Meyers Volksbücher.

Der Landjunker.

Ein Lustspiel in fünf Aufzügen
von
Denis Von-Wisin.

Aus dem Russischen übertragen von Friedrich Fiedler.

Leipzig.
Bibliographisches Institut.

Vorbemerkung.

Die Vorfahren Von-Wisins waren ein deutsches Rittergeschlecht, das zum Orden der Schwertbrüder gehörte und sich von Wiesen schrieb. Ein Baron Peter von Wiesen geriet im Kriege Iwans des Grausen mit Livonien in russische Gefangenschaft und kehrte nicht mehr in sein Heimatland zurück. Seine Nachkommen russifizierten sich vollständig, so daß sie sogar ihren deutschen Familiennamen verleugneten. – Unser Dichter, „der König der Satire“, wie ihn Puschkin im „Jewgenij Onjegin“ nennt, Denis Iwanowitsch Von-Wisin, wurde am 3. April 1745 zu Moskau geboren und studierte an der Petersburger Universität. 1763 erhielt er eine Sekretärstelle beim Kabinetsminister I. P. Jelagin und 1769 eine solche beim Grafen Nikita Iwanowitsch Panin, dem Minister des Auswärtigen und Erzieher des Thronfolgers Paul. Vorher noch – 1766 – hatte Von-Wisin die Komödie „Der Brigadier“ veröffentlicht, in welcher er die Sucht der bessern russischen Stände nach allem Ausländischen und ihre Verachtung des Einheimischen scharf geißelt. Am 24. Sept. 1782 gelangte „Der Landjunker“ zur ersten Aufführung und fand einen ungewöhnlichen Beifall: das begeisterte Publikum warf klirrende Geldbeutel auf die Bühne, und Potjomkin soll nach der Vorstellung zum Verfasser gesagt haben: „Stirb, Denis, oder schreibe nichts mehr!“ Zehn Jahre darauf, in den ersten Tagen des Dezembers, wurde Von-Wisin auf dem Friedhof des Alexander-Newskij-Klosters zu St. Petersburg zu Grabe getragen.

Ein „Njedorosslj“ (wörtlich: Minderjähriger) hieß im vorigen Jahrhundert jeder Adelige im Alter von 12-17 Jahren. Einem Ukas Peters I. zufolge wurde ein solcher schon bei seiner Geburt in den Staatsdienst eingeschrieben und mußte sich hierzu nach Erlangung eines gewissen Bildungsgrades melden. Ein Landjunker, der kein Zeugnis über Elementarbildung vorweisen konnte, verlor das Recht – zu heiraten. Derjenige, welcher sich nicht freiwillig zum Dienst meldete, wurde laut einem Ukas der Kaiserin Elisabeth unter die Soldaten und Matrosen gesteckt. Auch Katharina II. hoffte solcherart – vielfach vergebens – den russischen Adel moralisch zu heben.

Der namhafte Kritiker, Fürst Pjotr Andrejewitsch Wjasemskij, Von-Wisins Biograph, sagt vom „Njedorosslj“ –: „Diese Komödie ist nicht nur ein schönes Musenerzeugnis, sondern auch ein patriotisches Verdienst.“ In der That: im „Landjunker“ besitzen wir ein litterarisches Denkmal von kulturhistorischer Bedeutung, insofern das Stück ein treues Bild der russischen Gutsbesitzerschaft jener Zeit bietet und die liberal-humanen Reformen Katharinas II. kräftigst unterstützt hat; die Komödie gab das Signal zu einer Reihe in administrativer Hinsicht tendenziös gefärbter Dramen, und auf den „Landjunker“ muß auch der Ursprung der modernen russischen Sittenkomödien zurückgeführt werden. Der „Njedorosslj“ ist das erste Nationallustspiel der Russen und erscheint hier zum erstenmal in fremdsprachlichem Gewand.

F. F.

Personen.

Prostakow.
Frau Prostakowa, seine Frau.
Mitrofan, beider Sohn, der Landjunker.
Jeremejewna, dessen Amme.
Prawdin.
Starodum.
Sophie, Starodums Nichte.
Milon.
Skotinin, Bruder der Frau Prostakowa.
Kutejkin, Seminarist.
Zyfirkin, abgedankter Sergeant.
Wralmann, Lehrer.
Trischka, Schneider.
Ein Diener Prostakows.
Ein Kammerdiener Starodums.

Die Handlung spielt auf dem Gute der Prostakow.

Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Frau Prostakowa. Mitrofan. Jeremejewna.

Frau Prostakowa (betrachtet einen Kaftan auf Mitrofan). Der ganze Kaftan ist verdorben! Jeremejewna, führe den Halunken Trischka her! (Jeremejewna ab.) Der Spitzbube hat ihn überall zu eng gemacht! Mitrofan, armer Junge, ich kann’s mir vorstellen, wie entsetzlich es dich drücken muß! Rufe den Vater her (Mitrofan ab).

Zweiter Auftritt.

Frau Prostakowa. Jeremejewna. Trischka.

Frau Prostakowa (zu Trischka). Komm mal näher, du Vieh! Hab’ ich dir nicht gesagt, du Diebsgesicht, daß du den Kaftan breiter machen sollst? Erstens wächst der Knabe und zweitens ist er auch ohne engen Kaftan sehr delikat gebaut! Sprich, Klotz, wie willst du dich rechtfertigen!

Trischka. Aber, gnädige Frau, ich bin ja bei keinem Schneider in der Lehre gewesen! Ich habe Sie ja gewarnt; warum beliebte es Ihnen nicht, die Arbeit einem Schneider zu geben?

Frau Prostakowa. Muß man denn ein Schneider sein, um einen Kaftan gut zu nähen? So urteilen nur Tiere!

Trischka. Aber gnädige Frau, ein Schneider hat ja gelernt, und ich nicht!

Frau Prostakowa. Du widersprichst noch? Der Schneider hat bei einem andern gelernt, der andre bei einem Dritten; bei wem hat dann aber der allererste Schneider gelernt? Sprich, Vieh!

Trischka. Der allererste Schneider hat vielleicht noch schlechter genäht als ich!

Mitrofan (hereinlaufend). Ich habe den Vater gerufen, er sagte: Gleich.

Frau Prostakowa. Geh, schlepp ihn mit Gewalt her, wenn er nicht gutwillig kommen will!

Mitrofan. Da ist der Vater.

Dritter Auftritt.

Die Vorigen. Prostakow.

Frau Prostakowa. Nun, was verbirgst du dich vor mir? So was muß ich erleben, deiner Nachsicht zu danken! Wie gefällt dir der neue Anzug unsers Sohnes zur Verlobung des Onkels? Was sagst du zum Kaftan, den Trischka genäht?

Prostakow (vor Schüchternheit stotternd). Er ist – etwas – sa – sackig.

Frau Prostakowa. Du bist selber ein Sack, du Hohlkopf!

Prostakow. Ich glaubte nur, daß es dir so scheine.

Frau Prostakowa. Bist du denn selber blind?

Prostakow. Wo du siehst, bin ich blind.

Frau Prostakowa. Mit welchem Mann mich doch der liebe Gott gesegnet hat! Kann selber nicht unterscheiden, was breit und was eng ist!

Prostakow. In dieser Hinsicht habe ich stets deinem Urteil vertraut und zweifle auch jetzt nicht –

Frau Prostakowa. So zweifle denn auch nicht, daß ich nicht gesonnen bin, meinen Leibeignen durch die Finger zu sehn! Geh, laß ihn sofort durchpeitschen!

Vierter Auftritt.

Die Vorigen. Skotinin.

Skotinin. Wen? Wofür? An meinem Verlobungstage! Ich bitte dich, liebe Schwester, eine solche Feier zu berücksichtigen und die Strafe bis auf morgen zu verschieben; morgen, wenn du’s willst, werde auch ich gern Hand anlegen. Da will ich nicht Skotinin heißen, wenn nicht jeder schuld ist, den ich schuldig wissen will; hierin, Schwester, stimmen wir miteinander völlig überein. Worüber bist du denn aber so erzürnt?

Frau Prostakowa. Mögen deine Augen urteilen, Bruder! Mitrofan, komm her ... Sitzt dieser Kaftan sackig?

Skotinin. Nein.

Prostakow. Ich selbst, liebe Frau, sehe, daß er zu eng ist.

Skotinin. Auch das seh’ ich nicht. Der Kaftan, Schwager, ist vorzüglich genäht.

Frau Prostakowa (zu Trischka). Heraus! (Zu Jeremejewna) Geh, Jeremejewna, gib dem Knaben zu frühstücken. Ich glaube, die Lehrer werden bald kommen.

Jeremejewna. Er hat bereits fünf Brötchen aufgegessen.

Frau Prostakowa. So thut dir das sechste leid, du Ungetüm? Ist das dein Diensteifer? Unerhört!

Jeremejewna. Gott gesegn’ es ihm! Ich hab’s ja zu Mitrofan Terentjewitschs Besten gesagt. Bis an den Morgen hat er sich schlaflos umhergewälzt.

Frau Prostakowa. Heilige Mutter Gottes! Was war dir, Herzens-Mitrofan?

Mitrofan. Ich weiß nicht, Mutter. Gestern nach dem Abendbrot bekam ich Bauchkneipen.

Skotinin. Hast wohl, mein Freund, recht tüchtig zu Abend gegessen?

Mitrofan. Ich habe, Onkelchen, fast nichts gegessen.

Prostakow. Ich erinnere mich, mein Sohn: du hast doch etwas zu dir genommen.

Mitrofan. Das ist ja nichts: etwa drei Scheibchen Pökelfleisch und fünf oder sechs Stückchen Salzkuchen.

Jeremejewna. Die ganze Nacht über litt er Durst: einen ganzen Krug Kwas hat er ausgetrunken.

Mitrofan. Mir schwindelt noch jetzt der Kopf. Die ganze Nacht träumte mir so ein Schund –

Frau Prostakowa. Was für ein Schund denn, lieber Mitrofan?

Mitrofan. Nun, bald träumte mir von dir, Mutter, bald vom Vater.

Frau Prostakowa. Wieso?

Mitrofan. Kaum begann ich einzuschlafen, so sah ich, wie du, Mutter, den Vater prügeltest.

Prostakow (beiseite). Wehe mir – der Traum wird sich erfüllen.

Mitrofan (zärtlich). Und da dauerte mich –

Frau Prostakowa (ärgerlich). Wer, Mitrofan?

Mitrofan. Du, Mutter, du wurdest so müde vom Prügeln!

Frau Prostakowa. Umarme mich, mein Herz! Das ist ein Sohn! O, du mein einziger Trost!

Skotinin. Nun, Mitrofan, ich merk’ es: du bist der echte Sohn deiner Mutter, nicht aber deines Vaters.

Prostakow. Ich wenigstens liebe ihn, wie es einem Vater geziemt: er ist ein kluges, ein vernünftiges Kind, ein Spaßvogel, ein Schalk. Mitunter bin ich vor Freude ganz außer mir und kann es dann gar nicht glauben, daß er mein Sohn ist.

Skotinin. Doch gegenwärtig macht unser Spaßvogel ein recht ernstes Gesicht.

Frau Prostakowa. Sollte man nicht in die Stadt nach dem Doktor schicken?

Mitrofan. Nein, nein, Mutter; ich werde mich schon selber gesund machen. Will doch mal zum Taubenschlag laufen, vielleicht daß –

Frau Prostakowa. Gott gnädig ist. Geh, mein Teurer, spiele ein wenig. (Mitrofan mit der Jeremejewna ab.)

Fünfter Auftritt.

Frau Prostakowa, Prostakow und Skotinin.

Skotinin. Wie kommt’s denn, daß ich meine Braut nicht sehe? Wo ist sie? Am Abend findet die Verlobung statt: wär’ es da nicht Zeit, ihr mitzuteilen, daß man sie verheiratet?

Frau Prostakowa. Dazu haben wir noch Zeit, Bruder. Wenn man’s ihr vorher sagt, so kann sie gar denken, daß wir sie nach ihrer Einwilligung fragen! Ich bin nur durch meinen Mann mit ihr verwandt und liebe, daß mir fremde Menschen gehorchen.

Prostakow (zu Skotinin). Der Wahrheit die Ehre! Wir haben Sophie behandelt, als sei sie eine echte und rechte Waise. Als ihr Vater starb, war sie noch ein ganz kleines Kind. Ein halbes Jahr darauf bekam ihre Mutter, meine Verwandte, den Schlag –

Frau Prostakowa (sich das Herz bekreuzigend). Die Kraft des Kreuzes sei mit uns!

Prostakow. Dank welchem sie auch mit Tode abging. Des Mädchens Onkel, ein Herr Starodum, fuhr nach Sibirien, und da er schon seit mehreren Jahren völlig verschollen ist, so halten wir ihn denn auch für verstorben. Als wir merkten, daß Sophie mutterseelenallein dastand, nahmen wir sie zu uns aufs Dorf und verwalten nun ihr Gut, als sei es unser eignes.

Frau Prostakowa. Bist heute ganz ins Lügen hineingeraten, mein Lieber! Der Bruder könnte gar glauben, daß wir sie aus Interesse zu uns genommen haben.

Prostakow. Wie sollte er das glauben?! Ihr unbewegliches Vermögen können wir doch nicht in unsre Tasche hineinwandern lassen!

Skotinin. Das bewegliche ist zwar schon hineingewandert, aber ich bin kein Verräter. So was macht Scherereien, die ich nicht liebe, die ich fürchte. Wie oft mich auch die Nachbarn übervorteilt, wieviel Schaden sie mir gebracht – ich habe auf keinen eine Klage eingerichtet. Statt mir den Schaden durch Laufereien einzubringen, zwack’ ich’s mir von den Bauern ab, und kein Hahn kräht danach.

Prostakow. Es ist wahr, Schwager: die ganze Nachbarschaft meint, du verstehest es meisterhaft, den Obrok[1] einzukassieren.

[1] Abgaben der zinspflichtigen Bauern. Anm. d. Übers.

Frau Prostakowa. Wenn du’s uns doch lehren wolltest, lieber Bruder; wir verstehn’s gar nicht. Seitdem wir alles, was die Bauern besaßen, uns zugesteckt haben, können wir sie gar nicht mehr rupfen. Ein wahrer Jammer!

Skotinin. Gern, Schwester, will ich’s euch lehren – macht nur, daß ich Sophie heirate.

Frau Prostakowa. Gefällt dir denn das Mädchen so ungeheuer?

Skotinin. Nun, nicht gerade das Mädchen –

Prostakow. Also ihre Dörfer?

Skotinin. Auch nicht gerade die Dörfer, sondern das, was sich in diesen Dörfern aufhält und meine größte Leidenschaft ist.

Frau Prostakowa. Was denn, lieber Bruder?

Skotinin. Schweine sind meine Leidenschaft, Schwester. In unserm Umkreis gibt’s dermaßen große Schweine, daß jedes, sollte es sich auf die Hinterfüße stellen, uns alle um Kopfeslänge überragen würde.

Prostakow. Es ist doch sonderbar, Schwager, wie die Verwandten einander gleichen können! Unser Mitrofan ist ganz nach dem Onkel geraten: auch er hatte von Kindesbeinen an dieselbe Leidenschaft für Schweine wie du. Als er drei Jahr zählte, so zitterte er vor Freude beim Anblick eines Schweinchens.

Skotinin. In der That, höchst wunderbar! Nun, mag Mitrofan die Schweine lieben: er ist mein Verwandter, und hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle. Wie erklärt sich denn aber meine Leidenschaft für die Schweine?

Prostakow. Auch hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle, denk’ ich.

Sechster Auftritt.

Die Vorigen. Sophie tritt auf mit einem Brief in der Hand; ihr Gesicht strahlt vor Freude.

Frau Prostakowa. Was bist du denn so lustig, meine Beste? Worüber freust du dich?

Sophie. Soeben hab’ ich eine freudige Nachricht erhalten. Der Onkel, von dem wir so lange nichts vernommen, den ich liebe und ehre wie einen Vater, ist dieser Tage in Moskau angelangt. Da ist der Brief, den ich soeben von ihm erhalten habe.

Frau Prostakowa (erschrickt; mit verbissener Wut). Was? Starodum, dein Onkel, lebt? Und du wagst es, ihn für auferstanden auszugeben? Diese Lüge ist wirklich einzig!

Sophie. Er war ja gar nicht gestorben!

Frau Prostakowa. Nicht gestorben! Hätte er denn nicht sterben können? ... Nein, meine Beste, das sind deine Erfindungen, um uns mit deinem Onkel ins Bockshorn zu jagen, damit wir dir Freiheit lassen! Du denkst: der Onkel ist ein kluger Mensch, er wird schon Wege finden, mich aus euren Händen zu befreien! Und darüber freust du dich ... aber bitte, freue dich nur nicht zu sehr: dein Onkel ist natürlich von den Toten nicht auferstanden.

Skotinin. Schwester! Wenn er aber gar nicht gestorben wäre?

Prostakow. Verhüt’ es Gott, daß er nicht gestorben wäre!

Frau Prostakowa (zum Mann). Wie: „nicht gestorben?“ ... Mache mich nicht wirr! Weißt du denn nicht, daß ich schon seit mehreren Jahren Totenmessen für den Frieden seiner Seele halten lasse? Es ist unmöglich, daß meine Gebete nicht bis zu Gott gedrungen seien! (Zu Sophie.) Gib mal den Brief her (ihn an sich reißend). Eine Wette geh’ ich ein, daß es ein Liebesbrief ist, und ich errate auch den Schreiber: es ist jener Offizier, der dir einen Antrag machte, und den du auch heiraten wolltest ... Und welche Bestie händigt dir ohne meine Erlaubnis Briefe ein? Wart, das werd’ ich schon herausbekommen! Das sind Zeiten: jungen Mädchen werden Briefe geschrieben! Junge Mädchen können lesen und schreiben!

Sophie. Bitte lesen Sie selbst den Brief, und Sie werden alsdann sehen, daß er das Unschuldigste von der Welt enthält.

Frau Prostakowa. „Lesen Sie selbst den Brief!“ Nein, meine Beste, ich bin, Gott sei Dank, nicht so erzogen. Ich empfange Briefe, lasse sie jedoch immer andre lesen. (Zum Mann.) Lies vor.

Prostakow (nachdem er lange hineingeblickt). Das dürfte schwer fallen.

Frau Prostakowa. Auch dich hat man, scheint’s, wie ein junges Mädchen aus der guten alten Zeit erzogen ... Bruder, bitte, lies du.

Skotinin. Ich? Ich habe nie in meinem Leben etwas gelesen, Schwester! Gott hat mich mit solchem langweiligen Zeug verschont.

Sophie. Erlauben Sie, daß ich lese.

Frau Prostakowa. O, meine Beste, ich weiß wohl, daß du eine Meisterin darin bist – nur trau’ ich dir nicht so recht ... Der Lehrer Mitrofans wird wohl bald kommen; er soll mir lesen.

Skotinin. Wird denn der Junge schon im Schreiben und Lesen unterrichtet?

Frau Prostakowa. Ach, lieber Bruder, schon gegen vier Jahre unterrichtet man ihn. Ja, Sünde wär’s, zu sagen, daß wir uns nicht alle Mühe geben, Mitrofan zu erziehen: drei Lehrer werden bezahlt! Im Lesen und Schreiben unterweist ihn Kutejkin, Vorsänger in der Kirche zu Mariä Schutz- und Fürbitte. Rechnen lehrt ein abgedankter Sergeant, Namens Zyfirkin. Beide kommen sie aus der Stadt hierher. Den Unterricht im Französischen und in den übrigen Wissenschaften erhält mein armer Mitrofan von einem Deutschen, Adam Adamytsch Wralmann. Diesem zahlen wir dreihundert Rubelchen jährlich; er sitzt mit uns an einem Tische, seine Wäsche wird von unsern Dienstboten gewaschen; ein Pferd steht immer zu seiner Verfügung; zu Mittag bekommt er ein Glas Wein, zur Nacht ein Talglicht, und selbst die Perücke wird ihm umsonst von Fomka in stand erhalten ... Doch, was wahr ist, bleibt wahr: auch wir sind mit ihm zufrieden, Bruder: er überbürdet den Knaben nicht. Und man muß doch Mitrofan ein wenig pflegen, solange er noch jung ist: wenn er denn noch zehn Jährchen etwa – was Gott verhüten möge – dienen muß, wird ihm kein Schmerz erspart bleiben! Übrigens – wie’s einem bei der Geburt bestimmt ist! Schon mancher aus der Familie der Prostakows ist im Schlaf zu Rang und Würden gestiegen – ist denn Mitrofan schlechter als sie? Ei – da kommt ja wie gerufen unser teurer Mieter!

Siebenter Auftritt.

Die Vorigen und Prawdin.

Frau Prostakowa. Lieber Bruder, hier stell’ ich dir unsern teuren Gast vor – Herr Prawdin; und das, mein Herr, ist mein Bruder.

Prawdin. Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Skotinin. Sehr wohl, mein Herr. Und wie lautet Ihr Familienname? Ich habe nicht recht gehört.

Prawdin. Mein Name ist Prawdin, damit Sie recht hören.

Skotinin. Und wo geboren, mein Herr? Wo liegen Ihre Dörfer?

Prawdin. Ich bin in Moskau geboren, wenn es Ihnen zu wissen not thut, und meine Dörfer liegen in diesem Bezirk.

Skotinin. Und darf ich fragen, mein Herr – Ihr und Ihres Vaters Vorname ist mir unbekannt – ob es in Ihren Dörfern Schweinchen gibt?

Frau Prostakowa. Fange doch nicht an, von Schweinen zu sprechen, Bruder! Wollen wir lieber Herrn Prawdin unsre Not klagen. (Zu Prawdin.) Die Sache ist nämlich die: es war das Geheiß Gottes, daß wir dieses junge Mädchen zu uns nahmen. Nun erhält sie Briefe von Onkeln, die ihr aus jener Welt schreiben. Wollten Sie die Güte haben, uns allen diesen Brief laut vorzulesen!

Prawdin. Verzeihen Sie – ich lese niemals Briefe, ohne von deren Empfängern hierzu befugt zu sein.

Sophie. Ich bitte Sie darum, Sie werden mich sehr verbinden.

Prawdin. Wenn Sie es also befehlen ... (liest) „Liebe Nichte! Meine Geschäfte zwangen mich, mehrere Jahre fern von meinen Verwandten zu leben; die weite Entfernung beraubte mich des Vergnügens, Nachricht von ihnen zu erhalten. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Sibirien bin ich nun in Moskau. Ich kann wohl als Beispiel dienen, daß man sich durch Fleiß und Ehrlichkeit ein Vermögen erarbeiten kann. Dank diesen Mitteln und mit Hilfe des Glücks habe ich zehntausend Rubel Revenuen –“

Skotinin und beide Prostakows. Zehntausend!

Prawdin (im Lesen fortfahrend). – „Zu deren Erben ich Dich, liebe Nichte, ernenne.“

Frau Prostakowa. Dich zur Erbin!}(Gleichzeitig.)
Prostakow. Sophie zur Erbin!
Skotinin. Sie zur Erbin!

Frau Prostakowa (Sophie stürmisch umarmend). Gratuliere dir, meine Herzens-Sophie! Ich weiß mich vor Freude nicht zu fassen! Jetzt mußt du einen Bräutigam haben. Und eine bessere Braut kann ich mir für Mitrofan gar nicht wünschen! Das ist ein Onkel! Der leibliche Vater! Ich hab’s mir immer gedacht, daß ihn Gott behütet, daß er noch wohl und gesund ist!

Skotinin (die Hand hinhaltend). Nun, Schwester, schlag ein.

Frau Prostakowa (leise zu Skotinin). Warte noch, Bruder: erst muß man sie fragen, ob sie dich nehmen will.

Skotinin. Wie? Fragen? Wir werden doch nicht erst ihre Meinung hören wollen?!

Prawdin. Darf ich den Brief zu Ende lesen?

Skotinin. Wozu? Und sollten Sie fünf Jahre lesen – Besseres als die Zehntausend werden Sie doch nicht herauslesen!

Frau Prostakowa (zu Sophie). Herzens-Sophie, komm mit mir auf mein Schlafzimmer. Ich habe äußerst Wichtiges mit dir zu sprechen (führt Sophie fort).

Skotinin. S–o–o–o! Na, ich sehe, daß heute wohl schwerlich aus der Verlobung was wird!

Achter Auftritt.

Prawdin. Prostakow. Skotinin. Ein Diener.

Diener (außer Atem zu Prostakow). Gnädiger Herr, gnädiger Herr! Soldaten sind gekommen, haben in unserm Dorfe Quartier gemacht!

Prostakow. O Unglück, sie werden uns gänzlich ruinieren!

Prawdin. Worüber erschrecken Sie so?

Prostakow. Ach, Lieber, Guter! Ich hab’s ja schon erlebt! Ich wag nicht, ihnen unter die Augen zu treten!

Prawdin. Befürchten Sie nichts. Sie werden natürlich von einem Offizier angeführt, der es zu keiner Gewaltthat kommen läßt. Wollen wir zusammen hingehen. Ich bin versichert, daß Sie sich unnütz beunruhigen. (Prawdin, Prostakow und der Diener ab.)

Skotinin. Alle haben mich verlassen ... Will doch einen Spaziergang durch den Viehhof machen!

Zweiter Aufzug.

Erster Auftritt.

Prawdin und Milon.

Milon. Wie freut es mich, mein teurer Freund, dich wiederzusehn! Wie kommst du her?

Prawdin. Gern will ich dir den Grund meines Hierseins mitteilen. Ich bin zum Mitgliede der hiesigen Provinzialverwaltung ernannt worden und habe Befehl, den hiesigen Bezirk zu inspizieren. Gleichzeitig unterlass’ ich es nicht aus eignem Herzensantrieb, diejenigen tyrannischen Gutsbesitzer zu studieren, die ihre Vollmacht über ihren Untergebenen unmenschlich mißbrauchen. Du kennst die Denkungsart unsers Gouverneurs. Mit welchem Eifer hilft er der leidenden Menschheit! Mit welcher Hingebung erfüllt er die humanen Absichten der Regierung. Wir haben es bei uns selber gesehen, daß, wenn der Gouverneur derartig ist, wie ihn das Reglement vorzeichnet, der Wohlstand der Bewohner ein gesicherter bleibt. Ich wohne hier schon drei Tage und fand einen ehrlosen Narren von Gutsherrn und dessen Furie von Frau, deren teuflischer Charakter dem ganzen Hause Unheil bringt. Worüber sinnst du, mein Freund? Sage doch, wirst du lange hier bleiben?

Milon. Schon nach einigen Stunden verlass’ ich dies Haus.

Prawdin. Warum so bald? Ruh dich doch erst aus.

Milon. Ich darf nicht: muß ohne Zögern die Soldaten weiterführen ... Außerdem brenn’ ich selber vor Ungeduld, schneller in Moskau zu sein.

Prawdin. Und der Grund hierzu?

Milon. Dich, als meinen Freund, will ich in das Geheimnis meines Herzens einweihen. Ich liebe und bin so glücklich, geliebt zu werden. Schon über ein halbes Jahr bin ich von der getrennt, die mir teurer ist als alles auf der Welt; und was noch betrübender ist: diese ganze Zeit über hab’ ich keinerlei Nachricht von ihr erhalten. Oft schrieb ich ihr Schweigen dem Erkalten zu und zermarterte mein Herz. Da erhielt ich plötzlich eine Mitteilung, die mich höchlich überraschte. Man schreibt mir nämlich, daß sie nach dem Tode ihrer Mutter von entfernten Verwandten zu sich aufs Dorf genommen worden sei – und ich weiß weder von wem, noch wohin. Vielleicht befindet sie sich jetzt in den Händen von Egoisten, bei denen sie, die schutzlose Waise, tyrannisiert wird. Der Gedanke allein macht mich rasen!

Prawdin. Eine derartige Unmenschlichkeit sehe ich in diesem Hause, doch schmeichle ich mir mit der Hoffnung, der Bosheit der Frau und der Narrheit des Mannes eine Grenze zu stecken. Ich habe schon von allem unsern Chef in Kenntnis gesetzt und zweifle nicht, daß man Maßregeln ergreifen wird, diesem saubern Paar Einhalt zu thun.

Milon. Wie glücklich bist du, Freund, daß du das Los Unglücklicher erleichtern kannst! ... Auch ich bin in einer sehr mißlichen Lage und weiß nicht, was ich beginnen soll.

Prawdin. Und darf ich fragen, wie der Name –

Milon (entzückt). O, da ist sie ja selber!

Zweiter Auftritt.

Die Vorigen und Sophie.

Sophie. Milon, bist du’s?

Prawdin. Welches Glück!

Milon. Die ist’s, die mein ganzes Herz beherrscht! ... Teure Sophie, sprich, wie kommt’s, daß ich dich hier treffe?

Sophie. Wieviel hab’ ich gelitten seit dem Tage unsrer Trennung! Meine gewissenlosen Verwandten –

Prawdin. Freund, laß das Fragen! es bereitet ihr nur Schmerz. Von mir wirst du erfahren, welche Roheiten –

Milon. Die Nichtswürdigen!

Sophie. Heute übrigens hat die Frau vom Hause zum erstenmal mir gegenüber einen andern Ton angeschlagen. Als sie erfuhr, daß mich der Onkel zu seiner Erbin eingesetzt, verfiel sie aus Grobheit und Zanksucht in kriechende Liebenswürdigkeit, und ich ersehe aus allen ihren Anspielungen, daß sie mich ihrem Sohne als Braut zugedacht hat.

Milon (ungeduldig). Und du hast ihr nicht alsbald deine vollste Verachtung ausgesprochen?

Sophie. Nein ...

Milon. Hast ihr nicht gesagt, daß dein Herz bindende Pflichten hat, daß –

Sophie. Nein ...

Milon. O, nun seh’ ich mein Verderben! Ich habe einen beglückten Nebenbuhler! ... Nun, ich zweifle ja gar nicht an seinen Vorzügen: er ist gewiß klug, aufgeklärt, liebenswürdig; aber daß er sich mit mir in meiner Liebe messen könnte –

Sophie (lächelnd). Gott, wenn du ihn sähest – du würdest rasen vor Eifersucht!

Milon (grimmig). Ich kann mir alle seine Vorzüge vorstellen!

Sophie. Nein, du kannst sie dir gar nicht alle vorstellen! Er zählt zwar erst sechzehn Jahre, hat jedoch schon die höchste Sprosse der Vollkommenheit erklommen und kann gar nicht mehr höher steigen.

Prawdin. Wie kann er nicht höher steigen, Fräulein? Er hat ja bald die Fibel ausgelernt und wird wohl alsbald zum Psalmbuch übergehen.

Milon. Von solcher Beschaffenheit also ist mein Nebenbuhler?! ... Ach, Sophie, warum quälst du mich, und sei’s auch nur im Scherz! Du weißt, wie einem Liebenden selbst der geringste Verdacht Leiden macht! ... Nun sage mir, was du ihr geantwortet hast. (In diesem Augenblick geht Skotinin nachdenklich über die Bühne, ohne von jemand bemerkt zu werden.)

Sophie. Ich sagte ihr, daß ich vom Willen des Onkels abhänge, daß er bald selber herkommen werde – was ich aus dem Briefe schließe, den (zu Prawdin) Sie dank dem Herrn Skotinin nicht haben zu Ende lesen dürfen.

Milon. Skotinin!

Skotinin. Hier!

Dritter Auftritt.

Die Vorigen und Skotinin.

Prawdin. Sie haben also gelauscht, Herr Skotinin? Das hab’ ich von Ihnen nicht erwartet!

Skotinin. Ich ging zufällig vorbei und antwortete, da man mich anrief. Das ist so meine Art: wer „Skotinin!“ ruft, dem antwort’ ich „Hier!“ Ich habe in der Garde gedient und erhielt als Korporal meinen Abschied: rief man nun auf dem Versammlungsplatz laut: „Taras Skotinin!“ so brüllte ich: „Hier!“

Prawdin. Wir haben Sie nicht angerufen, und Sie können nun gehn, wohin Sie gehen wollten.

Skotinin. Ich wollte nirgendhin gehn, ich schritt nur so in Gedanken auf und ab. Es ist so meine Art: sitzt mir mal ein Gedanke im Kopfe fest, so läßt er sich mit keinem Pflock austreiben – sitzt was drin, so sitzt es fest. Dann denk’ ich nur dieses Etwas und seh’ es im Traum wie in der Wirklichkeit und in der Wirklichkeit wie im Traum.

Prawdin. Und was beschäftigt Sie gegenwärtig?

Skotinin. Ach, bester, teuerster Freund! Wunderdinge passieren mir. Meine Schwester ließ mich schnell – schnell aus meinem Dorfe herkommen – und wenn sie mich ebenso schnell aus ihrem Dorfe heimschickt, so kann ich vor der ganzen Welt mit reinem Gewissen behaupten: leer gekommen, leer zurückgekehrt.

Prawdin. Wie ich Sie bedauere, Herr Skotinin! Ihre Schwester spielt mit Ihnen wie mit einem Ball.

Skotinin. Wie mit einem Ball? Gott schütze vor Unglück! Will ich doch selber sie so weit schleudern, daß das ganze Dorf sie eine ganze Woche lang umsonst suchen soll!

Sophie. Ach, wie Sie zornig sind!

Milon. Was ist Ihnen?

Skotinin. Bitte urteilen Sie selbst – Sie sind ein vernünftiger Mensch. Also, meine Schwester hat mich herkommen lassen, damit ich heirate. Nun zieht sie sich zurück mit dem Vorwand: „Wozu brauchst du, Bruder, eine Frau, wenn du nur ein gutes Schwein hast.“ Nein, Schwester – ich will mir auch eigene Ferkel anschaffen! Auf den Leim geh’ ich nicht!

Prawdin. Auch mir will es scheinen, Herr Skotinin, daß Ihre Schwester eine Heirat im Sinne hat, nur nicht die Ihrige.

Skotinin. Mag sie doch – ich stehe keinem im Wege: heirate jeder seine Braut. Ich werde mich an einer fremden nicht vergreifen, aber auch Fremde sollen sich an der meinigen nicht vergreifen. (Zu Sophie.) Fürchte nichts, mein Schatz: niemand wir dich mir entreißen.

Sophie. Was soll das heißen?

Milon (aufschreiend). Welche Frechheit!

Skotinin (zu Sophie). Nun, worüber bist du denn so erschrocken?

Prawdin (zu Milon). Wie kann man einem Skotinin zürnen!

Sophie (zu Skotinin). So ist es denn beschlossen, daß ich Ihre Frau werde?

Milon. Mit Mühe halt’ ich an mir!

Skotinin. Niemand entgeht seinem Schicksal, mein Herz! Sünde ist’s, daß du wider dein Glück murrst. Das herrlichste Leben wirst du an meiner Seite haben. Zehntausend hast du Revenuen! Welch ein Glück! Eine solche Summe hab’ ich in meinem Leben nicht einmal gesehen! Donnerwetter, für dieses Geld kann ich mir ja alle Schweine auf der Welt kaufen! Ja, jeder Mund soll in die Trompete stoßen: bei Skotinin ist das Paradies der Schweine!

Prawdin. Wenn allein die Schweine bei Ihnen ein paradiesisches Leben führen, so wird Ihre Frau vor Ihnen und selbigen Schweinen wenig Ruhe haben.

Skotinin. Wenig Ruhe? Ei, hab’ ich denn zu wenig Raum in meinem Hause? Sie soll für sich allein das Eckzimmer mit dem Divan haben! Freundchen, wenn schon jetzt jedes meiner Schweinchen einen besonderen Koben hat, so wird sich für meine Frau schon ein Zimmerchen finden.

Milon. Welch ein viehischer Vergleich!

Prawdin (zu Skotinin). Nichts wird daraus, Herr Skotinin. Ich will’s ihnen nur gerade heraus sagen: Ihre Schwester will Fräulein Sophie mit Mitrofan verheiraten.

Skotinin (zornig). Was, wie? Der Neffe soll den Onkel ausstechen! Alle Rippen will ich dem Kerl eindrücken, sobald ich ihn sehe! Und ein Schweinesohn will ich sein, wenn ich nicht Sophiens Mann werde oder den Bengel zum Krüppel schlage!

Vierter Auftritt.

Die Vorigen. Jeremejewna und Mitrofan.

Jeremejewna. Du solltest doch ein ganz klein wenig lernen!

Mitrofan. Sprich noch ein Wort, alte Hexe, so will ich’s dir eintränken: werde mich wieder bei der Mutter beklagen, und sie wird dich, wie gestern, durchwalken!

Skotinin. Komm mal her, Freundchen.

Jeremejewna. Geh zum Onkel, Kind.

Mitrofan. Guten Tag, Onkel ... Was bist du so borstig?

Skotinin. Mitrofan, blicke mir frei und gerade in die Augen.

Jeremejewna. Thu’s, mein Süßer!

Mitrofan (zu Jeremejewna). Was ist denn der Onkel für ein Wundertier, daß ich ihn angucken soll?

Skotinin. Noch einmal: blicke mir frei und gerade in die Augen!

Jeremejewna. Erzürne doch den Onkel nicht! Sieh nur, mit welchen Glotzaugen er dich anstarrt! ... Nun, glotz ihn ebenso an! (Skotinin und Mitrofan blicken aufeinander mit weit aufgerissenen Augen.)

Milon. Das ist ein absonderliches Zwiegespräch!

Prawdin. Was es wohl für ein Ende nehmen wird?

Skotinin. Mitrofan, dein Leben hängt an einem Haar. Sprich die volle Wahrheit! Wenn ich die Sünde nicht scheute, so würde ich, ohne weitere Worte zu verlieren, dich bei den Beinen packen und deinen Schädel an der Wand zerschmettern. Doch möchte ich nicht meine Seele verderben, indem ich einen Unschuldigen richte.

Jeremejewna (zitternd). Wehe, er tötet ihn! Wehe meinem armen Kopfe!

Mitrofan. Bist du toll, Onkel? Ich habe keine Ahnung, wofür du über mich herfällst!

Skotinin. Ich warne dich: leugne nicht, damit ich dir nicht im Jähzorn den Todesschlag versetze – deine Hände werden dich wenig schützen. Ich nehm’s auf mich und werde Rechenschaft geben Gott und Kaiser. Doch auch unschuldig nimm keine Schuld auf dich, um nicht unverdient geprügelt zu werden!

Jeremejewna. Gott schütze vor unverdienten Prügeln!

Skotinin. Möchtest du heiraten?

Mitrofan (schmachtend). Schon längst, Onkelchen ...

Skotinin (stürzt auf Mitrofan). Ach, du verwünschter Racker!

Prawdin (Skotinin zurückhaltend). Herr Skotinin, keine Handgreiflichkeiten!

Mitrofan. Amme, decke mich!

Jeremejewna (stellt sich vor Mitrofan, wütend mit erhobenen Fäusten). Krepieren will ich auf der Stelle, aber dem Kinde laß ich kein Haar krümmen! Komm du nur, die Augen kratz’ ich dir aus dem Kopfe!

Skotinin (zitternd und mit der Faust drohend, ab). Ihr sollt an mich denken!

Jeremejewna (ihm nach). Meine Krallen sind scharf genug!

Mitrofan (dem Onkel nachrufend). Packe dich, Onkel, hol’ dich der Geier!

Fünfter Auftritt.

Die Vorigen. Frau Prostakowa und Prostakow.

Frau Prostakowa (zum Mann). Lüg du nur! Bist zeitlebens ein Maulaffe gewesen!

Prostakow. Er und Prawdin sind wie in die Erde gesunken! Bin ich schuld?

Frau Prostakowa (zu Milon). Ach, Herr Offizier! Ich habe Sie im ganzen Dorfe gesucht; mein Mann hat sich die Beine ablaufen müssen, um Ihnen meinen tiefsten Dank für das vortreffliche Kommando auszusprechen.

Milon. Wofür denn, gnädige Frau?

Frau Prostakowa. Wie denn, wofür? Ihre Soldaten sind prächtige Menschen: haben bis jetzt mit keinem Finger etwas angerührt. Zürnen Sie nicht, bester Herr, daß diese Mißgeburt (auf den Mann zeigend) mit seinem ewigen Gaffen Ihnen nicht wie nötig begegnet ist. Er war von Kindheit an ein Tölpel.

Milon. Bitte, nicht im geringsten –

Frau Prostakowa. Er ist manchmal wie vor den Kopf geschlagen – steht stundenlang mit starr aufgerissenen Augen. Was hab’ ich schon alles mit ihm versucht, was hat er alles von mir aushalten müssen – nichts wirkt auf seine dicke Haut. Und geht mal sein Klotzzustand vorüber, so beginnt er ein solches Blech zu schwätzen, daß man zu Gott fleht, er möchte ihn nur wieder vor den Kopf schlagen!

Prawdin. Sie wenigstens, gnädige Frau, können nicht über seinen Charakter klagen: er ist sanftmütig –

Frau Prostakowa. Wie ein Kalb, bester Herr, wie ein Kalb! Deshalb auch sind alle bei uns im Hause so verwöhnt. Denn um Strenge walten zu lassen und die Schuldigen gehörig zu bestrafen – dazu ist er zu dämlich! Muß alles selbst thun, lieber Herr. Vom Morgen bis zum Abend hat weder meine Zunge noch meine Hand einen Augenblick Ruhe: bald muß ich schimpfen, bald hauen; nur auf solche Weise kann ich das Haus halten.

Prawdin (für sich). Es wird bald anders gehalten werden.

Frau Prostakowa (zu Sophie). Habe die Zimmer für deinen lieben Onkel in stand gesetzt. Ach, wie möcht’ ich ihn sehen, den ehrwürdigen Greis! Ich habe viel Gutes von ihm vernommen. Selbst böse Menschen behaupten, er sei nur ein wenig griesgrämig, doch außerordentlich klug; wen er einmal liebt, den liebt er von ganzer Seele.

Prawdin. Und wen er nicht liebt, der ist ein schlechter Mensch. (Zu Sophie.) Ich selber habe die Ehre, Ihren Onkel zu kennen. Ich habe manches über ihn vernommen, das mir aufrichtige Hochachtung für ihn ins Herz flößte. Was man so seine Griesgrämigkeit, seine Grobheit nennt, ist nur der Eindruck seiner Geradheit. Nie im Leben hat seine Zunge „Ja“ gesagt, wenn seine Seele ein „Nein“ fühlte.

Sophie. Dafür hat er auch nur mit großer Mühe sein Glück machen können.

Frau Prostakowa. Gott segnet uns, indem er seine Bemühungen mit Erfolg segnete. Nichts wünscht’ ich sehnlicher als sein väterliches Wohlwollen für meinen Mitrofan! ... Sophiechen, mein Herz, willst du nicht des Onkels Zimmer in Augenschein nehmen? (Sophie ab; zu Prostakow.) Hast du schon wieder Maulaffen feil? Begleite sie, die Beine sind dir nicht abgefallen.

Prostakow (im Fortgehen). Nicht abgefallen, jedoch eingeknickt.

Frau Prostakowa. Meine einzige Sorge, meine einzige Freude ist – Mitrofan. Ich habe gelebt, er muß erst leben und Mensch werden. (Hier erscheinen Kutejkin mit einer Fibel und Zyfirkin mit einer Schiefertafel und einem Griffel. Beide fragen durch Zeichen Jeremejewna, ob sie eintreten dürfen. Sie winkt herein, Mitrofan – heraus.) Nun, Gott wird wohl gnädig sein, wird ihn mit Glück segnen.

Prawdin. Sehen Sie sich um, gnädige Frau, was hinter Ihrem Rücken vorgeht.

Frau Prostakowa. Ach, das sind Mitrofans Lehrer; Ssidorytsch, Kutejkin –

Jeremejewna. Und Pafnutjitsch, Zyfirkin.

Mitrofan (beiseite). Hole sie der Henker mitsamt der Jeremejewna!

Kutejkin. Frieden der Herrin dieses Hauses und viele Jahre des Wohlseins ihr, den Kindern und Angehörigen!

Zyfirkin. Wir wünschen Ew. Wohlgeboren Gesundheit auf hundert Jahre, und noch zwanzig, und noch fünfzehn!

Milon. Ei, das ist ja unsresgleichen, ist Soldat! Wie kommst du her, mein Freund?

Zyfirkin. Diente in der Garnison, Ew. Wohlgeboren, und bin nun verabschiedet.

Milon. Wie verdienst du dir denn dein Brot?

Zyfirkin. Es geht schon zur Not, Ew. Wohlgeboren. Ich habe einige Begriffe vom Rechnen und verdiene meinen Groschen von den Beamten der Rechnungsexpedition. Nicht jeden hat der liebe Gott mit Bildung gesegnet: da bittet mich denn so einer, ihm eine Rechnung zu kontrollieren oder die Summe zu ziehen. Solcherart verdien’ ich mein täglich Brot, sitze nie die Hände im Schoß. In meinen Mußestunden erteil’ ich Kindern Unterricht. So unterricht’ ich auch bei Ihro Gnaden: schon das dritte Jahr quälen wir uns mit den Brüchen ab, aber es will und will nicht recht kleben. Natürlich: ein Mensch ist nicht wie der andre.

Frau Prostakowa. Was quasselst du da, Pafnutjitsch, ich habe nicht recht gehört?

Zyfirkin. Ich erklärte Sr. Wohlgeboren, daß man manchem Klotz in zehn Jahren das nicht einkeilen kann, was ein andrer im Fluge erhascht.

Prawdin (zu Kutejkin). Und du, Kutejkin, bist du nicht gar ein Studierter?

Kutejkin. Bin ein Studierter, Ew. Wohlgeboren. In dem Seminarium der hiesigen Eparchie kam ich bis zur Sekunda, machte jedoch laut dem Willen Gottes Kehrtum. Darauf hab’ ich ins Konsistorium eine Bittschrift eingereicht, so da zu lesen stand: „Der und der Seminarist, Sohn eines Kirchendieners, bittet, aus Furcht vor den Abgründen der Kenntnisse, ihn vom Studium der Wissenschaften zu dispensieren.“ Worauf denn auch alsbald eine gnädige Resolution einlief des Inhalts: „Den und den Seminaristen von jeglichem Studieren zu befreien, denn es stehet geschrieben: Ihr sollt nicht die Perlen vor die Säue werfen, auf daß sie dieselbigen nicht zertreten mit ihren Füßen.“

Frau Prostakowa. Wo ist denn unser Adam Adamytsch?

Jeremejewna. Bin auch zu ihm gegangen, habe aber mit Mühe auf den Füßen stehen können: ganz eingehüllt war er in Rauchwolken. Ich bin beinah’ von diesem verfluchten Tabak erstickt. Ist das eine Sünde!

Kutejkin. Hat nichts zu sagen, Jeremejewna! Im Tabakrauchen finde ich keine Sünde.

Prawdin (beiseite). Kutejkin will klugsprechen!

Kutejkin. In vielen Büchern ist’s gestattet. Im Psalter steht wörtlich: „Saat zu Nutz den Menschen.“

Prawdin. Und wo noch?

Kutejkin. Auch in einem andern Psalter stehen dieselben Worte. Unser Priester hat einen in Oktavformat, und auch dort steht’s.

Prawdin (zu Frau Prostakowa). Ich will beim Lernen Ihres Sohnes nicht hinderlich sein; ergebenster Diener.

Milon. Noch ich, gnädige Frau.

Frau Prostakowa. Wohin denn, meine Herrn?

Prawdin. Ich werde ihn auf mein Zimmer führen. Freunde, die sich lange nicht gesehn, haben einander vieles mitzuteilen.

Frau Prostakowa. Und wo werden Sie essen – mit uns oder auf Ihrem Zimmer? Am Familientische sitzen nur wir und Sophiechen –

Milon. Mit Ihnen, mit Ihnen, gnädige Frau.

Prawdin. Wir beide werden die Ehre haben. (Beide ab.)

Sechster Auftritt.

Frau Prostakowa, Mitrofan, Jeremejewna, Zyfirkin und Kutejkin.

Frau Prostakowa. Nun, mein Herz, wiederhole wenigstens, was du das letzte Mal russisch gelesen.

Mitrofan. Wiederholen? Danke bestens!

Frau Prostakowa. Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer was zu. Das ist eine alte Wahrheit, mein Freund.

Mitrofan. Wahrheit! Du solltest doch noch ein paar Onkel herschleppen!

Frau Prostakowa. Wie, was?

Mitrofan. Das! Jeden Augenblick muß ich gewärtig sein, durchgehauen zu werden, und nach den Prügeln soll ich noch die Fibel vornehmen? Nein, dafür dank’ ich: da mach’ ich lieber ein Ende!

Frau Prostakowa (erschrocken). Was, was willst du machen? Komm zu dir!

Mitrofan. Der Fluß ist ja nicht weit von hier. Ein Sprung – und weg bin ich!

Frau Prostakowa (außer sich). Du tötest mich! Gott, mein Gott!

Jeremejewna. Der Onkel hat ihn so eingeschreckt: fast hätte er sich dem lieben Jungen in die Haare gekrallt. Und das für nichts und wieder nichts.

Frau Prostakowa (grimmig). Nun?

Jeremejewna. Er drang in ihn, ob er heiraten wolle –

Frau Prostakowa. Nun?

Jeremejewna. Und der liebe Junge verheimlichte es auch gar nicht: ja, lieber Onkel, ich habe schon lange Lust. Da geriet der Onkel in gräßliche Wut und stürzte sich –