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[5. Kapitel]
[Inhalt]

[6. Kapitel]
[Inhalt]

Thomas Babington Macaulay’s

Geschichte von England

seit der

Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.


Aus dem Englischen.

Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.

Dritter Band
Leipzig, 1854.
G. H. Friedlein.

Fünftes Kapitel.

Jakob II.


[ Inhalt.]


Seite
[Whiggistische Flüchtlinge auf dem Festlande][5]
[Ihre Correspondenten in England][5]
[Character der Oberhäupter der Flüchtlinge][6]
[Ayloffe][6]
[Wade][7]
[Goodenough][7]
[Rumbold][7]
[Lord Grey][8]
[Monmouth][9]
[Ferguson][10]
[Schottische Flüchtlinge][13]
[Der Earl von Argyle][13]
[Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane][15]
[Fletcher von Saltoun][16]
[Unverständiges Benehmen der schottischen Flüchtlinge][16]
[Anstalten zu einem Unternehmen gegen England und Schottland][17]
[Johann Locke][19]
[Vorkehrungen der Regierung zur Vertheidigung Schottlands][20]
[Unterredung Jakob’s mit den holländischen Gesandten][20]
[Vergebliche Versuche, Argyle am Absegeln zu verhindern][20]
[Argyle’s Abreise von Holland][22]
[Argyle landet in Schottland][22]
[Argyle’s Zwistigkeiten mit seinen Begleitern][23]
[Stimmung der schottischen Nation][24]
[Argyle’s Truppe zerstreut][27]
[Argyle gefangen genommen][28]
[Argyle’s Hinrichtung][31]
[Rumbold’s Hinrichtung][32]
[Ayloffe’s Tod][33]
[Verwüstung von Argyleshire][34]
[Erfolglose Versuche, Monmouth’s Abreise von Holland zu verhindern][35]
[Monmouth’s Ankunft in Lyme][36]
[Seine Erklärung][37]
[Seine Popularität im Westen Englands][38]
[Zusammenstoß der Rebellen mit der Miliz in Bridport][39]
[Gefecht zwischen den Rebellen und der Miliz bei Axminster][41]
[Die Nachricht von dem Aufstande kommt nach London][41]
[Loyalität des Parlaments][41]
[Monmouth’s Empfang in Taunton][44]
[Monmouth nimmt den Königstitel an][46]
[Sein Empfang in Bridgewater][49]
[Vorkehrungen der Regierung zum Widerstande][50]
[Sein Plan auf Bristol][53]
[Er giebt den Plan auf Bristol auf][53]
[Gefecht bei Philip’s Norton][54]
[Monmouth’s Verzagtheit][55]
[Seine Rückkehr nach Bridgewater][56]
[Die königliche Armee schlägt bei Sedgemoor ein Lager auf][56]
[Schlacht von Sedgemoor][59]
[Verfolgung der Rebellen][63]
[Militairische Hinrichtungen][64]
[Monmouth’s Flucht][64]
[Seine Gefangennehmung][65]
[Sein Brief an den König][67]
[Er wird nach London abgeführt][67]
[Seine Unterredung mit dem Könige][68]
[Seine Hinrichtung][71]
[Wie das niedere Volk sein Andenken ehrte][73]
[Grausamkeiten der Soldaten im Westen][75]
[Kirke][75]
[Jeffreys reist zu den westlichen Assisen ab][79]
[Prozeß der Alice Lisle][79]
[Die blutigen Assisen][82]
[Abraham Holmes][85]
[Christoph Battiscombe][85]
[Die Gebrüder Hewling][86]
[Tutchin’s Strafe][88]
[Deportation von Rebellen][87]
[Confiscationen und Erpressungen][88]
[Habgier der Königin und ihrer Hofdamen][89]
[Verfahren gegen Grey, Cochrane, Storey, Wade, Goodenough und Ferguson][91]
[Jeffreys zum Lordkanzler ernannt][93]
[Cornish’s Prozeß und Hinrichtung][94]
[Prozeß und Hinrichtung Fernley’s und der Elisabeth Gaunt][95]
[Prozeß und Hinrichtung Bateman’s][97]
[Grausame Verfolgung der protestantischen Dissenters][97]
[6. Kapitel]

Whiggistische Flüchtlinge auf dem Festlande. [Gegen] das Ende der Regierung Karl’s II. hatten einige Whigs, welche in das ihrer Partei so verderblich gewordene Complot verwickelt waren und wußten, daß man ihnen den Untergang geschworen, in den Niederlanden eine Zufluchtsstätte gesucht.

Diese Flüchtlinge waren größtentheils Leute von heißblütigem Temperament, aber schwachem Urtheile, und überdies waren sie von der sonderbaren Täuschung befangen, die ihrer Lage eigen zu sein scheint. Ein Politiker, welcher durch eine feindliche Partei in die Verbannung getrieben wurde, erblickt die Gesellschaft, die er verlassen, in der Regel in einem falschen Lichte. Jeder Gegenstand erhält durch den Schmerz, durch die Sehnsucht und durch den Haß eine andre Gestalt und Färbung. Jede kleine Unzufriedenheit scheint ihm eine Revolution zu verkünden, jeder Tumult dünkt ihm ein Aufstand. Er ist nicht davon zu überzeugen, daß sein Vaterland sich nicht eben so schmerzlich nach ihm sehnt, wie er sich nach demselben sehnt, er bildet sich ein, daß alle seine alten Gesinnungsgenossen, die noch in der Heimath und im ungestörten Genusse ihres Vermögens sind, von den nämlichen Gefühlen gequält werden, welche ihm das Leben zu einer Last machen. Je länger seine Verbannung dauert, um so größer wird diese Täuschung. Die Zeit, welche den Feuereifer der zurückgelassenen Freunde dämpft, schürt den seinigen nur noch mehr an. Mit jedem Monate wird sein sehnsüchtiges Verlangen nach der Heimath stärker, und mit jedem Monate denkt sein Vaterland seltener an ihn und vermißt ihn weniger. Diese Täuschung wird fast zum Wahnsinn, wenn viele Verbannte, die um der nämlichen Sache willen leiden, an einer fremden Küste beisammenwohnen. Ihre Hauptbeschäftigung ist, davon zu sprechen, was sie einst waren und was sie vielleicht noch einmal werden können, einander zum Hasse gegen den gemeinschaftlichen Feind aufzustacheln und sich gegenseitig mit überspannten Hoffnungen auf Sieg und Rache zu nähren. So werden sie reif zu Unternehmungen, welche Jedermann, den die Leidenschaft nicht der Fähigkeit beraubt hat, die Wahrschein­lichkeiten zu berechnen, von vornherein für hoffnungslos erklären würde.

Ihre Correspondenten in England. [In] dieser Stimmung waren viele der Verwiesenen, die sich auf dem Continent gesammelt hatten. Der Briefwechsel, den sie mit England unterhielten, diente größtentheils nur dazu, ihre Gefühle noch mehr aufzureizen und ihr Urtheil irre zu führen. Ihre Nachrichten von dem Zustande der öffentlichen Meinung erhielten sie hauptsächlich von den schlimmsten Mitgliedern der Whigpartei, von Männern, welche Verschwörer und Pasquillanten von Profession waren, die von den Gerichten verfolgt wurden, die nur verkleidet durch abgelegene Gassen schleichen und sich zuweilen Wochen lang auf Böden oder in Kellern versteckt halten mußten. Die Staatsmänner, welche die Zierden der Vaterlandspartei gewesen waren, die Staatsmänner, welche später die Berathungen des Convents leiteten, würden ganz andere Rathschläge gegeben haben, als Männer wie Johann Wildman und Heinrich Danvers sie gaben.

Wildman hatte vierzig Jahre früher im Parlamentsheere gedient, sich aber in dieser Stellung mehr als Wühler, denn als Soldat ausgezeichnet, und hatte das Waffenhandwerk bald wieder aufgegeben, um andere Zwecke zu verfolgen, die seinem Character mehr zusagten. Sein Haß gegen die Monarchie hatte ihn angetrieben, sich in eine lange Reihe von Verschwörungen einzulassen, zuerst gegen den Protector und dann gegen die Stuarts. Wildman verband jedoch mit seinem Fanatismus eine zärtliche Sorge für seine persönliche Sicherheit. Er besaß eine seltene Geschicklichkeit darin, die Schwelle des Hochverraths nicht zu überschreiten. Niemand verstand es besser als er, Andere zu verzweifelten Unternehmungen durch Worte anzureizen, welche vor Gericht unschuldig, oder schlimmsten Falls doch nur zweideutig erscheinen konnten. Seine Verschlagenheit war so groß, daß er, obgleich er beständig complotirte, obgleich er von jeher als Verschwörer bekannt war und obgleich ihn eine rachsüchtige Regierung lange Zeit mit feindseligem Argwohn beobachtete, doch immer jeder Gefahr entging und ruhig in seinem Bette starb, nachdem er zwei Generationen seiner Mitschuldigen am Galgen hatte enden sehen.[1] Danvers war ein Mensch von gleichem Schlage, heißblütig, aber kleinmüthig, durch glühende Begeisterung fortwährend bis an den Rand der Gefahr getrieben, durch die Feigheit aber immer wieder an diesem Rande zurückgehalten. Er hatte unter einem Theile der Baptisten großen Einfluß, hatte viel zur Vertheidigung ihrer sonderbaren Ansichten geschrieben und sich durch den Versuch, das Verbrechen des Matthias und Johann von Leyden zu beschönigen, den strengen Tadel der ehrenwerthesten Puritaner zugezogen. Hätte er ein wenig Muth besessen, so ist es wahrscheinlich, daß er in die Fußtapfen der Elenden getreten wäre, die er vertheidigte. Er mußte sich damals vor den Beamten der Justiz verbergen, da wegen einer grobverleum­derischen Schrift, als deren Verfasser die Regierung ihn entdeckt hatte, Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen waren.[2]

[1.] Clarendon’s History of the Rebellion, book XIV.; Burnet’s Own Times, I. 546, 625; Wade’s and Ireton’s Narratives, Lansdowne M.S. 1152; West’s Anklage im Anhange zu Sprat’s True Account.

[2.] London Gazette, Jan. 4. 1684/85; Ferguson M.S. in Eachard’s History, III. 764; Grey’s Narrative; Sprat’s True Account; Danvers’s Treatise on Baptism; Danvers’s Innocency and Truth vindicated; Crosley’s History of the English Baptists.

Character der Oberhäupter der Flüchtlinge. [Man] kann leicht denken, welcher Art die Mittheilungen und Rathschläge waren, die solche Männer den Geächteten in den Niederlanden zukommen ließen. Nach einigen wenigen Proben wird man sich eine Vorstellung von dem allgemeinen Character der Letzteren bilden können.

Ayloffe. [Einer] der hervorragendsten unter ihnen war Johann Ayloffe, ein Jurist, der mit den Hyde, und durch die Hyde wieder mit Jakob verwandt war. Er hatte sich schon frühzeitig durch eine sonderbare Beleidigung der Regierung bemerkbar gemacht. Zu der Zeit nämlich, als der Einfluß des Hofes von Versailles allgemeinen Unwillen erregte, hatte er einen hölzernen Schuh, bei den Engländern das feststehende Sinnbild der französischen Tyrannei, auf den Präsidentenstuhl des Hauses der Gemeinen gelegt. Später hatte er an dem whiggistischen Complot Theil genommen, aber man hat keinen Grund zu der Vermuthung, daß er um den Plan, die königlichen Brüder zu ermorden, gewußt habe. Er war ein Mann von Talent und Muth, sein moralischer Charakter aber stand auf keiner hohen Stufe. Die puritanischen Theologen raunten einander zu, daß er ein gewissenloser Gallio oder etwas noch Schlimmeres sei und daß bei all seinem Eifer für die bürgerliche Freiheit die Heiligen wohl daran thun würden, jeden Umgang mit ihm zu vermeiden.[3]

[3.] Sprat’s True Account; Burnet I. 634; Wade’s Confession, Harl. M.S. 6845. Lord Howard von Escrick beschuldigte Ayloffe, daß er die Ermordung des Herzogs von York vorgeschlagen habe; aber Lord Howard war ein abscheulicher Lügner und diese Erzählung war kein Theil seines ursprünglichen Bekenntnisses, sondern wurde erst später als Supplement hinzugefügt und verdient daher durchaus keinen Glauben.

Wade. [Nathaniel] Wade war ebenfalls Jurist, wie Ayloffe. Er hatte lange in Bristol gewohnt und war in seiner Umgebung als ein heftiger Republikaner gepriesen worden. Einmal hatte er sich vorgenommen, nach New-Jersey auszuwandern, wo er Institutionen zu finden hoffte, die seinem Geschmacke besser zusagten als die englischen. Seine Thätigkeit bei den Parlamentswahlen hatten die Aufmerksamkeit einiger vornehmen Whigs auf ihn gelenkt, sie bedienten sich seiner als Anwalt und zogen ihn endlich zu ihren geheimsten Berathungen. Er war bei dem Insurrectionsplane stark betheiligt und hatte es unternommen, sich in seiner eignen Stadt an die Spitze eines Aufstandes zu stellen. Ebenso war er in das verwerflichere Complot gegen das Leben Karl’s und Jakob’s eingeweiht gewesen, aber er erklärte stets, daß er zwar davon gewußt, es aber durchaus verabscheut und sogar versucht habe, seine Mitverschwornen von der Ausführung ihres Planes abzubringen. Für einen zu bürgerlichen Berufsgeschäften herangebildeten Mann besaß Wade in seltenem Maße die Umsicht und Energie, welche die Haupterfordernisse eines guten Soldaten sind. Leider aber erwiesen sich seine Grundsätze und sein Muth nicht stark genug, um ihn nach beendetem Kampfe, als er im Gefängniß zwischen Tod und Schande zu wählen hatte, aufrecht zu erhalten.[4]

[4.] Wade’s Confession, Harl. M.S. 6845; Lansdowne M.S. 1152; Holloway’s Erzählung im Anhange zu Sprat’s True Account. Wade gestand zu, daß Holloway nur die Wahrheit gesagt hatte.

Goodenough. [Ein] andrer Flüchtling war Richard Goodenough, der früher Untersheriff von London gewesen war. Diesen Mann hatte seine Partei lange zu Dienstleistungen nicht sehr ehrenwerther Art benutzt, besonders wenn es darauf ankam, Geschworne zu wählen, von denen man hoffen durfte, daß sie bei politischen Prozessen nicht allzu gewissenhaft sein würden. Er war tief verwickelt gewesen in die schwarzen und blutigen Anschläge des Whigcomplots, welche vor den achtungswertheren Whigs sorgfältig geheim gehalten wurden. Bei ihm konnte man nicht als mildernden Umstand anführen, daß er durch übergroßen Eifer für das Gemeinwohl irre geleitet worden sei, denn wir werden später sehen, daß er, nachdem er eine edle Sache durch seine Verbrechen geschändet, sie schließlich verrieth, um der wohlverdienten Strafe zu entgehen.[5]

[5.] Sprat’s True Account an mehreren Stellen.

Rumbold. [Ein] ganz andrer Character war Richard Rumbold. Er war Offizier in Cromwell’s Leibregiment gewesen, hatte am Tage der großen Hinrichtung das Schaffot vor dem Bankethause bewacht, bei Dunbar und Worcester gefochten und stets in hohem Grade die Eigenschaften gezeigt, durch welche sich das unbesiegbare Heer, in dem er diente, auszeichnete: einen unerschütterlichen Muth, eine glühende Begeisterung, sowohl in politischer als in religiöser Hinsicht, und neben dieser Begeisterung doch die ganze Kraft der Selbstbeherrschung, welche Männern eigen ist, die in wohldisciplinirten Lagern befehlen und gehorchen gelernt haben. Nach erfolgter Auflösung der republikanischen Armee wurde Rumbold Mälzer und betrieb sein Geschäft unweit Hoddesdon in dem Hause, von dem das Ryehousecomplot seinen Namen hat. Bei den Berathungen der Heftigsten und Rücksichts­losesten unter den Mißvergnügten war vorgeschlagen, doch nicht definitiv beschlossen worden, daß bewaffnete Männer in das Roggenhaus gelegt werden sollten, um die Eskorte anzugreifen, welche Karl und Jakob von Newmarket nach London begleitete. An diesen Berathungen hatte Rumbold einen Antheil genommen, von dem er mit Abscheu zurückgebebt sein würde, wäre nicht durch den Parteigeist sein heller Verstand umnebelt und sein männliches Herz verdorben gewesen.[6]

[6.] Sprat’s True Account & Appendix; Untersuchung gegen Rumbold in der Collection of State Trials; Burnet’s Own Times, I. 633; Anhang zu Fox’s History No. IV.

Lord Grey. [Hoch] erhaben über die bis jetzt angeführten Verbannten war Ford Grey, Lord Grey von Mark. Er war ein eifriger Exclusionist gewesen, hatte Antheil an dem Insurrectionsplane gehabt und war in den Tower gesperrt worden, wo es ihm jedoch gelang, seine Wächter betrunken zu machen und auf das Festland zu entkommen. Er besaß hervorragende Talente und gewinnende Manieren, aber ein großes häusliches Verbrechen warf einen Flecken auf sein Leben. Seine Gattin war eine Tochter des edlen Hauses Berkeley, und ihre Schwester, Lady Henriette Berkeley, durfte mit ihm, als mit einem Blutsverwandten, verkehren und correspondiren. So entstand eine verhängnißvolle Zuneigung. Der lebhafte Geist und die heftige Leidenschaft der Lady Henriette durchbrach alle Schranken der Tugend und Schicklichkeit und eine skandalöse Entführung enthüllte dem ganzen Königreiche die Schande zweier vornehmen Familien. Grey nebst einigen von den Helfers­helfern, die ihm bei seinem Liebeshandel gedient hatten, wurden unter der Anklage einer Verbindung zu gesetzwidrigem Zwecke vor Gericht gestellt und es ereignete sich vor den Schranken der Kings Bench eine in den Annalen unsrer Justiz ohne Beispiel dastehende Scene. Der Verführer erschien mit frecher Stirn in Begleitung seiner Geliebten, und selbst in diesem unerhörten Falle wichen die großen whiggistischen Lords nicht von der Seite ihres Freundes. Die, welche er beleidigt, standen ihm gegenüber und wurden durch seinen Anblick zu Zornesausbrüchen gereizt. Der alte Earl von Berkeley überhäufte die unglückliche Henriette mit Vorwürfen und Verwünschungen. Die Gräfin gab unter häufigem Schluchzen ihre Zeugenaussage ab und fiel endlich in Ohnmacht. Die Geschwornen sprachen das „Schuldig“ aus. Als der Gerichtshof die Sitzung aufhob, forderte Lord Berkeley alle seine Freunde auf, daß sie ihm beistehen möchten, seine Tochter zu ergreifen; die Anhänger Grey’s schaarten sich um Letztere, auf beiden Seiten wurden Schwerter gezuckt, es entspann sich ein Gefecht in Westminster Hall und nur mit Mühe gelang es den Richtern und Gerichtsdienern, die Streitenden zu trennen. In unsrer Zeit würde ein solcher Prozeß den Ruf eines der Öffentlichkeit angehörenden Mannes schänden; damals aber war der Maßstab der Moralität unter den Großen so niedrig und die Parteiwuth so heftig, daß Grey nach wie vor bedeutenden Einfluß hatte, wenn auch die Puritaner, welche einen ansehnlichen Theil der Whigpartei bildeten, ihm mit einiger Kälte begegneten.[7]

Eine Seite von dem Character, oder man sollte vielleicht eher sagen von dem Schicksale Grey’s verdient besondere Erwähnung: man mußte zugestehen, daß er überall, auf dem Schlachtfelde ausgenommen, einen hohen Grad von Muth bewies. Mehr als einmal zwang sein würdevolles Benehmen und die vollkommene Beherrschung aller seiner Fähigkeiten in schwierigen Lagen, wo sein Leben und seine Freiheit auf dem Spiele standen, selbst Diejenigen zu lobender Anerkennung, die ihn weder liebten noch achteten. Als Soldat jedoch zog er sich, vielleicht weniger durch eigne Schuld als durch unglücklichen Zufall den entehrenden Vorwurf persönlicher Feigheit zu.

[7.] Grey’s Narrative; sein Prozeß in der Collection of State Trials; Sprat’s True Account.

Monmouth. [In] dieser Beziehung war er ganz verschieden von seinem Freunde, dem Herzoge von Monmouth. Monmouth war tapfer und unerschrocken auf dem Schlachtfelde, sonst aber überall weibisch und zaghaft. Seine Geburt, sein persönlicher Muth und sein einnehmendes Äußere hatten ihm eine Stellung verschafft, für die er sich durchaus nicht eignete. Nachdem er den Untergang der Partei, deren nominelles Oberhaupt er gewesen war, mit angesehen, hatte er sich nach Holland zurückgezogen. Der Prinz und die Prinzessin von Oranien erblickten nicht mehr einen Nebenbuhler ihn ihm, und sie gewährten ihm daher eine gastliche Aufnahme, denn sie hofften, sich durch freundliche Behandlung des Herzogs Anspruch auf den Dank seines Vaters zu erwerben. Sie wußten, daß die väterliche Zuneigung noch nicht erloschen war, daß Monmouth noch immer im Geheimen Geldunterstützungen von Whitehall erhielt und daß Karl es sehr ungnädig aufnahm, wenn Jemand von seinem Sohne Übles sprach, in der Hoffnung, sich dadurch bei ihm beliebt zu machen. Man hatte den Herzog in der Erwartung bestärkt, daß er, wenn anders er keine neue Veranlassung zu Mißfallen gab, bald in sein Vaterland zurückgerufen und in alle seine Ehrenstellen und Befehls­haberposten wieder eingesetzt werden würde. Von solchen Erwartungen beseelt, war er während des verflossenen Winters der Lebensnerv des Haags gewesen. Auf einer Reihe von Bällen in dem prächtigen Oraniensaale, dessen Wände in dem herrlichsten Farbenreichthum eines Jordaens und Hondthorst prangen, hatte er die hervorragendste Figur gespielt.[8] Er hatte die holländischen Damen mit dem englischen Contretanz bekannt gemacht und seinerseits von ihnen auf den Kanälen Schlittschuh laufen gelernt. Die Prinzessin hatte ihn bei seinen Ausflügen auf dem Eise begleitet, und es hatte oft die Verwunderung und die Heiterkeit der auswärtigen Gesandten erregt, wenn sie dort, in kürzeren Röcken, als sie in der Regel von so vornehmen, das strengste Decorum beobachtenden Damen getragen wurden, auf einem Beine dahinglitt. Der Einfluß des bezaubernden Engländers schien den düstern Ernst, der den Hof des Statthalters characterisirte, verscheucht zu haben, und selbst der finstre, gedankenvolle Wilhelm wurde heiterer gestimmt, wenn sein glänzender Gast erschien.[9]

Inzwischen vermied Monmouth sorgfältig Alles, was an dem Orte, von woher er Schutz erwartete, Anstoß erregen konnte. Er verkehrte überhaupt mit wenigen Whigs und gar nicht mit den heftigen Männern, welche in den schlimmsten Theil des Whigcomplots verwickelt gewesen waren. Daher beschuldigten ihn seine ehemaligen Gesinnungsgenossen laut der Unbeständigkeit und Undankbarkeit.[10]

[8.] In der Pepys’schen Sammlung befindet sich ein Kupferstich, der einen der Bälle darstellt, welche zu jener Zeit von Wilhelm und Marien im „Oranje Zaal“ gegeben wurden.

[9.] Avaux Neg. Jan. 25. 1685. Brief von Jakob an die Prinzessin von Oranien vom Januar 1684/85, unter Birch’s Auszügen im Britischen Museum.

[10.] Grey’s Narrative; Wade’s Confession, Lansdowne M.S. 1152.

Ferguson. [Von] keinem der Verbannten wurde diese Anklage mit größerer Heftigkeit und Bitterkeit erhoben, als von Robert Ferguson, dem Judas in Dryden’s großer Satire. Ferguson war ein Schotte von Geburt, aber er hatte lange in England gelebt. Zur Zeit der Restauration bekleidete er eine Pfarrstelle in Kent. Er war als Presbyterianer erzogen, die Presbyterianer aber hatten ihn aus ihrer Mitte gestoßen und er war zu den Independenten übergegangen. Dann war er Vorsteher einer von den Dissenters in Islington errichteten Akademie gewesen, welche mit der Westminsterschule und dem Charterhouse concurriren sollte, und hatte bei einer Versammlung in Moorfields vor einem großen Zuhörerkreise gepredigt. Auch hatte er einige theologische Abhandlungen geschrieben, die sich vielleicht noch in den staubigen Winkeln einiger alten Bibliotheken finden; aber obgleich er beständig Bibelstellen im Munde führte, so überzeugte sich doch Jeder, der in Geldangelegenheiten mit ihm zu thun bekam, sehr bald, daß er nichts als ein Schwindler war.

Endlich entzog er der Theologie fast ganz seine Aufmerksamkeit, um sie dem schlechtesten Theile der Politik zuzuwenden. Er gehörte zu der Klasse, die ein Geschäft daraus machen, erbitterten Parteien in unruhigen Zeiten Dienste zu leisten, vor denen der Rechtschaffene aus Abscheu, der Kluge aus Furcht zurückschreckt, zur Klasse der fanatischen Schurken. Er war heftig, bösartig, unempfänglich für die Wahrheit, ohne Gefühl für die Schande, von unersättlicher Ruhmsucht erfüllt, fand an Intriguen, Aufruhr und Unheil lediglich um ihrer selbst willen Vergnügen und arbeitete viele Jahre in den dunkelsten Minen des Parteiwesens. Er lebte unter Pasquillanten und falschen Zeugen, verwaltete eine geheime Kasse, aus welcher Agenten besoldet wurden, die zu schlecht waren, als daß man sie hätte anerkennen dürfen, und war Vorsteher einer geheimen Druckerei, aus der fast täglich anonyme Pamphlets hervorgingen. Er rühmte sich, daß er Schmähschriften um die Terrasse von Windsor herum ausgestreut und selbst unter das Kopfkissen des Königs gebracht habe. Bei solcher Lebensweise mußte er zu allerhand Listen seine Zuflucht nehmen, mußte mehrere Namen führen und hatte einmal in vier verschiedenen Stadttheilen Londons vier verschiedene Wohnungen. Bei dem Ryehousecomplot war er stark betheiligt und man hat Grund zu der Vermuthung, daß er der erste Urheber der blutigen Anschläge war, welche die ganze Whigpartei so sehr in Mißcredit brachten. Als die Verschwörung entdeckt war und seinen Genossen bange wurde, nahm er lachend Abschied von ihnen, indem er ihnen sagte, sie wären Neulinge, er sei an Flucht, Verstecke und Verkleidung gewöhnt und werde Zeit seines Lebens nie aufhören, zu conspiriren. Er entkam auf den Continent, aber selbst dort schien er nicht sicher zu sein. Die englischen Gesandten an den auswärtigen Höfen waren angewiesen, ein scharfes Auge auf ihn zu haben, und die Regierung versprach Demjenigen, der ihn ergreifen würde, eine Belohnung von fünfhundert Pistolen. Es war ihm auch nicht leicht, unbemerkt zu bleiben, denn sein breiter schottischer Accent, seine lange und hagere Gestalt, seine hohlen Wangen, seine beständig von der Perrücke beschatteten stechenden Augen, sein von einem Hautausschlage geröthetes Gesicht, sein gekrümmter Rücken und sein eigenthümlich wiegender Gang machten ihn überall, wo er sich zeigte, zu einer auffallenden Erscheinung. Aber obgleich er anscheinend mit ganz besondrem Eifer verfolgt wurde, so raunte man sich doch im Stillen zu, daß dieser Eifer eben nur scheinbar sei und daß die Gerichtsbeamten geheimen Befehl hätten, ihn nicht zu sehen. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß er wirklich ein erbitterter Unzufriedener war, aber man hat starken Grund, zu vermuthen, er habe für seine Sicherheit dadurch gesorgt, daß er in Whitehall vorgab, ein Spion gegen die Whigs zu sein und daß er der Regierung eben nur so viele Mittheilungen zukommen ließ, als zur Aufrechterhaltung seines Credits genügten. Diese Annahme erklärt auf die einfachste Weise das, was seinen Gesinnungsgenossen als eine unnatürliche Sorglosigkeit und Tollkühnheit erschien. Da ihm selbst nichts geschehen konnte, stimmte er jedesmal für den gewaltthätigsten und gefährlichsten Weg und lächelte mitleidig über den Kleinmuth von Männern, welche die schmachvolle Vorsichtsmaßregel, auf die er sich verließ, nicht getroffen hatten, und die sich daher zweimal besannen, ehe sie ihr Leben und Alles, was ihnen noch theurer war als das Leben, auf eine Karte setzten.[11]

Sobald er in den Niederlanden angekommen war, begann er über neue Pläne gegen die englische Regierung zu brüten und fand unter seinen Mitverbannten Männer, die seinen bösen Rathschlägen ein geneigtes Ohr liehen. Monmouth hielt sich indeß beharrlich fern von ihm, und ohne Beihülfe der ausgedehnten Popularität des Herzogs war unmöglich etwas auszurichten. Aber die Ungeduld und Tollkühnheit der Verbannten waren so groß, daß sie sich nach einem andren Führer umsahen. Sie schickten eine Gesandtschaft an den einsamen Ort am Ufer des Genfer Sees, wo Edmund Ludlow, einst ein ausgezeichneter Anführer in der Parlamentsarmee und ein hervorragendes Mitglied des hohen Gerichtshofes, sich schon seit vielen Jahren vor der Rache der wiedereingesetzten Stuarts verborgen hielt. Der ernste greise Rebell weigerte sich jedoch, seine Einsiedelei zu verlassen. Er habe das Seinige gethan, sagte er; wenn England noch zu retten sei, so müsse es durch jüngere Männer geschehen.[12]

Die unerwartete Erledigung der Krone veränderte die Gestalt der Dinge. Jede Hoffnung auf friedliche Rückkehr in ihr Vaterland, welche die verbannten Whigs vielleicht noch hegten, wurde durch den Tod eines sorglosen und gutmüthigen Fürsten und durch die Thronbesteigung eines in jeder Beziehung, ganz besonders aber in der Rache ungemein hartnäckigen Prinzen vernichtet. Ferguson war in seinem Elemente. So vollständig ihm altes Talent als Schriftsteller und Staatsmann fehlte, in so hohem Grade besaß er dagegen die nicht beneidenswerthen Eigenschaften eines Versuchers. So eilte er jetzt mit der tückischen Geschäftigkeit und Gewandtheit eines bösen Geistes von einem Verbannten zum andren, flüsterte jedem etwas ins Ohr und erregte in jeder Brust rachsüchtige Wuth und wilde Begierden.

Jetzt hoffte er auch von Neuem, daß es ihm doch noch gelingen werde, Monmouth zu verführen. Die Lage dieses unglücklichen jungen Mannes war eine ganz andre geworden. Während er im Haag tanzte und Schlittschuh lief und jeden Tag die Einladung zur Rückkehr nach London erwartete, stürzte ihn die Nachricht von seines Vaters Tode und von seines Oheims Thronbesteigung plötzlich ins tiefste Elend. Die in seiner Nähe Wohnenden konnten in der Nacht nach der Ankunft dieser Schreckensbotschaft seine Seufzer und sein lautes Jammergeschrei hören. Er verließ am folgenden Tage den Haag, nachdem er sowohl dem Prinzen als auch der Prinzessin von Oranien sein Ehrenwort gegeben, daß er durchaus nichts gegen die englische Regierung unternehmen werde, und nachdem sie ihn mit Geld zur Bestreitung seiner dringendsten Bedürfnisse versehen hatten.[13]

Monmouth’s Aussichten waren nicht glänzend. Es war nicht wahrscheinlich, daß er aus der Verbannung zurückgerufen werden würde, und auf dein Festlande konnte er nicht länger inmitten des Glanzes und der Festlichkeiten eines Hofes leben. Seine Verwandten im Haag scheinen ihn wirklich zugethan gewesen zu sein, aber sie konnten ihn fernerhin nicht offen beschützen, ohne ernste Gefahr, einen Bruch zwischen England und Holland dadurch herbeizuführen. Wilhelm machte ihm einen gutgemeinten und verständigen Vorschlag. Der Krieg zwischen dem Kaiser und den Türken, welcher damals in Ungarn wüthete, wurde von ganz Europa mit fast eben so großem Interesse verfolgt, als fünfhundert Jahre früher die Kreuzzüge. Viele tapfere Edelleute, Protestanten sowohl als Katholiken, fochten als Freiwillige für die gemeinschaftliche Sache des Christenthums. Der Prinz rieth Monmouth, sich in das kaiserliche Lager zu begeben, und versicherte ihn, daß es ihm dann nicht an Mitteln fehlen solle, um mit dem eines vornehmen Engländers würdigem Glanze aufzutreten.[14] Dies war ein vortrefflicher Rath; der Herzog aber konnte sich nicht dazu entschließen. Er begab sich nach Brüssel, begleitet von Henriette Wentworth, Baronesse Wentworth von Nettlestede, einem Fräulein von hoher Geburt und großem Vermögen, die ihn leidenschaftlich liebte, ihm ihre jungfräuliche Ehre und die Aussicht auf eine glänzende Verbindung aufgeopfert hatte, ihm in’s Exil gefolgt war und die er vor Gott als seine rechtmäßige Gattin betrachtete. Unter dem wohlthuenden Einflusse der weiblichen Freundschaft heilten auch bald die Wunden seines zerrissenen Herzens. Es schien, als hätte er in der stillen Zurückgezogenheit das Glück gefunden und vergessen, daß er einst die Zierde eines glänzenden Hofes und das Oberhaupt einer mächtigen Partei gewesen war, daß er Armeen befehligt und selbst nach dem Besitze eines Thrones gestrebt hatte.

Doch man gönnte ihm die Ruhe nicht. Ferguson wendete alle seine Versuchungskünste an. Grey, der nicht wußte, woher er noch eine Pistole nehmen sollte und der daher zu jedem, wenn auch noch so verzweifelten Unternehmen bereit war, unterstützte Ferguson. Man ließ seinen Kunstgriff unversucht, um Monmouth aus seiner Zurückgezogenheit hervorzulocken. Auf die ersten Einladungen, die er von seinem ehemaligen Bundesgenossen erhielt, antwortete er ablehnend. Er erklärte die Schwierigkeiten einer Landung in England für unüberwindlich, versicherte, er sei des öffentlichen Lebens überdrüssig, und bat darum, daß man ihn im ungestörten Genusse seines neugefundenen Glücks lassen möge. Doch er war nicht der Mann, der geschicktem und anhaltendem Drängen lange widerstehen konnte. Auch sagt man, daß er durch den nämlichen mächtigen Einfluß, der ihm seine Zurückgezogenheit so angenehm machte, überredet worden sei, dieselbe wieder aufzugeben. Lady Wentworth wollte ihn als König sehen. Ihre Einkünfte, ihre Juwelen und ihr Credit wurden ihm zur Verfügung gestellt, und obwohl Monmouth’s Verstand nicht überzeugt war, so hatte er doch nicht die Kraft, solchen Bitten zu widerstehen.[15]

[11.] Burnet I. 342. Wood. Ath. Ox. unter dem Namen Owen; Absalom and Achitophel, part II.; Eachard, III. 682. 697.; Sprat’s True Account an mehreren Stellen; Nonconformist’s Memorial; North’s Examen, 399.

[12.] Wade’s Confession, Harl. M.S. 6845.

[13.] Avaux Neg. Feb. 20. 22. 1685; Monmouth’s Brief an Jakob aus Ringwood.

[14.] The History of King William the Third, 2d. edition, 1703, vol. I. 160.

[15.] Welwood’s Memoirs, App. XV.; Burnet I. 630. Grey erzählt die Sache etwas anders, aber er erzählte sie, um sein Leben zu retten. Der spanische Gesandte am englischen Hofe, Don Pedro de Ronquillo, spöttelt in einem Briefe, den er um diese Zeit an den Statthalter der Niederlande schrieb, darüber, daß Monmouth von der Freigebigkeit eines verliebten Weibes lebe, und äußert den ganz ungegründeten Verdacht, daß des Herzogs Liebe nicht uneigennützig sei. „Hallandose hoy tan falto de medios que ha menester transformarse en Amor con Miledi en vista de la necesidad de poder subsistir.“ -- Ronquillo an Grana vom 30. März (9. April) 1685.

Schottische Flüchtlinge. [Die] englischen Verbannten empfingen ihn mit großer Freude und erkannten ihn einhellig als ihr Oberhaupt an. Allein es gab noch eine andre Klasse von Emigranten, welche nicht gemeint waren, seinen Befehlen zu gehorchen. Regierungsfehler, wie der südliche Theil unsrer Insel sie nie gekannt, hatte viele Flüchtlinge, deren maßloser politischer und religiöser Eifer im Verhältniß zu den Bedrückungen stand, die sie erduldet, aus Schottland auf den Continent getrieben. Diese Männer aber hatten keine Lust, einem englischen Anführer zu folgen. Ihr engherziger Nationalstolz verleugnete sich selbst in Armuth und Verbannung nicht, und sie wollten es nicht zugeben, daß ihr Vaterland in ihrer Person zu einer Provinz erniedrigt würde.

Der Earl von Argyle. [Sie] hatten einen eignen Anführer in ihren Reihen: Archibald, neunten Earl von Argyle, der als Oberhaupt des großen Stammes der Campbell bei der Bevölkerung der Hochlande unter dem stolzen Namen Mac Callum More bekannt war. Sein Vater, der Marquis von Argyle, war das Haupt der schottischen Covenanters gewesen, hatte viel zum Sturze Karl’s I. beigetragen, und die Royalisten waren der Meinung, daß er dieses Verbrechen dadurch noch nicht gesühnt habe, daß er seine Einwilligung dazu gab, Karl II. den leeren Königstitel und ein Staatsgefängniß in der Form eines Palastes zu gewähren. Nach der Rückkehr der königlichen Familie wurde der Marquis hingerichtet und sein Marquisat erlosch, aber sein Sohn erhielt die Erlaubniß, das alte Earlthum zu erben, und er gehörte so noch immer zu dem höchsten Adel Schottlands. Die politische Haltung des Earl während der zwanzig Jahre, welche auf die Restauration folgten, war, wie er später meinte, sündlich gemäßigt gewesen. Zwar hatte er in einigen Fällen der Regierung, unter deren Joch sein Vaterland seufzte, opponirt; aber sein Widerstand war schwach und vorsichtig gewesen. Seine Nachgiebigkeit in kirchlichen Dingen hatte strenge Presbyterianer verdrossen, und er war so weit entfernt gewesen, irgend eine Neigung zu gewaltsamem Widerstand zu zeigen, daß, als die Covenanters durch Verfolgung zum Aufstande getrieben wurden, er eine starke Truppe von Unterthanen ins Feld stellte, um die Regierung zu unterstützen.

Dies war seine politische Laufbahn gewesen, bis der Herzog von York, mit der ganzen Autorität eines Königs bekleidet, nach Edinburg kam. Der despotische Vicekönig überzeugte sich bald, daß er von Argyle keine ungetheilte Unterstützung zu erwarten hatte. Da der mächtigste Edelmann des Königreichs nicht gewonnen werden konnte, hielt man es für nöthig, ihn aus dem Wege zu räumen. Zu dem Ende wurde er auf Verdachtgründe hin, welche so unhaltbar waren, daß der Geist der Parteilichkeit und Chikane selbst sich ihrer schämte, wegen Hochverraths in Untersuchung gezogen, überführt und zum Tode verurtheilt. Die Anhänger der Stuarts versicherten später, man habe nie beabsichtigt, dieses Urtheil zu vollziehen, und die Anklage habe nur den Zweck gehabt, um ihn durch die Angst zur Abtretung seiner ausgedehnten Jurisdiction in den Hochlanden zu bewegen. Es läßt sich jetzt nicht mehr bestimmen, ob Jakob, wie seine Feinde argwöhnten, die Absicht hatte, einen Mord zu begehen, oder nur, wie seine Freunde behaupteten, durch die Androhung eines Mordes ein Zugeständniß zu erpressen. „Ich kenne das schottische Recht nicht“, sagte Halifax zum König Karl; „soviel aber weiß ich, daß wir hier in England aus Gründen wie die, auf welche hin Mylord Argyle verurtheilt worden ist, keinen Hund hängen würden[16].“

Argyle entkam verkleidet nach England und begab sich von da nach Friesland. In dieser entlegenen Provinz hatte sein Vater ein kleines Gut gekauft, das der Familie in bürgerlichen Unruhen als Zufluchtsort dienen sollte. Unter den Schotten hieß es, daß dieser Ankauf in Folge der Prophezeiung eines celtischen Sehers geschehen sei, dem die Offenbarung geworden, daß Mac Callum More dereinst von seinem alten Stammsitze in Inverary vertrieben werden würde[17]. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der kluge Marquis mehr durch die Zeichen der Zeit als durch die Visionen eines Propheten gewarnt wurde. In Friesland lebte Earl Archibald einige Zeit so ruhig, daß es nicht allgemein bekannt wurde, wohin er geflohen war. Er unterhielt an seinem Zufluchtsorte einen regelmäßigen Briefwechsel mit seinen Freunden in Großbritannien, nahm Theil an der Whigverschwörung und entwarf mit den Oberhäuptern dieser Verschwörung den Plan zu einem Einfall in Schottland[18]. In Folge der Entdeckung des Ryehousecomplots gab er diesen Plan auf; nach der Erledigung der Krone aber wurde derselbe wieder ein Gegenstand seines Nachdenkens.

Während seines Aufenthalts auf dem Continent hatte er über religiöse Fragen mehr nachgedacht, als in den vergangenen Jahren seines Lebens. Dieses Nachdenken hatte in einer Beziehung verderblich auf seinen Geist eingewirkt. Seine Vorliebe für die synodalische Form der Kirchenverfassung stieg jetzt bis zur Bigotterie. Wenn er bedachte, wie lange er sich dem eingeführten Gottesdienste unterworfen hatte, ward er von Scham und Reue ergriffen und zeigte sich nur zu sehr geneigt, seine Abtrünnigkeit durch Gewaltschritte und Unduldsamkeit wieder gut zu machen. Bald fand er indeß Gelegenheit zu beweisen, daß seine Furcht vor einer höheren Macht und seine Liebe zu derselben ihn zu den furchtbarsten Kämpfen gestählt hatte, durch welche die menschliche Natur geprüft werden kann.

Für seine Leidensgefährten war sein Beistand vom höchsten Gewicht. Obgleich geächtet und geflüchtet, war er doch in gewissem Sinne noch der mächtigste Unterthan des britischen Reiches. An Reichthum stand er wahrscheinlich, selbst vor seiner Verurtheilung, nicht nur dem hohen englischen Adel, sondern auch manchem begüterten Squire von Kent und Norfolk nach. Aber sein patriarchalisches Ansehen, ein Ansehen, das kein Reichthum geben und keine Verurteilung entziehen konnte, machte ihn als Oberhaupt eines Aufstandes wahrhaft furchtbar. Kein südlicher Lord hätte darauf rechnen können, daß wenn er es wagen würde, sich der Regierung zu widersetzen, auch nur seine Wildhüter und Jäger treu zu ihm gestanden wären. Ein Earl von Bedford oder ein Earl von Devonshire konnte sich nicht anheischig machen, zehn Mann ins Feld zu stellen. Mac Callum More dagegen konnte, obgleich ohne Mittel und seines Earlthums beraubt, jeden Augenblick einen ernsten Bürgerkrieg hervorrufen. Er brauchte sich nur auf der Küste von Lorn zu zeigen und binnen wenigen Tagen hatte er eine Armee um sich versammelt. Die bewaffnete Macht, die er unter günstigen Verhältnissen ins Feld stellen konnte, belief sich auf fünftausend Streiter, die ihm unbedingt gehorchten, an den Gebrauch des Schildes und des breiten Schwertes gewöhnt waren, einen Kampf mit regulären Truppen selbst im offenen Felde nicht scheuten und solchen Truppen vielleicht in den Eigenschaften überlegen waren, welche zur Vertheidigung in Nebel gehüllter und von reißenden Gießbächen zerklüfteter rauher Gebirgspässe erforderlich sind. Was eine solche Macht bei umsichtiger Leitung selbst gegen kriegserfahrene Regimenter und geschickte Anführer auszurichten vermochte, das zeigte sich wenige Jahre später bei Killiecrankie.

[16.] Prozeß gegen Argyle in der Collection of State Trials; Burnet, I. 521; A true and plain Account of the Discoveries made in Scotland, 1684; The Scotch Mist cleared; Sir George Mackenzie’s Vindication; Lord Fonntainhall’s Chronological Notes.

[17.] Untersuchung gegen Robert Smith im Anhange zu Sprat’s True Account.

[18.] True and plain Account of the Discoveries made in Scotland.

Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane. [So] großen Anspruch aber auch Argyle auf das Vertrauen der verbannten Schotten hatte, gab es doch eine Partei unter ihnen, die ihn nicht mit wohlwollendem Auge betrachtete und sich nur seines Namens und seines Einflusses bedienen wollte, ohne ihn mit einer wirklichen Gewalt zu betrauen. Das Oberhaupt dieser Partei war ein Edelmann aus dem schottischen Niederlande, der in das Whigcomplot verwickelt gewesen und nur mit Mühe der Rache des Hofes entgangen war: Sir Patrick Hume, von Polwart in Berwickshire. Gegen seine Rechtschaffenheit sind starke Zweifel erhoben worden, aber ohne haltbaren Grund. Soviel kann man jedoch nicht in Abrede stellen, daß er seiner Sache durch Verkehrtheit eben so viel schadete, als es durch Verrath hätte geschehen können. Er war eben so unfähig zum Führen wie zum Folgen, eingebildet, streitsüchtig und launenhaft, ein endloser Schwätzer, zaghaft und langsam bei Unternehmungen gegen den Feind, und nur thätig gegen seine eigenen Verbündeten. Mit Hume eng verbunden war ein andrer schottischer Verbannter von hohem Ansehen, der viele von den nämlichen Fehlern hatte, wenn auch nicht in gleichem Grade: Sir Johann Cochrane, zweiter Sohn des Earl von Dundonald.

Fletcher von Saltoun. [Eine] weit höhere Stufe gebührte Andreas Fletcher von Saltoun, einem Manne, der sich ebensowohl durch wissenschaftliche Bildung und Beredtsamkeit, als durch Muth, Uneigennützigkeit und Gemeinsinn auszeichnete, aber ein reizbares und unlenksames Temperament besaß. Gleich vielen seiner berühmtesten Zeitgenossen, wie Milton, Harrington, Marvel und Sidney, hatte auch ihm die schlechte Regierung mehrerer aufeinander­folgenden Fürsten einen entschiedenen Widerwillen gegen die erbliche Monarchie eingeflößt. Jedoch war er kein Demokrat. Er war das Oberhaupt eines alten normännischen Hauses und stolz auf seine Abkunft, war ein feiner Redner und Schriftsteller und bildete sich auf seine geistige Überlegenheit etwas ein. Als Gentleman wie als Gelehrter blickte er mit Geringschätzung auf das gemeine Volk herab und war so wenig geneigt, demselben eine politische Macht anzuvertrauen, daß er es sogar unfähig für den Genuß der persönlichen Freiheit hielt. Merkwürdig ist der Umstand, daß dieser Mann, der rechtschaffenste, furchtloseste und unbeugsamste Republikaner seiner Zeit, der Urheber eines Planes war, welcher dahin zielte, einen großen Theil der arbeitenden Klassen Schottlands zu Sklaven zu machen. Er hatte große Ähnlichkeit mit jenen römischen Senatoren, die, während sie den Königstitel haßten, doch mit unbeugsamem Stolze ihre Standesvorrechte gegen die Eingriffe der Menge vertheidigten und ihre Sklaven und Sklavinnen durch Block und Peitsche regierten.

Amsterdam war der Ort, wo sich die schottischen und englischen Führer der Emigranten versammelten. Argyle kam aus Friesland, Monmouth aus Brabant dahin. Es zeigte sich sehr bald, daß die Flüchtlinge kaum etwas Andres gemein hatten als den Haß gegen Jakob und den ungeduldigen Drang, aus der Verbannung in die Heimath zurückzukehren. Die Schotten waren eifersüchtig auf die Engländer, die Engländer eifersüchtig auf die Schotten. Monmouth’s hohe Ansprüche verdrossen Argyle, der, stolz auf seinen alten Adel und auf seine legitime Abstammung von Königen, durchaus nicht geneigt war, dem Sprossen einer flüchtigen und unedlen Liebe zu huldigen.

Unverständiges Benehmen der schottischen Flüchtlinge. [Doch] von allen Mißhelligkeiten, welche die kleine Schaar der Geächteten entzweiten, war die ernsthafteste das Zerwürfniß, welches zwischen Argyle und einem Theile seiner eigenen Begleiter ausbrach. Durch den lang andauernden Widerstand gegen die Tyrannei war der Geist und das Gemüth einiger der schottischen Verbannten in einen Zustand krankhafter Gereiztheit versetzt worden, der ihnen auch die vernünftigste und nothwendigste Beschränkung unerträglich machte. Sie wußten, daß sie ohne Argyle nichts vermochten. Aber sie hätten auch wissen sollen, daß sie, wenn sie nicht kopfüber ins Verderben stürzen wollten, entweder ihren Führer volles Vertrauen schenken, oder jedem Gedanken an ein militairisches Unternehmen entsagen mußten. Die Erfahrung hat zur Genüge bewiesen, daß im Kriege jede Operation, von der größten bis zur kleinsten, unter der unumschränkten Leitung Eines Geistes stehen und daß jeder ihm Untergeordnete in seiner Stellung blindlings und willig, ja sogar solchen Befehlen anscheinend freudig gehorchen muß, die er nicht gutheißen kann oder deren Beweggründe vor ihm geheimgehalten werden. Repräsentative Versammlungen, öffentliche Discussionen und alle die anderen Hemmungsmittel, durch welche die Herrscher in bürgerlichen Angelegenheiten am Mißbrauch der Gewalt verhindert werden, sind in einem Feldlager nicht angewandt. Macchiavell schrieb viele von den Unfällen, welche Venedig und Florenz trafen, mit Recht der eifersüchtigen Einmischung dieser Republiken in alle Schritte ihrer Generäle zu.[19] Die holländische Sitte, zu einer Armee Abgeordnete zu senden, ohne deren Einwilligung kein entscheidender Schlag geführt werden durfte, war fast eben so verderblich. Allerdings ist es keineswegs ausgemacht, daß ein Anführer, der im Augenblicke der Gefahr mit dictatorischer Gewalt bekleidet worden ist, diese Gewalt nach errungenem Siege ruhig wieder niederlegt, und dies ist einer von den zahlreichen Gründen, warum die Menschen so lange als möglich zögern sollten, ehe sie sich entschließen, die öffentliche Freiheit mit dem Schwerte zu vertheidigen. Haben sie sich aber einmal entschlossen, das Kriegsglück zu versuchen, dann werden sie auch, wenn sie klug sind, ihrem Führer die unumschränkte Gewalt übertragen, ohne welche ein Krieg nicht gut geführt werden kann. Möglich daß er sich, nachdem sie ihm diese Gewalt anvertraut haben, als ein Cromwell oder ein Napoleon erweist; aber es ist so gut als gewiß, daß, wenn sie ihm seine Autorität vorenthalten, ihre Unternehmungen enden werden, wie die Unternehmung Argyle’s endete.

Einige von den schottischen Emigranten boten, erhitzt von republikanischer Begeisterung, und des zur Führung großer Angelegenheiten erforderlichen Geschicks gänzlich bar, ihre ganze Thätigkeit und ihren ganzen Scharfsinn auf, nicht um Mittel zu dem Angriffe zu sammeln, den sie gegen einen furchtbaren Feind beabsichtigten, sondern um Beschränkungen der Macht ihres Führers und Bürgschaften gegen seinen Ehrgeiz zu ersinnen. Die selbstgefällige Beschränktheit, mit der sie darauf beharrten, eine Armee so zu organisiren, wie eine Republik, würde unglaublich erscheinen, wäre sie nicht von einem der Ihrigen selbst offen und sogar rühmend geschildert worden.[20]

[19.] Discorsi sopra la prima Deca di Tito Livio, lib. II. cap. 33.

[20.] Siehe Sir Patrick Hume’s Narrative an d. betr. Stellen.

Anstalten zu einem Unternehmen gegen England und Schottland. [Endlich] wurde aller Zwist geschlichtet und beschlossen, daß unverweilt ein Angriff auf die Westküste Schottlands versucht werden und daß demselben eine Landung in England auf dem Fuße folgen sollte.

Argyle sollte in Schottland nominell das Commando führen, wurde aber der Controle eines Ausschusses untergeordnet, der sich die Anordnung der wichtigsten militairischen Maßregeln vorbehielt. Dieser Ausschuß war ermächtigt zu entscheiden, wo die Expedition landen sollte, Offiziere zu ernennen, die Oberaufsicht über die Truppenaus­hebungen zu führen und Proviant und Munition zu vertheilen. Dem General blieb somit weiter nichts überlassen als die Leitung der eigentlichen Kriegsoperationen im Felde, und er mußte versprechen, daß er selbst im Felde, außer bei unerwarteten Überfällen, nichts ohne die Zustimmung eines Kriegsrathes thun werde.

Monmouth sollte in England commandiren. Sein weiches Gemüth hatte, wie gewöhnlich, Eindrücke von der ihn umgebenden Gesellschaft angenommen. Ehrgeizige Hoffnungen, welche anscheinend erloschen gewesen waren, regten sich aufs neue in seiner Brust. Er erinnerte sich der Liebe, mit der er jederzeit in Stadt und Land von dem Volke begrüßt worden war, und er erwartete, daß sie sich zu Hundert­tausenden erheben würden, um ihn willkommen zu heißen. Er gedachte der Zuneigung, welche die Soldaten stets für ihn gehegt hatten, und schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß sie regimenterweise zu ihm übergehen würden. Ermuthigende Zuschriften kamen ihm in rascher Aufeinanderfolge von London zu. Man versicherte ihm, daß die Gewaltthätigkeit und Ungerechtigkeit, mit der bei den letzten Wahlen verfahren worden war, die Nation empört, daß nur die Besonnenheit der Whighäupter mit Mühe einen blutigen Aufstand am Krönungstage verhindert habe und daß alle die vornehmen Lords, welche die Ausschließungsbill unterstützt, es kaum erwarten könnten, sich um ihn zu schaaren. Wildman, der gern in Gleichnissen Verrath predigte, ließ ihm sagen, daß gerade vor zweihundert Jahren der Earl von Richmond mit einer Handvoll Leuten in England gelandet und wenige Tage später auf dem Felde von Bosworth mit dem von Richard’s Haupte genommenem Diademe gekrönt worden sei. Danvers unternahm es, die City aufzuwiegeln. Man machte den Herzog glauben, daß sobald er sein Banner aufgepflanzt, Bedfordshire, Buckinghamshire, Hampshire und Cheshire zu den Waffen greifen würden.[21] In Folge dessen konnte er es nicht erwarten, das Unternehmen zu beginnen, vor dem er noch wenige Wochen vorher zurückgeschreckt war. Seine Landsleute legten ihm keine so unsinnigen Beschränkungen auf, wie die schottischen Emigranten sie ausgeklügelt hatten, man verlangte nichts weiter von ihm als das Versprechen, daß er den Königstitel nicht eher annehmen wolle, als bis seine Ansprüche dem Urtheile eines freien Parlaments unterbreitet worden seien.

Es ward beschlossen, daß zwei Engländer, Ayloffe und Rumbold, den Earl von Argyle nach Schottland begleiten und daß Fletcher mit Monmouth nach England gehen solle. Fletcher hatte dem Unternehmen von vornherein einen unglücklichen Ausgang prophezeit, aber sein ritterlicher Sinn gestattete ihm nicht, ein Wagstück abzulehnen, nach welchem seine Freunde begierig zu verlangen schienen. Als Grey die Äußerungen Wildman’s in Bezug auf Richmond und Richard beistimmend wiederholte, bemerkte der wohlbelesene und denkende Schotte sehr richtig, es sei ein großer Unterschied zwischen dem fünfzehnten und dem siebzehnten Jahrhundert. Richmond war des Beistandes von Baronen gewiß, deren Jeder ein Heer von Lehnsleuten ins Feld stellen konnte, und Richard hatte nicht ein einziges Regiment regulärer Soldaten.[22]

Es gelang den Verbannten, theils aus eigenen Mitteln, theils durch Beiträge von Freunden in Holland eine für beide Expeditionen genügende Summe aufzubringen. Von London erhielten sie nur sehr wenig. Sie hatten von dort sechstausend Pfund erwartet; anstatt des Geldes aber kamen Entschuldigungen von Wildman, welche Allen, die nicht blind sein wollten, die Augen hätten öffnen sollen. Der Herzog deckte den Ausfall, indem er seine eigenen Juwelen und die der Lady Wentworth verpfändete. Es wurden Waffen, Munition und Proviant gekauft und mehrere in Amsterdam liegende Schiffe damit befrachtet [23].

[21.] Grey’s Narrative; Wade’s Confession, Harl. MS. 6845.

[22.] Burnet, I. 631.

[23.] Grey’s Narrative.

Johann Locke. [Es] ist merkwürdig, daß gerade der ausgezeichnetste und am gröblichsten beleidigte Mann unter den britischen Verbannten sich von allen diesen übereilten Beschlüssen fern hielt. Johann Locke haßte Tyrannei und Verfolgung als Philosoph, aber sein Verstand und sein Character bewahrten ihn vor der Heftigkeit eines Parteigänger. Er hatte mit Shaftesbury auf vertrautem Fuße gestanden und sich dadurch das Mißfallen des Hofes zugezogen. Locke war jedoch so klug und vorsichtig gewesen, daß es wenig genützt haben würde, wenn man ihn vor die damaligen Gerichte gestellt hätte, so verderbt und parteiisch diese auch waren. Nur in einem Punkte war er verwundbar. Er war Mitglied des Christchurch-Collegiums der Universität Oxford. Es ward beschlossen, von diesem berühmten Collegium den größten Mann zu vertreiben, dessen es sich je zu rühmen gehabt hatte. Dies war aber nicht leicht, denn Locke hatte sich in Oxford sorgfältig gehütet, irgendeine Meinung über die Tagespolitik zu äußern. Man hatte ihn mit Spionen umgeben. Doctoren der Theologie und Magister der Philosophie hatten sich nicht geschämt, den schimpflichsten aller Dienste zu leisten, den Mund eines Collegen zu bewachen, um etwaige Äußerungen zu seinem Verderben zu hinterbringen. Das Gespräch in der Halle war absichtlich auf verfängliche Themata gelenkt worden, wie auf die Ausschließungsbill und auf den Character des Earl von Shaftesbury, aber vergebens. Locke ließ sich weder ein unbesonnenes Wort entschlüpfen, noch verstellte er sich, sondern er beobachtete ein so beharrliches Schweigen und eine so gleichgültige Ruhe, daß die Werkzeuge der Gewalt zu ihrem Ärger gestehen mußten, nie habe ein Mann es verstanden, seine Zunge und seine Leidenschaften so vollkommen zu beherrschen. Als man sah, daß man mit Verrath nichts ausrichtete, brauchte man willkürliche Gewalt. Nachdem die Regierung es umsonst versucht hatte, Locke zu einem Fehler zu verleiten, beschloß sie, ihn ohne einen solchen zu bestrafen. Es kam Befehl von Whitehall, ihn seines Amtes zu entsetzen, und der Dechant und die Canonici beeilten sich, diesem Befehle nachzukommen.

Locke reiste zu seiner Erholung auf dem Continent, als er erfuhr, daß er ohne Untersuchung und selbst ohne Benachrichtigung seiner Heimath und seines Unterhalts beraubt worden sei. Die Ungerechtigkeit, mit der man gegen ihn verfahren war, würde es entschuldigt haben, wenn er zu gewaltsamen Mitteln gegriffen hätte, um sich Recht zu verschaffen. Aber persönlicher Groll konnte ihn nicht verblenden. Er erwartete nichts Gutes von den Plänen Derer, die sich in Amsterdam versammelt hatten, und er zog daher in aller Stille nach Utrecht, wo er sich mit der Abfassung seines berühmten Briefes über die Toleranz beschäftigte, während seine Unglücksgefährten auf ihr eignes Verderben hinarbeiteten[24].

[24.] Le Clerc’s Life of Locke; Lord King’s Life of Locke; Lord Grenville’s Oxford and Locke. Locke darf nicht mit dem Anabaptisten Nikolaus Look verwechselt werden, dessen Name in Grey’s Confession Locke geschrieben ist und der auch in den Lansdowne MS. 1152, sowie in der Erzählung von Buccleuch im Anhange zu Rose’s Abhandlung erwähnt wird. Ich würde es kaum für nöthig gehalten haben, hierauf aufmerksam zu machen, hätte nicht die Ähnlichkeit dieser beiden Namen einen mit der Geschichte jener Zeiten so wohlbekannten Mann wie Präsident Onslow irre geführt. Siehe seine Anmerkung über Burnet I. 629.

Vorkehrungen der Regierung zur Vertheidigung Schottlands. [Die] englische Regierung erhielt in Zeiten Kunde davon, daß unter den Verbannten etwas im Werke war. Einen Einfall in England scheint man jedoch zuerst nicht erwartet zu haben; wohl aber fürchtete man, daß Argyle nächstens bewaffnet unter seinen Clansmännern erscheinen werde. In Folge dessen erschien eine Verordnung des Inhalts, daß Schottland in Vertheidigungs­zustand gesetzt werden solle. Die Miliz erhielt Befehl, sich bereit zu halten. Alle dem Namen Campbell feindlich gesinnten Clans wurden in Bewegung gesetzt. John Murray, Marquis von Athol, wurde zum Lordlieutenant von Argyleshire ernannt und er besetzte mit einer starken Abtheilung seiner Untergebenen das Schloß von Inverary. Einige verdächtige Personen wurden eingezogen, andere mußten Bürgschaft leisten. Kriegsschiffe wurden abgesandt, um in der Nähe der Insel Bute zu kreuzen, und ein Theil der irländischen Arme wurde nach der Küste von Ulster dirigirt.[25]

[25.] Wodrow, book III. chap. IX.; London Gazette, May 11, 1685; Barillon, 11.(21.) Mai.

Unterredung Jakob’s mit den holländischen Gesandten. [Während] diese Vorkehrungen in Schottland getroffen wurden, berief Jakob den Arnold Van Citters, der lange als Gesandter der Vereinigten Provinzen in England zugebracht, und Everard Van Dykvelt, der nach Karl’s Tode in einer besonderen Mission zur Beileidsbezeigung und Beglückwünschung von den Generalstaaten nach London geschickt worden war, in sein Kabinet. Der König sagte ihnen, daß er aus sicheren Quellen Kenntniß von Anschlägen gegen seinen Thron erhalten, welche seine verbannten Unterthanen in Holland schmiedeten. Einige von den Verbannten seien Kehlabschneider, welche nur die besondere Fügung Gottes verhindert habe, einen schändlichen Mord zu begehen, und es befinde sich unter ihnen der Eigenthümer des Ortes, an dem das Gemetzel habe vor sich gehen sollen. „Von allen Lebenden,“ setzte der König hinzu, „hat Argyle die größten Mittel in den Händen, mir zu schaden, und Holland ist dasjenige Land, von welchem aus am leichtesten ein Schlag gegen mich geführt werden kann.“ Citters und Van Dykvelt versicherten Seiner Majestät, daß seine Worte der Regierung, die sie vertraten, unverzüglich mitgeteilt werden sollten, und daß zuversichtlich Alles gethan werden würde, um ihn zufrieden zu stellen.[26]

[26.] Register of the Proceedings of the States General, May 5.(15.) 1685.

Vergebliche Versuche, Argyle am Absegeln zu verhindern. [Die] Gesandten waren berechtigt, dieses Vertrauen auszusprechen. Der Prinz von Oranien sowohl als die Generalstaaten wünschten damals sehnlichst, daß ihre Gastfreundschaft nicht zu Zwecken gemißbraucht werde, über welche die englische Regierung sich mit Recht beschweren könnte. Jakob hatte neuerdings eine Sprache geführt, welche der Hoffnung Raum gab, daß er sich nicht geduldig dem Einflusse Frankreichs unterwerfen werde. Es war daher wahrscheinlich, daß er sich zu einem engen Bündnisse mit den Vereinigten Provinzen und mit dem Hause Österreich bestimmen lassen werde, und man vermied deshalb im Haag mit ängstlicher Sorgfalt Alles, was irgend Anstoß bei ihm erregen konnte. Auch vereinigte sich bei dieser Gelegenheit Wilhelm’s eigenes Interesse mit dem Interesse seines Schwiegervaters.

Aber die Lage war von der Art, daß sie rasches und kräftiges Einschreiten erforderte, und die Natur der batavischen Institutionen machte ein solches Einschreiten fast unmöglich. Die Union von Utrecht, welche unter blutigen Revolutionskämpfen und zu dem Zwecke, den dringendsten Bedürfnissen zu genügen, flüchtig entworfen worden, war niemals in ruhiger Zeit sorgfältig revidirt und vervollständigt worden. Jede von den sieben Republiken, weiche diese Union mit einander verbunden hatte, besaß fast noch alle Souverain­etätsrechte und behauptete diese Rechte beharrlich der Centralregierung gegenüber. Gleichwie die Bundesgewalt nicht die Mittel hatte, die Provinzialgewalten zu pünktlichem Gehorsam zu zwingen, so hatten auch diese nicht die Mittel, die Municipalbehörden zu pünktlichem Gehorsam zu zwingen. Holland allein enthielt achtzehn Städte, von denen jede in vieler Beziehung einen unabhängigen und keine Einmischung von Außen duldenden Staat bildete. Wenn die Behörden dieser Städte vom Haag einen Befehl erhielten, der ihnen nicht gefiel, so ignorirten sie denselben entweder ganz, oder kamen ihm doch nur langsam und zögernd nach. Bei einigen Stadträthen vermochte allerdings der Wille des Prinzen von Oranien Alles; unglücklicherweise aber war der Ort, wo sich die britischen Verbannten gesammelt hatten und wo ihre Schiffe ausgerüstet worden waren, das reiche und stark bevölkerte Amsterdam, und die Magistratsbeamten von Amsterdam waren die Oberhäupter der gegen die Bundesregierung und gegen das Haus Nassau feindlich gesinnten Partei. Die Marineverwaltung der Vereinigten Provinzen war in den Händen fünf verschiedener Admiralitäts­behörden; eine dieser Behörden hatte ihren Sitz in Amsterdam, wurde theilweis von der städtischen Behörde ernannt und scheint ganz von deren Geiste beseelt gewesen zu sein.

Alle Bemühungen der Bundesregierung, Jakob’s Wünsche zu erfüllen, wurden durch die Ausflüchte der Amsterdamer Beamten und durch die Fehlgriffe des Obersten Bevil Skelton, der eben als Gesandter Englands im Haag angekommen war, vereitelt. Skelton war zur Zeit der englischen Unruhen in Holland geboren und man hatte ihn daher als besonders geeignet für diesen Posten gehalten[27]; allein er war weder für diese noch für irgend eine andre diplomatische Stellung befähigt. Leute, die einen Character gut zu beurtheilen verstanden, erklärten ihn für den seichtesten, unbeständigsten, leidenschaft­lichsten, anmaßendsten und geschwätzigsten Menschen, den es geben könne[28]. Er kümmerte sich nicht ernstlich um die Schritte der Flüchtlinge, als bis drei für die Expedition nach Schottland ausgerüstete Schiffe bereits glücklich aus der Zuydersee ausgelaufen, sämmtliche Waffen, Munition und Mundvorräthe an Bord gebracht waren und die Passagiere sich eingeschifft hatten. Anstatt sich nun, wie er hätte thun sollen, an die Generalstaaten zu wenden, welche dicht neben seiner Wohnung ihre Sitzungen hielten, schickte er einen Boten an den Magistrat von Amsterdam mit dem Ersuchen, die verdächtigen Schiffe nicht abfahren zu lassen. Der Magistrat von Amsterdam antwortete, daß der Eingang der Zuydersee außer dem Bereiche seiner Jurisdiction liege, und verwies ihn an die Bundesregierung. Es lag auf der Hand, daß dies eine bloße Ausflucht war und daß durchaus keine Schwierigkeiten gemacht worden wären, wenn man im Amsterdamer Stadthause den ernsten Willen gehabt hätte, Argyle am Absegeln zu verhindern. Jetzt wendete sich Skelton an die Generalstaaten. Sie zeigten sich vollkommen geneigt, seinem Ansuchen zu willfahren, und da die Zeit drängte, wichen sie von dem Verfahren ab, das sie sonst in ihrem Geschäftsgange zu beobachten pflegten. Noch denselben Tag, an welchem der Oberst sich an sie gewendet, wurde ein in genauer Übereinstimmung mit seinem Gesuch abgefaßter Befehl der Admiralität von Amsterdam zugefertigt. In diesem Befehle aber war in Folge unrichtiger Andeutungen von Seiten Skelton’s die Lage der Schiffe nicht genau bezeichnet. Es hieß darin, sie lägen im Texel, während sie sich bei Vlieland befanden. Die Admiralität von Amsterdam nahm diesen Fehler zum Vorwand, um nichts zu thun, und bevor er berichtigt werden konnte, waren die drei Schiffe abgesegelt.[29]

[27.] Dies wird in seinem Beglaubigungs­schreiben vom 16. März 1684/85 erwähnt.

[28.] Bonrepeaux an Seignelay vom 4.(14.) Febr. 1686.

[29.] Avaux Neg. April 30. (May 10.), May 1.(11.), May 5.(15.) 1685; Sir Patrick Hume’s Narrative; Brief von der Admiralität von Amsterdam an die Generalstaaten vom 20. Juni 1685; Memorial Skelton’s an die Generalstaaten vom 10. Mai 1685.

Argyle’s Abreise von Holland. [Die] letzten Stunden, welche Argyle an der Küste Hollands zubrachte, waren Stunden der größten Angst. In seiner Nähe lag ein holländisches Kriegsschiff, das mit einer vollen Lage in einem Augenblicke die ganze Expedition zu Schanden gemacht haben würde. Auch ruderte ein Boot um seine kleine Flotte herum, in welchem sich einige Personen mit Fernröhren befanden, die er für Spione hielt. Es wurde jedoch kein wirklicher Schritt gethan, um ihn zurückzuhalten, und am Nachmittage des 2. Mai ging er mit günstigem Winde unter Segel.

Die Fahrt war glücklich. Am Sechsten bekam man die Orkneyinseln in Sicht. Argyle ging sehr unklugerweise auf der Höhe von Kirkwall vor Anker und gestattete zwei von seinen Begleitern, hier ans Land zu gehen. Der Bischof gab Befehl, sie festzunehmen. Die Flüchtlinge begannen eine lange und lebhafte Debatte über diesen Unfall, denn zu Debatten fehlte es ihnen vom Anfang bis zum Ende der Expedition nie an Energie und Ausdauer, so zaghaft und unschlüssig sie im Übrigen waren. Einige stimmten für einen Angriff auf Kirkwall, Andere für unverweilte Fortsetzung der Reise nach Argyleshire. Endlich ließ der Earl einige an der Küste der Insel wohnende Gentlemen festnehmen und schlug dann dem Bischofe die Auswechselung der Gefangenen vor. Der Bischof gab keine Antwort und die Flotte segelte wieder ab, nachdem sie drei Tage verloren hatte.

Argyle landet in Schottland. [Diese] Verzögerung war höchst gefährlich. Es wurde sehr bald in Edinburg bekannt, daß das Geschwader der Aufrührer die Orkneyinseln berührt hatte, und man setzte daher schleunigst Truppen in Bewegung. Als der Earl seine Provinz erreichte, fand er, daß Vorkehrungen getroffen waren, um seine Landung zu verhindern. Bei Dunstaffnage schickte er seinen zweiten Sohn Karl ans Land, um die Campbells zu den Waffen zu rufen. Karl aber kam mit schlimmen Nachrichten zurück. Die Hirten und Fischer waren wohl bereit, sich um Mac Callum More zu schaaren, aber von den Häuptlingen der Clans waren einige gefänglich eingezogen, andere waren geflohen, und die Zurückgebliebenen hielten es entweder mit der Regierung oder wollten doch von einem Aufstande nichts wissen und weigerten sich sogar, den Sohn ihres Stammoberhauptes nur vor sich zu lassen. Von Dunstaffnage segelte die kleine Flotte weiter nach Campbelltown, unweit der Südspitze der Halbinsel Kintyre. Hier veröffentlichte der Earl ein Manifest, das in Holland unter der Leitung des Ausschusses von einem schottischen Advokaten, Jakob Stewart, abgefaßt war, dessen Feder wenige Monate darauf zu ganz anderen Dingen verwendet wurde. In diesem Erlasse waren in einer Sprache, deren starke Ausdrücke zuweilen an possenhafte Gemeinheit grenzten, viele wahre und einige eingebildete Beschwerden auseinandergesetzt. Unter Andrem war darin angedeutet, der letzte König sei an Gift gestorben. Für einen Hauptzweck der Expedition wurde die völlige Unterdrückung nicht nur des Papismus, sondern auch des Prälatenthums erklärt, welches die bitterste Wurzel und Frucht des Papismus genannt war, und alle guten Schotten wurden ermahnt, der Sache ihres Vaterlandes und ihres Gottes tapfren Beistand zu leihen. So eifrig Argyle auch für das, was er den reinen Glauben nannte, eingenommen war, scheute er sich doch nicht, einen halb papistischen, halb heidnischen Gebrauch in Anwendung zu bringen. Das geheimnißvolle Kreuz von Eibenholz, das zuerst angezündet und dann in Ziegenblut gelöscht wurde, ward ausgeschickt, um alle Campbells vom sechzehnten bis zum sechzigsten Jahre aufzurufen. Die Landenge von Tarbet war zum Sammelplatz bestimmt. Die Truppe, die sich dort sammelte, war zwar klein im Vergleich zu der, welche zusammengekommen sein würde, wenn der Muth und die Kraft der Clans noch ungebrochen gewesen wäre, doch war sie noch immer achtunggebietend. Sie erreichte die Zahl von achtzehnhundert Mann. Argyle theilte seine Bergschotten in drei Regimenter und schritt zur Ernennung der Offiziere.

Argyle’s Zwistigkeiten mit seinen Begleitern. [Die] schon in Holland begonnenen Zänkereien hatten zwar während des ganzen bisherigen Verlaufs der Expedition noch nicht aufgehört; in Tarbet aber wurden sie heftiger als je. Der Ausschuß wollte sich selbst in die patriarchalische Oberherrschaft des Earl über die Campbells einmischen und ihm nicht einmal gestatten, den militärischen Rang seiner Stammverwandten nach eignem Ermessen zu bestimmen. Während diese streitsüchtigen Friedensstörer ihm seine Macht in den Hochlanden zu entreißen suchten, unterhielten sie ihre eigne Correspondenz mit dem Niederlande und wechselten Briefe, die dem nominellen General nie mitgetheilt wurden. Hume und seine Verbündeten hatten sich die Oberaufsicht über die Vorräthe vorbehalten und sie führten diesen wichtigen Zweig der Kriegsverwaltung mit einer Lässigkeit, welche von Treulosigkeit kaum zu unterscheiden war, ließen die Waffen verderben, vergeudeten die Lebensmittel und lebten in verschwenderischer Üppigkeit zu einer Zeit, wo sie allen Untergebenen mit dem Beispiele der Mäßigkeit hätten vorangehen sollen.

Die große Frage war nun, ob die Hochlande oder die Niederlande[30] der Schauplatz des Krieges sein sollten. Des Earl’s Hauptziel war für jetzt, seine Autorität über sein eignes Gebiet zu befestigen, die fremden Clans, welche aus Perthshire in Argyleshire eingedrungen waren, wieder hinauszutreiben und seinen alten Stammsitz zu Inverary wieder einzunehmen. Dann konnte er hoffen, vier- bis fünftausend Schwerter zu seiner Verfügung zu haben, und mit einer solchen Streitmacht würde er im Stande gewesen sein, diese wilden Gegenden gegen die ganze Macht des Königreichs Schottland zu vertheidigen, so wie auch eine vortreffliche Grundlage zu Angriffsoperationen gewonnen haben. Dies scheint der vernünftigste Weg gewesen zu sein, der ihm offen stand. Rumbold, der eine ausgezeichnete Kriegsschule durchgemacht hatte und von dem man, da er Engländer war, erwarten konnte, daß er ein unparteiischer Schiedsrichter zwischen den schottischen Factionen sein werde, that Alles, was in seinen Kräften stand, um den Earl zu unterstützen. Hume und Cochrane aber waren durchaus unfügsam, ihre Eifersucht auf Argyle war in der That stärker, als der Wunsch, daß die Expedition gelingen möge. Sie sahen, daß er zwischen seinen Bergen und Seen und an der Spitze eines hauptsächlich aus Mitgliedern seines eignen Stammes gebildeten Heeres im Stande sein werde, ihren Widerstand zu brechen und die volle Autorität eines Generals auszuüben. Sie munkelten, daß die Niederländer die Einzigen seien, denen die gute Sache wirklich am Herzen liege, und daß die Campbells weder für die Freiheit, noch für die Kirche Gottes, sondern lediglich für Mac Callum More die Waffen ergriffen hätten. Cochrane erklärte, er werde nach Ayrshire gehen, und wenn er allein, mit nichts als einer Heugabel in der Hand gehen sollte. Nach langem Widerstreben willigte Argyle endlich gegen seine bessere Überzeugung darein, daß sein kleines Heer getheilt wurde. Er blieb mit Rumbold in den Hochlanden und Cochrane und Hume traten an die Spitze des Korps, das zu einem Einfall in die Niederlande absegelte.

Cochrane’s Ziel war Ayrshire; aber die Küste dieser Grafschaft war von englischen Fregatten bewacht und die Abenteurer mußten daher die Mündung des Clyde bis Greenock hinauffahren, das damals ein kleines, aus einer einzigen Reihe von Strohhütten bestehendes Fischerdorf war, jetzt aber ein großer, blühender Hafen ist, dessen Zolleinnahmen die Gesammteinkünfte, welche die Stuarts aus dem Königreiche Schottland zogen, um das Fünffache übersteigen. Bei Greenock stand eine Abtheilung Miliz; Cochrane aber brauchte Proviant und war daher entschlossen, zu landen. Hume machte Einwendungen, Cochrane aber bestand fest darauf und befahl einem Offizier, Namens Elphinstone, mit zwanzig Mann in einem Boot ans Ufer zu fahren. Aber der streitsüchtige Geist der Führer hatte alle Reihen angesteckt. Elphinstone antwortete, er sei nur verpflichtet, vernünftigen Befehlen zu gehorchen, dieser aber sei unvernünftig, kurz, er werde nicht gehen. Major Fullarton, ein braver Mann, den alle Parteien achteten, der aber ein spezieller Freund Argyle’s war, unternahm es, mit nur zwölf Mann zu landen und es gelang ihm trotz des Feuers, das von der Küste aus auf ihn gerichtet wurde. Es entspann sich ein kleines Gefecht und die Miliz wich zurück. Cochrane rückte in Greenock ein, verschaffte sich Mehlvorrath, fand aber das Volk nicht geneigt zum Aufstande.

[30.] Nämlich die schottischen.   D. Übers.

Stimmung der schottischen Nation. [Die] öffentliche Stimmung in Schottland war in der That nicht so, wie die Verbannten, welche durch die ihrer Klasse zu jeder Zeit eigne Verblendung bethört waren, sie erwartet hatten. Die Regierung war zwar gehässig und gehaßt, aber die Mißvergnügten waren in Parteien gespaltet, welche gegen einander fast eben so feindselig gesinnt waren, wie gegen ihre Beherrscher, und keine von diesen Parteien zeigte sonderliche Lust, sich den Einfallenden anzuschließen. Viele sprachen dem Aufstande jede Aussicht auf Erfolg ab, und der Muth vieler Anderen war durch lange und grausame Bedrückung wirksam gebrochen worden. Allerdings gab es noch eine Klasse von Enthusiasten, welche nicht gewohnt waren, die Aussichten des Gelingens zu erwägen, und die der Druck nicht gezähmt, sondern im Gegentheil aufs Äußerste erbittert hatte; aber diese Leute sahen keinen großen Unterschied zwischen Argyle und Jakob. Ihr Zorn war auf einen solchen Grad gestiegen, daß das, was jeder Andere glühenden Eifer genannt haben würde, in ihren Augen laodicäische Lauheit war. Auf der Vergangenheit des Earl lastete ein Flecken, den sie als die schändlichste Apostasie betrachteten. Die nämlichen Hochländer, die er jetzt zur Ausrottung des Prälatenthums aufrief, hatte er wenige Jahre vorher zur Vertheidigung desselben aufgerufen. Waren Sklaven, die von Religion nichts wußten und sich nicht um sie kümmerten, welche bereit waren, für Synodalverfassung, für Episkopat und für Papstthum zu kämpfen, wie es Mac Callum More gerade zu befehlen geruhte, würdige Bundesgenossen für das auserwählte Volk Gottes? Das in unschicklichem und intolerantem Tone gehaltene Manifest erschien diesen Fanatikern als ein feiges und weltliches Machwerk. Eine Verfassung, wie Argyle sie ihnen gegeben haben würde und wie sie nachher ein mächtigerer und glücklicherer Befreier ihnen gab, schien ihnen keines Kampfes werth. Sie verlangten nicht nur Gewissensfreiheit für sich, sondern auch unumschränkte Herrschaft über die Gewissen Andrer, nicht blos presbyterianische Lehre, Verfassung und Gottesdienst, sondern den Covenant in seiner äußersten Strenge. Sie waren nur dadurch zu befriedigen, daß alle Zwecke, um deretwillen die bürgerliche Gesellschaft besteht, der Herrschaft eines theologischen Systems aufgeopfert wurden. Wer da glaubte, daß keine Form des Kirchen­regiments eine Verletzung der Nächstenliebe werth sei, wer Verständigung und Toleranz empfahl, der schwankte zwischen Jehova und Baal, wie sie sich ausdrückten. Wer Handlungen, wie die Ermordung des Kardinals Beatoun und des Erzbischofs Sharpe verdammte, verfiel in die nämlichen Fehler, um dessentwillen Saul als König über Israel verworfen worden war. Alle Maßregeln, durch welche unter civilisirten und christlichen Menschen die Schrecken des Kriegs gemildert werden, waren dem Herrn ein Gräuel. Pardon durfte weder genommen noch gegeben werden. Ein rasender Malaye, ein von einem Haufen verfolgter toller Hund: das waren die Vorbilder, die sich Krieger, welche zu gerechter Selbstvertheidigung kämpften, zum Muster nehmen sollten. Für Gründe, durch die sich Staatsmänner und Generäle bei ihren Schritten, leiten lassen, waren diese Zeloten durchaus unempfänglich. Wenn ein Mann es wagte, solche Gründe anzuführen, so war dies schon ein hinreichender Beweis, daß er nicht zu den Gläubigen gehörte. Wenn der göttliche Segen fehlte, so konnten auch schlaue Politiker, kriegserfahrene Heerführer, Waffenkisten aus Holland oder Regimenter nicht wiedergeborener Celten aus den Gebirgen von Lorn wenig ausrichten. War jedoch auf der andren Seite die Zeit des Herrn wirklich gekommen, so konnte er noch immer wie vor Alters durch das, was thöricht ist, die Weisen vor der Welt zu Schanden machen und durch Wenige eben so gut wie durch Viele erretten. Die breiten Schwerter Athol’s und die Bajonette Claverhouse’s konnten durch eben so bescheidene Waffen wie die Schleuder David’s oder die Krüge Gideon’s in die Flucht geschlagen werden.[31]

Nachdem Cochrane die Unmöglichkeit erkannt hatte, die Bevölkerung südlich vom Clyde zum Aufstande zu bewegen, kehrte er zu Argyle zurück, der sich auf der Insel Bute befand. Der Earl schlug nun abermals vor, einen Angriff auf Inverary zu versuchen; allein er stieß abermals auf hartnäckige Opposition. Die Seeleute hielten es mit Cochrane und Hume, die Hochländer unterwarfen sich unbedingt den Befehlen ihres Anführers. Es stand zu befürchten, daß es zwischen den beiden Parteien zu Thätlichkeiten kommen würde, und die Besorgniß vor einem solchen Unglück bewog den Ausschuß zu einigen Zugeständnissen. Das Schloß Ealan Ghierig, an der Mündung des Loch[32] Riddan gelegen, wurde zum Hauptwaffenplatz erwählt. Die Kriegsvorräthe wurden dort ausgeschifft und das Geschwader dicht an den Wällen an einer Stelle, wo es durch Felsen und Untiefen, welche ihrer Meinung nach eine Fregatte nicht passiren konnte, geschützt war, vor Anker gelegt. Dann wurden Außenwerke aufgeworfen und eine Batterie von einigen von den Schiffen genommenen kleinen Kanonen aufgefahren. Das Commando in dem Fort ward höchst unklugerweise Elphinstone übertragen, der schon Beweise gegeben hatte, daß er weit mehr geneigt war, sich mit seinen Vorgesetzten zu streiten, als gegen den Feind zu kämpfen.

Jetzt wurde auf einige Stunden ein wenig Energie entwickelt. Rumbold nahm das Schloß Ardkingglaß. Der Earl scharmützelte erfolgreich mit Athol’s Truppen und war schon im Anrücken gegen Inverary begriffen, als er in Folge schlimmer Nachrichten von den Schiffen und durch Parteispaltungen im Ausschusse gezwungen wurde, wieder umzukehren. Die königlichen Fregatten waren Ealan Ghierig näher gekommen, als man es für möglich gehalten, und die Herren vom Niederland weigerten sich auf das Bestimmteste, noch weiter in’s Hochland vorzurücken. Argyle eilte zurück nach Ealan Ghierig. Dort angelangt, schlug er einen Angriff auf die Fregatten vor. Seine Schiffe waren zwar zu einem solchen Unternehmen nicht hinreichend, aber sie wären durch eine Flotille von dreißig großen mit bewaffneten Hochländern wohlbemannten Fischerböten unterstützt worden. Der Ausschuß wollte jedoch von diesem Plane nichts hören und vereitelte denselben auch wirklich durch Anzettelung einer Meuterei unter dem Schiffsvolke.

Jetzt entstand allgemeine Verwirrung und Entmuthigung. Die Mundvorräthe waren vom Ausschusse so schlecht verwaltet worden, daß es den Truppen an Lebensmitteln fehlte. Die Hochländer desertirten daher zu Hunderten und der durch sein Mißgeschick gänzlich zu Boden gedrückte Earl gab dem Andringen Derer nach, welche noch immer hartnäckig darauf bestanden, daß er in das Niederland vorrücken solle.

Die kleine Armee brach demgemäß eiligst nach den Ufern des Loch Long auf, setzte bei Nacht in Böten über die Einfahrt und landete in Dumbartonshire. Hier erhielten sie am folgenden Morgen die Nachricht, daß die Fregatten einen Durchgang forcirt hatten, daß sämmtliche Schiffe des Earls genommen worden waren, und daß Elphinstone ohne Schwertstreich aus Ealan Ghierig geflohen sei und das Schloß mit allen Vorräthen dem Feinde überlassen habe.

Es blieb nun weiter nichts übrig, als auf jede Gefahr hin in das Niederland vorzudringen. Argyle beschloß einen kühnen Handstreich auf Glasgow zu wagen. Sobald aber dieser Entschluß bekannt wurde, ergriff dieselben Männer, die ihn bis zu diesem Augenblicke gedrängt hatten, in das Niederland zu eilen, ein panischer Schrecken, sie stritten, machten Gegenvorstellungen, und da ihr Streiten und ihre Vorstellungen erfolglos blieben, entwarfen sie den Plan, sich der Böte zu bemächtigen, auf eigne Hand zu entfliehen und es ihrem General und seinen Clansleuten zu überlassen, ohne Hülfe zu siegen oder unterzugehen. Dieser Plan schlug jedoch fehl, und die Feiglinge, die ihn gefaßt hatten, waren gezwungen, mit tapferen Männern die Gefahren des letzten Wagnisses zu theilen.

Auf dem Marsche durch die Gegend zwischen Loch Long und Loch Lomond wurden die Insurgenten fortwährend durch Abtheilungen der Miliz beunruhigt. Es fanden einige Gefechte statt, in denen der Vortheil auf Seiten des Earl blieb, aber die vor ihm her fliehenden Trupps verbreiteten die Nachricht von seinem Heranrücken und bald nach seinem Übergang über den Fluß Leven stieß er auf ein zahlreiches Corps regulärer und irregulärer Truppen, welche bereit waren, sich mit ihm zu messen.

Er war dafür, eine Schlacht anzunehmen, eben so auch Ayloffe. Hume aber erklärte es für Wahnsinn, mit dem Feinde anzubinden. Er sah ein Regiment in scharlachrother Uniform, und es konnten noch mehr dahinter stehen: eine solche Macht angreifen, hieße einem sicheren Tode in den Rachen eilen. Das Beste sei, sich bis zur Nacht ganz still zu verhalten und dann dem Feinde wo möglich zu entschlüpfen.

Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel, der nur mit Mühe durch Rumbold’s Vermittelung beschwichtigt wurde. Es war Abend geworden, und die beiden feindlichen Heere lagerten in nicht großer Entfernung von einander. Der Earl wagte es, einen nächtlichen Angriff vorzuschlagen, wurde aber auch diesmal wieder überstimmt.

[31.] Wer etwa glauben sollte, daß ich die Unvernunft und Wildheit dieser Menschen übertreibe, dem rathe ich, zwei Bücher zu lesen, die ihn überzeugen werden, daß ich die Farben eher gemildert als zu stark aufgetragen habe. Die Titel dieser beiden Werke sind: Hind let loose und Faithful Contendings displayed.

[32.] See.   D. Übers.

Argyle’s Truppe zerstreut. [Nachdem] der Beschluß gefaßt war, nicht zu kämpfen, blieb nichts weiter übrig als den Schritt zu thun, den Hume anempfohlen hatte. Es war einige Möglichkeit vorhanden, daß der Earl, wenn er in aller Stille aufbrach und die ganze Nacht durch über Haiden und Moräste davoneilte, dem Feinde einen Vorsprung von mehreren Meilen abgewinnen und ohne weitere Behinderung Glasgow erreichen konnte. Man ließ die Wachtfeuer brennen und setzte sich in Marsch. Doch nun folgte ein Unglück auf das andre. Die Führer verfehlten den Weg durch die Moore und führten die Armee in weichen Sumpfboden. Eine militairische Ordnung konnte bei diesen undisciplinirten und entmuthigten Soldaten unter einem stockfinstren Himmel und auf einem trügerischen, unebenen Boden nicht aufrecht erhalten werden. Schrecken auf Schrecken verbreitete sich in den getrennten Reihen. Was man sah und hörte hielt man für ein Anzeichen vom Herannahen der Verfolger. Einige von den Officieren trugen noch zur Vermehrung der Angst bei, während es ihre Pflicht gewesen wäre, sie zu vermindern. Die Armee war ein demoralisirter Haufe geworden und dieser schmolz rasch zusammen. Große Massen entflohen unter dem Schutze der Dunkelheit. Rumbold und einige andere Tapfere, die keine Gefahr schrecken konnte, verirrten sich und waren nicht im Stande, das Hauptcorps wieder aufzufinden. Als der Tag anbrach, sammelten sich nur etwa fünfhundert erschöpfte und entmuthigte Flüchtlinge in Kilpatrick.

Argyle gefangen genommen. [An] eine Fortsetzung des Kriegs war nicht mehr zu denken und es lag klar auf der Hand, daß es den Anführern der Expedition schwer genug werden würde, nur ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Sie entflohen in verschiedenen Richtungen. Hume erreichte glücklich das Festland. Cochrane wurde ergriffen und nach London gebracht. Argyle hoffte unter dem Dache eines seiner alten Diener, der in der Nähe von Kilpatrick wohnte, ein sicheres Asyl zu finden. Allein er sah sich in dieser Hoffnung getäuscht und war gezwungen, über den Clyde zu gehen. Er verkleidete sich als Landmann und übernahm die Rolle eines Führers des Majors Fullarton, dessen muthvolle Treue vor keiner Gefahr zurückschreckte. Die beiden Freunde reisten mit einander durch Renfrewshire bis Inchinnan. Hier vereinigen sich der schwarze Cart und der weiße Cart, bevor sie sich in den Clyde ergießen. Diese beiden Ströme fließen jetzt durch blühende Städte und treiben die Räder zahlreicher Fabriken; damals aber ging ihr ruhiger Lauf durch Moorstrecken und Schafweiden. Die einzige Furth, durch welche die Reisenden den Fluß passiren konnten, wurde von einer Abtheilung Miliz bewacht. Fullarton versuchte es, den Verdacht auf sich zu lenken, damit sein Begleiter unbemerkt entschlüpfen könnte; aber die Frager ahneten, daß der Führer nicht der ungebildete Landmann sei, der er scheinen wollte. Sie legten Hand an ihn. Er riß sich los und sprang in’s Wasser, ward aber sofort verfolgt. Eine kurze Zeit vertheidigte er sich gegen fünf Angreifer; aber er hatte keine anderen Waffen als seine Taschenpistolen, und diese waren in Folge seines Sprunges ins Wasser so naß geworden, daß sie versagten. Ein Schwerthieb streckte ihn zu Boden und er wurde festgenommen.

Er gab sich nun als den Earl von Argyle zu erkennen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß sein angesehener Name bei denen, die ihn ergriffen hatten, Ehrfurcht und Mitleid erwecken würde. Sie waren auch wirklich tief erschüttert, denn sie waren einfache Schotten niederen Standes, und obgleich im Dienste der Krone bewaffnet, hegten sie doch vielleicht einige Vorliebe für calvinistische Kirchenverfassung und Gottesdienst und waren überdies gewohnt, ihren Gefangenen als das Oberhaupt eines erlauchten Hauses und als einen Vorkämpfer des protestantischen Glaubens zu verehren. Doch obschon sie sichtbar ergriffen waren und obschon einige von ihnen sogar weinten, so konnten sie sich doch nicht entschließen, die versprochene ansehnliche Belohnung fahren zu lassen und sich der Rache einer unerbittlichen Regierung auszusetzen. Sie brachten daher ihren Gefangenen nach Renfrew. Der Mann, welcher bei der Verhaftung die Hauptrolle spielte, hieß Riddell. Aus diesem Grunde war das ganze Geschlecht der Riddell über ein Jahrhundert lang bei dem großen Stamme der Campbell verhaßt. Noch Lebende können sich erinnern, daß ein Riddell, der einen Markt in Argyleshire besuchte, es für rathsam hielt, einen falschen Namen anzunehmen.

Jetzt begann der glänzendste Theil von Argyle’s Laufbahn. Sein Unternehmen hatte ihm bisher nur Tadel und Spott eingetragen. Sein großer Fehler war, daß er sich nicht entschieden geweigert hatte, den Titel eines Generals, ohne die Macht desselben, anzunehmen. Wäre er ruhig in Friesland geblieben, so würde er in wenigen Jahren mit Ehren in sein Vaterland zurückgerufen worden sein und hätte dann bald eine hervorragende Zierde und Stütze der constitutionellen Monarchie erden können. Hätte er die Expedition nach seinen eigenen Ansichten in’s Werk gesetzt und nur solche Begleiter mitgenommen, welche bereit waren, allen seinen Befehlen unbedingt zu gehorchen, so hätte er möglicherweise etwas Großes bewirken können, denn es scheint ihm zu einem Befehlshaber weder an Muth, noch an Thätigkeit oder Geschicklichkeit gefehlt zu haben, sondern einzig und allein an Autorität. Er hätte wissen sollen, daß von allen Mängeln dieser der verderblichste ist. Es haben schon Armeen unter Anführern gesiegt, welche eben keine hervorragenden Eigenschaften besaßen. Aber welches Heer, das von einem zanksüchtigen Clubb commandirt wurde, wäre je der Auflösung und Schande entgangen?

Das große Unglück, das Argyle betroffen, hatte das Gute, daß es ihm Gelegenheit verschaffte, durch unverkennbare Beweise zu zeigen, was für ein Mann er war. Von dem Tage, an welchem er Friesland verließ, bis zu dem, wo seine Begleiter sich in Kilpatrick von ihm trennten, hatte er nie frei handeln können. Er hatte die Verantwortlichkeit für eine Reihe von Maßregeln auf sich nehmen müssen, die sein Verstand mißbilligte. Jetzt endlich stand er allein. Die Gefangenschaft hatte ihm die edelste Art der Freiheit wiedergegeben, die Freiheit, sich in allen seinen Worten und Thaten nur durch seinen eignen Sinn für Recht und Schicklichkeit leiten zu lassen. Von diesem Augenblick war es als ob neue Weisheit und Tugend in ihm eingezogen wären. Sein Verstand schien geschärft und geläutert, sein sittlicher Character gehoben und zugleich gemildert. Der freche Übermuth der Sieger unterließ nichts, was den auf seinen alten Adel und auf sein patriarchalisches Ansehen stolzen Mann kränken und demüthigen konnte. Der Gefangene ward im Triumph durch Edinburg geschleppt. Er ging zu Fuß und entblößten Hauptes die ganze stattliche Straße entlang, welche von düsteren und riesenhaften steinernen Gebäuden beschattet wird und von Holyrood House nach dem Schlosse führt. Vor ihm her schritt der Henker mit dem fürchterlichen Werkzeuge, welches zum Viertheilen auf dem Blocke gebraucht wurde. Die siegreiche Partei hatte nicht vergessen, daß fünfunddreißig Jahre früher Argyle’s Vater an der Spitze der Faction gestanden, welche Montrose dem Tode überantwortete. Schon vor diesem Ereignisse waren die Häuser Graham und Campbell einander nicht zugethan, seitdem aber hatten sie beständig in blutiger Fehde gelegen. Man nahm darauf Bedacht, daß der Gefangene durch das nämliche Thor und durch die nämlichen Straßen ging, durch welche Montrose dem gleichen Schicksale entgegen geführt worden war. Die Truppen, welche den Zug begleiteten, standen unter dem Commando Claverhouse’s, dem Wildesten und Härtesten vom Geschlechte der Graham. Als der Earl auf dem Schlosse angelangt war, wurden ihm Ketten an die Füße geschmiedet und ihm angekündigt, daß er nur noch wenige Tage zu leben habe. Man hatte beschlossen, ihn nicht seines letzten Vergehens wegen vor Gericht zu stellen, sondern ihn ohne weiteres hinzurichten in Gemäßheit eines mehrere Jahre vorher gegen ihn gefällten Urtheils, eines Urtheils von so empörender Ungerechtigkeit, daß selbst die servilsten und gefühllosesten Juristen jener schlimmen Zeit nicht ohne Beschämung davon sprechen konnten.

Aber weder die schimpfliche Prozession durch High Street, noch die nahe Aussicht auf den Tod vermochte Argyle’s edle und majestätische Ruhe zu erschüttern. Seine Standhaftigkeit wurde indeß auf eine noch härtere Probe gestellt. Auf Befehl des Geheimen Raths ward ihm ein Papier mit Fragen vorgelegt. Von diesen Fragen beantwortete er diejenigen, die er ohne Gefahr für seine Freunde beantworten konnte, und weigerte sich mehr zu sagen. Hierauf sagte man ihm, daß wenn er nicht vollständigere Antworten gäbe, er auf die Folter gespannt werden würde. Jakob, der es gewiß sehr bedauerte, daß er sich nicht persönlich an dem Anblicke Argyle’s in den spanischen Stiefeln weiden konnte, hatte die gemessensten Befehle nach Edinburg gesandt, daß nichts versäumt werden solle, was dem Verräther Aufschluß über Alle, die bei dem Verrath betheiligt waren, erpressen könnte. Doch alle Drohungen waren vergebens. Trotz unmittelbarer Aussicht auf Folterqualen und Tod dachte Mac Callum More weit weniger an sich selbst als an seine armen Clansleute. „Ich versuchte es heute,“ schrieb er aus seiner Zelle, „für sie zu unterhandeln, und ich hatte einige Hoffnung. Aber diesen Abend ist der Befehl gekommen, daß ich Montag oder Dienstag sterben müsse, und ich soll auf die Folter gelegt werden, wenn ich nicht alle Fragen beantworte und eidlich erhärte. Doch ich hoffe, Gott wird mich aufrecht erhalten.“

Die Folter wurde nicht angewendet. Vielleicht hatte die Hochherzigkeit des Opfers die Sieger zu ungewohntem Mitleid gerührt. Er selbst bemerkte, daß sie anfangs sehr hart gegen ihn gewesen waren, aber bald anfingen, ihn mit Achtung und Freundlichkeit zu behandeln. Gott, sagte er, hat ihre Herzen erweicht. Es ist erwiesen, daß er nicht einen seiner Freunde verrieth, um der äußersten Grausamkeit seiner Feinde zu entgehen. Am letzten Morgen seines Lebens schrieb er die Worte: „Ich habe Niemandem zu seinem Nachtheile genannt. Ich danke Gott, daß er mich so wunderbar aufrecht erhalten hat.“

Er verfaßte seine eigene Grabschrift, ein sinn- und geistvolles kurzes Gedicht von einfachem und kräftigem Styl und durchaus nicht zu verachtendem Versbau. In diesen Strophen beklagte er sich, daß, obgleich seine Feinde ihn wiederholt zum Tode verurtheilt hätten, seine Freunde doch noch herzloser gewesen wären. Einen Commentar zu diesen Äußerungen liefert ein Brief von ihm an eine in Holland wohnende Dame. Sie hatte ihm eine bedeutende Summe Geldes für seine Expedition gegeben und er meinte, daß sie deshalb gegründeten Anspruch auf eine ausführliche Darlegung der Ursachen habe, welche das Mißlingen derselben herbeigeführt. Von Verrath sprach er seine Gehülfen frei, ihre Thorheit, Unwissenheit und Parteisucht aber schilderte er in Ausdrücken, die sie, wie ihre eigenen Aussagen später bewiesen, mit vollem Rechte verdienten. Es stiegen nachher Zweifel in ihm auf, ob er für einen sterbenden Christen nicht eine zu harte Sprache geführt habe, und er bat daher seine Freundin noch auf einem besonderen Blatte, daß sie das von diesen Männern Gesagte als nicht geschrieben betrachten solle. „Nur dabei muß ich bleiben“ setzte er mild hinzu, „daß sie unlenksam waren.“

Den größten Theil der wenigen Stunden, die er noch zu leben hatte, brachte er im Gebet und in liebevoller Unterhaltung mit einigen Mitgliedern seiner Familie zu. Er legte keine Reue über sein letztes Unternehmen an den Tag, beklagte aber mit schmerzlicher Wehmuth seine frühere Fügsamkeit in geistlichen Dingen gegen das Belieben der Regierung. Er sagte, seine Strafe sei gerecht; wer so lange sich der Feigheit und Verstellung schuldig gemacht habe, sei nicht werth, das Rettungswerkzeug für Staat und Kirche zu sein. Die Sache aber, wiederholte er sehr häufig, sei Gottes Sache und werde gewiß triumphiren. „Ich gebe mich nicht für einen Propheten aus,“ sagte er, „aber ich habe eine bestimmte Ahnung, daß die Befreiung sehr nahe ist.“ Es kann nicht Wunder nehmen, daß einige eifrige Presbyterianer sich diesen Ausspruch merkten und ihn zu einer späteren Zeit göttlicher Eingebung zuschrieben.

Frommer Glaube und Hoffnung, verbunden mit natürlichem Muthe und stoischer Gelassenheit hatten sein Gemüth so vollkommen beruhigt, daß er noch an dem Tage, an dem er sterben sollte, mit Appetit zu Mittag speiste, sich bei Tische mit Heiterkeit unterhielt und sich dann, wie gewöhnlich, niederlegte, um einige Stunden zu schlafen, damit Leib und Seele in voller Kraft wären, wenn er das Schaffot bestiege. Um diese Zeit kam ein Lord des Geheimen Raths, der wahrscheinlich von Haus aus Presbyterianer war und sich nur durch Rücksichten des Eigennutzes hatte verleiten lassen, zur Unterdrückung der Kirche, der er früher selbst angehörte, beizutragen, mit einer Botschaft von seinen Kollegen in das Schloß und verlangte den Earl zu sprechen. Man antwortete ihm, daß der Earl schlafe. Der Geheimerath hielt dies für eine leere Ausflucht und bestand darauf, eingelassen zu werden. Die Thür der Zelle ward geöffnet und da lag der Earl auf dem Bett und schlief in seinen Ketten sanft wie ein unschuldiges Kind. In dem Renegaten regte sich das Gewissen. Mit zerknirschtem Herzen wendete er sich ab, eilte aus dem Schlosse und flüchtete sich zu einer dicht nebenan wohnenden Dame seiner Verwandtschaft. Hier warf er sich auf ein Sopha und überließ sich dem Schmerze der Beschämung und Reue. Der Ausdruck seines Blickes und seine Seufzer beunruhigten die Dame, sie glaubte er sei plötzlich krank geworden, und bat ihn ein Glas Sekt zu trinken. „Nein, nein“, erwiederte er, „das kann mir nicht helfen.“ Sie bat ihn nun, daß er ihr sagen möchte, was ihn so ergriffen habe. „Ich war in Argyle’s Gefängniß“, sagte er, „und ich habe ihn eine Stunde vor der Ewigkeit so sanft schlafen sehen, wie nur ein Mensch schlafen kann. Aber was mich betrifft —“

Der Earl erhob sich nun von seinem Lager und bereitete sich auf den letzten Gang vor. Er wurde zuerst die High Street hinab nach dem Sitzungshause des Geheimen Raths gebracht, wo er die kurze Zeit bis zu seiner Hinrichtung verweilen sollte. Während dieser letzten Frist bat er um Schreibzeug und schrieb an seine Gattin: „Liebes Weib, Gott ist unveränderlich. Er ist stets gütig und gnädig gegen mich gewesen und keine Lage ändert dies. Vergieb mir alle meine Fehler und suche Trost in Ihm, in dem allein der wahre Trost zu finden ist. Der Herr sei mit Dir, Er segne und tröste Dich. Lebe wohl.“

Argyle’s Hinrichtung. [Es] war jetzt Zeit, das Haus des Geheimen Raths zu verlassen. Die Geistlichen, welche den Gefangenen begleiteten, waren zwar nicht seines Glaubens, aber er hörte sie artig an und ermahnte sie, ihre Gemeinden vor denjenigen Lehren zu warnen, welche alle protestantischen Kirchen einstimmig verdammten. Er bestieg das Schaffot, wo die alte plumpe Guillotine Schottlands, die Jungfrau genannt, ihn erwartete, und hielt eine Ansprache an das Volk, die mit den eigenthümlichen Redensarten seiner Sekte durchwebt war, aber den Geist wahrer Frömmigkeit athmete. Er sagte, er vergebe seinen Feinden, wie er hoffe, daß ihm vergeben werden würde. Nur ein bittrer Ausdruck entschlüpfte ihm. Einer der bischöflichen Geistlichen, die ihn begleiteten, trat an den Rand des Schaffots und rief mit lauter Stimme aus: „Mylord stirbt als Protestant.“ — „Ja“, sagte der Earl vorgehend, „und nicht nur als Protestant, sondern mit dem Hasse gegen Papismus, Prälatenthum und jeden Aberglauben im Herzen.“ — Dann umarmte er seine Freunde, übergab ihnen einige Zeichen der Erinnerung für seine Gattin und seine Kinder, kniete nieder, legte das Haupt auf den Block, betete eine Weile und gab endlich dem Scharfrichter das Zeichen. Sein Kopf wurde auf die Spitze des Tolbooth gesteckt, wo vordem Montrose’s Haupt verwest war.[33]

[33.] Die Schriftsteller, denen ich die Erzählung von Argyle’s Expedition entlehnt habe, sind Sir Patrick Hume, der als Augenzeuge spricht, und Wodrow, dem die werthvollsten Materialien, darunter des Earls eigene Papiere, zu Gebote standen. Wo die Glaubwürdigkeit Argyle’s oder Hume’s in Frage kommt, da zweifle ich nicht, daß Argyle’s Erzählung die richtige ist. Siehe auch Burnet I. 631 und das Leben Bresson’s, herausgegeben von Dr. Mac Crie. Die Erzählung des schottischen Aufstandes in Clarke’s Life of James the Second ist ein lächerlicher Roman, geschrieben von einem Jakobiten, der sich nicht einmal die Mühe nahm, eine Karte des Kriegsschauplatzes anzusehen.

Rumbold’s Hinrichtung. [Der] Kopf des wackren und aufrichtigen, wenn auch nicht tadelfreien Rumbold war bereits auf dem Westthore von Edinburgh aufgesteckt. Umgeben von parteisüchtigen und feigen Verbündeten, hatte er sich während des ganzen Feldzugs als ein in der Schule des großen Protectors gebildeter Soldat gezeigt, hatte im Rathe die Autorität Argyle’s kräftig unterstützt und sich im Felde durch ruhige Unerschrockenheit ausgezeichnet. Nachdem die Armee sich zerstreut, wurde er von einer Abtheilung Miliz angegriffen. Er wehrte sich mit verzweifelter Tapferkeit und würde sich auch durchgeschlagen haben, hätte man seinem Pferde nicht die Fesseln zerschnitten. Tödtlich verwundet wurde er nach Edinburg gebracht. Die Regierung hätte ihn gern in England hinrichten lassen, aber er war dem Tode so nahe daß, wenn er nicht in Schottland gehängt wurde, er gar nicht gehängt werden konnte, und des Vergnügens, ihn zu hängen, wollten sich die Sieger nicht entschlagen. Es ließ sich zwar nicht erwarten, daß sie gegen einen Mann, der als das Haupt des Ryehousecomplots betrachtet wurde und Eigenthümer des Hauses war, von welchem dieses Complot seinen Namen erhielt, besondere Milde üben würden; aber die Rücksichts­losigkeit, mit der sie den Sterbenden behandelten, muß unsrem humaneren Zeitalter fast unglaublich erscheinen. Einer der schottischen Geheimräthe sagte ihm, er sei ein verdammter Schurke. „Ich bin im Frieden mit Gott“, erwiederte Rumbold gelassen, „wie kann ich da verdammt sein?“

Er wurde in aller Eil vor Gericht gestellt, überführt und verurtheilt, nach wenigen Stunden in der Nähe des Stadtkreuzes in High Street gehängt und geviertheilt zu werden. Obgleich er ohne die Unterstützung zweier Männer nicht stehen konnte, bewahrte er doch seine Seelenstärke bis zum letzten Augenblicke und erhob unter dem Galgen seine schwache Stimme gegen Papismus und Tyrannei mit solcher Heftigkeit, daß die Offiziere die Trommeln rühren ließen, damit das Volk ihn nicht hören konnte. Er sagte, er sei ein Freund der beschränkten Monarchie, aber er könne nimmermehr glauben, daß die Vorsehung einige wenige Menschen fertig gestiefelt und gespornt zum Reiten und Millionen gesattelt und gezäumt, um geritten zu werden, in die Welt gesandt habe. „Ich lobe und preise Gottes heiligen Namen dafür“, rief er aus, „daß ich hier stehe nicht wegen eines begangnen Unrechts, sondern weil ich in einer schlimmen Zeit seiner Sache treugeblieben bin. Und wäre jedes Haar auf meinem Haupte ein Mann, ich würde sie alle in diesem Kampfe daran setzen.“

Während der Untersuchung sowohl als noch bei der Hinrichtung sprach er vom Meuchelmorde mit dem Abscheu, der einem guten Christen und einem tapfren Soldaten ziemt. Er betheuerte auf das Wort eines dem Tode verfallnen Mannes, daß er nie den Gedanken gehegt habe, eine solche Schändlichkeit zu verüben. Aber er gestand offen, daß er im Gespräch mit seinen Mitverschworenen sein eignes Haus als einen Ort bezeichnet habe, wo Karl und Jakob mit Vortheil angegriffen werden könnten, und daß zwar viel über die Sache debattirt, doch nichts beschlossen worden sei. Es mag auf den ersten Anblick scheinen, als ob dieses Geständniß mit seiner Erklärung, daß er den Meuchelmord stets verabscheut habe, unvereinbar wäre; aber er ließ sich hierbei durch eine Unterscheidung täuschen, welche viele seiner Zeitgenossen irre leitete. Nichts hatte ihn dazu bewegen können, in die Speisen der beiden Fürsten Gift zu werfen, oder sie im Schlafe zu erdolchen; aber einen unvermutheten Angriff auf die den königlichen Wagen umgebenden Leibgarden zu machen, Schwerthiebe und, Pistolenschüsse zu wechseln und es darauf ankommen zu lassen, ob man tödten oder getödtet werden würde, dies war in seinen Augen eine durchaus loyale militärische Operation. Hinterhalte und Überrumpelungen gehörten zu den gewöhnlichen Vorfällen eines Kriegs. Jeder alte Soldat, Kavalier oder Rundkopf, war bei solchen Unternehmungen betheiligt gewesen. Fiel der König in dem Gefecht, so fiel er im ehrlichen Kampfe und nicht durch Mörderhand. Ganz das nämliche Raisonnement stellten nach der Revolution Jakob selbst und seine tapfersten und ergebensten Anhänger auf, um einen ruchlosen Anschlag gegen das Leben Wilhelm’s III. zu rechtfertigen. Ein Trupp Jakobiten wurde abgesandt, um den Prinzen von Oranien in seinem Winterquartiere anzugreifen. Der geheime Sinn dieser ganz unverfänglich klingenden Redensart war, daß dem Prinzen auf der Fahrt von Richmond nach Kensington die Kehle abgeschnitten werden sollte. Es mag auffallend erscheinen, daß solche Trugschlüsse, die Hefe der jesuitischen Casuistik, im Stande gewesen sind, Männer von heldenmüthigem Character, sowohl Whigs als Tories, zu einem Verbrechen zu verleiten, welchem die göttlichen wie die menschlichen Gesetze ganz besonders den Stempel der Verruchtheit aufgedrückt haben. Aber kein Sophismus ist so plump, daß er nicht Gemüther, welche vom Parteigeist verblendet sind, bethören könnte.[34]

Argyle, welcher Rumbold einige Stunden überlebte, gab kurz vor seinem Tode noch ein Zeugniß für die Tugenden des tapfren Engländers. „Der arme Rumbold war mir eine große Stütze und ein braver Mann, und er ist christlich gestorben.“[35]

[34.] Wodrow III. IX. 10.; Western Martyrology; Barnet, I. 633; Fox’s History, Appendix IV. Ich vermag auf keine andre als die im Texte angegebene Weise Rumbold’s Versicherung, daß er nie den Gedanken an einen Mord gehegt habe, mit seinem Geständniß, daß er selbst sein Haus als zu einem Angriff auf die königlichen Brüder passend bezeichnet habe, in Einklang zu bringen. Die Unterscheidung, die ich ihm zuschreibe, wurde auch noch von einem andren Ryehouse­verschwornen gemacht, dem Kapitain Walcot, ebenfalls einem ehemaligen Soldaten der Republik. Bei Walcot’s Verhör fragte der Kronzeuge: „Ihr habt zugegeben, Kapitain, daß Ihr einer von Denen waret, welche gegen die Garden kämpfen sollten.“ — „Aus welchem Grunde wollte er denn aber den König nicht umbringen?“ fragte hierauf der Oberrichter Pemberton. „Er sagte“, antwortete West, „es sei ruchlos, einen wehrlosen Menschen zu tödten, und dies könne er niemals.“

[35.] Wodrow III. IX. 9.

Ayloffe’s Tod. [Ayloffe] zeigte keine geringere Todesverachtung als Argyle und Rumbold, nur war sein Ende für fromme Gemüther nicht so erbaulich wie das ihrige. Wenn auch politische Sympathie ihn zu den Puritanern hingezogen, so hatte er doch keine religiösen Sympathien für sie und galt auch in ihren Augen für wenig besser als ein Atheist. Er gehörte zu dem Theile der Whigs, der seine Vorbilder lieber unter den Patrioten Griechenlands und Roms, als unter den Propheten und Richtern Israels suchte. Er wurde gefangen genommen und nach Glasgow gebracht. Hier versuchte er es, sich mit einem kleinen Federmesser zu entleiben, aber obgleich er sich mehrer Wunden beibrachte, war doch keine davon tödtlich, und er hatte noch Kraft genug, um eine Reise nach London auszuhalten. Er ward vor den Geheimen Rath gestellt und vom Könige selbst verhört, war aber zu hochsinnig, als daß er sich durch Denuncirung Anderer hätte retten sollen. Unter den Whigs erzählte man sich, der König habe zu ihm gesagt: „Ihr thätet besser, wenn Ihr offen gegen mich wäret, Herr Ayloffe; Ihr wißt, daß es in meiner Macht steht, Euch zu begnadigen.“ Der Gefangne sollte hierauf sein düstres Schweigen gebrochen und geantwortet haben. „In Ihrer Macht mag es stehen, aber in Ihrem Character liegt es nicht.“ Er wurde in Gemäßheit seines früheren Ächtungsurtheils vor dem Thore des Tempels hingerichtet und starb mit stoischem Gleichmuth.[36]

[36.] Wade’s Narrative, Harl. MS. 6845; Burnet I. 634; Citters’ Depesche vom 30. Oct. (9. Nov.) 1685; Luttrell’s Diary von dem nämlichen Datum.

Verwüstung von Argyleshire. [Inzwischen] übten die Sieger eine erbarmungslose Rache an dem Volke von Argyleshire. Athol ließ viele Campbells ohne gerichtliche Untersuchung hängen und nur mit Mühe wurde er durch den Geheimen Rath verhindert, noch mehr Menschenleben zu opfern. Dreißig Meilen im Umkreise von Inverary wurde das Land verwüstet. Häuser wurden angezündet, Mühlsteine zertrümmert, Obstbäume umgehauen und selbst die Wurzelstöcke derselben verbrannt. Die Netze und Fischerböte, die einzigen Mittel, durch welche viele von den Küstenbewohnern ihren Unterhalt erwarben, wurden vernichtet, und mehr als dreihundert Rebellen und Unzufriedene nach den Colonien transportirt. Viele von ihnen wurden auch zur Verstümmelung verurtheilt. An einem einzigen Tage schnitt der Henker von Edinburg fünfunddreißig Gefangenen die Ohren ab; eine Menge Weiber wurden über das atlantische Meer geschickt, nachdem man sie mit einem glühenden Eisen auf der Wange gebrandmarkt hatte.[37] Man ging sogar mit dem Plane um, von dem Parlamente eine Acte zu verlangen, durch welche der Name Campbell geächtet werden sollte, wie achtzig Jahre früher der Name Mac Gregor geächtet worden war.

Argyle’s Unternehmung hatte im Süden der Insel wenig Aufsehen gemacht. Die Nachricht von seiner Landung traf unmittelbar vor dem Zusammentritt des englischen Parlaments in London ein. Der König erwähnte die Sache in der Thronrede, und die Häuser versicherten ihn, daß sie gegen jeden Feind zu ihm halten würden. Mehr wurde von ihnen nicht verlangt. Über Schottland hatten sie keine Gewalt, und ein Krieg, dessen Schauplatz so weit entfernt und dessen Ausgang fast von vornherein leicht vorauszusehen war, erregte in London nur geringes Interesse.

[37.] Wodrow III. IX. 4, und III. IX. 10. Wodrow führt aus den Acten des Geheimen Rathes die Namen aller der Gefangenen auf, welche transportirt, verstümmelt oder gebrandmarkt wurden.

Erfolglose Versuche, Monmouth’s Abreise von Holland zu verhindern. [Aber] eine Woche vor der schließlichen Zerstreuung von Argyle’s Armee wurde ganz England durch die Nachricht erschüttert, daß ein weit mehr zu fürchtender Mann in feindlicher Absicht an seiner eignen Küste gelandet sei. Die Flüchtlinge waren dahin übereingekommen, daß Monmouth sechs Tage nach der Abfahrt der Schotten von Holland unter Segel gehen sollte. Er hatte seine Expedition wahrscheinlich deshalb kurze Zeit aufgeschoben, weil er hoffte, daß, sobald der Krieg in den Hochlanden ausbrach, die meisten Truppen nach dem Norden gesandt werden und er daher keine zu seinem Empfange gerüstete Streitmacht vorfinden würde. Als er endlich abzusegeln wünschte, war der Wind ungünstig und heftig geworden.

Während seine kleine Flotte im Texel hin und her getrieben wurde, lagen die holländischen Behörden mit einander im Streit. Auf der einen Seite standen die Generalstaaten und der Prinz von Oranien, auf der andren der Magistrat und die Admiralität von Amsterdam.

Skelton hatte den Generalstaaten ein Verzeichniß derjenigen Flüchtlinge übergeben, deren Aufenthalt in den Vereinigten Provinzen seinem Gebieter Besorgnisse einflößte. Die Generalstaaten, welche dringend wünschten, jedes billige Verlangen Jakob’s zu erfüllen, sandten Abschriften der Liste an die Provinzialbehörden, und diese wieder an die Municipalbehörden. Sämmtlichen Stadtmagistraten wurde bedeutet, daß sie die erforderlichen Maßregeln ergreifen sollten, um die geächteten Whigs zu verhindern, die englische Regierung zu beunruhigen. Im Allgemeinen wurde diesen Befehlen Folge geleistet, und besonders in Rotterdam, wo der Einfluß Wilhelm’s Alles vermögend war, wurde eine Thätigkeit entwickelt, welche Jakob zu dankbarer Anerkennung veranlaßte. Allein der Hauptsitz der Emigranten war Amsterdam, und die Regierungsbehörde dieser Stadt wollte nichts sehen, nichts hören und nichts wissen. Der Schultheiß, der selbst in täglichem Verkehr mit Ferguson stand, berichtete nach dem Haag, daß er nicht einen einzigen von den Flüchtlingen zu finden wisse, und die Bundesregierung mußte sich mit dieser Entschuldigung begnügen. In Wirklichkeit aber waren die englischen Verbannten in Amsterdam allgemein bekannt und wurden auf den Straßen ebenso angestaunt, als wenn sie Chinesen gewesen wären.[38]

Wenige Tage darauf erhielt Skelton von seinem Hofe den Befehl, darum anzusuchen, daß in Betracht der Gefahren, welche dem Throne seines Gebieters drohten, die drei im Dienste der Vereinigten Provinzen stehenden schottischen Regimenter unverzüglich nach Großbritannien zurückgesandt werden sollten. Er wendete sich an den Prinzen von Oranien, und dieser übernahm die Erledigung dieser Angelegenheit, sagte aber voraus, daß Amsterdam einige Schwierigkeiten machen würde. Seine Besorgniß erwies sich als gegründet. Die Deputirten von Amsterdam verweigerten ihre Zustimmung und es gelang ihnen, eine Verzögerung herbeizuführen; aber die Frage war nicht eine von denen, hinsichtlich derer nach der Verfassung der Republik eine einzelne Stadt die Verwirklichung des Wunsches der Mehrheit verhindern konnte. Wilhelm’s Einfluß überwog und die Truppen wurden mit großer Eil eingeschifft.[39]

Zu gleicher Zeit bemühte sich Skelton, allerdings mit geringer Einsicht und Mäßigung, die von den Flüchtlingen ausgerüsteten Schiffe zurückzuhalten. Er beschwerte sich in heftigen Ausdrücken bei der Admiralität von Amsterdam. Die Nachlässigkeit der Behörde, sagte er, habe schon eine Horde von Rebellen in den Stand gesetzt, einen Einfall in Großbritannien zu machen, ein zweiter derartiger Fehler sei durch nichts zu entschuldigen, und er verlangte mit peremptorischer Bestimmtheit, daß ein großes Schiff, der „Helderenbergh“, zurückgehalten werden solle. Dieses Schiff war angeblich nach den Canarischen Inseln bestimmt, wahrend es thatsächlich von Monmouth ausgerüstet war, sechsundzwanzig Kanonen führte und Waffen und Munition geladen hatte. Die Admiralität von Amsterdam erwiederte, daß die Freiheit des Handels und der Schifffahrt geringfügiger Gründe wegen nicht beschränkt und der „Helderenbergh“ nicht ohne Befehl der Generalstaaten zurückgehalten werden könnte. Skelton, dessen unveränderliche Art es gewesen zu sein scheint, Alles beim unrechten Ende anzugreifen, wendete sich nun an die Generalstaaten, und diese erließen die nöthigen Befehle. Jetzt aber gab die Amsterdamer Admiralität vor, es sei keine hinreichende Seemacht im Texel, um sich eines so großen Schiffes, wie des „Helderenbergh“ bemächtigen zu können, und ließ Monmouth ungehindert absegeln.[40]

Das Wetter war schlecht, die Reise lang und mehrere englische Kriegsschiffe kreuzten im Kanal. Aber Monmouth entging dem Meere und dem Feinde. Als er bei den Klippen von Dorsetshire vorüberkam, wurde es für wünschenswerth erachtet, ein Boot mit einem der Flüchtlinge, Namens Thomas Dare, ans Ufer zu schicken. Dieser Mann hatte trotz seiner niedrigen Denkungsart und seines gemeinen Wesens in Taunton großen Einfluß. Er erhielt die Weisung; durch das Land nach dieser Stadt zu eilen und seinen Freunden anzukündigen, daß Monmouth bald auf englischem Boden sein werde.[41]

[38.] Skelton’s Schreiben ist vom 7.(17.) Mai 1686. Es findet sich nebst dem Briefe des Schout oder Schultheißen von Amsterdam in einer kleinen Schrift, die einige Monate später erschien unter dem Titel: Histoire des Evènemens Tragiques d’Angleterre. Die in diesem Werke angeführten Actenstücke sind, so weit ich sie geprüft habe, genau aus den holländischen Archiven mitgetheilt, nur mit der Ausnahme, daß Skelton’s ziemlich unreines Französisch ein wenig verbessert ist. Siehe auch Grey’s Narrative.

Goodenough sagte in seinem Verhöre nach der Schlacht von Sedgemoor: „Der Schout von Amsterdam war ein besondrer Freund dieses letzten Planes“. Lansdowne MS. 1152.

Es ist nicht der Mühe werth, die Schriftsteller zu widerlegen, welche den Prinzen von Oranien als an Monmouth’s Unternehmung betheiligt darstellen. Sie stützen sich dabei besonders auf dem Umstand, daß die Behörden von Amsterdam keine energischen Schritte thaten, um das Absegeln der Expedition zu verhindern. Dieser Umstand ist aber gerade der stärkste Beweis, daß das Unternehmen von Wilhelm nicht begünstigt wurde. Wer nicht gänzlich unbekannt ist mit den Institutionen und der Politik Hollands, wird den Statthalter für die Handlungen der Oberhäupter der Loevestein’schen Partei nicht verantwortlich halten.

[39.] Avaux, Neg. June 7.(17.), 8.(18.), 14.(24.) 1685.; Brief des Prinzen von Oranien an Lord Rochester vom 9. Juni 1685.

[40.] Citters, 9.(19.) und 12.(22.) Juni 1685. Die Korrespondenz Skelton’s mit den Generalstaaten und der Admiralität von Amsterdam befindet sich in den Archiven im Haag. Einige Briefe findet man in den Evènemens Tragiques d’Angleterre. Siehe auch Burnet I. 640.

[41.] Wade’s Bekenntniß in den Hardwicke Papers, Harl. MS. 6845.

Monmouth’s Ankunft in Lyme. [Am] Morgen des siebenten Juni erschien der „Helderenbergh“, begleitet von zwei kleineren Schiffen, vor dem Hafen von Lyme. Diese Stadt ist ein kleiner Knäuel von steilen und engen Gassen und liegt an einer wilden, felsigen, von einer stürmischen See gepeitschten Küste. Der Ort war damals besonders wegen eines Dammes bekannt, der aus unbehauenen und nicht durch Mörtel verkitteten Steinen zur Zeit der Plantagenets errichtet worden war. Dieses alte, unter dem Namen Cob bekannte Bauwerk verschloß den auf einer Strecke von vielen Meilen einzigen Hafen, in den sich die Fischer vor den Stürmen des Kanals flüchten konnten.

Das Erscheinen der drei Schiffe von fremder Bauart und ohne Flagge machte die Bewohner von Lyme bestürzt, und die Besorgniß nahm zu, als es sich zeigte, daß die Zollbeamten, welche dem Gebrauche gemäß an Bord gegangen waren, nicht zurückkamen. Die ganze Bevölkerung eilte auf die Klippen und blickte lange ängstlich hinaus, konnte aber keine Lösung des Räthsels finden. Endlich stießen von dem größten der drei Schiffe sieben Böte ab und ruderten ans Ufer, wo sie ungefähr achtzig wohl bewaffnete und ausgerüstete Männer aussetzten. Unter ihnen befanden sich Monmouth, Grey, Fletcher, Ferguson, Wade und Anton Buyse, ein Offizier, der im Dienste des Kurfürsten von Brandenburg gestanden hatte[42].

Monmouth gebot Ruhe, kniete am Strande nieder, dankte Gott, daß er die Freunde der Freiheit und des reinen Glaubens vor den Gefahren der See behütet, und erflehte den göttlichen Segen für das, was noch am Lande zu thun sei. Dann zog er sein Schwert und führte seine Leute über die Klippen in die Stadt.

Sobald es bekannt wurde, unter welchem Führer und in welcher Absicht die Expedition kam, durchbrach die Begeisterung des Volks alle Schranken. Die kleine Stadt war in der heftigsten Aufregung, die Leute liefen hin und her und jubelten laut: „Monmouth! Monmouth! die protestantische Religion!“ Mittlerweile ward die Fahne der Abenteurer, eine blaue Flagge, auf dem Marktplatze aufgepflanzt, die Kriegsvorräthe wurden im Stadthause untergebracht und vom Kreuze herab eine Erklärung verlesen, in der die Zwecke der Unternehmung auseinandergesetzt waren[43].

[42.] Man sehe Bunse’s Aussage gegen Monmouth und Fletcher in der Collection of State Trials.

[43.] Journals of the House of Commons. June 13. 1685. Harl. MS. 6845; Lansdowne MS. 1152.

Seine Erklärung. [Diese] Erklärung, das Meisterstück von Ferguson’s Genie, war nicht ein ernstes Manifest, wie es von einem Anführer erlassen werden muß, der für eine große öffentliche Sache das Schwert zieht, sondern es war nach Inhalt und Sprache ein Libell der gemeinsten Art[44]. Sie enthielt zwar manche wohlbegründete Angriffe gegen die Regierung, aber diese Angriffe waren in dem weitschweifigen und dünkelhaften Style eines schlechten Pamphlets abgefaßt und das Manifest enthielt andere Beschuldigungen, deren ganze Schmach auf Die zurückfällt, die sie erhoben. Es wurde mit Bestimmtheit versichert, der Herzog von York habe London in Brand gesteckt, Godfrey erdrosselt, Esser die Kehle abgeschnitten und den verstorbnen König vergiftet. Auf Grund dieser abscheulichen und unnatürlichen Verbrechen, und hauptsächlich der letztgenannten gräßlichen That, des haarsträubenden, barbarischen Brudermordes — so wortreich und glücklich gewählt war Ferguson’s Sprache — wurde Jakob für einen gefährlichen, blutdürstigen Feind, für einen Tyrannen, Mörder und Usurpator erklärt. Man werde sich in keine Unterhandlungen mit ihm einlassen und das Schwert nicht eher wieder in die Scheide stecken, als bis er seine verdiente Strafe als Verräther erhalten habe. Die Regierung solle auf Grundlagen basirt werden, die der Freiheit günstig wären; alle protestantischen Sekten sollten geduldet, die entzogenen Freibriefe zurückgegeben, alljährlich ein Parlament gehalten und fernerhin nicht mehr durch königliche Laune prorogirt oder aufgelöst werden. Das einzige stehende Heer sollte die Miliz sein, die Miliz sollte von den Sheriffs befehligt und diese von den Freisassen gewählt werden. Schließlich erklärte Monmouth, er könne es beweisen, daß er in rechtmäßiger Ehe geboren und daß er dem Geburtsrechte nach König von England sei, daß er aber für jetzt auf seine Ansprüche verzichten, sie der Beurtheilung eines freien Parlaments anheim geben und bis dahin nur als Oberbefehlshaber der gegen Tyrannei und Papismus aufgestandenen Protestanten betrachtet sein wolle.

[44.] Burnet I. 641.; Goodenough’s Geständniß in den Lansdowne MS. 1152. Originalabdrücke der Erklärung sind sehr selten; einer befindet sich im Britischen Museum.

Seine Popularität im Westen Englands. [So] entehrend dieses Manifest auch für Die war, von denen es ausging, so war es doch zu dem Zwecke, die Leidenschaften des großen Haufens aufzustacheln, nicht ungeschickt abgefaßt. Im Westen machte es großen Eindruck. Zwar waren die Gentry und der Klerus in diesem Theile des Landes mit wenigen Ausnahmen Tories, aber die Freisassen, die Kaufleute in den Städten, das Landvolk und die Handwerker waren größtentheils von dem alten Geiste der Rundköpfe beseelt. Viele von ihnen waren Dissenters und durch kleinliche Verfolgungen in eine Stimmung versetzt, die sie zu einem verzweifelten Unternehmen geneigt machte. Die große Masse der Bevölkerung verabscheute den Papismus und liebte Monmouth. Er war kein Fremder für sie, seine Reise durch Somersetshire und Devonshire im Sommer 1680 war noch bei Jedermann in frischem Andenken. Er war bei dieser Gelegenheit von Thomas Thynne in Longleat Hall, damals und vielleicht jetzt noch dem prächtigsten Landsitze in England, mit verschwenderischem Aufwande bewirthet worden. Von Longleat bis Exeter waren alle Hecken und Zäune mit jauchzenden Zuschauern bedeckt, die Landstraßen mit Zweigen und Blumen bestreut; die Menge riß in dem Eifer, ihren Liebling zu sehen und zu berühren, die Umzäunungen der Parke nieder und belagerte die Schlösser, in denen er bewirthet wurde. Als er in Chard ankam, bestand sein Gefolge aus fünftausend Reitern; in Exeter hatte sich ganz Devonshire versammelt, um ihn zu begrüßen. Ganz besonderes Aufsehen erregte bei dem Triumphzuge eine Schaar von neunhundert jungen Männern in weißer Uniform, welche vor ihm her in die Stadt marschirten[45]. Der Wechsel des Geschicks, der die Gentry seiner Sache entfremdet hatte, war bei dem gemeinen Mann ohne Wirkung geblieben; für diesen war er noch immer der gute Herzog, der protestantische Herzog, der rechtmäßige Thronerbe, den eine heimtückische Verschwörung seines Eigenthums beraubt hatte. Das Volk schaarte sich in Massen um seine Fahne; alle Schreiber, die er hatte auftreiben können, reichten nicht hin, um die Namen der Rekruten niederzuschreiben, und noch ehe er vierundzwanzig Stunden auf englischem Boden war, sah er sich schon an der Spitze von fünfzehnhundert Mann. Dare langte mit vierzig Reitern von nicht sehr martialischem Aussehen von Taunton an und brachte ermuthigende Nachrichten über die öffentliche Stimmung in Somersetshire. Bis jetzt schien Alles einen glücklichen Erfolg zu versprechen[46].

In Bridport aber sammelte sich eine Streitmacht, um den Insurgenten Widerstand zu leisten. Am 13. Juni rückte das rothe Regiment der Miliz von Dorsetshire in jene Stadt ein, und das Regiment von Somersetshire oder das gelbe Regiment, dessen Oberst, Sir Wilhelm Portman, ein angesehener Tory war, wurde am folgenden Tage erwartet[47]. Der Herzog beschloß, sofort loszuschlagen. Schon rüstete sich eine Abtheilung seiner Truppen zum Aufbruch nach Bridport, da brachte ein unglücklicher Vorfall das ganze Lager in Verwirrung.

Fletcher von Saltoun war zum Befehlshaber der Reiterei unter Grey ernannt worden. Er war schlecht beritten, wie sich überhaupt wenige Pferde im Lager befanden, die nicht vom Pfluge genommen waren. Als er nach Bridport commandirt wurde, glaubte er, daß der Drang der Umstände ihn berechtige, ein Dare gehörendes schönes Pferd zu leihen, ohne erst deshalb um Erlaubniß zu fragen. Dare war entrüstet über diese Eigenmächtigkeit und überhäufte Fletcher mit groben Beleidigungen. Fletcher blieb ruhiger als Jeder, der ihn kannte, es erwartet hätte. Endlich aber wagte es Dare, auf die Geduld, mit der seine Unziemlichkeiten hingenommen wurden, pochend, gegen den hochadeligen und stolzen Schotten die Reitgerte zu erheben. Dies brachte Fletcher’s Blut zum Sieden. Er zog ein Pistol hervor und schoß Dare nieder. Eine so summarische und gewaltthätige Rache würde in Schottland nicht aufgefallen sein, wo das Gesetz von jeher schwach gewesen war, wo Derjenige, der sich nicht mit eigner Faust Recht verschaffte, wenig Aussicht hatte, überhaupt Recht zu bekommen, und wo daher ein Menschenleben fast eben so wohlfeil war, als in den am schlechtesten regierten Provinzen Italiens. Im südlichen Theile der Insel aber war das Volk noch nicht gewohnt, um eines harten Wortes oder einer heftigen Geberde willen tödtliche Waffen gebrauchen und Blut vergießen zu sehen, außer im Zweikampf unter Gentlemen mit gleichen Waffen. So erhob sich denn ein allgemeines Geschrei nach Rache gegen den Fremden, der einen Engländer ermordet habe, Monmouth konnte sich dem Verlangen nicht widersetzen und Fletcher, der, nachdem der erste Ausbruch seines Zornes sich gelegt hatte, von Reue und Angst ergriffen wurde, flüchtete sich auf den „Helderenbergh“, entkam glücklich auf das Festland und begab sich nach Ungarn, wo er tapfer gegen den gemeinsamen Feind der Christenheit focht[48].

[45.] Historical Account of the Life and magnanimous Actions of the most illustrious Protestant Prince James, Duke of Monmouth, 1683.

[46.] Wade’s Confession, Hardwicke Papers; Axe Papers; Harl. MS. 6845.

[47.] Harl. MS. 6845.

[48.] Buyse’s Aussage in der Collection of State Trials; Burnet I. 642; Ferguson’s MS., citirt von Eachard.

Zusammenstoß der Rebellen mit der Miliz in Bridport. [Bei] der Lage der Insurgenten war der Verlust eines Mannes von Talent und Energie nicht leicht zu ersetzen. Am frühen Morgen des folgenden Tages, dem 14. Juni, brach Grey in Begleitung Wade’s mit fünfhundert Mann auf, um Bridport anzugreifen. Es fand ein verworrenes und unentschieden bleibendes Gefecht statt, wie es zwischen zwei Haufen von Bauern, die von Landedelleuten und Advokaten befehligt wurden, nicht anders zu erwarten war. Eine Zeit lang drängten Monmouth’s Leute die Miliz zurück; dann aber hielt diese wieder Stand und erstere ergriffen in ziemlicher Verwirrung die Flucht. Grey und seine Reiter hielten nicht eher an, als bis sie in Lyme wieder in Sicherheit waren; Wade dagegen sammelte das Fußvolk und führte es in guter Ordnung zurück[49].

Alles murrte laut gegen Grey, und einige von den Abenteurern drangen in Monmouth, ein strenges Exempel zu statuiren. Monmouth aber wollte davon nichts hören. Einige Schriftsteller haben diese Nachsicht seiner Gutmüthigkeit zugeschrieben, die allerdings oft an Schwäche grenzte; andere vermuthen, daß er nicht hart gegen den einzigen Peer verfahren wollte, der in seiner Armee diente. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der Herzog, der zwar kein ausgezeichneter General war, aber doch jedenfalls vom Kriege viel mehr verstand als die Priester und Advokaten, die ihm ihren Rath aufdringen wollten, Rücksichten nahm, an welche Leute, die in militairischen Angelegenheiten durchaus unerfahren sind, allerdings nie gedacht hätten. Um einem Manne, der wenig Vertheidiger gehabt hat, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß bemerkt werden, daß die Lord Grey während des ganzen Feldzugs zugetheilte Aufgabe von der Art war, daß er sie, selbst wenn er der kühnste und geschickteste Soldat gewesen wäre, kaum in einer Weise hätte lösen können, die ihm zum Ruhme gereichte. Er stand an der Spitze der Reiterei; es ist aber eine allbekannte Sache, daß ein Kavalerist viel längerer Übung bedarf als ein Fußsoldat, und daß ein Kavaleriepferd eine noch viel längere Schule braucht als sein Reiter. Mit einer ungeübten Infanterie, wenn sie von Begeisterung und physischem Muthe beseelt ist, kann allenfalls etwas ausgerichtet werden; aber es kann nichts Unbeholfeneres geben als eine aus Landwirthen und Handelsleuten auf Karrengäulen und Postpferden bestehende ungeübte Reiterei; und von solcher Art war die, welche Grey befehligte. Nicht darüber muß man sich wundern, daß diese Leute im Feuer nicht entschlossen Stand hielten und daß sie nicht tüchtig von ihren Waffen Gebrauch machten, sondern darüber, daß sie sich überhaupt nur im Sattel zu erhalten vermochten.

Noch immer langten Rekruten zu Hunderten an, den ganzen Tag wurde bewaffnet und einexercirt. Inzwischen hatte sich die Nachricht von dem Aufstande rasch und weit verbreitet. Noch denselben Abend, an welchem der Herzog gelandet war, schickte der Mayor von Lyme, Gregor Alford, ein eifriger Tory und ungemein heftiger Verfolger der Nonconformisten, seine Diener aus, um die Gentry von Somersetshire und Dorsetshire zu alarmiren, während er selbst zu Pferde nach dem Westen eilte. Spät in der Nacht hielt er in Honiton an und schickte von dort einige flüchtig hingeworfene Zeilen mit der schlimmen Botschaft nach London[50]. Dann eilte er weiter nach Exeter, wo er Christoph Monk, Herzog von Albemarle fand. Dieser Edelmann, der Sohn und Erbe Georg Monk’s, des Wiederherstellers der Stuarts, war Lordlieutenant von Devonshire und hielt damals gerade Musterung über die Miliz. Er hatte zur Zeit viertausend Mann zu seiner Verfügung, und mit dieser Streitmacht glaubte er den Aufstand mit einem Schlage unterdrücken zu können. Er marschirte deshalb nach Lyme.

[49.] London Gazette, June 18. 1685; Wade’s Confession; Hardwicke Papers.

[50.] Lords’ Journals, June 13. 1685.

Gefecht zwischen den Rebellen und der Miliz bei Axminster. [Als] er aber am Montag Nachmittag den 15. Juni Axminster erreichte, fand er die Insurgenten schlagfertig aufgestellt, um ihn zu empfangen. Sie zeigten ihm eine sehr achtunggebietende Fronte; vier Feldstücke waren gegen die königlichen Truppen gerichtet und die dichten Hecken, welche zu beiden Seiten die enge Straße beschatteten, waren mit Musketieren besetzt. Die Vorkehrungen des Feindes beunruhigten jedoch Albemarle weniger als der Geist, der sich in seinen eigenen Reihen zu äußern begann. Monmouth war bei dem gemeinen Volke von Devonshire so beliebt, daß die ganze Miliz wahrscheinlich in Masse zu ihm überging, sobald sie Monmouth’s wohlbekanntes Gesicht und seine Gestalt erblickte.

Albemarle hielt es daher trotz seiner großen Übermacht an Streitkräften für rathsam, sich zurückzuziehen. Der Rückzug verwandelte sich bald in wilde Flucht. Die ganze Gegend war mit den Waffen und Uniformstücken besäet, welche die Fliehenden weggeworfen hatten, und hätte Monmouth die Verfolgung mit Nachdruck betrieben, so würde er Exeter wahrscheinlich ohne Schwertstreich genommen haben. Aber er war mit dem errungenen Vorteile zufrieden und hielt es für wünschenswerth, seine Rekruten erst besser einzuüben, bevor er sie zu gewagten Unternehmungen verwendete. Er marschirte daher nach Taunton, wo er am 18. Juni, gerade eine Woche nach seiner Landung eintraf[51].

[51.] Wade’s Confession; Ferguson MS.; Axe Papers; Harl. MS. 6845; Oldmixon, 701, 702. Oldmixon, welcher damals ein Knabe war, lebte in unmittelbarer Nähe des Schauplatzes der Ereignisse.

Die Nachricht von dem Aufstande kommt nach London. [Der] Hof und das Parlament waren über die Nachrichten aus dem Westen nicht wenig erschrocken. Am Sonnabend den 13. Juni um fünf Uhr Morgens hatte der König den Brief erhalten, den der Mayor von Lyme von Honiton an ihn abgesandt. Der Geheime Rath wurde augenblicklich zusammenberufen; es wurden Befehle gegeben, daß die Infanterie­regimenter und die Reiterschwadronen verstärkt werden sollten, und Commissionen zur Aushebung neuer Mannschaften ernannt.

Loyalität des Parlaments. [Alford’s] Bericht ward den Lords vorgelegt und der wesentliche Inhalt desselben den Gemeinen mitgetheilt. Diese untersuchten die aus dem Westen angelangten Nachrichten und brachten sogleich eine Bill ein, weiche Monmouth wegen Hochverraths verurtheilte. Adressen wurden votirt, die den König versicherten, daß seine Peers sowohl wie auch sein Volk entschlossen seien, ihm mit Gut und Blut gegen seine Feinde beizustehen. In ihrer nächsten Sitzung verfügten die beiden Häuser, daß die Erklärung der Rebellen durch den Henker verbrannt werden solle, und ließen die Verurtheilungsbill in allen Stadien durchgehen. Die Bill erhielt noch denselben Tag die königliche Genehmigung und auf Monmouth’s Ergreifung wurde eine Belohnung von fünftausend Pfund gesetzt[52].

Die Thatsache, daß Monmouth gegen die Regierung unter Waffen stand, war so unbestreitbar, daß die Verurtheilungsbill gegen den schwachen Widerstand von nur einigen wenigen Peers zum Gesetz erhoben ward und selbst von whiggistischen Geschichtschreibern nur selten streng getadelt worden ist. Wenn wir indessen erwägen, wie wichtig es ist, daß gesetzgeberische und richterliche Functionen getrennt bleiben, wie wichtig es ferner ist, daß ein bloßes Gerücht, so stark und allgemein es auch sein mag, nicht als gesetzlicher Schuldbeweis angenommen werde, wie wichtig es endlich ist, die Regel festzuhalten, daß Niemand zum Tode verurtheilt werden darf, ohne ihm Gelegenheit zu seiner Vertheidigung gegeben zu haben, und wie leicht und schnell einmal begangene Verletzungen großer Grundsätze weiter ausgedehnt werden, so dürften wir wohl zu der Ansicht geneigt sein, daß sich gegen das vom Parlament beobachtete Verfahren einige Einwendungen machen ließen. Keinem der beiden Häuser lag das Mindeste vor, was selbst ein so gewissenloser Richter wie Jeffreys einer Jury als Beweis für Monmouth’s Schuld hätte darstellen können. Die von den Gemeinen verhörten Boten waren nicht vereidigt und ihre Mittheilungen konnten daher rein aus der Luft gegriffen sein, ohne daß sie deshalb wegen Meineids hätten bestraft werden können. Die Lords, welche, als Gerichtshof, einen Eid hätten abnehmen können, examinirten keinen Zeugen und hatten keinen andren Beweis vor sich, als den Brief des Mayors von Lyme, der in den Augen des Gesetzes gar kein Beweis war. Die äußerste Gefahr rechtfertigt allerdings zuweilen äußerste Mittel, aber die Verurtheilungsacte war ein Mittel, das erst in Wirksamkeit gesetzt werden konnte, wenn jede Gefahr vorüber war, und das daher von dem Augenblicke an, wo es aufhörte, wirkungslos zu sein, ganz überflüssig wurde. So lange Monmouth unter Waffen stand, war es unmöglich, ihn hinzurichten, und wurde er besiegt und gefangen genommen, so hatte es weder Gefahr noch Schwierigkeit, ihn vor Gericht zu stellen. Später hat man es als einen merkwürdigen Umstand hervorgehoben, daß sich unter den eifrigen Tories, welche die Bill aus dem Hause der Gemeinen vor die Schranken der Lords brachten, Sir Johann Fenwick, Abgeordneter für Northumberland, befand[53]. Dieser Herr hatte einige Jahre nachher Gelegenheit, über die Sache nachzudenken, und er kam zu dem Schlusse, daß Verurtheilungsbills durchaus nicht zu rechtfertigen seien.

Das Parlament gab in dieser Stunde der Gefahr noch andere Beweise von Loyalität. Die Gemeinen ermächtigten den König, zur Bestreitung augenblicklicher Bedürfnisse eine außerordentliche Summe von vierhundert­tausend Pfund zu erheben, und damit er das Geld ohne Schwierigkeit bekomme, sannen sie auf neue Steuern. Der Plan, die in der Hauptstadt unlängst neuerbauten Häuser zu besteuern, wurde wieder aufgenommen und von den Landgentlemen eifrig unterstützt. Es wurde nicht allein beschlossen, daß diese Häuser besteuert werden sollten, sondern auch, daß eine Bill eingebracht werden sollte, die jede neue Grundsteinlegung innerhalb des Stadtgebiets von London verbot. Der Beschluß kam jedoch nicht zur Ausführung. Einflußreiche Männer, welche in den Vorstädten Grund und Boden besaßen und hofften, daß sich auf ihren Gütern neue Straßen und Plätze erheben würden, boten Alles auf, um diesen Plan zu vereiteln. Man sah ein, daß es viel Zeit erfordern würde, um die Einzelnheiten eines solchen Gesetzes zu reguliren, und die Bedürfnisse des Königs waren so dringend, daß man es für nöthig erachtete, die Verhandlungen des Hauses durch eine höfliche Ermahnung zur Eil zu beschleunigen. Die Idee der Häuserbesteuerung wurde daher aufgegeben und dagegen für die nächsten fünf Jahre neue Zölle auf ausländische Seidenstoffe, Leinenwaaren und geistige Getränke gelegt[54].

Die im Unterhause sitzenden Tories schritten nun zur Einbringung einer sogenannten Bill zur Sicherung der Person und der Regierung des Königs. Sie schlugen vor, es solle für Hochverrath erklärt werden, wenn Jemand sagte, Monmouth sei legitim, oder Worte äußerte, welche darauf abzielten, die Person oder die Regierung des Souverains verhaßt oder verächtlich zu machen, oder wenn Jemand im Parlament einen Antrag auf Abänderung der Thronfolgeordnung stellte. Einige von diesen Bestimmungen erregte allgemeinen Unwillen und Abscheu. Die Whigs versuchten es trotz ihrer geringen Zahl und ihrer Schwäche, sich zu verbinden, und sie wurden durch eine bedeutende Anzahl gemäßigter und einsichtsvoller Kavaliere verstärkt. Worte, sagte man, könnten leicht von rechtschaffenen Männern mißverstanden, von Schurken aber falsch ausgelegt werden; bildliche Ausdrücke könnten wörtlich genommen und scherzhafte Äußerungen als ernstlich gemeint dargestellt werden. Eine Partikel, ein Tempus, ein Modus, die Betonung könne den ganzen Unterschied zwischen Schuld und Unschuld begründen. Sei ja der Erlöser selbst, in dessen reinem Lebenswandel die Böswilligkeit keinen Anhalt zu irgend einer Beschuldigung finden konnte, wegen gesprochener Worte in Untersuchung gezogen worden. Falsche Zeugen hätten eine Sylbe weggelassen, durch welche klar bewiesen worden wäre, daß jene Worte bildlich gemeint waren, und hätten so dem Sanhedrin einen Vorwand geliefert, unter welchem der schändlichste aller Justizmorde verübt worden sei. Wer könne, mit einem solchen Beispiele vor Augen, behaupten, daß wenn bloße Reden schon eine Anklage auf Hochverrath begründeten, der loyalste Unterthan sicher sei? Diese Argumente machten einen so großen Eindruck, daß im Ausschusse Verbesserungs­anträge gestellt wurden, welche die Härte der Bill bedeutend milderten; die Klausel aber, welche es für Hochverrath erklärte, wenn ein Mitglied des Parlaments die Ausschließung eines Prinzen von Geblüt vom Throne beantragte, scheint keine Debatte hervorgerufen zu haben und wurde angenommen. Sie hatte jedoch nur insofern eine Bedeutung, als sie ein Beweis für die Unwissenheit und Unerfahrenheit der heißblütigen Royalisten war, welche das Unterhaus füllten. Hätten sie nur die ersten Anfangsgründe der Gesetzgebung gekannt, so würden sie eingesehen haben, daß die Bestimmung, auf die sie so großes Gewicht legten, überflüssig sein mußte, so lange das Parlament geneigt war, die Thronfolgeordnung aufrechtzuerhalten, und daß sie widerrufen werden würde, sobald ein Parlament die Absicht hatte, dieselbe abzuändern[55].

Die Bill ging in ihrer verbesserten Fassung durch und wurde den Lords überreicht, aber nicht zum Gesetz erhoben. Der König hatte vom Parlament eine Geldunterstützung erlangt, wie er sie nur erwarten konnte, und er sah ein, daß, so lange der Aufstand wüthete, die loyalen Mitglieder des Adels und der Gentry in ihren Grafschaften mehr nützen könnten, als in Westminster. Er drängte daher ihre Verhandlungen zu einem baldigen Schlusse und entließ sie am 3. Juli. An dem nämlichen Tage erhielt ein Gesetz, welches die mit dem Jahre 1679 erloschene Censur wieder einführte, die königliche Genehmigung. Dieser Gegenstand wurde mit wenigen Worten am Ende eines gemischten Gesetzes abgethan, welches verschiedene erlöschende Gesetze verlängerte. Die Anhänger des Hofes dachten nicht daran, daß sie einen Sieg errungen hätten und die Whigs äußerten durchaus keine Unzufriedenheit. Weder bei den Lords noch bei den Gemeinen kam es zu einer Abstimmung, ja, soweit man es jetzt noch ersehen kann, nicht einmal zu einer Debatte über eine Frage, welche in unsrer Zeit das ganze Gebäude der Gesellschaft erschüttern würde. Die Veränderung war auch in der That unbedeutend und kaum bemerkbar, denn seit der Entdeckung des Ryehousecomplots hatte die Freiheit, ohne Censur drucken zu dürfen, nur dem Namen nach bestanden. Seit vielen Monaten war kaum eine gegen den Hof gerichtete Flugschrift anders als heimlich gedruckt worden, und heimlich konnten solche Flugschriften nach wie vor herausgegeben werden[56].

Die Häuser schlossen nun ihre Sitzungen; sie wurden nicht prorogirt, sondern nur vertagt, damit sie bei ihrem nächsten Zusammentritt die Geschäfte genau in dem Stande wieder aufnehmen könnten, wie sie dieselben verlassen hatten[57].

[52.] London Gazette, June 18. 1685; Lords’ and Commons’ Journals, June 13. & 15.; Holländische Depesche vom 16.(26.) Juni.

[53.] Oldmixon hat unrecht, wenn er sagt, daß Fenwick die Bill überreichte. Aus den Protokollen ergiebt sich, daß sie durch Lord Ancram überreicht wurde.

[54.] Commons’ Journals, June 17, 18 & 19. 1685; Reresby’s Memoirs.

[55.] Commons’ Journals, June 19. 29. 1685; Lord Lonsdale’s Memoirs. 8. 9.; Burnet I. 639. Die Bill ist in ihrer durch den Ausschuß abgeänderten Fassung in Fox’ Geschichtswerke Anh. III. zu finden. Wenn Burnet’s Bericht genau ist, so waren diejenigen Vergehen, welche die amendirte Bill nur als Civilvergehen bestraft wissen wollte, in der ursprünglichen Bill als Kapitalverbrechen behandelt.

[56.] 1 Jac. II. c. 17. Lords’ Journals, July 2. 1685.

[57.] Lords’ and Commons’ Journals, July 2, 1685.

Monmouth’s Empfang in Taunton. [Während] das Parlament auf strenge Gesetze gegen Monmouth und seine Anhänger sann, fand er in Taunton eine Aufnahme, die ihn wohl zu der Hoffnung berechtigen konnten, daß sein Unternehmen gelingen werde. Taunton war wie viele andere Städte im südlichen England damals viel bedeutender als gegenwärtig. Diese Städte sind zwar nicht kleiner und ärmer geworden, im Gegentheil, sie sind mit wenigen Ausnahmen jetzt größer und reicher, besser gebaut und besser bevölkert als im siebzehnten Jahrhundert. Aber trotz dieser positiven Fortschritte haben sie doch relativ an Bedeutung verloren. Sie sind von den Fabrik- und Handelsstädten im Norden, welche zu den Zeiten der Stuarts kaum erst anfingen, als Sitze des Gewerbfleißes bekannt zu werden, in Reichthum und Volkszahl weit überflügelt worden. Als Monmouth in Taunton einzog, war diese Stadt ein ungemein blühender Ort; seine Märkte waren mit Allem reichlich versorgt und seine Wollenmanufactur weit und breit berühmt. Die Bevölkerung rühmte sich, in einem Lande zu leben, wo Milch und Honig flössen, und diese Sprache führten nicht nur die parteiischen Eingebornen, sondern auch jeder Fremde, der den schönen Thurm von St. Maria Magdalena bestieg, gestand es zu, daß er zu seinen Füßen das fruchtbarste Thal Englands erblicke. Die Umgegend war reich an Obstgärten und grünen Wiesen, zwischen denen in lieblicher Fülle und Abwechselung Edelhöfe, Hütten und Dorfkirchen zerstreut lagen. Die Einwohner der Stadt waren schon seit langer Zeit für die presbyterianische Gottesverehrung und die Whigpolitik eingenommen; in dem großen Bürgerkriege hatte Taunton durch alle Wechselfälle fest zum Parlament gehalten, war zweimal von Goring hart belagert und zweimal durch Robert Blake, den nachmaligen berühmten Admiral der Republik, mit heldenmüthiger Tapferkeit vertheidigt worden. Ganze Straßen wurden durch die Bomben und Granaten der Kavaliere in Brand geschossen; der Mangel an Lebensmitteln wurde so groß, daß der entschlossene Commandant schon die Absicht angekündigt hatte, die Besatzung auf Pferdefleisch­rationen zu setzen; aber weder Feuer noch Hunger hatten den Muth der Stadt brechen können[58].

Die Restauration hatte in den Gesinnungen der Bewohner von Taunton nichts geändert. Sie hatten nach wie vor das Jahresfest des glücklichen Tages gefeiert, an welchem die königlichen Truppen ihre Belagerung aufgehoben, und ihre starre Anhänglichkeit an die alte Sache hatte in Whitehall so große Besorgniß und so heftigen Groll erregt, daß auf königlichen Befehl ihr Wallgraben ausgefüllt und die Wälle bis auf den Grund zerstört worden waren[59]. Der puritanische Geist war bei ihnen durch die Lehre und das Beispiel eines der berühmtesten Dissenter­geistlichen, Joseph Alleine’s, in seiner ungeschwächten Kraft erhalten worden. Alleine war der Verfasser eines Tractats, betitelt: An Alarm to the Unconverted, das noch jetzt in England wie in Amerika populär ist. Aus dem Kerker, in den er von den siegreichen Kavalieren geworfen wurde, schrieb er an seine lieben Freunde in Taunton viele Briefe, welche den Geist einer wahrhaft heldenmüthigen Frömmigkeit athmeten. Sein Leib welkte unter dem Einflusse der Studien, Anstrengungen und Verfolgungen bald dahin; sein Andenken aber ward von Denen, die er ermahnt und unterrichtet hatte, noch lange mit außerordentlicher Liebe und Verehrung bewahrt[60].

Die Kinder der Männer, welche vierzig Jahre früher auf den Wällen von Taunton gegen die Royalisten gekämpft hatten, bewillkommneten jetzt Monmouth mit lauten Ausbrüchen der Freude und Zuneigung. Jede Thür und jedes Fenster war mit Girlanden bekränzt. Niemand zeigte sich auf den Straßen, ohne einen grünen Zweig, als Zeichen der Volkssache, am Hute. Die Töchter der angesehensten Familien verfertigten Fahnen für die Insurgenten. Von diesen Fahnen war besonders eine mit den Zeichen der königlichen Würde prächtig gestickt und wurde Monmouth durch einen Zug junger Mädchen überreicht. Er nahm das Geschenk mit der ihm eigenen liebenswürdigen Artigkeit an. Die Dame, welche den Zug anführte, beschenkte ihn außerdem noch mit einer kostbaren kleinen Bibel, die er mit einem Zeichen von Ehrfurcht in Empfang nahm. „Ich komme,“ sagte er, „um die in diesem Buche enthaltenen Wahrheiten zu vertheidigen und sie, wenn es sein muß, mit meinem Blute zu besiegeln[61].“

Aber während Monmouth sich des Beifalls der Menge erfreute, mußte er mit Schmerz und Besorgniß bemerken, daß die höheren Klassen fast ohne Ausnahme seiner Unternehmung feindlich gesinnt waren und daß nur in den Grafschaften, wo er sich persönlich gezeigt hatte, ein Aufstand erfolgt war. Es war ihm von Agenten, welche ihre Angaben von Wildman erhalten zu haben behaupteten, versichert worden, daß der ganze whiggistische Adel von Kampflust erfüllt sei. Gleichwohl waren bereits über acht Tage verstrichen, seitdem die blaue Fahne in Lyme aufgepflanzt worden war. Tagelöhner, kleine Landwirthe, Krämer, Lehrlinge und Dissenterprediger waren dem Lager der Rebellen zugeströmt, aber nicht ein einziger Peer, Baronet oder Ritter, nicht ein einziges Mitglied des Unterhauses, und kaum hin und wieder ein Squire, der sich eines hinreichenden Ansehens erfreute, um einmal Friedensrichter gewesen zu sein. Ferguson, der seit dem Tode Karl’s von jeher Monmouth’s böser Geist gewesen war, hatte eine Erklärung dieses Umstandes bereit: der Herzog hatte sich durch Ablehnung des Königstitels in eine falsche Stellung versetzt. Hätte er sich selbst zum König von England erklärt, so würde seine Sache einen Anschein von Gesetzlichkeit gehabt haben. Jetzt aber sei es unmöglich, sein Manifest mit den Grundsätzen der Verfassung in Einklang zu bringen. Es sei klar, daß entweder Monmouth oder sein Oheim der rechtmäßige König war. Monmouth wagte es nicht, als rechtmäßiger König aufzutreten, und doch leugnete er, daß sein Oheim es sei. Diejenigen, welche für Jakob kämpften, kämpften für die einzige Person, die es wagte, den Thron für sich in Anspruch zu nehmen, und thaten daher, den Gesetzen des Reiches gemäß, offenbar ihre Pflicht; Diejenigen aber, welche für Monmouth kämpften, kämpften für eine unbekannte Verfassung, welche durch eine noch nicht vorhandene Convention erst entworfen werden sollte. Es sei also kein Wunder, daß Männer von hohem Range und großem Vermögen sich von einem Unternehmen fern hielten, welches dem ganzen System, an dessen Fortbestehen sie das größte Interesse hatten, den Untergang drohte. Beriefe sich der Herzog auf seine Legitimität und nähme er die Krone an, so würde er diesen Einwurf mit einem Male entkräften; die Frage würde dann aufhören, eine Frage zwischen der alten und einer neuen Verfassung zu sein, sie würde nur eine Erbrechtsfrage zwischen zwei Prinzen werden.

[58.] Savage’s Ausgabe von Toulmin’s History of Taunton.

[59.] Sprat’s True Account; Toulmin’s History of Taunton.

[60.] Life and Death of Joseph Alleine, 1672; Nonconformists’ Memorial.

[61.] Harl. MS. 7006; Oldmixon, 702; Eachard III. 763.

Monmouth nimmt den Königstitel an. [Mit] solchen Gründen war Ferguson fast unmittelbar nach der Landung ernstlich in den Herzog gedrungen, sich zum Könige zu proklamiren, und Grey war derselben Meinung. Monmouth war auch sehr geneigt, diesen Rath zu befolgen; aber Wade und andere Republikaner hatten sich widersetzt und ihr Oberhaupt hatte mit gewohnter Fügsamkeit ihren Gründen nachgegeben. In Taunton kam die Sache auf’s Neue in Anregung; Monmouth sprach privatim mit den Andersdenkenden, versicherte sie, daß er keinen andren Weg sehe, um die Unterstützung eines Theils der Aristokratie zu gewinnen, und es gelang ihm, ihre mit Widerstreben ertheilte Zustimmung zu erpressen. So wurde er denn am Morgen des 20. Juni auf dem Marktplatze von Taunton zum König ausgerufen, und seine Anhänger wiederholten seinen neuen Titel mit theilnehmender Freude. Da indessen leicht eine Verwirrung hätte entstehen können, wenn er König Jakob II. genannt worden wäre, so bedienten sie sich gewöhnlich der sonderbaren Bezeichnung „König Monmouth“, und so wurde ihr unglücklicher Liebling in den westlichen Grafschaften oft noch zu einer Zeit genannt, deren sich jetzt lebende Personen noch erinnern können[62].

In den nächsten vierundzwanzig Stunden nach erfolgter Annahme des Königstitels erließ er mehrere Proklamationen, die seinen eigenhändigen Namenszug an der Spitze trugen. In einer derselben setzte er einen Preis auf den Kopf seines Nebenbuhlers. In einer andren erklärte er das zur Zeit in Westminster tagende Parlament für eine ungesetzliche Versammlung und befahl den Mitgliedern, auseinanderzugehen. Eine dritte verbot dem Volke, dem Thronräuber Abgaben zu bezahlen. Eine vierte erklärte Albemarle für einen Verräther[63].

Albemarle sandte diese Proklamationen blos als Beweise von Thorheit und Frechheit nach London. Sie machten keinen andren Eindruck als den des Erstaunens und der Verachtung; auch hatte Monmouth keine Ursache zu glauben, daß die Annahme der Königswürde seine Stellung verbessert habe. Erst eine Woche war verflossen, seitdem er sich feierlich verpflichtet, die Krone nicht eher anzunehmen, als bis ein freies Parlament seine Rechte anerkannt habe; durch Verletzung dieses Versprechens hatte er sich den Vorwurf des Leichtsinns, wenn nicht der Treulosigkeit zugezogen. Die Klasse, die er zu gewinnen hoffte, hielt sich noch immer fern von ihm. Die Gründe, welche die großen whiggistischen Lords und Gentlemen abhielten, ihn als ihren König anzuerkennen, waren mindestens eben so triftig als diejenigen, die sie verhindert hatten, sich um ihn als Oberbefehlshaber zu schaaren. Zwar haßten sie die Person, die Religion und die Politik Jakob’s; aber er war nicht mehr jung und seine älteste Tochter mit Recht populär. Sie war dem reformirten Glauben zugethan und mit einem Prinzen vermählt, der das erbliche Oberhaupt der Protestanten des Continents, der in einer Republik aufgewachsen war und dem man solche Gesinnungen zutraute, wie sie sich für einen constitutionellen König ziemten. War es also weise, sich den Schrecken eines Bürgerkrieges auszusetzen, nur um vielleicht das sogleich zu bewirken, was die Natur ohne Blutvergießen, ohne eine Rechtsverletzung aller Wahrscheinlichkeit nach binnen wenigen Jahren herbeiführen würde? Es waren vielleicht Gründe vorhanden, um Jakob vom Throne zu stürzen; aber welche Gründe konnte man für Monmouth’s Erhebung auf denselben anführen? Einen Fürsten wegen Unfähigkeit vom Throne auszuschließen, entsprach ganz den whiggistischen Grundsätzen; aber nach keinem Grundsatze konnte es gerechtfertigt erscheinen, legitime Erben auszuschließen, denen man nicht nur nichts vorzuwerfen hatte, sondern die man sogar für ausgezeichnet befähigt zu den höchsten Staatsämtern hielt. Daß Monmouth legitim sei, ja daß er sich selbst nur dafür hielt, konnten einsichtsvolle Männer nicht glauben; er war also nicht nur ein Usurpator, sondern ein Usurpator von der schlimmsten Sorte, ein Betrüger. Er konnte seiner Sache nur durch Fälschung und Meineid einen Schein von Recht geben. Alle rechtschaffenen und verständigen Leute sträubten sich dagegen, daß ein Betrug, der, wenn er um der Erlangung eines bürgerlichen Besitzthums verübt worden wäre, Peitsche und Pranger als Strafe nach sich gezogen hätte, mit der englischen Krone belohnt werde. Der alte Adel des Reichs konnte den Gedanken nicht ertragen, daß der Bastard der Lucie Walters hoch über die rechtmäßigen Nachkommen der Fitzalan und De Vere erhoben werden sollte. Wer nur ein wenig politischen Scharfblick hatte, mußte einsehen, daß wenn es Monmouth gelang, die bestehende Regierung zu stürzen, immer noch ein Krieg zwischen ihm und dem Hause Oranien übrig blieb, ein Krieg, der länger dauern und mehr Unheil herbeiführen könnte, als der Krieg der Rosen, ein Krieg, der voraussichtlich die Protestanten Europa’s in feindliche Parteien spaltete, England und Holland gegen einander bewaffnen und beide Länder zu einer leichten Beute für Frankreich machen konnte. Fast alle Whighäupter scheinen daher der Ansicht gewesen zu sein, daß Monmouth’s Unternehmen in jedem Falle der Nation zum Unheil gereichen mußte, daß aber, Alles erwogen, seine Niederlage ein kleineres Unglück sein werde als sein Sieg.

Die Theilnahmlosigkeit des whiggistischen Adels war es nicht allein, was die eingefallenen Verbannten enttäuschte. Der Reichthum und Einfluß Londons hatten in der vorhergehenden Generation hingereicht und konnten auch diesmal wieder hinreichen, um in einem Bürgerkriege den Ausschlag zu geben. Die Londoner hatten früher viele Beweise von ihrem Hasse gegen das Papstthum und von ihrer Zuneigung zu dem protestantischen Herzoge gegeben, und er hatte daher zu bereitwillig geglaubt, daß sofort nach seiner Landung ein Aufstand in der Hauptstadt ausbrechen werde. Aber obgleich ihm gemeldet worden, daß Tausende von Bürgern sich als Freiwillige hätten einzeichnen lassen, so geschah doch nichts. Die Sache war einfach die, daß den Wühlern, die ihn zu einem Einfalt in England gedrängt, die ihm versprochen, sich auf den ersten Wink zu erheben, und die vielleicht auch, so lange die Gefahr noch fern war, geglaubt hatten, daß sie den Muth haben würden, ihr Versprechen zu halten, der Muth sank, als die entscheidende Stunde heranrückte. Wildman’s Angst war so groß, daß er den Verstand verloren zu haben schien. Der feige Danvers entschuldigte seine Unthätigkeit zuerst, indem er sagte, er werde nicht eher zu den Waffen greifen, als bis Monmouth zum König ausgerufen sei, und als dies geschehen war, lenkte er um und erklärte, daß gute Republikaner jeder Verpflichtung gegen einen Führer entbunden seien, der so schamlos sein Wort gebrochen habe. Die gemeinsten Exemplare der menschlichen Natur findet man zu allen Zeiten unter den Demagogen[64].

Den Tag darauf, als Monmouth den Königstitel angenommen hatte, marschirte er von Taunton nach Bridgewater. Er selbst befand sich, wie man bemerkte, nicht in der heitersten Stimmung; die jauchzenden Zurufe der ihm ergebenen Tausende, die sich allenthalben wohin er kam um ihn drängten, vermochten nicht die düstern Wolken zu verscheuchen, die sich auf seine Stirn gelagert hatten. Wer ihn vor fünf Jahren auf seinem Triumphzuge durch Somersetshire gesehen, bemerkte nicht ohne Mitleid die Spuren von Angst und Besorgniß in den sanften und freundlichen Zügen, die ihm so viele Herzen gewonnen hatten[65].

In ganz andrer Stimmung, war Ferguson. Dieser Mann verband mit seiner Verworfenheit merkwürdigerweise eine maßlose Eitelkeit, die fast an Narrheit grenzte. Der Gedanke, daß er einen Aufstand herbeigeführt und eine Krone verliehen, hatte ihm den Kopf verrückt. Er stolzirte, das entblößte Schwert über dem Kopfe schwingend, umher, und rief den Zuschauern, die sich versammelt hatten, um die Armee von Taunton abmarschiren zu sehen, in prahlerischem Tone zu: „Seht mich an! Ihr habt von mir gehört. Ich bin Ferguson, der berühmte Ferguson, der nämliche Ferguson, für dessen Kopf so viele Hundert Pfund geboten worden sind.“ Und dieser zugleich characterlose und halb verrückte Mensch beherrschte den Verstand und die Überzeugung des unglücklichen Monmouth[66].

[62.] Wade’s Confession; Goodenough’s Confession, Harl. MS. 1151; Oldmixon, 702. Ferguson’s Ableugnung verdient keinen Glauben. Eine Abschrift der Proklamation befindet sich in den Harl. MS. 7006.

[63.] Abschriften von den drei letzten Proklamationen befinden sich im Britischen Museum, Harl. MS. 7006. Die erste habe ich nie gesehen, aber sie wird von Wade erwähnt.

[64.] Grey’s Narrative; Ferguson’s MS.; Eachard III. 754.

[65.] Persecution exposed, by John Whiting.

[66.] Harl. MS. 6845.

Sein Empfang in Bridgewater. [Bridgewater] war eine von den wenigen Städten, welche noch einige whiggistische Beamten hatten. Der Mayor und die Aldermen kamen in ihrer Amtstracht, um den Herzog zu begrüßen, gingen in Prozession vor ihm her bis zum Hohen Kreuze und proklamirten ihn hier zum König. Seine Truppen fanden vortreffliche Quartiere und erhielten von den Bewohnern der Stadt und Umgegend Alles, was sie brauchten, für wenig oder gar kein Geld. Er selbst nahm seine Residenz im Schlosse, welches vormals oft mit königlichen Besuchen beehrt worden war; auf der umliegenden Ebene schlug die Armee ein Lager auf. Sie bestand jetzt aus ungefähr sechstausend Mann und hätte leicht auf die doppelte Anzahl gebracht werden können, wenn es nicht an Waffen gefehlt hätte. Der Herzog hatte vom Festlande nur einen geringen Vorrath von Piken und Musketen mitgebracht; daher hatten viele von seinen Leuten keine anderen Waffen, als solche, die sie sich aus den von ihnen beim Acker- und Bergbau gebrauchten Werkzeugen verfertigen konnten. Die furchtbarste von diesen rohen Kriegswaffen bestand aus einer Sensenklinge, welche am Ende einer starken Stange der Länge nach befestigt war[67]. Die Unterconstabler der Umgegend von Taunton und Bridgewater erhielten Befehl, überall nach Sensen zu suchen und was sie davon auftreiben konnten, ins Lager zu bringen; aber selbst durch diese Maßregel war es nicht möglich, dem Bedarf zu genügen, und eine Menge Leute, die sich einreihen lasen wollten, mußten zurückgewiesen werden[68].

Das Fußvolk wurde in sechs Regimenter eingetheilt. Eine große Anzahl der Freiwilligen hatten in der Miliz gedient und trugen noch ihre rothen oder gelben Uniformen. Die Reiterei war etwa tausend Mann stark, aber die meisten von ihnen hatten nur rohe junge Pferde, wie sie damals in großen Heerden in den Marschen von Somersetshire gezogen wurden, um die Hauptstadt mit Kutschpferden und Karrengäulen zu versehen. Diese Thiere waren so untauglich für den Militairdienst, daß sie noch nicht einmal dem Zaume gehorchten und sobald sie einen Schuß oder Trommelwirbel hörten, nicht mehr zu regieren waren. Monmouth selbst hatte eine kleine Leibgarde von vierzig wohlbewaffneten und gutberittenen jungen Männern, die sich auf ihre eigenen Kosten ausgerüstet hatten. Die Bewohner von Bridgewater, welche durch einen blühenden Küstenhandel wohlhabend geworden waren, unterstützten ihn mit einer kleinen Summe Geldes[69].

[67.] Eine dieser Waffen ist noch im Tower zu sehen.

[68.] Grey’s Narrative; Paschall’s Erzählung im Anhange zu Heywood’s Vindication.

[69.] Oldmixon, 702.

Vorkehrungen der Regierung zum Widerstande. [Während] dieser Zeit wurden die Streitkräfte der Regierung eiligst zusammengezogen. Westlich von dem Rebellenheere stand Albemarle noch immer mit einer starken Abtheilung der Miliz von Devonshire. Im Osten hatte sich die Miliz von Wiltshire unter den Befehlen von Thomas Herbert, Earl von Pembroke, gesammelt. Im Nordosten stand Heinrich Somerset, Herzog von Beaufort, unter den Waffen. Beaufort’s Macht hatte einige Ähnlichkeit mit der der großen Barone des fünfzehnten Jahrhunderts. Er war Präsident von Wales und Lordstatthalter von vier englischen Grafschaften. Seine amtlichen Rundreisen durch das weite Gebiet, in welchem er die Majestät des Thrones repräsentirte, standen an Gepränge kaum den Reisen des Königs nach; sein Hausstand in Badminton war nach der Sitte eines früheren Zeitalters eingerichtet. Das Land in großer Ausdehnung um seinen Wohnsitz bewirthschaftete er selbst, und die Arbeiter, welche es bestellten, bildeten einen Theil seiner Familie. Neun Tafeln waren täglich in seinem Hause für zweihundert Personen gedeckt. Eine Menge Gentlemen und Pagen standen unter den Befehlen seines Haushofmeisters, ein ganzer Trupp Reiterei gehorchte dem Stallmeister. Die Küche, der Keller, die Hunde und die Pferde des Herzogs waren in ganz England berühmt; die Gentry viele Meilen im Umkreise war stolz auf den Glanz ihres mächtigen Nachbarn und zugleich bezaubert von seiner Leutseligkeit und Gutherzigkeit. Er war ein eifriger Kavalier aus der alten Schule; daher bot er in der damaligen Krisis seinen ganzen Einfluß und sein ganzes Ansehen zur Unterstützung der Krone auf und besetzte Bristol mit den Milizen von Gloucestershire, welche besser disciplinirt zu sein schienen, als die meisten anderen derartigen Truppen[70].

Auch in den von Somersetshire weiter entfernten Grafschaften waren die Anhänger des Thrones in voller Thätigkeit. Die Miliz von Sussex begann unter dem Commando Lord Richard Lumley’s, der zwar erst kürzlich dem katholischen Glauben entsagt hatte, aber seinem katholischen Könige noch immer treu ergeben war, nach Westen zu marschiren. Jakob Bertin, Earl von Abingdon, rief die Mannschaften von Oxfordshire zu den Waffen. Johann Fell, Bischof von Oxford und gleichzeitig auch Dechant des Christchurch-Collegiums, forderte die Nichtgraduirten seiner Universität auf, für die Krone die Waffen zu ergreifen. Die Studenten ließen sich in Massen einreihen, das Christchurch-Collegium allein stellte nahe an hundert Pikenmänner und Musketiere. Junge Edelleute und studirende Gentlemen bekleideten die Offiziersposten und der älteste Sohn des Lordstatthalters wurde zum Obersten ernannt[71].

Hauptsächlich aber verließ sich der König auf seine regulären Truppen. Churchill war mit den Blauen in den Westen gesandt worden und Feversham folgte mit allen Streitkräften, welche in der Umgegend von London entbehrt werden konnten. Nach Holland war ein Courier mit einem Briefe an Skelton abgegangen, worin dieser beauftragt wurde, die sofortige Absendung der in holländischem Dienste stehenden drei Regimenter nach der Themse zu verlangen. Als diese Aufforderung erfolgte, versuchte es die dem Hause Oranien feindlich gesinnte Partei, mit den Deputirten von Amsterdam an der Spitze, abermals eine Verzögerung herbeizuführen. Aber Wilhelm’s Energie, der fast eben so viel zu verlieren hatte, als Jakob, und der Monmouth’s Fortschritte mit ernster Besorgniß betrachtete, unterdrückte die Opposition und in einigen Tagen segelten die Truppen ab[72]. Die drei schottischen Regimenter waren schon in England; sie waren in vortrefflichem Zustande in Gravesend angelangt, und Jakob hatte sie bei Blackheath gemustert. Er erklärte dem holländischen Gesandten wiederholt, daß er nie in seinem Leben schönere und besser disciplinirte Soldaten gesehen habe und daß er dem Prinzen von Oranien, sowie den Generalstaaten für diese werthvolle und rechtzeitige Verstärkung seinen wärmsten Dank ausspreche. Diese Freude war jedoch nicht ganz ungetrübt. So trefflich die Leute auch bei der Musterung bestanden, so waren sie doch nicht ganz frei von dem Einflusse der holländischen Politik und der holländischen Gottesverehrung geblieben. Einer von ihnen ward erschossen und ein Andrer ausgepeitscht, weil er auf die Gesundheit des Herzogs von Monmouth getrunken hatte. Man hielt es daher nicht für rathsam, sie auf den gefährlichsten Posten zu stellen und behielt sie bis zur Beendigung des Feldzugs in der Umgegend von London; aber ihre Ankunft setzte den König in den Stand, einige Infanterie, die er sonst in der Hauptstadt gebraucht haben würde, nach dem Westen zu schicken[73].

Während die Regierung sich so zum Kampfe mit den Rebellen im offnen Felde rüstete, wurden auch Vorsichtsmaßregeln andrer Art nicht verabsäumt. In London allein wurden zweihundert Personen, von denen man befürchtete, daß sie sich an die Spitze einer whiggistischen Bewegung stellen könnten, verhaftet. Unter ihnen befanden sich einige sehr angesehene Kaufleute. Jedermann, der dem Hof mißliebig war, schwebte in beständiger Angst. Eine drückende Gewitterluft lagerte über der Hauptstadt. Die Börsengeschäfte stockten und die Theater waren so wenig besucht, daß eine neue Oper von Dryden, welche mit noch nie dagewesener Pracht in Scene gesetzt worden war, wieder zurückgezogen wurde, weil die Einnahme die Kosten der Aufführung nicht gedeckt haben würde[74]. Die Behörden und die Geistlichkeit waren allenthalben thätig, die Dissenters wurden überall scharf beobachtet. In Cheshire und Shropshire wüthete eine heftige Verfolgung, in Northamptonshire wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen und das Oxforder Gefängniß war mit Gefangenen überfüllt. Kein puritanischer Geistlicher, wie gemäßigt seine Meinung und wie vorsichtig sein Verhalten auch sein mochte, war sicher, daß er nicht seiner Familie entrissen und, in den Kerker geworfen wurde[75].

Inzwischen zog Monmouth von Bridgewater weiter, auf dem ganzen Marsche von Churchill beunruhigt, der Alles that, was ein tapferer und geschickter Offizier mit einer Handvoll Leute nur irgend auszurichten vermag. Das vom Feinde sowohl als von heftigem Regen arg belästigte Rebellenheer machte am Abend des 22. Juni in Glastonbury Halt. Die Häuser des Städtchens waren zur Aufnahme einer so bedeutenden Streitmacht nicht ausreichend; daher mußte ein Theil der Truppen in den Kirchen untergebracht werden und die übrigen zündeten zwischen den Ruinen der ehrwürdigen Abtei, einst dem reichsten Kloster unsrer Insel, ihre Wachtfeuer an. Von Glastonbury marschirte der Herzog nach Wells, und von Wells nach Shepton Mallet.[76]

[70.] North’s Life of Guildford, 132. Berichte von Beaufort’s Reise durch Wales und die benachbarten Grafschaften stehen in der London Gazette vom Juli 1684. Brief von Beaufort an Clarendon vorn 19. Juni 1685.

[71.] Bischof Fell an Clarendon, 20. Juni; Abingdon an Clarendon, 20., 25. u. 26. Juni 1685; Lansdowne MS, 846.

[72.] Avaux, 5.(15.) & 6.(16.) Juli 1685.

[73.] Citters, 30. Juni (10. Juli), 3.(13.) & 21.(31.) Juli 1685; Avaux, 5.(15.) Juli; London Gazette, July 6.

[74.] Barillon, 6.(16.) Juli 1685; Scotts Vorrede zu Albion and Albanius.

[75.] Abingdon an Clarendon, vom 29. Juni 1685; Life of Philip Henry, by Bates.

[76.] London Gazette. June 22 & 25. 1685; Wade’s Confession; Oldmixon, 703; Harl. MS. 6845.

Sein Plan auf Bristol. [Bis] hierher scheint er zu keinem andren Zwecke von Ort zu Ort gezogen zu sein, als um Truppen zu sammeln; jetzt aber wurde es nöthig, daß er einen Plan für seine militairischen Operationen entwarf. Seine erste Idee war, sich Bristols zu bemächtigen, denn viele von den angesehensten Bewohnern dieser bedeutenden Stadt waren Whigs. Eine der Verzweigungen des Whigcomplots hatte sich bis dahin erstreckt, und die Besatzung bestand nur aus Milizen von Gloucestershire. Wenn Beaufort mit seiner bäuerlichen Mannschaft überwältigt werden konnte, ehe die regulären Truppen ankamen, so befanden sich die Rebellen mit einem Male im Besitz reicher Geldmittel; dadurch mußte das Vertrauen zu Monmouth’s Waffen gehoben und seine Freunde im ganzen Lande ermuthigt werden, sich für ihn zu erklären. Bristol hatte Befestigungen, die allerdings auf der Nordseite des Avon gegen Gloucestershire hin schwach, im Süden gegen Somersetshire aber weit stärker waren. Es wurde daher beschlossen, den Angriff auf der Nordseite zu unternehmen. Zu dem Ende aber mußte man einen Umweg machen und bei Keynsham über den Avon gehen. Die Brücke bei Keynsham war jedoch von der Miliz theilweis zerstört worden und im Augenblicke ungangbar. In Folge dessen wurde eine Abtheilung vorausgeschickt, um die nöthigen Reparaturen vorzunehmen. Die anderen Truppen folgten langsamer und machten am Abend des 24. Juni in Pensford Halt, um auszuruhen. Hier waren sie nur noch fünf Meilen von der Südseite von Bristol entfernt; bis zur Nordseite aber, zu der man nur auf dem Umwege über Keynsham gelangen konnte, war noch ein starker Tagemarsch.[77]

Diese Nacht befand sich Bristol in geräuschvoller Aufregung und gespannter Erwartung. Die Anhänger Monmouth’s wußten, daß er fast unter den Mauern der Stadt war, und glaubten, daß er noch vor Tagesanbruch bei ihnen sein werde. Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang brach auf einem am Kai vor Anker liegenden Kauffahrteischiffe Feuer aus. Ein solcher Vorfall mußte in einem mit Schiffen angefüllten Hafen nothwendig große Bestürzung hervorrufen. Der ganze Strom war in Bewegung, das Volk wogte durch die Straßen und es ließen sich in der Dunkelheit und Verwirrung aufrührerische Rufe vernehmen. Whigs und Tories behaupteten nachher, das Feuer sei von Monmouth’s Freunden in der Hoffnung angelegt worden, daß, während die Milizen damit beschäftigt waren, das Umsichgreifen des Brandes zu verhindern, das Rebellenheer einen kühnen Handstreich wagen und von der Südseite her in die Stadt eindringen könnten. Wenn dies wirklich der Plan der Brandstifter war, so hatten sie sich stark verrechnet, denn Beaufort ließ seine Truppen die ganze Nacht um die schöne Kirche St. Mary Redcliff, auf der Südseite des Avon, unter den Waffen stehen, anstatt sie an den Kai zu senden. Er sagte, er wolle eher ganz Bristol niederbrennen sehen, ja es selbst niederbrennen, als daß er es von Landesverräthern nehmen ließ. Mit Hülfe einer regulären Reiterei, welche vor wenigen Stunden von Chippenham aus zu ihm gestoßen war, konnte er einen Aufstand verhindern; wahrscheinlich aber würde es seine Kräfte überstiegen haben, zu gleicher Zeit die Mißvergnügten in der Stadt im Schach zu halten und einen Angriff von Außen abzuwehren. Doch es erfolgte kein solcher Angriff. Das Feuer, welches in Bristol so große Aufregung hervorgerufen, wurde in Pensford deutlich gesehen. Monmouth hielt es jedoch nicht für rathsam, seinen Plan zu ändern; er blieb bis Sonnenaufgang ganz ruhig und marschirte dann nach Keynsham, wo er die Brücke bereits reparirt fand. Er beschloß, seiner Armee den Nachmittag Ruhe zu gönnen und mit Einbruch der Dunkelheit nach Bristol weiter vorzurücken.[78]

[77.] Wade’s Confession.

[78.] Wade’s Confession; Oldmixon, 703; Harl. MS. 6845; Ansprache Jeffrey’s an die große Jury von Bristol, am 21. Sept. 1685.

Er giebt den Plan auf Bristol auf. [Aber] es war zu spät. Die königlichen Truppen waren ganz in der Nähe. Der Oberst Oglethorpe stürmte an der Spitze von ungefähr hundert Mann Leibgarden nach Keynsham, zerstreute zwei Reitertrupps der Rebellen, die sich ihm entgegenwarfen, und zog sich wieder zurück, nachdem er ihnen großen Schaden zugefügt, selbst aber nur unbedeutenden Verlust erlitten hatte. Unter diesen Umständen wurde es für nöthig erachtet, den Angriffsplan auf Bristol aufzugeben.[79]

Aber was war nun zu thun? Verschiedene Pläne wurden vorgeschlagen und berathen. Es wurde beantragt, Monmouth solle nach Gloucester eilen, dort über den Severn gehen, die Brücke hinter sich abbrechen und so, auf der rechten Flanke vom Flusse geschützt, durch Worcestershire nach Shropshire und Cheshire marschiren. Er war früher einmal durch diese Grafschaften gereist und daselbst mit der nämlichen Begeisterung aufgenommen worden, wie in Somersetshire und Devonshire. Sein Erscheinen regte den Eifer seiner alten Freunde ohne Zweifel von neuem an und seine Armee konnte binnen wenigen Tagen auf das Doppelte ihrer gegenwärtigen Stärke anwachsen.

Bei genauerer Überlegung zeigte es sich jedoch, daß dieser Plan, so vortrefflich er zu sein schien, unausführbar war. Die Rebellen waren für solche Märsche, wie die eben ausgeführten, zu schlecht mit Fußbekleidung versorgt, und das tägliche Waten durch tiefen Schmutz unter heftigen Regengüssen hatte sie erschöpft. Da sie ohne Zweifel bei jedem Haltorte durch die feindliche Reiterei beunruhigt und aufgehalten werden würden, durften sie nicht hoffen, Gloucester zu erreichen, ohne von dem Hauptcorps der königlichen Truppen eingeholt und unter den ungünstigsten Umständen zu einer Hauptschlacht gezwungen zu werden.

Hierauf wurde vorgeschlagen, in Wiltshire einzurücken. Personen, welche diese Grafschaft zu kennen behaupteten, versicherten den Herzog, es würden dort so ansehnliche Verstärkungen zu ihm stoßen, daß er unbedenklich eine Schlacht annehmen könnte.[80]

Er befolgte diesen Rath und wendete sich nach Wiltshire. Die erste Stadt, die er aufrief, war Bath. Aber Bath hatte eine starke königliche Besatzung und Feversham rückte in Eilmärschen heran. Die Rebellen machten daher keinen Angriffsversuch auf die Wälle, sondern eilten weiter nach Philip’s Norton, wo sie am Abend des 26. Juni Halt machten.

Feversham verfolgte sie dahin, und am frühen Morgen des 27. Juni wurden sie durch die Nachricht erschreckt, daß er ihnen auf den Fersen sei. Sie ordneten sich nun und besetzten die nach der Stadt führenden Hecken.

Bald darauf erschien die Vorhut der königlichen Armee, bestehend aus etwa fünfhundert Mann unter dem Commando des Herzogs von Grafton, eines jungen Mannes von großer Kühnheit aber rauhen Manieren, der wahrscheinlich gern zeigen wollte, daß er an den unloyalen Plänen seines Halbbruders keinen Theil habe. Grafton befand sich bald in einer tiefliegenden Gasse, mit Zäunen zu beiden Seiten, von denen aus ein höchst unangenehmes Musketenfeuer unterhalten wurde.

[79.] London Gazette, June 29. 1685; Wade’s Confession.

[80.] Wade’s Confession.

Gefecht bei Philip’s Norton. [Er] rückte indessen muthig vor bis ans Thor von Philip’s Norton. Hier fand er den Weg durch eine Barrikade versperrt, von welcher er mit einem dritten Feuer in die volle Fronte empfangen wurde. Setzt verloren seine Leute den Muth und ergriffen eiligst die Flucht. Ehe sie aus dem Hohlwege herauskamen, waren mehr als hundert von ihnen getödtet oder verwundet. Dem Herzoge von Grafton war von einer feindlichen Reiterabtheilung der Rückzug abgeschnitten; aber er schlug sich tapfer durch und kam glücklich davon.[81]

Die so zurückgeworfene Vorhut zog sich auf das Hauptcorps der königlichen Truppen zurück. Die beiden feindlichen Heere standen einander ganz nahe gegenüber und es wurden einige Schüsse gewechselt, die wenig oder gar keine Wirkung hatten. Auf keiner Seite war man zu einer ordentlichen Schlacht geneigt. Feversham wollte erst die Ankunft seiner Artillerie abwarten und zog sich deshalb nach Bradford zurück; Monmouth verließ mit Einbruch der Dunkelheit seine Stellung, marschirte südwärts und erreichte bei Tagesanbruch Frome, wo er Verstärkung zu finden hoffte.

Frome war seiner Sache zwar eben so eifrig zugethan als Taunton und Bridgewater, konnte aber nichts zu seiner Unterstützung thun. Die Bevölkerung hatte sich einige Tage zuvor erhoben und Monmouth’s Erklärung war auf dem Marktplatze angeschlagen worden; aber die Nachricht von diesem Aufstande war dem Earl von Pembroke zugekommen, der in geringer Entfernung mit der Miliz von Wiltshire stand; er war augenblicklich nach Frome marschirt, hatte einen Haufen Landleute, die sich mit Sensen und Heugabeln ihm widersetzen wollten, in die Flucht geschlagen, war in die Stadt eingerückt und hatte die Bewohner entwaffnet. Es gab daher dort keine Waffen mehr und Monmouth war nicht im Stande, solche zu liefern.[82]

[81.] London Gazette, July 2. 1685; Barillon, 6.(16.) Juli; Wade’s Confession.

[82.] London Gazette, June 29. 1685; Citters, 30. Juni (10. Juli).

Monmouth’s Verzagtheit. [Das] Rebellenheer befand sich in einer schlimmen Lage. Der Marsch in der vergangenen Nacht war höchst beschwerlich gewesen; es hatte in Strömen geregnet und die Wege waren dadurch zu wahren Morästen geworden. Von der aus Wiltshire versprochenen Verstärkung hörte man nichts mehr; ein Bote brachte die Nachricht, daß Argyle’s Armee in Schottland zerstreut worden sei, ein andrer berichtete, daß Feversham, nachdem er seine Artillerie an sich gezogen, wieder anrücke. Monmouth verstand den Krieg zu gut, als daß er nicht hatte wissen sollen, daß seine Leute bei all’ ihrem Muth und all’ ihrem Eifer doch regulären Truppen nicht gewachsen waren. Er hatte sich bis jetzt noch immer mit der Hoffnung geschmeichelt, daß einige von den Regimentern, die er früher befehligt, zu ihm übergehen würden, aber diese Hoffnung mußte er jetzt aufgeben. Da verließ ihn der Muth; er hatte kaum noch Kraft genug, um Befehle zu geben. In seiner Noth beklagte er sich bitter über die bösen Rathgeber, die ihn verleitet hatten, sein glückliches Asyl in Brabant zu verlassen, und besonders gegen Wildman brach er in heftige Verwünschungen aus.[83] Jetzt stieg in seiner schwachen und geängstigten Seele ein schimpflicher Gedanke auf. Er wollte die Tausende, die auf seinen Ruf und für seine Sache ihre friedlichen Häuser und Felder verlassen hatten, den Händen der Regierung preisgeben. Er wollte sich mit seinen vornehmsten Offizieren heimlich entfernen, wollte einen Seehafen zu erreichen suchen, bevor man seine Flucht ahnete, wollte auf das Festland entfliehen und in den Armen der Lady Wentworth seinen Ehrgeiz und seine Schande vergessen. Diesen Plan besprach er ganz ernstlich mit seinen hauptsächlichsten Rathgebern. Einige von ihnen, denen um ihr Leben bange war, zollten demselben Beifall; Grey aber, dem selbst seine Verleumder es zugestehen, daß er überall unerschrocken war, wo nicht Schwertergeklirr und Kanonendonner ihn umgaben, widersetzte sich mit großer Entschiedenheit dem feigen Vorschlage und beschwor den Herzog, lieber jeder Gefahr Trotz zu bieten, als die aufopfernde Anhänglichkeit des westlichen Landvolks mit Undank und Verrath zu belohnen.[84]

Der Fluchtplan wurde aufgegeben, aber es war jetzt nicht leicht, irgend einen Operationsplan zu entwerfen. Nach London zu marschiren, wäre Wahnsinn gewesen, denn der Weg ging über die Ebene von Salisbury, auf welcher großen Fläche reguläre Truppen, besonders Kavallerie, gegen undisciplinirte Haufen zu sehr im Vortheil gewesen sein würden. In dieser kritischen Lage traf plötzlich die Nachricht ein, daß die Landbewohner der Marschen in der Umgegend von Axbridge zur Verteidigung des protestantischen Glaubens aufgestanden seien, daß sie sich mit Dreschflegeln, Knütteln und Heugabeln bewaffnet hätten und sich zu Tausenden bei Bridgewater sammelten. Monmouth beschloß, dahin zurückzukehren und sein Heer mit diesen neuen Verbündeten zu verstärken.[85]

Die Rebellen marschirten demgemäß nach Wells, wo sie in nicht sehr heitrer Stimmung ankamen. Sie waren, mit wenigen Ausnahmen, erbitterte Feinde des Prälatenthums und äußerten ihren Haß in einer Weise, die ihnen wenig Ehre machte. Sie rissen nicht nur das Bleidach von der prächtigen Kathedrale, um Kugeln daraus zu gießen, eine Handlung, die sie allenfalls mit den Bedürfnissen des Kriegs entschuldigen konnten, sondern zerstörten auch muthwilligerweise die Verzierungen des Gebäudes. Grey schützte nur mit Mühe den Altar vor den Schändungen einiger Buben, die an demselben zechen wollten, indem er sich mit gezognem Schwerte davor stellte.[86]

[83.] Harl. MS. 6845; Wade’s Confession.

[84.] Wade’s Confession; Eachard, III., 766.

[85.] Wade’s Confession.

[86.] London Gazette, July 6. 1685; Citters, 3.(13.) Juli; Oldmixon. 703.

Seine Rückkehr nach Bridgewater. [Am] Donnerstag den 2. Juli zog Monmouth wieder in Bridgewater ein, aber unter viel weniger erfreulichen Umständen, als er es vor zehn Tagen verlassen hatte. Die Verstärkung, die er daselbst fand, war unbedeutend, und die königliche Armee saß ihm dicht auf den Fersen. Einen Augenblick hatte er die Idee, die Stadt zu befestigen, und Hunderte von Arbeitern wurden aufgeboten, um Gräben zu ziehen und Schanzen aufzuwerfen, dann kehrte er wieder zu dem Plane zurück, nach Cheshire zu marschiren, ein Plan, den er in Keynsham als unausführbar verworfen und der jetzt, in Bridgewater, sich gewiß nicht günstiger gestaltet hatte.[87]

[87.] Wade’s Confession.

Die königliche Armee schlägt bei Sedgemoor ein Lager auf. [Während] er so zwischen gleich hoffnungslosen Projecten schwankte, kamen ihm die Streitkräfte des Königs zu Gesicht. Sie bestanden aus ungefähr zweitausend­fünfhundert Mann regulärer Truppen und etwa fünfzehnhundert Mann Miliz von Wiltshire. Sonntag, den 5. Juli, am frühen Morgen, verließen sie Somerton und schlugen noch denselben Tag ungefähr drei Meilen von Bridgewater auf der Ebene von Sedgemoor ihre Zelte auf.

Doctor Peter Mew, Bischof von Winchester, begleitete sie. Dieser Prälat hatte in seiner Jugend im Dienste Karl’s I. gegen das Parlament die Waffen getragen. Weder seine Jahre, noch sein Beruf hatten seinen kriegerischen Eifer völlig gedämpft, und er dachte wahrscheinlich, daß die Anwesenheit eines Vaters der protestantischen Kirche im königlichen Lager einige rechtschaffene Männer, welche zwischen dem Abscheu vor dem Papstthum und dem Abscheu vor der Rebellion schwankten, in ihrer Loyalität befestigen könnte.

Auf dem Thurme der Pfarrkirche zu Bridgewater, welcher der höchste in ganz Somersetshire sein soll, hat man eine weite Aussicht über die Umgegend. Monmouth bestieg in Begleitung einiger Offiziere die Gallerie des viereckigen Thurmes, von wo aus die Spitze desselben sich erhebt, und beobachtete durch ein Fernrohr die Stellung des Feindes. Unter ihm lag eine flache Ebene, welche jetzt mit Kornfeldern und Obstpflanzungen bedeckt ist, damals aber, wie schon ihr Name andeutet,[88] ein trauriger Morast war. Wenn es stark geregnet hatte und der Parret mit seinen Nebenflüssen austrat, so wurde diese Ebene häufig überschwemmt. Sie bildete in der That schon in früheren Zeiten einen Theil des großen Sumpfes, von dem in unseren ältesten Chroniken gesagt wird, daß er die Fortschritte zweier aufeinander­folgenden fremden Erobererstämme aufgehalten habe. Dieser Sumpf hatte lange die Celten gegen die Angriffe der Könige von Wessex geschützt und hatte Alfred eine Zuflucht vor den Verfolgungen der Dänen gewährt. In jenen fernen Zeiten konnte diese Gegend nur in Böten passirt werden; sie war ein großer See, in welchem eine Menge kleiner Inseln von veränderlicher und trügerischer Bodenbeschaffenheit zerstreut umherlagen, die mit üppigem Schilfe bewachsen waren und auf denen es von Rothwild und wilden Schweinen wimmelte. Noch zu den Zeiten der Tudors mußte der Reisende, den sein Weg von Ilchester nach Bridgewater führte, des Wassers halber einen Umweg von mehreren Meilen machen. Als Monmouth auf Sedgemoor niederblickte, war es durch die Kunst zum Theil entwässert und von zahlreichen tiefen Gräben durchschnitten, welche dort „Rhines“ genannt werden. Inmitten des Moors erhoben sich in der nächsten Umgebung die Kirchthürme einige Dörfer, deren Namen andeuten, daß sie einstmals von den Fluthen bespült wurden. In einem dieser Dörfer, Weston Zoyland genannt, lag die königliche Reiterei und Feversham hatte daselbst sein Hauptquartier aufgeschlagen. Viele noch lebende Personen haben die Tochter der Magd gekannt, die ihn an jenem Tage bei Tische bediente, und eine große Schüssel von persischem Porzellan, welche ihm vorgesetzt wurde, wird noch immer in der Nachbarschaft sorgfältig aufbewahrt. Es muß bemerkt werden, daß die Bevölkerung von Somersetshire nicht, wie die der Fabrikdistrikte, aus Einwanderern aus entfernten Orten besteht. Man findet dort häufig Landwirthe, die noch den nämlichen Boden bebauen, den ihre Vorfahren bebauten, als die Plantagenets in England herrschten. Die Traditionen von Somersetshire sind daher für den Geschichtsforscher von nicht geringem Werthe.[89]

In größerer Entfernung von Bridgewater liegt das Dorf Middlezoy. In diesem Dorfe und seiner Umgebung war die Miliz von Wiltshire unter Pembroke’s Befehlen einquartirt.

Auf offnem Moore, unweit Chozoy, lagerten mehrere Bataillone regulären Fußvolks. Wehmüthig blickte Monmouth auf sie herab, denn er erinnerte sich unwillkürlich daran, daß er vor wenigen Jahren an der Spitze einer aus den nämlichen Leuten bestehenden Colonne die wilden Enthusiasten, welche die Bothwelbrücke vertheidigten, in völliger Verwirrung vor sich her getrieben hatte. Er konnte in den feindlichen Reihen die tapfere Schaar unterscheiden, welche damals nach dem Namen ihres Obersten Dumbarton’s Regiment hieß, schon längst aber als das erste Linien­regiment bekannt war und in allen vier Welttheilen seinen alten Ruhm stets bewährt hat. „Ich kenne diese Leute“, sagte Monmouth, „die werden tüchtig kämpfen. Hätte ich nur sie, so würde Alles gut gehen!“[90]

Der Anblick des Feindes war indessen nicht ganz entmuthigend. Die drei Divisionen der königlichen Armee lagen weit von einander entfernt, ihre Bewegungen hatten einen Anschein von sorgloser und lauer Disciplin und es wurde berichtet, daß sie sich fortwährend in Zoylandcyder betränken. Die Unfähigkeit Feversham’s, der das Obercommando führte, war allbekannt, und selbst in diesem kritischen Augenblicke dachte er nur an Essen und Schlafen. Churchill dagegen war zwar ein Anführer, der weit schwierigeren Aufgaben als der Zerstreuung eines Haufens schlecht bewaffneter und ungeübter Bauern gewachsen war; aber das Genie, das später sechs Marschälle Frankreichs demüthigte, war damals noch nicht an seinem rechten Platze. Feversham sprach wenig mit Churchill und ermuthigte ihn nicht, Vorschläge zu machen. Aber obgleich der Unterbefehlshaber sich seiner Überlegenheit an Fähigkeiten und Kenntnissen bewußt war, obgleich er sich nur mit Unmuth den Befehlen eines Vorgesetzten unterwarf, den er verachtete, und obgleich er für die Armee das Schlimmste befürchtete, so bewahrte er dennoch die ihn auszeichnende Selbstbeherrschung und verbarg seine Gefühle so gut, daß Feversham seine folgsame Thätigkeit lobte und sich vornahm, dem Könige davon zu berichten[91].

Nachdem Monmouth die Stellung der königlichen Truppen beobachtet hatte und von ihrem Zustande benachrichtigt worden war, glaubte er, daß ein nächtlicher Angriff mit Erfolg gekrönt werden könnte. Er beschloß, sein Glück zu versuchen und traf sofort die nöthigen Anstalten.

Es war Sonntag und seine Leute, welche zum größten Theile puritanisch erzogen waten, brachten daher einen großen Theil des Tages in Andachtsübungen zu. Das Schloßgebiet, auf dem die Armee lagerte, bot ein Schauspiel dar, wie es England seit der Auflösung von Cromwell’s Heer nicht wieder gesehen hatte. Die Dissenterprediger, welche gegen den Papismus zu den Waffen gegriffen hatten, und von denen einige vielleicht schon im großen Bürgerkriege gekämpft hatten, beteten und predigten in rothen Röcken und hohen Reitstiefeln, mit langen Schwertern an der Seite. Auch Ferguson gehörte zu Denen, welche Reden hielten. Er wählte zum Texte die furchtbare Verwünschung, durch welche die jenseits des Jordan wohnenden Israeliten sich von der Beschuldigung reinigten, die ihre Brüder am andren Ufer des Flusses aus Unwissenheit gegen sie erhoben: „Der starke Gott, der Herr, der starke Gott, der Herr weiß, so weiß Israel auch. Ist es Aufruhr oder ein Vergehen gegen den Herrn, so helfe er uns heute nicht[92].“

Daß unter dem Schutze der Nacht ein Angriff versucht werden sollte, war in Bridgewater kein Geheimniß. Die Stadt war von Frauen angefüllt, die aus der Umgegend herbeigekommen waren, um ihre Gatten, Söhne, Geliebten und Brüder noch einmal zu sehen. Es gab an diesem Tage manche schmerzliche Abschiedsscene und Viele trennten sich, um einander nicht wiederzusehen. Das Gerücht von dem beabsichtigten Angriff kam auch einem jungen Mädchen zu Ohren, die eine eifrige Anhängerin des Königs war. Trotz ihres schüchternen Wesens faßte sie den muthigen Entschluß, Feversham selbst die Nachricht zu überbringen. Sie stahl sich heimlich aus Bridgewater fort und begab sich in das königliche Lager. Dieses Lager aber war nicht der Ort, wo die weibliche Unschuld sicher war. Selbst die Offiziere, welche die irreguläre Streitmacht, der sie gegenüberstanden, und den nachlässigen General, unter dessen Befehlen sie kämpfen sollten, in gleichem Grade verachteten, waren des süßen Weines voll und daher zu jedem Exceß der Sinnlichkeit und Grausamkeit geneigt. Einer von ihnen ergriff das junge Mädchen, weigerte sich, auf ihre Botschaft zu hören und that ihr auf die roheste Weise Gewalt an. Vor Scham und Wuth der Verzweiflung nahe, entfloh sie wieder und überließ das gottlose Heer seinem Schicksale[93].

Die Zeit zum Beginn des großen Wagstücks rückte jetzt heran. Die Nacht war nicht ungünstig für ein solches Unternehmen. Es war zwar Vollmond und ein glänzendes Nordlicht erschien am Horizont; aber der Sumpfnebel lag so dicht über Sedgemoor, daß man auf funfzig Schritt die Gegenstände nicht unterscheiden konnte[94].

[88.] Sedgemoor: Schilf-Moor.

[89.] Matt. West. Flor. Hist. A.D. 788; Handschriftliche Chronik, citirt von Sharon Turner in seiner Geschichte der Angelsachsen, Buch IV. Kap. 19; Drayton’s Polyolbion, III.; Leland’s Itinerary; Oldmixon, 703. Oldmixon befand sich damals in Bridgewater und sah wahrscheinlich den Herzog auf dem Kirchthurme. Die oben erwähnte Schüssel ist im Besitz eines Herrn Stradling, der sich die lobenswerthe Mühe gegeben hat, die Überbleibsel und Traditionen des Aufstandes im Westen aufzubewahren.

[90.] Oldmixon, 703.

[91.] Churchill an Clarendon, vom 4. Juli 1685.

[92.] Paschall’s Erzählung in Heywood’s Anhang.

[93.] Kennet, ed. 1779, III. 432. Ich muß leider glauben, daß diese traurige Geschichte wahr ist. Der Bischof erklärt, daß sie ihm im Jahre 1718 von einem wackeren Offizier der Blauen mitgetheilt worden sei, der bei Sedgemoor mitgefochten und selbst das arme Mädchen in völliger Verzweiflung hat fortgehen sehen.

[94.] Erzählung eines Offiziers von den Gardereitern in Kennet, Ausg. v. 1719, III. 432; MS. Journal of the Western Rebellion, Rept. by Mr. Edward Dummer; Dryden’s Hind and Panther, part. II. Die Zeilen von Dryden sind schön:

Dies war des Himmels heitre Strahlenpracht

Bei Jakob’s letztem Sieg in stiller Nacht,

Der Liebe seines mächt’gen Schutzherrn Pfand,

Das Feuerwerk von hehrer Engel Hand.

Ich selbst das helle Licht vergolden sah

Die düstren nächt’gen Schatten, fern und nah’.

Fort trug der Bote eiligst seine Kunde,

Zu dreier Völker Trost in banger Stunde,

Doch überall fand er des Himmels Boten schon.

Schlacht von Sedgemoor. [Es] schlug elf Uhr, als der Herzog mit seiner Leibgarde aus dem Schlosse abritt. Er befand sich durchaus nicht in der Gemüthsstimmung, wie sie einem Manne ziemt, der im Begriffe ist, einen entscheidenden Schlag zu führen. Selbst die Kinder, die sich herbeidrängten, um ihn vorüberreiten zu sehen, bemerkten, daß sein Aussehen traurig und voll düsterer Ahnungen war, und erinnerten sich dessen noch lange nachher. Seine Armee marschirte auf einem fast sechs Meilen langen Umwege gegen das königliche Lager von Sedgemoor. Ein Theil dieses Weges wird noch heute die Kriegsstraße genannt. Das Fußvolk führte Monmouth persönlich an, und die Reiterei war trotz der Gegenvorstellungen Derer, die sich des Unfalls bei Bridport erinnerten, Lord Grey anvertraut worden. Es war Befehl gegeben, das strengste Stillschweigen zu beobachten, keine Trommel zu rühren und keinen Schuß abzufeuern. Das Losungswort, an dem die Insurgenten einander im Dunkeln erkennen sollten, war Soho. Wahrscheinlich war dieses Wort in Anspielung auf Soho-Fields in London gewählt, wo der Palast des Anführers stand[95].

Montag den 6. Juli gegen ein Uhr in der Nacht kamen die Rebellen auf dem offnen Moore an. Aber zwischen ihnen und dem Feinde befanden sich drei mit Wasser und dünnem Schlamm gefüllte Gräben, und Monmouth wußte, daß er zwei davon, den sogenannten „schwarzen Graben“ und den „Langmoor-Rhine“ passiren mußte. Sonderbarerweise aber hatte ihm keiner seiner Kundschafter etwas von der Existenz des dritten Grabens gesagt, welcher „Bussex-Rhine“ hieß und das königliche Lager unmittelbar deckte.

Die Munitionswagen blieben am Rande des Moors zurück. Die Reiterei und das Fußvolk gingen auf einem Damme in einer langen und schmalen Colonne über den schwarzen Graben. Ein ähnlicher Damm war auch durch den Langmoor-Rhine geworfen, aber der Führer verirrte sich im Nebel. Es entstand einiger Aufenthalt und Tumult, ehe man den rechten Weg wieder fand; endlich wurde der Übergang noch glücklich bewerkstelligt, aber in der Verwirrung ging ein Pistol los. Einige Wache haltende Gardereiter hörten den Knall und bemerkten eine große Truppenmasse, die sich im Nebel vorwärts bewegte. Sie feuerten ihre Karabiner ab und sprengten in verschiedenen Richtungen davon, um Lärm zu machen. Einige eilten nach Weston Zoyland, wo die Kavallerie lag. Ein andrer Reiter galoppirte in das Lager der Infanterie und rief aus voller Kehle, daß der Feind in der Nähe sei. Die Trommeln des Regiments Dumbarton schlugen Generalmarsch und die Mannschaft trat sogleich unter’s Gewehr. Es war die höchste Zeit, denn Monmouth stellte seine Armee schon in Schlachtordnung auf. Er befahl Grey, mit der Reiterei vorzugehen, und folgte selbst an der Spitze des Fußvolks. Grey stürmte vorwärts, bis er plötzlich ganz unvermuthet durch den Bussex-Rhine aufgehalten wurde. Jenseit des Grabens stellte sich die königliche Infanterie eiligst in Schlachtordnung auf.

„Für wen seid Ihr?“ rief ein Offizier von der Fußgarde. „Für den König“, antwortete eine Stimme in den Reihen der Rebellen-Kavallerie. „Für welchen König?“ wurde hierauf gefragt. Die Antwort war das Jubelgeschrei: „Für König Monmouth!“ vermischt mit dem Feldgeschrei, das vierzig Jahre früher auf den Fahnen der Parlaments­regimenter stand: „Gott mit uns!“ Die königlichen Truppen gaben nun augenblicklich eine so kräftige Musketensalve, daß die ganze Reiterei der Aufständischen alsbald nach allen Richtungen auseinanderstob. Die Welt schrieb diese schmachvolle Flucht allgemein der Feigherzigkeit Grey’s zu. Aber es ist keineswegs erwiesen, ob Churchill an der Spitze von Leuten, welche noch nie im Sattel gekämpft hatten, und deren Pferde weder ans Feuer, noch überhaupt an den Zügel gewohnt waren, besseren Erfolg gehabt haben würde.

Wenige Minuten nachdem die Reiterei des Herzogs sich über den ganzen Moor zerstreut hatte, kam seine Infanterie, der die brennenden Lunten des Regiments Dumbarton als Wegweiser in der Dunkelheit dienten, im Sturmschritt heran.

Monmouth erschrak nicht wenig, als er sah, daß ein breiter und tiefer Graben ihn von dem Lager trennte, das er zu überrumpeln gehofft hatte. Die Insurgenten machten am Rande des Grabens Halt und feuerten; ein Theil der königlichen Infanterie am anderen Ufer erwiederte das Feuer. Dreiviertel Stunde lang knatterte das Kleingewehrfeuer ununterbrochen. Die Landleute von Somersetshire benahmen sich wie alte gediente Soldaten, nur daß sie zu hoch hielten.

Jetzt aber hatten sich auch die anderen Abtheilungen der königlichen Armee in Bewegung gesetzt. Die Leibgarben und die Blauen kamen von Weston Zoyland herangesprengt und zerstreuten in einem Nu die wenigen Reiter Grey’s, die sich wieder zu sammeln versucht hatten. Die Fliehenden verbreiteten einen panischen Schrecken unter ihren Kameraden in der Nachhut, welche die Munition zu decken hatten. Die Wagen fuhren in hastiger Eile davon und hielten nicht eher an, als bis sie mehrere Meilen vom Schlachtfelde entfernt waren. Bis jetzt hatte Monmouth sich als tapfrer und befähigter Krieger gezeigt; man hatte ihn zu Fuß gesehen, wie er, mit einer Lanze in der Hand, seine Infanterie durch Wort und Beispiel anfeuerte. Aber er war zu erfahren in militärischen Angelegenheiten, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß Alles vorbei war. Seine Leute hatten den Vortheil, den ihnen die Überrumpelung und die Dunkelheit gegeben, verloren; sie waren von der Reiterei und den Munitionswagen im Stiche gelassen, und die königlichen Truppen waren jetzt in bester Ordnung beisammen. Feversham war durch das Feuer geweckt worden, war aus dem Bett gesprungen, hatte seine Halsbinde umgelegt, sich gebührend im Spiegel gemustert, und war endlich herbeigekommen, um zu sehen, was seine Leute thaten. Inzwischen hatte Churchill, was von weit größrer Wichtigkeit war, eiligst eine ganz neue Aufstellung der königlichen Infanterie vorgenommen. Der Morgen brach an; der Ausgang eines Kampfes im offnen Felde und bei hellem Tageslichte konnte nicht zweifelhaft sein. Aber Monmouth hätte fühlen sollen, daß er nicht fliehen durfte, während Tausende, die ihre Zuneigung zu ihm ins Verderben gestürzt, noch immer mannhaft für seine Sache kämpften. Aber eitle Hoffnungen und die unüberwindliche Liebe zum Leben behielten bei ihm die Oberhand. Er sah, daß, wenn er zögerte, die königliche Reiterei ihm den Rückzug abschneiden würde; er stieg daher zu Pferde und ritt vom Schlachtfelde.

Doch sein Fußvolk, obgleich von seinem Führer verlassen, hielt noch tapfer Stand. Die Leibgarden griffen es von der rechten, die Blauen von der linken Seite an; aber die Bauern von Somersetshire kämpften mit ihren Sensen und ihren Gewehrkolben wie alte Soldaten gegen die königlichen Reiter. Oglethorpe machte einen ungestümen Versuch, ihre Reihen zu durchbrechen, und wurde tapfer zurückgeschlagen. Sarsfield, ein wackrer irländischer Offizier, dessen Name später eine traurige Berühmtheit erlangte, griff auf der andren Flanke an. Seine Leute wurden ebenfalls zurückgeworfen. Er selbst wurde zu Boden geschlagen und blieb eine Zeit lang für todt liegen. Der Widerstand der tapfren Landleute konnte jedoch nicht mehr von langer Dauer sein, denn Pulver und Blei waren völlig ausgegangen. Man hörte den Ruf: „Munition! um Gottes Willen Munition!“ Aber es war keine mehr zur Hand. Jetzt rückte überdies auch die königliche Artillerie heran, die eine halbe Meile davon auf der Straße von Weston Zoyland nach Bridgewater gestanden hatte. Die Ausrüstung des englischen Heeres war damals noch so mangelhaft, daß es ungeheure Mühe gekostet haben würde, die schweren Geschütze auf den Platz zu schleppen, wo der Kampf wüthete, hätte nicht der Bischof von Winchester seine Wagenpferde und seine Geschirre zu diesem Zwecke hergegeben. Diese Einmischung eines christlichen Prälaten in eine blutige Angelegenheit ist mit sonderbarer Inconsequenz von einigen whiggistischen Schriftstellern verdammt worden, während sie nichts Verbrecherisches in dem Benehmen der zahlreichen puritanischen Geistlichen finden, welche damals gegen die Regierung unter Waffen standen. Und als die Kanonen endlich angekommen waren, fehlte es so sehr an Kanonieren, daß ein Sergeant vom Regimente Dumbarton die Bedienung mehrerer Geschütze übernehmen mußte[96]. So schlecht indessen die Geschütze auch bedient wurden, so brachten sie doch das Gefecht rasch zu Ende. Die Lanzen der aufständischen Bataillone begannen sich zu senken, die Reihen wurden durchbrochen; die königliche Reiterei machte einen nochmaligen Angriff und warf Alles vor sich nieder, während zu gleicher Zeit auch die Infanterie in großen Massen über den Graben kam. Selbst in dieser höchsten Bedrängniß hielten die Bergleute von Menrix noch tapfer Stand und verkauften ihr Leben theuer. Aber in wenigen Minuten war die Niederlage vollständig. Dreihundert königliche Soldaten waren getödtet oder verwundet, und von den Rebellen lagen mehr als tausend todt auf dem Moor[97].

So endete der letzte, den Namen einer Schlacht verdienende Kampf, der auf englischem Boden stattgefunden hat. Der Eindruck, den derselbe bei den einfachen Bewohnern der Umgegend zurückließ, war tief und nachhaltig. Allerdings ist dieser Eindruck auch häufig wieder aufgefrischt worden, denn selbst noch in unseren Tagen haben Pflug und Spaten nicht selten schauerliche Erinnerungszeichen von dem Gemetzel, wie Schädel, Gebeine und seltsame Waffen, aus Ackergeräthen verfertigt, zu Tage gefördert. Alte Landleute erzählten noch vor Kurzem, daß sie in ihrer Kindheit oft auf dem Moore das Gefecht zwischen König Jakob’s und König Monmouth’s Soldaten gespielt und daß die letzteren stets „Soho“ gerufen hätten[98].

Was bei der Schlacht von Sedgemoor am meisten auffällt, ist der Umstand, daß der Ausgang nur einen Augenblick zweifelhaft sein konnte und daß die Rebellen so lange Widerstand leisteten. Gegenwärtig würde es als ein Wunder betrachtet werden, wenn fünf- oder sechstausend Kohlengräber und Bauern nur einer halb so großen Anzahl von regulärer Kavallerie und Infanterie eine halbe Stunde lang Stand hielte. Unser Erstaunen wird sich jedoch vielleicht vermindern, wenn wir berücksichtigen, daß zu den Zeiten Jakob’s II. die Disciplin der regulären Armee außerordentlich lax, und daß auf der andren Seite das Landvolk daran gewöhnt war, in der Miliz zu dienen. Der Unterschied zwischen einem Regiment Fußgarden und einem Regiment eben angeworbener Bauern war daher, obwohl schon sehr bedeutend, doch keineswegs so groß, als er jetzt ist. Monmouth führte nicht bloße Pöbelhaufen zum Angriff gegen geübte Soldaten; seine Leute waren nicht ganz ohne allen militärischen Anstrich, während Feversham’s Truppen im Vergleich zu den englischen Truppen der Jetztzeit fast ein Pöbelhaufe genannt werden könnten.

Es war vier Uhr, die Sonne ging auf und das geschlagene Heer ergoß sich massenhaft in die Straßen von Bridgewater. Das Getümmel, das Blut, die Wunden, die geisterhaften Gestalten, welche zu Boden sanken, um nicht wieder aufzustehen, verbreiteten Entsetzen und Bestürzung in der Stadt. Dazu kam noch, daß die Verfolger ihnen auf den Fersen waren. Die Einwohner, welche den Aufstand begünstigt hatten, erwarteten ausgeplündert und niedergemetzelt zu werden, und flehten ihre Nachbarn, die sich zum römisch-katholischen Glauben bekannten oder sich durch toryistische Gesinnung auszeichneten, um Schutz an. Auch, die heftigsten whiggistischen Geschichtsschreiber erkennen es an, daß dieser Schutz freundlich und hochherzig gewährt wurde[99].

[95.] Es ist von vielen Schriftstellern, unter Anderen auch von Penant, behauptet worden, der Soho-Bezirk in London habe seinen Namen von jener Parole in Monmouth’s Armee bei Sedgemoor. Aber man findet die Soho-Fields in Büchern erwähnt, welche vor dem Aufstand im Westen gedruckt waren, z.B. in Chamberlayn’s State of England, 1684.

[96.] Es existirt eine Verfügung von Jakob, welche anbefiehlt, daß dem Sergeanten Weems vom Regiment Dumbarton „für die guten Dienste, die er in der Schlacht von Sedgemoor durch Abfeuern der großen Kanonen auf die Rebellen geleistet“, vierzig Pfund Sterling ausgezahlt werden sollen. Historical Record of the First of Royal Regiment of Foot.

[97.] Jakob’s II. Bericht von der Schlacht von Sedgemoor in Lord Hardwicke’s Staatsschriften; Wade’s Confession; Ferguson’s handschriftliche Erzählung in Eachard III. 768; Erzählung eines Offiziers von der Leibgarde in Kennet, Ausg. v. 1719, III. 432; London Gazette, July 9. 1685; Oldmixon, 703; Paschalle’s Narrative; Burnet, I. 60043; Evelyn’s Diary, July 8.; Citters, 7.(17.) Juli; Barillon 9.(19.) Juli; Reresby’s Memoirs; the Duke of Buckingham’s Battle of Sedgemoor, a Farce; MS. Journal of the Western Rebellion, kept by Mr. Edward Dummer, then serving in the train of artillery employed by Hir Majesty for the suppression of the same. Die letztgenannte Handschrift befindet sich in der Pepys’schen Bibliothek und ist von großem Werthe, nicht wegen der Erzählung, die wenig Bemerkenswerthes enthält, sondern wegen der Pläne, welche die Schlacht in vier oder fünf verschiedenen Stadien darstellen.

„Die Geschichte einer Schlacht“, sagt der größte der jetzt lebenden Generale, „ist der Geschichte eines Balles nicht unähnlich. Einige mögen sich wohl noch der kleinen Vorfälle erinnern, welche den Gewinn oder den Verlust der Schlacht herbeiführten; aber kein Einzelner kann sich erinnern, in welcher Aufeinanderfolge oder in welchem Augenblicke sie sich ereigneten, und davon hängt stets ihr Werth und ihre Bedeutung ab ... Um Ihnen zu beweisen, wie wenig man sich auch auf die besten Schlachtberichte verlassen kann, will ich nur sagen, daß in dem Berichte des Generals * * einige Umstände erwähnt sind, die sich nicht so zugetragen haben, wie er sie erzählt. Es ist unmöglich zu sagen, wann und in welcher Ordnung jedes wichtige Ereigniß eintrat.“ — Wellington Papers, Aug. 8. & 17. 1815.

Die Schlacht, in Bezug auf welche der Herzog von Wellington dies schrieb, war die von Waterloo, die wenige Wochen vorher am hellen Tage unter seinen eigenen scharfblickenden und erfahrenen Augen geschlagen worden war. Wie schwierig muß es daher sein, aus zwölf oder dreizehn Rapporten einen Bericht über eine Schlacht zusammen zu stellen, die vor mehr als hundertsechzig Jahren in einer Dunkelheit geschlagen wurde, daß man nicht fünfzig Schritt weit vor sich sehen konnte? Die Schwierigkeit wird dadurch noch vergrößert, daß die Augenzeugen, welche die beste Gelegenheit hatten, die Wahrheit zu erfahren, durchaus nicht geneigt waren, sie zu sagen. Das Dokument, das ich an die Spitze meiner Quellen­verzeichnisse gestellt habe, war unverkennbar mit der größten Parteilichkeit für Feversham geschrieben. Wade schrieb in der Angst vor dem Strange. Ferguson, der es überhaupt mit der Wahrheit seiner Aussagen nicht genau nahm, log bei dieser Gelegenheit wie Bobadil oder Parolles. Oldmixon, der zur Zeit der Schlacht in Bridgewater noch ein Knabe war und einen großen Theil seines spätren Lebens daselbst zubrachte, stand so unter dem Einflusse örtlicher Leidenschaften, daß seine an Ort und Stelle vorgenommenen Forschungen ihm nichts nützten. Der Wunsch, die Tapferkeit der Landleute von Somersetshire zu preisen, eine Tapferkeit, die selbst ihre Feinde anerkannten und welche nicht erst durch Übertreibungen und Erdichtungen in ein glänzendes Licht gestellt zu werden brauchte, verleitete ihn, einen lächerlichen Roman zusammenzusetzen. Das Lob, welches Barillon, ein Franzos, der gewöhnt war, ungeübte Schaaren zu verachten, der besiegten Armee zollt, hat weit mehr Werth. „Son infanterie fit fort bien. On n’eut de la peine à les rompre, et les soldats combattoient avec les crosses de mousquet et les scies, qu’ils avoient au bout de grands bastons au lieu de picques.“

Jetzt ist durch einen Besuch des Schlachtfeldes nicht viel mehr zu lernen, denn die Gestalt der Gegend hat sich zu sehr verändert; so ist der alte Bussex-Rhine, an dessen Ufern das Haupttreffen stattfand, längst verschwunden. — Von großem Nutzen ist mir Robert’s Schlachtbericht gewesen. Life of Monmouth chap. 22. Seine Erzählung wird in der Hauptsache durch Dummer’s Pläne bestätigt.

[98.] Ich weis dies aus dem Munde von Leuten, welche unweit Sedgemoor wohnen.

[99.] Oldmixon, 704.

Verfolgung der Rebellen. [Die] Sieger verfolgten die Fliehenden den ganzen Tag. Die Bewohner der umliegenden Dörfer erinnerten sich noch lange des Getöses und der Verwünschungen, womit die Reiterei vorüberstürmte. Noch vor dem Abend waren fünfhundert Gefangene in der Pfarrkirche zu Weston Zoyland eingesperrt. Achtzig von ihnen waren verwundet und fünf starben innerhalb der heiligen Mauern. Eine große Menge Landleute wurde herbeigetrieben, um die Gefallenen zu begraben, und einige, deren Parteilichkeit für die Sache der Besiegten bekannt war, wurden für das grauenvolle Geschäft bestimmt, die Gefangen zu viertheilen. Die Unterconstabler der benachbarten Kirchspiele mußten Galgen aufrichten und Ketten herbeischaffen. Währenddem läuteten fröhlich die Glocken von Weston Zoyland und Chedzoy und die Soldaten sangen und zechten auf dem Moore mitten unter den Leichen, denn die Landwirthe der Umgegend hatten, sobald der Ausgang des Gefechts bekannt war, sich beeilt, den Siegern ganze Fässer ihres besten Obstweines als Friedensopfer darzubringen.[100]

[100.] Locke’s Western Rebellion, Stradling’s Chilton Priory.

Militärische Hinrichtungen. [Feversham] galt für einen gutherzigen Mann, aber er war ein Ausländer, der die Gesetze der Engländer nicht kannte und sich um ihre Gefühle nicht kümmerte. Er war an den kriegerischen Übermuth Frankreichs gewohnt und hatte von seinem hohen Verwandten, dem Eroberer der Pfalz, nicht erobern, sondern nur verwüsten und zerstören gelernt. Eine beträchtliche Anzahl Gefangener wurde sofort zur Hinrichtung ausgewählt. Unter diesen befand sich ein junger Mann, der wegen seiner Schnelligkeit im Laufen berühmt war. Man machte ihm Hoffnung, daß er mit dem Leben davon kommen könne, wenn er aus einem Wettlaufe mit einem Fohlen der Marschen siegreich hervorginge. Der Raum, den dieser Mann in gleichem Schritt mit dem Pferde durchlief, ist noch jetzt durch wohlbekannte Markzeichen auf dem Moore angegeben und war ungefähr dreiviertel Meile lang. Feversham schämte sich nicht, den unglücklichen Schnellläufer nach vollbrachter Leistung dennoch an den Galgen zu schicken. Am nächsten Morgen sah man eine lange Reihe von Galgen auf der Straße von Bridgewater nach Weston Zoyland, und an jedem derselben hing ein Gefangner. Vier von den Duldern ließ man in ihren Ketten verfaulen.[101]

[101.] Locke’s Western Rebellion; Stradling’s Chilton Priory; Oldmixon, 704.

Monmouth’s Flucht. [Unterdessen] entfloh Monmouth, begleitet von Grey, Buyse und einigen andren Freunden, vom Schlachtfelde. In Chedzoy machte er einen Augenblick Halt, um ein frisches Pferd zu besteigen und sein blaues Knieband und seinen St. Georg[102] zu verbergen. Dann eilte er weiter nach Bristol Channel. Auf den Anhöhen im Norden des Schlachtfeldes sah er noch den Blitz und den Rauch der letzten Salve, die seine verlassenen Getreuen abfeuerten. Vor sechs Uhr war er schon zwanzig Meilen von Sedgemoor entfernt. Einige von seinen Begleitern riethen ihm, über den Kanal zu setzen und in Wales eine Zufluchtsstätte zu suchen, was unzweifelhaft das Klügste gewesen wäre. Er hätte längst in Wales sein können, ehe die Nachricht von seiner Niederlage dahin gelangte, und würde in einer so unwirthbaren, vom Sitze der Regierung weit entfernten Gegend lange unentdeckt geblieben sein. Aber er beschloß, nach Hampshire zu eilen, in der Hoffnung, sich in den Hütten der Wilddiebe unter den Eichen des Neuen Waldes so lange verbergen zu können, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Entkommen auf das Festland darbot. Daher wendete er sich mit Grey und Buyse südöstlich. Aber der Weg war voll von Gefahren, denn die Flüchtlinge reisten durch eine Gegend, wo Jedermann den Ausgang der Schlacht schon kannte und kein Reisender von verdächtigem Aussehen sich einer genauen Untersuchung entziehen konnte. Sie ritten den ganzen Tag, indem sie Städte und Dörfer sorgfältig vermieden. Das war auch nicht so schwierig, als es jetzt scheinen mag, denn damals lebende Leute konnten sich noch sehr gut der Zeit erinnern, wo sich das Rothwild in einer Reihenfolge von Wäldern von den Ufern des Avon in Wiltshire bis zur südlichen Küste von Hampshire in ungestörter Freiheit tummelte.[103] Auf Cranbourne Chase konnten endlich die Pferde vor Erschöpfung nicht weiter. Man nahm ihnen daher Sattel und Zaum ab, welche sorgfältig versteckt wurden, und ließ sie laufen. Monmouth und seine Freunde verschafften sich nun Bauernanzüge, und so verkleidet wanderten sie zu Fuß durch den Neuen Wald. Sie brachten die Nacht unter freiem Himmel zu, aber noch vor dem Morgen waren sie auf allen Seiten umzingelt. Lord Lumley, der mit einer starken Abtheilung der Miliz von Sussex in Ringwood stand, hatte nach allen Richtungen hin Detaschements ausgesandt und Sir Wilhelm Portman mit der Miliz von Somerset vom Meeresufer bis ans nördliche Ende von Dorset eine Postenkette aufgestellt. Am siebenten um fünf Uhr Morgens wurde Grey, der sich von seinen Freunden entfernt hatte, von zwei Sussexer Spionen ergriffen. Er ergab sich in sein Schicksal mit der Ruhe eines Mannes, dem die Ungewißheit unerträglicher war als die sichere Aussicht auf seinen Untergang. „Seit unsrer Landung“, sagte er, „habe ich weder eine einzige ordentliche Mahlzeit, noch eine ruhige Nacht gehabt.“ Man konnte kaum daran zweifeln, daß der Hauptrebell nicht weit entfernt war, und die Verfolger verdoppelten daher ihre Wachsamkeit und Thätigkeit. Lumley ließ alle auf dem Haidelande an den Grenzen von Dorsetshire und Hampshire zerstreut liegenden Hütten genau durchsuchen, und der Landmann, mit welchem Monmouth die Kleider gewechselt hatte, wurde entdeckt. Portman kam mit einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk, um Lumley bei seinen Nachforschungen zu unterstützen. Bald wurde ihre Aufmerksamkeit auf eine Stelle gelenkt, die sich zum Versteck für Flüchtlinge vortrefflich eignete. Es war ein bedeutender Landstrich, welcher durch ein Gehege von dem offnen Lande getrennt und durch zahlreiche Hecken in kleine Feldparcellen abgetheilt war. Auf einigen dieser Felder waren der Roggen, die Erbsen und der Hafer hoch genug, um einen Menschen zu verbergen; andere waren mit Farrnkraut und Brombeersträuchern bedeckt. Eine arme Frau berichtete, daß sie in dem Gehege zwei Fremde gesehen habe, die sich zu verbergen schienen. Die nahe Aussicht auf eine Belohnung erhöhte den Eifer der Truppen. Es wurde verabredet, daß jeder Mann, der bei der Durchsuchung seine Pflicht thue, einen Antheil von den versprochenen fünftausend Pfund bekommen sollte. Die äußere Umzäunung wurde mit Wachen besetzt und der innre Raum mit unermüdlicher Sorgfalt durchforscht; mehrere gute Spürhunde durchsuchten das Gebüsch. Der Abend brach herein, ehe das Geschäft beendigt war, aber die ganze Nacht hindurch wurde sorgfältig Wache gehalten. Wohl dreißigmal wagten es die Flüchtlinge, durch die äußere Umzäunung zu blicken, aber überall fanden sie eine aufmerksam umherspähende Schildwache. Einmal wurden sie gesehen und auf sie geschossen; dann trennten sie sich und verbargen sich in verschiedenen Schlupfwinkeln.