Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so markiert.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].
Karlsschüler
und Dichter
Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend
von
Anton Ohorn
Verlag Jugendhort (Walther Bloch Nachf.)
Berlin W. 35
Mit vier Bildern. Neue Rechtschreibung. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.-R. Alle Rechte vorbehalten
Inhaltsübersicht
| Seite | |
| 1. Kapitel. In der Karlsschule | [1] |
| 2. Kapitel. Wachsender Unmut | [31] |
| 3. Kapitel. Der Regimentsmedikus | [50] |
| 4. Kapitel. »Die Räuber« in Mannheim | [69] |
| 5. Kapitel. Auf der Flucht | [92] |
| 6. Kapitel. Durch Not und Drang zum Asyl | [116] |
In der Karlsschule
Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts lag außerhalb Stuttgart hinter dem Residenzschlosse des Herzogs Karl Eugen von Württemberg ein großes, kasernenähnliches Gebäude mit drei Flügeln, aus dessen Mitte eine Kirche herausragte mit einem niedrigen, bleigedeckten Turme. Ein ansehnlicher Garten gab dem etwas schwerfälligen Ganzen ein freundlicheres Gepräge, während die vorhandenen Reitschulen, Schwimmbassins und Ähnliches auf seinen Zweck einigermaßen hindeuteten. Das war die hohe Karlsschule, eine von dem Herzog zunächst auf dem Lustschlosse Solitüde bei Ludwigsburg gestiftete Erziehungsanstalt, die seit 1775 sich in Stuttgart befand und ihren Zöglingen die Ausbildung für verschiedene gelehrte Berufe gab. Sie hatte in der Hauptsache einen militärischen Charakter, und wie ihre Schüler in eine bestimmte Uniform gesteckt waren, so war auch die ganze innere Einrichtung und Verfassung nach soldatischem Zuschnitt gemacht. Dem Herzog Karl Eugen aber war die Anstalt und ihre Zöglinge ganz besonders ans Herz gewachsen, so daß er sich um die kleinsten Interessen derselben bekümmerte.
Es war ein freundlicher Sommertag. Die Mittagsmahlzeit, welche gemeinsam eingenommen wurde, war vorüber; die Schüler eilten nach dem Schlafsaal, um dort die blaue Uniform mit den Kragen und Ärmelaufschlägen von schwarzem Plüsch und die weißen Beinkleider mit einem einfacheren Hausanzuge zu vertauschen und sich dann in den Garten zu begeben. Hier entwickelte sich ein buntes Leben und Treiben. Einzelne von den Jüngeren zumal beschäftigten sich mit Ballspiel oder übten ihre Kraft im Ringen, andere arbeiteten an dem Stückchen Gartenland, das einem jeden von ihnen zur Bestellung zugewiesen war, wieder andere spazierten unter den schattigen Bäumen im Gespräche hin, oder hatten sich an einem versteckteren Plätzchen zusammengefunden.
In einer lauschigen Ecke auf einer Steinbank saßen drei beisammen, prächtige Burschen mit frischen Gesichtern und blitzenden Augen, die sich ziemlich lebhaft unterhielten. Der eine sprach zu dem zweiten gewendet: »Und ich sage dir, Hoven, der Haug wäre ein prächtiger Kerl für uns und paßt wie nur irgendeiner in die Bande. Er hat eine scharfe Zunge und guten Witz, Ingenium und Phantasie –«
»Ich danke, lieber Scharffenstein,« sagte der dritte; »aber zum Henker, dann tut doch nicht so geheim und sagt mir, was es ist mit der Bande! Es handelt sich doch um keine Räuber.«
Die zwei anderen wechselten einen raschen Blick des Einverständnisses, dann sagte Hoven: »Wie man's nimmt, und Courage gehört zur Sache.«
»Soviel ihr habt, habe ich auch, Kinder,« sprach Haug; – »also frisch heraus! Daß ich ehrlich bin und mich nicht an euch dränge, um zu spionieren, sondern weil ich euch für Kerls halte, die ihre Freude haben an allem Schönen und Guten, auch wenn's nicht im Treibhause der Karlsschule gewachsen ist, wißt ihr! Daß ihr Verse macht, ist mir kein Geheimnis, ich selber mache solche auch mitunter, und wenn das eure ganze Sünde ist – so hol' mich der heilige Nieß, wenn ich nicht zu euch passe!«
»Ehe wir mit Schiller gesprochen haben, geht's nicht,« sagte wieder Scharffenstein.
»Der ist wohl der Hauptmann?« fragte Haug, und die beiden anderen schwiegen wieder einige Augenblicke, ehe Hoven erwiderte: »Wenn man's so auffassen will. Jedenfalls ist er größer als wir alle, und wenn er erst die Flügel frei bewegen könnte, er stiege auf wie ein junger Adler.«
»Hm – ich weiß, habe ich doch sein Gedicht ›Der Eroberer‹ im ›Schwäbischen Magazin‹ gelesen, und es hat mich in der Seele gepackt und zusammengeschüttelt, und dann hab' ich ihn hier gesucht; aber er ist zugeknöpft wie ein alter Wachtkorporal!«
»Wie, zum Henker, weißt du denn, daß das Gedicht von ihm ist? Sein Name war doch nicht genannt?«
»Hm, von meinem Vater, der das genau weiß, weil er das Poem selber rezensiert und von dem ihm bekannten Verfasser gesagt hat, daß er mit der Zeit seinen Platz neben den Größten einnehmen und seinem Vaterlande Ehre machen dürfte.«
»Hast also ein Herz für Friedrich Schiller?« fragte Hoven erregt.
»Und ob ich das habe! – Darum möchte ich brühwarm seine Geistesschöpfungen genießen, ehe sie abgestanden sind in einem Journal, und möcht' es von ihm selber hören, wie er seine Feuerseele ergießt in dithyrambischem Schwunge. Und sagt, ist's wahr, was man munkelt, daß er jetzt ein großes Spektakelstück schreibe, wozu ihm der arme Schubart, der auf dem Asperg gefangen sitzt, den Stoff gegeben haben soll?«
Wiederum sahen sich die beiden anderen seltsam an, dann sprach Scharffenstein zu Hoven gewendet: »Ich meine, wir können's mit ihm wagen!« Und als dieser nickte, fuhr er fort: »Das mit dem Spektakelstück hat seine Richtigkeit, und ob er's von Schubart hat, muß dein Vater am besten wissen; denn er schreibt ja das ›Schwäbische Magazin‹. Darin war im Jahre 1775 eine Geschichte, die ihm zuerst den Stoff gegeben hat, und die von Schubart stammen soll.«
»Was ist's für eine Geschichte?«
Hoven erzählte: »Eine Begebenheit von einem Edelmann, der zwei Söhne hat; der eine, Wilhelm, tat sehr fromm und gut und gehorsam und still, der andere, Karl, war feurig, lustig, unternehmend und zu tollen Streichen geneigt; aber er war ehrlich, während sein Bruder falsch war. So waren sie auch beide noch auf der Universität, und Karl, der etwas leichtsinnig Schulden machte und außerdem eines Duells wegen fliehen mußte, verlor die Gunst seines Vaters, floh in die Welt hinaus, wurde Soldat und wendete sich endlich reuig wieder an seinen Vater und flehte ihn um seine Verzeihung an. Den Brief aber unterschlug die Kanaille von einem Bruder, der Karl um sein Erbe bringen wollte, und dieser sah sich gezwungen, um sein Leben zu fristen, Knecht bei einem Bauern zu werden, nicht weit von seinem Vaterhause. Wilhelm aber strebt nach seines Vaters Besitz, und da ihm dieser zu lange lebt, dingt er Meuchelmörder, die ihn im Walde überfallen und töten sollen. Aber Karl, der herbeieilt, rettet ihn, und einer der Schandgesellen gesteht nun den ganzen scheußlichen Anschlag. Der Vater ist entsetzt über den verruchten heuchlerischen Sohn und klagt, daß er nun keinen Sohn mehr habe. Da stürzt sich Karl ihm zu Füßen und gibt sich ihm zu erkennen, und der glückliche Alte umarmt ihn unter Thränen, indes er seinen anderen Sohn der Strafe überliefern will; aber Karl bittet für diesen und sorgt für seinen weiteren Unterhalt. – Das ist die Geschichte.«
»Ja, aber was macht Schiller daraus!« rief enthusiastisch Scharffenstein, doch Hoven winkte bedeutsam und rief zugleich: »Da kommt er selbst!«
Unter den rauschenden Bäumen kam ein Karlsschüler her, eine hochgewachsene Gestalt, die zweifellos über alle Genossen hinausragte; auf dem schlanken, langen Halse saß ein von dunkelrötlichem Haar umwallter Kopf und zeigte ein Gesicht von auffallend zarter Hautfarbe. Unter einer breiten, schönen Stirn sahen ein Paar helle Augen, die zwischen braun und blau schimmerten, klar und kühn in die Welt, und die scharf gebogene, spitze Nase, das etwas trotzig vorspringende Kinn gaben den Zügen etwas Energisches und Kühnes. Er kam ziemlich rasch auf die drei zu und rief mit merkwürdig hochklingender Stimme: »Wieder um eine halbe Stunde der freien Zeit gebracht!«
»Was hat's gegeben?« fragte Hoven.
»Ach, unser lieber Intendant, Herr von Seeger, teilt mir mit, daß heute abend Serenissimus mit der Gräfin Franziska im Institut speisen werden und dann ein kleines Divertissement erwarten, etwas Singsang und Deklamieren – und ich muß mit heran – du auch, Wilhelm!«
»Und was wird aus unserem Abend?« fragte Scharffenstein.
»Pst! Du hast ein lockeres Gehege der Zähne und wirst mit deinem vorlauten Munde uns allen schaden. Man wittert ohnehin schon in der Luft, und Nieß trägt seine Stumpfnase verdächtig hoch.«
»Ach, meinst du wegen Haug? – Der paßt für uns, sag' ich dir, Schiller, als wenn ihn unser Herrgott expreß für die Bande geschaffen hätte.«
Ein blitzender Blick aus Schillers Augen flog über denjenigen, von welchem eben die Rede war.
»Macht Er auch Verse, Haug?« fragte er.
»Und was für Verse – er ist der gebotene Satiriker, und das Element fehlt uns so, wie meiner Kehle jetzt ein guter Tropfen; der Hammel heute mittags war scharf gesalzen.«
»Deine schwache Seite, Scharffenstein!«
»Hat jeder die seine,« replizierte der Getadelte; Schiller aber wandte sich zu Haug: »Sag' Er, Haug, kann Er ein Epigramm auf den Säufer aus dem Ärmel schütteln?«
Haug, der bisher schweigend sitzen geblieben war, stand auf, trat einen Schritt vor und deklamierte mit leichtem Pathos:
»Er hat zu seinem Symbolum
Das Wort sich aus der Passion
›Mich dürstet!‹ ausersehen,
Und hält nach eig'nen Proben
Den Vers für unterschoben:
›Laß diesen Kelch vorübergeh'n!‹«
»Bravo!« sagte Schiller und reichte dem jungen Poeten die Hand; die beiden andern aber lachten laut und herzlich. In diesem Augenblick kam eine etwas wunderliche Figur heran. Ein kurzer, schwerer Körper in dem blauen Futteral der Uniform, auf dem dicken Haupte, von welchem ein Zöpfchen auf den Rücken niederbaumelte, den üblichen dreispitzigen Hut, ein rotes Gesicht, das mit seinen kleinen scharfen Augen, die wie zwei Rosinen aus einem Butterteig hervorschauten, unwillkürlich den Humor weckte, – das war der Oberinspektor Nieß, gefürchtet um seiner Strenge und doch die Zielscheibe heimlicher Witzeleien und Neckereien. Mit kurzen, raschen Schritten kam er angestapft und pflanzte sich vor den Vieren auf, die in militärischer Haltung sich erhoben und stillstanden.
Mit ungewöhnlich lauter Stimme, die fast im Widerspruch zu dem kleinen Körper stand, sagte er: »Sticht euch der Hafer? War das Mittagsbrot zu üppig, oder was ist's sonst, daß solch lauter Ausbruch der Heiterkeit die Würde dieser Räume stört? Ja, wo der Schiller ist, geht auch was Besonderes vor; aber ich will ein Aug' auf euch haben, daß ihr mir die Stränge nicht durchreißt. Tätet auch besser, mit Spaten und Hacke euch auszuarbeiten, als mit dem Mundwerk zu dreschen – kommt nicht viel Gutes heraus dabei!«
Man wußte nicht recht, ob er im Scherz oder im Ernst rede; denn in seinem Gesichte und zumal um seine Mundwinkel zuckte es seltsam, und langsam stapfte er weiter.
Die vier Eleven blieben noch eine Weile stehen und sahen dem Fortschreitenden nach, dann sprach Schiller mit komischem Pathos: »Ich will nächstens unter euch treten und fürchterlich Musterung halten!«
»Spiegelberg, ich kenne dich!« fügte Scharffenstein halblaut lachend bei; doch Haug sagte: »Da muß ich euch doch erzählen, was ich dieser Tage für einen närrischen Traum hatte. Mir träumte, es wäre der jüngste Tag. Die Engel fingen an mit aller Macht zu posaunen, und die Toten standen allmählich auf. Aber es wollte damit nicht recht vorwärts gehen, und die Engel posaunten immer stärker. ›Hier müssen noch weit mehr Tote begraben liegen; aber wie sollen wir sie wecken, wenn unser ganzes Posaunen nicht hilft?‹ Da kam eben ein Karlsschüler zum Vorschein und sagte, er wüßte wohl Rat, wenn unter den Auferstandenen der Oberaufseher Nieß wäre; denn dieser dürfte nur mit der Stimme, mit welcher er einst in der Akademie zu kommandieren pflegte, jetzt ›zum Gericht!‹ kommandieren. Nieß wurde auch wirklich gefunden, und wie er kommandierte, da wimmelte es von Auferstandenen, und die Engel flogen ganz erfreut zum Himmel, um zu melden, daß jetzt alles zum Gericht bereit sei.«
»Prächtig, Haug! Ihr seid unser Mann! Den Ton können wir brauchen – von heut' an duzen wir uns!« rief Schiller, und begeistert schlug der andere in die dargebotene Hand ein. Schiller aber wendete sich zu Hoven: »Dir binde ich den Jungen auf die Seele, Wilhelm; weihe ihn ein, soweit dir's gut deucht, und bringe ihn übermorgen mit in die Höhle!«
»Wie du gebeutst, Hauptmann!« sagte der Angeredete mit einem beinahe feierlichen Ernst; Scharffenstein aber sprach: »Jetzt laßt uns auseinandergeh'n! Nieß wendet kein Auge von uns, er wittert die Verschwörung, und euer Händedruck ist eine absonderlich verfängliche Sache!«
Und in der Tat kam der kurzbeinige, dicke Herr wieder angestapft; aber ehe er herangekommen, hatten sich die vier nach verschiedenen Richtungen verloren, und bald darauf rief auch das Glockenzeichen die Eleven nach den Lehrsälen. Ruhe herrschte in dem ganzen weitläufigen Gebäude, nur ab und zu trug der Schall aus einem geöffneten Fenster die Worte eines besonders warm gewordenen Lehrers, den seine Beredsamkeit hinriß. Gegen sieben Uhr ward es lebendiger. Die Eleven zogen wieder die steife Uniform an, was in den Schlafsälen geschah, wo die einzelnen Abteilungen sich formierten und dann von ihren Aufsehern in den Rangiersaal geführt wurden, wo die Musterungen stattzufinden pflegten und wo alle so geordnet wurden, wie sie an der Tafel zu sitzen hatten. Dann marschierten sie in den eine Treppe höher gelegenen Speisesaal.
Es war ein schöner, weiter Raum. Zweiundachtzig jonische Säulen, die aus der Wand hervortraten, trugen eine ringsum laufende Galerie, und zwischen den Säulen waren die Büsten hervorragender Männer aufgestellt. Den Plafond zierten schöne Gemälde, und auch das Porträt des Herzogs Karl Eugen fehlte hier so wenig wie in den anderen Sälen. Die breiten Flügeltüren waren geöffnet, und die Eleven marschierten paarweise ein, und jeder blieb bei seinem Stuhle stehen. Nieß kommandierte dem einen Flügel »Rechtsum!« dem anderen »Linksum!« und mit rascher und genauer Wendung standen alle hinter ihren Sitzen, die Gesichter der Tafel zugekehrt. Aufs neue erscholl die Stentorstimme des Oberaufsehers: »Zum Gebet!« und alle falteten die Hände, indes ein Zögling die kleine Kanzel bestieg, welche sich zwischen den Flügeltüren befand, und mit monotoner Stimme ein Tischgebet sprach.
Dann pflegte für gewöhnlich das Kommando zum Rücken der Stühle und zum Niedersetzen zu erfolgen. Es blieb diesmal aus, und der Blick des Oberinspektors, der seine kurze Gestalt straff aufgerichtet hatte, fiel nach der Tür, welche aus dem Speisesaal in den sogenannten »Tempel« führte, ein prächtig ausgestattetes, kuppelgekröntes Gemach, in welchem der Herzog mit seiner Gemahlin, Gräfin Franziska von Hohenheim, vielfach die Abendtafel abhielt. Die Augen der Eleven wandten sich gleichfalls dorthin, und in der Tat stand der Herzog dort, die Gräfin am Arme. Es war ein schönes Menschenpaar. Der Fürst war eine stattliche Erscheinung mit einem vornehmen, geistvollen Gesicht, aus welchem die Augen groß und klar schauten; die Gräfin aber schlank und zierlich, voll lieblicher Anmut und mit einem freundlichen Lächeln um den schönen Mund.
Langsam kam der Herzog mit seiner Begleiterin am Arme heran, indes die Eleven auf ein erneutes Kommando gegen ihn Front machten. Er schritt, gefolgt von dem Intendanten, Herrn von Seeger, an derselben entlang, und sah besonders scharf nach den weißen Zetteln, die einer und der andere der Karlsschüler im Knopfloche trug. Das waren die »Billetts«, auf welchen die Nachlässigkeiten verzeichnet standen, die sich die Träger derselben im Laufe des Tages hatten zuschulden kommen lassen. Karl Eugen las sie aufmerksam, ließ dann seine Augen blitzend über die Inhaber derselben gleiten, die nicht zu zucken wagten unter seinen scharfen Blicken, aber er zeigte sich heute bei guter Laune und strafte meist nur mit Entziehung eines Gerichtes, während er sonst strenges Fasten anordnete oder bei besonderem Vergehen wohl auch bewies, daß er eine recht lockere und doch kräftige Hand besaß.
Die Gräfin lachte ihn freilich heute auch so freundlich und herzlich an, daß es den Eleven warm ums Herz wurde, und daß sie es deutlich empfanden, daß hier nicht bloß der gute Engel des Württemberger Landes, wie Gräfin Franziska hieß, sondern auch ihr guter Engel im besonderen ihnen nahe sei. Vor Schiller blieb der Herzog stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Er macht recht hübsche Poemata. Was Er da auf die Gräfin Franziska gedichtet hat, hat uns recht gefallen – brave Gesinnung und schwungvolle Sprache. Aber vergesse Er nicht die Medizin über der Dichtung, daß Er mir ein tüchtiger Arzt werde; das nützt der Menschheit mehr als seine Reimschreibereien.«
Schiller hatte seine schlanke Gestalt hoch aufgerichtet, und aus seinen Augen leuchtete ein begeistertes Feuer, so daß die schöne Frau ihn lächelnd ansah und freundlich ihm zunickte, als sie am Arme des fürstlichen Gatten weiter schritt. Da hielt dieser mit einem Rucke plötzlich an; er stand vor einem Eleven, dem fast aus allen Knopflöchern die verhängnisvollen »Billetts« hervorguckten. Der Herzog ließ den Arm seiner Gefährtin los, und mit beiden Händen zog er ziemlich hastig die weißen Blätter heraus und las. Der junge Sünder war ein Graf von Nassau, der manchen lustigen Streich verübte, welcher freilich gegen die Ordnung, aber im Grunde nicht böswillig war.
Karl Eugen schüttelte beim Lesen unmutig den Kopf, indes der Eleve schüchtern den Blick nach der Gräfin wendete und aus ihrem freundlichen, lieben Gesichte einigen Trost suchte. Jetzt wendete sich der Herzog zu ihm mit gerunzelter Stirn und sprach: »Sage Er, Nassau, was würde Er wohl machen, wenn er jetzt an meiner Stelle wäre?«
Der junge Graf stutzte einen Augenblick, schaute dann Gräfin Franziska wie fragend und prüfend an, und einem plötzlichen Entschlusse folgend reichte er ihr galant den Arm, gab der Überraschten einen herzhaften Kuß und sagte: »Komm, Fränzel, und laß den dummen Jungen steh'n!«
Die ganze kurze Szene hatte eine verblüffende Wirkung. Während Nieß in seiner peinlichen Überraschung ganz gegen alle Subordination einen Luftsprung machte, als gedächte er aus diesem Dasein zu verschwinden, ehe die Folgen dieser frevelhaften Tat eintreten mußten, stand Herr von Seeger wie ein Steinbild, und in den Gesichtern der Karlsschüler spiegelten sich Neugier und Erregung, teilweise auch ein schlechtverhehltes Behagen. Gräfin Franziska hatte ihren Arm rasch frei gemacht und sah mit dem erröteten, aber nicht unfreundlichen Gesicht nach dem Gatten, in welchem das Gefühl des Unmuts mit dem des Wohlgefallens an dem frischen, kecken Jungen stritt; endlich schien das letztere zu siegen. Er sah den jungen Grafen mit einem seltsamen Lächeln an, reichte seiner Gattin wieder den Arm und sagte: »Ja, Fränzel, lassen wir den dummen Jungen stehen! – Dinez, messieurs!«
Er schritt mit der Gräfin weiter, ohne sich noch bei einem der Zöglinge aufzuhalten, und als er in dem »Tempel« verschwunden war, wo das fürstliche Paar mit Herrn von Seeger das Abendbrot einnahm, erscholl das Kommando Nieß'; gleichmäßig, mit einem Ruck, bewegten sich die Stühle, mit einem zweiten Ruck saßen alle, und nun begann das Essen. Es gab Suppe, Kalbsbraten mit Salat und eine Mehlspeise, und schweigend wurden die Gerichte eingenommen.
Das Mahl war rasch beendet, und nachdem wieder jede Bewegung auf Kommando sich vollzogen hatte, marschierten alle nach dem Rangiersaal, um dort das fürstliche Paar zu dem angesagten Divertissement zu erwarten.
Der Herzog ließ auch nicht lange auf sich warten. Er ließ sich mit der Gräfin auf bereitstehenden Polstersitzen nieder, und gleich darauf begann eine musikalische Aufführung seitens der Zöglinge, welche Zeugnis dafür ablegte, daß sich unter ihnen nicht bloß gute musikalische Talente befanden, sondern daß dieser Kunst in den Mauern der Karlsschule auch ein gewisses Recht eingeräumt war.
Karl Eugen war trotz des Zwischenfalls – oder vielleicht infolge desselben – in besonders guter Laune und sparte nicht mit seinem Lobe. Nun aber wünschte er, daß einer der Eleven etwas von seinen eigenen Geistesschöpfungen vortrage, und er nannte dabei ausdrücklich Schiller.
Dieser trat vor, verneigte sich einigermaßen steif vor dem Herzog und seiner Gemahlin und begann darauf mit etwas singendem Pathos:
Der Flüchtling.
Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch,
Pupurisch zuckt durch düst'rer Tannen Ritzen
Das junge Licht und äugelt aus dem Strauch;
In gold'nen Flammen blitzen
Der Berge Wolkenspitzen.
Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied
Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
Die schon in lachender Wonne
Jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.
Sei, Licht, mir gesegnet!
Dein Strahlenguß regnet
Erwärmend hernieder auf Anger und Au.
Wie silberfalb flittern
Die Wiesen, wie zittern
Tausend Sonnen in perlendem Tau!
In säuselnder Kühle
Beginnen die Spiele
Der jungen Natur.
Die Zephyre kosen
Und schmeicheln um Rosen,
Und Düfte beströmen die lachende Flur.
Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen!
Laut wiehern und schnauben und knirschen und stampfen
Die Rosse, die Farren;
Die Wagen erknarren
Ins ächzende Tal.
Die Waldungen leben,
Und Adler und Falken und Habichte schweben
Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.
Den Frieden zu finden,
Wohin soll ich wenden
Um elenden Stab?
Die lachende Erde
Mit Jünglingsgebärde
Für mich nur ein Grab!
Steig' empor, o Morgenrot, und röte
Mit purpurnem Kusse Hain und Feld!
Säus'le nieder, Abendrot, und flöte
Sanft in Schlummer die erstorb'ne Welt!
Morgen – ach! du rötest
Eine Totenflur;
Ach, und du, o Abendrot, umflötest
Meinen langen Schlummer nur.
Als Schiller geendet hatte, winkte ihn der Herzog zu sich heran. »Er hat eine lebhafte Phantasie und versteht die Natur schön zu malen. Wie kommt Er aber dazu, das gerade einem Flüchtling in den Mund zu legen?«
»Ich habe mich selbst in die Lage hineingedacht, Durchlaucht!«
»Das ist eine wunderliche Idee; hat Er Neigung, ein Durchbrenner zu werden?«
»Halten zu Gnaden, Durchlaucht – nein, weil es undankbar wäre gegen Höchstdero väterliche Huld.«
»Recht, wenn Er das einsieht, Schiller; ja, ich mein' es gut mit meinen Söhnen von der Karlsschule, wenn ich sie auch manchmal scharf anfasse.«
Er nickte gnädig; auch die Gräfin sprach ein freundliches Wort der Anerkennung, das eine warme Röte über Schillers bleiches Gesicht huschen ließ; dann trat dieser mit ehrerbietiger Neigung zurück, und die Aufführung nahm ihren Fortgang.
Beim Schlag der zehnten Stunde erhob sich der Herzog, langsam ging er durch die in einer Doppelreihe aufgestellten Eleven, und wie er bei dem jungen Grafen von Nassau vorüberkam, drohte er diesem mit dem Finger.
»Ein zweites Mal kommt Er so nicht davon!« sagte er mit einem Anflug von Gutmütigkeit.
Eine halbe Stunde später war es still in dem ganzen weitläufigen Gebäude, und nur aus den Schlafsälen flimmerte der müde Schein der Nachtlampen durch die Fenster.
Drei Tage später ging Hoven mit Haug wieder unter den Bäumen des Gartens hin und sagte: »Also heute abend um die zehnte Stunde im Krankensaale.«
»Hm, also deshalb ist Schiller unwohl gemeldet – ich merke! – Gut, ich komme!«
»Aber mit aller Heimlichkeit und Vorsicht. Und dort hast du erst ein Versprechen noch auf Ehrenwort zu geben, ehe du in die ›Bande‹ eintreten kannst.«
»Aber, sage doch ums Himmels willen – was heißt das: die ›Bande‹?«
»Ich darf dir wohl soviel verraten, nachdem Schiller einverstanden ist: Er schreibt ein Spektakelstück ›Die Räuber‹, ich sage dir, Haug, daß es einem die Seele aufwühlt in den tiefsten Tiefen. So etwas von Kraft und Schwung und Handlung ist noch nicht dagewesen, und wenn's erst einmal ans Licht kommt, dann sollst du sehen, wie das ganze deutsche Publikum Mund und Ohren drüber aufsperren wird. Hei, wie der von Freiheit zu reden weiß – man sieht förmlich das Feuer aufleuchten, das in seiner Seele lodert – und wir, seine Freunde, sehen es werden, Stück um Stück, und heute wird er wieder einige Szenen uns bieten. Es ist ein Hochgenuß, Haug!«
»Und das ist die Geschichte aus dem ›Schwäbischen Magazin‹ von den beiden Brüdern?«
»Ja, aber es ist etwas ganz anderes draus geworden. Karl ist dir ein Bursche, der Welt und Himmel zusammenschmeißen kann. Schiller hat ihn, da sein Vater ihn um seines Bruders willen verstoßen hat, Räuber und Anführer einer Bande werden lassen; aber ich sage dir, kein Räuber wie die landläufigen Banditen, sondern einer, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Mängel der Gerechtigkeit auszugleichen, den Reichen und Schlechten zu nehmen und den Armen und Guten zu geben, ein Kerl, aus dem besten Holze geschnitzt, dem man gut sein muß, wie jeder aus seiner Bande. Sein Bruder aber – Franz heißt die Kanaille – ist ein Bösewicht bis ins Mark der Knochen, läßt seinen eigenen alten Vater in einen Hungerturm sperren und gefangen halten, um sein Erbteil früher zu bekommen. Da sitzt nun der Alte – und so weit sind wir – und heute gibt's mehr. – Wir leben in dem Stücke, und darum nennen wir uns selbst die Bande, und Schiller ist unser Hauptmann.«
»Mich habt ihr, wenn ihr mich brauchen könnt – ich schwöre zu euch!«
»Gut dann, also heute abend um zehn Uhr.«
Die beiden trennten sich, und jeder gesellte sich zu einer anderen Gruppe.
Der Abend hatte sich niedergesenkt über die Residenz und die hohe Karlsschule. Um neun Uhr war, wie es gewöhnlich Brauch war, das Zeichen gegeben worden, sich zu Bett zu legen. Die Lichter erloschen bis auf die matten Lämpchen in den Schlafsälen, nur im Krankensaale brannte helleres Licht. Hier saß Schiller an dem großen Tische und schrieb. Er hatte sich für unwohl ausgegeben und hatte als Kranker manche Vorrechte, welche die Gesunden entbehren mußten. Einige medizinische Bücher waren aufgeschlagen zur Seite; aber er kümmerte sich darum nicht, und seine Feder flog rastlos über das Papier; seine Augen glänzten und seine Wangen brannten, denn er war mit ganzer Seele bei der Arbeit.
Jetzt schlug es draußen zehn Uhr, und gleich darauf huschten Gestalten leise über die Korridore heran und traten ein. Schiller begrüßte sie mit einem Händedruck, jeden einzelnen, dann schrieb er noch weiter, und schweigend saßen die andern an dem Tische.
Da kam Scharffenstein und mit ihm Petersen, der auch schon Proben seiner dichterischen Begabung im engern Kreise abgelegt hatte, und mancher andere, alle in bequemen, leichten Hauskleidern, und endlich erschien auch Hoven mit Haug.
Jetzt legte Schiller die Feder weg, lehnte sich aufatmend in seinen Sitz zurück und begrüßte die beiden. Dann sprach er: »Brüder, ich stelle euch ein neues Mitglied unserer ›Bande‹ vor: Christoph Friedrich Haug, voll guten Ingeniums für die Poesie, zumal begabt mit witziger Satire und in seiner Gesinnung verbürgt von Hoven und Scharffenstein. Wollt ihr ihn aufnehmen?«
Ein allgemeines, halblautes »Ja« erfolgte – denn das laute Sprechen war verpönt –, und Schiller trat an Haug heran: »Wohl denn, so gelobe mir in die Hand bei deiner Ehre, daß du schweigen willst von dem, was hier vorgeht, gegen jedermann, wohingegen ich dir in unserm Namen gelobe, daß es nichts ist gegen Ehre und Recht!«
Haug schlug in die dargebotene Hand ein und sprach: »Ich gelobe.« Dann reichte ihm ein jeder die Rechte, und Schiller fragte wieder: »Wer hat heute die Wache?«
»Petersen!«
»So walte deines Amtes, Petersen!«
Der Genannte trat an die Tür des Saales und lehnte sein rechtes Ohr daran; er mußte darauf achten, daß kein Störer nahe. Die andern aber hatten sich an dem Tische niedergelassen.
Schiller fragte: »Hat einer Geschäftliches zu berichten? Etwa von ›Sünden‹ zu bekennen?«
Unter »Sünden« aber verstand man Dinge, die verstohlenerweise in die Akademie eingeschmuggelt wurden, wie Würste, Brezeln, Tabak und auch verpönte Bücher.
Einer erhob sich: »Es sind sechs Pfund Tobak eingebracht und von der bekannten Quelle zu beziehen.«
Ein Zweiter sprach: »Ich habe Wielands Roman ›Agathon‹ durch einen Vetter erhalten und lege ihn hier nieder, damit er gemeinsam gelesen werde.«
»Brav!« sagte Schiller. »Unser letztes Exemplar hat Nieß aufgestöbert und weggenommen. – Wollen wir gleich heute lesen?«
»Nein,« sagte Petersen, »wir brennen alle auf die ›Räuber‹; Schiller soll uns das Neueste bieten, was er geschrieben hat!«
»Ja, Schiller soll lesen!« riefen alle.
Schiller liest seinen Freunden die »Räuber« vor.
»Gut denn, wenn ihr's wollt!« sagte dieser nicht ohne ein zufriedenes Behagen und nahm das Papier zur Hand, auf welchem er geschrieben hatte. Die andern lehnten sich mit dem Gefühl der Spannung in ihren Sitzen zurück und sahen dem jungen Dichter in das erregte Gesicht. Dieser aber begann zu lesen, mit etwas verhaltener Stimme, und man merkte es ihm an, wie schwer es ihm bei einzelnen Wendungen wurde, sich zu beherrschen. Er verstand eben nicht recht, »sanft zu brüllen«, wie Scharffenstein mit einem klassischen Worte sich ausdrückte; aber verständlich war es, wie er las, und dem an der Tür postierten Petersen entging kein Wort.
Gegend an der Donau.
(Die Räuber gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde weiden am Hügel hinunter.)
Karl Moor: Hier muß ich liegen bleiben. (Wirft sich auf die Erde.) Meine Glieder wie abgeschlagen. Meine Zunge trocken wie eine Scherbe. (Schweizer verliert sich unbemerkt.) Ich wollt' euch bitten, mir eine Handvoll Wassers aus diesem Strome zu holen; aber ihr seid alle matt bis in den Tod.
Schwarz: Auch ist der Wein all' in unsern Schläuchen.
Moor: Seht doch, wie schön das Getreide steht! – Die Bäume brechen fast unter ihrem Segen. – Der Weinstock voller Hoffnung.
Grimm: Es gibt ein fruchtbares Jahr.
Moor: Meinst du? Und so würde doch ein Schweiß in der Welt bezahlt. Einer? – – Aber es kann ja über Nacht ein Hagel fallen und alles zugrunde schlagen.
Schwarz: Das ist leicht möglich. Es kann alles zugrunde gehen, wenige Stunden vorm Schneiden.
Moor: Das sag' ich ja. Es wird alles zugrunde geh'n. Warum soll dem Menschen das gelingen, was er von der Ameise hat, wenn ihm das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleichmacht? – Oder ist hier die Mark seiner Bestimmung?
Schwarz: Ich kenne sie nicht.
Moor: Du hast gut gesagt und noch besser getan, wenn du sie nie zu kennen verlangtest! – Bruder – ich habe die Menschen geseh'n, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte – ihre Götterpläne und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; – dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut – ein anderer der Nase seines Esels – ein dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein so mancher seine Unschuld und – seinen Himmel setzt, einen Treffer zu erhaschen, und – Nullen sind der Auszug –, am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.
Schwarz: Wie herrlich die Sonne dort untergeht!
Moor (in den Anblick versenkt): So stirbt ein Held! – Anbetungswürdig!
Grimm: Du scheinst tief gerührt.
Moor: Da ich noch ein Bube war, war's mein Lieblingsgedanke, wie sie zu leben, zu sterben wie sie. – (Mit verbissenem Schmerze) Es war ein Bubengedanke!
Grimm: Das will ich hoffen.
Moor (drückt den Hut übers Gesicht): Es war eine Zeit – laßt mich allein, Kameraden!
Schwarz: Moor! Moor! Was zum Henker! – Wie er seine Farbe verändert!
Grimm: Alle Teufel! Was hat er? Wird ihm übel?
Moor: Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein Nachtgebet vergessen hatte. –
Grimm: Bist du wahnsinnig? – Willst du von deinen Bubenjahren dich hofmeistern lassen?
Moor (legt sein Haupt an Grimms Brust): Bruder, Bruder!
Grimm: Wie? – sei doch kein Kind – ich bitte dich. –
Moor: Wär' ich's – wär' ich's wieder!
Grimm: Pfui, pfui!
Schwarz: Heit're dich auf. Sieh' diese malerische Landschaft – den lieblichen Abend.
Moor: Ja, Freunde! Diese Welt ist so schön.
Schwarz: Nun, das war wohlgesprochen.
Moor: Diese Erde so herrlich.
Grimm: Recht, recht – so hör' ich's gern.
Moor (zurückgesunken): Und ich so häßlich auf dieser schönen Welt –, und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.
Grimm: O weh, o weh!
Moor: Meine Unschuld, meine Unschuld! – Seht, es ist alles hinausgegangen, sich im friedlichen Strahle des Frühlings zu sonnen, – warum ich allein die Hölle saugen aus den Freuden des Himmels? – Daß alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens alles so verschwistert! – Die ganze Welt eine Familie und ein Vater dort oben. – Mein Vater nicht; – ich allein der Verstoßene, ich allein ausgemustert aus den Reihen der Reinen, – mir nicht der süße Name Kind, – nimmer mir der Geliebten schmachtender Blick, – nimmer, nimmer des Busenfreunds Umarmung. (Wild zurückfahrend) Umlagert von Mördern, – von Nattern umzischt, – angeschmiedet an das Laster mit eisernen Banden, – hinausschwindelnd ins Grab des Verderbens auf des Lasters schwankendem Rohr, – mitten in den Blumen der glücklichen Welt ein heulender Abaddona. – –
In diesem Augenblicke, da alle mit größter Spannung und angehaltenem Atem lauschend nach Schiller hinsahen, erscholl vom Eingange ein warnendes »Pst!« und gleich darauf sprang Petersen von der Tür heran. In wenigen Sekunden war das ganze Bild verändert. Die Stühle, bis auf jenen, auf welchem Schiller saß, waren plötzlich leer und die »Bande« wie mit einem Zauberschlage verschwunden, als ob sie in den Boden versunken wäre. Schiller selbst saß über ein medizinisches Werk gebückt, seine Dichtung aber hatte wohl einer der Genossen an sich genommen.
Jetzt öffnete sich die Tür, und in ihrem Rahmen erschien Herzog Karl Eugen, begleitet von Herrn von Seeger und einem Diener, der einen Armleuchter mit brennenden Kerzen trug. Der hohe Herr kam nicht zum erstenmal zu dieser Zeit in den Krankensaal; denn er liebte es, seine »Söhne« zu jeder Tag- und Nachtstunde zu »visitieren« und sich von ihrem Tun und Treiben zu überzeugen. Schiller hatte sich ehrerbietig grüßend erhoben. Der Herzog aber trat ganz nahe an ihn heran, sah in das Buch, das vor ihm auf dem Tische lag, und da er merkte, daß es ein medizinisches Werk war, sprach er sich anerkennend über den Fleiß und den Eifer, den Schiller für sein Fachstudium bekundete, aus. Dann winkte er diesem, sich niederzusetzen, und setzte sich selbst beinahe vertraulich an seine Seite: »Ein Kranker soll nicht stehen. – Wo fehlt's Ihm denn eigentlich? – Es kommt mir vor, als wenn Er schon öfter im Krankensaale gewesen wäre – hm?«
»Ich leide viel an katarrhalischen Affektionen, Durchlaucht,« erwiderte Schiller einigermaßen befangen – »die zwar nicht bedenklich sind, aber Schonung der Atmungsorgane verlangen.«
»Das mag sein! Hoffentlich schont Er aber auch seine Organe und hält sich vor allem fern von dem verderblichen Rauchkraut, so für die Jugend Gift ist. Ich möchte nicht gern hören, daß meine Karlsschüler dem Rauchlaster verfielen. Ich habe meinen Verdacht auf den Nassau – wie ist's, Seeger!«
»Ich habe nichts Gravierendes erfahren, Durchlaucht!«
»Hm, Nieß hat mir so Andeutungen gemacht! – Na Gott befohlen, Schiller, – sehe Er zu, daß es bald wieder gut geht mit ihm, – ich freue mich an seinem Fleiße!«
Der Herzog erhob sich, klopfte seinem Günstling wohlwollend auf die Schulter und ging mit dem Intendanten. Schiller aber atmete auf; er hatte in den letzten Minuten wirkliche Brustbeklemmungen gespürt bei dem Gedanken, daß auch unter dem Tische, nur durch die Decke verborgen, einer oder zwei seiner Freunde steckten, und daß es leicht möglich war, daß der Herzog mit seinem Fuße an dieselben stieß; dann konnte alles entdeckt und verraten sein.
Einen Augenblick blieb alles still; keiner der Karlsschüler wagte noch sein Versteck zu verlassen, solange nicht der gefürchtete Herr sich wieder völlig zurückgezogen hatte. Aber dessen Schritt wollte draußen nicht verklingen, ja bald hörte man seine, wie es schien, zornige Stimme. In der Tat hatte Karl Eugen vor der Tür einen Augenblick still gestanden und mit emporgehobener Nase die Luft eingezogen, dann hatte er sich zu dem Intendanten gewendet: »Seeger, riecht Er nichts?«
Der Gefragte gab sich Mühe, etwas Besonderes zu riechen; aber es wollte sich nichts finden, und beinahe verlegen erklärte er, er finde nichts Außergewöhnliches.
»So will ich's ihm sagen: Es riecht nach Tabaksrauch – ganz genau. Wo kann das herkommen?«
Er sah sich um und erblickte eine kleine, dichtanliegende Tür, welche in einen niedrigen, vorspringenden Raum führte.
»Was ist das hier?« fragte der Herzog.
»Der Vorkamin des Schlafsaals, Durchlaucht!« war die Antwort, und Serenissimus trat näher und befahl zu öffnen. Der Intendant versuchte es, aber vergebens, – die Tür gab nicht nach.
»Das ist ja recht seltsam – findet Er nicht auch? – Das kann doch von außen nicht verschlossen werden, das Hindernis kommt von innen. Wenk!« rief er dem Diener, »versuche Er es einmal, und wenn es nicht geht, so hole Er Sprengwerkzeuge, – das Hindernis muß ich kennen lernen!«
Der Intendant nahm den Leuchter aus der Hand des Lakaien, und dieser begann nun, an dem eisernen Ringe, der außen an dem Türchen war, zu ziehen. Er öffnete es ein wenig, aber gleich darauf schnappte es wieder zu; doch noch kräftiger faßte der Mann an und zog mit der ganzen Wucht seines Körpers, so daß die Tür plötzlich nachgab und er selbst zurückgeschleudert wurde, daß er seinem Herrn zu Füßen fiel. Aus dem geöffneten Eingange quoll ein bläulicher Dampf, und der Herzog rief, indem er dem Intendanten den Armleuchter entriß und in den engen, dunkeln Raum hineinleuchtete: »Nun, Seeger, riecht Er noch nichts? – Und sieht Er auch nichts? – Heraus, Unglücksmensch, wenn es nicht ein Malheur geben soll!«
Auf diesen Befehl ward es in dem Vorkamin lebendig, und gleich darauf kroch eine Gestalt heraus im bequemen Hausrocke und richtete sich, die verhängnisvolle Pfeife noch in der Hand, stramm vor dem Fürsten auf: es war der junge Graf von Nassau.
Beinahe verblüfft schaute ihm der Herzog in das halb verlegene, halb schelmische Gesicht und schien nicht gleich ein Wort zu finden; er leuchtete ihm nur ganz nahe unter die Augen, dann gab er den Armleuchter dem Diener und erfaßte mit der Rechten das linke Ohr des Schuldigen und zog ihn hinter sich her wieder hinein in den Schlafsaal, wo Schiller noch immer vor dem Tische saß, während die andern Mitglieder der »Bande« regungslos in ihren nichts weniger als bequemen Lagen verharrten. Dabei räsonierte er unaufhörlich: »Und das ist einer von den Kavaliers, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten; statt dessen treibt er allen Unfug und alle gotteslästerlichen, schädlichen Allotria. Hier, nehme Er sich ein Exempel an Friedrich Schiller, der nur eine bürgerliche Qualifikation hat, und der alles tut zu seiner Erudition, so daß aus ihm etwas werden wird; – aber Er, Nassau, trotz seiner vornehmen Abkunft ist ein Haselant, ein Hansnarr, ein Filou!«
Der Herzog hielt noch immer das Ohr des Schuldigen fest, der alle Bewegungen mitmachte, die sein Peiniger in der Erregung seiner Rede ausführte; jetzt ließ die kräftige Hand los, und wiederum stand der junge Graf in aufrecht straffer, militärischer Haltung da. Er war ein hübscher Bursche mit einem frischen, gutmütigen Gesicht, das auch jetzt im Grunde nicht gerade ängstlich dreinschaute, so daß der Herzog, da er ihn anblickte, eine Regung des Wohlgefallens nicht unterdrücken konnte.
»'s ist schade um Ihn, Nassau, wenn Er so weiter macht! Fühlt Er denn nicht, daß ich's gut mit Ihm meine, hm?«
»Ich anerkenne dankbar Eurer Durchlaucht gnädige Huld, so Höchstdieselben erst heute wieder mir so sichtbarlich erzeigt …«
»Er täte besser, mich nicht daran zu erinnern – Er Filou! – Aber zum zweitenmal geht's nicht mit Keckheit und Frechheit, daß Er's weiß. Wie kommt Er denn zu dem infamen Rauchzeug?«
»Ein Vetter hat mir's beim Besuch mitgebracht!«
»Seine Vettern werden nicht mehr vorgelassen, oder am Eingang genauestens visitiert, nehme Er das zur Kenntnis, Seeger!«
Der Herzog nahm dem Schuldigen die Pfeife aus der Hand und besah sie halb widerwillig, halb neugierig.
»Und wie das übel riecht! Fi donc!«
Er schlug mit dem Pfeifenkopf an die Tischkante, daß er in kleine Scherben zersplitterte, und auch Schiller, der sich erhoben hatte und als stummer Zuschauer dastand, erschrocken zurückfuhr.
»Und jetzt hätt' ich Lust, das Rohr an Ihm selber zu probieren!« sagte Karl Eugen, indem er das bedrohliche Instrument schwang und einigemal durch die Luft sausen ließ; der junge Graf, in dessen Antlitz nichts zuckte, ward bleich, seine Lippen bissen sich aufeinander, und seine Augen funkelten seltsam, so daß der Herzog unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.
»Sehe Er mich nicht an, wie ein gereizter Löwe – das lieb' ich nicht bei meinen Karlsschülern. Und sei Er ruhig, – ich will Ihm nicht an die Reputation gehen; aber Strafe muß sein! Drei Tage Karzer, verschärft durch entsprechendes Fasten!«
Der Intendant verneigte sich zustimmend; Karl Eugen aber kommandierte: »Rechts um – marsch!« und der junge Graf, der ihm zuvor noch die Hand geküßt hatte, bewegte sich genau nach dem Kommando und verschwand im Paradeschritt durch die Tür.
Der Herzog aber wendete sich zu Schiller: »Es tut mir leid, daß ich Ihn noch einmal gestört habe; – aber ich meine, Er geht jetzt auch zur Ruhe, – für einen Kranken ist's besonders an der Zeit!«
»Zu Befehl, Durchlaucht!« war Schillers Antwort, und mit einem gnädigen Nicken entfernte sich der Herzog mit seinen Begleitern. Als die Schritte auf dem Korridor draußen verhallt waren, begann es sich unter dem Tische und unter den Betten zu regen, und die jungen Verschwörer krochen hervor und reckten und dehnten die Glieder.
»Er geht jetzt auch zur Ruhe!« sagte Scharffenstein zu Schiller, indem er den Herzog parodierte; Hoven aber sprach: »Lange hätt' ich's nicht ausgehalten; denn ich glaube, ich habe in Wirklichkeit den Katarrh, um dessentwillen Schiller hier sitzt. Na, gute Nacht, Hauptmann!«
»Na, dein erstes Auftreten in der Bande war doch nicht übel?« sprach Petersen zu Haug; dieser aber erwiderte: »Es hat sich wenigstens recht dramatisch gemacht, obgleich ich eine etwas bequemere Rolle vorgezogen hätte.«
»Dafür aber hast du den besten Platz gehabt, um die komische Szene ›Der arme Sünder‹ oder ›Der Filou im Vorkamin‹ anzusehen.«
Die andern lachten halblaut, dann huschten sie davon, unhörbar, leise, und als eine halbe Stunde später Nieß noch einmal den Schlafsaal inspizierte, fand er auch Schiller bereits in ruhigem Schlummer.
Am vierten Tage nach diesen Vorgängen traf Nassau, der seine Strafe hinter sich hatte, mit Schiller zusammen. »Höre Er, Hauptmann – ich hatte da vor vier Tagen seine ganze ›Bande‹ in der Hand –; doch, bei Gott, ich hätt' mir die Zunge ausschneiden lassen, eh' ich's verraten hätte. Aber andermal seht doch erst in den Vorkamin – es könnt' auch einmal ein anderer drin sitzen – vielleicht sogar der dicke Nieß. – Aber alle Achtung, Schiller, über den Rücken ist mir's ganz wohlig und gruselig hinunter gelaufen, wie Er deklamierte: Umlagert von Mördern – angeschmiedet an das Laster … Er hat wirklich das Zeug zu einem großen Dichter, und wenn sein Stück fertig ist, vergesse Er nicht, mich's ganz genießen zu lassen, – ich hab's um die ›Bande‹ verdient.«
Schiller schüttelte dem lustigen Burschen freundlich dankend die Hand, dann gingen sie auseinander.
Wachsender Unmut
Es war im Dezember 1779. Die Schneeflocken tanzten um die Karlsschule, der Garten lag unter einer weißen Decke, und Schiller stand an einem Fenster seines Schlafsaals und blickte zerstreut hinaus. Wunderliche Gedanken gingen ihm durch die Seele und freundliche Hoffnungen. Er hatte seine Studien eigentlich absolviert, hatte die vorschriftsmäßige schriftliche Arbeit abgegeben und harrte nun mit Spannung auf das Ergebnis. Die Entscheidung lag in der Hand des Herzogs; er hoffte aber auf dessen Gewogenheit und sah sich darum im Geiste schon außerhalb dieser Mauern, die ihn jahrelang umschlossen und ihm die freie Bewegung der Seele eingeengt hatten. Da draußen lag eine Welt, die er so gut wie gar nicht kannte, und die er, weil sie ihm fremd war, sich mit den leuchtendsten Farben ausmalte. Wie wollte er das Dasein genießen, wie wollte er leben, schaffen, nach Berühmtheit streben und der Welt zum Dank für ihre Gaben auch sein Bestes, das herrlichste Teil seines Geistes geben.
Ein Diener trat ein und rief ihn zu dem Intendanten. Mit hochklopfendem Herzen folgte Schiller, und mit gerötetem Angesicht trat er bei Herrn von Seeger ein. Der empfing ihn ungewöhnlich freundlich und sprach: »Mein lieber Freund, ich möchte Ihnen gern eine angenehme Mitteilung machen. Sie wissen, daß wir alle Sie schätzen Ihres Ingeniums wegen, und daß auch Serenissimus es wohlmeint mit Ihnen. Wir haben allzusammen Ihre Abhandlung mit großem Interesse gelesen und uns über den Geist derselben und den Schwung des Ausdrucks gefreut. Seine Durchlaucht aber kann sich doch nicht entschließen, dieselbe in Druck legen zu lassen, soviel Anerkennung auch Höchstderselbe dafür hat. Hören Sie, was er schreibt: Die Disputation von dem Eleven Schiller soll nicht gedruckt werden, obschon ich gestehen muß, daß der junge Mensch viel Schönes darin gesagt – und besonders viel Feuer gezeigt hat. Eben deswegen aber und weilen solches wirklich noch zu stark ist, denke ich, kann sie noch nicht öffentlich an die Welt ausgegeben werden. Dahero glaube ich, wird es auch noch recht gut vor ihm sein, wenn er noch ein Jahr in der Akademie bleibt, wo inmittelst sein Feuer noch ein wenig gedämpft werden kann, so daß er alsdann einmal, wenn er fleißig zu sein fortfährt, gewiß ein recht großes Subjektum werden kann.«
Der Intendant ließ das Schreiben, das er in der Hand hielt, sinken und sah Schiller wohlwollend an; dieser aber stand bleich da, und seine Lippen stießen das Wort hervor: »So ist es ein Vergehen, eine eigene Meinung haben, und einen eigenen Geistesweg gehen zu wollen? Dann ist diese ganze Anstalt – –«
»Halt – nicht weiter! Ich darf solches nicht hören. Werden Sie ruhig, und Sie werden auch darin das väterliche Wohlwollen Serenissimi erkennen!«
»Väterliches Wohlwollen, wenn ich gezüchtigt werde ohne Schuld – –«
»Keine Insubordination!« sagte der Intendant jetzt strenge, und Schiller biß sich auf die Lippen, indes jener fortfuhr: »Ein Jahr ist keine lange Frist! Lassen Sie Ihren Geist ruhiger werden und reifen, – Sie beweisen durch diese Hitze, daß Ihnen vor allem Selbstbeherrschung fehlt. Gehen Sie mit Gott und halten Sie brav aus!«
Schiller ging; aber in seiner Seele lebte eine Welt von Unmut, er hätte in diesem Augenblick die Erde aus ihren Angeln heben und zertrümmern mögen, und lebhafter dachte er in dieser Stunde seines Helden Karl Moor, dem er die Entrüstung seiner Seele über das nach seiner Meinung ihm zugefügte Unrecht in den Mund legen wollte. Die Welt sollte es dereinst hören, und dem Herzog sollten darüber die Ohren klingen.
Er ging nach dem Garten, wo er Hoven sein Leid klagte und die Freunde aufforderte, sich am Abend wieder im Krankensaale einzufinden, wo er indes eine neue Szene fertigzuschreiben gedachte. Er meldete sich sofort unwohl und motivierte das auch unverhohlen mit der Kränkung, die ihm widerfahren war, und in der Einsamkeit des Schlafsaals ließ er die ganze heiße Erregung ausstürmen in sein Werk, und dabei ward ihm wohler.
Als am Abend verstohlen sich die »Bande« zusammenfand, ging ein Schauer durch aller Seelen, als Schiller das Selbstgespräch Karl Moors verlas, das er in der Nacht nahe bei dem alten Turm, in welchem, ihm noch unbewußt, sein Vater schmachtete, hielt, und der junge Dichter hatte wohl niemals mit solcher Erregung gelesen: »Wer mir Bürge wäre? – – es ist alles so finster – verworrene Labyrinthe – kein Ausweg – kein leitendes Gestirn – wenn's aus wäre mit diesem letzten Odemzug – aus, wie ein schales Marionettenspiel – aber wofür der heiße Hunger nach Glückseligkeit? – wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit – das Hinausschieben unvollendeter Pläne? – Wenn der armselige Druck dieses armseligen Dinges (die Pistole vors Gesicht haltend) den Weisen dem Toren – den Feigen dem Tapferen – den Edeln dem Schelmen gleich macht? – Es ist eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen sein? – Nein, nein! es ist etwas mehr; denn ich bin noch nicht glücklich gewesen. – –
(Er setzt die Pistole an) Zeit und Ewigkeit – gekettet aneinander durch ein einzig Moment! – Grauser Schlüssel, der das Gefängnis des Lebens hinter mir schließt und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht – sage mir – o sage mir – wohin – wohin wirst du mich führen? Fremdes, nie umsegeltes Land! – Siehe, die Menschheit erschlafft unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasie, der mutwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor. – Nein, nein! Ein Mann muß nicht straucheln …«
Und weiter, immer weiter ging es im prächtigen dithyrambischen Flusse, bis der Vorleser sprach: »Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? – Nein, ich will's dulden. (Er wirft die Pistole weg.) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden. (Es wird immer finsterer.)«
Heftiger sang der Sturmwind draußen um die Fenster, und sein Heulen vermehrte die Schauer der Empfindung. Plötzlich flog ein Fensterflügel auf, die Lampe verlöschte nach einem hastigen Aufflackern, erschrocken sprangen alle auf, doch Schiller sagte ruhig: »Es ist nichts – geht jetzt – ich muß allein sein!«
Keiner erwiderte ein Wort, schweigend schlichen sich alle davon; Schiller aber trat an das Fenster und ließ einen Augenblick den kalten Wind über seine Stirn streichen, dann schloß er den Flügel, und ohne noch einmal das Licht zu entzünden, verbarg er sein Manuskript und legte sich zu Bette, indes er noch einigemal halblaut sagte: »Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden!«
Einige Tage später fand das Stiftungsfest der Akademie statt, welches alljährlich in besonders feierlicher Weise begangen wurde, und mit welchem auch eine Preisverteilung an die Schüler verbunden war. Am Morgen war in der Akademiekirche Festgottesdienst, welchem die Eleven in Paradeuniform beiwohnten, und nachmittags fanden sie sich in dem großen Rangiersaal ein, wohl geordnet, und mancher mit erwartungsvoll klopfendem Herzen.
Durch die großen Fenster fiel freundlicher Sonnenschein und blitzte auf dem blanken Metall der Uniformen und auf den Orden, welche auf einer langen Tafel lagen. Das waren zumeist silberne Medaillen mit dem Bilde des Herzogs, welche als Preise verteilt wurden. Wer acht solcher Preise in einem Jahre erhalten hatte, bekam ein goldenes, braun emailliertes Kreuz, das als besondere Auszeichnung auch am Halse hängend getragen werden durfte.
Trotzdem der Saal beinahe gefüllt war, herrschte ein tiefes Schweigen, und auch das auf den Galerien anwesende Publikum verhielt sich still. Von dort herab sah manches Vaterauge besorgt und doch mit Wohlgefallen nieder auf einen oder den anderen der schmucken Burschen. Dort befand sich auch der Vater Schillers, der damals Inspektor der Gärten auf dem herzoglichen Lustschlosse Solitüde war, in seiner Uniform als württembergischer Hauptmann und schaute mit gutmütigem Ernste in dem würdigen Gesicht herunter in den Saal, in welchen eben jetzt der Herzog mit zahlreichem und glänzendem Gefolge eintrat.
Karl Eugen trug die Uniform der akademischen Offiziere und ging hochaufgerichtet einher. Zu seinen beiden Seiten schritten zwei Fremde; aber den Zöglingen war es wohl bekannt, wer sie waren: Der zur Rechten mit dem etwas vollen Gesicht, der kräftig vorspringenden Nase und den großen lebhaften Augen war der Herzog Karl August von Weimar, der andere aber war dessen Freund Wolfgang Goethe, der schon in seinen jungen Jahren mit seinen ersten Werken, dem »Götz von Berlichingen« und den »Leiden des jungen Werther«, hohen Ruhm sich erworben hatte. Sie kamen von einer Schweizerreise, die sie mitten im Winter in etwas abenteuerlicher Weise gemacht hatten. Goethe war eine prächtige Erscheinung, das Musterbild eines schönen Mannes mit wunderbar klaren, geistvollen Augen, und wie er die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, so vermochte besonders Schiller seine Blicke nicht von ihm zu wenden. Freilich flüsterte keine Ahnungsstimme ihm zu, daß dieser herrliche Mann berufen war, dereinst sein bester Freund und er selbst der Genosse seines Ruhmes zu werden.
In dieser Stunde überkam ihn beinahe ein Gefühl des Neides. Dieser nur zehn Jahre ältere Mann war vom Schicksal wie auf Rosenwegen geführt worden, hatte eine glückliche, heitere Jugend hinter sich, hatte in jungen Jahren den Ruhm und das Glück an seine Spuren geheftet, hatte eine angesehene Stellung, war der Freund eines trefflichen Fürsten, indes er selbst sogar in seinem bescheidenen Hoffen, die Karlsschule verlassen zu können, sich schmerzlich getäuscht sah.
Eine Bitterkeit zog durch seine Seele; aber er konnte doch die Augen nicht abwenden von dem herrlichen Manne, der dort neben dem Herzog stand und so frei und sicher und selbstbewußt in die Welt schaute. Er hörte nicht die Worte des Professors Consbruch, welcher, wie es Brauch war, die Festrede zu Ehren des Stifters der Schule hielt; sie rauschten wie ein leerer Schall an seinem Ohre vorüber; aber seine Wangen brannten, und seine Augen glühten.
Nun trat der Sekretär vor und verlas die Namen der Zöglinge, welche Preise erhalten sollten, und viermal klang der Name Schiller durch den Saal, so daß auch Goethe aufmerksam wurde auf den schmächtig emporgeschossenen Eleven mit dem rötlichen Haar, der scharfgeschwungenen Nase und den Adlerblicken, der, wie es üblich war, die ihm zugeteilten Preise aus der Hand des Herzogs empfing und nach dem gewohnten Brauche dafür dankbar dessen Rock küßte.
Die Augen des wackern Hauptmanns auf der Galerie glänzten in freudigem Stolze; aber noch ein anderes Augenpaar folgte wiederholt der Gestalt Schillers. Das gehörte einem jungen Manne mit frischem Gesicht und krausen Haaren um die hohe weiße Stirn. Derselbe schien hauptsächlich hierher gekommen zu sein, um der musikalischen Aufführung zu folgen, welche sich an die Preisverteilung anschloß, denn sobald diese begann, stand er meist unbeweglich wie ein Steinbild, oder er wiegte bei Stellen, die ihm besonders gefielen, wohl auch den Kopf wie in leisem Takte oder bewegte die Finger, als habe er selbst bei der Sache mitzuwirken.
Als die Festlichkeit zu Ende war, eilte der Vater Schillers hinab, um seinen Sohn zu beglückwünschen; aber er fand ihn nicht freundlich, sondern eigentümlich erregt und trübe. Der Hauptmann suchte ihn zu beruhigen; aber es wollte wenig helfen, und der brave Mann begleitete ihn nach dem Speisesaale, wo das Festmahl stattfand, an dem auch die Väter der Eleven teilnahmen. Der Herzog mit seinen Gästen speiste in dem »Tempel«, denn er mochte an diesem Tage nicht von seinen »Söhnen« sich trennen.
Auch während des Mahles blieben Zuschauer auf den Galerien, und unter ihnen war auch hier wieder der junge, musikfreundliche Mann. Er hatte sich so gestellt, daß er gerade in das Gesicht Schillers sehen konnte, der sich jetzt ziemlich lebhaft mit seinem Tischnachbar Wilhelm von Hoven unterhielt. Hätte der Beobachter auch noch hören können, so hätte er sich überzeugt, daß Schillers Seele erfüllt war von Goethe, dessen Bild sich ihr tief eingeprägt hatte. Seine Blicke leuchteten, indes er sprach, in kühnerem Feuer, und um die Lippen flog ab und zu ein Lächeln, das dem Gesicht einen eigentümlichen Reiz gab.
»Wilhelm,« sprach er zu dem Freunde, »zu des Herzogs Geburtstage spielen wir Goethes ›Clavigo‹. Zum Henker mit Herrn Uriots[1] französischen Komödien und Operetten! Als ob wir hier nicht in Deutschland lebten und deutsche Dichter hätten! Und Durchlaucht wird sich freuen über ein Werk, dessen Verfasser er nun kennen gelernt und ausgezeichnet hat.«
»Und wer soll den Clavigo spielen?« fragte Hoven.
»Ich selbst, Wilhelm; mich lüstet's einmal, Goethesche Worte vor den erlauchten Ohren zu reden, – es ist mir so, als müßte ich selber das geschrieben haben.«
»Aber die Rolle ist schwer, Schiller!«
»Wir tun, was wir können. Sind wir Meister? – Schon die Absicht und der gute Wille, Gutes zu bieten, ist anzuerkennen. Mit der Seele will ich dabei sein, Wilhelm. Fehlt mir das Organ und die gefällige Bewegung, so mag's der Dichter und der Herzog verzeihen!«
»Du bist auch hier unser Hauptmann!« sagte lächelnd Hoven; Schiller aber drohte ihm abwehrend mit dem Finger.
Jetzt betrat der Herzog den Saal und ging an den Sitzen der Eleven entlang; er winkte ihnen, sich nicht stören zu lassen, und nickte einem und dem andern der Ausgezeichneten auch besonders wohlwollend zu. Bei Schiller blieb er stehen, und als sich dieser erheben wollte, drückte er ihn gutmütig auf seinen Sitz zurück. Dann legte er seinen Arm fast vertraulich auf die Lehne des Stuhles, und während Schiller ihm das Gesicht zuwendete, unterhielt er sich mit ihm. Der Eleve zeigte dabei nicht die mindeste Befangenheit.
»Es freut mich, daß Er wieder seine Sache brav gemacht und wie in der praktischen Medizin und Chirurgie und materia medica so auch in der deutschen Sprache und Schreibart einen Preis erworben hat. Er hat Phantasie und groß Geschick in der Redeweise – das kann Ihm einmal nutzen; aber die Hauptsache ist doch sein Fachstudium. Ja – ich habe Ihm die Preise mit viel Vergnügen gegeben.«
»Durchlaucht sind sehr gnädig zu mir!«
»Ich glaube, daß Er in diesen Tagen das Gegenteil davon gedacht hat. Sei Er ehrlich!«
»Ich will's nicht leugnen, Durchlaucht, daß ich gehofft hatte, mit meiner Arbeit, an die ich meine ganze Kraft und meinen Fleiß gesetzt hatte, Eurer Durchlaucht huldvolle Entlassung aus der Akademie zu erreichen.«
»Ja, sieht Er, auch darin meine ich's gut mit Ihm. Respekt vor Autoritäten muß sein, und den hat Er nicht bewiesen in seiner Dissertation!«
»Auch Autoritäten sind Menschen und können irren, Durchlaucht!«
»Da hat Er recht; – aber es sind ältere und in ihrem Fach erfahrene Männer, die Er mit seiner Meinung tuschieren wollte, – das darf nicht sein; das ist eine geistige Insubordination, und kann ich solche ebensowenig wie eine dienstliche hingehen lassen. Ich bin verantwortlich dafür vor Gott. Also glaub' Er, daß ich's gut meine.«
»Ich bin davon überzeugt, Serenissime.«
»So ist's recht, – und arbeite Er brav weiter, – ein Jahr ist in seinem Alter rasch verflogen.«
Der Herzog legte Schiller die Hand auf die Schulter, nickte ihm besonders freundlich zu und schritt weiter. Dieser aber fühlte sich wieder hingezogen zu dem seltsamen Manne, den er manchmal vermeinte hassen zu müssen, und dem er doch wieder mit einer Art kindlicher Pietät ergeben war.
Der junge Mann auf der Galerie aber hatte kein Auge abgewendet bei diesem Vorgang, und das Interesse für den Karlsschüler da unten mehrte sich. Er fragte einen älteren Herrn, der neben ihm stand: »Verzeihen Sie, mein Herr, kennen Sie vielleicht einzelne von den Eleven?«
»Gewiß, ich habe selber einen Neffen dabei, Heideloff, der auch in der Kunst der Malerei sich versucht; sehen Sie, es ist der dritte von Schiller rechts aufwärts.«
»Ja, welcher ist Schiller, werter Herr?«
»Ach, Sie kennen auch Schiller nicht, den alle jetzt schon für einen guten Dichter halten; auch mein Freund, Professor Haug, hat ihn recht gelobt im ›Schwäbischen Magazin‹. Das ist der mit der Adlernase und dem rötlichen Haar, mit dem Serenissimus soeben gesprochen haben.«
Der junge Mann fuhr lebhaft auf: »Also Schiller heißt dieser?«
»Ja, sein Vater war Feldscher; aber Durchlaucht haben an dem anstelligen Manne Wohlgefallen gefunden, ihn zum Offizier gemacht und zum Garteninspektor in der Solitüde; seine Frau ist eine geborene Kodweiß, eine Wirtstochter aus dem kleinen Orte Marbach. Der Junge sollte einmal Pastor werden; aber als Serenissimus die Karlsschule stiftete und Schüler suchte zumeist in Offizierskreisen, da wurde auch Schiller aufgefordert, seinen Sohn in die Schule zu geben. Er mußte es als besonderen Huldbeweis ansehen, wenn es ihm vielleicht auch nicht angenehm war, und da es im Lehrplan der Karlsschule keine Gottesgelahrtheit gibt, hat der junge Schiller anfangs Rechtsgelehrsamkeit und später das Studium der Medizin ergriffen; aber die Hauptsache scheint ihm die Verskunst zu sein, wenn ich meinem Neffen glauben darf, der mir oft wunderliche Andeutungen macht. – Haben Sie auch jemanden in der Karlsschule?«
»Nein; aber ich interessiere mich besonders für die musikalischen Bestrebungen in derselben. Mein Name ist Andreas Streicher, und ich bin selber Musiker und Tonsetzer.« – –
Im Saale unten ward die Tafel aufgehoben. Man sah Schiller zu seinem Vater treten und lebhaft mit ihm sprechen, dann blickte er herauf nach der Galerie und nickte dem Vetter Heideloffs zu. Nicht lange darauf erschien er selber, um ihn zu begrüßen und dessen Glückwünsche entgegenzunehmen. Streicher stand in der Nähe, und der alte Herr nahm die Gelegenheit wahr, ihn vorzustellen. Schiller sah mit hellen, großen Augen dem andern ins Gesicht, dann reichte er ihm die Hand: »Sie haben einen ehrlichen Blick – das liebe ich!« sagte er.
Streicher aber erwiderte: »Mein Blick hat sich an dem Ihren entzündet, und wenn es wahr ist, daß oft ein Augenblick über ein lebenslanges Empfinden entscheidet, so sage ich Ihnen nur das: Wenn Sie einmal einer rechten Freundestat bedürfen, so lassen Sie mir den Vorzug, dieselbe zu tun!«
Verwundert sah Schiller den jungen Mann an, dessen Wange erglühte, und er erwiderte: »Gute Freunde sind selten, und ich will Ihr Wort merken. Auch ich hoffe, wir haben uns heute nicht zum letztenmal gesehen und gesprochen. Ich behalte Sie im Andenken.«
Noch einmal gab er Streicher die Hand, dann ging er weiter zu einem anderen Bekannten; der junge Musiker aber stand und sah ihm noch lange mit leuchtenden Augen nach.
Die Idee der Ausführung des Goetheschen Trauerspiels »Clavigo« verließ Schiller nicht, und schon am nächsten Tage ging er als anerkannter Theaterdirektor im Kreise der Karlsschüler an seine Tätigkeit. Die Rollen wurden verteilt, und es begann ein eifriges Lernen. Der Herzog selbst, der von der Sache unterrichtet war, sah der Aufführung mit Spannung entgegen, und an seinem Geburtstage – es war der 11. Februar – fand sich denn auch ein auserlesenes Publikum in der Karlsschule zusammen. Im Rangiersaale war die Bühne aufgeschlagen. Vor derselben standen die Polstersitze für den Herzog und seine Gemahlin, und Staatsmänner und hohe Offiziere nahmen die anderen Plätze ein. Auch der Kommandant des Hohenasperg, des württembergschen Staatsgefängnisses, Oberst Rieger, war zugegen.
Das Spiel begann, und Schiller agierte mit Feuer und Leidenschaft, deklamierte mit seiner in der Erregung hohen und beinahe kreischenden Stimme, aber die Bewegungen seiner hohen Gestalt waren schlenkerig und wenig anmutig, und der Herzog begann immer bedenklicher den Kopf zu schütteln. Endlich rief er lustig lachend mitten ins Spiel hinein: »Das ist ein Hampelmann, aber kein Clavigo!«
Und nachdem Serenissimus erst gleichsam das Zeichen und die Erlaubnis gegeben, brach das verhaltene Lachen auch bei den andern hervor. Schiller ward es unbehaglich; aber er hielt tapfer aus, nur als zuletzt der Vorhang gefallen war, stand er einige Augenblicke finster, starr, fast trotzig, so daß seine Genossen ihm auswichen. Dann schüttelte er sich wie einer, der etwas Unbehagliches abwirft, und sagte zu Hoven, der in seiner Nähe war: »Und wir haben doch den ›Clavigo‹ gespielt und keine französische Komödie.«
Jetzt erschien der Herzog selbst auf der Bühne hinter dem niedergelassenen Vorhang und trat auf Schiller zu: »Sage Er mir in Kuckucks Namen, wie Er dazu kommt, Komödie zu spielen? Er wirft ja seine Gliedmaßen, als ob Er sie aus den Gelenken werfen wollte. Wo zum Geier hat Er einen solchen Spanier gesehen wie seinen ›Clavigo‹? Und dann schreit und kreischt Er zu sehr und kommt aus dem Affekt gar nicht heraus.«
»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, – man darf sich doch ein hohes Ziel auch dann stecken, wenn man mit seinen Kräften dahinter zurückbleibt.«
»Das ist's – da hat Er seine Selbstüberhebung; vor nichts Respekt! Sieht Er, wie notwendig es ist, daß Er noch ein Jahr unter der Zucht der Akademie bleibt? – Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung – das ist das Wahre; die tollen Feuerköpfe, die alles besser wissen und alles selber machen wollen, zerschellen an den Mauern, die – dem Himmel sei Dank – von der Autorität gezogen sind! – Na, nehm' Er sich's nicht zu Herzen, Er ist sonst ein braver, brauchbarer Mensch, aus dem dermaleinst noch etwas Rechtes werden wird.«
Der Herzog ging weiter, in Schillers Seele aber überwog wieder die alte Bitterkeit, die ihn manchmal schon während seines Aufenthalts in der Karlsschule erfaßt hatte; er hatte die Empfindung, als ob sein Geist sich erheben und fliegen wolle, und als ob er von den kalten, strengen Satzungen der Schule und von den Verfügungen des Herzogs immer wieder heruntergezogen würde. Da tat es ihm not, daß er das, was in seiner Seele brannte, aussprechen konnte, und er flüchtete sich in sein innerstes Heiligtum, zur Poesie, und ließ seine »Räuber« reden, was er selbst nicht sagen durfte. In jenen Tagen schrieb er eifriger als vorher an seinem Werke, das fertiggestellt werden mußte, ehe er die Karlsschule verließ.
Und er vollendete es; auf einem Spaziergang, in einem versteckten Waldwinkel, fand er Gelegenheit, den Freunden den Abschluß vorzutragen, und alle waren durchdrungen von Begeisterung für den Genius, welchen das Geschick unter sie gestellt hatte, und auf dessen Freundschaft sie stolz waren.
»Daß doch bald die ganze Welt widerhallte von dem Donnerton solcher Worte!« rief Petersen begeistert, und Heideloff fügte bei: »Wenn sie nur erst den Leitern der Karlsschule in die Ohren klängen und ihnen die Herzen erzittern machten vor dem Geisteshauch einer kommenden bessern, freien Zeit!«
Schiller fühlte sich gehoben. »Seid ruhig, ich werde ihnen meine Worte in die Ohren schreien, noch ehe ich die Akademie verlasse, und ich versichere euch, Kerls, sie werden dazu schweigen, selbst Serenissimus wird sie anhören.«
»Das bringst du nicht fertig, Schiller!« rief ein anderer.
»Ob ich's fertig bringe? – Wer will mit mir wetten, daß ich öffentlich im Rangiersaal bei der Entlassung die Kraftstellen meiner ›Räuber‹ ihnen allen ins Gesicht werfe?«
»Ich, – und wäre es auch nur des köstlichen Spaßes halber,« sagte Heideloff; »um was soll's gelten?«
»Ein Dutzend Flaschen Roten für die ›Bande‹,« rief Schiller, »die getrunken werden auf meiner Wohnung, wenn ich erst heraus bin aus der Akademie.«
»Abgemacht, gilt – ihr alle seid Zeugen!« rief Heideloff, und mit vergnügtem Lachen bestätigten das die andern. –
Langsam gingen die Tage. Die ›Bande‹ kam seltener zusammen; denn die Zeit der Prüfungen war erschienen, und es gab, besonders für die Abgehenden, viel Arbeit. Schiller hatte für seine schriftliche Dissertation das Thema »Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit der geistigen« gewählt, und behandelte es in einer vorsichtigen aber genial übermütigen Weise, so daß, zumal wegen »sehr erbaulichen Bemerkungen« über den berühmten Albrecht von Haller die Arbeit Anerkennung fand und für den Druck bestimmt wurde.
So war es wiederum Winter geworden, und die Zeit der Entlassung der Eleven erschien. Die alljährlichen Zurüstungen wurden getroffen in der üblichen Weise, bis der 14. Dezember gekommen war. Im Rangiersaal entwickelte sich das gewohnte Leben; die Galerien waren gefüllt von Neugierigen, und die Sonne blinkte auch diesmal auf den silbernen Medaillen, die auf dem langen Tische lagen. Auch diesmal sah von oben das geistvolle Gesicht Andreas Streichers herab, und seine Augen suchten den Freund.
Dieser sah heute in die Welt wie ein ganz anderer. Nur noch wenige Stunden, und er atmete die Luft der Freiheit. Als hätte er bereits eine Vorahnung davon, so gehoben trug er sein Haupt, und die Augen schienen in eine schöne Zukunft zu schauen.
Der Herzog kam mit seinem glänzenden Gefolge; die übliche Rede auf denselben wurde gesprochen, die Preise wurden verteilt, und auch diesmal ging Schiller nicht leer aus; dann aber trat derselbe vor, um seine Abgangsworte zu sprechen. Er begann mit einem Lobe und Danke für seinen fürstlichen Gönner, und seine Stimme klang ruhig und maßvoll; allmählich aber schwoll sie an zu jenem hohen, fast kreischenden Tone, der nicht gerade angenehm wirkte; aber die Hörer vergaßen das bei der Wucht der Gedanken, die an ihnen vorüberging, und bei dem gewaltigen, packenden Pathos des Ausdrucks. Von der Menschenwürde und der wahren sittlichen Freiheit sprach er, und man meinte weniger den angehenden Arzt als den Philosophen zu hören, und wie glänzende Brillanten fügten sich seiner Rede Stellen aus seinen Lieblingsdichtern Shakespeare, Klopstock, Gerstenberg u. a. ein. Da nannte er mit einem Male einen bis dahin unbekannten Namen, einen englischen Schriftsteller, Krake, und angeblich aus einer Tragödie desselben: »Life of Moor« (»Moors Leben«) begann er zu zitieren. Die Unfreiheit, der geistige Zwang erzieht Heuchler, das war es, was er eben noch behauptet, und nun brach mit einem seltsamen Pathos das Zitat von seinen Lippen: »O über euch Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! Ihr scheut euch nicht, vor Kreuz und Altären zu knieen, zerfleischt eure Rücken mit Riemen und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleien demjenigen einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Toren doch den Allwissenden nennt, nicht anders, als wie man der Großen am bittersten spottet, wenn man ihnen schmeichelt, daß sie Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut, würde wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der das Ungeheuer am Nilus (das Krokodil als Sinnbild der Heuchelei) erschaffen hat.«
Das brauste einher mit einem wilden, zornigen Ungestüm, daß mancher Hörer den Atem anhielt. Die Mitglieder der »Bande« aber warfen sich verstohlene Blicke zu, denn sie wußten, woher dies Zitat stammte, und Hoven drückte heimlich dem neben ihm stehenden Petersen warm die Hand. Auch der Herzog hatte sich straffer zurückgelehnt in seinen Sitz und sah mit großen, fragenden Augen nach dem kühnen Sprecher. Dieser aber fuhr in seiner Rede fort, und abermals klangen die Worte Krakes erregt, leidenschaftlich warm dazwischen: »Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen, – belecken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. – Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt und berechnen ihren Judenzins am Altare, – fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können, – wenden kein Auge von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisiert ist. – Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht …«
Und wieder suchten sich die Blicke der Eingeweihten, und des Herzogs Augen hingen unverwandt am Munde Schillers, der nun zum Schlusse seiner Rede kam und endlich wieder mit den Worten Krakes schloß: »Mein Geist dürstet nach Taten, – mein Atem nach Freiheit!«
Als er verstummte, ging eine unverkennbare Erregung durch alle Zuhörer, Karl Eugen erhob sich mit einer gewissen Hast, winkte den Redner heran und sagte, während Schiller die Blicke nicht senkte: »Höre Er, dieser Krake ist ein Revolutionär, und seine Gesinnungen gefallen mir nicht in allen Punkten; in manchen mag er recht haben, lieb wär' mir's aber, wenn Er ihn nicht zu seinem Propheten machte. Im übrigen hatte seine Rede Inhalt und Feuer, und ich habe lange hier nichts Ähnliches gehört.«
Schiller neigte sich mit errötetem Gesicht und trat zurück; die Feier war zu Ende. An ihn drängten sich jetzt die Freunde heran, und jeder wollte ihm die Hand drücken. Heideloff aber sagte: »Den Roten hast du glänzend gewonnen, du brauchst nur zu sagen, wann er getrunken werden soll!«
Petersen jedoch rieb sich die Hände und sagte zu Hoven: »So ist die hohe Karlsschule noch niemals geleimt worden! Hätt's nicht gedacht, daß Schillers Tragödie hier noch so laut an die Wände und selbst an die Ohren Serenissimi schreien sollte. Er ist doch ein großer Mensch!«
Auch Streicher arbeitete sich durch die umdrängenden Freunde Schillers. Er umarmte ihn, und auch dieser, bewegt durch die Teilnahme des jungen Musikers, drückte ihn wärmer an sich.
»Sagen Sie, Schiller, wer ist dieser Krake? Wo kann man seine Tragödie lesen? – Das ist groß, das ist einzig, und wie Sie das gesprochen haben … ach, was bin ich, daß Sie mich Ihren Freund nennen?«
»Wer dieser Krake ist?« – Schiller neigte seinen Mund an das Ohr des andern und flüsterte: »Krake bin ich –, und die Tragödie habe ich selbst geschrieben!«
Streicher fuhr zurück und sah den Freund mit großen Augen an, dann streckte er ihm beide Hände entgegen. »Ich hab's geahnt! Das mußte Geist von Ihrem Geiste sein! Schiller, ich bewundere Sie! Und wann erfährt die Welt, was ich jetzt erfahren habe?«
»Bald, lieber Freund! – Und Sie sollen zuerst mehr hören! – Nun ade, ich bin zum Intendanten gerufen.«
Mit herzlichem Händedruck schieden die beiden; Schiller aber begab sich zu Herrn von Seeger. Dieser empfing ihn mit besonderer Freundlichkeit, beglückwünschte ihn zu seinem Abgange, und indem er ihm seine Zeugnisse überreichte, übergab er ihm gleichzeitig im Namen des Herzogs ein verschlossenes Kuvert. Schiller öffnete und las: »Der bisherige Eleve der hohen Karlsschule Friedrich Schiller wird hierdurch als Medikus ohne Portepee beim Grenadierregiment General Augé eingestellt mit einem Monatsgehalte von achtzehn Gulden Reichswährung.«
Er ließ das Blatt sinken und erblaßte, – er hatte von des Herzogs Gunst Besseres erhofft.