Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde in Fraktur gesetzt; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen wurden übernommen.
Zeilen, die aus Gedankenstrichen bestehen, sind als Gedankenpausen dargestellt.
Das goldene Tor
Erzählung
von
Diedrich Speckmann
Berlin 1923
Verlag von Martin Warneck
Erschienen 1907
98.-110. Tausend
Alle Rechte vorbehalten
Gedruckt in Stuttgart bei J. F. Steinkopf
Obgleich die Sonne noch hoch am Himmel stand, lag Familie Eggers in den Betten. Nicht Krankheit hatte sie hineingetrieben, auch Faulheit nicht, sondern die grimmige Kälte. Auf neun Grad unter Null acht Tage nach Lichtmeß waren so kleine Leute wie der Häusling Harm Eggers mit ihrem Feuerungsvorrat nicht eingerichtet. Der winzige Haufe Sprickerholz und Torf, der noch auf der Diele am Ziegenstall lag, mußte fürs Kaffee- und Kartoffelkochen, also für die innere Erwärmung, gespart werden. Die äußere war nirgends billiger und gründlicher zu haben als im Bett.
In die Lehmwände der engen, unsauberen Stube, die mit ihrem gänzlichen Mangel an Schmuck und der zerbrochenen, notdürftig mit Lumpen verstopften Fensterscheibe nicht nur bei neun Grad Kälte und ungeheiztem Ofen einen frostigen Eindruck machte, waren zwei Schlafschränke, sogenannte Butzen, eingebaut. In der einen lagen Harm Eggers und seine Frau Trina. Sie strickten emsig Strümpfe aus Heidschnuckenwolle. Was fertig war, flog durch die Stube in die Fensterecke, um beim nächsten Kirchgang zusammengerafft und in Steinbeck beim Kaufmann Böcking gegen Kaffee, Zucker und Salz umgetauscht zu werden. In der Wiege vor dem Ehebett schlief ein Säugling, mit einem Bart von Milch und Schmutz um das breite Mäulchen. Der übrige Kindersegen füllte die zweite Butze. Ein zehnjähriger Junge war dabei, sich das Einmaleins in den Schädel zu rammen. Ein siebenjähriger und ein Mädchen von sechs Jahren lasen Bohnen aus. Dabei spielten sie einander allerhand Schabernack, heimlich, um sich den Eltern nicht zu verraten.
So verliefen die Winternachmittagsstunden trotz des ungeheizten Ofens behaglich, friedlich und nutzbringend. Bis es dem Siebenjährigen einfiel, dem Bruder, der eben mit geschlossenen Augen sich das schwierige Neunmalneun überhörte, eine dicke Bohne in das Gesicht zu knipsen. Dieser griff sich mit einem »Au!« an die hart getroffene Nasenspitze, dann schlug er mit seinem Buch und stieß mit seinen Füßen um sich. Darob stimmten Bruder und Schwester, wahllos getroffen, ein Geheul an, und der jäh erwachende Säugling mischte sein Schreistimmchen auch in das geschwisterliche Konzert. Da war's um die Ruhe der Mutter beim Strickstrumpf geschehen. Sie kam aus dem Bette gefahren, schlug und stieß, ohne den Fall zu untersuchen, in die Kinderbutze hinein, bis die Ruhe wiederhergestellt war. Dann beugte sie sich über den jüngsten Schreihals und summte, sich mit der Wiege hin und her schaukelnd: Hu, huhuhu, hu. Aber der kleine Kerl schrie weiter. Da legte sie sich ins Bett, nahm den Jungen an sich, hüllte ihn warm ein und reichte ihm die Brust. Wie sie so auf das begierig trinkende Kind niederblickte, verlieh die Mutterliebe selbst diesem stumpfen, harten Gesicht für Augenblicke etwas wie einen heimlichen Adel.
Als Trina ihr Kind gestillt hatte und es eben wieder in die Wiege legte, ging die Stubentür auf, und ein etwa vierzehnjähriger Junge trat ein. Die Bücher, die er unter dem Arm trug, legte er auf den Tisch und seine Mütze auf den kalten Ofen. Also gehörte auch er hier ins Haus. Aber er war von ganz anderer Art als die andern Kinder. In deren Gesichtern bestimmten die hervortretenden Backenknochen und der breite Mund den Ausdruck. Die Stirn wich bescheiden zurück, und bei den Augen fiel nichts weiter auf, als daß sie sehr rund waren. In des Ankömmlings Gesicht dagegen hatte die Stirn die Vorherrschaft, und die Augen sahen nicht wie die der andern nach dem, was der benachbarte Mund verschlingen könnte, sondern es war, als ob sie über dieses Nächste hinwegschauten und nach etwas Fernem suchten. Es war Peter, Harms Sohn aus erster Ehe, den Trina als ziemlich hoffnungsloses älteres Mädchen bei ihrer Verheiratung mit in den Kauf hatte nehmen müssen. Er stand vor der Einsegnung und kam eben von der Konfirmandenstunde aus Steinbeck, dem anderthalb Stunden entfernten Kirchdorf, zurück.
»Süh,« sagte Trina, »dat paßt. Weeg mi dat Kind, ick will melken.« Peter stellte sich gehorsam an die Wiege, die Stiefmutter fuhr in die Holzschuhe, band sich ein Tuch um den Kopf und ging hinaus.
Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, da trat Peter dicht an die elterliche Butze, steckte den Kopf hinein und sagte zögernd und leise: »... Vader! ...«
Harm Eggers blickte von seinem Strumpf auf und sah dem Jungen verwundert in das Gesicht. »Wat hest du? Wat makst du för Ogen!«
»Ick ... ick schall Scholmester weern.«
»Wat? Du?«
»Ja, ick.«
»Wer seggt dat?«
»De Herr Pestohr.«
»Soo? Hett de uns wat to seggen?«
»He well darför sorgen, dat de Sak di keenen Gröschen kosten deit.«
»Hoho, dormit is dat nich afmakt. Du hest uns mannig Stück Brod und Speck upäten. Nu mußt du mi helpen, dat ick din Bröders und Süsters ok grot krieg'.«
»O Vader, wenn ick minen Lohn as Scholmester krieg', will ick jümmer an di denken.«
»Hä, de paar Daler! De wullt du woll sülwst bruken können.«
»Och Vader, lat mi!«
»Hm ... Wenn ick ok woll, du schast man sehn, Mudder giwt't nich to ...«
»Jea, Mudder ... De gönnt mi öwerall nix ... Wenn min sel' Mudder noch an't Lewen wör, denn so ...«
Peter vollendete den Satz nicht. Er sah trüben Blickes durch die blinden Fensterscheiben in den dämmernden Abend hinaus.
Der Vater fuhr sich mit den Stricksticken hinter die Ohren und machte ein verlegenes Gesicht. In seinen besten Stunden fühlte er, was er selbst und der Junge mit seiner ersten Frau verloren hatten. Und dann hatte er Peter gegenüber etwas wie ein böses Gewissen, weil er ihn nicht besser gegen die Ausnutzung und Drangsalierung durch die Stiefmutter in Schutz nahm, und schämte sich seiner Schwäche und Bequemlichkeit. Nach einer Weile fragte er: »Nix kösten schall't mi?«
»Nee, keenen roden Pennig,« versicherte Peter eifrig, »und de Herr Pestohr seggt, du schöllst em mal besöken. O, Vader, ick bidd' di, gah hen!«
Harm Eggers räusperte sich. »Hmhm, ick will mal hören, wat Mudder darto seggt.«
»Vader ...« sagte Peter leise und zögernd, »... frag aber ok ... min rechte Mudder ...«
»Och Jung, wat snackst du mannigmal för narr'sch Tüg! De is ja dod ...«
Peter schwieg. Er ließ den Blick wieder durch das Fenster in die dämmernde Ferne irren.
»Jung, wenn du so steihst und kiekst, denn sühst du just so ut as din Mudder selig.«
Langsam wandte Peter sich dem Vater zu. »Is dat wahr?« fragte er.
Der Vater nickte stumm, seufzte leise und ließ die Stricksticken wieder klirren, wie um sich auf andere Gedanken zu bringen. Die stille, heimliche Freude, die auf Peters Gesicht lag, sah er nicht.
Bald darauf kam Trina Eggers vom Melken zurück. In der Tür wischte sie sich mit dem Jackenärmel über den Mund. Denn sie hatte eben einen tüchtigen Trunk warmer Ziegenmilch getan. Nach einem Blick in die Wiege sagte sie: »Clas slöppt. Mak Füer an und sett Water up!«
Peter ging hinaus. Nachdem er den berußten Kessel mit Wasser gefüllt und an den Haken über der offenen Feuerstelle gehängt hatte, kniete er nieder, rakte die Asche von den fast erloschenen Kohlen, blies mit vollen Backen hinein und legte trockenes Reisig auf. Knisternd umsprangen ihn die Funken, und eine weißliche Rauchwolke kletterte an den Zacken des schwarzglänzenden Kesselhakens in die Höhe. Peter ließ sich von der hellen Lohe Gesicht und Hände wärmen und schaute nachdenklich in die prasselnden, in buntem Farbenspiel durcheinander schießenden Gluten des von zusammengesuchtem Holzwerk genährten Herdfeuers. Die letzten Worte des Vaters gingen ihm im Kopf rundum. Also er hatte Ähnlichkeit mit seiner seligen Mutter? Sie war gestorben, als er kaum drei Jahre alt war, und ihr Bild war seiner Vorstellung entschwunden. Nun versuchte er, seine Züge ins Weibliche und ins Mütterliche zu übersetzen. Ein deutliches Bild gewann er damit ja nicht. Aber er freute sich, daß er ihr Gesicht haben sollte. Denn er hatte sie noch immer lieb und dachte oft an sie.
Der Kessel fing an zu singen. Das hörte Peter gern. Dabei ließ sich so schön sinnen und träumen. Aber plötzlich fuhr er auf. Aus der Stube klang ein Wortwechsel in das Kesselsingen und das Funkenknistern hinein. Was gesprochen wurde, konnte er nicht verstehen, aber er wußte sofort, daß es sich um ihn und seine Zukunft handelte. Es ging sehr lebhaft dabei zu ... Nun hat die Stiefmutter das Wort ... Noch immer ... Ob sie gar nicht wieder aufhören will? Endlich! ... Aber, Gott sei Dank, der Vater ist noch nicht zum Schweigen gebracht. Ruhig und bestimmt scheint er seine Meinung zu sagen ... Nun sie wieder. Was für eine schrille Stimme sie hat! ... Jetzt beide durcheinander, in höchster Erregung ... Peter sitzt mit stürmisch klopfendem Herzen am Feuer, zwischen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen.
Da fliegt die Stubentür auf, und der Vater kommt herausgeschritten, mit einer Entschlossenheit in Haltung und Miene, die ihm sonst fremd ist. »Peter!« ruft er laut über die Diele.
Peter springt wie eine Feder vom Herde in die Höhe. »Hier bin ick.«
»Peter, ick heww din Mudder selig up ehren Dodenbedd in de Hand toseggt, dat ick jümmer god för di sorgen wull. Morrn gah ick to'n Pestohr.«
»Und ick segg ...,« kreischt Trina, die ihrem Mann auf dem Fuße gefolgt ist, aber er unterbricht sie hart: »Trina, ick segg di't in Goden, hol nu din Mul!« Und wirklich, sie schwieg. Der Ton, mit dem er dies sagte, und der Ausdruck seiner Augen, in denen ein flackernder Widerschein des Herdfeuers war, verrieten ihr, daß sein Inneres nahe am Siedepunkt war. Wenn man ihn dann noch weiter reizte, fing er an zu rasen. Das hatte sie einmal erlebt, und seitdem ließ sie es so weit nicht mehr kommen. Lieber nahm sie eine kleine Niederlage hin und wartete auf eine Gelegenheit, sie auszuwetzen.
Harm Eggers machte sich hinten auf der Diele zu schaffen und pfiff munter vor sich hin. Die häusliche Szene hatte nach der langen Bettruhe sein Blut angenehm in Wallung gebracht. Dazu kam das Hochgefühl des Siegers, und vor allem das Bewußtsein der erfüllten Vaterpflicht. Trina dagegen war in ihrer schlimmsten Laune. Sie schlug die Türen, stieß mit dem Geschirr und hetzte den Stiefsohn von einer Arbeit zur andern.
Nach dem Abendbrot ging die Familie bald zur Ruhe. Peter aber mußte vorher das Jüngste in Schlaf wiegen.
Der Trankrüsel wurde gelöscht — Öllampen waren auf dem Lande noch nicht in Gebrauch —, aus den Butzen kamen bald die ruhigen Atemzüge der Schlafenden, leise knirschte die Wiege auf dem Sande des Lehmbodens. Da gehörte Peter sich selbst und seinen Gedanken.
Er saß nicht weit vom Fenster und blickte hinaus. Das war so seine Art. Er sah mehr aus dem Fenster, als seine vier Geschwister zusammen. Denn unbewußt suchten seine Augen und seine Seele in der Ferne etwas, was die Nähe und Enge nicht gab. Wie er jetzt so in Gedanken versunken hinausschaute, sah er die klare Winternacht mit unzähligen Sternen geschmückt. Da dachte er an seine Mutter, wie er öfters tat, wenn er zu den Sternen aufschaute. Das hing mit einer frühen Kindheitserinnerung zusammen. Die Mutter hatte so viel gehustet und gestöhnt und gar nicht schlafen können. Nun lag sie auf einmal still mit weißem, feierlichem Gesicht und schlief so friedlich. Da freute sich der kleine Peter und ging auf den Zehen und spielte ganz leise, um die Mutter nicht zu wecken. Am Morgen des dritten Tages aber holte die Großmutter des Bauernhauses, zu dem des Vaters Kate gehörte, ihn ab, schenkte ihm drei Stück Zucker und einen dicken Apfel, und den ganzen Nachmittag spielte er sehr vergnügt mit den Kindern des Bauern. Am Abend brachte die freundliche alte Frau ihn wieder nach Hause. Da suchte er die Mutter, fand sie aber nicht, in ihrem Bette und im ganzen Hause nicht. Und er fragte die alte Frau, wo sie geblieben wäre. Da nahm die ihn auf den Arm und zeigte ihm durch das Fenster — es war dasselbe, an dem er jetzt eben saß — den dunklen Himmel mit all den hellen Sternen. Dort oben wohne die Mutter nun. Und aus einem der vielen Kucklöcher kucke sie herab, ob ihr Peter auch artig und lieb sei. Da hatte er die Augen angestrengt, ob er sie nicht sehen könnte. Und als er ihr liebes, weißes Gesicht nicht fand, da hatte er geweint. Aber bald hatte er sich getröstet und sich vorgenommen, immer artig und lieb zu sein, damit die Mutter droben an ihrem goldenen Himmelsfenster eine Freude hätte. Als kleiner Junge hatte er dann noch oft ihr Gesicht dort oben gesucht. Als großer Junge und Konfirmand tat er das nicht mehr. Aber wenn er die Himmelsfenster seines ersten Kinderglaubens sah, dachte er an sie. Und wie sollte er diesen Abend ihrer nicht gedenken? Heute hatte sie in sein Leben eingegriffen, hatte ihrem Kinde den Weg frei gemacht. — Nun lag eine Zukunft vor ihm. Eine Zukunft, wie der arme Häuslingsjunge sie sich nie hatte träumen lassen. Dicke Bücher, merkwürdiger, wunderbarer Dinge voll; ein sauberes Häuschen im Garten mit Blumen vor den Fenstern; Kinderscharen, deren Augen an seinem Munde hingen. Ja, zuletzt sah er sich in einer hohen, alten Kirche auf der Orgelbank sitzen, und all die Pfeifen und Flöten gehorchten ihm. Er ließ sie brausen wie Sturmesbrausen, und dann wieder ganz lieblich singen, wie das Rotkehlchen singt im Busch ...
Diese schönen Zukunftsträume wurden durch einen Kälteschauder gestört, der ihm plötzlich über den Rücken lief, und zugleich flogen seine Zähne klappernd aufeinander. Da stand er auf, entkleidete sich schnell, packte den siebenjährigen Bruder, der sich in der Kinderbutze quer gelegt hatte, in die richtige Lage, kroch hinein, wurde in dem gut vorgewärmten Nest schnell warm und war ebenso schnell eingeschlafen.
Am nächsten Morgen zog Harm Eggers seinen Sonntagsrock an, umwand Kopf und Hals mit einem roten Schaltuch, so, daß die etwas kopfscheuen Ohren an den Kopf gedrückt und vorm Erfrieren geschützt waren und nur Augen und Nase in die kalte Welt hinauslugten, nahm seinen Eichheister in die Faust und machte sich auf den Weg, seine Vaterpflicht zu erfüllen und seines Erstgeborenen Zukunft mit dem Steinbecker Pfarrherrn zu beraten. »Middag bin ick wedder 'rin,« war sein letztes Wort, als er schon die Türklinke in der Hand hatte.
Als Peter am Mittag aus der Schule kam, war der Vater noch nicht zu Hause. Eine Stunde wartete man auf ihn, und Peter lief immer wieder vor die Tür und sah den Weg entlang nach ihm aus. Endlich setzten sie sich an den Tisch. »Wo Vader woll so lange bliwt?« fragte das kleine Mädchen. »Bi'n Branntwien!« antwortete Trina rauh. Dann sah sie Peter von der Seite an und sagte: »Und wovon kummt dat? Von dine verdammten Scholmestergrappen! He ward sick wedder schön enen ansupen, de ole Swinegel de!« Peter zuckte zusammen und schwieg. Was seine Stiefmutter so brutal aussprach, das hatte er im stillen auch schon gefürchtet.
Harm Eggers war ein Gelegenheitstrinker. Da die Leute ihn für einen guten, anständigen Kerl hielten, seine Trina aber und ihre Sippe nicht leiden konnten, so schrieben sie diesen »lütten Fehler« auf die Rechnung des bösen Weibes. Damit trafen sie auch wohl ziemlich das Richtige. Aber heute betrank Harm Eggers, der wirklich, während man zu Hause auf ihn wartete, in einer behaglich durchwärmten Schenkstube des Kirchdorfs saß, sich nicht aus ehelichem Kummer, sondern aus Freude und Vaterstolz. Er hatte ja vom Pastor so viel Gutes über seinen Peter gehört, daß sein Vaterherz der Freude und des Stolzes voll war. Und all das Schmeichelhafte konnte er unmöglich für sich behalten. Und seine Frau daheim konnte er doch nicht damit erfreuen. So mußten es denn die in der Gaststube einkehrenden Bauern, Viehtreiber und Fuhrleute hören, was Peter Eggers, Harm Eggers' Sohn aus erster Ehe, für ein begabter Junge war, und daß der Pastor ihn durchaus zum Schulmeister und Küster machen wollte, und dem Vater fiele es zwar schwer, bei den vielen kleinen Kindern, aber er wollte dem Jungen doch nicht im Wege sein, und wenn er selbst trocken Brot essen sollte. Zwischendurch kam dann wohl der Seufzer: »Wenn dat min sel' Fru noch belewt harr!« Dann trat ihm das Nasse in die Augen, und er suchte es durch das Nasse in dem Glase, das nimmer leer blieb, zu vertreiben.
Peter sah indessen immer wieder nach dem Vater aus. Je weiter die Stunden vorrückten, um so mehr graute ihm vor der Rückkehr. Er merkte deutlich, welch eine Wut sich den Nachmittag über in seiner Stiefmutter ansammelte. Gegen ihn war sie fast freundlich, aber er wußte wohl, diese Freundlichkeit war der falsche, stechende Sonnenschein vor dem Losbruch eines schrecklichen Gewitters.
Es wurde dunkel, es wurde Abendbrotzeit. Harm Eggers war immer noch nicht zurückgekehrt. Um acht Uhr schickte die Mutter die Kinder ins Bett, verriegelte die Türen und löschte das Licht. Sie selbst legte sich angekleidet in ihre Butze.
Lange Zeit lag Peter mit wachen Augen und horchte. An sich und seine Zukunft dachte er nicht. Mit Angst dachte er nur an das, was die nächsten Stunden bringen würden. Zuletzt fiel er doch in leichten Schlaf. Ein Geräusch weckte ihn. An der Haustür wurde gerüttelt. Leise erhob er sich und wollte durch die Stube schleichen, um zu öffnen. Da befahl die Mutter: »Gah in din Bedd!« Einen Augenblick schwankte er, ob er nicht ihrem Befehl trotzen sollte. Einen Augenblick drängte es ihn, an ihr Bett zu gehen und Vergebung für den Vater zu erbitten. Aber er tat nichts von beidem und legte sich wieder. Schritte kamen um das Haus herum. Es klopfte an die Fensterscheiben. »Trina, mak up!« Keine Antwort. Es pocht stärker. Die Fensterscheiben sind in Gefahr. »He sleit de Finster twei! Mak em up!« schreit die Stiefmutter mit heiserer Stimme. Peter springt auf, läuft barfüßig und im Hemde durch die Stube, über die Diele, und schiebt den Riegel zurück. Die Tür fliegt auf, ein eisiger Lufthauch, mit widerwärtigem Fuselgeruch gemischt, weht ihm entgegen, er fühlt sich von zwei Armen umschlungen, feuchte Lippen küssen seinen Mund und lallen: »Jaja, min Hartensjung, freu di, Scholmester wardst du.« Entsetzt und angeekelt entwindet Peter sich der Umklammerung und läuft in die Stube. Der Vater taumelt ihm nach. In der Tür stellt er sich steif hin, stößt mit dem Eichheister auf die Schwelle und lallt: »Ick bin de Herr, und ick bin de Vader, und Scholmester ward de ...« Weiter kommt er nicht. Die Frau ist wie eine Furie auf ihn los gefahren, Peter springt wie von Sinnen in seine Butze; indem er die Tür hinter sich zustößt, sieht er noch, wie sie dem Trunkenen den Stock aus den Händen reißt, er vergräbt sich tief in das Bett, kauert sich zusammen und preßt die Fäuste vor die Ohren.
So lag er lange, lange, und fühlte wie noch nie den ganzen Jammer seiner freudlosen, gedrückten Kinderzeit, das ganze Elend seines Elternhauses, das durch Trunk und Brutalität zu einer Hölle geworden war. Wenn doch die Eltern mit dem Eichenknüppel kämen und ihn totschlügen! Er wollte sich ganz gewiß nicht wehren.
Endlich, — nach seinem Empfinden mußte wenigstens eine Stunde vergangen sein, und die Luft in dem Bett war so verbraucht, daß ihm der Atem still stehen wollte — hob er ein klein wenig die Decke, atmete tief auf und horchte.
Das Entsetzliche war vorüber. Nur ein leises Stöhnen kam von drüben. Dazu weinte der Säugling. Da sich niemand um ihn kümmerte, ging das Weinen allmählich in ein Wimmern über, das nach und nach auch erstarb ...
Vorsichtig schob er die Tür seiner Butze zurück und sah in die Stube. Da lag ein umgestürzter Stuhl. Die Scherben eines zerbrochenen Tellers bedeckten den Fußboden. Durch das Fenster leuchteten die Sterne, ruhig, klar und schön. Aber heute kamen ihm bei ihrem Anblick keine lichten, warmen Gedanken.
Er ließ sich in die Kissen zurückfallen und verfiel aufs neue ins Grübeln. Mit grausamer Wollust wühlte er in der Erinnerung an häßliche Szenen, die er hier in seinem Elternhause erlebt hatte. Je länger er lag, desto mehr füllte seine Seele sich mit Bitterkeit. An den Vater dachte er mit Verachtung, und beim Gedanken an die Stiefmutter ballte er die Fäuste und knirschte mit den Zähnen und fühlte einen heißen Haß in sich aufsteigen. Aber, Gott sei Dank, der Tag war ja nicht mehr fern, an dem er den beiden aus den Händen laufen konnte. Der Pastor hatte ihm gesagt, wenn er Schulmeister werden sollte, würde er gleich nach den Osterferien bei einem alten Schulmeister in die Lehre treten. Er rechnete aus, wie lange es bis dahin noch wäre. Ostern fiel früh: sieben Wochen und fünf Tage! Dann schlägt die Stunde der Erlösung. Dann ade, du enges, schmutziges, dumpfes, zank- und haßerfülltes Elternhaus!
Es war Gründonnerstag. In der Steinbecker Kirche wurden die Kinder konfirmiert.
Der Pastor war heute nicht die steile Kanzeltreppe hinaufgeklettert, sondern stand vor dem Altar, inmitten der jungen, festlich geschmückten Schar. Die Mädchen trugen schwarze Kappen, die vorn mit einem weißen, fein gefältelten Strich versehen waren, und hielten über den funkelnagelneuen Gesangbüchern zusammengefaltete weiße Tücher. Die ärmeren Jungens steckten zum Teil in Abendmahlsröcken, die ihnen offenbar nicht persönlich auf den Leib geschneidert waren. Denn kleine Leute, die den Pfennig umdrehen mußten, hielten einen Rock von mittleren Maßen für ihre ganze Jungensschar auf Lager. Peter aber, der ärmste von allen, trug seinen eigenen Anzug. Dafür hatte seine Mutter kurz vor ihrem Tode einer zuverlässigen Frau eine kleine, sauer ersparte Summe übergeben. Als Peter an diesem Morgen den Rock angezogen hatte, war ihm eine große, blanke Träne daran hinuntergelaufen.
Der Pastor war einer jener gutmütigen Menschen, die des Lebens harte und häßliche Wirklichkeit nicht sehen und allen ihren Mitmenschen das Beste zutrauen. Herzbeweglich schilderte er die ungezählten und unverdienten Wohltaten, die jene Eltern dort im Schiff der Kirche an diesen ihren Kindern um den Altar im Leiblichen und im Geistlichen getan hätten. Sie hätten für sie gearbeitet, gewacht, gesorgt, gehungert, gebetet, hätten den Trieb zur Tugend in die jungen Seelen gepflanzt, wären mit gutem Beispiel vorangegangen usw. Da weinten die Mütter reichliche Tränen der Rührung über ihre so lebhaft und öffentlich anerkannte Gutheit, und ihre Tränentüchlein gingen eifrig zwischen Schoß und Augen hin und her. Zur Ehre von Trina Eggers muß aber gesagt werden, daß ihr Tuch auf dem Gesangbuch liegenblieb, und daß sie bei dieser Schilderung sich aufopfernder Mutterliebe ein leises Unbehagen empfand.
Peter dachte währenddessen nur an seine rechte Mutter. Er hatte ja seinen Konfirmandenanzug als einen Beweis ihrer treuen Fürsorge vor Augen, und zweifelte nicht daran, sie würde, wenn sie bei ihm geblieben wäre, alles das an ihm getan haben, was der Pastor, mit seinem starken Glauben an die Menschen, den Vätern und Müttern seiner Gemeinde insgesamt zutraute.
Als der Gottesdienst beendigt war, ging Trina Eggers in einen Bäckerladen und kaufte für fünf Silbergroschen Butterkuchen. Bei den letzten Häusern des Dorfes langte sie in die Tüte, sagte: »Da!« und reichte Peter ein tüchtiges Stück. Und zu Hause, als sie den Kuchen unter ihre Kinder verteilte, bekam er noch einmal eins, und zwar das größte, auf dem noch dazu der Zuckerguß sich am besten gehalten hatte. Die Stiefgeschwister machten neidische Gesichter, und der Siebenjährige heulte über die mütterliche Ungerechtigkeit. Aber von Peter bekam Trina einen dankbaren Blick, und den kleinen unbequemen Stachel, den die Konfirmationsrede doch in ihr zurückgelassen hatte, war sie glücklich wieder los.
Daß Peter Schulmeister werden sollte, dabei war es geblieben, obgleich Trina seit jener Nacht wieder die Oberhand hatte. Der Pastor hatte, nachdem Harm Eggers seine väterliche Zustimmung gegeben, gleich das Nötige in die Wege geleitet. Ein älterer Schulmeister der Nachbargemeinde Olendorf, Wencke in Wehlingen, der etwas schwächlich war und eine große Schule hatte, war bereit, Peter nach den Osterferien in sein Haus aufzunehmen und ihn die Schulmeisterei zu lehren. Präparandenanstalten gab's noch nicht, für die große Masse der Landlehrer beschränkte sich der Seminarbesuch auf ein halbes Jahr und fand erst statt, nachdem die jungen Leute einige Jahre praktisch mit ihren Konfirmandenkenntnissen in der Schule gearbeitet hatten. Die Schul- und Lehrerverhältnisse waren also von den heutigen, sehr fortgeschrittenen, himmelweit verschieden. Deshalb wollen wir in dieser Geschichte unserm guten Peter, seinem Lehrmeister und seinen Kollegen auch getrost den heute außer Gebrauch gekommenen und verpönten Titel »Schulmeister« geben. So nannten sie sich selbst, so nannten die Leute sie, und so schrieb der Pastor ins Kirchenbuch. Der Titel »Lehrer« klingt für diese Leutchen, bei denen die Großeltern des heutigen Geschlechts den Landeskatechismus, das Einmaleins und ein wenig Lesen und Schreiben lernten, zu feierlich und anspruchsvoll.
Am Tage nach Ostern ging Peter nach Steinbeck, um seinem Pastor einen Abschiedsbesuch zu machen. Stolz schritt er in seinem Konfirmandenrock durch die Straßen des Kirchdorfs. Wenn ihm Leute begegneten, suchte er auf ihren Gesichtern zu lesen, ob sie ihn, der vor zwei Wochen in der Konfirmandenprüfung vor der ganzen Gemeinde mit den besten Antworten geglänzt und ein besonderes Lob erhalten hatte, wiedererkannten.
Nun stand er vor der großen, grünen Tür des Pfarrhauses, das er von vorne noch nie betreten hatte. Ob er anklopfen mußte? Darüber war er nicht belehrt worden, aber er hatte einen Spruch gelernt: Wer anklopfet, dem wird aufgetan. Er klopfte also an, aber ihm wurde nicht aufgetan. Da schielte er verstohlen durch das Fenster neben der Haustür auf den Vorplatz, und da er niemanden sah, wagte er es, die Tür selbst vorsichtig zu öffnen. »Klinglinglingling« lärmte die Hausglocke. Peter erschrak, als ob er auf einer bösen Tat ertappt wäre. Das Dienstmädchen kam und sah ihn fragend an. »Is He inne?« fragte Peter. »Jawohl, der Herr Pastor ist in seiner Stube,« sagte in belehrendem und verweisendem Tone das Mädchen. »Aber, Junge, nimm wenigstens deine Mütze vom Kopfe, wenn du zu uns kommst!« fügte sie hinzu. Blitzartig riß Peter die Kopfbedeckung herunter und stand rotübergossen da. Das Mädchen lächelte im Hochgefühl ihrer überlegenen Bildung und wies ihn gnädig die Treppe hinauf.
Indem Peter die Stufen hinanstieg, biß er sich auf die Lippen und ärgerte sich über sich selbst. Daß man in fremden Häusern die Mütze abnahm, hatte er doch in der Schule gelernt. Und nun hatte er's doch vergessen!
Nun stand er vor der Tür mit dem Namensschild des Pastors. Nachdem er sich die Füße auf der Strohmatte gereinigt hatte, klopfte er an. Ganz bescheiden, mit den Fingerspitzen. Wie man anklopfte, darüber hatte er keinen Spruch gelernt. Als keine Antwort kam, faßte er sich ein Herz und ging ungerufen hinein. Der Geistliche saß an seinem Schreibtisch vorm Fenster und blickte verwundert auf. »Mein Sohn,« sagte er, »wenn man zu einem Menschen in die Stube will, dann klopft man gefälligst an.« »Herr Ppestohr,« stamerte Peter, »ich ... ich habe angeklopft.« »Ach so, ja, da kratzte was; ich meinte, das wäre mein kleiner Polli. Na, setz dich!« Peter setzte sich tief errötend auf einen Stuhl. Die Mütze hielt er mit beiden Händen gegen die Brust gepreßt.
»Freust du dich, Schulmeister zu werden?« fragte der Pastor.
»Ja.«
»Ist deine Aussteuer schon fertig?«
Peter machte ein verwundertes Gesicht. Aussteuer kriegten doch nur die Mädchen mit, wenn sie freiten.
»Ich meinte, ob du gehörig mit Zeug und Wäsche ausgerüstet bist.«
»Jaa.«
»Wenn du man bloß nicht Heimweh nach Muttern kriegst!«
»Nee!«
»Nanu! Nicht so kühn, mein Jüngchen! Aber du kennst ja das schöne Lied: ›Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden.‹ Und: ›Wenn Menschen auseinandergehn, dann sagen sie: Auf Wiedersehn.‹«
»Ich ... ich habe bloß noch eine Stiefmutter ...«
»Ach so, daran hatte ich nicht gedacht ... Aber hmhm, ich habe Stiefmütter gekannt, die hatten die angenommenen Kinder ebenso lieb, wie ihre eigenen ... Hm, ich wollte nur sagen, in sechs Wochen ist schon Pfingsten. Dann kannst du schon mal nach Hause hinüberspringen. Und dann kommen ja auch bald die großen Ferien ...«
Die Pastorin steckte den Kopf in die Tür und rief ihren Mann heraus.
Peter, der bislang steif auf dem Stuhl gesessen und dem alten Herrn unverwandt auf den Mund gesehen hatte, wie in der Kinderlehre, atmete freier auf und sah sich in der Studierstube um. Da bekam er einen großen Schreck. Was für eine Menge Bücher! Und wie dicke dabei! Am längsten und mit der größten Verwunderung haftete sein Blick an der Reihe der mächtigen Kirchenbücher. Was mußte so ein geistlicher Herr für ein gelehrter Mann sein! Natürlich nahm er an, daß dieser in seiner großen Bibliothek ebensogut Bescheid wußte, wie er in seiner kleinen, die aus vier schmalleibigen Schulbüchern bestand. Er war manchmal stolz gewesen, daß er mehr wußte als die andern in der Schule und Kinderlehre. Die letzten Wochen, seit er am Palmsonntag vor der ganzen Gemeinde mit seinem Wissen geglänzt hatte, war ihm dieses Hochgefühl fast immer gegenwärtig geblieben. Aber diese in Schweinsleder und Pappe gebändigte Gelehrsamkeit, die ihn hier zugleich mit einem Duft feinen Tabaks umgab, verwirrte ihn und machte ihn ganz klein.
Als der Pastor wieder in die Stube trat, flog Peter in die Höhe, wie er's von der Konfirmandenstunde her gewöhnt war, nur mit noch größerem Respekt, wegen der neu entdeckten Gelehrsamkeit des stattlichen Herrn. Er wurde nicht wieder zum Sitzen genötigt, bekam einige gute Lehren und Wünsche mit auf den Weg und konnte gehen. Leise schlich er die Treppe hinab und war froh, als er unbemerkt die Haustür erreicht hatte, ohne noch einmal von dem Mädchen, vor dem er sich vorhin so blamiert hatte, gesehen zu sein.
Den Kopf trug er jetzt nicht so hoch als vorhin. Bescheiden und demütig ging er seines Weges.
Am Abend des Sonntags nach Ostern sollte Peter in Wehlingen antreten. Das Dorf war drei Stunden von seiner Heimat entfernt.
Sein Vater begleitete ihn und trug auch die in einen buntgewürfelten Kissenüberzug gestopfte »Aussteuer«. Das geistige Rüstzeug, seine Bibliothek, hatte Peter selbst unter dem Arm.
Vater und Sohn sprachen kaum miteinander. Von Haus aus waren sie beide schweigsam, und heute, angesichts der Abschiedsstunde, schloß ihnen auch eine gewisse Verlegenheit den Mund. Der Weg führte durch Steinbeck, und an Harm Eggers' liebstem Wirtshaus vorbei. Hier bog er zur Seite, und als Peter zögerte, ihm zu folgen, sagte er freundlich und ein wenig verlegen: »Kumm, Jung', wöt uns erst 'n bäten verhalen.« Da ging Peter mit ihm hinein.
Harm bestellte zwei »lüttje Klare«. Als der Wirt das Gläschen vor Peter hinstellte, sagte der Vater: »He is ja nu ok 'n mündigen Christenminschen,« worauf jener nickte und lachte. Peter hob das Glas vorsichtig, nippte daran, schüttelte sich und setzte es wieder hin. »Smeckt he nich?« fragte der Vater leise. Peter zog ein krauses Gesicht und schüttelte den Kopf. »Töw' man,«[1] flüsterte Harm, mit den Augen zwinkernd. Als der Wirt den Rücken gewandt hatte und sich an dem Schenktisch zu schaffen machte, nahm er schnell das Glas, trank es aus und stellte es leer wieder vor Peter hin, froh darüber, daß er seinem Fleisch und Blut eine schwere Blamage erspart hatte. Darauf kaufte er ihm eine dick mit Zucker bestreute Maulschelle. Als Peter anfing, die eine Hälfte des trocknen, noch von Ostern übriggebliebenen Gebäcks hinunterzuwürgen, sagte der Vater: »Christoffer, up een Been kann'n nich stahn« und ließ sich das Glas aufs neue füllen. Da aber stand der Junge entschlossen auf, packte die andere Hälfte der Maulschelle in die Tasche und drängte den Vater, schnell auszutrinken und mit ihm aufzubrechen.
Unter der Wirkung des Alkohols wurde Harm gesprächiger. Und der nahe Abschied von seinem Jungen trug dazu bei, daß er sentimental wurde, während sonst diese Stimmung erst etwa nach dem siebenten Glas sich einzustellen pflegte.
Er schluckte einige Male trocken nieder, seufzte, und sagte endlich:
»Ach ja, Peter ... din' Mudder ...«
Peter sah den Vater erwartungsvoll an.
»... 't sünd nu all meist twolf Jahr, dat se in de Eer[2] liggt. Ach ja, wenn ick an de Tied torüg denk ...«
»Vader,« fragte Peter leise, »wat hett Muddern egentlich fehlt?«
»Hoßen[3], Kind, slimmen Hoßen ... Wör hier in de Bost[4] nich echt ... Lungensük ... ehr Mudder is dar ok an storwen ... ehr Süster ok ... Min Familje is so karnig und gesund ... Grotvader is achunachzig Jahr old worrn und hett all sin Tähnen mit in't Sarg krägen ... Aber ehre Familje ... keen goden Karn is da nich in ... sünd in de Bost nich echt ... Ach ja, wenn dat dar eenmal so instickt ... Junge, wenn du man echt bist!«
Er sah Peter prüfend und besorgt von der Seite an.
»Aber Vader,« sagte der Junge überrascht, »ick bin doch ganz gesund.«
»Ach ja, dat wör din Mudder ok ... Aber de Karn wör nich god, dat wör hier in de Bost keen echten Kram ... Wat mi bange makt, du sühst ehr gar to ähnlich, du hest gar to väl van ehr afkrägen. Wenn du mehr van mi harrst, dat wör bäter för di. Wi Eggers sünd alle so gesund.«
Peter betrachtete heimlich das Gesicht des Vaters. Im stillen war er doch froh, daß er mehr von der Mutter hatte.
»Dat Starwen is dine Mudder bannig swar worrn,« begann der Vater wieder.
»Harr se väle Kälen[5]?« fragte Peter.
»Och nee, de könn se god drägen. Se harr di so öwer alle Maten lew ...«
Dem Jungen lief es heiß über den Rücken.
»›Dat Kind, dat arme Kind! ... Wat schall ut Peter weern?‹ So güng dat jümmer wedder ... Ick möß ehr verspräken, ... dat ick jümmer god för di sorgen woll. De Hand heww ick ehr darup geben möst ... Da könn se starwen ... Ach Gott ja, twolf Jahr is dat nu all her ... Wenn'n so trügdenkt ... mannigmal ... ick woll man seggen ... ick harr mannigmal woll bäter för di sorgen könnt ... Ja, dat harr ick ... jawoll, jawoll ... aber glöw mi, ick harr't sülwst nich licht ... Trina is so ganz anners as din' sel' Mudder ... Wenn ick de beholen harr ... Djunge, Djunge! ... Du kennst de Welt noch nich, du weeßt nich, wat so 'n Frugensminsch 'n Keerl ruptrecken kann, wenn se darnah is, und wat se em rünnerrieten kann in'n Dreck ...«
Er blieb plötzlich stehen. Sie hatten eine Höhe erreicht. Vor ihnen im Tale lag ein Dorf. »Dat is Wehlen, nu finnst du woll hen, ick will ümkehren, adjes,« sagte der Vater hastig, gab dem Jungen unbeholfen die Hand, ohne ihn anzusehen, setzte das Bündel nieder, wandte sich um und ging mit langen, steifen Schritten den Hügel hinab.
Peter stand verwundert und sah ihm nach. Unter den Worten des Vaters hatte er mit Liebe seiner Mutter gedacht. Nun fühlte er auf einmal ein warmes Gefühl auch gegen den Vater in sich aufsteigen. Ja, der Mann, der dort hinabschritt, und er, der ihm nachblickte, sie gehörten doch zusammen, trotz allem. Der hatte seine Mutter auch liebgehabt. Und wenn sie bei ihm geblieben wäre ...? Im stillen bat Peter dem Vater ab, wenn er einmal Gedanken der Verachtung und Auflehnung gegen ihn gehabt hatte.
Der Vater war unten im Tale stehengeblieben und hatte sich umgewandt. Mit der Hand die Augen schirmend, schaute er zurück. Und Peter stand noch immer auf der Höhe und sah ihm nach. Sie winkten einander nicht zu, aber doch flog zwischen Vater und Kind ein leises, wehes Abschiedsgrüßen hinüber und herüber ...
Nun verschwand des Vaters Gestalt in einem Fuhrengehölz. Peter wischte sich schnell über die Augen und wandte sich entschlossen herum. Da lag es vor ihm, das Tal, in dessen Schoß ein Stück seiner Zukunft ruhte. Was er dort sah, gefiel ihm wohl. Das Dorf lag an einem Flüßchen, in Wiesen eingebettet. Rechts zogen sich ansehnliche Wälder hin, Tannen und auch etwas Laubwald. Peter, dessen Geburtsort auf einer trockenen, kargen Wasserscheide lag, war von der lieblichen Anmut der Gegend überrascht. Wenn die Menschen nur danach waren, sollte es ihm dort unten schon gefallen. So nahm er denn seine Siebensachen und machte sich munter auf den Weg. Die grünen Spitzen der Gräser wagten sich eben hervor, die Weidenkätzchen steckten vorsichtig die Sammetpfötchen heraus, Krähenscharen lärmten in der Luft, eine Amsel flötete von der Spitze einer Tanne ihr sehnsüchtiges Vorfrühlingslied. Alles ahnte an diesem kühlen, lichten Sonntagabend, daß ein Neues, Herrliches werden wollte, und nicht zum mindesten der junge Schulmeister, der mit langen, frohen Schritten in das Tal hinabstieg.
Nicht weit vom Dorfe begegnete ihm ein kleines Mädchen, dessen Alter er auf sieben Jahre schätzte. Da gab Peter sich einen Ruck und fühlte sich zum erstenmal als Schulmeister. Er machte sich recht gerade, um möglichst groß zu erscheinen, zupfte noch schnell sein Röckchen zurecht, hielt sein Bündel mehr hinter sich und redete das Kind an, freundlich und ein ganz klein wenig väterlich, erst hochdeutsch, dann platt. Aber er bekam aus dem kleinen Ding nichts heraus, weder dessen Namen noch Auskunft über die Lage des Schulhauses. Nach wiederholten Versuchen ging er kopfschüttelnd weiter. Wenn die Kinder hier alle so schwer von Begriff waren, würde er noch seine Last haben.
Bei den ersten Häusern sagte ihm eine Frau, zur Schule müßte er durch den ganzen Ort gehen.
Aufrecht und fest schritt er die Dorfstraße dahin, gehoben von dem Gefühl, in diesen Minuten für ein ganzes Dorf der Gegenstand der Aufmerksamkeit zu sein. Die Kinder, die auf den Höfen spielten, hielten inne, und er grüßte sie wohlwollend. Die Erwachsenen vor den Haustüren nickten ihm zu, und er grüßte sie freundlich und höflich. Als ihm ein Koppel halbwüchsiger Burschen begegnete, versuchte er, seinem Gruß einen kameradschaftlichen Ton zu geben. Aber die dummen Bengel, mit der diesem Alter eigenen Verachtung alles dessen, was irgend mit der Schule zusammenhängt, musterten ihn von oben herab und lachten ihm dreist ins Gesicht. Doch er hatte keine Zeit, sich darüber zu ärgern. Denn schon grüßte ihn über einem Hause die Inschrift: »Hier lehret man die Jugend, zu Gottesfurcht und Tugend«, und mit Herzklopfen faßte er den Türdrücker des Hauses, unter dessen Dach er fortan lernen, lehren und leben sollte.
Als Peter die Tür des Schulhauses hinter sich schloß, öffnete sich gegenüber eine Stubentür, und es erschien ein alter Frauenkopf, der sich aber, kaum seiner ansichtig geworden, wieder zurückzog. Peter hörte, daß er gemeldet wurde: »Vader, he is'r.« Darauf kam ein hageres, grauhaariges, bartloses Männchen angetrippelt, das den Ankömmling an der Hand nahm und in die Stube zog, mit den Worten: »Szüh, ßüh, da bist du ja. Is man gut. Wir haben schon auf dich gewartet. Na, setz dich ... Da hast du deine Sachen woll in? Die leg' da an die Erde. So, so. Bist wohl recht müde von dem langen Weg?«
»O nein,« sagte Peter, »Vater ist mitgegangen und hat meine Aussteuer getragen.«
»Aussteuer? Wo hast du die denn?« fragte der Schulmeister verwundert.
Peter wies etwas unsicher auf sein Bündel.
»Aussteuer im Kissenüberzug? Hihihi, das ist gut. Mudder, hest du't hört? Dor hett he sin' Utstüer in.«
Die Schulmeisterin, die in einem Rohrlehnstuhl saß, verzog ihr faltenreiches, teilnahmloses Gesicht zu einem schwachen Lächeln. Peter war rot geworden.
»Na ja ...« begann der Schulmeister wieder, »du hast doch wohl schon gegessen? Wir sind schon eine halbe Stunde damit fertig. Wegen meinem Magen essen wir immer früh.«
Peter sagte bescheiden, er hätte erst vor zwei Stunden eine Maulschelle gegessen.
»Das ist ja man gut. Sonst, wenn du noch Hunger hättest ... Denn wollen wir gleich den Abendsegen lesen und zu Bett gehen. Denn morgen Punkt sieben Uhr geht's an die Arbeit. Langschläferei und Unpünktlichkeit dulde ich nicht. Das mußt du dir gleich heute merken.«
Mutter Wencke war aufgestanden, nahm ein Buch vom Wandbrett und legte es, bei dem Lesezeichen aufgeschlagen, vor ihren Gebieter hin. Dann holte sie das Brillenfutteral von der Fensterbank, zog die Brille mit ihren zitterigen Fingern heraus, putzte sie an der Schürze und reichte sie handgerecht dem Alten. Hier geht's anders zu zwischen Mann und Frau, als zu Hause, dachte Peter.
Nachdem der Schulmeister mit etwas tremulierender Stimme eine kurze Abendbetrachtung vorgelesen hatte, hieß er Peter sein Bündel aufnehmen und stieg mit ihm eine knarrende Holztreppe hinan. Oben angekommen, führte er ihn in eine kleine Dachkammer. »So, mein Sohn,« sagte er, »hier hast du alles. Hier steht dein Bett, und da kannst du dich waschen, und da ist auch 'n Leuchter und Reißsticken, wenn du dir mal 'n Licht anstecken willst. Aber damit sei vorsichtig! Du wohnst hier unterm Strohdach. So, nun mach's dir in deinem Heim recht gemütlich und schlaf' wohl!« Damit ging er und knarrte mit seinen Filzpantoffeln die Treppe hinab.
Peter sah sich in dem Stübchen um. Es war in Wirklichkeit nur ein Bretterverschlag unter dem unverkleideten Strohdach. Bett, Tisch, Stuhl, Schemel mit Waschbecken nahmen drei Viertel des Raumes ein. Wer diese Stube ein elendes Loch nannte, brauchte noch nicht anspruchsvoll zu sein. Aber dem guten Peter lagen solche Gedanken himmelfern. In ihm fand des Schulmeisters Wort ein jubelndes Echo: Dein Heim, dein Heim! Die Gefühle, die beim Klang dieses lieben Wortes in allen heimseligen deutschen Menschenkindern wach werden, waren Peter bis auf diese Stunde fremd geblieben. Die väterliche Kate, in der er die schmutzige Stube mit sechs und die dumpfe Butze mit drei Menschen hatte teilen müssen, die ihm alle innerlich fremd und zum Teil feindlich waren, war ihm niemals ein Heim gewesen. Nun hatte er auf einmal eins, und es war ihm, als hätte er damit etwas gefunden, wonach er sich lange im stillen gesehnt hatte.
Gemütlich sollte er sich's in seinem Heim machen, hatte der Alte gesagt. Gemütlich? Das Wort hatte er noch nie gehört. Aber seinem Klange lauschte er ab, was es sagen wollte. Er zog das schwarze Röckchen aus und hing es an die Wand, vertauschte die engen, staubigen Stiefel mit bequemen Holzpantoffeln, baute die Bücher auf dem Tisch auf und wusch sich die Hände. Ei, wie wurde es da gemütlich! Zuletzt zündete er das Licht an. Wie freundlich sah jetzt erst das saubere Zimmerchen aus, mit den beiden Bildern an den Wänden und dem weißen Gardinchen über dem zweischeibigen Fensterfach! Peter rieb sich die Hände, zog den Kopf zwischen die Schultern und fand sein Heim urgemütlich.
Als er eine Weile die Freude über sein gemütliches Heim ausgekostet hatte, öffnete er das Fenster und sah hinaus. Von dem Garten drunten konnte er nichts deutlich erkennen. Die Nacht war völlig hereingebrochen. Dennoch blieb er, in den engen Rahmen gezwängt, lange im Fenster liegen. In der Stille, die um ihn war, in dem Dunkel, das nach all den Eindrücken dieses Tages keine neuen mehr zu ihm ließ, mußte er über die Veränderung nachdenken, die der heutige Tag in sein Leben gebracht hatte. Das alte Leben lag hinter ihm wie ein böser Traum, und vor ihm ein neues, unbekannt, aber so verheißungsvoll, daß ihm das Herz klopfte, wenn er nur daran dachte ... Er sah über sich zum Nachthimmel empor und schärfte seine Augen. Zuletzt fingen hoch droben, in unendlicher Ferne, einige Sterne an, durch die blaue Nacht zu glimmen. Und es wurde ihm, als käme aus seligen Fernen durch die weiten Räume ein stilles Grüßen gezogen. In tiefem Erschauern empfand seine Seele dieses wunderbare Grüßen und wurde darüber so weit und froh, daß er es in dem engen Fensterrahmen nicht mehr aushalten konnte. Er zog sich in sein Heim zurück, hob die Hände, dehnte die Brust, atmete selig bang, und plötzlich warf er sich auf die Knie, und ein wortloses, heißes Dankgebet entquoll seinem übervollen Herzen.
Als seine Seele sich auf diese Weise von dem Überschwang ihrer Glücksgefühle befreit hatte, fing plötzlich in ihm etwas an zu knurren. Es war der Magen. Dieser war nicht von einer so rührenden Bescheidenheit wie sein Besitzer, und mit einer halben Maulschelle für einen halben Tag und eine ganze Nacht nicht zufrieden. Zum Glück erinnerte Peter sich, daß die zweite halbe Maulschelle noch in der Tasche seines Konfirmationsrockes steckte. Er zog sie heraus, und ganz langsam aß er sie, um dem unzufriedenen Gast, der von der Freude allein nicht satt werden wollte, eine wirkliche Mahlzeit vorzutäuschen. Zwischendurch trank er einen Schluck Wasser aus dem Kruge. Ein Glas hatte er nicht.
Darauf ging er zur Ruhe. Als er sich niederlegte, warf er sich stürmisch in dem Bettkasten hin und her. Die Freiheit und Wonne, dieses tun zu können, ohne wie zu Hause sofort mit geschwisterlichen Beinen zusammen zu geraten, mußte er doch erst einmal auskosten. Dann machte er's sich auf der rechten Seite gemütlich, zog die Beine an, blinzelte behaglich mit den Augen, ehe er sie schloß, und fühlte sich so recht von Herzen heimselig.
Schlaf wohl, du junges, armes, hungriges, glückliches Schulmeisterlein! Alle Stunden, die dir unter diesem Dache kommen, werden wohl nicht so reich, nicht so glücklich sein, wie diese ersten.
Als Peter am andern Morgen erwachte, dachte er mit Schrecken daran, daß Schulmeister Wencke Langschläferei und Unpünktlichkeit nicht duldete. Ob er die Zeit nicht schon verschlafen hatte? Darüber beruhigte er sich zwar bald; denn es war noch nicht völlig hell. Da er aber eine Uhr nicht fragen konnte, weil er keine hatte, und die Sonne nicht, weil sein Fenster nach Westen lag, so hielt er es für das sicherste, sofort aufzustehen.
Beim Ankleiden betrachtete er die beiden Bilder, die durch ihr Dasein gestern abend die Gemütlichkeit seines Heims gehoben hatten, die er aber in dem schwachen Licht der Talgkerze sich noch nicht genauer angesehen hatte. Zu Häupten des Bettes hing ein rahmenloser Holzschnitt. Er mochte aus einer alten Bilderbibel stammen und war mit Schusternägeln an der Wand befestigt. Abraham, der Vater der Gläubigen, schickte sich mit bekümmertem Gesichte an, seinen Sohn Isaak zu schlachten, der ganz geduldig seinen Hals hinhielt, während im Hintergrunde der Engel des Herrn die Einhalt gebietende Rechte hochhielt und mit der Linken einen sich gewaltig sträubenden Bock heranzerrte. Das Bild an der senkrechten Längswand war viel freundlicher. Es war dazu bunt, und hatte einen mit Fliegendenkmälern punktierten Goldrand. Eine hehre Frauengestalt, in rotem Ober- und blauem Untergewande, schwebte in rosigen Wolken, rings von reizenden Engelköpfchen umgeben. Darunter stand: »Maria, die Himmelskönigin.« Dieses Bild sah Peter sich viel länger an als das andere.
Als er mit dem Ankleiden fertig war, wollte er hinuntergehen. Oben an der Treppe blieb er aber stehen und horchte in das Haus hinab. Dort war noch alles still. Da schlich er mit größter Vorsicht die Stufen hinab. Trotzdem war die altersschwache Treppe so indiskret, jeden seiner leisen Tritte durch das hallende, morgenstille Haus zu melden. Unten angekommen, schob er den Riegel zurück und trat in den frischen Morgen hinaus.
Die Sonne ging eben auf und übergoß den Himmel mit flammendem Rot. Aber darauf achtete Peter nicht weiter. Das hatte er hundertmal gesehen, wenn die Stiefmutter ihn vor Tau und Tag aus dem Bett herausjagte. Es kam ihm heute darauf an, das Neue kennen zu lernen, das ihn hier erwartete. So ging er denn zuerst durch den Garten. Der war noch kahl und wartete auf Sonnenschein und warme Tage. Trotzdem ließ Peter sich von Bäumen und Büschen die herrlichsten Versprechungen machen. Der dicke Apfelbaum, der dem Hause zustrebte und einen Zweig bis dicht vor sein Kammerfenster sandte, der in schöner Gabelung stolz aufwärts strebende Birnbaum, die Johannis- und Stachelbeersträucher, die schon zu grünen und zu blühen angefangen hatten, was verhießen sie nicht alles dem Gaumen des noch nicht Fünfzehnjährigen, der solche Genüsse bislang fast nur vom Hörensagen kannte!
Als er den Garten kennengelernt hatte, schlenderte er ins Dorf hinaus. Da freute er sich über die breiten, behäbigen Bauernhöfe, die hinter bemoosten Knüppelzäunen unter dicken Eichen lagen. Wo er zu Hause war, auf der hohen Heide, war das alles viel ärmlicher als in diesem bachdurchrieselten Tale, dessen Anmut ihn gestern schon erfreut hatte.
Aus einem der Häuser kam ein Junge mit einem Schulbuch in der Hand. Da drehte Peter um und ging eiligst nach Hause zurück.
Die Schulmeistersleute saßen beim Kaffee. »Wo bleibst du denn?« fragte der Schulmeister, indem seine Stirnhaut sich in Falten legte. »Ich habe bloß eben einen kleinen Spaziergang gemacht,« entschuldigte sich Peter. »Na, hör' mal, diese Morgenspaziergänge laß man unterwegs. Es ist nicht nötig, daß du uns beiden alten Leute morgens um fünf Uhr aus dem Schlaf trampelst. Ich bin zufrieden, wenn du so früh aufstehst, daß du uns vor dem Kaffee die Stiefel putzen kannst. Ich bin nämlich nicht dafür, wie es viele Schulmeister tun, in Holzschuhen zu unterrichten. Wir dürfen uns nicht so gehen lassen. Auch meine Pfeife mußt du mir immer stopfen. Die pflege ich in der Schreibstunde zu rauchen.«
Während dieser Dienstanweisung hatte die Schulmeisterin Peter eine dicke Scheibe Brot dünn mit Seimhonig bestrichen. Und jetzt machte er sich darüber her, als ob er von zwei Uhr nachts an mit nüchternem Magen in der Scheune gedroschen hätte. Gegen seine Gewohnheit faßte er das Brot wie seine Stiefbrüder zu Hause, nämlich mit beiden Händen, um tüchtig nachschieben zu können. Bis der Schulmeister sagte: »Anständige Leute essen mit einer Hand.« Da wurde er rot und legte seinem Eßungestüm Zügel an.
Draußen auf dem Hof sammelten sich die Kinder. Einige klapperten schon mit ihren Holzschuhen in die nahe Schulstube. Die Zeiger der blumenbemalten Wanduhr zeigten fünf Minuten vor sieben. Da sagte Schulmeister Wencke: »Heute brauchst du noch nicht zu unterrichten. Du wirst vielmehr meinem Unterrichte beiwohnen. Wir wollen in den einzelnen Fächern Wiederholungen anstellen. Du wirst da sehen, was geleistet ist, und was in einer ordentlichen Schule geleistet werden muß. Die Kinder werden ja immerhin in den Osterferien mancherlei vergessen haben, und meine besten Schüler sind jetzt gerade konfirmiert. Das mußt du bedenken, wo mal etwas nicht klappt. Für zehn Uhr habe ich mir dann die Abc-Schützen bestellt. Komm! Bring' dir einen Stuhl mit!«
Hinter dem alten Schulmeister trat der junge in die Schulstube, wobei er in dem Bewußtsein, daß aller Augen auf ihm ruhten, seinem weichen Jungensgesicht einen ernsten und strengen Ausdruck zu geben suchte. Mit Würde ließ er sich angesichts der Klasse auf seinem Stuhl nieder und legte die Beine lässig übereinander.
Nach einem Gesangvers und Gebet führte Wencke dem jungen Schüler und Kollegen seine Schule vor. Der Tausend! Wie das klappte! Biblische Geschichten, Katechismusstücke, Sprüche kamen nur so angeflogen, beim Lesen wurden die Sätze förmlich verschlungen, die Lösungen der Rechenexempel folgten reflexartig. Peter sah verdutzt bald die Schule, bald den Lehrer an, und kam aus dem Verwundern gar nicht heraus.
Hinter das Geheimnis dieser großartigen Unterrichtserfolge ist der gute, ehrliche Peter nie recht gekommen. Sein Vorgänger aber, der gerissener war als er, hatte es schon mit einem halben Jahre herausgehabt. Schulmeister Wencke hielt für seinen Vorgesetzten, den Pastor von Olendorf, der bei Schulprüfungen die ihm sehr sympathische Gewohnheit hatte, niemals selbst die Kinder zu fragen und die Wahl der zu behandelnden Gegenstände dem Lehrer zu überlassen, in allen Unterrichtsfächern einige Paradestücke auf Lager, die im Sommer und Winter, vor und nach den Ferien, gleich gut gingen. So war er in den Ruf eines tüchtigen Pädagogen gekommen und erhielt deshalb auch Präparanden zur Ausbildung zugewiesen. Diese Paradestücke hatte er eben Peter vorgeführt und in diesem wieder einmal das Gefühl des eigenen Nichts wachgerufen, zugleich aber auch den heiligen Entschluß, daß er unermüdlich arbeiten wollte, bis er würdig wäre, seinem Meister wenigstens die Schuhriemen aufzulösen.
Um zehn Uhr kamen dann die Kleinen, von den Müttern an der Hand geführt. Sie kamen mit bangen Gesichtern, und ein kleiner Bengel schrie so mörderlich und sperrte sich so sehr, daß er auf dem Arm hergetragen werden mußte. Die erzieherische Weisheit der Eltern hatte nämlich für gut befunden, von frühester Jugend an den Kindern mit dem Schulmeister als dem leibhaftigen Buhmann zu drohen, um sie dadurch zur Tugendhaftigkeit zu schrecken. Diese seine kleine hagere Person umschwebenden Schrecken mußte Herr Wencke also zuerst zerstreuen. Sein süßestes Gesicht, das er aufsteckte, genügte dazu nicht, und freundliche Worte mit Backenstreicheln und Kitzeln unter dem Kinn taten es auch nicht. Das wußten die Eltern und brachten im Handkorb Tüten voll süßer Anlockungsmittel herbei, die sie dem Schulmeister im Hause heimlich vor den draußen ängstlich umherstehenden Kindern überreichten. Die Körbe enthielten aber auch noch andere Schätze: Präsente für den Mann, dem die teuersten Schätze nun auf Jahre zur Vorbereitung für dieses und jenes Leben anvertraut werden sollten, und der bei seinem kargen Gehalt einige Schinken und Würste gut gebrauchen konnte. Solche schöne Sitte half diesem zugleich, die Rangordnung der Kleinen richtig zu bestimmen. Wenn er sie nach der Güte der elterlichen Gaben setzte, war er sicher, daß seine kleine Schulgemeinde ein getreues Abbild der großen Schulgemeinde wurde, die in Bauern, Anbauern und Häuslinge sozial scharf gegliedert war. So wurde denn Heini Renken, dessen Mutter einen mittleren Schinken und eine armlange Mettwurst mitbrachte und zugleich andeutete, sie würden nächstens ein fettes Kalb schlachten, Erster, und Jürgen Brammer mit seiner verschimmelten Leberwurst gebührte der letzte Platz.
Nachdem Schulmeister Wencke angesichts der offenen Körbe über die Rangordnung sich schlüssig geworden war, überließ er die Mütter seiner Frau zur Bewirtung mit einer Tasse Kaffee und machte sich mit seinem Gehilfen daran, die auf dem Hof herumstehenden Kinder für die geordnete menschliche Gesellschaft einzufangen. Mit Hilfe der vorgehaltenen Köder ging das ziemlich leicht. Nur Jürgen Brammer, der vorhin so geheult hatte, traute der Sache noch immer nicht, und Peter mußte ihn auf dem Arm in die Schulstube tragen und sich auf einen Wink des Schulmeisters auch weiter diesem offenbar schwierigsten Charakter des Jahrgangs widmen. Er hatte mit seinen ersten Erziehungsversuchen den schönsten Erfolg. Als der kleine Kerl merkte, daß er es nicht mit dem leibhaftigen Buhmann zu tun hatte, sondern mit einem Jungen, der so gar nichts Menschenfresserisches an sich hatte, hörte er auf zu weinen, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und nahm einen roten Bonbon aus der ihm hingehaltenen Tüte. Als er eine Weile daran gelutscht hatte, nahm er das klebrige Ding aus dem Munde und bot es Peter an. Fast hätte der zugegriffen, denn Süßigkeiten aß er gern. Er besann sich aber zur rechten Zeit, daß sich dies mit seiner Würde als Schulmeister nicht vertrug, und sagte: »Nee, nee, behol' man!« Da Jürn auf diese Weise den roten Bonbon nicht los werden konnte, steckte er ihn in die Tüte, um einen grünen zu probieren.
Mit der Nahrung des Geistes verschonte Wencke heute die Kleinen noch. Er ließ sie schmausen, holte aus jedem mit viel pädagogischem Geschick den Namen heraus, scherzte plattdeutsch mit ihnen, ermahnte sie, immer fleißig zur Schule zu kommen, zeigte eine Papptafel, auf der ein braunes Hottehüh dahertrabte, und ließ sie laufen.
So verlief der erste Schultag für alle Beteiligten sehr erfreulich. Die Kinder konnten den ganzen Tag in Süßigkeiten schwelgen, sofern nicht die Eltern grausamer waren als der liebe Schulmeister und dessen großmütige Geschenke an sich nahmen. Unter des letzteren Wiemen sah es aus, als ob ein Schweinchen hätte dran glauben müssen. Und Peter war froh, die erste Aufgabe, die ihm in seinem Lebensberuf gestellt war, glatt gelöst zu haben.
Beim Mittagessen ließ der Schulmeister sich über die Familien aus, die heute ihre Kinder ihm anvertraut hatten. Peter lernte auf diese Weise einen Teil der Schulgemeinde kennen. Freilich nur in der Hinsicht, ob einer viel oder wenig hatte, filzig war oder gern herausrückte.
Außerdem lernte Peter beim Mittagessen den Luxus des Lebens kennen. Der Tisch war mit einem weißen Leintuch gedeckt, und jeder Esser hatte seinen eigenen Teller. Über letzteren freute Peter sich aus demselben Grunde, wie er sich über das eigene Bett freute. War er zu Hause im Bett mit den geschwisterlichen Beinen in Kampf geraten, so am gemeinsamen Eßnapf mit ihren Holzlöffeln. Und nirgends waren Trinas Sprößlinge selbstsüchtiger und unangenehmer als am Eßtröglein. Schnell sah der Junge, der bislang nur Holzschleef und Naturgabel gebraucht hatte, seinen Lehrmeistern ab, wie man die Eßgerätschaften einer höheren Kultur handhabte, und schlug eine wackere Klinge. Das Honigbrot vom Morgenkaffee hatte seinen Magen noch immer nicht wegen des ausgefallenen Abendbrotes beruhigt, und Frühstück gab's nicht. »Von wegen meinem Magen,« hatte der Schulmeister erklärt.
Als die Messer und Gabeln ruhten, nahm der Schulmeister wieder das Wort. »Ein lateinischer Schriftsteller,« begann er, »hat einmal ein Wort gesprochen, das die Gelehrten so übersetzen: Eine gesunde Seele in einem gesunden Körper. Wir Schulmeister, das ist klar, haben für unsern schweren Beruf eine gesunde Seele nötig. Die können wir aber nur haben, wenn unser Leib gesund bleibt. Um ihn gesund zu erhalten, müssen wir neben der Arbeit des Geistes, die wir an der lieben Jugend betreiben, auch unsern Körper arbeiten lassen. So habe ich's immer gehalten. Es waren meine besten Tage, wenn ich im Schweiß meines Angesichts mein Brot aß, wie es uns ja auch schon in der Bibel verheißen ist. Abgesehen davon, daß die Schulmeisterei einen mit der Familie allein nicht ernährt. Und da habe ich immer gefunden, die gesündeste Arbeit ist das Graben. Ich wäre nicht so alt geworden, wenn ich nicht viel gegraben hätte. Für dich wird das auch gut sein. Komm, ich will dich anweisen.«
Er führte Peter in den Garten und zeigte ihm ein Stück Land. »Kannst du dieses wohl bis zum Kaffee umgegraben haben? Wir wollten gern Erbsen legen.«
Peter versprach, sein Bestes zu tun.
»Dein Vorgänger,« sagte der Schulmeister wieder, »warf so ein Stück Land im Handumdrehen herum. Na, er war aber auch einen guten Kopf größer als du. Sieh zu, wie weit du kommst, grabe nicht zu flach, und verteile den Dünger gut!« Damit ging er, um seinerseits des Leibes Gesundheit durch ein Mittagsschläfchen zu pflegen.
Peter machte sich munter ans Werk. Er war froh, daß ihm eine Arbeit gegeben war, die er beherrschte, bei der er nicht ängstlich zu tasten brauchte. An so etwas hatte die Stiefmutter ihn tüchtig herangekriegt. Er tummelte sich, um hinter seinem großen Vorgänger nicht allzuweit zurückzubleiben. Und wirklich, er warf das Stück herum, ehe er zum Kaffeetrinken gerufen wurde. Ja, vom nächsten auch noch zwei Reihen! Als der Schulmeister nach seinem Mittagsschläfchen die Arbeit prüfte, zollte er ihr vollen Beifall, und am Kaffeetisch warf er in Peters Tasse ein Stück Zucker mit den Worten: »Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.« Peter war sehr froh. Er hatte einmal das angenehme Gefühl, ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu sein. Dazu hatte die Stiefmutter es trotz all seiner sauren Arbeit im Hause und auf dem Felde nie kommen lassen. Nach dem Kaffeetrinken half er seinem Lehrherrn Erbsen legen. Und bald legte er sie allein. Denn als der Schulmeister seinen Diensteifer bemerkte, schmunzelte er stillvergnügt und beschränkte die eigene Arbeit darauf, mit der Pfeife im Munde Anweisungen zu geben.
Als sie mit dem Abendessen fertig waren und noch am Tisch saßen, konnte Peter seine Wißbegier nicht mehr bezwingen. An der Wand hing ein länglicher Kasten mit einem Stiel, an dem einige Bindfäden her liefen. Das Ding hatte ihn schon bei allen Mahlzeiten des Tages so merkwürdig angesehen, als ob es mehr wäre als ein Kasten zur Aufbewahrung von Garnknäueln oder Rauchtabak oder dergleichen. Er fragte also den Schulmeister, was es mit dem zweifelhaften Kasten auf sich hätte. Der lächelte weise und gab dann ernsthaft die Erklärung: »Was du da siehst mein Sohn, ist nicht ein Kasten, sondern eine Geige. Gewöhnliche Leute nennen sie auch Vigeline. Dieselbige ist ein musikalisches Instrument. Sie besteht aus einem dünnen Holzkasten, der als Resonnanzboden dient. Derselbe ist nicht mit Bindfäden bespannt, sondern mit Saiten, die aus Tierdärmen gewonnen werden. Mit jenem Bogen, der jenseits des Ofens hängt, wird der Ton erzeugt. Wart', ich will dir mal ein Stückchen spielen.«
Mit großen Augen sah Peter den Vorbereitungen zu, dem Spannen und Stimmen der Saiten, dem Ansetzen des Bogens, der Bewegung der Finger. Als der Schulmeister dann eine schlichte Volksweise zu spielen begann, legte er die Arme ineinander und schloß die Augen.
Vater Wencke war ein herzlich schlechter Musikante. Er hatte einen harten, kratzenden Strich, und auch mit dem Abstimmen der Saiten nahm er es nicht eben genau. Dennoch, kaum hatte er angefangen, so war sein Zuhörer in einer andern Welt. Denn der gehörte von Haus aus zu den Menschen, welche die Seele voll heimlicher innerer Musik haben, und diese zum Singen und Klingen zu bringen, dazu bedurfte es keines künstlerisch vorgetragenen Meisterwerkes. Dazu hatte sonst das mäßige Orgelspiel auf der mangelhaften Kirchenorgel in Steinbeck genügt. Dazu genügte jetzt auch die einfache, wehmütige Volksweise, von Schulmeister Wencke auf schlecht gestimmter Geige gekratzt.
Dieser bemerkte die tiefe Bewegung, die seinen Zuhörer ergriffen hatte, und spielte die Melodie dreimal hintereinander. Beim dritten Male gab er sich wirklich Mühe, seiner Geige lange, süße Töne zu entlocken. Als er sie dann absetzte und Peter tief aufatmend die Augen öffnete, sagte er freundlich: »Wenn wir erst etwas weiter sind, und du bleibst so folgsam und fleißig, wie du heute warst, werden wir sehen, ob du auch genügend musikalische Begabung hast, um das Geigenspiel zu lernen.« Für diese Worte bekam er einen Blick, wie er ihn dankbarer in seiner ganzen Schulmeisterpraxis wohl nicht geerntet hat. Peter sah den ganzen Abend den Himmel voller Geigen hängen.
Bald darauf stieg er in sein stilles Reich hinauf. Auch diesen Abend war er der glücklichste Mensch im ganzen Dorf. Nicht so stürmisch kam das Gefühl seines Glücks über ihn, als gestern abend, da er in seinem Fenster lag. Aber er freute sich desselben als eines stillen, ruhigen Besitzes, in dem er, der arme Stiefsohn Trinas, sich unendlich reich fühlte. Daß es nicht leicht war, als Schulmeister das zu leisten, was nach dem ihm heute gezeigten Vorbild geleistet werden mußte, fühlte er auch wohl. Aber er spürte die Freudigkeit in sich, seine ganze Kraft einzusetzen. Und dann mußte es ja gehen.
Das war Peters erster Tag im Schulhause zu Wehlingen. Wie er, ins Wasser hineingeworfen, zwar nicht regelrecht schwimmen, aber doch durch Paddeln sich leidlich oben zu halten lernte, was für Dummheiten er machte und wie er die allergröbsten allmählich zu meiden begann, wie er Kinderherzen gewann und Kinderhöschen stramm zog, das alles wollen wir hier nun nicht weitläufig erzählen. Denn uns interessiert weniger Peter der Schulmeister, als Peter der Mensch. Nicht das wollen wir vor allem wissen, wie Peter mit den kleinen Wehlinger Bauernjungens und -deerns fertig wurde, sondern, wie er mit sich selbst, mit der Welt, mit dem Leben fertig wurde. Und darüber ist aus den nächsten beiden Jahren nur weniges summarisch zu berichten.
So glückliche Abende wie die beiden ersten hat Peter während dieses Zeitraumes in seiner Dachkammer nicht wieder erlebt. Wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnte er sich auch daran, daß er eine eigene Stube und ein eigenes Bett hatte. Nur wenn er aus den Ferien, aus den elenden Verhältnissen seines Vaterhauses, zurückkam, fühlte er anfangs annähernd wieder das Glück jener ersten Abende.
In jenen glücklichen Stunden hatte die junge Seele, die einem engen, dumpfen Käfig entronnen war, sich frei gewähnt und jubelnd ihre Flügel geregt, um aufzufliegen. Aber bald genug mußte sie merken, daß sie nur den Käfig getauscht hatte. Mochte der neue Käfig auch nicht ganz so eng und drückend sein wie der alte, das freie Flügelregen und Fliegen verbot er doch auch.
Schulmeister Wencke war ein kleinlicher Mensch, der seine Präparanden im Schul- und Wirtschaftsbetrieb ausnutzte, aber unfähig war, ihnen für ihren Beruf wirklich etwas zu geben. Als Peter ihm eines Tages ehrlich klagte, er könne mit den Kindern das nicht erreichen, was ihm am ersten Tage als erreichbar gezeigt wäre, da sah der Schulmeister ihn groß an und sagte: »Du dummer Junge, du willst in ein paar Wochen das können, wozu ich mein ganzes langes Leben gebraucht habe?« Wenn Peter sich einmal in irgend einer Schwierigkeit Rat holen wollte, hieß es meist nur: »Junge, das weißt du nicht? Denk doch man bloß ordentlich nach! Ist ja ganz leicht. Schlau genug bist du dazu.« Die früheren Präparanden hatten ausnahmslos mit der Zeit einen förmlichen Haß gegen den Mann gefaßt. Dazu kam es bei Peter nicht. Wenn er einmal böse auf ihn werden wollte, verglich er ihn schnell mit seiner Stiefmutter, und dann fand er den selbstsüchtigen Mann ganz erträglich. Er hatte eben in harter Schule gelernt, gar keine Ansprüche an die Menschen zu stellen und schon zufrieden zu sein, wenn sie ihn nur leben ließen. — Einige Wochen lang hatte er den Schulmeister beinahe lieb. Das war während der Zeit, als dieser ihm Geigenstunden gab. Aber bald sagte eine Saite knax, und nach ein paar Tagen eine zweite. Da hängte der Alte die Geige an die Wand und meinte, nun müßten sie's erst mal aufstecken. Wenn er mal in den Flecken käme, wollte er sich frische Saiten mitbringen. Er kam zwar öfters in den Flecken und brachte sich Tabak mit, aber Saiten nicht. Es schnitt Peter manchmal ins Herz, wenn die Verstummte mit ihren schrägliegenden Augen ihn von ihrem alten Ruheplatz so traurig anschaute. Wenn er zufällig allein in der Stube war, trat er wohl einmal an sie heran und zupfte an der gebliebenen Baßsaite. Dann brummte die alte Freundin, zornig und wehmütig zugleich.
Es wäre dem armen Jungen zu wünschen gewesen, daß er nach seiner elenden Jugendzeit in mütterliche Hände gekommen wäre. Wo diese sehnsüchtige Kinderseele nur ein wenig Verständnis, ein ganz klein wenig Liebe gefunden hätte, da hätte sie sich dankbar aufgeschlossen, wie das Marienblümchen in der ersten spärlichen Märzsonne. In den rechten Händen wäre Peter weich wie Wachs gewesen. Aber von mütterlicher Art, die dem armen Jungen das zuerst mit so inbrünstiger Liebe als Heim umfaßte Schulhaus zu einer wirklichen Heimat hätte machen können, hatte die Schulmeisterin auch gar nichts. Seit ihre erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, lebte sie nur noch für ihren Mann. An dem sah sie wie an einem Halbgott hinauf und diente ihm wie eine treue Magd. Zu Peter hatte sie kein anderes Verhältnis, als daß sie für seines Leibes Nahrung und Notdurft leidlich sorgte.
Peter las viel. Als Wenckes Bücher ihm nichts mehr zu sagen hatten, wußte er sich solche hier und da bei den Lehrern der Nachbarschaft zu leihen. Er las, was ihm gerade unter die Finger kam, und bei seinem guten Gedächtnis behielt er auch manches von dem Gelesenen. Aber, da er zu unreif war, um eine Auswahl zu treffen und die Einzelheiten einzuordnen und geistig zu verbinden, so hatte er selbst keine rechte, tiefe Freude daran. Deshalb suchte er andern Freude damit zu machen. Aber damit hatte er auch kein rechtes Glück. Die Leute schätzten seine Belehrungen nicht, zumal er von Schulmeister Wencke die Kunst gelernt hatte, die einfachsten Dinge mit vielen Worten breitzutreten. Als er merkte, daß die Menschen seine Weisheit verachteten, bedauerte er sie aufrichtig und fing an, sich als einen jener »Unverstandenen« zu fühlen, die mitleidig auf das Leben und die Menschen herabblicken und wunder meinen, was die Welt in ihnen verkennt.
Es war schlimm, daß es ihm an Menschen fehlte, an denen er hinaufsehen mußte, von denen er sich Maßstäbe zu richtiger Selbsteinschätzung hätte holen können. Für die wirkliche Lebenstüchtigkeit mancher Bauersleute seines Dorfes hatte der kleine Büchermensch natürlich kein Auge. So kam der grüne Junge nach und nach in einen Hochmut hinein, der ihn um so unangenehmer machte, als er zu seinem eigentlichen Wesen gar nicht paßte.
Wenn kein Mensch Peter in diesen Jahren recht leiden konnte, so hatte er dennoch einen wahren und treuen Freund. Das war des Schulmeisters Phylax, der aus einer angesehenen Schäferhundefamilie stammte. Wenn er mit diesem an den Sonntagnachmittagen in der Heide, fernab von den Blicken der Menschen, herumtollte, hatte er den Gelehrten und Schulmeister ganz ausgezogen und war nichts als der gute, große Junge, der mit lachenden Augen über die Heide sprang. Aber wenn er mit ihm durch das Dorf nach dem Schulhause zurückkehrte, war er wieder der Herr Schulmeister, und auch Phylax mußte dieser Würde seines Freundes durch gesittetes Benehmen Rechnung tragen.
Vielleicht war dieser zweite Käfig, das Schulmeisterhaus in Wehlingen, noch gefährlicher für Peter als der erste, die stiefmütterliche Kate. Denn jetzt stand er in den Jahren, wo es sich entscheiden mußte, ob er ein aufrechter, tüchtiger Mensch werden oder als eine aus Mangel an Wärme, Licht und Luft verkrüppelte und verkümmerte Existenz am Boden dahinvegetieren sollte. Das letztere erschien nachgerade als das Wahrscheinlichere.
Da, am Anfang des dritten Jahres bei Schulmeister Wencke, trat ein Neues in sein Leben hinein.
Als Peter am Sonnabend nach Ostern, einen Tag früher, als er erwartet wurde, abends nach Wehlingen zurückkehrte, fand er das Schulhaus bereits verschlossen. Er machte sich bescheiden durch leises Bewegen des Drückers und durch Hüsteln bemerkbar, und wartete geduldig, bis der Alte heranschlarren und, über Störung der Nachtruhe brummend, öffnen würde. Der wohlbekannte Schlarrschritt ließ sich aber nicht hören, sondern der Riegel wurde plötzlich schnell zurückgeschoben, und es kam Peter vor, als ob drinnen schnelle Füße husch husch husch über die Diele davoneilten. Darüber wunderte er sich, und als er ins Haus trat, sah er sich auf dem Vorplatz nach allen Seiten um, entdeckte aber nichts Besonderes. So stieg er leise seine knarrende Treppe hinauf, legte sich schlafen, und schlief, von der langen Wanderung und der Frühjahrsluft ermüdet, tief in den Sonntag hinein.
Endlich erwachte er mit einem starken Hungergefühl. Denn er war ja wieder einmal ohne ordentliches Abendbrot zu Bett gegangen. Er kleidete sich schnell an und ging hinunter, um zu sehen, ob die Schulmeisterin trotz des verschlafenen Morgenkaffees noch etwas für ihn hätte. Noch auf der Treppe, sah er durch die halboffene Küchentür mit Verwunderung, daß drinnen etwas Buntes, Schnelles hantierte. Ehe ihm klar wurde, was das war, ging die Tür ganz auf, und vor ihm stand ein — Mädchen. »Guten Morgen,« sagte sie munter, »den Kaffee habe ich dir warm gestellt und bringe ihn gleich, geh man in die Stube!«
Peter tat, wie ihm geheißen. Das erste in der Wohnstube, worauf sein Blick fiel, war ein Glas gelber Osterblumen, das auf dem Tisch stand. Und auf dem Nähtischchen neben einer Handarbeit entdeckte er eins mit Weidenkätzchen. Der Frühling, an dessen ersten zarten Kindern er sich gestern auf der Wanderung erfreut hatte, war auf einmal, ganz gegen seine Gewohnheit, auch ins Schulmeisterhaus gekommen und sogar in die dunkle Nordstube.
Die Tür ging auf. Da kam ein heller Sonnenstrahl hereingehuscht, dann erschien eine blanke Zinnkanne, in deren geputztem Metall sich auch ein wenig Frühlingssonne gefangen hatte, und die bewegte sich gerade auf Peter zu. Er rückte scheu mit dem Stuhle und sah von der Seite in ein Paar nahe Augen, die waren ganz voll Frühling und Sonne. »Bist du bange vor mir?« fragten ein Paar lachende Lippen, die zu diesen Augen gehörten. »Nehee,« sagte Peter errötend und rückte mutig wieder auf seinen Platz. Das Mädchen stand jetzt ihm gegenüber, die Hand auf der Kaffeekanne, aus der sie ihm eben eingeschenkt hatte, und sah ihm unbefangen und ruhig beobachtend ins Gesicht. Peter beugte sich vor Verlegenheit zu seiner Tasse und tat schlürfend einen tiefen Zug.
»Du wunderst dich wohl, daß ich auf einmal hier bin?« fragte das Mädchen.
Peter wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, wagte es, sie anzublicken und sagte: »Ja, das ist mir sehr auffällig. Was willst du denn hier?«
»Mein Großvater schrieb mir, ich sollte kommen und Großmutter helfen; es würde ihr mit der Arbeit zu viel.«
»Ach soo. Denn bist du dem Schulmeister Albers in Audorf seine Tochter ...,« sagte Peter. Er hatte sich jetzt von seinem Staunen erholt und fühlte sich der Situation gewachsen. »Wie heißt du denn?«
»Marie. Ich bin die älteste.«
»Wie alt bist du denn?«
»Siebzehn.«
»So alt schon? Du siehst viel jünger aus. Ich bin auch siebzehn.«
»Mehr noch nicht? Du siehst viel älter aus.«
»Soo? Meinst du? Das freut mich.«
Sie lachte plötzlich laut auf.
»Was lachst du?« fragte Peter errötend.
»Och Mensch, du bist so furchtbar komisch.«
»Was? Ich?«
»Ja, wenn du einen um was fragst, machst du gerade so'n Gesicht wie mein Großvater.«
»Soo?«
»Ja, so'n rechtes Schulmeistergesicht. Aber nun laß den Kaffee nicht ganz kalt werden, und vergiß das Essen nicht.«
Peter gehorchte. Er trank ein paar Schluck und aß einige Mundvoll dazu.
»Meine Großeltern sind zur Kirche. Großvater war böse, daß ich dich dazu nicht früh genug geweckt hatte,« sagte sie, indem sie sich an den Osterblumen zu schaffen machte.
»Och, das schadet nicht viel,« sagte Peter, »ich bin die Festtage über oft genug hingewesen. Sag' mal, bleibst du lange hier?«
»Dieses Jahr gewiß. Zu Hause bin ich über.«
»Wie viel seid ihr denn bei euch?«
»Sieben. Fünf Mädchen und zwei Jungens.«
»Sieben? Ja, das ist zu viel.«
»Zu viel?«
»Ja, zu viel. Als ich noch zu Hause war, waren wir fünf. Das war schon reichlich. Nun sind da auch schon wieder zwei zugekommen, und wir sind auch sieben. Das ist zu viel.«
»Bei uns war's nicht zu viel. Wie wir immer vergnügt gewesen sind, das kannst du dir gar nicht denken. Hier hatte ich die ersten Tage ordentlich Heimweh. Ist man gut, daß du gekommen bist. So ist's doch wenigstens noch einer mehr.«
Peter wurde ein wenig rot und sah zum Fenster hinaus. Dann trank er seine Tasse aus und stand auf, um nach oben zu gehen. Aber sie sagte: »Bleib' noch'n Augenblick sitzen. Ich will schnell hinauf und deine Stube zurechtmachen.« Und schon war sie hinaus.
Er hörte das schnelle Knarr-knarr-knarr der Treppe, dann, wie sie oben das Fenster aufstieß und eilig hin und her ging, wie sie sein Bett klopfte. Dazu sang sie trällernd eine muntere Weise.
Was sollte bloß hieraus werden? Das ganze Haus war ja wie verwandelt. Als ob alles auf den Kopf gestellt wäre!
Bald war sie wieder unten. »So!« sagte sie lustig, »nun mach' daß du 'rauf kommst! Ich will jetzt hier zu Mittag decken, daß alles fertig ist, wenn die Großeltern aus der Kirche kommen.«
Peter stieg hinauf. Als er in seine Dachstube kam, sah er sich unwillkürlich nach den Spuren ihrer Tätigkeit um. Es kam ihm vor, als ob sein Bett weicher aufgelockert wäre als sonst. Ein Buch, das aufgeschlagen auf dem Tisch gelegen hatte — er hatte gestern abend noch eben die Nase hineingesteckt — war, schwapp, zugeklappt und in die Reihe der andern gestellt. Der Anzug, den er gestern beim Zubettgehen über den Stuhl geworfen hatte, hing fein säuberlich an seinem Haken. Was sollte das geben, was sollte das geben? —
Es wurde ihm auf seiner Dachstube bald langweilig. Ein Buch vor die Augen zu nehmen, fühlte er keine Lust. Draußen lachte die Aprilsonne. Da beschloß er, einmal durch den Garten zu spazieren.
Kaum war er bei dem dicken Apfelbaum, da hörte er schnelle Tritte hinter sich. Und richtig, da war sie, an die er gerad' eben dachte. »Halt!« rief sie lustig, »bin mit allem fertig, die Kartoffeln stehen auf dem Feuer, darf ich ein büschen mit?«
»Och jaa,« sagte Peter, »wenn du Zeit hast ...«
»Sag' mal,« fragte sie, indem sie nebeneinander den Steig hinuntergingen, »kommt dir das hier in Wehlingen nicht manchmal sehr langweilig vor?«
»Langweilig? Och nee.«
»Hast du denn Freunde?«
»Freunde? Weißt du, Marie, unter den Menschen sind wenige, die einen verstehn. Meine Freunde sind die Bücher.«
Sie lachte hell auf. »Was? Die alten toten Dinger sind deine Freunde? Hast du denn Lust, zu lesen?«
»Wer etwas werden will, der muß viel lesen und lernen,« sagte er ernsthaft.
»Was liest du denn?«
»Och, alles Mögliche. Geistliches und Weltliches, Poesie und ... das andere, was so gewöhnlich geschrieben ist und sich nicht reimt ..., Naturgeschichte und Weltgeschichte und ...«
»Mensch, verstehst du das denn alles?«
»Och ja, das geht. Man muß eben seinen Verstand gebrauchen und scharf denken.«
»Junge, Junge, denn mußt du ja schrecklich klug werden.«
Peter lächelte überlegen und machte dann ein Gesicht, als ob er eben daran wäre, die letzten Fragen alles Seins denkend zu bewältigen.
»Mensch, du siehst schon ordentlich gelehrt aus, mit deinen Falten vorm Kopf.«
Er sah zur Seite und blickte in ihr lachendes Gesicht. Die grauen Augen, die Grübchen in den Wangen, der rote Mund, die weißen Zähne, alles lachte. Da mußte er auch lachen.
»Eigentlich müßtest du erst'n Bart kriegen, und dann die Falten,« meinte sie.
»Etwas kommt hier auch schon,« sagte Peter stolz und zupfte an seiner Oberlippe.
»Wirklich?« fragte sie lachend und kam ganz nahe, um sich von dem Vorhandensein der paar winzigen blonden Härchen zu überzeugen. Er fühlte ihren Hauch auf seinem Gesicht, es wurde ihm ganz wunderlich zumute.
»Wirklich, 'ne Idee is da schon, muß aber noch tüchtig wachsen.«
Sie waren an ein Stückchen frisch gegrabenen Landes gekommen. »Das habe ich gestern gemacht,« sagte sie, mit dem Fuß eine auf den Weg gefallene Erdscholle zertretend, »ach ja, is noch 'n schöne Arbeit, den ganzen Garten umzugraben ... Ob mir wohl einer dabei hilft?«
Sie sah Peter schelmisch an.
»Meinst du mich?« fragte er.
»Wen denn sonst?«
»Ich habe diese Jahre viel hier im Garten gearbeitet,« erklärte Peter, »aber ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mich diesen Frühling und Sommer ganz den Büchern zu widmen. Weil ich doch im Herbst aufs Seminar komme, weißt du.«
»Ach du, mit deinen alten Büchern immer! Du tust grad' so, als ob das ganze Leben so zwischen den Pappdeckeln säße.«
»Marie, darüber mußt du nicht reden. Das verstehst du nicht,« verwies er ernstlich. »Übrigens das mit dem Graben ... ich will nicht sagen ... so 'ne Viertelstunde nach dem Mittagessen mal ... oder auch mal 'ne halbe ... das ginge am Ende doch ... Die alten Lateiner hatten ein Wort, das die Gelehrten folgendermaßen übersetzen: eine gesunde Seele in einem gesunden Körper. Für die Seele sind die Bücher, und für den Körper, ja, da ist so ein Stündchen Arbeit mal ganz gut ... Ja, ich will dir wohl mit helfen ...«
»Peter, du sollst mal sehen, das wird aber gemütlich. Zu zweien arbeitet sich's viel besser als allein. Großvater und Großmutter schlafen dann; da können wir uns immer schön was erzählen. Ich muß dir so viel erzählen, von meinen kleinen Brüdern zu Hause, und von meinen Schwestern, und was wir da abends immer spielen. Und du, na du kannst mir mal was aus deinen Büchern erzählen. Aber nicht so'n langweiligen Kram, wo'n bei gähnen muß. Daß ich doch etwas von deiner Gelehrsamkeit abkriege und nicht so dumm bleibe ... Hör'! Was ist das?«
Aus dem Dorf tönte plötzlich etwas herüber, wovon man zunächst nicht wissen konnte, ob es ein Schmerzensgebrüll oder eine Art von Gesang sein sollte. Wenn man genauer hinhörte, war die Melodie des Chorals: »Wie schön leucht' uns der Morgenstern« herauszuhören. Es klang trotz der Entfernung grauenerregend. Und das Mädchen starrte ihren Begleiter entsetzt an, als sie fragte: »Was ist das?«
Peter sagte gleichmütig: »Och, da wohnt so'n alter Kerl, der vor'n Stücker zwanzig Jahren verrückt geworden ist. So grölt er jeden Sonntagvormittag.«
»Ist das nicht der Gesang: ›Wie schön leucht' uns der Morgenstern, voll Gnad' und Wahrheit von dem Herrn?‹«
»Ja, der soll's ja wohl sein. Mit dem, was daran fehlt.«
»Woher weiß denn der arme Mensch, daß Sonntag ist?«
»Och, das mag er wohl daran sehen, daß die andern Leute ihr gutes Zeug anziehen und nach der Kirche gehen.«
»... Wie schön, daß der arme Mensch doch auch seinen Sonntag hat! ... Hör', jetzt kann man's auch verstehen. Er hat nach dem ersten Vers gleich den letzten angefangen. Hör': Amen — Amen — komm du schöne — Freudenkrone — bleib nicht lange, — deiner wart' ich mit Verlangen ... Nun ist er still ... Wenn sie ihm doch bald geschenkt würde!«
Peter warf schnell einen erstaunten Blick auf das Mädchen, das still nach der Richtung schaute, wo eben der Gesang verstummte. Dann senkte er ein wenig den Kopf und errötete. Er schämte sich.
Auf der Höhe, über die der Kirchweg führte, wurden die ersten zurückkehrenden Kirchbesucher sichtbar. Da gingen die beiden langsam und schweigend durch den Garten zum Hause zurück.
Vor der Haustür wurde Peter stürmisch von seinem alten Freunde Phylax begrüßt, der eben von einem Frühjahrsbummel durch das Dorf zurückkam. Er tätschelte ihm zweimal mit der Hand über den Kopf und kümmerte sich dann nicht weiter um ihn. Da leckte Phylax sich verlegen ums Maul, und in seinem ehrlichen Hundegesicht war ein ähnlicher Ausdruck, wie etwa in dem eines Menschen, der sich nach langer Trennung einem alten Freunde an die Brust geworfen hat und nun plötzlich merkt, daß bei jenem die Freundschaft merklich abgekühlt ist, vielleicht weil sich inzwischen für ihn etwas Besseres gefunden hat. Phylax sah das Mädchen mit einem Blick an, als ob er sie in Verdacht hätte, ihm die Freundschaft Peters gestohlen zu haben.
Als die Schulmeistersleute zurückkamen, setzte die jetzt vierköpfige Familie sich sofort an den Mittagstisch.
»Peter,« begann der Schulmeister, »durch deine Langschläferei hast du dich um eine ganz wunderschöne Predigt gebracht. Der Pastor hat anerkennenswert gut über das heutige Evangelium gepredigt: Wie der Herr unter die Jünger tritt bei verschlossenen Türen und sagt: Friede sei mit euch. Dieser schöne Gruß klang da immer wieder durch, und ging einem recht zu Herzen. Ich habe mich sehr erbaut ... Aber Marie, was hast du bloß mit dem Essen angefangen? Der Suppe fehlt das Salz, und das Fleisch hast du nicht mürbe gekriegt. Hast du denn gar nicht an meine Zähne und meinen schwachen Magen gedacht?«
Die Getadelte wollte die Zähigkeit des Fleisches mit dem Alter der Kuh entschuldigen, wurde aber zur Ruhe verwiesen. Da konnte Peter sich nicht mehr halten. Ihm hatte es die beiden Jahre noch nie so gut geschmeckt wie eben jetzt, und er sagte, ohne aufzublicken: »Ich finde im Gegenteil, es schmeckt alles sehr gut,« und hieb tapfer mit den Zähnen auf eine Sehne ein. Die Schulmeisterin hatte ihre Gabel hingelegt und sah Peter starr von der Seite an. Der Schulmeister aber sagte, hämisch lächelnd: »Soo? Du hast wohl mal wieder gehörig hungern müssen, bei deinem nassen Vater und der zärtlichen Stiefmutter?« Peter wurde glutrot und beugte sich tief über den Tisch. Er schämte sich vor der neuen Hausgenossin. Als man aufstand, ging er schnell aus der Stube, ohne jemand anzusehen.
Auf seiner Dachkammer angelangt, schlug er mit der Faust dröhnend auf den altersschwachen Tisch. Seine Scham war dem Zorne gewichen. Zum ersten Male, solange er in Wehlingen war, war er auf den Schulmeister wirklich zornig. Da läuft der Kerl, dachte er, in die Kirche und erbaut sich an dem Friedensgruß des Auferstandenen, und dann kommt er wieder und verdirbt seinen Mitmenschen den schönen Sonntag; dem armen Ding da unten durch ungerechtes Mäkeln am Essen und ihm, Peter, durch den hämischen Spott über seine häuslichen Verhältnisse, an denen er doch unschuldig war und unter denen er ohnehin genug litt. Aber so war der Mann eigentlich ja schon immer gewesen. Peter wunderte sich, daß er jetzt erst anfing, ihn zu durchschauen.
An diesem Vormittag war's ihm gewesen, als sei ein neuer Geist in das Schulhaus eingezogen. Er mußte bitter lachen, wie er jetzt daran dachte. Nein, der alte mürrische, unzufriedene, kleinliche Geist hatte nach wie vor die Herrschaft. Aber etwas anders war's doch geworden ...
Wart', morgen mittag, wenn die beiden alten Ekel auf dem Ohr liegen, dann grabe ich im Garten ... Nicht allein, wie diese beiden langweiligen Jahre, sondern in Gesellschaft. Sie freut sich mächtig darauf. Wie lachten ihre Augen, als ich ihr versprach, daß ich ihr helfen wollte! Och ja, es kann ganz interessant werden. Solche Mädchen haben was Komisches an sich ... Ich soll ihr aus den Büchern erzählen ... Was nehme ich da wohl? Ich muß etwas Leichtes aussuchen. Das Schwere versteht so'n Mädchen ja doch nicht ... Daß ein Gelehrter gesagt hat, die Menschen stammten von den Affen ab, und es auch Menschen gibt, von denen man das beinahe glauben könnte ... Daß der alte Kaiser Barbarossa unten im Kyffhäuser sitzt, und der lange weiße Bart ist ihm durch den steinernen Tisch gewachsen, und daß Deutschland vielleicht noch mal einen Kaiser wieder kriegte; einige meinten, der König von Preußen müßte es werden, aber er, Peter, hätte mal gelesen, die Preußen wären gar keine echten Deutschen, sondern halbe Russen, und er hätte mal einen Preußen gesehen und von diesem einen sehr schlechten Eindruck gewonnen ... Daß die Franzosen einmal eine große Revolution gemacht und dabei ihren König geköpft und den lieben Gott abgesetzt hätten. So wäre es aber doch nicht gegangen, und da hätten sie ihn wieder eingesetzt, das heißt nicht den richtigen, sondern nur ein »höchstes Wesen« ... Daß die Menschen einen Stoff entdeckt hätten, den sie Elektrizität nennten, und manche meinten, damit würde man noch mal Wagen ziehen können. Aber das glaube er nicht, denn es sei schon wunderbar genug, daß der Dampf das könne ... Daß Schiller und Goethe die größten deutschen Dichter wären, aber sie wären beide tot, und nun gäbe es gar keine Dichter mehr, die ordentlich reimen könnten ... und so noch vieles mehr. Aber dies war für morgen wohl erst einmal genug.
Peter war seines geistigen Besitzes noch niemals so von Herzen froh gewesen als diesen Sonntagnachmittag, da er die Aussicht hatte, ihn am nächsten Tage auf so angenehme Weise zu verwerten.
Und dann wollte sie ihm ja auch erzählen. Ach ja, von ihren Brüdern und Schwestern! Davon versprach er sich nicht viel. Aber was sollte man sonst groß von ihr verlangen? Sie war ja nur ein Mädchen. Die lasen und lernten ja gar nichts mehr, wenn sie aus der Schule waren. Aber sie war doch wohl etwas anderes als die meisten ... Sie hatte ja selbst gesagt, daß sie nicht so dumm bleiben wollte. Na, was er, Peter, dazu tun konnte, das wollte er gewiß tun.
Am nächsten Morgen trug Peter einige der für den Nachmittag vorgesehenen Unterrichtsgegenstände in der Schule vor. Er hatte sich zwar die Form, in der er's ihr bringen wollte, gestern nachmittag schon einigermaßen überlegt. Aber es konnte nicht schaden, wenn er auch den Vortrag einmal praktisch durchübte.
Beim Mittagessen sagte der Schulmeister: »Kinder, es hilft nun nichts, ihr müßt gleich beide tüchtig ans Graben. Daß wir die Frühjahrssaat in die Erde kriegen!«
Peter verbarg die Freude seines Herzens unter einer gleichgültigen Maske. Aber eine Sekunde lang zuckte es doch über sein Gesicht. Marie hatte ihn heimlich auf den Fuß getreten.
»Denn kommt,« sagte der Schulmeister, »daß ich euch anweise.«
Sie holten schnell ihre Spaten aus der Scheune und folgten dem Alten. Der führte sie an die Ostgrenze des Gartens und sagte: »So, Peter, hier gräbst du. Und du, Marie, fährst dort im Westen fort, wo du angefangen hast. Jeder für sich! Daß ihr mir nicht die kostbare Zeit mit Schnacken vertrödelt!«
»Och Großvater, dürfen wir nicht zusammen arbeiten? Wir wollen auch tüchtig fleißig sein,« sagte Marie.
»Nein, Kind,« sagte der Alte bestimmt, »das hält euch nur auf. Und das schickt sich auch nicht für so'n großen Jungen und so'n großes Mädchen.«
»Das schickt sich nicht?« fragte Peter und sah den Schulmeister fast herausfordernd an.
»Nein. Ihr seid beide keine Kinder mehr. Steh nicht, Marie, und gaff'! Mach, daß du an deine Arbeit kommst!«
Sie nahm ihre Schaufel und entfernte sich, zögernd und widerwillig. Der Schulmeister ging langsam durch den Garten ins Haus zurück.
Peter hatte die Zähne aufeinandergebissen und sah ihm voll Wut nach. Nicht mal eine kleine Unterhaltung gönnte ihm der bei der Arbeit? War er, Peter, denn sein Sklave? Man sollte dem ekligen Kerl die Schaufel vor die Füße werfen und keinen Stich mehr für ihn tun.
Er sah nach dem entgegengesetzten Ende des Gartens hinüber. Marie hatte auch noch nicht angefangen zu graben. Sie blickte zu ihm herüber. Den Ausdruck ihres Gesichts konnte er bei der Entfernung nicht erkennen. Aber er sah, daß sie ärgerlich mit dem Fuße aufstampfte.
Ach was! dachte Peter, der Alte schläft. Geh einfach hin und grabe mit ihr! Aber ... »das schickt sich nicht.«
Was schickt sich nicht?
Daß er sie, die Belehrung verlangte, belehrte? Daß er ihren engen Gesichtskreis erweiterte? Warum sollte sich das nicht schicken?
Er nahm seine Schaufel und tat ein paar Schritte. Aber es stand wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und ihr: »Es schickt sich nicht.«
Dem Befehl des Schulmeisters hätte er heute mit gutem Gewissen getrotzt. Aber über dieses dumme Wort kam er nicht hinweg.
Und dem Mädchen drüben ging es ebenso. Auch sie dachte daran, dem Großvater zu trotzen und zu Peter hinüber zu gehen. Aber ... »es schickt sich nicht.« Warum nicht? »Ihr seid keine Kinder mehr.« Nachdenklich sah sie vor sich hin, eine feine Röte legte sich auf ihr Gesicht; dann nahm sie die Schaufel und fing langsam an, das Erdreich herumzuwerfen.
Peter stieß plötzlich seinen Spaten in die Erde und ging mit kurzen, trotzigen Schritten ins Haus. Als er die knarrende Treppe hinanstieg, gab er sich keine Mühe, leise zu gehen. Der Alte sollte es hören und sich darüber ärgern, daß er nicht für ihn graben wollte.
Voll Grimm riß er ein Buch aus der Reihe und fing an zu lesen. Aber bald irrten seine Blicke über die Zeilen hinweg. Er war mit seinen Gedanken im Garten. Da fiel ihm plötzlich ein, wenn er sich tüchtig ans Graben machte, müßten sie ja doch bald zusammentreffen. Und nach einer Weile stieg er trotzig die Treppe wieder hinab und kehrte in den Garten zurück. Und fing an zu graben, wobei er sich immer wieder beteuerte, der alte Schulmeister wäre es nicht wert, daß man den kleinen Finger für ihn rührte.
Als er sich endlich zwang, nicht mehr an ihn zu denken, fingen all die schönen Sachen, die er bei ihr hatte anbringen wollen, an, ihn sehr zu drücken. Aber je mehr er in Schweiß geriet, desto leichter und klarer wurde ihm der Kopf. Er grub nicht nur das halbe Stündchen, das er gestern allenfalls den Büchern entziehen zu dürfen gemeint hatte, sondern den ganzen Nachmittag. Wenn er einmal innehielt, schielte er unter dem Baumgezweige und über dem Beerengesträuch weg nach der Westseite des Gartens. Und es traf sich fast immer, daß Maries Arbeitspausen mit den seinigen zusammenfielen. Dann schaute sie zu ihm herüber. So waren sie, obgleich der ganze Garten und das »Es schickt sich nicht« des Schulmeisters zwischen ihnen lag, doch Arbeitsgenossen, wenn sie sich auch nichts aus den Büchern und aus dem Leben erzählen konnten. Dem brummigen Alter gegenüber, das im Hause bei geschlossenen Fensterläden durch ein Mittagsschläfchen im Bett verbunden war, fühlte die Jugend im Garten, über dem der wunderliche April bald lachte, bald weinte, sich durch die gleiche Arbeit verbunden.
So wiederholte es sich in den nächsten Tagen. Peter wurde seinen Büchern fast untreu. Auch wenn er auf seiner Stube saß, widmete er sich ihnen nicht mit dem gleichen Eifer wie sonst. Sie schienen ihm so viele völlig gleichgültige Dinge zu enthalten. Er nahm sich aber fest vor, nach der Frühjahrsbestellung wollte er alles, was er jetzt versäumte, nachholen.
Der April vergaß in diesem Jahre früher als gewöhnlich seine wunderlichen Launen und brachte die schönsten Sonnentage. Die kleinen Vögel kamen zurück, jagten sich durch Busch und Baum in frohem Liebesspiel, suchten Halme und Federn zum Nestbau und sangen den beiden fleißigen jungen Menschenkindern zu ihrer Arbeit. Wenn die herzfrohe Grasmücke im Fliederbusch es so recht jubelnd machte, standen diese, von der Arbeit ausruhend, sahen nach dem Vöglein und sahen dann einander froh an. Denn so nahe hatten sie sich schon zusammengearbeitet, daß sie das konnten.
Zuweilen, auf dem Wege von und zu der Arbeit, und auch wohl einmal zwischendurch, sprachen sie auch miteinander. Aber die Harmlosigkeit jenes ersten Sonntagmorgens war nicht mehr. Das Gespräch wollte gar nicht so recht in Gang kommen. Peter, der sonst immer so weise und weitläufig hatte reden können und vorher immer ganz genau wußte, was er sagen wollte, war in den paar kurzen günstigen Augenblicken jedesmal wie auf den Mund geschlagen. Aber er tröstete sich. Er meinte, das würde sich schon wieder machen, wenn sie nur erst zusammen auf einem Stück arbeiteten. Die Stunde kam ja mit jedem Spatenstich näher.
Am Abend vor diesem langersehnten Tage saß Peter auf seiner Dachstube und überlegte sich noch einmal, was er ihr denn morgen eigentlich erzählen wollte. Da hielt er es für gut, zwischen den Dingen, die er vor zehn Tagen sich vorgenommen hatte, zu sichten. Die Affengeschichte und die Politik schied er aus. Dafür schob er ein Gedicht von Schiller ein, das er auswendig gelernt hatte, weil es ihm so sehr gefiel:
In einem Tal bei armen Hirten
Erschien mit jedem jungen Jahr,
Sobald die ersten Lerchen schwirrten,
Ein Mädchen schön und wunderbar.
Die ersehnte, mit vielen tausend Spatenstichen und manchem Schweißtropfen verdiente Stunde war gekommen! Aber o weh! Die Aermsten! Schulmeister Wencke fühlte sich diesen Tag so frisch und fand die Frühlingsluft so köstlich, daß er auf das gewohnte Mittagsschläfchen verzichtete und nahe der Arbeitsstätte von Peter und Marie Bohnen legte. So gruben denn die beiden ihre letzten Reihen stumm und verdrossen und waren so ärgerlich, daß sie auch einander nicht einmal einen freundlichen Blick gönnten.
Was hatte Peter sich nicht alles von dieser gemeinsamen Arbeit versprochen! Und wie war das alles zu Wasser geworden! Aber schön war's doch gewesen. Jetzt, wo die Arbeit vollendet war, fehlte ihm etwas. Er suchte Ersatz in seinen Büchern. Aber die wollten ihn gar nicht recht fesseln. Immer wieder irrte sein Blick durch das kleine Fenster der Dachkammer in das Grün des Apfelbaumzweiges und darüber hinaus ins Blaue.
Die Bohnen, die Schulmeister Wencks zitterige Hand unter Peters stillen Verwünschungen in die Erde gesteckt hatte, hielten es dort unten im Dunkeln nicht lange aus. Es dauerte nur wenige Tage, so schickten sie grüne Blättchen ans Licht empor. Und bald angelten grüne Ränkchen nach einem Halt, um noch höher aufzusteigen ins goldene Licht.
»Marie,« sagte da eines Mittags der Schulmeister, »die Bohnenstangen müssen eingesteckt werden. Peter kann dir dabei helfen. Ich will mich lieber hinlegen, habe so Rheumatismus in der rechten Schulter. Wißt ihr, wie das gemacht wird?«
»Ja,« sagten Peter und Marie wie aus einem Munde.
Peter wollte just vor Freude Marie auf den Fuß treten. Da fiel's ihm plötzlich ein: »Das schickt sich nicht für so'n großen Jungen, und ihr seid keine Kinder mehr.« Und er zog den schon ausgestreckten Fuß zurück.
Marie mußte nach dem Essen zunächst das Geschirr aufwaschen. Denn auch Mutter Wencke fühlte sich nicht ganz wohl. Peter aber sprang auf den Hausboden, wo nicht weit von seiner Dachkammer die Bohnenstangen überwintert hatten, stieß die von staubigem Spinnegewebe umsponnene Luke auf und warf die Schächte hinaus. Dann sprang er, immer zwei Absätze überschlagend, die Treppe hinunter und schleppte sie, jedesmal ein gutes halbes Dutzend auf die Schulter legend, zum Bohnenfelde. Als er sie alle an Ort und Stelle hatte, setzte er sich erhitzt auf den Stangenhaufen, trocknete den Schweiß und sah erwartungsvoll nach dem Hause ...
Horch, da quiekt die alte Gartentür. Und da leuchtet ihr Schleierhut zwischen dem lichten Maiengrün. Aber! Was ist das? Da soll doch der ...! Zehn Schritte hinter ihr der alte Kerl. Ist der mit seinem Rheumatismus nicht längst im Bette?! Peter biß ingrimmig die Zähne aufeinander und wünschte dem Schulmeister den Rheumatismus in beide Beine.
»Ich bin doch bange, daß ihr mir die Sache nicht recht macht,« quäkte der Schulmeister, als er bei den Bohnen angekommen war. »Die Wurzeln müssen geschont werden, und die Stangen müssen fest in die Erde, daß der Wind mir nachher den ganzen Kram nicht umreißt, und auskommen müssen wir auch mit dem Haufen auf beiden Feldern; denn neue sind so schnell nicht zu kriegen.« Dann nahm er eine Stange, um sie in die Erde zu stoßen. »Au!« schrie er plötzlich mit schmerzlich verzogenem Gesicht, ließ die Stange los und griff sich nach der rechten Schulter. »Nein, Kinder, es ist doch zu toll. Ihr müßt's allein tun. Macht's so, wie ich gesagt habe, schont mir die Wurzeln, nicht zu dicht an die Pflanzen mit den Stangen, aber tief in die Erde und gut durch Querstangen verbunden, und seht, daß ihr auskommt!« Damit ging er, die wehe Schulter schmerzlich haltend. Peter sah ihm nicht ohne Schadenfreude nach, und als er in Mariens Schleierhut blickte, entdeckte er da auch nicht gerade Mitgefühl. »Wollen hoffen, daß er sehr schön schläft,« sagte er lachend, »das ist für so alte Leute das beste.« Da nickte sie und lachte auch.
Und nun machten sie sich an die Arbeit. Peter riß den Haufen der Stangen auseinander, und mit Sorgfalt suchten sie jedesmal zwei Stangen aus, die nach Länge und Stärke zueinander paßten. Dann nahm er die eine und sie die andere, und sie stellten sich, das Bohnenbeet zwischen sich, einander gegenüber, und jedes stieß seine Stange mit der jungen Kraft seiner siebzehn Jahre in den lockeren Erdboden, erst mit der Muskelkraft der Arme, dann das ganze Körpergewicht einen Augenblick mit einem Ruck daran hängend. Bald fanden sie heraus, daß sich auf Kommando besser arbeiten ließ, und sie kamen überein, bei jeder Stange abwechselnd das Rucken und Nachstoßen zu kommandieren. »Eins, zwei, drei, Ruck, eins, zwei, drei, Ruck!« kommandierte Peter mit seiner rauhen, unreinen Stimme, die im Wechseln begriffen war. »Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei!« kommandierte mit heller, reiner Stimme Marie. Zwischendurch rüttelte Peter einmal prüfend an seiner Stange und an Marie ihrer: sie saßen beide gleich fest in der Erde.
An seine Wissenschaft, die er so lange für Marie mit sich herumgetragen hatte, dachte Peter mit keinem Gedanken. Er hatte völlig genug an den Bohnenstangen, an dem Schleierhut mit dem rosig überschatteten, lieblichen Gesicht darin, an der jungen Gestalt, die sich kraftvoll und zierlich zugleich vor seinen verwunderten Augen bewegte. Wenn er in dieser Stunde einen Wunsch hätte äußern dürfen, wie der Mann im Märchen, so wäre es sicher der gewesen, bis an sein Ende bei der warmen Maiensonne im grünen Garten unter Grasmückengesang mit Marie Bohnenstangen einstecken zu dürfen.