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Geschicht(s)schreiber
angesehen(d)ste
Heimath(s)land
Betttuch immer mit drei »t«
Thomas Babington Macaulay’s
Geschichte von England
seit der
Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.
Aus dem Englischen.
Vollständige und wohlfeilste
Stereotyp-Ausgabe.
Sechster Band:
enthaltend Kapitel 11 und 12.
Leipzig, 1856.
G. H. Friedlein.
Elftes Kapitel.
Wilhelm von Oranien.
[ Inhalt.]
Wilhelm und Marie. [Die] Revolution war vollendet und die Decrete der Convention allenthalben mit Unterwerfung aufgenommen worden. London, seit fünfzig ereignißvollen Jahren treu der Sache der bürgerlichen Freiheit und des reformirten Glaubens, erklärte zuerst den neuen Herrschern seine Ergebenheit. Nachdem der erste Wappenherold unter den Fenstern von Whitehall den neuen Herrscher ausgerufen, ritt er mit feierlichem Gepränge den Strand entlang bis Temple Bar. Ihm folgten die Scepterträger der beiden Häuser, die beiden Sprecher Halifax und Powle und ein langer Zug von Equipagen mit Cavalieren und Gentlemen. Die Magistratsbeamten der City hielten ihre Thore geöffnet und schlossen sich der Prozession an. Vier Regimenter Miliz bildeten durch Ludgate Hill, um die St. Paulskirche herum und Cheapside entlang Spalier. Die Straßen, die Fenster und selbst die Dächer waren mit Zuschauern gefüllt. Alle Glocken von der Westminsterabtei bis zum Tower ließen ihr fröhliches Geläute ertönen. Vor der Börse wurde die Proclamation unter dem Jubel der versammelten Bürger bei Trompetenschall zum zweiten Male verlesen.
Am Abend war jedes Fenster von Whitechapel bis Picadilly erleuchtet. Die Prunkgemächer des Palastes waren geöffnet und mit einer glänzenden Versammlung von Höflingen gefüllt, welche gekommen waren, dem Könige und der Königin die Hand zu küssen. Es waren die Whigs, die sich, von Glück und Siegesfreude strahlend, hier versammelt hatten. Einigen unter ihnen konnte man es wohl verzeihen, wenn sich ein Gefühl befriedigter Rache in ihre Freude mischte. Die am schwersten Gekränkte aber von Allen, welche die schlimmen Zeiten überlebt hatten, fehlte. Lady Russel war, während ihre Freunde sich in den Gallerien von Whitehall drängten, zu Haus geblieben, um an Den zu denken, der, wenn er noch gelebt hätte, bei der Feier dieses hochwichtigen Tages eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben würde. Ihre Tochter jedoch, welche einige Monate zuvor die Gemahlin des Lord Cavendish geworden, ließ sich durch dessen Mutter, die Gräfin von Devonshire, dem Königspaare vorstellen. Es existirt noch ein Brief, in welchem die junge Dame den Jubel der Bevölkerung, den Lichterglanz in den Straßen, das Gedränge in dem Empfangszimmer, die Schönheit Mariens und den Ausdruck, der die strengen Züge Wilhelm’s veredelte und milderte, mit großer Lebendigkeit schildert. Die interessanteste Stelle darin ist die, wo die Verwaiste die wehmüthige Freude gesteht, mit der sie die verspätete Bestrafung des Mörders ihres Vaters mit ansah.[1]
[1.] Brief von Lady Cavendish an Sylvia. Lady Cavendish hatte, wie die meisten jungen Damen jener Generation, beständig die Romane der Scudery im Kopfe. Sie selbst ist Dorinda, ihre Correspondentin, in der man ihre Cousine Johanna Allington vermuthete, ist Sylvia; Wilhelm ist Armanzor und Maria ist Phenixana. London Gazette, Febr. 14. 1688/89; Narcissus Luttrell’s Diary. Luttrell’s Tagebuch, das ich sehr oft citiren werde, befindet sich in der Bibliothek des Allerseelen-Collegiums, dessen Vorsteher ich zu großem Danke verpflichtet bin für die Bereitwilligkeit, mit der er mir die Benutzung dieses werthvollen Manuscripts gestattete.
Festlichkeiten durch ganz England. [Dem] Beispiele London’s folgten auch die Provinzialstädte. Drei Wochen lang waren die Spalten der Journale mit Berichten über die Festlichkeiten gefüllt, durch die sich die öffentliche Freude kund gab: Cavalcaden von Gentlemen und Freisassen, Prozessionen von Sheriffs und Bailiffs im scharlachnen Amtskleide, Umzüge eifriger Protestanten mit orangefarbenen Fahnen und Bändern, Geschützsalven, Freudenfeuer, Illuminationen, Musikfeste, Bälle, Gastmähler, Rinnen und Röhren in denen Ale und Claret flossen.[2]
[2.] Siehe die London Gazette vom Februar und März 1688/89. und N. Luttrell’s Tagebuch.
Festlichkeiten in Holland. [Noch] herzlicher war die Freude unter den Holländern, als sie erfuhren, daß der erste Beamte ihrer Republik auf einen Thron erhoben worden. Wilhelm hatte am Tage seines Regierungsantritts an die Generalstaaten geschrieben, daß die Veränderung in seiner Stellung die Liebe zu seinem Vaterlande nicht geschmälert und daß seine neue Würde ihn hoffentlich in den Stand setzen werde, seine älteren Pflichten wirksamer zu erfüllen als je. Die olicharchische Partei, welche den Lehren Calvin’s und dem Hause Oranien stets feindlich gesinnt gewesen, murmelte zwar leise, Sr. Majestät müsse das Statthalteramt niederlegen. Aber all’ dieses Gemurmel wurde von dem Zujauchzen eines Volks übertäubt, das stolz war auf das Genie und das Glück seines großen Landsmannes. Es ward ein Tag zu Dankesbezeigungen bestimmt, und in allen Städten der sieben Provinzen äußerte sich die allgemeine Freude in Festlichkeiten, deren Kosten hauptsächlich durch freiwillige Gaben bestritten wurden. Alle Klassen nahmen Theil daran; der ärmste Tagelöhner konnte sich betheiligen, indem er einen Triumphbogen errichten half oder Reisig zu einem Freudenfeuer trug. Selbst die ruinirten Hugenotten konnten durch ihre Geschicklichkeit und ihre Erfindungsgabe mitwirken. Eine Kunst, die sie mit sich in die Verbannung genommen, war die Feuerwerkerei, und so erleuchteten sie jetzt zu Ehren des siegreichen Vorkämpfers ihres Glaubens die Kanäle von Amsterdam durch prachtvolle Feuerwerke.[3]
Dem flüchtigen Beobachter konnte es scheinen, als hätte Wilhelm damals einer der beneidenswerthesten Menschen sein müssen; in der That aber war er einer der sorgenvollsten und unglücklichsten. Er wußte wohl, daß die Schwierigkeiten seiner Aufgabe erst begannen. Schon war die so glänzend angebrochene Morgenröthe seines Glücks umwölkt und viele Anzeichen verkündeten einen dunklen, stürmischen Tag.
[3.] Wagenaar, 61. Er führt die Protokolle der Generalstaaten vom 2. März 1689 an. London Gazette, April 11. 1689; Monthly Mercury, April 1689.
Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee. [Man] machte die Bemerkung, daß zwei wichtige Stände wenig oder keinen Theil an den Festlichkeiten nähmen, durch welche in ganz England die Einsetzung der neuen Regierung gefeiert wurde. Nur sehr selten sah man einen Priester oder einen Soldaten unter den Leuten, die sich um die Marktsäulen versammelten, wo der König und die Königin ausgerufen wurden. Der Berufsstolz der Geistlichkeit und des Heeres war tief verletzt worden. Die Lehre vom Nichtwiderstande war den anglikanischen Geistlichen theuer gewesen; sie war ihr unterscheidendes Kennzeichen, sie war ihr Lieblingsthema. Wenn wir nach dem auf uns gekommenen Theile ihrer öffentlichen Vorträge urtheilen dürfen, so hatten sie über die Pflicht des passiven Gehorsams mindestens eben so oft und eifrig gepredigt, wie über die Dreieinigkeit und die Sühne.[4] Ihre Anhänglichkeit an ihren politischen Glauben war zwar hart geprüft und auf eine kurze Zeit erschüttert worden; aber mit Jakob’s Tyrannei waren auch die bittern Gefühle verschwunden, welche diese Tyrannei in ihnen geweckt hatte. Der Pfarrer eines Kirchspiels war natürlich nicht geneigt, sich einer Sache anzuschließen, die ein thatsächlicher Triumph über die Grundsätze war, die seine Gemeinde ihn an jedem Jahrestage des Märtyrertodes[5] und der Restauration hatte verkündigen hören.
Auch die Soldaten waren mißvergnügt. Sie haßten zwar den Papismus und hatten den verbannten König nicht geliebt; aber sie fühlten nur zu wohl, daß sie in dem kurzen Feldzuge, der das Schicksal ihres Vaterlandes entschieden, eine ruhmlose Rolle gespielt hatten. Vierzig schöne Regimenter, eine reguläre Armee, wie noch nie zuvor eine unter dem Banner England’s gefochten, hatten sich über Hals und Kopf vor einem Eindringling zurückgezogen und sich ihm dann ohne Schwertstreich unterworfen. Diese große Streitmacht war bei der jüngsten Veränderung von gar keinem Einflusse gewesen; sie hatte eben so wenig etwas gethan, Wilhelm abzuwehren, als ihn ins Land zu bringen. Die Bauern, welche mit Heugabeln bewaffnet und auf Karrengäulen reitend, im Gefolge Lovelace’s oder Delamere’s umhergezogen waren, hatten einen größeren Theil an der Revolution genommen als jene glänzenden Haustruppen, deren Federhüte, geflickte Röcke und curbettirende Schlachtrosse die Londoner so oft in Hyde Park bewundert. Die Verstimmung der Armee wurde noch vermehrt durch die Spötteleien der Fremden, welche weder durch Befehle noch durch Strafen völlig unterdrückt werden konnten.[6] An verschiedenen Orten äußerte sich der Unmuth, den man bei einer tapferen und von Ehrgefühl beseelten Gemeinschaft von Männern unter solchen Umständen wohl erwarten darf, in beruhigender Weise. Ein in Cirencester liegendes Bataillon löschte die Freudenfeuer aus, ließ den König Jakob hoch leben und trank auf den Untergang seiner Tochter und seines Neffen. Die Garnison von Plymouth störte die Festlichkeiten in der Grafschaft Cornwall, es kam zu Schlägereien, und ein Mann wurde dabei getödtet.[7]
[4.] „Ich kann mit Bestimmtheit behaupten,“ sagt ein Schriftsteller, der in der Westminsterschule erzogen war, „daß auf eine Predigt über die Buße, den Glauben und die Erneuerung des heiligen Geistes, die ich hörte, drei von der andern Art kamen, und es ist schwer zu sagen, ob Jesus Christus oder König Karl I. öfter erwähnt und gepriesen wurde.“ — Bisset’s Modern Fanatick, 1710.
[5.] Karl’s I. — D. Übersetzer.
[6.] Gazette de Paris, 26. Jan. (5. Febr.) 1689; Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89.
[7.] Grey’s Debates, Howe’s Rede vom 26. Febr. 1688/89; Boscawen’s Rede vom 1. März; Narcissus Luttrell’s Diary, 23—27. Febr.
Reaction der öffentlichen Meinung. [Die] Mißstimmung der Geistlichkeit und der Armee konnte auch den Unaufmerksamsten nicht entgehen, denn beide Stände zeichneten sich von den übrigen Klassen durch in die Augen fallende Eigenthümlichkeiten in der Kleidung aus. „Die Schwarzröcke und die Rothröcke,“ sagte ein heftiger Whig im Hause der Gemeinen, „sind der Fluch der Nation.“[8] Die Unzufriedenheit beschränkte sich jedoch nicht auf die Schwarzröcke und Rothröcke. Die Begeisterung, mit welcher Leute aller Stände Wilhelm zu Weihnachten in London bewillkommnet, hatte noch vor Ende Februar bedeutend nachgelassen. Der neue König selbst hatte, in dem Augenblicke als sein Ruhm und sein Glück den höchsten Punkt erreicht, die kommende Reaction vorhergesagt. Diese Reaction hätte allerdings auch ein minder scharfsichtiger Beobachter der menschlichen Dinge voraussehen können, denn sie muß hauptsächlich einem Gesetz zugeschrieben werden, das eben so feststeht wie die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der Jahreszeiten und den Wechsel der Passatwinde regeln. Es liegt in der Natur des Menschen, gegenwärtige Übel zu hoch, und gegenwärtiges Gute zu niedrig anzuschlagen, sich nach dem was er nicht hat zu sehnen, und mit dem was er hat unzufrieden zu sein. Dieser Hang, wie er sich bei dem Individuum zeigt, ist oft von lachenden und von weinenden Philosophen besprochen worden. Er war ein Lieblingsthema Horaz’ und Pascal’s, Voltaire’s und Johnson’s. Seinem Einflusse auf das Schicksal großer Gemeinschaften können die meisten Revolutionen und Gegenrevolutionen, von denen die Geschichte erzählt, zugeschrieben werden. Hundert Generationen sind seit der ersten großen nationalen Emancipation, von welcher Nachricht auf uns gekommen ist, vorübergegangen. In dem ältesten der Bücher lesen wir, daß ein Volk, unter einem grausamen Joche in den Staub gebeugt, von strengen Zuchtmeistern zur Arbeit gepeitscht, ohne nur Stroh zu einem Lager zu erhalten, und doch gezwungen die tägliche Anzahl Bausteine zu liefern, des Lebens müde ward und einen zum Himmel schreienden Jammerruf ertönen ließ. Die Sklaven wurden wunderbar befreit, und im Augenblicke ihrer Befreiung stimmten sie eine Dankes- und Siegeshymne an; doch schon nach wenig Stunden begannen sie ihre Sklaverei zurückzuwünschen und gegen den Anführer zu murren, der sie von dem leckeren Tische des Hauses der Knechtschaft hinweggelockt in die öde Wüste, die sie noch von dem Lande trennte, wo Milch und Honig fließen sollten. Seitdem ist die Geschichte jedes großen Befreiers eine Wiederholung der Geschichte Moses gewesen. Auf Freudenbezeigungen wie die am Ufer des rothen Meeres ist jederzeit, bis auf den heutigen Tag, sehr bald ein Murren wie das an den Wassern der Zwietracht gefolgt.[9] Die gerechteste und heilsamste Revolution muß viele Leiden hervorbringen. Die gerechteste und heilsamste Revolution kann nicht all’ das Gute schaffen, das Leute von mangelhafter Bildung und sanguinischem Temperament von ihr erwarteten. Selbst der Weiseste vermag nicht, so lange sie noch neu ist, die Übel, die sie hervorgerufen, gegen die Übel, die sie beseitigt, mit vollkommener Genauigkeit abzuwägen. Denn die Übel, die sie hervorgerufen, werden gefühlt, die Übel aber, die sie beseitigt, werden nicht mehr gefühlt.
So war es damals in England. Das Publikum war, wie immer während des Zustandes von Abkühlung, der auf Fieberanfälle folgt, mißmuthig, schwer zu befriedigen, unzufrieden mit sich selbst und unzufrieden mit denen, welche noch kürzlich seine Lieblinge gewesen. Der Waffenstillstand zwischen den beiden großen Parteien war zu Ende. Obwohl getrennt durch die Erinnerung an Alles was während eines Kampfes von einem halben Jahrhundert gethan und gelitten worden, hatte eine gemeinsame Gefahr sie auf einige Monate mit einander verbunden. Jetzt war die Gefahr vorüber, die Verbindung war aufgelöst und der alte Groll brach wieder in seiner ganzen Stärke hervor.
[8.] Grey’s Debates, Febr. 26. 1688/89.
[9.] Dieser Vergleich findet sich in zahlreichen Predigten und Flugschriften aus der Zeit Wilhelm’s III. Es existirt auch eine schwache Nachahmung von Absalom and Ahitophel, betitelt: The Murmurers. Wilhelm ist Moses; Cora, Dathan und Abiram Bischöfe, die den Eid verweigern; Balaam, glaube ich, Dryden, und Phineas Shrewsbury.
Stimmung der Tories. [Jakob] war während der letzten Jahre seiner Regierung von den Tories noch mehr gehaßt worden als von den Whigs, und zwar nicht ohne Grund, denn den Whigs war er nur ein Feind, den Tories aber war er ein treuloser und undankbarer Freund gewesen. Doch die alten royalistischen Gefühle, welche in der Zeit seiner gesetzlosen Herrschaft erloschen zu sein schienen, waren durch sein Mißgeschick zum Theil wieder geweckt worden. Viele Lords und Gentlemen, welche im December für den Prinzen von Oranien und ein freies Parlament zu den Waffen gegriffen, sagten zwei Monate später, sie hätten sich mit fortreißen lassen, sie hätten zu großes Vertrauen in die Erklärung Sr. Hoheit gesetzt und hätten in ihm eine Uneigennützigkeit vermuthet, die, wie es sich jetzt zeige, nicht in seinem Charakter liege. Sie hätten dem König Jakob zu seinem eigenen Besten einen leichten Zwang auflegen, die Jesuiten und Renegaten, die ihn irre geleitet, bestrafen und von ihm eine Garantie für die Aufrechthaltung der bürgerlichen und kirchlichen Institutionen des Reichs erlangen, nicht aber ihn entthronen und verbannen wollen. Für seine schlechte Verwaltung fand man Entschuldigungsgründe. Sei es ein Wunder, daß er, durch Rebellen, welche dem Namen Protestanten Schande machten, schon als Knabe seinem Vaterlande entrissen, und gezwungen seine Jugend in Ländern zu verleben, wo die römisch-katholische Religion herrschte, durch diesen verführerischen Aberglauben angezogen worden? Sei es ein Wunder, daß sein Charakter durch die Verfolgungen und Verleumdungen einer unversöhnlichen Partei härter und strenger geworden als man anfangs geglaubt, und daß er, als die, welche es versucht hatten, seine Ehre zu vernichten und ihn seines Geburtsrechts zu berauben, endlich in seiner Gewalt waren, die Gerechtigkeit nicht genügend durch Nachsicht gemildert habe? Was endlich die schlimmste ihm zur Last gelegte Anschuldigung betreffe: daß er durch Adoptirung eines untergeschobenen Kindes seinen Töchtern ihr rechtmäßiges Erbe habe entziehen wollen, — worauf gründe sich diese Anklage? Bloß auf geringfügige Umstände, die man wohl auf Rechnung des Zufalls oder der mit seinem Charakter nur zu sehr im Einklang stehenden Unbesonnenheit schreiben könne. Habe wohl je der einfältigste Dorfrichter einen Menschen ins Gefängniß geworfen, ohne stärkere Beweise zu verlangen, als die, auf welche hin das englische Volk seinen König des niedrigsten und abscheulichsten Betrugs schuldig erklärt habe? Allerdings habe er einige große Fehler begangen, und es sei nichts gerechter und verfassunggemäßer, als daß seine Rathgeber und Creaturen wegen dieser Fehler zur strengen Rechenschaft gezogen würden; auch verdiene von allen diesen Rathgebern und Creaturen Niemand mehr bestraft zu werden als die Rundkopf-Sectirer, deren Schmeichelei ihn ermuthigt habe, in der verderblichen Ausübung der Dispensationsgewalt zu beharren. Es sei ein Grundgesetz des Landes, daß der König nicht Unrecht thun könne und daß, wenn Kraft seiner Autorität Unrecht gethan werde, seine Rathgeber und Werkzeuge dafür verantwortlich seien. Diese große und wesentliche Regel unsrer Verfassung sei jetzt umgedreht worden. Die Speichellecker, welche von Rechtswegen zu bestrafen gewesen seien, erfreuten sich der Straflosigkeit, und der König, der von Rechtswegen nicht zu bestrafen sei, werde mit schonungsloser Strenge bestraft. Sei es anders möglich, als daß die Cavaliere England’s, die Söhne der Krieger, welche unter Ruprecht gekämpft, bitteren Schmerz und Unwillen empfänden, wenn sie an das Schicksal ihres rechtmäßigen Lehnsherrn dächten, des Erben einer langen Reihe von Fürsten, der erst unlängst mit allem Glanze in Whitehall auf den Thron erhoben worden und jetzt ein Verbannter, ein Bittender, ein Bettler sei? Sein Unglück sei größer als selbst das des gefeierten Märtyrers, dessen Sprößling er sei. Der Vater sei durch erklärte Todfeinde hingeschlachtet worden, der Untergang des Sohnes sei das Werk seiner eigenen Kinder. Gewiß hätte die Strafe, wenn sie auch verdient sei, durch andere Hände auferlegt werden sollen. Und sei sie denn wirklich ganz verdient? Sei der unglückliche Mann nicht eher schwach und unbesonnen als schlecht? Besitze er nicht einige von den Eigenschaften eines vortrefflichen Fürsten? Man könne zwar nicht sagen, daß er ausgezeichnete Fähigkeiten habe, aber er sei thätig, er sei sparsam, er habe tapfer gefochten, er sei sein eigner Marineminister gewesen und habe als solcher seine Sache recht gut gemacht; er habe ferner, bevor seine geistlichen Leiter einen verhängnißvollen Einfluß auf ihn gewonnen, für einen Mann von strenger Gerechtigkeit gegolten, und endlich habe er, wenn er nicht von ihnen irre geführt worden sei, fast immer die Wahrheit gesprochen und ehrlich gehandelt. Bei so vielen Tugenden habe er, wenn er ein Protestant, ja selbst wenn er ein gemäßigter Katholik gewesen wäre, glücklich und ruhmvoll regieren können. Vielleicht sei es noch nicht zu spät für ihn, seine Fehler wieder gut zu machen. Man könne ihn wohl schwerlich für so verblendet und verderbt halten, daß er aus der empfangenen furchtbaren Lehre nicht Nutzen ziehen sollte, und wenn diese Lehre die Wirkung gehabt habe, die man vernünftigerweise davon erwarten dürfe, so werde England unter seinem rechtmäßigen Herrscher noch immer ein größeres Maß von Glück und Ruhe genießen können, als es von der Verwaltung des besten und tüchtigsten Usurpators zu erwarten habe.
Wir würden denen, welche diese Sprache führten, sehr Unrecht thun, wenn wir annähmen, daß sie, als Gesammtheit, aufgehört hätten, den Papismus und Despotismus mit Abscheu zu betrachten. Wohl mag es einige Zeloten darunter gegeben haben, welche den Gedanken, ihrem Könige Bedingungen vorzuschreiben, nicht ertragen konnten und die bereit waren, ihn zurückzurufen ohne die geringste Zusicherung von seiner Seite, daß nicht augenblicklich die Indulgenzerklärung wieder publicirt, die hohe Commission wieder eingesetzt, Petre wieder in den Staatsrath berufen und die Fellows des Magdalenencollegiums wieder vertrieben werden sollten. Allein die Zahl dieser Männer war klein. Um so größer war dagegen die Zahl derjenigen Royalisten, welche bereit gewesen wären, sich aufs neue um Jakob zu schaaren, wenn er seine Irrthümer eingesehen und versprochen hätte, die Gesetze zu beobachten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß zwei talentvolle und erfahrene Staatsmänner, welche eine Hauptrolle in der Revolution gespielt hatten, wenige Tage nach derselben offen ihre Besorgniß äußerten, daß eine Restauration nahe bevorstehe. „Wenn König Jakob ein Protestant wäre,“ sagte Halifax zu Reresby, „so könnten wir ihn keine vier Monate außer Landes halten.“ — „Wenn König Jakob,“ sagte Danby um dieselbe Zeit zu dem nämlichen Manne, „dem Lande in Sachen der Religion nur einige Genugthuung geben wollte, was er leicht thun könnte, so würde es sehr schwer sein, ihm die Spitze zu bieten.“[10] Zum Glück für England war Jakob, wie immer, sein eigener schlimmster Feind. Kein Wort, aus dem man hätte abnehmen können, daß er sich wegen der Vergangenheit tadele oder daß er in Zukunft verfassunggemäß zu regieren gedenke, war aus ihm heraus zu bringen. Jeder Brief, jedes Gerücht, das seinen Weg von Saint-Germains nach England fand, ließ einsichtsvolle Männer fürchten, daß, wenn er in seiner gegenwärtigen Stimmung wieder zur Macht gelangen sollte, die zweite Tyrannei schlimmer sein würde, als die erste. So mußten denn die Tories in ihrer Gesammtheit, wenn auch ungern, eingestehen, daß sie für den Augenblick nur die Wahl hatten zwischen Wilhelm und dem öffentlichen Ruin. Daher ließen sie sich die neue Regierung unmuthig gefallen, ohne jedoch die Hoffnung ganz aufzugeben, daß der eigentlich rechtmäßige König früher oder später der Stimme der Vernunft noch Gehör geben werde, und ohne für den factischen König eine Spur von Loyalität zu empfinden.
[10.] Reresby’s Memoirs.
Stimmung der Whigs. [Es] ist die Frage, ob der neuen Regierung während der ersten Monate ihres Bestehens die Zuneigung der Whigs nicht gefährlicher war als die Abneigung der Tories. Offene Feindschaft kann kaum nachtheiliger sein als mäkelnde, eifersüchtige, anspruchsvolle Zuneigung, und solcher Art war die, welche die Whigs dem Herrscher ihrer Wahl erwiesen. Sie lobten und priesen ihn laut, sie waren bereit, ihn mit Gut und Blut gegen fremde und einheimische Feinde zu unterstützen. Aber ihre Zuneigung zu ihm war eine ganz eigenthümliche. Eine Loyalität wie die, welche die tapferen Edelleute beseelte, die für Karl I. kämpften, oder wie die, welche Karl II. den durch eine zwanzigjährige schlechte Verwaltung hervorgerufenen Gefahren und Schwierigkeiten entrissen: einem solchen Gefühl waren die Lehren Milton’s und Sidney’s nicht günstig, so wenig als ein durch einen Aufstand eben erst zur Macht gelangter Fürst hoffen durfte, es einzuflößen. Die whiggistische Regierungstheorie geht dahin, daß der König für das Volk, nicht das Volk für den König da ist; daß das Recht eines Königs in keinem andren Sinne göttlich ist als wie das Recht eines Parlamentsmitgliedes, eines Richters, eines Geschwornen, eines Mayors und eines Constabels; daß, so lange der erste Beamte im Staate den Gesetzen gemäß regiert, ihm Gehorsam und Ehrerbietung bezeigt werden muß; daß aber, sobald er die Gesetze verletzt, ihm Widerstand geleistet werden darf, und daß er, wenn er die Gesetze gröblich, systematisch und beharrlich verletzt, abgesetzt werden muß. Von der Richtigkeit dieser Principien hing die Gerechtigkeit von Wilhelm’s Anspruch auf den Thron ab. Es liegt auf der Hand, daß zwischen Unterthanen, welche diesen Principien huldigten, und einem Herrscher, dessen Thronbesteigung der Sieg dieser Principien gewesen war, ein ganz andres Verhältniß stattfinden mußte als das, welches zwischen den Stuarts und den Cavalieren bestand. Die Whigs liebten Wilhelm zwar, aber sie liebten ihn nicht als König, sondern als Parteiführer, und es war nicht schwer vorauszusehen, daß ihr Enthusiasmus bald nachlassen würde, wenn er sich etwa weigerte, der bloße Führer ihrer Partei zu sein, und versuchen sollte, den König der ganzen Nation zu spielen. Zum Dank für die Hingebung, die sie seiner Sache bewiesen, verlangten sie von ihm, daß er einer der Ihrigen, ein zuverlässiger, eifriger Whig sei, daß er seine Gunst nur Whigs zu Theil werden lasse, daß er allen alten Groll und Haß der Whigs zu seinem eignen mache, und es stand mit nur zu gutem Grunde zu befürchten, daß, wenn er diese Erwartung täuschte, der einzige Theil der Nation, der seiner Sache eifrig zugethan war, ihm entfremdet werden würde.[11]
Dies waren die Schwierigkeiten, von denen er sich im Augenblicke seiner Erhebung umringt sah. Wo es einen guten Ausweg gab, hatte er selten verfehlt, denselben zu wählen, jetzt aber hatte er nur die Wahl zwischen Wegen, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit zum Verderben führten. Von der einen Partei durfte er keine aufrichtige Unterstützung erwarten, und die aufrichtige Unterstützung der andern konnte er sich nur dadurch erhalten, daß er selbst der entschiedenste Parteimann in seinem Königreiche, ein Shaftesbury auf dem Throne wurde. Verfolgte er die Tories, so verwandelte sich ihre Verstimmung unfehlbar in Wuth; gewährte er ihnen seine Gunst, so war es noch keineswegs gewiß, ob er dadurch ihre Zuneigung gewann, während es nur zu wahrscheinlich war, daß er dann seinen Halt im Herzen der Whigs verlieren werde. Etwas mußte er indeß thun, etwas mußte er wagen: es mußte ein Geheimrath vereidigt und alle wichtigen Staats- und Justizämter mußten besetzt werden. Es hierbei Allen recht zu machen, war unmöglich, es war schon schwer genug, es Jemandem recht zu machen; doch etwas mußte geschehen.
[11.] Hier, wie in vielen anderen Fällen, unterlasse ich es, meine Quellen anzuführen, weil ihrer zu viele sind. Meine Angaben über die Stimmung und gegenseitige Stellung der politischen und religiösen Parteien unter der Regierung Wilhelm’s III. sind nicht aus einem einzelnen Werke, sondern aus Tausenden vergessener Abhandlungen, Predigten und Satyren, kurz aus ganzen Literatur geschöpft, die in alten Bibliotheken modert.
Ministerielle Einrichtungen. [Was] man jetzt ein Ministerium nennt, das gedachte er nicht zu bilden. Überhaupt lernte England ein solches Ministerium erst kennen, als er einige Jahre auf dem Throne saß. Unter den Plantagenets, den Tudors und den Stuarts hatte es wohl Minister, aber kein Ministerium gegeben. Die Diener der Krone standen nicht, wie jetzt, in einem solidarischen Verhältnisse zu einander, man erwartete nicht von ihnen, daß sie, selbst in Fragen von höchster Bedeutung, gleicher Meinung seien. Oft waren sie sogar politische und persönliche Feinde und machten kein Geheimniß aus ihrer Feindschaft. Es galt noch nicht für nachtheilig und unschicklich, daß sie einander schwerer Verbrechen beschuldigten und daß Einer des Andren Kopf verlangte. Niemand hatte den Lordkanzler Clarendon heftiger angeklagt als Coventry, ein Mitglied der Schatzcommission. Niemand hatte den Lordschatzmeister Danby heftiger angeklagt als Winnington, der Generalprokurator. Nur ein Einigungspunkt war zwischen den Regierungsmitgliedern: ihr gemeinsames Oberhaupt, der Souverain. Die Nation betrachtete ihn als das wirkliche Oberhaupt der Verwaltung und tadelte ihn streng, wenn er seine hohen Functionen auf einen Unterthan übertrug. Clarendon sagt uns, daß den Engländern seiner Zeit nichts so verhaßt gewesen sei als ein Premierminister. Sie würden, meint er, lieber unter einem Usurpator wie Oliver stehen, der factisch wie nominell erster Beamter im Staate war, als unter einem rechtmäßigen Könige, der sie an einen Großwessier verwies. Eine der Hauptbeschuldigungen, welche die Vaterlandspartei gegen Karl II. erhoben, bestand darin, daß er zu indolent und vergnügungssüchtig sei, um die Rechnungsablagen des Staatshaushaltes und die Inventuren der militärischen Vorrathsmagazine sorgfältig zu prüfen. Als Jakob auf den Thron kam, beschloß er, keinen Lordgroßadmiral, kein Admiralitätscollegium zu ernennen, sondern die ganze Leitung der Marineangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und diese Einrichtung, welche heutzutage von Männern aller Parteien für im höchsten Grade verfassungswidrig und nachtheilig erklärt werden würde, fand damals allgemeinen Beifall selbst bei Solchen, die nicht geneigt waren, seine Handlungsweise in einem günstigen Lichte zu betrachten. Wie vollständig das Verhältniß, in welchem der König zu seinem Parlamente und zu seinen Ministern stand, durch die Revolution verändert worden war, erkannten anfangs selbst die erleuchtetsten Staatsmänner nicht. Man glaubte allgemein, daß die Regierung, wie in früherer Zeit, wieder durch von einander unabhängige Beamte geleitet werden und daß Wilhelm die Oberaufsicht über dieselben führen werde. Auch erwartete man zuversichtlich, daß ein Fürst von Wilhelm’s Befähigung und Erfahrung viele wichtige Geschäfte ohne allen fremden Rath und Beistand besorgen werde.
Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen. [Man] hatte daher nichts zu erinnern, als man erfuhr, daß Wilhelm die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten sich selbst vorbehalten habe. Allerdings blieb auch kaum etwas Andres übrig, denn mit der einzigen Ausnahme Sir Wilhelm Temple’s, den nichts bewogen haben würde, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ins öffentliche Leben zu treten, gab es damals keinen Engländer, der sich als fähig erwiesen hatte, eine wichtige Unterhandlung mit fremden Mächten zu einem ersprießlichen und ehrenvollen Ende zu führen. Viele Jahre waren verstrichen, seit England sich mit Gewicht und Würde in die Angelegenheiten der großen Republik der Nationen eingemischt. Die Aufmerksamkeit der geschicktesten englischen Staatsmänner war lange fast ausschließlich durch Zerwürfnisse in Bezug auf die bürgerliche und kirchliche Verfassung ihres eigenen Landes in Anspruch genommen worden. Die Streitigkeiten wegen der papistischen Verschwörung und der Ausschließungsbill, wegen der Habeas-Corpusacte und der Testacte hatten einen Überfluß, man könnte fast sagen eine Fluth von solchen Talenten erzeugt, welche in einer durch innere Spaltungen zerrissenen Gesellschaft Männer zu Macht und Ansehen erheben. Das ganze Festland hatte keine so geschickten und schlauen Parteiführer, keine so gewandten parlamentarischen Taktiker, keine so schlagfertigen und beredten Wortführer aufzuweisen als in Westminster versammelt waren. Aber es bedurfte einer ganz andren Schule, um einen Minister des Auswärtigen zu bilden, und die Revolution hatte England plötzlich in eine Lage versetzt, in welcher die Dienste eines großen Ministers für die auswärtigen Angelegenheiten unentbehrlich waren.
Wilhelm eignete sich ganz vorzüglich zur Ausfüllung dieses Postens, dem die vollendetsten Staatsmänner seines Reiches nicht gewachsen waren. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit als Unterhändler ausgezeichnet. Er war der Schöpfer und die Seele der europäischen Coalition gegen das Übergewicht Frankreichs. Der leitende Faden, ohne den es gefährlich war, das große und verwickelte Labyrinth der festländischen Politik zu betreten, war in seinen Händen. Daher wagten es seine englischen Räthe, so talentvoll und thätig sie sonst waren, während seiner Regierung nur selten, sich in den Theil der Staatsgeschäfte einzumischen, die er zu seinem speciellen Departement erwählt hatte.[12]
Die innere Verwaltung England’s konnte dagegen nur unter dem Beirathe und der Mitwirkung englischer Minister geleitet werden. Die Wahl, welche Wilhelm bei Ernennung dieser Minister traf, bewies, daß er sich vorgenommen hatte, keine Partei auszuschließen, die geneigt war, seinen Thron zu stützen. Den Tag darauf, nachdem ihm im Bankethause die Krone überreicht worden, wurde der Geheime Rath vereidigt. Die meisten Räthe waren Whigs; doch standen auch die Namen mehrerer ausgezeichneter Tories auf der Liste.[13] Die vier höchsten Staatsämter wurden vier Edelleuten übertragen, welche die vier Hauptklassen der Politiker repräsentirten.
[12.] Folgende Stelle aus einer damaligen Schrift drückt die allgemeine Ansicht über diesen Punkt aus: „Die auswärtigen Angelegenheiten kennt er besser als wir; in Bezug auf die einheimischen Staatsgeschäfte aber bringt es ihm keine Unehre, wenn wir ihm über sein Verhältniß zu uns, über die Natur desselben und über das was er am zweckmäßigsten zu thun hat, unsre Meinung sagen.“ — An Honest Commoner’s Speech.
[13.] London Gazette, Febr. 18. 1688/88.
Danby. [In] praktischer Befähigung und geschäftlicher Erfahrung war keiner seiner Zeitgenossen Danby überlegen. Er hatte ein starkes Anrecht auf die Dankbarkeit des neuen Herrscherpaares, denn durch seine Geschicklichkeit war ihre Vermählung trotz unbesiegbar scheinender Schwierigkeiten zu Stande gebracht worden. Die Feindschaft, die er stets gegen Frankreich gehegt, war eine kaum minder gewichtige Empfehlung. Er hatte die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, hatte den Aufstand im Norden veranstaltet und geleitet und hatte in der Convention seinen ganzen Einfluß und seine ganze Beredtsamkeit wider den Regentschaftsplan aufgeboten. Trotzdem betrachteten ihn die Whigs mit unüberwindlichem Mißtrauen und Widerwillen. Sie konnten es nicht vergessen, daß er in schlimmen Tagen der erste Minister des Staats, das Haupt der Cavaliere, der Vorkämpfer der Prärogative, der Verfolger der Dissenters gewesen. Selbst indem er ein Rebell wurde, hatte er nicht aufgehört ein Tory zu sein. Wohl hatte er das Schwert gegen die Krone gezogen, aber nur zur Vertheidigung der Kirche. Wohl hatte er in der Convention durch seinen Widerstand gegen den Regentschaftsplan Gutes gewirkt, auf der andren Seite aber hatte er geschadet durch beharrliche Aufrechthaltung des Satzes, daß der Thron nicht erledigt und die Stände nicht berechtigt seien, über die Besetzung desselben zu entscheiden. Die Whigs waren daher der Meinung, er müsse sich für seine neuerlichen Verdienste dadurch reichlich belohnt erachten, daß man ihm die Strafe für die ihm zehn Jahre früher zur Last gelegten Vergehen erlasse. Er dagegen schätzte seine unleugbar eminenten Talente und Dienste nach ihrem vollen Werthe und hielt sich für berechtigt zu dem hohen Posten eines Lordschatzmeisters, den er früher bekleidet. Seine Erwartung wurde jedoch getäuscht. Wilhelm erachtete es grundsätzlich für wünschenswerth, die Macht und das Patronat des Schatzamts unter mehrere Commissarien zu theilen. Er war der erste König von England, der vom Beginn bis zum Schlusse seiner Regierung den weißen Stab niemals den Händen eines einzelnen Unterthanen anvertraute. Danby ward die Wahl freigestellt zwischen der Präsidentschaft im Geheimen Rathe und einem Staatssekretariat. Er entschied sich verdrüßlich für die Präsidentschaft und während die Whigs murrten, als sie ihn so hoch gestellt sahen, bemühte er sich kaum, seinen Aerger darüber zu verbergen, daß er nicht noch höher gestellt worden war.[14]
[14.] London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Reresby’s Memoirs.
Halifax. [Halifax,] der Ausgezeichnetste unter der kleinen Partei die sich rühmte, daß sie zwischen den Whigs und Tories das Gleichgewicht erhielt, übernahm das Geheimsiegel und blieb nach wie vor Sprecher im Hause der Lords.[15] Er hatte sich durch streng gesetzliche Opposition gegen die letzte Regierung hervorgethan und mit großer Gewandtheit gegen die Dispensationsgewalt gesprochen und geschrieben; aber er hatte von dem Invasionsplane nichts wissen wollen, er hatte, selbst als die Holländer schon auf dem vollen Marsche gegen London waren, noch darauf hingearbeitet, eine Versöhnung zu Stande zu bringen, und er hatte Jakob erst dann verlassen, als dieser den Thron verließ. Von dem Augenblicke der schimpflichen Flucht aber hatte der scharfblickende Trimmer in der Überzeugung, daß ein gütlicher Vergleich nicht mehr möglich sei, einen entscheidenden Entschluß gefaßt. Er hatte sich in der Convention glänzend hervorgethan, und es war ein besonders glücklicher Griff, daß man ihn zu dem Ehrenamte ernannt, dem Prinzen und der Prinzessin von Oranien im Namen aller Stände England’s die Krone zu überreichen, denn soweit man überhaupt sagen kann, daß unsre Revolution den Charakter eines einzelnen Geistes trug, trug sie sicherlich den Charakter des großen, aber besonnenen Geistes Halifax’. Doch die Whigs waren nicht in der Stimmung, einen neueren Dienst als Ersatz für ein altes Vergehen anzunehmen, und das Vergehen Halifax’ war in der That ein arges gewesen. Vor langer Zeit hatte er während eines harten Freiheitskampfes in ihren vordersten Reihen gestritten, und als sie endlich siegten, als Whitehall in ihrer Gewalt zu sein schien, als sich eine nahe Aussicht auf Herrschaft und Rache eröffnete, da war er, und mit ihm das Glück, ins feindliche Lager übergegangen. In der großen Debatte über die Ausschließungsbill hatte seine Beredtsamkeit sie zu Boden geschmettert und der verzagten Hofpartei neuen Lebensmuth eingeflößt. Allerdings war er, obgleich er sie in den Tagen ihres übermüthigen Glücks verlassen, zur Zeit der Noth in ihre Reihen zurückgekehrt; aber jetzt, da die Noth vorüber war, vergaßen sie, daß er zu ihnen zurückgekehrt, und erinnerten sich nur noch, daß er sie verlassen hatte.[16]
[15.] London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Lords’ Journals.
[16.] Burnet II. 4.
Nottingham. [Der] Ärger, mit dem sie Danby im Staatsrathe präsidiren und Halifax das Geheimsiegel führen sahen, wurde nicht vermindert durch die Nachricht, daß Nottingham zum Staatssekretär ernannt sei. Einige von den eifrigen Kirchenmännern, welche nie aufgehört hatten, die Lehre vom Nichtwiderstande zu predigen, in deren Augen die Revolution nicht zu rechtfertigen war, die für eine Regentschaft gestimmt und bis zuletzt bei der Behauptung geblieben waren, daß der englische Thron nicht einen Augenblick erledigt sein könne, hielten es gleichwohl für ihre Pflicht, sich der Entscheidung der Convention zu unterwerfen. Sie hatten, sagten sie, sich nie gegen Jakob aufgelehnt und Wilhelm nicht gewählt; da sie aber jetzt einen Fürsten auf dem Thron sahen, den sie allerdings nie darauf gesetzt haben würden, waren sie der Meinung, daß kein göttliches oder menschliches Gesetz es ihnen zur Pflicht machte, den Kampf weiter fortzusetzen. Sie glaubten in der Bibel sowohl wie im Gesetzbuche Vorschriften zu finden, die nicht mißverstanden werden könnten. Die Bibel befiehlt Gehorsam gegen die bestehenden Gewalten an. Das Gesetzbuch enthält einen Paragraphen, welcher besagt, daß kein Unterthan deshalb als ein Übelthäter betrachtet werden solle, weil er sich dem im factischen Besitz des Thrones befindlichen Könige anschließe. Aus diesen Gründen glaubten Viele, die zur Einsetzung der neuen Regierung nicht mitgewirkt hatten, daß sie derselben ihre Unterstützung gewähren könnten, ohne weder Gott noch einen Menschen zu beleidigen. Einer der ausgezeichnetsten Staatsmänner dieser Schule war Nottingham. Auf sein Ansuchen hatte die Convention, bevor der Thron besetzt war, den Unterthaneneid dergestalt umgeändert, daß er und seine Meinungsgenossen diesen Eid unbedenklich leisten konnten. „Meine Grundsätze,“ sagte er, „gestatten mir nicht, mich bei der Wahl eines Königs zu betheiligen. Ist aber ein König einmal gewählt, so gebieten mir meine Grundsätze, ihm einen strengeren Gehorsam zu bezeigen, als er von Denen erwarten darf, die ihn gewählt haben.“ Zum Erstaunen einiger von Denen, die ihn am meisten schätzten, willigte er jetzt ein, im Staatsrathe zu sitzen und die Sekretariatssiegel anzunehmen. Wilhelm hoffte ohne Zweifel, diese Ernennung werde von der Geistlichkeit und der toryistischen Landgentry als eine genügende Bürgschaft dafür angesehen werden, daß er gegen die Kirche nichts Böses im Sinne habe. Selbst Burnet, der späterhin eine starke Abneigung gegen Nottingham fühlte, gestand in einigen bald nach der Revolution geschriebenen Abhandlungen, daß der König richtig geurtheilt und daß der zur Unterstützung der neuen Herrscher ehrlich verwendete Einfluß des toryistischen Staatssekretärs England vor großen Calamitäten bewahrt habe.[17]
[17.] Diese Abhandlungen finden sich in einem Handschriftenbande, der zur Harley’schen Sammlung gehört und mit der Nummer 6584 bezeichnet ist. Sie bilden thatsächlich die ersten Entwürfe zu einem großen Theile von Burnet’s History of His Own Times. Die Zeitpunkte, zu welchen die verschiedenen Theile dieses höchst merkwürdigen und interessanten Werkes abgefaßt wurden, sind angegeben. Fast das Ganze wurde vor Mariens Tode geschrieben. Erst zehn Jahre später begann Burnet seine Geschichte der Regierung Wilhelm’s für den Druck vorzubereiten. Während dieses Zeitraums hatten sich seine Ansichten, über Menschen sowohl als Dinge, sehr geändert. Deshalb ist der erste Entwurf so außerordentlich werthvoll, denn er enthält manche Thatsachen, die er nachher auszulassen für räthlich hielt, und einige Urtheile, welche er später zu ändern Ursache fand. Ich muß jedoch gestehen, daß mir seine ersten Ansichten gewöhnlich besser gefallen. Wenn seine Geschichte einmal neu gedruckt würde, sollte sie mit diesem Manuscriptbande sorgfältig verglichen werden. Überall wo ich mich auf diese Handschrift beziehe, kann der Leser annehmen, daß sie etwas enthält, was sich in seiner gedruckten Geschichte nicht findet.
Über Nottingham’s Ernennung siehe Burnet II. 8, London Gazette, March 7. 1688/89 und Clarendon’s Diary, Febr. 15.
Shrewsbury. [Der] andre Staatssekretär war Shrewsbury.[18] Seit Menschengedenken hatte kein so junger Mann einen so hohen Posten bei der Regierung bekleidet. Er hatte eben erst sein achtundzwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt. Gleichwohl erblickte Niemand, mit Ausnahme der feierlichen Formalisten bei der spanischen Gesandtschaft, in seiner Jugend ein Hinderniß für seine Ernennung.[19] Er hatte sich schon durch die hervorragende Rolle, die er bei der Befreiung seines Vaterlandes gespielt, einen Platz in der Geschichte gesichert. Seine Talente, seine Kenntnisse, sein liebenswürdiges Benehmen und sein sanfter Charakter machten ihn allgemein beliebt. Besonders die Whigs beteten ihn fast an. Niemand ahnete, daß er mit vielen großen und gewinnenden Eigenschaften solche Fehler des Geistes und Herzens verband, welche den Rest seines unter so günstigen Auspicien begonnenen Lebens ihm selbst zur Last und seinem Lande fast nutzlos machen sollten.
[18.] London Gazette, Febr. 18. 1688/89.
[19.] Don Pedro de Ronquillo macht diese Bemerkung.
Die Admiralität. [Die] Leitung der Marineangelegenheiten und der Finanzen wurde Collegien übertragen. Herbert ward erster Commissar der Admiralität. Er hatte unter der vorigen Regierung Reichthum und Würden aufgegeben, als er sah, daß er sie mit Ehren und mit gutem Gewissen nicht behalten konnte; er hatte die denkwürdige Einladung nach dem Haag überbracht und die holländische Flotte auf der Fahrt von Helvoetsluys nach Torbay befehligt. In Bezug auf Muth und Berufstüchtigkeit genoß er eines hohen Rufes. Wohl wußte man, daß er auch seine Thorheiten und Fehler begangen, aber sein neuerliches Benehmen in einer Zeit schwerer Prüfung hatte Alles wieder gut gemacht und berechtigte zu der Hoffnung, daß seine fernere Laufbahn eine ruhmvolle sein werde. Ihm zur Seite im Admiralitätscollegium standen zwei ausgezeichnete Mitglieder des Hauses der Gemeinen: Wilhelm Sacheverell, ein Whigveteran, der sich bei seiner Partei eines großen Ansehens erfreute, und Sir Johann Lowther, ein rechtschaffener und äußerst gemäßigter Tory, der in Bezug auf Vermögen und parlamentarische Bedeutung unter der englischen Gentry eine der ersten Stellen einnahm.[20]
[20.] London Gazette, March 11. 1688/89.
Das Schatzamt. [An] die Spitze der Finanzen wurde Mordaunt, einer der heftigsten Whigs, gestellt, warum, ist schwer zu sagen. Sein romanhafter Muth, sein ruheloser Geist, seine excentrischen Einfälle, sein Hang zu verzweifelten Wagnissen und staunenerregenden Effecten waren eben keine Eigenschaften, die ihm bei finanziellen Operationen und Unterhandlungen von besonderem Nutzen sein konnten. Der zweite Schatzcommissar und zugleich Kanzler der Schatzkammer war Delamere, ein womöglich noch heftigerer Whig als Mordaunt. Außerdem saßen zwei whiggistische Mitglieder des Hauses der Gemeinen in dem Collegium: Sir Heinrich Capel, Bruder jenes Earls von Essex, der sich im Tower entleibte, und Richard Hampden, der Sohn des großen Führers des Langen Parlaments. Der Commissar aber, auf dem die Hauptlast der Geschäfte ruhte, war Godolphin. Dieser schweigsame, einsichtsvolle, fleißige und harmlose, für keine Regierung schwärmende, aber jeder Regierung nützliche Mann war nach und nach ein fast unentbehrlicher Theil der Staatsmaschiene geworden. Obgleich ein Anhänger der Landeskirche, hatte er sich doch an einem von Jesuiten geleiteten Hofe emporgeschwungen. Obwohl er für eine Regentschaft gestimmt hatte, war er doch das wirkliche Oberhaupt eines mit Whigs angefüllten Schatzamtes. Seine Fähigkeiten und Kenntnisse, welche unter der vorigen Regierung die Mängel Bellasyse’s und Dower’s ausgeglichen hatten, waren auch jetzt nöthig, um die Mängel Mordaunt’s und Delamere’s zu übertragen.[21]
[21.] London Gazette, March 11. 1688/89.
Das große Siegel. [Die] Verleihung des großen Siegels hatte einige Schwierigkeiten. Der König wünschte es zuerst Nottingham anzuvertrauen, dessen Vater es mehrere Jahre mit großer Auszeichnung geführt hatte.[22] Nottingham aber lehnte es ab, und es wurde deshalb Halifax angetragen, der es ebenfalls ablehnte. Beide Lords fühlten ohne Zweifel, daß dies ein Amt sei, das sie nicht mit Ehren für sich selbst und mit Nutzen für den Staat verwalten konnten. In alten Zeiten war das Staatssiegel zwar größtentheils in den Händen von Nichtjuristen gewesen. Selbst noch im siebzehnten Jahrhundert hatten es zwei ausgezeichnete Männer geführt, welche in keinem Rechtscollegium studirt hatten. Dechant Williams war Lordsiegelbewahrer Jakob’s I., Shaftesbury Lordkanzler Karls II. gewesen; aber solche Ernennungen konnten nicht länger ohne ernste Nachtheile stattfinden. Die Billigkeit hatte sich allmälig zu einer verwickelten Wissenschaft ausgebildet, welche kein menschlicher Verstand ohne lange und angestrengte Studien ausüben konnte, selbst Shaftesbury hatte bei all’ seinem scharfen Verstande seinen Mangel an technischen Kenntnissen schmerzlich gefühlt,[23] und während der fünfzehn Jahre, welche verstrichen waren, seitdem er das Siegel niedergelegt, waren diese technischen Kenntnisse seinen Nachfolgern immer nothwendiger geworden. Daher wagte es weder Nottingham, obwohl er einen Schatz juristischer Kenntnisse besaß, wie man ihn selten bei einem Manne findet, der die Rechtswissenschaft nicht studirt hat, noch Halifax, obgleich er bei den Gerichtssitzungen des Hauses der Lords oft die Versammlung durch sein treffendes Urtheil und durch seine scharfe Logik in Erstaunen gesetzt, das höchste Amt, das ein englischer Laie bekleiden kann, anzunehmen. Nach langem Zaudern wurde das Siegel einer Commission von ausgezeichneten Juristen, mit Maynard an der Spitze, übertragen.[24]
[22.] Ich habe mich an die mir am wahrscheinlichsten dünkende Erzählung der Sache gehalten. Man ist aber in Zweifel gewesen, ob Nottingham aufgefordert wurde, Kanzler, oder nur erster Commissar des großen Siegels zu werden. Vergleiche Burnet, II. 3, und Boyer’s History of William, 1702. Narcissus Luttrell spricht zu wiederholten Malen, sogar noch am Schlusse des Jahres 1692, von Nottingham als muthmaßlichem Kanzler.
[23.] Roger North erzählt einen ergötzlichen Fall von Shaftesbury’s Verlegenheit.
[24.] London Gazette, March 4. 1688/89.
Die Richter. [Die] Wahl der Richter machte der neuen Regierung Ehre. Jedes Mitglied des Geheimraths wurde aufgefordert eine Liste einzureichen. Diese Listen wurden miteinander verglichen und zwölf Männer von hervorragendem Talent und Verdienst ausgewählt.[25] Pollexfen hatte in Folge seiner juristischen Kenntnisse und seiner whiggistischen Grundsätze Anspruch auf den höchsten Platz. Aber man erinnerte sich, daß er in den westlichen Grafschaften bei den Assisen, welche auf die Schlacht von Sedgemoor folgten, als Commissar der Krone fungirt hatte. Es geht zwar aus den Berichten über die Untersuchungen hervor, daß er, wenn er überhaupt von der Krone bevollmächtigt war, so wenig that als er konnte und daß er es den Richtern überließ, Zeugen und Gefangene einzuschüchtern. Dessenungeachtet aber war sein Name in der öffentlichen Meinung mit den blutigen Assisen untrennbar verbunden. Er konnte daher nicht füglich an die Spitze des höchsten Criminalgerichtshofes gestellt werden.[26] Nachdem er einige Wochen als Generalfiskal fungirt, ward er zum Oberrichter der Common Pleas ernannt. Sir John Holt, ein noch junger Mann, aber ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit, Rechtschaffenheit und Muth, wurde Oberrichter der King’s Bench, Sir Robert Atkyns, ein ausgezeichneter Jurist, der einige Jahre in ländlicher Zurückgezogenheit zugebracht, der aber in Westminster Hall noch immer eines großen Rufes genoß, wurde zum ersten Baron[27] ernannt. Powell, der wegen seiner ehrenwerthen Erklärung zu Gunsten der Bischöfe abgesetzt worden war, nahm seinen Sitz unter den Richtern wieder ein. Treby wurde Pollexfen’s Nachfolger als Generalfiskal, und Somers wurde zum Prokurator ernannt.[28]
[25.] Burnet II. 5.
[26.] The Protestant Mask taken off from the Jesuited Englishman, 1692.
[27.] Die Richter der Schatzkammer werden Barons genannt. Der Übersetzer.
[28.] Diese Ernennungen wurden erst am 6. Mai in der Gazette bekannt gemacht, einige derselben aber waren schon früher erfolgt.
Der Hofstaat. [Zwei] der höchsten Ämter im königlichen Hofstaate wurden mit zwei englischen Cavalieren besetzt, welche ganz geeignet waren, die Zierde eines Hofes zu werden. Der hochherzige und kenntnißreiche Devonshire ward zum Obersthofmeister ernannt. Niemand hatte in der entscheidenden Crisis für England mehr gethan und gewagt. Indem er England’s Freiheiten wiederhergestellt, hatte er auch das Vermögen seines eigenen Hauses wiedererlangt. Seine Schuldverschreibung über dreißigtausend Pfund wurde unter den Papieren gefunden, welche Jakob in Whitehall zurückgelassen, und von Wilhelm vernichtet.[29]
Dorset wurde Lordkammerherr und verwendete den Einfluß und das Patronat seiner Stellung, wie schon seit langer Zeit seine Privatmittel, zur Aufmunterung des Genies und zur Linderung des Mißgeschicks. Eine der ersten Maßregeln, die er zu ergreifen gezwungen war, muß einem Mann von so edlem Charakter und so warmer Theilnahme für alles Ausgezeichnete in Künsten und Wissenschaften, sehr schmerzlich gewesen sein. Dryden konnte nicht länger Hofdichter bleiben. Das Publikum würde es nicht geduldet haben, unter den Dienern Sr. Majestät einen Papisten zu sehen, und Dryden war nicht nur ein Papist, sondern ein Apostat. Außerdem hatte er die Schuld seines Glaubensabfalls noch dadurch erschwert, daß er die Kirche, die er verlassen, verleumdet und verspottet hatte. Er hatte sie, wie man scherzweise sagte, behandelt, wie die heidnischen Verfolger des Alterthums ihre Kinder behandelten. Er hatte sie in die Haut eines wilden Thieres gekleidet und sie dann zur öffentlichen Belustigung gehetzt.[30] Er wurde entlassen, erhielt aber von der Privatgüte des freigebigen Kammerherrn eine seinem zurückgezogenen Gehalt gleichkommende Pension. Dessenungeachtet fuhr der abgesetzte poeta laureatus, der eben so arm an Edelsinn wie reich an Geistesgaben war, Jahr aus Jahr ein fort, den nicht erlittenen Verlust zu beklagen, bis endlich sein Gejammer Äußerungen wohlverdienter Verachtung von Seiten ehrenwerther Jakobiten hervorrief, welche ihren Grundsätzen Alles aufgeopfert hatten, ohne deshalb ein bittendes oder klagendes Wort laut werden zu lassen.[31]
Im königlichen Hofstaat wurden auch einige von den holländischen Edelleuten angestellt, die sich der besonderen Gunst des Königs erfreuten. Bentinck bekam das hohe Amt des ersten Kammerherrn mit einem jährlichen Gehalt von fünftausend Pfund; Zulestein erhielt die Oberaufsicht über die königliche Garderobe, und Oberstallmeister ward Auverquerque, ein tapferer Soldat, der das Blut der Nassau und das Blut der Horn in sich vereinigte und der mit gerechtem Stolze ein kostbares Schwert trug, welches ihm die Generalstaaten in Anerkennung des Muthes verliehen hatten, mit dem er an dem blutigen Tage von Saint-Denis Wilhelm das Leben gerettet.
Das Amt des Vicekammerherrn der Königin wurde einem Manne zu Theil, der sich eben erst im öffentlichen Leben bemerkbar gemacht hatte und dessen Name in der Geschichte dieser Regierung häufig vorkommen wird. Johann Howe, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, Jack Howe, war von dem Burgflecken Cirencester zur Convention gesandt worden. Seine äußere Erscheinung war die eines Mannes, dessen Körper durch die unablässige Thätigkeit eines ruhelosen und reizbaren Geistes aufgerieben worden. Er war lang, hager und bleich, und sein unruhiges, stechendes Auge hatte einen Ausdruck von Wildheit und Verschlagenheit. Er war seit mehreren Jahren als kleiner Dichter bekannt, und einige der zügellosesten Spottlieder, welche in den Kaffeehäusern circulirten, wurden ihm zugeschrieben. Im Hause der Gemeinen aber entfalteten sich seine Talente wie sein giftiges Wesen am auffallendsten. Er war noch keine drei Wochen Mitglied desselben, als er sich schon durch seine Sprachgewandtheit, seine beißende Schärfe und seine Hartnäckigkeit bemerkbar gemacht hatte. Scharfsinn, Energie und Kühnheit erhoben ihn bald zu dem Range eines bevorzugten Menschen. Seine Feinde — und er hatte viele Feinde — sagten jedoch, daß er seine persönliche Sicherheit selbst in der heftigsten Aufregung nicht aus den Augen lasse und die Soldaten mit einer Rücksicht behandle, die er gegen Damen oder Bischöfe niemals zeige. Aber Niemand besaß in größerem Maße den gefährlichen Muth, der dem Widerwillen und dem Hasse trotzt und sogar darum buhlt. Keine Schicklichkeitsgründe vermochten ihn in Schranken zu halten, sein Haß war unversöhnlich, und er besaß eine merkwürdige Geschicklichkeit darin, die schwachen Seiten starker Geister herauszufinden. Alle seine großen Zeitgenossen fühlten gelegentlich seinen Stachel. Einmal schlug dieser Stachel eine Wunde, die sogar Wilhelm aus seiner ruhigen Fassung brachte und ihm die Äußerung entlockte, daß er wohl wünschte ein Privatmann zu sein, damit er Mr. Howe zu einer kurzen Unterredung hinter Montague House einladen könne. Gegenwärtig jedoch gehörte Howe zu den eifrigsten Stützen der neuen Regierung und richtete alle seine Sarkasmen und Ausfälle gegen die Mißvergnügten.[32]
[29.] Kennet’s Funeral Sermon on the first Duke of Devonshire, und Memoirs of the Family of Cavendish, 1708.
[30.] Siehe ein Gedicht betitelt: A Votive Tablet to the King and Queen.
[31.] Siehe Prior’s Widmung seiner Gedichte an Dorset’s Sohn und Nachfolger, und Dryden’s Essay on Satire als Einleitung zu den Übersetzungen aus Juvenal. In Collier’s Short View of the Stage wird Dryden’s weibische Klagsucht bitter verhöhnt. In Blackmore’s Prince Arthur, ein Gedicht, das bei aller seiner Werthlosigkeit einige interessante Anspielungen auf zeitgenössische Personen und Dinge enthält, kommen folgende Strophen vor:
Der Dichter Chor an seiner Thüre stand
Und harrt’ der milden Spende seiner Hand.
Auch Laurus zeigt sich in dem magren Schwarm,
Der alte Barde voller Groll und Harm;
Verlangt Gehör und drängt und stößt mit Fuß und Arm.
Das Haus Sakil’s, der Musen Schloß, erklang
Von endlosem Geschrei und lautem Sang.
Dem guten Sakil selbst Laurus gern seinen Segen schenkt,
Doch Sakil’s Fürst und Gott er stets mit Flüchen nur bedenkt,
Sakil ohn’ Unterschied sein Brot vertheilt,
Den Schmeichler hasset er, des Dichters Noth er heilt.
Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Sakil Sackville und daß Laurus eine Umschreibung des bekannten Spottnamens Bayes ist.
[32.] Kaum ein andrer Mann der damaligen Zeit wird in Flugschriften und Satiren häufiger erwähnt als Howe. In der berüchtigten Petition of Legion wird er „das schamlose Ärgerniß der Parlamente“ genannt. Merkwürdig ist auch was Mackay über ihn sagt. In einem 1690 geschriebenen Gedicht, daß ich nur als Manuscript gesehen habe, kommt folgende Stelle vor.
„Zuerst Jack Howe mit seinem furchtbaren Talent;
Glücklich das Weib, das seinem Spottlied entgeht;
Gegen die Damen sein Muth keine Grenzen kennt;
Vor dem Dragoner er mit gezogenem Hute steht.“
Untergeordnete Ernennungen. [Die] niederen Stellen bei allen öffentlichen Ämtern wurden unter beide Parteien vertheilt; der größere Antheil aber kam auf die Whigs. Einige Personen, die dem Namen Whig wenig Ehre machten, wurden in der That glänzend für Dienste belohnt, die kein braver Mann geleistet haben würde. Wildman wurde zum Generalpostmeister ernannt, und Ferguson erhielt eine einträgliche Sinekure bei der Steuererhebung. Das Amt des Schatz-Prokurators war eben so wichtig als verhaßt. Dieser Beamte hatte politische Prozesse zu führen, die Beweise zu sammeln, den Anwalt der Krone zu instruiren, dafür zu sorgen, daß die Gefangenen nicht gegen ungenügende Bürgschaft in Freiheit gesetzt wurden, und darauf zu sehen, daß die Juries nicht aus regierungsfeindlichen Personen zusammengesetzt wurden. Zu den Zeiten Karl’s und Jakob’s waren die Schatz-Prokuratoren mit nur zu gutem Grunde beschuldigt worden, daß sie gegen dem Hofe mißliebige Personen die empörendsten Chikanen anwendeten. Die neue Regierung hätte hier eine Wahl treffen sollen, die über jeden Verdacht erhaben war. Leider entschieden sich Mordaunt und Delamere für Aaron Smith, einen hämischen und characterlosen Politiker, der in den Tagen der papistischen Verschwörung der Rechtsbeistand des Titus Oates und in das Ryehousecomplot tief verwickelt gewesen war. Richard Hampden, ein Mann von entschiedenen Ansichten, aber von gemäßigter Gesinnung, erhob Einwendungen gegen diese Ernennung. Aber seine Einwürfe wurden nicht beachtet. Die Jakobiten, welche Smith haßten und auch Ursache dazu hatten, behaupteten er habe seine Stelle dadurch erlangt, daß er den Lords des Schatzes die Hölle heiß gemacht, und besonders ihnen gedroht habe, es würde Hampden das Leben kosten, wenn sie seine (Smith’s) gerechten Ansprüche nicht befriedigten.[33]
[33.] Sprat’s True Account; Letter to Chief Justice Holt, 1694; Letter to Secretary Trenchard, 1694.
Die Convention in ein Parlament verwandelt. [Es] vergingen einige Wochen, ehe die vorerwähnten Ernennungen öffentlich bekannt gemacht wurden, und währenddem hatte sich viel Wichtiges ereignet. Sobald der neue Geheimrath vereidigt war, mußte demselben eine ernste und dringliche Frage vorgelegt werden. Konnte die gegenwärtig tagende Convention in ein Parlament verwandelt werden? Die Whigs, welche eine überwiegende Majorität im Unterhause hatten, waren sämmtlich für die Bejahung dieser Frage. Die Tories dagegen, welche wußten, daß die öffentliche Stimmung sich während des letzten Monats bedeutend verändert hatte, und von einer allgemeinen Wahl eine ansehnliche Verstärkung hofften, waren für die Verneinung. Sie behaupteten, daß zum Bestehen eines Parlaments königliche Ausschreiben unerläßlich seien. Die Convention sei nicht durch solche Ausschreiben einberufen worden und dieser ursprüngliche Mangel könne jetzt nicht nachgeholt werden; daher seien die beiden Häuser bloße Privatklubbs und müßten sofort auseinandergehen.
Darauf wurde ihnen erwiedert, das königliche Ausschreiben sei eine bloße Formalität und es würde der unvernünftigste Irrwahn sein, wenn man um einer hohlen Form willen das Wesen unserer Gesetze und Freiheiten bedenklichen Zufällen aussetzen wollte. Wo immer man den Souverain, die geistlichen und weltlichen Peers und die von den Wahlkörpern des Reichs frei gewählten Volksvertreter versammelt sähe, habe man das Wesen eines Parlaments. Ein solches Parlament sei jetzt da, und könne es wohl etwas Thörichteres geben, als es zu einem Zeitpunkte aufzulösen, wo jede Stunde kostbar sei, wo zahlreiche wichtige Angelegenheiten sofortige gesetzmäßige Erledigung verlangten, und wo dem Staate Gefahren drohten, welche nur durch die vereinten Anstrengungen des Königs, der Lords und der Gemeinen abgewendet werden könnten? Ein Jakobit könne sich allerdings aus haltbaren Gründen weigern, diese Convention als ein Parlament anzuerkennen, denn er sei der Ansicht, daß sie von vornherein eine ungesetzliche Versammlung gewesen, daß alle ihre Beschlüsse ungültig und die Souveraine, die sie eingesetzt, Usurpatoren seien. Mit welcher Consequenz aber könne irgend einer von Denen, welche behaupteten, es müsse unverweilt durch Ausschreiben unter dem großen Siegel Wilhelm’s und Marien’s ein neues Parlament einberufen werden, die Autorität in Frage stellen, welche Wilhelm und Marien auf den Thron gesetzt habe? Wer Wilhelm als rechtmäßigen König ansähe, müsse nothwendig auch die Körperschaft von der dieser König sein Recht habe, als rechtmäßigen Großen Rath des Landes betrachten. Nach dem nämlichen Grundsatze könnten Diejenigen, welche ihn zwar nicht als einen rechtmäßigen König betrachteten, aber doch der Überzeugung seien, daß sie ihm als factischen Könige den Huldigungseid leisten dürften, sicherlich auch die Convention als ein factisch bestehendes Parlament anerkennen. Es liege auf der Hand, daß die Convention die Urquelle sei, aus der die Autorität aller zukünftigen Parlamente abgeleitet werden und daß von der Rechtsgültigkeit der Beschlüsse der Convention die Rechtsgültigkeit jedes zukünftigen Gesetzes abhängen müsse. Wie könne der Strom höher steigen als die Quelle? Sei es nicht eine Absurdität, wenn man behaupten wolle, die Convention sei die höchste Macht im Staate, und doch eine Null, sie sei eine Legislatur für den höchsten aller Zwecke, und doch keine Legislatur für die geringfügigsten Zwecke; sie sei befugt, den Thron für erledigt zu erklären, die Thronfolge abzuändern, die Grenzen der Verfassung zu bestimmen, und doch nicht befugt, die unbedeutendste Verordnung zur Ausbesserung eines Hafendammes oder zur Erbauung einer Pfarrkirche zu erlassen?
Diese Argumente würden selbst dann von großem Gewicht gewesen sein, wenn alle Präcedenzfälle für die entgegengesetzte Meinung gesprochen hätten. In der That aber bot unsre Geschichte nur einen Fall dar, welcher überhaupt hier angezogen werden konnte, und dieser Fall sprach entschieden zu Gunsten des Satzes, daß königliche Ausschreiben zum Bestehen eines Parlaments nicht unbedingt nöthig seien. Kein königliches Ausschreiben hatte die Convention einberufen, welche Karl II. zurückrief. Gleichwohl war jene Convention noch nach seiner Restauration beisammen geblieben, hatte Gesetze gegeben, das Budget aufgestellt, eine Amnestieacte erlassen und die Lehnsdienstleistungen abgeschafft. Diese Maßnahmen waren durch eine Autorität sanctionirt worden, von der keine Partei im Staate ohne Ehrerbietung sprechen konnte. Hale hatte wesentlichen Theil daran genommen und hatte stets behauptet, daß sie streng gesetzlich seien. Auch Clarendon, so wenig er geneigt war, irgend eine, die Rechte der Krone oder das Ansehen des Siegels, dessen Bewahrer er war, beeinträchtigende Doctrin zu begünstigen, hatte erklärt, daß, wenn Gott der Nation zu einem äußerst kritischen Zeitpunkte ein gutes Parlament gegeben habe, es die größte Thorheit sein würde, technische Mängel in dem Instrument zu suchen, durch welches ein solches Parlament zusammenberufen sei. Konnte irgend ein Tory behaupten, daß die Convention von 1660 ehrwürdigeren Ursprungs gewesen sei als die von 1689? War ein Schreiben, das der erste Prinz von Geblüt auf Ansuchen der gesammten Pairie und Hunderter von Gentlemen, welche Grafschaften und Städte vertraten, erlassen hatte, nicht eine mindestens eben so gute Vollmacht als ein Beschluß des Rumpfparlaments?
Schwächere Gründe als diese würden den Whigs, welche die Majorität des Geheimen Raths bildeten, genügt haben. Der König begab sich demnach am fünften Tage nach seiner Proklamirung mit königlichem Gepränge in das Haus der Lords und nahm seinen Sitz auf dem Throne ein. Die Gemeinen wurden hereingerufen und er erinnerte nun seine Zuhörer mit vielen huldvollen Ausdrücken an die gefährliche Lage des Landes, und ermahnte sie, diejenigen Schritte zu thun, welche unnöthigen Verzögerungen im Gange der Staatsgeschäfte vorbeugen könnten. Seine Rede wurde von den zahlreich versammelten Gentlemen mit dem leisen Gemurmel aufgenommen, durch welches unsere Vorfahren ihren Beifall zu erkennen zu geben pflegten und das oft an geheiligteren Stätten als die Kammer der Peers war, gehört wurde.[34] Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde eine die Convention für ein Parlament erklärende Bill auf den Tisch der Lords gelegt und ohne weiteres von ihnen angenommen. Bei den Gemeinen dagegen gab es eine heiße Debatte. Das Haus erklärte sich zu einem Comité, und die Aufregung war so groß daß, nachdem die Autorität des Sprechers beseitigt war, die Ordnung kaum noch aufrecht erhalten werden konnte. Es wurden scharfe persönliche Ausfälle gewechselt. Der Ausruf „Hört ihn!“ den man ursprünglich nur zur Dämpfung ordnungswidrigen Geräusches und um die Mitglieder daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht sei, der Discussion aufmerksam zu folgen, gebraucht hatte, war nach und nach das geworden was er jetzt ist, nämlich ein Ausruf, welcher je nach der Betonung, die man ihm gab, Bewunderung, Zustimmung, Entrüstung oder Hohn ausdrückte. Bei dieser Gelegenheit riefen die Whigs so geräuschvoll Hört! Hört! daß die Tories sich über Unschicklichkeit beklagten. Seymour, der Führer der Minorität, erklärte, daß von Freiheit der Debatte nicht mehr die Rede sein könne, wenn solcher Lärm geduldet werde. Einige alte whiggistische Mitglieder fühlten sich dadurch veranlaßt, ihn zu erinnern, daß, wenn er den Vorsitz führte, zuweilen ein gleiches Geschrei gehört und nicht verboten worden sei. So gereizt und erbittert indeß beide Parteien auch waren, bekundeten doch die beiderseitigen Reden die hohe Achtung vor Gesetz und verjährtem Recht, welche seit langer Zeit ein characteristischer Zug der Engländer ist und die, wenn sie auch zuweilen in Pedanterie und Aberglauben ausartet, immerhin ihr Gutes hat. Selbst in dieser wichtigen Krisis, als die Nation sich noch in der Gährung einer Revolution befand, erörterten unsere Staatsmänner ausführlich und ernst alle Umstände, welche bei der Absetzung Eduard’s II. und Richard’s II. obgewaltet, und untersuchten mit ängstlicher Genauigkeit, ob die Versammlung, welche, mit dem Erzbischof Lanfranc an der Spitze, Robert von der Normandie vom Throne ausschloß und Wilhelm den Rothen darauf setzte, nachher noch fortfuhr, als gesetzgebender Körper des Landes zu wirken oder nicht. Es wurde viel über die Geschichte der Ausschreiben, viel über die Etymologie des Wortes Parlament gesagt. Bemerkenswerth ist es, daß der alte Maynard derjenige Redner war, der die Sache von dem staatsmännischsten Gesichtspunkte auffaßte. Er hatte während der bürgerlichen Zwistigkeiten von fünfzig ereignißvollen Jahren gelernt, daß Fragen, welche die höchsten Interessen des Staats berührten, nicht durch Wortklaubereien und durch Brocken von juristischem Französisch und juristischem Latein entschieden werden konnten, und da er anerkanntermaßen der scharfsinnigste und gelehrteste englische Jurist war, durfte er seine Gedanken und Gesinnungen unumwunden aussprechen, ohne Gefahr zu laufen, der Ignoranz oder Anmaßung beschuldigt zu werden. Er verwarf die ganze Büchergelehrsamkeit, welche einige in solchen Dingen weit weniger erfahrene Männer als er in die Discussion gezogen hatten, als kleinlich und übel angebracht. „Wir stehen,“ sagte er, „in diesem Augenblicke nicht auf dem gebahnten Wege. Wenn wir daher entschlossen sind, nur auf diesem Wege fortzugehen, so werden wir gar nicht vorwärts kommen. Wer in einer Revolution sich vornimmt, nichts zu thun was nicht streng der herkömmlichen Form gemäß ist, gleicht einem Menschen, der sich in der Wildniß verirrt hat und beständig nur ruft: Wo ist die Landstraße? ich will nur auf der Landstraße gehen! — In einer Wildniß muß man denjenigen Weg einschlagen, auf dem man nach Hause gelangt. In einer Revolution müssen wir das höchste Gesetz, das Wohl des Staates, zur Richtschnur nehmen.“ Ein andrer Rundkopfveteran, der Oberst Birch, sprach in gleichem Sinne und argumentirte mit großer Gewandtheit und Schärfe aus dem Präcedenzfalle von 1660. Seymour und seine Anhänger wurden im Comité geschlagen und wagten es nicht, das Haus über den Bericht abstimmen zu lassen. Die Bill ging rasch durch und erhielt am zehnten Tage nach Wilhelm’s und Mariens Thronbesteigung die königliche Zustimmung.[35]
[34.] Van Citters, 19. Febr. (1. März) 1688/89.
[35.] Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 1. Siehe die Protokolle der beiden Häuser und Grey’s Debates. Die Beweisführung zu Gunsten der Bill ist in der Pariser Gazette vom 5. und 12. März 1689 gut zusammengefaßt.
Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert die Eide zu leisten. [Das] Gesetz, welches die Convention in ein Parlament verwandelte, enthielt einen Paragraphen, welcher bestimmte, daß nach dem 1. März in keinem der beiden Häuser Jemand Sitz und Stimme haben solle, der nicht dem neuen Königspaare den Huldigungseid geleistet habe. Diese Verordnung brachte die ganze Gesellschaft in große Aufregung. Die Anhänger der verbannten Dynastie hofften und sagten mit Bestimmtheit voraus, daß die Eidverweigerer zahlreich sein würden. Die Minorität in beiden Häusern, meinten sie, werde der Sache der erblichen Monarchie treu bleiben. Es werde vielleicht hier und da einen Verräther geben, die große Masse Derer aber, welche für eine Regentschaft gestimmt hatten, werde fest bleiben. Zwei Bischöfe höchstens würden die Usurpatoren anerkennen. Seymour werde sich eher aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, als seinen Grundsätzen untreu werden, Grafton habe sich schon vorgenommen, nach Frankreich zu entfliehen und seinem Oheim zu Füßen zu fallen. Solche Gerüchte machten während der letzten Hälfte des Februar durch alle Kaffeehäuser die Runde. Die Aufregung im Publikum war so groß, daß, wenn ein angesehener Mann zwei Tage hintereinander an seinen gewohnten Aufenthaltsorten vermißt wurde, man sich gleich zuraunte, er sei nach Saint-Germains entwichen.[36]
Der zweite März kam heran und das Resultat schlug die Befürchtungen der einen Partei nieder und zerstörte die Hoffnungen der andren. Der Primas hielt sich zwar mit einigen seiner Suffraganen beharrlich fern, aber drei Bischöfe und dreiundsiebzig weltliche Peers leisteten die Eide. Bei der nächsten Sitzung des Oberhauses fanden sich noch einige Prälaten mehr ein; kurz, binnen einer Woche hatten ungefähr hundert Lords die Bedingungen zur Einnahme ihrer Plätze erfüllt. Andere, welche durch Krankheit verhindert waren zu erscheinen, sandten Entschuldigungen und Versicherungen ihrer Anhänglichkeit an Ihre Majestäten. Grafton widerlegte alle über ihn in Umlauf gebrachten Märchen, indem er gleich am ersten Tage zur Eidesleistung erschien. Zwei Mitglieder der kirchlichen Commission, Mulgrave und Sprat, beeilten sich ihren Fehler dadurch gut zu machen, daß sie Wilhelm Treue und Gehorsam schworen. Beaufort, der lange als Typus eines Royalisten der alten Schule gegolten hatte, unterwarf sich nach kurzem Schwanken. Aylesbury und Dartmouth, obwohl zwei heftige Jakobiten, trugen eben so wenig Bedenken, den Huldigungseid zu leisten, als sie nachher Bedenken trugen, ihn zu brechen.[37] Die Hyde schlugen verschiedene Richtungen ein. Rochester fügte sich dem Gesetz; Clarendon aber zeigte sich widerspenstig. Viele fanden es sonderbar, daß der Bruder, der so lange zu Jakob gehalten, bis dieser flüchtete, sich weniger hartnäckig erwies, als der Bruder, der im holländischen Lager gewesen war. Die Erklärung ist vielleicht darin zu suchen, daß Rochester durch Verweigerung der Eide viel mehr verloren haben würde als Clarendon. Clarendon’s Einkünfte hingen nicht vom Belieben der Regierung ab; Rochester aber hatte einen Jahrgehalt von viertausend Pfund, den er fortzubeziehen nicht hoffen durfte, wenn er sich weigerte, das neue Herrscherpaar anzuerkennen. Er hatte in der That so viele Feinde, daß es sogar einige Monate zweifelhaft schien, ob man ihm unter irgend welchen Bedingungen die glänzende Belohnung lassen werde, die er sich durch Verfolgung der Whigs und durch einen Sitz in der Hohen Commission erworben hatte. Vor diesem harten Schlage für seine Vermögensumstände wurde er durch die Verwendung Burnet’s bewahrt, den er schwer beleidigt und der sich jetzt rächte wie es einem christlichen Priester ziemte.[38]
Im Unterhause wurden am zweiten März vierhundert Mitglieder vereidigt, darunter auch Seymour. Durch seinen Abfall ward der Muth der Jakobiten gebrochen, und die Minorität folgte mit sehr wenigen Ausnahmen seinem Beispiele.[39]
[36.] Van Citters sowohl als Ronquillo erwähnen die ängstliche Spannung, welche bis zum Bekanntwerden des Resultats in London herrschte.
[37.] Lords’ Journals, March 1688/89.
[38.] Siehe die Briefe, welche Rochester und Lady Ranelagh bei dieser Gelegenheit an Burnet schrieben.
[39.] Commons’ Journals, March 2. 1688, 89. Ronquillo schrieb: „Es de gran consideracion que Seimor haya tomado el juramento; porque es el arrengador y el director principal, en la casa de los Comunes, de los Anglicanos.“ 8.(18.) März 1688/89.
Fragen bezüglich des Einkommens. [Schon] vor dem zur Eidesabnahme bestimmten Tage hatten die Gemeinen eine wichtige Frage zu berathen begonnen, welche keinen Aufschub gestattete. Während des Interregnums hatte Wilhelm als provisorisches Haupt der Verwaltung die Steuern erhoben und sie für den Staatsdienst verwendet, ein Verfahren, dessen Angemessenheit von Niemandem, der die Revolution billigte, bestritten werden konnte. Jetzt aber war die Revolution vorüber, der Thron war wieder besetzt, die Häuser waren versammelt, das Gesetz war in voller Kraft, und es wurde nöthig, ohne Verzug zu entscheiden, zu welchem Einkommen die Regierung berechtigt war.
Niemand leugnete, daß alle Ländereien und erblichen Besitzungen der Krone mit dieser auf die neuen Herrscher übergegangen waren. Eben so wenig leugnete Jemand, daß alle Einkünfte, welche der Krone auf eine bestimmte Anzahl Jahre bewilligt worden, verfassunggemäß bis zum Ablauf des Termins beansprucht werden durften. Allein das Parlament hatte Jakob große Revenüen auf Lebenszeit verwilligt und ob diese von Wilhelm und Marien in Anspruch genommen werden konnten, so lange Jakob noch lebte, das war eine Frage, über welche die Ansichten getheilt waren.
Holt, Treby, Pollexfen und überhaupt alle angesehenen Whigjuristen, mit Ausnahme Somers’, meinten, diese Einkünfte seien dem vorigen Könige in seiner politischen Eigenschaft, aber auf seine natürliche Lebenszeit, bewilligt worden, und sie seien daher, so lange er in einem fremden Lande zubringe, an Wilhelm und Marien zu bezahlen. Aus einem sehr gedrängten und unzusammenhängenden Berichte über die Debatte geht hervor, daß Somers von dieser Ansicht abwich. Er war der Meinung, daß, wenn die Parlamentsacte, welche die in Rede stehenden Abgaben aufgebürdet, ihrem Geiste nach ausgelegt würde, das Wort Leben als gleichbedeutend mit dem Worte Regierung betrachtet werden müsse, und daß sonach die Frist, auf welche diese Abgaben der Krone bewilligt worden, erloschen sei. Dies war unzweifelhaft die richtige Meinung, denn es war geradezu widersinnig, Jakob’s Interesse bei dieser Verwilligung als zu gleicher Zeit mit seiner Person und auch mit seinem Amte verknüpft zu betrachten, in einem Athem zu sagen, die Kaufleute von London und Bristol müßten Geld hergeben, weil er physisch noch lebe, und seine Nachfolger müßten dieses Geld bekommen, weil er politisch todt sei. Das Haus theilte entschieden die Ansicht Somers’. Die Mitglieder waren im Allgemeinen für die Vornahme einer großen Reform, denn man sah ein, daß ohne eine solche die Rechtserklärung nur eine unvollkommene Garantie für die öffentliche Freiheit sein würde. Während des Kampfes, den fünfzehn aufeinanderfolgende Parlamente gegen vier aufeinanderfolgende Könige geführt, war die Macht des Geldes die Hauptwaffe der Gemeinen gewesen, und wenn sich die Vertreter des Volks einmal verleiten ließen, diese Waffe aufzugeben, hatten sie jedesmal sehr bald Ursache gehabt, ihre allzu leichtgläubige Loyalität zu bereuen. In der Zeit der stürmischen Freude, welche auf die Restauration folgte, war Karl II. fast durch Acclamation ein großes Einkommen auf Lebenszeit bewilligt worden. Doch schon nach einigen Monaten gab es kaum einen ehrenwerthen Cavalier im Lande, der sich nicht gesagt hätte, daß die Zahlmeister der Nation weiser gehandelt haben würden, wenn sie die Mittel zur Abstellung der Mißbräuche, welche alle Zweige der Verwaltung schändeten, in ihrer Hand behalten hätten. Jakob II. hatte von seinem unterwürfigen Parlamente ohne eine opponirende Stimme ein Einkommen erlangt, welches hingereicht haben würde, die gewöhnlichen Staatsausgaben für seine ganze Lebenszeit zu bestreiten, und noch ehe er dieses Einkommen ein halbes Jahr genossen, machte sich die Mehrzahl Derer, welche so freigebig gegen ihn gewesen, bittere Vorwürfe wegen ihrer Liberalität. Wenn man der Erfahrung, einer langen und schmerzlichen Erfahrung, trauen durfte, so gab es keine wirksame Sicherheit gegen schlechte Verwaltung, sobald der Souverain nicht genöthigt war, sich öfters an seinen Großen Rath um Geldunterstützung zu wenden. Fast alle rechtschaffenen und einsichtsvollen Männer stimmten daher darin überein, daß wenigstens ein Theil der Zuschüsse nur auf kurze Termine verwilligt werden dürften. Und welcher Zeitpunkt war wohl geeigneter zur Einführung dieses neuen Modus als das Jahr 1689, der Anfang einer neuen Regierung, einer neuen Dynastie, einer neuen Ära in der constitutionellen Verwaltung? Die Meinung über diesen Gegenstand war so mächtig und allgemein, daß die abweichende Minorität nachgab. Es wurde zwar kein formeller Beschluß gefaßt, aber das Haus verfuhr nach der Annahme, daß die Jakob auf Lebenszeit bewilligten Einkünfte durch seine Abdankung aufgehoben seien.[40]
Es war unmöglich, ohne Untersuchung und Berathung eine neue Feststellung des Einkommens vorzunehmen. Die Schatzkammer wurde daher angewiesen, die nöthigen Vorlagen zu beschaffen, welche das Haus in den Stand setzten, die öffentlichen Ausgaben und Einnahmen abzuschätzen. Inzwischen wurde den augenblicklichen Bedürfnissen des Staats mit geziemender Liberalität genügt. Eine durch directe monatliche Besteurung zu erhebende außerordentliche Unterstützung wurde dem Könige gewährt. Es wurde eine Verordnung erlassen, welche alle Diejenigen, die seit seiner Landung in seinem Namen die Jakob zugesprochenen Abgaben erhoben, für schuldlos erklärte, und die erloschenen Abgaben wurden noch auf einige Monate verlängert.
[40.] Grey’s Debates, Febr. 25, 26, 27. 1688/89.
Abschaffung der Herdsteuer. [Auf] seinem ganzen Marsche von Torbay bis London war Wilhelm von dem niederen Volke mit Bitten bestürmt worden, daß er es von der unerträglichen Last des Herdgeldes befreien möchte. Diese Abgabe scheint in der That alle die schlimmsten Übelstände in sich vereinigt zu haben, die man irgend einer Steuer zur Last legen kann. Sie war unverhältnißmäßig, und zwar in der verderblichsten Weise, denn sie lastete schwer auf dem Armen, und leicht auf dem Reichen. Ein Landmann, dessen ganzes Besitzthum keine zwanzig Pfund werth war, mußte zehn Schilling bezahlen, während der Herzog von Ormond oder der Herzog von Newcastle, deren Güter eine halbe Million werth waren, nur vier bis fünf Pfund bezahlten. Die Einsammler waren ermächtigt, das Innere jedes Hauses im Lande zu untersuchen, die Familien bei ihrer Mahlzeit zu stören, die Thüren der Schlafzimmer zu erbrechen, und, wenn die verlangte Summe nicht pünktlich bezahlt wurde, den Tisch, auf dem den armen Kindern ihr Gerstenbrot zugeschnitten wurde, oder das Kissen unter dem Haupte der Wöchnerin wegzunehmen und zu verkaufen. Eben so wenig vermochte das Schatzamt den Herdgeldmann wirksam daran zu hindern, daß er seine Vollmacht mit Härte ausübte, denn die Steuer war verpachtet und die Regierung war in Folge dessen genöthigt, die Gewaltthätigkeiten und Erpressungen, welche zu allen Zeiten den Namen Zöllner sprüchwörtlich zu dem verhaßtesten von der Welt gemacht haben, stillschweigend hingehen zu lassen.
Auf Wilhelm hatten die vernommenen Klagen und Beschwerden einen so erschütternden Eindruck gemacht, daß er den Gegenstand bei einer der ersten Sitzungen des Geheimen Raths zur Sprache brachte. Er forderte das Haus der Gemeinen durch eine Botschaft auf, zu erwägen, ob zweckmäßigere Einrichtungen den Mißbräuchen, welche so große Unzufriedenheit erregt hätten, wirksam abhelfen könnten, und setzte hinzu, daß er gern in die gänzliche Abschaffung der Steuer willigen würde, wenn es sich herausstellen sollte, daß die Mißbräuche von der Steuer unzertrennlich seien.[41] Diese Mittheilung ward mit lautem Beifall aufgenommen. Allerdings gab es einige Finanzmänner der alten Schule, welche murmelten, daß Mitleid mit den Armen wohl etwas Schönes sei, daß aber kein Theil der Staatseinkünfte so pünktlich auf den Tag einginge als das Herdgeld, daß die Goldschmiede nicht immer bewogen werden könnten, auf die Sicherheit des nächsten Quartals der Zölle oder der Accise zu leihen, daß es aber nicht schwer sei, auf eine Herdgeldverschreibung Vorschüsse zu erhalten. Im Hause der Gemeinen wagten die so Denkenden es nicht, ihre Stimmen gegen die allgemeine Ansicht zu erheben; im Hause der Lords aber entspann sich ein Kampf, dessen Ausgang eine Zeitlang zweifelhaft schien. Endlich aber erwirkte der kräftig angewendete Einfluß des Hofes eine Acte, kraft welcher die Kaminsteuer als ein Zeichen von Sklaverei erklärt und unter vielen Dankesversicherungen gegen den König für alle Seiten abgeschafft wurde.[42]
[41.] Commons’ Journals und Grey’s Debates, March 1. 1688/89.
[42.] Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 10.; Burnet II. 13.
Entschädigung der Vereinigten Provinzen. [Die] Gemeinen bewilligten nach kurzer Debatte und ohne Abstimmung sechsmalhunderttausend Pfund zu dem Zwecke, die Kosten der Expedition, welche England befreit hatte, den Vereinigten Provinzen zurückzuerstatten. Die Leichtigkeit, mit der diese bedeutende Summe einem schlauen, thätigen und sparsamen Volke bewilligt ward, das in politischer Beziehung unser Bundesgenosse, in commercieller Hinsicht aber unser gefährlichster Nebenbuhler war, erregte außerhalb der Kammern einiges Murren und war mehrere Jahre lang ein Lieblingsthema für die Sarkasmen der toryistischen Tagesschriftsteller.[43] Die Freigebigkeit des Hauses war jedoch leicht zu erklären. An dem nämlichen Tage, an welchem dieser Gegenstand berathen wurde, trafen in Westminster beunruhigende Nachrichten ein und überzeugten Viele, die zu einer andren Zeit geneigt gewesen wären, jede von den Holländern eingeschickte Rechnung einer strengen Prüfung zu unterwerfen, daß unser Land die Dienste fremder Truppen noch nicht entbehren konnte.
[43.] Commons’ Journals, March 15. 1688/89. Noch im Jahre 1713 spielte Arbuthnot im fünften Theile des John Bull mit viel Witz auf diesen Gegenstand an. „Was Euren Venire Facias betrifft,“ sagt John zu Nick Frog, „so habe ich Euch für einen schon bezahlt.“
Meuterei in Ipswich. [Frankreich] hatte den Generalstaaten den Krieg erklärt und die Generalstaaten hatten in Folge dessen vom Könige von England die Unterstützung verlangt, die er durch den Vertrag von Nimwegen zu leisten verpflichtet war.[44] Er hatte einige Bataillone nach Harwich verordert, um sich dort zur Überfahrt nach dem Festlande bereit zu halten. Die alten Soldaten Jakob’s waren meist in einer sehr schlechten Stimmung, und dieser Befehl übte keine besänftigende Wirkung aus. Am größten war die Unzufriedenheit in dem Regimente, das gegenwärtig als das erste der Linie bezeichnet wird. Obgleich dieses Regiment der englischen Armee angehörte, hatte es doch seit der Zeit, da es zuerst unter dem großen Gustav kämpfte, fast ausschließlich aus Schotten bestanden, und die Schotten haben nie verfehlt, in jedem Lande, wohin ihr abenteuerlicher und ehrgeiziger Sinn sie führte, die geringste ihrem Heimathlande bewiesene Geringschätzung zu fühlen und zu ahnden. Offiziere wie Gemeine murmelten, daß der Beschluß einer ausländischen Versammlung in ihren Augen nichts gelte. Wenn sie überhaupt ihres Treuschwurs für König Jakob VII. entbunden werden könnten, so müsse dies durch die Stände von Edinburg, nicht durch die Convention von Westminster geschehen. Ihr Unmuth wuchs, als sie erfuhren, daß Schomberg zu ihrem Obersten ernannt war. Vielleicht hätten sie es sich zur Ehre schätzen sollen, den Namen des größten Soldaten Europa’s zu führen, aber bei aller seiner Tapferkeit und militärischen Tüchtigkeit war er doch nicht ihr Landsmann, und während der sechsundfunfzig Jahre, welche verstrichen waren, seitdem sich ihr Regiment in Deutschland seine ersten Lorbeern verdiente, war es nie von einem Andren als einem Hopburn oder einem Douglas commandirt worden. In dieser gereizten Stimmung erhielten sie Befehl, zu den Streitkräften zu stoßen, die sich in Harwich sammelten. Es wurde viel gemurrt, doch kam es zu keinem Ausbruch, bis das Regiment in Ipswich anlangte. Hier gaben zwei Hauptleute, welche eifrige Anhänger des verbannten Königs waren, das Zeichen zur Empörung. Der Marktplatz füllte sich bald mit hin und her rennenden Pikenmännern und Musketiren. Schüsse wurden aufs Gerathewohl nach allen Richtungen hin abgefeuert. Diejenigen Offiziere, welche die Meuterer im Zaume zu halten versuchten, wurden überwältigt und entwaffnet. Endlich gelang es den Leitern des Aufstandes, einige Ordnung herzustellen und sie marschirten nun an der Spitze ihrer Anhänger aus Ipswich ab. Die kleine Armee bestand aus etwa achthundert Mann. Sie hatten vier Kanonen mitgenommen und sich der Kriegskasse bemächtigt, die eine bedeutende Summe Geldes enthielt. Eine halbe Meile von der Stadt wurde Halt gemacht, eine allgemeine Berathung gepflogen und beschlossen, daß die Meuterer in ihr Heimathsland zurückeilen und mit ihrem rechtmäßigen Könige leben und sterben wollten. Demgemäß brachen sie in Eilmärschen nach dem Norden auf.[45]
Als die Nachricht in London eintraf, war die Bestürzung groß. Es hieß, daß auch bei anderen Regimentern sich beunruhigende Symptome gezeigt hätten und besonders daß ein in Harwich liegendes Füsilircorps große Lust zu haben scheine, dem in Ipswich gegebenen Beispiele zu folgen. „Wenn diese Schotten,“ sagte Halifax zu Reresby, „nicht auf Unterstützung rechnen können, so sind sie verloren; haben sie aber im Einverständniß mit Anderen gehandelt, dann ist die Gefahr in der That sehr ernst.“[46] Das Wahre scheint zu sein, daß eine Verschwörung bestand, die in vielen Heerestheilen Verzweigungen hatte, daß aber die Verschwörer durch die Festigkeit der Regierung und des Parlaments im Schach gehalten wurden. Es ward eben eine Ausschußsitzung des Geheimen Raths gehalten, als die Nachricht von dem Aufstande in London eintraf. Wilhelm Harbord, der Vertreter des Burgfleckens Launceston, welcher Mitglied des Ausschusses war, wurde von seinen Collegen ersucht, sich sogleich in das Haus der Gemeinen zu begeben und dort das Vorgefallene mitzutheilen. Er ging, erhob sich auf seinem Platze und erzählte seine Geschichte. Der Geist der Versammlung trug der Lage der Dinge gebührende Rechnung. Howe war der Erste, der kräftiges Einschreiten verlangte. „Ersuchet den König,“ sagte er, „seine holländischen Truppen gegen diese Leute zu entsenden. Ich wüßte nicht, wem man sonst trauen könnte.“ — „Die Sache ist kein Spaß,“ sagte der alte Birch, welcher Oberst im Dienste des Parlaments gewesen war und das mächtigste und berühmteste Haus der Gemeinen, das es je gegeben, durch dessen eigene Soldaten zweimal hatte säubern und zweimal hatte auseinandersprengen sehen; „wenn Ihr das Übel um sich greifen laßt, werdet Ihr binnen wenigen Tagen eine Armee auf dem Halse haben. Ersuchet den König, auf der Stelle Reiter und Fußvolk abzusenden, und zwar seine eigenen Leute, auf die er sich verlassen kann, damit dieses Volk mit einem Schlage niedergeworfen wird.“ Jetzt fingen auch die Männer der langen Robe Feuer. „Das Wissen meines Berufs ist hier unnütz,“ sagte Treby. „Es kommt hier darauf an, der Gewalt mit Gewalt entgegenzutreten und im Felde das zu behaupten, was wir im Senate gethan haben.“ — „Schreibt an die Sheriffs,“ sprach Oberst Mildmay, Mitglied für Essex, „und laßt die Miliz aufbieten. Es sind ihrer Hundertfunfzigtausend Mann und lauter gute Engländer; sie werden Euch nicht im Stiche lassen.“ Es wurde beschlossen, daß alle in der Armee angestellten Mitglieder des Hauses vom Besuche des Parlaments dispensirt werden sollten, damit sie sich unverzüglich auf ihre militärischen Posten begeben könnten. Sodann wurde einstimmig eine Adresse votirt, welche den König ersuchte, energische Maßregeln zur Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen und eine Proklamation zu erlassen, welche die öffentliche Rache auf die Rebellen herabrief. Ein Mitglied deutete darauf hin, daß es vielleicht gut sei, wenn Sr. Majestät Denen, die sich im Guten unterwürfen, Verzeihung zusichere; allein das Haus verwarf wohlweislich diesen Vorschlag. „Es ist jetzt nicht der Augenblick,“ wurde sehr richtig bemerkt, „zu einer Nachsicht, die wie Furcht aussehen würde.“ Die Adresse wurde sogleich ins Haus der Lords gesandt und von diesen genehmigt. Zwei Peers, zwei Grafschaftsvertreter und zwei Abgeordnete von Burgflecken wurden damit an den Hof geschickt. Wilhelm empfing sie sehr gnädig und sagte ihnen, daß er bereits die nöthigen Befehle gegeben habe. In der That waren auch schon mehrere Regimenter Reiterei und Dragoner unter dem Commando Ginkell’s, eines der tapfersten und geschicktesten Offiziere der holländischen Armee, nach dem Norden entsendet worden.[47]
Mittlerweile eilten die Aufständischen durch die Gegend zwischen Cambridge und dem Wash. Ihr Weg führte über eine weite, öde Moorstrecke, die mit der ganzen Feuchtigkeit von dreizehn Grafschaften gesättigt war und auf welcher den größten Theil des Jahres ein grauer Nebel lagerte, über den sich der viele Meilen im Umkreise sichtbare prächtige Thurm von Ely erhob. In dieser traurigen, mit großen Schwärmen wilder Vögel bedeckten Gegend führte damals ein halbwildes Volk, bekannt unter dem Namen der Breedlings, ein amphibienartiges Leben, von einem Eiland festen Grund und Bodens zum andren theils watend theils rudernd.[48] Die Straße gehörte zu den schlechtesten der ganzen Insel und als sich das Gerücht von der Annäherung der Rebellen verbreitete, wurden sie von dem Landvolke absichtlich noch mehr verschlechtert. Brücken wurden abgebrochen und Baumstämme quer über die Straßen gelegt, um das Fortschaffen der Kanonen zu erschweren. Dessenungeachtet drangen die schottischen Veteranen nicht nur mit großer Eil vor, sondern es gelang ihnen auch, ihre Artillerie mit fort zu bringen. So erreichten sie die Grafschaft Lincoln, und als sie nicht mehr weit voll Sleafort entfernt waren, erfuhren sie, daß Ginkell mit einer unüberwindlichen Truppenmacht ihnen hart auf den Fersen sei. Von Sieg konnte so wenig die Rede sein wie von Entkommen. Die tapfersten Krieger konnten gegen eine vierfache Übermacht nichts ausrichten, das vortrefflichste Fußvolk konnte einer Reiterschaar nicht entrinnen. Da indessen die Anführer wohl wußten, daß sie keinen Pardon zu erwarten hatten, drangen sie in ihre Mannschaften, das Glück einer Schlacht zu versuchen. Eine fast von allen Seiten von Sümpfen und Teichen eingeschlossene Stelle war in dieser Gegend leicht gefunden. Hier wurden die Insurgenten aufgestellt und die Kanonen an der einzigen Seite aufgefahren, die man durch natürliche Vertheidigungsmittel nicht hinreichend gedeckt glaubte. Ginkell befahl den Angriff an einer Stelle zu unternehmen, die sich außer dem Bereiche der Geschütze befand, und seine Dragoner sprangen muthig ins Wasser, obwohl es so tief war, daß ihre Pferde schwimmen mußten. Jetzt sank den Rebellen der Muth. Sie versuchten zu parlamentiren, ergaben sich aber schließlich auf Gnade und Ungnade und wurden unter starker Bedeckung nach London gebracht. Ihr Leben war verwirkt, denn sie hatten sich nicht blos der Meuterei, welche damals kein legales Verbrechen war, sondern des bewaffneten Widerstandes gegen den König schuldig gemacht. Wilhelm unterließ jedoch mit weiser Nachsicht, das Blut selbst der Strafbarsten zu vergießen. Einige von den Haupträdelsführern wurden vor die nächsten Assisen von Bury gestellt und des Hochverraths überwiesen; aber ihr Leben ward geschont. Die Übrigen erhielten einfach den Befehl, zu ihrer Pflicht zurückzukehren. Das vor Kurzem so aussätzige Regiment ging gehorsam nach dem Continent und zeichnete sich dort in vielen beschwerlichen Feldzügen durch Treue, Disciplin und Tapferkeit aus.[49]
[44.] Wagenaar LXI.
[45.] Commons’ Journals, March 15. 1688/89.
[46.] Reresby’s Memoirs.
[47.] Commons’ Journals und Grey’s Debates, March 15. 1688/89, London Gazette, March 18.
[48.] Über den Zustand dieser Gegend zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts siehe Pepys’ Diary vom 18. Sept. 1663 und Tour through the whole Island of Great Britain, 1724.
[49.] London Gazette, March 25. 1689; Van Citters an die Generalstaaten vom 22. März (1. April); Briefe von Nottingham im Staatsarchive vom 23. Juli und 9. Aug. 1689; Historical Record of the First Regiment of Foot, auf Befehl der Regierung gedruckt. Siehe auch eine interessante Abschweifung in der Compleat History of the Life and Military Actions of Richard, Earl of Tyrconnel, 1689.
Die erste Meutereibill. [Dieser] Vorfall erleichterte eine wichtige Veränderung in unsrer Politik, eine Veränderung, welche zwar über kurz oder lang hätte vorgenommen werden müssen, die aber doch so leicht nicht hätte durchgeführt werden können, außer in einem Augenblicke der höchsten Gefahr. Die Zeit war endlich gekommen, wo es nöthig wurde, einen gesetzlichen Unterschied zwischen dem Soldaten und dem Bürger zu machen. Unter den Plantagenets und den Tudors hatte es kein stehendes Heer gegeben, und das stehende Heer, das England unter den letzten Königen des Hauses Stuart besessen, war von allen Parteien im Staate mit einem starken und nicht unbegründeten Widerwillen betrachtet worden. Das gemeine Recht gewährte dem Souverain nicht die Mittel, seine Truppen gebührend im Zaume zu halten, denn das Parlament, das sie als bloße Werkzeuge der Tyrannei betrachtete, hatte keine Lust gehabt, diese Mittel durch Gesetze zu bewilligen. Jakob hatte zwar seine bestochenen und servilen Richter dahin gebracht, daß sie einigen veralteten Gesetzen eine Auslegung gaben, die ihn in den Stand setzte, die Desertion mit einer Kapitalstrafe zu belegen. Allein diese Auslegung wurde von alten angesehenen Juristen als irrig betrachtet, und wäre sie auch richtig gewesen, so würde sie doch bei weitem nicht alles das geboten haben, was zur Aufrechthaltung der militärischen Disciplin nöthig war. Selbst Jakob wagte es nicht, auf das Erkenntniß eines Kriegsgerichts hin die Todesstrafe zu verhängen. Der Deserteur wurde wie ein gewöhnlicher Verbrecher behandelt, vor die Assisen gestellt, auf die von einer großen Jury herausgefundenen Klagegründe hin von einer kleinen Jury abgeurtheilt, und es stand ihm frei, jeden in der Anklageacte zu entdeckenden Formfehler zu seinem Gunsten zu benutzen.
Indem die Revolution die Stellung des Fürsten und des Parlaments zu einander veränderte, hatte sie auch die gegenseitige Stellung der Armee und der Nation verändert. Der König und die Gemeinen waren jetzt einig und beide wurden durch die größte Militärmacht bedroht, die es seit dem Untergange des römischen Reichs in Europa gegeben hatte. Binnen wenigen Wochen konnten dreißigtausend sieggewohnte, von geschickten und erfahrenen Feldherren angeführte Veteranen aus den Häfen der Normandie und der Bretagne an unsere Küsten übersetzen. Daß eine solche Truppenmacht eine dreifache Anzahl von Milizen ohne große Schwierigkeit auseinandersprengen würde, konnte Niemand bezweifeln, der vom Kriege etwas verstand. Man mußte also reguläre Soldaten haben, und wenn man solche haben mußte, so war es im Interesse ihres eigenen wirksamen Bestehens, wie zur Sicherheit jeder andren Klasse durchaus nothwendig, daß sie unter einer strengen Disciplin gehalten wurden. Eine schlecht disciplinirte Armee ist zu allen Zeiten nichts weiter als eine kostspieligere und zügellosere Miliz gewesen, ohnmächtig gegen einen auswärtigen Feind und nur dem Lande selbst gefährlich, zu dessen Vertheidigung sie unterhalten wird. Es muß demnach eine strenge Grenzlinie zwischen den Soldaten und der übrigen Gesellschaft gezogen werden. Im Interesse der öffentlichen Freiheit müssen sie, inmitten der Freiheit, unter eine despotische Zucht gestellt werden. Sie müssen einem schärferen Strafcodex und einer nachdrücklicheren Prozeßordnung unterworfen sein, als nach denen die ordentlichen Gerichtshöfe verfahren. Gewisse Handlungen, welche bei dem Bürger unschuldig sind, müssen bei dem Soldaten Verbrechen sein. Gewisse Handlungen, welche bei dem Bürger mit Geldbuße oder Gefängniß geahndet werden, müssen bei dem Soldaten mit dem Tode bestraft werden. Die Maschinerie, vermittelst welcher die Gerichtshöfe die Schuld oder Unschuld eines angeklagten Bürgers feststellen, ist zu langsam und zu verwickelt, um auf einen angeklagten Soldaten Anwendung finden zu können, denn die militärische Insubordination ist von allen vorkommenden Krankheiten des Staatskörpers diejenige, welche die promptesten und eingreifendsten Gegenmittel erheischt. Wird das Übel nicht gleich im Keime erstickt, so breitet es sich aus, und weit kann es sich nicht ausbreiten ohne Gefahr für die eigentlichen Lebensnerven der Gesellschaft. Im Interesse des Gemeinwohls muß daher in Feldlagern eine summarische Gerichtsbarkeit von furchtbarer Ausdehnung strengen Tribunalen, aus Männern des Schwerts bestehend, übertragen werden.
Obgleich es aber gewiß war, daß das Land zu jenem Zeitpunkte ohne berufsmäßige Soldaten nicht sicher sein konnte, und eben so gewiß, daß berufsmäßige Soldaten schlimmer als nutzlos sein mußten, wenn sie nicht unter ein willkürlicheres und strengeres Regiment gestellt wurden als andere Leute, so konnte doch ein Haus der Gemeinen es nicht ohne große Besorgniß wagen, die Existenz eines stehenden Heeres anzuerkennen und die Mittel zur Unterhaltung desselben zu bewilligen. Es gab kaum einen bedeutenden Staatsmann, der nicht oft die Überzeugung ausgesprochen hätte, daß unsre Verfassung und ein stehendes Heer nicht nebeneinander bestehen könnten. Die Whigs hatten es bei jeder Gelegenheit wiederholt, daß stehende Heere die freien Institutionen der Nachbarvölker vernichtet hätten. Eben so oft hatten die Tories es wiederholt, daß auf unsrer Insel ein stehendes Heer die Kirche umgestürzt, die Gentry tyrannisirt und den König gemordet habe. Kein Führer der einen wie der andren Partei konnte darauf antragen, daß ein solches Heer fortan eine bleibende Staatseinrichtung sein sollte, ohne sich der Beschuldigung grober Inconsequenz auszusetzen. Die Meuterei von Ipswich und der panische Schrecken, den dieselbe hervorgerufen, erleichterten die Durchführung eines Schrittes, der außerdem höchst schwierig gewesen sein würde. Es ward eine kurze Bill eingebracht, welche mit der bündigen Erklärung begann, daß das englische Recht von stehenden Heeren und Kriegsgerichten nichts wisse. Hierauf wurde verordnet, daß in Anbetracht der großen Gefahren, welche in diesem Augenblicke dem Staate drohten, kein Mann, der im besoldeten Dienst der Krone stehe, bei Todesstrafe oder derjenigen milderen Strafe, die ein Kriegsgericht für genügend halten würde, seine Fahnen verlassen oder sich gegen seine vorgesetzten Offiziere auflehnen dürfe. Dieses Gesetz sollte nur sechs Monate in Kraft bleiben, und viele von Denen, welche dafür stimmten, glaubten wahrscheinlich, daß es nach Ablauf dieser Frist als erloschen betrachtet werden würde. Die Bill ging rasch und leicht durch. Im Hause der Gemeinen wurde nicht eine einzige Abstimmung darüber vorgenommen. Eine mildernde Clausel, welche ein eigenthümliches Licht auf die damaligen Sitten wirft, wurde nach der dritten Lesung als Zusatz angefügt. Diese Clausel bestimmte, daß ein Kriegsgericht zu keiner andren Zeit als in den Stunden zwischen sechs Uhr Morgens und ein Uhr Nachmittags ein Todesurtheil fällen sollte. Man speiste damals zeitiger als jetzt, und es war nur zu wahrscheinlich, daß ein Gentleman unmittelbar nach Tisch in einem Zustande sein werde, in welchem ihm das Leben seiner Mitmenschen nicht füglich anvertraut werden konnte. Mit diesem Amendement wurde die erste und conciseste von unseren zahlreichen Meutereibills den Lords zugeschickt, durchlief dort binnen wenigen Stunden alle parlamentarischen Stadien und ward vom Könige genehmigt.[50]
So geschah ohne eine einzige abweichende Stimme im Parlamente, und ohne das leiseste Murren unter dem Volke, der erste Schritt zu einer Veränderung, welche zum Wohle des Staates nothwendig geworden war, die aber zur Zeit jede Partei im Staate mit der größten Besorgniß und dem entschiedensten Widerwillen betrachtete. Die sechs Monate vergingen und die öffentliche Gefahr war noch immer dieselbe. Die zur Aufrechthaltung der militärischen Disciplin nöthige Gewalt wurde der Krone nochmals auf kurze Zeit zugestanden. Die Vollmacht erlosch wieder, und wieder wurde sie erneuert. So versöhnte die Gewohnheit ganz allmälig die öffentliche Meinung mit den einst so verhaßten Namen: stehendes Heer und Kriegsgericht. Die Erfahrung bewies, daß in einem wohleingerichteten Staate berufsmäßige Soldaten einem auswärtigen Feinde Respect einflößen und doch der bürgerlichen Gewalt gehorsam sein könnten. Was zuerst als Ausnahme geduldet worden, begann nun als Regel betrachtet zu werden. Keine Session verging mehr ohne eine Meutereibill. Als es endlich klar wurde, daß eine politische Umgestaltung von höchster Wichtigkeit in einer Weise stattfand, daß man es kaum bemerkte, da erhoben einige Aufwiegler, welche die Hand der Regierung schwächen wollten, und auch einige ehrenwerthe Männer, die eine aufrichtige, obwohl unverständige Achtung vor jeder alten constitutionellen Tradition hegten und nicht begreifen konnten, daß eine Einrichtung, die auf der einen Stufe des gesellschaftlichen Fortschritts schädlich ist, auf einer andren Stufe unerläßlich sein kann, ein lautes Geschrei. Dieses Geschrei wurde jedoch mit den Jahren immer schwächer und schwächer. Die mit jedem Frühjahr wiederkehrende Debatte über die Meutereibill wurde bald nur noch als eine Gelegenheit betrachtet, bei welcher hoffnungsvolle junge Redner, die eben aus dem Christchurch-Collegium kamen, debutiren und erzählen konnten, wie die Garden des Pisistratus sich der Citadelle von Athen bemächtigten und wie die prätorianischen Cohorten das Römische Reich an Didius verkauften. Endlich wurden diese Declamationen zu lächerlich, um immer aufs neue wiederholt zu werden. Der altfränkischste, überspannteste Politiker konnte unter der Regierung Georg’s III. schwerlich noch behaupten, daß man keine regulären Truppen brauche, oder daß das gewöhnliche Recht, von den ordentlichen Gerichtshöfen gehandhabt, unter solchen Truppen die Disciplin mit Erfolg aufrecht erhalten könne. Da alle Parteien über das allgemeine Prinzip einig waren, so ging eine lange Reihe von Meutereibills ohne Discussion durch, ausgenommen wenn ein einzelner Artikel des Militärstrafgesetzbuches einer Abänderung bedurfte. Dem Umstande, daß die Armee so allmälig und fast unmerklich eine der Institutionen England’s geworden, ist es vielleicht zuzuschreiben, daß sie in so vollkommenem Einklange mit allen anderen Institutionen gehandelt hat, in hundertsechzig Jahren nicht ein einziges Mal dem Throne untreu oder dem Gesetze ungehorsam geworden ist, nicht ein einziges Mal sich gegen die Gerichtshöfe aufgelehnt oder die Wahlkörper durch Drohungen eingeschüchtert hat. Bis auf den heutigen Tag jedoch fahren die Stände des Reichs mit lobenswerthem Mißtrauen fort, der in den Tagen der Revolution gezogenen Grenze von Zeit zu Zeit einen Markstein beizufügen. Jedes Jahr wiederholen sie feierlich den in der Rechtserklärung ausgesprochenen Grundsatz und bewilligen dann dem Souveraine die außerordentliche Befugniß, eine gewisse Anzahl Soldaten auf die Dauer weiterer zwölf Monate nach bestimmten Regeln zu unterhalten.
[50.] Stat. 1. W. & M. sess. I. c. 5.; Commons’ Journals; March 28. 1689.
Suspension der Habeas-Corpus-Acte. [In] der nämlichen Woche, in welcher die erste Meutereibill auf den Tisch der Gemeinen niedergelegt wurde, ging ein andres durch den noch unbefestigten Zustand des Königreichs nöthig gewordenes temporäres Gesetz durch. Seit Jakob’s Flucht waren viele Personen, welche muthmaßlich an seinen ungesetzlichen Handlungen starken Antheil gehabt oder in Complots zu seiner Restauration verwickelt gewesen, verhaftet und eingekerkert worden. Während der Vacanz des Thrones konnten diese Leute aus der Habeas-Corpus-Acte keinen Nutzen ziehen, denn die Maschinerie, durch welche allein diese Acte in Ausführung gebracht werden konnte, existirte nicht mehr, und während des ganzen Hilariustermins waren alle Gerichtshöfe in Westminster-Hall geschlossen geblieben. Jetzt, wo die ordentlichen Gerichte ihre Thätigkeit wieder beginnen sollten, fürchtete man, daß alle diejenigen Gefangenen, deren Prozesse nicht sogleich erledigt werden konnten, ihre Freiheit verlangen und erhalten würden. Es wurde deshalb eine Bill eingebracht, welche den König ermächtigte, solche Leute, bei denen er schlimme Absichten gegen seine Regierung vermuthete, einige Wochen lang in Haft zu halten. Diese Bill ward in beiden Häusern mit wenig oder keiner Opposition angenommen.[51] Allein die Mißvergnügten außerhalb der Kammern unterließen nicht zu bemerken, daß die Habeas-Corpus-Acte unter der vorigen Regierung nicht einen Tag suspendirt worden sei. Es sei Mode, Jakob einen Tyrannen und Wilhelm einen Befreier zu nennen. Dennoch habe der Befreier, noch ehe er einen Monat auf dem Throne gesessen, die Engländer eines kostbaren Rechtes beraubt, das der Tyrann respectirt habe.[52] Es ist dies ein Vorwurf, der jede aus einer Volksrevolution hervorgegangene Regierung fast unvermeidlich trifft. Die Menschen halten sich natürlich für berechtigt, von einer solchen Regierung eine mildere und freisinnigere Verwaltung zu verlangen, als man sie von einer alten und tief eingewurzelten Macht erwartet. Gleichwohl kann eine solche Regierung, da sie stets viele thätige Feinde, aber nicht die aus der Rechtmäßigkeit und Verjährung hervorgehende Stärke hat, sich anfangs nur durch eine Wachsamkeit und Strenge halten, deren eine alte und tief eingewurzelte Macht nicht bedarf. Außerordentliche und unregelmäßige Vertheidigungen der öffentlichen Freiheit sind zuweilen nothwendig; aber, obgleich nothwendig, ziehen sie doch fast immer einige zeitweilige Verkürzungen eben dieser Freiheit nach sich, und jede solche Verkürzung ist ein fruchtbares und plausibles Thema für Spott und Schmähung.
[51.] Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 2.
[52.] Ronquillo vom 8.(18.) März 1689.
Unpopularität Wilhelm’s. [Leider] war es nur zu wahrscheinlich, daß die gegen Wilhelm gerichteten Sarkasmen und Schmähungen ein geneigtes Ohr finden würden. Jede der beiden großen Parteien hatte ihre Gründe, unzufrieden mit ihm zu sein, und in einigen Beschwerden stimmten beide Parteien mit einander überein. Sein Benehmen gab fast allgemeinen Anstoß. In der That eignete er sich viel besser dazu, eine Nation zu retten, als einen Hof zu zieren. In den höchsten staatsmännischen Talenten kam ihm unter seinen Zeitgenossen Keiner gleich. Er hatte Pläne entworfen, die an Großartigkeit und Kühnheit denen eines Richelieu nicht nachstanden, und er hatte sie mit einem Takt und einer Besonnenheit durchgeführt, die eines Mazarin würdig waren. Zwei Länder, die Sitze der bürgerlichen Freiheit und des reformirten Glaubens, waren durch seine Weisheit und durch seinen Muth vor den schlimmsten Gefahren behütet worden. Holland hatte er von fremden, England von einheimischen Feinden befreit. Anscheinend unübersteigliche Hindernisse hatten sich zwischen ihm und seinen Plänen aufgethürmt, und sein Genie hatte diese Hindernisse in Schrittsteine verwandelt. Seine Geschicklichkeit hatte es dahin zu bringen gewußt, daß die Erbfeinde seines Hauses ihm halfen einen Thron besteigen und daß die Verfolger seines Glaubens ihm behülflich waren, seinen Glauben gegen Verfolgung zu schützen. Flotten und Heere, welche aufgeboten worden waren ihm Widerstand zu leisten, hatten sich ohne einen Kampf seinen Befehlen unterworfen. Politische und kirchliche Parteien, durch tödtlichen Haß getrennt, hatten ihn als ihr gemeinsames Oberhaupt anerkannt. Ohne Blutvergießen, ohne Verheerungen hatte er einen Sieg errungen, im Vergleich mit dem alle Siege Gustav’s und Turenne’s unbedeutend waren. Binnen wenigen Wochen hatte er die gegenseitige Stellung sämmtlicher Staaten Europa’s verändert und das Gleichgewicht wiederhergestellt, welches durch das Übergewicht einer Macht gestört worden war. Fremde Völker ließen seinen eminenten Eigenschaften volle Gerechtigkeit widerfahren. In jedem festländischen Staate, wo es protestantische Gemeinden gab, sandte man heiße Dankgebete zu Gott, der aus dem Stamme seiner Diener, Moritz’ des Befreiers von Deutschland, und Wilhelm’s des Befreiers von Holland, einen dritten Befreier, den weisesten und mächtigsten von allen, hatte hervorgehen lassen. In Wien, in Madrid, ja selbst in Rom ward der tapfere und scharfsinnige Ketzer als das Haupt des großen Bundes gegen das Haus Bourbon geehrt, und sogar in Versailles war der Haß, den man gegen ihn empfand, stark mit Bewunderung gemischt.
Bei uns wurde er minder günstig beurtheilt. In der That, unsere Vorfahren betrachteten ihn in dem allerschlechtesten Lichte. Die Franzosen, die Deutschen und die Italiener sahen ihn aus einer solchen Entfernung, daß sie nur das Große erkannten und daß seine kleinen Fehler ihnen entgingen. Den Holländern stand er nahe, denn er war selbst ein Holländer. In seinem Verkehr mit ihnen wurde er von der vortheilhaftesten Seite betrachtet; bei ihnen fühlte er sich vollkommen heimisch, und unter ihnen hatte er sich seine ersten und theuersten Freunde gewählt. Den Engländern aber erschien er unter einem höchst ungünstigen Gesichtspunkte. Er stand ihnen zu gleicher Zeit zu nahe und zu fern. Er lebte mitten unter ihnen, so daß die geringsten Eigenheiten seines Charakters und seiner Sitten ihnen nicht entgehen konnten; dennoch aber lebte er abgesondert von ihnen und war in ihren Augen in Sprache, Neigungen und Gewohnheiten entschieden ein Fremdling.
Es war seit langer Zeit eine der Hauptfunctionen unserer Regenten, an der Spitze der Londoner Gesellschaft zu stehen. Diese Function hatte Karl II. mit ungeheurem Glück ausgeübt. Seine Leutseligkeit, seine hübschen Anekdoten, die Art und Weise, wie er tanzte und Ball spielte, der Ton seines herzlichen Lachens, waren jedem Londoner bekannt. Einmal sah man ihn unter den Ulmen von St. James Park mit Dryden über Poesie plaudern;[53] ein andermal lag sein rechter Arm auf Durfey’s Schulter und der linke ruhte auf einem andren, während sein Begleiter „Phillida, Phillida“ oder „To horse, brave boys, to Newmarket, to horse“ sang.[54] Auch Jakob war, obwohl viel weniger lebhaft und leutselig, doch ebenfalls zugänglich und gegen Leute, die ihm nicht in den Weg traten, sogar artig. Diese Geselligkeit aber ging Wilhelm gänzlich ab. Er verließ nur selten sein Arbeitskabinet, und wenn er einmal in den Empfangszimmern erschien, so stand er ernst und sinnend unter dem Schwarme der Cavaliere und Hofdamen, ohne daß ein Scherz, oder nur ein Lächeln seinen Lippen entschlüpfte. Sein unfreundliches Aussehen, sein Stillschweigen und die kurzen, trocknen Antworten, die er gab, wenn er nicht länger schweigen konnte, entfremdeten ihm Adel und Gentry, welche gewohnt waren, von ihren königlichen Gebietern auf die Schulter geklopft, Jack oder Harry gerufen, wegen gewonnener Wetten beglückwünscht und mit bekannten Schauspielerinnen aufgezogen zu werden. Die Frauen vermißten die ihrem Geschlecht gebührenden Huldigungen. Sie bemerkten, daß der König selbst mit der Frau, der er so viel verdankte und die er aufrichtig liebte und achtete, in einem etwas gebieterischen Tone sprach.[55] Es amüsirte und verdroß sie zugleich, wie er, als die Prinzessin Anna einmal bei ihm speiste und die ersten grünen Erbsen auf die Tafel kamen, den ganzen Inhalt der Schüssel verzehrte, ohne Ihrer Königlichen Hoheit einen Löffelvoll davon anzubieten, und sie erklärten, dieser große Feldherr und Staatsmann sei nicht viel besser als ein niederländischer Bär.[56]
Ein Mangel, der ihm als ein Verbrechen angerechnet wurde, war sein schlechtes Englisch. Er sprach unsre Sprache, aber nicht gut. Sein Accent war ausländisch, seine Aussprache entbehrte der Eleganz und sein Vokabularium schien nicht umfänglicher zu sein, als es zur Erledigung von Geschäften nöthig war. Dem Umstande, daß es ihm schwer wurde sich auszudrücken und daß er sich seiner schlechten Aussprache bewußt war, müssen seine Schweigsamkeit und seine kurzen Antworten, die so großes Ärgerniß gaben, theilweis zugeschrieben werden. Unsre Literatur zu goutiren oder zu verstehen war er unfähig. Nicht ein einziges Mal während seiner ganzen Regierung erschien er im Theater.[57] Die Dichter, welche pindarische Verse zu seinem Lobe schrieben, beklagten sich, daß ihre sublimen Poesien über seinen Horizont gingen,[58] Wer indessen die panegyrischen Oden jener Zeit kennt, wird vielleicht der Meinung sein, daß er durch seine Unbekanntschaft damit nicht viel verlor.
[53.] Man vergleiche was Spence darüber in seinen Anecdotes of the Origin of Dryden’s Medals sagt.
[54.] Guardian, No. 67.
[55.] Man hat zahlreiche Beweise, daß Wilhelm zwar ein sehr liebevoller aber nicht immer galanter Gemahl war. Doch keinen Glauben verdient die Anekdote, welche in dem Briefe erzählt wird, den Dalrymple 1773 thörichterweise als von Nottingham herrührend veröffentlichte, in der Ausgabe von 1790 aber wohlweislich wegließ. Wie Jemand, der die geringste Kenntniß von der Geschichte der damaligen Zeit hatte, sich so gröblich irren konnte, ist schwer zu begreifen, besonders da die Handschrift durchaus keine Ähnlichkeit mit der Nottingham’s hat, welche Dalrymple genau kannte. Der Brief ist offenbar ein gewöhnlicher Neuigkeitsbrief, von einem Scribenten verfaßt, der den König und die Königin nur bei einer öffentlichen Gelegenheit gesehen und dessen Anekdoten sich auf keine bessere Autorität gründen als auf Kaffeehausgeschwätz.
[56.] Ronquillo; Burnet, II, 2.; The Duchess of Marlborough’s Vindication. In einem Hirtendialog zwischen Philander und Palämon, der 1691 erschien, wird das Mißfallen erwähnt, mit welchem die vornehmen Damen Wilhelm betrachteten. Philander sagt:
Der Mann sollt’ haben doch etwas mehr Verstand
Sonst fällt er noch ein zweites Mal durch schwache Frauenhand.
[57.] Tutchin’s Observator vom 16. November 1706.
[58.] Prior, dem Wilhelm viel Gutes erwies und der sich sehr dankbar dafür zeigte, sagt uns, daß der König poetische Lobreden nicht verstand. Die Stelle findet sich in einer höchst interessanten Handschrift, welche Lord Lansdowne besitzt.
Popularität Mariens. [Seine] Gemahlin that allerdings ihr Möglichstes, um das Fehlende zu ergänzen, und sie war in der That vortrefflich geeignet, an der Spitze eines Hofes zu stehen. Sie war nicht nur von Geburt, sondern auch in ihren Neigungen und Gesinnungen eine Engländerin. Sie besaß ein hübsches Gesicht, eine majestätische Haltung, ein sanftes, heiteres Gemüth und leutselige, gewinnende Manieren. Ihr Geist war, obwohl sehr unvollkommen ausgebildet, ungemein lebhaft; ihrer Unterhaltung fehlte es nicht an weiblichem Witz und Muthwillen und ihre Briefe waren so gut abgefaßt, daß sie wohl verdient hätten, orthographisch richtig geschrieben zu sein. Sie fand viel Geschmack an den leichteren Zweigen der Literatur und trug nicht wenig dazu bei, unter den vornehmen Damen Bücher in Aufnahme zu bringen. Die makellose Reinheit ihres Privatlebens und die strenge Gewissenhaftigkeit, mit der sie ihre religiösen Pflichten erfüllte, waren um so achtungswerther, als sie durchaus frei war von Tadelsucht und den bösen Leumund eben so wenig unterstützte wie das Laster. In dem Mißfallen an üblen Nachreden stimmte sie zwar mit ihrem Gemahl vollkommen überein; aber Beide äußerten ihr Mißfallen auf verschiedene und sehr charakteristische Weise. Wilhelm beobachtete das tiefste Stillschweigen, warf aber dem Verleumder einen Blick zu, daß ihm, wie Jemand sagte, der einem solchen Blick einmal begegnet war, sich aber wohl hütete, ihm zum zweiten Male zu begegnen, die Geschichte im Halse stecken blieb.[59] Marie suchte dem Geschwätz über Entführungen, Zweikämpfe und Spielschulden dadurch ein Ende zu machen, daß sie die Schwätzer sehr ruhig aber doch nachdrücklich fragte, ob sie ihre Lieblingspredigt, die des Doctors Tillotson über den bösen Leumund, gelesen hätten. Ihre Wohlthaten spendete sie mit freigebiger Hand und richtigem Takt, und obgleich sie nie damit prahlte, wußte man doch, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse einschränkte, um Protestanten zu unterstützen, welche die Verfolgung aus Frankreich und Irland vertrieben hatte und die in den Mansarden London’s darbten. Ihr Benehmen war so liebenswürdig, daß die Ehrenwertheren unter Denen, welche die Art und Weise ihrer Erhebung auf den Thron mißbilligten, und selbst unter Denen, die sie als Königin gar nicht anerkennen wollten, allgemein mit Achtung und Liebe von ihr sprachen. In den jakobitischen Libellen der damaligen Zeit, die an Gift und Galle Alles was die neuere Zeit derartiges hervorgebracht, weit hinter sich zurücklassen, wird ihrer nicht oft mit Strenge gedacht. Sie äußerte sogar selbst zuweilen ihre Verwunderung darüber, daß Pasquillanten, die sonst nichts achteten, doch ihren Namen respectirten. Gott, sagte sie, kenne ihre schwachen Seiten. Sie sei zu empfindlich gegen Schmähungen und Verleumdungen, er habe ihr gnädig eine Prüfung erspart, die über ihre Kräfte gehe, und der beste Dank, den sie ihm dafür bezeigen könne, bestehe darin, daß sie keine boshaften Ausfälle über den Charakter Anderer dulde. Überzeugt, daß sie das volle Vertrauen und die ganze Zuneigung ihres Gemahls besaß, brach sie seinen scharfen Reden bald durch sanfte, bald durch scherzhafte Antworten die Spitze ab und verwendete die ganze Macht ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften dazu, ihm die Herzen des Volks zu gewinnen.[60]
[59.] Mémoires originaux sur le règne et la cour de Frédéric I., Roi de Prusse, écrits par Christophe, Comte de Dohna. Berlin 1833. Es ist auffällig, daß dieses interessante Werk in England fast unbekannt ist. Das einzige Exemplar, das mir zu Gesicht gekommen, erhielt ich durch die Gefälligkeit des Sir Robert Adair. „Le Roi,“ sagt Dohna, „avoit une autre qualité très estimable, qui est celle de n’aimer point qu’on rendit de mauvais offices à personne par des railleries.“ Der Marquis de la Forêt versuchte es einst, Se. Majestät auf Kosten eines englischen Cavaliers zu unterhalten. „Ce prince,“ schreibt Dohna, „prit son air sévère, et, le regardant sans mot dire lui fit rentrer les paroles dans le ventre. Le Marquis m’en fit ses plaintes quelques heures après. J’ai mal pris ma bisque’, dit-il; j’ai cru faire l’agréable sur le chapitre de Milord . . . ., mais j’ai trouvé à qui parler, et j’ai attrapé un regard du roi qui m’a fait passer l’envie de rire.“ Dohna glaubte Wilhelm werde es mit dem Rufe eines Franzosen weniger genau nehmen, und versuchte ebenfalls das Experiment. Aber, sagt er, „j’eus à peu près le même sort que M. de la Forêt.“
[60.] Vergleiche den Bericht des Whigs Burnet über Marien mit dem was der Tory Evelyn in seinem Tagebuche unterm 8. März 1694/95, und mit dem, was der Eidverweigerer über sie sagt, der 1695 den Brief an Erzbischof Tennison in Bezug auf ihren Tod schrieb. Der Eindruck, den Wilhelm’s Schroffheit und Zurückhaltung und Mariens Anmuth und Liebenswürdigkeit auf das Volk machten, spricht sich in den Überresten der Straßenpoesie jener Zeit aus. Folgendes eheliche Gespräch kann man noch auf dem Originalblatte lesen:
Dann sprach Marie, unsre gnäd’ge Königin:
Mein hoher König und Gemahl, wo wollt Ihr hin?
Drauf sagt er rasch: Den nenn’ ich keinen Mann,
Der sein Geheimniß einem Weib vertrauet an.
Die Kön’gin hierauf spricht bescheiden:
Der güt’ge Himmel woll’ Euch denn geleiten,
Euch schützen vor Gefahr, mein fürstlicher Gemahl,
Das wird mein bester Trost sein allzumal.
Diese Strophen befinden sich in einer werthvollen Sammlung, welche Mr. Richard Holer anlegte und die jetzt Eigenthum des Mr. Broderip ist, der so gefällig war, sie mir zu leihen. In einem der zügellosesten jakobitischen Pasquille vom Jahre 1689 wird Wilhelm, seiner Gemahlin gegenüber, als ein „Bauerlümmel“ bezeichnet, über den sie sich nur lustig mache.
Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton Court verlegt. [Hätte] sie noch lange die beste Gesellschaft London’s um sich versammelt, so würde ihre Freundlichkeit und Leutseligkeit wahrscheinlich noch viel dazu beigetragen haben, den ungünstigen Eindruck, den sein finstres und abstoßendes Wesen machte, zu verwischen. Leider war es ihm jedoch seiner Gesundheit wegen unmöglich, in Whitehall zu residiren. Die Luft von Westminster, vermischt mit den feuchten Ausdünstungen des Flusses, der bei Springfluthen die Höfe des Palastes überschwemmte, mit dem Steinkohlenrauche von zweimalhunderttausend Schornsteinen und mit den mephitischen Dünsten des Kothes, den man damals ungehindert in den Straßen sich anhäufen ließ, war ihm unerträglich, denn er hatte eine schwache Brust und außerordentlich feine Geruchsnerven. Sein unheilbares Asthma machte reißende Fortschritte, und seine Ärzte erklärten es für unmöglich, daß er das Ende des Jahres erleben könne. Sein Gesicht war so leichenhaft, daß er kaum noch zu erkennen war. Diejenigen, welche mit ihm zu verkehren hatten, hörten ihn mit Entsetzen nach Athem ringen und husten, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.[61] Und sein Geist, so stark er übrigens war, litt mit dem Körper. Wohl war sein Urtheil noch so klar und scharf als je; aber seit einigen Monaten war eine merkliche Erschlaffung der Energie eingetreten, durch die er sich früher ausgezeichnet hatte; selbst seine holländischen Freunde flüsterten einander zu, daß er nicht mehr der Nämliche sei, der er im Haag gewesen.[62] Es war schlechterdings nothwendig, daß er London verließ, und er verlegte daher seine Residenz in die reinere Luft von Hampton Court. Dieses von dem prachtliebenden Wolsey begonnene Schloß war ein schönes Muster der Architectur, welche unter den ersten Tutors in England blühte; die Gemächer desselben aber waren nach den Begriffen des 17. Jahrhunderts nicht ganz geeignet für eine königliche Wohnung. Unsere Souveraine hatten daher seit der Restauration diese Residenz nur selten und nur dann benutzt, wenn sie einige Zeit recht eingezogen leben wollten. Da aber Wilhelm gesonnen war, das verlassene Gebäude zu seinem Hauptwohnsitze zu erwählen, mußte er Bauten und Anpflanzungen vornehmen, was ihm im Grunde gar nicht unlieb war. Denn, wie die Mehrzahl seiner Landsleute, fand er Vergnügen daran, ein Landhaus auszuschmücken, und nächst der Jagd waren Baukunst und Gärtnerei seine Lieblingszerstreuungen. Er hatte bereits in einer sandigen Haide von Geldern ein Paradies geschaffen, das viele Neugierige aus Holland und Westphalen herbeizog. Marie hatte den Grundstein zu dem Schlosse gelegt, und Bentinck hatte die Anlage der Fischteiche geleitet. Es gab dort Wasserfälle und Grotten, eine große Orangerie und ein Vogelhaus, das Hondekoeter zahlreiche Exemplare buntgefiederter Vögel lieferte.[63] Der König sehnte sich in seiner glänzenden Verbannung nach dieser Lieblingsresidenz und fand einigen Trost darin, daß er sich an den Ufern der Themse ein zweites Loo schaffen konnte. Bald war eine große Bodenfläche mit regelmäßigen Alleen und Gartenanlagen bedeckt. Viel müßiger Scharfsinn wurde aufgeboten, um das verwickelte grüne Labyrinth anzulegen, das fünf Generationen von Londoner Sonntagsbesuchern mit Staunen und Freude erfüllt hat. Dreißigjährige Linden wurden aus den benachbarten Wäldern dahin verpflanzt, um die Alleen zu beschatten. Künstliche Springbrunnen warfen ihren Wasserstrahl zwischen den Blumenbeeten empor. Ein neues Residenzschloß, zwar nicht vom reinsten Styl, aber stattlich, geräumig und bequem, erstand unter Wren’s Leitung. Das Wandgetäfel war mit dem reichen und zarten Schnitzwerk eines Gibbons verziert. Die Treppenhäuser entzückten das Auge durch Verrio’s herrliche Fresken. In jedem Winkel des Gebäudes zeigte sich ein Überfluß von reizenden Tändeleien, welche englischen Augen noch ungewohnt waren. Marie hatte aus dem Haag eine Liebhaberei für chinesisches Porzellan mitgebracht, und sie legte jetzt in Hampton Court eine große Sammlung häßlicher Figuren und Gefäße an, auf denen Häuser, Bäume, Brücken und Mandarine in haarsträubendstem Widerspruch mit allen Regeln der Perspective abgemalt waren. Diese Mode, welche so von der liebenswürdigen Königin eingeführt wurde, verbreitete sich rasch und weit. Nach wenigen Jahren enthielt fast jedes vornehme Haus im Königreiche ein Museum solcher grotesker Spielereien. Selbst Staatsmänner und Generäle schämten sich nicht des Rufes, den Werth von Theekannen und Drachen richtig schätzen zu können, und die Satyriker wiederholten lange Zeit hindurch, daß eine schöne Dame ihr buntbemaltes Porzellangeschirr eben so hoch halte als ihren Affen und viel höher als ihren Gatten.[64] Doch der neue Palast wurde auch mit Kunstwerken andrer Art ausgeschmückt. Es ward eine Gallerie für die Cartons von Raphael gegründet. Diese herrlichen Bilder, damals und noch heute die schönsten diesseits der Alpen, waren durch Cromwell vor dem Schicksale bewahrt worden, das die meisten anderen Meisterwerke der Sammlung Karl’s I. getroffen; aber man hatte sie viele Jahre in ihren hölzernen Kisten ruhen lassen. Jetzt wurden sie aus dem Dunkel hervorgezogen, um von den Künstlern mit Bewunderung und Verzweiflung betrachtet zu werden. Die Kosten der Bauten und Einrichtungen von Hampton Court waren ein Gegenstand bitterer Beschwerde für viele Tories, welche die grenzenlose Verschwendung, mit der Karl II. die Wohnung der Herzogin von Portsmouth gebaut und umgebaut, möblirt und anders möblirt, nur sehr mild getadelt hatten.[65] Die Kosten waren jedoch nicht der Hauptgrund der Unzufriedenheit, welche Wilhelm’s Residenzwechsel erregte. Es gab keinen Hof mehr in Westminster; Whitehall, einst der tägliche Sammelplatz der Vornehmen und Mächtigen, der Schönen und Heiteren, der Ort, wohin Dandies kamen, um ihre neuen Perrücken zu zeigen, Ritter der Galanterie, um mit schönen Damen zu liebäugeln, Politiker, um ihr Glück zu verfolgen, Müßiggänger, um Neuigkeiten zu hören, Landedelleute, um die königliche Familie zu sehen, war jetzt, zur lebhaftesten Zeit des Jahres, während London mit Fremden und Einheimischen gefüllt und das Parlament versammelt war, gänzlich verödet. Eine einsame Schildwache schritt auf dem von Gras überwucherten Pflaster vor dem Eingange auf und ab, der einst zu eng gewesen war für die sich begegnenden Ströme der kommenden und gehenden Höflinge. Die Dienste, welche die Hauptstadt dem Könige geleistet, waren groß und noch neu, und man meinte, er habe diese Dienste wohl besser vergelten können, als damit, daß er London behandelte, wie Ludwig Paris behandelt habe. Halifax hatte den Muth, dies anzudeuten; aber wenige Worte, die keine Erwiederung zuließen, brachten ihn zum Schweigen. „Wollen Sie, daß ich sterbe?“ sagte Wilhelm in gereiztem Tone.[66]
[61.] Burnet II. 2.; Burnet M.S. Harl. 6584. Ronquillo spricht sich noch viel umständlicher aus: „Nada se ha visto desfigurado; y, quantas veces he estado con el, le he visto toser tanto que se le saltaban las lagrimas, y se ponia moxado y arrancando; y confiesan los medicos que es una asma incurable.“ 8.(18.) März 1689. Avaux schrieb in demselben Sinne aus Irland: „La santé de l’usurpateur est fort mauvaise. L’on ne croit pas qu’il vive un an.“ 8.(18.) April.
[62.] „Hasta decir los mismos Hollandeses que lo desconozean“, sagt Ronquillo. „Il est absolument mal propre pour le rôle qu’il a à jouer à l’heure qu’il est,“ sagt Avaux. „Slothful and sickly,“ sagt Evelyn, 29. März 1689.
[63.] Siehe Harris’ Beschreibung von Loo, 1699.
[64.] Wer die Werke Pope’s und Addison’s kennt, wird sich ihrer Sarkasmen über diese Mode erinnern. Lady Marie Wortley Montague schlug sich auf die andre Seite. „Alte Chinoiserien,“ sagt sie, „machen Niemandes Geschmack Unehre, da der Herzog von Argyle Gefallen daran fand, dessen Einsicht niemals, weder von seinen Freunden noch von seinen Feinden, in Zweifel gezogen worden ist.“
[65.] Über die Bauten in Hampton Court siehe Evelyn’s Diary, Juli 16. 1689; The Tour through Great Britain, 1724; the British Apelles; Horace Walpole on Modern Gardening; Burnet II. 2, 3.
Als Evelyn 1662 in Hampton Court war, waren die Cartons noch nicht zu sehen. Die Triumphe von Andrea Montegna galten damals für die schönsten Gemälde des Palastes.
[66.] Burnet, II. 2; Reresby’s Memoirs. Ronquillo schreibt wiederholt in diesem Sinne. Zum Beispiel: „Bien quisiera que el Rey fuese mas comunicable, y se acomodase un poco mas al humor sociable de los Ingleses, y que estubiera en Londres: pero es cierto que sus achaques no se lo permiten.“ 8.(18.) Juli 1689. Avaux schreibt um dieselbe Zeit aus Irland an Croissy: „Le Prince d’Orange est toujours à Hampton Court, et jamais à la ville: et le peuple est fort mal satisfait de cette manière bizarre et retirée.“
Der Hof in Kensington. [Es] zeigte sich bald, daß Hampton Court zu weit vom Hause der Lords und der Gemeinen wie von den öffentlichen Ämtern entfernt war, um der gewöhnliche Wohnsitz des Souverains werden zu können. Anstatt jedoch nach Whitehall zurückzukehren, beschloß Wilhelm, eine andre Residenz zu beziehen, welche zur Leitung der Regierungsgeschäfte nahe genug bei der Hauptstadt lag, doch aber nicht so nahe, um im Bereiche der Atmosphäre zu sein, in der er keine Nacht zubringen konnte ohne Gefahr, zu ersticken. Einmal dachte er an Holland House, die Villa der vornehmen Familie Rich, und er residirte wirklich einige Wochen daselbst.[67] Endlich aber entschied er sich für Kensington House, den Landsitz des Earl von Nottingham. Es wurde für achtzehntausend Guineen angekauft, und dem Ankaufe folgten neue Bauten, neue Anpflanzungen, neue Geldausgaben und neue Unzufriedenheit.[68] Gegenwärtig wird Kensington House als zu London gehörend betrachtet; damals aber war es ein Landsitz und konnte zu jenen Zeiten der Straßenräuber und nächtlichen Ruhestörer, der kothigen Straßen und schlechten Beleuchtung, nicht füglich der Sammelplatz der vornehmen Gesellschaft sein.
[67.] Mehrere von seinen Briefen an Heinsius sind von Holland House datirt.
[68.] Narcissus Luttrell’s Diary; Evelyn’s Diary, Feb. 25. 1689/90.
Wilhelm’s ausländische Günstlinge. [Es] war wohl bekannt, daß der König, der die englische Noblesse und Gentry so unfreundlich behandelte, in einem kleinen Kreise seiner Landsleute herablassend, vertraulich und selbst heiter sein, seine Gedanken in fröhlicher Unterhaltung aussprechen und sein Glas oft, vielleicht zu oft, füllen konnte, und dies erschwerte in den Augen unserer Vorfahren seine Schuld. Unsere Vorfahren hätten jedoch so viel gesunden Sinn und Gerechtigkeitsliebe haben sollen, um zuzugestehen, daß der Patriotismus, den sie an sich selbst als eine Tugend betrachteten, bei ihm kein Fehler sein konnte. Es war ungerecht ihn deshalb zu tadeln, daß er die Liebe, die er zu seinem Geburtslande hegte, nicht mit einem Male auf unsre Insel übertrug. Wenn er in den Hauptsachen seine Pflicht gegen England erfüllte, konnte man es ihm wohl nachsehen, daß er für Holland eine zärtliche Vorliebe bewahrte. Eben so wenig verdient es einen Vorwurf, daß er in den Tagen seiner Größe Gefährten nicht entfernte, die in seiner Kindheit mit ihm gespielt, ihm durch alle Wechselfälle des Jünglings- und des Mannesalters treu zur Seite gestanden, welche den ekelhaftesten und gefährlichen Ansteckungen trotzend, an seinem Krankenlager gewacht, im heißesten Schlachtgewühl sich zwischen ihn und die französischen Schwerter geworfen, und deren Anhänglichkeit nicht dem Statthalter oder dem Könige, sondern einfach Wilhelm von Nassau galt. Auch darf man hinzusetzen, daß seine alten Freunde, wenn er sie mit seinen neuen Höflingen verglich, in seiner Achtung steigen mußten. Alle seine holländischen Kameraden verdienten, ohne Ausnahme, sein Vertrauen bis ans Ende seines Lebens. Wohl konnten sie mit ihm schmollen, und, wenn sie schmollten, hart und mürrisch sein; niemals aber, mochten sie auch noch so erzürnt und unwillig sein, hörten sie auf seine Geheimnisse zu bewahren, und mit der Treue wahrer Edelleute und Soldaten über seine Interessen zu wachen. Unter seinen englischen Rathgebern war solche Treue selten.[69] Es ist traurig, aber nicht mehr als gerecht anzuerkennen, daß er nur zu guten Grund hatte, von unsrem Nationalcharacter eine schlechte Meinung zu hegen. Dieser Character war zwar im Wesentlichen so wie er immer gewesen ist. Wahrheitsliebe, Biederkeit und männliche Unerschrockenheit waren damals wie noch jetzt den Engländern vorzugsweise eigen. Aber so allgemein verbreitet diese Eigenschaften unter der Masse des Volks sein mochten, in der Klasse, welche Wilhelm am besten kannte, waren sie nur selten zu finden. Der Maßstab der Ehre und Tugend war während seiner Regierung unter unseren Staatsmännern sehr tief gesunken. Seine Vorfahren hatten ihm einen mit allen Lastern der Restauration befleckten Hof hinterlassen, einen Hof, der von Schmarotzern wimmelte, welche bereit waren, beim ersten Umschlag des Glücks ihn zu verlassen, wie sie seinen Oheim verlassen hatten. Wohl fand sich hier und da unter dem schamlosen Haufen ein Mann von wahrer Rechtschaffenheit und echtem Gemeinsinn. Aber selbst ein solcher Mann konnte nicht lange in solcher Umgebung leben, ohne daß seine strengen Grundsätze und sein Gefühl für Recht und Unrecht in die größte Gefahr geriethen. Es war ungerecht, einen von Schmeichlern und Verräthern umgebenen Fürsten deshalb zu tadeln, daß er einige Diener in seiner Nähe behalten wollte, die er hinreichend erprobt hatte, um überzeugt zu sein, daß sie ihm bis zum Tode treu bleiben würden.
[69.] De Foe entschuldigt Wilhelm im zweiten Theile seines True Born Englishman folgendermaßen:
Wir tadeln Wilhelm, daß er hat zu viel Gefallen
An Deutschland’s, Frankreich’s, Holland’s Söhnen allen
Und selten mittheilt Großes von dem Staat
Den Männern, welche sitzen in seinem brit’schen Rath.
Der Grund davon ist nicht schwer beizubringen:
Weil wir nur gar zu oft ihn hintergingen.
Und in der That, das Narrenhaus ihm würd’ gebühren,
Wenn er getraut hätt’ England’s Cavalieren.
Die Fremden stets gehorsam mit ihm zogen,
Und nur von Engländern er immer ward betrogen.
Allgemeine schlechte Verwaltung. [Und] dies war nicht der einzige Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten. Sie hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann, sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis — was für einen wußten sie selbst nicht recht — von Genie und Thatkraft geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten Monate seiner Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten Unterthanen maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den Ruf verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte, und diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten, Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern, Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition, Begnadigungen für begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen wurden in Whitehall fast eben so offen verkauft wie Spargel in Coventgarden oder Heringe in Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte beständig in den Umgebungen des Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und unter ihnen hatten zu Karl’s Zeiten die Courtisanen, zu Jakob’s Zeiten die Priester das meiste Glück gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der Hauptsitz dieser Pestilenz gewesen war, hatte sich die Ansteckung über alle Ämter und über alle Klassen der Beamten verbreitet und überall Schwäche und Desorganisation hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so reißende Fortschritte, daß acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell der Schiedsrichter Europa’s gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters im Tower von London gehört wurde. Die Krebsschäden, die jene große Demüthigung über das Land gebracht, hatten seitdem immer tiefer und immer weiter um sich gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche die Marineverwaltung schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner Reformbestrebungen entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das Seewesen Frankreich’s und Holland’s kannten, nur ein mitleidiges Achselzucken. Noch schlechter war die Militärverwaltung. Die Höflinge ließen sich von den Obersten bestechen, die Obersten betrogen die Soldaten, die Kriegscommissare schickten lange Rechnungen über Dinge ein, welche nie geliefert worden waren, die Arsenalinspectoren verkauften die öffentlichen Vorräthe und steckten den Erlös in ihre Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden unter der Regierung Karl’s und Jakob’s entstanden und zur Reife gediehen waren, machten sie sich doch erst unter Wilhelm’s Regierung ernstlich fühlbar. Denn Karl und Jakob hatten sich damit begnügt, die Vasallen und Pensionäre eines mächtigen und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie unterwarfen sich seinem Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger Ängstlichkeit Alles, was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie auf Kosten der Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, welche zu tragen sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort gezeigt haben würde, wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das einst mächtige Reich geworden war. Es lag weder in Wilhelm’s Macht noch in seinem Character, in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu treten. Nur durch Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion England’s gegen den furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre Insel bedroht hatte, seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada bedeckt worden. Der Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen oberflächlichen Anschein von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war jetzt in die Nothwendigkeit versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuspannen, und es zeigte sich sofort, daß er der Anstrengung nicht gewachsen war. Gleich nach den ersten Versuchen stellte sich eine völlige Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an Übung und Erfahrung heraus. Diese Versuche schlugen, mit kaum einer Ausnahme, fehl, und jeden Fehlschlag legte das Volk nicht den Regenten, deren schlechte Verwaltung die Gebrechen des Staats hervorgerufen, sondern dem Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar wurden.
Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können, welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver’s Tode fehlte. Aber die augenblickliche Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine Aufgabe, welche weit über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und noch mehr durch die Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten Fürsten ging.[70]
[70.] Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht, Einräumungen zu machen, welche die Engländer nicht machten. Nachdem er in einem Schreiben vom 1.(11.) März 1689 den traurigen Zustand des Heer- und Seewesens geschildert, sagt er: „De esto no tiene culpa el Principe de Oranges; per que pensar que se han de poder volver en dos meses tres Reynes de abaxo arriba es una extravagancia.“ Der Lordpräsident Stair sagt in einem ungefähr vier Wochen später aus London datirten Briefe, daß die Verzögerungen in der englischen Verwaltung den Ruhm des Königs geschmälert hätten, „doch ohne seine Schuld.“
Uneinigkeit unter den Staatsdienern. [Einige] der größten Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister, auf die er sich als Neuling in den Details der englischen Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken. Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine tief eingewurzelte Feindschaft.[71] Diese Feindschaft hatte zwölf Jahre vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger der Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, und als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei zur Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob’s hatten beide Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt; sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte; in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.[72] In Folge dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes mögliche Verfahren, daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse zu kommen, als ein beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit seinem ersten Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst immer und immer wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er wie ein Engel sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft hatte und zum Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum Handeln vorüber.
Inzwischen bemühten sich die beiden Staatssekretäre fortwährend, ihren Gebieter nach direct einander entgegengesetzten Richtungen zu ziehen. Jeder Plan, jede Person, welche der Eine empfahl, ward von dem Andren verworfen. Nottingham wurde nicht müde zu wiederholen, daß die alte Rundkopfpartei, die Partei, welche Karl I. um’s Leben gebracht und gegen das Leben Karl’s II. conspirirt hatte, im Prinzip republikanisch und daß die Tories die einzig wahren Freunde der Monarchie seien. Shrewsbury entgegnete, daß die Tories wohl Freunde der Monarchie sein könnten, daß sie aber Jakob als ihren Monarchen betrachteten. Nottingham erzählte beständig im königlichen Kabinet von tollen Hirngespinnsten, mit denen sich einige alte Kalbskopfesser, die Überreste der einst mächtigen Partei Bradshaw’s und Ireton’s, in den Wirthshäusern der City noch immer beschäftigten. Shrewsbury zeigte wüthende Pasquille vor, welche die Jakobiten tagtäglich in den Kaffeehäusern vertheilten. „Jeder Whig,“ sagte der Torysekretär, „ist ein Feind der Prärogative Eurer Majestät.“ — „Jeder Tory,“ sagte der Whigsekretär, „ist ein Feind des Rechtstitels Eurer Majestät.“[73]
Auch im Schatzamte gab es nichts als Eifersüchteleien und Zänkereien.[74] Der erste Commissar, Mordaunt, und der Kanzler der Schatzkammer, Delamere, waren zwar Beide eifrige Whigs; aber obgleich sie dem nämlichen politischen Glauben anhingen, waren sie doch von ganz verschiedenem Character. Mordaunt war flatterhaft, verschwendrisch und großmüthig. Die Schöngeister der damaligen Zeit witzelten über die Art und Weise, wie er von Hampton-Court nach der Börse und von der Börse zurück nach Hampton-Court flog; man konnte nicht begreifen wie er Zeit fand zu seinem Anzuge, zu den Staatsgeschäften, zu Liebschaften und zum Balladendichten.[75] Delamere war finster und empfindlich, streng in seinen Privatsitten und pünktlich in seinen Andachtsübungen, aber gierig nach unedlem Gewinn. Die beiden ersten Finanzbeamten wurden daher Feinde und harmonirten nur in dem Hasse gegen ihren Collegen Godolphin. Wie kam er in dieser Zeit des protestantischen Übergewichts nach Whitehall, er, der mit Papisten im Amte gesessen, der sich kein Gewissen daraus gemacht hatte, Maria von Modena in den Götzendienst der Messe zu begleiten? Der kränkendste Umstand aber war, daß Godolphin, obgleich sein Name in der Commission die dritte Stelle einnahm, thatsächlich der erste Lord des Schatzes war. Denn in financiellem Wissen und in Geschäftserfahrung waren Mordaunt und Delamere im Vergleich zu ihm wahre Schulknaben, und dies erkannte Wilhelm sehr bald.[76]
Ähnliche Fehden wütheten auch in den übrigen großen Amtscollegien wie in allen untergeordneten Schichten der Staatsdiener. In jedem Zollhause, in jedem Arsenale gab es einen Shrewsbury und einen Nottingham, einen Delamere und einen Godolphin. Die Whigs beklagten sich, daß es keinen Verwaltungszweig gäbe, in welchem nicht Creaturen der gestürzten Partei zu finden wären. Umsonst führe man zur Rechtfertigung an, daß diese Männer in den Geschäftsdetails erfahren, daß sie im Besitz amtlicher Traditionen seien und daß die Freunde der Freiheit, nachdem sie Jahrelang von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen gewesen, unmöglich befähigt sein könnten, mit einem Male die ganze Leitung der Geschäfte auf sich zu nehmen. Die Erfahrung habe allerdings ihren Werth, sicherlich aber sei die erste aller Qualificationen eines Dieners die Treue, und kein Tory könne ein wahrhaft treuer Diener der neuen Regierung sein. Wenn König Wilhelm klug wäre, so würde er sich lieber auf Neulinge, die von Eifer für sein Interesse und für seine Ehre beseelt wären, als auf Veteranen verlassen, welche zwar Geschick und Kenntnisse besitzen könnten, dieses Geschick und diese Kenntnisse aber zur Herbeiführung seines Untergangs anwenden würden.
Die Tories dagegen beklagten sich, daß ihr Antheil an der Regierung in keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl und zu ihrem Gewicht im Lande stehe, daß überall alte und nützliche Staatsdiener um keines andren Verbrechens willen, als weil sie Freunde der Monarchie und der Kirche wären, von ihren Posten vertrieben worden seien, um Ryehouseverschwörern und Conventikelbesuchern Platz zu machen. Diese Emporkömmlinge, wohlerfahren in der Kunst der Parteibewegungen, aber unwissend in Allem was zu ihrem neuen Beruf gehöre, würden erst anfangen etwas zu lernen, wenn sie durch ihre Fehler die Nation ruinirt hätten. Von einem hochgestellten Beamten müsse man doch sicherlich mehr verlangen, als daß er nur ein Rebell und Schismatiker sei. Was solle aus den Finanzen, was aus der Marine werden, wenn Whigs, die nicht den einfachsten Rechnungsabschluß verständen, das Staatseinkommen verwalten, wenn Whigs, die in ihrem Leben kein Seemagazin betreten, die Flotte ausrüsten sollten?[77]
Das Wahre ist, daß die Beschuldigungen, welche die beiden Parteien gegen einander erhoben, in beträchtlicher Ausdehnung wohl begründet, der Tadel aber, den Beide auf Wilhelm warfen, ungerecht war. Geschäftliche Erfahrung war fast ausschließlich nur unter den Tories, aufrichtige Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge fast nur unter den Whigs zu finden. Der König konnte nichts dafür, daß Kenntniß und Eifer, welche vereinigt einen schätzbaren Diener des Staats bilden, damals nur getrennt oder gar nicht vorhanden waren. Stellte er Leute der einen Partei an, so lief er große Gefahr, Fehlgriffe zu thun. Stellte er Leute der andren Partei an, so lief er große Gefahr, verrathen zu werden. Stellte er Leute beider Parteien an, so war immer noch einige Gefahr, daß er Fehlgriffe that oder Verräther wählte, und zu diesen Gefahren kam dann noch die Gewißheit der Uneinigkeit. Er konnte Whigs und Tories nebeneinanderstellen, sie zu verschmelzen lag nicht in seiner Macht. Mochten sie auch in dem nämlichen Amte, an dem nämlichen Pulte arbeiten, sie waren und blieben Feinde und stimmten nur darin überein, daß sie gegen den Fürsten murrten, der es versuchen wollte, den Vermittler zwischen ihnen zu spielen. Unter solchen Umständen mußte die Verwaltung, die fiscalische, wie die militärische und maritime, unvermeidlich schwach und schwankend sein; nichts konnte ganz auf die richtige Art und ganz zur rechten Zeit geschehen; die Uneinigkeiten, von denen kaum eine Staatsbehörde frei war, mußten Calamitäten erzeugen und jede Calamität mußte die Spaltung verschlimmern, aus der sie entstanden war.
[71.] Burnet II. 4.; Reresby’s Memoirs.
[72.] Reresby’s Memoirs; Burnet MS. Harl. 6584.
[73.] Burnet II. 3, 4, 15.
[74.] Burnet II. 5.
Woher nimmt er die Stunden, sagt,
Die er dem Hofe widmet und der Stadt,
Den Staatsgeschäften und der Liebe Macht,
Der Eitelkeit und auch der Geistes Saat?
The Modern Lampooners. Ein Gedicht von 1690.
[76.] Burnet II. 4.
[77.] Ronquillo nennt die Whigbeamten „Gente que no tienen practica ni experiencia.“ Er setzt hinzu: „Y de esto proce de el pasarse un mes y un otro, sin executarse nada.“ 24. Juni 1689. In einem der unzähligen „Gespräche“, welche damals erschienen, wirft der toryistische Interlocutor die Frage auf: „Meint Ihr, die Regierung würde mit Geschäftsunkundigen besser daran sein?“ Der Whig antwortet: „Besser unwissende Freunde als vielwissende Feinde.“
Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten. [Ein] Departement gab es jedoch, das gut verwaltet wurde: das Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Hier leitete Wilhelm Alles, ohne weder den Rath noch den Beistand irgend eines englischen Staatsmannes in Anspruch zu nehmen. Nur einen unschätzbaren Gehülfen hatte er zur Seite: Anton Heinsius, welcher einige Wochen nach Beendigung der Revolution Großpensionär von Holland wurde. Heinsius war als Mitglied der Partei, welche auf die Macht des Hauses Oranien eifersüchtig war und gern auf freundschaftlichem Fuße mit Frankreich stehen wollte, ins öffentliche Leben eingetreten. Im Jahre 1681 aber war er mit einer diplomatischen Mission nach Versailles geschickt worden, und ein kurzer Aufenthalt daselbst hatte eine vollständige Änderung in seinen Ansichten herbeigeführt. Bei näherer Bekanntschaft wurde er beunruhigt durch die Macht und gereizt durch die Anmaßung dieses Hofes, von dem er, so lange er ihn aus der Entfernung gesehen, eine vortheilhafte Meinung gehegt hatte. Er fand, daß sein Vaterland verachtet wurde, er sah seine Religion verfolgt, und sein officieller Character schützte ihn nicht vor einigen persönlichen Kränkungen, die er bis zum letzten Tage seiner langen Laufbahn nicht vergaß. Als treuer Anhänger Wilhelm’s und unversöhnlicher Feind Ludwig’s kehrte er nach Hause zurück.[78]
Das Amt des Großpensionärs war immer ein wichtiges Amt, ganz besonders aber dann, wenn der Statthalter vom Haag abwesend war. Wären Heinsius’ politische Ansichten noch dieselben gewesen wie früher, so hätten alle großen Pläne Wilhelm’s scheitern können. Zum Glück aber bestand zwischen diesen beiden ausgezeichneten Männern eine vollkommene Freundschaft, die bis zu dem Tage, wo der Tod sie löste, nicht einen Augenblick durch Argwohn oder Mißhelligkeiten getrübt wurde. Über alle großen Fragen der europäischen Politik waren sie gleicher Meinung, und sie correspondirten lebhaft und rückhaltlos mit einander, denn es hielt zwar schwer, ehe Wilhelm Jemandem Vertrauen schenkte, wem er es aber schenkte, dem schenkte er es ganz. Die Correspondenz ist noch vorhanden und gereicht Beiden zur größten Ehre. Die Briefe des Königs würden allein schon zur Genüge beweisen, daß er einer der größten Staatsmänner war, welche Europa hervorgebracht hat. So lange er lebte, begnügte sich der Großpensionär damit, der gehorsamste, zuverlässigste und verschwiegenste Diener zu sein; nach dem Ableben des Gebieters aber erwies sich der Diener als befähigt, die Stelle des Gebieters mit seltenem Geschick zu vertreten, und er war in ganz Europa als ein Mitglied des großen Triumvirats berühmt, das den Stolz Ludwig’s XIV. demüthigte.[79]
[78.] Négociations de M. le Comte d’Avaux, 4. Mars 1683; Torcy’s Memoirs.
[79.] Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm und Heinsius ist holländisch. Eine französische Übersetzung sämmtlicher Briefe Wilhelm’s, und eine englische Übersetzung einiger Briefe Heinsius’ befinden sich unter den Mackintosh-Manuscripten. Der Baron Sirtema de Grovestins, dem die Originale zu Gebote standen, führt in seiner „Histoire des luttes et rivalités entre les puissances maritimes et la France“ häufig Stellen daraus an. Zwischen seiner Version und der meinigen ist zwar im Style ein bedeutender Unterschied, im Wesentlichen aber ein sehr geringer.
Religionsstreitigkeiten. [Die] auswärtige Politik England’s, von Wilhelm persönlich, in innigem Einverständniß mit Heinsius, geleitet, war damals außerordentlich geschickt und erfolgreich. In jedem andren Verwaltungszweige aber waren die aus der gegenseitigen Erbitterung der Parteien entspringenden Nachtheile nur zu sichtbar. Und dies war noch nicht Alles. Zu den aus der gegenseitigen Erbitterung der politischen Parteien entspringenden Übeln gesellten sich andere Übel, welche aus dem gegenseitigen Hasse der Religionssecten entsprangen.
Das Jahr 1689 bildet in der kirchlichen Geschichte England’s eine nicht minder wichtige Epoche als in der bürgerlichen. In diesem Jahre wurde die erste gesetzliche Indulgenz gegen die Dissenters bewilligt. In diesem Jahre wurde der letzte ernstliche Versuch gemacht, die Presbyterianer in den Schooß der englischen Landeskirche zu bringen. Von diesem Jahre datirt ein neues Schisma, trotz früherer ähnlicher Vorgänge von Männern hervorgerufen, welche stets erklärt hatten, daß sie Kirchenspaltungen mit besonderem Abscheu und Präcedenzfälle mit besonderer Verehrung betrachteten. In diesem Jahre begann der lange Kampf zwischen zwei großen Parteien von Conformisten. Diese beiden Parteien hatten zwar seit der Reformation von jeher unter verschiedenen Formen in der anglikanischen Kirche existirt, aber bis nach der Reformation standen sie einander nicht in regelmäßiger und permanenter Schlachtordnung gegenüber und waren daher nicht unter bestimmten Namen bekannt. Kurz nach Wilhelm’s Thronbesteigung begannen sie die Hochkirchenpartei und die Niederkirchenpartei genannt zu werden und lange vor dem Ende seiner Regierung waren diese Bezeichnungen allgemein gebräuchlich.[80]
Im Sommer des Jahres 1688 hatte es den Anschein gehabt, als ob die Spaltungen, welche so lange den großen Körper der englischen Protestanten zerrissen, fast ihre Endschaft erreicht hätten. Die Streitigkeiten über Bischöfe und Synoden, über geschriebene Gebete und extemporirte Gebete, über weiße Röcke und schwarze Röcke, über Besprengen und Eintauchen, über Knien und Sitzen, waren auf kurze Zeit eingestellt. Die dichtgedrängte Phalanx, welche damals gegen die Papisterei im Felde stand, füllte den ganzen Zwischenraum aus, welcher Sancroft von Bunyan trennte. Prälaten, die sich noch vor Kurzem als Verfolger der religiösen Freiheit ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt zu Freunden derselben und ermahnten ihren Klerus, stets in gastfreundlichem und dienstbereiten Verkehr mit den Separatisten zu leben. Separatisten auf der andren Seite, welche noch vor kurzem Mitren und Batistärmel für die Livree des Antichrist erklärt hatten, erleuchteten zu Ehren der Prälaten ihre Fenster und warfen Holz in die Freudenfeuer.
Diese Gesinnungen steigerten sich fortdauernd, bis sie ihren Höhepunkt an dem denkwürdigen Tage erreichten, an welchem der gemeinsame Unterdrücker endlich Whitehall verließ und eine mit orangefarbenen Bändern geschmückte zahllose Menge zu St. James den gemeinsamen Befreier begrüßte. Als die Londoner Geistlichkeit, mit Compton an der Spitze, herbeikam, um dem Manne, dessen Gott sich als Werkzeug zur Rettung der Kirche und des Staats bedient, ihren Dank auszusprechen, schlossen sich dem Zuge auch einige hervorragende nonconformistische Geistliche an. Viele gute Menschen freuten sich zu hören, daß fromme und gelehrte presbyterianische Geistliche im Gefolge eines Bischofs gegangen, mit brüderlicher Freundlichkeit von ihm begrüßt und im Empfangszimmer von ihm seine lieben und geachteten Freunde genannt worden waren, die zwar durch einige Meinungsverschiedenheiten in unwichtigen Punkten von ihm getrennt, durch christliche Liebe und gemeinsamen Eifer für das Wesentliche des reformirten Glaubens aber mit ihm verbunden seien. Nie hatte es zuvor und nie hat es seitdem in England einen zweiten solchen Tag gegeben. Der Strom der Gefühle war schon im Umschlagen begriffen, und die Ebbe trat noch rascher ein als die Fluth eingetreten war.
[80.] Obwohl diese ganz angemessenen Benennungen meines Wissens in keinem während der ersten Regierungsjahre Wilhelm’s gedruckten Buche vorkommen, nehme ich doch keinen Anstand, mich derselben bei Darstellung der Ereignisse jener Jahre zu bedienen, wie es auch von Anderen geschehen ist.
Die Hochkirchenpartei. [In] Zeit von wenigen Stunden begann der Hochkirchliche, von zärtlicher Liebe für den Feind, dessen Tyrannei jetzt nicht mehr gefürchtet ward, und von Abneigung gegen die Bundesgenossen, deren Dienste entbehrlich geworden waren, erfüllt zu werden. Es war leicht, beide Gefühle zu befriedigen, indem man die schlechte Verwaltung des verbannten Königs den Dissenters zur Last legt. Sr. Majestät — so lautete jetzt die Sprache nur zu vieler anglikanischer Geistlichen — würde ein vortrefflicher Regent gewesen sein, wäre er nicht zu vertrauensvoll, und zu nachsichtig gewesen. Er habe sein Vertrauen einer Klasse von Leuten geschenkt gehabt, die seine Stellung, seine Familie und seine Person mit unversöhnlicher Erbitterung haßten. Durch den vergeblichen Versuch, ihre Zuneigung zu gewinnen, habe er sich zu Grunde gerichtet. Er habe sie, in Widerspruch mit dem Gesetz und dem einmüthigen Sinne der alten royalistischen Partei, von dem Drucke des Strafcodex befreit, habe ihnen gestattet, Gott auf ihre eigene armselige und geschmacklose Weise öffentlich zu verehren, habe sie zur Richterbank und in den Geheimrath zugelassen, ihnen Pelzroben, goldene Ketten, Gehalte und Pensionen gewährt. Zum Dank für seine Liberalität seien diese Leute, welche einst so trotzig in ihrem Gebahren und so unbändig in ihrer Opposition selbst gegen die rechtmäßige Autorität gewesen, die niedrigsten Schmeichler geworden. Sie hätten ihm noch Beifall zugejauchzt und ihn ermuthigt, als schon die ergebensten Freunde seines Hauses sich voll Scham und Kummer aus seinem Palaste entfernt gehabt. Wer habe die Religion und die Freiheit seines Vaterlandes schändlicher verkauft als Titus? Wer habe eifriger für die Dispensationsgewalt gestritten als Alsop? Wer habe ungestümer auf die Verfolgung der sieben Bischöfe gedrungen als Lobb? Welcher nach einer Dechanei lüsterne Kaplan habe, selbst wenn er am 30. Januar oder am 29. Mai in Anwesenheit des Königs gepredigt, jemals plumpere Schmeicheleien zu Tage gebracht, als man sie leicht in den Adressen auffinden könne, durch welche dissentirende Glaubensgesellschaften ihren Dank für die ungesetzliche Indulgenzerklärung ausgedrückt hätten? Sei es zu verwundern, wenn ein Fürst, der nie juristische Werke studirt, nur seine rechtmäßige Prärogative auszuüben geglaubt habe, als er so durch eine Partei ermuthigt worden sei, welche jederzeit mit ihrem Hasse gegen willkürliche Gewalt geprahlt habe? Durch solche Leitung irregeführt, sei er immer weiter auf dem falschen Wege fortgeschritten, habe er sich endlich Herzen entfremdet, welche früher ihr bestes Blut zu seiner Vertheidigung vergossen haben würden, habe er keine anderen Stützen behalten als seine alten Feinde, und, als der Tag der Gefahr gekommen, habe er gefunden, daß die Gesinnungen seiner alten Feinde gegen ihn noch die nämlichen waren wie zu der Zeit, da sie ihn seines Erbes zu berauben versucht und gegen sein Leben conspirirt hatten. Jeder Verständige habe längst gewußt, daß die Sectirer keine Liebe zur Monarchie hegten; jetzt habe es sich gezeigt, daß sie eben so wenig Liebe zur Freiheit hegten. Ihren Händen Gewalt anzuvertrauen, werde ein Mißgriff sein, der der Nation nicht minder verderblich werden müsse als dem Throne. Wenn es, um etwas übereilt gegebene Zusicherungen zu erfüllen, für nöthig erachtet werden sollte, ihnen Erleichterung zu gewähren, so müsse jedes Zugeständniß von Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln begleitet sein. Vor Allem dürfe Niemandem, der ein Feind der kirchlichen Verfassung des Landes sei, irgend eine Betheiligung an der Civilverwaltung gestattet werden.
Die Niederkirchenpartei. [Zwischen] den Nonconformisten und den strengen Conformisten stand die Niederkirchenpartei. Diese Partei enthielt und enthält noch jetzt zwei ganz verschiedene Elemente: ein puritanisches und ein latitudinarisches Element. Über fast jede Frage, die sich auf die kirchliche Verfassung wie auf das Ceremoniell des öffentlichen Gottesdienstes bezog, waren jedoch der puritanische Niederkirchliche und der latitudinarische Niederkirchliche vollkommen einig. Sie sahen in der bestehenden Kirchenverfassung und in dem bestehenden Ceremoniell keinen Mangel, keinen Übelstand, der es ihnen hätte zur Pflicht machen können, Dissenters zu werden. Nichtsdestoweniger waren sie der Meinung, daß die Verfassung sowohl wie das Ceremoniell Mittel und nicht Zwecke seien und daß der wesentliche Geist des Christenthums ohne Bischöfe und ohne ein allgemeines Gebetbuch bestehen könne. Als Jakob auf dem Throne saß, waren sie die Hauptwerkzeuge zur Bildung der großen Coalition gegen Papisterei und Tyrannei gewesen und sie führten 1689 noch dieselbe versöhnliche Sprache, die sie 1688 geführt hatten. Die Gewissensscrupel der Nonconformisten tadelten sie mild. Es sei unzweifelhaft eine große Schwäche zu glauben, daß es etwas Sündhaftes sein könne, einen weißen Chorrock zu tragen, ein Kreuz zu schlagen, oder an dem Geländer eines Altars zu knieen. Die höchste Autorität aber habe die unzweideutigsten Vorschriften darüber erlassen, wie solche Schwäche zu behandeln sei. Der schwache Bruder sei nicht zu verdammen, nicht zu verachten; Gläubige von stärkerem Geiste seien gehalten, ihn durch große Nachgiebigkeit zu beschwichtigen und sorgfältig jeden Stein des Anstoßes, der ihn Veranlassung geben könne, Andersdenkende zu verletzen, aus seinem Wege zu entfernen. Ein Apostel habe erklärt, daß er, obwohl er selbst gegen den Genuß von thierischer Nahrung und Wein kein Bedenken hege, doch lieber Pflanzen essen und Wasser trinken wolle, als daß er dem Geringsten seiner Heerde ein Ärgerniß gäbe. Was würde er wohl von Kirchenfürsten gedacht haben, welche um eines Gewandes, einer Geberde oder einer Stellung willen nicht nur die Kirche gespalten, sondern alle Gefängnisse England’s mit Männern von orthodoxem Glauben und frommem Lebenswandel gefüllt hätten? Die tadelnden Bemerkungen, welche die Hochkirchlichen über das neuerliche Benehmen der Dissenters gemacht, wurden von den Niederkirchlichen für höchst ungerecht erklärt. Das Wunder liege nicht darin, daß einige wenige Nonconformisten dankbar eine Indulgenz angenommen hätten, die, so gesetzwidrig sie auch gewesen, doch ihnen die Thüren ihrer Kerker geöffnet und ihre häusliche Ruhe gesichert habe, sondern darin, daß die Nonconformisten im allgemeinen der Sache einer Verfassung treu geblieben seien, von deren Wohlthaten sie lange ausgeschlossen gewesen. Es sei höchst unbillig, die Fehler einiger weniger Individuen einer ganzen großen Partei zur Last zu legen. Selbst unter den Bischöfen der Landeskirche habe Jakob Werkzeuge und Schmeichler gefunden. Das Benehmen Cartwright’s und Parker’s sei viel weniger zu entschuldigen gewesen, als das Alsop’s und Lobb’s. Gleichwohl würden Diejenigen, welche die Dissenters für die Fehler Alsop’s und Lobb’s verantwortlich hielten, es ohne Zweifel für sehr unvernünftig erklären, wenn man die Landeskirche für die weit größere Schuld Cartwright’s und Parker’s verantwortlich machen wolle.
Die Geistlichen der Niederkirche waren eine Minorität, und zwar keine große Minorität ihres Standes; ihr Gewicht aber stand weit über dem Verhältniß ihrer Anzahl, denn sie waren in der Hauptstadt stark vertreten, sie hatten daselbst großen Einfluß und das Durchschnittsmaß ihrer Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung war bei ihnen höher als bei ihrem Stande im allgemeinen. Wir wurden ihre numerische Stärke wahrscheinlich noch zu hoch anschlagen, wenn wir sie auf ein Zehntel der gesammten Geistlichkeit schätzten. Es wird jedoch schwerlich bestritten werden können, daß sie in ihrer Mitte eben so viele Männer von ausgezeichneter Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit zählten, als sich unter den übrigen neun Zehnteln zusammengenommen fanden. Unter den Laien, die sich der herrschenden Landeskirche angeschlossen, war das Verhältniß der Parteien ziemlich gleich. Die Linie, welche sie trennte, war in der That sehr wenig unterschieden von der Linie, welche die Whigs und Tories trennte. Im Hause der Gemeinen, welches gewählt worden war, als die Whigs die Oberhand hatten, war die Niederkirchenpartei entschieden überwiegend; bei den Lords aber herrschte ein fast genaues Gleichgewicht und es bedurfte nur sehr geringfügiger Umstände, um die Wagschale emporzuschnellen.
Wilhelm’s Pläne bezüglich der Kirchenverfassung. [Das] Oberhaupt der Niederkirchenpartei war der König. Er war als Presbyterianer erzogen worden, seiner rationalen Überzeugung nach war er ein Latitudinarier, und persönlicher Ehrgeiz sowohl als auch höhere Beweggründe vermochten ihn, zwischen den protestantischen Secten als Vermittler aufzutreten. Sein Bestreben war auf die Einführung dreier großer Reformen in den die kirchlichen Angelegenheiten betreffenden Gesetzen gerichtet. Sein erster Zweck war, den Dissenters die Erlaubniß zur freien und ungestörten Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erwirken. Sein zweiter Zweck war, in dem anglikanischen Ritual und Kirchenregiment solche Abänderungen vorzunehmen, welche die gemäßigten Nonconformisten gewinnen konnten, ohne Diejenigen zu verletzen, denen jenes Ritual und Kirchenregiment theuer war. Sein dritter Zweck war, den Protestanten ohne Unterschied der Secten bürgerliche Ämter zugänglich zu machen. Alle drei Zwecke waren gut, aber nur der erste war zur Zeit erreichbar. Für den zweiten kam er zu spät, für den dritten zu früh.
Burnet, Bischof von Salisbury. [Wenige] Tage nach seiner Thronbesteigung that er einen Schritt, welcher seine Gesinnungen in Bezug auf Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienst unverkennbar andeutete. Er fand nur einen Bischofsstuhl unbesetzt. Seth Ward, der viele Jahre hindurch das Kirchspiel von Salisbury verwaltet und sich als einer von den Begründern der Königlichen Societät ehrenvoll ausgezeichnet hatte, starb, nachdem er seine Fähigkeiten längst überlebt, während das Land durch die Wahlen für die Convention bewegt wurde, ohne zu wissen, daß große Ereignisse, von denen nicht das unwichtigste unter seinem eignen Dache stattgefunden, seine Kirche und sein Vaterland vom Untergange gerettet hatten. Die Wahl eines Nachfolgers war nicht leicht. Diese Wahl mußte unvermeidlich von der Nation als ein Prognostikon von höchster Bedeutung betrachtet werden. Außerdem mußte die Anzahl der Geistlichen, die sich während der Streitigkeiten der letzten drei Jahre durch Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit, Muth und Rechtschaffenheit ausgezeichnet hatten, den König in Verlegenheit setzen. Burnet erhielt den Vorzug. Sein Anrecht war unzweifelhaft groß; aber Wilhelm würde gewiß eine ruhigere Regierung gehabt haben, wenn er mit der wohlverdienten Beförderung seines Kaplans noch einige Zeit gewartet und die erste hohe geistliche Würde, welche nach der Revolution durch die Krone zu vergeben war, einem der neuen Regierung ergebenen, aber dem Klerus nicht allgemein verhaßten berühmten Theologen verliehen hätte. Unglücklicherweise war Burnet’s Name der großen Mehrzahl der anglikanischen Geistlichen verhaßt. Obwohl er, dem Prinzip nach, keineswegs zur extremen Fraction der latitudinarischen Partei gehörte, so wurde er doch vom Volke als die Personifikation des Latitudinarismus betrachtet. Diese Auszeichnung verdankte er der hervorragenden Stellung, die er in der Literatur und der Politik einnahm, der Gewandtheit seiner Zunge und seiner Feder und vor Allem der Offenheit und Unerschrockenheit seines Characters, einer Offenheit, welche kein Geheimniß bewahren konnte, und einer Unerschrockenheit, die vor keiner Gefahr zurückbebte. Er hegte nur eine geringe Meinung von der Gesammtheit seiner geistlichen Brüder und mit seiner gewohnten Indiscretion ließ er sich oft verleiten, diese Meinung auszusprechen. Dafür haßten sie ihn aber auch mit einer Erbitterung, die auf ihre Nachfolger überging und noch jetzt, nach anderthalbem Jahrhundert, nicht nachzulassen scheint.
Sobald der Beschluß des Königs bekannt wurde, fragte man sich überall: Was wird der Erzbischof thun? Sancroft hatte sich von der Convention fern gehalten, er hatte sich geweigert, einen Sitz im Geheimen Rathe einzunehmen, er hatte aufgehört zu confirmiren, zu ordiniren und einzusetzen, und nur selten sah man ihn außerhalb der Mauern seines Palastes zu Lambeth. Bei jeder Gelegenheit erklärte er, daß er sich noch immer durch seinen alten Unterthaneneid gebunden erachte. Burnet betrachtete er als ein Ärgerniß für den Priesterstand, als einen Presbyterianer im Chorrock. Der Prälat, der seine Hände auf dieses unwürdige Haupt legte, würde mehr als eine große Sünde begehen. Er würde an geheiligter Stätte und vor einer großen Versammlung von Gläubigen zu gleicher Zeit einen Usurpator als König anerkennen und einem Schismatiker den Rang eines Bischofs verleihen. Eine Zeit lang erklärte Sancroft mit Bestimmtheit, er werde der Anordnung Wilhelm’s nicht Folge leisten. Lloyd von St. Asaph, der gemeinschaftliche Freund des Erzbischofs und des neuerwählten Bischofs, drang umsonst mit Bitten und Vorstellungen in ihn. Nottingham, der von allen der neuen Regierung anhängenden Laien am besten mit dem Klerus stand, bot seinen Einfluß ebenfalls auf, doch mit keinem besseren Erfolge. Die Jakobiten sagten überall, daß sie des guten alten Primas gewiß seien, daß er den Muth eines Märtyrers habe und daß er entschlossen sei, in der Sache der Monarchie und der Kirche der äußersten Strenge der Gesetze zu trotzen, mit denen die willfährigen Parlamente des 16. Jahrhunderts das königliche Supremat geschützt hatten. Er hielt sich in der That lange; im letzten Augenblicke aber sank ihm der Muth, und er sah sich nach einem Auswege um. Zum Glück ließ sich sein Gewissen eben so oft durch kindische Auskunftsmittel beruhigen, wie es durch kindische Bedenken beunruhigt wurde. Ein kindischerer Ausweg als der, zu welchem er bei dieser Gelegenheit griff, ist in allen Werken der Casuisten nicht zu finden. Er wollte nicht persönlich Theil an der Feierlichkeit nehmen; er wollte nicht öffentlich für den Prinzen und die Prinzessin als König und Königin beten; er wollte nicht ihr Mandat verlangen, die Verlesung desselben anbefehlen und dann für die Befolgung sorgen. Aber er stellte eine Vollmacht aus, welche drei seiner Suffraganen, gleichviel welche, ermächtigte, in seinem Namen und als seine Delegaten die Sünden zu begehen, die er selbst nicht begehen mochte. Die Vorwürfe aller Parteien brachten ihn bald dahin, daß er sich seiner selbst schämte. Nun versuchte er es, die Augenscheinlichkeit seines Fehlers durch Mittel zu verdecken, welche noch schimpflicher waren als der Fehler selbst. Er entfernte aus den öffentlichen Acten, die er in seiner Verwahrung hatte, das Dokument, durch welches er seine Amtsbrüder ermächtigt, anstatt seiner zu handeln, und wurde nur mit Mühe bewogen, es wieder herauszugeben.[81]
Burnet war indessen kraft dieses Dokuments zum Bischofe geweiht worden. Als er das nächste Mal Marien besuchte, erinnerte sie ihn an die Unterredungen, welche sie im Haag über die wichtigen Pflichten und die große Verantwortlichkeit der Bischöfe mit einander gepflogen hatten. „Ich hoffe,“ sagte sie, „daß Sie Ihre Ansichten praktisch ausüben werden.“ Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Was man auch von Burnet’s Meinungen in Bezug auf Civil- und Kirchenverfassung, oder von der Gesinnung und dem Urtheil denken mag, welche er bei Verfechtung dieser Meinungen an den Tag legte, auch der böswilligste Parteigeist konnte nicht zu leugnen wagen, daß er seine Heerde mit einem Eifer, einer Sorgfalt und einer Uneigennützigkeit hütete, die den reinsten Zeiten der Kirche würdig waren. Seine geistliche Oberherrschaft erstreckte sich über Wiltshire und Berkshire. Diese Grafschaften theilte er in Distrikte, die er fleißig besuchte. Jeden Sommer verwendete er etwa zwei Monate darauf, täglich von Kirche zu Kirche zu predigen, zu katechisiren und zu confirmiren. Als er starb, gab es in seinem Kirchspiele keinen Winkel, wo das Volk nicht sieben bis acht Mal Gelegenheit gehabt hatte, seine Belehrungen zu empfangen und seinen Rath zu erbitten. Das schlechteste Wetter, die grundlosesten Wege hielten ihn nicht ab, diese Pflichten zu erfüllen. Einmal als die Flüsse ausgetreten waren, setzte er sich lieber der größten Lebensgefahr aus, als daß er die Erwartung einer Landgemeinde, welche eine Predigt von dem Bischof zu hören hoffte, getäuscht hätte. Die Armuth der niederen Geistlichkeit war fortwährend ein Gegenstand der Besorgniß für sein menschenfreundliches und edles Herz. Er war unermüdlich und zuletzt glücklich in seinen Bemühungen, ihnen von Seiten der Krone die unter dem Namen „Königin Anna’s Schenkung“ bekannte Unterstützung zu verschaffen.[82] Wenn er durch seine Diöcese reiste, war er ganz besonders darauf bedacht, ihnen nicht zur Last zu fallen. Anstatt sich von ihnen bewirthen zu lassen, bewirthete er sie. Er nahm sein Hauptquartier stets in einem Marktflecken, hielt daselbst offene Tafel und bemühte sich, durch seine schlichte Gastfreundschaft und liebevolle Freigebigkeit die Herzen Derer zu gewinnen, welche gegen seine Lehren eingenommen waren. Wenn er eine dürftig besoldete Pfarrstelle vergab, und er hatte deren viele zu vergeben, pflegte er dem Einkommen aus seiner eigenen Tasche zwanzig Pfund jährlich zuzulegen. Zehn vielversprechende junge Leute, deren jedem er dreißig Pfund jährlich aussetzte, studirten unter seinen Augen in Salisbury Theologie. Obwohl er mehrere Kinder hatte, hielt er sich doch nicht für berechtigt, Schätze für sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte ihm ein anständiges Vermögen zugebracht; mit diesem Vermögen, sagte er immer, müßten sie sich begnügen. Er könne sich nicht um ihretwillen der Sünde schuldig machen, aus Einkünften, welche der Christenliebe und Wohlthätigkeit geweiht seien, ein Vermögen zu sammeln. Solche Tugenden werden in den Augen vernünftiger und vorurtheilsfreier Menschen gewiß vollkommenen Ersatz für jeden Fehler bieten, der ihm mit Grund zur Last gelegt werden kann.[83]
[81.] Burnet II. 8.; Birch’s Life of Tillotson; Life of Kettlewell, part III. section 62.
[82.] Swift, der unter dem Namen Gregor Misosarum schrieb, sagt boshafter und ehrloser Weise von Burnet, er habe der Kirche diese Schenkung nicht gegönnt. Es kann Swift nicht unbekannt gewesen sein, daß die Kirche diese Schenkung hauptsächlich Burnet’s beharrlicher Fürsprache verdankte.
[83.] Siehe die Biographie Burnet’s am Schlusse des zweiten Bandes seiner Geschichte, seine handschriftlichen Memoiren, Harl. 6584., seine Denkschriften über die Erstlinge und Zehnten, und Somers’ Briefe an ihn über diesen Gegenstand. Auch vergleiche man was Dr. King, obwohl Jakobit, so gerecht war in seinen Anecdotes zu sagen. Ein höchst ehrenvolles Zeugniß für Burnet’s Tugenden, von einem andren Jakobiten, der ihn heftig angegriffen, und gegen den er sich äußerst großmüthig gezeigt hatte, von dem gelehrten und freimüthigen Thomas Baker, findet man im Gentleman’s Magazine für August und September 1791.
Nottingham’s Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung. [Als] er seinen Sitz im Hause der Lords einnahm, fand er diese Versammlung mit der Berathung kirchlicher Gesetze beschäftigt. Ein Staatsmann, der als treuer Anhänger der Landeskirche bekannt war, hatte es unternommen, die Sache der Dissenters zu vertheidigen. Kein Unterthan im ganzen Reiche nahm mit Bezug auf die religiösen Parteien eine so wichtige und gebietende Stellung ein als Nottingham. Mit dem Einflusse, welchen Rang, Reichthum und amtliche Würde verleihen, verband er den noch höheren Einfluß der wissenschaftlichen Bildung, der Beredtsamkeit und der Rechtschaffenheit. Sein orthodoxer Glaube, die Regelmäßigkeit seiner Andachtsübungen und die Reinheit seiner Sitten gaben seinen Ansichten über Fragen, welche die Interessen des Christenthums berührten, ein besonderes Gewicht. Von allen Ministern des neuen Herrscherpaares genoß er am meisten das Vertrauen der Geistlichkeit. Shrewsbury war sicherlich ein Whig und wahrscheinlich ein Freidenker, denn er hatte eine Religion verloren, und es war nicht deutlich zu erkennen, ob er eine andre gefunden. Halifax war seit vielen Jahren des Skepticismus, Deismus und Atheismus beschuldigt worden. Danby’s Anhänglichkeit an das Episkopat und die Liturgie war mehr politischer als religiöser Natur. Nottingham aber war ein Sohn, den die Landeskirche mit Stolz den Ihrigen nannte. In Folge dessen konnten Vorschläge, die, wenn sie von seinen Collegen ausgegangen wären, unfehlbar einen panischen Schrecken unter der Geistlichkeit hervorgerufen haben würden, wenn er sie machte, eine günstige Aufnahme selbst bei den Universitäten und Kapiteln finden. Die Freunde der religiösen Freiheit sehnten sich mit gutem Grunde nach seiner Mitwirkung, und er war auch, bis zu einem gewissen Punkte, nicht abgeneigt, Hand in Hand mit ihnen zu gehen. Er war entschieden für eine Toleranz; er war sogar für eine Comprehension, wie man es damals nannte, das heißt er wünschte einige Abänderungen in dem anglikanischen Kirchenregiment und Ritual vorzunehmen, um dadurch die Bedenken der gemäßigten Presbyterianer zu heben. Aber die Testacte wollte er nicht aufgeben. Der einzige Fehler, den er an dieser Acte fand, war, daß sie nicht nachdrücklich genug sei und Schlupfwege offen lasse, durch die sich Schismatiker zuweilen in bürgerliche Ämter einschlichen. In der That war er gerade deshalb geneigt, in einige Abänderungen in der Liturgie zu willigen, weil er keine Lust hatte, sich von der Testacte zu trennen. Er meinte, wenn der Eingang in die Staatskirche nur ein klein wenig erweitert werde, würden sehr viele Leute, welche bis dahin zaudernd auf der Schwelle gestanden, sich hereindrängen. Diejenigen, welche dann noch draußen blieben, würden nicht zahlreich oder mächtig genug sein, um ein weiteres Zugeständniß erzwingen zu können, und würden sich gern mit einer bloßen Toleranz abfinden lassen.[84]
Die Ansicht der Niederkirchlichen bezüglich der Testacte war von der seinigen durchaus verschieden. Vielen von ihnen aber schien es von höchster Wichtigkeit, seine Unterstützung bei den großen Fragen der Toleranz und der Comprehension zu erlangen. Aus den zerstreuten fragmentarischen Mittheilungen, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß ein Vergleich zu Stande kam. Es ist gewiß, daß Nottingham es auf sich nahm, eine Toleranzbill und eine Comprehensionsbill einzubringen und sich nach besten Kräften zu bemühen, daß beide Bills im Hause der Lords angenommen würden. Und sehr wahrscheinlich ist es, daß einige von den leitenden Whigs in Anerkennung dieses großen Dienstes einwilligten, die Testacte vor der Hand unverändert fortbestehen zu lassen.
Die Abfassung der Toleranzbill sowohl als der Comprehensionsbill hatte keine Schwierigkeiten. Vor neun oder zehn Jahren, als das Königreich von Angst vor einem papistischen Complot erfüllt und die Protestanten allgemein geneigt waren, sich gegen den gemeinsamen Feind zu verbinden, war die Lage der Dissenters vielfach discutirt worden. Die Regierung war damals bereit gewesen, der Whigpartei umfassende Zugeständnisse zu machen, unter der Bedingung, daß die Krone nach dem regelmäßigen Gange forterben dürfe. Zwei Gesetzentwürfe, von denen der eine den öffentlichen Gottesdienst der Nonconformisten gestattete, der andre einige Abänderungen in dem öffentlichen Gottesdienste der Staatskirche traf, waren vorbereitet worden und würden wahrscheinlich von beiden Häusern ohne Schwierigkeit angenommen worden sein, hätten nicht Shaftesbury und seine Coadjutoren sich geweigert, auf irgendwelche Bedingungen zu hören, und sich, indem sie nach Unerreichbarem die Hand ausstreckten, Vortheile entgehen lassen, welche leicht zu erlangen gewesen wären. An der Abfassung dieser Gesetzentwürfe hatte Nottingham, damals ein thätiges Mitglied des Hauses der Gemeinen, einen starken Antheil gehabt. Jetzt zog er sie aus dem Dunkel hervor, in welchem sie seit der Auflösung des Oxforder Parlaments geblieben waren, und legte sie mit einigen unbedeutenden Abänderungen auf den Tisch der Lords.[85]
[84.] Oldmixon möchte uns glauben machen, daß Nottingham damals nicht abgeneigt gewesen sei, die Testacte aufzugeben. Aber Oldmixon’s Behauptung, welche durch keine Beweise unterstützt wird, ist von gar keinem Gewicht, und alle Zeugnisse, die er anführt, sprechen gegen seine Behauptung.
[85.] Burnet II. 6; Van Citters an die Generalstaaten, 1.(11.) März 1689; King William’s Toleration being an explanation of that liberty of conscience which may be expected from His Majesty’s Declaration, with a Bill for Comprehensions and Indulgence, drawn up in order to an Act of Parliament, licensed March 25. 1689.
Die Toleranzbill. [Die] Toleranzbill ging in beiden Häusern nach kurzer Debatte durch. Dieses berühmte Gesetz, das lange Zeit als die große Charte der Religionsfreiheit betrachtet wurde, ist seitdem umfassend modificirt worden und der jetzigen Generation fast nur dem Namen nach bekannt. Der Name wird jedoch von Vielen, welche vielleicht mit Verwunderung und Enttäuschung den wahren Character des Gesetzes kennen lernen werden, das sie in Ehren zu halten gewohnt waren, noch immer mit Achtung genannt.
Mehrere Gesetze, welche zwischen der Thronbesteigung der Königin Elisabeth und der Revolution erlassen worden waren, schrieben Jedermann bei strengen Strafen vor, dem Gottesdienste der Kirche England’s beizuwohnen und sich des Besuchs von Conventikeln zu enthalten. Die Toleranzacte widerrief keines dieser Gesetze, sondern bestimmte nur, daß sie auf Niemanden Anwendung finden sollten, der seine Loyalität durch Ablegung der Unterthanen- und Suprematseide und seinen protestantischen Glauben durch Unterzeichnung der Erklärung gegen die Transsubstantiation bezeuge.
Die so gewährte Erleichterung kam sowohl den dissentirenden Laien als den dissentirenden Geistlichen zu Gute. Der dissentirende Klerus aber hatte noch einige besondere Ursachen zu Beschwerden. Die Conformitätsacte hatte Jedem eine Geldbuße von hundert Pfund auferlegt, der sich, ohne die bischöfliche Ordination empfangen zu haben, anmaßen sollte, das Abendmahl zu reichen. Die Fünfmeilenacte hatte viele fromme und gelehrte Geistliche von ihren Wohnplätzen und ihren Freunden vertrieben, um in unbekannten Dörfern, welche auf keiner Landkarte zu finden waren, unter Bauern zu leben. Die Conventikelacte hatte denjenigen Geistlichen, welche vor Separatistenversammlungen predigen sollten, schwere Geldbuße auferlegt, und in directem Widerspruche mit dem humanen Geiste unsres gemeinen Rechts waren die Gerichtshöfe angewiesen, diese Acte in umfassender Ausdehnung und zur wirksamen Unterdrückung des Dissents wie zur Aufmunterung der Angeber zu handhaben. Diese strengen Gesetze waren nicht aufgehoben, sondern nur, mit vielen Bedingungen und Vorbehalten, gemildert. Es war vorgeschrieben, daß jeder dissentirende Geistliche, ehe er seine Amtsverrichtungen ausüben durfte, mit eigenhändiger Namensunterschrift seinen Glauben an die Artikel der englischen Staatskirche, mit wenigen Ausnahmen, feierlich erklären müsse. Die Punkte, zu denen seine Zustimmung nicht verlangt wurde, waren: daß die Kirche die Befugniß habe, das Ceremoniell zu reguliren, daß die in dem Homilienbuche aufgestellten Lehren richtig seien, und daß die Ceremonie der Ordination nichts Abergläubisches und Abgöttisches an sich habe. Erklärte er sich für einen Baptisten, so brauchte er außerdem nicht zu versichern, daß die Taufe der Kinder ein lobenswerther Gebrauch sei. Wenn ihm aber seine Überzeugung nicht gestattete, vierunddreißig von den neununddreißig Artikeln und den größten Theil von noch zwei anderen Artikeln zu unterschreiben, so durfte er nicht predigen, ohne sich allen den Strafen auszusetzen, welche die Cavaliere zur Zeit ihrer Macht und ihrer Rache ersonnen hatten, um die schismatischen Prediger zu quälen und zu Grunde zu richten.
Die Lage der Quäker war von der der übrigen Dissenters verschieden, und zwar zu ihrem Nachtheile. Der Presbyterianer, der Independent und der Baptist hatten keine Bedenken wegen des Suprematseides. Der Quäker aber weigerte sich, denselben zu leisten, nicht weil er gegen den Satz, daß fremde Fürsten und Prälaten in England keine Rechtsgewalt haben, etwas einzuwenden gehabt hätte, sondern weil sein Gewissen ihm nicht gestattete, auf irgend etwas zu schwören. Daher war er der Strenge eines Theiles des Strafcodex ausgesetzt, welcher schon lange bevor das Quäkerthum existirte von den Parlamenten Elisabeth’s gegen die Römisch-Katholischen ausgearbeitet worden war. Die Toleranzacte erlaubte den Mitgliedern dieser harmlosen Secte, ihre Zusammenkünfte in Frieden abzuhalten, unter der Bedingung, daß sie drei Urkunden unterzeichneten: eine Erklärung gegen die Transsubstantiation, ein Versprechen der Treue gegen die Regierung, und ein christliches Glaubensbekenntniß. Die Einwendungen, welche der Quäker gegen die athanasianische Phraseologie machte, hatten ihm die Beschuldigung des Socinianismus zugezogen, und die starke Sprache, in der er zuweilen behauptete, daß er seine Kenntniß von überirdischen Dingen unmittelbarer Eingebung von Oben verdanke, hatte den Verdacht erweckt, daß er von der Autorität der heiligen Schrift nicht viel halte. Es wurde daher von ihm verlangt, daß er seinen Glauben an die Göttlichkeit des Sohnes und des heiligen Geistes, wie auch an die Inspiration des Alten und Neuen Testaments erklären solle.
Dies waren die Bedingungen, unter denen die protestantischen Dissenters in England zum ersten Male Gott nach ihrer Überzeugung verehren durften. Es war ihnen ganz zweckmäßigerweise untersagt, ihre Versammlungen bei verschlossenen Thüren zu halten; eine Klausel aber, welche es für strafbar erklärte, ein Bethaus zu betreten, in der Absicht die Versammlung zu belästigen, schützte sie gegen feindliches Eindringen.
Als ob die erwähnten Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln noch nicht ausreichend gewesen wären, wurde nachdrücklich erklärt, daß die Legislatur gegen keinen Papisten oder irgend Jemanden, der die Lehre von der Dreieinigkeit, wie sie in den Formularen der englischen Landeskirche aufgestellt ist, verwerfe, die geringste Nachsicht zu üben gedenke.
Von allen Acten, die jemals von einem Parlamente erlassen wurden, ist die Toleranzacte vielleicht diejenige, welche auf die eigenthümlichen Mängel und auf die eigenthümlichen Vorzüge der englischen Gesetzgebung das grellste Licht wirft. Die Staatswissenschaft ist in einer Hinsicht der Mathematik vollkommen analog. Der Mathematiker kann leicht darthun, daß eine gewisse Kraft, welche vermittelst eines Hebels oder eines Flaschenzugs angewendet wird, zum Heben einer gewissen Last ausreicht. Seine Demonstration gründet sich auf die Voraussetzung, daß die Maschinerie von der Art ist, daß keine Last sie biegen oder zerbrechen kann. Wenn aber der Mechaniker, der vermittelst wirklicher Balken und Seile eine große Masse wirklicher Steine zu heben hat, sich auf den Lehrsatz, den er in Werken über Dynamik findet, unbedingt verlassen und die Unvollkommenheit seines Materials nicht mit in Anschlag bringen wollte, so würde sein ganzer Apparat von Balken, Rädern und Seilen bald zusammenstürzen, und er würde mit all’ seinen mathematischen Kenntnissen als ein viel schlechterer Baumeister erfunden werden wie die bemalten Barbaren, welche Stonehenge erbauten, obgleich sie von dem Parallelogramm der Kräfte in ihrem Leben nichts gehört hatten. Wie sich der Mechaniker zu dem Mathematiker verhält, so verhält sich der praktische Staatsmann zu dem theoretischen Staatsmann. Es ist allerdings höchst wichtig, daß Gesetzgeber und Regierende die Theorie des Regierens genau kennen, wie es höchst wichtig ist, daß der Baumeister, der einen Obelisk auf sein Piedestal stellen oder eine Röhrenbrücke über einen Meeresarm legen soll, in der Theorie des Gleichgewichts und der Bewegung bewandert sei. Wie aber der, welcher wirklich zu bauen hat, an Vieles denken muß, wovon d’Alembert und Euler nie etwas erwähnt haben, so muß auch Der, welcher wirklich regieren soll, sich beständig durch Erwägungen leiten lassen, von denen in den Schriften Adam Smith’s oder Jeremias Bentham’s keine Rede ist. Der vollkommene Gesetzgeber hält die rechte Mitte zwischen dem Theoretiker, der nichts sieht als allgemeine Grundsätze, und dem bloßen Praktiker, der nur specielle Umstände ins Auge faßt. An Gesetzgebern, bei denen das spekulative Element bis zur völligen Ausschließung des praktischen vorherrschte, ist die Welt während der letzten achtzig Jahre auffallend fruchtbar gewesen. Ihrer Weisheit verdanken Europa und Amerika Dutzende von abortiven Verfassungen, welche gerade lange genug gelebt haben, um ein trauriges Aufsehen zu machen, und die dann unter krampfhaften Zuckungen verschieden sind. In der englischen Gesetzgebung aber hat das praktische Element vor dem spekulativen stets, und nicht selten ungebührlich vorgeherrscht. Nichts auf die Symmetrie, und viel auf die Zweckmäßigkeit zu geben; niemals eine Anomalie blos deshalb zu beseitigen, weil sie eine Anomalie ist; niemals eine Neuerung einzuführen, außer wenn sich ein Nachtheil fühlbar macht, und Neuerungen nur in so weit einzuführen als zur Hebung des Nachtheils nothwendig ist; niemals einen Vorschlag zu machen, der sich weiter erstreckte, als auf den speciellen Fall, für welchen Abhülfe zu schaffen ist: dies sind die Regeln, welche vom Zeitalter Johann’s bis zum Zeitalter Victoria’s die Verhandlungen unserer zweihundertfunfzig Parlamente geleitet haben. Unser nationaler Widerwille gegen alles Abstracte in der Staatswissenschaft ist allerdings so groß, daß er ein Fehler wird. Doch ist es vielleicht ein Fehler zum Guten. Daß wir bei der Verbesserung unserer Gesetze viel zu langsam gegangen sind, muß zugegeben werden. Obwohl aber in anderen Ländern gelegentlich ein rascherer Fortschritt stattgefunden haben mag, so würde es doch nicht leicht sein, ein andres Land zu nennen, in welchem so wenig Rückschritt stattgefunden hätte.
Die Toleranzacte kommt dem Typus eines großen englischen Gesetzes sehr nahe. Einen Juristen, der in der Theorie der Gesetzgebung wohl bewandert, mit der Stimmung der Secten und Parteien aber, in welche die Nation zur Zeit der Revolution gespalten war, nicht genau bekannt wäre, würde jene Acte als ein wahres Chaos von Absurditäten und Widersprüchen erscheinen. Sie wird eine Prüfung nach richtigen allgemeinen Prinzipien nicht vertragen. Noch mehr, sie wird gar keine Prüfung nach irgend welchem, gleichviel ob richtigen oder falschen Prinzip vertragen. Das richtige Prinzip ist unzweifelhaft, daß ein rein theologischer Irrthum von der Civilobrigkeit nicht bestraft werden darf. Dieses Prinzip erkennt die Toleranzacte nicht nur nicht an, sondern sie leugnet es sogar positiv. Kein einziges von den harten Gesetzen, welche die Tudors oder die Stuarts gegen die Nonconformisten erlassen, ist aufgehoben. Verfolgung ist nach wie vor die allgemeine Regel; Toleranz ist die Ausnahme. Und dies ist noch nicht Alles. Die der Überzeugung gewählte Freiheit wird in der launenhaftesten Weise gewährt. Ein Quäker erlangt dadurch, daß er ein Glaubensbekenntniß in allgemeinen Ausdrücken ablegt, den vollen Genuß der Acte, ohne einen der neununddreißig Artikel zu unterschreiben. Ein Independentengeistlicher, der vollkommen bereit ist, die von dem Quäker verlangte Erklärung abzugeben, der aber wegen sechs oder sieben Artikeln Zweifel hegt, bleibt dem Strafgesetz unterworfen. Howe ist straffällig, wenn er predigt, ohne zuvor seine Zustimmung zu der anglikanischen Lehre vom Abendmahl feierlich erklärt zu haben. Penn, der das Abendmahl ganz verwirft, kann völlig ungehindert predigen, ohne irgend eine Erklärung über den Gegenstand abzugeben.
Dies sind einige von den unleugbaren Fehlern, welche Jedem auffallen müssen, der die Toleranzacte nach dem Maßstabe der gesunden Vernunft betrachtet, welcher in allen Ländern und zu allen Zeiten der nämliche ist. Aber gerade diese Fehler können sich vielleicht als Vorzüge herausstellen, wenn wir die Leidenschaften und Vorurtheile Derer in Betracht ziehen, für welche die Toleranzacte erlassen wurde. Dieses an Widersprüchen, die jeder Stümper in der Politik entdecken kann, überreiche Gesetz leistete, was ein von den größten Meistern in der Staatswissenschaft auf das Geschicktste ausgearbeitetes Gesetz vielleicht nicht geleistet haben würde. Daß die obenangeführten Bestimmungen lästig, kindisch, einander widersprechend und mit der wahren Theorie der Religionsfreiheit nicht im Einklange sind, läßt sich nicht leugnen. Alles was zu ihrer Vertheidigung angeführt werden kann, ist, daß sie eine große Menge Hebel beseitigte, ohne eine große Menge Vorurtheile zu verletzen; daß sie mit einem Male und für immer, ohne eine einzige Abstimmung in einem der beiden Parlamentshäuser, ohne einen einzigen Straßenaufstand und fast ohne hörbares Murren selbst von Seiten der bigotteren Klassen, einer Verfolgung ein Ende machte, welche vier Generationen hindurch gewüthet, zahllose Herzen gebrochen, zahllose Herde verödet, die Gefängnisse mit Menschen gefüllt, welche für diese Welt zu gut waren, und Tausende von rechtschaffenen, fleißigen und gottesfürchtigen Landleuten und Handwerkern, welche den eigentlichen Kern einer Nation bilden, über den Ocean getrieben hatte, um unter den Wigwams rothhäutiger Indianer und den Lagerplätzen der Panther eine Zufluchtsstätte zu suchen. Solche Vertheidigungsgründe mögen einigen oberflächlichen Theoretikern vielleicht schwach vorkommen, Staatsmänner aber werden sie ohne Zweifel für vollkommen ausreichend erklären.
Die Engländer von 1689 waren keineswegs geneigt, das Prinzip gelten zu lassen, daß religiöser Irrthum ungestraft bleiben dürfe. Dieses Prinzip war gerade damals unpopulärer als je, denn es war erst vor wenigen Monaten arglistiger Weise als Vorwand benutzt worden, um die Landeskirche zu verfolgen, die Grundgesetze des Reichs mit Füßen zu treten, Freigüter einzuziehen und die bescheidene Ausübung des Petitionsrechts als ein Verbrechen zu behandeln. Wenn damals eine Bill entworfen worden wäre, welche allen Protestanten völlige Gewissensfreiheit gewahrt hätte, so kann man mit Gewißheit behaupten, daß Nottingham eine solche Bill niemals eingebracht, daß alle Bischöfe, Burnet nicht ausgenommen, dagegen gestimmt haben würden, daß sie jeden Sonntag von zehntausend Kanzeln herab als eine Beleidigung gegen Gott und gegen alle Christen und als ein Freibrief für die ärgsten Ketzer und Gottesleugner bezeichnet worden wäre, daß Bates und Baxter sie eben so heftig verdammt haben würden als Ken und Sherlock, daß sie in der Hälfte der englischen Städte vom Pöbel verbrannt worden, daß sie nie ein Landesgesetz geworden wäre und daß sie schon das Wort Toleranz der Mehrheit des Volks auf viele Jahre hinaus verhaßt gemacht haben würde. Und dennoch, wenn eine solche Bill durchgegangen wäre, was würde sie mehr bewirkt haben als die Toleranzacte bewirkte?
Es ist wahr, die Toleranzacte erkannte die Verfolgung als Regel an und gewährte die Gewissensfreiheit nur als Ausnahme. Aber eben so wahr ist es, daß die Regel nur gegen einige Hundert protestantischer Dissenters in Kraft blieb und daß die Wohlthat der Ausnahme sich auf Hunderttausende erstreckte.
Es ist wahr, daß es theoretisch widersinnig war, von Howe die Unterzeichnung von vierunddreißig oder fünfunddreißig der anglikanischen Artikel zu verlangen, bevor er predigen durfte, und Penn predigen zu lassen, ohne daß er einen einzigen dieser Artikel unterzeichnete. Aber eben so wahr ist es, daß Beide, Penn wie Howe, unter jenem Gesetz nicht minder volle Freiheit zu predigen erlangten, als sie sie unter dem weisesten Codex genossen haben würden, den ein Beccaria oder Jefferson hätte ausarbeiten können.
Die Berathung der Bill ging leicht von Statten. Nur ein Amendement von Wichtigkeit wurde vorgeschlagen. Einige eifrige Kirchenmänner im Hause der Gemeinen sagten, daß es wohl wünschenswerth sein dürfte, die Toleranz nur auf einen Zeitraum von sieben Jahren zu bewilligen und so eine Garantie für das gute Verhalten der Nonconformisten zu erlangen. Dieser Antrag aber wurde so ungünstig aufgenommen, daß Die, welche ihn gestellt hatten, es nicht wagten, das Haus darüber abstimmen zu lassen.[86]
Der König gab mit voller Befriedigung seine Zustimmung, die Bill wurde Gesetz und die puritanischen Geistlichen drängten sich in allen Grafschaften zu den Quartalsitzungen, um zu schwören und zu unterzeichnen. Viele von ihnen mochten ihre Zustimmung zu den Artikeln allerdings wohl mit einigen stillschweigenden Vorbehalten erklären. Baxter aber wollte sein ängstliches Gewissen nicht gestatten den Schritt zu thun, bevor er eine Erklärung über den Sinn, in welchem er jeden Punkt verstand, zu Protokoll gegeben hatte. Das Schriftstück, welches er dem Gerichtshofe, vor dem er die Eide leistete, überreichte, ist noch vorhanden und enthält zwei Stellen von besonderem Interesse. Er erklärte, daß seine Billigung des athanasianischen Glaubensbekenntnisses sich auf denjenigen Theil beschränke, der ein wirkliches Glaubensbekenntniß sei, und daß er den Verdammungssätzen nicht beistimme. Ebenso erklärte er, daß er durch Unterschreibung des Artikels, der über Alle, welche behaupten, man könne auch ohne Christi Vermittlung selig werden, ein Anathema verhängt, Diejenigen nicht verdammt haben wolle, welche die Hoffnung hegen, daß aufrichtige und tugendhafte Ungläubige an den Wohlthaten der Erlösung Theil haben können. Viele von den dissentirenden Geistlichen London’s erklärten ihre Verpflichtung zu diesen mildherzigen Gesinnungen.[87]
[86.] Commons’ Journals, May 17. 1689
[87.] Sense of the subscribed articles by the Ministers of London, 1690; Calamy’s Historical Additions to Baxter’s Life.
Die Comprehensionsbill. [Die] Geschichte der Comprehensionsbill bildet einen auffallenden Contrast zur Geschichte der Toleranzbill. Beide Bills hatten einen gemeinsamen Ursprung und, in bedeutender Ausdehnung, auch einen gemeinsamen Zweck. Sie wurden zu gleicher Zeit entworfen und zu gleicher Zeit bei Seite gelegt; sie geriethen zusammen in Vergessenheit und wurden nach Verlauf mehrerer Jahre zusammen wieder vor die Augen der Welt gebracht. Beide wurden von dem nämlichen Peer auf den Tisch des Oberhauses niedergelegt und beide wurden dem nämlichen Ausschusse überwiesen. Bald aber begann es sich zu zeigen, daß sie ein ganz verschiedenes Schicksal haben würden. Die Comprehensionsbill war zwar ein besseres Probestück legislativer Geschicklichkeit, als die Toleranzbill, war aber nicht, wie diese, den Bedürfnissen, Gefühlen und Vorurtheilen der lebenden Generation angepaßt. In Folge dessen wurde die Comprehensionsbill, während die Toleranzbill von allen Seiten Unterstützung fand, von allen Seiten angegriffen und zuletzt selbst von Denen, die sie eingebracht hatten, lau und schwach vertheidigt. Um die nämliche Zeit, wo die Toleranzbill unter allgemeiner Zustimmung der Staatsmänner Gesetz wurde, ward die Comprehensionsbill unter nicht minder allgemeiner Zustimmung fallen gelassen. Die Toleranzbill nimmt heute noch unter den wichtigen Gesetzen, welche in unsrer Verfassungsgeschichte Epochen bezeichnen, eine Stelle ein. Die Comprehensionsbill ist vergessen. Kein Sammler von Alterthümern hat sie der Aufbewahrung werth gehalten. Ein einziges Exemplar, das nämliche, welches Nottingham den Peers vorlegte, befindet sich noch unter unseren Parlamentsacten, ist aber nur einigen wenigen jetzt lebenden Personen zu Gesicht gekommen. Es ist ein glücklicher Umstand, daß aus diesem Exemplare fast die ganze Geschichte der Bill zu ersehen ist. Trotz der Durchstreichungen und hineincorrigirten Änderungen sind die ursprünglichen Worte leicht von denen zu unterscheiden, welche im Ausschuß oder bei der Berichterstattung hineingeschrieben wurden.[88]
Die erste Klausel, wie sie bei Einbringung der Bill lautete, entband alle Geistlichen der Landeskirche der Nothwendigkeit, die neununddreißig Artikel zu unterschreiben. An die Stelle der Artikel war folgende Erklärung gesetzt: „Ich billige die Lehre und den Gottesdienst und das Regiment der Staatskirche England’s, wie sie gesetzlich bestehen, als alles zur Seligkeit Nothwendige enthaltend, und verspreche in der Ausübung meines geistlichen Amtes demgemäß zu predigen und zu handeln.“ Eine andre Klausel gewährte den Mitgliedern der beiden Universitäten gleiche Begünstigung.
Ferner war bestimmt, daß jeder Geistliche, der nach presbyterianischer Weise ordinirt worden, ohne nochmalige Ordination alle Rechte eines Priesters der Landeskirche erlangen konnte. Er mußte jedoch in seine neuen Functionen durch Händeauflegen seitens eines Bischofs eingeführt werden, welcher dabei folgende Formel auszusprechen hatte: „Empfange die Ermächtigung, das Wort Gottes zu predigen, die Sakramente darzureichen und alle anderen geistlichen Amtsverrichtungen in der Kirche von England auszuüben.“ Der so Aufgenommene war zur Bekleidung jedes Rectorats oder Vikariats im Königreiche befähigt.
Dann folgten Klauseln, welche bestimmten, daß ein Geistlicher, außer in einigen wenigen Kirchen von besonderem Ansehen, den Chorrock tragen könne oder nicht, wie er es für gut fände, daß das Zeichen des Kreuzes bei der Taufe weggelassen werden dürfe, daß die Kinder ohne Pathen oder Pathinnen getauft werden dürften, wenn die Eltern es wünschten, und daß Leute, denen es Gewissensscrupel machte, das Abendmahl knieend zu empfangen, es sitzend empfangen dürften.
Der Schlußsatz war in Form einer Petition gefaßt. Es war darin vorgeschlagen, daß die beiden Häuser den König und die Königin ersuchen sollten, eine Ordre zu erlassen, welche dreißig Theologen der Landeskirche ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und die Einrichtung der geistlichen Gerichtshöfe zu untersuchen und die sich bei der Untersuchung als wünschenswerth herausstellenden Änderungen anzuempfehlen.
Die Bill durchlief ruhig die ersten Stadien. Compton, welcher thatsächlich Primas war, seit Sancroft sich in Lambeth eingeschlossen hatte, unterstützte Nottingham aufs Kräftigste.[89] Im Ausschusse aber zeigte es sich, daß es eine starke Partei von Hochkirchlichen gab, welche entschlossen waren, kein einziges Wort, keine einzige Formalität aufzugeben, denen es schien, daß Gebete ohne den Chorrock keine Gebete, der Täufling ohne das Zeichen des Kreuzes kein Christ, und Brod und Wein keine Denkzeichen der Erlösung und keine Gnadenvehikel seien, wenn sie nicht knieend empfangen würden. Warum, fragten diese Männer, sollte der gehorsame und treue Sohn der Landeskirche den Verdruß haben, in ihre majestätischen Chöre die unehrerbietigen Gebräuche eines Conventikels eingeführt zu sehen? Warum sollten seine Gefühle, seine Vorurtheile, wenn es wirklich Vorurtheile wären, weniger berücksichtigt werden als die Launen der Schismatiker? Wenn, wie Burnet und Leute wie Burnet nicht müde wurden zu wiederholen, einem schwachen Bruder Nachsicht gebühre, gebühre sie demjenigen Bruder, dessen Schwäche in seiner übergroßen Liebe zu einem alten, einfachen und schönen Ritual bestehe, das von Kindheit an in seiner Phantasie mit dem Erhabensten und Theuersten eng verbunden sei, weniger als dem Bruder, dessen grämlicher und streitsüchtiger Geist beständig auf läppische Einwendungen gegen harmlose und heilsame Gebräuche sinne? Aber die Bedenklichkeit des Puritaners sei wahrlich nicht die Art der Bedenklichkeit, welche der Apostel den Gläubigen zu respectiren befohlen habe. Sie entspringe nicht aus einer krankhaften Zartheit des Gewissens, sondern aus Tadelsucht und geistlichem Hochmuth, und wer das Neue Testament studirt habe, dem könne es unmöglich entgangen sein, daß, während es unsre Pflicht sei Alles zu vermeiden was dem Schwachen ein Ärgerniß geben könne, göttliche Vorschrift und göttliches Beispiel uns lehrten, dem anmaßenden und lieblosen Pharisäer kein Zugeständniß zu machen. Sollte Alles was nicht zum Wesen der Religion gehöre, aufgegeben werden, sobald es einem Haufen Zeloten, denen Eigendünkel und Neuerungssucht die Köpfe verdreht hätte, nicht mehr gefalle? Bemaltes Glas, Musik, Feiertage und Festtage gehörten nicht zum Wesen der Religion. Sollten auf Verlangen der einen Schaar Fanatiker die Fenster der Kapelle von King’s College zerbrochen werden? Sollte einer andren zu Gefallen die Orgel von Exeter verstummen? Sollten alle Dorfglocken schweigen, weil Tribulation Wholesome oder Diakonus Ananias sie für profan hielten? Sollte das Christfest kein Freudentag mehr sein? Sollte die Passionswoche nicht länger eine Zeit der Demüthigung bleiben? Diese Änderungen waren allerdings noch nicht vorgeschlagen worden. Wenn wir aber, argumentirten die Hochkirchlichen, einmal zugeben, daß etwas Harmloses und Erbauliches abgeschafft werde, weil es einigen beschränkten Köpfen und Grämlingen Anstoß giebt, wo sollen wir dann einhalten? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß wir, indem wir so versuchen, ein Schisma zu heilen, ein andres hervorrufen können? Alle die Dinge, welche die Puritaner als Flecken der Kirche betrachten, werden von einem großen Theile der Bevölkerung zu den Schönheiten derselben gerechnet. Kann sie nicht, indem sie aufhört einigen mürrischen Rigoristen Ärgerniß zu geben, zu gleicher Zeit ihren Einfluß auf die Herzen Vieler verlieren, die sich jetzt an ihren Gebräuchen erfreuen? Steht nicht zu befürchten, daß für jeden Proselyten, den sie aus dem Bethause an sich zieht, zehn ihrer alten Söhne ihren verstümmelten Riten und des Schmuckes beraubten Tempeln den Rücken kehren und daß diese neuen Separatisten sich entweder zu einer viel mächtigeren Secte als die, welche wir jetzt zu versöhnen suchen, zusammenschaaren oder in der Heftigkeit ihres Abscheues vor einer kalten und unwürdigen Gottesverehrung sich verleiten lassen, zu dem feierlichen und glänzenden Götzendienst Rom’s überzugehen?
Es ist bemerkenswerth, daß Die, welche diese Sprache führten, keineswegs geneigt waren, für die doctrinellen Artikel der Staatskirche zu streiten. In Wahrheit hat seit den Zeiten Jakob’s I. die große Partei, welche besonders für die anglikanische Kirchenverfassung und das anglikanische Ritual eingenommen war, sich immer stark zum Arminianismus hingeneigt und daher nie sehr fest an einem Glaubensbekenntniß gehangen, das von Reformatoren entworfen war, welche in Fragen der metaphysischen Theologie im Allgemeinen mit Calvin übereinstimmten. Eines von den characteristischen Kennzeichen dieser Partei ist die Geneigtheit, welche sie stets an den Tag gelegt hat, sich bei Punkten der dogmatischen Theologie lieber auf die aus Rom stammende Liturgie als auf die aus Genf stammenden Artikel und Homilien zu berufen. Die calvinistischen Mitglieder der Kirche haben dagegen stets behauptet, daß die wohlerwogene Meinung derselben über solche Punkte vielmehr in einer Homilie oder in einer Dankeshymne zu finden sei. Es scheint nicht, daß bei den Debatten über die Comprehensionsbill ein einziger Hochkirchlicher seine Stimme gegen die Klausel erhob, welche den Klerus der Nothwendigkeit entband, die Artikel zu unterschreiben und die in den Homilien enthaltene Doctrin für richtig zu erklären. Die Erklärung, welche in dem ursprünglichen Entwurf an die Stelle der Artikel gesetzt war, wurde sogar in der Berichterstattung sehr gemildert. Nach dem schließlichen Wortlaute der Klausel war den Dienern der Landeskirche vorgeschrieben zu erklären, nicht daß sie ihre Verfassung billigten, sondern bloß daß sie sich derselben unterwürfen. Wäre die Bill Gesetz geworden, so würden die dissentirenden Prediger die Einzigen im ganzen Königreiche geworden sein, welche die Artikel zu unterschreiben gehabt hätten.[90]
Die Leichtigkeit mit der die eifrigen Freunde der Landeskirche das Glaubensbekenntniß derselben aufgaben, contrastirt auffallend mit der Begeisterung, mit der sie für die Verfassung und das Ritual derselben stritten. Die Klausel, welche presbyterianischen Geistlichen gestattete, ohne bischöfliche Ordination Pfründen zu besitzen, wurde verworfen. Die Klausel, welche skrupulösen Personen gestattete, sitzend zu communiciren, entging mit genauer Noth dem nämlichen Schicksale. Im Ausschusse wurde sie weggestrichen und bei der Berichterstattung nur mit großer Mühe wieder aufgenommen. Die Majorität der anwesenden Peers war gegen die vorgeschlagene Begünstigung und nur die Stellvertreter gaben gerade noch den entgegengesetzten Ausschlag.
Inzwischen begann es sich jedoch zu zeigen, daß der Bill, welche die Anhänger der Hochkirche so heftig angriffen, von ganz andrer Seite Gefahren drohten. Die nämlichen Gründe, welche Nottingham bewogen hatten eine Comprehension zu unterstützen, machten dieselbe für eine große Anzahl von Dissenters zu einem Gegenstande der Besorgniß und Abneigung. Das Wahre ist, daß die Zeit für einen solchen Plan vorüber war. Wäre Elisabeth hundert Jahre früher, als die Spaltung unter den Protestanten noch neu war, so weise gewesen, von dem Verlangen der Beobachtung einiger weniger Formen abzustehen, welche ein großer Theil ihrer Unterthanen als papistisch betrachtete, so hatte sie vielleicht die entsetzlichen Calamitäten verhüten können, welche vierzig Jahre nach ihrem Tode die Kirche heimsuchten. Aber eine Kirchenspaltung hat in der Regel die Tendenz, sich zu vergrößern. Hätte Leo X., als die Erpressungen und Betrügereien der Ablaßkrämer zuerst den Unwillen Sachsen’s erregten, diesem Unwesen mit kräftiger Hand gesteuert, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß Luther im Schooße der römischen Kirche gestorben sein würde. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, und als wenige Jahre später der Vatikan durch Nachgiebigkeit in dem ursprünglichen Streitpunkte gern den Frieden erkauft haben würde, war der ursprüngliche Gegenstand des Streits fast vergessen. Der durch einen einzelnen Mißbrauch geweckte Prüfungsgeist hatte tausende entdeckt oder zu entdecken geglaubt; Controversen erzeugten Controversen, jeder Versuch, den einen Streit beizulegen, endigte damit, daß er einen andren hervorrief, und schließlich machte ein allgemeines Concil, das man während der ersten Stadien des Übels für ein untrügliches Heilmittel gehalten hatte, die Sache völlig hoffnungslos. In dieser Beziehung wie in vielen anderen gleicht die Geschichte des Puritanismus in England genau der Geschichte des Protestantismus in Europa. Das Parlament von 1689 konnte durch Duldung eines Gewandes oder einer Stellung der Nonconformität eben so wenig ein Ende machen, wie die Doctoren von Trient durch Regulirung des Ablasses die teutonischen Völker mit dem Papstthum versöhnen konnten. Im 16. Jahrhundert war das Quäkerthum noch unbekannt und es gab im ganzen Reiche nicht eine einzige Independenten- oder Baptistengemeinde. Zur Zeit der Revolution bildeten die Independenten, Baptisten und Quäker die Majorität der Dissenters und diese Secten konnten nicht durch Bedingungen gewonnen werden, welche der entschiedenste Niederkirchliche zu bieten geneigt gewesen wäre. Der Independent war der Ansicht, daß eine Landeskirche, welche durch was immer für eine Centralgewalt, ob Papst, Patriarch, König, Bischof oder Synode, regiert wurde, eine nicht schriftgemäße Institution und daß jede Gemeinschaft von Gläubigen unter Christi Autorität eine souveraine Gesellschaft sei. Der Baptist war noch unnachgiebiger als der Independent, und der Quäker noch unnachgiebiger als der Baptist. Daher würden Concessionen, welche vor Zeiten der Nonconformität ein Ende gemacht hätten, jetzt noch nicht die Hälfte der Nonconformisten befriedigt haben, und jedem Nonconformisten, den kein Zugeständniß befriedigen konnte, mußte nothwendig darum zu thun sein, daß auch keiner seiner Glaubensbrüder zu befriedigen war. Je liberaler die Bedingungen der Comprehension waren um so größer war die Besorgniß jedes Separatisten, welcher wußte, daß er in keinem Falle comprehensirt werden konnte. Es war also nur wenig Hoffnung, daß die Dissenters, auch wenn sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten, von der Legislatur volle Zulassung zu bürgerlichen Rechten erlangen würden, und jede Hoffnung, diese Zulassung zu erlangen, mußte aufgegeben werden, wenn es Nottingham mit Hülfe einiger wohlmeinender aber kurzsichtiger Freunde der Religionsfreiheit möglich werden sollte, seinen Plan durchzuführen. Wenn seine Bill durchging, so erfolgte unzweifelhaft ein erheblicher Abfall von der Dissenterschaft, und jeder Abfall mußte von einer ohnehin schon in der Minderzahl befindlichen, unterdrückten und gegen mächtige Feinde kämpfenden Klasse schwer empfunden werden. Überdies mußte jeder Proselyt doppelt gezählt werden, einmal als Verlust für die Partei, welche gerade jetzt nur zu schwach war, und einmal als Gewinn für die schon zu starke Gegenpartei. Die Kirche war nur zu gut im Stande, allen Secten im Königreiche die Spitze zu bieten, und wenn diese Secten durch einen bedeutenden Abfall gelichtet und die Kirche durch einen bedeutenden Zugang verstärkt werden sollte, so war es offenbar mit aller Aussicht auf eine Milderung der Testacte vorbei und nur zu wahrscheinlich, daß die Toleranzacte bald wieder zurückgenommen werden würde.
Selbst diejenigen presbyterianischen Geistlichen, deren Gewissensscrupel zu heben die Comprehensionsbill insbesondere bestimmt war, hegten keineswegs einhellig den Wunsch, sie angenommen zu sehen. Die talentvollsten und beredtsamsten Prediger waren seit dem Erscheinen der Indulgenzerklärung sehr angenehm in der Hauptstadt und anderen großen Städten placirt und sollten jetzt unter der sicheren Garantie einer Parlamentsacte die Duldung genießen, welche unter der Indulgenzerklärung gesetzwidrig und unsicher gewesen war. Die Lage dieser Männer war von der Art, daß die große Mehrzahl der Geistlichen der Landeskirche sie mit Recht beneiden konnten. In der That, nur wenige Parochialgeistliche waren so reichlich mit Bequemlichkeiten und Genüssen bedacht, als der Lieblingsprediger einer großen Nonconformistengemeinde in der City. Die freiwilligen Beiträge seiner wohlhabenden Zuhörer, bestehend aus Aldermen und Rathsherren, Kaufleuten, welche nach Westindien und der Levante Handel trieben, Ältesten der Fischhändler- und Goldschmiedgilden, setzten ihn in den Stand, Grundeigenthümer zu werden oder auf Hypotheken auszuleihen. Das feinste Tuch aus Blackwell Hall und das beste Geflügel von Leadenhall Market wurden ihm häufig ins Haus gebracht, sein Einfluß auf seine Gemeinde war ungeheuer. Kein Mitglied einer Separatistengesellschaft ging so leicht ein Compagniegeschäft ein, oder verheirathete seine Tochter, oder brachte seinen Sohn in die Lehre, oder gab seine Stimme bei einer Wahl ab, ohne seinen Seelsorger zu Rathe zu ziehen. In allen politischen und religiösen Fragen war der Geistliche das Orakel seiner Gemeinde. Seit vielen Jahren pflegte man im Volke zu sagen, daß ein ausgezeichneter Dissentergeistlicher nur seinen Sohn Advokat oder Arzt werden zu lassen brauche, um gewiß zu sein, daß er als Advokat Klienten und als Arzt Patienten haben werde. Während ein gewöhnliches Dienstmädchen in der Regel als die für einen Kaplan der Landeskirche passende Lebensgefährtin betrachtet wurde, galt es für ausgemacht, daß die Wittwen und Töchter reicher Bürger vorzugsweise den nonconformistischen Pastoren zukamen. Ein angesehener presbyterianischer Rabbi konnte somit wohl daran zweifeln, ob er in weltlicher Beziehung durch eine Comprehension etwas gewinnen werde. Er konnte allerdings eine Pfarre oder eine Vikarstelle bekleiden, wenn er eine bekam; inzwischen aber wurde er dem Mangel preisgegeben, sein Versammlungshaus wurde geschlossen, seine Gemeinde zerstreute sich unter die Pfarrkirchen, und wenn ihm eine Pfründe verliehen wurde, so bot sie ihm wahrscheinlich nur einen kärglichen Ersatz für das verlorne Einkommen. Eben so wenig durfte er hoffen, als Diener der anglikanischen Kirche die Autorität und das Ansehen zu erlangen, die er bisher genossen hatte. Von einem großen Theile dieser Kirche würde er stets als ein Überläufer betrachtet werden. Es war daher im Ganzen genommen sehr natürlich, wenn er da gelassen zu werden wünschte wo er war.[91]
In Folge dessen entstand eine Spaltung in der Whigpartei. Der eine Theil war für die Entbindung der Dissenters von der Testacte und für Aufgeben der Comprehensionsbill, der andre Theil war für Unterstützung der Comprehensionsbill und für Verschiebung der Angelegenheit wegen der Testacte bis zu einer passenderen Zeit. Die Wirkung dieser Spaltung unter den Freunden der religiösen Freiheit war, daß die Anhänger der Hochkirche, obgleich sie im Hause der Gemeinen eine Minorität und im Hause der Lords keine Majorität bildeten, beiden gefürchteten Reformen mit Erfolg zu opponiren vermochten. Die Comprehensionsbill wurde nicht angenommen und die Testacte wurde nicht widerrufen.
Gerade in dem Augenblicke als die beiden Fragen des Testes und der Comprehension sich in eine Weise mit einander zu verwickeln begannen, welche einen aufgeklärten und rechtschaffenen Staatsmann wohl in Verlegenheit setzen konnte, gesellte sich dazu noch eine dritte Frage von hoher Wichtigkeit.
[88.] Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses der Lords. Es ist befremdend, daß diese große Sammlung wichtiger Dokumente selbst von unseren gewissenhaftesten und fleißigsten Geschichtsforschern ganz unbeachtet gelassen worden ist. Sie wurde mir durch einen meiner werthesten Freunde, Mr. John Lefevre, geöffnet und die Güte des Mr. Thoms unterstützte mich wesentlich bei meinen Nachforschungen.
[89.] Unter den Tanner’schen Manuscripten in der Bodlejanischen Bibliothek befindet sich ein höchst interessanter Brief von Compton an Sancroft über die Toleranzbill und die Comprehensionsbill. „Dies,“ sagt Compton, „sind zwei wichtige Werke, bei denen die Existenz unsrer Kirche interessirt ist, und ich hoffe, Sie werden sich aus dem Parlamente Exemplare davon holen lassen. Denn obgleich wir unter einer Eroberung stehen, hat Gott uns doch Gnade geschenkt vor den Augen unserer Herrscher, und wir können unsre Kirche aufrecht halten, wenn wir wollen.“ Sancroft scheint nicht darauf geantwortet zu haben.
[90.] Die Abneigung der Hochkirchlichen gegen die Artikel ist Gegenstand einer interessanten Flugschrift, welche 1689 unter dem Titel erschien: A Dialogue between Timothy and Titus.
[91.] Tom Brown sagt in seiner derb komischen Manier von den damaligen presbyterianischen Geistlichen, ihr Predigen „bringe Geld ein, mit Geld kaufe man Grundbesitz und Grundbesitz sei ein Genuß, nach dem jedem von ihnen gelüste, trotz ihres scheinheiligen Gewinsels. Wären die Quartalbeiträge nicht, so würde es kein Schisma und keine Separation mehr geben.“ Er fragt, wie es denkbar sei, daß sie, „wenn sie sich während der Spaltung wie Gentlemen ständen, jemals Lehren predigen würden, welche den Bruch heilen könnten?“ — Brown’s Amusements, Serious and Comical. — Einige interessante Beispiele von dem Einflusse, den die vornehmsten Dissentergeistlichen ausübten, finden sich in Hawkins’ Life of Johnson. In dem „Tagebuche eines Bürgers, der sich zur Ruhe gesetzt hat“ (Spectator 317.) erlaubt sich Addison einige sehr gute Witze über den Gegenstand. Der Mr. Nisby, dessen Ansichten über den Frieden, den Großvezier und den gezuckerten Kaffee mit so großem Respect angeführt werden, und der so freigebig mit Marksknochen, Ochsenfleisch und einer Flasche von Brooks & Hellier regalirt wird, ist John Nesbit, ein sehr beliebter Prediger, der zur Zeit der Revolution Pastor einer Dissentergemeinde in Hare Court, Aldergate Street, wurde. In Wilson’s History and Antiquities of Dissenting Churches and Meeting Houses in London, Westminster and Southwark findet man mehrere Beispiele von nonconformistischen Predigern angeführt, welche um diese Zeit zu hübschem Vermögen gelangten, meist durch Heirathen, wie es scheint.
Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide. [Die] seitherigen Huldigungs- und Suprematseide enthielten einige Ausdrücke, welche den Whigs stets mißfallen hatten, und wieder andere, welche Tories, die der neuen Ordnung der Dinge aufrichtig zugethan waren, für unanwendbar auf Fürsten hielten, welche das erbliche Recht nicht besaßen. Die Convention hatte daher, als der Thron noch erledigt war, die Huldigungs- und Suprematseide entworfen, durch die wir noch heute unsrem Souverain unsre Loyalität bezeugen. Durch die Acte, welche die Convention in ein Parlament verwandelte, wurde den Mitgliedern beider Häuser vorgeschrieben, die neuen Eide zu leisten. Bezüglich der anderen öffentlichen Beamten war es schwer zu sagen, wie das Gesetz stand. Die eine Wortformel war durch ordnungmäßig angenommene und noch nicht ordnungmäßig aufgehobene Gesetze vorgeschrieben. Eine andre Formel war durch die Rechtserklärung vorgeschrieben, ein Instrument, das zwar revolutionär und regelwidrig war, das aber wohl als jedem andren Gesetze an Autorität gleichstehend angesehen werden konnte. Die Praxis war in eben so großer Verwirrung als das Gesetz. Es wurde daher als nothwendig erkannt, daß die Legislatur unverzüglich eine Acte erließe, welche die alten Eide abschaffte und zugleich bestimmte, wann und von wem die neuen Eide geleistet werden sollten.
Die Bill, welche diese wichtige Frage erledigte, ging vom Oberhause aus. Die meisten Bestimmungen boten der Meinungsverschiedenheit wenig Spielraum. Man war allgemein darüber einverstanden, daß in Zukunft Niemand ein bürgerliches, militärisches, geistliches oder akademisches Amt erhalten solle, der nicht Wilhelm und Marien die Eide geleistet habe. Eben so allgemein war man damit einverstanden, daß Jeder, der bereits ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleidete, aus demselben entfernt werden sollte, wenn er nicht an oder vor dem 1. August 1689 die Eide leistete. Die heftigsten Leidenschaften beider Parteien aber wurden durch die Frage erregt, ob Personen, welche bereits kirchliche oder akademische Ämter inne hatten, gehalten sein sollten, dem Könige und der Königin, bei Strafe der Absetzung, Treue zu schwören. Niemand konnte sagen, welchen Eindruck ein Gesetz machen würde, das allen Mitgliedern eines großen, mächtigen und geheiligten Standes vorschrieb, unter der feierlichsten religiösen Bekräftigung eine Erklärung abzugeben, welche als ein förmlicher Widerruf alles dessen was sie seit vielen Jahren geschrieben und gepredigt hatten, angesehen werden konnte. Der Primas und einige der angesehensten Bischöfe waren schon aus dem Parlamente weggeblieben und ließen ohne Zweifel eher ihre Paläste und Einkünfte im Stiche, als daß sie die neuen Souveraine anerkannten. Dem Beispiele dieser hohen Prälaten folgten vielleicht eine Menge Geistlicher niederen Ranges, Hunderte von Canonici, Präbendarien und Collegiaten und Tausende von Pfarrern. Einem solchen Ereignisse konnte kein Tory, mochte er auch mit sich selbst völlig im Klaren darüber sein, daß er dem factischen Könige rechtmäßigerweise den Huldigungseid leisten könne, ohne die schmerzlichsten Regungen von Theilnahme für die Dulder und von Besorgniß für die Kirche entgegensehen.
Einige Personen gingen so weit zu leugnen, daß ein Parlament überhaupt befugt sei, ein Gesetz zu erlassen, welches einem Bischofe bei Strafe der Absetzung vorschreibe, den Eid zu leisten. Keine irdische Macht, sagten sie, könne das Band zerreißen, das den Nachfolger der Apostel an seine Diöcese knüpfe. Was Gott zusammengefügt habe, könne der Mensch nicht trennen. Könige und Senate könnten Worte auf Pergament kritzeln und Figuren in Wachs drücken; aber diese Worte und Figuren könnten den Lauf der geistlichen Welt so wenig ändern wie den Lauf der physischen Welt. Wie der Schöpfer des Weltalls eine gewisse Ordnung festgesetzt habe, nach welcher es ihm gefalle, Winter und Sommer, Saat- und Erntezeit zu senden, eben so habe er eine gewisse Ordnung festgesetzt, nach der er seiner katholischen Kirche seine Gnade zu Theil werden lasse, und die letztere Ordnung sei, wie die erstere, unabhängig von den Gewalthabern und Fürsten der Welt. Eine Legislatur könne die Namen der Monate ändern, könne den Juni December und den December Juni nennen, aber trotz aller Legislatur werde Schnee fallen, wenn die Sonne im Steinbock, und Blumen blühen, wenn sie im Krebs stände. Eben so könne die Legislatur befehlen, daß Ferguson oder Muggleton im Palaste zu Lambeth wohnen, auf dem Throne Augustin’s sitzen, Euer Gnaden genannt werden und bei Prozessionen vor dem ersten Herzoge gehen solle, trotz der Legislatur aber werde Sancroft, so lange er lebe, der einzig wahre Erzbischof von Canterbury, und Derjenige, der sich die erzbischöflichen Functionen anzumaßen wage, ein Schismatiker sein. Diese Doctrin wurde mit Gründen bewiesen, welche dem Knospen des Machtkrauts und einer gewissen Platte entlehnt waren, die Jakob der Kleine nach einer Legende des 4. Jahrhunderts auf der Stirn zu tragen pflegte. Ein von der Absetzung der Bischöfe handelndes Manuscript wurde um diese Zeit in der Bodlejanischen Bibliothek entdeckt und Gegenstand einer heftigen Polemik. Die eine Partei meinte, Gott habe dieses kostbare Werk wunderbarerweise an’s Licht gezogen, um seine Kirche in einem äußerst kritischen Augenblicke zu leiten. Die andre Partei wunderte sich, wie man dem Unsinne eines namenlosen Scribenten des 13. Jahrhunderts die geringste Wichtigkeit beilegen könne. Es wurde viel geschrieben über die Absetzungen des Chrisostomus und des Photius, des Nikolaus Mysticus und des Cosmas Atticus. Mit besonderem Eifer aber wurde der Fall des Abjathar discutirt, den Salomo wegen Verraths aus dem Priesteramte entfernte. Keine geringe Quantität Gelehrsamkeit und Scharfsinn wurde auf den Versuch verwendet, zu beweisen, daß Abjathar, obgleich er den Leibrock trug und nach dem Urim antwortete, nicht wirklich Hoherpriester gewesen sei, daß er nur dann fungirt habe, wenn sein Vorgesetzter Zadoc durch Krankheit oder durch eine ceremonielle Entweihung abgehalten worden sei und daß daher die Handlung Salomo’s kein Präcedenzfall sei, der dem Könige Wilhelm das Recht gebe, einen wirklichen Bischof abzusetzen.[92]
Doch eine solche Argumentation, obwohl durch zahlreiche Citate aus der Mischna und aus Maimonides unterstützt, war im allgemeinen selbst eifrigen Kirchenmännern nicht genügend. Denn sie ließ eine kurze, aber einem einfachen Manne, der von griechischen Vätern und levitischen Genealogien nichts wußte, vollkommen verständliche Antwort zu. Ob König Salomo einen Hohenpriester abgesetzt habe, darüber konnte noch ein Zweifel obwalten; aber es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, daß die Königin Elisabeth mehr als die Hälfte der Bischöfe England’s ihrer Bisthümer beraubt hatte. Es war notorisch, daß vierzehn Prälaten ohne irgend welche Procedur bei einem geistlichen Gerichtshofe durch eine Parlamentsacte abgesetzt worden waren, weil sie das Supremat der Königin nicht hatten anerkennen wollen. Waren diese Absetzungen null und nichtig gewesen? War Bonner bis an sein Lebensende der einzig wahre Bischof von London geblieben? War sein Nachfolger ein Usurpator gewesen? Waren Parker und Jewel Schismatiker gewesen? Hatte sich die Convocation von 1562, welche die Doctrin der englischen Staatskirche endgültig festgestellt, selbst außer dem Schooße der Kirche Christi befunden? Es konnte nichts Lächerlicheres geben als die Verlegenheit der Polemiker, welche eine Vertheidigung Elisabeth’s auffinden sollten, die nicht auch eine Vertheidigung Wilhelm’s war. Einige Zeloten gaben allerdings den eitlen Versuch auf, zwischen zwei Fällen einen Unterschied zu machen, zwischen denen, wie der einfachste Verstand einsah, kein Unterschied war, und gestanden offen zu, daß die Absetzungen von 1559 nicht zu rechtfertigen seien. Doch, sagte man, solle sich darüber Niemand beunruhigen, denn wenn auch die englische Kirche einmal schismatisch gewesen sei, so sei sie doch wieder katholisch geworden, als die von Elisabeth abgesetzten Bischöfe aufgehört hätten zu leben.[93] Die Tories waren indessen nicht allgemein geneigt zuzugeben, daß die Religionsgesellschaft, an der sie mit Liebe hingen, aus einem ungesetzlichen Bruche der Einheit entstanden sei. Sie faßten daher tieferen und haltbareren Grund. Sie behandelten die Frage als eine Frage der Humanität und Zeitgemäßheit. Sie sprachen viel von dem Danke, den die Nation dem Priesterstande schuldig sei, von dem Muthe und der Treue, womit dieser Stand, vom Primas bis herab zum jüngsten Diakonus, neuerdings die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs vertheidigt habe, von dem denkwürdigen Sonntage, an welchem in allen hundert Kirchen der Hauptstadt kaum ein Sklave zu finden gewesen war, der die Indulgenzerklärung verlesen hätte; von dem schwarzen Freitage, an welchem die Barke der sieben Prälaten unter den Segenswünschen und dem lauten Schluchzen einer zahlreichen Volksmenge durch das Wasserthor des Tower einfuhr. Die Festigkeit, mit der die Geistlichkeit, trotz aller Drohungen und Versuchungen, unlängst gethan habe, was sie ihrer Überzeugung nach für Recht gehalten, habe die Freiheit und die Religion England’s gerettet. Müsse man nicht Nachsicht gegen sie üben, wenn sie sich jetzt weigerten etwas zu thun, wovon sie ihrer festen Überzeugung nach fürchteten, daß es Unrecht sei? Und was ist für Gefahr dabei, sagte man, wenn sie nachsichtig behandelt werden? Kein Mensch wird so albern sein vorzuschlagen, daß man ihnen gestatten solle, gegen die Regierung zu complottiren oder das Volk aufzuwiegeln. Sie stehen unter dem Gesetze wie andere Leute. Machen sie sich des Verraths schuldig, so hänge man sie auf. Machen sie sich der Empörung schuldig, so lege man ihnen Geldbußen und Gefängnißstrafe auf. Unterlassen sie bei ihrem öffentlichen Gottesdienste für den König Wilhelm, für die Königin Marie und für das unter diesen allerreligiösesten Souverainen versammelte Parlament zu beten, so bringe man die Strafbestimmungen der Uniformitätsacte in Anwendung. Genügt das noch nicht, so ermächtige man Se. Majestät, von irgend einem Geistlichen die Eide zu verlangen, und werden die Eide verweigert, so möge Absetzung erfolgen. Auf diese Weise kann jeder eidverweigernde Bischof oder Pfarrer, der zwar gesetzlich nicht zu überführen ist, doch aber in dem Verdachte steht, gegen die bestehende Ordnung der Dinge zu intriguiren, zu schreiben und zu sprechen, sofort seines Amtes entsetzt werden. Warum aber darauf bestehen, einen frommen und fleißigen Diener der Religion zu vertreiben, der gegen die Regierung nie einen Finger erhebt oder ein Wort ausspricht und der bei jedem Morgen- und Abendgottesdienste aus vollem Herzen um einen Segen für die von der Vorsehung über ihn gesetzten Regenten fleht, der aber einen Eid nicht leisten will, durch welchen er dem Volke das Recht zuzugestehen glaubt, einen Souverain abzusetzen? Wir thun gewiß Alles was nothwendig ist, wenn wir Leute dieser Art der Gnade des Fürsten preisgeben, dem sie Treue zu schwören sich weigern. Ist er geneigt, sich ihre Scrupel gefallen zu lassen, will er sie, trotz ihrer Vorurtheile, als unschuldige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft betrachten, wer hat ein Recht, sich darüber zu beklagen?
Die Whigs stritten heftig für die entgegengesetzte Ansicht. Sie analysierten mit einem durch Haß noch erhöhten Scharfsinn die Ansprüche der Geistlichkeit auf die öffentliche Dankbarkeit und gingen mitunter so weit, es gänzlich in Abrede zu stellen, daß der Stand sich im vorhergehenden Jahre um die Nation verdient gemacht habe. Es sei wohl wahr, daß Bischöfe und Priester gegen die Tyrannei des vorigen Königs aufgestanden seien, aber eben so wahr sei es, daß er, hätten sie sich nicht so hartnäckig der Ausschließungsbill widersetzt, niemals König geworden wäre und daß er, ohne ihre Schmeichelei und ihre Lehre vom passiven Gehorsam, es nie gewagt haben würde, sich solcher Tyrannei schuldig zu machen. Ihre Hauptthätigkeit habe seit einem Vierteljahrhundert darin bestanden, das Volk kriechen und den Fürsten dominiren zu lehren. Sie hätten das Blut Russel’s, Sidney’s und jedes muthigen, rechtschaffenen Engländers auf ihrem Gewissen, der hingeschlachtet worden sei, weil er das Land vom Papismus und Despotismus zu befreien versucht habe. Nie hätten sie einen Laut gegen Willkürherrschaft vernehmen lassen, bis die Willkürherrschaft sie selbst in ihrem Eigenthum und ihrer amtlichen Stellung zu bedrohen angefangen habe. Dann hätten sie freilich ihre alten Gemeinplätze von Unterwerfung unter Nero vergessen und nicht gesäumt, sich zu retten. Zugegeben, sagten diese eifrigen Disputanten, daß sie, indem sich selbst retteten, auch die Verfassung retteten. Sollen wir deshalb vergessen, daß sie sie vorher gefährdet hatten? und sollen wir sie dafür belohnen, indem wir ihnen jetzt gestatten, sie zu vernichten? Wir haben hier eine Klasse von Leuten vor uns, die mit dem Staate eng verwachsen ist. Ein großer Theil der Bodenerzeugnisse ist ihnen zu ihrem Unterhalte angewiesen. Ihre Oberhäupter haben Sitze in der gesetzgebenden Versammlung, große Landgüter und prächtige Paläste. Durch diesen privilegirten Stand wird die große Masse des Volks allwöchentlich vom Sitze der Autorität herab belehrt. Diesem privilegirten Stande ist die oberste Leitung der liberalen Erziehung übertragen. Oxford und Cambridge, Westminster, Winchester und Eton stehen unter priesterlicher Direction. Die Priesterschaft wird in bedeutendem Umfange den Character des hohen Adels und der Gentry der nächsten Generation bilden. Einige Mitglieder der höheren Geistlichkeit haben zahlreiche und einträgliche Pfründen zu vergeben. Andere haben das Privilegium, Richter zu ernennen, welche hochwichtige, die Freiheit, das Eigenthum und den Ruf der Unterthanen Ihrer Majestäten berührende Fragen entscheiden. Und ein vom Staate so begünstigter Stand soll dem Staate keine Bürgschaft geben? Nach welchem Prinzipe kann behauptet werden, daß es unnöthig sei, von einem Erzbischof von Canterbury oder einem Bischof von Durham das Gelöbniß der Treue gegen die Regierung zu verlangen, das nach Aller Überzeugung von jedem Laien verlangt werden muß, der der Krone in der bescheidensten amtlichen Stellung dient? Jeder Acciseinnehmer, jeder Zollbeamte, der den Eid verweigert, soll seines Brodes beraubt werden. Für diese geringen Märtyrer des passiven Gehorsams und des erblichen Rechts hat Niemand ein Wort. Ein geistlicher Magnat aber, der sich weigert zu schwören, soll Einkünfte, Patronat und Macht behalten dürfen, welche denen eines hohen Staatsbeamten gleichkommen. Man sagt es sei überflüssig, von einem Geistlichen die Eide zu verlangen, weil er bestraft werden könne, wenn er die Gesetze übertrete. Warum wendet man das nämliche Argument nicht auch zu Gunsten der Laien an? Und warum trägt der Geistliche Bedenken, die Eide zu leisten, wenn es sein ernster Wille ist, die Gesetze zu beobachten? Das Gesetz schreibt ihm vor, Wilhelm und Marien als König und Königin zu bezeichnen, dies an der heiligsten Stätte und bei Ausübung des feierlichsten aller religiösen Gebräuche zu thun. Das Gesetz verlangt von ihm zu beten, daß eine besondere Vorsehung über dem erlauchten Paare walte, daß es jeden Feind besiegen und daß sein Parlament durch Gottes Hand dahin geleitet werden möge, diejenigen Maßregeln anzuordnen, welche seine Sicherheit, seine Ehre und sein Wohlergehen fördern können. Können wir glauben, daß sein Gewissen ihm gestatte, dies Alles zu thun, nicht aber zu versprechen, daß er ein treuer Unterthan des Herrscherpaares sein wolle?
Auf den Vorschlag, daß die eidverweigernden Geistlichen der Gnade des Königs preisgegeben werden sollten, erwiederten die Whigs mit einigem Rechte, daß kein gegen Se. Majestät ungerechterer Plan ersonnen werden könne. Die Angelegenheit, sagten sie, ist von nationaler Bedeutung, es ist eine Angelegenheit, an der jeder Engländer, der nicht der Sklave Frankreich’s und Rom’s sein will, das größte Interesse hat. In einem solchen Falle ist es der Stände des Reichs unwürdig, vor der Verantwortlichkeit, für das Gemeinwohl zu sorgen, zurückzuschrecken, sich selbst womöglich das Lob der Nachsicht und Liberalität zu verschaffen und dem Souverain das gehässige Werk der Proscription zu überlassen. Ein Gesetz, das von allen öffentlichen Beamten, bürgerlichen, wie militärischen und kirchlichen, ohne Unterschied der Person, die Eide verlangt, ist wenigstens unparteiisch. Es schließt jeden Verdacht der Parteilichkeit, des persönlichen Hasses, der geheimen Espionage und Ohrenbläserei aus. Wenn aber der Regierung ein willkürliches Schalten zugestanden wird, wenn der eine eidverweigernde Priester eine einträgliche Pfründe behalten darf, während man einen andren mit Weib und Kindern auf die Straße setzt, so wird jede Absetzung als ein Act der Grausamkeit betrachtet und dem Souverain und dessen Ministern als ein Verbrechen angerechnet werden.[94]
So hatte das Parlament in einem und dem nämlichen Augenblicke zu entscheiden, welche Quantität von Erleichterung dem Gewissen der Dissenters gewährt und welche Quantität von Zwang dem Gewissen des Klerus der Landeskirche auferlegt werden sollte. Der König hoffte, daß es in seiner Macht stehen werde, einen allen Parteien angenehmen Vergleich zu Stande zu bringen. Er schmeichelte sich, daß die Tories bewogen werden könnten, den Dissenters ein Zugeständniß zu machen, unter der Bedingung, daß die Whigs mild gegen die Jakobiten verführen. Er beschloß, die Wirkung seiner persönlichen Intervention zu versuchen. Der Zufall wollte, daß er wenige Stunden, nachdem die Lords die Comprehensionsbill zum zweiten Male und die Bill wegen der Eide zum ersten Male verlesen hatten, Gelegenheit hatte, sich ins Parlament zu verfügen, um zu einem Gesetze seine Zustimmung zu geben. Er sprach vom Throne herab zu beiden Häusern und äußerte den ernstlichen Wunsch, daß sie einwilligen möchten, die bestehenden Gesetze dergestalt zu modificiren, daß die öffentlichen Ämter allen Protestanten zugänglich würden.[95] Man wußte wohl, daß er, wenn die Legislatur seinem Verlangen willfahrte, Geistliche, welche bereits Pfründen besaßen, im Genusse derselben zu lassen gedachte, ohne daß sie ihm den Huldigungseid leisteten. Sein Verfahren bei dieser Gelegenheit verdient unzweifelhaft das Lob der Uneigennützigkeit. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er seinen Unterthanen Gewissensfreiheit zu erkaufen suchte, indem er ein Bollwerk seiner eignen Krone aufgab. Aber man muß gestehen, daß er weniger Klugheit als Tugendhaftigkeit bewies. Wenn Burnet gut unterrichtet war, so war Richard Hampden der einzige Engländer seines Geheimraths,[96] den er befragte, und Richard Hampden war, obgleich ein höchst ehrenwerther Mann, doch so weit davon entfernt, für die Whigpartei stehen zu können, daß er nicht einmal für seinen eignen Sohn Johann bürgen konnte, dessen von Haus aus rachsüchtiger Character durch den Stachel der Reue und Scham bis zum Ingrimm aufgereizt worden war. Der König überzeugte sich bald, daß die beiden Parteien einander mit einer Energie haßten, die ihrer Liebe fehlte. Die Whigs waren zwar fast einhellig der Meinung, daß der Sakramentstest abgeschafft werden müsse, sie waren aber keineswegs darin einig, daß der Augenblick dazu gut gewählt sei, und selbst diejenigen Whigs, welche am sehnlichsten wünschten, die Nonconformisten unverzüglich von der Nichtbefähigung zu bürgerlichen Ämtern entbunden zu sehen, waren fest entschlossen, sich die Gelegenheit zur Demüthigung und Bestrafung der Klasse nicht entgehen zu lassen, deren Mitwirkung hauptsächlich der furchtbare Umschwung der öffentlichen Stimmung zuzuschreiben war, der auf die Auflösung des Oxforder Parlaments folgte. Die Jane, die South, die Sherlock in die Lage zu versetzen, daß sie entweder verhungern oder öffentlich und mit dem Evangelium auf den Lippen alle prahlerischen Erklärungen vieler Jahre widerrufen mußten: das war eine zu köstliche Rache, als daß man sie sich hätte entgehen lassen können. Der Tory dagegen achtete und bemitleidete aufrichtig diejenigen Geistlichen, die sich wegen der Eide Gewissensscrupel machten. Der Test aber war seiner Ansicht nach für die Sicherheit der herrschenden Religion wesentlich nothwendig und durfte nicht aufgegeben werden zu dem Zwecke, einen wenn auch noch so ausgezeichneten Mann von einem wenn auch noch so schweren Ungemach zu befreien. Es würde allerdings ein schmerzlicher Tag für die Kirche sein, wenn die Bischofsbank, die Kapitelhäuser der Kathedralen und die Hallen der Collegien einige durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmte Männer vermißten. Aber ein noch viel schmerzlicherer Tag würde es für die Kirche sein, wenn ein Independent den weißen Stab trüge, oder ein Baptist auf dem Wollsack säße. Jede Partei suchte Denen zu dienen, für die sie sich interessirte, aber keine von beiden wollte ihren Feinden günstige Bedingungen zugestehen. Die Folge davon war daß die Nonconformisten vom Staatsdienste ausgeschlossen blieben und die Eidverweigerer von den kirchlichen Ämtern vertrieben wurden.
Im Hause der Gemeinen hielt kein Mitglied es für zweckmäßig, die Aufhebung der Testacte zu beantragen. Aber es wurde Erlaubniß gegeben, eine Bill zur Aufhebung der Corporationsacte einzubringen, die kurz nach der Restauration vom Cavalierparlamente erlassen worden war und eine Bestimmung enthielt, welche allen Municipalbeamten vorschrieb, das heilige Abendmahl nach den Formen der englischen Kirche zu empfangen. Als diese Bill in Begriff war dem Ausschusse überwiesen zu werden, beantragten die Tories, daß der Ausschuß bedeutet werden sollte, in dem Gesetz über das Sacrament keine Änderung vorzunehmen. Diejenigen Whigs, welche eifrig für die Comprehension waren, müssen durch diesen Antrag in große Verlegenheit gesetzt worden sein. Für denselben zu stimmen wäre eine prinzipielle Inconsequenz gewesen; dagegen zu stimmen hätte so viel geheißen als mit Nottingham brechen. Es wurde ein Mittelweg gefunden. Die Vertagung der Debatte wurde beantragt, mit 116 gegen 114 Stimmen angenommen und der Gegenstand nicht wieder in Anregung gebracht.[97] Im Hause der Lords wurde ein Antrag auf Abschaffung des Sacramentstestes gestellt, aber mit großer Majorität verworfen. Viele von Denen, welche die Bill im Prinzip für richtig hielten, erachteten sie für nicht zeitgemäß. Es wurde ein Protest aufgesetzt, aber nur von einigen wenigen minder angesehenen Peers unterzeichnet. Es ist ein auffallender Umstand, daß zwei bedeutende Häupter der Whigpartei, welche in der Regel ihre parlamentarischen Pflichten sehr gewissenhaft erfüllten, bei dieser Gelegenheit abwesend waren.[98]
Auf die Debatte über den Test folgte im Oberhause bald eine Debatte über die letzte Klausel der Comprehensionsbill. Diese Klausel bestimmte, daß dreißig Bischöfe und Priester beauftragt werden sollten, die Liturgie und die Kirchengesetze zu revidiren und Abänderungen vorzuschlagen. Über diesen Punkt waren die whiggistischen Peers fast Alle eines Sinnes. Sie waren in großer Zahl anwesend und sprachen warm. Warum, fragten sie, sollten nur Mitglieder des Priesterstandes mit dieser Revision beauftragt werden? Gehöre der Laienstand nicht auch zur englischen Kirche? Wenn die Commission ihren Bericht erstattet habe, würden Laien über die darin enthaltenen Änderungsvorschläge zu entscheiden haben. Keine Zeile im allgemeinen Gebetbuche könne anders als durch die Autorität des Königs, der Lords und der Gemeinen abgeändert werden. Der König sei ein Laie, fünf Sechstel der Lords seien Laien, und die Mitglieder des Hauses der Gemeinen seien sämmtlich Laien. Sei es nicht widersinnig zu behaupten, daß Laien nicht befugt seien, in einer Angelegenheit zu prüfen, über welche anerkanntermaßen Laien in letzter Instanz entscheiden müßten? Und könne etwas dem ganzen Geiste des Protestantismus mehr zuwider sein als die Ansicht, daß einer besonderen Kaste, und dieser Kaste allein, eine außergewöhnliche Urtheilsfähigkeit in geistlichen Dingen verliehen sei, daß Männer wie Selden, wie Hale, wie Boyle, weniger competent seien, über eine Collecte oder einen Glaubensartikel ein Urtheil abzugeben, als der jüngste und einfältigste Kaplan, der in einem abgelegenen Schlosse sein Leben mit Aletrinken und Beilkespielen hinbringe? Was Gott festgesetzt habe, könne keine irdische Macht, sei es eine weltliche oder eine geistliche, abändern, und in Dingen, welche menschliche Wesen festgesetzt hätten, habe ein Laie sicherlich ein eben so competentes Urtheil als ein Geistlicher. Daß die anglikanische Liturgie und das anglikanische Kirchengesetz rein menschlichen Ursprungs seien, erkenne das Parlament an, indem es die Revision und Verbesserung derselben einer Commission übertrage. Wie könne man da behaupten, daß in einer solchen Commission der Laienstand, der eine so große Mehrheit der Bevölkerung bilde, dessen Erbauung der Hauptzweck aller kirchlichen Einrichtungen sei und dessen unschuldige Neigungen bei Feststellung der öffentlichen Religionshandlungen sorgfältig zu Rathe gezogen werden müßten, nicht einen einzigen Vertreter zu haben brauche? Die Präcedenzfälle sprächen direct gegen diese gehässige Unterscheidung. Zu wiederholten Malen, seit das Licht der Reformation über England aufgegangen, seien durch ein Gesetz Commissionen ermächtigt worden, die Kirchengesetze zu revidiren, und bei jeder solchen Gelegenheit seien einige von den Commissaren Laien gewesen. Im gegenwärtigen Falle könne man gegen den vorgeschlagenen Modus noch besondere Einwendungen machen, denn der Zweck der Maßregel sei die Verhöhnung der Dissenters, und es sei daher äußerst wünschenswerth, daß die Commissare Männer wären, auf deren Unparteilichkeit und Mäßigung die Dissenters bauen könnten. Würden dreißig solcher Männer in den höheren Rangstufen des geistlichen Standes leicht zu finden sein? Es sei die Pflicht der Legislatur, zwischen zwei einander feindlich gegenüberstehenden Parteien, den nonconformistischen Theologen und den anglikanischen Theologen, zu entscheiden, und es würde demnach die gröbste Unbilligkeit sein, einer der beiden Parteien das Schiedsrichteramt zu übertragen.
Aus diesen Gründen schlugen die Whigs ein Amendement des Inhalts vor, daß die Commission aus Geistlichen und Laien bestehen sollte. Der Kampf war heiß. Burnet, der eben seinen Sitz unter den Peers eingenommen hatte und dem darum zu thun gewesen zu sein scheint, fast um jeden Preis die Zuneigung seiner Amtsbrüder zu gewinnen, stritt mit dem ganzen ihm eignen Feuer für die gegenwärtige Fassung der Klausel. Bei der Abstimmung ergab sich eine völlig gleiche Stimmenzahl für und wider, und somit war, den Regeln des Hauses gemäß, das Amendement abgeworfen.[99]
Endlich wurde die Comprehensionsbill ins Haus der Gemeinen gesandt. Hier würde sie leicht mit zwei Stimmen gegen eine durchgebracht worden sein, wenn sie von allen Freunden der Religionsfreiheit unterstützt worden wäre. Aber in dieser Angelegenheit konnten die Hochkirchlichen auf den Beistand eines großen Theils der Niederkirchlichen rechnen. Diejenigen Mitglieder, welche Nottingham’s Plane wohlwollten, sahen, daß sie in der Minorität waren, und begannen daher, am Siege verzweifelnd, auf den Rückzug zu denken. Gerade in diesem Augenblicke wurde ein Antrag gestellt, der alle Stimmen für sich hatte. Nach dem herkömmlichen Gebrauche mußte gleichzeitig mit einem Parlamente eine Convocation einberufen werden, und man durfte wohl behaupten, daß der Rath einer Convocation dann am nöthigsten sein müßte, wenn es sich um Abänderungen in dem Ritual und der Disciplin der Kirche handelte. In Folge des unregelmäßigen Modus aber, nach welchem die Stände des Reichs während der Erledigung des Thrones zusammenberufen worden waren, gab es diesmal keine Convocation. Es wurde daher beantragt, daß das Haus dem Könige rathen solle, Maßregeln zur Abhülfe dieses Mangels zu ergreifen, und daß das Schicksal der Comprehensionsbill nicht entschieden werden solle, bis der Klerus Gelegenheit gehabt habe, durch das alte und rechtmäßige Organ seine Meinung auszusprechen.
Dieser Antrag wurde mit allgemeiner Acclamation angenommen. Die Tories freuten sich, daß dem Priesterstande eine solche Ehre erzeugt wurde; diejenigen Whigs, welche gegen die Comprehensionsbill waren, freuten sich, sie zuverlässig für ein Jahr, wahrscheinlich aber für immer bei Seite gelegt zu sehen; und diejenigen Whigs, welche für die Comprehensionsbill waren, freuten sich, ohne Niederlage davon zu kommen. Viele unter ihnen hofften in der That, daß milde und freisinnige Rathschläge im geistlichen Senate vorherrschen würden. Eine Adresse, welche den König ersuchte die Convocation einzuberufen, wurde ohne Abstimmung angenommen, die Lords wurden zum Beitritt aufgefordert, sie traten bei, die Adresse wurde durch beide Häuser dem Könige überreicht, der König versprach, zur geeigneten Zeit den Wunsch seines Parlaments zu erfüllen, und Nottingham’s Bill ward nicht wieder erwähnt.
Viele mit der Geschichte der damaligen Zeit unvollkommen bekannte Schriftsteller haben aus diesem Verfahren gefolgert, daß das Haus der Gemeinen eine Versammlung von Hochkirchlichen gewesen sei; aber nichts ist gewisser, als daß zwei Drittel der Mitglieder entweder Niederkirchliche oder Nichtanhänger der Landeskirche waren. Wenige Tage vor dieser Zeit hatte ein an sich unbedeutender, als Kennzeichen der Gesinnung der Majorität aber höchst wichtiger Vorgang stattgefunden. Es war beantragt worden, daß das Haus dem alten Herkommen gemäß seine Sitzungen bis nach den Osterfeiertagen suspendiren solle. Die Puritaner und Latitudinarier machten Einwendungen dagegen, es entspann sich eine heftige Debatte, die Hochkirchlichen wagten es nicht, abstimmen zu lassen, und zum großen Ärgerniß vieler angesehenen Personen nahm der Sprecher am Ostermontag um neun Uhr seinen Stuhl ein und es wurde eine lange und lebhafte Sitzung gehalten.[100]
Dies war indessen keineswegs der stärkste Beweis, den die Gemeinen dafür gaben, daß sie in der That weit entfernt waren eine besondere Ehrerbietung oder Liebe zur anglikanischen Hierarchie zu hegen. Die Bill zur Festsetzung der Eide war aber in einer dem Klerus günstigeren Fassung von den Lords ins Unterhaus gekommen. Allen weltlichen Beamten war bei Strafe der Absetzung vorgeschrieben, dem Könige und der Königin Treue zu schwören. Jeder Geistliche aber, der bereits eine Pfründe besaß, sollte dieselbe auch ohne zu schwören, behalten dürfen, wenn die Regierung keinen Grund sah, von ihm speciell eine Versicherung seiner Loyalität zu verlangen. Burnet hatte, theils ohne Zweifel aus der seinem Character eignen Gutherzigkeit und Großmuth, theils um seine Amtsbrüder zu gewinnen, diese Anordnung im Oberhause mit großer Energie unterstützt. Im Unterhause aber war die Stimmung gegen die jakobitischen Priester unbesiegbar. An dem nämlichen Tage, an welchem dieses Haus ohne Abstimmung die Adresse votirte, welche den König ersuchte, die Convocation einzuberufen, wurde eine Klausel vorgeschlagen und angenommen, welche von Jedem, der ein kirchliches oder akademisches Amt bekleidete, bei Strafe der Suspension verlangte, am 1. August 1689 die Eide zu leisten. Sechs Monate von diesem Tage an gerechnet, wurden dem sich Weigernden zur nochmaligen Überlegung bewilligt. Beharrte er auch dann noch auf seiner Weigerung, so sollte er am 1. Februar 1690 definitiv abgesetzt werden.
So abgeändert wurde die Bill den Lords zurückgeschickt. Diese aber blieben bei ihrem ursprünglichen Beschlusse. Conferenz auf Conferenz wurde gehalten, Vergleich auf Vergleich wurde vorgeschlagen. Aus den unvollkommenen Berichten, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß jedes Argument zu Gunsten der Milde von Burnet energisch hervorgehoben wurde. Doch die Gemeinen blieben fest, die Zeit drängte, der ungewisse Zustand des Rechts machte sich in allen Zweigen des Staatsdienstes in nachtheiliger Weise fühlbar, und so gaben die Peers mit Widerstreben endlich nach. Zu gleicher Zeit fügten sie eine Klausel hinzu, durch welche der König ermächtigt wurde, von den verwirkten Pfründen einigen wenigen nicht schwörenden Geistlichen Geldunterstützungen zu gewähren. Die Anzahl der so begünstigten Geistlichen sollte zwölf nicht übersteigen und die bewilligte Unterstützung durfte höchstens ein Drittheil des verwirkten Einkommens betragen. Einige eifrige Whigs wollten selbst diese Vergünstigung nicht gelten lassen; doch die Gemeinen waren mit dem errungenen Siege zufrieden und dachten mit Recht, daß es ungefällig sein würde, wenn sie ein so geringfügiges Zugeständiß verweigerten.[101]
[92.] Siehe unter vielen anderen Schriften Dodwell’s Cautionary Discourse, seine Vindication of the Deprived Bishops, seine Defence of the Vindication und seine Paraenesis, sowie Bisby’s Unity of Priesthood, gedruckt 1692. Ferner vergleiche man Hody’s Gegenschriften, das Baroccianische Manuscript und Salomon and Abiathar, a Dialogue between Eucheres and Dyscheres.
[93.] Burnet II. 135. Der albernste von allen Versuchen, zwischen den Absetzungen von 1559 und denen von 1689 einen Unterschied nachzuweisen, wurde von Dodwell gemacht. Siehe seine Doctrine of the Church of England concerning the Independency of the Clergy on the lay Power, 1697.
[94.] Über diese Polemik sehe man Burnet II. 7, 8, 9; Grey’s Debates, April 19, 22. 1689; Commons’ Journals, April 20, 22.; Lords’ Journals, April 21.
[95.] Lords’ Journals, March 16. 1689.
[96.] Burnet II. 7. 8.
[97.] Burnet sagt (II. 8.), daß der Antrag, den Sacramentstest abzuschaffen, in beiden Häusern mit großer Majorität verworfen worden sei. Hierin täuschte ihn jedoch sein Gedächtniß, denn im Hause der Gemeinen fand keine andre Abstimmung über den Gegenstand statt als die oben erwähnte. Bemerkenswerth ist es, daß Gwyn und Rowe, welche die Stimmen der Majorität zählten, zwei der entschiedensten Whigs im ganzen Hause waren.
[98.] Lords’ Journals March 21. 1689.
[99.] Lords’ Journals, April 5. 1689; Burnet II. 10.
[100.] Commons’ Journals, March 28., April 1. 1689.; Pariser Gazette vom 23. April. Ein Theil der Stelle in der Pariser Gazette verdient angeführt zu werden. „Il y eut ce jour là (am 28. März) une grande contestation dans la Chambre Basse, sur la proposition qui fut faite de remettre les séances après les fêtes de Pasques observées toujours par l’Eglise Anglicane. Les Protestans conformistes furent de cet avis; et les Presbytériens emportèrent à la pluralité des voix que les séances recommenceroient le Lundy, seconde feste de Pasques.“ Die Niederkirchlichen werden von den damaligen französischen und holländischen Schriftstellern häufig Presbyterianer genannt. Es waren nicht zwanzig eigentliche Presbyterianer im Hause der Gemeinen. Siehe A. Smith and Cutler’s plain Dialogue ahout Whig and Tory, 1690.
[101.] Berichte über das was in den Conferenzen vorging, findet man in den Protokollen der beiden Häuser, und sie sind lesenswerth.
Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides. [Diese] Debatten wurden auf kurze Zeit durch die Feste und Feierlichkeiten der Krönung unterbrochen. Als der zu dieser wichtigen Ceremonie bestimmte Tag heranrückte, verwandelte sich das Haus der Gemeinen in einen Ausschuß behufs Festsetzung der Wortformel, durch welche unsere Landesherren hinfüro ihren Vertrag mit der Nation schließen sollten. Darüber waren alle Parteien einig, daß es angemessen sei, vom Könige den Eid zu verlangen, daß er in weltlichen Angelegenheiten dem Gesetz gemäß regieren und die Gerechtigkeit mit Milde üben wolle. Über die Ausdrücke des Eides aber, die sich auf die kirchlichen Institutionen des Landes bezogen, wurde viel debattirt. Sollte der höchste Beamte im Staate bloß einfach versprechen, die protestantische Religion aufrecht zu erhalten, wie sie durch das Gesetz aufgestellt war, oder sollte er versprechen, diese Religion aufrecht zu erhalten, wie sie später durch das Gesetz festgestellt werden würde? Die Majorität war für die erstere Phrase. Die andre wurde von denjenigen Whigs vorgezogen, welche für eine Comprehension waren. Es wurde jedoch allgemein zugestanden, daß beide Phrasen eigentlich gleichbedeutend seien und daß der Eid, mochte er lauten wie er wollte, den Souverain nur in seiner executiven Gewalt binden werde. Dies ging in der That aus der ganzen Natur des Actes klar hervor. Jeder Vertrag kann durch die freiwillige Zustimmung der Partei, welche allein die Erfüllung zu verlangen berechtigt ist, annullirt werden. Die strengsten Casuisten hatten es nie in Zweifel gestellt, daß ein Schuldner, der sich unter den feierlichsten Schwüren verpflichtet hat zu zahlen, rechtmäßigerweise die Zahlung unterlassen kann, wenn der Gläubiger ihn seiner Verbindlichkeit entheben will. Eben so klar ist es, daß keine von einem Könige durch die Stände seines Reichs verlangte Zusicherung ihm die Verpflichtung auferlegen kann, seine Zustimmung zu etwas zu verweigern, was diese Stände später einmal wünschen mögen.
Es wurde eine mit den Beschlüssen des Ausschusses übereinstimmende Bill entworfen, welche rasch durch alle parlamentarischen Stadien ging. Nach der dritten Lesung erhob sich ein thörichtes Mitglied, um einen Zusatz zu beantragen, in welchem erklärt werde, daß der Eid den Souverain, nicht hindern solle, in eine etwaige Änderung im Ceremoniell der Kirche zu willigen, immer vorausgesetzt, daß das Episkopat und eine geschriebene Gebetsform beibehalten würden. Die plumpe Absurdität dieses Antrags wurde von mehreren ausgezeichneten Mitgliedern dargelegt. Eine solche Klausel, bemerkten sie ganz richtig, würde den König binden, während sie ihm freieren Spielraum geben sollte. Der Krönungseid, sagten sie, hat nicht den Zweck, ihn in seiner gesetzgebenden Gewalt zu behindern. Man lasse diesen Eid in seiner jetzigen Fassung, und kein Fürst kann ihn mißverstehen. Kein Fürst kann ernstlich glauben, die beiden Häuser wollten das Versprechen von ihm verlangen, daß er sein Veto gegen Gesetze einlegen werde, die sie späterhin für das Wohl des Landes nöthig erachten könnten. Sollte aber einmal ein Fürst den zwischen ihm und seinen Unterthanen abgeschlossenen Vertrag so wunderlich mißverstehen, dann wird jeder Theolog, jeder Jurist, den er um Rath fragt, ihn sogleich beruhigen. Würde dieser Antrag angenommen, so könnte man unmöglich leugnen, daß der Krönungseid bestimmt sei, den König zu verhindern, seine Zustimmung zu Bills zu geben, die ihm von den Lords und Gemeinen vorgelegt würden, und daraus würden sehr ernste Nachtheile hervorgehen. Diese Argumente wurden als unwiderleglich erkannt und der Zusatz ohne Abstimmung verworfen.[102]