Lützow's wilde Jagd.
Geschichtliche Erzählung
von
Anton Ohorn.
Mit 8 Vollbildern nach Originalen
von
E. Klingebeil.
Vierte Auflage.
Dekoration
Leipzig,
Verlag von Abel & Müller.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.
Vorwort.
Es war eine große, herrliche Zeit, als im Jahre 1813 sich das ganze deutsche Volk erhob, um das Joch der französischen Gewaltherrschaft abzuwerfen. Der Brand von Moskau ward die Morgenröte der Befreiungskriege, und als das große Gottesgericht über die Heere Napoleons auf den Schneefeldern Rußlands sich vollzogen hatte, da leuchtete durch das dunkle, schwere Gewölk, das über dem deutschen Lande gelegen hatte, der Aufruf des Königs von Preußen an sein Volk wie ein heller Blitz, der die Gemüter entflammte zum heiligen Streite. Deutsche Dichterstimmen fachten die erwachte Begeisterung an, und nun strömte es von allen Seiten unter die Fahnen. Jung und Alt, Arm und Reich, Hoch und Niedrig wollte Gut und Blut an das Höchste setzen, an die Freiheit des Vaterlandes, und ein Geist lebte in Hunderttausenden.
In jenen Tagen war es, da der Major von Lützow eine kleine, entschlossene Schar um sich sammelte, in welcher treffliche Männer sich zusammenfanden. Wer kennt nicht die Namen Theodor Körner, Ludwig Jahn, Friedrich Friesen u. a.? »Die schwarzen Gesellen« errangen bald sich Ruf und Ruhm durch ihre kühnen Streifzüge, durch ihre nimmermüde Unternehmungslust, mit der sie den Feind beobachteten, beunruhigten, bedrängten, und sie haben ihren redlichen Teil am Erfolge jener großen Tage. »Lützow's wilde, verwegene Jagd« ist unsterblich geworden, wie der Dichter, der unter diesem Namen sie besungen hat, und der in ihren Reihen bei Gadebusch den Heldentod starb.
Die Thätigkeit des tapferen Häufleins bildet den geschichtlichen Hintergrund der vorliegenden Erzählung, die in ihren historischen Momenten sich an die besten Quellen hält, und die sich die Aufgabe gestellt hat, die Begeisterung für das Vaterland im Herzen des deutschen Volkes und besonders der deutschen Jugend beleben und fördern zu helfen. Wenn sie das nach ihrem bescheidenen Teil zu erreichen vermöchte, wäre darüber herzlich erfreut
der Verfasser.
Inhalt.
Seite
Erstes Kapitel. Im deutschen Walde
7
Zweites Kapitel. Der Sturm bricht los
20
Drittes Kapitel. Ein teures Opfer
39
Viertes Kapitel. Der Verrat bei Kitzen
66
Fünftes Kapitel. Im Königreiche Westfalen
83
Sechstes Kapitel. In Kampf und Drang
104
Siebentes Kapitel. Heldentod
128
Achtes Kapitel. Frauenmut
145
Neuntes Kapitel. Siegesfreuden
167
Zehntes Kapitel. In Frankreich und wieder daheim
186
Erstes Kapitel.
Im deutschen Walde.
Der Märzabend dämmerte allgemach herein. Er war mild und freundlich, spannte einen blauen Himmel über die Erde und ließ einen linden Frühlingshauch über sie hinwehen, der seltsam beinahe in Widerspruch stand mit den kahlen Ästen und Zweigen an Baum und Strauch, und mit dem fahlen Grün auf Wiese und Anger. Die Welt lag tiefstille wie in müdem Schweigen, aus der frischen Ackerfurche nur war eine Lerche emporgestiegen und zitterte wie ein schwarzes Pünktchen hoch auf dem blauen Grunde, und durch die Stille klang ihr jauchzendes Lied.
Der junge Bursche, der die Straße daherkam, die aus dem Sachsenlande ihn nach Schlesien geführt hatte, blieb stehen, hob den Blick empor, und die Hände auf seinen derben Wanderstock gestemmt, lauschte er. Ein helles Lächeln lief wie ein Sonnenschimmer über sein hübsches Gesicht bei dem Gesang des kleinen Vogels, und er murmelte:
»Das kündet den Frühling und die Auferstehung für deutsches Land und deutsches Volk; sei uns zum guten Zeichen, Bote des Lenzes!«
Lauter schmetterte das Lied der Lerche, der Wanderer nickte einigemale wie fröhlich zustimmend, dann schritt er rüstig weiter gegen Sonnenaufgang. Es war ein prächtiger Bursche mit dunklen Locken um das frische Gesicht, mittelgroß und kräftig, und seine braunen Augen sahen frei und groß in die Welt. Er trug ein dunkles Sammetwams und eine Art Barett von gleichem Stoffe, und auf dem Rücken ein Ränzel, über welches er den zusammengeschlagenen Mantel gelegt hatte. So konnte man ihm den fahrenden Studenten ohne weiteres ansehen. Er mochte heute schon ein gut Stück Weges zurückgelegt haben, denn manchmal blieb er stehen wie zu kurzer Rast, reckte und streckte sich, und dann schritt er wieder fürbaß und pfiff, den müden Beinen zu neuer Ermunterung, sich ein Marschlied oder eine Burschenweise vor.
Aber dichter senkten sich die Schleier des Abends, und vergeblich hatte er bereits wiederholt nach einer menschlichen Niederlassung ausgeschaut, doch er konnte keinen Flecken, kein Dorf, ja nicht einmal ein einzelnes Haus sehen, und so wanderte er weiter. Nun führte die Straße durch einen Wald. Dämmerig still war's um ihn her, die ganze Natur schien allgemach in Schlummer zu sinken, und wenn der Bursche mit seinem Pfeifen innehielt, vermeinte er seinen eigenen Herzschlag zu hören.
Aber Furcht war ihm ferne, und seine Seele war voll großer Gedanken. Man schrieb das Jahr 1813, das so bedeutsam für das deutsche Volk werden sollte. Fern im Osten, in Moskau, war das Strafgericht über den Mann des Jahrhunderts, Napoleon, hereingebrochen, in den Schneefeldern Rußlands war sein Heer vernichtet worden, und die geknechteten Stämme Deutschlands regten sich, um den Fuß des verhaßten Korsen von ihrem Nacken abzuschütteln. In Ostpreußen hatte die Bewegung angefangen und war mit Riesenschritten weiter gewandert, und das ganze zertretene Preußenland, seinen König an der Spitze, hatte sich erhoben zu einem letzten heiligen Streite gegen den dämonischen Franzosenkaiser. Am 17. März hatte der König den Aufruf an sein Volk erlassen, und dieser hatte eine ungeahnte Wirkung.
Von allen Seiten strömte es heran zu den Fahnen; Jung und Alt, Arm und Reich, die Männer des Handwerks und der Wissenschaft – Alle kamen, ihr Herzblut anzubieten für die heilige Sache des Vaterlands. Die Hörsäle der Hochschulen entleerten sich – Schande wär' es gewesen, wenn einer mit gesundem Leibe und kräftigen Gliedern zurückgeblieben wäre. Auch unser Wanderer war mit zahlreichen andern Genossen von Halle aufgebrochen, aber während diese ihr Ziel, Breslau, wohl bereits erreicht hatten, hatte er noch einmal Einkehr gehalten in dem schlichten Thüringer Pfarrhause, in welchem seine Wiege gestanden hatte, um seine schwerkranke Mutter noch einmal zu sehen, die er vielleicht nie wieder sah.
Als die Todkranke von seinem Entschlusse hörte, für's Vaterland in den heiligen Krieg zu gehen, hatten ihre Augen aufgeleuchtet in einem wundersamen Scheine. Ja, sie war eine von jenen deutschen Heldenmüttern, die damals nicht selten waren, die ihr Einziges und Liebstes hingaben auf den Altar des Vaterlandes, und da er von ihr ging, hatte sie segnend ihm die heißen, hagern Hände auf das lockige Haupt gelegt, thränenlos aber schweigend, und dem Jüngling war es, als müsse er jener Spartanerin denken, die ihrem Sohne, der zur Schlacht zog, nur das eine sagte: »Komme zurück mit deinem Schilde oder auf deinem Schilde!«
Dann hatte der ernste, weißhaarige Vater ihn fest an seine Brust gezogen und mit leise zitternder Stimme gesagt: »Der Herr segne deinen Ausgang und unsere Waffen!« und darauf war er fortgegangen aus dem Frieden des Elternhauses in die stürmisch bewegte Welt. Im Morgensonnenschein hatte er vom nächsten Hügel aus noch einmal sein Dörfchen liegen sehen, und die spiegelnden Fenster des Pfarrhauses blinkten und winkten noch einmal zu ihm herauf, dann aber schwenkte er die Mütze hinunter, und wandte sich ab und zerdrückte die Thräne, die ihm ins Auge steigen wollte.
An all' das dachte er jetzt noch einmal, wie er durch den schweigenden Wald schritt, und dabei war sein Pfeifen allgemach verstummt.
Nach etwa halbstündiger Wanderung, während welcher es zusehends dunkler geworden war, kam er auf eine Lichtung und sah hier ein kleines Gehöfte, von einer niedrigen Mauer umgeben; aus einem Fenster blinkte ein Lichtschein, gastlich und freundlich, in die sinkende Nacht. Hier hoffte er eine einfache Herberge finden zu können, und so trat er an das Thor.
Jetzt sah er über demselben ein Hirschgeweih und wußte, daß er sich vor einem Försterhause befinde. Das heimelte ihn an, und voll Zuversicht ging er durch das offene Pförtchen in den Hof. Ein Hund schlug an, der an seiner Kette herbeirasselte, und im Hause drin antwortete ein anderer.
Gleich darauf trat unter die Thür des eigentlichen Wohngebäudes eine Frauengestalt und frug, wer da komme. Gleichzeitig gebot sie dem Hunde, ruhig zu sein, der gehorsam nach seiner Hütte zurückkroch. »Ein müder Wandersmann – sagte der Student –, der um ein Lager für die Nacht und um einen bescheidenen Imbiß für Geld und gutes Wort bittet.«
»Wir haben hier keine Herberge,« sagte das Weib, das jetzt, die bloßen Arme in ihre Schürze gewickelt, näher trat, ruhig, aber nicht unfreundlich.
»Das sehe ich wohl, Frau Försterin, aber ich hoffe, daß Ihr trotzdem mich nicht fortweist. Ich komme heute weit her und bin müde.«
»Ich bin nicht die Försterin!« sprach sie wieder und that dabei einen tiefen Seufzer, und musterte dazu den Burschen von oben bis unten. Er schien ihr zu gefallen, denn sie fügte bei:
»Wartet einen Augenblick – ich will den Förster fragen!«
Sie trat in das Haus zurück, und der Student sah an demselben empor. Das mochte im Sommer freundlich und traulich sein, wenn der wilde Wein, der jetzt kahl an den Spalieren hing, so ein grünes Netz um die Wand wob wie daheim an dem Thüringer Pfarrhause. Und wieder dachte er an seine todkranke Mutter. Jetzt hörte er einen Schritt im Flur, und gleich darauf trat der Förster unter die Thüre, eine hochgewachsene, breitschulterige Gestalt mit stark ergrautem Bart und Haar; das war auch trotz der Dämmerung zu merken. Er sagte mit einer rauhen und fast bewegt klingenden Stimme:
»Sie kommen an keinem guten Tage, Herr – aber, wenn Sie sich nicht fürchten, mit dem Tode unter einem Dache zu sein, heiß' ich Sie willkommen. Mir ist gestern mein Weib gestorben und liegt drinnen auf der Bahre.«
Der Jüngling war einige Augenblicke tief erschüttert, dann erwiderte er:
»Den Tod fürchte ich nicht, denn ich geh' ihm vielleicht entgegen, und indes Ihr mir Eure Trauerkunde sagt, liegt mir selbst daheim vielleicht mein Mütterlein auf dem Schragen.«
»Dann kommen Sie!«
Und der Förster bot dem andern die rauhe Rechte mit warmem Drucke und hielt seine Hand fest, als er ihn in das Haus führte. Der Bursche aber sprach:
»Laßt mich erst Eure Tote sehen, ehe wir weiter gehen!« Da öffnete der Förster schweigend eine Thür im Erdgeschoß, und beide traten in eine niedrige Stube. Auf zwei Stühlen stand der einfache Sarg, und darin lag das Weib mit seinem blassen, stillen Gesicht und mit seinen übereinander gefalteten Händen. Zwei Öllämpchen brannten auf dem nahen Tische und warfen einen müden Schein auf das ernste Bild.
Der Jüngling trat hart heran an die Tote und sah ihr in das Antlitz, und eine unendliche Wehmut wollte ihn erfassen; dann schaute er den alten Förster an, in dessen gutmütig-derben Zügen es seltsam zuckte, und er mußte an seinen Vater denken. Nach einem tiefen, heiligen Schweigen, während dessen man nur die schweren Atemzüge des trauernden Mannes hörte, ergriff der Jüngling die Hand des Alten mit herzlichem Drucke, und sagte warm: »Tröst' Euch Gott – ihr ist wohl!«
»Ja, Gott weiß, – ihr ist wohl, und ich gönn' ihr's auch, wenn mir's auch leid thut, daß sie mich so ganz allein gelassen hat – ganz allein – denn mein Junge … pah, vorbei! – Kommt, für Euch junges Blut ist das kein Bild; kommt!«
Er legte seine rauhe Hand auf den Arm des Jünglings, um ihn mit sich zu führen, dieser aber fuhr, einer plötzlichen Regung folgend, mit seiner Rechten noch einmal wie liebkosend über die erstarrten Finger und die bleichen Wangen der Toten. Das schien den Förster zu übermannen; er stieß seltsam gepreßt, in rauher Rührung hervor:
»Das vergelt' Ihnen Gott, Herr! Mag's meine gute Gertrud annehmen, als wär's ihr Junge, der, weiß der Himmel wo lebt und keine Ahnung hat, daß sie hier gestorben ist und ihn zuvor noch gesegnet hat, ehe ihr das Herz gebrochen ist im Jammer um ihn. Aber kommen Sie!«
Und aufs neue zog er ihn fort und führte ihn über den dämmerigen Flur hinüber in ein anderes Gemach. Da war ein Tisch gedeckt, und das Weib, welches zuerst den Studenten begrüßt hatte – es war die alte Magd des Hauses –, ging ab und zu. Der Förster nahm seinem Gaste Mantel und Ränzel, Stock und Mütze ab, und nötigte ihn an den Tisch, auf welchem ein einfaches Mahl auf sauberem Linnen stand, und jetzt kam vom Ofen her, wo er behaglich gelegen hatte, ein schöner brauner Hund und rieb, mit dem Schweife wedelnd, den prächtigen Kopf an dem Bein des Studenten.
»Flott will Sie auch begrüßen – er merkt, daß Sie ein braver Mensch sind, denn er drängt seine Freundschaft nicht einem jeden so auf. Und nun langen Sie zu, und gesegn' es Gott!«
Der junge Gast ließ sich nicht heißen, er brachte Hunger mit von seiner Wanderung, und der Förster, welcher selbst wenig genoß, sah mit sichtlicher Freude zu, wie es ihm mundete. Er störte dabei auch nicht mit viel Gespräch, und wartete ruhig, bis der Andere mit einem angenehmen Behagen Messer und Gabel beiseite legte und sich in seinen Sitz zurücklehnte. Dann erhob er seinen Zinnkrug und sprach:
»Und nun laßt uns anstoßen auf guten Weg und gutes Ziel für Euch!«
»Ich danke – aber lieber wollen wir sprechen: Auf des deutschen Volkes Wohl, und daß es ihm glücke, seine Freiheit zu erstreiten!«
»Mag gelten – aber das Vertrauen dazu fehlt mir!« sagte der Förster, that einen langsamen Zug und setzte das Metallgefäß wieder schwer auf den Tisch.
»Wozu fehlt Euch das Vertrauen?« fragte der Student.
»Auf die Kraft und auf das Glück des deutschen Volkes.«
»Die Kraft ist da, und das Glück wird kommen!«
»Ja, ja, so mögen Sie reden; Sie sind jung und haben das Trübe nicht so mit durchgemacht. Was haben wir damals von Kraft und Glück erwartet, als Preußen sich 1806 erhob gegen den Franzosenkaiser, und doch hat der eine Schlag von Jena und Auerstädt alles zusammengebrochen. Da kam die Schwäche zu Tage, und die Schande kroch aus allen Winkeln, und im Frieden von Tilsit ist der Staat Friedrichs des Großen ein armes, elendes Ländchen geworden. Wie haben wir die Zähne zusammengebissen in Zorn und Wut, wenn wir bis in unseren stillen Winkel herein hörten, wie es die Franzosen auf deutscher Erde trieben, wie haben wir die Faust geballt in der Tasche, aber wir haben's nicht wagen dürfen, sie zu zeigen, und wie soll's anders werden?«
»So wißt Ihr nichts von dem Zorngericht Gottes, das in Rußland über Napoleon hereingebrochen ist?«
»Freilich wissen wir's, daß die Russen ihre eigene Hauptstadt angebrannt haben und daß hunderttausend Franzosen in Schnee und Eis erstarrt sind, und daß unser braver General York auf eigene Faust sich von den Wälschen losgesagt hat, aber was nützt das alles? – Der York wird seinen Kopf zu Markte tragen, denn unser guter König hat selber das Vertrauen verloren auf sein Volk und auf sein Heer, seit er die Erfahrungen von 1806 und 1807 hat machen müssen …«
»Halt, halt – so liegen die Dinge nicht mehr. Wir wissen's im Thüringer Land, und Ihr hier in Schlesien wisset nichts? Hat denn keiner in Eure Wälder die Botschaft hereingetragen, daß der König in Breslau ist mit Scharnhorst und Stein, und daß es sich dort um ihn drängt von seinen begeisterten Landeskindern, die von allen Seiten herbeiströmen, um ihm ihr Blut und Leben anzubieten für die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlands? – Hat Euch denn keiner erzählt, wie dem hohen Herrn die Thränen über die Wangen gerollt sind bei dem Zujauchzen seines Volkes, und wie neue Zuversicht ihm in's Herz kam, so daß er bereits den Krieg an Frankreich erklärt hat? – Und wißt Ihr denn nicht von dem «Aufruf an mein Volk»?«
Der Jüngling hatte rasch aus seiner Brusttasche ein zusammengefaltetes Blatt hervorgeholt und breitete es vor dem Förster aus, und während sein Finger über die Zeilen flog, las er hastig, ganze Sätze überspringend und nur das Bedeutsamste hervorhebend aus dem wichtigen Schriftwerke:
»Der Friede, der die Hälfte meiner Unterthanen mir entriß, gab uns seine Segnungen nicht, denn er schlug uns tiefere Wunden als der Krieg selbst. Das Mark des Landes ward ausgesogen … Der Ackerbau ward gelähmt, sowie der sonst so hoch gebrachte Kunstfleiß unserer Städte … Das Land wurde ein Raub der Verarmung … Meine reinsten Absichten wurden durch Übermut und Treulosigkeit vereitelt, und nur zu deutlich sahen wir, daß des Kaisers Verträge mehr noch als seine Kriege uns verderben mußten. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo alle Täuschung über unsern Zustand aufhört. – Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litauer! Ihr wißt, was ihr seit fast sieben Jahren erduldet habt; ihr wißt, was euer trauriges Loos ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden … Selbst kleinere Völker sind für gleiche Güter gegen mächtigere Feinde in den Kampf gegangen und haben den Sieg errungen … Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden, denn unser Beginnen ist groß und nicht gering die Zahl und Mittel unserer Feinde … Aber welche Opfer auch von den einzelnen gefordert werden mögen, sie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir streiten und siegen müssen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutsche zu sein. Es ist der letzte entscheidende Kampf, den wir bestehen für unser Dasein, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand: keinen Ausweg giebt es, als einen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet ihr getrost entgegengehen um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuversicht vertrauen, Gott und unser fester Wille werden unserer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen sichern glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklicheren Zeit.«
Das gebräunte Gesicht des Försters war während des Zuhörens um einen Schein bleicher geworden, und die ehrlichen grauen Augen leuchteten; seine Hände lagen geballt zu Fäusten auf der Tischplatte, aber plötzlich langten sie nach dem Papier – er mußte es mit eigenen Augen sehen, daß es so dastand! Und es war kein Zweifel, und der Name seines Königs stand darunter!
»Und was geschieht jetzt?« fragte er erregt.
»Was jetzt geschieht? – Ich heiße Konrad Schmidt und bin ein Pastorssohn aus Thüringen, nicht einmal ein preußisch' Landeskind, aber das Wort des Preußenkönigs gilt für alles deutsche Volk. In Halle hab' ich Theologie studiert, aber was soll jetzt die Gottesgelahrtheit nützen? – Heraus aus den Hörsälen, hinein in die Kriegsgewitter. – Das thut not und das denken Tausende. In Breslau schart es sich zusammen um begeisterte Führer, dahin geh' ich zu dem Major von Lützow, der ein Freikorps wirbt von Jägern zu Fuß und Roß … das ist mein Mann. Ein junger Dichter, ein Dresdener Kind, Theodor Körner, hat sein Amt und seine Braut in Wien verlassen, und ist gekommen mit seinem Herzblut und seinem Liede, und er hat's noch einmal hineingerufen in die Herzen, was der König von Preußen spricht!«
Und Konrad Schmidt erhob sich plötzlich und begann mit von wärmster Begeisterung getragener Stimme und mit leuchtenden Augen zu deklamieren:
Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen,
Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.
Du sollst den Stahl in Feindesherzen tauchen;
Frisch auf, mein Volk! – Die Flammenzeichen rauchen,
Die Saat ist reif, ihr Schnitter, zaudert nicht!
Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerte!
Drück' dir den Speer ins treue Herz hinein!
Der Freiheit eine Gasse! – Wasch die Erde,
Dein deutsches Land, mit deinem Blute rein!
Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen,
Es ist ein Kreuzzug, ist ein heil'ger Krieg!
Recht, Sitte, Tugend, Glauben und Gewissen
Hat der Tyrann aus deiner Brust gerissen;
Errette sie mit deiner Freiheit Sieg!
Das Winseln deiner Greise ruft: Erwache,
Der Hütte Schutt verflucht die Räuberbrut,
Die Schande deiner Töchter schreit um Rache,
Der Meuchelmord der Söhne schreit nach Blut.
Zerbrich die Pflugschar, laß den Meißel fallen,
Die Leier still, den Webstuhl ruhig steh'n!
Verlasse deine Höfe, deine Hallen:
Vor dessen Antlitz deine Fahnen wallen,
Er will sein Volk in Waffenrüstung seh'n.
Denn einen großen Altar sollst du bauen
In seiner Freiheit ew'gem Morgenrot;
Mit deinem Schwert sollst du die Steine hauen,
Der Tempel gründe sich auf Heldentod. –
Mit einem Male hatte der Förster sich erhoben; stark, fest, hochaufgerichtet stand er vor dem Jüngling, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sprach tieftönig, mit vor Erregung zitternder Stimme:
»«Verlasse deine Höfe, deine Hallen!» – Gut! So soll's sein! Und wenn sie den alten Kerl aus dem Walde noch brauchen können, ich bin dabei. Mein Auge ist sicher, meine Hand ist fest – ich gehe mit Ihnen zum Major von Lützow. – Lassen Sie mich nur noch morgen mein Weib begraben und meinem Herrn die Meldung machen – er wird nichts dagegen haben. – Was für eine Zeit!«
Mit langen, festen Schritten ging er in dem Gemache auf und nieder, und der braune Jagdhund schritt wie ein teilnehmender Gefährte ihm zur Seite und hob ab und zu die hellen, klugen Augen nach ihm empor. Dann ließ er sich wieder an dem Tische nieder.
»Nun kommen Sie und lassen Sie uns weiter reden, denn mir ist das Herz zu voll!« sprach er, und wie er es offenbar gewöhnt war, setzte er seine kurze Jagdpfeife in Brand und bot auch seinem Gaste Rauchgerät und Tabak.
Dann redeten die beiden weiter von der Not des Vaterlandes und von den Männern, welche von Königsberg aus die Erhebung vorbereitet hatten, und von dem Sturm, der jetzt durch alle deutschen Herzen ging. Mit einem Mal seufzte aber der alte Förster tief und ließ sein Haupt sinken:
»Und wenn ich denken müßte, mein Junge wäre nicht dabei!«
Der Student sah ihn schweigend und teilnahmsvoll an, und dem Alten ging die Seele auf:
»Ich kann's Ihnen ja sagen, denn wenn wir Kriegskameraden werden, sind wir uns ja keine Fremden, und dann – haben Sie auch der Schläferin drüben so freundlich die Hand gestreichelt. Ich hab' einen Sohn – wenn er noch lebt – der wenig älter ist, als Sie – mein einzig' Kind; er war ein wilder, frischer Junge, und die Mutter – Gott hab' sie selig – hat ihn viel zu lieb gehabt. Das hat er ihr aber schlecht gedankt! Auf die schlimme Seite hat er sich geworfen, schlechte Streiche hat er gemacht, daß wir uns schämen mußten und daß uns die Haare noch mehr ergrauten, und da ich ihn darum scharf anfaßte, ist er bei Nacht und Nebel in die Welt gegangen – Gott weiß, wohin. Wir haben seit Jahren nichts mehr gehört von ihm – vielleicht ist er irgendwo eingescharrt in fremder Erde, vielleicht ist's noch schlimmer … o du mein Herrgott, und doch wär's jetzt eine Zeit, in der er manches gut machen könnte.«
Das Haupt des Alten sank auf die Brust, die Pfeife war ihm ausgegangen; auf seinem Knie aber ruhte wie freundlich tröstend der Kopf seines Hundes, und auf seine Rechte legte sich die Hand seines jungen Gastfreundes.
»Den Kopf hoch, Freund! – Solche Tage klopfen an jedes deutsche Gewissen, und Euer Sohn müßte keinen Tropfen Blut von Euch haben, wenn er jetzt nicht den Weg fände zum Vaterlande und zum Vaterherzen!« sagte Konrad Schmidt; der Förster aber drückte ihm die Hand.
»Und jetzt kommen Sie zur Ruh – Sie sind müde, und ich bin's auch; es war in diesen Tagen selbst für einen Waldbären, wie ich es bin, zu viel!«
Er führte seinen Gast nach einem kleinen, freundlichen Stübchen im Obergeschoß, stellte ihm das brennende Licht auf den Tisch und bot ihm herzlich eine gute Nacht. Er selbst aber schlich leise, als ob er die Schläferin nicht wecken wollte, noch einmal zu seinem toten Weibe, streichelte mit der rauhen Hand ihre erstarrte, kalte Wange und sagte: »Schlaf gut, Gertrud!«
Und über sein gebräuntes Gesicht rollte ihm eine große Thräne in den Bart hinab.
Der nächste Morgen war trübe und kühl. Mit dem dünnen Sprühregen, welcher niederging, mischten sich noch vereinzelte Flocken, und in den weinenden Tag hinein fuhr langsam der Wagen, auf welchem der mit Tannenreis umwundene Sarg stand, dem Kirchhofe entgegen, der etwa eine Stunde entfernt war. Hinterdrein ging der Förster mit seinem Gaste und seiner Magd, sowie mit zwei älteren Berufsgenossen, die sich zeitig schon bei ihm eingefunden hatten aus der Nachbarschaft. Hinter den Leuten her trottete Flott mit gesenktem Kopfe, als müsse auch er seine Trauer bekunden, denn die Tote hatte ihn mit ihrer hageren Krankenhand gar manchmal geliebkost.
Es wurde wenig gesprochen auf dem Wege. Im Dorfe begannen die Glocken zu läuten, als der kleine Zug in die Nähe der Kirche kam, und hier schloß sich außer dem Geistlichen noch ein größeres Trauergeleite an. Der Pfarrer hatte dem Förster ein Wort freundlicher Teilnahme ausgesprochen, und fast gleichzeitig war noch ein anderer an diesen herangetreten, ein hochgewachsener älterer Herr in einem dunklen Mantel. Er war weißhaarig und hinkte stark, weshalb er sich auf einen Krückstock stützte; es war der Baron von Guntramsdorf. Er reichte warm dem Förster die Hand, und dieser sprach:
»Ich dank' Ihnen herzlich, gnädiger Herr, daß Sie meinem Weibe selbst noch die Ehre erweisen.«
»Mein lieber Walther – ich weiß, wie weh es thut, wenn man die Gefährtin seiner Tage verliert – und wie man jeden Tropfen Trost spürt.«
»So ist's, das weiß Gott – gnädiger Herr!« sagte der Förster und fuhr sich mit dem Rücken der Linken über das Gesicht …
Vier Forstleute hoben den Sarg vom Wagen und trugen ihn in den Friedhof. Der Geistliche sprach einige erbauliche Worte und segnete Grab und Leiche, und dann senkte sich der dunkle Schrein hinab in die Tiefe, und die Schollen rollten darüber.
Noch einmal trat der Baron an den trauernden Witwer heran, dieser aber sprach:
»Gnädiger Herr – ich möchte Ihnen eine Bitte vortragen.«
»Kann ich dir etwas zum Troste thun?«
»'s ist auch vielleicht ein Trost, Herr Baron. – Es ist eine große Zeit gekommen für Preußen und für Deutschland – Sie wissen's ja besser, wie ich! Der König und das Vaterland haben gerufen, und mich drängt's, mitzuziehen, seit mir's so einsam geworden im Forsthause. Heute ist jeder Arm gut! Versagen Sie mir's nicht, gnädiger Herr! Viel reden kann ich heut nicht, aber es ist mir um's Herz, als könnte gerade dort, wo ich stehen möchte, einer fehlen.«
Den Baron erfaßte eine seltsame Rührung. Mit beiden Händen griff er nach den Händen seines Försters und sagte:
»O, daß ich durch den unseligen Sturz mit dem Pferde ein Krüppel bin! Wär' ich's nicht, so spräch' ich: Walther, wir gehen zusammen! Bei Gott, ich hab' kein Recht, dich zu halten, wenn das Herz dich hinzieht zum heiligen Streite. Geh' mit Gott! Ich werde morgen früh jemanden schicken, der einstweilen deine Stelle versieht, du aber hilf mit, das Vaterland zu retten von Schmach und Knechtschaft! Der Himmel sei mit dir und mit allen braven Streitern und mit unserem guten König!«
Noch ein Druck der Hand, dann wendete sich der Edelmann tief ergriffen ab und schritt langsam nach dem Friedhofsthor; der Förster aber legte noch einen Zweig von Tannenreis auf den frischen Hügel, sprach ein leises Gebet und verließ mit Konrad Schmidt ebenfalls den Gottesacker.
Am nächsten Tage aber zogen die beiden hinaus aus dem stillen, weltfernen Forsthause. Der Alte hatte mannhaft jede weiche Regung unterdrückt, der alten Magd kräftig die Hand geschüttelt, seinem bereits eingetroffenen Stellvertreter gleichfalls, hatte dem Kettenhund, wie dem treuen Flott die Köpfe gestreichelt, und den letzteren, der sich ihm anschließen wollte, zurückgescheucht und schritt nun, die Büchse über der Schulter, einen derben Stock in der Hand, die Straße fürbaß an der Seite seines jungen Freundes.
Zu Seite 19.
Solange es durch den Wald ging, war er still und schweigsam; jeden Baum blickte er an, als wollte er Abschied nehmen, und er kannte sie ja auch alle. Als er einen Specht in der Ferne pochen und fast gleichzeitig den Kuckuck rufen hörte, blieb er einen Augenblick stehen und nickte mit dem Kopfe, als wollt' er sagen: »Ja, ja – ich kenn' auch euch!«
Als sie auf die freie Straße hinaustraten und über das Land schauten, kam der erste Sonnenstrahl dieses Tages und huschte wie ein freundliches Lächeln über die Gegend hin.
»Das nehmen wir zum guten Zeichen – wir gehen der Sonne entgegen!« sagte Konrad Schmidt, und der Förster drückte ihm wie zu stillem Einverständnis die Hand. Dieser aber wendete sich noch einmal zu seinem Walde zurück. Da sah er in weit ausgreifenden Sprüngen seinen braunen Hund heranjagen, und gleich darauf sprang das Tier wie ungebärdig vor Freude an ihm empor und wedelte heftig mit der schönen Rute.
»Nehmt ihn mit, Walther – ein treuer Gefährte mehr ist immer gut, und wenn's ein Hund wäre.«
»So komm!« sagte der Förster, und Flott bellte laut und lustig und sprang auch an Konrad empor, als ob er ihm danken wollte für seine wirksame Fürsprache. So wanderten sie ihre Straße gegen Breslau.
Dekoration
Zweites Kapitel.
Der Sturm bricht los.
Im Gasthause »Zum goldenen Scepter« in Breslau herrschte ein lautes, fröhliches Leben und Treiben, das einen ausgesprochen kriegerischen Charakter hatte. Jüngere und ältere Leute, zumeist in einfachen aber kleidsamen Uniformen gingen aus und ein, Gruppen standen im Hofe und vor dem Hause im lebhaften Gespräche beisammen, und ab und zu wurde wohl auch auf eine oder die andere Persönlichkeit besonders aufmerksam gemacht, und dann richteten sich aller Blicke nach derselben.
Eben war ein hochgewachsener kräftiger Mann in der Mitte der fünfziger Jahre, mit glattem Gesicht und geistvollen, scharfblickenden Augen in einfachem Civilanzuge zum Thore hinausgeschritten, und obwohl er incognito hier weilte, kannte man ihn doch; es war der Freiherr Karl von Stein, der vormalige preußische Staatsminister, der durch seine kraftvollen und volkstümlichen Reformen, welche auf Erhebung des Volkes abzielten, den Zorn Napoleons geweckt hatte, so daß er von diesem geächtet ward und nach Rußland fliehen mußte. Nach der Katastrophe von Moskau war er heimlich zurückgekehrt und half jetzt die Erhebung vorzubereiten.
Im »goldenen Scepter« befand sich das Hauptquartier des Majors von Lützow, des Mannes mit der Feuerseele, dem unbeugsamen Mute, der trotzigen Todesverachtung und der glühenden Vaterlandsliebe. In der Unglücksschlacht bei Auerstädt war er durch die Hand geschossen worden, aber er hielt bei den Trümmern seines Regiments aus, das sich nach Magdeburg rettete, wußte bei der Übergabe der Stadt sich frei zu machen und nach Kolberg zu entkommen, wo er sich dem wackeren Lieutenant Schill anschloß, der eben ein Freikorps zusammenwarb. Beim Überfall von Stargard durch dasselbe wurde Lützow am linken Fuße verwundet, und weil sein rastloser Eifer nur eine notdürftige Heilung seiner Wunden zuließ, nahm er 1808 als Major seinen Abschied. Für den feurigen Reiteroffizier brachte der Frieden ohnedies kein Behagen und keine Freude.
Da kam das Jahr 1813, und wie es sich allenthalben in Deutschland zu regen begann, da konnte auch Lützow nicht müßig rasten, und so erbat er sich ein Patent zur Bildung eines Freikorps, das er auch am 1. März erhielt. Und nun war er hier in der schlesischen Hauptstadt und sammelte Leute. Treffliche Menschen strömten ihm zu, und es war eine Lust, wie das Freikorps, das Reiterei und Fußvolk umfassen sollte, wuchs.
In der großen Stube im Erdgeschoß war das Bureau. Da saß an dem Eichentisch in der einen Ecke des Raumes der Hauptmann von Helmenstreit, eine prächtige militärische Erscheinung in der Mitte der dreißiger Jahre, den die dunkle Uniform mit den gelben Knöpfen und den schwarzen Aufschlägen, die der rote Vorstoß wirksam abhob, trefflich kleidete; auf dem Kopfe trug er auch jetzt den für die Lützower üblichen schwarzen Tschako mit Agraffe, Fangschnüren und seitwärts herabfallendem Haarbusch. Neben ihm saß ein junger Mann, gleichfalls mit der Litewka aus schwarzem Tuche bekleidet, und schien als Schreiber zu amtieren.
Es ging ziemlich geräuschvoll zu in dem Gemache, denn an allen Tischen, in allen Ecken saßen und standen Lützower und solche, welche es werden wollten. Eine Gruppe mochte wohl besondere Aufmerksamkeit erregen. Da saß die prächtige Jünglingsgestalt Friedrich Friesens aus Magdeburg, stützte den blonden Kopf auf die Hände und sah mit den großen blauen Augen träumerisch vor sich hin. Jetzt sollte es ernst werden mit dem, was man am Turnplatz geübt, und mit freudiger Zuversicht war er nach Breslau gekommen, wo er mit seinem Freunde Ludwig Jahn zusammentraf. Der war Lehrer an der Plamannschen Anstalt in Berlin gewesen und hatte auf der Hasenheide draußen seine Schüler und eine Anzahl junger Männer um sich vereinigt zu körperlichen Übungen, weil er wußte, daß das Vaterland bald nach kräftigen Armen suchen werde, und daß im gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne.
Jetzt saß er hier neben Friesen, ein Mann in seiner Vollkraft, mit breiter Brust und breiten Schultern, mit hellen Augen unter der bedeutenden kahlen Stirn, mit am Hinterhaupte schlaff herabfallenden Haaren und dem langwallenden, rötlich blonden Vollbarte. Er trug einen kurzen, schwarzen Rock mit Schnüren, und schaute schweigend nach dem dritten Mann an dem Tische. Der war jung und lebensfrisch, hatte ein von dunklen, um die Stirn gelockten Haaren umrahmtes prächtiges Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbärtchen über den roten Lippen, und wenn er die braunen Augen erhob, dann brach es daraus hervor, wie eine leuchtende Flut, und wer ihm einmal hineingeschaut, der vermeinte auch das brave, frische, treue Herz darin gesehen zu haben, und der konnte auch nicht von ihm lassen.
Jetzt saß er da und schrieb eifrig mit seinem Bleistifte in der Brieftasche. Das war Theodor Körner, der Dichter der Lützower, der sein Lied und sein Herzblut brachte.
Unfern der Thür hatte ein Lieutenant Platz genommen, der durch seine ganze Erscheinung besonders auffallen mußte. Seine Gestalt war groß und kräftig, sein Gesicht verwettert und gebräunt und ein langer, grauweißer Bart fiel ihm weit herab auf die breite Brust und bekundete einzig, daß der Mann auf der Schwelle des Alters stand. Aber seinem sonstigen Wesen und seinen Bewegungen hätte man das nicht angemerkt. Das war der Lieutenant Fischer, der schon im Siebenjährigen Kriege als gemeiner Reiter mitgefochten und später wieder im Rheinfeldzug gegen Frankreich als Wachtmeister sich ausgezeichnet hatte. Dann hatte er als Steuerbeamter in Schlesien gelebt, aber als der Ruf des Königs erklang, litt es den alten Soldaten mit dem Franzosenhaß in der Brust nicht mehr daheim.
Jetzt saß er da und putzte an einer seltsamen Waffe. Es war nicht der übliche Reitersäbel, denn diesen hatte er an der linken Seite hängend, zwischen den Knieen, sondern ein kurzes Schwert mit einer Klinge, die gut eine Hand breit war und einen wohl fingerdicken Rücken hatte; es war ein schier unheimlich Ding. Man erzählte sich als volle Wahrheit, daß es der alte Recke einem Scharfrichter abgenommen habe, weil ein ehrlich' Eisen viel zu gut sei für die Schelm-Franzosen. Er liebkoste beinahe die unbehagliche Waffe, und sah immer wieder, ob die Klinge blank sei, und dabei pfiff er vor sich hin, unbekümmert darum, ob andere herumstanden und ihm zusahen.
Jetzt erst schien er's zu gewahren, und sein Gesicht verzog sich zu einem ingrimmigen Grinsen, und er frug bärbeißig:
»Na, was gafft ihr denn? Habt ihr am alten Fischer oder an seinem Metzgermesser den Narren gefressen?«
»An beidem!« sagte lachend ein frischer Bursche und strich sich das Gelock von der Stirne.
»Gelbschnabel! Dich kenn' ich, Zander, und wenn du mit der Klinge so vornweg bist, wie mit der Zunge, nachher ist's gut!«
»Das wird sich bald zeigen!« lachte der Junge, »und ich wünschte mir dann wahrlich auch einen solchen Flamberg, wie Ihr in der Faust habt!«
»Warum, mein Junge?«
»Warum? – Weil man damit näher heran kann an den Gegner, und weil so ein Ding nicht so leicht splittert an Franzosenknochen!«
»Brav! Sieh, so gefällst du mir, Zander, und ich meine selbst, aus dir kann noch was Besseres werden als ein Pastor! – Bist doch wohl ein verpfuschter Theologe?«
»Ein verpfuschter just nicht! Ich hab' derweilen die Gottesgelahrtheit an den Nagel gehängt, weil's anderes zu thun giebt, und wenn ich nicht irgendwo mein Leben lasse, hoff' ich noch einmal zur Kanzel zu kommen.«
»Das werden die schlechtesten Prediger nicht, die die Bluttaufe erhalten haben.«
» Silentium! « rief in diesem Augenblicke eine laute Stimme. Jahn hatte sich erhoben, fuhr mit den gespreizten Fingern durch seinen rötlichen Bart und rief nochmals:
» Silentium für unseren Tyrtäus! Körner hat ein neues Lied gemacht!«
Ein lautes Hurrahrufen – dann war es still und Fischer legte seine Scharfrichterklinge über die Kniee. Theodor Körner aber stand auf, ließ die blitzenden Augen im Kreise umhergehen, und las dann mit kräftiger Stimme und frischem Pathos das »Lied der schwarzen Jäger«:
In's Feld, in's Feld! die Rachegeister mahnen,
Auf, deutsches Volk, zum Krieg!
In's Feld, ins Feld! Hoch flattern unsre Fahnen,
Sie führen uns zum Sieg.
Klein ist die Schar, doch groß ist das Vertrauen
Auf den gerechten Gott!
Wo seine Engel ihre Vesten bauen,
Sind Höllenkünste Spott.
Gebt kein Pardon! Könnt ihr das Schwert nicht heben,
So würgt sie ohne Scheu;
Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben!
Der Tod macht alle frei.
Noch trauern wir im schwarzen Rächerkleide
Um den gestorb'nen Mut;
Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute:
Das deutet Frankenblut.
Mit Gott! – Einst geht, hoch über Feindesleichen,
Der Stern des Friedens auf;
Dann pflanzen wir ein weißes Siegeszeichen
Am freien Rheinstrom auf!
In den lauthallenden Beifallsruf erklang die Stimme Jahns, der nach der Weise des Liedes »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben« jetzt anstimmte:
In's Feld, in's Feld! die Rachegeister mahnen!
und im Augenblicke stimmten die andern ein, und wer den Text der ersten Strophe vergessen hatte, sang wenigstens die Melodie, und laut schallte es durch den Flur und über den Hof:
In's Feld, in's Feld! hoch flattern unsre Fahnen,
Sie führen uns zum Sieg.
Die es draußen gehört hatten, kamen herein, und mitten unter dem Gesange jubelten sie dem jungen Dichter zu, der mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen hochaufgerichtet dastand. Der alte Fischer aber war aufgestanden und, sein »Metzgermesser« in der Linken, an ihn herangetreten. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach:
»Vergelt's Gott für das Lied! Das können wir brauchen, so gut wie das Eisen! Solch' Lied hilft werben im deutschen Lande!«
Mitten in diese lebhafte Bewegung, in das Singen und Rufen hinein kamen zwei Gestalten, die fast verwundert an der Thüre stehen blieben und Umschau hielten – der eine war bejahrt und hatte die Büchse über dem graugrünen Jägerrocke, der andere mit Ränzel und Stecken kam frischweg aus dem Hörsaal der Hochschule – das merkte man ihm an. Hinter den Beiden aber drängte sich ein brauner Jagdhund herein, und sah mit gehobenem Kopfe sich um. Es waren der Förster Walther und Schmidt.
»Bei Lieutenant Fischers Mordwaffe – Konrad!« schrie jetzt Zander auf, und im nächsten Augenblicke hatte er den jüngern der beiden Ankömmlinge stürmisch umarmt. »Das wußt' ich, daß du kommst, altes braves Haus! Wir reiten zusammen – es soll ein frisches Leben werden – hier Körner hat's uns eben in die Seelen gesungen, um was es geht! Wen bringst du denn da mit?«
»Meinen Freund, den Förster Walther, der sich und seine gute Büchse bringt!«
»Ja, wenn meine Knochen nicht zu alt sind, soll das Vaterland sie haben!«
»Brav, alter Kamerad – du gefällst mir!« rief Lieutenant Fischer, der durch Zanders Worte aufmerksam geworden war und herantrat. »Du müßtest in meine Eskadron kommen!«
»Das wird nicht gut gehen, Herr Premierlieutenant« – sagte Walther; »ich hab' das Reiten nicht betrieben, und um es erst anzufangen, sind meine Gelenke zu steif; auch weiß ich mehr mit der Büchse als mit dem Sarraß umzugehen und vermeine als Jäger besser nützen zu können – aber den hier, meinen jungen Gefährten, mögt Ihr wohl brauchen; er sitzt gut zu Pferd, wie er versichert – –«
»Das kann ich bestätigen« – bemerkte Zander – »und auch eine Klinge schlägt er trotz der Gottesgelahrtheit – –«
»Wohl auch ein Theologe?« fragte Fischer.
»So ein verpfuschter wie ich – zu Befehl, Herr Lieutenant!« sagte Zander.
»Hm,« grunzte der alte Offizier – »die halbe Eskadron sind Pastoren!«
»Wenn sie nur was taugen!« rief der unverbesserliche Lützower, und Fischer sprach:
»Wollen sehen, ob ich ihn kriegen kann – wär' schade, wenn sie euch auseinander rissen. – Um den alten Freund thut mir's leid – 's ist kein rechtes Leben beim Fußvolk,« setzte er beinahe flüsternd hinzu. Dann führte er die neuen Ankömmlinge zu dem Tische, wo der Hauptmann und der Schreiber saßen, um sie in aller Form einzuschreiben. Die Sache war bald abgethan in der üblichen Weise, außergewöhnlich war es nur, daß Walther fragte, ob er auch seinen Hund bei sich behalten könne.
Als ob das Tier es wüßte, daß es sich um seine Beziehungen handle, trat es dicht an seinen Herrn heran und hob den feinen Kopf mit den klugen Augen und sah Hauptmann von Helmenstreit an; der lächelte:
»'s ist zwar außergewöhnlich, daß ein Vierfüßler sich meldet zu den Lützowern, aber ich will's verantworten, denn er scheint gut gezogen.«
Flott wedelte verständnisvoll mit der schönen Rute, der Förster fuhr ihm mit der Hand über den Kopf, und die Sache war abgethan. Gleich darauf saßen die beiden Neuen unter den Übrigen, und von allen Seiten streckten sich ihnen kräftige Hände zum Willkomm entgegen.
Nachdem sie noch an diesem Tage sich in Breslau ein wenig umgesehen hatten, wo die allgemeine Begeisterung die höchsten Wellen schlug, und wo die seltsamsten und herzerhebendsten Geschichten erzählt wurden von der Opferwilligkeit von Männern, Frauen und Jungfrauen, von welch letzteren manche sogar ihr Haar abgeschnitten und den Erlös für die gute Sache geschenkt hatten, während manch braves deutsches Eheweib ihren goldenen Trauring opferte und dafür einen eisernen nahm – mußten sie am nächsten Tage nach ihren Sammelquartieren.
Das war für das Fußvolk das freundlich am Fuße des Zobtenbergs gelegene Städtchen Zobten, für die Reiterei das an der Breslauer Straße liegende Dorf Rogau. So mußten sich Walther und Schmidt zwar trennen, aber das war nicht von Bedeutung, denn die beiden Orte lagen nur ein halb Stündchen voneinander entfernt, und man konnte sich häufig genug sehen.
Hier wie dort aber herrschte ungemein reges Leben. Den ganzen Tag über sah man die Freiwilligen zu Fuß und Roß exerzieren, Reit- und Schießübungen vornehmen, und in den freien Stunden saßen sie beisammen und begeisterten sich gegenseitig und sangen die Lieder von Arndt und Körner.
Im »Hirsch« in Zobten fand sich an jedem Abend eine stattliche, vergnügte Gesellschaft zusammen. Beim braunen Gerstensafte, wohl auch bei blinkendem Weine, saßen die »schwarzen Jäger«, tauschten Erlebnisse und Erinnerungen aus und sprachen von Feldzugsplänen, als ob jeder von ihnen selbst ein Korps zu befehligen hätte. Mancher skizzierte seine strategischen Anschauungen wohl auch mit Kreide auf dem Tische, und der Meinungsstreit war mitunter ein recht lebhafter.
Konrad Schmidt kam oft aus Rogau herüber, um den alten Freund zu sehen, der in dem Lützower Rocke sich ganz wohl fühlte, und für dessen Ungeduld man viel zu lange müßig lag. Nach seiner Meinung war das Korps zahlreich genug, um »losgehen« zu können. Es zählte damals etwa 900 Mann Infanterie und 250 Reiter.
Schmidt sah sehr schmuck und frisch aus in dem schwarzen Dolman, und seit er eine Mitteilung erhalten hatte, daß es mit seiner Mutter besser gehe, war er von einer sprühenden Lebenslust und Heiterkeit. Auch heute war er wieder im »Hirsch«, wo außer den jüngeren Elementen auch ältere und angesehene Leute sich eingefunden hatten, welche in das Freikorps als Volontäroffiziere eingetreten waren. An einem Tische saßen der Staatsrat Graf Dohna, der Geheime Obersteuerrat Beuth, der Landrat von Petersdorff und der Regierungsrat Schroer, und alle in der einfachen dunklen Uniform. Man hielt um dieser »Kameraden« willen den lustigen Geist einigermaßen zurück, der sonst hier zu walten pflegte, aber nachdem dieselben sich entfernt, brach er mit verdoppelter Lebhaftigkeit hervor.
Zu Seite 27.
Wer ein Musikinstrument spielen konnte, brachte es herbei, und Fiedel und Flöte, Trompete und Waldhorn wurden laut.
Konrad Schmidt besaß eine prächtige Stimme und spielte die Guitarre, was auch Theodor Körner that, und nachdem das im Kreise der Genossen erst einmal bekannt geworden war, brauchte er sich nur zu zeigen, um sofort aufgefordert zu werden zu einem Liede.
So war's auch heute, und Walther, der mit seiner kurzen Pfeife im Munde, den treuen Hund zu Füßen dasaß, hatte seine helle Freude an dem frischen Jungen, wie er so dastand in seinem Reiteranzug, sein Instrument in der Linken hielt und nun frisch anstimmte:
Frisch auf, ihr Kam'raden! Wir zieh'n in das Feld,
Wir haben unser Herz auf Franzosen gestellt,
Die Wehr und der Mut sind geschliffen und blank,
Drum her mit Franzosen! Die Zeit wird uns lang,
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Hurra ist Franzosen ein tödlicher Klang.
Es war Ernst Moritz Arndt's kräftiges »Marschlied«, das dieser im Jahre 1812 gedichtet hatte und das zumal den Studenten genug bekannt war, und darum konnten andere mit einstimmen und volltönig brausten die letzten Strophen:
Heraus alle! Rufet am lautesten Gott!
Und machet die schnöden Tyrannen zu Spott!
Mit Schwertern und Lanzen in blutiger Jagd
So jaget die Räuber bei Tag und bei Nacht;
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Hasasa! Trarara! Die lustige Jagd!
Auf! spielet, Kanonen, zum lustigen Tanz!
Auf, blitzet, ihr Säbel, den blinkenden Glanz!
Auf, wirbelt, ihr Trommeln, in Saus und in Braus!
Auf, wehet, ihr Fahnen, zum Himmel hinaus!
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Wir ziehen zum Sieg oder Tod heut' hinaus.
Während die letzte Strophe erklang, war ein junger Mann in der Lützowschen Reitertracht in die Thür getreten. Es war ein hagerer, sehniger Gesell mit rötlich blonden Haaren, in dessen Gesicht ein hämischer Zug stand, der an dem verzogenen Munde besonders hervortrat. Auch seine Augen hatten nichts Freies und Offenes.
Als er Konrad Schmidt erblickte, huschte über das farblose Gesicht eine plötzliche Röte, und in den Blicken zuckte es unfreundlich auf. Nachdem das Lied zu Ende war, und lautes Hurrarufen, fröhliches Zusammenklirren der Trinkgefäße erscholl, trat er, eben da Walther seinem jungen Freunde die Hand zu herzlichem Drucke reichte, auf diesen zu, sah ihm vorgeneigt, lauernd und höhnisch in's Gesicht und rief:
»Er ist's wahrhaftig! Hähnchen, wie kommst du in den Anzug für Männer? – Hier wird nicht Soldat gespielt!«
Der Ton, in welchem die Worte gesprochen wurden, zeigte, daß der Redende nicht ganz nüchtern war, und obwohl Schmidt, da er ihn ansah, sich ein wenig verfärbte, wendete er sich doch sogleich ab und ließ sich neben Walther nieder. Da legte sich die Hand des andern auf seine Schulter:
»He, Hähnchen! Merkst du nicht, daß ein anständiger Mensch dir die Ehre anthut, dich anzureden?«
Widerwillig schüttelte der Angesprochene die Hand von sich ab und ohne sich umzukehren, sprach er mit möglichster Ruhe und Festigkeit, indem er auf Walther zeigte:
»Ich rede hier mit einem anständigen Menschen!«
»Was soll das heißen?« brauste der andere auf.
»Das heißt, daß ich mit dir nichts zu thun habe,« erwiderte Konrad; jetzt aber schrie der Fremde laut:
»Aber ich mit dir! Ich will's in alle Ohren hier hineinrufen, wer du bist! Ein Ankläger, ein Verschwärzer, ein elender Denunziant! Ja hört es alle – nehmt euch vor dem da in acht, vor dem Schmidt – das kleine Hähnchen beißt hinterrücks …«
Konrad war aufgesprungen, erblaßt bis in die Lippen und stand mit geballten Fäusten. Einige waren herbeigeeilt und wußten nicht, was sie von der Sache denken sollten, aber sie sahen den Fremden doch mit etwas mißtrauischen Blicken an. Der aber lachte höhnisch:
»Seht ihn nur an, wie er käseweiß dasteht – hat das große Maul von Courage und besitzt keine!«
Wütend wollte sich Konrad auf ihn stürzen, da stand schon ein anderer dazwischen, der Förster Walther. Ihm brannte der Zorn in dem ehrlichen Gesichte und mit beiden Fäusten hatte er den Ruhestörer an den Schultern erfaßt:
»Schandmaul!« knirschte er ingrimmig, indem er den andern schüttelte, daß derselbe in allen Knochen zu schlottern schien, während gleichzeitig Flott die weißen Zähne zornig fletschte. Der Fremde wollte sich wehren und sprechen, aber unter den eisernen Händen Walthers war beides unmöglich. Wie ein Bündel Kleider zusammengerüttelt, flog er jetzt zur offenen Thüre hinaus, und ein lautes, lustiges Gelächter dröhnte ihm nach. Der Förster war von der Stunde ab eine besonders geachtete Persönlichkeit.
Jetzt drängten sich alle um Konrad Schmidt.
»Wer ist der Bursche? – Woher kommt er? – Seit wann haben wir den unter uns?«
Der Gefragte zwang sich zur Ruhe, indem er erwiderte:
»Er scheint erst seit heute in Rogau zu sein. Wer er ist? – Bastian heißt er, und ist der Sohn eines Gutsherrn in meinem Heimatdorfe.«
»Und zum Henker, was habt Ihr miteinander? Laß es klar werden, Konrad – denn daß du nicht im Unrecht bist, dafür leg' ich meine Hand ins Feuer!« rief Zander, und auch die andern drängten, daß er erzähle.
»Ach, es ist ja nicht der Rede wert, und Bastian war nicht nüchtern, sonst hätt' er nicht die Sache vom Zaune gebrochen!«
»Wir wollen's hören! – Zwischen Kameraden muß Klarheit sein! – Wir müssen wissen, mit wem wir's zu thun haben!« scholl es ringsum, alle drängten um Schmidt, und dieser berichtete endlich unter offenbarem Widerstreben:
»Wir sind in demselben Dorfe aufgewachsen und er ist etwa drei Jahre älter als ich. Sein Vater war der Patronatsherr des meinen, und ich mußte mir's schier zur Ehre rechnen, mit dem Sohn des Gutsherrn umgehen zu dürfen. Er war ein gewaltthätiger, roher Junge von früh auf und ich habe mir viel von ihm müssen gefallen lassen, weil mein Vater in seiner Stellung ängstlich war. Beim Soldatenspiel hat er mich manchmal durchgebläut, und ich nahm's hin als etwas, was so sein mußte. Aber als wir heranwuchsen, kam mir doch das Selbstbewußtsein, und ich ließ mir nicht alles mehr gefallen und brauchte wohl auch meine Fäuste, freilich meist mit wenig Erfolg, denn er war der Stärkere. So kam es, daß wir uns nicht verstanden und innerlich immer mehr verloren, je älter wir wurden, denn die Roheit seines Wesens stieß mich ab. Als ich zum erstenmal von der Hochschule heimkam, wollt' er mich wieder als das «Hähnchen» behandeln, wie er mich spottweise genannt hatte, aber das hab' ich mir sehr deutlich verbeten, und nun ging er mir aus dem Wege. Er hatte besonders einen widerwärtigen Zug, das war seine Neigung zu Tierquälereien, die er an allen Wesen bekundete, und die schon in Knabentagen oft die Ursache erbitterten Streites zwischen uns gewesen war. Die Neigung schien bei ihm mit den Jahren zu wachsen, denn gerade als ich ihn nach einiger Zeit wieder sah, mißhandelte er seinen Hund in der denkbar rohesten Weise. Ich wollte ihn davon abbringen, aber mir zum Trotze, hohnlachend, vermehrte er noch seine Mißhandlung, so daß ich mich entsetzt abwandte. Damals begegnete ich seinem Vater, einem braven, ehrenfesten Landwirt, und in meiner schweren Erregung teilte ich ihm mit, was ich eben erlebt, und bat ihn, seinem Sohne kein Tier unter die Hand zu geben! Das war meine Verschwärzung und Denunziation, wie er es nennt, und das trägt er mir um so mehr nach, als sein braver Vater damals ihn, den großen Bengel, mit seiner Hundspeitsche gezüchtigt hat wie einen elenden Buben, und wie er's verdiente. Er wollte mir die Prügel heimzahlen, aber ich war nicht mehr der schwache Pastorsjunge, das «Hähnchen» – ich habe ihm die Peitsche entrissen und zerbrochen vor die Füße geworfen. Das ist alles. Es thut mir leid, daß ich's erzählen mußte, und thut mir auch leid, daß Bastian hier ist. – Aber nun laßt mich gehen!«
Die Stimmen schwirrten durcheinander in Lauten der Entrüstung und des Beifalls, und die Gefährten drängten sich um Konrad, um ihm die Hand zu drücken. Dieser aber verließ mit einem kurzen Gruße, begleitet von Walther und von Zander, die Schenkstube.
Der Förster begleitete die beiden andern nur eine kurze Strecke, dann kehrte er um, diese aber wanderten weiter gegen Rogau. Konrad war gedrückt und verstimmt, und sein Gefährte suchte ihn aufzurichten.
»Laß dich die Unverschämtheit des Burschen nicht grämen! Du hast alle Kameraden auf deiner Seite, und du weißt, daß sie etwas auf dich halten!« sagte er.
Schmidt aber erwiderte:
»Das ist ja schön und lieb, aber bitter ist's doch, wenn zwischen die herrlichsten Gefühle der Begeisterung und der Vaterlandsliebe sich so erbärmlich kleine Gehässigkeit drängt. Es wirft mir einen Schatten in die Seele!«
»Den singen und fechten wir heraus. Laß es nur erst an ein fröhliches Streiten gehen, dann schwindet alles vor dem einen großen Gedanken, der uns zusammengeführt hat, und dein Bastian müßte ein Lump bis in die Knochen hinein sein, wenn's ihm anders ums Herz wäre.«
Sie waren bis nahe an Rogau herangekommen. Der Mond war aus den Wolken hervorgetreten und beleuchtete mit seinem milden Lichte das Dorf und die Landstraße. Auf dieser sahen sie vor sich her einen Mann in der Lützower Reiteruniform etwas unsichern Ganges sich fortbewegen, und sie erkannten Bastian. Auch dieser hatte sie bemerkt und blieb stehen. Die zwei hielten ihren Schritt nicht an, und Zander meinte, daß ihn wohl sein Auftreten in Zobten reue und daß er sich entschuldigen werde; Konrad Schmidt schüttelte den Kopf, er wußte es besser.
Als sie an Bastian herankamen, lachte dieser höhnisch auf:
»Ah, das Hähnchen braucht eine Bedeckung, weil es allein keine Courage hat!«
Da fuhr Zander auf; er trat hart an den Halbtrunkenen heran, und sagte ernst und fest:
»Schäme dich, Gesell!«
»Wer sind Sie denn, Herr, daß Sie mich so ohne weiteres duzen? – Ich wüßte nicht …«
»Ach was, rechne dir's zur Ehre, wenn ich's thue, denn es geschieht wahrlich nicht dir, sondern nur dem Rock zulieb, den du trägst, und hüte dich, ihm keine Schande zu machen! Und noch eins will ich dir sagen: Wenn du dich unterfängst, noch einmal mit einem Worte oder auch nur einer Miene meinen Freund Konrad Schmidt zu kränken, hast du's mit mir, und ich meine auch mit der halben Eskadron zu thun. Ich heiße Ludwig Zander.«
Der Sprecher sah so kräftig, stattlich und männlich fest aus, und der Ton, in welchem er sprach, war so bestimmt, daß Bastian unwillkürlich zwei Schritte zurückwich und nichts zu erwidern wagte. Konrad war seines Weges weiter gegangen und hatte sich gar nicht um ihn gekümmert, und Bastian sah nun, wie Zander dem Freunde nacheilte, seinen Arm in dessen Arm schob, und wie die beiden so verschlungen ihres Weges weiter gingen. Finster, ernüchtert, ärgerlich schritt er ihnen nach.
Die Ungeduld der Lützower wuchs; das Müßigliegen paßte den wenigsten, dem Führer selbst wahrlich auch nicht, aber mit der Ausrüstung des Korps wollte es nicht recht von statten gehen, und die Bewaffnung besonders ließ viel zu wünschen übrig. Das Fußvolk hatte die verschiedenartigsten Gewehre, mitunter recht wenig brauchbare Waffen mit Steinschloß und konischem Zündloch, die bei Regenwetter kaum verwendbar waren und eine sehr geringe Treffsicherheit hatten. Viele hatten überhaupt kein Gewehr, sondern eine Pike wie die Ulanen. Die Säbel waren gleichfalls mangelhaft und vielfach von Grobschmieden in aller Eile hergestellt. Auch das Sattelzeug für die Pferde, das meist von den Reiterregimentern als weniger brauchbar zurückgesetzt worden war, ließ viel zu wünschen: die ungarischen Böcke waren fast lauter Ausschuß, und die Decken waren elend und hart, so daß die Tiere leicht gedrückt und wund gerieben wurden.
Aber der Geist im Korps war ein ausgezeichneter, und alle Herzen schlugen in heißer Erwartung dem Ausmarsch entgegen. Da kam eines Morgens, da man nach gewohnter Weise beim Exerzieren war, Körner dahergesprengt, und wie er an die Ersten heranritt, rief er ihnen zu: »Hurra, es geht los! In den nächsten Tagen geht es gegen den Feind!«
Wie ein Lauffeuer ging das Wort weiter. Die einzelnen Abteilungen, die eben noch unter Zucht und Disciplin standen, lösten sich auf, Offiziere und Gemeine liefen durcheinander und drängten zu Körner heran, der aber verkündete es laut:
»Ich hab's vom Major selbst. Die Franzosen haben Dresden besetzt und schieben ihre Vorposten gegen Bautzen. Wir haben vom General Scharnhorst die Weisung, aufzubrechen ins Sachsenland! Hurra!«
Und jauchzend erklang der Kriegsruf aufs neue über das Feld.
Noch an demselben Tage erhielt das Korps von Lützow den Befehl, am nächsten Morgen in Paradeausrüstung sich in Zobten aufzustellen zur feierlichen, kirchlichen Einsegnung. Und so geschah es.
Es war an einem Sonnabend. Der Tag war freundlich und die Herzen gehoben. Das kleine Städtchen Zobten aber hatte wohl noch niemals eine solche Erregung gesehen. Die ganze Bevölkerung war zusammengeströmt auf dem freien Felde, wo die Lützower sich heute festlich scharten. Da standen sie stramm in Reih und Glied: Das Musketier-Bataillon mit dem Hauptmann von Helmenstreit an der Spitze, daran gereiht die 4 Kompagnien Fußvolk unter den Lieutenants von Heyligenstädt, von der Heyde, Staak und von Dittmar, und die freiwilligen Jäger zu Fuß unter dem Lieutenant Müller. Am rechten Flügel aber war die Kavallerie aufgeritten unter dem Rittmeister von Bornstaedt, und die Husaren und Ulanen mit ihren schmucken Dolmans, sowie die reitenden Jäger machten einen trefflichen Eindruck.
Jetzt kam der Major Lützow mit einigen Offizieren herangesprengt. Wie aus Erz gegossen saß er im Sattel, das Musterbild eines Reiters, und die ganze Gestalt atmete Kraft und Kühnheit. Unter seinem Reitertschako quoll das blonde Haar in Löckchen hervor, der blonde, keck gedrehte Schnurrbart und die blitzenden, blauen Augen gaben dem frischen, männlichen Gesichte einen ungemein kühnen Ausdruck, und der schwarze Pelz, den er, über der Schulter hängend, über dem verschnürten Waffenrocke trug, kleidete ihn außerordentlich vorteilhaft. Sein ganzes Wesen trug das Gepräge der Lebendigkeit und Thatkraft, zugleich aber auch der soldatischen Treuherzigkeit und Biederkeit, und es war begreiflich, daß seine Leute mit warmer Hingabe an ihm hingen.
Vor der Front der Truppen parierte er kurz sein Pferd, senkte den Säbel zum Gruße, und dann schallte sein Kommando kurz, kraftvoll und fest, und die kleine Armee setzte sich in Bewegung. Die Bevölkerung von Zobten gab ihr das Geleite hinüber nach Rogau, in dessen Kirchlein die Einsegnung stattfinden sollte, weil Zobten kein evangelisches Gotteshaus besaß und die weitaus meisten der Freiwilligen dem protestantischen Bekenntnis angehörten.
In das kleine Dorfkirchlein zogen die Männer in Wehr und Waffen, und bis zum letzten Plätzchen war es gefüllt von Andächtigen und Neugierigen. Wie der Eingang umrankt war von Guirlanden aus Eichenzweigen und Tannenreis, so war auch der einfache Altar geschmückt, und es zog wie der Duft des Waldes durch den schlichten Raum, während ein müdes Sonnenleuchten auf den schmucklosen Wänden lag und da und dort eine Waffe heller aufblitzen ließ.
Nun setzte die Orgel mit einem dünnen, schneidenden Klange ein zur Melodie des Chorals: »Ich will von meiner Missethat«, und dann erscholl es von tausend Stimmen, wie das kleine Kirchlein es niemals gehört hatte, ein Lied, das Theodor Körner zu dieser Feier besonders gedichtet hatte:
Wir treten hier im Gotteshaus
Mit frommem Mut zusammen,
Uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus,
Und alle Herzen flammen,
Denn was uns mahnt zu Sieg und Schlacht,
Hat Gott ja selber angefacht.
Dem Herrn allein die Ehre.
Der Herr ist unsre Zuversicht,
Wie schwer der Kampf auch werde;
Wir streiten ja für Recht und Pflicht
Und für die heil'ge Erde.
Drum, retten wir das Vaterland:
So that's der Herr durch unsre Hand.
Dem Herrn allein die Ehre.
Er weckt uns jetzt mit Siegeslust
Für die gerechte Sache;
Er rief es selbst in unsre Brust:
Auf, deutsches Volk, erwache!