ARTHUR DREY

DER UNENDLICHE
MENSCH

GEDICHTE

LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG

BÜCHEREI „DER JÜNGSTE TAG“ BAND 68/69

GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR

AUFBRUCH-MUSIK

Die Luft bebt wie ein Schall, der mir gebietet,

Daß ich die Düsterheit der Zeit zersprenge,

Daß alle Stirn, von Sonnen überblütet,

Zu einem lichten Menschentag gelänge.

Gesang von Worten, menschenheiliges Gut,

Die Harfe Ozean, der auferregt

Den Segler Erdgefährten, Strom und Blut

Der Pulse: — ist in meine Macht gelegt.

Wie wird mein Atemdasein heiß und schwer,

Wenn ich mich tief besinne in die Pflicht,

Daß ich der Sprache nachtumtostes Heer

Umfange im gesungenen Gedicht.

Doch wie ich leise, lauter, heller singe,

Erschwebt frohlockend meinem Licht und Blick

Ein Wissen: Daß ich in die Menschen dringe,

Mein Urwunsch Güte in das arme Glück.

Als sei ein Allumlieben zu erschwingen,

Wird mir der Erde stürmisches Gezelt

Voll jubelnd kühnen Lieds verliebtem Singen.

Und schlanke Leiber, flackernd aufgehellt,

Tollen den Tanz der Küsse ... im Gewühl

So linienwild, bis sie, sich überbiegend,

Hinsinken, mild, ein ausgespieltes Spiel,

Dem weich verwirrten Fliederbild erliegend.

Da ist Vergebung. Knaben sinnen treu

Den Ritter wie den Räuber; denn der böse

Entmenschte Feind ist ihnen fremd, und frei

Aufbäumt und beugt sich weite Herrschergröße,

Kein Wille klebt am eignen kleinen Weh.

Und auch der rauhe Mann ist wie ein Kind,

Voll froher Frommheit hält er die Idee,

Daß Sonne, Erde, Mensch das Heilige sind.

Oft hat mein Sehnen vor sich selbst gebebt!

Mein Aufwärtswollen wird auch dann nicht still,

Wenn über meinen Kopf die Welt sich hebt

Und wie ein giftiger See mich töten will.

Wie ein gehetztes Gemsenwild der Felsen

Errette ich den Stolz der freien Höhn.

Und von den Himmeln, da sich Donner wälzen,

Fühl’ ich Berufung wogend mich durchwehn.

Zurück! Hinab! Wo irrendes Entsetzen,

Wo Schlacht aufheult und metzelndes Verwühlen,

Geschürt von Führern, die die Völker hetzen,

Wo auf Ministerthronen Schurken spielen,

Wo blühnde Leiber, hingefällt in Stücke

Verklumpten Bluts, und Millionen Augen

In Nacht versinken — Eine Meuchlerclique

Will Krieg, daraus Tyrannenmut zu saugen!

Nicht stöhne, Stimme! Weit wie Firmament

Sei Zorn und Kraft und Heilung allem Dürsten

Des Volkes Mensch! Die waren nie getrennt,

Nur mordgepeitscht von roh’ und eitlen Fürsten!

Dein Wutwort, heller Sänger, es zertrete

Die Untat, die in Lügen sich verlarvt!

Bis ein Homer des Friedens im Gebete

Erwachse, weinend brausend hingeharft ...

Wie Blütenflut aus tiefen Wiesen dringt,

So bricht der Klänge Brandung aus dem Sänger,

Der blindgeboren noch die Sonne singt.

Wie einer Krone göttlicher Empfänger

Nimmt er die ganze buntgewirkte Zier

Der endlos wilden Erde ... so geeint

Mit jeder Blume, Pflanze, jedem Tier,

Daß Mensch zu sein uns wie ein Ruhm erscheint!

DU EWIGE

I

Laß mich deine Hände küssen,

Laß mich deine Hände fühlen!

Deine Lichtheit hat zerrissen,

Mich erdrückt mit ihrem Zielen.

O wie ist die Nacht der Augen!

O die weiche Glut der Wangen!

Immer will ich blühend saugen,

Will ich deinen Hauch umfangen.

Könnt’ ich mich in Träume schwingen,

Himmlisch wollt’ ich dich erheben;

Betend, weinend, jubelnd dringen

Meine Lieder dir ins Leben.

Ein von Blüten süß beschneiter

Morgen ist in deiner Lust.

Löse denn die losen Kleider,

Weiße Sonne deiner Brust!

II

Wie gefangen an den Lippen

Küss’ ich deines Atems Laut —

Blickend, trinkend bin ich liebend

Deiner Liebe tief vertraut.

Wie Posaunen tönt die Erde,

Wild und weich in deiner Macht.

Wer hat dieses Bild der Treue,

Deinen milden Blick erdacht?

Oh, in deinen heißen Armen

Ist ein Pressen und ein Ziehen

Wie zum goldenen Vergessen,

Singen, Summen, Saugen, Blühen.

Schweiget, wilde Erdentöne,

Laßt mich sterben, wenn ich lebe,

Laßt mich leben, wenn ich sterbe,

Daß ich mich zum Himmel hebe!

III

Fühlst du dich noch allein,

Mein wildgeküßtes Kind?

Wir wollen die Ewigkeit sein,

Wie unsre Sterne sind.

Wir kennen das dunkle Glück,

Das an sich selbst zerschellt: —

Wir wollen mit einem Blick

Die ganze wehende Welt!

Wir wollen blühend singen,

Wie Kinder, die wandern gehn,

Uns fliehend und knieend umschlingen

Wie eine Welt so schön!

Vom Jubel mitgerissen,

Der über die Erde weht ...

Bis wir hinsinken müssen

Auf dunkelnder Wiese Beet —

Auch hier noch müde liebend,

In seligem Empfangen

Von Abend, weich und trübend,

Von Träumen, die aufgegangen.

DER ZWEIFEL

TRAUERMARSCH

I

Wer hat das Schwefelschwarz der Todesnacht,

Den Sturz der Leiber heimlich ausgedacht?

Von Dunst beglitzert ziehen wir dahin,

Unsinnig flackert unser Daseinssinn.

Wir tappen Tänze wie im Singsangspiel,

Am Bühnenhorizont zerplatzt das Ziel.

Als Vagabunden, nur mit etwas Geld,

Begaffen und begaunern wir die Welt.

Selbst Glückesgrübler, Künstler, Staatenlenker,

Die Welt-Erneurer — sind nur Menschenhenker.

Es ist das unheilbare Leidensmal:

Der höchste Aufstieg zeugt die schwerste Qual.

Nur dann erhöht sich unser Menschenschritt,

Wenn er die Schwachgebornen niedertritt.

Doch wie wir uns auch in die Weiten dehnen,

Wir sind verseucht vom engen Erdenstöhnen.

Wir bleiben tolle Tölpel ohne Taten,

Teils voller Wahn, teils in den Schlamm geraten.

Das Erdentsetzen winselt weh und wund

Wie ein getretener verheulter Hund.

II

Weiter als der Wolkenfülle Stürme

Brechen unsre Wünsche ins Getürme

All der dunkel brüllend wilden Zeit,

Die kein Wille von sich selbst befreit.

Festgebunden an die Erdensperre,

Angekettet an das Schmerzgezerre,

Tragen wir den Ekel unsrer Lust,

Pfeile wilder Wachheit in der Brust.

Und wir beten, bitten, singen blind

In den leer verstreuten Aschenwind.

Und wir hängen an den milden Blicken,

Die wir träumen, um uns zu beglücken.

Freunde finden sich im Kämpfermut,

Todverwundet fluchen sie dem Blut.

Heulend, tosend tönen die Fanfaren,

Die den Tod der Erde offenbaren.

III

Der Lärm des Lebens knattert, pfeift und singt,

Ein Hagelsausen, das die Leiber düngt.

Muß an der Erde wie an einem Stein

Die unbegrenzte Brust gekreuzigt sein?

O möchte doch Aufruhrmusik erklingen,

In einen Taumeltraum die Leiber schwingen!

Doch schweige, Lust! Dein Aug’ ist nachtbenetzt,

Dein Weg ist todwärts durch den Raum gehetzt.

Wir können nicht die Erdenmacht zersprengen,

Solang wir Tiere sind in Felsenhängen.

Wir können nicht die Sonne niederreißen

Und nicht den Erdball in den Himmel schmeißen.

Wir sind gebannt, auch wenn wir rasend rennen,

An unser Fleisch, das wir den Menschen nennen.

Wir heulen einen tief zerstückten Schrei

Nach einem Sein, das mehr als Dasein sei.

Der kaum Geborne schreit schon Widerstand,

Als fürchte er den erdverfluchten Sand.

Was bleibt an Mut im Elendeinerlei?

Ein bißchen Glück, ein bißchen Narretei.

Man kreischt und zittert in den Erdenklippen —,

Und schweigt verbissen mit zerquälten Lippen.

Die Erdenfreunde sinken Blick in Blick —

Ein letzter Liebehaß zerreißt ihr Glück.

Und über allem brausen die Fanfaren,

Den Tod der Erde grell zu offenbaren.

FRAGENDER MENSCH

Das ist das Stumme meines Angesichts,

Daß ich nichts finde, was den Geist beseelt.

Nicht Welt, nicht Ich, nicht Alles und nicht Nichts:

Wohin mit mir? Mein Tag ist ausgehöhlt.

Was könnte ein Pistolenschuß mir geben?

Was ist der Tod? Ich kann nur immer fragen —

Und wer am Tod verzweifelt, will das Leben;

Ich bin geboren und ich muß mich tragen.

Doch wenn ich Leben will, weil Tod verhüllt ist,

Dann muß ich immer neu mich selbst gebären;

Dann ist das Lustgeheul, das nie gestillt ist:

Mutter und Kind, ein Geben und Begehren.

PIERROT

Ich will ganz leis anfangen: zu sprechen.

... Wenige Laute zuerst ... zitternd ...

Hört ihr das Kichern knacken und brechen,

Das in der Luft ist, gewitternd —?

Noch steh’ ich wie mein eigenes Denkmal da,

Bin mir selbst noch zu nah.

Ich muß von mir wegschreiten,

Lachend ... bis ich laut lache.

Bin ich nicht eine famose Sache,

He?

Ach, ich seh’:

Ihr seid alle dumm, zu dumm.

Dumm seid ihr ...

Hojoh! Wißt ihr, was eine Nacht ist?

Menschen, sagt es mir!

Ihr wißt nicht, was eine Nacht ist.

Ihr wißt nichts.

Gar nichts.

Ihr seid alle dumm, zu dumm.

Ich muß mein Hirn peitschen, schmeißen,

Weil es träge wird, was es nicht sollte!

Aber mein Maul kann ich noch aufreißen —:

Auweh! (Weiter war’s als ich wollte.)

Hui! ...

Hui! Hui!

Ich hab’ ein Liebchen, das will ich fangen.

Sie kriegt einen Kuß auf die Wangen —

Schade,

Auch das Küssen ist fade.

— — — — —

Ach Gott! Die Welt ist so weich und gebogen,

Warum sind die Wälder nicht spitz

Und noch spitzer der Himmel?

Um solchen Witz sind wir betrogen.

Alles ist nur immer Trauer

Und schmeckt öde und sauer

Wie alter Schimmel.

Und die Menschen sind ohne Projekte.

Eine hilflose Sekte.

Jetzt werd’ ich mich ducken,

Vielleicht auch hinlegen dann.

Und ihr sollt gucken,

Wie gut ich mich totstellen kann.

GUTE LATERNE

Noch weiter gehn?

Was will mir noch die Straße sein?

Die Steine sind noch härter als Matratzen,

Doch auch ein enges Bett will ich nicht sehn.

Verdammte Nacht! Ich hab’ mich rumgestritten

Mit bösen Freunden. Jetzt bin ich allein;

Sie sind verärgert mir hinweggeglitten,

Sie wollten mich an meinen Augen kratzen,

Ich sah so treu sie an, daß sie’s nicht konnten.

Ihr Blut ist Gift? Ich will davon nichts wissen.

Was darf man wissen? Alles ist verschwommen.

Alles ist Strom, in weiten Strom gerissen —

Ach, wär’ auch ich in Arme aufgenommen!

Laternen schwimmen viele. Pflück’ ich die gelben Rosen?

Halt, halt, du Welt! Ich kann schon nicht mehr mit.

An eine der Laternen werd’ ich hingestoßen.

Wer gab mir in die Kniee diesen Tritt?

Hab’ ich zu viel schon Welt in mich getrunken?

Oh! die Laterne, die mich halten konnte,

Ist dicht an mich und ich an sie gesunken,

So dicht, als ob sie mir, nur mir die Nacht besonnte.

Bin jetzt fast ruhig und mir selbst vorüber,

Die Kraft entsinkt, ich bin zu sehr zerfleischt.

Welt, strotzt dein Leib? Er ist Geschwür und Fieber,

Kraft ist nur Tollwut, die in Luft sich kreischt.

So sehr sah ich der Tage Wahnsinn nie,

Die Tierischkeit des menschlichen Gestells.

Was rasen Menschen? Und was schaffen sie?

Sie töten sich den Kopf an einem Fels.

Tut aus der Nacht sich nicht ein Mantel auf

Und legt sich weich und bettend auf mein Hirn?

Ach, käme nie der Morgen mehr herauf,

Das kalte meuchlerische Bleichgestirn.

Und doch, ich seh, die Nacht ist mir nicht weich,

Die Nacht ist nichts, was mich nicht auch verließ.

Ist gar nichts denn für mich, macht mich nichts arm, nichts reich?

Ist das der Tod? — Ein Lebender fragt dies.

Was soll ich jetzt mit mir beginnen?

Der ich mich ganz an die Laterne gebe?

Bin ich denn immer noch bei meinen Sinnen,

Obwohl ich leerer als ein Toter lebe?

Wohin auch sonst ich in der Welt mich bringe,

Mich zieht doch gar nichts an, ich bin so gräßlich lose.

Wenn mir die Zunge aus dem Munde hinge,

Das wäre wirklich keine dumme Pose.

Was sind die Häuser? Grünes Schafsgewimmel.