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CARL B. LORCK

HANDBUCH DER GESCHICHTE

DER

BUCHDRUCKERKUNST

HANDBUCH DER GESCHICHTE
DER
BUCHDRUCKERKUNST

VON

CARL B. LORCK.

ERSTER TEIL

ERFINDUNG. VERBREITUNG. BLÜTE. VERFALL.
1450-1750.

LEIPZIG

VERLAG VON J. J. WEBER

MDCCCLXXXII.

VORWORT.

Jeder denkende Mensch, mag er nun als Buchdrucker, Buchhändler oder Schriftsteller der weltumgestaltenden Erfindung Gutenbergs näher stehen oder auch nur als Laie die Segnungen, derselben schätzen gelernt haben, fühlte gewiss den Trieb, etwas Zusammenhängendes über die Entstehung, die allmähliche Verbreitung und die technische Vervollkommnung der Buchdruckerkunst zu erfahren, und hegte den Wunsch Näheres über das Leben des Erfinders und seiner bedeutenderen Nachfolger, die bis auf die Jetztzeit für oder durch diese Kunst wirkten, zu hören.

Verlangte jedoch ein solcher Wissbegieriger nach einem leicht verständlichen, übersichtlich geordneten Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst, das ihm als Führer durch die mehr als vierhundert Jahre dienen konnte, in welchen das von der Presse ausströmende Licht bereits die Welt erleuchtet, so wird er die Erfahrung gemacht haben, dass sein Suchen ein vergebliches war.

Wir besitzen gelehrte, höchst wertvolle Prachtwerke über die vorgutenbergischen Drucke und die Zeit der Inkunabeln; es existieren hunderte von Parteischriften über Gutenberg und die ihm gegenübergestellten, zu Erfindern heraufgeschraubten, mythischen Persönlichkeiten; wir haben eine Reihe von zumteil erschöpfenden Schilderungen einzelner berühmter Drucker oder Druckerfamilien; ferner zahlreiche Jubelschriften, welche von dem Gange der Kunst in einzelnen Städten erzählen; auch ist kein Mangel an fachlichen Lehrbüchern oder an Berichten über die verschiedenen mit der Typographie in Verbindung stehenden Erfindungen.

Es steht uns somit ein reiches, mitunter fast durch seine Fülle erdrückendes Material für eine allgemeine Geschichte der Buchdruckerkunst zu Gebote. An einem Handbuch jedoch, welches dieses Material in natürliche Perioden systematisch einzuordnen, nach Ländern und nach mit einander verwandten Gruppen zu gliedern versuchte, um in einer einigermassen gleichmässigen Durchführung jeder Zeit, jedem Lande sein Recht zu gewähren, ohne dass der Verfasser dabei vergässe, dass er für die Angehörigen einer bestimmten Nationalität schreibt, fehlt es noch heute, wie in meiner Jugendzeit, wo ich vergeblich nach einem solchen Leitfaden auf dem typographisch-geschichtlichen Gebiet mich umsah und schliesslich darauf angewiesen war, aus den verschiedenen Quellen die mir erwünschten Belehrungen selbst zu sammeln.

Somit wurzeln die Anfänge dieses Handbuches in dem eigenen wirklich und lebhaft gefühlten Bedürfnis nach einem solchen. In späteren Jahren fing ich an in den von mir herausgegebenen „Annalen der Typographie“ das Gesammelte in einer Reihe von Artikeln, die jedoch nur die älteren Perioden der Kunst behandelten, zu veröffentlichen. Das Vorhaben, diese Artikel bis auf die neueste Zeit zu vervollständigen und sie dann zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, wurde durch Berufsarbeiten für lange in den Hintergrund gedrängt, die Arbeit jedoch nach Zeit und Gelegenheit immer wieder aufgenommen.

So entstand das jetzt vorliegende Buch als ein Ergebnis längerer Vorarbeiten ohne den bestimmten Entschluss einer Veröffentlichung. Als jedoch die jetzigen Inhaber der Verlagshandlung J. J. Weber zu Anfang des Jahres 1880 den Wunsch äusserten, dass eine Veröffentlichung und zwar in ihrem Verlag stattfinden möchte, bin ich unter Benutzung der inzwischen erschlossenen, teilweise wichtigen Quellen ernstlich an eine nochmalige Durcharbeitung des Manuskripts gegangen.

Bei meinen Verlegern war inzwischen der, ihrerseits gewiss vollständig berechtigte Wunsch rege geworden, das Buch in einer „illustrierten Prachtausgabe“ erscheinen zu lassen, und sie hatten mir bereits zu Ostern 1881 ihre desfallsigen Ansichten in der Form eines gedruckten Prospektus für das Publikum unterbreitet.

So viel Verlockendes es auch für jeden haben mag, sein Buch in ein prächtiges Gewand kleiden zu lassen, so konnte ich, das ganz bestimmte Ziel vor Augen, ein knappes und einfaches Handbuch für den praktischen Bedarf, wie es mir als wünschenswert vorschwebte, zu liefern, mich doch meinerseits mit dieser Ansicht zu jener Zeit nicht befreunden. Ich würde mich damit der unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt haben, der Illustration zuliebe von dem mir vorgezeichneten Weg abgedrängt zu werden.

Obgleich nicht allein der persönlichen Neigung, sondern auch dem pekuniären Interesse meiner Verleger durch eine illustrierte Prachtausgabe wohl am besten entsprochen worden wäre, liessen diese doch bereitwilligst meinem Standpunkt Gerechtigkeit widerfahren.

Sowohl das über die Entstehung und den Zweck der vorliegenden Arbeit oben gesagte, als auch mein Lebensberuf schliessen schon von allem Anfang die Erwartung aus, als habe man es hier mit einem gelehrten Werk zu thun, bestimmt, die Ergebnisse tiefer Forschung ans Tageslicht zu fördern. Weder sollte meine Aufgabe noch konnte dieselbe eine höhere sein, als meinen Berufsgenossen oder denjenigen, die sonst Drang nach einer leichteren Orientierung in dem Gewirr der Geschichte der Buchdruckerkunst empfinden, nützlich zu sein, indem ich den Versuch machte, das aufgespeicherte Material nach bestem Wissen und Gewissen zu sichten, zu ordnen, und indem ich mich, die geschäftliche Praxis zurhand, bestrebte, einige von der Gelehrsamkeit im Dunkel gelassene Punkte klar zu stellen. Was die neue Zeit betrifft, so gab ein Geschäftsleben, das sich fast über die ganze Periode der neuen Blüte der Typographie und der verwandten Künste und Gewerbe seit den dreissiger Jahren erstreckt, wohl auch manchmal Gelegenheit, das vorhandene Material durch die eigene Erfahrung zu vervollständigen.

Es konnte nicht in meinem Plan liegen, mit der Geschichte der Buchdruckerkunst die des Buchhandels zu verbinden. Beide Berufszweige sind jedoch derart eng mit einander verknüpft und so viele der auftretenden Persönlichkeiten wirkten zu gleicher Zeit als Drucker und als Verleger, dass es nicht zu umgehen war, auch Ausflüge auf das Gebiet des Buchhandels zu unternehmen. Sehr nahe lag ebenfalls die Versuchung, die Geschichte der übrigen graphischen Künste und Gewerbe, welche zur Herstellung eines Buches mitwirken, ausführlicher zu behandeln. Um jedoch die Übersichtlichkeit nicht zu stören und den Umfang des Buches nicht gar zu sehr über die gesteckten mässigen Grenzen hinaus zu vermehren, war es geboten, dieser Versuchung nur in so weit nachzugeben, als es zum Verständnis der gestellten Aufgabe notwendig war.

Die Geschichte der Buchdruckerkunst zerfällt in zwei natürliche Hauptabschnitte. Der erste, welcher die Erfindung, Verbreitung, Blüte und den allmählichen Verfall behandelt, und sich über einen Zeitraum von über dreihundert Jahren erstreckt, findet seinen Abschluss in der letzten Hälfte des XVIII. Säculums. Der zweite Hauptabschnitt führt uns durch die Periode des Wiederaufwachens der Typographie und deren Schwesterkünste in die Zeit der zweiten, mittels der enormen technischen Fortschritte und der neuen Vervielfältigungsarten im Verein mit der freiheitlichen Entwickelung der Presse hervorgerufenen Blüte, deren wir uns heute erfreuen.

Jeder dieser beiden Hauptteile, die sich wieder in mehrere Abteilungen verzweigen, ist in seinem Wesen so eigenartig und verlangt eine so verschiedene Art der Darstellung, dass auch eine äusserliche Trennung in zwei vollständig abgeschlossene Hälften geboten schien.

Zur Beurteilung der Grundsätze für die Behandlung der verschiedenen Abschnitte verweise ich auf die, jedem der Bücher vorangeschickte „Einführung“, in welcher ich mich sowohl über den jedesmal leitenden Gesichtspunkt als auch über die jedesmaligen Quellen und deren Benutzung ausgesprochen habe. Dass mir nur sehr wenige der letzteren unbekannt geblieben sind, habe ich vor allem der Fachbibliothek des Börsen-Vereins der deutschen Buchhändler, der Liberalität des Vorstandes derselben und der unermüdlichen Gefälligkeit der Bibliothek-Verwaltung zu verdanken.

Dass trotz aller angewendeten Sorgfalt noch Vieles für die mir Nachfolgenden (denen ich jedoch das Arbeiten in mancher Beziehung leichter gemacht haben dürfte, als es mir geworden ist) zu thun übrig geblieben, und dass selbst die grösste Mühe und der redlichste Wille, etwas Brauchbares zu liefern, fehlende Eigenschaften nicht immer ersetzen können, fühlt vielleicht niemand mehr als der unterzeichnete

Carl B. Lorck.

GESCHICHTE

DER

BUCHDRUCKERKUNST

1450—1750.

INHALTS-VERZEICHNIS.

[ERSTES BUCH.]

ERFINDUNG UND VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST
1450—1500.

Seite
EINFÜHRUNG IN [DAS ERSTE BUCH] (3-10).
[I. KAPITEL.]
ZUR VORGESCHICHTE DER BUCHDRUCKERKUNST.
Älteste Spuren der Vervielfältigung. Die Manuskripte. Der Metall- und Holzschnitt. Die Kunstschulen. Die xylographischen Werke. Die Vorbedingungen für die Erfindung der Buchdruckerkunst.11-22
[II. KAPITEL.]
DIE ERFINDUNG.
Johannes Gutenberg. Herkunft. Aufenthalt in Strassburg. Gutenberg in Mainz. Verbindung mit Johann Fust. Peter Schöffer. Gutenbergs Unglück. Sein Tod. Sein Andenken.23-36
[III. KAPITEL.]
DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IN DEUTSCHLAND.
Schnelle Verbreitung der Kunst. Die Nachfolger Gutenbergs in Mainz. Peter Schöffer und seine Nachkommen. Ulm. Beromünster. Basel. Bamberg. Albrecht Pfister. Augsburg. Nürnberg. Wien. Der Norden: Köln, Münster, Magdeburg, Leipzig.37-54
[IV. KAPITEL.]
DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IM AUSLANDE.
Italien: Subiaco und Rom. Venedig. Foligno. Mailand. Florenz. Spanien und Portugal. Frankreich: Paris. Lyon. Die Niederlande: Die Histoires. Colard Mansion. England: William Caxton. Skandinavien: Dänemark. Schweden. Die slawischen Länder. Ungarn. Die Türkei.55-76
[V. KAPITEL.]
DIE TECHNIK DER BUCHDRUCKERKUNST UND DIE LITTERARISCHE PRODUKTION.
Die Technik: Schriftgiesserei. Satz. Druck. Korrektur. Die Pressen. Die Farbe. Die Ausschmückung der Bücher. Das Pergament und das Papier. Die Buchbinderkunst. Die Litterarische Produktion: Der Buchhandel. Die Zensur.77-96

[ZWEITES BUCH.]

GLANZPERIODE UND VERFALL DER BUCHDRUCKERKUNST
1500—1750.

Seite
EINFÜHRUNG IN [DAS ZWEITE BUCH] (98-104).
[VI. KAPITEL.]
DIE ILLUSTRIERENDE KUNST IN DEUTSCHLAND.
Die deutschen Malerschulen. Der Kupferstich und der Holzschnitt. Michel Wolgemut. Albrecht Dürer, seine Zeitgenossen und Nachfolger: Hans Burgkmair, Hans Schaeuffelein, die „Kleinmeister“. Hans Holbein d. j. Lucas Cranach d. ä. Die Schweizer und Elsasser Künstler. Über die „eigenhändigen“ Holzschnitte der Zeichner.105-126
[VII. KAPITEL.]
DIE TYPOGRAPHIE IN DEUTSCHLAND UND IN DEN SKANDINAVISCHEN LÄNDERN.
Nürnberg: Der Theuerdank. Die deutschen Schriften. Augsburg: Hans Schönsperger d. ä. Frankfurt am Main: Chr. Egenolff, Sigism. Feyerabend, die Merians. Mainz: Die Nachfolger Schöffers. Tübingen: Der slawische Druck. Cotta. Strassburg: Illustrierter Druck. Basel: Joh. Froben, die Familie Petri, Joh. Oporinus. Zürich: Chr. Froschauer. St. Gallen: Leon. Straub. Wien: Johan Sigriener, Hans Kohl, Joh. v. Gehlen. Leipzig: Melch. Lotter, Valentin Bapst. Gute und schwere Zeiten. Wittenberg. Der Norden. Berlin.
DIE SKANDINAVISCHEN LÄNDER. Dänemark, Norwegen und Island, Schweden und Finnland.127-158
[VIII. KAPITEL.]
DER DRUCKBETRIEB UND DAS BUCHGEWERBE IN DEUTSCHLAND.
Die Schriftgiesserei und die Druckschriften. Die Technik des Setzens und Druckens: Der Satzapparat, die Korrektur, die Presse, die Farbe. Prinzipal, Geselle und Lehrling. Die Buchbinderkunst. Der Buchhandel: Die litterarische Produktion, das Verhältnis zwischen Autor und Verleger.159-174
[IX. KAPITEL.]
ITALIEN, SPANIEN, PORTUGAL UND DAS SÜDLICHE AMERIKA.
Venedig. Die Familie Aldus: Aldus Pius Manutius, Paul Manutius, Aldus ii. Dan. Bomberg. Mechitar. Rom: Die Buchdruckerei der „Propaganda“. Genua. Florenz: Die Giunta. Padua. Die Xylographie: Ces. Vecellius, der Clair-obscur-Druck. Ugo da Carpi, Graf Ant. Zanetti, John Jackson.
Spanien und Portugal. Brocario und die complutinsche Polyglotte. Madrid. Ant. Bortazar. — Mexico. Joh. Kromberger, Juan Pablos. Lima. Peru. St. Domingo u. a.175-192
[X. KAPITEL.]
FRANKREICH.
Die Lage des Buchdruckers. Der Staat und die Presse. Die Xylographie, die livres d'heures. Anton Verard. Geofroy Tory. Jodocus Badius. Conrad Néobar. Berühmte Druckerfamilien. Die Stephane: Heinrich i., Robert i., Heinrich ii., Ende der Familie. Die Gründung der königlichen Buchdruckerei. Ant. Vitré. Savary de Brèves. Lyon: Seb. Gryphius, Jean de Tournes, Steph. Dolet. Die Schriftgiesserei. Die Buchbinderkunst.193-216
[XI. KAPITEL.]
DIE NIEDERLANDE.
Die Illustration. Christoph Plantin, seine Nachkommen, das Plantinsche Museum. Die Familie Blaeu. Die Elzeviere: Ludwig i., Matthias und Bonaventura, Isaack, Bonaventura und Abraham i. Johann und Daniel. Ludwig und Daniel, das Ende des Hauses. Die Nachahmer der Elzeviere. Die Familie Enschedé und die Schriftgiesserei.217-254
[XII. KAPITEL.]
ENGLAND. NORDAMERIKA.
Das allmähliche Wachstum der englischen Presse. Wynkyn de Worde, Richard Pynson, Reynold Wolfe, John Day, Th. Vautrollier, Th. Roycrofft, Sam. Palmer, Sam. Richardson. Oxford, Cambridge. Die schottische und die irische Presse. Die Stereotypie und Will. Ged. Das Zeitungswesen. Die Schriftgiesserei.
NORDAMERIKA. Kleine Anfänge der Presse. John Glover, James Franklin, Benjamin Franklin. Die deutschen Einwanderer und ihre Presse. Christoph Sauer und seine Nachkommen.255-276
[XIII. KAPITEL.]
DIE SLAWISCHEN LÄNDER. DIE TÜRKEI. DIE OSTASIATISCHEN LÄNDER.
Polen. Russland: Moskau, St. Petersburg. Die Türkei: Konstantinopel, Ibrahim und Said Efendi. Syrien. Das östliche Asien, China, das chinesische Tafeldruckverfahren und die Papierfabrikation. Europäischer Druck in Asien. Afrika.277-288
[Register.]
[A. Namen- und Sachregister]289-300
[B. Nachweis der angeführten Quellenschriften]301-304

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ERSTES BUCH.

ERFINDUNG UND VERBREITUNG

DER

BUCHDRUCKERKUNST

1450—1500.

EINFÜHRUNG IN DAS ERSTE BUCH. [[←]]

Das Dunkel der
Erfindung.

MIT Dunkelheit und Vorurteilen ist die Geschichte derjenigen Kunst umhüllt, welche geschaffen war, Licht über die Wissenschaften zu verbreiten, sie zu erhalten und fortzupflanzen — so klagte schon der berühmte Johann Gottlieb Immanuel Breitkopf in seinem leider nur Bruchstück gebliebenen Werk über die Geschichte der Buchdruckerkunst.

Hundertmal wurde diese Klage seit Breitkopf wiederholt, teils mit Recht, teils mit Unrecht. Allerdings sind manche Punkte der Erfindungsgeschichte noch heute in ein Dunkel gehüllt, das kaum je gelichtet werden wird, wenn nicht ein absonderlicher Glücksfall ein typographisches Pompeji oder Olympia aus irgend einem verschütteten Keller an das Tageslicht fördern sollte; jedoch mit solchen Glücksfällen kann selbstverständlich nicht gerechnet werden und nicht jeder, der nach Funden gräbt, ist im Finden ein Schliemann.

In manchen Punkten jedoch hat das Licht der wissenschaftlichen Kritik die, durch unpraktische Gelehrsamkeit, missverstandenen Patriotismus, Mangel an technischen Kenntnissen bei den Schriftstellern, kritiklose Kompilation oder Köhlerglauben an zweideutige Zeugnisse noch mehr verdichteten Wolken endlich durchbrochen.

Was ist Typo-
graphie?

Was mehr als alles Andere zu dem langen Zustande der Unsicherheit beigetragen hat, in welchem sich die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst befand, ist, dass man nicht im voraus einig gewesen, was man eigentlich unter Buchdruckerkunst — Typographie — zu verstehen hatte. Wie leicht wäre bei genügender Klarheit hierüber mancher Streit zu verhindern gewesen! Die Kunst des „Druckens“ bestand, selbst in Deutschland, lange vor Gutenberg, ja die Chinesen übten, wenn man sich auch nur an das streng historisch Beglaubigte hält, einen umfangreichen „Bücherdruck“ wenigstens 500 Jahre vor Gutenberg. Ist trotzdem auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass die Chinesen nicht die „Typographie“ erfunden haben? Cicero spricht, so klar wie man es verlangen kann, das Prinzip des Setzens aus. Ist deshalb der gelehrte Römer ein Gutenberg gewesen? Zugegeben selbst, dass in Haarlem ein ehrlicher Küster oder Lichtzieher, zugleich ein guter Grossvater, als Spielzeug für seine Enkel Buchstaben in Baumrinde geschnitten hat; ja, noch viel weiter gegangen und angenommen, er hätte in dieser Weise sogar ein Büchlein fertig gebracht, konnte man diesen Mann als den Prototypographen bezeichnen? Gewiss nicht, wenn wir die unerlässlichen Bedingungen vor Augen haben, welche das Wesen der „Typographie“ bilden. Mit diesem Namen kann man nur diejenige Kunst bezeichnen:

den niedergeschriebenen Gedanken, mittels „mechanisch durch Guss vervielfältigter“ Typen (also beweglicher Metalltypen) gesetzt, wiederzugeben und diesen Satz nach dessen Einreibung mit Druckfarbe „mechanisch“ durch die „Druckerpresse“ in einer beliebigen Anzahl vollständig gleicher Abdrücke herzustellen.

Mit anderen Worten: die Erfindung der Buchdruckerkunst schliesst die Erfindung der Schriftgiesserei, des Setzens, des Pressendruckes, der Farbenbereitung in sich ein. Als Bestandteile gehören zu ihr: die Stempel, die Matern, die Metalltypen, die mechanische Presse nebst den verschiedenen Utensilien, die Farbe.

Die Erfindung einzelner, zu dieser Gesamtheit gehörender Teile macht nicht die Erfindung der Buchdruckerkunst aus. Würde man Gutenberg zwar die Presse, die Farbe und die in Holz geschnitzten Buchstaben lassen, jedoch die Erfindung der Schriftgiesserei auf Schöffer übertragen, so wäre Gutenberg nicht der Erfinder derjenigen Kunst gewesen, welcher die ganze zivilisierte Welt bereits auf vier Säkularfeiern als ihrer grössten Wohlthäterin, als der Verbreiterin des Lichtes, als der Befreierin von allen geistigen Fesseln gehuldigt hat, derjenigen Kunst, welche die Grossmacht der Presse geschaffen hat.

Gutenberg allei-
niger Erfinder.

Jedoch, es steht unzweifelhaft fest, die Erfindung gehört in ihrem vollen Umfange Gutenberg „und ihm allein“. Dies hat die wissenschaftliche Kritik, welche in neuerer Zeit eine, blosses Material anhäufende Gelehrsamkeit ablöste, unwiderruflich festgestellt. Über diesen Punkt muss man endlich die Akten als geschlossen betrachten, wie dies auch in den folgenden Blättern geschieht.

Ob die 36zeilige Bibel vor der 42zeiligen gedruckt wurde, ob Caxton 1476 oder 1477 die Kunst nach London brachte, ob in Köln die Fratres vitæ communis zuerst gedruckt haben und dergleichen Einzelnheiten werden die Federn der Gelehrten noch lange in Bewegung setzen und die Entscheidung ist gewiss von dem höchsten Interesse. Es kann jedoch nicht der Zweck dieses Handbuches sein, das Für und Wider solcher Fragen breit zu erörtern, ohne doch ein bestimmtes Resultat ziehen zu können. Selbst eine, vielleicht zu zuversichtliche Annahme eines zweifelhaften Datums oder Faktums ist in einem Handbuch manchmal weniger nachteilig, als eine Verwirrung des Urteils durch die sich fortwährend wiederholende Erhebung von Zweifeln.

Die Litteratur
der Erfindung.

Von den Werken, welche im allgemeinen die Vorgeschichte der Erfindung, diese selbst und die früheste Periode der Kunst behandeln, erwähnen wir folgende, welche, namentlich so weit sie die älteren xylographischen und typographischen Druckerzeugnisse in Reproduktionen vorführen, mutmasslich eine grössere Anzahl von Lesern interessieren werden.

K. Falkenstein.

Wenn wir die Jubelschrift des Oberbibliothekars Dr. Karl Falkenstein: „Geschichte der Buchdruckerkunst in ihrer Entstehung und Ausbildung“, mit vielen Illustrationen (Leipzig 1840), obenan stellen, so geschieht es, weil dies Werk sehr vieles dazu beigetragen hat, die Lust an der Geschichte der Typographie zu wecken und zu nähren, zugleich, weil es das einzige ist, welches den Anlauf nimmt, die Geschichte bis auf die damals neueste Zeit, 1840, fortzuführen. Der Zweck eines Handbuches für den täglichen Gebrauch konnte und wollte das Buch jedoch nicht erfüllen, welches als Jubelschrift zur Verherrlichung der Erfindung und des Erfinders das Hauptgewicht auf die Vorgeschichte und die Erfindung selbst, sowie auf die Bekämpfung der Gegner Gutenbergs legen musste. Auch konnte es nicht anders sein, als dass die Behandlung vom gewerblich-technischen Standpunkt aus gegen die bibliographische Arbeit zurücktreten musste, was ja vollständig aus dem Berufe des berühmten Bibliothekars, aus dessen Feder das Buch stammt, sich erklärt. Dies macht sich namentlich in Betreff der Ausführung sowohl der Periode des nachmaligen Aufblühens der Kunst seit der Mitte des xviii. Jahrhunderts als auch der neuesten, den ganzen technischen Betrieb umgestaltenden Zeit geltend. Seit dem Erscheinen des Werkes, das schon lange im Buchhandel fehlt, sind ausserdem mehr als 40 Jahre verflossen, die nicht nur manches Bedeutende in der Kunst zutage gefördert haben, sondern auch über die Vergangenheit derselben in vielen Beziehungen ein helleres Licht verbreiteten. Es werden dem Werke viele fehlerhafte Angaben vorgeworfen; solche waren wohl kaum zu vermeiden, und darf dieser Umstand denjenigen, der den Versuch macht ein Kompendium der Geschichte der Buchdruckerkunst zu liefern, der Pflicht nicht entheben, dankbar anzuerkennen, dass diese Aufgabe ohne die Anhaltspunkte, welche das Falkensteinsche Buch gewährt, eine weit mühsamere gewesen sein würde.

T. O. Weigel.
Ad. Zestermann.

Ein sehr bedeutendes Werk ist T. O. Weigels und Ad. Zestermanns: „Die Anfänge der Druckerkunst in Bild und Schrift an deren frühesten Erzeugnissen in der Weigelschen Sammlung erläutert. Mit 125 Facsimiles und vielen in den Text gedruckten Holzschnitten“. 2 Bde. fol. (Leipzig 1866). Die Verfasser stellen sich ganz entschieden auf die Seite Gutenbergs: „Es gelang mir nicht“, sagt Weigel, „für Hollands Ansprüche auch nur ein einziges Dokument vor 1460 zu entdecken“. Das Werk, in den Brockhausschen Druck- und Kunstanstalten ausgeführt, ist zugleich, indem es die alte Kunst uns vor Augen führt, ein würdiges Denkmal der neueren graphischen Kunst Deutschlands.

A. v. d. Linde

Ein merkwürdiges, eine ganze Gutenberg-Bibliothek ersetzendes Werk ist: „Gutenberg, Geschichte und Dichtung, aus den Quellen nachgewiesen von A. van der Linde“ (Stuttgart 1878). Der Verfasser musste, nachdem er die Koster-Legenden der Holländer in mehreren Streitschriften auf das grausamste der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, Holland verlassen und lebt als kgl. Bibliothekar in Wiesbaden. Die erste Abteilung des Werkes giebt die Geschichte der Erfindung, wie wir sie nun endlich als feststehend betrachten müssen, wenn nicht ein vollständig neues Material geboten werden sollte, denn mit dem alten kommt man dem Ziele nicht näher. Die zweite Abteilung erzählt die verschiedenen Erfindungs-Märchen und berichtet auf nicht weniger als 500 enggedruckten Seiten über die Fälschungen und Irrtümer. Zahlreiche Urkunden machen den Beschluss. Der Verfasser bietet mit seinem Buche keine leichte Lektüre und erschwert sie den meisten ausserdem durch die ungewohnte Schreibweise und die unzähligen Einschaltungen und Erläuterungen.

Leider schlägt der gekränkte und hart behandelte Verfasser einen gehässigen und einem streng wissenschaftlichen Werk nicht ganz angemessenen Ton an, der eher seiner guten Sache schadet als sie fördert. Das Wahre bleibt jedoch wahr und es mag sein, dass es, Gegnern gegenüber, die recht wohl sehen und hören können, aber nicht wollen, unmöglich ist, sich nicht von der Leidenschaft hinreissen zu lassen. Die von anderen Seiten dem Peter Schöffer auf Kosten Gutenbergs gewordene Bevorzugung hat möglicherweise van der Linde in seiner scharfen Kritik gegen Schöffer viel zu weit geführt.

Von den bereits noch vor Falkensteins Jubelschrift erschienenen Werken, die namentlich dazu beigetragen haben Gutenbergs Namen hoch zu halten und seine Erfinderehre den holländischen Ansprüchen gegenüber zu wahren, sind zu nennen:

C. A. Schaab.
J. Wetter.

„Die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gensfleisch genannt Gutenberg“, von C. A. Schaab. 3 Bde. (Mainz 1830-1831).

„Kritische Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gutenberg zu Mainz“, von J. Wetter. Mit einem Atlas (Mainz 1836).

J. G. I. Breitkopf.

J. G. I. Breitkopf, der mehr, als irgend jemand, die Befähigung hatte, eine Geschichte der Buchdruckerkunst zu schreiben, hat uns leider nur einzelne wenn auch wertvolle Bruchstücke hinterlassen.

G. W. Ottley.
S. Sotheby.

Im Gegensatz zu Weigel treten zwei englische Autoren Ottley und Sotheby entschieden für die holländischen Ansprüche in die Schranken und lassen Gutenberg wenig von seinem Ruhm. Interessant sind beide Werke durch die grosse Zahl von Nachbildungen. Der Titel von Ottleys Werk lautet:

An inquiry concerning the Invention of printing by the late William Young Ottley, with an introduction by J. Ph. Berjeau. Illustrated with 37 plates and numerous wood engravings“ (London 1863). Herr Ottley findet es sehr natürlich, dass Fust dem Gutenberg den Stuhl vor die Thüre gesetzt, nachdem letzterer sich unfähig bewiesen hatte, seine Aufgabe zu lösen: „Er war ein schlauköpfiger Schwindler, geschickt genug, die Arbeit anderer zu benutzen, aber nicht befähigt eigene Ideen zu erzeugen und durchzuführen, ein Mann ohne mechanisches Geschick und ohne Erfindungsgabe“. So urteilt Ottley über Gutenberg.

Herr Samuel Sotheby ist zwar kein Verehrer von Gutenberg, lässt sich jedoch nicht auf eine so gehässige Polemik wie Ottley ein. Das Endergebnis seiner Untersuchungen ist, dass die Kunst mit beweglichen Typen zu drucken in den Niederlanden bereits 1454 geübt wurde. Das von seinem Sohne Samuel Ligh Sotheby herausgegebene Werk ist betitelt:

Principia typographica. The block-books or xylographic delineations of Scripture history, issued in Holland, Flanders and Germany, during the XV Century. Exemplified and considered in connection with the origin of printing“ (London 1858).

J. W. Holtrop.

Hieran schliessen sich: J. W. Holtrop, „Monuments typographiques des Pays-Bas au XV Siècle“ (Haag 1851-1868).

W. A. Chatto.
J. Jackson.

Ein lehrreiches und verdienstliches Buch ist: „A treatise on wood engraving historical and practical by Jackson and W. A. Chatto. 2. Ed.“ (London 1861). Chatto lieferte den Text; J. Jackson gegen 300 vortreffliche xylographische Nachbildungen, wenn auch zum grossen Teil in verkleinertem Formate.

T. F. Dibdin.

Namentlich durch ihre vorzüglichen Abbildungen instruktiv sind die Werke Thomas Frognall Dibdins, des berühmten Bibliomanen und Bibliothekars des Lord Spencer auf Althorp. Sein Hauptwerk: „The bibliographical Decameron or ten days' pleasant discourse upon illuminated Manuscripts and Subjects connected with early Engraving, Typography and Bibliography“ (London 1817) strotzt von prachtvollen Stichen und Holzschnitten, die in vandalischer Weise zerstört wurden, um das Buch selten zu erhalten. Der Text ist schwatzhaft; die Noten, welche neun Zehnteile des grossen dreibändigen Werkes bilden, strömen von Gelehrsamkeit und Belesenheit über, sind aber schwer geniessbar.

H. N. Hum-
phreys.

Unter den populären Werken, welche Nachbildungen bringen, sind erwähnenswert: H. N. Humphreys' „The illuminated books of the middle age“ (London 1844) und desselben Verfassers: „History of the art of printing“ (London 1867), eine anspruchslose klare und fassliche Darstellung der Verbreitung der Kunst. Die 100, teils schwarzen, teils farbigen, Reproductionen haben zwar den Vorzug, dass sie meist in den Originalgrössen aufgenommen sind, die Photolithographie lässt jedoch an Klarheit zu wünschen übrig. Eine dritte Sammlung von Humphreys ist: „Masterpieces of the early printers and engravers“ (London 1869).

L. de Vinne.

In dem Verfasser des Werkes: „The invention of printing“ L. De Vinne. Mit vielen Abbildungen (New-York 1876) haben wir es nicht mit einem Gelehrten, jedoch mit einem tüchtigen Praktiker, zugleich durchgebildeten Manne zu thun. Sein Buch ist klar und verständlich geschrieben, namentlich sind seine technischen Exkurse sehr lehrreich und anziehend. Beigegeben ist eine grosse Zahl besonders gut ausgeführter, wenn auch in den meisten Fällen reduzierter Illustrationen. Herr de Vinne ist ein enthusiastischer Verteidiger Gutenbergs, demzufolge auch leicht geneigt, ein zu strenges Urteil über die Thätigkeit Schöffers zu fällen, dem, wie schon gesagt, v. d. Linde ganz beistimmt.

A. Bernard.

Von französischen Werken seien erwähnt: A. Bernards „De l'origine et des débuts de l'imprimerie en Europe“ (Paris 1853).

A. F. Didot.

Ein Werk, das in kleinem Umfang einen Schatz des Wissenswerten birgt, ist Ambroise Firmin Didots „Essai typographique et bibliographique sur l'histoire de la gravure sur bois“ (Paris 1853). Der berühmte Buchdrucker, Buchhändler, Gelehrte und Sammler (gestorben 1876) verband mit der grössten Vertrautheit der deutschen Verhältnisse eine vollkommene Unparteilichkeit.

J. P. A. Madden.

In neuester Zeit erregten in der typographischen Welt ein nicht gewöhnliches Aufsehen J. P. A. Maddens, „Lettres d'un Bibliographe“. 5 Bde. (Paris, 1868-1878). Zahlreiche Abhandlungen in Briefform, welche eine Menge von Fragen in Bezug auf die Erfindungs- und die Inkunabelnzeit behandeln, bilden den Inhalt. Ein Hauptzweck des Verfassers ist die Führung des Beweises, dass die Fratres vitæ communis in ihrem Kloster am Weidenbach bei Köln eine grosse Druckanstalt gehabt haben, aus welcher eine Anzahl der ältesten bedeutenden Typographen als Ulrich Zell, Nik. Jenson, Collard Mansion, Will. Caxton, Mentelin u. a. hervorgegangen sind. Von seiner seltenen Kombinationsgabe und seinem ungemeinen Scharfsinne sowohl im Aufstellen der eigenen Wahrscheinlichkeitsbeweise als im Entdecken der Trugschlüsse anderer legt zwar fast jede Seite Zeugnis ab, doch wird es nicht leicht sein, alles zu unterschreiben, was Madden behauptet, und solange er nicht Thatsachen bringen kann, bleibt der Wert seiner Briefe für die Geschichte mehr negativer Art, indem sie zur Vorsicht in der Annahme manches bis jetzt als thatsächlich Anerkannten mahnen.

Die Schriften, welche die Geschichte einzelner Perioden, Länder, Städte oder Persönlichkeiten berühren, sind an den betreffenden Stellen des Textes, soweit es der Plan des Buches notwendig oder wünschenswert erscheinen liess, angeführt.

I. KAPITEL. [[←]]

ZUR VORGESCHICHTE DER BUCHDRUCKERKUNST.

Älteste Spuren der Vervielfältigung. Die Manuskripte. Der Metall- und Holzschnitt. Die Kunstschulen. Die xylographischen Werke. Die Vorbedingungen für die Erfindung der Buchdruckerkunst.

Vorbedingungen
der Erfindung.

IST es auch bei jeder Erfindung, bei welcher ja der Zufall und der Blitz des Geistes eine so wesentliche Rolle spielen, eine schwer zu beantwortende Frage, warum sie gerade zu „der“ Zeit oder bei „dem“ Volke entstanden, so lässt sich andererseits doch nicht leugnen, dass jede Erfindung in der Zeit wurzeln und im Zusammenhange mit dem Geiste der Zeit stehen muss, wenn sie nicht ein Embryo bleiben soll. Ein Denker, der seiner Zeit vorauseilt, empfängt vielleicht die Idee; ist jedoch das Zeitalter für sie nicht reif, so bleibt sie in dem Kopfe des Empfangenden ruhen, oder letzterer wird, wenn er sie ausspricht, als ein Phantast oder gar als ein Wahnsinniger betrachtet, bis er in dem vergeblichen Kampf gegen den Unverstand wohl gar schliesslich ein solcher wird.

Es kann auch keineswegs als eine blosse Zufälligkeit betrachtet werden, dass die Kunst mit beweglichen Typen zu drucken von den Alten trotz der hohen Kulturstufe, auf welcher sie standen, nicht erfunden wurde, obwohl ihre Kinder durch Schablonen schreiben lernten und mit geschnittenen, zu Worten zusammenzureihenden Buchstaben spielten. Eben so wenig kann man es jedoch als ein Spiel des Zufalls betrachten, dass die Erfindung der Buchdruckerkunst in das fünfzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert des Wiedererwachens der Poesie, der Wissenschaft und des Kampfes für die kirchlich-religiöse Freiheit, fiel. Die Zeit brauchte die Waffe für den grossen geistigen Kampf und der Geist der Zeit schaffte sie, als die Reife einmal gekommen war.

In dem Gesagten liegt schon, dass wir es hier nicht mit einer urplötzlich aus dem Kopfe des Erfinders entsprungenen, bereits vollständig gewaffneten Erscheinung zu thun haben. Viel eher passt der einfache Vergleich mit einem, schon in den ältesten Zeiten gelegten Samenkorn, das, sich selbst überlassen, zwar gekeimt und Blätter getrieben hatte, aber erst unter der aufmerksamen Pflege des verständigen Gärtners die schönsten Blüten spendete.

Versuchen wir es in dem Folgenden in Kürze die Spuren des Entstehens und des Wachstums der Pflanze zu verfolgen.

Aelteste Spuren.

In Stein gehauen, in Erz gegraben, in Thon eingedrückt oder in Wachstafeln geritzt, sind von den Völkern des Altertums die ersten Dokumente auf uns gekommen: Regententafeln, Gesetze und Nachrichten über denkwürdige Ereignisse oder bedeutende Persönlichkeiten. Als die Kultur stieg, schrieb man auf Papyrusblätter oder auf Pergamentrollen und ganze Werke wurden auf diese Weise der Nachwelt erhalten. Die Autoren hielten sich ihre Schreiber, die entweder Sklaven oder Freigelassene waren. Es bildete sich die Klasse der Abschreiber und wir finden sowohl bei den Griechen wie bei den Römern Buchhändler, welche die Bücher-Rollen (volumina) in grösserer Zahl entweder zum Verleihen oder zum Verkaufen abschreiben liessen und reich assortierte Bücher-Lager hielten. Selbst Spuren des Farbendrucks, sowie der Vervielfältigung der Illustrationen durch Schablonendruck, trifft man an.

„Es brennt“, heisst es im Kinderspiel, wenn Einer nahe daran ist, den versteckten Gegenstand zu finden. Und so konnte man auch hier sagen „es brannte“, denn man war der Kunst der mechanischen Vervielfältigung durch Typen und Druck nahe; doch gefunden ward sie nicht, denn die Zeit drängte nicht auf die Erfindung hin. Die wohlfeile Arbeitskraft der Abschreiber und die gute Organisation ihrer Arbeit genügten vollkommen für billige und rasche Herstellung der Werke. Das freie öffentliche Leben bei den Kulturvölkern des Altertums, der heitere südliche Himmel, das leichte, fröhliche Dasein waren ohnehin nicht geeignet, Stubengelehrsamkeit zu nähren. Man hörte die Dichterwerke öffentlich vorlesen, sah in den, Allen zugänglichen Theatern den Schauspielen oder den Wettkämpfen zu, lauschte den Rednern des Forums. Alle Staatsakte geschahen öffentlich; das ganze politische und geistige Leben gipfelte in der Hauptstadt; man hatte genügende Gelegenheit öffentlich die Ansichten auszutauschen; es fehlte das Bedürfnis, im stillen Kämmerlein, von Büchern umgeben, über das Erlebte nachzugrübeln und sich gelehrten Forschungen hinzugeben[1].

Die Klöster und
die Manuskripte.

Es folgte die Völkerwanderung und damit die Zertrümmerung des frischen geistigen Lebens. Alle Völker Europas versanken in Barbarei. Die Überreste der Gelehrsamkeit und des Studiums fanden sich nur in den Klöstern vor. Hier entstand nach und nach das Bedürfnis, die liturgischen Bücher und die Lehrmittel zu vervielfältigen. Die Mönche hatten in ihrem beschaulichen Leben Zeit nicht allein zu einem Abschreiben in einfacher Weise, sondern auch, dies zu einer Kunst auszubilden. In roter Farbe ausgeführte Zierrate waren schon bei den Römern gebräuchlich, die sich des Miniums bedienten, um die Überschriften der Bücher oder Kapitel ins Auge fallend zu machen. Das Verfahren verpflanzte sich nach Griechenland und dem Orient, uns ist daraus noch die Bezeichnung „Rubrik“ geblieben. Später wurden die Anfangsbuchstaben der Abschnitte und Paragraphen durch Hinzufügung von roten Strichen bemerkbarer gemacht, oder man malte die Buchstaben ganz rot aus. Im Griechischen Reiche wurde die rote Farbe ganz besonders in Ehren gehalten und zu den heiligen Schriften sogar rotes Pergament verwendet mit Buchstaben in Silber oder Gold. Auch bei den Gothen ward diese Ausschmückungskunst geübt, wie der berühmte Codex argenteus, die Übersetzung des Neuen Testaments von dem Bischof Ulfilas, beweist, der einen Schatz der Universitätsbibliothek zu Upsala in Schweden bildet. Die fränkischen Könige nahmen bald die Pracht der Handschriften an, die in Deutschland durch Karl den Grossen bekannt wurde[2].

Die Illumination.

Die Mönche gingen in der kunstreichen Abschrift und Ausschmückung der Bücher immer weiter. Es fand eine förmliche Teilung der Arbeit nach den verschiedenen Fähigkeiten statt. Einige schrieben, andere verglichen, korrigierten und rubrizierten. Kunstfertige Brüder (rubricatores, illuminatores, miniatores) malten Anfangsbuchstaben, Randverzierungen und bildliche Darstellungen und oft entstanden auf Pergament geschriebene wahre Prachtwerke mit herrlichen Miniaturen in kostbare Deckel von Sammet oder sogar von edlem Metall, mit Edelsteinen besetzt, gebunden, die mit goldenen Spangen geschlossen wurden. Solche Werke hatten natürlich einen sehr hohen Preis und wurden mitunter mit einem Rittergut aufgewogen, konnten also selbstverständlich nur von Fürsten und reichen Leuten angeschafft werden.

Zu dieser Pracht der Ausstattung passte schlecht die im vii. Jahrhundert aufgekommene Sitte, eine Menge von Wörtern so zu abbrevieren, dass schliesslich eine besondere Gelehrsamkeit dazu gehörte, ein Manuskript zu entziffern. Diese Unsitte wurzelte nicht bloss in dem Wunsch, das teure Pergament zu sparen, sondern wohl auch in der römischen Geschwindschrift (den tironianischen Noten), welche schon zu Ciceros Zeiten gebräuchlich waren.

Der Manuskrip-
tenhandel.

Als gegen das Ende des elften Jahrhunderts ein, namentlich durch die Benediktinermönche genährtes, regeres geistiges Leben begann, als die Menschheit durch die Kreuzzüge in eine, bis dahin ungeahnte Bewegung geraten war, als der Geschmack für die Klassiker sich wieder zu zeigen begann und die Nachfrage nach abgeschriebenen Büchern grösser ward, da fingen auch Laien an Bücher abzuschreiben und den Bücherhandel zu treiben. Förmliche Korporationen bildeten sich (stationarii, librarii). In Italien und Frankreich beschränkten sich die Handschriftenhändler auf einige Universitätsstädte; sie waren, wie später auch die Buchdrucker, in Paris Beamte der Universität, und standen, was Ein- und Verkauf betraf, unter Aufsicht der letzteren. Ohne Vorwissen des Rektors durften sie einem Studenten nichts abkaufen, mussten schwören, reell zu sein und dem Käufer nur den 40. Pfennig als Gewinn abzunehmen. Unter den deutschen Städten fand nur in Wien eine ähnliche Kontrolle statt, die, wenn sie auch in Einzelnheiten ihr Gutes gehabt haben mag, doch im allgemeinen nachteilig wirkte. Die Produktion der Manuskripte und der Handel mit denselben entwickelten sich deshalb auch in Deutschland viel freier, manchmal selbst an Orten, wo keine innere Veranlassung vorlag, so in dem Städtchen Hagenau (um 1430). Die Manuskriptenhändler, die noch lange nach der Erfindung der Buchdruckerkunst fortbestanden, besuchten die Jahrmärkte und Messen und selbst in Frankfurt blühte nach der Erfindung der Buchdruckerkunst der Manuskriptenhandel neben dem Buchhandel. Auch die Lehrer verkauften an die Schüler die denselben notwendigen Bücher.

Bilderschrift.

Die Abschriften und das Material für diese war aber immer noch teuer und nur die Auserwählten konnten lesen. Man nahm also, um auf das grössere Publikum zu wirken, seine Zuflucht zu der, Allen verständlichen, in Metall- oder Holzschnitt ausgeführten „Bilderschrift“. Um Heiligen- und andere Bilder herzustellen, entstanden die Zünfte der Briefmaler und Illuministen. Brief (Breve sc. scriptum) wurde jedes einseitig gedruckte einzelne Blatt genannt, es mochte nun eine Spielkarte, ein Heiligenbild, ein Ablassbrief, eine Anordnung o. dgl. sein.

Als bekannt darf das Wesen des Holzschnittes, wodurch dieser sich von dem Kupferstich unterscheidet und der Schrifttype gleichkommt, angenommen werden, nämlich darin bestehend, dass im Holzschnitt das auf den Holzstock gezeichnete Bild stehen gelassen wird, während alle nicht gezeichneten Stellen weggeschnitten werden, so dass schliesslich die Zeichnung erhaben auf dem Holzstock zurückbleibt, während im Kupferstich umgekehrt die Zeichnung graviert oder geätzt wird, also in der Tiefe liegt. Das Material für den Holzschnitt war zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, Linden-, Birn- oder Buchenholz, das in Längenschnitten mit dem Messer bearbeitet wurde, während man jetzt beinahe ausschliesslich nur Buchsbaum in Querschnitten verbraucht und mit dem Stichel behandelt.

Metallschnitt.

Früher war man gewohnt, alle erhaben geschnittenen Formen als Holzschnitte zu bezeichnen. Durch aufmerksame Prüfung kam man jedoch zu der Erkenntnis, dass ein Teil der vorhandenen Abdrücke von Metallplatten herrühren, und dass der Metallschnitt dem Holzschnitt vorangegangen sei. Die Möglichkeit des Unterscheidens liegt namentlich in der Farbe der vorhandenen Drucke, indem die Metallschnitte etwas grauer, griesslicher und weniger gesättigt erscheinen, als die Holzschnitt-Drucke. Öfters kann man auch in den Umfassungslinien Verbiegungen wahrnehmen, die in einer Holzplatte nicht möglich gewesen sein würden; man hat auch heute noch erhaltene Metallstiche vorgefunden.

Der Zeugdruck.

Wir nähern uns hiermit schon der Buchdruckerkunst. Die erste ausgedehnte Anwendung eines Druckverfahrens ist der farbige Zeugdruck, der in Europa mutmasslich zuerst in Italien geübt wurde. Ohne uns in ältere Zeiten zu verlieren steht es fest, dass schon im xii. Jahrhundert Seiden- und Leinenstoffe durch Formendruck verziert wurden. Eine allgemeinere Verwendung fand der Zeugdruck im xiii. Jahrhundert und erscheint oft auf den Futterstoffen der reicheren liturgischen Ornate. Gegen den Schluss des xiii., namentlich aber zu Beginn des xiv. Jahrh., wurde auch Leder bedruckt und als Tapete verwendet, selbst auf Bucheinbänden findet man farbige Muster auf dünnes Schafsleder gepresst. Die verzierten Tapeten zeigen nicht nur biblische Scenen sondern auch Gegenstände aus dem Sagenkreise; unter die vorzüglichsten gehören die zu Sitten in der Schweiz. Die beim Zeugdruck vorkommenden Farben beschränken sich zuerst hauptsächlich auf Schwarz und Rot, die Goldverzierungen sind durch Bestäuben erzielt. Auf grösseren Gemälden kommt an den Gewändern der Figuren eine besondere Art von Farbendruck vor, indem die Stellen mit einer kreide- oder gipsartigen Masse überzogen und dann mittels Formen mit Mustern bedruckt wurden (Teigdrucke). Auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst wurde der Zeugdruck mit Holz- oder Metallformen fortgesetzt, der in neuerer Zeit in grossartiger Weise als Kattundruck ausgebildet wurde.

Aelteste Bilder-
drucke.

Die ältesten uns bekannten bildlichen Darstellungen in Metallschnitt reichen nach den gründlichsten Untersuchungen bis gegen Ende des xii. Jahrhunderts zurück, Holzschnitte bis gegen Ende des xiv. Einer der ältesten Metallschnitte ist das, früher in der T. O. Weigelschen Sammlung in Leipzig, jetzt in dem Germanischen Museum in Nürnberg befindliche Blatt „Christus am Kreuze“. Unzweifelhaft beglaubigt ist der Holzschnitt „Der heilige Christoph“ aus dem Jahre 1423. Die Erhaltung dieser, wie mancher anderen alten Drucke ist der Sitte zu verdanken, die Deckel der Büchereinbände durch Aufeinanderkleben solcher auszufüttern oder zu bekleben. Freilich haben wir durch diese Sitte andererseits den Verlust zahlreicher Blätter zu beklagen.

Die bildlichen Darstellungen hatten hauptsächlich religiöse Vorwürfe und das Bedürfnis zeigte sich namentlich in den Zeiten bedeutender religiöser Aufregung, wie zu Ende des xiv. und zum Beginn des xvi. Jahrhunderts. Um die Andacht beim Gebet zu erhöhen, wurden die Angerufenen durch Bilder versinnlicht. So entstanden die zahlreichen Darstellungen der heiligen Jungfrau, der Kreuzigung, der Himmelfahrt, der gesamten Passion, der Heiligen, des Weltgerichts. Gesteigert wurde der Verbrauch durch die religiösen Brüderschaften und die Wallfahrten. Es folgten die zusammenhängenden Bildwerke, die zumteil schon im frühen Mittelalter gezeichnet vorhanden waren, und im xv. Jahrhundert xylographisch und typographisch vervielfältigt wurden. Die Hauptsache ward im Bilde dargestellt und die notwendige Erklärung und die Nutzanwendung in Schrift beigegeben.

Daneben machte jedoch auch das profane Leben seine Forderungen geltend und wurde durch eine Menge, teilweise sittenloser Darstellungen befriedigt. Johann Gerson in Paris, zu Anfang des xv. Jahrhunderts, drang — wie später Luther — auf eine sittliche Umkehr und auf Beseitigung schlechter und sittenverderbender Bücher und Bilder, die sogar in den Kirchen zu Paris an hohen Festtagen verkauft wurden. Es ist jedoch von solchen Erscheinungen nichts auf uns gekommen. Das öffentliche Schamgefühl scheint das Vernichtungswerk gründlich betrieben zu haben. Von profanen Büchern mit achtbaren Zwecken sind einige erhalten worden, z. B. das „moral play“, die „zehn Lebensalter“, das „Glücksrad“.

Die Spielkarten.

Neben den Heiligenbildern, ja vielleicht noch vor diesen, war das Buch des Teufels, die Spielkarten, ein sehr gesuchter Artikel, der stark abgenutzt wurde. Schon um das Jahr 1300 wurden die Karten in Italien bekannt, kamen aber wahrscheinlich erst in dem letzten Viertel des xiv. Jahrh. nach Deutschland. Um der grossen Nachfrage zu genügen, benutzte man ein Druckverfahren, durch welches die Figuren (darunter auch Heilige) nach den Farben in Metallblätter ausgeschnitten und die Farben schablonenmässig auf das Papier getragen wurden. Später schnitt man die Umrisse in Holz, druckte diese und malte den inneren Raum aus[3].

Feststellung der
Schnitte.

Die Entscheidung über das Alter eines Metall- oder Holzschnittes ist eine schwierige Aufgabe. Kolorit, Technik, Papier, Kleidung der Figuren, die Art das Haar zu tragen, Bewaffnung u. s. w. müssen in Betracht gezogen werden, um den Ort und die Zeit der Entstehung festzustellen. Später kommt der Vergleich mit den wenigen datierten Drucken hinzu. Auch die Mundart der, von den Figuren ausgehenden Sprüche und die Form der, zu diesen benutzten Schrift gewähren Anhaltepunkte, letztere jedoch insofern weniger, als die Mönchsschrift sich ziemlich unverändert das xv. Jahrh. hindurch erhielt. Nach den erwähnten Merkmalen lassen sich die graphischen Kunsterzeugnisse vor Gutenberg in gewisse Schulen einordnen: die Schwäbische (Ulm, Augsburg); die Fränkische (Nürnberg, Nördlingen); die Bayerische (Freising, Tegernsee, Kaisersheim, Mondsee); die Niederrheinische (Köln, Burgund). Von diesen Schulen lieferten die beiden letzteren die besten Zeichnungen; die letzte ausserdem auch noch die besten Schnitte.

Fortschritte in
der Kunst.

Beim Fortschreiten der Kunst bekommen die Zeichnungen Andeutungen von Schattierung. Auf die einfachen Unterschriften der Bilder folgen ganze Sprüche, gewöhnlich Bibelstellen und Verse; oft in der Form von Devisen aus dem Munde einer Figur hervorgehend. Aus den Sprüchen werden schliesslich ganze Textseiten, die dem Bilde gegenüberstehen. Das Bedürfnis der weltlichen Belehrung führt schliesslich zu einem Buch ohne Bilder, dem Donatus. Aus den Briefmalern werden Briefdrucker (am Rhein printers genannt) und Formenschneider, welche Massen produzieren, von denen leider sehr vieles in der Zeit des dreissigjährigen Krieges vernichtet, einiges aber doch erhalten wurde[4].

Kunst-Zünfte.

Die Zünfte der Genannten standen oft in grossem Ansehen. Als die bedeutendsten sind zu nennen: die in Augsburg (1418), Nürnberg, Frankfurt a. M., Mainz, Köln, Lübeck. In Ulm sind um das Jahr 1410 schon Kartenmacher und Kartenmaler, Formenschneider jedoch erst 1441. In Brügge bestand 1454 eine Brüderschaft St. Johannis des Evangelisten, zu welcher Schreiber, Schulmeister, Buchhändler, Buchbinder, Bildermacher, Bildschnitzer, Illuminatoren, Holzdrucker, Formenschneider und Briefdrucker gehörten und die noch lange nach Erfindung der Buchdruckerkunst blühte. In Italien und Frankreich kannte man solche Vereinigungen erst im xvi. Jahrhundert; sie hiessen im letztern Lande: tailleurs et imprimeurs d'histoires et figures.

Reiberdrucke.

Noch druckte man nicht auf einer Presse, sondern das Papier wurde auf die Druckform, welche mit leichter Erdfarbe, später mit einer aus Lampenruss und Firnis gemischten Schwärze eingerieben war, gelegt. Mit einem harten Lederballen, der mit Pferde- oder Kalbshaaren gestopft war, strich man über die Rückseite des Papiers hin und her, ähnlich wie die Holzschneider mittels des Falzbeines ihre Probeabdrücke machen und wie die Chinesen noch heutigentages ihre Bücher drucken. Da der Reiber einen sehr starken Eindruck in dem Papier hinterliess, so konnte man nicht auf die Rückseite desselben nochmals drucken, sondern diese sogenannten Reiberdrucke sind nur einseitige (anopistographische). Um ein Blatt mit bedruckter Vorder- und Rückseite zu bilden, musste das Blatt umgebogen und an den beiden Rändern zusammengeklebt oder geheftet werden, wie es heut zu Tage noch bei den chinesischen Büchern der Fall ist.

Selbst nach Erfindung der beweglichen Typen hört der Tafeldruck nicht ganz auf, namentlich für Sachen, wozu kleinere Typen erforderlich, deren Guss noch zu schwierig war. In dieser Weise vertraten die Holzplatten zumteil die späteren Stereotypplatten. Man konnte die ersteren, deren Material so gut wie nichts kostete, bequem aufbewahren, um nach Bedürfnis Abdrücke zu machen, und hatte nicht nötig, den Aufwand an Papier für längere Zeit im voraus zu bestreiten. Nach Erfindung der Buchdruckerpresse konnte man selbstverständlich beide Seiten des Papiers bedrucken.

Die xylographi-
schen Werke.

Von den Tafeldrucken in Buchform, speziell Xylographische Werke genannt, sind etwa 30 auf unsere Zeit gekommen, von denen die umfangreichsten gegen 50 Blatt umfassen. Sie sind teils nur Bilder ohne Text, teils Bilder mit Text, schliesslich Text ohne Bilder. Von einigen sind die Federzeichnungen, welche der Anfertigung der Holzschnitte vorausgingen, erhalten, andere sind später typographisch ausgeführt, andere wieder xylographisch auf der Buchdruckerpresse gedruckt. Der grösste Teil ist religiösen Inhalts, der künstlerische Wert gewöhnlich unbedeutend. Wir nennen die hauptsächlichsten:

Ars moriendi. Eine Anleitung, selig zu sterben, in einer kompendiösen und in einer ausführlichen Darstellung (speculum artis bene moriendi). Das Buch schildert die Versuchungen des Menschen durch den Teufel, dem der Schutzengel entgegentritt. Der Stoff war ein sehr beliebter und das Buch wurde in allen germanischen und romanischen Sprachen bearbeitet. Der Verfasser ist nicht bekannt. Ein, früher im Besitz von T. O. Weigel in Leipzig befindliches, jetzt dem British Museum einverleibtes xylographisches Exemplar der ars moriendi gilt als die erste, zugleich die vollendetste Ausgabe. Sie besteht aus 12 Bogen kl. fol., in bräunlicher Farbe gedruckt. Die Schrift ist die Mönchsschrift. Die Konzeption und die Ausführung übertrifft in dem geistigen Ausdruck der Figuren und in kunstgerechter Handhabung des Messers alles, was von Kunstblättern des xv. Jahrh. bekannt ist. Allen Anzeichen nach stammt das Werk aus Köln, wo es auch aufgefunden wurde[5].

Die xylographi-
schen Werke.

Historia St. Johanni eiusque visiones apocalypticae oder „das Buch der haymlichē Offenbarungē Sant Johans“ war schon frühzeitig der Gegenstand bildlicher Darstellung. Es giebt drei Ausgaben mit 50, drei mit 48 Vorstellungen.

Ars memorandi: Die Kunst, die Erzählungen der vier Evangelisten in Erinnerung zu behalten. Ein ebenfalls beliebtes, öfters aufgelegtes Werk in 15 rohen, mit blasser Farbe gedruckten Holztafeln, und 15 Blättern mit Text.

Biblia Pauperum, „Die Armenbibel“, ist eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen von der Geburt der heiligen Jungfrau an bis zum jüngsten Gericht, unter beständiger Hinweisung auf das Alte Testament. Das Buch ist wahrscheinlich niederrheinischen Ursprungs. Die Benennung erklären Einige, als sei das Buch für die geringeren Ordensgeistlichen, die sich Pauperes Christi nannten, bestimmt, Andere nehmen an, es solle damit gesagt sein, sie sei eine Bibel für die an Gütern oder am Geiste Armen.

Speculum humanæ salvationis (holländ.: Spieghel der menscheliker Behoudnisse): „Der Heilsspiegel“, ist ebenfalls eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen. Von den vielen Ausgaben dieses beliebten Buches ist nur eine mit in den Tafeln geschnittenem Text, die übrigen sind typographisch ausgeführt. Das Buch ist niederrheinischen Ursprungs und die Holländer erklären dieses späte Produkt für ein von Koster mit beweglichen Typen gedrucktes Werk.

„Der Entkrist“, die Legende von dem falschen Messias. 26 Bl. in kl. fol.

„Die Legende des heiligen Meinrad“, 48 xylogr. Blätter in 8°.

Von den xylographischen Werken weltlichen Inhalts sind folgende besonders erwähnenswert:

„Die Kunst Ciromantia Dr. Joh. Hartliebs“, Leibarzt des Herzogs Albrecht des Frommen zu Bayern, 24 auf beiden Seiten bedruckte Blätter.

„Der Kalender des Magisters Johannes de Gamundia“, die älteste bekannte Ephemeride (gedruckt um d. J. 1470). Das Werk bestand nicht bloss aus der uns allein erhaltenen Tafel, sondern hatte 11 Foliobogen Text.

„Der deutsche Kalender von Magister Johann von Kunsperk“ (Regiomontanus) um d. J. 1473. Von diesem Werke hat man Exemplare, welche nach dem Druck abgeschrieben sind, ein Beweis, dass die gedruckten Bücher damals noch teuer waren und dass man in den Klöstern immer noch Zeit übrig hatte.

Von den Lehrbüchern war namentlich der Donatus sehr verbreitet. Der Verfasser Älius Donatus, welcher um 335 n. Chr. in Rom lehrte, hat mehrere kleine grammatische Schriften hinterlassen, aus welchen man einen Auszug in Katechismusform: Donatus minor bildete, der bis tief in das xviii. Jahrhundert noch im Gebrauch war.


Ebnung des
Bodens für
Gutenberg.

Um die Mitte des xv. Jahrh. hebt sich der Sinn für die klassische Litteratur in merklicher Weise. In Italien erblüht ein frisches Geistesleben, durch Dante, Boccaccio und Petrarca geweckt. Die fürstlichen Häuser der Medici, Visconti und Este suchen ihre Ehre in der Beschützung und Pflege der Dichtkunst und der Wissenschaften. Im Norden bilden der Hof von Burgund und die niederländischen Städte Pflanzschulen der Kultur. In Deutschland geht das Lehns- und Ritterwesen zuende und der Bürgerstand erhebt sich mächtig. Die Fragen der Kirche sind auf die Tagesordnung gesetzt: Wiclef und Huss haben der Reformation vorgearbeitet.

Streitigkeiten an der Prager Universität veranlassen die Auswanderung von Lehrern und Schülern, welche die Gründung der Hochschulen zu Wien, Heidelberg, Köln, Erfurt, Würzburg und Leipzig zur Folge haben. Die Zeit war für die Entdeckung der Buchdruckerkunst gereift und die neue Welt des Geistes sollte noch eher, als die neue Welt jenseit des Meeres, ihren Columbus finden. Dieser war: Johannes Gutenberg.

[1] J. A. Arnett, An inquiry etc. of the books of the ancients. London 1837. — J. A. Bräutigam, Ein Blick in das Bücherwesen des Alterthums. Leipzig 1867. — J. O. Le Clerc, Des journaux chez les Romains. Paris 1838. — J. A. Bräutigam, Zur Gesch. d. Zeitungswesens bei den Römern. Leipzig 1868. — W. Schmitz, Schriftsteller und Buchhändler in Athen. Heidelberg 1876. — E. Caillemer, La propriété littéraire à Athènes. Paris 1868.

[2] Th. Astle, The origin and progress of writing, illustr. London 1784. — J. G. I. Breitkopf, Beiträge zu einer Geschichte der Schreibkunst. Leipzig 1801. — U. J. Kopp, Bilder und Schriften der Vorzeit. Mannheim 1819. — Die Buchschriften des Mittelalters. Wien 1852. — H. N. Humphreys, The origin and progress of writing. 2. Ed. London 1855. — Digby Wyatt, The art of illuminating. London 1860. — K. Wattenbach, Das Schriftenwesen des Mittelalters. 2. Aufl. Leipzig 1875. — H. Shaw, Illuminated Ornaments selected from manuscripts of the middle ages. London 1833. — K. Faulmann, Illustr. Geschichte der Schrift. Wien 1880.

[3] J. G. I. Breitkopf, Versuch den Ursprung der Spielkarten zu erforschen. Leipzig 1801. — W. S. Singer, Researches into the history of playing cards. London. — W. A. Chatto, History of playing cards. London 1865. — P. Lacroix, Origine des cartes à jouer. Paris 1837. — N. H. Willshire, Descriptive Catalogue of playing cards in the British Museum, mit Illustr. 1877. — J. Duchesne l'ainé, Jeux de Cartes etc. du XIV au XVIII Siècle. Paris 1844.

[4] C. F. v. Rumohr, Zur Geschichte der Formschnitte. 1837. — J. D. F. Sotzmann, Älteste Gesch. der Xylographie. Leipzig 1837 (Raumers Taschenbuch). J. M. Garnier, Histoire de l'imagerie populaire et des Cartes à jouer à Chartres. Chartres 1869.

[5] Das Buch erschien in einer vortrefflichen photographischen Nachbildung 1869. Das Original erzielte in der am 27.-29. Mai 1872 abgehaltenen Versteigerung der Weigelschen Sammlung die Summe von 21450 Mark. Der Seite 17 erwähnte Metallschnitt „Christus am Kreuze“ wurde mit 3375 Mark bezahlt.

II. KAPITEL. [[←]]

DIE ERFINDUNG.

Johannes Gutenberg. Herkunft. Aufenthalt in Strassburg. Gutenberg in Mainz. Verbindung mit Johann Fust. Peter Schöffer. Gutenbergs Unglück. Sein Tod. Sein Andenken.

JOHANNES GENSFLEISCH ZU GUTENBERG, geboren in Mainz um das Jahr 1397, gehörte einer dortigen angesehenen Patrizierfamilie an. Sein Vater, Frielo Gensfleisch, heiratete Else, letzte Sprosse des Patriziergeschlechtes „zum Gutenberg“. Dieser Ehe entstammten zwei Söhne Frielo und Henne (Johannes).

Herkunft und
Jugend Guten-
bergs.

Von den Jugendjahren und dem Bildungsgang des Johannes ist nichts bekannt. In die Streitigkeiten zwischen dem Adel und den Bürgern von Mainz verwickelt, wanderte die Familie Gensfleisch 1421 von Mainz aus und zog wahrscheinlich zuerst nach Eltville im Rheingau, wo sie Güter besass. Hier wohnte 1434 noch der älteste Sohn Frielo. Aus einer Urkunde, welche Johannes Gutenberg (bei diesem seinen Weltnamen werden wir ihn künftig nennen) im Jahre 1434 in Strassburg ausstellte, erfährt man erst mit Bestimmtheit, dass er dort sein Domizil aufgeschlagen hatte. Er wohnte im Kloster Arbogast an der Ill, eine Viertelstunde vor dem Weissturmthore, an der, jetzt Grüneberg genannten Stelle. In der erwähnten Urkunde erklärt Gutenberg, dass er, dem Strassburger Magistrat zuliebe, den Mainzer Stadtschreiber Nikolaus, den er hatte festnehmen lassen, um die Zahlung einer Rente von dem Mainzer Rate zu erzwingen, welche dieser beanstandete, weil Gutenberg nicht nach Mainz zurückgekehrt war, loslassen wolle. Gleichzeitig verzichtet Gutenberg auf jede Forderung an die Stadt Mainz.

Gutenbergs
Associationen.

Als industrielles Talent zeigt sich Gutenberg erst um das Jahr 1435 („etliche Jahre vor 1439“). Zu der erwähnten Zeit sucht Andreas Dritzehn ihn auf, mit dem Begehren, Gutenberg möge ihn in einige von den Künsten einweihen, mit welchen er sich abgebe. Gutenberg ging hierauf ein und schloss einen Vertrag in Betreff des „Steinepolierens“ mit Dritzehn ab. Im Jahre 1437 traf Gutenberg ein weiteres Abkommen mit Hans Riffe, Voigt zu Lichtenau, bezüglich des „Spiegelmachens“, einer Kunst, die man anlässlich der 1439 bevorstehenden Wallfahrt nach Aachen mit Vorteil auszubeuten hoffte. Gutenberg sollte zwei Anteile von dem Ertrag haben, Riffe einen. Als Dritzehn hiervon Kenntnis erhielt, drang er darauf, auch in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden und Gutenberg gab ihm schliesslich den einen seiner zwei Anteile. Später erlangte Anthonin Heilmann, ein geistlicher Herr, noch für seinen Bruder Andreas Heilmann, der wie Dritzehn zur Kürschnerzunft gehörte, eine Teilnahme. Man einigte sich schliesslich dahin, dass er die Hälfte von Dritzehns Drittel bekam. Jeder Teilnehmer musste an Gutenberg 80 Gulden zahlen.

Als die Aachener Wallfahrt auf das Jahr 1440 verschoben wurde, entschlossen sich die Teilnehmer, den Vertrag zu prolongieren und auf andere Zweige zu erweitern. Andr. Dritzehn und Andr. Heilmann sollten je 125 Gulden einzahlen. Nach einigen Schwierigkeiten wurde der Vertrag im Sommer 1438 auf fünf Jahre abgeschlossen. Starb in dieser Zeit einer der Beteiligten, so sollten dessen Erben nach Ablauf des Vertrags mit 100 Gulden abgefunden werden. Das Verhältnis unter den Teilnehmern blieb ein freundliches. Das Geschäft war namentlich Spiegelmachen, eine Kunst, die damals Bedeutung hatte. Besonderes Gewicht wurde bei dieser Fabrikation auf die gepressten Metallrahmen gelegt. Dass die Compagnons sich mit Metallarbeiten beschäftigten, geht deutlich aus ihren Ankäufen hervor.

Dritzehns Tod.

Weihnachten 1438 erkrankte Dritzehn in gefährlicher Weise und starb an einem der Weihnachtsfeiertage. Andr. Heilmann, dem daran liegen musste, dem Gerede Neugieriger vorzubeugen, ersuchte den Tischler Saspach, der für die Gesellschaft eine Presse gefertigt hatte, diese auseinanderzunehmen, „dann wisse niemand, was die Stücke zu bedeuten hätten“. Saspach ging auch am 26. Dez. hin, aber „das Ding“ war fort. Auch Gutenberg hatte seinen Diener Lorenz Beildeck mit einem ähnlichen Auftrage gesandt. Vergebens; die Presse war fort. Wozu sollte sie aber gedient haben? Es konnte eine Druckerpresse gewesen sein, aber ebenso wohl eine Art von Prägepresse für die Verzierungen der Spiegelrahmen. Andere haben die Vermutung ausgesprochen, es handle sich um ein Giessinstrument, einen Apparat, der wirklich neu und für die Ausbeutung der Erfindung der Buchdruckerkunst, falls es sich doch um diese gehandelt haben sollte, weit massgebender war als eine Presse. Was ein auseinandergenommenes Giessinstrument bedeuten könne, sollte allerdings dem Uneingeweihten zu erraten schwer geworden sein.

Ende der Asso-
ciation.

Gegen die klaren Bestimmungen des Vertrags forderten die Brüder des verstorbenen Dritzehn, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Gutenberg, der diesen Antrag verwarf, ward nunmehr von den Dritzehns bei dem grossen Rate zu Strassburg verklagt, jedoch nach Abhören von vielen Zeugen freigesprochen. Das Urteil vom 12. Dezbr. 1439 lautete: Die Erben Dritzehns hätten sich bei der festgesetzten Entschädigung von 100 Gulden zu beruhigen, von welchen 85 Gulden, welche Dritzehn noch an Gutenberg angeblich schuldete, abgezogen werden sollten, vorausgesetzt, dass letzterer die Richtigkeit der Angabe beschwören würde. Den Eid leistete Gutenberg.

Wüssten wir auch nicht aus diesem Rechtsstreit, dass Gutenberg bis zum Sommer 1443 in Strassburg gebunden gewesen, so könnten wir aus dem Steuerregister, in welchem er in den Jahren 1439, 1443 und 1444 verzeichnet ist, leicht erfahren, dass er um diese Zeit in Strassburg verweilte. In diesem Register wird Gutenberg als „Konstofler“ bezeichnet, d. h. als Mitglied einer lokalen Innung im Gegensatz zu den gewerblichen. Auch eine Bürgschaftsurkunde Gutenbergs aus dem Jahr 1441 ist vorhanden. Einem anderen Dokument ist sein Siegel beigefügt mit der Umschrift: S. Hans Gensfleisch dei Gutenb'g. Aus dem Strassburger Aufenthalt erfährt man ferner, dass Gutenberg auf Grund eines angeblich nicht gehaltenen Eheversprechens von Anna zur eisernen Thüre in Anspruch genommen wurde. Von einer Heirat ist keine Spur zu finden, jedoch schreibt sich Anna später Annel Gutenbergerin.

Gutenbergs
Rückkehr nach
Mainz.

Die pekuniären Erfolge der Strassburger Unternehmungen entsprachen den Erwartungen der Teilnehmer nicht und Gutenberg kehrte, wahrscheinlich in der Hoffnung von seinen Verwandten das erforderliche Geld zur Durchführung seiner Pläne zu erlangen, nach Mainz zurück. Am 23. April 1444 weilt er noch in Strassburg. Nach Mainz muss er, in Begleitung von seinem treuen Diener Lorenz Beildeck, zu Ende d. J. 1444 oder zu Anfang d. J. 1445 gekommen sein. In Strassburg finden sich keine Spuren einer Buchdruckerkunst vor.

Vertrag mit Fust.

Von den ersten fünf Jahren aus dem Aufenthalt Gutenbergs in Mainz ist so viel wie nichts bekannt, nur dass sein Oheim Henne Gensfleisch der ältere den „Hof zum Jungen“ mietete und ihn darin aufnahm, ferner, dass ein anderer Verwandter Arnold Gelthuss für ein Darlehn von 150 Goldgulden, welches er am 6. Oktober 1448 gegen einen Zins von 5 Goldgulden für das Hundert aufnahm, sich verbürgte. Nur hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass seine Pläne sich in einem vorgeschrittenen Stadium befanden, dass jedoch seine Mittel zur Durchführung nicht genügten.

Da erschien zu einer, in ihrer Folge teueren Hülfe ein angesehener und gut situierter Bürger, Johannes Fust. Am 22. Aug. 1450 wurde ein Vertrag zwischen diesem und Gutenberg abgeschlossen, nach welchem Fust 800 Goldgulden gegen 6% Zinsen vorstreckte. „Das Gezüge“ blieb Unterpfand. Sollten die Kontrahenten in Differenzen geraten, so hatte Gutenberg die 800 Gulden zurückzuzahlen. Ausserdem wurde übereingekommen, dass Fust jährlich bis zu 300 Gulden für Löhne, Hauszins, Pergament, Papier, Farbe und andere Erfordernisse vorschiessen sollte. Der ganze Vertrag hatte somit einen rein finanziellen Charakter. Gutenberg gab den Gedanken, das Werkzeug, die Arbeit; Fust das Geld. Von einer Miterfinderschaft des letzteren ist mit keinem Worte die Rede.

Damaliger Stand
der Erfindung.

In seinem ganzen nachherigen Verfahren zeigt sich Fust als ein so vorsichtiger und klug berechnender Geschäftsmann, dass unbedingt angenommen werden muss, die Erfindung habe beim Abschluss des Vertrags bereits auf einer weit vorgerückten Stufe der Entwickelung gestanden. Mit einem projektmachenden Junker, der weiter nichts mitbrachte, als etwa den Gedanken, Holztafeln in einzelne Buchstaben zu zersägen und diese Buchstaben einzeln an einander zu reihen und zu drucken, würde ein Fust kaum den Vertrag abgeschlossen haben. Und wie sollte ein strebender Geist, wie Gutenberg, der jahrelang sich in Metallarbeiten geübt hatte, auf den Gedanken kommen, grosse Hebel in Bewegung zu setzen, um xylographische Drucke zu liefern oder bewegliche Holztypen zu schaffen? Was heutzutage mit allen Raffinements der Hülfsmaschinen kaum gelingen würde, sollte im Jahre 1450 denkbar gewesen sein! Gutenberg müsste kein Erfindergenie gewesen sein, wenn er hölzerne Typen je zu einem anderen Zweck hergestellt hätte, als um Versuche zu machen und allenfalls sie als Stempel zu benutzen, um Matern zum Guss der Buchstaben zu schaffen. Und, hat auch Gutenberg wirklich seine ersten Stempel in Holz geschnitten, so wird es nicht lange gedauert haben, bis er eingesehen hat, dass für die Stempel Metall, und zwar ein härteres als das der Mater oder der Type, unumgänglich notwendig sei. Es kann nicht genug betont werden: „Die mechanische Vervielfältigung der Typen bildet das Wesen der Typographie“. Hätte Gutenberg nicht die Schriftgiesserei erfunden, so gehörte ihm auch nicht die Erfindung der Buchdruckerkunst. Dass Peter Schöffer wesentliche Verbesserungen in diesem Zweige eingeführt habe, muss man jedoch annehmen.

Gutenbergs neue
Verlegenheiten.

Mit dem grossen Werke Gutenbergs ging es, wie mit so vielen anderen Unternehmungen von Bedeutung: es verschlang, bevor es in seiner Vollendung Geld bringen konnte, mehr Geld, als berechnet war. Im Dezember 1452 schoss Fust abermals 800 Goldgulden vor, sorgte aber vorsichtigerweise auf das beste für die Sicherstellung. Nicht allein das „Gezüge“, sondern das „Werk des Buches“ wurde ihm verpfändet und der Vorteil sollte ein gemeinschaftlicher sein. Hier ist also von einer wirklichen Beteiligung die Rede, was einen sicherern Beweis liefert, dass nicht mehr an der Rentabilität gezweifelt wurde.

Erste Press-
erzeugnisse.

Welches waren nun die ersten unbestreitbaren Erzeugnisse der Gutenbergschen Presse? Den grössten Absatz versprachen natürlich Schulbücher, namentlich die schon früher erwähnte sehr beliebte Grammatik des Älius Donatus. Ein Fragment (jetzt in Paris), zwei Pergamentblätter, eines solchen von Gutenberg gedruckten Donats, wurde als Einschlag einer alten Rechnung entdeckt. Die grossen Typen des Schriftchens sind die der 36zeiligen Bibel. Verkehrtstehende Buchstaben weisen unwiderleglich auf eine typographische Herstellung hin, die um das Jahr 1451 stattgefunden haben muss.

Die Ablassbriefe.

Am 12. Aug. 1451 bewilligte der Papst Nikolaus v. denjenigen, welche zur Unterstützung des Königreichs Cypern in seinem Krieg gegen die Türken Geld spendeten, einen allgemeinen Ablass, der für die drei Jahre vom 1. Mai 1452 - 1. Mai 1455 erteilt wurde. Paulinus Zapp (Chappe) besorgte von Mainz aus den Vertrieb der Ablassbriefe für Deutschland. Das Geschäft wollte aber nicht recht gehen, bis, nach dem Fall von Konstantinopel (1453), Europa aufschrak. Nunmehr nahm der Generalinquisitor Johann von Capistran die Sache in die Hand und predigte den Kreuzzug gegen die Türken. Jetzt fand der Ablasshandel einen günstigeren Boden. Zur massenhaften Anfertigung dieser „Anteilscheine auf Seligkeit“ eignete sich Gutenbergs Erfindung ganz vorzüglich. Man liess nur den Raum für den Ort, den Tag und den Namen des Aktieninhabers offen und die Ausstellung konnte in raschester Weise vor sich gehen. Ein vollständig „geschriebener“ Ablassbrief aus Lübeck, datiert vom 6. Okt. 1454, ist noch vorhanden, daneben sind aber auch „typographisch“ hergestellte Exemplare mit der Jahreszahl mccccliiii aufgefunden. Nach dem ersten Mai 1455 waren die Urkunden wertlos und deshalb die Pergamentblätter namentlich von den Buchbindern benutzt, oder sie gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren. Allmählich sind jedoch 23 solcher Denkmale der ältesten Typographie ans Licht gezogen, die alle aus dem Zeitraum vom 25. Nov. 1454 bis zum 30. April 1455 stammen. Aus diesen geht hervor, dass Gutenberg im Jahre 1454 wenigstens zwei Schriftgattungen besessen hat: die grosse Donattype und eine kleinere, die jedoch zu keinem Buche von ihm benutzt wurde.

Bibeldruck.

Mit Resultaten wie die erwähnten war Gutenberg jedoch nicht zufrieden; sein Sinn trachtete nach einem grösseren Ziele. Und welches Ziel konnte der neuen Erfindung würdiger sein, als die Verallgemeinerung der heiligen Schrift. Wir stehen nun vor einem der wichtigsten der vielen, noch dunklen Punkte in der Erfindungsgeschichte.

Welche Bibel ist
die erste?

Es liegen zwei Bibeln vor, über welche Meinungsverschiedenheit obwaltet: die „42zeilige“ (die sogenannte „Mazarinsche“), unzweifelhaft von Gutenberg und Fust begonnene und von Fust und Schöffer vollendete, und die „36zeilige“ (die „Schellhornsche“)[1]. Welcher von beiden gebührt die Priorität? Früher wurde diese allgemein der 42zeiligen zugesprochen und die 36zeilige Bibel als ein Druck Alb. Pfisters in Bamberg betrachtet. Alle neueren Forscher jedoch, Didot, Weigel und Zestermann, Madden, de Vinne, van der Linde, sind darin einig, dass die 36zeilige Bibel die erste sei und ebenfalls aus Gutenbergs Offizin stamme. Diese neuere Ansicht wird durch eine, aus der Schöfferschen Druckerei direkt stammende Überlieferung bestätigt, welche Ulrich Zell nach Köln brachte und die 1499 gedruckt erschien. Hiernach wäre die erste Bibel die mit den „grossen Missalbuchstaben“ gedruckte d. i. die „36zeilige“. Dieselben Typen, die für den erwähnten Donat dienten, wurden 1454 zu: „Eyn manūg d' christēheit widd' die Durkē“ verwendet und gingen wahrscheinlich später in den Besitz Pfisters in Bamberg über. Dies mag Veranlassung zu der Annahme gegeben haben, dass die 36zeilige Bibel aus Pfisters Offizin stamme, wogegen jedoch dessen sonstige typographische Leistungen und viele äussere Umstände und innere Gründe entschieden sprechen.

Die 36zeilige
Bibel.

Die 36zeilige Bibel umfasst 881 Blätter oder 1762 zweispaltige Seiten, zumeist in Lagen von 5 Bogen gefalzt, und ist in der Regel in drei Bände gebunden. Zum Zweck der kalligraphischen Ergänzung sind die Räume für die grossen Initialen freigelassen. Die neue Kunst wollte eine genaue Reproduktion der Manuskripte geben. Deshalb wurden auch die Drucklettern den geschriebenen Buchstaben mit den vielen Abbreviaturen nachgebildet. Was in Druck nicht nachgeahmt werden konnte, wurde hineingezeichnet. Eine beabsichtigte Täuschung hierin erblicken zu wollen dürfte kaum zutreffend sein; man wagte es einfach nicht von dem herrschenden Geschmack abzugehen. Ähnliches findet man noch heute bei den für den Orient bestimmten Druckschriften, deren Schwierigkeit hauptsächlich darin liegt, dass alle Abwechselungen der Handschrift genau nachgebildet werden müssen. Das Druckjahr der 36zeiligen Bibel ist nicht zu entdecken gewesen. Ein rubriziertes Exemplar in Paris trägt das Datum 1461. Dies würde allerdings sehr gegen die Priorität dieser Ausgabe sprechen, wenn es nicht auch sonst vorkäme, dass Exemplare eines Buches erst später rubriziert wurden. Im Jahre 1460 hatte man schon Blätter dieser Bibel als Makulatur benutzt. Die ersten Bogen zeigen in technischer Beziehung noch Unsicherheit, der Druck ist sehr stark, das Register steht nicht gut, und auch andere Mängel sind sichtbar, der spätere Teil ist besser gearbeitet[2].

Die 42zeilige
Bibel.

Sollte die 36zeilige Bibel die erste und somit die zuerst aufgefundene 42zeilige Bibel dem Alter nach die zweite gewesen sein, so bleibt sie nichtsdestoweniger ein höchst ehrwürdiges und bedeutendes Druckmonument. Es ist ein zweibändiger Foliant von 324 und 317, im ganzen also von 641 Blättern von zweispaltigen Zeilen. Die 66 Lagen bestehen meist aus je fünf Bogen (Quinternionen). Gedruckte Seitenzahlen, Signaturen, Kustoden und Initialen fehlen. Ein rubriziertes Exemplar ist mit dem Datum 24. Aug. 1456 bezeichnet. Man hat Exemplare sowohl auf Pergament wie auf Papier. Die auf Pergament gedruckten Exemplare, von denen man sechs kennt (davon je eins in Leipzig und Berlin), sind mit brillant ausgemalten Initialen mit Goldverzierungen geschmückt; die auf Papier gedruckten, von welchen neun erhalten wurden (darunter in Frankfurt a. M., Leipzig, München, Wien), haben wechselnd rote und blaue Initialen.

Peter Schöffer.

Einen tüchtigen Mitarbeiter fanden Gutenberg und Fust in Peter Schöffer. Im Prinzip hatte Gutenberg die Erfindung allein vollbracht, aber in der technischen Ausführung der Einzelnheiten mag vieles noch gefehlt haben. Die Stempel und Formen (Matrizen) waren noch unvollkommen. Die Schärfe der Typen verlor sich schnell auf Grund der Weichheit des Metalls für die Schrift und die Matern; auch die Zeichnung und der Schnitt der Stempel (Patrizen) liessen zu wünschen übrig. Hier scheint nun Peter Schöffer zum Vorteil der Kunst energisch eingegriffen zu haben.

Schöffer[3] war in Gernsheim zwischen 1420 und 1430 geboren. Näheres über seine Familie und seine Jugend ist nicht bekannt, nur dass er sich zuerst der Jurisprudenz widmete und sich längere Zeit in Paris aufhielt, wo er sich einen Ruf als tüchtiger Illuminator und Rubrikator erwarb. Nach Mainz scheint er in dem Jahre 1450 oder 1451 gekommen zu sein, wahrscheinlich um in den erwähnten Eigenschaften in der Gutenbergschen Offizin zu wirken. Hier hat er nun mutmasslich weitergehende Talente entwickelt, ohne dass es sich jedoch genau feststellen lässt, wie weit seine Thätigkeit sich erstreckte. Jedenfalls hat er die Form der Buchstaben verbessert, ein grösseres Ebenmass derselben sowie auch eine bessere Legierung des Schriftmetalls veranlasst, und einen schöneren Schnitt der Stempel in härterem Metall (Stahl) eingeführt, wodurch man in den Stand gesetzt wurde, dieselben in kupferne Matrizen einzutreiben. Kurz: hat auch Schöffer die Schriftgiesserei nicht erfunden, so bleibt ihm doch das grosse Verdienst, sie in die Bahn gelenkt zu haben, die sie bis jetzt nicht verlassen hat. Auch die Verbesserung der Schwärze durch Zusatz von Firnis soll sein Werk gewesen sein.

Dass die Verdienste Schöffers nicht klein sein konnten, lässt sich schon daraus schliessen, dass der angesehene und wohlhabende Fust kein Bedenken trug, dem armen Schreiber seine Tochter Christine zur Ehefrau zu geben. Diese Tüchtigkeit und dieses Zutrauen, welches Fust in Schöffer setzte, sollten leider Gutenberg verderblich werden, denn sie gaben Fust die Zuversicht, feindlich gegen ihn aufzutreten. Für Schöffers Beteiligung bei diesen Schritten liegt kein Beweis vor; zweideutig jedoch hat er sich wenigstens insofern gezeigt, als er später auf Kosten Gutenbergs sich die Ehre der Erfindung anzueignen versuchte.

Fust klagt gegen
Gutenberg.

Mag nun sein, dass die Auslagen zu gross und die Auflagen zu klein, oder, dass Gutenberg in der praktischen Geschäftsführung nicht der rechte Mann gewesen, die neue Kunst hatte trotz aller technischen Fortschritte keinen finanziellen Erfolg gehabt. Es kam soweit, dass Fust Klage gegen Gutenberg erhob. Er forderte:

Erstes eingeschossenes Kapital:800Goldgulden
Zinsen darauf:250"
Zweites Kapital:800"
Zinsen darauf:140"
Zins vom Zins:36"
zusammen2026Goldgulden.

Gutenberg machte dagegen geltend, 1) dass Zinsen von den 800 Gulden zwar in dem Dokument festgestellt seien, dass aber Fust versprochen habe, solche nicht zu erheben; 2) dass die ersten 800 Gulden nicht voll eingezahlt gewesen; 3) dass er in Betreff der zweiten 800 Gulden zwar die Verantwortung, nicht aber Zinsen zu tragen habe; 4) dass die zugesagten 300 Gulden jährliches Betriebskapital nicht entrichtet worden seien. Hiergegen wird Fust der Eid auferlegt, welchen er leistet, und Gutenberg, der nicht persönlich erschienen war, wird am 6. Nov. 1455 zur Zahlung verurteilt. Auf Fusts Verlangen stellte der Kleriker und Notar Ulrich Helmasperger eine Urkunde über die Verhandlung auf, welche ein wichtiges Dokument in der Erfindungsgeschichte bildet.

Trennung Guten-
bergs und Fusts.

Der Vertrag zwischen Gutenberg und Fust hatte somit seine Endschaft erreicht; wie sich jedoch die schliessliche Auseinandersetzung gestaltet hat, ist nicht bekannt. Aus später erschienenen Druckwerken geht hervor, dass die Typen der noch nicht vollendeten 42zeiligen Bibel auf Fust übergegangen sind, dass Gutenberg dagegen die Typen der 36zeiligen behielt. Denn nach dem Tode Fusts druckte sein Nachfolger Peter Schöffer mit der zuerst erwähnten Schrift einen Donat, während gegen Ende des Jahres 1456 mit den zuletzt genannten Typen ein Kalender auf das Jahr 1457 fertiggestellt wurde.

Gutenbergs
weitere Wirk-
samkeit.

Gutenbergs Mut war durch den ihm beigebrachten Schlag nicht erschüttert, und es scheint ihm nicht einmal schwer geworden zu sein, wieder in Besitz von Betriebsmitteln zu kommen. Zwar wurde auch diesmal eine Verpfändung notwendig, aber sein Gläubiger Conrad Humery, „der Stadt Mainz Pfaff und Jurist“, war ein verständiger, Gutenberg wohlgesinnter Mann. Gutenberg fertigte ganz neue Typen an und druckte mit diesen zuerst zwei kleine undatierte Schriften: Matthäus de Cracovia, tractatus racionis et consciencie, 22 Blatt in Quarto, und Thomas de Aquino, Summa de articulis fidei, 12 Blatt in Quarto. Dann aber brachte er im Jahre 1460 mit der neuen Schrift ein Riesenwerk zustande, einen Folianten von 373 zweispaltig und eng gedruckten Blättern (ohne Signatur, Kustoden und Seitenzahlen). Diese bedeutende Leistung war die berühmte erste Ausgabe des Joannis de Janua: Summa quae vocatur Catholicon. Den Anfang bildete eine lateinische Grammatik in vier Abteilungen (64 Blatt), dann folgt als fünfter Teil ein lateinisches Lexikon. Am Ende des Buchstaben I (Blatt 189 rechte Seite) steht gedruckt das Wort sequitur und darunter geschrieben in alio folio; die Rückseite des Blattes ist weiss gelassen und somit konnte das Werk in zwei Bände gebunden werden.

Gutenbergs ein-
zige Ansprache.

Zum Schluss des Werkes ergreift der Erfinder selbst, jedoch ohne seinen Namen zu nennen, zum ersten, zugleich zum letzten male das Wort. Die Schlussschrift (Kolophon) ist lateinisch und lautet übersetzt[4]:

„Unter dem Beistande des Allerhöchsten, auf dessen Wink die Zungen der Kinder beredt werden und der oft den Kleinen offenbart, was er den Weisen verbirgt, ist dieses vortreffliche Buch Catholicon im Jahre der Menschwerdung des Herrn mcccclx in der guten, der ruhmwürdigen deutschen Nation angehörigen Stadt Mainz, welche die Gnade Gottes mit so hehrem Geisteslichte und freiem Gnadengeschenke den anderen Völkern der Erde vorzuziehen und zu verherrlichen gewürdigt hat, gedruckt und zustande gebracht worden, und zwar nicht mittels des Rohres, des Griffels oder der Feder, sondern durch das bewundernswerte Zusammenpassen, Verhältnis und Ebenmass der Patronen und Formen[5].“

So spricht sich der Erfinder selbst über die Erfindung aus. Es ist kaum anzunehmen, dass er sich nur aus Bescheidenheit oder aus falschem Stolz nicht genannt haben sollte, oder gar aus Verdruss, weil seine Leistungen durch die Schöffers überflügelt waren. Wir müssen leider eher glauben, dass derjenige, der für andere die Goldminen entdeckt hatte, nicht in der Lage war, seinen Namen nennen zu dürfen, mögen nun die Gründe in einem noch nicht geregelten Verhältnis zu Fust oder in seiner neuen Stellung zu Humery oder sonst wo gelegen haben.

Gutenberg in
Eltville.

Aus dem Jahre 1461 haben wir noch einen Ablassbrief, mit den Typen des Catholicons gedruckt. Dann kam das für Mainz und die junge Kunst so verhängnisvolle Jahr 1462. Der Erzbischof von Mainz, Diether, Graf zu Isenburg, war von Kaiser und Papst abgesetzt. Die Domherren wählten den Grafen Adolf von Nassau; die Bürger aber nahmen Partei für Diether. In der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1462 erstürmte Adolf die Stadt. Hunderte von Bürgern fielen, andere wurden ausgeplündert und vertrieben und ihre Häuser verwüstet. Dies Schicksal traf auch die Offizin Fust und Schöffers. Mainz war in wenigen Tagen entvölkert und seiner Privilegien beraubt. Handel und Gewerbe lagen auf lange darnieder und von einer weiteren Ausdehnung der Buchdruckereien in Mainz konnte vorläufig keine Rede sein. Obwohl die Offizin Gutenbergs verschont geblieben war, da der Besitzer zum Grafen hielt, so musste er doch mit seiner Druckerei auswandern. Er führte dieselbe nach Eltville, der Residenz Adolfs, über.

Gutenberg tritt
in Hofdienst.

Am 15. Januar 1465 wurde er zum Hofdienstmann des Grafen auf Lebenszeit ernannt. Als solcher hatte er jährlich die Hofkleidung eines Edlen, für sein Haus zwanzig Malter Korn und zwei Fuder Wein steuerfrei. Wachdienst, Einschätzung u. s. w. ward ihm auf immer erlassen. Da die Hofdienstmänner für ihre Person freien Tisch am Hoflager und für ihre Pferde Futter erhielten, so dürfen wir uns Gutenberg wenigstens nicht als von materiellen Sorgen zu seinem Lebensende gequält vorstellen. Seine Offizin hatte er pachtweise seinen Verwandten Heinrich und Nikolaus Bechtermünze überlassen.

Gutenbergs
Tod.

Gutenberg starb in der Zeit zwischen dem 24. Nov. 1467 und dem 24. Febr. 1468 und wurde aller Wahrscheinlichkeit nach in der Dominikanerkirche[6] zu Mainz begraben. Diese ging in der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1793 bei der Beschiessung von Mainz durch die Franzosen in Flammen auf und auch die an derselben Stelle errichtete Fruchthalle brannte (1875) nieder.

Fortführung des
Geschäfts durch
Bechtermünze.

Am 24. Febr. 1468 bescheinigt Humery, dass der Graf ihm den Vorrat der zu Gutenbergs Nachlass gehörenden Formen, Buchstaben und Werkzeuge verabfolgt habe. Gleichzeitig verpflichtet sich Humery, den betreffenden Apparat nur in der Stadt Mainz zu benutzen. Sollte er jedoch denselben verkaufen und ein Mainzer Bürger soviel dafür geben wollen, wie ein Fremder, dann gebühre dem Mainzer der Vorzug. Aus dieser Fürsorge Adolfs muss man schliessen, dass er Gutenberg sehr zugethan und dass dessen Aufnahme an seinem Hofe eine Belohnung gewesen, entweder für die Verdienste Gutenbergs im allgemeinen oder um ihn selbst insbesondere.

Die Offizin ging in den vollständigen Besitz des Nikolaus Bechtermünze über, dessen Bruder Heinrich bereits 1467 verstorben war. Nikolaus setzte das Geschäft bis 1477 in Verbindung mit einem anderen Patrizier Wigand Spiess von Ortenberg fort. Gegen das neu aufgeblühte Geschäft Fust und Schöffers aufzukommen mag wohl schwer gewesen sein. Die ersten Drucke der neuen Offizin waren mit den Typen des Catholicons ausgeführt.

Weitere Schick-
sale der Offizin
Gutenbergs.

Nach dem Tode des Nikolaus überliessen seine Erben das sämtliche Material der Brüderschaft des gemeinsamen Lebens zu Marienthal in der Nähe von Eltville. Von diesen kam es 1508 an Fr. Hewmann aus Nürnberg, Buchdrucker im Kirschgarten zu Mainz. Beim genauen Durchgehen eines Buches aus dessen Offizin soll die älteste Type Gutenbergs aus den Ablassbriefen von 1454 und 1455 und der 36zeiligen Bibel wieder erkannt worden sein, während die Nachfolger Gutenbergs bis dahin von dessen Typen nur die des Catholicons benutzt hatten[7].

Gutenbergs
Andenken.

Hiermit nehmen wir Abschied von Gutenberg und dessen Offizin. Das erste äussere Andenken an ihn wurde 1504 von Ivo Wittig gestiftet und bestand in einem Denkstein im Hofe „Zum Gutenberg“. Seitdem hatte Mainz seinen grossen Bürger ganz vergessen und die typographischen Schätze von Mainz waren in ausgedehntester Weise verschleudert. Die Stadt musste die Demütigung erleben, dass der französische Präfekt Jeanbon-St.-André 1804 den ersten Vorschlag machte, Gutenberg ein Denkmal zu setzen, zu dem ganz Europa beitragen sollte, und dass Napoleon im Sept. 1804 in Mainz dekretierte, dass ein grosser Gutenbergplatz geschaffen werden sollte. Es blieb allerdings beim Dekret. Erst die mit vielem Pomp, 1821, in Haarlem begangene vierte Säkularfeier der, von den Holländern für sich in Anspruch genommenen Erfindung der Buchdruckerkunst war imstande Gutenbergs Vaterstadt aufzurütteln. Die Kasinogesellschaft liess ihrem neu eingeweihten Hause den ursprünglichen Namen „Zum Gutenberg“ wiedergeben und eine goldene Inschrift über das Eingangsthor setzen. Am 24. Oktb. 1824 folgte ein Denkstein im Garten. Im Hofe selbst stiftete der Kunstverein ein Standbild in Sandstein, den „Ritter“ Gutenberg, eine Satzform haltend, darstellend.

Die Denkmäler
Gutenbergs.

Im Jahre 1831 erging ein Aufruf „an die gebildete Welt“ zur Errichtung eines erhabenen Monuments zur Säkular-Feier der Buchdruckerkunst 1836![8] Es wurde eine Aufforderung an die Künstler der Plastik erlassen, Entwürfe einzusenden, „um dann das beste aus jedem zu benutzen“. Thorwaldsen erklärte 1832 die Ausführung eines, für den Erzguss berechneten Modells ohne Entgelt übernehmen zu wollen, jedoch ohne Konkurrenz. Der Vorschlag wurde angenommen und Crozatier in Paris mit dem Guss betraut. Die feierliche Einweihung fand am 17. Aug. 1837 statt[9].

Seit dem 24. Juni 1840 besitzt auch Strassburg auf dem Gutenbergsplatz ein Standbild des Erfinders, von David modelliert und von Soyez & Ingé in Paris gegossen. Ein drittes schönes Denkmal von Herrn von der Launitz in Frankfurt a. M. zeigt Gutenberg, Fust und Schöffer in einer Einigkeit, wie sie bei ihren Lebzeiten so sehr erwünscht gewesen wäre, die jedoch auf dem Denkmal fast wie eine Satire aussieht.

„Alles zusammengenommen“, so sagt Dr. van der Linde, „existiert noch kein der Erfindung der Typographie entsprechendes Monument. Gleichwie das nächste Jahrhundert bei seiner Säkularfeier den schlüpfrigen Boden der Sage zu verlassen und sich auf den Felsen der Geschichte zu stellen, das heisst, das erste halbe Jahrtausend der Typographie

1450-1950

zu feiern hat, so errichte auch das neu entstandene Deutsche Reich entweder in seiner politischen Hauptstadt Berlin oder in seiner typographischen Hauptstadt Leipzig ein grossartiges, alle Kleinkrämerei beschämendes Gutenberg-Monument.“

[1] „Mazarinsche“, weil das erste Exemplar in der Bibliothek des Kardinal Mazarin entdeckt wurde; „Schellhornsche“, weil der Superintendent Schellhorn besonders bemüht war, derselben ihr Recht als ein Werk Gutenbergs zu wahren.

[2] Exemplare besitzen Leipzig, Jena, Stuttgart, Wolfenbüttel.

[3] H. Künzel, Peter Schöffer von Gernsheim, der Miterfinder der Buchdruckerkunst. Darmstadt o. J.

[4] Nach J. Wetters Uebersetzung. Krit. Gesch. S. 319.

[5] Patrizen. — Matrizen.

[6] Dr. K. G. Bockenheimer, Gutenbergs Grabstätte. Mainz 1876.

[7] Henri Helbig, Une découverte pour l'histoire de l'imprimerie. Bruxelles 1855.

[8] Diese Jahreszahl war eine Marotte von dem um das Andenken und die Ehrenrettung Gutenbergs so verdienten A. C. A. Schaab, die er selbst als solche anerkannte, aber trotzdem aufrecht hielt.

[9] Ausführlicheres über die Denkmal-Angelegenheit, die Inaugurationsfeier und die vierhundertjährige Feier der Erfindung 1840 ist in Meyers „Journal der Buchdruckerkunst“, Jahrgang 1836 und 1840, enthalten.

III. KAPITEL. [[←]]

DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IN DEUTSCHLAND.

Schnelle Verbreitung der Kunst. Die Nachfolger Gutenbergs in Mainz. Peter Schöffer und seine Nachkommen. Ulm. Beromünster. Basel. Bamberg, Albrecht Pfister. Augsburg. Nürnberg. Wien. Der Norden: Köln, Münster, Magdeburg, Leipzig.

Art der Verbrei-
tung der Kunst.

ES ist eins der Hauptwunder der überhaupt wunderbaren Geschichte der Buchdruckerkunst, dass sie sich in einer verhältnismässig so kurzen Zeit von 1455-1475 beinahe über das ganze zivilisierte Europa verbreitete. Zwar liegt es auf der Hand, dass eine so wichtige Erfindung, nachdem sie einmal in den ersten Erzeugnissen der Presse ans Licht getreten war, auch von Anderen erfasst werden und, durch kein Gesetz geschützt, sofort Nachahmung finden würde. Vergleichen wir jedoch ihr schnelles Vordringen mit dem Gang der grossen Erfindungen der neueren Zeit, z. B. der Gasbeleuchtung oder der Eisenbahnen, so wird man finden, dass letztere, obwohl durch viele mitwirkende Umstände unterstützt, sich nicht so schnell Bahn gebrochen haben wie die Buchdruckerkunst.

Und wie geschah dieses Wunder?

Zu einer Zeit, wo das Reisen ein so beschwerliches und gefahrvolles Unternehmen war, wie wir es uns jetzt nicht mehr recht vorstellen können, bahnten ausdauernde deutsche Arbeiter, die unermüdlichen Pioniere der Erfindung, sich ihren Weg über die weiten Gefilde Deutschlands und Frankreichs, ja überschritten die Alpen und die Pyrenäen, um die Fahne der neuen Kunst in fremden Ländern aufzupflanzen. Es war, als ob Gutenberg ihnen einen unwiderstehlichen Talisman vermacht hätte, durch welchen Deutschland bestimmt wurde, die Wiege der Reformation zu werden und den Weg für jegliche Art des Fortschrittes im Vaterlande sowohl wie in fremden Ländern zu ebnen.

War auch die Absicht, den Lebensunterhalt zu verdienen, die erste Triebfeder der Jünger Gutenbergs gewesen, so ist doch die Unermüdlichkeit, mit der sie, das Geheimnis der neuen Kunst mit sich führend, nach den fernsten Teilen Europas drangen, der höchsten Bewunderung wert. Ein gewisser berechtigter Künstlerstolz und ein achtungswerter Ehrgeiz erwarben ihnen Zuneigung und Vertrauen, wo sie erschienen. Mit Energie verfolgten sie ihr Ziel ohne Rücksicht auf Hindernisse und Gefahren, als furchtlose Apostel und prädestinierte Verbreiter eines neuen Glaubens, von dem sie durchdrungen und begeistert waren[1].

Folgen wir nun diesen begeisterten Jüngern auf ihren Wegen in Deutschland und in den fremden Ländern bis zum Schluss des Jahrhunderts, nachdem wir erst Kenntnis von dem Fortschreiten der Druckerei von Fust und Schöffer genommen.


Fust und
Schöffers Offizin
in Mainz.

Im Besitz des neuen Gutenbergschen Materials und der genügenden Geldmittel, mit der technischen Tüchtigkeit verbunden, gelang es bald Fust und Schöffer, den Erfinder der Kunst zu überflügeln und nach der kurzen Zeit von noch nicht zwei Jahren eine grossartige Leistung der Typographie zu vollenden: das Psalterium von 1457. Dieses Druckwerk ist das erste, welches mit der Angabe des Druckers, des Druckortes, der Jahreszahl und des Datums (14. Aug. 1457) zugleich mit farbigen Initialen versehen ist, während Seitenzahl, Signatur und Kustoden immer noch fehlen. Man kennt 6 Exemplare, von denen drei 175, die anderen nur 143 resp. 136 Blätter zählen. Als unvollständig können letztere jedoch nicht bezeichnet werden, da alle den Schlusssatz enthalten. Die Auslassungen geschahen wahrscheinlich aus Sparsamkeitsrücksichten, um nicht zu viel Pergament zu verbrauchen[2].

Das Psalterium
von 1457.

Dreihundertundsechs grosse Initialen, in rot und blau gedruckt, schmücken das kostbare, der starken Benutzung wegen nur auf Pergament gedruckte Buch. Eine Hauptzierde ist das, den Text anfangende Initial B. Der eigentliche Körper des Buchstabens bildet ein Viereck von 9 cm Höhe und Breite, rechnet man jedoch die Ausläufer mit zur Höhe, so beträgt diese 31 cm. Die Ornamentierung trägt einen maurischen Charakter und ist wahrscheinlich einem spanischen Manuskripte nachgebildet. Über die Herstellung dieser farbigen Initialen sind die Kenner nicht einig. Die vollendete Genauigkeit des Passens schliesst, bei den damaligen technischen Hülfsmitteln, den Gedanken an einen Doppeldruck aus. Einige halten dafür, dass die Holzschnitte in einzelne Teile nach den Farben zerlegt, diese einzeln eingefärbt, und dann, in einander gefügt, mit Einem Druck hergestellt sind, ganz in der Art des, zu Anfang unseres Jahrhunderts entstandenen Congrevedruckes. Andere behaupten, die Holzschnitte seien blind in den Bogen gepresst und nachher ausgemalt und wollen überhaupt an vielen Stellen des Textes eine Übermalung weniger gut gedruckter Sätze und Buchstaben entdeckt haben. Wie dem auch sei, so ist die Ausführung der Doppelfärbung eine technisch vollendete. Ohne Mängel ist das Werk dennoch nicht, namentlich ist der Ausschluss ein unregelmässiger und haben die Zeilen verschiedene Länge; auch Druckfehler, selbst so auffälliger Natur wie spalmorum statt psalmorum in der ersten Zeile des Schlusswortes, kommen vor. Merkwürdig ist es überhaupt, dass gerade die Schlussworte der alten Drucke nicht selten Fehler aufzuweisen haben; namentlich in Bezug auf Jahreszahlen, was mitunter zu den sonderbarsten Schlussfolgerungen für die Geschichte der Buchdruckerkunst Anlass gegeben hat.

Zugegeben, dass die ganze blendende Pracht der Erscheinung die, an unseren nüchternen Buchdruck gewöhnten Beschauer befangen gemacht und sie veranlasst hat, die Mängel zu übersehen und alles für unübertrefflich zu halten, so kann man doch das Psalterium nur als ein Wunderwerk ansehen, wenn man bedenkt, dass es nur wenige Jahre nach der Erfindung erschien. Über diesen so schnellen Aufschwung muss man staunen und bekennen, dass die vier Jahrhunderte, die seit der Zeit vergangen sind, zwar in der technischen Tüchtigkeit und Korrektheit des Materials grosse Fortschritte gemacht haben, in der eigentlichen Kunst jedoch verhältnismässig wenige; ja wir möchten bezweifeln, dass ein Meisterwerk von heute nach 400 Jahren ein so jugendliches Gepräge besitzen wird, wie das Psalterium heute zur Schau trägt. Fasst man ausserdem ins Auge, dass dies Werk kaum 21 Monate nach der Trennung Fust und Schöffers von Gutenberg ausgegeben werden konnte, so liegt der Gedanke nahe, dass die Anfänge schon aus der Zeit der Verbindung stammen, worauf auch die von der sonstigen Schöfferschen abweichende Schrift und die Ausstattungsart hinweisen.

Bereits im Jahre 1459 erschien eine zweite Auflage in etwas vergrössertem Format, von der man zwölf Exemplare kennt. Eine dritte folgte 1490; eine vierte 1502; die fünfte, aus dem Jahre 1516, stammt aus der Offizin des jüngeren Schöffer.

Weitere Druck-
werke Fusts und
Schöffers.

Am 6. Oktober 1459 vollendeten Fust und Schöffer Durandi, Rationale divinorum officiorum, welches mit neuen Typen Schöffers gesetzt wurde. Am 25. Juni 1460 erschienen: Constitutiones Clementi V. Im Frühjahr 1462 druckten Fust und Schöffer die erste politische Flugschrift in Brief- (Plakat-)Form, das Manifest Diethers von Isenburg gegen Adolf von Nassau, welches verhängnisvoll für ihre Druckerei werden sollte.

Die 48zeilige
Bibel.

Das vierte der grossen Mainzer Druckmonumente (vorausgesetzt, dass die 36zeilige Bibel das erste gewesen), war die, fünf Jahre nach dem Psalterium erschienene „Biblia sacra latina“ („Die 48zeilige“ genannt). Dies Werk bildet zwei Foliobände von je 242 und 239 zweispaltigen Blättern zu 48 Zeilen. Die Exemplare sind teils auf Pergament, teils auf Papier gedruckt; in die ersteren sind die Initialen hineingemalt, in den letzteren fehlen sie gewöhnlich. Gegen siebenzig Exemplare dieses Druckwerkes, welches sowohl durch seine typographische Schönheit, wie auch als erste vollständig datierte Bibel einen Hauptrang einnimmt, sind erhalten.

So wenig wie Gutenberg früher den Mut verlor, so wenig war es mit Fust und Schöffer der Fall, als ihre Offizin in der Nacht vom 27.-28. Okt. bei der Eroberung von Mainz durch den Grafen Adolf 1462 verwüstet wurde und in Flammen aufging.

Fust † um 1466.

Schon 1465 ward die Herausgabe von „Cicero de officiis“ unternommen, worin zum erstenmale griechische Schriften, jedoch in Holz geschnitten, verwendet wurden. Im Sommer 1466 war Fust, um den Verkauf der Verlagswerke zu betreiben, nach Paris gereist. In dem folgenden Jahre war er nicht mehr am Leben; wahrscheinlich ist er in Paris, wo damals die Pest hauste, gestorben.

Schöffer setzte nun das Geschäft allein fort. Unter seinen Druckwerken ist noch die am 24. Mai 1468 erschienene herrliche Ausgabe von: „Justiniani Institutiones cum glossa“ zu nennen, in deren Schlussschrift er sich selbst auf Kosten Gutenbergs etwas gar zu grosssprecherisch hervorhebt.

Schwabacher
Schrift.


Ob Schöffer auch das Verdienst gehabt hat, die erste rein deutsche Schrift, die „Schwabacher“, zu erfinden, lässt sich nicht bestimmt ermitteln. Sie kommt zum erstenmale 1486 in Mainz zum Vorschein in dem Werke Bernhard von Breydenbachs „Heylige reyssen gen Jerusalem“, das bei Erhard Rewich gedruckt wurde. Da Schöffer im J. 1492 die Chronik der Sachsen mit dieser Schrift druckte und man von Rewich aus Utrecht, der als Maler die Reisen Breydenbachs mitmachte und auf dessen Buche als der Drucker genannt wird, in letzterer Eigenschaft sonst nichts kennt, so dürfte die Annahme, dass Rewich nur der Herausgeber und Peter Schöffer der Drucker und Erfinder der Schrift sei, manches für sich haben. Andernfalls müsste man annehmen, was ja nicht als einziger Fall dastehen würde, dass Breydenbach als reicher Mann für dieses Werk eine eigene Druckerei von Schöffer hätte einrichten lassen. Woher der Name „Schwabacher“ stammt, ist ebenfalls nicht ermittelt. Die Anwendung der Schrift als Werkschrift hält sich bis in die Mitte des xvi. Jahrhunderts und man verwandte sie ebensowohl zu lateinischen wie zu deutschen Texten. Später unterlag sie mancherlei Änderungen, die sie der Fraktur näherführten. Als Auszeichnungsschrift findet die Schwabacher noch bis gegen die Mitte unseres Jahrhunderts Verwendung. Dann kam sie in Vergessenheit, um in neuester Zeit wieder als Buchschrift aufzuleben.

Schöffer in Paris.

Bald hätte noch ein neuer schwerer Verlust das Schöffersche Geschäft getroffen. Das Bücherlager, welches Fust nach Paris gebracht hatte, wurde, nachdem Schöffers dortiger Faktor Hermann von Stathoen ebenfalls 1475 gestorben war, als herrenloses Gut vom Fiskus in Besitz genommen. Zur Wiedererlangung seines Eigentums reiste Schöffer selbst nach Paris, erreichte auch glücklich sein Ziel und ernannte Conrad Henlif[3] zu seinem Faktor. Schöffer kann eigentlich als der erste Sortiments-Buchhändler betrachtet werden, da er nicht allein mit seinen eigenen Druckwerken Handel trieb, sondern auch die Erzeugnisse anderer Drucker verkaufte.

Schöffers Tod.

Von 1493 erlahmt seine Thätigkeit. Das letzte Buch mit seinem Namen ist die schon erwähnte vierte Auflage des Psalterium (21. Dez. 1502). Das erste Buch mit dem Namen seines Sohnes ist vom 27. März 1503 datiert. Sonach fällt der Todestag Schöffers, den man nicht genau kennt, in diese Zwischenzeit. Am 9. Juni 1836 wurde das ihm von seiner Vaterstadt Gernsheim errichtete Denkmal enthüllt.


Strassburg.
Joh. Mentelin.
Heinr. Eggesteyn.

Kehren wir auf unserer Wanderung[4] nach STRASSBURG[5] zurück, so begegnen wir als den ersten Buchdruckern dort Johann Mentelin und Heinrich Eggesteyn. Von beiden existieren Bibeln schon aus dem Jahre 1466; jedoch ohne Nennung des Druckers und des Datums. Die ersten datierten Drucke aus Strassburg gehören Eggesteyn an (1471) das: Decretum Gratiani. 2 Bde. fol. und die: Constitutiones Clementi V., ebenfalls in fol., in welchen der Drucker sagt, er habe schon unzählige Bände gedruckt. Dass auch Mentelin um diese Zeit eine grössere Thätigkeit entwickelt hatte, geht schon daraus hervor, dass er 1471 einen — den ersten überhaupt existierenden — Verlagskatalog auf einem Oktavblatt von 19 Zeilen herausgab[6] und dass Kaiser Friedrich iii. ihn schon 1468 auf Grund seiner Verdienste in den Adelstand erhob. Eggesteyns Wirksamkeit endigt schon 1472; Mentelin starb 1478 und sein Begräbnis fand unter grossen Ehren im Dome statt[7].

Die ersten Strassburger Drucke sind weit unvollkommener als die Mainzer, und weisen eine ganz abweichende Type auf. Es war deshalb nicht so unnatürlich, dass man auf eine selbständige und ältere Erfindung in Strassburg, der „Wiege der Kunst“, — jedoch wie Schaab richtig bemerkt „eine Wiege ohne Kind“ —, schliessen wollte.

Die Schweiz.
Beromünster.



Das benachbarte Basel, das später einen bedeutenden Platz in der Geschichte der Typographie behauptet, nahm die Kunst bald auf. Allgemein wird jedoch nicht Basel, sondern der Flecken BEROMÜNSTER im Canton Luzern, eine Stunde von Sempach, wo am 9. Juli 1386 Arnold Winkelried durch seine heldenmütige Aufopferung „der Freiheit eine Gasse brach“, als erster Druckort der Schweiz betrachtet. In dem dortigen berühmten Chorherrenstift des Erzengels Michael lebte ein, durch seine Gelehrsamkeit hervorragender Mann Elias Eliae (Helias Helie)[8] aus dem berühmten Geschlecht derer von Laufen. Derselbe soll die Buchdruckerkunst durch Ulr. Gering, der später als erster Buchdrucker in Paris wirkte, nach der Schweiz gebracht haben und dort als erstes Buch den Mamotrectus des Joh. Marchesini, ein beliebtes, für höhere Schulen bestimmtes Wörterbuch der schwersten Ausdrücke der Bibel, gedruckt haben. Hiergegen wird jedoch Zweifel erhoben, und der Mamotrectus soll, inklusive der Jahreszahl 1470, nur ein Nachdruck einer Mainzer Ausgabe aus diesem Jahre sein und frühestens 1474 gedruckt, dagegen das 1472 erschienene: Roderici, Speculum vitæ humanæ das erste Buch aus Beromünsters Presse sein. Um diese Zeit kam auch die Kunst nach BASEL[9] durch Bartholdus de Basilea (eigentlich aus Hanau). Das erste Buch mit Jahreszahl ist Magister Konrads Repertorium vocabularum von 1473. Michael Wenssler und Fr. Biel druckten die Briefe Gasparinis von Bergamo ohne Jahreszahl. Eine handschriftliche Notiz in einem Exemplar in der Baseler Stadtbibliothek bezeichnet es als im Jahre 1472 gekauft. Bernhard Richel druckte bis 1482. Bekannt sind seine vier Ausgaben der Vulgata. Aus seiner Offizin stammt auch die erste Ausgabe des „Sachsenspiegels“, des von Eyke von Reppgowe zwischen 1215-1230 verfassten deutschen Rechtsbuches.

Bekannt ist ebenfalls Johannes Bergmann von Olpe (1494-1499), namentlich durch die mit 114 merkwürdigen Holzschnitten geschmückte Ausgabe von Sebastian Brants „Narrenschiff“. Die erste Auflage dieses oft gedruckten und nachgedruckten Buches erschien 1494.