Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
In der gedruckten Ausgabe befindet sich zwischen den Kapiteln IV. und V. auf S. 44 ein weiteres Kapitel, welches mit ‚VI.‘ bezeichnet wurde, aber nicht identisch mit dem ebenfalls mit ‚VI.‘ nummerierten Kapitel auf S. 95 ist. Die Kapitelnummern wurden in der vorliegenden Fassung dahingehend neu geordnet, dass das Kapitel auf S. 44 nun mit V. bezeichnet wurde; alle folgenden Kapitelnummern verschieben sich entsprechend und bilden nun die Kapitel VI-XIV, wie aus dem vom Bearbeiter erstellten [Inhaltsverzeichnis] ersehen werden kann.
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Herren des Lebens.
Roman-Kranz in drei Büchern
von
Dolorosa.
I.
Die Starken.
Ein Athleten-Roman.
Leipzig, 38.
Leipziger Verlag, G. m. b. H.
Die Starken.
Ein Athleten-Roman
von
Dolorosa.
Ein Ruck tut mir die Dienste des sorglichsten Denkens,
ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab.
M. Stirner.
Leipzig, 38.
Leipziger Verlag, G. m. b. H.
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
Jacob Koch,
dem Ringkämpfer.
Inhalt.
Seite | ||
Kapitel | I. | |
„ | II. | |
„ | III. | |
„ | IV. | |
„ | V. | |
„ | VI. | |
„ | VII. | |
„ | VIII. | |
„ | IX. | |
„ | X. | |
„ | XI. | |
„ | XII. | |
„ | XIII. | |
„ | XIV. | |
I.
Lange nach Mitternacht schloß Eberhard Freidank die Augen zu jenem kurzen, leichten und fieberigen Schlummer, der nach anhaltender, angespannter Anstrengung aller Geisteskräfte nicht eigentliche Erquickung bringt, sondern nur das Bewußtsein trübt, indes alle Glieder regungslos und wie zerschlagen daliegen. Als er nach einer Zeit, die ihm unglaublich kurz gewesen zu sein schien, erwachte, war schon der weißgraue Spätoktobermorgen am Himmel heraufgezogen und blickte matt hinein in das bescheidene Studentenstübchen, in dem Schlaf und Wachsein um Eberhard Freidank kämpften. Dieser Streit wurde aber alsbald entschieden durch den Briefträger, der eben die Treppen hinaufstieg und für Eberhard ein Briefchen brachte.
Der junge Mann wurde ganz wach, betrachtete das längliche Briefchen mit überaus freundlichen Augen und übersah durchaus, daß die Adresse von flüchtiger, ungeübter Hand geschrieben und daß die Marke schräg über Eck geklebt war; denn er liebte Fritzi l’Alouette, die den Brief gesandt hatte, und sie schrieb ihm nur in seltenen Fällen. Er öffnete den Brief mit liebevoller Hand und las:
„Liebster Ebi! Warum hast Du mich heute abend nicht vom Theater abgeholt? Ich hatte Dir gerade etwas Eiliges zu sagen. Ich bin nämlich in eine schreckliche Klemme geraten, und Du mußt mich unbedingt herausreißen. Bis morgen nachmittag muß ich unter allen Umständen zwanzig Mark haben. Ich brauche sie furchtbar notwendig, und Du mußt sie mir ganz bestimmt beschaffen, aber hörst Du, ganz bestimmt. Jetzt, wo Du Dein Stück fertig hast, ist Dir das ja eine Kleinigkeit. Lieber, süßer Ebi, lasse mich keinesfalls im Stich. Du hast mich doch so lieb und wirst Deiner kleinen Fritzi die Bitte nicht abschlagen. Komme um drei Uhr ins Café Prätorius und bringe mir das Geld mit. Es grüßt und küßt Dich Deine treue Fritzi.“
Du lieber Gott, sprach Eberhard erschrocken zu sich selbst, du lieber Gott, woher, in aller Welt, nehme ich bis heute nachmittag zwanzig Mark, um sie Fritzi zu bringen? Denn bringen muß ich sie; das eine ist ganz klar. Aber woher?
Er nahm das magere Portemonnaie aus der Hosentasche, öffnete es, obwohl er genau wußte, wie viel, oder richtiger, wie wenig darin war, und zählte melancholisch: eins, zwei, — sieben Groschen; und hier, in dem Extrafache, noch eine Mark; fehlten achtzehn Mark und dreißig Pfennige. Ein erheiterndes Rechenexempel!
„Deine treue Fritzi“, las er noch einmal und dachte betrübt: Das liebe Kind! sie hat auf mich gewartet, um mir ihre Verlegenheit zu klagen! sie hat endlich eingesehen, daß ich nicht gekommen war, und ist traurig allein nach Hause gegangen, während ich Barbar an diesem Tischchen saß, um mein Stück zu beenden! Das gute, ahnungslose Kind: mein Stück, so denkt sie in ihrem herzigen Vertrauen, wird uns beide sofort, da es kaum fertig ist, mit Reichtümern überschütten!
Eberhard griff halb schüchtern, halb stolz nach dem dicken Schreibbuche in schwarzem Wachstucheinband und betrachtete es mit der lächelnden, freudenvollen Befangenheit des jungen Autors, der ein Erstlingswerk vollendet und viel fröhliche Pläne und hochfliegende Hoffnungen, viel jugendliche Zaghaftigkeit, viel Jünglingssehnsucht und Träume von Ruhm und Glück in die sorgsam beschriebenen Linien eingeschlossen hat. Er schlug das Manuskript auf und lächelte mit seinem frischen, gesunden und naiven Lächeln wohlgefällig den Titel an, welcher also lautete: Ein Kind der Straße. Volksschauspiel in vier Akten von Eberhard Freidank.
Das „Kind der Straße“ hatte auch schon eine kleine Tragödie hinter sich, die Tragödie der Ungedruckten und Unaufgeführten, die kein Mensch bedauert. Als es in Eberhard Freidanks Kopfe geboren wurde, stand es schon in seinen Umrissen fix und fertig da, und es sollte ein feines, nachdenkliches Drama voller Geist und Psychologie werden. So wollte es der junge Freidank. Als aber das Manuskript fertig vor ihm lag, glich es dann doch nicht der Lichtgestalt seiner Träume; die Glut seiner Gedanken war auf dem weißen, empfindungslosen Schreibpapier verblaßt, und die Worte standen so steif und leblos da. Immerhin sandte er sein Werk voll Zweifel und Hoffen an die Intendantur der königlichen Schauspiele. Nach einer langen Zeit, während deren er sich vergeblich einzureden versuchte, daß ihn das Schicksal seines Manuskriptes nicht im geringsten interessiere, bekam er es zurück. Da hatte er es umgearbeitet, hatte moderne, übermoderne Züge hineinverwebt und es einem intelligenten Theaterdirektor eingereicht, der gern Talente entdeckte. Nach vierzehn Tagen ließ der Direktor den Mann kommen, dessen unbrauchbare Arbeit den gewissen, ahnungsvollen Bühneninstinkt verriet. Als Eberhard das Bureau betrat, sah ihn der Bühnengewaltige von oben bis unten an und lachte dann hell auf: „So sehen Sie aus? So kerngesund, so unwahrscheinlich gesund, ein rotbäckiger Germane, direkt Athlet, und schreiben diffizile, pathologische Stücke? — Junger Dichter, wenn Sie den Rat eines alten Praktikers nicht übel nehmen, so lassen Sie sich sagen: Besinnen Sie sich erst auf sich selbst, auf Ihre eigne Kraft, und dann schreiben Sie ein neues Stück und bringen es mir.“ — Da hatte der junge Mann pikante Verwickelungen hineingebracht und es einem Theater eingereicht, welches französische Ehebruchsdramen aufführte. Aber der biedere, fröhliche, von Herzensgrund reine und gesunde Jüngling hatte keine Pikanterie schaffen können, und wieder kehrte das Stück zu ihm zurück.
Nun zürnte Eberhard sich selbst, wollte niemals wieder schreiben und tat sich selber leid, daß er in langen Winternächten mühsam die schwarzen Buchstaben aneinander gereiht hatte, anstatt sich von des Tages Arbeit auszuschlafen; denn er hatte einen Tag wie den andern am Morgen Kollegs gehört und nachmittags Privatstunden gegeben, um seine bescheidenen Einkünfte zu vermehren. Die Enttäuschung bewirkte nun, daß er die ganze Arbeit, das Studieren und Schreiben, aus tiefster Seele haßte. Zehnmal des Tages reckte er seine langen, starken Glieder, deren Kraft zu nichts gebraucht wurde, sehnte sich, schwere Arbeit zu verrichten, und wenn er einen Steinträger unter seiner Bürde keuchen sah, hätte er ihm am liebsten die Last abgenommen. Um jene Zeit ging er wieder zum Turnen und Fechten, machte weite Spaziergänge und ging oftmals zu Fuß nach Potsdam, statt in das Kolleg. Privatstunden hörten auf: er suchte keine neuen. Sie hätten ihm zu viel Zeit geraubt, denn inzwischen hatte er Fritzi kennen gelernt, Fritzi, die Chansonette.
Sie war kein großer Stern, sondern nur eines von den ganz kleinen Sternchen. Als Eberhard sie kennen lernte, machte sie gerade den unsicheren Sprung aus der Variétéschule ins erste Engagement. Er sah sie bei ihrem ersten Debüt, und wie sie mit ihrem muntern Stimmchen sang, mit zierlich schlanken, rotbestrumpften Beinchen tanzte und mit lieblichem Munde und blitzenden Augen lachte, sang, tanzte und lächelte sie sich geradenwegs in das ehrliche Herz des großen, starken Studenten hinein.
Da fing ein fröhlicher Frühling leichtlebiger junger Liebe an, die das Heute genießt, ohne der grauen Zukunft zu gedenken. Für ihre Gage hätte Fritzi sich nicht einmal die bunten, flatternden Kleidchen kaufen können, in denen sie abends über die Bühne hüpfte. Eberhard sorgte für alles, und Fritzi war ihm dafür gut. Der Jüngling dachte nie daran, daß sein kleines Erbe einmal aufgezehrt sein könnte, und ein wunderlicher Schreck, mehr Staunen als Entsetzen, durchzuckte ihn an jenem Tage, an dem der Bankier ihm die letzten zweihundert Mark seines Kapitals nebst einer Schlußabrechnung sandte. —
Er mußte nun in kurzer Zeit Geld verdienen, um für sich und Fritzi sorgen zu können. Zufällig fanden sich nicht sogleich Privatstunden. Was tun, um schnell zu verdienen? Man schreibt etwas; ein Buch, ein Stück... Da wurde triumphierend das alte, verstaubte und vergilbte Manuskript hervorgesucht und kritisch, mit der naiven Überlegenheit des Menschen, der inzwischen zwei Jahre älter geworden, von neuem studiert.
Gerade in diesen Tagen machte Eberhard die Bekanntschaft des Direktors vom Odeontheater. Den hat der Himmel mir geschickt, dachte Eberhard. Dem fröhlichen, jovialen Manne, der abends am Artistentische ein so angenehmer Kneipgenosse war, würde er sein Stück anbieten und sicher keine Ablehnung erfahren. Das Drama, welches schon so viele Metamorphosen erlebt hatte, sollte aus dieser letzten Häutung als Volksschauspiel in vier Akten erstehen, grausig und rührend, pomphaft und populär, wie das Publikum des Odeontheaters es liebte. Ohne Furcht sah nun der junge Freidank seine Barschaft auf die Neige gehen und war nur traurig, daß er Fritzi ein wenig knapper halten mußte. Aber nur erst fertig sein, dann würde schnell der Umschwung zum Guten kommen! Er arbeitete fieberhaft, mit fliegender Feder, und gerade am Abende, ehe Fritzis Brief ankam, hatte Eberhard, bebend vor Stolz und Hoffnung, den Schlußstrich unter dem „Kind der Straße“ gezogen.
II.
Eberhard heuchelte vor sich selbst Gleichgültigkeit, als er das umfangreiche Manuskript zu sich nahm und sich auf den Weg zu Direktor Immermann vom Odeontheater begab. Immermann! sagte er mit zuversichtlichem Lächeln zu sich selbst, der teure Name soll mir ein gutes Omen sein! — freilich, außer dem Namen ist nichts Immermannsches weder an diesem Direktor noch an seinem Theater. —
Man gelangte zu dem Bureau des Direktors Immermann durch einen schmalen, finsteren Korridor, der auf einen freien Vorraum führte, wo allerlei Kulissengerümpel lag und stand. Eberhard durchschritt diesen Raum, klopfte an und trat in das Bureau.
Direktor Immermann war nicht darin; ein blasser, verkümmerter Schreiber präsentierte dem Besucher einen Sessel und vertiefte sich dann wieder in die Unterhaltung mit einem temperamentvollen Juden, der Herr Markus genannt wurde. Herr Markus hatte viele Photographien und farbige Plakate auf einem Zähltisch ausgebreitet und redete lebhaft und unter Anwendung unverständlicher Fachausdrücke auf den Theaterschreiber ein. Er führte ein großes Wort, und der blasse junge Mann hörte ihm voller Interesse zu.
Eberhard sah sich ein wenig neugierig um. Alle Wände und überhaupt alle vorhandenen Flächen waren mit bunten Artistenplakaten tapeziert; dazwischen fanden sich hier und da verstaubte Schleifen und ein alter Lorbeerkranz. Die meisten dieser großen, bunten Blätter hingen schon lange an den Wänden und hatten keine Beziehung zu dem gegenwärtigen Repertoire des Theaters. Aber nun fiel Eberhards Blick auf ein schreiend gelbes, mit Riesenlettern bedrucktes Plakat, welches besagte: Am 1. Dezember beginnt im Odeontheater eine große internationale Ringkampf-Konkurrenz um die Meisterschaft von Deutschland und den großen Preis von Berlin im Betrage von achttausend Mark. 24 Ringkämpfer ersten Ranges haben sich bis jetzt gemeldet. — Um dieses auffällige Plakat, welches die Mitte der Wand einnahm, waren die prächtigen, überlebensgroßen Reklamebilder berühmter Athleten gruppiert. Jetzt verstand Eberhard mit einem Male die Unterhaltung der beiden Männer am Zähltische. Immer noch erzählte Herr Markus voll Leidenschaft, mit orientalischem Temperamente, von „unserer Konkurrenz“ und setzte dem aufhorchenden Schreiber auseinander:
„Dies Bild? — Ein Schwarzer natürlich, ein pechschwarzer Sudanneger; er heißt Mansur! — Sie sagen, er hat auf der Photographie einen Trauring auf? — Ja, den hat er wohl abzunehmen vergessen.“
„Trägt er ihn denn sonst?“ fragte der Schreiber mit neugierigem Lachen. „Seine Frau sitzt doch wahrscheinlich in Afrika, im Harem, und sieht ihn nicht!“
„In Afrika? Im Harem?“ schrie der Manager und schüttelte sich vor Lachen, während er mit seinen übermäßig beringten Händen heftige Gesten machte, „da kennen Sie Mansurs Frau schlecht! O nein! Sie läßt ihn nicht einmal allein ausgehen. Abends sitzt sie im Theater und hält beide Augen offen, daß er nicht etwa mit einer Verehrerin spricht. O Himmel, ja, die Frau Mansur hat Schneid! — Eine Wienerin, wissen Sie, so eine richtige mollige, aber sie steckt ihren Mansur, so groß und dick er ist, zehnmal in den Sack, obwohl sie ihm gerade bis an den Ellenbogen reicht!“
Eberhard fing eben an, sich für die Unterhaltung zu interessieren, als man schwere Schritte die Treppe, die zur Bühne führte, herunterkommen hörte. Sofort änderte sich das Bild im Bureau; der Schreiber ging langsam, mit müder Geschäftsmiene, an sein Pult zurück, während Herr Markus, der bis jetzt, nach jüdischer Gewohnheit, mit bedecktem Kopfe gestanden hatte, schnell den Zylinder abnahm und auf einen Stuhl setzte. Mit dieser einzigen Bewegung hatte er eine devote, beflissene Haltung eingenommen, und eifrig lief er den Ankommenden entgegen. Es war Direktor Immermann, der einem andern Herrn höflich den Vortritt ließ.
Der Direktor ging auf Eberhard zu, der sich beim Eintritt der Herren erhoben hatte, und begrüßte ihn in seiner munteren, kordialen Weise:
„Ah, junger Freund, das ist aber hübsch, daß Sie einmal kommen! — Gleich stehe ich zu Ihrer Verfügung! Nur wenige Minuten noch habe ich mit Herrn Thyssen zu sprechen! — Die Herren gestatten: Herr Freidank; Herr Thyssen, unser berühmter Weltmeister... Sie entschuldigen mich ein Weilchen, mein junger Freund; nehmen Sie Platz indessen...“
Eberhard verbeugte sich tief vor dem berühmten Athleten und setzte sich wieder. Hermann Thyssen aber nahm den angebotenen Platz nicht an und ging langsam, mit schweren Schritten, an den Tisch, auf dem die Photographien ausgebreitet lagen, während er Direktor Immermann mit einer kaum merklichen Kopfbewegung zu sich winkte.
Es konnte kaum ein größerer Unterschied zwischen zwei Männern gedacht werden, als zwischen dem Theaterdirektor und dem Ringkämpfer, wie sie jetzt nebeneinander standen. Immermann war ein kleiner, blonder, fröhlicher Mann, dessen rundes Bäuchlein ihm nichts von einer angeborenen heiteren Behendigkeit geraubt hatte. Er hatte hellblondes Haar und einen lustigen, goldblonden Spitzbart. Seine lebhaft gefärbte Kravatte war mit einem großen Brillanten geschmückt, und auf seinem Bäuchlein schaukelte eine dicke Uhrkette mit zahlreichen Berlocken. Herr Thyssen überragte den Direktor fast um einen Kopf. An ihm war alles von unaufdringlicher Gediegenheit und Eleganz. Seine Kleider verrieten den ersten Londoner Schneider, seine Knopfstiefel den feinsten englischen Schuster. — Auf einem starken Halse erhob sich selbstbewußt, fast hochmütig, der interessante, prachtvolle Kopf. In den dunklen Augen blitzte ein ernstes, schönes Feuer, die kühne Stirn war hoch und überaus edel geformt, die schwarzen, nicht allzu kurz geschnittenen Haare waren über der linken Schläfe in einen Scheitel gekämmt. Den starken, schwarzen Schnurrbart trug Herr Thyssen nach preußischer Mode gerade nach oben gebürstet. Aber in diesem stolzen, herrischen Gesichte frappierte der weiche, feine, köstlich geformte Mund. Dieser Mund war hellrot und schwellend, wie der zarte Mund eines Kindes, und von jener klassisch edlen Form der Lippen, die der hellenische Phidias seinen unsterblichen Jünglingsangesichtern lieh. Darunter wölbte sich dann ein festes, willensstarkes Kinn. Die breiten Schultern, die ganze hohe und breite Gestalt des Weltmeisters waren von jener ruhigen, gleichmäßigen Schwerfälligkeit, die aus dem Bewußtsein einer sicheren, überlegenen, ungeheuren Kraft entspringt.
Eberhard freute sich, den berühmten Athleten, den Sieger in allen Wettkämpfen der Welt, mit bürgerlichen Kleidern angetan, von Angesicht zu Angesicht betrachten zu können. — Herr Thyssen sah ruhig die Photographien durch und ließ alle Fragen, die Immermann zu stellen hatte, durch sein Faktotum Markus, welcher als der Manager vorgestellt wurde, beantworten. Doch nun wendete sich Immermann direkt an Thyssen:
„Sie aber wissen allein, Herr Thyssen, auf welche Teilnehmer wir mit Sicherheit rechnen können? Ich muß die Namen vorher haben, wegen der Reklame...“
Thyssen war kein Freund vom vielen Reden. Er schob dem Direktor einige Bilder zu und sprach langsam und bedächtig:
„Bernhard Meinken aus Hamburg; Paul Kiesling aus Westfalen; vielleicht den Münchner Binder. — Raymond Poing de fer; Pierre le Forgeron, genannt Oeillet rouge, die rote Nelke; Champion von Paris! — Jan van Muyden; Ola Carstensen; Frank Argyll aus Texas; Manuel Gomez, el Toro de Granada; Giacomo Petrocchi und Vittorino Cardo, sein Bruder; Sergej Roditscheff aus Rußland; Jimmy Holyhead, ein Schwarzer; Mansur, the Lion of the Sudan, auch ’n Schwarzer; haben Sie?... William H. Lanfrey; Karl van dem Domhoff...“
„Kenn’ ich nicht,“ sagte Immermann dazwischen.
„Ob Sie ihn kennen oder nicht, ist doch ejal,“ sagte der Athlet gleichmütig in seinem wohllautenden niederrheinischen, etwas schleppenden Dialekte. „Hauptsache ist doch, daß ich ihn kenne. Kann Ihnen aber zu Ihrer Beruhigung sagen: seriöse Meisterschaft im Schwergewicht, 1904 in Lüttich. Jenüjend, allright? — Überhaupt, was soll Ihnen die Aufzählung? Ich versteh’ nicht, wozu Sie die heut’ brauchen. Das schreibt Ihnen Markus alles... Wichtiger ist mir: Ich brauche dann noch ’n paar Berliner, die ’n bischen hermachen. Müssen immer ’n paar Einheimische ’bei sein.... Die könnten Sie mir besorjen, Immermann. Da hätt’ ich ’n’ jroße Arbeit weniger...“
„Professionals?“ fragte Immermann.
„Ach nee!“ erwiderte der Athlet, ärgerlich, daß er Erklärungen geben mußte. „Die kann ich doch allein krieje, nicht? — Auch keine Klubleute. Wird mir sonst zu jroße Klubmeierei; ’n paar jute Amateure. Werden sich schon denken können, was ich brauche. Im Notfall ist einer jenug...“
Der Direktor behauptete, daß er nun genau wüßte, was Herr Thyssen wünschte, und er würde einen solchen jungen Mann besorgen. Inzwischen hatte der Manager Markus sämtliche Photographien eilfertig zusammengerafft und erinnerte Thyssen respektvoll, daß es hohe Zeit sei, wenn man den Hamburger Zug noch erreichen wollte. Darauf reichte Hermann Thyssen dem Theaterdirektor die große, starke Hand und verabschiedete sich, ohne viele Worte zu machen. Beim Hinausgehen streifte er Eberhard mit einem scharfen, prüfenden Blicke. Eberhard sah eine Sekunde lang in die stolzen, flammenden Augen, während ein warmes, eigentümlich wohltuendes Gefühl eigener junger Kraft und Gesundheit durch seinen Körper zog...
„Das sind Kerls!“ rief Immermann, der seinen berühmten Gast bis ans Tor begleitet hatte und nun aufgeregt zurückkehrte, in heller Begeisterung. „Donnerwetter, das sind Kerls! Dieser Thyssen! Dagegen kommt sich unsereins wie ’ne Mücke vor... Diese Tatzen, was? Damit eins kriegen, muß ’n Vergnügen sein, was? — — Aber womit kann ich Ihnen dienen, junger Freund?“
„Ich bringe Ihnen ein Stück,“ sagte Eberhard hoffnungsvoll, indem er das Manuskript hervorholte. „Ein Stück für Ihr Theater, extra für Sie geschrieben. Können Sie es nicht gleich lesen? Es würde Ihnen sicherlich gefallen... Das ist etwas für Ihr Publikum, glauben Sie mir! Vier kurze Akte...“
Eberhard brach ab, da der Theaterdirektor keine Miene machte, nach dem Hefte zu greifen, sondern es mit jovialem Lächeln ein wenig zurückschob. Er blickte Eberhard mit seinen freundlichen, hellen Augen an und sagte munter:
„Dichter sind Sie auch? — Wußte ich gar nicht. — Haben Sie nicht die kleine Fritzi aus dem ‚Goldsalon‘! Nicht wahr? Ja, wußte ich doch noch. Und die läßt Ihnen Zeit zum Dichten? Komisch. Solche lebenslustigen, kleinen Käfer lassen den jungen Herren gewöhnlich gar keine Zeit! Wohl eine feurige, kleine Kröte, was? Ja, ja, diese schwarzen Augen!“
Eberhard ärgerte sich. Er mochte keine Diskussion über das Temperament seiner Fritzi, hier, vor den Ohren des Schreibers. Er begann von neuem:
„Wollen Sie nicht mein Stück lesen? Es paßt wirklich großartig für Sie. Es heißt: „Das Kind der Straße“. Nun, gefällt Ihnen das? Das wird bei Ihnen ziehen, passen Sie auf!“
Immermann nahm das Manuskript, blätterte darin, lachte behaglich und sagte mit vergnügtem Schmunzeln:
„Ein richtiges Theaterstück, wahrhaftig! Hätte wirklich nicht gedacht, daß Sie auch dichten können. Ist sicherlich ein sehr hübsches Stück! Warum sollte es nicht hübsch sein? — Aber für mich? Nein, lieber Herr Freidank! Ich kann doch keine Stücke von den Herren Dichtern brauchen!“
„Aber Sie führen doch fortwährend neue Stücke auf!“ sagte Eberhard aufgeregt. „Die muß doch irgend jemand schreiben! Also warum sollten Sie nicht ein Schauspiel von mir bringen?“
„Ich beziehe doch meine Stücke fix und fertig von meinem Agenten,“ erwiderte Immermann freundlich beschwichtigend. „Gleich mit allen Regiebemerkungen, mit der notwendigen Musik — wie gesagt, die Mimen können gleich losspielen! — Jeden Gefallen tue ich Ihnen gern, junger Freund, aber ein Stück von Ihnen spielen? Es ist unmöglich, so gerne ich’s täte, es ist wahrhaftig unmöglich!“
Freidank geriet angesichts dieser lächelnden, jovialen Ablehnung in Verzweiflung. Er versuchte einen letzten Ansturm:
„Aber nehmen Sie es doch, Herr Immermann! Die Regie richte ich Ihnen sehr gern ein. Das ist das wenigste! Sie bekommen es billig... Es ist doch direkt für Sie geschrieben...“
Endlich hörte der Direktor den bangen, flehenden Ton der Sorge aus Eberhards Worten.
„Ah so!“ sagte er freundlich, „das ist’s, darum liegt Ihnen so viel an Ihrem Stück... Nun, das passiert Jedem ’mal! Das kenne ich! Das hätten Sie doch gleich sagen können! Hier, Herr Freidank!“
Er griff in seine Westentasche und holte ein Zehnmarkstück heraus, welches er Eberhard in die Hand drückte, indem er bemerkte:
„Können mir’s ja wiedergeben, wenn es Ihnen paßt. — Nein, nein, nehmen Sie nur, keine Widerrede, junger Freund! — Weiß ja, junge Leute brauchen immer Geld, ja, ja!“
Eberhard sah alle seine Hoffnungen zerschellen. Eine wilde, finstere Verzweiflung tat sich vor ihm auf. Jetzt entschloß er sich, dem behäbigen, gutmütigen Direktor sein Leid rücksichtslos anzuvertrauen, trotz der Anwesenheit des Schreibers, die ihn unendlich genierte. Aber der Schreiber, der viel wechselvolle Schicksale und Artistenelend alltäglich sah, interessierte sich gar nicht für diesen dichtenden „Herrn Doktor“; übrigens nahm er jetzt Hut und Überzieher und ging zu Tisch. Da faßte Eberhard sich ein Herz und sagte dem Theaterdirektor ehrlich, aber in schamhaft abgerissenen Worten, wie es um ihn stand und wie er auf diese Arbeit seine letzte, ja, seine einzige Hoffnung gesetzt habe. In einiger Zeit werde er ja wieder Beschäftigung finden, aber jetzt... kurz vor Weihnachten...
Fritzi fiel ihm ein; die Ratlosigkeit übermannte ihn. Er zuckte die starken, breiten Schultern und starrte finster die bunten Bilder der phantastisch gekleideten Tänzerinnen und der stereotyp lächelnden Komiker an.
„Ja, das ist sehr schlimm!“ sagte Immermann bedächtig, „da ist schwer raten... Ein junger Herr Doktor, nun, das ist eine schrecklich brotlose Arbeit... Das ist doch nichts, wenn man bloß dichten kann, und Lateinisch und Griechisch, und so Kram, was kein Mensch brauchen kann... Ja, wenn Sie irgend etwas Reelles könnten! Komiker, oder Gymnastik, oder Athlet, oder so... Das ist was! Dafür habe ich immer Verwendung! Zum Athleten paßten Sie zum Beispiel brillant, mit Ihrem Wuchs!“
Eberhard lachte ärgerlich, aber Immermann nahm sein Lachen für Zustimmung:
„Was sagen Sie nun? — Nicht, das gefällt Ihnen? Sehen Sie, das ist was Rentableres, als Stücke schreiben! — Dichten kann jeder, aber nicht jeder is ’n Athlet! — Ziehn Sie ’mal Ihren Rock aus und zeigen Sie Ihre Muskeln! — Was wollen Sie eigentlich mehr? Zum Donnerwetter, ja, das nenne ich ’n Biceps! Sie sind wohl ’n heimlicher Ringkämpfer, Sie...?“
Und er klopfte dem jungen Manne, dem er kaum bis an die Schultern reichte, derb auf die Arme und Schenkel.
Der junge Freidank wußte nicht recht, ob Immermann im Scherz oder im Ernst redete. „Nein!“ sagte er zögernd, „nein, Ringkämpfer bin ich, weiß Gott, nicht!“
„Können Sie werden, können Sie werden,“ antwortete Immermann rasch, „das läßt sich lernen! Wer die Kraft hat, lernt schon die Technik! — Nun, nicht wahr, Sie haben Lust? — Da könnte ich Sie nämlich sofort engagieren, ja! — Zwar — erst für den Dezember; bei der Meisterschafts-Konkurrenz mit Thyssen! — Bis dahin... Sie brauchen Geld... Darüber ließ sich reden... Man könnte Ihnen eine Vorschußzahlung geben. Mit Ihnen würde ich die Ausnahme machen...“
Der junge Freidank war so überrascht, daß er weder zustimmende, noch ablehnende Worte fand. Etwas in ihm sprach dagegen. Und dann schrie doch auch etwas in ihm auf, das war dafür, und das reckte sich in den jungen Muskeln, das sprang heftig durch alle Adern, das war wie ein heißes Verlangen, die Kräfte an fremder Kraft zu messen...
„Also, ist gut!“ sprach Immermann inzwischen mit seinem gutmütigen Lächeln, „Sie lassen den gelehrten Kram und die Dichterei schießen und kriegen bei uns Kontrakt... Bin ich ein anständiger Mensch, ja? — Helfe ich Ihnen vernünftig aus der Patsche oder nicht? — Gut. Sie lernen bis zum 1. Dezember gut ringen. Es ist ein Stück Arbeit, aber es geht. Nehmen Sie einen Trainer, der was versteht, und arbeiten Sie fleißig. Ich schreibe Ihnen eine Anweisung auf fünfzig Mark aus, damit Sie den Trainer bezahlen können... Nein, Sie brauchen sich nicht zu bedanken!“ rief der kleine, blonde Herr freundlich, „Sie geben mir ja eine Quittung dafür!... Wollte, ich hätte ’mal ’n Jungen wie Sie. Meiner ist mir mit zwölf Jahren ertrunken... Ja, was ich sagen wollte: wissen Sie ’n guten Trainer? Ich wüßte einen. Hier ist die Adresse, notieren Sie: André Leroux... Also, abgemacht, junger Freund! Montag holen Sie sich den Kontrakt!“...
III.
Es schwirrte Eberhard vor den Augen, als er auf die Straße trat, und in seinen Gedanken war eine sonderbare Leere. Er hatte dieses Haus mit gar so anderen Hoffnungen und Wünschen betreten und wußte nun nicht, ob er besser oder schlechter dran war, als zuvor.
Im Hauseingange, nahe dem Tore, hing wieder das gelbe Plakat aus dem Theaterbureau. Vorher war es dem jungen Manne nicht aufgefallen, jetzt blieb er davor stehen. Zwei ganz junge Mädchen, die leichtfüßig durch den Torweg geschritten kamen, blieben ebenfalls stehen, lasen von den vierundzwanzig Ringkämpfern und lachten. Dann sagte die eine, sie habe noch nie Ringkämpfer gesehen; was das wohl für Leute sein möchten? Das andere Mädchen, welches Annette genannt wurde, machte bewundernde und schwärmerische Augen und erwiderte: „Natürlich sind sie schrecklich stark; furchtbar groß und breit; ungefähr zwei Meter groß oder so...“ „Ich bin ein Meter fünfundfünfzig,“ sagte die erste leise.
Eberhard fiel es ein, daß er zweihundertfünf Zentimeter hoch war, und er richtete sich unwillkürlich straff auf. Die jungen Mädchen aber hinter ihm mußten plötzlich auch seine Größe und Stärke bemerkt haben, denn ihr Lachen und Zwitschern brach jäh ab und sie gingen stumm von dannen.
Der junge Mann unterdrückte ein stolzes Lächeln und schritt festen, langsamen Ganges weiter. Ein merkwürdiges Gefühl lag schwer und beruhigend in seinem Körper; er fühlte die Glieder so sonderbar fest und sicher in den Gelenken ruhen, er preßte die Fäuste zusammen und dachte: so viel Kraft, so viel Kraft, mit der man nichts beginnt...
Durch das grauweiße Gewölk des spätherbstlichen Himmels war die Sonne durchgebrochen und ihr warmes, gelbes Mittagsleuchten zauberte einen künstlichen Sommer auf der Straße hervor. Studenten kamen ihm entgegen, die ihre bunten Mützen und dreifarbigen Bänder im Sonnenschein spazieren führten, und andere, die Bücher unter dem Arme trugen. Eberhard Freidank mußte fortsehen und dann wieder gewaltsam hinsehen. Er gehörte ja doch zu ihnen, noch... und immer... Ihr Reich, das Reich des Geistes, der Pläne, Hoffnungen und Ideale, war auch sein Reich, ihr Streben war sein Streben, und die Schätze des Wissens waren der unversieglich reiche, ewig frische Born, aus dem auch er den Lebenstrank schöpfen wollte...
Er blieb an dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in der er seine Bücher zu kaufen pflegte. Bis heute hatte er nur Augen für jene dickleibigen, schlichten Bände gehabt, die er zu seinem Studium brauchte, und für die modernen, farbenfrohen Umschläge der schönen Literatur. Jetzt eben sah er zum ersten Male die Bücher, die von Sport und Körperkultur handelten. Es waren ihrer allein in diesem Schaufenster fünf oder sechs. „Was ist das?“ fragte sich Eberhard mit flüchtigem, innerlichem Erschauern, „was ist das, daß in so vielen dieser Bücher die Lehre von der alleinseligmachenden Kraft ausgesprochen wird? Der Geist ist doch mehr, die Weisheit ist doch höher...“ Und er wendete sich dem Schaukasten an dem seitlichen Pfeiler zu. Dort waren Bilder und Reproduktionen auf Ansichtspostkarten ausgestellt. Eberhards Blick ging die Reihe der Karten entlang; es waren Nachbildungen antiker Marmorwerke auf schwarzem Grunde. Da stand der borghesische Fechter, da standen die florentinischen Ringer, der Apoxyomenos, die laufende Atalante....
„Höre doch endlich, Freidank!“ sagte eine helle junge Männerstimme dicht neben ihm, daß Eberhard sich schnell umwendete. „Ich rufe dich schon zum dritten Male an! Wer steht denn am lichten Mittage so versunken da? Zu einer Zeit, wo jeder Mensch den Fleischtöpfen Egyptens zustrebt, wenn er den Mammon dazu hat?“
„Du bist es, Tönnies,“ sagte Eberhard. „Warum bist du also auch hier, anstatt nach den Fleischtöpfen zu eilen?“
„Ich sagte es ja,“ antwortete Tönnies mit verdrießlichem Lachen, „kein Geld... Und ich habe noch keinen Menschen gefunden, der mir etwas pumpen kann... Ich bitte dich, am Dreiundzwanzigsten noch Geld... Nein, das ist zu viel verlangt! Dir wird es nicht besser gehen! Oder...?“
„Komm mit,“ sagte Eberhard mit seinem ruhigen, fröhlichen Lachen, indem er den Arm des Kommilitonen unter den seinen zog. Der junge Tönnies sah mit seinen hellen, runden Augen erstaunt auf.
„Du hast?... Am Dreiundzwanzigsten?... Ja, wo schleppst du mich denn hin? Heut’, am Dreiundzwanzigsten?“ —
Gemeinsam betraten die jungen Männer eines jener Bierhäuser, in denen die akademische Jugend verkehrt. In diesem Augenblicke drängte es Eberhard förmlich, die Gemeinschaft anderer Studenten aufzusuchen, mit ihnen am Tische zu sitzen, mit ihnen zu essen und zu trinken! Er mußte sich selbst überzeugen, daß er einer der Ihren war; kein Ringkämpfer, sondern ein Strebender, ein Suchender, ein Werdender, einer vom jungen Deutschland....
Hin und her flog die Rede der jugendlichen Wissenssucher. Es wurde von den höchsten und den kleinlichsten Dingen gesprochen, von Goethe, von Gott und Vaterland, von jungen Mädchen und Mensuren, von einer fremden Burschenschaft und Kneipen. Man speiste mit gesundem Appetit, man schlug die zinnernen Deckel von den Seideln zurück und sprach dem Biere zu, man plauderte, philosophierte und urteilte....
„Du mußt eine Erbschaft gemacht haben,“ sagte Tönnies tiefsinnig zu Eberhard, „oder einen Einbruch begangen...“
„So ähnlich,“ sprach Freidank mit ruhigem Lächeln, „du mußt es ja wissen, Tönnies!“
Und er ließ seine Augen auf der Tischrunde der Kommilitonen ruhen und dachte mit einer stillen, starken Zufriedenheit im Herzen: „Hier bin ich — ich; unter meinesgleichen; an meinem Platze...“
„Du lieber Gott, halb drei!“ rief Tönnies plötzlich und sprang auf, „und um halb vier habe ich in Charlottenburg eine griechische Stunde zu geben... Bis zum Ersten — indessen nur vielen Dank, Eberhard! — — Du mußt doch eine Erbschaft gemacht haben, sonst hättest du nicht...“
„Am Dreiundzwanzigsten — ja,“ sagte Freidank und sah dem Freunde, der ihm lustig und dankbar derb die Hand schüttelte, lachend ins Gesicht. „Nun, auf Wiedersehen, Adolf!“
„Auf Wiedersehen!“ rief Tönnies, schon unterwegs.
Es war auch für Eberhard mittlerweile Zeit geworden, ins Café Prätorius zu Fritzi zu gehen. Er winkte den Kellner herbei, bezahlte — wieder gab es ihm einen Stich ins Herz — mit dem Gelde des Theaterdirektors, und ging davon.
Er ging mit langen, schnellen Schritten dorthin, wo seine Freundin Fritzi ihn wohl schon erwartete; denn Eberhard hatte sich gegen seine Gewohnheit um einige Minuten verspätet. Hastig trat er in das kleine, um diese Stunde wenig besuchte Caféhaus ein und sprang die schmale Wendeltreppe ins obere Stockwerk empor, wo er die zierliche Gestalt der Freundin in eins der kleinen Ecksofas geschmiegt zu sehen erwartete. Aber Fritzi war noch nicht da, und der junge Mann hatte noch länger als eine Viertelstunde in Sehnsucht und Ungeduld an seinem Fensterplatze auszuharren, ehe er seine Freundin mit keck hochgehobenen Röcken über den Straßendamm hüpfen sah. Er wollte sich ein wenig über ihre Unpünktlichkeit ärgern, aber als er ihre flüchtigen Tritte auf der Stiege hörte, verging sein Herz vor Liebe und vor Freude, die Geliebte zu sehen...
„Liebe Fritzi!“ sagte er alsbald, „sage mir, wozu du das Geld so notwendig brauchst, und... ich werde es beschaffen, wahrhaftig, ich werde es beschaffen... Zwanzig Mark wolltest du... Ich habe sie nicht, Fritzi... Oder vielmehr, ich habe sie, aber sie sind, sozusagen, nicht mein... sie sind fremdes Geld... für einen bestimmten Zweck mir übergeben...“
Fritzi lächelte kindlich: „Wieviel kannst du mir geben, Ebi?“
„... Fünf Mark,“ sagte Freidank nach einem kurzen, heftigen Kampfe mit sich selbst. Er hatte das Geld aus der Tasche reißen, hatte es Fritzi geben wollen; aber dann hatte doch die Anstandspflicht gesiegt, die ihm befahl, das Geld entweder zu dem Zwecke zu gebrauchen, zu dem er es von Immermann erhalten hatte, oder es zurückzugeben.
„... Fünf Mark, Fritzi,“ wiederholte Eberhard. „Aber, wenn es durchaus sein muß, so...“
„Ach Gott, nein!“ sagte das junge Mädchen, indem es drollig die Lippen verzog, „wenn es nicht geht, Ebi.... Gieb mir inzwischen die fünf Mark.... danke.... Sage mir, wann verkaufst du das Theaterstück? Bekommst du sehr viel Geld dafür?“
Der Student besann sich einen Augenblick, trank aus dem dünnen, hohen Bierkelche, blickte auf die Straße hinaus und wieder auf Fritzi hin: er wollte ihr alles mit einem Male sagen, denn er liebte nicht das Versteckenspielen und die halben Erzählungen. Er sagte ihr also in den einfachsten Worten das, was sich heute zugetragen hatte und fragte sie, was sie dazu meinte, wenn er nun in der Zukunft ein Ringkämpfer sein würde. Aber er sagte nur die Tatsachen und verschwieg seine heimliche Angst vor einem Schritte, der ihn für immer aus den Reihen der Werdenden, der akademischen Jugend hinausziehen würde.
Fritzi, die in die Sofaecke gedrückt dagesessen hatte, bog sich vor Erstaunen und Vergnügen weit vor, sie schob ihre Kaffeetasse mit energischer Bewegung fort, legte beide Arme auf den Tisch und fragte leise und fröhlich:
„Das ist wahr? — Ein Ringkämpfer? — So stark bist du?“
„Ich weiß nicht, Fritzi! Ich denke wohl! So stark, — o ja! — Und sonst — sonst hättest du nichts dagegen einzuwenden, gar nichts? — Schließlich ist es doch ein ganz — ganz anderer Beruf...“
„Beruf! Beruf!“ schrie Fritzi entzückt, „ein himmlischer Beruf ist es! — Aber natürlich, Eberhard, du wirst Ringkämpfer! Ist doch ein besserer Beruf als Student?“
Es lag in ihrem fröhlichen, strahlenden Gesichtchen etwas Primitives, die Unfähigkeit, zu unterscheiden, Differenzen zu fühlen... Wie jung ist sie! dachte Eberhard, sie kennt nichts, sie weiß noch nichts, sie sieht kaum die Unterschiede im Leben... Er fragte, von ihrer Munterkeit ergriffen, selbst etwas heiterer und sicherer:
„Das ist alles, was du darüber zu sagen hast? — Du bist also eigentlich ganz einverstanden?“ —
„Aber, Eberhard!“ sagte die kleine Brünette, „warum sollte ich wohl nicht einverstanden sein? — Bedenke doch: du verdienst viel Geld... sehr viel Geld wahrscheinlich... du kannst auftreten... du hast Erfolg... O, und nun kann ich auch außerhalb Berlins ins Engagement gehen! Wir können natürlich immer zusammen bleiben! Ich lasse mich einfach immer in derselben Stadt engagieren, wo du sein wirst! Wir bleiben zusammen, und du verdienst sehr viel Geld!“
So weit waren seine Zukunftsträume noch gar nicht geflogen. Er sah ein, daß sie darin recht hatte. Gewiß, sie konnten zusammen bleiben, und er würde dem süßen, schwarzhaarigen Kinde wieder jeden Wunsch erfüllen können. Jetzt, da sie um seinetwillen nur in Berlin Engagements annahm, war er ihr ja sogar im Wege... er versperrte ihr die Karriere... Wenn er über alle anderen Bedenken hinwegkommen könnte...
„Setz’ dich einmal neben mich,“ sagte Fritzi mit einer Zärtlichkeit, die er sonst nicht an ihr gewohnt war. Und als er an ihrer Seite saß, fühlte er mit innigem Erschauern den jungen, zierlichen Mädchenkörper, der sich herzhaft an ihn preßte; warme Hände suchten die seinen, und eine zärtliche Stimme sagte flüsternd:
„Athlet wirst du sein, nicht wahr? Stärker als alle andern... Ach, wie werde ich dich lieb haben, wenn du die andern besiegst!“
Er sah ein Flackern in ihren Augen, jenen Glanz, der bei dem Anblick brutaler männlicher Kraft in Frauenaugen aufleuchtet. Sie wollte ihn betören, ihn entzücken mit ihrer weichen, schmeichelnden Bewegung, und doch wurde Eberhard ein wenig verstimmt und fragte:
„Du wirst mich mehr lieben, Fritzi? Kann das sein?“
„Was stellst du für Fragen!“ erwiderte das junge Mädchen lachend, „mehr... weniger... Ich bin dir gut, das ist doch genug... du fragst immer so komisch, Eberhard!“
Eberhard war erregt; seine Gedanken flatterten hierhin und dorthin:
„Gute Fritzi! — hast gar nichts mehr von dem Gelde gesagt; brauchst du es sehr notwendig, Fritzi? Vielleicht ... in einigen Tagen... könnte ich...“
„Ach, laß!“ sagte Fritzi leichthin, „im Augenblick, na ... Ich habe mir... von einer Kollegin zwanzig Mark geborgt, ja...“
Der junge Mann hob überrascht den Kopf: „Von einer Kollegin? Aber, du — das mußt du doch so schnell wie möglich wiedergeben!“
„Es eilt nicht so,“ antwortete Fritzi schnell, und dann, als sie sein erstauntes Gesicht sah, fuhr sie fort: „Sie braucht es nicht so notwendig... Es ist die Liane Fanchon ... Die hat immer! Die ist nie in Verlegenheit!“ Dabei seufzte Fritzi leise.
Eberhard sah das junge Mädchen an; sein Blick blieb, ohne daß er selbst es wußte, auf der schmalen, modernen Nadel haften, mit der ihr Kleid am Halse geschlossen war. Ohne daß er etwas dabei dachte, wurde sein Auge durch das vielfarbige Glitzern mehrerer wasserheller Steine gefangen. Aber er sah das Schmuckstück erst, als Fritzi in einiger Verlegenheit mit der Hand danach griff und hastig fragte:
„Ach — du siehst die Brosche an? Ich habe sie gekauft ... vorhin... als ich mit Liane aus der Probe kam... Sie ist niedlich und glänzt beinahe wie echt...“
Jetzt erst wurde Eberhard aufmerksam. Es war eine schöne Nadel, auf der drei klare Steine funkelten. „Das ist unecht, Fritzi?“ fragte er langsam, zögernd, indes ein feiner Strahl des Mißtrauens spitz und scharf aus den blitzenden Steinen fuhr und sich in sein Herz bohrte. Die Chansonette fühlte seinen unausgesprochenen Zweifel... „Etwa echt?“ fragte sie heftig, „etwa echt? Woher sollte ich denn das haben? Von dir etwa?“ Und dann, schnell und lustig: „Du, ob echt oder unecht, ist mir doch ganz gleich! Wenn ich irgendeine Brosche habe, bin ich zufrieden... Ich hatte keine... Liane war dabei...“
Eberhard wußte nichts darauf zu sagen. Er dachte, es sei verwunderlich, aber doch... Fritzi log nicht... Wer übrigens hätte ihr eine so kostbare Nadel schenken sollen? Untreu... nein, Fritzi war ihm nicht untreu...
„Ich muß nun gehen, Liebste,“ sagte er sehr sanft. „Da du auch meinst, daß ich... Ja, da muß ich zu einem Trainer gehen. Je eher ich anfange, desto mehr Hoffnung hab’ ich, in den wenigen Wochen ringen zu lernen. Ich hole dich heute abend aus der Vorstellung ab, Fritzi. Bis dahin, Geliebte...“
Er schlang den Arm um ihren Leib’ und wollte sie küssen, sie aber wehrte lachend: „Aber Ebi! Wenn das die Leute sehen!“
„Sollen sie doch,“ sagte Eberhard. „Mir soll nur einer kommen... Ich werde ihn schon... Liebe Fritzi, auf Wiedersehn!“
IV.
Der Trainer wohnte in der Linienstraße, in jener Gegend von Berlin, die allen nivellierenden Einflüssen der Hauptstadt zum Trotz noch immer etwas von der Ungebundenheit des Quartier latin bewahrt hat. Dort hausen neben Geschäftsleuten und ehrsamen Bürgern Studenten, Artisten, Künstler, Modelle und Dirnen, dort finden sich originelle Artistenkneipen, Dirnenlokale und Verbrecherkeller, und typische Persönlichkeiten fallen hier weniger auf, als in anderen Stadtteilen.
Eberhard durchschritt die Einfahrt des Hauses, ging über den ersten Hof und durch ein Fabrikgebäude und kam auf den zweiten Hof, wo er den Trainer finden sollte. Dieser Hof inmitten der Stadt hatte einen ländlichen Charakter. Er war nicht durchweg mit Steinen gepflastert und mehrere Bäume standen darin. Eine Anzahl Hühner scharrten die Erde, ein Hofhund lag vor seiner Hütte und hinter einem Drahtgitter spielten ein halbes Dutzend Kaninchen. Aus dem Pferdestall zur rechten Seite kam eine Katze geschlichen und ging langsam an der Mauer entlang, während sie die Augen auf die Hühner gerichtet hielt. An der linken Hofseite stand aber ein vierstöckiges Wohnhaus. Dort wohnte zu ebener Erde der Trainer André Leroux.
Als Eberhard klingelte, rief eine laute Stimme: herein! Der junge Mann öffnete die Tür, trat ein und sah den Trainer mit eisernen Gewichtkugeln hantieren. Der Athlet legte seine Gewichte nicht fort; er sah nur flüchtig auf den Besucher hin und sagte: „Setzen Sie sich inzwischen, bitte; ich muß meine Übungen beenden.“ Eberhard setzte sich auf das alte, grüne Ripssofa und der Athlet fuhr mit seinen Übungen fort.
Eberhard sah sich ein wenig um. Er befand sich in einer großen Küche, die augenscheinlich als Wohngemach und auch zum Kochen benutzt wurde. Obwohl alles praktisch hergerichtet und ordentlich aufgeräumt war, trug der Raum doch das charakteristische Gepräge einer Junggesellenwirtschaft, welches das Fehlen einer Hausfrau verrät.
Die Wände waren sämtlich mit Bildern bedeckt. Plakate mit bunten Abbildungen von Ringern und Kraftmenschen waren mit Reißnägeln befestigt, über dem Sofa hingen gerahmte Photographien einzelner Athleten und ganzer Klubs; ein Kranz aus künstlichen Eichenblättern hing über einem Diplom, und zwischen den Athleten lächelten auch hier und da die Bildnisse von Damen, die dem Trainer mit ihrer Neigung auch ihr Bild geschenkt hatten... Trotz der späten Jahreszeit stand das Fenster weit offen. Ein breites Blumenbrett vor dem Fenster war ganz mit Blumentöpfen besetzt, in denen immergrüne Gewächse standen, dazwischen blühte noch ein rotes Geranium.
„Noch ’n Momang,“ sagte der Athlet zwischen seinen Übungen. „Bin jleich fertig.“ Und wieder hob er die Kugelgewichte bis zur Schulterhöhe und stieß die Arme abwechselnd kraftvoll hoch.
Er trug ein schwarzes, ärmelloses Trikot, welches auf der Brust mit einem gelben Stern benäht war. Die schwarzen Trikothosen reichten nur bis an die Knie, unter denen die festen, braunen Beine, die nackt in Sandalen steckten, hervorsahen. Die Mitte des Leibes war mit einem breiten Lederriemen eng umgürtet. Der Athlet hatte hübsch gewelltes, blondes Haar, muntere, graue Augen und einen überaus fröhlichen, herzförmigen, sehr roten Mund. In seinem Gesichte wäre sonst nichts Auffälliges gewesen. Merkwürdig war allein die braune Tönung seiner Haut. Der ganze Körper des Athleten war tief dunkel, er hatte die eigentümliche, durchsichtige Farbe des braunen Bernsteins. Das Genick, die Oberarme, der Rücken und die Brust waren noch dunkler, als die übrige Haut. Dazu bildete das helle Haar einen seltsamen Kontrast.
Der Trainer stieß seine Gewichte noch zwanzigmal in die Höhe, legte sie dann auf den Boden und rieb sich die kleinen Schweißperlen von Hals und Armen mit einem groben Tuche ab. Dann reichte er Eberhard mit starkem Druck die Hand und sagte lächelnd:
„Sie müssen entschuldjen; Training is Training; darin lass’ ick mir nich störn! — Womit kann ick Ihn’ denn dien’?“
Eberhard nannte sein Begehren: in etwa einem Monate als Ringkämpfer ausgebildet zu werden. Der Trainer schwieg eine Weile und sagte dann:
„Also längstens fünf Wochen... Das is vadammt wenig ... Ringen will ich Ihn’ schon beibring’ in die Zeit. Aba die Kraft, die Se nich haben, kann ick Sie nich jeben... Wie schwer stemm’ Sie denn?“
Das wußte der junge Freidank nicht. „Was, Sie wissen nich mal, wieviel Sie stemmen könn’?“ fragte der Athlet mißbilligend, „na, denn ziehn Sie ’mal ’s Jackett aus und probiern Sie! Das is ’ne 30 Kilostange!“
Aber es ergab sich, daß die Stange viel zu leicht gewählt war. Nun brachte der Trainer eine verstellbare Stange, die er beschwerte, bis sie hundertdreißig Pfund wog. Er lächelte ironisch:
„Na, versuchen Se noch mal... Jetzt wird se Ihn’ woll schwer jenuch sind...“
Er dachte nicht anders, als daß Eberhard nicht imstande sein würde, das Gewicht aufzuheben. Eberhard faßte die Stange fest und drückte sie langsam, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Arme, hoch...
Mit dieser Leistung hatte Eberhard sofort die Hochachtung des Trainers, der ihn bis dahin ein wenig von oben herab behandelt hatte, gewonnen. Nun setzte der Athlet sich gemütlich zu seinem Besucher, verabredete mit ihm die täglichen Übungsstunden und erzählte ihm allerhand von seinem Privatleben. — Er tat sich viel auf seine Abstammung aus einer französischen Emigrantenfamilie zugute und behauptete mit sichtbarem Vergnügen, er sei ein halber Franzos. Später fand sich aber, daß er trotz der gallischen Abstammung kein Wort Französisch verstand und selbst die technischen Bezeichnungen des Ringkampfs unglaublich falsch aussprach. Außerdem prunkte André Leroux mit seiner Bildung. Er hatte bei berühmten Bildhauern Modell gestanden und von ihnen allerhand Redebrocken aufgeschnappt, und der große Virchow hatte an seinem geradgewachsenen, schön ausgebildeten Körper oftmals seinem Auditorium die Anatomie demonstriert. Der Trainer zitierte nun Virchow jeden Augenblick und explizierte dem jungen Freidank mit einiger Fachkenntnis die Anatomie des Armes, wobei er ihm zeigte, welche Übungen den Biceps stärkten, und welche zur Ausbildung des Deltamuskels dienten... Er selbst hatte über seinen Körper eine solche Herrschaft erlangt, daß er willkürlich jede Muskelgruppe seines Armes nach Belieben spielen lassen konnte.
Alles dieses sagte der Halbfranzos im unverfälschten Berliner Dialekt; nur wenn er Virchow und andere Größen zitierte, sprach er hochdeutsch. Dabei kam es ihm auf die Echtheit der Zitate nicht so unbedingt an...
„Nich?“ sagte er, „det wundat Ihn’, det ick so braun bin, wie ’n leibhaftja Indjana? Det kommt allens von die Sonne... von die freie Natur... ‘Imma naturell!‘ sagte der sel’je Virchow. ‚Meine Herren!‘ sagte er, ‚an diesem Modell könn’ Sie sehen, was das naturelle Leben ausmacht...‘ Ja, ick lebe aba auch naturell!! In Somma, jeden Sonntach un jeden Nachmittach, wenn ’ck jrade nischt zu dun habe, raus in Wald... in Jottes freie Natua! Un denn Jacke aus, Hosen aus, Hemde aus... Hut ab... un nu Luftbeda! Un Sonn’beda! Un zwee Steine jesucht, oda zwee Holzkletza, un denn los mit meine Jebung’n! Det macht aba ooch jesund! Det jibbt Kraft, sowat! Kraft muß da Mensch haben, un jesund sind, allet andre kommt denn beinah von alleene! — ‚Wissen Se, Leroux,‘ hat Bejas mich schon manchmal jesacht, ‚det ha’m schon die ollen Jriechen jesacht, un da ha’m se Recht: die Kraft jeheert den Manne!‘ Un wat meen’ Se, ob ick jetzt in de Kälte meine Jebung’ vabummle? Nischt zu machen. Imma noch raus in Wald... Luftbeda...“
Er schwätzte abwechselnd vernünftiges und sinnloses Zeug. Eberhard hörte ihm höchst amüsiert und interessiert zu. Das war nun der erste, der ihm begegnete, aus jener Berufsklasse, der er selbst sich anschließen wollte. Der Trainer hätte noch lange weiter geredet, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß er heute abend die athletischen Übungen des Kraftsportklubs „Hermes“ zu leiten hatte. „Ein äußerst feiner Klub,“ erklärte er seinem zukünftigen Schüler, „lauter feine Herren! Alles Kaufleute un Buchhalters und so —! Ja, ein sehr nobler Klub!“ —
Das Trainierlokal befand sich auf einem schmalen, tiefen Grundstück der Fennstraße, welches nur mit Schuppen bebaut war. In den gegen die Straße hin gelegenen Schuppen lagerten Hölzer und Preßkohlen. Einen dieser Schuppen, der ganz am hinteren Ende des Grundstückes lag, hatte der Unternehmer als Übungsraum für Sportsleute eingerichtet und ihm den stolzen Namen „Training-Hall“ gegeben. Vormittags war er meist an Variété- und Zirkusartisten vermietet, die in dem hohen, weiten Raume genügend Platz hatten, um ungestört neue Tricks probieren zu können. Um die Mittagsstunde erschienen dann Berufs- und Amateurathleten, die unter Leitung André Leroux’ ihr Krafttraining vornahmen.
Eberhard war des Morgens noch schnell zu Fritzi hinaufgeeilt, um ihr zu sagen, wo er seine Übungen beginnen werde. Fritzi hatte ihn im Wohnzimmer der Wirtin empfangen. Sie war eben aus dem Bette gesprungen und hatte über das Nachthemd nur einen weichen, wolligen Morgenrock gezogen; über die nackten Füßchen hatte sie nur kleine Pantoffel gestreift. Sie hüpfte ihm nach ihrer Gewohnheit mit leichtsinniger Wildheit entgegen, so daß sie einen Pantoffel verlor, warf sich ungestüm eine Sekunde lang an Eberhards Brust und sprang sofort zurück, ihren Pantoffel zu suchen. Und wieder kam sie ihm unbeschreiblich naiv und reizend vor, hold und prickelnd zugleich mit dem vom Schlaf noch rosigen Gesichte und den wirren, dunklen Haaren. Das junge Mädchen fing sofort an zu betteln: „Ich darf doch hinkommen? Ich darf mir das doch ansehen?“ Er wußte nicht, was er ihr erwidern sollte. Er hätte es lieber gesehen, wenn sie nicht gekommen wäre. Aber da rief sie schon fröhlich: „O ja! o ja, ich komme! Sage, wann es anfängt, eine Stunde später bin ich da!“ Und sie hob, unwillkürlich, beide Arme, um ihren Zopf festzustecken, dessen Pfeilnadel sich gelöst hatte. Die weißen Ärmel glitten ihr über den Ellenbogen zurück, Eberhard sah die lieblich weiche, rosige Haut der Arme reizend aufleuchten und hatte nicht den Mut, ihr den Wunsch zu versagen... „Komme, Fritzi, und sieh dir alles an,“ sagte er, „es wird dir wohl nicht sehr gut gefallen!“ —
In der Trainierhalle waren mehrere kräftige junge Leute damit beschäftigt, ärmellose Trikotjacken über den Oberkörper zu ziehen. Eberhard nahm den Hut ab und sagte guten Morgen. Die jungen Leute dankten ziemlich kollegialisch für den Gruß, einige musterten ihn mit spähenden Blicken und alle nahmen dann ihre Unterhaltung wieder auf, ohne sich um den Neuankömmling weiter zu kümmern. Sie sprachen von den geschäftlichen Erfolgen, die einer von ihnen den Sommer über im Zirkus Blumenfeld gehabt hatte. Dieser junge Mensch war ziemlich klein, hatte eine gelbbraune Haut und schwarze, widerspenstige Haare, die dem Versuche, sie in der Mitte zu scheiteln, trotzten. Er hatte sehr kurze Hände und plumpe Beine und Arme; sein Hals war überaus dick, fast ebenso dick wie der Kopf, was ihm den Anschein ungewöhnlicher Stärke gab. Man konnte nicht leicht auf den Gedanken kommen, daß dieser starke und dicke Zirkusathlet ein besonderer Liebling der Frauen sein könne; darum war Eberhard ein wenig überrascht, den jungen Mann von seinen Erfolgen erzählen zu hören. Der Athlet renommierte nicht einmal, sondern plauderte leichthin:
„Wirklich komisch, die Weiber; draußen in der Provinz sind sie toller als in Berlin! — In Posen hatte ich auch herausgefordert; da meldeten sich ein paar Leute zum Ringen, richt’ge Ochsen... Na, unter uns, regulär hätt’ ich sie nicht gekriegt... Ekelhaft starke Kerls! — Aber da habe ich ihnen unversehens eins mit der Handkante auf den Hals gegeben, auf die Schlagader... so ’n bisken Dschiu-Dschitsu! Da flogen sie ja gleich... Ach, die Briefchens alle, die da kamen! Rosarote, blaue, lila... alle Farben... Rochen so jut, wie ’ne janze Parfümfabrik. ... Ick hatte die Auswahl!!“
Er lachte leise in der Erinnerung an seine galanten Abenteuer mit Provinzdamen....
„Na, jehste denn jetzt nich ’mal bei deine Adele...?“ fragte einer der herumstehenden jungen Leute den Zirkusathleten, „weißt doch, die Jelbseidne, Willi?“
„Bei so eene wer’ ick jehen!“ erwiderte der Ringer grob, „bei die jelbseidne Adele! — Nee, laßt mir mit die Berliner Mechens in Ruh! — Ja, wenn se allens abliefan wollten, wat se vadien’! Aba nee, is nich, wird imma Schmuh jemacht! Keile könn’ se kriejen, soviel man will, da jeben se ein’ doch nich allens ab! Imma ha’m se dann zu schlecht vadient! — Nee, laßt ma in Ruh, sach’ ick!“
Der ehemalige Zuhälter hatte sich in Eifer und damit in seinen ordinärsten Jargon hineingeredet. In dem Grade, wie er sich nun beruhigte, fing er wieder an, hochdeutsch zu sprechen und erklärte:
„Vom Zirkus aus, da kriegt man janz was andres... anständ’je Frauen, sage ich euch, Damen... Damen, die mitunter noch nie in’ Leben uff Seitenweje jegang’ sind. Aba wenn se unsaeen’ sehen, sind se futsch... Wenn se ’n Athleten vor sich haben, jeht die janze Anständigkeit zum Teufel! Offiziersdamen hab’ ich gehabt, jawohl... In Breslau hatt’ ich ne richtige Jräfin... Ach, Gott, wie hat mir die jeliebt! In ’ner Equipage ist sie immer mit mir ’rausgefahren nach einem Nest, was, glaub’ ich, Trebnitz heißt. Da sind wir spazierenjegang’ und sie hat lauter verliebte Wörter jered’t... Ach, ich bete dir an, hat sie immer jesacht, weil du mir vernichten könntest, wenn du wolltest! — I, wo wer’ ick denn sowas machen, mein Puppchen, hab’ ich ihr dann gesagt. Wer sollte mir denn seidne Taschentücher und seidne Strümpfe und Wäsche und die juten Zigaretten und alles schenken, wenn ich mein Puppchen vernichtete! — Dann hat sie gelacht und mir mit ihren weißen Pfötchen den Mund zugehalten und gesagt: ach, Willi, du sollst nicht immer so materiell reden! Du mußt mich doch um meiner selbst willen lieben und nicht an die törichten Kleinigkeiten denken, die ich meinem starken Helden zu Füßen lege. — Sowas Komisches hat sie aller Augenblicke jeredet! — Und nicht nur die, sondern alle die feinen Damen! — Nee, das ist was andres als das Mädchenspack hier in Berlin! Dabei hat man von den feinen Weibern noch mehr, wie von die Mächens! Die jeben, was man verlangt! — Ich hab’ mir nun mal uff die anständ’jen Damen jeschmissen, und dabei bleib ich!“
Die jungen Leute belachten die harmlos gesagte Äußerung als einen rohen Witz. Während sie noch lachten und sich freuten, betrat André Leroux die Halle. Er war schlechter Laune und schimpfte; es waren ihm im „noblen Klub“ die Ringstiefel gestohlen worden. Der Zirkusathlet klopfte ihm so stark auf die Schulter, daß ein normaler Mensch davon zusammengebrochen wäre, und sagte tröstend: „Na, laß dir man von deine Lowise neue koofen... Ach so, du hast ja keene... Na, is ooch bessa! — Is aber zum Schreien, daß die Leute in diesen Sportklub ooch schon sonne Dinger machen un’ klauen... Sind doch bloß Amateure!“
Das ließ der Trainer nicht auf den Athleten sitzen.
„Na, Willi!“ sagte er, indem seine starken, blonden Augenbrauen sich zornig zusammenzogen, „du willst doch nicht etwa behaupten, det alle Athleten klauen? Nee, det sind jrade bloß die dreckijen Amateure! Bei uns jibbt et sowat nich! Oda willst du etwa...?“
Während er dieses sagte, hatte er die Jacke ausgezogen, unter der er bereits das Trikot trug. Er streckte die muskulösen, kaffeebraunen Arme mit einer heftigen Bewegung von sich, als wollte er seine Kraft erproben... Dabei funkelten seine grauen, energischen Augen den Zirkusathleten eigentümlich an. Willi verglich flüchtig die braunen, gewaltigen Glieder des Trainers mit seinen eignen Armen, und der Vergleich mußte wohl zugunsten André Leroux’ ausfallen; denn er entschuldigte sich mit den Worten:
„Na, ’n jeder einzige klaut da nich un da nich —! Ick meente man!“ und wendete sich dem eisernen Gestell zu, von dem er eine Fünfundzwanzigkilostange herabnahm und seine Übungen begann. —
André Leroux trat zu Eberhard und schüttelte ihm mit fürchterlicher Gewalt die Hand:
„Na, ooch schon uff’n Posten? Un schon in Dreß? — Na, denn woll’n wa mal anfang’!“ —
Und nun fing er an, dem neuen Athleten die Griffe des Ringkampfs zu demonstrieren: Armfallgriff aus dem Stand, bei dem der Ringer seinen Gegner am Handgelenk und Unterarm mit einem Ruck zu Boden reißt, indem er selbst auf die Kniee fällt; Hüftschwung mit Kopfgriff oder mit Untergriff... Kopfschwung, bei dem der Gegner rücklings um den Hals gefaßt und in großem Bogen nach vorn geschleudert wird... Ausheber, Untergriff... Paraden... „Bei Ihre Jröße,“ sagte der Trainer mit einer Art von Bewunderung, „bei Ihre Jröße kenn’ Se se amende alle uff’n Ausheber kriejen... Et jibbt keen’ scheenan Jriff, als ’n Ausheber... Aber er ist bloß wat for jroße Ringer... Da is zum Beispiel Jankowsky — Se kenn’ doch Jankowsky’n? — na, der hat ne feine Spezialität von ’n Ausheber ausjeknobelt. Er tut, als wenn er Krawatte jreifen wollte, ja, — schiebt seine Arme aber plötzlich bis unter den Oberkörper des Jejners und drückt mit sein’ janzen Jewicht nach... So kriegt er erst ’mal jeden parterre... Finden Sie det scheen? Ich finde det jeistvoll... raffiniert... Dafor heißt der Jriff ooch mit Recht Krawattenausheber à la Jankowsky...“
Eberhard begann der Kopf von Fachausdrücken zu schwirren; er war froh, als das praktische Training begann. Von der Grenze der Ringmatte aus ging er auf den Trainer los, so daß sie sich in der Mitte trafen, reichte ihm flüchtig die Hand, wie er in der Arena von Ringern gesehen hatte und neigte sich ein wenig nach vorn, indem er mit beiden Händen nach den Handgelenken des Trainers griff...
„Ach, du hast schon Ringkampf trainiert,“ sagte einer der jungen Athleten, die zur Seite standen und dem Kampfe zusahen. „Du jehst jar nich erst in tiefe Jarde, bloß hohe... Mit deine Jröße aber auch... Mensch, du bist wohl ’n Zweemetermann?“ —
Es fand sich, daß Eberhard Freidank sich überaus schnell an die Technik des Kampfes gewöhnte. Ihm lag das ruhige Zuwarten und das blitzschnelle Einspringen im Blute. Seine Stärke machte ihn mutig, der Beifall der jungen Leute ermunterte ihn, und als Fritzi kam, merkte er es nicht einmal. Er hatte den Trainer zu Boden gerissen und bemühte sich, ihn mit einem der neuerlernten Griffe auf die Schultern zu drehen. Er kniete am Boden, einen Fuß aufgestellt, und überlegte mit leidenschaftlichem Eifer, innerlich glühend, wie er den kräftigen, braunen Menschen, der fest auf den Knieen und Händen hockte, umdrehen könnte. —
Fritzi trat heran, von den Kämpfenden nicht bemerkt, und reckte sich ein wenig auf den Fußspitzen auf, um den vor ihr stehenden Männern über die Schultern sehen zu können. Der Zirkusathlet wich einen Schritt zurück, um dem jungen Mädchen Platz zu machen, und sah ihr dabei mit Interesse ins Gesicht; seine Erfolge in der Provinz hatten ihn noch nicht so blasiert gemacht, daß er einem hübschen Mädchen keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hätte. Sie gefiel ihm; er stellte sich dicht hinter sie und legte den Arm um ihre Taille. Fritzi bog den Körper zur Seite, aber Willi ließ nicht los und faßte sie nur noch fester. Sie drehte sich ärgerlich um; sie wollte dem jungen Menschen, der sie so keck umfaßte, sagen, daß er frech wäre. Aber als sie in sein gelbes, grob geschnittenes, rohes, dabei einigermaßen hübsches Gesicht blickte, fand sie seine Frechheit plötzlich amüsant und lachte ihn mit blitzenden Zähnchen an. Doch alsbald wurde ihr Blick wieder durch die Ringer gefesselt.
Eberhard, dem in diesem Training die Rolle des Angreifers zufiel, während Leroux seine Griffe nur durch regelrechte Gegengriffe parierte, schob seinen rechten Arm unter der Schulter des Trainers durch und faßte das Genick fest mit der flachen Hand. — Fritzi wendete sich unwillkürlich wieder nach dem Zirkusathleten um, der ihr zuflüsterte: „Det ’s Halbnelson, Fräulein.“ — Eberhard zog mit seiner großen Kraft den Trainer am Genick; da gelang es Leroux, erst mit einem und dann mit dem andern Bein langsam aufzustehen. Es war ein spannender Moment; ohne daß Fritzi sich dessen bewußt wurde, schmiegte sie sich, wie schutzsuchend, in den nackten, braunen Arm des Athleten, der sie immer noch halb scherzhaft, halb verliebt umschlang. — Leroux stand auf, während Eberhard, mit der ungeschickten Kraft des Neulings, seinen Griff zu behaupten suchte. Plötzlich sprang der Trainer mit einem Ruck um, faßte Eberhard von der Seite um den Leib, hob ihn hoch und warf ihn auf den Rücken... Fritzi sank zurück, als sie ihren Freund fallen sah; und Willi, mit schneller, stürmischer Gewalt, riß das zarte Mädchen mit beiden Armen an seine breite Brust und küßte sie zweimal, dreimal voll Heftigkeit auf den blühenden Rosenmund. —
Er vergaß einige Sekunden lang in der Tat seine Umgebung, seine Augen waren geschlossen und seine Lippen bebten noch auf ihren, als sie schon einen schnellen Blick auf Eberhard warf, ob er auch nichts gesehen hätte... Nein, er hatte nichts bemerkt. Er hatte an nichts, als an seinen Kampf gedacht. Nach der Wucht des Falles stand er eben wieder jugendlich elastisch vom Boden auf und sah nun erst sein kleines Mädchen, das lächelnd und rosig auf ihn zuging und ihm die Hand reichte.
„Na, sind Sie gekommen, ’mal nachsehen, wie weit er schon is?“ fragte André Leroux, indem er dem jungen Mädchen die Wange streichelte, „na, das is recht! — Komm’ Se man öfta! — Junge Mechens sehn wa hier imma jern, überhaupt sonne nette, wie Sie!“ —
Fritzi lächelte verlegen und geschmeichelt. Eberhard aber runzelte die Stirne; er bereute, daß er Fritzi erlaubt hatte, an diesen Ort zu kommen, wo die neugierigen, zudringlichen Blicke, die naiven, rohen Vertraulichkeiten der Athleten die Geliebte beleidigten! Er sah sich um, ob es nirgends einen Platz gäbe, von dem aus Fritzi unbehelligt dem Training zusehen konnte. „Setze dich, bitte, auf jene Bank, Fritzi,“ sagte er so laut, daß die Athleten es hören mußten. „Du bist dort allein, und du siehst den Ringkampf ebensogut.“ Und er blickte mit zornigen Augen über die Athleten hin, die gleichgültig herumstanden. Fritzi setzte sich, und das Training begann von neuem.
Diesesmal rang Eberhard mit einem der Athleten, die vorher zugesehen hatten. Es war ein Budenringer, der an mehreren Abenden der Woche in einer Schaubude auf einem Volksvergnügungsplatze seine Kraftleistungen zeigte. Aber dieser Beruf befriedigte ihn nicht; er strebte nach Höherem. Er wollte sich an Ringkampfkonkurrenzen beteiligen. Er war ziemlich stark, aber mit seiner Ringkunst war es nicht weit her. Trotzdem hätte er leicht Engagements gefunden, da er hübsch und kräftig war, aber durch seine Budenringerei war er zu stark kompromittiert; kein Manager mochte ihn engagieren. Nun trainierte er jeden Tag, um seine technische Fertigkeit bis zur Vollendung auszubilden. Einem technisch vollkommenen Ringer gegenüber konnten nicht mehr jene Standesvorurteile gelten, die wie eine weite Kluft die Budenringer von der vornehmeren Klasse der Konkurrenzringer trennten...
Fritzi langweilte sich; der Kampf Eberhards mit dem „schönen Adolf“ war ihr weniger interessant, als der Zirkusathlet, der sie vorhin so selbstverständlich umarmt und geküßt hatte. Sie fand ihn frech, natürlich; aber doch so interessant frech.... Ob er wohl auch nach ihr hin sah? Sie drehte das Köpfchen, wendete sich aber schnell wieder voll Verlegenheit ab, denn Willi sah sie ungeniert an und hatte sie gewiß schon eine ganze Weile beobachtet. Und, als ob er nur auf ihren Blick gewartet hätte, legte er ruhig seine Hanteln nieder, kam zu ihr und setzte sich neben sie. Und während der schöne Adolf sich die allergrößte Mühe gab, seinen großen und starken Gegner durch seine überlegene Technik zu werfen, hielt der Zirkusathlet Fritzi wieder mit seinem nackten Arm umfaßt und sagte ihr allerhand plumpe Liebesworte ins Ohr....
„Nein,“ sagte Fritzi lachend, „nein, sowas dürfen Sie nicht sagen... Das kann ich mir nicht gefallen lassen... Ich habe doch meinen Bräut’jam!“
„Den da?“ fragte der Athlet mit einem etwas unbehaglichen Gefühle, „den Großen, der heut das erstemal hier is? — Was is er denn? Ringt er professionell?“
„Natürlich,“ erwiderte Fritzi schnell, mit einem stolzen Blick auf ihren Freund.
„So!“ — fragte Willi, „Sonntags auch? — Sonst könnten wa doch ma’ zusamm’ ausjehn? — Er paßt doch nich imma uff Ihn’ uff!“
Ihre lachenden Augen sagten: o ja, das möchte ich wohl! — ihr Mund aber sprach zögernd, zweifelnd:
„Wohin denn?“...
„Na, ’n Sonntach, uff’n Rummel,“ erwiderte der Zirkusathlet, „da könn’ Se doch ma’ mitkomm’?“
„Ach nein,“ sagte Fritzi betrübt. „Da hab’ ich ja Nachmittagsvorstellung... Nein, das geht nicht! — Außerdem geh ich nicht ohne mein’ Bräut’jam aus.“
„Na, du bist ’n süßes Schaf,“ sagte Willi. „Wir wer’n uns schon noch bessa vastehn... Einstweilen jibb ma mal ’n Küßchen!“
Aber er hielt es für geraten, das Küßchen nicht zu geben, denn Eberhards Ringkampf mit dem schönen Adolf war soeben zu Ende und der junge Freidank sprang auf wie ein gereiztes Tier, als er seine Freundin wieder mit dem Athleten schäkern sah.
„Was tust du, Fritzi?“ fragte er, indem er dem Athleten empört ins Gesicht sah, „was tust du hier?“
„Du hast mich ja selbst hierher geschickt,“ antwortete sie kindlich. „Der Herr hat mir die Griffe erklärt...“
Der Zirkusathlet war selbst überrascht von ihrer schnellen Ausrede. Eberhards Gesicht aber wurde sofort freundlicher. Er wußte nicht, ob er nicht einen künftigen Kollegen vor sich hatte, gegen den er nicht ohne Grund grob sein durfte. „Das ist ’was andres,“ sagte er ruhiger.
Willi nahm seinen Vorteil wahr: „Sie jehn aba jut los! — Det ’s natierlich nich det erste Mal, heute?“ —
Eberhard war noch ein wenig mißtrauisch. Er gab dem Athleten eine unverständliche, mürrische Antwort und kehrte verdrießlich an sein Training zurück, indem er beschloß, Fritzi ein für allemal das Betreten dieses Ortes zu verbieten. —
Eberhard war sehr erschöpft, als André Leroux ihm endlich erklärte, daß es für heute genug sei. In der Tat war der junge Mann blaß und seine Gesichtszüge waren erschlafft, wie nach einem starken, körperlichen Schmerz. Leroux hieß ihn sich auf eine Bank legen und massierte ihm noch den ganzen Körper; indessen war Fritzi mit Willi und dem schönen Adolf in der großen Halle allein... Der Trainer rieb ihm mit einer starken Spirituslösung die heftig schmerzenden Muskeln ein, dann mußte Eberhard sich schnell ankleiden. In seinen Kleidern merkte er erst, wie steif ihm alle Gelenke waren. — Fritzi war ganz allein, als Eberhard die Halle wieder betrat. Ehe er etwas sagen konnte, rief sie ihm entgegen:
„Komm schnell mit mir fort! — Ich friere so sehr!“
Er faßte sie bei der Hand; ihre Hand war weich und warm, und sie fror gar nicht... Warum also log sie? Um ihn abzulenken?... Er sah sich um; die beiden Athleten, mit denen er sie zuletzt hatte stehen sehen, waren nicht mehr da. „Nach wem siehst du dich um?“ fragte Fritzi schnell, „nach den Herren? Die sind schon längst fortgegangen!“
Er suchte voll Verdruß und Mißtrauen in ihrem Gesichte etwas, irgend etwas... und fand nicht... Sie lächelte ihn mit ihrem hübschen, kindlichen Lächeln an, wie immer. Nein, ihr konnte er keinen Vorwurf machen! „Gehen wir, Fritzi,“ sagte er, indem er den Arm des jungen Mädchens unter den seinen schob. Im Hinausgehen sagte er dann leichthin: „.... Das sind übrigens keine Herren, Fritzi....“
„Nicht?“ fragte sie erstaunt, „was denn sonst? Das sind doch auch Ringkämpfer?“
„Auch Ringkämpfer,“ erwiderte er bitter, „wie ich, nicht wahr? Das meinst du doch wohl? Nun, ich bin es aber noch nicht, und ich kann noch immer etwas anderes werden.... irgend etwas.... Privatsekretär... oder sonst etwas... Es ist alles einerlei....“
Er schwieg; die Gedanken drängten sich in seinem Kopfe. Schweigend gingen sie fünfzig, hundert Schritte weiter Arm in Arm der Stadt zu. Dann kam ihm mit einem Male die liebliche Wärme, das leichte Gewicht ihres schlanken Körpers, der an seinem Arme hing, zum Bewußtsein; er sah sie voller Liebe an. Sie machte ein verdrießliches Gesicht, als sich aber ihre Augen trafen, lächelte sie und sagte:
„Das wirst du doch nicht tun?.... Ich hatte mich schon so sehr gefreut!“
„Auf was, Fritzi?“
„Dich als Ringkämpfer zu sehen,“ sagte sie verliebt und schmeichelnd. „O, wie hübsch wirst du aussehen!... Versprich mir, daß du nichts anderes werden willst!“
Da drückte er ihren Arm und neigte sich tief herab zu ihr und sagte mit dunkler Leidenschaft in der Stimme:
„Aber ich will dich allein haben, Fritzi, begreif das doch, begreif das doch... Sie sollen dich mir nicht wegnehmen. Nein, Fritzi, verzeih mir, ich rede ja Wahnsinn! Du läßt dich ja nicht mir wegnehmen, du bist mir ja gut... Aber schon um ihrer Blicke willen könnte ich sie niederschlagen, ich könnte sie ohrfeigen um ihrer frechen Worte willen... O Fritzi, das kannst du nicht verstehen... Ich will dich doch nur ganz allein haben...“
Fritzi verstand ihn nicht. Er sagte ihr öfter solche Worte, die erfüllt waren von einer exklusiven, eifersüchtigen Zärtlichkeit. Sie wußte, daß er sie am liebsten eingesperrt, vor aller Welt verschlossen gehalten hätte, damit kein fremder Blick ihr huldigte. Sie konnte es nicht begreifen, aber ein weiblicher Instinkt sagte dem unerfahrenen, leichtfertigen Mädchen, daß sie dieses tiefe Empfinden nicht zurückstoßen dürfe.
„Ich verstehe dich nicht, Ebi,“ sagte sie langsam. „Ich weiß nicht, was du willst... Du hast mich allein... Konnte ich dafür, daß der freche Athlet mich ansah? Ich habe es nicht gewollt, ich habe ihm zu verstehen gegeben, daß ich nichts von ihm wissen wollte... Ich finde, er ist ein Ekel!“
„So, findest du?“ erwiderte Eberhard erheitert. Er hatte noch nicht die Erfahrung gemacht, daß junge Mädchen in den stärksten Ausdrücken über die Männer schimpfen, welche ihnen gefallen, und fuhr vergnügt fort: „Das freut mich! — Nun, hast du es ja nicht nötig, wieder hinzugehen!“
„Warum nicht?“ fragte sie harmlos. „Wegen dieses Menschen? Ach, dann glaubte er am Ende, daß ich mich vor ihm fürchte... Nein, Eberhard, das sollen sie nicht denken!.... Ich komme doch wieder hin!.... Ich will dich doch sehen! — Ich bin ja so froh, daß du Ringkämpfer wirst!“
V.
Es war am Vorabende des ersten Dezembers, an dem Eberhard zum ersten Male als einer der „vierundzwanzig Ringkämpfer“ vor die Öffentlichkeit treten sollte.
Eberhard ging des Nachmittages um die fünfte Stunde zu seiner Freundin. Fritzi hatte ihr Ausgehjäckchen an und setzte soeben vor dem Spiegel ihren Hut auf. „Ach, du bist’s,“ sagte sie und winkte grüßend mit der Hand, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen, „ich gehe eben fort, wie du siehst.“ „So begleite ich dich,“ sagte der junge Mann. „O,“ erwiderte das junge Mädchen, wie es ihm schien, in einiger Verlegenheit, „so wirst du nicht weit mitkommen können, denn ich gehe ins Theater.“ „In die Garderobe? Jetzt schon?“ fragte er, „es ist kaum fünf Uhr!“ „Es muß schon später sein,“ antwortete sie schnell, „und ich muß heute mindestens eine Stunde früher dort sein, da ich an einem Kostüme zu nähen habe.“
Dagegen war nichts einzuwenden. Trotzdem fragte Eberhard noch:
„Kannst du kein anderes Kostüm anziehen, Fritzi? Ich wäre so gerne noch ein Stündchen mit dir zusammen!“
„Gerade heute?“ lachte sie. „Aber es ist unmöglich! Es ist gerade mein schönstes Kostüm, das grüne, du weißt.. Der Agent kommt heute abend ins Theater, nur meinetwegen! — Aber hübsch wäre es, wenn du mir ein paar Mark auf Handschuhe geben wolltest; nach der Vorstellung bekomme ich erst Gage, und ich kann mich vor dem Agenten nur in eleganten Handschuhen sehen lassen!“
„Hast du auch dem Agenten zuliebe den neuen Hut gekauft?“ fragte Eberhard.
Sie zögerte einige Sekunden und sah sich nach ihm um, dann lachte sie hell: „Neuen Hut? Ein ganz, ganz alter, Eberhard!“
„Nun,“ sagte der junge Mann, „ich habe doch auch Augen im Kopfe... Soviel ich sehen kann, ist dies ein Hut nach der neuesten Mode, und ein sehr eleganter dazu!“
Da machte Fritzi ein böses Gesicht und erwiderte verstimmt:
„Nun gut, du hast recht, und ich lüge.... Du hast ja immer recht, natürlich.... Ist es so weit gekommen, daß du mir nicht mehr glaubst? Vielleicht schenkst du Frau Krichelmann, meiner Wirtin, mehr Glauben, als mir! Ihre Nichte ist in einem Putzgeschäft Verkäuferin und hat mir diese alte, vorjährige Hutfasson wieder aufgeputzt! Gehe doch hin und frage sie! Sie ist ja viel glaubwürdiger, als ich... O, du bist schlecht, Eberhard! Du verdächtigst mich wegen meines armseligen Hutes... Als wenn du mir Hüte kauftest! Liane hat seit Anfang des Winters schon mindestens acht Hüte bekommen... O, du bist geizig und schlecht! Du behauptest mich zu lieben und kaufst mir keine Hüte... O Gott, wie bin ich unglücklich!...“
Sie hatte sich so in Eifer hineingeredet, daß ihr nun wirklich einige Zornestränen in den Augen blinkten. Hastig wischte sie die Tropfen mit dem Tüchlein fort und fuhr mit der Puderquaste über Augenlider und Wangen. Eberhard aber, obwohl noch immer zweifelnd, war besiegt. Er fühlte sich im Unrecht und sagte gequält:
„Du weißt doch, Fritzi, ich konnte dir nichts kaufen in dieser Zeit... Wie gern hätte ich dir alles gegeben, wenn ich’s gehabt hätte! Aber du, du hast dich ja mit der Garderobe vom vorigen Winter behelfen können... Ich habe mich oft gewundert! Alles verstehst du so geschickt herzurichten, wie neu... Meine Fritzi sieht immer aus, wie nach der neuesten Mode gekleidet... Warte nur noch ein Weilchen, geliebtes Kind, so sollst du wieder alles haben!“
Das junge Weib lachte triumphierend. Wieder einmal war es ihr geglückt, seine Zweifel zu zerstreuen und den schönen, starken Menschen zu beruhigen! O, sie fand ihn so hübsch, so kräftig, so männlich, und dachte gar nicht daran, auf ihn zu verzichten! — Sie lief an den Tisch, steckte rasch das Fünfmarkstück, welches er für ihre Handschuhe gegeben hatte, in das silberne Kettentäschchen und hüpfte dann auf Eberhard zu, stellte sich auf die Fußspitzen und sah ihm lachend in die Augen:
„Nun, wollen wir uns zanken oder vertragen?“
Ihre dunklen Augensterne funkelten unter dem schmalen Strich der Brauen, die mit dem schwarzen Stifte noch schärfer und feiner nachgezogen waren. Gelblicher Puder lag auf der zarten Haut, der rosige Mund war noch röter, lockender geschminkt und glühte wie frische Erdbeeren... Er wollte sie küssen, sie aber sprang neckend fort:
„O, das gibt’s jetzt nicht! — Ein andermal! — Jetzt würdest du mir nur die Schminke verwischen! Und nun schnell, schnell, komm hinaus, ich muß in die Garderobe!“
Sie trippelte eilig auf der Straße neben ihm her. Bald war das Theater erreicht; Eberhard reichte ihr die Hand und ging fort. An der nächsten Straßenecke verglich er seine Taschenuhr mit dem großen Chronometer vor dem Laden eines Uhrmachers. Es fehlten in der Tat noch mehrere Minuten an fünf Uhr. Er schalt sich selbst aus. Nun hätte er noch lange Zeit gehabt, mit Fritzi zu plaudern! Am liebsten hätte er das junge Mädchen zurückgerufen. Er zauderte kurz, besann sich, ob er sie aus der Theatergarderobe noch einmal zu sich bitten sollte, wendete sich dann aber dennoch um und ging nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Fritzi an der Kassiererin des Variététheaters, die bereits in ihrem Verschlage saß, wieder vorbeistürmte, dem betreßten Portier, der ihr schnell eine Droschke besorgt hatte, ein Geldstück in die Hand drückte und eilends in den Wagen stieg, um ihr Rendezvous um fünf Uhr nicht zu versäumen... Der Portier schloß den Wagenschlag und das Gefährt rollte davon. Der Türhüter aber trat in seiner bunten Uniform wieder in den Hauseingang zurück und blinzelte die Kassiererin verständnisinnig an. Das Fräulein am Kassentische lächelte maliziös:
„Ja, die avanciert rasch! — Komisch, daß ihr Mensch nichts davon merkt, den großen Blonden meine ich! Den macht sie doch alle Tage zum Nulpen!“
„Er is ihr eben jut,“ sagte der Portier. „Amende meent er’s reell mit se und will ihr heiraten!“
Das belachten sie aber beide wie einen gelungenen Witz. —
Eberhard bog langsam in die Straße ein, in der er wohnte. Er hatte noch das bescheidene Studentenquartier inne, in dem er gelernt und gearbeitet, gedichtet, gehofft und gelitten hatte. Er dachte an den Abend des kommenden Tages und ein leichtes, nur von ihm selbst gefühltes Lächeln zog fröhlich, abenteuerlustig und verlegen um seine Lippen. Er ging langsam, den Kopf sehr gerade aufgerichtet, die Hände in den Manteltaschen. Es fiel ihm selber auf, wie schwer sein Schritt geworden war. Der ehemalige Turner, der seit Jahren gewöhnt war, die Zehen zuerst auf den Boden zu setzen, fing nun an, schwer und wuchtig mit der ganzen Fußsohle gleichzeitig aufzutreten. Sein Gang war breit, langsam und schwerfällig geworden, der Gang des Athleten, der gleichsam bei jedem Schritte seine Kraft und sein schweres Gewicht empfindet und beisammenhält. — Donnerwetter! sagte er zu sich selbst, bin ich wirklich nur noch im Trikot elastisch? — Und er ging durch die kühle Frische des Abends eilig den kurzen Rest des Weges nach Hause und sprang absichtlich behend die Treppen hinauf.
Er brauchte die Korridortür nicht aufzuschließen, sie war nur angelehnt. Er drückte die Tür hinter sich zu und trat rasch in seine Stube.
Es war darin schon dunkel; nur das Fenster schimmerte noch weißlichgrau im letzten, matten Lichte des scheidenden kurzen Wintertages. Aber auf dem Tische brannte eine Kerze, und davor war, tief über ein Buch gebeugt, ein Mädchenkopf, der bei Eberhards Eintritt erschrocken auffuhr. Gleich darauf aber lächelte Fräulein Therese Ambrosius, die Tochter der Zimmerwirtin, und sagte in einiger Verlegenheit:
„Sie werden doch nicht böse sein, Herr Freidank, daß ich in Ihren Büchern gelesen habe? — Es war das erste Mal, wirklich!“ —
„Aber ich denke nicht daran, böse zu sein,“ erwiderte der junge Mann mit seinem ruhigen Lächeln, „warum sollte ich? — In der Tat, ich habe nie bemerkt, daß Sie hier gelesen haben... Ich bitte Sie, Fräulein Ambrosius, lesen Sie alles, was Ihnen Spaß macht! — Ich schlage diese Bücher nicht mehr auf, darum werden sie sich doppelt freuen, wenn sie in zarte Damenhände kommen,“ fügte er mit einem linkischen Versuche, zu scherzen, hinzu.
Er war es nicht gewöhnt, mit Frauen umzugehen; darum fühlte er, in Gegenwart von Frauen, eine sonderbare Bedrückung. Er wurde nicht verlegen und nicht verwirrt. Aber wenn er einem dieser zarten und empfindsamen Geschöpfe, als welche die Frauen ihm erschienen, gegenüberstand, war es ihm, als ob etwas Weiches, Schweres auf ihm lastete, welches ihn zwang, mit diesen andersgearteten Wesen überaus sanft, fein und behutsam zu verkehren. Über die Frauen, welche einen Beruf ausüben, hatte er sich noch keine dauernde Meinung bilden können, weil er keine kannte. Mitunter hatte er ein lebhaftes, peinliches Bedauern empfunden, wenn er Fräulein Ambrosius zu später Abendstunde vom Telephondienste nach Hause kommen hörte. Sie erschien ihm zugleich unweiblich und beklagenswert. —
Fräulein Therese klappte das Buch zu, legte es nieder, machte sich irgend etwas zu schaffen; dann blickte sie auf und sagte schnell:
„Ihr Schneider war hier, mit der Rechnung; er behauptete, daß er nicht länger warten könnte.“
Eberhard fragte: „Nun, und dennoch ist er fortgegangen?“
„Er mußte wohl,“ sagte Therese heiter. „Mutter ist nicht zuhause; ich fertigte ihn ab... In zwei Wochen, bestimmt aber in drei Wochen bekäme er, was ihm zusteht, versicherte ich ihm... O, ich habe noch hernach lachen müssen, wie mißtrauisch der Mann mich betrachtete! — Ist das aber auch gewiß wahr? fragte er immer wieder. Ei freilich! sagte ich ihm, wenn ich es Ihnen sage, so ist es ganz gewiß!“
Ihre geringe Befangenheit, die leichte Verlegenheit, weil er sie bei seinen Büchern überrascht hatte, war dahin.
Eberhard sah über das Mädchen weg und sagte, mehr zu sich selbst, als zu Therese:
„Das ist ja nun auch gewiß — endlich. O, vorher hatte ich fast niemals Gewißheit. Endlich wird die Misere ein Ende haben.“
Das Fenster war nun schon ganz dunkel. Eberhards Blick glitt von dem Himmel, der in den Finsternissen der Nacht verschwamm, hernieder zu dem Kopfe des jungen Mädchens, der gerade von dem gelben Kerzenlichte bestrahlt war. Er hatte sie vorher eigentlich nie genau betrachtet. Der Dienst hielt sie meistens gerade in den Stunden fern, wenn er zuhause war. Nun sah er zum ersten Male mit Bewußtsein, daß die „filia hospitalis“ ein schönes, stolzes Gesicht hatte, welches von sanften, braunen Haarwellen umgeben war. Die beiden kräftigen Zöpfe waren in einen griechischen Knoten gesteckt. Tat es die Haartracht oder die edle Art, wie der schlanke Hals die Bürde des Hauptes trug, oder tat es das kühne Profil Thereses, daß sie ihm wie eine junge Diana erschien? Jedenfalls war sie hübsch und stolz, und ihr Kleid saß schmuck beim einfachsten Schnitt. Dies sah er mit natürlichem Wohlgefallen, plötzlich aber bemerkte er, daß das Fräulein ihn lächelnd und, wie er meinte, spöttisch ansah. Da sagte er, nun wirklich verwirrt:
„Pardon. O —, pardon. Ich bin ein schlechter Gesellschafter. Und dann, verzeihen Sie — ich kannte Sie ja eigentlich nicht, obwohl ich schon sieben Monate bei Ihnen wohne. Ich — hatte — Sie mir — ganz anders vorgestellt.“
Nun lachte Therese hell:
„Wie denn?“
„Sie werden mir auch sicherlich nicht zürnen? Nein? — Ich hatte Sie für emanzipiert gehalten.“
Sie bog den Kopf zur Seite, nach dem dunklen Fenster hin. Der junge Mann, der sie unverwandt beobachtete, sah einen leichten Schatten über ihre Stirn und ihre klaren Augen fliegen. Aber er wußte nicht, ob eine Verstimmung ihr die Augen verdunkelte und ihre weiße Stirne faltete, oder ob nur der Kerzenschein flackernd über ihr Gesicht hingehüpft war. Dann erwiderte sie gelassen:
„Nein! Emanzipiert bin ich nicht. Ich lasse mir keine Rechte schenken... Ich habe sie, oder ich habe sie nicht .... Ich bin gesund, ich bin stark, ich kann arbeiten: das genügt mir... Das ist mir alles...“
Es war ein kurzes Schweigen zwischen den jungen Leuten. Eberhard drehte gedankenlos an dem Leuchter, so daß die Flamme unruhig an dem Dochte auf und nieder sprang. Therese fuhr fort:
„Aber Sie sind noch immer im Dunkeln; ich hole die Lampe!“
Sie lief hinaus und kam sehr schnell mit der brennenden Lampe in der Hand zurück. Nun schien das Licht durch die Glocke aus weißem Milchglas hell in alle Ecken. Therese zog geschäftig den Fenstervorhang zu; dann zögerte sie, faßte aber plötzlich einen Entschluß und sagte:
„Morgen also wird man Sie auf der Bühne sehen können?“
Er sah sie an, ungewiß, wie sie es meinte, und fing an zu spotten:
„Sagen Sie lieber gleich: bewundern, Fräulein Ambrosius!“
„Auch bewundern, gewiß,“ erwiderte sie freundlich. „Ich hätte Sie in der Tat gern gesehen...“
„O, wenn es das ist —!“ antwortete der junge Mann, „ich gebe Ihnen Karten... Wenn es Ihnen Spaß macht, Ringkämpfe zu sehen...“
Er zog die Brieftasche und nahm zwei Karten heraus. Die Theaterbilletts steckten neben Photographien. Er zog auch diese Photographien aus dem Fache, betrachtete sie einen Augenblick und legte sie dann auf den Tisch vor Fräulein Therese.
„Ach!“ sagte Therese fröhlich, „das sind Sie... Das sind Sie... O, hübsch, Herr Freidank!“
Mit naivem Vergnügen sah sie die beiden Bilder an, ohne ihr Interesse zu verhehlen. Sie stellten beide Eberhard im Sportanzuge dar. Im engen, dunklen Trikot mit bloßem Hals und nackten, gekreuzten Armen stand er gegen einen dunklen Hintergrund, von dem der kraftvolle Körper sich stark und plastisch abhob. Therese schaute auf die Photographien, dann auf den jungen Mann. Es war ein Zufall, daß Eberhard auch jetzt gerade mit verschränkten Armen dastand, genau wie auf einem der Bilder. Das weiße Lampenlicht fiel voll auf sein ruhiges, kluges Gesicht und seine schöne, hohe Gestalt. Die Blicke der jungen Leute begegneten sich, und voll Überraschung sah Eberhard über die ausdruckvollen Züge des Fräuleins ein Spiel lebhafter Empfindungen gehen, und dann ein starkes Erröten... Unfähig, ihren Eindruck zu verbergen, sagte sie mit einiger Heftigkeit:
„Ach, wie schade... wie schade...“
„Was ist schade, Fräulein Ambrosius?“ fragte er, während seine Brauen sich zusammenzogen.
Sie bereute ihren Ausruf, stockte und wollte ihn zurückziehen, aber es war zu spät; nun war sie ihm eine Antwort schuldig.
Das fremde, junge Mädchen hatte eine Wunde in ihm berührt, die er sich selbst noch nicht einmal eingestanden hatte. Wer war sie, daß sie gedankenlos den Schleier von seinen tiefsten, unausgesprochensten Heimlichkeiten ziehen durfte? Und heftig wiederholte er seine Frage:
„Um was ist es schade? — Um mich vielleicht?“
Es war zu spät; sie konnte nicht mehr zurück...
„Um Sie!“ sagte sie mit einem entschlossenen Blick in seine zornigen Augen, „jawohl, um Sie!“
„Ach, sehr freundlich!“ antwortete Eberhard, dessen Gesicht den Zornesausdruck verlor, verdrießlich und höhnisch. „Warum denn schade? — Vor einer Minute fanden Sie das Bild hübsch... Ich bin nicht eitel genug, dieses Lob anzunehmen; aber warum die plötzliche Sinnesänderung?“
Da sagte Therese Ambrosius schnell:
„Ich kenne Sie ja nicht... Ich kenne Sie ja gar nicht näher... Und meine Meinung ist Ihnen auch ganz gleichgültig ... Aber mir scheint, es ist schade, daß Sie in Zukunft nichts tun wollen, als sich anschauen lassen... Von fremden, neugierigen Leuten... Daß Sie alle anderen Zukunftspläne so ohne Bedauern über Bord geworfen haben .... Das finde ich traurig...“
„Finden Sie? —“ fragte er, immer noch spöttisch. „Nun, wenn Sie meinen, daß ich mich einfach ausstellen lasse, wie eine Bestie im Käfig... Und der Sport, Fräulein Ambrosius? Den Sport rechnen Sie für gar nichts?“
Therese sah ihn unsicher an und sagte:
„Es war unrecht von mir, etwas zu sagen, da ich doch wohl nicht ausdrücken kann, was ich meine... Ich zähle den Sport schon mit! Ich habe ehrliche Freude an der Kraft und am Sport! — Nur, wenn die Kraft allein das Ziel des Lebens sein soll, das finde ich traurig... Ich hielt den Sport immer nur für ein Mittel zum Zweck... Zu dem Zwecke nämlich, gesund und arbeitsfreudig zu bleiben oder zu werden...“