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Geschichtschreiber : Geschichtsschreiber
Verhaft(s)befehl
Geschicht(s)schreiber
angesehen(d)ste


[9. Kapitel]
[Inhalt]

[10. Kapitel]
[Inhalt]


Thomas Babington Macaulay’s

Geschichte von England

seit der

Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.


Aus dem Englischen.


Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.

Fünfter Band
Leipzig, 1854.
G. H. Friedlein.

Neuntes Kapitel.

Jakob II.


[ Inhalt.]


Seite
[Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der Rechtmäßigkeit des Widerstandes][5]
[Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England vor][11]
[Heinrich Sidney][11]
[Devonshire][12]
[Shrewsbury. — Halifax][12]
[Danby und der Bischof Compton][13]
[Nottingham][14]
[Lumley][14]
[Absendung der Einladung an Wilhelm][14]
[Mariens Verhalten][15]
[Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm’s][16]
[Jakob’s Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe][19]
[Entlassungen und Ernennungen][20]
[Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus][22]
[Unzufriedenheit des Klerus. — Vorgänge in Oxford][23]
[Unzufriedenheit der Gentry][23]
[Unzufriedenheit der Armee][24]
[Es werden irische Truppen herübergezogen. — Unwille des Volks][25]
[Lillibullero][39]
[Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen][30]
[Fehler des Königs von Frankreich][31]
[Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger Gesandter][32]
[Das Erzbisthum Köln][33]
[Kluges Verfahren Wilhelm’s][33]
[Seine Rüstungen zu Lande und zur See][34]
[Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England][35]
[Sunderland][36]
[Wilhelm’s Befürchtungen][39]
[Jakob wird gewarnt][40]
[Ludwig’s Bemühungen, um Jakob zu retten][41]
[Jakob vereitelt dieselben][42]
[Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein][44]
[Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für seine Expedition][45]
[Britische Abenteurer im Haag][46]
[Wilhelm’s Erklärung][47]
[Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen][49]
[Seine Seemacht][49]
[Seine militairischen Mittel][50]
[Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen][51]
[Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz][51]
[Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen][53]
[Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt des Prinzen von Wales vorgelegt][55]
[Sunderland’s Ungnade][56]
[Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten][57]
[Er schifft sich ein und segelt ab][58]
[Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen][58]
[Seine Erklärung kommt in England an][58]
[Jakob befragt die Lords][58]
[Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel][60]
[Er passirt die Meerenge][61]
[Seine Landung bei Torbay][62]
[Sein Einzug in Exeter][65]
[Unterredung des Königs mit den Bischöfen][69]
[Ruhestörungen in London][71]
[Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen][72]
[Lovelace][72]
[Colchester][73]
[Abingdon][73]
[Abfall Cornbury’s][74]
[Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments][77]
[Der König begiebt sich nach Salisbury][79]
[Seymour][79]
[Wilhelm’s Hoflager in Exeter][79]
[Aufstand im Norden][80]
[Gefecht bei Wincanton][82]
[Churchill’s und Grafton’s Abfall][84]
[Rückzug der königlichen Armee von Salisbury][85]
[Abfall des Prinzen Georg und Ormond’s][85]
[Flucht der Prinzessin Anna][86]
[Jakob hält eine Berathung mit den Lords][88]
[Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm][91]
[Die Unterhandlung eine Finte][91]
[Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich zu senden][93]
[Aufregung in London][94]
[Falsche Proklamation][94]
[Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes][95]
[Clarendon schließt sich in Salisbury dem Prinzen an][97]
[Spaltung im Lager des Prinzen][97]
[Ankunft des Prinzen in Hungerford][99]
[Gefecht bei Reading][100]
[Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford][100]
[Unterhandlung][100]
[Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich geschickt][104]
[Lauzun][104]
[Anstalten des Königs zur Flucht][107]
[Seine Flucht][108]

Die Freisprechung der Bischöfe war nicht das einzige Ereigniß, das den 13. Juni 1688 zu einem wichtigen Datum unsrer Geschichte macht. An dem nämlichen Tage, während auf hundert Kirchthürmen alle Glocken läuteten, während von Hydepark bis Mile-End das Volk beschäftigt war, für die Freudendemonstrationen in der Nacht Reisigbündel zusammenzutragen und Päpste anzuputzen, wurde ein Actenstück, das für die Freiheiten Englands kaum minder wichtig war, als die Magna Charta, von London nach dem Haag gesandt.

Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der Rechtmäßigkeit des Widerstandes. [Der] Prozeß der Bischöfe und die Geburt des Prinzen von Wales hatten in den Gesinnungen vieler Tories einen großen Umschwung herbeigeführt. In dem Augenblicke, wo ihrer Kirche eine so empörende Beleidigung und Verhöhnung widerfuhr, mußten sie die Hoffnung auf eine friedliche Lösung aufgeben. Bisher hatten sie gehofft, daß die Prüfung, welche ihre Loyalität zu ertragen hatte, wenn auch hart, doch nur vorübergehend sein werde und daß ihre Leiden ohne Verletzung der feststehenden Thronfolgeordnung bald gehoben werden würden. Jetzt aber eröffnete sich ihnen eine ganz andre Aussicht. So weit sie vorwärts blickten, sahen sie die verkehrte Regierung der letzten drei Jahre durch ganze Menschenalter sich fortspinnen. Die Wiege des präsumtiven Thronfolgers war von Jesuiten umgeben und es stand zu befürchten, daß dem kindlichen Gemüth des Prinzen ein tödtlicher Haß gegen die Kirche, deren Oberhaupt er dereinst werden sollte, eingeimpft, daß dieser Haß das leitende Prinzip seines Lebens werden und auf seine Nachkommenschaft übergehen würde. Und diese unheilvolle Aussicht hatte keine Grenze, sie reichte über die Lebenszeit des jüngsten Menschen, bis über das achtzehnte Jahrhundert hinaus. Niemand konnte sagen, wie viele Generationen protestantischer Engländer noch ein Joch zu tragen haben würden, das man selbst bei der Voraussicht einer kurzen Dauer schon für unerträglich hielt. Gab es denn gar kein Heilmittel? Eines gab es noch, ein rasches, heftiges und entscheidendes, ein Mittel, zu dem die Whigs nur zu bereitwillig gegriffen hätten, das aber von den Tories jederzeit und unter allen Umständen als verwerflich betrachtet worden war.

Die größten anglikanischen Gelehrten der damaligen Zeit hatten den Satz aufgestellt, daß keine Übertretung eines Gesetzes oder eines Vertrags, kein Übermaß von Härte, Raubsucht oder Willkür von Seiten eines rechtmäßigen Königs sein Volk zum gewaltsamen Widerstande gegen ihn berechtigen könne. Einige von ihnen hatten etwas darin gesucht, die Lehre vom Nichtwiderstande in einer so überspannten Form darzustellen, daß der gesunde Verstand und die Humanität sich dagegen empören mußten. Sie bemerkten häufig und mit Nachdruck, daß Nero an der Spitze des römischen Reiches gestanden habe, als Paulus die Pflicht des Gehorsams gegen die Obrigkeit einschärfte. Daraus zogen sie den Schluß, daß, wenn ein englischer König, ohne ein andres Gesetz als seinen Willen, seine Unterthanen wegen Nichtanbetung von Götzenbildern verfolgte, sie den Löwen im Tower vorwürfe, sie in getheerte Tücher hüllte und zur Beleuchtung des St. Jamesparkes anzündete, und wenn er mit diesen Grausamkeiten fortführe, bis ganze Städte und Grafschaften entvölkert wären, die Überlebenden trotzdem noch immer verpflichtet sein würden, sich willig zu unterwerfen und sich ohne Widerstand in Stücken zerreißen oder lebendig braten zu lassen. Allerdings waren die Gründe, welche zu Gunsten dieser Behauptung angeführt wurden, unhaltbar, aber der Mangel vernünftiger Argumente wurde reichlich ersetzt durch die Alles vermögende Sophistik des Eigennutzes und der Leidenschaft. Viele Schriftsteller haben ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, wie die stolzen Kavaliere Englands sich für die knechtischeste Theorie, die die Welt je gesehen hat, so begeistern konnten. Dies kommt daher, weil diese Theorie dem Kavalier anfangs als der directe Gegensatz des Knechtischen erschien, denn sie machte ihn nicht zum Sklaven, sondern zum freien Herrn und Gebieter. Sie gefiel ihm, weil sie dem gefiel, den er als seinen Beschützer, als seinen Freund, als das Oberhaupt seiner geliebten Partei und seiner noch mehr geliebten Kirche betrachtete. Unter der Herrschaft der Republikaner hatte der Royalist Unbilden und Kränkungen ertragen müssen, welche er nach der Wiedereinsetzung der rechtmäßigen Regierung hatte vergelten können. Rebellion war daher in seinem Sinne gleichbedeutend mit Unterwerfung und Erniedrigung, monarchische Autorität mit Freiheit und Übergewicht. Es war ihm nie eingefallen, daß eine Zeit kommen könnte, wo ein König, ein Stuart die loyalsten Geistlichen und Edelleute mit größerer Erbitterung verfolgen würde, als einst der Rumpf oder der Protector. Eine solche Zeit war gekommen. Jetzt mußte es sich zeigen, wie die Geduld, welche die Anhänger der Landeskirche aus den Schriften des Paulus gelernt zu haben vermeinten, die Probe einer Verfolgung bestehen würde, die noch keineswegs so schlimm war, wie die eines Nero. Das Ergebniß war so, wie es Jedermann, der die menschliche Natur nur einigermaßen kannte, vorausgesagt haben würde. Der Despotismus bewirkte bald, was, der Philosophie und der Beredtsamkeit nie gelungen wäre. Die Angriffe Locke’s hatte Filmer’s System überleben können, aber von dem tödtlichen Schlage, den Jakob ihm versetzte, erholte es sich nie wieder.

Die Gründe, welche für unwiderleglich erklärt wurden, so lange man damit beweisen wollte, daß Presbyterianer und Independenten Haft und Eigenthumsberaubung mit Sanftmuth und Geduld ertragen müßten, schienen bedeutend an Haltbarkeit zu verlieren, als es sich fragte, ob anglikanische Bischöfe eingesperrt und die Einkünfte anglikanischer Collegien eingezogen werden dürften. Es war von den Kanzeln aller Kathedralen des Landes herab oft wiederholt worden, daß das apostolische Gebot, der bürgerlichen Obrigkeit zu gehorchen, unbedingt und allgemein und daß es eine gottlose Anmaßung der Menschen sei, ein im Worte Gottes ohne alle Beschränkung erlassenes Gebot beschränken zu wollen. Jetzt aber entdeckten die Geistlichen, deren Scharfsinn durch die drohende Gefahr, ihrer Ämter und Pfründen entsetzt zu werden, um Papisten Platz zu machen, bedeutend erhöht wurde, einige Lücken in dem Raisonnement, das ihnen früher so überzeugend vorgekommen war. Die ethischen Stellen der heiligen Schrift, meinten sie, dürfe man nicht wie Parlamentsverordnungen oder wie casuistische Abhandlungen der Gelehrten deuten. Welcher Christ werde dem Grobian, der ihn auf die rechte Wange geschlagen, wirklich auch die linke hinhalten? Welcher Christ werde dem Diebe, der ihm den Rock genommen, auch noch den Mantel geben? Im Alten wie im Neuen Testament seien durchgängig nur allgemeine Regeln aufgestellt, ohne die Ausnahmen mit anzuführen. So stehe darin das allgemeine Gebot, nicht zu tödten, aber ohne einen Vorbehalt zu Gunsten des Kriegers, der zur Vertheidigung seines Königs und seines Vaterlandes tödtet. So stehe ferner darin das allgemeine Gebot nicht zu schwören, aber ohne Vorbehalt zu Gunsten des Zeugen, der vor dem Richter schwört, daß er die Wahrheit sagen wolle. Die Rechtmäßigkeit des Vertheidigungskrieges und des gerichtlichen Eides werde aber nur von einigen obscuren Sectirern bestritten, und sei in den Artikeln der anglikanischen Kirche ausdrücklich behauptet. Alle die Gründe, welche bewiesen, daß die Weigerung des Quäkers, Waffen zu tragen oder das Evangelium zu küssen, unvernünftig und verkehrt sei, könnten auch gegen Diejenigen gewendet werden, welche den Unterthanen das Recht des gewaltsamen Widerstandes gegen maßlose Tyrannei absprachen. Wenn man behaupte, daß die Bibelstellen, welche das Tödten und das Schwören verboten, trotz ihrer allgemeinen Fassung doch als Unterwerfung unter das große Gebot ausgelegt werden müßten, welches jedem Menschen befiehlt, die Wohlfahrt seines Nächsten zu fördern und daß sie bei solcher Auslegung nicht auf Fälle angewendet werden könnten, in denen das Tödten und Schwören zum Schutze der theuersten Interessen der Gesellschaft durchaus nothwendig sei, dann werde man auch schwerlich leugnen können, daß die Bibelstellen, welche den gewaltsamen Widerstand gegen Vorgesetzte verbieten, ebenso gedeutet werden dürften. Wenn dem alten Volke Gottes unter Umständen gestattet worden sei, Menschenleben zu vernichten und sich durch Eide zu binden, so sei es ihnen unter Umständen auch erlaubt gewesen, schlechten Fürsten Widerstand zu leisten. Wenn die alten Väter der Kirche gelegentlich eine Sprache geführt hätten, aus welcher hervorzugehen schiene, daß sie jeden gewaltsamen Widerstand mißbilligten, so hätten sie gelegentlich auch eine Sprache geführt, aus welcher hervorgehe, daß sie allen Krieg und alle Eide verwarfen. In der That, die Lehre vom passiven Gehorsam, wie sie unter der Regierung Karl’s II. in Oxford gepredigt wurde, kann nur durch eine einseitige Auslegung, die uns unvermeidlich zu den Schlußfolgerungen Barclay’s und Penn’s führen wurde, aus der Bibel hergeleitet werden.

Es waren jedoch nicht allein dem Wortlaute der heiligen Schrift entlehnte Gründe, vermittelst deren die anglikanischen Theologen in den unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahren ihren Lieblingssatz zu beweisen versuchten. Sie hatten sich auch bemüht darzuthun, daß selbst wenn die Offenbarung darüber schweige, schon die Vernunft den Weisen von der Thorheit und Verwerflichkeit jedes gewaltsamen Widerstandes gegen die bestehende Regierung überzeugt haben würde. Es werde allgemein zugegeben, daß solcher Widerstand, außer im höchsten Nothfalle, nicht zu rechtfertigen sei. Aber wer könne die Grenze zwischen höchsten Nothfällen und gewöhnlichen Fällen bestimmen? Gäbe es wohl eine Regierung, unter der sich nicht Mißvergnügte und Aufwiegler finden würden, welche sagten und vielleicht auch wirklich glaubten, daß ihre Beschwerden einen höchsten Nothfall begründeten? Ja, wenn sich eine klare und bestimmte Regel aufstellen ließe, welche den Menschen verböte, sich gegen einen Trajan zu empören, ihnen aber erlaubte, sich gegen einen Caligula aufzulehnen, so würde eine solche Regel allerdings höchst wohlthätig sein. Aber eine derartige Regel sei nie aufgestellt worden und könne auch nie aufgestellt werden. Wenn man sage, der Aufruhr sei unter gewissen Umständen erlaubt, ohne diese Umstände genau zu bezeichnen, so sei dies eben so gut als wenn man sage, Jedermann dürfe sich empören, sobald es ihm passend erscheine; eine Gesellschaft aber, in der sich Jedermann empören könne, wenn er es für zweckmäßig halte, sei schlechter bestellt als eine unter der Herrschaft des grausamsten und willkürlichsten Despoten stehende. Daher sei es nothwendig, das große Prinzip des Nichtwiderstandes in seinem vollen Umfange aufrecht zu erhalten. Allerdings könnten besondere Fälle eintreten, in denen der Widerstand eine Wohlthat für die Gesellschaft sein würde; im Ganzen genommen aber sei es immer besser, wenn das Volk geduldig eine schlechte Regierung ertrage, als wenn es sich durch Verletzung eines Gesetzes zu helfen suche, auf dem die Sicherheit jeder Regierung beruhe.

Eine solche Argumentation überzeugte wohl eine herrschende und glückliche Partei sehr leicht, aber die Prüfung von Geistern, welche durch königliche Ungerechtigkeit und Undankbarkeit heftig gereizt waren, hielt sie nicht aus. Es ist allerdings unmöglich, eine strenge Grenze zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Widerstande zu ziehen; aber diese Unmöglichkeit liegt in dem ganzen Wesen von Recht und Unrecht und findet sich in fast jedem Zweige der ethischen Wissenschaft. Eine gute Handlung unterscheidet sich von einer schlechten nicht durch so deutliche Kennzeichen, wie ein Sechseck von einem Quadrat. Es giebt eine Grenze, wo Tugend und Laster in einander verschmelzen. Wer hat jemals eine genaue Grenzlinie zwischen Muth und Unbesonnenheit, zwischen Vorsicht und Feigheit, zwischen Sparsamkeit und Geiz, zwischen Freigebigkeit und Verschwendung zu ziehen vermocht? Wer hat jemals sagen können, wie weit die Nachsicht gegen Verbrecher gehen darf, wo sie aufhört den Namen Nachsicht zu verdienen, um verderbliche Schwäche zu werden? Welcher Casuist, welcher Gesetzgeber ist jemals im Stande gewesen, die Grenzen des Selbstvertheidigungsrechts zu bestimmen? Alle unsere Juristen sind der Ansicht, daß ein gewisses Maß von Gefahr für Leben oder Glieder den Menschen berechtige, einen Angreifer niederzuschießen oder zu erstechen, aber den Versuch, das Maß der Gefahr in bestimmten Worten zu bezeichnen, haben sie längst als unausführbar aufgegeben. Sie sagen nur, es dürfe keine unbedeutende, sondern eine solche Gefahr sein, die einen muthigen Menschen ernstlich um sich besorgt machen kann; aber wer wird es unternehmen zu sagen, welcher Grad von Besorgniß wirklich ernst genannt zu werden verdient oder wie der Geist eines Menschen beschaffen sein muß, um als muthig gelten zu können? Man muß es allerdings beklagen, daß die Natur der Worte und die Natur der Dinge eine genauere Gesetzgebung nicht gestattet, und es läßt sich nicht leugnen, daß oft Jemandem Unrecht geschieht, wenn die Menschen Richter in ihrer eignen Sache sind und ihr Urtheil augenblicklich vollziehen. Aber wer könnte deshalb alle und jede Nothwehr verbieten? Das Recht eines Volks, einer schlechten Regierung Widerstand zu leisten, ist ganz analog dem Rechte, mit dem der Einzelne in Ermangelung gesetzlichen Schutzes einen ihn Angreifenden erschlagen darf. In beiden Fällen muß die Gefahr sehr ernst sein; in beiden Fällen müssen alle gesetzlichen und friedlichen Vertheidigungsmittel erschöpft sein, ehe die verletzte Partei zum Äußersten schreitet; in beiden Fällen ladet man sich eine große Verantwortlichkeit auf; in beiden Fällen ruht die Beweislast auf Demjenigen, der es gewagt hat, zu einem so verzweifelten Auskunftsmittel zu greifen, und vermag er sich nicht zu rechtfertigen, so verwirkt er mit Recht die schwersten Strafen. Aber in keinem der beiden Fälle können wir das Vorhandensein alles Rechts leugnen. Ein von Mördern überfallener Mensch ist nicht verpflichtet, sich ohne von seinen Waffen Gebrauch zu machen, martern und abschlachten zu lassen, weil noch Niemand im Stande gewesen ist, das Maß der Gefahr, welches einen Todtschlag rechtfertigt, genau zu bestimmen. Ebenso wenig ist eine Gesellschaft verpflichtet, Alles was die Tyrannei über sie verhängen kann, mit passiver Geduld zu ertragen, weil noch Niemand das Maß der Regierungssünden, das eine Empörung rechtfertigt, genau zu bestimmen vermochte.

Aber konnte der Widerstand der Engländer gegen einen Fürsten wie Jakob eigentlich Empörung genannt werden? Die ächten Schüler Filmer’s behaupteten allerdings, daß zwischen unsrem Regierungssystem und dem der Türkei nicht der geringste Unterschied sei, und wenn der König sich nicht den Inhalt aller Kaufmannskasten in Lombard Street zueigne und Stumme mit der seidenen Schnur zu Sancroft und Halifax sende, so geschehe dies nur, weil Seine Majestät zu mild und gnädig sei, als daß er seine ganze, ihm vom Himmel ertheilte Macht ausüben sollte. Aber wenn auch die Tories zuweilen in der Hitze des Wortstreits eine Sprache führten, welche anzudeuten schien, daß sie diesen überspannten Lehren Beifall zollten, so verabscheuten sie den Despotismus doch gründlich. Die englische Regierungsform war nach ihren Begriffen eine beschränkt monarchische. Aber wie kann eine Monarchie beschränkt genannt werden, wenn niemals, selbst nicht im äußersten Nothfalle Gewalt angewendet werden darf, um sie innerhalb der ihr vorgeschriebenen Schranken zu halten? In Rußland, wo der Herrscher nach der Verfassung des Staats unbeschränkt war, konnte man vielleicht mit einem Schein von Richtigkeit behaupten, daß er, welche Übergriffe er sich auch erlaubte, noch immer nach christlichen Grundsätzen von seinen Unterthanen Gehorsam verlangen durfte. Bei uns aber stand der Fürst so gut unter dem Gesetze wie das Volk. Es war daher Jakob, der das Wehe über sich brachte, welches Denen angedroht ist, die der bestehenden Gewalt Hohn sprechen. Jakob war es, der sich den Anordnungen Gottes widersetzte, der sich gegen die rechtmäßige Autorität auflehnte, welcher er nicht allein aus Furcht vor dem göttlichen Zorne, sondern schon nach eigenem Gewissen hätte unterthan sein sollen, und der im wahren Sinne der Worte Jesu dem Kaiser nicht gab was des Kaisers war.

In Folge derartiger Betrachtungen fingen die kundigsten und aufgeklärtesten Tories an zuzugeben, daß sie in der Lehre vom passiven Gehorsam doch zu weit gegangen waren. Der Streit zwischen diesen Männern und den Whigs bezüglich der gegenseitigen Verpflichtungen der Könige und Unterthanen war jetzt kein Prinzipstreit mehr. Es blieben allerdings noch einige gerichtliche Streitpunkte zwischen der Partei, welche jederzeit die Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Widerstandes behauptet hatten, und den Neubekehrten. Das Andenken des gesegneten Märtyrers wurde von den alten Kavalieren, welche bereit waren, gegen seinen entarteten Sohn die Waffen zu ergreifen, noch immer so hoch als je verehrt. Sie sprachen noch immer mit Abscheu von dem langen Parlamente, von dem Ryehousecomplot und von dem Aufstande im Westen. Aber wie sie auch über die Vergangenheit denken mochten, ihre Ansicht von der Gegenwart war entschieden whiggistisch, denn sie waren jetzt der Meinung, daß äußerster Druck gewaltsamen Widerstand rechtfertigen könne und daß der Druck, unter dem die Nation eben seufzte, den äußersten Grad erreicht habe.[1]

Man darf jedoch nicht glauben, daß alle Tories selbst unter den damaligen Umständen einem Prinzipe entsagten, daß sie von Kindheit auf als einen wesentlichen Bestandtheil des Christenthums betrachten gelernt, zu dem sie sich viele Jahre lang mit prahlender Heftigkeit bekannt und das sie durch Verfolgung zu verbreiten gesucht hatten. Manche hielten aus wirklicher Überzeugung, Andere aus Scham an dem alten Glauben fest. Der größere Theil aber selbst von Denen, welche nach wie vor jeden gewaltsamen Widerstand gegen den Landesherrn für unstatthaft erklärten, war geneigt, im Falle eines Bürgerkriegs neutral zu bleiben. Keine Herausforderung sollte sie zum Aufstande bewegen, wenn aber ein solcher ausbräche, so glaubten sie sich nicht verpflichtet, für Jakob II. zu kämpfen, wie sie für Karl I. gekämpft haben würden. Paulus habe den Christen in Rom verboten, sich gegen die Herrschaft Nero’s zu empören; aber es sei kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß, wenn der Apostel noch gelebt hätte, als die Legionen und der Senat sich gegen den ruchlosen Kaiser erhoben, er den Brüdern befohlen haben würde, zur Unterstützung der Tyrannei zu den Waffen zu eilen. Die Pflicht der verfolgten Kirche sei klar: sie müsse geduldig ausharren und ihre Sache Gott anheim stellen. Wenn es aber Gott, dessen weise Fürsorge stets das Böse zum Guten lenkt, gefallen sollte, wie es ihm oft gefallen habe, sich zur Abstellung ihrer Leiden der Vermittelung solcher Menschen zu bedienen, deren heftige Leidenschaften ihre Lehren nicht zu bezähmen vermocht hätten, so könne sie dankbar von ihm eine Befreiung annehmen, welche auf eigne Hand zu bewerkstelligen ihre Grundsätze ihr nicht gestatteten. So waren die meisten von den Tories, welche noch immer jeden Gedanken an einen Angriff auf die Regierung aufrichtig zurückwiesen, doch keineswegs gemeint, sie zu vertheidigen, und freuten sich vielleicht, während sie sich ihrer eigenen Gewissensscrupel rühmten, im Stillen darüber, daß nicht Jedermann so bedenklich war als sie.

Die Whigs sahen, daß ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schwert gegen die Regierung ziehen sollten, war schon seit sechs oder sieben Jahren bei ihnen nur noch eine Frage der Klugheit und jetzt gebot ihnen eben die Klugheit, einen kühnen Weg einzuschlagen.

[1.] Dieser Umschwung in den Ansichten eines Theiles der Torypartei ist in einem Schriftchen, welches zu Anfang des Jahres 1689 unter dem Titel erschien: „A Dialogue betwen Two friends, wherein the Church of England is vindicated in joining with the Prince of Orange“ trefflich dargestellt.

Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England vor. [Im] Mai, vor der Geburt des Prinzen von Wales und während es noch ungewiß war, ob die Indulgenzerklärung in den Kirchen verlesen werden würde oder nicht, hatte sich Eduard Russell nach dem Haag begeben, hatte dem Prinzen von Oranien den Zustand der Volksstimmung eindringlich geschildert und Seiner Hoheit gerathen, an der Spitze einer starken Truppenmacht in England zu erscheinen und das Volk zu den Waffen zu rufen.

Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick erkannt. „Jetzt oder nie!“ sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.[2] Gegen Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, daß die Leiden des Staats von der Art seien, daß sie ein außergewöhnliches Heilmittel erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem möglichen Scheitern des Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch über Großbritannien und über ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, daß Viele, die sich jetzt in hochtönenden Worten bereit erklärten, Gut und Blut dem Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden würden, wenn ihnen die Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen träte, und er könne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von Geneigtheit begnügen, sondern verlange bestimmte Einladungen und schriftliche Unterstützungszusagen von einflußreichen und bedeutenden Männern. Russell bemerkte ihm dagegen, daß es gefährlich sein werde, eine größere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm stimmte ihm bei und sagte, daß einige wenige Unterschriften genügen würden, wenn es die von Staatsmännern wären, welche große Parteien repräsentirten.[3]

[2.] „Aut nunc, aut nunquam.“ — Witsen’s Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.

[3.] Burnet, I. 763.

Heinrich Sidney. [Mit] dieser Antwort kehrte Russell nach London zurück, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch täglich zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischöfe und die Entbindung der Königin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es hätte erwarten können. Er eilte die Stimmen der Oberhäupter der Opposition zu sammeln und sein Hauptgehülfe bei diesem Geschäft war Heinrich Sidney, der Bruder Algernon’s. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß Eduard Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob’s angehört hatten, daß Beide theils aus politischen, theils aus Privatgründen seine Feinde geworden waren und daß Beide das Blut naher Verwandter zu rächen hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die Ähnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fähigkeiten, stolz, sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemüth und einnehmenden Manieren seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse zu besitzen und in Genußsucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht und Gestalt war er auffallend hübsch. In seiner Jugend war er der Schrecken der Ehemänner gewesen und selbst jetzt, dem fünfzigsten Jahre nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides für jüngere Männer. Er hatte sich früher in amtlicher Stellung im Haag aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm’s Vertrauen in hohem Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darüber, denn man hätte glauben sollen, daß der ernsteste Staatsmann und der ausschweifendste Müßiggänger nichts mit einander gemein haben könnten. Swift konnte viele Jahre später nicht begreifen, daß ein Mann, den er nur als einen wissenschaftlich ungebildeten und frivolen alten Wüstling gekannt hatte, wirklich in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt haben sollte. Doch selbst ein minder scharfsichtiger Beobachter als Swift hätte wissen können, daß es einen gewissen instinktartigen Takt giebt, der oft großen Rednern und Philosophen fehlt, aber oft bei Personen gefunden wird, die man für einfältige Menschen erklären würde, wenn man sie nur nach ihren Reden und Schriften beurtheilte. In der That, wer diesen Takt besitzt, für den ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn ihm die glänzenderen Talente mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung, des Neides und der Furcht machen würden. Sidney war ein sprechender Beleg für diese Wahrheit. So untüchtig, unwissend und ausschweifend er zu sein schien, so erkannte er doch ober fühlte er vielmehr, gegen wen er zurückhaltend sein mußte und gegen wen er ohne Gefahr mittheilend sein durfte. In Folge dessen leistete er was Mordaunt mit all’ seiner Lebhaftigkeit und all’ seinem Erfindungsgeiste oder Burnet mit all’ seinem vielseitigen Wissen und seiner fließenden Beredtsamkeit nie hätten ausführen können.[4]

[4.] Sidney’s Diary and Correspondence, edited by Blencowe; Mackay’s Memoirs und Swift’s Note; Burnet, I. 763.

Devonshire. [Bei] den alten Whigs konnte es keine Schwierigkeiten haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen Jahren kaum einen Augenblick gegeben, wo die öffentlichen Rechtsverletzungen nicht den Widerstand gerechtfertigt hätten. Devonshire, der als ihr Oberhaupt betrachtet werden konnte, hatte sowohl private als öffentliche Unbilden zu rächen. Er ging mit ganzem Herzen auf den Plan ein und bürgte für seine Partei.[5]

[5.] Burnet, I. 764; Chiffrirter Brief an Wilhelm vom 18. Juni 1688 in Dalrymple.

Shrewsbury. — Halifax. [Russell] theilte den Plan Shrewsbury mit und Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschloß sich mit einem Muthe und einer Entschiedenheit, welche späterhin seinem Character zu fehlen schienen. Er erklärte sich sofort bereit, sein Vermögen, seine Ehre und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber nahm die erste Andeutung des Vorhabens in einer Weise auf, welche bewies, daß es nutzlos und vielleicht sogar gefährlich gewesen wäre, sich deutlicher auszusprechen. Er war in der That auch nicht der Mann zu einem solchen Unternehmen. Sein Geist war unerschöpflich in subtilen Unterscheidungen und Einwendungen, sein Temperament friedliebend und nicht waghalsig. Er war bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch anonyme Schriften bis aufs Äußerste zu opponiren; aber seine vornehme Ruhe mit dem unsicheren und bewegten Leben eines Verschwörers zu vertauschen, sich in die Gewalt von Mitverschwornen zu geben, in beständiger Angst vor Verhaftbefehlen und Königsboten zu leben, ja vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder in einer Hintergasse im Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er wenig Lust. Er äußerte daher einige Worte, welche deutlich erkennen ließen, daß er nicht wünschte, in die Pläne seiner verwegeneren und ungestümeren Freunde eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte nichts mehr.[6]

[6.] Ibid.

Danby und der Bischof Compton. [Hierauf] wendete man sich nun zunächst an Danby und mit weit besserem Erfolg. Für seinen kühnen und thatkräftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter organisirten Gemüth Halifax’ unerträglich waren, einen großen Reiz. Die verschiedenen Charactere der beiden Staatsmänner waren schon in ihren Gesichtszügen zu erkennen. Halifax’ Stirn, Auge und Mund verriethen einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewöhnlichen Sinn für die Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt oder für irgend eine Sache zum Märtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt, wird sich nicht wundern können, daß der Schriftsteller, der ihm am meisten Vergnügen machte, Montaigne war.[7] Danby war ein Skelett; sein hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann plötzlich von seiner Höhe herabgestürzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang im Gefängniß zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht zufrieden, er wollte wieder groß werden. Als treuer Anhänger der anglikanischen Kirche und Feind des französischen Übergewichts konnte er nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon ergebenen Hofe etwas Großes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in einer Revolution übernahm, welche alle Pläne der Papisten vereiteln, der langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die königliche Macht auf ein erlauchtes Paar übertragen sollte, dessen eheliches Band er geknüpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre früher aus dem Amte gestoßen hatte, verbanden bei seinem glücklichen Wiedererscheinen gewiß ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollständig wieder ausgesöhnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, daß die Whigs sich einer großen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte erklärt, daß sie jetzt von ihrem Irrthum überzeugt wären. Auch Danby hatte Mancherlei zurückzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden, das, wenn es angenommen worden wäre, alle Diejenigen, die sich weigerten eidlich zu erklären, daß sie gewaltsamen Widerstand unter allen Umständen für unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben würde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das öffentliche wie um sein persönliches Wohl vollständig erleuchtet, ließ sich jetzt nicht mehr durch solche kindische Trugschlüsse täuschen, wenn dies überhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklärte sofort seinen Beitritt zu der Verschwörung, und bemühte sich dann, die Mitwirkung Compton’s, des suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm auch ohne Schwierigkeit gelang. Kein Prälat war von der Regierung so rücksichtslos und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte kein Prälat soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war der Erzieher der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte allgemein, daß er ihr Vertrauen in hohem Maße genoß. Er hatte wie seine Collegen, so lange er noch nicht unterdrückt wurde, entschieden behauptet, daß es ein Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen; seitdem er aber vor der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht in ihm aufgegangen.[8]

[7.] In Betreff Montaigne’s siehe Halifax’ Brief an Cotton. Ich weiß nicht, ob Halifax’ Kopf in der Westminsterabtei nicht ein richtigeres Bild von ihm giebt als alle gemalten oder gestochenen Portraits, die ich von ihm gesehen habe.

[8.] Siehe Danby’s Einleitung zu den Actenstücken, die er 1710 veröffentlichte, so wie auch Burnet, I. 764.

Nottingham. [Danby] und Compton wünschten Beide, sich der Unterstützung Nottingham’s zu versichern. Der ganze Plan wurde ihm mitgetheilt und er billigte denselben. Aber schon nach wenigen Tagen fing er an besorgt zu werden. Seine Seele war nicht stark genug, um sich von anerzogenen Vorurtheilen loszureißen. Er ging von einem Geistlichen zum andern, legte ihnen in allgemeinen Ausdrücken angenommene Fälle von Tyrannei vor und fragte sie, ob in solchen Fällen der Widerstand erlaubt sei. Die Antworten, die er erhielt, vermehrten seine Angst. Endlich sagte er seinen Mitverschwornen, daß er nicht weiter mit ihnen gehen könne. Wenn sie ihn für fähig hielten, sie zu verrathen, so sollten sie ihn umbringen, und er werde sie schwerlich deshalb tadeln, denn indem er zurücktrete, nachdem er so weit gegangen sei, gebe er ihnen eine Art von Recht über sein Leben. Er versichere aber, daß sie von ihm nichts zu fürchten hatten; er werde ihr Geheimniß streng bewahren und könne nicht anders als ihnen den besten Erfolg wünschen, aber sein Gewissen gestatte ihm nicht, thätigen Antheil an einem Aufstande zu nehmen. Sie vernahmen sein Bekenntniß mit Argwohn und Verachtung. Sidney, der sehr unbestimmte Begriffe von Gewissensscrupeln hatte, benachrichtigte den Prinzen, daß Nottingham Angst bekommen habe. Man ist es jedoch Nottingham schuldig, zu sagen, daß sein allgemeiner Lebenswandel uns zu dem Glauben berechtigt, daß er bei dieser Gelegenheit durchaus rechtschaffen, wenn auch höchst unklug und unentschlossen handelte.[9]

[9.] Burnet, I. 764; Sidney an den Prinzen von Oranien, 30. Juni 1688, in Dalrymple.

Lumley. [Einen] vollständigeren Erfolg hatten die Agenten des Prinzen bei Lord Lumley, der wohl wußte, daß er trotz des hochwichtigen Dienstes, den er zur Zeit des Aufstandes im Westen geleistet, in Whitehall nicht blos als Ketzer, sondern als Renegat verhaßt war, und der sich daher mehr als die meisten gebornen Protestanten danach sehnte, zur Vertheidigung des Protestantismus die Waffen zu ergreifen.[10]

[10.] Burnet, I. 763; Lumley an Wilhelm, 31. Mai 1688 in Dalrymple.

Absendung der Einladung an Wilhelm. [Im] Monat Juni hatten die ins Geheimniß Eingeweihten häufige Zusammenkünfte, und am Letzten dieses Monats, dem Tage, an welchem die Bischöfe für nichtschuldig erklärt wurden, geschah endlich der entscheidende Schritt. Es wurde eine von Sidney geschriebene, aber von einer in der Abfassung derartiger Aufsätze geübteren Person entworfene förmliche Einladung nach dem Haag abgeschickt. In diesem Schreiben wurde Wilhelm versichert, daß neunzehn Zwanzigstel des englischen Volks sich nach einer Änderung sehnten und sich gern zur Herbeiführung einer solchen verbinden würden, wenn sie den Beistand einer solchen auswärtigen Macht erlangen könnten, welche die sich in Waffen Erhebenden vor der Gefahr sichere, zerstreut und niedergehauen zu werden, ehe sie sich in irgend einer militairischen Ordnung formiren könnten. Wenn Seine Hoheit an der Spitze eines Truppencorps in England erschiene, würden viele Tausende zu seinen Fahnen eilen, und er würde bald über eine der regulären Armee Englands weit überlegene Streitmacht zu verfügen haben. Überdies könne sich die Regierung selbst auf diese Armee nicht unbedingt verlassen. Die Offiziere seien unzufrieden und die gemeinen Soldaten theilten den Widerwillen gegen den Papismus, der in dem Stande, welchem sie angehörten, allgemein sei. Bei der Seemacht sei die protestantische Gesinnung noch allgemeiner. Es sei daher von Wichtigkeit, daß ein entscheidender Schritt geschehe, so lange sich die Dinge in diesem Zustande befänden. Das Unternehmen würde viel schwieriger sein, wenn es verschoben würde, bis der König durch Umgestaltung der Wahlkörper und der Regimenter sich ein Parlament und ein Heer gebildet habe, auf die er sich verlassen könnte. Die Verschwornen baten demnach den Prinzen dringend, so schleunig als möglich zu ihnen zu kommen. Sie gaben ihr Ehrenwort darauf, daß sie sich ihm anschließen würden und machten sich anheischig, die Mitwirkung einer so großen Anzahl Personen zu erlangen, als man ohne Gefahr in ein so wichtiges und gefährliches Geheimniß ziehen könne. Über einen Punkt hielten sie es für ihre Pflicht, Seiner Hoheit eine Vorstellung zu machen. Er habe die Meinung der großen Masse der Engländer über die kürzliche Geburt eines Prinzen nicht zu seinem Vortheile benutzt, sondern im Gegentheil Glückwünsche nach Whitehall gesandt, wodurch es scheinen müsse, als ob das Kind, welches den Namen eines Prinzen von Wales bekommen habe, der rechtmäßige Erbe des Thrones sei. Dies sei ein großer Fehler gewesen und habe den Eifer abgekühlt. Nicht Einer unter Tausend zweifle daran, daß der Knabe untergeschoben sei und der Prinz würde seinen Vortheil nicht richtig erkennen, wenn er nicht die verdächtigen Umstände, welche die Niederkunft der Königin begleitet hätten, unter den Gründen für seine bewaffnete Erhebung obenan stelle.[11]

Dieses Schreiben war mit den Namenschiffern der sieben Oberhäupter der Verschwörung, Shrewsbury, Devonshire, Danby, Lumley, Compton, Russell und Sidney, unterzeichnet. Herbert übernahm das Amt des Überbringers. Seine Sendung war mit nicht geringer Gefahr verknüpft. Er legte die Tracht eines gemeinen Matrosen an und erreichte am Freitag nach dem Prozesse der Bischöfe die niederländische Küste. Er eilte augenblicklich zu dem Prinzen. Bentinck und Dyckvelt wurden gerufen und es vergingen mehrere Tage unter Berathungen. Das erste Resultat dieser Berathungen war, daß das Gebet für den Prinzen von Wales nicht mehr in der Kapelle des Prinzen verlesen wurde.[12]

[11.] Siehe die ausführliche Einladung bei Dalrymple.

[12.] Sidney’s Brief an Wilhelm, 30. Juni 1688; Avaux, 11.(21.), 12.(22.) Juli.

Mariens Verhalten. [Von] Seiten seiner Gemahlin hatte Wilhelm keine Opposition zu fürchten. Er übte eine unbeschränkte Gewalt über ihren Geist aus und, was noch merkwürdiger war, er hatte ihre ganze Zuneigung gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch den Tod und durch Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten versagt worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte die Herrschaft über ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte sie wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in früher Jugend verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und sein Benehmen gegen sie seit ihrer Vermählung hatte weder Zärtlichkeit von seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefühl erwecken können. Er hatte alles Mögliche gethan, um ihr häusliches Glück zu stören und unter ihrem Dache ein förmliches System von Spioniererei, Aushorcherei und Angeberei eingeführt. Er bezog größere Einkünfte als irgend einer seiner Vorgänger und bewilligte ihrer jüngeren Schwester ein regelmäßiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;[13] die muthmaßliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste Geldunterstützung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem hohen Range unter den europäischen Fürstinnen zukommenden Aufwand zu machen. Sie hatte es gewagt, sich für ihren alten Freund und Lehrer Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischöflichen Functionen suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung empörender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Fürsprache war ungnädig abgewiesen werden.[14] Von dem Tage an, wo es sich klar herausgestellt hatte, daß sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich bei dem Umsturze der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es ein Hauptzweck der Politik Jakob’s gewesen, sie Beide zu kränken. Er hatte die britischen Regimenter aus Holland zurückberufen, er hatte mit Tyrconnel und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und Anstalten getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu berauben, auf welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben würde. Jetzt glaubte die große Masse seines Volks und viele Personen von hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten, daß er einen unächten Prinzen von Wales in die königliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines reichen Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, daß auch sie den herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie unmöglich lieben. Ihre religiösen Grundsätze waren allerdings so streng, daß sie sich wahrscheinlich bemüht haben würde, das was sie für ihre Pflicht hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfüllen. In dem vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, daß Jakob’s Anrecht auf ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen müsse. In der That stimmen alle Theologen und Publicisten darin überein, daß, wenn die Tochter des Fürsten eines Landes mit dem Fürsten eines andren Landes vermählt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite des Ersteren treten muß. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn der Gatte im Unrecht wäre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig.

[13.] Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.

[14.] Birch’s Auszüge im Britischen Museum.

Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm’s. [Obgleich] sie es aber sorgfältig vermied, irgend etwas zu thun oder zu sagen, was die ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten vermehren konnte, so waren diese Schwierigkeiten doch sehr ernster Art. Sie wurden jedoch selbst von Einigen von Denen, die ihn einluden hinüberzukommen, nur unvollkommen begriffen, und sind auch von einigen Geschichtsschreibern der Unternehmung nur unvollkommen geschildert worden.

Die Hindernisse, welche er auf englischem Boden zu erwarten hatte, waren zwar die mindest furchtbaren, die der Ausführung seines Planes entgegenstanden, waren aber doch auch sehr ernst. Er sah wohl ein, daß es Wahnsinn gewesen wäre, nach dem Beispiele Monmouth’s mit einigen wenigen britischen Abenteurern über das Meer zu fahren und auf eine allgemeine Erhebung der Bevölkerung zu rechnen. Es war nothwendig und wurde von Allen, die ihn einluden, als nothwendig erkannt, daß er eine Armee mitbrachte. Aber wer konnte für den Eindruck stehen, den das Erscheinen einer solchen Armee machen würde? Die Regierung war allerdings mit Recht verhaßt, aber ließ sich wohl erwarten, daß das an die Einmischung festländischer Mächte in englische Streitigkeiten nicht gewohnte englische Volk einen von fremden Soldaten umgebenen Befreier mit wohlwollendem Auge betrachten würde? Wenn nur ein Theil der königlichen Truppen dem Eindringenden entschlossenen Widerstand entgegensetzte, würde dieser Theil nicht bald die vaterländischen Sympathien von Millionen auf seiner Seite haben? Eine Niederlage würde dem ganzen Unternehmen verderblich geworden sein. Ein blutiger Sieg der Söldlinge der Generalstaaten über die Coldstreamgarden und die Buffs im Herzen der Insel wäre fast ein eben so großes Unglück gewesen als eine Niederlage. Ein solcher Sieg würde die schmerzlichste Wunde gewesen sein, welche je dem Nationalstolze einer der stolzesten Nationen geschlagen worden. Die so eroberte Krone hätte nie in Ruhe und Frieden getragen werden können. Der Haß, mit dem man die Hohe Commission und die Jesuiten betrachtete, wäre durch den viel stärkeren Haß gegen fremde Eroberer verdrängt worden, und Viele, die seither auf Frankreichs Macht mit Furcht und Abscheu geblickt hatten, würden gesagt haben, daß wenn nun einmal ein fremdes Joch getragen werden müsse, das französische weniger schimpflich sei als das holländische.

Diese Betrachtungen hätten Wilhelm wohl bedenklich machen können, selbst wenn ihm alle militairischen Hülfsmittel der Vereinigten Provinzen zur unumschränkten Verfügung gestanden hätten. In Wirklichkeit aber schien es sehr zweifelhaft, ob er die Unterstützung eines einzigen Bataillons würde erlangen können. Von allen Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, war die größte, obgleich von den englischen Geschichtsschreibern wenig beachtete, die, welche in der Verfassung der batavischen Republik selbst lag. Noch nie hatte ein großer Staat unter einer so unzweckmäßigen Verfassung eine lange Reihe von Jahren existirt. Die Generalstaaten konnten ohne die Zustimmung der Staaten jeder einzelnen Provinz weder Krieg noch Frieden beschließen, weder ein Bündniß eingehen, noch eine Steuer erheben. Und die Provinzialstaaten konnten wieder ihre Zustimmung nicht ohne die Zustimmung derjenigen Municipalitäten geben, welche einen Antheil an der Vertretung hatten. Jede Municipalität war gleichsam ein souverainer Staat und beanspruchte als solcher das Recht, mit den fremden Gesandten direct zu verkehren und mit ihnen die Mittel zur Vereitelung von Plänen zu verabreden, welche andere Municipalitäten beabsichtigten. In einigen Stadträthen hatte die Partei, welche mehrere Generationen hindurch den Einfluß der Stadthalter mit eifersüchtigem Auge ansah, ein große Masse. An der Spitze dieser Partei standen die Behörden der stolzen Stadt Amsterdam, welche damals in ihrer höchsten Blüthe war. Sie hatten seit dem Frieden von Nymwegen mit Ludwig durch die Vermittelung seines geschickten und thätigen Gesandten, des Grafen von Avaux, stets einen freundschaftlichen Verkehr unterhalten. Vorschläge, die der Statthalter als zum Wohle der Republik unumgänglich nöthig beantragt, die von allen Provinzen außer Holland und von siebzehn unter den achtzehn holländischen Stadträthen genehmigt worden, waren schon mehr als einmal durch die einzige Stimme Amsterdam’s verworfen worden. Das einzige verfassungsgemäße Hülfsmittel in solchen Fällen bestand darin, daß Deputationen von den zustimmenden Städten der andersmeinenden Stadt einen Besuch machten, um sie womöglich zu überreden. Die Anzahl der Deputirten war unbeschränkt, sie konnten ihre Vorstellungen so lange fortsetzen, als es ihnen gutdünkte, und währenddem mußte die starrsinnige Commun, die sich ihren Gründen nicht fügen wollte, für ihren Unterhalt sorgen. Dieses abgeschmackte Zwangsmittel war einmal mit Erfolg gegen die kleine Stadt Gorkum angewendet worden, machte aber voraussichtlich keinen großen Eindruck auf das mächtige und reiche Amsterdam, das durch seinen von zahllosen Masten strotzenden Hafen, durch seine von stattlichen Gebäuden eingefaßten Kanäle, durch seine prächtige Stadthalle mit Wänden, Decken und Fußböden von polirtem Marmor, durch seine mit den kostbarsten Producten Ceylon’s und Surinam’s gefüllten Waarenmagazine und seine Börse, in der das endlose Summen aller Sprachen der civilisirten Völker ertönte, in der ganzen Welt berühmt war.[15]

Die Streitigkeiten zwischen der Majorität, welche den Statthalter unterstützte, und der Minorität, zu deren Spitze der Magistrat von Amsterdam stand, waren schon mehrmals so heftig geworden, daß Blutvergießen unvermeidlich zu sein schien. Einmal hatte der Prinz den Versuch gemacht, die widerspenstigen Deputirten als Verräther bestrafen zu lassen. Ein andermal waren ihm die Thore von Amsterdam versperrt und Truppen zur Vertheidigung der Privilegien des Municipalraths ausgehoben worden. Es war nicht zu erwarten, daß die obrigkeitliche Behörde dieser großen Stadt je in eine Expedition willigen würde, welche für Ludwig, dem sie den Hof machte, im höchsten Grade beleidigend war und voraussichtlich das ihr verhaßte Haus Oranien zu größerer Macht erhob. Und doch konnte eine solche Expedition ohne ihre Einwilligung gesetzlich nicht unternommen werden. Ihren Widerstand durch Waffengewalt zu brechen, war ein Mittel, daß der entschlossene und kühne Statthalter unter anderen Umständen nicht gescheut haben würde. In vorliegendem Falle aber war es von höchster Wichtigkeit, daß er sorgfältig jeden Schritt vermied, der als tyrannisch dargestellt werden konnte. Er durfte es nicht wagen, in demselben Augenblicke, wo er gegen seinen Schwiegervater das Schwert zog, weil dieser die Grundgesetze Englands verletzt hatte, die Grundgesetze Holland’s zu verletzen. Der gewaltsame Umsturz einer freien Verfassung würde ein sonderbares Vorspiel zur gewaltsamen Aufrichtung einer andren gewesen sein.[16]

Außerdem gab es noch eine andre Schwierigkeit, welche von den englischen Geschichtschreibern zu wenig beachtet worden ist, die aber Wilhelm nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verlor. Er konnte das beabsichtigte Unternehmen nur dann glücklich durchführen, wenn er an das protestantische Gefühl Englands appellirte und dieses Gefühl so kräftig anspornte, daß es eine Zeit lang das vorherrschende und fast ausschließliche Gefühl der Nation würde. Dies würde in der That eine sehr einfaches Verfahren gewesen sein, hätte seine Politik einzig und allein dahin gezielt, auf unsrer Insel eine Revolution hervorzurufen und daselbst zu regieren. Aber er hatte ein andres Endziel vor Augen, das er nur mit Beihülfe von Fürsten, welche der römischen Kirche aufrichtig ergeben waren, erreichen konnte. Er wollte das deutsche Reich, den katholischen König und den heiligen Stuhl mit England und Holland zu einem Bündnisse gegen das Übergewicht Frankreichs vereinigen, daher war es nöthig, daß er, während er den gewaltigsten Schlag führte, der je zur Vertheidigung des Protestantismus geführt worden war, sich das Wohlwollen von Regierungen zu erhalten suchte, welche den Protestantismus als eine gefährliche Ketzerei betrachteten.

Dies waren die verwickelten Schwierigkeiten dieses großen Unternehmens. Staatsmänner des Continents erkannten einen Theil dieser Schwierigkeiten, britische Staatsmänner einen andren. Nur ein scharfblickender und gewaltiger Geist übersah sie mit einem einzigen Blicke und beschloß sie alle zu überwinden. Es war kein leichtes Ding, die englische Regierung vermittelst einer fremden Heeresmacht zu stürzen, ohne den Nationalstolz der Engländer zu verwunden. Es war kein leichtes Ding, von der batavischen Faction, welche Frankreich mit Vorliebe und das Haus Oranien mit Widerwillen betrachtete, eine Entscheidung zu Gunsten einer Expedition zu erlangen, die alle Pläne Frankreichs über den Haufen warf und das Haus Oranien auf den Gipfel der Größe erheben mußte. Es war kein leichtes Ding, begeisterte Protestanten zu einem Kreuzzuge gegen den Papismus zu führen, und sich trotzdem die Freundschaft fast aller papistischen Regierungen und des Papstes selbst zu erhalten. Doch alles dies führte Wilhelm aus. Er erreichte alle seine Zwecke, selbst die, welche sich am wenigsten mit einander zu vertragen schienen, vollständig und zu gleicher Zeit. Die ganze Geschichte der alten wie der neuen Zeit berichtet keinen zweiten ähnlichen Triumph der Staatskunst.

Die Aufgabe würde allerdings selbst für einen solchen Staatsmann wie der Prinz von Oranien zu schwierig gewesen sein, wären nicht seine Hauptgegner damals in einer Bethörung befangen gewesen, welche von vielen gerade nicht abergläubischen Leuten als eine besondere göttliche Strafe betrachtet wurde. Nicht nur der König von England war wie immer verblendet und verkehrt, sondern selbst die Räthe des klugen Königs von England waren thöricht geworden. Was Weisheit und Energie irgend vermögen, das that Wilhelm. Die Hindernisse aber, welche keine Weisheit oder Energie hätte überwinden können, räumten seine Feinde selbst geflissentlich aus dem Wege.

[15.] Avaux Neg., Oct. 29. (Nov. 8.) 1683.

[16.] In Betreff des Verhältnisses, in welchem der Statthalter und die Stadt Amsterdam zu einander standen, siehe Avaux an mehreren Stellen.

Jakob’s Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe. [An] dem wichtigen Tage, an welchem die Bischöfe freigesprochen und die Einladung nach dem Haag abgesandt wurde, kehrte Jakob in verdrüßlicher und gereizter Stimmung von Hounslow nach Westminster zurück. Er bemühte sich diesen Nachmittag heiter zu scheinen;[17] aber die Freudenfeuer, die Raketen und vor Allem die wächsernen Päpste, welche in allen Stadttheilen Londons leuchteten, waren eben nicht geeignet, ihn zu erheitern. Wer ihn am andren Morgen sah, konnte in seinen Zügen und in seiner Haltung ohne Mühe die heftigen Gemüthsbewegungen erkennen, die in seiner Brust tobten.[18] Einige Tage lang schien er sehr ungern von dem Prozeß zu sprechen, so daß selbst Barillon es nicht wagen durfte, die Sache zur Sprache zu bringen.[19]

Bald begann es sich klar zu zeigen, daß die Niederlage und Demüthigung das Herz des Königs nur noch mehr verhärtet hatte. Die ersten Worte, die über seine Lippen kamen, als er erfuhr, daß die Gegenstände seiner Rache ihm entschlüpft, waren: „Sie sollen es bereuen!“ Schon nach wenigen Tagen wurde der Sinn dieser Worte, die er seiner Gewohnheit nach sehr häufig wiederholte, vollkommen klar. Er machte sich Vorwürfe, nicht darüber, daß er die Bischöfe gerichtlich verfolgt, sondern daß er sie vor ein Tribunal gestellt hatte, wo die factischen Fragen durch Geschworne entschieden wurden und die feststehenden Rechtsgrundsätze auch von den servilsten Richtern nicht gänzlich aus den Augen gelassen werden konnten. Diesen Fehler beschloß er wieder gut zu machen. Nicht nur die sieben Prälaten, welche die Petition unterzeichnet hatten, sondern die gesammte anglikanische Geistlichkeit sollte Ursache haben, den Tag zu verwünschen, an welchem sie einen Sieg über ihren Landesherrn davon getragen. Etwa vierzehn Tage nach dem Prozeß wurde eine Kabinetsordre erlassen, welche allen Diöcesankanzlern und Archidiakonen anbefahl, in ihren betreffenden Sprengeln eine strenge Untersuchung vorzunehmen und binnen fünf Wochen der Hohen Commission die Namen aller derjenigen Pfarrer, Vikare und Curaten aufzugeben, welche die Indulgenzerklärung nicht verlesen hatten.[20] Der König weidete sich schon im voraus an dem Entsetzen, mit dem die Ungehorsamen vernehmen würden, daß sie vor ein Tribunal gestellt werden sollten, von dem sie keine Gnade zu erwarten hatten.[21] Die Anzahl der Schuldigen betrug wenig unter, wenn nicht volle zehntausend und nach dem, was im Magdalenen-Collegium geschehen war, konnte jeder von ihnen mit gutem Grunde darauf gefaßt sein, daß ihm die Ausübung aller seiner geistlichen Functionen untersagt, daß er aus seiner Pfründe vertrieben, zur Bekleidung irgend eines andren Amtes für unfähig erklärt und in die Kosten des Prozesses verurtheilt würde, der ihn zum Bettler gemacht.

[17.] Adda, 6.(16.) Juli 1688.

[18.] Reresby’s Memoirs.

[19.] Barillon, 2.(12.) Juli 1688.

[20.] London Gazette, July 16. 1688. Die Kabinetsordre ist vom 12. Juli datirt.

[21.] Barillon’s eigene Worte 6.(16.) Juli 1688.

Entlassungen und Ernennungen. [Dies] war die Verfolgung, durch welche Jakob im Ärger über seine große Niederlage in Westminsterhall die Geistlichkeit zu züchtigen beschloß. Vor der Hand bemühte er sich, den Männern des Gesetzes durch rasche und ausgedehnte Vertheilung von Belohnungen und Strafen zu zeigen, daß consequente und schamlose Servilität, wenn sie auch nicht zum Ziele führte, ein sicheres Anrecht auf seine Gunst verleihe und daß Jeder, der nach jahrelanger Unterwürfigkeit nur einen Augenblick auf den Pfad des Muthes und der Rechtschaffenheit überzuspringen wagte, sich eines unverzeihlichen Verbrechens schuldig mache. Die Heftigkeit und Frechheit, welche der Renegat Williams während des ganzen Prozesses der Bischöfe an den Tag gelegt, hatte ihn der ganzen Nation verhaßt gemacht.[22] Er wurde mit dem Baronettitel belohnt. Holloway und Powell hatten ihren Ruf durch die Erklärung gehoben, daß die Petition ihrer Ansicht nach kein Libell sei. Sie wurden ihrer Stellen entsetzt.[23] Wright’s Schicksal scheint einige Zeit zweifelhaft gewesen zu sein. Er hatte zwar gegen die Bischöfe resumirt, hatte es aber geduldet, daß ihr Rechtsbeistand die Dispensationsgewalt bestritt; er hatte die Petition ein Libell genannt, es aber sorgfältig vermieden, die Indulgenzerklärung gesetzlich zu nennen, und während der ganzen Verhandlung hatte er in dem Tone eines Mannes gesprochen, welcher wußte, daß ein Tag der Rechenschaft kommen konnte. Allerdings hatte er auch gegründete Ansprüche auf Nachsicht, denn es war wohl kaum zu erwarten, daß irgend eines Menschen Frechheit in einer solchen Aufgabe, angesichts einer solchen Barre und eines solchen Auditoriums von Anfang bis zu Ende hätte aushalten können, ohne zu erschlaffen. Die Mitglieder der jesuitischen Cabale tadelten ihn jedoch wegen seines Mangels an Muth; der Kanzler nannte ihn einen Esel und man glaubte allgemein, daß ein neuer Oberrichter ernannt werden würde.[24] Aber es fand keine derartige Veränderung statt. Es würde auch nicht leicht gewesen sein, Wright’s Stelle wieder zu besetzen. Die vielen Juristen, welche in Talenten und Kenntnissen hoch über ihm standen, waren fast ohne Ausnahme den Plänen der Regierung feindlich gesinnt; und die sehr wenigen, die ihn in Gewissenlosigkeit und Frechheit übertrafen, waren fast ohne Ausnahme nur in den untersten Schichten ihres Standes zu finden und würden unfähig gewesen sein, nur die gewöhnlichen Geschäfte des Kingsbenchgerichts zu leiten. Williams vereinigte allerdings alle Eigenschaften in sich, welche Jakob von einem hohen Gerichtsbeamten verlangte, aber seiner Dienste bedurfte man bei der Staatsanwaltschaft und wäre er von derselben entfernt worden, so würde der Krone nicht der Beistand eines Advokaten dritten Ranges geblieben sein.

Nichts hatte den König mehr in Erstaunen gesetzt und gekränkt, als die Begeisterung, welche die Dissenters für die Sache der Bischöfe an den Tag legten. Penn, der, obgleich er selbst seinen Gewissensscrupeln Reichthum und Ehrenstellen aufgeopfert hatte, zu glauben schien, daß außer ihm Niemand ein Gewissen habe, schrieb die Unzufriedenheit der Puritaner dem Neide und dem unbefriedigten Ehrgeize zu. Er meinte, sie hätten keinen Antheil an den durch die Indulgenzerklärung verheißenen Wohlthaten gehabt, keiner von ihnen sei zu einem hohen und ehrenvollen Posten berufen worden, und es sei daher kein Wunder, daß sie auf die Katholiken eifersüchtig wären. In Folge dessen wurde acht Tage nach dem hochwichtigen Verdict der Geschwornen in Westminsterhall, Silas Titus, ein angesehener Presbyterianer, ein heftiger Exclusionist und einer der Hauptankläger Stafford’s, eingeladen, einen Sitz im Geheimen Rathe einzunehmen. Er gehörte zu Denen, auf welche die Opposition am sichersten gerechnet hatte. Aber die ihm jetzt angetragene Ehre und die Aussicht eine bedeutende Summe zu erhalten, die ihm die Krone schuldete, gewannen die Oberhand über seine Tugend und er wurde zum großen Ärgerniß aller Klassen von Protestanten vereidigt.[25]

Die Rachepläne des Königs gegen die Kirche gingen nicht in Erfüllung. Fast sämmtliche Archidiakonen und Diöcesankanzler verweigerten die verlangten Angaben. Der Tag, an welchem die ganze Masse der Geistlichen vorgeladen werden sollte, um sich wegen ihres Ungehorsams zu verantworten, kam heran.

[22.] In einer der zahlreichen Balladen jener Zeit kommen folgende Zeilen vor:

„Unsere beiden Briten sind Thoren,

Die sich gegen das Gesetz verschworen,

Aber das nächste Parlament wird sie kriegen bei den Ohren.“

Die beiden Briten sind Jeffrey’s und Williams, beide aus Wales gebürtig.

[23.] London Gazette, July 9. 1688.

[24.] Ellis’ Correspondenz, 10. Juli 1688; Clarendon’s Diary, Aug. 3. 1688.

[25.] London Gazette, July 9. 1688; Adda, 13 (23.) Juli; Evelyn’s Diary, July 12; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687, 6.(16.) Febr. 1688.

Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus. [Die] Hohe Commission trat zusammen. Es zeigte sich, daß kaum ein kirchlicher Beamter eine Liste eingeschickt hatte. Zu gleicher Zeit wurde der Commission eine Schrift von der höchsten Bedeutung vorgelegt. Es war ein Schreiben von Sprat, dem Bischof von Rochester. Zwei Jahre lang hatte er in der Hoffnung auf ein Erzbisthum den Vorwurf ertragen, daß er die Kirche verfolge, deren Vertheidigung eine Gewissens- und Ehrenpflicht für ihn war. Aber seine Hoffnung war getäuscht worden. Er sah, daß er keine Aussicht hatte, auf den Metropolitenthron von York zu gelangen, wenn er nicht seinem Glauben entsagte. Er war zu gutherzig, als daß er an der Tyrannei hätte Gefallen finden können und zu scharfblickend, um nicht die Anzeichen der kommenden Vergeltung zu erkennen. Daher beschloß er, seine gehässigen Functionen niederzulegen, und er theilte diesen Entschluß seinen Collegen in einem Schreiben mit, das gleich allen Erzeugnissen seiner Prosa in einem sehr eleganten und würdevollen Style abgefaßt war. Er sagte, es sei ihm nicht möglich, noch länger Mitglied der Commission zu bleiben. Er habe zwar selbst aus Gehorsam gegen den königlichen Befehl die Erklärung verlesen, aber er könne es nicht auf sich nehmen, Tausende von frommen und loyalen Geistlichen, die eine andre Ansicht von ihrer Pflicht hätten, dazu zu verurtheilen, und da man beschlossen habe, sie dafür zu bestrafen, daß sie ihrer Überzeugung gemäß gehandelt, müsse er erklären, daß er lieber mit ihnen leiden, als zu ihren Leiden beitragen wolle.

Die Commissare lasen das Schreiben mit nicht geringem Erstaunen. Gerade die Fehler ihres Collegen, die bekannte Lockerheit seiner Grundsätze und seine bekannte Zaghaftigkeit machten seinen Abfall ganz besonders beunruhigend. Wenn Männer wie Sprat in der Sprache eines Hampden zu einer Regierung redeten, so mußte diese Regierung in der That sehr gefährdet sein. Das vor kurzem noch so übermüthige Tribunal wurde mit einem Male merkwürdig zahm. Die kirchlichen Beamten, welche seiner Autorität getrotzt, erhielten nicht einmal einen Verweis. Man hielt es nicht für rathsam, nur den Verdacht zu äußern, daß ihr Ungehorsam absichtlich gewesen sei. Es wurde ihnen nur bedeutet, daß ihre Berichte in vier Monaten fertig sein müßten. Dann ging die Commission bestürzt auseinander. Sie hatte den Todesstoß empfangen.[26]

[26.] Sprat’s Briefe an den Earl von Dorset; London Gazette, Aug. 23. 1688.

Unzufriedenheit des Klerus. — Vorgänge in Oxford. [Während] die Hohe Commission sich vor einem Conflict mit der Kirche scheute, reizte diese im Bewußtsein ihrer Stärke und von neuer Begeisterung beseelt, die Hohe Commission durch eine Reihe von Herausforderungen zum Angriff. Bald nach der Freisprechung der Bischöfe erlag der ehrwürdige Ormond, der vornehmste Kavalier aus dem großen Bürgerkriege, den Gebrechlichkeiten seines hohen Alters. Sein Tod wurde sogleich nach Oxford berichtet und die Universität, deren Kanzler er seit vielen Jahren gewesen war, versammelte sich augenblicklich, um einen Nachfolger für ihn zu wählen. Ein Theil war für den beredtsamen und gebildeten Halifax, ein andrer für den ernsten und orthodoxen Nottingham. Einige erwähnten auch den Earl von Abingdon, der in ihrer Nähe wohnte und unlängst seiner Stelle als Statthalter der Grafschaft entsetzt worden war, weil er sich geweigert hatte, den König in seinen Maßregeln gegen die Landeskirche zu unterstützen. Die Mehrheit aber, aus hundertachtzig Graduirten bestehend, stimmte für den jungen Herzog von Ormond, den Enkel ihres verstorbenen Oberhauptes und Sohn des tapferen Ossory. Die Eil, mit der sie zu diesem Beschlusse kamen, hatte ihren Grund in der Besorgniß, daß, wenn sie nur einen Tag zögerten, der König es versuchen möchte, ihnen einen Kanzler aufzudringen, der ihre Rechte nicht wahren würde. Diese Besorgniß war auch gegründet, denn kaum zwei Stunden nachdem sie auseinander gegangen waren, kam ein Befehl von Whitehall, der ihnen vorschrieb Jeffreys zu wählen. Zum Glück war die Wahl des jungen Ormond bereits vollendet und nicht mehr rückgängig zu machen.[27] Einige Wochen darauf wurde der ehrlose Timotheus Hall, der sich durch Verlesung der Indulgenzerklärung unter der londoner Geistlichkeit ausgezeichnet hatte, mit dem Bisthum Oxford belohnt, welches seit dem Tode des nicht minder ehrlosen Parker unbesetzt war. Hall kam nach Oxford, um seinen Bischofssitz einzunehmen, aber die Canonici seiner Kathedrale weigerten sich seiner Einsetzung beizuwohnen, die Universität wollte ihn nicht zum Doctor creiren, nicht ein einziges Mitglied der akademischen Jugend wendete sich an ihn behufs der Ordination, kein Hut wurde vor ihm abgenommen und er war in seinem Palaste beständig allein.[28]

Bald darauf kam eine Pfründe zur Erledigung, welche das Magdalenen-Collegium von Oxford zu vergeben hatte. Hough und seine vertriebenen Collegen versammelten sich und schlugen einen Candidaten vor, den der Bischof von Gloucester, in dessen Diöcese die Pfründe lag, auch ohne Besinnen einsetzte.[29]

[27.] London Gazette, July 26. 1688; Adda, 27. Juli (6. Aug.); Neuigkeitsbrief vom 23. Juli in der Mackintosh-Sammlung; Ellis Correspondenz, 28., 31. Juli. Wood’s Fasti Oxonienses.

[28.] Wood’s Athenae Oxonienses; Luttrell’s Diary, Aug. 23. 1688.

[29.] Ronquillo, 17.(27.) Sept. 1688; Luttrell’s Diary, Sept. 6.

Unzufriedenheit der Gentry. [Die] Gentry war nicht minder widerspenstig, als der Klerus. Die Assisen dieses Sommers gewährten im ganzen Lande einen noch nie dagewesenen Anblick. Die Richter waren vor dem Antritt ihrer Rundreise zum Könige beschieden worden und hatten von ihm die Weisung erhalten, daß sie den Mitgliedern der großen Jury’s und den Magistratsbeamten im ganzen Reiche die Pflicht einschärfen sollten, nur solche Mitglieder ins Parlament zu wählen, die seine Politik unterstützen würden. Sie gehorchten seinem Befehle, ließen sich heftig über die Geistlichkeit aus, schmähten die sieben Bischöfe, nannten die denkwürdige Petition ein aufrührerisches Libell, kritisirten Sancroft’s Styl mit großer Schärfe und sagten, Seine Gnaden sollten für ihr schlechtes Englisch vom Doctor Busby ausgepeitscht werden. Diese unschicklichen Reden hatten jedoch keine andre Wirkung, als daß sie die öffentliche Unzufriedenheit noch vermehrten. Alle öffentlichen Achtungsbezeigungen, welche sonst dem richterlichen Amte und der königlichen Vollmacht erwiesen worden waren, wurden unterlassen. Die alte Sitte verlangte eigentlich, daß angesehene und vermögende Männer im Gefolge des Sheriffs ritten, wenn er die Richter nach der Hauptstadt der Grafschaft begleitete; jetzt aber hielt es schwer, in irgend einem Theile des Landes einen solchen Zug zusammen zu bringen. Besonders die Nachfolger Powell’s und Holloway’s wurden mit auffallender Geringschätzung behandelt. Ihnen waren die Assisen von Oxford zugefallen und sie hatten erwartet, daß sie in jeder Grafschaft von einer Cavalcade der loyalen Gentry begrüßt werden würden. Als sie sich aber Wallingford näherten, wo sie ihre Sitzungen für Berkshire eröffnen sollten, kam nur der Sheriff ihnen entgegen. Auch vor Oxford, der höchst loyalen Hauptstadt einer höchst loyalen Provinz, wurden sie abermals von dem Sheriff allein bewillkommnet.[30]

[30.] Ellis’ Correspondenz, 4. 7. Aug. 1688; Bischof Sprat’s Bericht über die Conferenz vom 6. Nov. 1688.

Unzufriedenheit der Armee. [Die] Armee war kaum weniger mißvergnügt, als die Geistlichkeit und die Gentry. Die Besatzung des Tower hatte auf das Wohl der gefangenen Bischöfe getrunken. Die in Lambeth stehenden Fußgarden hatten den Primas bei seiner Rückkehr in seinen Palast mit allen Zeichen der Ehrerbietung bewillkommnet. Nirgends war die Nachricht von der Freisprechung mit lauterem Jubel aufgenommen worden, als im Lager von Hounslow. Die große Truppenmacht, welche der König zusammengezogen hatte, um seine meuterische Hauptstadt im Schach zu halten, war in der That meuterischer geworden, als die Hauptstadt selbst, und wurde vom Hofe mehr gefürchtet, als von den Bürgern. Anfangs August wurde daher das Lager aufgehoben und die Truppen in verschiedenen Theilen des Landes einquartirt.[31]

Jakob schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß einzelne Bataillone leichter im Zaume zu halten sein würden, als viele tausend auf einem kleinen Raume zusammengedrängte Soldaten. Das erste Experiment wurde mit Lord Lichfield’s Infanterieregiment, dem gegenwärtigen zwölften Linienregiment gemacht. Man hatte dieses Regiment wahrscheinlich deshalb gewählt, weil es zur Zeit des Aufstandes im Westen in Staffordshire ausgehoben worden war, einer Provinz, die verhältnißmäßig mehr Katholiken zählte, als irgend ein andrer Theil Englands. Die Mannschaften wurden vor dem Könige aufgestellt und ihr Major setzte sie in Kenntniß, daß Seine Majestät wünschte, sie sollten eine Verpflichtung unterschreiben, durch die sie sich verbindlich machten, ihn bei der Ausführung seiner Absichten bezüglich des Testes zu unterstützen, und daß alle Diejenigen, die sich nicht dazu verstehen wollten, auf der Stelle den Militairdienst verlassen müßten. Zum großen Erstaunen des Königs legten ganze Reihen augenblicklich ihre Piken und Musketen nieder. Nur zwei Offiziere und einige Gemeine, sämmtlich Katholiken, gehorchten seinem Befehle. Er schwieg eine Weile, dann befahl er den Leuten, daß sie ihre Waffen wieder aufnehmen sollten, und sagte mit einem finstren Blicke zu ihnen: „Ein andermal werde ich Euch nicht die Ehre erzeigen, Euch erst zu fragen.“[32]

Es war klar, daß er die Armee vollständig reorganisiren mußte, wenn er auf seinen Plänen beharren wollte. Die dazu geeigneten Elemente aber konnte er auf unsrer Insel nicht finden. Die Mitglieder seiner Kirche bildeten selbst in den Districten, wo sie am zahlreichsten waren, nur den bei weitem kleineren Theil der Bevölkerung. Der Haß gegen den Papismus hatte sich durch alle Klassen seiner protestantischen Unterthanen verbreitet und war das vorherrschende Gefühl selbst der Landleute und Handwerker geworden. Aber es gab einen andren Theil seines Reichs, wo die Hauptmasse der Bevölkerung von einem ganz andren Geiste beseelt war. Die Zahl der römisch-katholischen Soldaten, welche durch den guten Sold und die guten Quartiere Englands von jenseit des St. Georgskanals herübergelockt werden würden, hatte keine Grenze. Tyrconnel hatte sich seit einiger Zeit bemüht, aus dem Landvolke seiner Heimath eine Heeresmacht zu bilden, auf die sein Gebieter sich verlassen konnte. Fast die ganze irische Armee bestand schon aus Papisten von celtischer Abkunft und Sprache. Barillon hatte dem Könige schon öfters ernstlich gerathen, diese Armee herüberkommen zu lassen, um der englischen Respekt einzuflößen.[33]

[31.] Luttrell’s Diary, Aug. 8, 1688.

[32.] Dies wird uns von drei Schriftstellern erzählt, die sich jener Zeit wohl erinnern konnten: von Kennet, Eachard und Oldmixon. Siehe auch das Caveat against the Whigs.

[33.] Barillon, 23. Aug. (2. Sept.), 3.(13.), 6.(16.) u. 8.(18.) Sept. 1688.

Es werden irische Truppen herübergezogen. — Unwille des Volks. [Jakob] schwankte. Er wollte gern von Truppen umgeben sein, auf die er sich verlassen konnte; aber er fürchtete den Ausbruch des Nationalunwillens, den das Erscheinen einer bedeutenden irischen Militairmacht auf englischem Boden hervorrufen mußte. Wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, wenn ein schwacher Mann einander entgegengesetzte Nachtheile vermeiden will, schlug er endlich einen Weg ein, der sie alle in sich vereinigte. Er zog so viele Irländer herüber, als in der That nicht hingereicht haben würden, um nur die Hauptstadt oder die Grafschaft York im Zaume zu halten, die aber doch genügten, um die Besorgniß und den Unwillen des ganzen Königreiches von Northumberland bis Cornwall zu erregen. Ein Bataillon nach dem andren, von Tyrconnel ausgehoben und eingeübt, landete an der Westküste und marschirte nach der Hauptstadt, und irische Rekruten wurden in bedeutender Anzahl herübergezogen, um die Lücken in den englischen Regimentern auszufüllen.[34]

Dies war einer der verderblichsten von den vielen Fehlern, welche Jakob beging. Er hatte sich schon die Herzen seiner Nation durch Verletzung ihrer Gesetze, durch Einziehung ihrer Güter und durch Verfolgung ihrer Religion entfremdet. Von Denen, welche einst die eifrigsten Anhänger der Monarchie gewesen waren, hatte er schon viele dahin gebracht, daß sie im Herzen Rebellen waren. Indessen hätte er noch immer mit einiger Aussicht auf Erfolg den patriotischen Sinn seiner Unterthanen gegen einen eindringenden Feind aufrufen können. Denn sie waren der Gesinnung wie der geographischen Lage nach ein Inselvolk, und ganz besonders damals waren ihre nationalen Antipathien über alle Maßen heftig und lieblos. Noch nie waren die Engländer an die Gewalt oder Einmischung eines Fremden gewöhnt gewesen; das Erscheinen einer ausländischen Armee auf ihrem Boden hätte sie bestimmen können, sich selbst um einen solchen König zu schaaren, den sie zu lieben keine Ursache hatten. Wilhelm wäre vielleicht nicht im Stande gewesen, diese Schwierigkeit zu überwinden; aber Jakob räumte sie selbst aus dem Wege. Selbst die Ankunft einer Brigade von Ludwig’s Musketieren würde keine solche Entrüstung und Beschämung hervorgerufen haben, als sie unsere Vorfahren beim Anblick der aus Dublin ankommenden papistischen Colonnen empfanden, die sich mit militairischem Gepränge auf den Landstraßen fortbewegten. Kein geborener Engländer betrachtete damals die Ureinwohner Irlands als seine Landsleute. Sie gehörten nicht zu unsrem Zweige der großen menschlichen Familie, sie unterschieden sich von uns durch mehr als eine moralische und intellectuelle Eigenthümlichkeit, welche der Unterschied der Lage und der Erziehung, so groß derselbe auch sein mochte, nicht genügend erklärte. Sie hatten ein andres Aussehen und eine andre Muttersprache. Wenn sie englisch sprachen, war ihre Aussprache fehlerhaft; ihre Phraseologie war holprig, wie immer bei Denen, welche in einer Sprache denken und ihre Gedanken in einer andren ausdrücken. Sie waren daher Ausländer und zwar die am meisten verhaßten und verachteten von allen Ausländern; am meisten verhaßt deshalb, weil sie seit fünf Jahrhunderten stets unsere Feinde gewesen waren, und am meisten verachtet, weil wir sie besiegt, unterjocht und ausgeplündert hatten. Der Engländer verglich mit Stolz seine Felder mit den öden Sümpfen, aus denen irische Räuber hervorstürzten, um zu plündern und zu morden, und seine Wohnung mit den elenden Hütten, in denen die Landleute und die Schweine vom Shannon sich zusammen im Kothe wälzten. Der Engländer gehörte einer Gesellschaft an, welche in Reichthum und Civilisation allerdings noch weit unter der stand, in welcher wir jetzt leben, die aber doch eine der reichsten und civilisirtesten der damaligen Zeit war; der Irländer dagegen war fast so roh wie die Wilden von Labrador. Er war ein freier Mann, die Iren waren die erblichen Leibeigenen seines Stammes. Er verehrte Gott nach einem reinen und vernünftigen Brauche der Irländer und war in Götzendienerei und Aberglauben versunken. Er wußte, daß mehr als einmal große Massen von Iren vor einer kleinen englischen Streitmacht geflohen waren und daß eine kleine englische Colonie die ganze irische Bevölkerung niedergehalten hatte, und daraus zog er den selbstgefälligen Schluß, daß er von Natur ein höher stehendes Wesen sei als der Irländer, denn so erklärt ein herrschender Stamm immer sein Übergewicht und entschuldigt damit seine Tyrannei. Jetzt werden die Irländer allgemein als ein Volk anerkannt, das in Bezug auf Lebhaftigkeit, Mutterwitz und Beredtsamkeit einen hohen Rang unter den Nationen der Erde einnimmt, und daß sie bei guter Leitung vortreffliche Soldaten sind, haben sie auf hundert Schlachtfeldern bewiesen. Gleichwohl ist es gewiß, daß sie vor anderthalb Jahrhunderten auf unsrer Insel allgemein als ein dummes und zugleich feiges Volk verachtet wurden. Und ein solches Volk sollte mit bewaffneter Hand England im Schach halten, während des Letzteren bürgerliche und kirchliche Verfassung vernichtet wurde. Das Blut der ganzen Nation kochte bei diesem Gedanken. Von Franzosen oder Spaniern besiegt zu werden, würde im Vergleich damit noch als ein erträgliches Loos erschienen sein, denn die Franzosen und Spanier waren wir gewohnt als unsrer ebenbürtig zu betrachten. Wir hatten zuweilen ihr Glück beneidet, zuweilen ihre Macht gefürchtet, zuweilen uns zu ihrer Freundschaft gratulirt. Bei all unsrem schroffen Stolze gaben wir zu, daß sie große Nationen waren und daß sie sich in den Künsten des Kriegs und des Friedens ausgezeichneter Männer rühmen konnten. Aber von einer tief unter uns stehenden Kaste dominirt zu werden, war eine Schmach, gegen die jede andre Schmach nichts war. Die Engländer fühlten dasselbe, was die weißen Bewohner von Charleston oder Neworleans fühlen würden, wenn diese Städte Negergarnisonen erhalten sollten. Die wirklichen Thatsachen würden schon hingereicht haben, um Besorgniß und Unwillen zu erregen; die wirklichen Thatsachen aber verschwanden in einer Masse verworrener Gerüchte, welche unaufhörlich von einem Kaffeehause zum andren, von einer Bierschenke zur andren flogen und auf jeder Station ihrer Wanderung immer wunderbarer und erschreckender wurden. Die Zahl der irischen Truppen, welche an unseren Küsten gelandet waren, konnte allerdings ernste Besorgnisse wegen der daraus ersichtlichen Zwecke des Königs erregen, aber sie wurde durch den Schrecken des Publikums um das Zehnfache vergrößert. Es war wohl kaum anders zu erwarten, als daß der rohe Kerne von Connaught, mit bewaffneter Hand unter ein fremdes Volk gestellt, das er haßte und von dem er wieder gehaßt wurde, einige Excesse beging; aber diese Excesse wurden durch das Gerücht übertrieben und als Zugabe zu den Gewaltthätigkeiten, die sich der Fremde wirklich erlaubt hatte, wurden auch die, welche seine englischen Kameraden begangen, mit auf seine Rechnungen gesetzt. Aus allen Winkeln des Reiches erscholl ein allgemeiner Schrei gegen die fremden Barbaren, die sich in Privathäuser eindrängten, Pferde und Wagen wegnähmen, Geld erpreßten und die Frauen insultirten. Diese Menschen, sagte man, seien die Söhne Derer, welche vor siebenundvierzig Jahren die Protestanten zu Tausenden hingeschlachtet hätten. Die Geschichte des Aufstandes von 1641, eine Geschichte, die selbst bei nüchterner Betrachtung wohl Mitleid und Entsetzen erregen konnte und welche durch nationale und religiöse Antipathien schrecklich entstellt worden war, bildete jetzt das Lieblingsthema der Unterhaltung. Grauenvolle Geschichten von Häusern, welche sammt allen ihren Bewohnern niedergebrannt worden, von kaltblütig abgeschlachteten Frauen und Kindern, von nahen Verwandten, welche durch die Folter gezwungen wurden, einander gegenseitig zu morden, von geschändeten und verstümmelten Leichen, wurden in vollem Ernste erzählt und mit vollem Glauben und gespannter Aufmerksamkeit angehört. Dann setzte man hinzu, daß die feigen Wilden, welche heimtückischerweise alle diese Grausamkeiten an einer nichts Arges vermuthenden und wehrlosen Colonie verübt hätten, sobald Oliver zu seinem großen Rachewerk unter ihnen erschienen sei, in panischem Schrecken die Waffen weggeworfen hätten, und ohne das Glück einer einzigen Schlacht zu versuchen, in die ihnen gebührende Sklaverei versunken seien. Viele Anzeichen deuteten darauf hin, daß der Lordstatthalter eine zweite große Beraubung und Niedermetzelung der sächsischen Ansiedler beabsichtige. Tausende protestantischer Colonisten, die sich vor der Ungerechtigkeit und frechen Willkür Tyrconnel’s geflüchtet, hatten durch Schilderung der überstandenen und der nur zu wahrscheinlich in Aussicht stehenden ferneren Leiden den Unwillen des Mutterlandes erregt. Wie heftig das Publikum durch die Klagen dieser Flüchtlinge erbittert wurde, hatte sich noch ganz kürzlich in unverkennbarer Weise gezeigt. Tyrconnel hatte der königlichen Genehmigung die Hauptpunkte einer Bill unterbreitet, die das Gesetz aufhob, auf welchem das Besitzrecht der Hälfte des ganzen irländischen Grund und Bodens beruhte, und hatte als Bevollmächtigte zwei seiner katholischen Landsleute, die erst unlängst zu hohen richterlichen Ämtern befördert worden waren, nach Westminster gesandt: Nugent, Oberrichter der irischen Kings Bench, eine Verkörperung aller Laster und Schwächen, welche die Engländer damals für characteristische Eigenschaften der papistischen Celten hielten, und Rice, ein Baron der irischen Schatzkammer, der in Talent und Wissen vielleicht der Ausgezeichnetste seines Stammes und seines Glaubens war. Der Zweck dieser Sendung war wohl bekannt, und die beiden Richter durften es daher nicht wagen, sich auf der Straße sehen zu lassen, denn wo sie erkannt wurden, rief sogleich der Pöbel: „Platz für die irischen Gesandten!“ und ihr Wagen wurde mit höhnischer Feierlichkeit von einem Zuge Ceremonienmeister und Läufer begleitet, welche Stöcke mit daran gespießten Kartoffeln trugen.[35]

Die Abneigung der Engländer gegen die Irländer war damals in der That so groß und so allgemein, daß selbst die ausgezeichnetsten Katholiken sie theilten. Powis und Bellasyse sprachen sogar im Geheimen Rathe in den rücksichtslosesten und schärfsten Worten ihren Widerwillen gegen die Fremdlinge aus.[36] Unter den englischen Protestanten war diese Aversion noch stärker und vielleicht am stärksten war sie in der Armee. Weder Offiziere noch Soldaten waren geneigt, den Vorzug, den ihr Gebieter einem fremden und unterjochten Stamme gab, sich ruhig gefallen zu lassen. Der Herzog von Berwick, welcher Oberst des damals in Portsmouth stehenden achten Linieninfanterieregiments war, gab Befehl, daß dreißig Mann, welche soeben von Irland angekommen waren, eingereiht werden sollten. Die englischen Soldaten erklärten, daß sie mit diesen Eindringlingen nicht dienen wollten. Der Oberstlieutenant Johann Beaumont protestirte für sich und im Namen von fünf Hauptleuten dem Herzoge ins Gesicht gegen diese Beschimpfung der englischen Armee und Nation. „Wir haben,“ sagte er, „das Regiment auf unsere eigenen Kosten errichtet, um die Krone Seiner Majestät in Zeiten der Gefahr zu vertheidigen. Es wurde uns damals nicht schwer, Hunderte von englischen Rekruten zu finden, und wir können leicht jede Compagnie vollzählig erhalten, ohne Irländer aufzunehmen. Wir halten es daher für unvereinbar mit unsrer Ehre, und diese Fremdlinge aufdringen zu lassen, und bitten, daß es uns gestattet werde, entweder Leute unsrer eignen Nation zu befehligen, oder unsren Abschied zu nehmen.“ Berwick schickte nach Windsor, um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten. Der König war höchlich entrüstet und sandte sofort eine Abtheilung Reiterei nach Portsmouth mit dem Befehl, die sechs widerspenstigen Offiziere vor ihn zu bringen. Sie wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, und da sie sich durchaus nicht fügen wollten, wurden sie zur Ausstoßung aus der Armee verurtheilt, der höchsten Strafe, welche damals ein Kriegsgericht zuerkennen konnte. Die ganze Nation zollte den entlassenen Offizieren ihren Beifall und die herrschende Stimmung wurde durch das ungegründete Gerücht, daß sie während ihrer Haft mit Härte behandelt worden seien, noch mehr aufgereizt.[37]

[34.] Luttrell’s Diary, Aug. 27. 1688.

[35.] King’s State of the Protestants of Ireland; Secret Consults of the Romish Party in Ireland.

[36.] Secret Consults of the Romish Party in Ireland.

[37.] History of the Desertion, 1689; vergleiche die 1. und 2. Ausg. Barillon 8.(18.) Sept. 1688; Citters von demselben Datum; Clarke’s Life of James the Second, II, 168. Der Compilator des letztgenannten Werks sagt, Churchill habe das Gericht aufgefordert, die sechs Offiziere zum Tode zu verurtheilen. Diese Geschichte scheint nicht den Papieren des Königs entnommen zu sein und ich halte sie daher für eine der zahlreichen Erdichtungen, welche in St. Germain erfunden wurden, um einen ohnehin schon hinreichend schwarzen Character noch schwärzer darzustellen. Daß Churchill bei dieser Gelegenheit großen Unwillen affectirte, um den im Sinne habenden Verrath zu verbergen, ist sehr wahrscheinlich. Aber man kann unmöglich glauben, daß ein so verständiger Mann die Mitglieder eines Kriegsgerichts aufgefordert haben sollte, eine Strafe zu verhängen, welche anerkanntermaßen außer dem Bereiche ihrer Competenz lag.

Lillibullero. [Die] öffentliche Stimmung äußerte sich damals noch nicht durch die Zeichen, welche jetzt bei uns gebräuchlich sind, durch große Volksversammlungen und heftige Reden. Dessenungeachtet fand sie ein Organ. Thomas Wharton, der beim letzten Parlament die Grafschaft Buckingham vertreten und der sich schon als Freigeist und als Whig ausgezeichnet, hatte eine satyrische Ballade auf Tyrconnel geschrieben. In diesem kleinen Gedicht gratulirt ein Irländer einem Landsmanne in barbarischem Jargon zu dem nahe bevorstehenden Triumphe des Papismus und des milesischen Stammes. Der protestantische Erbe würde enterbt werden; die protestantischen Offiziere würden verabschiedet werden; die Magna Charta und die Maulhelden, welche darauf pochten, würden gehängt werden; der gute Talbot würde seine Landsleute mit Stellen und Ämtern überschütten und den Engländern die Kehle abschneiden. Diese Verse, die sich in keiner Hinsicht über das gewöhnliche Niveau der Gassenhauerpoesie erhoben, hatten zum Refrain ein Kauderwelsch, das angeblich im Jahre 1641 das Feldgeschrei der Insurgenten von Ulster gewesen sein sollte. Die Verse und die Melodie entsprachen ganz der Stimmung der Nation und die hohlen Reime wurden daher von einem Ende des Landes zum andren von allen Klassen beständig gesungen. Ganz besonderen Anklang fanden sie bei der englischen Armee. Mehr als siebzig Jahre nach der Revolution schilderte ein Schriftsteller mit außerordentlicher Treue einen Veteranen, der am Boyne und bei Namur gefochten,[38] und ein characteristischer Zug dieses wackeren alten Kriegers ist seine Gewohnheit, den Lillibullero zu pfeifen.[39]

Wharton rühmte sich später, daß er einen König aus drei Königreichen hinausgesungen habe. In Wahrheit aber war der Erfolg des Lillibullero nicht die Ursache, sondern die Wirkung des aufgeregten Zustandes der Volksstimmung, der die Revolution erzeugte.

Während Jakob so alle die Nationalgefühle gegen sich aufstachelte, die seinen Thron hätten retten können, wenn er nicht so verblendet gewesen wäre, bemühte sich Ludwig auf andre Weise nicht minder wirksam, dem Prinzen Wilhelm die Ausführung seines Unternehmens zu erleichtern.

[38.] Der Onkel Tobias in Sterne’s Tristram Shandy. Der Übers.

[39.] Das Lillibullerolied findet sich in den State Poems. In Percy’s Relics findet man den ersten Theil, aber nicht den zweiten, der erst nach Wilhelm’s Landung hinzugefügt wurde. Im Examiner und in verschiedenen Flugschriften aus dem Jahre 1712 wird Wharton als Verfasser genannt.

Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen. [Die] Partei in Holland, welche Frankreich geneigt war, war eine Minorität, die aber der Verfassung des Batavischen Staatenbundes gemäß stark genug war, um den Statthalter an jedem großen Schlage zu verhindern. Diese Minorität sich zu erhalten, würde für den Hof von Versailles, wenn er klug gewesen wäre, eine Aufgabe gewesen sein, der unter den damaligen Verhältnissen alles Andre hätte nachstehen müssen. Ludwig aber hatte sich seit einiger Zeit wie absichtlich bemüht, sich seine holländischen Freunde zu entfremden, und es gelang ihm endlich, obwohl nicht ohne Schwierigkeit, sie zu zwingen, daß sie gerade in dem Augenblicke, wo ihr Beistand von unschätzbarem Werthe für ihn gewesen sein würde, seine Feinde wurden.

Zwei Dinge waren es, in Bezug auf welche die Bevölkerung der Vereinigten Provinzen besonders empfindlich war; die Religion und der Handel, und der französische König griff sie sowohl in ihrer Religion als in ihrem Handel an. Die Verfolgung der Hugenotten und die Widerrufung des Edicts von Nantes hatte überall den Schmerz und die Entrüstung der Protestanten erregt. In Holland aber waren tiefe Gefühle stärker als in irgend einem andren Lande, denn viele geborne Holländer hatten sich im Vertrauen auf die wiederholten feierlichen Versicherungen Ludwig’s, daß die von seinem Großvater gewährte Duldung aufrecht erhalten werden sollte, zu Handelszwecken in Frankreich niedergelassen und ein großer Theil der Übergesiedelten war daselbst naturalisirt worden. Jetzt brachte jede Post die Nachricht nach Holland, daß diese Leute ihres Glaubens wegen mit außerordentlicher Strenge behandelt würden. Dem Einen waren Dragoner ins Quartier gelegt worden, ein Andrer war nackt an ein Feuer gehalten worden, bis er halb gebraten war; und Allen war bei strengster Strafe verboten, ihre gottesdienstlichen Gebräuche auszuüben, oder das Land zu verlassen, in das sie unter falschen Vorspiegelungen gelockt worden waren. Die Anhänger des Hauses Oranien äußerten laut ihren Unwillen über die Grausamkeit und Treulosigkeit des Tyrannen. Die Opposition war beschämt und entmuthigt. Selbst der Stadtrath von Amsterdam, so sehr derselbe dem französischen Interesse und der arminianischen Theologie zugethan, und so wenig er geneigt war, Ludwig zu tadeln oder mit den von ihm verfolgten Calvinisten zu sympathisiren, durfte es nicht wagen, sich gegen die allgemeine Stimmung aufzulehnen, denn es gab in dieser großen Stadt kaum einen einzigen reichen Kaufmann, der nicht einen Verwandten oder einen Freund unter den Verfolgten hatte. Es wurden den Bürgermeistern Petitionen mit zahlreichen und sehr angesehenen Unterschriften überreicht, in denen sie dringend gebeten wurden, dem Grafen Avaux energische Vorstellungen zu machen. Verschiedene Bittsteller begaben sich sogar persönlich in das Rathhaus, fielen auf die Knie, schilderten unter Thränen und Schluchzen die traurige Lage ihrer Lieben und flehten den Magistrat um seine Verwendung an. Auf allen Kanzeln ertönten Schmähungen und Klagen, und die Presse ergoß sich in herzzerreißenden Schilderungen und aufregenden Mahnungen. Avaux erkannte die ganze Größe der Gefahr. Er berichtete seinem Hofe, daß selbst die Gutgesinnten — denn so pflegte er die Feinde des Hauses Oranien zu nennen — die allgemeine Stimmung entweder theilten oder durch dieselbe eingeschüchtert würden, und er rieth ernstlich dazu, auf ihre Wünsche einige Rücksicht zu nehmen. Er erhielt jedoch kalte und geringschätzende Antworten von Versailles. Es wurde zwar einigen holländischen Familien, welche nicht in Frankreich naturalisirt waren, die Rückkehr in ihr Vaterland gestattet, den naturalisirten Holländern aber verweigerte Ludwig jedes Zugeständniß. Keine Macht der Erde, sagte er, habe ein Recht, zwischen ihn und seine Unterthanen zu treten; diese Leute wären aus eigenem Antriebe seine Unterthanen geworden, und wie er sie behandle, das gehe keinen Nachbarstaat etwas an. Der Magistrat von Amsterdam fühlte sich durch den hochmüthigen Undank des Potentaten, den er gegen die allgemeine Stimmung ihrer eigenen Landsleute kräftig und rücksichtslos unterstützt hatte, natürlich sehr unangenehm berührt. Bald folgte eine andre Herausforderung, die sie noch schmerzlicher empfanden. Ludwig begann ihren Handel anzugreifen. Er erließ zuerst eine Verordnung, welche die Heringseinfuhr in seine Staaten verbot. Avaux beeilte sich seinem Hofe zu melden, daß dieser Schritt großen Unwillen erregt habe, daß in den Vereinigten Provinzen sechzigtausend Menschen vom Heringsfang lebten und daß die Generalstaaten wahrscheinlich strenge Repressalien beschließen würden. Der König antwortete, daß er nicht nur auf dem Verbot beharre, sondern auch die Einfuhrzölle auf viele Waaren, mit denen Holland einen einträglichen Handel mit Frankreich trieb, zu erhöhen beabsichtige. Die Folge dieser Mißgriffe, welche trotz wiederholter Warnungen, wie es scheint aus bloßem übermüthigen Eigensinn begangen wurden, war, daß sich jetzt, wo die Stimme eines einzelnen mächtigen Mitgliedes der Batavischen Föderation ein der ganzen Politik Ludwig’s Verderben drohendes Ereigniß hätte abwenden können, eine solche Stimme nicht erhob. Der Gesandte bemühte sich mit all’ seiner diplomatischen Gewandtheit vergebens, die Partei, mit deren Hülfe er seit mehreren Jahren den Statthalter in Schach gehalten hatte, zu ralliiren. Die Arroganz und der Starrsinn seines Gebieters vereitelten alle seine Anstrengungen.

Fehler des Königs von Frankreich. [Endlich] sah Avaux sich genöthigt, die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, daß man sich auf die der französischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt Amsterdam nicht mehr verlassen könne, daß ein Theil der Gutgesinnten um ihre Religion besorgt sei und daß die Wenigen, deren Gesinnungen unverändert geblieben wären, es nicht wagen dürften, ihre Gedanken zu äußern. Die feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel der französischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der bankerottirten Kaufleute, die ihren Untergang den französischen Maßregeln zuschrieben, hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung versetzt, daß kein Bürger es mehr wagen durfte, sich offen für Frankreich zu erklären, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, in den nächsten Kanal geworfen zu werden. Man erinnerte daran, daß vor nicht mehr als fünfzehn Jahren das vornehmste Oberhaupt der dem Hause Oranien feindlich gesinnten Partei im Bereiche des Palastes der Generalstaaten von dem wüthenden Pöbel in Stücke zerrissen worden war. Ein gleiches Schicksal könnte nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen treffen, welche beschuldigt werden sollten, daß sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten Frankreichs gegen ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben dienten.[40]

[40.] Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es würde mir kaum möglich sein, alle die Stellen anzuführen, welche mir Material zu diesem Theile meiner Geschichte lieferten. Die wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: 20. Sept., 24. Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. 1686; 2. Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, daß ohne Ludwig’s thörichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert haben würde.

Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger Gesandter. [Während] Ludwig auf diese Weise seine Freunde zwang, seine wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu werden, arbeitete er mit nicht geringerem Erfolge darauf hin, alle Bedenken zu zerstreuen, welche die römisch-katholischen Fürsten vielleicht noch hätten abhalten können, die Pläne Wilhelm’s zu unterstützen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von Versailles und dem Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in welchem sich die Unbilligkeit und der Übermuth des Königs von Frankreich vielleicht in beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren Schritte seiner Regierung.

Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, daß kein Justiz- oder Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen katholischen Staat repräsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht so weit ausgedehnt worden, daß nicht nur die Wohnung, sondern auch ein beträchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde. Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem Schutze stehenden Raumgebiets möglichst zu erweitern, so daß endlich die halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die päpstliche Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes Asyl wimmelte von Schleichhändlern, betrügerischen Bankerotteurs, Dieben und Mördern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder eingeschmuggelten Waaren aufgehäuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der Christenheit war daher das Gesetz so ohnmächtig und das Verbrechen so dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation. Innocenz dachte darüber, wie es einem Priester und Fürsten geziemte. Er erklärte, daß er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestände. Anfangs wurde laut darüber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses war so in die Augen springend, daß alle Regierungen, mit Ausnahme einer einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der sich unter allen Höfen durch seine Empfindlichkeit und Zähigkeit in Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Fürsten thäten, sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk begleitet war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um den geschützten Bezirk, wie auf den Wällen einer Festung. Der Papst ließ sich dadurch nicht einschüchtern. „Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,“ sagte er, „wir aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes.“ Er griff energisch zu seinen geistlichen Waffen und belegte das von den Franzosen besetzte Gebiet mit einem Interdict.[41]

Als dieser Streit den Höhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der Papst.

[41.] Prof. Ranke’s Römische Päpste, Buch 8; Burnet I. 789.

Das Erzbisthum Köln. [Köln] und das umliegende Gebiet wurde von einem Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfürst des deutschen Reiches war. Das Recht der Erwählung dieses mächtigen Prälaten stand unter gewissen Beschränkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof war zu gleicher Zeit auch Bischof von Lüttich, von Münster und von Hildesheim, seine Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere starke Festungen, welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von höchster Wichtigkeit waren. In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins Feld stellen. Ludwig hatte keine Mühe gespart, um einen so werthvollen Bundesgenossen zu gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, daß Köln fast von Deutschland losgetrennt und ein Außenwerk Frankreichs geworden war. Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das Kapitel gebracht und der Cardinal Fürstenberg, eine notorische Creatur des Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden.

Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. Fürstenberg war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses Hauses schlugen den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Fürstenberg war bereits Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation vom Papste, oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des kölner Domkapitels anschließen mußten, in eine andre Diöcese versetzt werden. Der Papst wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation bewilligen, und der Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, für den bairischen Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den Kapiteln von Lüttich, Münster und Hildesheim die Majorität gegen Frankreich. Ludwig sah mit Unwillen und Besorgniß, daß eine ausgedehnte Provinz, die er schon angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone zu betrachten, nahe daran war, nicht allein unabhängig von ihm, sondern sogar ihm feindlich gesinnt zu werden. In einem mit großer Bitterkeit abgefaßten Schreiben beklagte er sich über die Ungerechtigkeit, mit der Frankreich bei jeder Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, während derselbe doch der ganzen Christenheit seinen väterlichen Schutz angedeihen lassen sollte. Viele Anzeichen verriethen, daß er fest entschlossen war, die Ansprüche seines Candidaten mit bewaffneter Hand gegen den Papst und dessen Verbündete zu unterstützen.[42]

[42.] Burnet I. 758; Ludwig’s Schreiben ist vom 27. Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im Recueil des Traités, vol. IV. No. 219.

Kluges Verfahren Wilhelm’s. [So] stachelte Ludwig durch zwei einander entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, die sich in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich auf. Nachdem er sich die eine große Abtheilung der Christenheit durch Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die andre durch Beleidigung des römischen Stuhles. Und diese Mißgriffe that er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner sich bemühten, ein Hinderniß nach dem andren aus seinem Wege zu entfernen. Während sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen, arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in verschiedenem Lichte dar, und man muß hinzusetzen, daß keine seiner Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die norddeutschen Fürsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden Oberhäuptern des Hauses Österreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen von Seiten des französischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit, England aus seiner Abhängigkeit zu befreien und es in den europäischen Staatenbund aufzunehmen.[43] Er verwahrte sich, und zwar aufrichtig, gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen Katholiken, sagte er, sei der kurzsichtige und halsstarrige König, der ihnen leicht hätte gesetzliche Duldung verschaffen können, anstatt dessen aber Gesetz, Freiheit und Eigenthum mit Füßen getreten hätte, um ihnen ein gehässiges und unsicheres Übergewicht zu geben. Wenn man Jakob seine schlechte Regierung ungehindert fortsetzen lasse, müsse dieselbe in nicht zu ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeiführen, der eine grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen könne. Der Prinz erklärte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer solchen Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, würde er die Macht, die er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen besitzen müsse, zum Schutze der Mitglieder der römischen Kirche anwenden. Zwar könnten die durch Jakob’s Tyrannei entzündeten Leidenschaften es ihm vielleicht unmöglich machen, die Strafgesetze aus dem Gesetzbuche zu streichen; aber diese Strafgesetze sollten dann wenigstens durch gelinde Ausübung gemildert werden. Keine Klasse werde aus dem beabsichtigten Unternehmen mehr Gewinn ziehen, als die friedliebenden und anspruchsloseren Katholiken, welche nur den Wunsch hegten, ungestört ihrem Berufe nachgehen und ihren Schöpfer verehren zu dürfen. Die einzigen, welche dabei verlieren würden, seien die Tyrconnel, die Dover, die Albeville und anderen politischen Abenteurer, welche zum Dank für Schmeichelei und schlimmen Rath von ihrem leichtgläubigen Gebieter Statthalterposten, Regimenter und Gesandtschaften erhalten hätten.

[43.] Wegen der außerordentlichen Geschicklichkeit, mit der er zwei verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem Lichte darstellte, wurde er später vom Hofe von St. Germains bitter geschmäht. „Licet foederatis publicus ille praedo haud aliud aperte proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur potestas; veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus, ut pro comperto habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso vel enervato Francorum regno, ubi Catholicarum partium summum jam robur situm est, haeretica ipsorum pravitas per orbem Christianum universum praevaleat.“ — Brief von Jakob an den Papst, unzweifelhaft 1689 geschrieben.

Seine Rüstungen zu Lande und zur See. [Während] Wilhelm sich bemühte, die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen, sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit für Anschaffung der zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen Hülfsmittel. Er konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung der Vereinigten Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung an bevor sein Plan zur Ausführung reif war, so konnten seine Absichten durch eine seinem Hause feindlich gesinnte Partei möglicherweise vereitelt werden und jedenfalls mußte die ganze Welt Kenntniß davon erhalten. Er beschloß daher, seine Voranstalten mit größter Eil zu betreiben und nach Vollendung derselben einen günstigen Augenblick abzuwarten, wo er den Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die Agenten Frankreichs bemerkten, daß sie ihn noch nie so geschäftig gesehen hatten. Es verging kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa nach dem Haag sprengen sah, und beständig hielt er geheime Berathungen mit seinen ausgezeichnetsten Anhängern. Vierundzwanzig Schiffe wurden zur Verstärkung der gewöhnlichen Seemacht der Republik vollständig ausgerüstet. Für diese Vermehrung der Flotte bot sich zufällig ein vortrefflicher Vorwand dar, denn es hatten sich kürzlich einige algierische Corsaren in der Nordsee zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde ein Lager gebildet und viele tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um diese Armee zu verstärken, wurden die Besatzungen aus den Festungen von Holländisch Brabant genommen; selbst die berühmte Festung Bergopzoom wurde fast ganz entblößt. Feldgeschütze, Bomben und Munitionswagen wurden aus allen Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den Hauptquartieren geschafft. Sämmtliche Bäcker von Rotterdam bucken Tag und Nacht Schiffszwieback; alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten nicht hin, um die Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszuführen; alle Sattler von Amsterdam arbeiteten mit der größten Anstrengung an Kürassen und Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend Matrosen vermehrt und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese konnten allerdings nicht ohne Genehmigung des Bundes förmlich eingereiht werden; aber sie wurden inzwischen immer eingeübt und in solcher Kriegszucht gehalten, daß sie binnen vierundzwanzig Stunden nach erlangter Genehmigung ohne Schwierigkeit unter die verschiedenen Regimenter vertheilt werden konnten. Diese Rüstungen erforderten zwar viel baares Geld; aber Wilhelm hatte auch durch weise Sparsamkeit für den Fall unvorhergesehener großer Bedürfnisse einen Reserveschatz zurückgelegt, der sich auf ungefähr zweihundertfünfzigtausend Pfund Sterling belief. Das noch Fehlende wurde von seinen Anhängern bereitwilligst zugeschossen. Außerdem erhielt er auch aus England große Massen Gold, man sprach von nicht weniger als hunderttausend Guineen. Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitäten des edlen Metalls ins Exil mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles, was sie besaßen, denn sie lebten der frohen Hoffnung, daß sie, wenn sein Unternehmen gelang, in ihr Vaterland würden zurückkehren dürfen, und fürchteten, daß sie im Falle des Mißlingens in ihrer Adoptivheimath kaum noch sicher sein würden.[44]

[44.] Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.), 14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688.

Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England. [Während] der letzten Hälfte des Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die Rüstungen einen raschen, dem ungestümen Wilhelm aber noch immer zu langsamen Fortgang. Mittlerweile wurde zwischen England und Holland ein lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die gewöhnlichen Mittel zur Beförderung von Nachrichten und Passagieren nicht mehr für sicher hielt, fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer Schnelligkeit beständig zwischen Scheveningen und der Ostküste unsrer Insel hin und her.[45] Durch dieses Fahrzeug erhielt Wilhelm von hochstehenden Männern der Kirche, der Politik und des Heeres eine Reihe von Zuschriften. Von den sieben Prälaten, welche die denkwürdige Petition unterzeichnet, hatten zwei, Lloyd, Bischof von St. Asaph, und Trelawney, Bischof von Bristol, während ihres Aufenthalts im Tower die Lehre vom Nichtwiderstande noch einmal in Erwägung gezogen und waren bereit, einen bewaffneten Befreier willkommen zu heißen. Ein Bruder des Bischofs von Bristol, der Oberst Karl Trelawney, der eines der tangerschen Regimenter commandirte, welches jetzt als das vierte Linienregiment bekannt ist, erklärte sich bereit, für den protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen. Ähnliche Versicherungen kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill erklärte in einem Briefe, der in ziemlich pathetischem Tone, dem sicheren Zeichen, daß er einen Schurkenstreich im Sinne hatte, geschrieben war, er sei entschlossen, seine Pflicht gegen den Himmel und gegen sein Vaterland zu erfüllen, und lege seine Ehre ganz in die Hände des Prinzen von Oranien. Wilhelm las dieses Schreiben gewiß mit jenem bittern und cynischen Lächeln, das seinen Zügen den mindest angenehmen Ausdruck gab. Er hielt sich nicht für bemüßigt, die Ehre Anderer in seine Obhut zu nehmen; auch hatten es die strengsten Casuisten nicht für unrecht erklärt, wenn ein General die Dienste von Überläufern, die er nur verachten konnte, erbat, benutzte und belohnte.[46]

Churchill’s Brief wurde von Sidney überbracht, dessen Stellung in England gefährlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaßregeln verborgen hatte, Mitte August nach Holland kam.[47] Um die nämliche Zeit schifften Shrewsbury und Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten, durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte zwölftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Güter aufgenommen hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fuß auf die Insel setzte, bewaffnet erheben wollten.

[45.] Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.

[46.] Burnet I. 765; Churchill’s Brief ist vom 4. August 1688 datirt.

[47.] Memoirs of the Duke of Shrewsbury, 1718.

Sunderland. [Man] hat Grund zu glauben, daß Wilhelm um diese Zeit auch die ersten Beitrittsversicherungen von einer ganz andren Seite erhielt. Die Geschichte der Intriguen Sunderland’s ist in ein Dunkel gehüllt, das schwerlich je ein Forscher wird aufzuklären vermögen; wenn es aber auch nicht möglich ist, die ganze Wahrheit zu entdecken, so kann man doch leicht einige handgreifliche Erdichtungen nachweisen. Die Jakobiten behaupteten aus naheliegenden Gründen, die Revolution von 1688 sei die Frucht eines schon vor langer Zeit angezettelten Complots gewesen, und Sunderland bezeichneten sie als das Haupt der Verschwörung. Sie behaupteten, er habe in der Verfolgung seines großen Planes seinen nur zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, von Gesetzen zu dispensiren, ein ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies Eigenthum zu confisciren und die Väter der Landeskirche ins Gefängniß zu werfen. Dieser Roman stützt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis auf unsre Zeit nacherzählt worden ist, verdient er doch kaum eine Widerlegung. Nichts ist gewisser, als daß Sunderland sich einigen der unklügsten Schritte Jakob’s widersetzte, insbesondere der Verfolgung der Bischöfe, welche eigentlich die entscheidende Krisis herbeiführte. Aber wenn auch diese Thatsache nicht feststände, so würde noch ein andres Argument den Streit entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte Sunderland haben, eine Revolution herbeizuwünschen? Unter dem herrschenden Systeme stand er auf dem Gipfel des Ansehens und des Glücks. Als Präsident des Geheimen Raths hatte er den Vorrang vor allen weltlichen Peers, und als erster Staatssekretär war er das thätigste und mächtigste Mitglied des Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. Er hatte den Hosenbandorden erhalten, den noch unlängst der glänzende und leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines fürstlichen Vermögens und seines reichbegabten Geistes verlassen, verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.[48] Geld, auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen, strömte ihm in solcher Fülle zu, daß er bei einigermaßen geregelter Verwaltung seiner Einkünfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einkünfte seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil seiner Revenüen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmäßiges Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf fünftausend Pfund jährlich, oder fünfzigtausend ein für allemal, einig geworden. Welche Summen er außerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmaßt werden, aber sie müssen enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergnügen zu machen, einen Mann, den er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthümern förmlich zu überschütten. Alle Geldbußen, alles verfallende Eigenthum erhielt Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebühren. Wenn irgend ein Bittsteller es wagte, sich direct an den König zu wenden, so erhielt er von diesem die Antwort: „Haben Sie mit meinem Lordpräsidenten gesprochen?“ Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die Äußerung, der Lordpräsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. „Ja,“ erwiederte Seine Majestät, „aber er verdient es auch.“[49] Wir werden das Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf dreißigtausend Pfund jährlich schätzen, und man darf nicht vergessen, daß ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwärtig ein Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinkünfte den Amtseinkünften Sunderlands gleichgekommen waren.

Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopuläre Regierungsmaßregeln so tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat, den die Menge auf öffentlichen Plätzen mit dem Geschrei: „Papistischer Hund!“ verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge noch größer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der verdienten Strafe zu entgehen?

Er hatte gewiß schon seit langer Zeit die Möglichkeit im Auge, daß Wilhelm und Maria nach dem natürlichen Laufe der Natur und des Gesetzes einst an die Spitze der englischen Regierung kommen könnten, und wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden wären, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhöht haben würden, ihre Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu sehen, und daß er eine solche Revolution nicht im entferntesten vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schooß der römischen Kirche übertrat.

Kaum jedoch hatte er sich durch dieses unverzeihliche Verbrechen den Haß und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, daß die bürgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnächst durch fremde und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem Augenblicke an scheinen alle seine Pläne eine Umgestaltung erfahren zu haben. Angst und Furcht drückten ihn gänzlich darnieder und sprachen so deutlich aus seinen Gesichtszügen, daß Jedermann sie auf den ersten Blick darin lesen konnte.[50] Es unterlag kaum einem Zweifel, daß im Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bösen Rathgeber zu strenger Rechenschaft gezogen werden würden, und er stand unter diesen bösen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner Gehalte und seiner Pensionen war das Geringste, was er zu fürchten hatte. Sein Stammschloß Althorpe mit seinen großen Waldungen konnte confiscirt werden. Er konnte viele Jahre im Gefängniß schmachten oder sein Leben in fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs beschließen müssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der unglückliche Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu werden; er sah im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt, die beim Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei ausbrach, er sah ein schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das Sterbegebet für ihn las, und Ketch, auf das Beil gestützt, mit welchem Russell und Monmouth in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden waren. Wohl gab es noch einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, aber dieser Weg würde einem edlen Character noch viel schrecklicher gewesen sein, als ein Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch einen rechtzeitigen und nützlichen Verrath von den Feinden der Regierung Verzeihung erwirken. Es stand in seiner Macht, ihnen in jenem Augenblicke unschätzbare Dienste zu leisten, denn der König befolgte stets seinen Rath, er hatte großen Einfluß auf die jesuitische Cabale, und der französische Gesandte schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer des Zweckes, dem sie dienen sollte, würdigen Vermittlerin fehlte es ihm nicht. Die Gräfin von Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von Frömmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Männer täuschen ließen, mit großer Thätigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.[51] Der schöne und leichtfertige Heinrich Sidney war seit geraumer Zeit ihr begünstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es ganz angenehm, sie auf diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu sehen. Wenn er eine geheime Botschaft nach Holland befördern wollte, sprach er mit seiner Gattin darüber, diese schrieb an Sidney, und Sidney theilte ihren Brief dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben wurde aufgefangen und Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei gefälscht, und ihr Gatte vertheidigte sich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit, indem er dem Könige vorstellte, es sei unmöglich, daß irgend ein Mensch so schlecht sein könne, das zu thun, was er gleichwohl fortwährend that. „Selbst wenn dies wirklich Lady Sunderland’s Hand wäre,“ sagte er, „so würde ich doch nichts damit zu thun haben. Eure Majestät kennt mein häusliches Mißgeschick. Es ist nur zu bekannt, auf welchem Fuße meine Frau mit Sidney steht. Wer könnte glauben, daß ich einen Mann zu meinem Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der empfindlichsten Seite gekränkt hat, den Mann, den ich von Allen am meisten hassen muß?“[52] Diese Vertheidigung wurde für genügend erachtet und nach wie vor gingen geheime Nachrichten von dem wissentlich betrogenen Gatten an die Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan und von dem Galan an die Feinde Jakob’s.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland’s Unterstützung mündlich durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth des Sturmes sich gelegt haben würde.[53]

[48.] London Gazette, April 25. 28. 1687.

[49.] Secret Consults of the Romish Party in Ireland. Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem Schreiben von Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 bestätigt. „Il (Sunderland) amassera beaucoup d’argent, le roi son maître lui donnant la plus grande partie de celui qui provient des confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encourû des peines font pour obtenir leur grace.“

[50.] Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.) 1688, daß man Sunderland seine Angst angesehen habe.

[51.] Vergleiche Evelyn’s Mittheilungen über sie mit dem, was die Prinzessin von Dänemark von ihr nach dem Haag schrieb, und mit ihren eigenen Briefen an Heinrich Sidney.

[52.] Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.

[53.] Siehe ihre Briefe in Sidney’s unlängst erschienenem Tagebuche und Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der Depeschen von Barillon den 30. August n. St. 1688 als den Zeitpunkt, von welchem an Sunderland ganz bestimmt ein falsches Spiel spielte.

Wilhelm’s Befürchtungen. [Der] Beistand Sunderland’s war höchst willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte Zeitpunkt heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm’s ängstliche Besorgniß zu. Vor gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter der eiskalten Ruhe seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein ganzes Herz. Die Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der König von Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, das Haupt erhob, so war Alles vorbei. „Meine Angst und meine Besorgniß,“ schrieb der Prinz, „sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue. Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der göttlichen Leitung.“[54] Bentinck’s Gemahlin war um diese Zeit gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. „Gott halte Sie aufrecht,“ schrieb Wilhelm, „und gebe Ihnen die Kraft, Ihren Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.“[55]

[54.] 19.(29.) August 1688.

[55.] 4.(14.) Sept. 1688.

Jakob wird gewarnt. [Es] war in der That unmöglich, daß ein so umfassender Plan, wie der gegen den König von England entworfene war, viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht konnte es verhindern, daß scharfblickende Leute Wilhelm’s großartige Kriegsrüstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser Rüstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu, daß ein großes Ereigniß im Anzuge sei. Der schwache und bestochene Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war überzeugt oder stellte sich wenigstens so, daß die holländische Regierung keine feindlichen Absichten gegen England hege. Aber während Albeville’s Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschäfte eines französischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausführliche Nachrichten. Avaux war fest überzeugt, daß eine Landung in England beabsichtigt wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte ernste Warnungen mit.[56] Jakob aber war in einer Täuschung befangen, in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde. Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie wagen, eine überseeische Expedition zu unternehmen und Holland von Vertheidigungsmitteln zu entblößen. Die Generalstaaten würden sich in Erinnerung dessen, was sie während des furchtbaren Kampfes von 1672 gelitten und zu fürchten gehabt hätten, gewiß nicht der Gefahr aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings große Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion liege noch eine große Kluft. Männer von Rang und Vermögen seien nicht so leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf’s Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs hätten zu der Zeit, als Monmouth in den Niederlanden war, eine übermüthige Sprache geführt! Und welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein Banner aufgepflanzt? Es sei leicht erklärlich, warum Ludwig sich stellte, als ob er diesen leeren Gerüchten Glauben schenke. Er hoffte ohne Zweifel, den König von England durch Ängstigung zu bestimmen, daß er in dem kölner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche Argumente ließ Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.[57] Ludwig’s Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton seiner Briefe wurde immer schärfer und heftiger.[58] Er sagte, er könne diese Gleichgültigkeit am Vorabende einer großen Krisis nicht begreifen. Sei denn der König behext? Seien seine Minister blind? Sei es möglich, daß Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent vorging? Eine so thörichte Sicherheit könne doch kaum die Wirkung bloßer Unvorsichtigkeit sein, dahinter müsse absichtliche Täuschung stecken, Jakob müsse offenbar in treulosen Händen sein. Barillon wurde dringend ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstören konnten.

[56.] Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.) Aug. 1688; Ludwig an Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug.

[57.] Barillon 20.(30.) Aug., 23. Aug. (2. Sept.) 1688; Adda, 24. Aug. (3. Sept.); Clarke’s Life of James the Second, II. 177. Orig. Mem.

[58.] Ludwig an Barillon, 3.(13.), 8.(18.), 11.(21.) Sept. 1688.

Ludwig’s Bemühungen, um Jakob zu retten. [Ludwig] regte sich nachdrücklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit überlegen war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwöhnischem Blicke betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Unterstützung durch Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den Generalstaaten zu erklären, daß Frankreich den König Jakob unter seinen Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach der holländischen Grenze bereit gehalten. Dieser kühne Versuch, den verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen Einverständniß mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England’s am Hofe von Versailles war.

Avaux verlangte seinen Instructionen gemäß eine Audienz bei den Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung war ungewöhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, daß er eine Eröffnung in Bezug auf den Handel machen werde, und der Präsident hatte sich mit einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, äußerten sich unverkennbare Zeichen von Mißbehagen. Diejenigen, von denen man glaubte, daß sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankündigte, daß sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit Seiner Großbritannischen Majestät verbunden sei und daß jeder Angriff auf England als eine Kriegserklärung gegen Frankreich betrachtet werden würde. Der völlig unvorbereitete Präsident stammelte einige ausweichende Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den Staaten angekündigt worden, daß Ludwig den Cardinal Fürstenberg und das kölner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.[59]

Die Deputirten waren in der größten Bestürzung. Einige empfahlen Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach mit Heftigkeit von der französischen Anmaßung und bat seine Collegen dringend, sich durch Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er sagte, die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstärkung des Heeres und die Ausrüstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige Besprechung mit dem Kurfürsten von Brandenburg hatte.

[59.] Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.) 1688.

Jakob vereitelt dieselben. [Doch] man brauchte nicht ängstlich zu sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu stürzen und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als daß er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich befleißigte, allen seinen billigen Wünschen entgegenzukommen, als auswärtige Königreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können, erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von Wilhelm’s Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig’s Absichten seien mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge. „Mein guter Bruder,“ sagte Jakob, „hat vortreffliche Eigenschaften; aber Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrückt.“[60] Adda, dem an Cöln mehr gelegen war, als an England, nährte diese sonderbare Täuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurückgekehrt war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht übel ausgenommen haben würden. „Mein Gebieter,“ sagte er, „steht durch seine Macht und seinen Muth hoch über der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es ist ein kleiner Unterschied zwischen einem König von England und einem Erzbischof von Cöln.“ Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl aufgenommen. Die von ihm offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar nicht geradezu abgelehnt, aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie des Hauses Österreich wurden benachrichtigt, daß seine Sendung dem Könige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate geführt habe. Nach der Revolution rühmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Unterstützung Frankreichs zurückzuweisen.[61]

Die unvernünftige Thorheit Jakob’s erregte natürlich den Unwillen seines mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische Regierung ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten können, angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er bemerkte ganz richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen Frankreich und Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach, doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen lernen.[62]

Trotz Jakob’s Verblendung und Undankbarkeit würde Ludwig aber doch klug gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekündigten Entschlusse beharrt hätte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und seines richtigen Urtheils ein Wilhelm’s würdiger Gegner war, erkannte das vollkommen. Das Bestreben der französischen Regierung — so dachte der kluge Gesandte — müsse vor Allem dahin gehen, die beabsichtigte Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, müsse man in die spanischen Niederlande einrücken und die batavischen Grenzen bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings für seinen Lieblingsplan so sehr eingenommen, daß er denselben ausführen werde, selbst wenn die weiße Fahne schon auf den Wällen von Brüssel wehte, denn er hatte wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum nächsten Frühjahr halten könnten, so würde er dann mit einer Streitmacht von England zurückkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der Generalstaaten. Diese würden es gewiß nicht so leicht zugeben, daß ihr Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee über die Nordsee fahre, während ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.[63]

[60.] „Che l’adulazione e la vanità gli avevano tornato il capo.“ — Adda, 31. Aug. (10. Sept.) 1688.

[61.] Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(27.) Sept., 27. Sept. (7. Oct.); Barillon, 23. Sept. (3. Oct.); Wagenaar, Buch 60; Sunderland’s Apology. Es ist oft behauptet worden, Jakob habe die Unterstützung eines französischen Armeecorps abgelehnt. In Wirklichkeit aber wurde ihm eine solche Unterstützung gar nicht angeboten. Die französischen Truppen würden auch in der That Jakob viel mehr genützt haben, wenn sie die holländischen Grenzen bedroht hätten, als wenn sie über den Kanal gekommen wären.

[62.] Ludwig an Barillon, 20.(30.) Sept. 1688.

[63.] Avaux, 27. Sept. (7. Oct.), 4.(14.) Oct. 1688.

Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein. [Ludwig] gab die Haltbarkeit dieser Gründe zu, aber er hatte sich schon zu einem andren Verfahren entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhöflichkeit und Verkehrtheit der englischen Regierung gereizt und er ließ sich zu seinem Nachtheile von seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er auch durch die Rathschläge seines Kriegsministers Louvois irregeführt, der großen Einfluß hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge betrachtete. Kurz, es wurde beschlossen, auf einer von Holland entfernten Seite einen großen und unerwarteten Schlag zu führen. Ludwig zog plötzlich seine Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland. Ein Armeecorps unter dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit aber geleitet vom Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der Befestigungskunst, belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen des Marquis von Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter dem Marquis von Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von Karlsruhe bis Cöln waren die französischen Waffen siegreich. Die Nachricht von der Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in Versailles ein, während der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst hörte. Der König winkte dem Prediger inne zu halten, kündigte der Versammlung die frohe Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott für diesen großen Sieg zu danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.[64] Die Nachricht wurde von dem sanguinischen und leicht entzündlichen französischen Volke mit Jubel begrüßt. Dichter besangen die Triumphe ihres freigebigen Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die Weisheit und Großmuth des ältesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde mit ungewohntem Pomp gesungen und die feierlichen Töne der Orgel vermischten sich mit dem Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der Trompeten. Es war indessen wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der große Staatsmann, der an der Spitze der europäischen Coalition stand, lächelte im Stillen über die nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig hatte zwar durch sein rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland errungen, aber diese Vortheile konnten ihm nur wenig nützen, wenn England, nachdem es unter vier aufeinanderfolgenden Königen unthätig und ruhmlos gewesen, plötzlich wieder seinen früheren Rang in Europa einnahm. Wenige Wochen genügten zur Ausführung des Unternehmens, von dem das Schicksal der ganzen Welt abhing, und für einige Wochen waren die Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit.

[64.] Frau von Sévigné, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.

Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für seine Expedition. [Wilhelm] betrieb nun seine Rüstungen mit unermüdlicher Thätigkeit und nicht mehr so heimlich, als er es bisher für nöthig gehalten hatte. Täglich gingen Unterstützungszusagen von auswärtigen Höfen ein. Im Haag war die Opposition zum Schweigen gebracht. Umsonst bot Avaux noch in diesem letzten Augenblicke seine ganze Gewandtheit auf, um die Partei, welche gegen drei Generationen des Hauses Oranien gekämpft hatte, zu ermuthigen. Die Häupter dieser Partei sahen zwar den Statthalter noch immer nicht mit günstigem Auge an, denn sie hatten Grund zu der Besorgniß, daß er, wenn sein Unternehmen gegen England gelang, er auch unumschränkter Beherrscher von Holland werden möchte. Aber die Fehler des Hofes von Versailles und die Geschicklichkeit, mit der er dieselben benutzt hatte, machten es unmöglich, ferner noch gegen ihn zu kämpfen. Er sah ein, daß es jetzt Zeit war, um die Genehmigung der Generalstaaten nachzusuchen. Amsterdam war das Hauptquartier der seinem Hause, seinem Amte und seiner Person feindlich gesinnten Partei, und selbst von Amsterdam hatte er diesen Augenblick nichts zu befürchten. Mit mehreren der vornehmsten Beamten dieser Stadt hatte er schon zu wiederholten Malen in Anwesenheit Dykvelt’s und Bentinck’s geheime Unterredungen gehabt und hatte sie zu dem Versprechen bewogen, daß sie das große Unternehmen fördern, oder sich demselben wenigstens nicht widersetzen wollten. Andere waren über Ludwig’s Handelsverordnungen erbittert, noch Andere waren besorgt um ihre von den französischen Dragonern tyrannisirten Verwandten und Freunde; wieder Andere fürchteten die Verantwortlichkeit, eine Spaltung herbeizuführen, welche dem batavischen Bunde verderblich werden konnte, und Einige endlich fürchteten das gemeine Volk, welches, durch die Ermahnungen eifriger Prediger aufgestachelt, bereit war, an jedem Verräther des Protestantismus eine summarische Justiz auszuüben. Daher erklärte sich die Majorität dieses Stadtraths, der so lange Zeit Frankreich ergeben gewesen war, zu Gunsten der Unternehmung Wilhelm’s. Von diesem Augenblicke an war jede Besorgniß wegen einer Opposition in irgend einem Theile der Vereinigten Provinzen gehoben und die Föderation ertheilte ihm in geheimer Sitzung die volle Genehmigung zu seiner Expedition.[65]

Der Prinz hatte sich bereits für einen zum Unterbefehlshaber trefflich geeigneten General entschieden. Dies war in der That kein unwichtiger Gegenstand. Ein zufälliger Schuß oder der Dolch eines Meuchelmörders konnte in einem Augenblicke die Expedition ihres Anführers berauben, und für diesen Fall mußte im Voraus ein Nachfolger bestimmt werden, der die Lücke sofort ausfüllte. Einen Engländer konnte man jedoch dazu nicht wählen, ohne entweder den Whigs oder den Tories zu nahe zu treten; auch hatte noch kein damals lebender Engländer bewiesen, daß er das zur Leitung eines Feldzugs nöthige militairische Geschick besaß. Auf der andren Seite war es nicht leicht, einem Ausländer den Vorzug zu geben, ohne das Nationalgefühl der stolzen Insulaner zu verwunden. Einen Mann gab es in Europa, aber auch nur diesen einen, gegen den sich nichts einwenden ließ; Friedrich, Graf von Schomberg, ein Deutscher aus einem edlen Hause der Pfalz. Er galt allgemein für den größten damals lebenden Meister der Kriegskunst. Seine oftmals durch starke Versuchungen geprüfte, aber nie erschütterte Rechtschaffenheit und Frömmigkeit hatten ihm allgemeine Achtung und Vertrauen erworben. Obgleich Protestant, hatte er mehrere Jahre im Dienste Ludwig’s gestanden und durch eine Reihe glänzender Waffenthaten seinem Gebieter trotz aller Ränke der Jesuiten den französischen Marschallsstab abgenöthigt. Als die Verfolgung zu wüthen begann, weigerte sich der tapfere Veteran standhaft, die königliche Gunst durch Abtrünnigkeit zu erkaufen, legte ohne Murren alle seine Ehrenstellen und Commando’s nieder, verließ sein zweites Vaterland für immer und zog sich an den berliner Hof zurück. Er war bereits über siebzig Jahre alt, aber geistig und körperlich noch sehr rüstig. Er war in England gewesen und dort außerordentlich geliebt und geehrt worden. Allerdings hatte er eine Empfehlung, der sich damals wenige Ausländer rühmen konnten: er sprach unsre Sprache, und zwar nicht nur verständlich, sondern elegant und rein. Er wurde mit Bewilligung des Kurfürsten von Brandenburg und zur aufrichtigen Freude der Oberhäupter aller englischen Parteien zu Wilhelm’s Stellvertreter ernannt.[66]

[65.] Witson’s MS., angeführt von Wagenaar; Lord Lonsdale’s Memoiren; Avaux, 4.(14.), 5.(15.) Oct. 1688. Die förmliche Erklärung der Generalstaaten, datirt vom 18.(28.) Oct., findet man im IV. Bande des Recueil des Traités, No. 225.

[66.] Abrégé de la Vie de Frédéric Duc de Schomberg, 1690; Sidney an Wilhelm, 30. Juni 1688; Burnet I. 677.

Britische Abenteurer im Haag. [Inzwischen] wimmelte es im Haag von Abenteurern aller der verschiedenen Factionen, welche Jakob’s Tyrannei zu einer sonderbaren Coalition verbunden hatte: alte Royalisten, die ihr Blut für den Thron vergossen hatten, alte Agitatoren von der Parlamentsarmee, Tories, welche in den Tagen der Ausschließungsbill verfolgt worden waren, und Whigs, die wegen ihrer Theilnahme am Ryehousecomplot sich auf den Continent geflüchtet hatten.

Unter dieser großen Menge zeichnete sich Karl Gerard, Earl von Macclesfield aus, ein alter Kavalier, der für Karl I. gekämpft und Karl’s II. Exil getheilt hatte; ferner Archibald Campbell, der älteste Sohn des unglücklichen Argyle, der aber von seinem Vater nichts geerbt hatte als einen erlauchten Namen und die unwandelbare Liebe eines zahlreichen Clan; Karl Paulet, Earl von Wiltshire, unzweifelhafter Erbe des Marquisats von Winchester, und Peregrine Osborne, Lord Dumblane, unzweifelhafter Erbe des Earlthums Danby. Mordaunt, der vor Begierde nach Abenteuern brannte, die für sein feuriges Temperament einen unwiderstehlichen Reiz hatten, war einer der Ersten unter den Freiwilligen. Fletcher von Saltoun hatte, während er die Grenzen der Christenheit gegen die Ungläubigen beschützte, erfahren, daß sein Vaterland wieder einmal Hoffnung auf Befreiung hatte, und er hatte sich beeilt, sein Schwert anzubieten. Sir Patrick Hume, der seit seiner Flucht aus Schottland sehr bescheiden und eingezogen lebte, trat jetzt wieder aus seinem Dunkel hervor; zum Glück aber konnte seine Redseligkeit diesmal wenig Schaden anrichten, denn der Prinz von Oranien war durchaus nicht geneigt, der abhängige General einer debattirenden Gesellschaft zu sein wie die, welche Argyle’s Unternehmen zum Verderben gereicht hatte. Der verschmitzte und ruhelose Wildman, der vor kurzem die Überzeugung gewonnen, daß England ein unsicherer Aufenthalt für ihn war und der sich deshalb nach Deutschland begeben hatte, erschien ebenfalls an Wilhelm’s Hofe. Eben so auch Carstairs, ein presbyterianischer Priester aus Schottland, der an Schlauheit und Muth keinem Politiker seiner Zeit nachstand. Fagel hatte ihm einige Jahre vorher wichtige Geheimnisse anvertraut und er hatte sie trotz der fürchterlichsten Qualen, die ihm der spanische Stiefel und die Daumschraube bereitet, treu bewahrt. Seine seltene Standhaftigkeit hatte ihm das Vertrauen und die Achtung des Prinzen in eben so hohem Grade erworben, als irgend ein Andrer, außer Bentinck, sich derselben erfreute.[67] Ferguson konnte nicht ruhig bleiben, wenn eine Revolution im Werke war. Er sicherte sich einen Platz zur Überfahrt auf der Flotte und entfaltete eine große Thätigkeit unter seinen Mitemigranten; aber er fand überall Mißtrauen und Verachtung. Unter der Schaar von unwissenden und heißblütigen Verbannten, welche den schwachen Monmouth ins Verderben geführt, war er ein großer Mann gewesen; unter den ernsten Staatsmännern und Generälen aber, welche die Sorgen des entschlossenen und umsichtigen Wilhelm theilten, war kein Platz für einen niedrigdenkenden, halb wahnsinnigen und halb schurkischen Agitator.

[67.] Burnet I. 584; Mackay’s Memoirs.

Wilhelm’s Erklärung. [Der] Unterschied zwischen der Expedition von 1685 und der von 1688 zeigte sich schon deutlich genug in der Verschiedenheit der Manifeste, welche die Führer der beiden Unternehmungen erließen. Für Monmouth hatte Ferguson ein abgeschmacktes und gemeines Libell über den Brand von London, die Ermordung Godfrey’s und Essex’ und die Vergiftung Karl’s geschmiert. Wilhelm’s Erklärung war von dem Großpensionär Fagel verfaßt, der als ausgezeichneter Publicist bekannt war. Obgleich gehaltvoll und wohldurchdacht, war sie doch in ihrer ursprünglichen Form zu weitschweifig; aber sie wurde von Burnet, der populär zu schreiben verstand, abgekürzt und ins Englische übersetzt. Sie begann mit einer feierlichen Einleitung, in welcher gesagt war, daß in jedem Staate die strenge Beobachtung des Gesetzes für das Wohl der Nationen wie für die Sicherheit der Regierung gleich nothwendig sei. Der Prinz von Oranien habe daher mit tiefer Betrübniß gesehen, daß die Grundgesetze eines Reiches, mit dem er durch Bande des Bluts und durch Verheirathung so eng verbunden sei, durch den Rath schlimmer Rathgeber gröblich und systematisch verletzt worden seien. Das Recht von Parlamentsacten zu dispensiren, sei bis zu einem solchen Punkte ausgedehnt worden, daß die ganze legislative Gewalt auf die Krone übertragen worden sei. Von den Gerichten habe man dem Geiste der Verfassung widerstreitende Erkenntnisse erlangt, indem man einen Richter nach dem andren abgesetzt, bis die Bank nur aus Männern bestanden habe, welche bereit gewesen seien, den Befehlen der Regierung blindlings zu gehorchen. Trotz der wiederholten Versicherungen des Königs, daß er die Staatsreligion aufrechterhalten werde, seien anerkannten Feinden dieser Religion nicht nur bürgerliche Ämter, sondern auch geistliche Pfründen verliehen worden. Trotz ausdrücklicher Gesetze sei das Kirchenregiment einem Collegium übertragen worden, das eine neue Hohe Commission sei und in diesem Collegium sitze ein erklärter Papist. Gute Unterthanen seien deshalb, weil sie sich weigerten, ihre Pflicht und ihre Eide zu verletzen, der Magna Charta der englischen Freiheiten zum Hohn aus ihrem Eigenthum vertrieben worden. Dagegen seien Leute, welche dem Gesetze nach die Insel gar nicht betreten dürften, zur Verderbniß der Jugend an die Spitze von Seminarien gestellt worden. Grafschaftsstatthalter, stellvertretende Statthalter und Friedensrichter seien massenhaft abgesetzt worden, weil sie sich geweigert hätten eine verderbliche und verfassungswidrige Politik zu unterstützen. Die Freiheiten fast jedes Boroughs im Lande seien verletzt worden. Die Gerichtshöfe seien in einem Zustande, daß ihre Erkenntnisse selbst in Civilklagen kein Vertrauen mehr einflößten und daß ihre Servilität in Criminalsachen das Königthum mit unschuldigem Blute befleckt habe. Alle diese Mißbräuche, deren das englische Volk müde sei, sollten nun, wie es scheine, durch ein Heer irischer Papisten vertheidigt werden. Und dies sei noch nicht Alles. Die willkürlichsten Fürsten hätten es einem Unterthanen nie als ein Verbrechen angerechnet, wenn er bescheiden und friedlich seine Beschwerden angebracht und um Abhülfe gebeten habe. Aber das Petitioniren werde jetzt in England als ein schweres Vergehen betrachtet. Die Väter der Kirche seien wegen keines andren Verbrechens, als weil sie dem Landesherrn eine in den ehrerbietigsten Ausdrücken abgefaßte Petition überreicht, ins Gefängniß geworfen und ihnen der Prozeß gemacht worden, und jeden Richter, der sich zu ihren Gunsten ausgesprochen, habe man ohne weiteres abgesetzt. Die Einberufung eines freien und gesetzlichen Parlaments könne allerdings diesen Übeln wirksam abhelfen, aber die Nation dürfe nicht hoffen ein solches Parlament zu erhalten, wenn nicht der ganze Geist der Verwaltung ein andrer werde. Es sei offenbar die Absicht des Hofes durch neu organisirte Wahlkörper und papistische Wahlbeamte eine Versammlung zusammenzubringen, welche nur dem Namen nach ein Haus der Gemeinen sein werde. Endlich erregten gewisse Umstände den dringenden Verdacht, daß das Kind, welches den Namen eines Prinzen von Wales erhalten habe, nicht wirklich von der Königin geboren sei. Aus diesen Gründen habe der Prinz, eingedenk seiner nahen Verwandtschaft mit dem königlichen Hause und dankbar für die Zuneigung, die das englische Volk seiner geliebten Gemahlin und ihm selbst stets bewiesen habe, sich entschlossen, der Aufforderung vieler geistlichen und weltlichen Lords und vieler anderer Personen aus allen Ständen Folge zu leisten und an der Spitze einer zur Begegnung gewaltsamen Widerstandes hinreichenden Streitmacht nach England hinüberzugehen. Jeden Gedanken an Eroberung wies er entschieden zurück. Er erklärte, daß seine Truppen während ihres Aufenthalts auf der Insel unter strengster Kriegszucht gehalten und daß sie sobald die Nation von der Tyrannei befreit sei, wieder zurückgeschickt werden sollten. Sein einziger Zweck sei die Versammlung eines freien und gesetzlichen Parlaments, und er verpflichtete sich feierlich, alle öffentlichen und privaten Fragen der Entscheidung eines solchen Parlaments zu überlassen.

Sobald Exemplare von dieser Erklärung im Haag ausgegeben waren, begannen auch schon Zeichen von Meinungsverschiedenheit sichtbar zu werden. Der im Unheilstiften unermüdliche Wildman bewog einige seiner Landsleute, unter Anderen den starrsinnigen und leichtfertigen Mordaunt, zu der Erklärung, daß sie auf solche Gründe hin die Waffen nicht ergreifen würden. Das Manifest sei nur darauf berechnet, den Kavalieren und den Geistlichen zu gefallen. Die Gewaltthätigkeiten gegen die Kirche und der Prozeß der Bischöfe seien zu sehr in den Vordergrund gestellt und es sei gar nichts von der Tyrannei gesagt, mit der die Tories vor ihrem Bruche mit dem Hofe die Whigs behandelt hätten. Wildman legte hierauf einen von ihm selbst verfaßten Gegenentwurf vor, der, wenn er angenommen worden wäre, der ganzen anglikanischen Geistlichkeit und vier Fünftheilen des grundbesitzenden Adels mißfallen haben würde. Die Whighäupter opponirten ihm energisch. Russell insbesondere erklärte, daß, wenn ein so verkehrter Weg eingeschlagen würde, es mit der Coalition, von welcher allein die Nation Befreiung erwarten könne, vorbei sei. Der Streit wurde endlich durch einen Machtspruch Wilhelm’s geschlichtet, der mit gewohntem richtigen Takt entschied, daß das Manifest im Wesentlichen so wie Fagel und Burnet es entworfen hatten, beibehalten werden solle.[68]

[68.] Burnet I., 775, 780.

Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen. [Während] dies in Holland geschah, hatte Jakob endlich die ihm drohende Gefahr erkannt. Von verschiedenen Seiten kamen Nachrichten, die man nicht unbeachtet lassen konnte, bis endlich eine Depesche von Albeville jedem Zweifel ein Ende machte. Als der König sie gelesen hatte, sollen seine Wangen sich entfärbt haben und er soll eine Weile sprachlos geblieben sein.[69] Er hatte in der That auch Ursache zu erschrecken. Der erste Ostwind sollte eine feindliche Flotte an die Küsten seines Reiches bringen. Ganz Europa, mit Ausnahme einer einzigen Macht, erwartete ungeduldig die Nachricht von seinem Sturze, und den Beistand dieser einzigen Macht hatte er thörichterweise abgelehnt. Ja, er hatte sogar die freundschaftliche Intervention, die ihn hätte retten können, mit Beleidigungen vergolten. Die französischen Armeen, welche zur Einschüchterung der Generalstaaten hätten verwendet werden können, wenn er nicht so verblendet gewesen wäre, belagerten Philippsburg und hielten Mainz besetzt. In wenigen Tagen mußte er vielleicht auf englischem Boden für seine Krone und für das Geburtsrecht seines Sohnes kämpfen.

[69.] Eachard’s History of the Revolution, II. 2.

Seine Seemacht. [Anscheinend] standen ihm allerdings große Mittel zu Gebote. Die Flotte war in einem viel besseren Zustande als zur Zeit seiner Thronbesteigung, und diese Verbesserung muß zum Theil seinen eigenen Anstrengungen zugeschrieben werden. Er hatte keinen Lordgroßadmiral oder Admiralitätsrath ernannt, sondern die Hauptleitung der Marineangelegenheiten in seiner eignen Hand behalten und Pepys hatte ihn dabei kräftig unterstützt. Ein Sprichwort sagt, daß der Blick eines Meisters sicherer ist, als der eines Stellvertreters, und in einer Zeit der Bestechung und der Unterschleife kann man annehmen, daß ein Verwaltungszweig, dem der Souverain selbst, sei er auch von noch so beschränkten Gaben, genaue persönliche Aufmerksamkeit zuwendet, von Mißbräuchen verhältnißmäßig ziemlich frei bleiben wird. Ein geschickterer Marineminister als Jakob würde nicht schwer zu finden gewesen sein; schwerlich aber würde man unter den damaligen Staatsmännern einen Marineminister gefunden haben, der nicht Vorräthe nutzlos vergeudet, von Lieferanten Bestechungen angenommen und der Krone Kosten für Reparaturen aufgebürdet haben würde, welche nie gemacht worden waren. Der König war in der That fast der Einzige, von dem man überzeugt sein konnte, daß er den König nicht bestehlen würde. Daher waren denn auch während der letzten drei Jahre auf den Schiffswerften viel weniger Veruntreuungen und Diebereien vorgekommen als früher. Es waren wirklich seetüchtige Schiffe gebaut worden und durch eine zweckmäßige Verordnung waren die Gehalte der Kapitaine erhöht, zu gleicher Zeit aber auch ihnen streng verboten worden, ohne besondere königliche Erlaubniß Waaren von einem Hafen zum andren zu führen. Die Wirkung dieser Reformen machte sich schon bemerkbar, und es wurde Jakob nicht schwer, in kurzer Zeit eine ansehnliche Flotte auszurüsten. Dreißig Linienschiffe dritten und vierten Ranges wurden unter dem Commando Lord Dartmouth’s in der Themse versammelt. Dartmouth’s Loyalität war über jeden Zweifel erhaben, und er galt für eben so geschickt und kenntnißreich in seinem Fache als irgend einer der patrizischen Seeleute, die sich damals ohne ordentliche seemännische Erziehung und Ausbildung zu den höchsten Schiffscommando’s emporschwangen und welche zu gleicher Zeit Flaggenoffiziere zur See und Infanterieobersten im Landheere waren.[70]

[70.] Pepys’s Memoirs relating to the Royal Navy, 1690; Clarke’s Life of James the Second, II. 186. Orig. Mem.; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)

Seine militairischen Mittel. [Die] reguläre Armee war die stärkste, die je ein König von England zu seiner Verfügung gehabt hatte, und sie wurde rasch noch verstärkt. Alle vorhandenen Regimenter wurden um neue Compagnien vermehrt und neue Regimenter ausgehoben. Die Stärke des englischen Heeres wurde dadurch um viertausend Mann erhöht; dreitausend Mann wurden eiligst aus Irland gesendet und eine gleiche Anzahl erhielt Befehl, aus Schottland nach dem Süden zu marschiren. Jakob schätzte die Streitmacht, die er den Einfallenden entgegenstellen konnte, auf vierzigtausend Mann, ungerechnet die Miliz.[71]

Flotte und Landheer waren sonach mehr als ausreichend, um eine holländische Invasion zurückzuschlagen. Konnte man sich aber auf die Flotte und auf die Armee verlassen? Mußte man nicht befürchten, daß die Milizen zu Tausenden zu der Fahne ihres Befreiers übergehen würden? Die Partei, welche vor einigen Jahren für Monmouth das Schwert gezogen, konnte es gewiß kaum erwarten, den Prinzen von Oranien willkommen zu heißen. Und was war aus der Partei geworden, welche siebenundvierzig Jahre lang das Bollwerk der Monarchie gewesen? Wo waren jetzt die tapferen Gentlemen, welche stets bereit gewesen waren, ihr Blut für die Krone zu vergießen? Mißhandelt und verhöhnt, von der Richterbank vertrieben und aller militairischen Commando’s beraubt, sahen sie die Gefahr ihres undankbaren Gebieters mit unverhohlener Schadenfreude. Wo waren die Priester und Prälaten, welche auf zehntausend Kanzeln die Pflicht des Gehorsams gegen den gesalbten Stellvertreter Gottes gepredigt hatten? Einige waren eingekerkert. Andere ausgeplündert. Alle waren unter das eiserne Regiment der Hohen Commission gestellt worden und hatten beständig gefürchtet, daß eine neue Laune der Tyrannei sie ihrer Pfründen berauben und ohne ein Stück Brot lassen würde. Daß die Männer der Staatskirche den Grundsatz, auf den sie immer das größte Gewicht gelegt hatten, so vollständig vergessen würden, um sich dem thätigen Widerstande anzuschließen, schien auch jetzt noch unglaublich. Aber konnte ihr Unterdrücker erwarten, daß er bei ihnen noch den Geist finden werde, der unter der vorhergehenden Generation die Armeen Essex’ und Waller’s besiegt, und sich nur nach einer verzweifelten Gegenwehr dem Genie und der Kraft Cromwell’s unterworfen hatte?

[71.] Clarke’s Life of James the Second. II. 186. Orig. Mem.; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)

Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen. [Der] Tyrann wurde von der Angst überwältigt. Er sagte nicht mehr, daß Nachgiebigkeit die Fürsten jederzeit ins Verderben gestürzt habe, und gab gezwungen zu, daß er sich herablassen müsse, den Tories noch einmal zu schmeicheln.[72] Man hat Grund zu der Annahme, daß um diese Zeit Halifax eingeladen wurde, wieder ein Ministerium zu übernehmen und daß er auch nicht abgeneigt dazu war. Die Rolle eines Vermittlers zwischen den Throne und der Nation war diejenige, zu der er sich am besten eignete und nach der er am eifrigsten strebte. Warum die betreffende Unterhandlung mit ihm abgebrochen wurde, ist nicht bekannt, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Dispensationsfrage das unübersteigliche Hinderniß war. Sein Widerwille gegen diese Befugniß war vor drei Jahren die Veranlassung zu seiner Ungnade gewesen, und es war seitdem nichts geschehen, was geeignet gewesen wäre ihn andren Sinnes zu machen. Jakob seinerseits hatte sich fest vorgenommen, in diesem Punkte kein Zugeständniß zu machen.[73] In anderen Dingen war er minder starrsinnig. Er erließ eine Proklamation, in der er feierlich versprach, die anglikanische Kirche zu schützen und die Uniformitätsacte aufrecht zu erhalten. Er erklärte sich bereit, um der Eintracht willen große Opfer zu bringen. Er wolle nicht mehr darauf beharren, daß Katholiken ins Unterhaus zugelassen würden und er hege das gute Vertrauen zu seinem Volke, daß es einen solchen Beweis von seinem aufrichtigen Willen, ihren Wünschen zu entsprechen, gebührend anerkennen werde. Drei Tage später kündigte er an, daß es seine Absicht sei, alle Magistratsbeamten und stellvertretenden Lieutenants, welche entlassen worden waren, weil sie seine Politik nicht hatten unterstützen wollen, wieder anzustellen. Den Tag nach dem Erscheinen dieser Ankündigung wurde Compton’s Suspension wieder aufgehoben.[74]

[72.] Adda, 28. Sept. (8. Oct.) 1688. In dieser Depesche ist Jakob’s Angst vor einem allgemeinen Abfalle seiner Unterthanen kräftig geschildert.

[73.] Die spärlichen Aufschlüsse, welche wir über diese Unterhandlung haben, verdanken wir Reresby. Seine Quelle war eine Dame, die er nicht nennt und der man gewiß nicht unbedingt glauben durfte.

[74.] London Gazette, Sept. 24., 27., Oct. 1. 1688.

Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz. [Zu] gleicher Zeit gab der König allen damals in London anwesenden Bischöfen eine Audienz. Sie hatten um eine solche nachgesucht, um ihm in seiner kritischen Lage ihren Rath anzubieten. Der Primas führte das Wort. Er bat ehrerbietig darum, daß die Verwaltung den Händen gehörig qualificirter Personen übergeben, daß alle unter dem Vorwande des Dispensationsrechts vorgenommenen Acte widerrufen, daß die kirchliche Commission abgeschafft, daß die dem Magdalenen-Collegium zugefügte Unbill wieder gutgemacht und daß die alten Privilegien der Municipalkörperschaften wiederhergestellt werden möchten. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß es ein wünschenswerthes Mittel gebe, durch welches der Thron vollkommen gesichert und das erschütterte Reich wieder beruhigt werden könne. Wenn Seine Majestät die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden Streitpunkte nochmals in Erwägung ziehen wolle, so würde er durch die Gründe, welche sie ihm vorzutragen wünschten, unter Gottes Beistande vielleicht zu der Überzeugung gebracht werden, daß es seine Pflicht sei, zu dem Glauben seines Vaters und seines Großvaters zurückzukehren. Bis hierher, fuhr Sancroft fort, habe er die Ansicht seiner Collegen ausgesprochen. Aber es sei noch ein Punkt, über den er sich nicht mit ihnen berathen habe, auf den er jedoch den König aufmerksam machen zu müssen glaube. Allerdings sei er auch das einzige Mitglied seines Standes, welches diesen Gegenstand berühren dürfe, ohne sich dem Verdachte eines eigennützigen Beweggrundes auszusetzen. Der erzbischöfliche Stuhl von York war seit drei Jahren erledigt. Der Erzbischof bat den König dringend, er möge denselben schleunigst mit einem frommen und gelehrten Geistlichen besetzen, und fügte hinzu, es werde sich unter den eben Anwesenden leicht, ein solcher Mann finden. Der König verstand es sich hinreichend zu beherrschen, um für diesen bitteren Rath zu danken und zu versprechen, daß er denselben in Erwägung ziehen wolle.[75] Von dem Dispensationsrecht aber wollte er durchaus nichts nachlassen. Keine gesetzlich unqualificirte Person wurde von irgend einem bürgerlichen oder militairischen Amte entfernt. Aber einige von Sancroft’s Vorschlägen wurden befolgt. Binnen zweimal vierundzwanzig Stunden war der Gerichtshof der Hohen Commission abgeschafft.[76] Es ward beschlossen, der Hauptstadt ihren vor sechs Jahren entzogenen Freibrief zurückzugeben und der Kanzler selbst mußte das ehrwürdige Pergament feierlich nach der Guildhall tragen.[77] Acht Tage später erfuhr das Publikum, daß der Bischof von Winchester, der vermöge seiner amtlichen Stellung Visitator des Magdalenen-Collegiums war, vom Könige beauftragt sei, alle Mißstände in diesem Collegium abzustellen. Zu dieser letzten Demüthigung hatte sich der König nicht ohne langen inneren Kampf und bitteren Schmerz entschlossen. Er verstand sich in der That erst dazu, nachdem der apostolische Vikar Leyburn, der sich bei jeder Gelegenheit als einsichtsvoller und rechtschaffener Mann benommen zu haben scheint, erklärt hatte, daß seiner Ansicht nach den vertriebenen Collegiaten und ihrem Präsidenten Unrecht gethan worden sei und daß ihre Wiedereinsetzung aus religiösen wie aus politischen Gründen erfolgen müsse.[78] Nach wenigen Tagen erschien eine Proklamation, welche die entzogenen Privilegien aller Municipalkörperschaften wiederherstellte.[79]

[75.] Tanner MSS; Burnet I. 784. Burnet hat, wie ich glaube, diese Audienz mit einer andren verwechselt, welche einige Wochen später stattfand.

[76.] London Gazette, Oct. 8. 1688.

[77.] Ibid.

[78.] Ibid. Oct. 15, 1688; Adda, 12.(22.) Oct. Obgleich der Nuntius im Allgemeinen Gewaltmaßregeln abgeneigt war, so scheint er doch gegen die Wiedereinsetzung Hough’s opponirt zu haben, wahrscheinlich aus Rücksicht auf die Interessen Giffard’s und der anderen Katholiken, welche Mitglieder des Magdalenen-Collegiums waren. Leyburn erklärte selbst: „Nel sentimento che fosse stato uno spoglio, e che il possesso in cui si trovano ora li Cattolici fosse violento ed illegale, onde non era privar questi di un dritto acquisto, ma rendere agli altri quello era stato levalo con violenza.“

[79.] London Gazette, Oct. 18. 1688.

Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen. [Jakob] schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß die ausgedehnten Zugeständnisse, die er im Laufe eines Monats gemacht, ihm die Herzen seines Volks wieder gewinnen würden. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß diese Zugeständnisse, wenn sie gemacht worden wären, als noch kein Grund zu der Befürchtung eines Einfalls von Seiten Hollands vorhanden war, viel zur Versöhnung der Tories beigetragen haben würden. Aber Fürsten, welche der Angst zugestehen, was sie der Gerechtigkeit verweigert haben, dürfen keinen Dank erwarten. Seit drei Jahren war der König gegen alle Vorstellungen und Bitten taub gewesen. Jeder Minister, der sich erlaubt hatte, seine Stimme zu Gunsten der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs zu erheben, war in Ungnade gefallen. Ein ausgezeichnet loyales Parlament hatte es gewagt, bescheiden und ehrerbietig gegen eine Verletzung der Grundgesetze Englands zu protestiren; es hatte dafür einen strengen Verweis erhalten und war prorogirt und aufgelöst worden. Ein Richter nach dem andren war des Hermelins beraubt worden, weil er sich geweigert hatte, Erkenntnisse abzugeben, welche dem gemeinen Rechte und dem Gesetzbuche zuwiderliefen. Die achtungswerthesten Kavaliere waren von jeder Theilnahme an der Verwaltung der Grafschaften ausgeschlossen worden, weil sie sich geweigert hatten, die öffentlichen Freiheiten zu verrathen. Geistliche waren zu Dutzenden abgesetzt worden, weil sie ihre Eide nicht brechen wollten. Prälaten, deren unerschütterlicher Treue der König seine Krone verdankte, hatten ihn auf den Knien gebeten, daß er ihnen nicht befehlen möchte, die Gesetze Gottes und des Landes zu verletzen. Ihre bescheidene Bittschrift war als ein aufrührerisches Libell betrachtet worden. Sie waren hart angelassen, bedroht, ins Gefängniß geworfen, gerichtlich verfolgt worden und waren mit genauer Noth dem gänzlichen Verderben entronnen. Jetzt endlich begann die Nation, da sie sah, daß das Recht durch die Macht mit Füßen getreten und selbst Bitten als ein Verbrechen betrachtet wurden, auf den Gedanken zu kommen, das Kriegsglück zu versuchen. Der Tyrann erfuhr, daß ein bewaffneter Befreier zur Hand sei, der von Whigs und Tories, von Dissenters und Anglikanern freudig begrüßt werden würde. Da wurde mit einem Male Alles anders. Die nämliche Regierung, welche treue und eifrige Dienste mit Beraubung und Verfolgung vergolten, die Regierung, welche auf gewichtige Gründe und rührende Bitten nur mit Beleidigungen und Schmähungen geantwortet hatte, wurde in einem Augenblicke merkwürdig freundlich. Jede Nummer der Gazette brachte die Abstellung einer neuen Beschwerde. Man sah es also deutlich, daß man sich auf die Billigkeit, die Humanität und das verpfändete Wort des Königs nicht verlassen konnte und daß er nur so lange gut regieren würde, als er gewaltsamen Widerstand fürchtete. Seine Unterthanen waren daher durchaus nicht geneigt, ihm ein Vertrauen wieder zu schenken, das er sich völlig verscherzt hatte, oder den Druck zu lindern, der ihm die einzigen guten Maßregeln seiner ganzen Regierung abgepreßt hatte. Die allgemeine Ungeduld, mit der man die Ankunft der Holländer erwartete, nahm mit jedem Tage zu. Das Volk verwünschte den Wind, der um diese Zeit beharrlich aus dem Westen kam, die Flotte des Prinzen am Auslaufen hinderte und zugleich immer neue Regimenter von Dublin nach Chester brachte. Man sagte, es sei papistisches Wetter. In Cheapside standen fortwährend Massen von Menschen, welche nach der Wetterfahne auf der Spitze des schlanken Thurmes der Bowkirche blickten und den Himmel um protestantischen Wind baten.[80]

Die allgemeine Stimmung wurde noch mehr erbittert durch einen Vorfall, der zwar rein zufällig war, aber leicht erklärlicherweise der Perfidie des Königs zugeschrieben wurde. Der Bischof von Winchester kündigte an, daß er auf königlichen Befehl die vertriebenen Mitglieder des Magdalenen-Collegiums wieder einzusetzen gedenke. Er bestimmte zu der Feierlichkeit den 21. October und traf am 20. in Oxford ein. Die ganze Universität war in erwartungsvoller Spannung. Die vertriebenen Collegiaten waren aus allen Theilen des Landes herbeigekommen, um ihre geliebte Heimath wieder in Besitz zu nehmen. Dreihundert berittene Gentlemen geleiteten den Visitator nach seiner Wohnung. Während seines Zuges durch die Stadt, gingen alle Glocken und High Street war mit einer jubelnden Zuschauermenge gefüllt. Er begab sich zur Ruhe. Am andren Morgen versammelte sich eine freudig bewegte Menge an den Eingängen des Magdalenen-Collegiums; aber der Bischof erschien nicht. Bald erfuhr man, daß er durch einen königlichen Boten aus dem Schlafe geweckt und aufgefordert worden war, unverzüglich nach Whitehall zu kommen. Diese rücksichtslose Täuschung erregte große Verwunderung und Angst; in einigen Stunden aber trafen Nachrichten ein, welche Gemüthern, die nicht ohne Grund das Schlimmste zu glauben geneigt waren, die Sinnesänderung des Königs genügend zu erklären schienen. Die holländische Flotte war ausgelaufen, aber durch einen Sturm zurückgetrieben worden. Das Gerücht vergrößerte den Unfall. Eine Menge Schiffe sollten zu Grunde gegangen und tausende von Pferden umgekommen sein. Jeder Gedanke an ein Unternehmen gegen England müsse, wenigstens für dieses Jahr aufgegeben werden. Hier mache die Nation wieder eine schöne Erfahrung. So lange Jakob einen nahe bevorstehenden Einfall und Aufstand erwartet, habe er Befehl zur Wiedereinsetzung Derer gegeben, die er gesetzwidrig beraubt; sobald er sich aber wieder für sicher gehalten habe, sei dieser Befehl widerrufen worden. Obgleich diese Beschuldigung damals allgemein geglaubt und später von Schriftstellern wiederholt wurde, welche hätten gut unterrichtet sein können, war sie doch völlig ungegründet. Es ist erwiesen, daß die Nachricht von dem Mißgeschick der holländischen Flotte auf keinem Wege früher nach Westminster gelangen konnte, als einige Stunden nachdem der Bischof von Winchester den Befehl erhalten hatte, der ihn von Oxford zurückrief. Der König hatte jedoch wenig Recht, sich über den Argwohn seines Volkes zu beschweren. Es war lediglich seine Schuld, wenn es zuweilen ohne genaue Untersuchung der Beweise etwas seiner unehrlichen Politik zuschrieb, was in Wirklichkeit nur Folge eines Zufalls oder eines Versehens war. Daß Leute, welche gewohnheitsmäßig ihr Wort brechen, auch dann keinen Glauben finden, wenn sie es einmal wirklich zu halten gedenken, ist ein Theil ihrer gerechten und natürlichen Strafe.[81]

Es ist bemerkenswerth, daß Jakob sich bei dieser Gelegenheit eine unverdiente Beschuldigung lediglich durch das eifrige Bestreben zuzog, sich von einer andren eben so unverdienten zu reinigen. Der Bischof war so eilig von Oxford zurückberufen worden, um einer außerordentlichen Staatsrathssitzung, oder vielmehr einer nach Whitehall berufenen Versammlung von Notablen beizuwohnen. Außer den wirklichen Mitgliedern des Geheimen Raths nahmen an dieser feierlichen Sitzung alle geistlichen und weltlichen Lords Theil, welche zufällig in der Hauptstadt oder doch in der Nähe derselben waren, außerdem die Richter, die Kronanwälte, der Lordmayor und die Aldermen von London. Petre hatte den Wink bekommen, er werde wohl daran thun, wenn er wegbliebe. Es würden auch in der That wenige Peers Lust gehabt haben, neben ihm zu sitzen. In der Nähe des obersten Sitzes war ein Staatssessel für die Königin Wittwe bereit gestellt. Auch die Prinzessin Anna war zur Theilnahme an der Sitzung eingeladen worden, hatte sich aber mit Unwohlsein entschuldigt.

[80.] „Vento Papista“, sagt Adda unterm 24. Oct. (3. Nov.) 1688. Der Ausdruck „protestantischer Wind“ scheint zuerst auf den Wind angewendet worden zu sein, welcher Tyrconnel eine Zeitlang verhinderte, seine Statthalterschaft in Irland anzutreten. Siehe den ersten Theil des „Lillibullero.“

[81.] Alle hierauf bezüglichen Beweise sind in Howell’s Ausgabe der Staatsprozesse zusammengestellt.

Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt des Prinzen von Wales vorgelegt. [Jakob] sagte dieser zahlreichen Versammlung, daß er es für nöthig halte, Beweise für die Geburt seines Sohnes beizubringen. Die Einflüsterungen böser Menschen hätten die öffentliche Meinung in einer solchen Ausdehnung vergiftet, daß Viele den Prinzen von Wales für ein untergeschobenes Kind hielten. Die Vorsehung aber habe es mit weiser Hand gefügt, daß kaum je ein andrer Prinz in Anwesenheit so vieler Augenzeugen zur Welt gekommen sei. Diese Zeugen traten nun auf und gaben ihre Aussagen ab. Nachdem sie sämmtlich zu Protokoll genommen waren, erklärte Jakob mit großer Feierlichkeit, daß die ihm zur Last gelegte Beschuldigung durchaus falsch sei und daß er lieber einen tausendfachen Tod sterben als einem seiner Kinder Unrecht thun würde.

Alle Anwesenden schienen befriedigt zu sein. Die Zeugenaussagen wurden sogleich veröffentlicht und einsichtsvolle und unparteiische Personen erkannten die Glaubwürdigkeit derselben an.[82] Aber die Verständigen bilden immer eine Minorität, und unparteiisch war damals kaum irgend Jemand. Die ganze Nation war überzeugt, daß jeder aufrichtige Papist es für seine Pflicht hielt, einen falschen Eid zu schwören, wenn er dadurch dem Interesse seiner Kirche diente, und Leute, welche ursprünglich Protestanten, um des Gewinnes willen aber scheinbar zum Papismus übergetreten waren, verdienten womöglich noch weniger Glauben als aufrichtige Papisten. Die Aussagen aller Derjenigen, welche diesen beiden Klassen angehörten, wurden daher von vornherein als null und nichtig betrachtet, und dadurch wurde das Gewicht des Beweises, von dem sich Jakob viel versprochen hatte, bedeutend verringert. Was übrig blieb wurde boshaft bekrittelt. Gegen jeden der protestantischen Zeugen, welche etwas Wesentliches ausgesagt, hatte man etwas einzuwenden. Der Eine war notorisch ein habgieriger Schmarotzer; der Andre hatte zwar seinen Glauben nicht abgeschworen, war aber nahe verwandt mit einem Apostaten. Die Leute fragten, wie sie von Anfang an gefragt hatten, warum, wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der König nicht dafür gesorgt habe, daß die Geburt genügender bewiesen werden könne, da er doch gewußt habe, daß Viele an der wirklichen Schwangerschaft der Königin zweifelten? Lag etwa nichts Verdächtiges in der falschen Berechnung der Zeit, sowie in der Abwesenheit der Prinzessin Anna und des Erzbischofs von Canterbury? Warum war kein Prälat der Landeskirche anwesend? Warum war der holländische Gesandte nicht zugezogen worden? Warum vor Allem hatten die Hyde, diese loyalen Diener der Krone, diese treuen Söhne der Kirche und natürlichen Wächter der Interessen ihrer Nichten, sich nicht unter den Schwarm von Papisten mischen dürfen, welcher in und neben dem Schlafgemache der Königin versammelt war? Warum mit einem Worte befand sich in der langen Liste der Anwesenden nicht ein einziger Name, der das Vertrauen und die Achtung des Publikums genoß? Die wahre Antwort auf diese Fragen war, daß der König einen beschränkten Verstand und einen despotischen Character besaß und daß er mit Freuden eine Gelegenheit ergriffen hatte, um seine Geringschätzung der Meinung seiner Unterthanen an den Tag zu legen. Der große Haufe aber, dem diese Erklärung nicht genügte, schrieb das, was lediglich die Wirkung von Thorheit und Verkehrtheit war, einer vorsätzlichen bösen Absicht zu. Und diese Meinung beschränkte sich nicht allein auf den großen Haufen. Lady Anna sprach am Morgen nach der Staatsrathssitzung bei ihrer Toilette so höhnisch von den Zeugenaussagen, daß selbst die Kammerfrauen, welche sie ankleideten, sich Scherze darüber erlaubten. Einige von den Lords, welche in der Sitzung zugegen gewesen waren und befriedigt zu sein schienen, waren in der That keineswegs überzeugt. Lloyd, Bischof von St. Asaph, dessen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemeine Achtung gebot, glaubte bis ans Ende seines Lebens, daß ein Betrug gespielt worden sei.

[82.] Sie finden sich mit ausführlichen Erläuterungen in Howell’s Ausgabe der Staatsprozesse.

Sunderland’s Ungnade. [Die] vor dem Geheimen Rathe abgegebenen Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Händen des Publikums, als sich das Gerücht verbreitete, daß Sunderland aller seiner Stellen entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint die Kaffeehauspolitiker überrascht zu haben, kam aber Denen, welche die Vorgänge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen können; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn stark in dem Verdachte, daß er auf diesem oder jenem Wege mit den Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm, Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wünschte er alles zeitliche und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte, sein einziger Fehler bestehe darin, daß er der Krone zu eifrig gedient habe. Habe er der königlichen Sache nicht Bürgschaften gegeben? Habe er nicht jede Brücke abgebrochen, über die er im Fall eines Unglücks seinen Rückzug hätte bewerkstelligen können? Habe er nicht fortwährend das Dispensationsrecht aufs äußerste vertheidigt, in der Hohen Commission gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischöfe unterzeichnet und sei er nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwünschungen der Tausende, welche damals Westminsterhall füllten, als Zeuge gegen sie aufgetreten? Habe er nicht den glänzendsten Beweis von seiner Treue gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und öffentlich zu einer der Nation verhaßten Kirche übergetreten sei? Was habe er von einer Veränderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu fürchten? So plausible diese Gründe waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit hervorgehoben wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert verschiedenen Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflüsterungen und Gerüchte nicht zu verwischen. Der König wurde von Tag zu Tag kälter. Sunderland versuchte es nun, sich an die Königin anzulehnen, erlangte auch eine Audienz bei Ihrer Majestät und befand sich gerade in ihrem Zimmer, als Middleton eintrat und ihm auf Befehl des Königs die Siegel abverlangte. An diesem Abend hatte der gefallene Minister die letzte Privatunterredung mit dem Fürsten, dem er geschmeichelt und den er hintergangen hatte. Die Unterredung war höchst merkwürdig. Sunderland spielte den verleumdeten Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte, er bedaure den Verlust des Staatssekretariats und der Präsidentschaft im Geheimen Rathe nicht, wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und Gebieters bliebe. „Machen Sie mich nicht zum unglücklichsten Unterthan Ihres Reichs, Sire, indem Sie mir die Erklärung verweigern, daß Sie mich von Illoyalität freisprechen.“ Der König wußte nicht was er denken sollte. Ein bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und der Pathos, womit Sunderland log, hätte einen schärferen Verstand als der war, mit dem er es zu thun hatte, täuschen können. Bei der französischen Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer Glauben. Dort erklärte er, daß er noch einige Tage in London bleiben und sich am Hofe zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in Althorpe zurückziehen und seinen zerrütteten Finanzen durch Sparsamkeit wieder aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so müsse er nach Frankreich flüchten; seine schlecht vergoltene Loyalität lasse ihm keine andre Zufluchtsstätte übrig.[83]

Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston übergeben. Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankündigte, enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die holländische Flotte betroffen.[84] Dieser Unfall war zwar ernster Art, aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der König und seine wenigen durch ihre Wünsche irregeleiteten Anhänger zu glauben geneigt waren.

[83.] Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25. Oct. (4. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda, 26. Oct. (5. Nov.).

[84.] London Gazette, Oct. 29. 1688.

Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten. [Am] 16. October nach englischer Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der Staaten von Holland gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied zu nehmen. Er dankte ihnen für die freundliche Fürsorge, mit der sie über ihn gewacht, als er eine verlassene Waise gewesen, für das Vertrauen, das sie ihm während seiner Verwaltung geschenkt und für den Beistand, den sie ihm in dieser wichtigen Krisis gewährt hätten. Er bat sie überzeugt zu sein, daß er das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge gehabt und es zu fördern gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht auf immer. Wenn er im Kampfe für den reformirten Glauben und für die Unabhängigkeit Europa’s fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes Weib ihrer Fürsorge. Der Großpensionair antwortete mit gebrochener Stimme und kein Mitglied des ernsten Senates konnte sich der Thränen enthalten. Aber Wilhelm’s eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er stand ruhig und ernst unter seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur zu einem kurzen Ausfluge nach seinen Jagdgründen bei Loo hätte verlassen wollen.[85]

Die Deputirten der vornehmsten Städte begleiteten ihn bis zu seiner Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser Höflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem Tage öffentliche Gebete für ihn gehalten.

[85.] Protokolle der Staaten von Holland und Westfriesland; Burnet, I. 782.

Er schifft sich ein und segelt ab. [Am] Abend kam er in Helvoetsluys an und begab sich an Bord einer Fregatte, die „Brill“ genannt. Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehißt. Sie zeigte das Wappen des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fuß hohen Buchstaben eingestickte Devise war glücklich gewählt. Das Haus Oranien führte seit langer Zeit die elliptische Devise: „Ich werde aufrechterhalten“ (Je maintiendrai); der fehlende Nachsatz wurde jetzt durch die Worte ergänzt: „Die Freiheiten Englands und die protestantische Religion.“

Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen. [Der] Prinz befand sich kaum einige Stunden an Bord, so wurde der Wind günstig. Am neunzehnten stach die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefähr den halben Weg zwischen den Küsten Hollands und Englands zurück. Plötzlich aber sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die holländische Küste wieder. Die „Brill“ langte am einundzwanzigsten vor Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung bemerkt, daß weder Gefahr noch Mißgeschick nur einen Augenblick seine ernste Ruhe gestört hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, daß sein Bleiben an Bord Europa am deutlichsten zeigen werde, daß der ihn betroffene Unfall die Ausführung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzögern könne. In einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermißt. Nur einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.[86]

[86.] London Gazette, Oct. 29. 1688; Burnet, I. 782; Bentinck an seine Gattin, 21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24. Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.) 1688.

Seine Erklärung kommt in England an. [Seine] Erklärung gelangte nur einige Stunden vor seiner Ankunft nach England. Am 1. November begannen die londoner Politiker heimlich davon zu flüstern, sie ging von Hand zu Hand und wurde in die Briefkästen des Postamts geworfen. Einer der Agenten wurde verhaftet und die Packete, die er zu besorgen hatte, nach Whitehall gebracht. Der König las die Proklamation und sie machte einen erschütternden Eindruck auf ihn. Sein erster Gedanke war, das Papier vor jedem menschlichen Blicke zu verbergen. Er ließ daher sämmtliche ihm überbrachte Exemplare bis auf eines verbrennen, und dieses eine wagte er kaum aus den Händen zu geben.[87]

[87.] Citters, 2.(12.) Nov. 1688; Adda, 2.(12.) Nov.

Jakob befragt die Lords. [Der] Paragraph des Manifestes, der ihn am meisten beunruhigte, war der, in welchem gesagt war, daß einige von den geistlichen und weltlichen Peers den Prinzen von Oranien zu einem Einfall in England aufgefordert hätten. Halifax, Clarendon und Nottingham, welche gerade in London waren, wurden sogleich in den Palast beschieden und über diesen Punkt befragt. Halifax weigerte sich anfangs, eine Antwort zu geben, obgleich er sich seiner Unschuld bewußt war. „Eure Majestät fragt mich, ob ich einen Hochverrath begangen habe,“ sagte er. „Wenn ich eines solchen verdächtig bin, so lassen Sie mich vor den Gerichtshof meiner Peers stellen. Kann Eure Majestät der Antwort eines Angeklagten, dessen Leben auf dem Spiele steht, Glauben schenken? Selbst wenn ich Seine Hoheit ersucht hätte herüberzukommen, würde ich mich ohne Bedenken für nichtschuldig erklären.“ Der König erwiederte ihm, daß er ihn durchaus nicht als einen Angeklagten betrachte, sondern ihn nur gefragt habe, wie ein Gentleman einen Andren, der verleumdet worden sei, frage, ob die Verleumdung irgend eine Begründung habe. „In diesem Falle,“ sagte Halifax, „nehme ich als Gentleman, der mit einem Gentleman spricht, keinen Anstand, bei meiner Ehre, die mir eben so heilig ist als ein Eid, zu versichern, daß ich den Prinzen von Oranien nicht veranlaßt habe herüberzukommen.“[88] Clarendon und Nottingham sagten das Nämliche. Noch mehr wünschte der König, die Gesinnung der Prälaten zu ergründen. Wenn diese ihm feindlich gesinnt waren, dann war sein Thron wirklich in Gefahr. Aber das konnte nicht sein. Daß ein Bischof der anglikanischen Kirche sich gegen seinen Souverain empören sollte, war etwas Unerhörtes. Compton wurde ins königliche Kabinet gerufen und gefragt, ob der Prinz den geringsten Grund zu seiner Behauptung habe. Der Bischof war in Verlegenheit, denn er gehörte zu den Sieben, welche die Einladung unterzeichnet hatten, und sein nicht sehr weites Gewissen wollte ihm wahrscheinlich nicht gestatten, eine positive Unwahrheit zu sagen. „Sire,“ antwortete er, „ich bin fest überzeugt, daß es unter meinen Amtsbrüdern keinen giebt, der in dieser Angelegenheit nicht eben so schuldlos wäre, als ich selbst.“ Die Zweideutigkeit war gut ersonnen; ob aber der Unterschied zwischen der Sünde einer solchen Zweideutigkeit und der Sünde einer Lüge irgend eines Aufwandes von Erfindungsgeist werth war, mag vielleicht bezweifelt werden. Der König war zufriedengestellt. „Ich spreche Sie Alle vollkommen frei,“ sagte er; „aber ich halte es für nöthig, daß Sie öffentlich die ehrenrührige Beschuldigung zurückweisen, die Ihnen in der Erklärung des Prinzen zur Last gelegt wird.“ Der Bischof bat natürlich darum, das Papier lesen zu dürfen, dem er widersprechen sollte; der König aber wollte ihn keinen Blick darauf werfen lassen.

Am folgenden Tage erschien eine Proklamation, in der einem Jeden, der es wagen sollte, Wilhelm’s Manifest zu verbreiten, oder es auch nur zu lesen, die härtesten Strafen angedroht wurden.[89] Der Primas und die wenigen in London anwesenden geistlichen Peers waren vor den König beschieden worden. Preston war, mit der Erklärung des Prinzen in der Hand, bei der Audienz zugegen. „Mylords,“ sagte der König, „hören Sie folgende Stelle. Dieselbe geht Sie an.“ Preston las nun den Paragraph vor, in welchem die geistlichen Peers erwähnt waren. „Ich glaube kein Wort von dem Allen,“ fuhr der König fort; „ich bin von Ihrer Unschuld überzeugt; aber ich halte es für nöthig Ihnen mitzutheilen, wessen Sie beschuldigt sind.“

Der Primas erklärte dem Könige mit vielen Versicherungen der Ehrerbietung, daß Seine Majestät ihm nur Gerechtigkeit widerfahren lasse. „Ich bin als treuer Unterthan Eurer Majestät geboren,“ sagte er, „und ich habe meine Unterthanentreue zu wiederholten Malen eidlich bekräftigt. Ich kann nur einen König auf einmal haben. Ich habe den Prinzen nicht eingeladen herüberzukommen, und ich glaube nicht, daß ein einziger von meinen Amtsbrüdern es gethan hat.“ — „Ich weiß gewiß, daß ich es nicht gethan habe,“ sagte Crewe von Durham. „Ich auch,“ setzte Cartwright von Chester hinzu. Crewe und Cartwright konnte man wohl glauben, denn sie hatten Beide in der Hohen Commission gesessen. Als Compton an die Reihe kam, umging er die Frage mit einer Gewandtheit, um die ihn ein Jesuit hätte beneiden können. „Ich gab schon gestern Eurer Majestät meine Antwort.“

Jakob wiederholte ihnen immer und immer wieder, daß er sie alle vollkommen freispreche. Trotzdem dürfte es aber doch für ihn nützlich und zu ihrer Ehrenrettung nöthig sein, daß sie sich öffentlich rechtfertigten. Er verlangte daher von ihnen die schriftliche Erklärung, daß sie den Plan des Prinzen verabscheuten. Sie schwiegen, ihr Stillschweigen wurde als Zustimmung betrachtet und sie durften sich entfernen.[90]

[88.] Ronquillo, 12.(22.) Nov. 1688. „Estas respuestas,“ sagt Ronquillo, „son ciertas, aunque mas las encubrian en la corte.“

[89.] London Gazette, Nov. 5. 1688. Die Proklamation ist vom 2. Nov. datirt.

[90.] Tanner MSS.

Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel. [Unterdessen] schwamm Wilhelm’s Flotte auf der Nordsee. Am Abend des Donnerstag, den 2. November, ging er wieder unter Segel. Der Wind blies frisch aus Osten. Zwölf Stunden lang steuerte die Flotte in nordwestlicher Richtung. Die von dem englischen Admiral auf Recognoscirung ausgesandten leichten Fahrzeuge brachten Nachrichten, welche die vorherrschende Ansicht, daß der Feind in Yorkshire zu landen versuchen werde, bestätigten. Plötzlich aber machte die ganze Flotte auf ein vom Schiffe des Prinzen gegebenes Signal eine Wendung und steuerte nach dem britischen Kanal. Der nämliche Wind, der die Reise der Angreifer begünstigte, verhinderte Dartmouth, aus der Themse auszulaufen. Seine Schiffe mußten Raaen und Stengen einziehen, und zwei von seinen Fregatten, welche die hohe See gewonnen hatten, wurden von dem heftigen Sturme arg zugerichtet und in den Fluß zurückgetrieben.

Inzwischen segelte die holländische Flotte rasch vor dem Winde und erreichte die Meerenge am Samstag den 3. November ungefähr um zehn Uhr Morgens. Wilhelm selbst fuhr mit der „Brill“ voraus, und mehr als sechshundert Fahrzeuge folgten ihm mit vollen Segeln. Die Transportschiffe befanden sich in der Mitte, und die Kriegsschiffe, über fünfzig an Zahl, bildeten den äußeren Wehrgürtel. Herbert befehligte die ganze Flotte unter dem Titel eines Generallieutenant-Admirals. Sein Schiff segelte unter der Nachhut und viele englische Seeleute, die von Haß gegen den Papismus erfüllt und durch hohen Sold angelockt waren, dienten unter ihm. Es hatte dem Prinzen viele Mühe gekostet einige hohe holländische Offiziere dazu zu bewegen, daß sie sich dem Oberbefehl eines Ausländers unterwarfen. Diese Anordnung aber war höchst weise. Auf der Flotte des Königs herrschte große Unzufriedenheit und ein glühender Eifer für den protestantischen Glauben. Aber innerhalb der Erinnerung alter Seeleute hatten die holländische und die englische Flotte dreimal mit heldenmüthiger Tapferkeit und wechselndem Glücke um die Herrschaft auf der See gekämpft. Unsere Seeleute hatten den Besen noch nicht vergessen, mit dem Van Tromp den Kanal zu fegen gedroht hatte, und eben so wenig das Feuer, welches De Ruyter auf den Werften des Medway angezündet. Hätten sich die beiden rivalisirenden Nationen noch einmal auf dem Elemente begegnet, auf welchem jede von ihnen die Herrschaft für sich in Anspruch nahm, so würde die gegenseitige Erbitterung keinen andren Gedanken haben aufkommen lassen. Eine blutige und hartnäckige Schlacht würde stattgefunden haben und eine Niederlage wäre für Wilhelm der Todesstoß gewesen. Selbst ein Sieg würde alle seine tief durchdachten politischen Pläne zerstört haben. Er hatte daher wohlweislich beschlossen, die Verfolger, falls er mit ihnen zusammentreffen sollte, in ihrer Muttersprache zu begrüßen und sie durch einen Admiral, unter dem sie gedient hatten, und den sie hochachteten, bitten zu lassen, daß sie nicht gegen alte Kameraden für papistische Tyrannei fechten sollten. Eine solche Aufforderung konnte möglicherweise einem Zusammenstoße vorbeugen. Erfolgte aber dennoch ein solcher, so standen wenigstens zwei englische Befehlshaber einander gegenüber, und der Stolz der Inselbewohner wurde nicht verwundet, wenn sie erfuhren, daß Dartmouth vor Herbert hatte die Flagge streichen müssen.[91]

[91.] Avaux, 12.(22.) Juli u. 14.(24.) Aug. 1688. Herr de Jonge, der mit den Nachkommen des holländischen Admirals Evertson verwandt ist, hat die Gefälligkeit gehabt, mir einige aus Familienpapieren entnommene interessante Notizen mitzutheilen. In einem vom 6.(16.) Sept. 1688 datirten Briefe an Bentinck legt Wilhelm ein großes Gewicht auf die Nothwendigkeit, einen Zusammenstoß zu vermeiden und bittet Bentinck darum, dies Herbert vorzustellen. „Ce n’est pas le tems de faire voir sa bravoure, ni de se battre si l’on le peut éviter. Je luy l’ai déjà dit, mais il sera nécessaire que vous le répétiez, et que vous le luy fassiez bien comprendre.“

Er passirt die Meerenge. [Zum] Glück war Wilhelm’s Vorsicht überflüssig. Bald nach Mittag passirte er die Meerenge. Seine Flotte breitete sich auf eine Meile Entfernung von Dover im Norden und von Calais im Süden aus. Die Kriegsschiffe auf der äußersten Rechten und der äußersten Linken begrüßten beide Festungen gleichzeitig. Die Truppen traten auf dem Verdeck unters Gewehr, und das Geschmetter der Trompeten, der Klang der Cymbeln und der Trommelwirbel wurden an der englischen und der französischen Küste zu gleicher Zeit deutlich gehört. Eine unzählige Menge Neugieriger verdunkelte das weiße Gestade von Kent. Eine nicht minder zahlreiche Menge bedeckte die Küste der Picardie. Rapin de Thoyras, der durch Verfolgung aus seinem Vaterlande vertrieben, in der holländischen Armee Dienste genommen hatte und den Prinzen nach England begleitete, schilderte viele Jahre später das Schauspiel als das prächtigste und erhabenste, das je ein menschliches Auge gesehen. Bei Sonnenuntergang befand sich die Flotte auf der Höhe von Beachy Head. Jetzt wurden die Lichter angezündet. Das Meer strahlte davon viele Meilen im Umkreise. Aber die Blicke aller Steuermänner waren die ganze Nacht hindurch auf drei kolossale Laternen gerichtet, welche am Spiegel der „Brill“ leuchteten.[92]

Unterdessen war von Dover ein Courier nach Whitehall abgeschickt worden mit der Nachricht, daß die holländische Flotte die Meerenge passirt habe und westwärts steure. Dies machte eine sofortige Abänderung aller militairischen Anordnungen nöthig. Nach allen Richtungen hin wurden Eilboten ausgesandt, die Offiziere mitten in der Nacht aus den Betten geholt. Am Sonntag Morgen um drei Uhr fand in Hyde Park eine große Musterung bei Fackelschein statt. In der Voraussetzung, daß Wilhelm in Yorkshire landen werde, hatte der König mehrere Regimenter nach dem Norden geschickt. Es wurden unverzüglich Expresse abgefertigt, um sie zurückzurufen. Alle Truppen bis auf diejenigen, welche zur Aufrechthaltung der Ruhe in der Hauptstadt nöthig waren, wurden nach dem Westen beordert. Salisbury war zum Sammelplatz bestimmt; da man es aber für möglich hielt, daß Portsmouth der erste Angriffspunkt werden könnte, so brachen drei Bataillone Garden und ein starkes Kavalleriecorps nach dieser Festung auf. In einigen Stunden erfuhr man, daß Portsmouth sicher sei, und die Truppen erhielten deshalb sofort den Befehl, umzukehren und nach Salisbury zu eilen.[93]

[92.] Rapin’s History; Whittle’s Exact Diary. Ich habe einen aus der damaligen Zeit herrührenden Plan von der Ordnung gesehen, in welcher die Flotte segelte.

[93.] Adda, 5.(15.) Nov. 1688; Neuigkeitsbrief in der Mackintosh-Sammlung; Citters, 6.(16.) Nov.

Seine Landung bei Torbay. [Als] der Sonntag, der 4. November, anbrach, hatte die holländische Flotte die Klippen der Insel Wight in Sicht. Dieser Tag war zu gleicher Zeit Wilhelm’s Geburtstag und Hochzeitstag. Während der ersten Stunden des Morgens wurden die Segel losgemacht und auf den Schiffen Gottesdienst gehalten. Am Nachmittag und die Nacht durch steuerte die Flotte in der bisher verfolgten Richtung weiter. Torbay war der Ort, wo Wilhelm zu landen gedachte. Der Morgen des 5. November war trübe und nebelig, so daß der Steuermann der „Brill“ die Seezeichen nicht erkennen konnte und die Flotte zu weit westlich führte. Die Gefahr war groß. Dem Wind entgegen wieder umzukehren war unmöglich. Der nächste Hafen war Plymouth, aber dort lag eine Garnison unter dem Commando des Lord Bath. Diese konnte sich der Landung möglicherweise widersetzen und ein Unfall konnte schlimme Folgen haben. Überdies konnte man kaum daran zweifeln, daß die königliche Flotte jetzt die Themse verlassen hatte und mit vollen Segeln dem Kanal zusteuerte. Russell erkannte die ganze Größe der Gefahr und sagte zu Burnet: „Sie können immer beten, Doctor. Es ist Alles vorbei.“ In diesem Augenblicke sprang der Wind um, es erhob sich eine leichte Südbrise, der Nebel zerstreute sich, die Sonne schien, und bei dem matten Lichte eines Herbstnachmittags wendete sich die Flotte, umschiffte das hohe Cap Berry Head und lief wohlbehalten in den Hafen von Torbay ein.[94]

Seit der Zeit, als Wilhelm auf diesen Hafen blickte, hat sich die Gestalt desselben sehr verändert. Das Amphitheater, welches das weite Becken umgiebt, bietet jetzt überall Zeichen von Wohlstand und Civilisation dar. Am nordöstlichen Ende ist ein großer Badeort entstanden, dessen milder italienischer Himmel Gäste aus den entferntesten Theilen der Insel anzieht, denn hier blüht die Myrthe im Freien und selbst der Winter ist milder als in Northumberland der April. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf ungefähr zehntausend Seelen. Die neuerbauten Kirchen und Kapellen, die Bäder und Leseinstitute, die Gasthöfe und öffentlichen Gärten, das Krankenhaus und das Museum, die sich terrassenförmig an der Küste hinaufziehenden weißen Straßen, die hinter Buschwerk und Blumenbeeten hervorschimmernden freundlichen Landhäuser gewähren einen Anblick, wie ihn England im siebzehnten Jahrhunderte nirgends aufweisen konnte. Auf der andren Seite der Bucht liegt, durch Berry Head geschützt, der lebhafte Marktort Brixham, der wohlhabendste Sitz unsres Fischhandels. Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts wurde hier ein Molo und ein Hafen angelegt, die sich aber für den zunehmenden Verkehr bald als ungenügend erwiesen. Die Bevölkerung beträgt etwa sechstausend Seelen und der Schiffsverkehr beläuft sich auf mehr als zweihundert Segel. Der Tonnengehalt der ein- und auslaufenden Schiffe übertrifft sehr oft den des Hafens von Liverpool zu den Zeiten der Stuarts. Als aber die holländische Flotte in der Torbay vor Anker ging, war sie nur als ein Hafen bekannt, in den sich zuweilen die Schiffe vor den Stürmen des atlantischen Oceans flüchteten. Das Gewühl des Handels und des Vergnügens störte noch nicht die Ruhe ihrer stillen Ufer und nur spärliche Bauer- und Fischerhütten lagen zerstreut umher auf dem Boden, der jetzt mit belebten Marktorten und prächtigen Lusthäusern bedeckt ist.

Die Landleute an der Küste von Devonshire gedachten noch in Liebe des Namens Monmouth und verabscheuten den Papismus. Sie kamen daher ans Ufer herbeigeströmt, um Lebensmittel und Dienstleistungen anzubieten. Die Ausschiffung begann unverzüglich. Sechzig Böte brachten die Truppen ans Ufer. Zuerst wurde Mackay mit den britischen Regimentern ans Land gesetzt. Ihm folgte bald nachher der Prinz. Er landete an der Stelle, wo sich gegenwärtig der Quai von Brixham befindet. Die Gegend hat jetzt ein ganz andres Aussehen. Wo wir jetzt einen mit Fahrzeugen angefüllten Hafen und einen von Käufern und Verkäufern wimmelnden Marktort erblicken, brachen sich damals die Wogen an einer öden Küste; aber ein Stück von dem Felsen, auf den der Befreier beim Aussteigen aus seinem Boote trat, ist sorgsam aufbewahrt und in der Mitte des geräuschvollen Quais als ein Gegenstand der öffentlichen Verehrung aufgestellt worden.

Sobald der Prinz den Fuß auf festen Boden gesetzt hatte, verlangte er Pferde, und zwei Thiere, wie die kleinen Gutsbesitzer sie damals zu reiten pflegten, wurden aus dem nächsten Dorfe herbeigeschafft. Wilhelm und Schomberg bestiegen dieselben und ritten fort, um die Gegend zu recognosciren.

Sobald Burnet ans Land gestiegen war, eilte er zu dem Prinzen, und es fand ein ergötzliches Gespräch zwischen ihnen statt. Burnet ergoß sich in freudige Beglückwünschungen und fragte dann begierig, was Seine Hoheit zu thun gedenke. Militairs haben selten Lust, sich über kriegerische Angelegenheiten mit Geistlichen zu berathen, und Wilhelm betrachtete die Einmischung von Laien in Kriegsfragen mit noch größerem Widerwillen als andere Soldaten bei solchen Gelegenheiten. Aber er war in diesem Augenblicke gerade besonders gutgelaunt, und anstatt daher durch einen kurzen, dem Gespräch sofort ein Ende machenden Verweis sein Mißfallen zu äußern, reichte er seinem Kaplan freundlich die Hand und antwortete auf dessen Frage mit einer andren, indem er sagte: „Nun, Doctor, was halten Sie jetzt von der Prädestination?“ Der Tadel war so mild, daß Burnet, der eben nicht sehr feinfühlend war, ihn gar nicht fühlte. Er antwortete mit großer Wärme, daß er nie vergessen werde, wie sichtbar der Himmel ihr Unternehmen begünstigt habe.[95]

Am ersten Tage hatten die ausgeschifften Truppen manche Unannehmlichkeiten zu ertragen. Der Boden war vom Regen erweicht, und die Bagage war noch auf den Schiffen. Hohe Offiziere mußten in durchnäßten Kleidern auf der feuchten Erde schlafen und der Prinz selbst hatte kein besseres Obdach als eine gewöhnliche Hütte. Auf dem Strohdache derselben wurde sein Banner aufgepflanzt und einige Betten, die man von seinem Schiffe mitgebracht hatte, wurden auf den Boden gebreitet.[96] Die Ausschiffung der Pferde machte einige Schwierigkeiten, und es hatte ganz den Anschein, als würde dieses Geschäft mehrere Tage Zeit wegnehmen. Am folgenden Morgen aber erheiterte sich die Aussicht. Der Wind legte sich und das Wasser der Bai war eben wie ein Spiegel. Einige Fischer zeigten eine Stelle, wo sich die Schiffe der Küste bis auf sechzig Fuß nähern konnten. Dies geschah und in drei Stunden wurden mehrere hundert Pferde wohlbehalten ans Land geschafft.

Die Ausschiffung war kaum beendigt, so erhob sich der Wind von neuem und schwoll bald zu einem heftigen Weststurme an. Der zur Verfolgung den Kanal herabkommende Feind war durch den nämlichen Witterungswechsel, welcher dem Prinzen die Landung ermöglichte, aufgehalten worden. Seit zwei Tagen lag die königliche Flotte auf windstiller See angesichts Beachy Head. Endlich konnte Dartmouth wieder unter Segel gehen. Er fuhr bei der Insel Wight vorüber und eines seiner Schiffe bekam die Mastspitzen der bei Torbay liegenden Holländer in Sicht. Gerade in diesem Augenblicke erhob sich der ihm widrige Sturm, der ihn zwang, sich in den Hafen von Portsmouth zu flüchten.[97] Jakob, der in Schifffahrtsangelegenheiten wohl ein Urtheil hatte, erklärte damals, er sei fest überzeugt, daß sein Admiral Alles gethan habe, was in eines Menschen Macht stehe und daß er nur der unüberwindlichen Feindschaft des Windes und der Wogen gewichen sei. Zu einer späteren Zeit begann der unglückliche Fürst mit schlechtem Grunde Dartmouth des Verraths oder wenigstens eines Mangels an Energie zu beschuldigen.[98]

Das Wetter hatte in der That die protestantische Sache so auffallend begünstigt, daß manche Leute, deren Frömmigkeit größer war als ihr Verstand, fest glaubten, die gewöhnlichen Gesetze der Natur seien um der Erhaltung der Freiheit und der Religion Englands willen außer Kraft gesetzt worden. Gerade vor hundert Jahren, sagten sie, sei die für unüberwindlich gehaltene Armada durch den Zorn Gottes vernichtet worden. Die bürgerliche Freiheit und die göttliche Wahrheit seien abermals in Gefahr gewesen, und wieder hätten die gehorsamen Elemente für die gute Sache gekämpft. Der Wind habe kräftig aus Osten geblasen, als der Prinz den Kanal hinabzusegeln wünschte, sei nach Süden umgesprungen, als er habe in die Torbai einfahren wollen, habe sich für die Dauer der Ausschiffung gelegt und sei sobald die Ausschiffung vollendet gewesen, wieder zu einem Sturme angeschwollen, der den Verfolgern gerade ins Gesicht wehte. Auch unterließ man nicht, auf das sonderbare Zusammentreffen Gewicht zu legen, daß der Prinz unsere Küsten gerade an dem Tage erreicht hatte, an welchem die anglikanische Kirche die wunderbare Errettung des königlichen Hauses und der drei Stände von dem schwärzesten Complot, das die Papisten jemals ersonnen, durch Gebet und Dankgottesdienst feierte. Carstairs, dessen Winke bei dem Prinzen stets beachtet wurden, rieth dazu, daß sogleich nach bewerkstelligter Landung ein öffentlicher Dankgottesdienst für den sichtbaren Schutz, den der Himmel dem Unternehmen habe angedeihen lassen, gehalten werden solle. Der Rath wurde befolgt und hatte außerordentlich gute Wirkung. Die Truppen, die sich nun als Günstlinge des Himmels betrachten lernten, wurden von neuem Muthe beseelt und das englische Volk faßte die günstigste Meinung von einem General und einer Armee, welche den Pflichten der Religion so große Aufmerksamkeit schenkten.

Am Dienstag den 6. November begann Wilhelm’s Armee landeinwärts zu marschiren. Einige Regimenter rückten bis Newton Abbot vor. Ein im Mittelpunkte dieses Städtchens errichteter Denkstein bezeichnet noch die Stelle, wo die Erklärung des Prinzen den Bewohnern feierlich vorgelesen wurde. Die Truppen konnten sich nur langsam vorwärts bewegen, denn der Regen fiel in Strömen und die Straßen Englands befanden sich damals noch in einem Zustande, der Leuten, welche die vortrefflichen Communicationswege Hollands gewohnt waren, entsetzlich vorkam. Wilhelm nahm auf zwei Tage sein Hauptquartier in Ford, einer Besitzung der alten und vornehmen Familie von Courtenay, unweit Newton Abbot. Er fand hier eine prächtige Wohnung und glänzende Bewirthung, aber es ist auffallend, daß der Hausherr, obgleich ein eifriger Whig, nicht der Erste sein wollte, der Leben und Eigenthum aufs Spiel setzte, und sich sorgfältig hütete, irgend etwas zu thun, was, im Fall der König die Oberhand behielt, als ein Verbrechen angesehen werden konnte.

[94.] Burnet, I. 788; Auszüge aus den Legge’schen Papieren in der Mackintosh-Sammlung.

[95.] Ich glaube, wer Burnet’s Bericht von dieser Unterredung mit dem Bericht Dartmouth’s vergleicht, kann nicht zweifeln, daß ich den Vorgang richtig dargestellt habe.

[96.] Ich habe eine Abbildung der Ausschiffung aus der damaligen Zeit gesehen. Einige Männer bringen eben die Betten des Prinzen in die Hütte, auf deren Dache seine Fahne weht.

[97.] Burnet, I. 789; Legge-Papiere.

[98.] Unterm 9. Nov. 1688 schrieb Jakob an Dartmouth: „Niemand hätte anders zu Werke gehen können als Sie es gethan haben. Ich bin überzeugt, daß alle erfahrenen Seeleute der nämlichen Meinung sein müssen.“ Siehe dagegen Clarke’s Life of James, II. 207. Orig. Mem.

Sein Einzug in Exeter. [In] Exeter herrschte inzwischen große Aufregung. Sobald der Bischof Lamplugh erfuhr, daß die Holländer in der Torbai angekommen waren, eilte er in Todesangst nach London. Der Dechant entfloh aus der Dechanei. Die Behörden waren für den König, die große Masse der Einwohner für den Prinzen. Alles gerieth in die größte Bestürzung, als am Morgen des 8. November ein Truppencorps unter Mordaunt’s Commando vor der Stadt erschien. Mit Mordaunt zugleich kam Burnet, dem Wilhelm aufgetragen hatte, die Geistlichkeit der Kathedrale vor Beleidigungen und Insulten zu schützen.[99] Der Mayor und die Aldermen hatten die Thore schließen lassen, öffneten sie aber auf die erste Aufforderung. Die Dechanei wurde zum Empfang des Prinzen eingerichtet. Am folgenden Tage, Freitag den neunten, kam er an. Die Behörden waren dringend aufgefordert worden, ihn am Thore der Stadt mit Gepränge zu empfangen, hatten dies aber beharrlich verweigert. Der Pomp dieses Tages konnte sie auch entbehren. Ein solches Schauspiel hatte Devonshire noch nie gesehen. Viele kamen eine halbe Tagereise weit herbei, um den Vorkämpfer ihres Glaubens zu begrüßen. Alle umliegenden Dörfer sandten ihre Einwohnerschaft. Eine große Volksmenge, hauptsächlich aus jungen Landleuten bestehend, die ihre Knotenstöcke schwangen, hatte sich auf dem Gipfel des Haldonhügels versammelt, wo die von Chudleigh kommende Armee zum ersten Male das reiche Thal der Exe und die beiden massiven Thürme erblickte, welche aus der über der Hauptstadt des Westens lagernden Rauchwolke emporragten. Der ganze Weg den Abhang hinunter über die Ebene bis aus Ufer des Flusses war in seiner ganzen Länge mit Zuschauern bedeckt. Vom Westthore bis zum Domplatze war das Gedränge und der Jubel allenthalben so groß, daß anwesende Londoner sich dabei an den Umzug des Lordmayors erinnerten. Die Häuser waren festlich geschmückt und alle Thüren, Fenster, Balcons und Dächer mit Zuschauern besetzt. Ein an kriegerischen Pomp gewöhntes Auge würde jedoch an dem Schauspiele mancherlei zu tadeln gefunden haben, denn mehrere beschwerliche Tagemärsche bei Regenwetter und auf Straßen, wo ein Fußgänger bei jedem Schritte bis über die Knöchel in den Schmutz einsank, hatten das Aussehen der Mannschaften und ihrer Monturstücke eben nicht verbessert. Die Bevölkerung von Devonshire aber, welche an den Glanz wohlgeordneter Feldlager durchaus nicht gewöhnt war, wurde von Freude und Ehrfurcht überwältigt. Beschreibungen des kriegerischen Schauspiels wurden im ganzen Lande verbreitet, und sie enthielten Vieles, was wohl geeignet war, den Geschmack des gemeinen Volks an Wunderdingen zu befriedigen. Denn die holländische Armee, aus Männern zusammengesetzt, die unter verschiedenen Himmelsstrichen geboren waren und unter verschiedenen Fahnen gedient hatten, gewährte Inselbewohnern, welche größtentheils sehr undeutliche Begriffe von fremden Ländern hatten, einen zugleich grotesken, prächtigen und furchtbaren Anblick. Voran ritt Macclesfield an der Spitze von zweihundert Gentlemen meist britischer Abkunft, mit blitzenden Helmen und Brustharnischen, auf flämischen Schlachtrossen reitend. Jeder von ihnen hatte einen aus den Zuckerplantagen der Küste von Guiana mitgebrachten Neger bei sich. Die Bürger von Exeter, welche noch nie so viele Exemplare der afrikanischen Menschenrace beisammengesehen hatten, betrachteten mit Staunen die schwarzen Gesichter, welche durch gestickte Turbane und weiße Federn noch mehr hervorgehoben wurden. Dann kam eine Schwadron schwedischer Reiter mit gezogenen breiten Schwertern in schwarzer Rüstung und Pelzmänteln. Sie erweckten ganz besonderes Interesse, denn man sagte, daß sie aus einem Lande stammten, wo das Meer zugefroren und es die Hälfte des ganzen Jahres hindurch Nacht sei, und daß sie die riesigen Bären, deren Felle sie trugen, selbst erlegt hätten. Hierauf folgte, umgeben von einer eleganten Truppe Gentlemen und Pagen das hoch getragene Banner des Prinzen. Auf den breiten Falten desselben las die Menge, welche Fenster und Dächer besetzt hielt, mit Wonne die denkwürdige Inschrift: „Die protestantische Religion und die Freiheiten Englands.“ Der Jubel steigerte sich noch, als der Prinz selbst, mit Brust- und Rückenharnisch und einer weißen Feder geschmückt auf seinem weißen Streitrosse erschien. Mit welchem kriegerischen Anstande er sein Pferd lenkte, wie sinnend und gebieterisch der Ausdruck seiner breiten Stirn und seines Falkenauges war, kann man noch heute an Kneller’s Portrait von ihm sehen. Einmal milderten sich seine ernsten Gesichtszüge zu einem Lächeln, als eine alte Frau, vielleicht eine von den eifrigen Puritanerinnen, welche durch achtundzwanzig Jahre der Verfolgung im festen Glauben auf den Trost Israels ausgeharrt hatte, vielleicht die Mutter eines Rebellen, der in der blutigen Schlacht von Sedgemoor oder bei dem noch fürchterlicheren Gemetzel der blutigen Assisen umgekommen war, sich hervordrängte, sich mitten unter die gezogenen Schwerter und bäumenden Rosse stürzte, die Hand des Befreiers berührte und ausrief, daß sie jetzt glücklich sei. Nicht weit von dem Prinzen ritt ein Mann, der mit ihm die aufmerksamen Blicke der Menge theilte. Das, sagte man, sei der große Graf Schomberg, der erste Soldat in Europa, seitdem Turenne und Condé nicht mehr wären, der Mann, dessen Genie und Tapferkeit die portugiesische Monarchie auf dem Schlachtfelde von Montes Claros gerettet, der Mann, der sich noch höheren Ruhm dadurch erworben, daß er um seines Glaubens willen den Stab eines Marschalls von Frankreich niedergelegt. Man hatte nicht vergessen, daß die beiden Helden, welche, durch ihren gemeinsamen Protestantismus unauflöslich aneinander gekettet, jetzt zusammen in Exeter einzogen, vor zwölf Jahren einander unter den Mauern von Mastricht gegenüberstanden und daß damals der Feuereifer des jungen Prinzen dem kalten Wissen des Veteranen, der jetzt als Freund an seiner Seite ritt, nicht gewachsen war. Dann kam eine lange Colonne des bärtigen Fußvolks der Schweizer, die sich seit zwei Jahrhunderten in allen festländischen Kriegen durch vorzügliche Tapferkeit und Disciplin ausgezeichnet, aber bis diesen Augenblick noch nie auf englischem Boden gesehen worden waren. Hinter ihnen folgte eine Reihe von Truppencorps, welche nach ihren Anführern Bentinck, Solms und Ginkell, Talmash und Mackay genannt wurden. Mit besonderem Vergnügen mochten die Engländer ein tapferes Regiment betrachten, das noch den Namen des verehrten und bedauerten Ossory führte. Der Eindruck des ganzen Schauspiels wurde noch erhöht durch die Erinnerung an die denkwürdigen Ereignisse, an denen viele von den Kriegern, welche jetzt durch das Westthor einmarschirten, Theil genommen. Denn sie hatten ganz andren Dienst gesehen, als den der Miliz von Devonshire oder des Lagers von Hounslow. Einige von ihnen hatten den ungestümen Angriff der Franzosen auf dem Schlachtfelde von Seneff zurückgeschlagen, und Andere hatten an jenem hochwichtigen Tage, an welchem die Belagerung von Wien aufgehoben wurde, für das Christenthum mit den Ungläubigen die Schwerter gekreuzt. Selbst die Sinne der Menge wurden durch die Einbildungskraft getäuscht. Neuigkeitsbriefe verbreiteten nach allen Gegenden des Reichs fabelhafte Berichte von der Gestalt und Körperkraft der Eingedrungenen. Es wurde versichert, daß sie mit wenigen Ausnahmen sechs Fuß lang seien und daß sie so große Lanzen, Schwerter und Musketen trügen, wie man sie noch nie in England gesehen hätte. Das Erstaunen der Menge verminderte sich nicht, als die Artillerie ankam, bestehend aus einundzwanzig kolossalen ehernen Geschützen, deren jedes von sechzehn Lastpferden mit Mühe fortgeschleppt wurde. Große Bewunderung erregte ein sonderbares, auf Rädern ruhendes Gebäude. Es war eine ambulante Feldschmiede mit allen zur Ausbesserung von Waffen und Fuhrwerken nöthigen Werkzeugen und Materialien versehen. Nichts aber wurde mit so großem Erstaunen betrachtet, als die Brücke von Böten, welche zum Übersetzen der Wagen mit großer Leichtigkeit über die Exe geschlagen und dann eben so schnell wieder auseinandergenommen wurde, um weiter transportirt zu werden. Wenn man dem Gerücht glauben durfte, war sie nach einem Muster angefertigt, welches die an der Donau gegen die Türken kämpfenden Christen erfunden hatten. Die Fremden erweckten eben so große Zuneigung als Bewunderung. Ihr umsichtiger Führer sorgte dafür, die Einquartierungen so zu vertheilen, daß die Bewohner von Exeter und der umliegenden Ortschaften so wenig als möglich belästigt wurden. Es wurde die strengste Kriegszucht gehandhabt, und nicht allein Plünderung und Gewaltthätigkeiten wirksam verhindert, sondern auch den Truppen eingeschärft, daß sie sich gegen Jedermann, weß Standes er auch sei, artig zu benehmen hätten. Diejenigen, die sich ihre Vorstellungen von einer Armee nach dem Verfahren Kirke’s und seiner Lämmer gebildet hatten, waren ganz erstaunt, Soldaten zu sehen, welche niemals eine Hausfrau barsch anfuhren und kein Ei nahmen ohne es zu bezahlen. In Anerkennung dieses gesitteten Benehmens lieferte das Volk den Truppen Lebensmittel im Überfluß und zu mäßigem Preise.[100]

Sehr viel hing von dem Verfahren ab, welches in dieser wichtigen Krisis die Geistlichkeit der anglikanischen Kirche beobachtete, und die Mitglieder des Kapitels von Exeter waren die Ersten, welche aufgefordert wurden, ihre Gesinnungen offen zu erklären. Burnet kündigte den Canonici, welche durch die Flucht des Dechanten ihres Vorgesetzten beraubt waren, an, daß sie hinfüro das Gebet für den Prinzen von Wales nicht mehr sprechen dürften und daß zu Ehren der glücklichen Ankunft des Prinzen von Oranien ein feierlicher Gottesdienst gehalten werden müßte. Die Canonici fanden es nicht für gut, in ihren Chorstühlen zu erscheinen; aber einige von den Chorsängern und Pfründnern waren anwesend. Wilhelm begab sich mit militairischem Gepränge in die Kathedrale. Als er die prächtige Vorhalle betrat, ließ die berühmte Orgel, welche kaum von einer einzigen von denjenigen übertroffen wird, die der Stolz seines Geburtslandes sind, Triumphklänge ertönen. Er bestieg den Bischofssitz, einen prachtvollen Thron mit reichem Schnitzwerk aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Burnet stand am Fuße desselben und zu beiden Seiten versammelte sich ein zahlreiches Gefolge von Kriegern und Kavalieren. Die weißgekleideten Sänger stimmten das Tedeum an. Als der Gesang, zu Ende war, las Burnet die Erklärung des Prinzen vor; kaum aber hatte er die ersten Worte derselben gesprochen, so drängten sich Geistliche und Sänger eiligst aus dem Chore. Am Schlusse rief Burnet mit lauter Stimme: „Gott erhalte den Prinzen von Oranien!“ und viele Stimmen antworteten feierlich: „Amen!“[101]

Am Sonntag, den 11. November, predigte Burnet vor dem Prinzen in der Kathedrale und sprach über die sichtbare Gnade, welche Gott der englischen Kirche und Nation gewährt. Um dieselbe Zeit ereignete sich in einem bescheideneren Gotteshause ein sonderbarer Vorfall. Ferguson hatte sich vorgenommen, in dem presbyterianischen Versammlungshause zu predigen. Der Geistliche und die Ältesten wollten dies nicht zugeben; aber der heftige und halbwahnsinnige Schurke, der wahrscheinlich die Zeiten Fleetwood’s und Harrison’s zurückgekehrt glaubte, erbrach die Thür, schritt mit dem Schwert in der Hand durch die Versammlung, bestieg die Kanzel und hielt eine heftige Schmährede gegen den König. Die Zeit für solche Albernheiten war vorüber und der Skandal erregte nur Spott und Widerwillen.[102]

[99.] Burnet, I. 790.

[100.] Siehe in Whittle’s Tagebuch die Expedition Seiner Hoheit und den um diese Zeit erschienenen Brief von Exon. Ich habe selbst zwei geschriebene Neuigkeitsbriefe gesehen, in denen der Einzug des Prinzen in Exeter geschildert war. Einige Monate darauf schrieb ein schlechter Dichter ein Theaterstück betitelt: „Die letzte Revolution.“ Eine Scene spielt in Exeter. „Bataillone von der Armee des Prinzen auf ihrem Marsche in die Stadt treten mit wehenden Fahnen, unter Trommelwirbel und Zujauchzen der Bürger auf.“ Ein Edelmann, Namens Misopapas spricht:

„Mylord, könnt Ihr Euch denken,

Wie furchtbar Schuld und Angst dem Hof geschildert

Eure Truppen? Man übertreibt die Zahl

Wie die Gestalt. Sechs Fuß soll jeder sein, gehüllt

In Bärenhaut, der Schweizer, Schwed’ und Brandenburger.“

In einem Liede, das kurz nach dem Einzuge in Exeter erschien, sind die Irländer im Vergleich mit den Riesen, welche Wilhelm commandirte, als wahre Zwerge geschildert:

„O, Berwick, wehe Deinen Mannen,

Im Kampf mit dem Viaggio!

Gleich Zwergen wird man sie verhöhnen

Vor Brandenburgs und Schwedens Söhnen.

Coraggio. Coraggio!“

Addison erwähnt in seinem Freeholder den außerordentlichen Eindruck, den diese romantischen Schilderungen machten.

[101.] Expedition of the Prince of Orange; Oldmixon, 755; Whittle’s Diary; Eachard, III. 911; London Gazette, Nov. 15. 1688.

[102.] London Gazette, Nov. 15. 1688; Expedition of the Prince of Orange.

Unterredung des Königs mit den Bischöfen. [Während] dieser Vorgänge in Devonshire herrschte in London große Gährung. Die Erklärung des Prinzen war trotz aller Vorsichtsmaßregeln jetzt in Jedermanns Händen. Am 6. November beschied Jakob, der noch immer nicht wußte, auf welchem Theile der Küste die Eroberer gelandet waren, den Primas nebst drei anderen Bischöfen, Compton von London, White von Peterborough und Sprat von Rochester, zu einer Conferenz in sein Privatkabinet. Der König hörte die warmen Loyalitätsversicherungen der Prälaten gnädig an und gab ihnen sein Wort darauf, daß er sie nicht in Verdacht habe. „Aber wo ist die Rechtfertigung, die Sie mir bringen sollten?“ fragte er dann. „Sire,“ antwortete Sancroft, „wir haben keine solche mitgebracht, denn wir drängen uns nicht danach, uns vor der Welt rein zu waschen. Es ist uns nichts Neues, daß wir verleumdet und fälschlich angeklagt werden. Unser Gewissen und Eure Majestät sprechen uns frei: dies genügt uns.“ — „Ja,“ entgegnete der König, „aber eine Erklärung von Ihnen ist um meinetwillen nothwendig.“ Hierauf zeigte er den Prälaten ein Exemplar von dem Manifeste des Prinzen und sagte: „Lesen Sie, wie hier von Ihnen gesprochen ist“ — „Sire,“ versetzte einer von den Bischöfen, „nicht Einer unter Fünfhundert hält dieses Manifest für ächt.“ — „Nein!“ rief der König mit Heftigkeit; „dann würden diese Fünfhundert den Prinzen herbeirufen, um mich zu ermorden!“ — „Das wolle Gott verhüten!“ erwiederten die Prälaten einstimmig. Aber der niemals helle Verstand des Königs war jetzt völlig verwirrt. Es war eine seiner Eigenheiten, daß, wenn man seiner Ansicht nicht beipflichtete, er glaubte, man ziehe seine Wahrhaftigkeit in Zweifel. „Dieses Papier wäre nicht ächt?“ rief er aus, indem er die Blätter umwendete. „Verdiene ich keinen Glauben? Hat mein Wort gar keinen Werth?“ — „Jedenfalls, Sire,“ sagte einer der Bischöfe, „ist dies keine geistliche Angelegenheit, sondern sie gehört in das Bereich der Civilgewalt. Gott hat Eurer Majestät das Schwert in die Hand gegeben, und es kommt uns nicht zu, in Ihre Functionen einzugreifen.“ Dann sagte der Erzbischof mit der sanften und gemäßigten Ironie, welche die schmerzlichsten Wunden schlägt, der König müsse ihn entschuldigen, wenn er zu keinem politischen Schriftstück seine Hand leihe. „Ich und meine Amtsbrüder, Sire,“ setzte er hinzu, „haben für unsre Einmischung in Staatsangelegenheiten schon hart genug büßen müssen, und wir werden uns vor einem derartigen Wiederholungsfalle sorgfältig hüten. Wir unterschrieben einst eine durchaus harmlose Petition, wir überreichten dieselbe auf die ehrerbietigste Weise, und wir mußten erfahren, daß wir ein schweres Verbrechen begangen hatten. Nur durch Gottes gnädigen Schutz wurden wir vom Untergange gerettet. Und, Sire, der Grund, den Eurer Majestät Fiskal und Prokurator damals anführten, war der, daß wir außerhalb des Parlaments Privatleute seien und daß Privatleute eine strafbare Anmaßung begingen, wenn sie sich in die Politik mischten. Sie griffen uns mit einer solchen Heftigkeit an, daß ich meinestheils mich für verloren hielt.“ — „Ich danke Ihnen für diese Lection, Mylord von Canterbury,“ sagte der König; „ich hätte gedacht, daß Sie sich nicht für verloren halten würden, wenn Sie in meine Hände fielen.“ Eine solche Sprache würde einem milden Herrscher ganz wohl angestanden haben, aber sie klang sehr sonderbar aus dem Munde eines Fürsten, der eine Frau lebendig verbrannt hatte, weil sie einen seiner fliehenden Feinde bei sich aufgenommen, und dessen eigner Neffe in nutzloser Verzweiflung seine Knie flehend umschlungen hatte. Der Erzbischof ließ sich dadurch nicht zum Schweigen bringen. Er fuhr in seiner Rede fort und zählte die Beleidigungen auf, welche die Creaturen des Hofes der Kirche Englands zugefügt, wobei die Verhöhnung seiner eigenen Schreibart besonders hervorgehoben wurde. Der König wußte nichts weiter zu erwiedern, als daß es unnütz sei vergangene Beschwerden wieder aufzuwärmen und daß er geglaubt habe, diese Dinge seien völlig vergessen. Während er selbst nie die geringste Beleidigung vergaß, war es ihm unbegreiflich, wie Andere nur einige Wochen lang die empfindlichste Beleidigung, die er jemals zugefügt, im Gedächtniß behalten konnten.

Endlich kam das Gespräch wieder auf den Punkt, von dem es ausgegangen war. Der König bestand darauf, daß die Bischöfe öffentlich ihren Abscheu gegen das Unternehmen des Prinzen erklären sollten. Unter zahlreichen Versicherungen der unterwürfigsten Loyalität weigerten sie sich dessen beharrlich. Der Prinz, sagten sie, behaupte sowohl von weltlichen als von geistlichen Peers eingeladen worden zu sein. Die Beschuldigung sei gemeinsam, warum solle also nicht auch die Rechtfertigung gemeinsam sein? „Ich errathe Alles,“ sagte der König; „einige weltliche Peers sind bei Ihnen gewesen und haben Sie überredet, mir in dieser Angelegenheit einen Strich durch die Rechnung zu machen.“ Die Bischöfe versicherten feierlich, daß dem nicht so sei. Aber es würde sonderbar aussehen, bemerkten sie, wenn in einer Frage, bei welcher hochwichtige politische und militairische Rücksichten im Spiele seien, die weltlichen Peers völlig übergangen würden und die Prälaten allein eine hervorragende Rolle spielen sollten. „Ich will es nun einmal so,“ entgegnete Jakob. „Ich bin Ihr König und ich muß wissen, was das Zweckmäßigste ist. Ich will meinen eigenen Weg gehen, und ich verlange von Ihnen, daß Sie mich unterstützen.“ Die Bischöfe versicherten ihn, daß sie vollkommen bereit seien, ihn im Bereiche ihres Wirkungskreises zu unterstützen, als christliche Geistliche mit ihren Gebeten und als Peers des Königreichs mit ihrem parlamentarischen Rathe. Jakob, der weder die Gebete von Ketzern, noch den Rath von Parlamenten brauchte, sah sich bitter getäuscht. Nach einem langen Wortwechsel sagte er endlich: „Genug, ich will Sie nicht weiter belästigen. Da Sie mir nicht beistehen wollen, muß ich mich auf mich selbst und auf meine eigenen Waffen beschränken.“[103]

[103.] Clarke’s Life of James the Second, II. 210; Sprat’s Narrative; Citters, 6.(16.) Nov. 1688.

Ruhestörungen in London. [Kaum] hatten die Bischöfe den König verlassen, so brachte ein Courier die Nachricht, daß der Prinz von Oranien am vorigen Tage in Devonshire gelandet sei. Während der nächstfolgenden Woche war London in gewaltiger Aufregung. Am Sonntag, den 11. November, verbreitete sich das Gerücht, daß in dem unter dem Patronat des Königs zu Clerkenwell errichteten Kloster Messer, Bratroste und Siedekessel versteckt wären, welche zur Folterung von Ketzern hätten dienen sollen. Zahlreiche Menschenmassen belagerten das Gebäude und schickten sich eben an, es zu demoliren, als eine Truppenabtheilung ankam. Die Menge wurde auseinandergetrieben und mehrere von den Aufwieglern wurden niedergemacht. Die Leichen der Gefallenen wurden von einem Todtenschau-Gericht[104] untersucht, und dieses gab einen Ausspruch ab, der für die allgemeine Volksstimmung sehr bezeichnend war. Die Jury erklärte sich dahin, daß gewisse loyale und wohlgesinnte Personen, welche ausgegangen seien, um eine Versammlung von Landesverräthern und öffentlichen Feinden in einem Meßhause aufzuheben, vorsätzlich von den Soldaten ermordet wären, und dieses sonderbare Verdict war von sämmtlichen Geschwornen unterzeichnet. Die Mönche von Clerkenwell, welche diese Symptome der Volksstimmung natürlich nicht wenig beunruhigte, sorgten ängstlich für die Sicherung ihres Eigenthums. Es gelang ihnen auch, den größten Theil ihres Mobiliars fortzuschaffen, ehe dieses Vorhaben ruchbar geworden war. Endlich aber wurde der Verdacht des Pöbels doch rege, die beiden letzten Lastwagen wurden in Holborn angehalten und Alles was sich darauf befand, auf offener Straße verbrannt. Die Angst unter den Katholiken war so groß, daß alle ihre Gotteshäuser mit Ausnahme derjenigen, welche der königlichen Familie und den auswärtigen Gesandten gehörten, geschlossen wurden.[105]

Im Ganzen hatten jedoch die Dinge bis jetzt noch kein für Jakob ungünstiges Aussehen. Die Eingedrungenen befanden sich schon über eine Woche auf englischem Boden und noch hatte sich keine hervorragende Persönlichkeit ihnen angeschlossen. Weder im Norden noch im Osten war ein Aufstand ausgebrochen; kein Diener der Krone schien noch seiner Pflicht untreu geworden zu sein; die königliche Armee sammelte sich rasch in Salisbury, und wenn sie auch dem Heere Wilhelm’s in der Kriegszucht nachstand, so war sie doch an Zahl demselben überlegen.

[104.] In England muß der Coroner bei unnatürlichen Todesfällen eine Jury von zwölf Personen versammeln, welche darüber zu entscheiden hat, ob ein Verbrechen begangen worden ist, um in diesem Falle bei den zuständigen Gerichten Anzeige zu machen. — Der Übers.

[105.] Luttrell’s Diary; Neuigkeitsbrief in der Mackintosh-Sammlung; Adda, 16.(26.) Nov. 1688.

Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen. [Der] Prinz war ohne Zweifel überrascht und gekränkt durch die Lauheit Derer, die ihn nach England eingeladen hatten. Das Volk von Devonshire hatte ihn zwar mit allen Zeichen der Freude empfangen, aber kein Adeliger, kein angesehener Gentleman war bis jetzt in sein Hauptquartier gekommen. Die Erklärung dieser auffallenden Erscheinung ist wahrscheinlich in dem Umstande zu suchen, daß er in einem Theile der Insel gelandet war, wo man ihn nicht erwartet hatte. Im Norden hatten seine Freunde alle Anstalten zu einem Aufstande getroffen, in der Voraussetzung, daß er bald mit einer Armee bei ihnen sein werde. Seine Freunde im Westen aber hatten gar nichts vorbereitet und waren natürlich betroffen, als sie plötzlich aufgefordert wurden, sich an die Spitze einer so wichtigen und gefährlichen Bewegung zu stellen. Dazu kam noch, daß sie die traurigen Folgen eines Aufstandes: Galgen, abgeschlagene Köpfe, zerrissene Glieder, Familien, die noch um tapfere Dulder trauerten, welche ihr Vaterland aufrichtig aber nicht mit Klugheit geliebt, frisch im Gedächtniß, ja dicht vor Augen hatten. Nach einer so schrecklichen und so neuen Warnung war einige Unschlüssigkeit natürlich. Ebenso natürlich aber war es auch, daß Wilhelm, der im Vertrauen auf die ihm aus England zugekommenen Versprechungen, nicht nur seinen eignen Ruf und sein persönliches Glück, sondern auch das Wohl und die Unabhängigkeit seines Vaterlandes aufs Spiel gesetzt hatte, sich bitter gekränkt fühlte. Er war in der That so aufgebracht, daß er schon davon sprach, sich nach Torbay zurückzuziehen, seine Truppen wieder einzuschiffen, nach Holland heimzukehren und Die, welche ihn verrathen hatten, ihrem verdienten Schicksale zu überlassen. Endlich am Montag, den 12. November, schloß sich ein in der Nähe von Crediton wohnender Gentleman, Namens Burrington, der Fahne des Prinzen an, und diesem Beispiele folgten bald mehrere von seinen Nachbarn.

Lovelace. [Schon] waren aber auch Männer von wichtigerer Bedeutung aus verschiedenen Theilen des Landes nach Exeter aufgebrochen. Der erste von diesen war Johann Lord Lovelace, ein Mann, der sich durch feinen Geschmack, durch Prachtliebe und durch die tollkühne und maßlose Heftigkeit seines Whiggismus auszeichnete. Er war fünf- oder sechsmal wegen politischer Vergehen in Haft gewesen. Das letzte ihm zur Last gelegte Verbrechen war, daß er die Rechtsgültigkeit eines von einem römisch-katholischen Friedensrichter angestellten Verhaftbefehls verächtlich geleugnet hatte. Er war vor den Geheimen Rathe gefordert und streng verhört worden, aber mit geringem Erfolge. Er weigerte sich entschieden, sich schuldig zu bekennen und die Zeugenbeweise gegen ihn waren ungenügend. Er wurde entlassen, aber ehe er sich entfernte, rief Jakob ihm mit großer Heftigkeit zu: „Mylord, dies ist nicht der erste Streich, den Sie mir gespielt haben.“ — „Sire,“ entgegnete Lovelace unerschrocken, „ich habe weder Eurer Majestät noch sonst Jemandem je einen Streich gespielt. Wer mich dessen bei Eurer Majestät angeklagt hat, ist ein Lügner.“ Bald darauf war Lovelace von Denen, welche den Plan zu einer Revolution entworfen hatten, ins Vertrauen gezogen worden.[106] Sein Schloß, das seine Vorfahren von der Beute indisch-spanischer Galleonen erbaut, stand auf den Trümmern eines Hauses Unserer Lieben Frau in dem schönen Thale, durch welches die Themse, noch nicht durch die Nähe einer großen Hauptstadt verunreinigt, noch mit der Ebbe und Fluth des Meeres fallend und steigend, unter Buchenwäldern zwischen den lieblichen Anhöhen von Berkshire dahin strömt. Unter dem von italienischen Malern decorirten Prunksaale befand sich ein gewölbtes Souterrain, in welchem hin und wieder Gebeine von vorzeitlichen Mönchen gefunden worden waren. In diesem finstren Gemache hatten eine Anzahl eifriger und verwegener Gegner der Regierung während der angstvollen Zeit, als England mit Ungeduld auf protestantischen Wind wartete, viele nächtliche Zusammenkünfte gehalten.[107] Jetzt war der Augenblick zum Handeln gekommen, Lovelace brach mit siebzig wohl bewaffneten und berittenen Begleitern nach dem Westen auf. Er erreichte ohne Schwierigkeit Gloucestershire. Aber Beaufort, der Statthalter dieser Grafschaft, verwendete sein hohes Ansehen und seinen ganzen Einfluß zu Gunsten der Krone. Die Miliz war aufgeboten und eine starke Abtheilung derselben nach Cirencester verlegt worden. Als Lovelace hier ankam, wurde er bedeutet, daß ihm der Durchzug nicht gestattet werden könne. Er mußte daher entweder von seinem Vorhaben abstehen, oder sich durchschlagen. Er beschloß das Letztere zu versuchen und seine Freunde und Untergebenen schlugen sich tapfer. Es fand ein hitziges Gefecht statt. Die Miliz verlor einen Offizier und sechs oder sieben Mann; endlich aber wurde Lovelace’s Truppe überwältigt und er selbst gefangen genommen und nach Gloucester Castle geschickt.[108]

[106.] Johnstone, 27. Febr. 1688; Citters unter demselben Datum.

[107.] Lyson’s Magna Britannia, Berkshire.

[108.] London Gazette, Nov. 15. 1688; Luttrell’s Diary.

Colchester. [Andere] waren glücklicher. An dem Tage, an welchem das Scharmützel bei Circencester stattfand, kam Richard Savage, Lord Colchester, Sohn und Erbe des Earls Rivers und durch eine unerlaubte Liebe Vater jenes unglücklichen Dichters[109], dessen Verbrechen und Mißgeschicke eine der dunkelsten Seiten der Literaturgeschichte füllen, mit sechzig bis siebzig Reitern in Exeter an. Mit ihm zugleich traf der kühne und unruhige Thomas Wharton ein. Wenige Stunden später kam Eduard Russell, Sohn des Earls von Bedford und Bruder des tugendhaften Edelmanns, dessen Blut auf dem Schaffot geflossen war. Kurz darauf wurde die Ankunft eines andren noch wichtigeren Mannes gemeldet.

[109.] Richard Savage. — Der Übers.

Abingdon. [Colchester,] Wharton und Russell gehörten der Partei an, welche dem Hofe von jeher opponirt hatte. Jakob Bertin, Earl von Abingdon dagegen war stets als eine Stütze der Willkürherrschaft betrachtet worden. Er war in den Tagen der Ausschließungsbill Jakob treu geblieben, war als Lordlieutenant von Oxfordshire mit Energie und Strenge gegen die Anhänger Monmouth’s verfahren und hatte zur Feier der Niederlage Argyle’s Freudenfeuer angezündet. Aber die Furcht vor dem Papismus hatte ihn zur Opposition und Empörung getrieben. Er war der erste Peer des Reichs, der im Hauptquartier des Prinzen von Oranien erschien.[110]

Doch von Denen, die sich offen gegen seine Autorität auflehnten, hatte der König weniger zu befürchten, als von der im Dunklen schleichenden Verschwörung, deren Verzweigungen sich durch seine Armee und bis in seine Familie erstreckten. Als die Seele dieser Verschwörung muß Churchill betrachtet werden, der in Bezug auf Scharfblick und Gewandtheit seines Gleichen nicht hatte, den die Natur mit einer gewissen kaltblütigen Unerschrockenheit ausgestattet, die sich weder im Kampfe noch im Lügen je verleugnete, und welcher dabei einen hohen militairischen Rang einnahm und sich der Gunst der Prinzessin Anna in hohem Grade erfreute. Für ihn war jedoch die Zeit zu dem entscheidenden Schlage noch nicht gekommen. Indessen brachte er doch schon jetzt durch die Vermittelung eines untergeordneten Werkzeugs der Sache des Königs eine gefährliche, wenn nicht tödtliche Wunde bei.

[110.] Burnet, I. 790; Life of William, 1703.

Abfall Cornbury’s. [Eduard] Viscount Cornbury, der älteste Sohn des Earls von Clarendon, war ein junger Mann von unbedeutenden Geistesgaben, von lockeren Grundsätzen und heftigem Temperament. Man hatte ihn von Jugend auf gelehrt, seine Verwandtschaft mit der Prinzessin Anna als die Grundlage seines zukünftigen Glücks zu betrachten, und ihm eingeschärft, daß er ihr fleißig den Hof machen solle. Seinem Vater war es nie in den Sinn gekommen, daß die angestammte Loyalität der Hyde im Hause der Lieblingstochter des Königs gefährdet sein könnte; aber in diesem Hause führten die Churchill die unumschränkte Herrschaft und Cornbury wurde ihr Werkzeug. Er commandirte eines von den nach dem Westen gesandten Dragonerregimentern. Man hatte es so einzurichten gewußt, daß er am 14. November einige Stunden lang der höchste Offizier zu Salisbury war, so daß alle dort versammelten Truppen unter seinem Oberbefehl standen. Es muß auffallend erscheinen, daß zu einem so kritischen Zeitpunkte die Armee, auf welche Alles ankam, nur einen Augenblick dem Commando eines jungen Obersten überlassen werden konnte, der weder Talent noch Erfahrung hatte. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese Anordnung das Resultat eines geschickt angelegten Planes war, und eben so wenig kann man darüber in Zweifel sein, welchem Kopfe und welchem Herzen dieser Plan zuzuschreiben ist.

Plötzlich erhielten drei von den in Salisbury stehenden Kavallerieregimentern Befehl zum Abmarsch nach dem Westen. Cornbury stellte sich an ihre Spitze und führte sie zuerst nach Blandford und dann nach Dorchester. Von Dorchester brachen sie nach einer kurzen Rast von einigen Stunden nach Axminster auf. Einige von den Offizieren begannen Verdacht zu schöpfen und verlangten eine Erklärung dieser sonderbaren Bewegungen. Cornbury antwortete, er habe Befehl, einen nächtlichen Angriff auf eine Truppenabtheilung zu machen, die der Prinz von Oranien bei Honiton postirt habe. Doch der Argwohn war einmal rege, es wurden weitere Fragen gestellt, aber ausweichend beantwortet. Endlich wurde Cornbury geradezu aufgefordert, seine Instruction vorzuzeigen. Er sah ein, daß es ihm nicht nur unmöglich sein würde, mit allen drei Regimentern überzugehen, sondern daß er sich auch selbst in einer höchst gefährlichen Lage befand. In Folge dessen stahl er sich mit einigen wenigen Begleitern fort in das holländische Hauptquartier. Der größte Theil seiner Truppen kehrte nach Salisbury zurück; ein andrer Theil aber, der von dem Hauptcorps detaschirt worden war und die Absichten des Befehlshabers nicht ahnete, marschirte bis Honiton. Hier sahen sie sich inmitten eines zu ihrem Empfange vollständig gerüsteten starken Armeecorps. Widerstand war unmöglich. Ihr Anführer drang in sie, unter Wilhelm zu dienen. Es wurde ihnen ein Monatssold als Geschenk angeboten, und die Meisten nahmen dies an.[111]

Die Nachricht von diesen Vorgängen kam am Fünfzehnten nach London. Jakob war am Morgen dieses Tages sehr heiterer Laune gewesen. Der Bischof Lamplugh hatte eben nach seiner Ankunft von Exeter dem Hofe seine Aufwartung gemacht und war sehr gnädig empfangen worden. „Mylord,“ sagte der König zu ihm, „Sie sind ein ächter alter Kavalier.“ Lamplugh erhielt zum Lohn für seine Loyalität sofort das schon seit mehr als dritthalb Jahren erledigte Erzbisthum York. Am Nachmittage, als der König sich eben zu Tisch setzte, kam ein Expresser mit der Nachricht von Cornbury’s Abfall. Jakob erhob sich von der Tafel, ohne die Speisen zu berühren, genoß nichts als eine Brotrinde und ein Glas Wein und zog sich in sein Privatkabinet zurück. Er erfuhr später, daß nach seinem Weggange aus dem Speisesaale mehrere anwesende Lords, in die er das größte Vertrauen setzte, sich in der anstoßenden Gallerie die Hände geschüttelt und einander beglückwünscht hatten. Als die Botschaft der Königin mitgetheilt wurde, brach sie mit ihren Damen in Thränen und Wehklagen aus.[112]

Der Schlag war allerdings hart. Zwar belief sich der unmittelbare Verlust der Krone und der unmittelbare Gewinn der Feinde auf kaum zweihundert Mann und eben so viele Pferde. Aber wo konnte der König von nun an hoffen, diejenigen Gesinnungen zu finden, welche die Stärke der Staaten und der Armeen bilden? Cornbury war der Erbe eines Hauses, das sich stets durch seine Anhänglichkeit an die Monarchie ausgezeichnet hatte. Sein Vater Clarendon und sein Oheim Rochester waren Männer, deren Loyalität für unerschütterlich galt. Wie stark mußte das Gefühl sein, gegen welches die am tiefsten wurzelnden angeerbten Vorurtheile nicht Stand hielten, das Gefühl, das einen jungen Offizier von vornehmer Geburt zu einer durch Vertrauensbruch und grobe Falschheit verschlimmerten Desertion bewegen konnte? Daß Cornbury kein besonders talentvoller und unternehmender Mann war, machte den Vorfall nur noch beunruhigender. Man konnte unmöglich daran zweifeln, daß er irgendwo einen mächtigen und gewandten Verführer hatte. Wer dieser Verführer war, das sollte sich bald zeigen. Mittlerweile aber konnte Niemand im königlichen Lager sicher sein, daß er nicht von Verräthern umgeben war. Politische Stellung, mititairischer Rang, Kavalierehre, Soldatenehre, die stärksten Betheuerungen, das reinste Adelsblut boten keine Sicherheit mehr. Jedermann konnte mit Grund zweifeln, ob nicht jeder Befehl, den er von seinem Vorgesetzten erhielt, den Zwecken des Feindes dienen sollte. Der pünktliche Gehorsam, ohne den eine Armee nichts als ein zügelloser Pöbelhaufe ist, mußte nothwendig vorbei sein. Welche Disciplin konnte man von Soldaten erwarten, welche eben einer Schlinge entgangen waren, indem sie sich weigerten, ihren commandirenden Offizier zu einer geheimen Expedition zu folgen, und indem sie auf Vorzeigung seiner Befehle drangen?

Cornbury wurde bald durch eine Menge in Rang und Fähigkeiten hoch über ihm stehender Überläufer unterstützt; einige Tage lang aber stand er ganz allein mit seiner Schande da und wurde von Vielen, welche nachher seinem Beispiele folgten und ihn darum beneideten, daß er zuerst den entehrenden Schritt gethan, heftig geschmäht. Unter diesen war sein eigner Vater. Der erste Ausbruch von Clarendon’s Zorn und Schmerz war ergreifend. „O Gott!“ rief er aus, „daß einer meiner Söhne ein Rebell werden mußte!“ Vierzehn Tage später entschloß er selbst sich dazu, ein Rebell zu werden. Man würde ihm jedoch Unrecht thun, wollte man ihn für einen bloßen Heuchler erklären. In Revolutionen lebt der Mensch schnell; die Erfahrung von Jahren drängt sich in wenigen Stunden zusammen; alte Gewohnheiten im Denken und Handeln werden gewaltsam gebrochen; man wird mit Neuerungen, die auf den ersten Anblick Entsetzen und Abscheu erwecken, binnen wenigen Tagen vertraut, man findet sie erträglich, ja anziehend. Viele weit tugendhaftere und muthigere Männer als Clarendon waren vor dem Schlusse jenes denkwürdigen Jahres zu Handlungen bereit, die sie am Anfange desselben für ruchlos und entehrend erklärt haben würden.

Der unglückliche Vater tröstete sich so gut er konnte und hielt um eine Privataudienz beim Könige an. Sie wurde ihm bewilligt. Jakob sagte mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit, daß er Cornbury’s Verwandte aufrichtig bedaure und sie von aller Schuld an dem Verbrechen ihres entarteten Familienmitgliedes durchaus freispreche. Clarendon kehrte nach Hause zurück und wagte es kaum, seinen Freunden ins Auge zu blicken. Bald aber erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß der Schritt, den er anfangs für seine Familie auf immer entehrend gehalten hatte, von vielen hochstehenden Personen gelobt wurde. Seine Nichte, die Prinzessin von Dänemark, fragte ihn, warum er sich so zurückziehe. Er antwortete ihr, daß die Schändlichkeit seines Sohnes ihn völlig zu Boden drücke. Anna schien diesen Kummer durchaus nicht zu begreifen. „Das Volk,“ sagte sie, „ist der Herrschaft des Papismus müde. Ich glaube, daß Viele von der Armee das Nämliche thun werden.“[113]

Der König rief nun in seiner Angst alle noch in London anwesenden hohen Offiziere zusammen. Churchill, welcher kurz vorher zum Generallieutenant befördert worden war, erschien mit der heiteren Ruhe, die weder Gefahr noch Schande je zu erschüttern vermochten. Heinrich Fitzroy, Herzog von Grafton, der sich unter den natürlichen Kindern Karl’s II. durch seine Verwegenheit und Thätigkeit auszeichnete, wohnte der Zusammenkunft bei. Grafton war Oberst des ersten Regiments der Fußgarden. Er scheint damals ganz unter Churchills Einfluß gestanden zu haben und war bereit, bei der ersten günstigen Gelegenheit die königliche Fahne zu verlassen. Außerdem waren noch zwei andere Hochverräther anwesend, Kirke und Trelawney, welche die damals unter der Bezeichnung der tangerschen Regimenter bekannten zwei wilden und zügellosen Heerhaufen befehligten. Sie hatten Beide, wie alle anderen protestantische Offiziere der Armee, die Parteilichkeit, welche der König für die Mitglieder seiner eigenen Kirche an den Tag legte, schon seit langer Zeit mit großem Mißfallen betrachtet, und Trelawney erinnerte sich mit bitterem Grolle der Verfolgung seines Bruders, des Bischofs von Bristol. Jakob hielt eine Ansprache an die Versammlung, die eines besseren Mannes und einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Es könnte sein, sagte er, daß einige von seinen Offizieren Gewissensbedenken hätten, für ihn zu kämpfen. Wenn dem so wäre, sei er bereit, ihre Patente zurückzunehmen. Aber er beschwöre sie als Gentlemen und Soldaten, das schmachvolle Beispiel Cornbury’s nicht nachzuahmen. Alle schienen tief ergriffen zu sein, am tiefsten Churchill. Er war der Erste, der mit vortrefflich gespielter Begeisterung gelobte, daß er sein Blut bis auf den letzten Tropfen für seinen huldvollen Gebieter zu vergießen bereit sei. Grafton ergoß sich in ähnliche laute Betheuerungen und seinem Beispiele folgten auch Kirke und Trelawney.[114]

[111.] Clarke’s Life of James the Second, II. 215. Orig. Mem.; Burnet, I. 790; Clarendon’s Diary, Nov. 15. 1688; London Gazette, Nov. 17.

[112.] Clarke’s Life of James the Second, II. 218; Clarendon’s Diary, Nov. 15. 1688; Citters, 16.(26.) Nov.

[113.] Clarendon’s Diary, Nov. 15, 16, 17, 20. 1688.

[114.] Clarke’s Life of James the Second, II. 219. Orig. Mem.

Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments. [Durch] diese Versicherungen getäuscht, schickte der König sich zum Aufbruch nach Salisbury an. Vor seiner Abreise wurde er benachrichtigt, daß eine beträchtliche Anzahl weltlicher und geistlicher Peers ihn um eine Audienz bitten ließen. Sie kamen mit Sancroft an ihrer Spitze um eine Petition zu überreichen, in der sie um Einberufung eines freien und gesetzlichen Parlaments und um Einleitung von Unterhandlungen mit dem Prinzen von Oranien baten.

Die Geschichte dieser Petition ist interessant. Die Idee scheint zwei wichtigen Parteihäuptern, welche lange Nebenbuhler und Feinde gewesen waren, Rochester und Halifax, zu gleicher Zeit gekommen zu sein. Sie zogen Beide unabhängig von einander die Bischöfe deshalb zu Rathe. Diese zollten dem Vorschlage warmen Beifall. Es wurde nun darauf angetragen, eine Generalversammlung der Peers anzuberaumen, um über die Form der dem Könige zu überreichenden Adresse zu berathen. Es war gerade Terminzeit der Gerichtshöfe, und zu dieser Zeit war Westminsterhall jeden Tag von hochgestellten und vornehmen Männern angefüllt, wie gegenwärtig die Clubs in Pall Mall und St. James Street. Nichts war leichter, als daß die dort versammelten Lords sich zu einer Berathung in ein Nebenzimmer begaben. Allein es erhoben sich unerwartete Schwierigkeiten. Halifax wurde zuerst kalt und dann sogar der Sache abgeneigt. Es lag in seiner Natur, gegen Alles Einwendungen zu entdecken und in gegenwärtigem Falle wurde seine Erfindungsgabe durch die Eifersucht noch besonders geschärft. Der Plan, der seinen Beifall gehabt hatte, so lange er ihn als seinen eigenen betrachtete, begann ihm zu mißfallen, sobald er entdeckte, daß es auch der Plan Rochester’s war, der ihm so lange hinderlich im Wege gestanden und ihn endlich verdrängt hatte, und gegen den er eine so starke Abneigung empfand, als er bei seinem sanften Character überhaupt gegen Jemanden empfinden konnte. Nottingham stand damals bedeutend unter Halifax’ Einflusse. Sie erklärten Beide, daß sie die Adresse nicht unterzeichnen würden, wenn Rochester sie mit unterzeichnete. Clarendon’s Vorstellungen blieben erfolglos. „Es ist nicht meine Absicht,“ sagte Halifax, „Mylord Rochester zu beleidigen, aber er ist Mitglied der kirchlichen Commission gewesen, die Proceduren dieses Gerichtshofes werden bald einer strengen Untersuchung unterzogen werden, und es ist unpassend, daß ein Mann, der einen Sitz darin eingenommen hat, sich an unseren Maßregeln betheiligt.“ Nottingham sprach unter lebhaften Versicherungen seiner persönlichen Hochachtung für Rochester die nämliche Ansicht aus. Die Autorität der beiden dissentirenden Lords hielt mehrere andere Kavaliere ab, die Petition zu unterschreiben; aber die Hyde und die Bischöfe blieben bei ihrem Vorhaben. Es kamen neunzehn Unterschriften zusammen und die Petenten begaben sich in pleno zu dem Könige.[115]

Er nahm ihre Adresse sehr ungnädig auf. Er versicherte zwar, daß er selbst den Zusammentritt eines freien Parlaments dringend wünsche und versprach ihnen auf sein königliches Wort, ein solches einzuberufen, sobald der Prinz von Oranien die Insel wieder verlassen haben würde. „Aber,“ setzte er hinzu, „wie kann ein Parlament frei sein, so lange ein Feind im Lande ist und nahe an hundert Stimmen gewinnen kann?“ Zu den Prälaten sprach er mit besonderer Gereiztheit. „Neulich,“ sagte er, „konnte ich Sie nicht dazu bewegen, Sich gegen die Invasion zu erklären; jetzt aber sind Sie völlig bereit, Sich gegen mich zu erklären. Damals wollten Sie Sich nicht in die Politik mischen; heute tragen Sie kein Bedenken mehr, Sich in dieselbe zu mischen. Sie haben den Geist der Empörung unter Ihren Heerden erregt, und jetzt schüren Sie ihn noch an. Sie würden Ihre Zeit besser anwenden, wenn Sie sie lehrten mir zu gehorchen, anstatt daß Sie mich lehren wollen zu regieren.“ Sehr aufgebracht war er auch gegen seinen Neffen Grafton, dessen Name unmittelbar unter Sancroft’s Namen stand, und er sagte mit großer Heftigkeit zu dem jungen Manne: „Sie verstehen nichts von Religion, Sie kümmern Sich auch gar nicht darum, und doch wollen Sie behaupten, daß Sie ein Gewissen haben!“ — „Es ist wahr, Sire,“ erwiederte Grafton mit schamloser Offenheit, „ich habe sehr wenig Gewissen; aber ich gehöre einer Partei an, die sehr viel hat“.[116]

So gereizt die Sprache des Königs gegen die Bischöfe selbst war, so wurde sie doch noch viel bitterer, nachdem sie sich entfernt hatten. In der Hoffnung, sein pflichtvergessenes und undankbares Volk zufrieden zu stellen, sagte er, habe er schon viel zu viel gethan. Der Gedanke an Zugeständnisse sei ihm von jeher verhaßt gewesen, doch er habe sich überreden lassen, und jetzt habe er wie sein Vater gesehen, daß Zugeständnisse die Unterthanen nur noch anspruchsvoller machten. Er wolle nun aber nichts mehr bewilligen, kein Atom, welche letzten zwei Worte er seiner Gewohnheit nach mehrere Male mit Heftigkeit wiederholte. Er wolle den Angreifern nicht nur keine Eröffnungen machen, sondern auch keine von ihnen annehmen. Sollten die Holländer Parlamentaire schicken, so würde der erste ohne Antwort zurückgeschickt und der zweite gehängt werden.[117]

[115.] Clarendon’s Diary vom 8. bis 17. Nov. 1688.

[116.] Clarke’s Life of James the Second, II. 212. Orig. Mem.; Clarendon’s Diary, Nov. 17. 1688; Citters, 20.(30.) Nov.; Burnet, I. 791; Some Reflections upon the most Humble Petition to the King’s most Excellent Majesty, 1688; Modest Vindication of the Petition; First Collection of Papers relating to English Affairs, 1688.

[117.] Adda, 19.(29.) Nov. 1688.

Der König begiebt sich nach Salisbury. [In] dieser Stimmung reiste Jakob nach Salisbury ab. Sein letzter Act vor seiner Abreise war die Ernennung eines Rathes von fünf Lords, die ihn während seiner Abwesenheit in London vertreten sollten. Zwei davon waren Papisten und deshalb gar nicht befähigt zu diesem Amte. Ihnen zur Seite stand Jeffreys, zwar ein Protestant, aber von der Nation mehr verabscheut, als irgend ein Papist. Gegen die übrigen zwei Mitglieder des Collegiums, Preston und Godolphin, war nichts Erhebliches einzuwenden. An dem Tage, an welchem der König London verließ, wurde der Prinz von Wales nach Portsmouth geschickt. Diese Festung hatte eine starke Besatzung und Berwick war Gouverneur. Die von Dartmouth commandirte Flotte lag nahe zur Hand, und so hoffte man, wenn die Dinge eine unglückliche Wendung nahmen, den kleinen Prinzen ohne Schwierigkeit von Portsmouth nach Frankreich bringen zu können.[118]

Am Neunzehnten traf der König in Salisbury ein und stieg im bischöflichen Palaste ab. Von allen Seiten kamen ihm nun in rascher Aufeinanderfolge schlimme Nachrichten zu. Die westlichen Grafschaften hatten sich endlich erhoben. Sobald Cornbury’s Abfall bekannt wurde, faßten sich viele reiche Grundeigenthümer ein Herz und eilten nach Exeter. Unter ihnen befand sich Sir Wilhelm Portman von Bryanstone, einer der angesehensten Männer von Dorsetshire, und Sir Franz Warre von Hestercombe, der in Somersetshire großen Einfluß hatte.[119]