, das ist leicht wissen.
Auch war der Mähder keine bezahlte Kraft, sondern eine freiwillige, der Dötlesvetter, der Pate der drei Bernerskinder, der für den im Feld stehenden Hausvater eingesprungen war. Den durfte man schon gar nicht warten lassen.
Als die Schuhmacherin die Häuser hinter sich hatte und am oberen Eck den steilen Stich zum Dornbühl hinanstieg, hinter dem es dann auf die Hölzleswiesen geht, war es ihr aber doch, als höre sie den Nero immer noch heulen.
»Was der nur hat heut?« dachte sie. »Es wird doch nichts unrecht’s um den Weg sein? Man hat schon so Sachen gehört, wenn’s irgendwo hat brennen wollen, oder wenn eingebrochen worden ist, oder eh’ der Blitz an einem Ort eingeschlagen hat, daß ein Hund so wüst getan hat. Die Leut’ sagen, so einem Tierle lieg’ es in den Gliedern.«
Aber es war etwas ganz anderes, was dem Nero in den Gliedern lag, als brennen oder einbrechen oder gar ein Blitzschlag. Es war um und um sicher, und wer etwas vom Wetter verstand, der dachte auch heut an kein Gewitter. Der Tau lag dick auf allen Gräsern und Halmen und es wehte ein frisches Morgenlüftchen vom Berg herunter. Auch sangen die Vögel von Herzensgrund in den Kirschbäumen links und rechts am Weg und es war keiner darunter, der schütt, schütt schrie.
Wenn die Schuhmacherin hätte eine halbe Stunde Wegs voraussehen können, dann wäre ihr alles klar gewesen.
So aber ließ sie ihren Gedanken den schweren Lauf, den sie jetzt einmal hatten.
Dreiviertel Jahr ausgerechnet war’s jetzt, daß der Mann im Krieg war. Wenn man ihr damals gesagt hätte, als er ging, daß es so lang dauern werde, bis er wieder komme, dann hätte sie glaub’ ich gesagt: dann lieber gleich hinlegen und sterben. Denn sie war eine verzagte Natur von Haus aus; denn Frohmut im Haus hatte immer der Mann besorgt und ohne ihn wußte sie gar nicht wie man’s macht, daß man auf der Welt den Kopf aufrecht trägt.
Zudem hatte sie damals im siebenten Monat den Schorschle unter dem Herzen, der jetzt daheim im Kinderwagen lag.
Aber der Mann hatte sie über alles hinaus getröstet.
»Zur Tauf’ bin ich wieder da. Kann sein, schon vorher. Ich hab’ mir sagen lassen, der Kaiser hab’ gesagt, das gehe schneller, als man denke. Auch haben die schon gut vorgeschafft draußen in den sechs Wochen, seit der Krieg ist. Man liest’s ja alle Tage im Blatt.«
Vom Draußenbleiben, vom Fallen, da hatte er gar nichts gesagt.
Immer: »Wenn ich wiederkomm’, dann.«
Und jetzt war es schon so lange her.
Der Schorschle war geboren worden und getauft. Christtag war gewesen und Neujahr. Die Sau hatte man gemetzget und ihm immer wieder Würste und Speck ins Feld geschickt. Die zwei Großen hatten die roten Flecken gehabt und waren wieder gesund geworden. An Georgi war der Daniel mit seinen sechs Jahren in die Schule gekommen. Der Schorschle lernte das Lachen und fing an zu zahnen.
Ostern war gewesen, und man gärtelte, und die Baumblüte ging ins Land. Und jetzt war der Heuet und die Kirschen wurden rot. Aber vom Heimkommen war gar keine Rede mehr; nicht in der Zeitung und nicht im Wirtshaus, soviel die Schuhmacherin wußte, war die Rede davon, daß bald Friede werde und die Männer heimkommen. Es war, als ob es sich um den Frieden gar nicht mehr handle, als ob der weiß kein Mensch wohin verbannt wäre und man sich auf der Welt ohne ihn einrichten müsse.
Fragte die Schuhmacherin hie und da zaghaft jemand, etwa den Kaufmann Schnorr im Laden, oder den Metzger Schwegler: »Was meinet Ihr auch – kann sein der Sommer geht noch herum, eh’ die Feierabend machen da draußen?« so bekam sie zur Antwort: »O je, wenn’s bloß der Sommer wär, da möcht’ man noch nichts sagen. Das kann noch lange gehen, bis das ein End’ nimmt. Jetzt sind noch die Italiener gekommen. Weiß kein Mensch, wer noch kommt. Das geht nicht so im Handumdrehen, Schuhmacherin.«
Da fragte sie lieber gar nicht mehr. Endlos, endlos sah das alles aus. Die Werkstatt war still und leer. Und das andere Bett in der Kammer und der Stuhl oben am Tisch war leer. Sie sah im Geist eine lange Zeit vor sich, in der das nicht anders wurde, und darüber hinaus war ihr die Welt mit Brettern vernagelt, weiter konnte sie nicht hinaussehen.
Jetzt waren auch schon sechs oder sieben Hirzenbacher gefallen und ihrer noch mehrere verwundet worden und es packte die Schuhmacherin manchmal an, wie wenn eine Faust nach ihrem Herzen langte: das könnte dem Johann auch noch passieren. Dann tat sie geschwind Buß und Reu über aller Ungeduld und gab sich zufrieden mit dem Beharren: bloß wiederkommen soll er, dann soll mir alles recht sein und wenn’s Martini wird.
Neben dem allem her aber war sie unvermerkt recht resolut und meisterhaft geworden. Wenn man den Kindern Vater und Mutter zugleich sein muß und zu allem, was Haus und Herd betrifft, allein hinstehen, da lernt auch ein weichmütiges und zaghaftes Frauelein manches. Zum Beispiel wurde sie dem Daniel, der ihr früher nie recht hatte folgen wollen, so daß der Vater manchmal hatte bedeutsam nach dem Knieriemen gucken müssen, ganz gut Meister, und auch sonst stellte sie ihren Mann, wenn man so von einer Frau sagen darf. Es war alles im Stand, die Haushaltung und die Kuh, der Gemüsplatz und der Kartoffelacker; bloß die Schuhe waren alle durch. Die aber blieben aus einem gewissen Trotz heraus ungeriestert und ungesohlt. Es geschah dem deutschen Reich grad recht, wenn die Bernerskinder keinen guten Schuh mehr hatten; warum behielt es den Schuhmacher so lang draußen? oder auch war eine geheime Hoffnung dahinter: wer weiß, eh’ es einherbstet, so daß man die Kinder um keinen Preis mehr Barfuß laufen lassen kann, kommt er wieder.
Jetzt nachdem man das alles weiß, kann man sich so ungefähr die Gedanken zusammen addieren, die die Schuhmacherin unterwegs hatte, nur muß man dabei auch bedenken, daß der Schorschle die halbe Nacht durchgeschrieen und sie ihn herumgetragen hatte, bis er endlich gegen Morgen wieder das Trömle zum Schlafen fand.
Wie gesagt, der Nero wußte mehr als sie; denn hätte sie gewußt, was er, so wäre sie leichteren Herzens den Berg hinauf gekommen. Aber endlich war sie doch oben. Da war die Sonne schon auf und guckte ihr in den Korb, ob sie auch genug Essen für zwei Mähder bei sich habe. Der Morgenwind spielte mit den Birken, nach denen, da sie ein leichtes Gehölz bildeten, die Wiesen, die hinter ihnen lagen, die Hölzleswiesen hießen.
Die Schuhmacherin mußte durch das Gehölz hindurch. Es wogte und säuselte darin, es wäre ein Garten gewesen, in dem ein Hochzeitspaar nach Herzen hätte spazieren und zärtlich sein können, es hätte gar nichts Schönes gefehlt dazu. Unter dem hellgrünen Dach mit den schlanken weißen Säulen breiteten hohe Farren ihre Wedel aus, und allerlei blühendes stand daneben und dazwischen: Goldrute, Johanneskraut, Weidenröschen und hochstengelige, weiße Doldenblütler, von denen die Schuhmacherin natürlich keine Namen wußte und sich auch nicht darum absorgte, obgleich sie Freude und Wohlgefallen an allem Blühenden hatte von Haus aus. Ein Kuckuck mußte ganz in der Nähe sein, denn zum Greifen nah tönte sein: kuckuk, kuckuk. Sie nahm sich zusammen, daß sie nicht fragte: wie lang dauert’s noch, bis der Krieg aus ist? Denn sie fürchtete, er möchte gar zu lang fortschreien und dann hätte sie die Bescherung, obgleich sie gleich nachher dachte, als er richtig gar nicht aufhörte: es sei ja gar nicht ausgemacht, ob Tage, Wochen oder Monate gemeint seien.
Mittlerweile nahm aber das Holz ein Ende. Die freien Wiesen, nur an den Rändern mit einem und dem andern Kirsch- oder Birnbaum besetzt, lagen vor ihr auf der weiten Hochfläche. Hinten am Horizont sah man die Albberge in bläulichem Duft.
Aber die Schuhmacherin sah nicht nach den Albbergen hin. Sie rieb sich die Augen, als ob ihr etwas hineingeflogen wäre, so daß sie das Doppelsehen hätte, und sagte geschwind die Wochentage her, zur Sicherheit, daß sie nicht im Traum wandle. Denn da vor ihr auf der übernächsten Wiese waren unzweifelhaft zwei Mähder. Der eine war der Dötlesvetter, da war nichts übersinnliches dabei. Er fuhr gerade ein paarmal mit dem Wetzstein über seine Sense und dann mit dem Sacktuch übers Gesicht. Das war mit einem Augenwink festgestellt.
Aber wer, du lieber himmlischer Vater, mähte zehn Schritt hinter ihm mit lang ausholendem Schwung, daß die Sense wie ein Blitz durch die Schwaden fuhr? Wer hatte so rötlich-gelbes Haar auf dem Kopf, aufrecht und bolzgerade wie eine Wurzelbürste, und so eine Statur, kurz und postiert?
Die Schuhmacherin traute sich keinen Schritt vorwärts. Denn so etwas, wie es ihr mit Jubel und Tirelieren durch die Seele flog, gab es ja nicht in Wahrheit auf Gottes Erdboden. Auch hatte der Mann dort einen Vollbart, aber ihr Johann war nur mit einem kleinen Schnurrbart ausgezogen.
Doch aber hing ein feldgrauer Rock in den untersten Ästen des Kirschbaums und dabei etwas, das eine Mütze und ein Seitengewehr sein konnte. Ein Urlauber also. Aber so etwas zu erzählen, dauert viel zu lang, denn mit zwei, drei Schlägen hatte das Herz es schon heraus. Es tat einen Ruck und Zuck, sagte: er ist’s, und ließ sich sonst auf gar nichts ein.
Der Mähder aber hatte scheint’s ein ähnliches Herz, den Kameraden zu dem der Schuhmacherin. Er fuhr mit einem Schwung herum, als sein Herz sagte: paß auf, sie kommt, und dann pflanzte er den Sensenstiel in den Erdboden hinein wie eine Fahnenstange und war mit ein paar Sätzen bei ihr.
Der Dötlesvetter stand von ferne und lachte, denn es gefiel ihm wohl, zu sehen, wie die zwei Leute mit hellen und frohen Gesichtern das Wunder erlebten, auf einmal wieder heil und gesund nebeneinander zu stehen, da sie seither so lange in zwei Welten gelebt hatten, weit voneinander geschieden und ohne Sicherheit des Wiedersehens.
Dann, als er ein paar Augenblicke von weitem verharrt hatte, trieb es ihn doch, daß er herankam und der Schuhmacherin erzählte, es habe ihn fast der Schlag getroffen, als er um zwei Uhr aus dem Holz herausgekommen sei und im Zwielicht einen Mähder an der vollen Arbeit gefunden habe. Der Mond sei noch hinter ihm am Himmel gestanden und er habe einen langen Schlagschatten auf die Wiese geworfen, und ihm, dem Dötlesvetter, sei es einen Augenblick gewesen, das sei der Johann, aber im Geist, und melde sich, daß er gefallen sei. Man habe solche Beispiele schon des mehreren gehabt.
Aber es habe ihn angetrieben, den Mähder auf alle Fälle beim Namen zu rufen. Da sei es leibhaftig und im Fleisch der Johann gewesen, der in Urlaub vom Gossenstadter Bahnhof her über den Berg gekommen sei, und, da die Sense im Baum gesteckt sei von gestern her, nicht habe vorbei können, ohne ein paar Züge zu tun. Dann freilich habe er nicht mehr aufhören können, wie das so sei, wenn man einmal im Zug sei mit einer gut gedengelten Sense. Darauf habe er, der Dötlesvetter, sich im Reuthof noch eine Sense geholt und sie haben selbzweit gemäht, bis sie, die Schuhmacherin, gekommen sei. Aber gelt, so eine Überraschung in aller Herrgottsfrühe treffe man nicht alle Tage!
Es war einesteils gut, daß der Dötlesvetter so redselig war. Das half den beiden Leuten übers allererste hinüber, da sie wie auf den Mund geschlagen waren und keines anfangen konnte, etwas rechtes zu sagen, oder dann meinte, seiner Lebtag nicht mehr aufhören zu können mit Erzählen, wenn einmal angefangen sei.
Wie, dem Hörensagen nach, einem Ertrinkenden in ein paar Sekunden zusammengedrängt sein ganzes Leben, Bild auf Bild, erscheint und abschnurrt wie von einer Spindel, so kam dem Urlauber und seinem Weib geschwind alles auf einen Haufen, was sie erlebt und erlitten hatten in der Zwischenzeit und es nahm sie wunder, wie sie durch den Berg gekommen waren, der nicht von Pfannkuchen gewesen war wie im Schlaraffenland, sondern von zähem Lehm und sprödem, hartem Stein mit Erz und Blei darin.
Die Schuhmacherin, als die ersten Ausrufe, wie: »Ja grüß dich auch Gott!« und: »Gelt, da guckst!« und: »An dich hätt’ ich jetzt zuletzt gedacht!« gefallen und verklungen waren, ergriff zuerst das Wort bei einem Zipfel und das Hemd ihres Mannes bei einem klaffenden Riß, der unterm Arm einsetzte und in der Mitte des Rückens verlief, und sagte halb lachend und halb in Angst: »Bei euch muß es schön hergegangen sein dem Anschein nach.«
Denn sie dachte nicht anders, als der Riß sei im Kampf und Handgemenge entstanden, etwa wie es bei einer Kirchweihrauferei gehen kann, nur natürlich im blutigeren Ernst, aber doch ausdenklich und begreiflich.
Aber ihr Johann berichtete, das Hemd sei ihm beim Mähen verkracht, als er geschwitzt habe und es habe ihn schon vorher ein wenig gespannt im Armloch, und mit diesem spielte sich die Unterhaltung sogleich auf das Sichtbare und Gegenwärtige hinüber.
Die Herzklappen, die gemeint hatten, es müsse hier und auf der Stelle alles ausgeräumt sein, schlossen sich wieder über ihrem Inhalt bis auf eine gelegene Zeit. Die Schuhmacherin tat das Morgenessen aus dem Korb: Musmehlsuppe, Grundbirnen, Speck und ein kleines Fläschlein mit Kirschenwasser, und es fand sich, daß es gut für zwei reichte. Das Warme hatte sie sorglich in wollene Tücher eingeschlagen, es dampfte den Hungrigen angenehm entgegen.
Die Wahrheit zu gestehen, hatte sie gedacht, selber mit dem Dötlesvetter da oben zu frühstücken, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten. Jetzt aber tat sie sehr verwundert, daß sie zwei Löffel im Korb habe, es gehe manchmal merkwürdig zu. Einmal vergesse man das wichtigste und ein andermal habe man es doppelt und beides sei, weil man so vielerlei im Kopf habe, an was man denken müsse. Aber anrühren wollte sie nichts, keinen Bissen. Die Freude sei ihr in den Magen gefallen, sie sei so satt, wie wenn sie grad erst gegessen hätte. Zusehen aber wolle sie, sie müsse doch auch sehen, ob der Mann noch wisse, wo man den Löffel hineinschiebe und wie man ihn halte, sie habe sich schon sagen lassen, da draußen verlernen sie alles.
Als sie einmal das Trömle gefunden hatte zum Reden, fiel ihr immer wieder etwas ein, das sie rasch und lebhaft vorbrachte.
Der Nero habe doch etwas gewußt, er habe mehr als Menschenverstand und werde sie schön auslachen, wenn sie heimkomme. Sie sei bloß begierig, was die Kinder machen. Zwar vom Daniel wisse sie’s schon. Bei dem sei das erste, daß er des Vaters Kappe aufsetze und nach dem Seitengewehr lange, der sei im Schlaf und im Wachen Soldat. Aber das Lenele tue vielleicht zuerst fremd wegen des Bartes und der Schorschle wisse noch gar nicht, was das sei, ein Vater. Der kenne bis jetzt bloß eine Mutter und auch die hauptsächlich des Schoppens wegen, und die Welt sei ihm noch eine neue Gegend, er staune immer so mit den Augen um sich her.
Das letztere tat aber der Vater selber auch. Er sagte fast gar nichts, das Weib mochte vorbringen, was es wollte. Es probierte noch dies und das, ob es besser verfange. Aber er gab zu allem nur ein kurzes Wörtlein oder auch gar keins, machte ein freundliches Gesicht dazu, das wie ein Dank aussah, weil sie es so wohl und gut meinte, und ließ dann seine Augen wieder hinausgehen. Es war die Heimat, die er wieder sah. Lieblich und schön trat sie an sein Herz, das im wilden Graus und Schreck des Krieges, in der lähmenden, aufzehrenden Mühsal des Schützengrabens gewesen war.
Hoch und heiter stand der Himmel über ihr; in dem leichten Morgenlüftchen wogte das Gras der weiten Wiesenfläche wie ein Meer, eine Grasmücke sang unweit von hier auf einem schwanken Halm, helle und dunkle Baumwipfel grüßten vom ferneren Waldrand herüber, Kirchturmspitzen, Hausdächer, leichter, heller Rauch aus den Schornsteinen zeigten, wo Menschen friedlich wohnen und hantieren, die Albberge leuchteten still, und nirgends war ein wilder und frecher Laut, ein Krachen, Donnern oder Stöhnen. Eine Kirchenuhr schlug, und ihre Schwestern in der Runde kamen ruhig und gelassen hinter ihr drein. Der Urlauber strich sich mit der Hand übers Gesicht und der Atem kam und ging ihm hörbar.
»Er ist müd,« sagte der Dötlesvetter. »Ein Wunder ist’s nicht. Nacht und Tag hindurch fahren, dann von Gossenstadt herüber laufen und gleich mähen. Bleib’ noch ein bißle sitzen, Johann, ich mach’ derweil weiter.«
Aber: »Was werd’ ich denn müd’ sein,« sagte der und stand auf, reckte die Arme und nahm die Sense wieder.
»Es ist bloß, wenn man so sieht, wie alles daheim ist, und man ist so lang fortgewesen und hat Sach’ gesehen, o je, Sach’, daß es einem graust, dann muß man sich zuerst ein Stückle wundern, daß man da ist.«
Die Schuhmacherin packte ihr Geschirr zusammen.
»Ich muß heim,« sagte sie, »der Schorschle wird aufgewacht sein und schreien und der Daniel muß in die Schule. Ich komm wieder, so schnell als möglich komm’ ich wieder, mit dem Fuhrwerk und dem Mittagessen und den Kindern.«
Ob der Mann mit heimgehe, fragte sie gar nicht. Was wird denn der Hausvater davonlaufen mitten im Heuet, und was soll er denn daheim tun?
Sie kehrte sich aber noch ein paarmal um, ehe sie im Hölzle verschwand und strich mit den Augen am Mann hinauf und hinunter. Denn diese wollten sich nicht gern von seinem Anblick trennen, erst recht nicht, da sie sahen, auch er schicke die seinen hintendrein so lang als möglich. Er hatte ein anderes Gesicht mitgebracht, als er fortgenommen hatte und das machte der Bart nicht allein. Man sah es, wenn er still war, und darum hatte die Schuhmacherin immer wieder etwas zum Reden aufs Tapet gebracht, weil ihr das Gesicht weh tat. Weil etwas Fremdes drin war.
»Der Dötlesvetter hätt’ nicht gleich dabei sein sollen,« sagte sie plötzlich, und dann überfiel sie auf einmal nachträglich noch das Heimweh, das sie um ihn getragen hatte, so stark, daß es ihr ein paar Herzstöße gab und ein warmer Regen niederging aus den Augen ohne vorherige Anmeldung. Aber es war doch nur ein Sonnenregelein.
Denn: »Was heulst denn jetzt, dumms Weib,« sagte sie sich; »hättst lang Zeit dazu gehabt, jetzt ist er da und du brauchst nicht alles auf einen Sitz zu wissen, was ihn angeht. Es kommt schon nach und nach heraus. Jetzt bringst ihm seine Kinder und machst ihm das Herz warm. Er wird’s nötig haben, denk’ ich.«
Und damit war auch schon die Steige erreicht, die fußelte sie hinunter, wie ein ganz Junges, und wer sie sah, der brauchte nicht zu fragen: »Was ist dir auch Gutes passiert, Schuhmacherin?« denn immer von neuem tat sie es ungefragt kund:
»Mein Johann ist im Urlaub da. Droben heuet er auf der Hölzleswiese.«
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Jetzt wenn man ein Herz hätte für die Schuhmacherin und wäre zufällig gerade in Hirzenbach, so möchte man ihr wohl ein bißchen zur Hand gehen. Denn sie muß ruhig dasitzen und den Schorschle stillen, der aufgewacht ist und bloßgestrampft, und der schreit, als ob er die ganze Welt zum Zeugen aufrufen möchte, daß er Hunger hat und daß die Mutter nicht da ist. Für ihn ist alles recht und in Ordnung, so bald er an der Quelle liegt, umfangen von Mutterarmen. Er nimmt sich auch recht herzlich Zeit zum Sattwerden, setzt hie und da ab und guckt ausruhend um sich her. Zum Beispiel der Bändel an der Mutter Leibchen, der ist ihm neu, nach dem langt er und spielt damit. Es wäre am schönsten, wenn man’s grad immer so ließe, wie es jetzt ist. Dem Schorschle gefällt es so am allerbesten.
Aber die Mutter ist heute nicht so bei der Sache wie sonst manchmal. Sie sagt von Zeit zu Zeit: »Mach’, Büble, meinst ich hab’ nur so Zeit zum hinsitzen?« Alle Arbeit rings umher steht auf und ruft: Schuhmacherin komm! Sie sollte drei Paar Hände und Füße haben, daß sie die Großen fertig macht und mit Essen versorgt, die Stuben sauber macht, so daß der Mann, wenn er heimkommt nach so langer Zeit, sieht, sie hat die Sache im Stand. Und so ist’s mit Werkstatt, Stall und Küche. Alles soll grüß Gott zu ihm sagen, wenn er kommt. Da oben sind Spinneweben über dem Fenster, die sieht sie, so lange der Schorschle ganz pomadig schmatzt, und möchte aufstehen und den Besen holen.
»Mach’ ein bißle, Schatzenkind.«
Zum Mittagessen muß sie auch etwas rechtes herschaffen. Denn was mag er draußen gegessen haben? Sie muß ihn jetzt herpflegen, es muß ihm wohl sein. Und daneben muß sie sich regen, daß sie zeitig wieder hinauskommt, nicht bloß weil das Heu gespreitet sein muß, auch sonst, überhaupt. Wenn doch der Mann da ist.
Der Daniel, das Lenele und der Nero stehen um sie herum und staunen, als sie die Botschaft vom Vater hören. Das heißt, der Nero staunt nicht. Er ist bloß zu höflich, als daß er sagt: Ich hab’ dir’s doch schon lang gesagt. Er wedelt ganz anständig mit dem Schwanz, wie ein Diplomat, der in einem Salon von einer Sache hört, die er längst weiß, aber nicht wissen darf sozusagen, und der sich verbeugt: »Ach, was Sie nicht sagen. Das ist mir ja sehr interessant.«
Gern aber sähe man dem Daniel und dem Lenele ins Herz, was wohl in der Zeit seines Fortseins aus dem Vater geworden ist bei ihnen. Sie haben ihn noch nie in der Uniform gesehen. Er ist abgereist mit einem steifen Hut, im braunen Anzug und mit einer blaugrün gestreiften Krawatte, einen Reisesack in der Hand. In dem Reisesack hat er sonst Schuhe ausgetragen auf die Höfe in der Umgegend. Nun aber ist er, dem Hörensagen nach, ein Soldat und wird wohl ein Gewehr haben und einen Säbel, und mit beiden wird er wohl Franzosen oder Engländer oder Russen, oder auch alle Arten, die schwere Menge umgebracht haben. Das ist hochinteressant, aber auch ein bißchen grausig, bloß ein bißchen. Eigentlich ist es prachtvoll; man muß machen, daß man ihn sieht, denn wie er aussieht, das weiß man nicht mehr recht, es ist schon so lang her, daß er fort ist.
Als der Schorschle endlich einmal fertig ist und im Wagen liegt und die zwei Großen zum Waschen und Kämmen drankommen, wundert sich die Mutter, wieso sie denn immer die Köpfe zusammenstrecken, wie ein paar junge Wagengäule, und es miteinander wichtig haben mit Wispern und Flüstern. Aber sie ist zu stark überlenkt mit der Arbeit, als, daß sie viel früge, entläßt den Daniel in die Schule und das Lenele zur Dötlesbas um einen Strauß aus dem Garten für die blaue Blumenvase, und fährt im Haus herum wie auf Rädchen, um allem nachzukommen.
Wenn sie aber die Gabe hätte, ein bißchen weiter hinauszusehen, als bis an die Stubenwand, so sehe sie gleich darnach einen Buben, der listig und verstohlen seinen Schulsack in das Häuschen im Schulhof legt, dann auf seinen Barfüßen springt, so schnell sie ihn tragen wollen, bis an den großen Nußbaum vor dem letzten Haus, und dort umheräugt, ob ihm niemand auf den Fersen ist. Und sähe ein Mädelein mit zwei frischgeflochtenen Zöpfen, das nichts weniger als zur Base, das gleichfalls, durch Grasgärten und Hecken hindurch, zu dem Nußbaum hintrottet und dort den Bruder findet. Sähe, wie die zwei miteinander die Steig hinauflaufen, der Hölzleswiese zu, wo der Vater ist.
Vielleicht ist es gut, daß sie’s nicht sieht. Denn Schand- und ehrenhalber müßte sie ihnen nachlaufen und sie zur Pflicht zurückführen. Auch macht sich’s vor dem Vater immerhin schlecht, wenn sie die zwei Großen so wenig am Leitseil hat, daß sie nur grad durchgehen, wenn’s ihnen einfällt. Und sie hat doch keine Zeit zum Nachlaufen und keine Lust zum Ärgern.
So aber ist’s den zwei flüchtigen zumut, wie sie miteinander durch das Hölzle streichen und sich hie und da umsehen, ob niemand hinter ihnen ist: es gibt eine schöne Geschichte, da wirft sich die Heldin dem Helden an die Brust und sagt: »Ich weiß, daß ich sündige, aber ich tue es willig und gern.«
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Ein paar Minuten später wußten sie, wie der Vater aussah. Nicht viel anders als sonst, abgerechnet den Bart. So wie jetzt, im gestreiften Hemd, die Ärmel hoch hinaufgeschlagen, rüstig mähend, hatten sie ihn noch irgendwo in einem Gehirnschublädchen von früher her. Den Bart hatte ihnen die Mutter schon angekündigt. Er hatte gar nichts grausiges an sich. Als er seine Jugend sich daherschlängeln sah, lachte er übers ganze Gesicht, ein grüß Gott ums andere. Sie spürten beiderseits, daß sie nah zusammen gehörten; die Kinder schneckelten sich an ihn hin und umfaßten seine feldgraue Hose, und der Vater spürte mit Herzklopfen, was es gewesen wäre, wenn er diese beiden nicht mehr gesehen hätte. Es war nah genug dran gewesen.
Er sah in ihre Gesichter hinein. Das Lenele war ein feines, blondes Dinglein mit einem Schelmenzug um das rote Mäulchen und krummen Haaren rings um das Gesichtlein herum, und es fiel dem Vater auf einmal wie von fernher ein, daß seine blauen Augen schon einmal in einem Gesicht gestanden seien. Aber in welchem? Er hatte doch seine Mutter nicht als Kind gekannt, begreiflich, aber sein Herz beharrte drauf, das Lenele habe die Augen von seiner Ahne, von des Vaters Mutter. Er hatte das Köpflein in seine beiden großen Hände genommen, aber es schüttelte sich darin, es war nicht gern eingesperrt. Da ließ er’s los und das Kind hüpfte um ihn herum, wie ein Gaislein, nur daß es hie und da einen Fuß hinaufzog, der frischen Stoppeln wegen, die in seine Barfüße schnitten.
Der Daniel hatte einen kurzgeschorenen Bubenkopf, wie alle Hirzenbacher Buben einen Kopf haben, möchte man sagen, wenn nicht darauf der Vater sofort sagen würde, daß er den von seinem Buben unter hunderttausend herauskennen würde. So eine lustige und trotzige Stumpfnase habe nicht bald wieder einer und so ein paar Augen im Kopf, ehrlich und treu, wie ein Haushund, und dann eine breite und feste Stirn mit einem ganzen Sternenhimmel von Sommersprossen, »Roßmucken« heißt man sie in Hirzenbach.
»Ja Daniel, ja Büble, da bist?« sagte der Vater und hatte einen Ton in der Stimme, wie man ihn bloß an hohen Festtagen im Leben hat, so ganz von unten herauf.
Der Daniel nickte bloß. Er dachte geschwind streifweise an seinen Ranzen drunten im Schulhof. Aber er warf ihn weit hinter sich und guckte den Vater an, »ehrlich und treu, wie ein Haushund.«
»Bist auch brav gewesen?« fragte der Vater, immer noch in dem Festtagston. Da mußte ihm der Daniel doch die Freude machen, mit einem herzhaften Ja zu antworten. Wenn man grad vom Feld heimkommt. Hoffentlich fragte er auch nicht ins einzelne.
»Soll ich derweil anfangen mit Gras verstreuen?«
Es war vielleicht doch sicherer, das Gespräch ein bißchen zu unterbrechen.
Der Vater staunte über den Eifer des sechsjährigen Buben.
»Pressiert nicht so arg,« sagte er. »Bleib’ nur noch ein bißle bei mir. Kannst dein Sach’ in der Schul’?«
»Mhm.« Das kam ein bißchen gedrückt heraus.
Da dachte der Vater, es pressiere auch nicht mit der Lernfrage, die könne man später besprechen. So ein kleines Büble habe es noch nicht so wichtig damit.
Irgendwo schlug es acht Uhr. Der Vater zählte und stutzte.
»Ja wie ist mir’s denn?« fragte er.
»Die muß falsch schlagen, oder wie?
Die Mutter hat doch gesagt, du müssest in die Schule. Die kann doch noch nicht aus sein? jetzt kommt mir’s erst.«
Da las er die Sündenschuld auf dem Gesicht seines Buben.
Und es fiel ihm auch einiges aus seiner eigenen Kindheit ein.
»Mändle, Mändle,« sagte er, aber aus einem andern Ton, »wenn mich nicht alles täuscht, bist du hinter die Schul’ gegangen. Hm? sag’s nur. So, so macht’s mein Bub’, wenn ich fort bin im Krieg?«
Er zog noch ein tieferes Register.
»Ich hätt’ gute Lust und tät dich gleich ’rüberlegen. ’S wär ’s einfachste. Ich denk’ aber, dein Lehrer tut’s morgen, ich will’s zu ihm sagen, daß er dir dein Sitzleder versohlt.«
Dem Daniel fiel der ganze Himmel ein.
»Lehrer hab’ ich kein’n, bloß eine Lehrerin.« sagte er mit wackeliger Stimme. »Die haut mich nicht, wenn ich’s ihr sag’, daß« – da warf die Stimme vollends um und tat ein paar Schluchzer, »daß ich dich hab’ sehen wollen, weil du bist vom Krieg kommen, und – und weil ich dein Gewehr noch gar nicht gesehen hab’ und dein’n Säbel.«
Das Lenele hatte auch nicht das sauberste Gewissen und besann sich grad, ob es zur Gesellschaft mitschluchzen solle. Da hellte sich auf einmal des Vaters Gesicht wieder auf, als ob es ihn über alles hinüber inwendig freue.
»Die Liebe decket auch der Sünden Menge,« sagte er in seinen Bart hinein, denn er war ein bibelfester Mann.
Und dann nahm er seinem Buben mit einem Schwung auf die Achsel.
»Also dann muß ich dir’s halt zeigen, Alterle,« sagte er laut.
»Wenn du mir’s versprichst, daß du nicht mehr hinter die Schul’ gehst, wenn ich fort bin.«
»Auf Ehr’ und Seligkeit,« sagte der Daniel.
»Nein, so mußt nicht sagen, Büble,« verwies ihm der Vater.
»Du könntest’s einmal vergessen, dann wär’s eine Sünd’.«
»So sagen bei uns alle Buben,« beharrte der Daniel.