Anmerkungen zur Transkription

Die Hessen
und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege
Gross-Britanniens gegen Amerika
1776-1783


Von

Edward J. Lowell.

Uebersetzt mit Autorisation des Verfassers

von

O. C. Freiherrn von Verschuer
Major z. D.


Mit 8 Plänen


Zweite, um eine Einleitung vermehrte Ausgabe.

Braunschweig und Leipzig

Verlag von Richard Sattler
1902.


Seinem ehemaligen Regiments-Kommandeur

Herrn Generalmajor z. D. von Gersdorff

in Dankbarkeit und Verehrung

gewidmet

von gewidmetvon

dem Uebersetzer von gewidmet vondem Uebersetzer


[Einleitung des Übersetzers.]

In vorliegendem Buche will der Verfasser das Auftreten der »Deutschen Hilfstruppen« in Amerika einer genauen Beleuchtung unterwerfen, insbesondere will er den Legenden entgegentreten, die sich in seinem Vaterlande im Laufe der Zeit über die Hilfstruppen — mit dem Sammelnamen »Hessen« bezeichnet — gebildet haben. Seine Anschauungen in Betreff der Subsidien-Verträge mit England und der an diesen beteiligten Fürsten stimmen im allgemeinen mit den Ansichten weiter Kreise in Deutschland überein, viele urteilen bei weitem schärfer, aber bei einer grossen Menge werden die abfälligen Urteile nach verschiedener Richtung hin mehr oder weniger scharf bekämpft. Wie erklärt sich dieser Zwiespalt der Meinungen, und wie könnte er einigermassen überbrückt werden? Er erklärt sich m. E. hauptsächlich dadurch, dass viele Geschichtschreiber die Frage des sogenannten Soldatenhandels nicht genügend im Lichte der damaligen Zeit betrachten, und dass diese Frage bisher nicht in ihrer Vielseitigkeit und mit derjenigen Gründlichkeit behandelt worden ist, die zur Erlangung eines objektiven Urteils unbedingt notwendig ist. Ein solches Urteil wird nur erlangt werden können durch eine genaue Prüfung und Vergleichung der bereits vorhandenen und eine Untersuchung der noch unbenutzt liegenden Quellen, ferner durch gleichzeitiges in-Betrachtziehen der politischen und militärischen Verhältnisse und Zustände — und ihrer Entwickelung — in allen Staaten, die im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts je an dem Überlassen von Truppen gegen Subsidien beteiligt gewesen sind, und schliesslich durch ein sich-Vertiefen in die Anschauungen der Zeit und zwar aller Kreise: der Fürsten, Landstände, Offiziere, Soldaten und des Volkes. Nur aus dem Geiste der Zeit heraus kann das Übereinkommen deutscher Fürsten mit England im Jahr 1776, können die Urteile der Zeitgenossen für und wider — verstanden, erklärt werden. Von grosser Bedeutung aber ist die Thatsache, dass die Verträge mit England und das Auftreten deutscher Soldtruppen in Amerika in den Zeitabschnitt fallen, der der französischen Revolution vorausging. Hervorragende Geister der damaligen Zeit bemühten sich, weiten Kreisen in Europa bei Gelegenheit des ungewöhnlichen Falles der Verschickung deutscher Truppen über den Ozean zum Bewusstsein zu bringen: was das Überlassen von Menschen an fremde Souveräne gegen Geld zu bedeuten habe! Wie in vielen andern Dingen so auch in dieser Frage beginnt sich ein Wandel in den Anschauungen Bahn zu brechen. Das was die Fürsten und die an den Verträgen mit England interessierten Kreise — im Geiste ihrer Zeit, in ihren Ideen und ererbten Überlieferungen befangen, sowie unter Berufung auf die Reichsverfassung — zu thun für Recht hielten, wird als »Menschenhandel« bezeichnet. So erklärt es sich, dass bei den Verträgen des Landgrafen Friedrich II. und der andern beteiligten Fürsten Ausdrücke wie »Verkauf« und »Seelenhandel« anfangen laut zu werden, während man zu Zeiten der frühern Subsidien-Verträge in dem Überlassen von Truppen etwas Althergebrachtes, nichts Unrechtes erblickte.

Viel Aufsehen hat seiner Zeit das Buch von Friedrich Kapp über den »Soldatenhandel« erregt. Er nennt es »Beitrag zur Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts.« Niemand wird den Wert, den es hat, bestreiten. Ein Buch aber, das sein Entstehen einer Tendenz verdankt, wie sie der Verfasser im Eingang zum Ausdruck bringt, kann unmöglich Anspruch auf Objektivität machen. Und wer eine so leidenschaftliche Sprache wie Kapp führt, kann nur ein einseitiges, kein gerechtes Urteil fällen.

Wie wir sehen, stützt Lowell sein Urteil über die deutschen Zustände im 18. Jahrhundert zum grossen Teil auf die Forschungen Kapps, sowie auch auf Seume (dessen Zeugnis aber ebenfalls nicht kritiklos hinzunehmen ist). Dieser Teil des L.schen Buches wird deshalb sicher — wenngleich ihn eine völlig objektive Ausdrucksweise auszeichnet — von einer spätern Geschichtschreibung berichtigt und ergänzt werden. Von unbestreitbarem Wert wird aber ebenso sicher der Hauptteil seines Buches sein, in dem er — dank seiner umfassenden und gewissenhaften Quellenforschungen — besser, und nebenbei fesselnder, als irgend ein Geschichtschreiber vor ihm, uns erzählt, von welcher Art deutsche Offiziere und Soldaten waren, die in der »Neuen Welt« auftraten, welche Eindrücke sie von ihr bekamen, und dass sie unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Schuldigkeit gethan haben.

Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen: das Vermieten von Truppen ist eine Erscheinung im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts, die der Geschichte einer grossen Zahl von deutschen Staaten, darunter die bedeutendsten, angehört. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte wird in vorliegendem Buche in Erinnerung gebracht. Dunkel sah es mehr oder weniger in allen deutschen Landen — in mancher Hinsicht — um die Zeit des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts aus. Gleichzeitig wissen wir aber zu unserm Glück, dass dieses Dunkel einem Licht hat weichen müssen, das uns das 19. Jahrhundert gebracht hat.

Frankfurt a. M., im März 1902.

v. Verschuer.


[Vorwort]

Die Geschichte der deutschen Hülfstruppen, die im Revolutionskriege für Gross-Britannien fochten, hat von amerikanischen Geschichtsschreibern nicht den Grad von Beachtung gefunden, den ihre Wichtigkeit berechtigt erscheint zu verdienen. Es ist sehr viel Wesen davon gemacht worden, dass 7000 französische Soldaten und 19 000 französische Seeleute den Vereinigten Staaten bei der Belagerung von Yorktown beistanden, aber vergessen haben wir, dass eine Macht von zwischen 15 und 20 000 Deutschen im Verlauf von 7 Jahren gegen uns kämpfte, dass mehr als 29 000 zu diesem Zweck nach Amerika gebracht wurden, dass mehr als 12 000 niemals nach Deutschland zurückkehrten. Ich weiss von keinem amerikanischen Geschichtsschreiber ausser Bankroft, der gründliche Studien über diesen Gegenstand in den Original-Quellen gemacht hätte; dem ganzen Charakter seines Werkes nach wäre es nicht angängig gewesen, die Geschichte der deutschen Truppen in ihren Einzelheiten zu schreiben. Doctor George Washington Greene hat interessante Auszüge aus 3 Kapp'schen Büchern herausgegeben, und die Erzählungen der Baronesse Riedesel sind ins Englische übersetzt worden von William L. Stone Esq., der auch den Teil von Eelkings »Leben von Riedesel«, welcher vom Revolutionskrieg handelt, übersetzt hat.

Ich kann nicht behaupten, bei der Bearbeitung des vorliegenden Buches annähernd alle die sehr inhaltreichen Quellen, die die Bibliotheken und Archive in Deutschland enthielten, benutzt zu haben. Ich habe indessen deutsche Originalberichte von jedem wichtigen Engagement gefunden und von beinahe jedem Scharmützel im Revolutionskriege vom Jahr 1776 bis zum Ende, ausgenommen einige von den Gefechten, die in Carolina und Georgia stattfanden und in denen wenige, wenn überhaupt, Deutsche engagiert waren. Einige von diesen Berichten sind, glaube ich, niemals einem amerikanischen Schreiber vor Augen gekommen.

In Deutschland haben die Verträge in Betreff der Überlassung von Hilfstruppen an Gross-Britannien und die Geschichte dieser Truppen mehr Beachtung gefunden als in Amerika. Zwei Geschichtsschreiber sind unter denen, die diesen Gegenstand behandelt haben, besonders hervorzuheben. Der eine ist Fritz Kapp, einst Mitglied des Reichstages und vordem in der Verbannung in Amerika. Diesem Buche verdanke ich sehr viel, direkt und indirekt, wegen der vielen Fingerzeige, die dasselbe enthält, besonders in den ersten fünf Kapiteln. Der andere Geschichtsschreiber ist Max von Eelking, Hauptmann in Sachsen-Meiningen'schen Diensten und korrespondierendes Mitglied des New-Yorker Geschichtsvereins. Seine zwei Werke, »Die deutschen Hilfstruppen im nordamerikanischen Befreiungskriege« und »Leben und Wirken des Herzoglich Braunschweigischen Generallieutenants Friedrich Adolf von Riedesel«, stellen die Geschichte vom deutschen Standpunkt aus dar. Hauptmann von Eelking stand ein sehr reichhaltiges Material zur Verfügung. Die Liste der für das erste Werk benutzten Handschriften (von denen viele Eigentum von Privatpersonen) enthält 38 Nummern. Bei der Lebensbeschreibung von Riedesel hatte er die Erlaubnis, alle Briefe und Schriften, die der General hinterlassen, zu benutzen. Wenn Hauptmann von Eelking so viel Sorgfalt im Gebrauch des Materials als Fleiss in der Sammlung desselben entwickelt hätte, so würden seine Werke sehr wertvolle Beiträge zur amerikanischen Geschichte sein. Leider erleiden die Resultate seines Fleisses durch Ungenauigkeiten Einbusse. Ich habe ihn oft benutzen müssen, habe es aber mit Vorsicht gethan.

Der Leser wird in diesem Buche Stellen finden, die mehr dem Gebiete der Biographie oder Anekdote als der reinen Geschichte angehören. Die Abenteuer von verhältnismässig unwichtigen Persönlichkeiten wie Wiederhold, Ewald oder Baronesse Riedesel sind mit ziemlicher Ausführlichkeit erzählt. Es war meine Aufgabe, einen Begriff davon zu geben, was für eine Art Leute die Hilfstruppen waren und was für einen Eindruck Amerika und die Amerikaner auf sie machten. Zu diesem Zweck habe ich mich nicht gescheut, scheinbar unbedeutenden, gewöhnlichen Stoff da zu verwenden, wo er charakteristisch geschienen hat, oder Meinungen und Beschreibungen anzuführen, die, obschon echt, irrig waren.

Der Verfasser.

[Inhalt.]

Seite
KapitelI.Die Fürsten[1]
"II.Die Verträge[12]
"III.Die Verträge vor dem Parlament[22]
"IV.Die Soldaten[30]
"V.Von Deutschland nach Amerika[37]
"VI.Die Schlacht von Long-Island 1776[41]
"VII.Von der Okkupation von New-York bis zur Wegnahme von Fort Washington, 15. Sept.-16. Nov. 1776[51]
"VIII.Trenton, 26. Dez. 1776[64]
"IX.Der Winter 1777[75]
"X.Die Braunschweiger in Canada 1776[90]
"XI.Baronin Riedesels Reise 1776 u. 77[98]
"XII.Ticonderoga und Bennington, Juli und August 1777[108]
"XIII.Stillwater, am 19. Sept. u. 7. Okt. 1777[120]
"XIV.Saratoga, vom 11-16. Okt. 1777[129]
"XV.Die Braunschweiger in Gefangenschaft[145]
"XVI.Brandywine, Germantown und Redbank, September und Oktober 1777[160]
"XVII.Der Rückzug der Briten durch New-Jersey, Januar bis Juli 1778[170]
"XVIII.Newport, vom November 1776 bis Oktober 1779[174]
"XIX.Die Umgegend von New-York 1777-79[180]
"XX.Wiederholds Reise — eine Episode — Sept. 1779[187]
"XXI.Savannah, Charleston und Pensacola, 1778-1781[195]
"XXII.New-York in den Jahren 1780 u. 81[208]
"XXIII.Der Feldzug im Süden im Jahre 1781[216]
"XXIV.Schluss[230]

Anhang.

Seite
A.Quellen-Verzeichnis[241]
B.Die hessischen Regimenter und ihre Namen[244]
C.Übersicht über die Zahl der von jedem deutschen Staat nach Amerika gesandten Truppen und über die Zahl derer, die nicht zurückkehrten[248]
D.Verlustliste der Deutschen in den Haupt-Schlachten und Gefechten des Revolutionskrieges[250]

Karten und Pläne.

1.Schlacht von Long-Island 1776[48]
2.Operationen in New-Jersey und Pennsylvanien 1776[64]
3.Affaire bei Trenton 1776[74]
4.Burgoynes Übergabe 1777[128]
5.Schlacht von Brandywine 1777[160]
6.Überfall auf Paulus Hook 1779[186]
7.Lord Cornwallis Operationen im Süden 1781[216]
8.Yorktown 1781[224]

Die Hessen

und die andern deutschen Hülfstruppen im Kriege
Gross-Britanniens gegen Amerika
1776-1783.


[Kapitel I.]

Die Fürsten.

Die Stadt Cassel ist für den durchreisenden Fremden eine der anziehendsten in Mitteldeutschland. Ihre Galerien, Parks und Gärten, sowie ihre grossen Paläste erregen Bewunderung und Staunen. Hier brachte Napoleon III. die Monate seiner Gefangenschaft zu inmitten einer Umgebung, die ihn an die Grossartigkeit von Versailles erinnert haben möchte, welche den Schöpfern dieser herrlichen Anlagen wohl als Vorbild vorschwebte. Die Anlagen und Schlösser rührten hauptsächlich aus dem XVIII. Jahrhundert her, als die Augen der meisten Fürsten von Europa auf den französischen Hof gerichtet waren; und kein Hof folgte eifriger und konsequenter, in äusserem Gepränge wenigstens, dem Beispiel des französischen Hofes, als der des Landgrafen von Hessen-Cassel. Die Ausgaben für alle diese Bauten und Parkanlagen waren ungeheuer, aber es war im allgemeinen Geld im Staatsschatz. Das Land jedoch war arm. Die 3-400 000 Einwohner lebten hauptsächlich vom Ackerbau, während die Landgrafen Finanzmänner waren. Es war ein einträglicher Handel, den sie betrieben. Nach der Ware, die sie verkauften oder ausliehen, war grosse Nachfrage im damaligen Jahrhundert, wie in allen Jahrhunderten, es waren eben Menschen, mit denen die Landgrafen von Hessen-Cassel Handel trieben. Daher kam es, dass Landgraf Friedrich II. und seine Leute in der amerikanischen Geschichte eine Rolle spielten und dass der Name »Hessen« eine landläufige Bezeichnung in den Vereinigten Staaten wurde. Die Landgrafen nahmen es nicht sonderlich genau mit den Ländern und den Abnehmern, mit denen sie in Verbindung traten. 1687 stellte einer derselben 1000 Mann den Venetianern für Geld zur Verfügung, um gegen die Türken zu fechten. 1702 dienten 9000 Hessen unter den Seemächten und 1706 waren 11 500 Mann in Italien. England war der beste Kunde. Während eines grossen Teils des XVIII. Jahrhunderts hatte es Hessen in seinem Sold. Ein Teil derselben war bei der Armee des Herzogs von Cumberland während des Prätendenten Invasion 1745, aber es ist festgestellt, dass sie sich zu fechten weigerten, um einen Vertrag wegen Auslieferung der Gefangenen zu erlangen. Es würde für viele von ihnen günstig gewesen sein, wenn sie sich aus demselben Grunde geweigert hätten nach Amerika zu gehen. So wenig spielte bei den Landgrafen der Patriotismus oder die Politik eine Rolle, dass im Jahre 1743 Hessen gegenüber Hessen standen, 6000 Mann, die in der Armee des Königs Georg III. von England und 6000 Mann, die im gegnerischen Heere des Kaiser Karl VII. dienten.

Die Landgrafen von Hessen waren nicht die einzigen Fürsten, die ihre Truppen in fremden Sold gaben. Im amerikanischen Revolutionskrieg überliessen sechs deutsche Fürsten ihre Soldaten an Gross-Britannien. Diese waren Friedrich II., Landgraf von Hessen-Cassel, Wilhelm, sein Sohn, unabhängiger Graf von Hessen-Hanau, Carl I., Herzog von Braunschweig, Friedrich, Fürst von Waldeck, Carl Alexander, Markgraf von Anspach-Bayreuth und Friedrich August, Fürst von Anhalt-Zerbst. Die Handlungsweise dieser Fürsten stand in keinem Einklang mit der Politik des Kaiserreichs und dem sittlichen Empfinden der damaligen Zeit, der Kaiser aber hatte keine Macht es zu verhindern, denn die Abhängigkeit von denjenigen Teilen des Reiches, die ausserhalb seiner Erblande lagen, war wenig mehr wie nur dem Namen nach vorhanden.

Die Karte von Deutschland im XVIII. Jahrhundert zeigt ein ausserordentliches Flickwerk. Ueber den nördlichen Theil des Landes, von Osten nach Westen, aber nicht in ununterbrochener Folge, ziehen sich die Gebiete des Königs von Preussen. Die österreichischen Erblande, in einer ziemlich kompakten Masse, nehmen die südöstliche Ecke ein. Ueber die Grenzen dieser zwei grossen Mächte hinaus liegt Alles durcheinander. Kurfürstentümer, Herzogtümer, Erzbistümer, Besitzungen von Markgrafen, Landgrafen, Fürsten und freien Städten sind unentwirrbar zusammengewürfelt. Es gab beinahe 300 souveräne Staaten in Deutschland, neben über 1400 Besitzungen des hohen Adels, die direkt unter dem Kaiser standen und viele Souveränitätsrechte hatten. Einige von diesen 300 Staaten waren nicht grösser als Stadtgebiete von Neu-England, viele nicht grösser als amerikanische counties. Auch war keiner derselben in sich geschlossen, die Besitztümer waren meist aus getrennten Länderteilen zusammengesetzt. Jedes kleine Fürstentum hatte seinen kleinen Fürsten mit seinem Hof und seiner Armee zu unterhalten. Die Fürsten waren regelrecht despotisch. Die Ueberreste von dem, was einst konstitutionelle Versammlungen gewesen waren, bestanden in manchen Orten noch (Landstände), aber sie repräsentierten im besten Falle nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Die Städte wurden durch die privilegierten Klassen verwaltet. Auf dem Lande war den Bauern in einigen Gegenden ein wenig Freiheit in der Verwaltung ihrer Orts-Angelegenheiten belassen, aber im allgemeinen waren die Bauern nicht viel besser daran wie Leibeigene und Gegenstand der Tyrannei einer Horde von Beamten, die bei jeder Gelegenheit sich einmischten. Der Handel war durch Zölle und Abgaben gehemmt; jeder kleine Staat hatte sein eigenes Finanz-System, Handel und Industrie waren durch Monopole beschränkt. An einigen Orten regelten drückende Gesetze die Kleidung und Kost der Bevölkerung.

Vor Eintritt in das letzte Viertel des Jahrhunderts hatten in politischer Beziehung bessere Verhältnisse Platz gegriffen. Friedrich der Grosse von Preussen und Joseph II. von Oesterreich waren, jeder in seiner Art, erleuchtete Fürsten, und ihr Beispiel hatte viele von den besseren Souveränen bewogen, einigermassen für das Wohl des Volkes zu sorgen. Der Einfluss der freiheitlichen Bewegung in Frankreich machte sich ebenfalls fühlbar. Aber die Ideen von politischer Freiheit hatten selbst bei den am weitesten vorgeschrittenen Geistern in Deutschland kaum Eingang gefunden. Die gute oder schlechte Gesinnung des Fürsten stand nicht mehr unter dem Einfluss der öffentlichen Meinung als der Zustand des Wetters. Die Lehre vom passiven Gehorsam war an der Tagesordnung, obschon nicht völlig unbestritten. Wenn, wie ein Geschichtsschreiber in Betreff politischer Verhältnisse auseinandersetzte, es die Pflicht des Untergebenen wäre zu gehorchen, selbst wenn sein Fürst aus reiner Willkür sein Leben von ihm fordern würde, so kann man hoffen, dass es ebenso richtig war, wenn ein anderer Geschichtsschreiber sagte, dass »in fürstlichen Häusern alle Tugenden erblich sind«.

Wir wollen nun etwas eingehender die speziellen Erben aller Tugenden betrachten, die Söldner nach Amerika sandten.

Der bedeutendste von ihnen war Friedrich II., Landgraf von Hessen-Cassel. Dieser Fürst war der katholische Fürst eines protestantischen Landes. Seine erste Gemahlin war eine englische Prinzessin, eine Tochter Georg II. Sie hat sich bei seinem Uebertritt zum Katholizismus nur von ihm getrennt und nach Hanau zurückgezogen mit seinem vorzüglichen Sohn, von dem ich sogleich sprechen werde.

Friedrich hatte in Cassel ein fröhliches Leben geführt. Er hatte eine abgedankte Maitresse des Herzogs von Bouillon zu sich genommen, aber er hielt nicht viel von der Treue und soll mehr als 100 Kinder gehabt haben. Es wurde ein französisches Theater und eine Oper mit französischem Ballet unterhalten. Französische Abenteurer mit guten Empfehlungen waren willkommen und erhielten selbst verantwortliche Stellungen im Staat. Der Hof war nach französischem Muster eingerichtet. Französisch war ebenfalls — und ist es noch lange nachher geblieben — die Sprache der Fürsten, Hofmänner und Diplomaten. In dieser Sprache korrespondierte Friedrich der Grosse mit vielen seiner Verwandten, seine Schwester schrieb darin ihre Memoiren, und französisch wurde gesprochen am Hofe des kleineren Friedrich, welchen wir vor Augen haben.

Zur Zeit der amerikanischen Revolution lebte der Landgraf mit seiner zweiten Frau. Er war ungefähr 60 Jahre alt und scheint damals etwas gesetzter geworden zu sein. Er war ein tüchtiger Regent. Seine Truppen, durch Konscription ausgehoben und nach preussischem System gedrillt, bestanden aus guten Soldaten. Seine Armee zählte im Jahre 1781 22,000 Mann, während die Bevölkerung seiner Gebiete wenig mehr als 300,000 Seelen betrug; aber viele Fremde wurden zum Dienen angeworben. Ein Teil wurde nicht ununterbrochen bei der Fahne gehalten, sondern während des grössten Teils des Jahres beurlaubt, um nur auf einige Wochen zu den Uebungen eingezogen zu werden. Friedrich nahm grosses Interesse an seiner Armee und korrespondierte mit seinen Offizieren in Amerika um allen seinen Einfluss nutzbringend fühlen zu lassen. Auch bekümmerte er sich um die inneren Angelegenheiten des Landes und hinterliess bei seinem Tode einen vollen Staatsschatz. Er gründete Schulen und Museen und liebte wie seine Vorfahren, Prachtbauten. Als er 12,000 Mann nach Amerika sandte, setzte er die Steuern für deren Hinterbliebene herunter, und, obschon diese, traurig und niedergeschlagen, ihre Söhne und Brüder, die jenseits des Ozeans für fremde Interessen kämpfen mussten, betrauerten, so verdient Friedrich von Hessen-Cassel in gewisser Hinsicht Nachsicht im Urteil, da er immerhin persönliche Würde zeigte und einer der wenigst scrupellosen Fürsten war, die Söldner nach Amerika schickten.

Wilhelm, der älteste Sohn und voraussichtliche Erbe Landgraf Friedrichs, regierte während der Revolution die unabhängige Grafschaft Hanau, die einige Meilen östlich von Frankfurt am Main lag. Wilhelm stand seinem Vater nach an Würde, kam ihm aber gleich an Sinnlichkeit. Im August 1775, als man in Deutschland von der Nachricht der Schlacht von Bunker Hill noch ganz erfüllt war, beeilte sich der Erbprinz, Georg III. ein Regiment anzubieten »ohne die geringsten Bedingungen«. Trotz der Beteuerung seiner uneigennützigsten Ergebenheit erhielt er schliesslich einen höhern Preis für den gestellten Mann als einer seiner Mitbewerber, ausgenommen seinen durchlauchtigen Vater. Die Höfe von Cassel und Hanau standen nicht auf gutem Fusse. Seitdem der Landgraf den Glauben gewechselt hatte, lebte er mit seiner Gemahlin und seinen Erben in Streit. Aber die Lebensweise seines ältesten Sohnes unterschied sich nicht sehr von seiner eigenen. Als Wilhelm ein natürliches Kind zu unterhalten hatte, schlug er den Preis eines jeden Sackes Salz, den seine Unterthanen von den Salzminen brachten, um einen Kreuzer auf und gab die so erhaltenen Einkünfte dem Kinde. Als seine Nebenkinder die Zahl 74 erreicht hatten, mussten die ärmeren seiner Unterthanen mit dem Salz sparsam umgehen. Einer seiner Bastarde war jener General von Haynau, welcher in österreichischen Diensten Grausamkeiten in Italien 1849 beging, der in Brescia Frauen peitschen liess und nachher in London vom Pöbel misshandelt wurde. Wilhelms Maitresse war während vieler Jahre ein Fräulein von Schlotheim, die ihm zuerst entlief aber von den eigenen Eltern zurückgeschickt wurde. Nach den Worten einer Dame in Cassel »konnte der hessische Adel diesen Vorteil nicht entbehren«. Obschon der Fürst im Jahre einige 12,000 Pfund Sterling als Subsidien für die Sendung von Truppen nach Amerika erhielt, so glaubt doch Kapp, dass er keine Steuern erliess, ausser den Frauen und Kindern der Soldaten der Expedition oder solche Steuern, die vom Eigentum der Soldaten erhoben wurden, die weder Frauen noch Kinder hatten. Dass die nachher erwähnten Fürsten Steuern erlassen hatten, habe ich nicht erfahren, aber meine Quellen mögen lückenhaft sein.

Herzog Carl I. regierte über Braunschweig-Lüneburg und der Erbprinz Carl Wilhelm Ferdinand hatte sich mit ihm in der Regierung vereinigt. Der Letztere hatte eine Schwester König Georg III. geheiratet. Das Land hatte nur ungefähr 150,000 Einwohner und die Fürsten waren tief in Schulden. Carl war verschwenderisch und der siebenjährige Krieg war sehr kostspielig gewesen. Es waren Versuche gemacht worden, den Finanzen durch Alchemie aufzuhelfen, aber das Gold war im Rauchfang verflogen oder hatte seinen Weg in die Taschen der Alchemisten genommen, denn es war keins in den Schmelztöpfen gefunden worden. Ein italienischer Theater-Direktor erhielt ein Salair von 30,000 Thalern jedes Jahr, während Lessing, der bereits der Autor von »Emilia Galotti« und »Minna von Barnhelm« war, als Archivar für eine Kleinigkeit diente. Prinz Carl Wilhelm Ferdinand war ein besserer Haushalter als sein Vater. Die Lotterie, ein in jener Zeit modernes Mittel um Geld zu machen, war unter der Leitung eines Staatsministers eingerichtet worden, und brachte viel Geld ein, denn obschon der Herzog von Braunschweig weniger pro Kopf an Subsidien für die Sendung von Soldaten nach Amerika als irgend ein anderer Fürst erhielt, so war er doch im Stande, für sein Korps von 4300 Mann 160,000 Pfund in die Tasche zu stecken, bevor der Krieg beendigt war.

Die kleinen Gebiete von Anspach und Bayreuth, die zusammen ungefähr 400,000 Seelen enthielten, waren kurz vorher unter der Regierung des Markgrafen Carl Alexander vereinigt worden. Keines von beiden Ländern war unter seinen Souveränen glücklich gewesen. Beide Länder hatten zu Zweigen der grossen Hohenzollern-Familie gehört, deren Hauptlinie bereits in Preussen den Grund zu der Macht gelegt hatte, welche ihr heute den ersten Platz in Europa gegeben hat. Aber den Markgrafen von Anspach und Bayreuth fehlte die Geschicklichkeit, welche der rauhen Strenge König Friedrich Wilhelms, des Vaters Friedrichs des Grossen, zu Grunde lag.

Von diesem Friedrich Wilhelm haben wir ein lebendiges Bild in den Memoiren seiner Tochter Wilhelmine. Wie er seine Kinder mit dem Stock im Zimmer herumjagte, wie Wilhelmine sich unter dem Bett verbarg und Friedrich im Kloset, wie der König grosse Soldaten liebte und seiner Gemahlin gegenüber tobte, ist da genau erzählt. Mit der ausdrücklichen Absicht, ihre Geschichte heiterer zu machen, erzählt die Prinzessin, wie ihr Vater, der im Allgemeinen der keuscheste der Monarchen war, versuchte, eine Hofdame auf der Treppe zu küssen und wie sie ihn in's Gesicht schlug, so dass seine Nase blutete. Wilhelmine vermählte sich mit einem Markgrafen von Bayreuth, und ihre Schwester Friederike Louise mit einem Markgrafen von Anspach; letztere aber lebte nicht auf gutem Fusse mit ihm.

Dieser Markgraf von Anspach war gutmütig in seiner Weise und gütig, wenn er nicht schlecht gelaunt war. Er liebte es, seinen Dienern kleine Gnadenbeweise zu geben, und ihnen persönlich davon Mitteilung zu machen. Er erlaubte bereitwillig, den Kranken Leckerbissen aus seiner Küche zukommen zu lassen. Wenn er nicht betrunken war, so war er geneigt, bei Verbrechern die Todesstrafe in Freiheitsstrafe zu verwandeln, falls sie sich nicht eines so schrecklichen Verbrechens schuldig gemacht hatten, wie der Überredung von Soldaten, zu desertieren, an seinem Hof zu stehlen oder zu wilddieben; aber seine militärischen Exekutionen waren barbarisch. Der Markgraf war regelmässig in seinem Kirchenbesuch und geneigt, Kirchen, Schulen und Hospitäler zu gründen. Er wäre deshalb wohl von seinen Unterthanen geliebt worden, wenn nicht seine ungezähmte Laune, und die Excesse, in die sie ihn führte, gewesen wären. Als er einmal gehört hatte, dass seine Hunde nicht gut gefüttert wurden, ritt er zu dem Haus des Mannes, der sie in Verwahrung hatte, rief ihn an die Thür und erschoss ihn an der eigenen Thürschwelle. Als ein Gastwirt wegen eines kleinen Diebstahls geklagt hatte, liess der Markgraf den Dieb hängen. Im Jahre 1747 war ein Dienstmädchen ohne Untersuchung gehängt worden, weil es einem Soldaten zur Flucht verholfen hatte. Als der Markgraf eines Tages aus seinem Schloss ritt, hielt er still und ersuchte den Wachtposten, der der Stadtwache angehörte und kein regulärer Soldat war, um sein Gewehr. Der arme Bursche, der nicht argwöhnisch war, gab es her, worauf der Markgraf ihn einen Feigling und Schuft nannte und ihn von zwei Husaren an den Schwänzen der Pferde durch den Mühlteich schleifen liess, an welcher Behandlung der Mann starb. Einer seiner Stallmeister, mit Namen von Reitzenstein, obschon habsüchtig und verderbt, war beim Volke beliebt, weil er einigemal diese Excesse mässigte. Bei einer Gelegenheit machte ein Schafhirt mit der Herde nicht schnell genug Platz für den Markgrafen wodurch Seiner Durchlauchtigsten Hoheit Pferd scheute. Der Markgraf forderte des Stallmeisters Pistolen um den Burschen niederzuschiessen. »Sie sind nicht geladen,« antwortete von Reitzenstein. Indessen kurz bevor sie zu Hause anlangten, zog der Stallmeister beide Pistolen heraus und feuerte sie in die Luft. Paff! Paff! »Was ist los?« schrie der erschrockene Markgraf. »Mein gnädiger Herr,« antwortete der andere, »ich glaube, Sie werden diese Nacht viel besser schlafen, nachdem sie den Krach der Pistolen jetzt, als eine Stunde vorher gehört haben.«

Es war sehr gefährlich, des Markgrafen Handlungsweise zu kritisieren. 1740 war ein gewisser Christoph Wilhelm von Rauber angeschuldigt, Karrikaturen und Schmähschriften verbreitet zu haben. Deswegen war er verurteilt worden, sich auf den Mund zu schlagen, doch mit der Verschärfung, dass es für ihn der Scharfrichter thun sollte, ferner sollte er sehen, wie der Letztere seine Schmähschriften verbrannte, und zuletzt geköpft werden, welch letztere Strafe gnädig in lebenslängliches Gefängnis und Konfiskation umgewandelt wurde.

Carl Alexander, der Sohn dieses grausamen Markgrafen scheint etwas menschlicher als sein Vater gewesen zu sein. Er war in seiner Jugend nach Utrecht geschickt worden, um Staats-Wissenschaften zu lernen und dann nach Italien, wahrscheinlich um sich fürstliche Tugenden anzueignen. Er kehrte, durch Ausschweifungen abgelebt, zurück, welches sein Vater dem Reisebegleiter, Rath Meyer Schuld gab. Der letztere wurde in Zelle eingekerkert, sein späteres Schicksal ist unbekannt. Einer anderen Erzählung zufolge wurde er in Altenkirchen hingerichtet.

Im Jahre 1777 war Carl Alexander, der Markgraf von Anspach und Bayreuth geworden, tief in Schulden und entzückt durch die Gelegenheit zwei seiner Regimenter in fremden Sold zu geben. Rekruten und Ersatzleute waren in Zeitabschnitten hinausgesandt worden, bis eine Totalsumme 2353 erreicht war, für deren Dienste der Markgraf mehr als 100,000 Pfd. erhielt. Carl Alexander war der letzte Markgraf von Anspach und Bayreuth. Im Jahre 1791 verkaufte er beide Länder an Preussen, für eine Pension, von welcher er nachher in England lebte, wo er 1806 starb.

Neben den Markgrafen von Anspach scheinen die Fürsten von Waldeck ziemlich beachtenswert. Allerdings gebrauchten sie ihr kleines Land hauptsächlich als Domäne um Leute für den Holländischen Markt aufzuziehen, aber sie selbst fochten mit Auszeichnung für dasselbe Land. Das Ausrüsten von Truppen für Amerika war mehr ein Neben-Geschäft, denn die ganze ausgeschickte Anzahl betrug nur 1225 Soldaten.

Friedrich August, Fürst von Anhalt-Zerbst, kann als die Karrikatur eines kleinen deutschen Fürsten seiner Zeit angesehen werden. Er regierte über einige 20,000 Seelen, aber man kann nicht sagen, dass er sie regiert hat, denn die letzten 30 Jahre seines Lebens brachte er in Basel und Luxemburg zu. Selbst da fand er, dass seine Unterthanen ihm störend werden könnten, und verbot bei Strafe der Entlassung, durch eine formell gedruckte Ordre, dass ihn einer seiner Beamten mit den Angelegenheiten seines Landes behelligte. Er war nicht übermässig streng, indessen hatte er auf der Insel Wangeroog einen Galgen errichten lassen als Schreckmittel für die Austern-Stehler. Seine Armee von 2000 Mann, und diese noch dazu mehr auf dem Papier, zählte nicht weniger als 11 Obersten, doch als es dazu kam, 600 Mann nach Amerika zu senden, musste er über die Grenzen des Landes hinausgehen, um nicht nur Soldaten sondern auch Offiziere zu finden. Das kleine Fürstentum war so zu sagen in Kommission und wurde durch einige wenige Privat-Räte verwaltet. Es hatte weder Kunst noch Industrie, und hatte durch Krieg, Hungersnot, Pest und Hochwasser gelitten. Aber es war ein Land, das sehr hohe Beziehungen hatte. Die Schwester des Fürsten war die Kaiserin Catharina II von Russland. Der Fürst selbst, obschon er fern vom Lande wohnte, fühlte trotzdem die Höhe seiner Stellung und hatte ein mitfühlendes Herz für Monarchen, wo nicht für Unterthanen. Als er hörte, dass gottlose Franzosen ihren König Louis XVI enthauptet hatten, verfiel er in Melancholie, verweigerte Essen und Trinken und starb, wie er gelebt hatte, als Parodie, die Karrikatur eines königlichen Märtyrers.


[Kapitel II.]

Die Verträge.

Aus den Verhandlungen zwischen dem Hof von Grossbritannien und den deutschen Fürsten zur Anwerbung von Soldtruppen für den Krieg in Amerika ist ersichtlich, wie begierig man auf beiden Seiten war, zu einem Resultat zu gelangen. England gebrauchte Leute, die Fürsten Geld, und während die Letzteren sich bemühten so hohe Subsidienbeträge wie möglich zu bekommen, war die Hauptsorge des Kabinets von Lord North, die höchstmögliche Anzahl von Soldaten ohne Verzögerung zu erhalten. Friedrich Kapp, der deutsche Geschichtsschreiber dieses Handels, meint, dass Colonel William Faucitt, der Britische Kommissionär und General-Bevollmächtigte in dieser ganzen Angelegenheit, zu weitgehende Zugeständnisse bei Aufstellung der Bedingungen machte. Dies scheint jedoch nicht die Ansicht des Earl of Suffolk, North's Sekretär der auswärtigen Angelegenheiten, gewesen zu sein, da er sich fortgesetzt mit seinem Agenten sehr zufrieden erklärte.

Das britische Kabinet war in seinen Hoffnungen, die es darauf gesetzt hatte, im Sommer und Herbst 1775 20,000 Mann von Russland zu bekommen, getäuscht worden. Ebenso zerschlugen sich die Verhandlungen in betreff eines sogenannten Schottischen Regiments, das gegenwärtig in holländischen Diensten war. Fünf Bataillone Hannoverischer Unterthanen Georg III. wurden nach Gibraltar und Minorca schleunigst entsandt, um die Engländer, die in diesen Festungen als Besatzung dient, für andere Zwecke frei zu machen. So war keine andere Hülfe zu gewärtigen als von den kleinen unabhängigen deutschen Fürstentümern.

Der Erbprinz von Hessen-Cassel, gleichzeitig regierender Graf von Hessen-Hanau, hatte geschrieben, um Seiner Majestät von England seinen Eifer und seine Ergebenheit — »dem besten der Könige« — auszudrücken und ihm die Dienste seines Regiments von 500 Mann anzubieten, »alles Landeskinder, die ich dem Schutze Euerer Majestät anvertraue, und die alle mit mir bereit sind, ihr Leben und Blut in Dero Diensten zu opfern.« Man darf aber nicht glauben, dass der Prinz daran dachte, sein eigenes kostbares Leben in Gefahr zu bringen, und der Ausdruck von der Opferfreudigkeit seiner Unterthanen war auch nur eine reine Phrase. Der Fürst von Waldeck schrieb im November 1775 in ähnlicher Art, indem er 600 Mann anbot. Seine Offiziere und Soldaten, ebenso wie ihr Fürst, verlangten nichts besseres, als eine Gelegenheit zu finden, sich für Seine Majestät zu opfern.

Der Herzog von Braunschweig-Lüneburg und der Landgraf von Hessen-Cassel boten zwar ihre Dienste nicht an, Colonel Faucitt fand aber keine Schwierigkeiten in Verhandlungen mit ihnen einzutreten. Der Markgraf von Anspach-Bayreuth machte im Herbste 1775 ein Anerbieten von zwei Bataillonen, aber der betreffende Vertrag mit ihm kam erst nach mehr als einem Jahre zu Stande, und im Oktober 1777 wurde mit dem Fürst von Anhalt-Zerbst ein Übereinkommen getroffen, für dessen Zustandekommen er Alles that, was in seinen Kräften stand. Anerbietungen von Truppen von Seiten des Kurfürsten von Baiern und des Herzogs von Württemberg führten zu keinem Resultat, einesteils wegen der schlechten Beschaffenheit und Ausrüstung der angebotenen Soldaten und andernteils, Letzteren betreffend, wegen der Schwierigkeiten, die Friedrich der Grosse wegen Durchpassierens seiner Besitztümer machte. Anerbietungen mehrerer anderer kleiner deutscher Fürsten führten zu nichts.

Der Vertrag, der zuerst abgeschlossen wurde, war der mit dem Herzog von Braunschweig. Er ist datiert vom 9. Januar 1776. Der Herzog stellt darin Sr. Britannischen Majestät 3964 Mann Infanterie und 336 unberittene Dragoner zur Verfügung. Dies Korps sollte auf Kosten des Herzogs vollkommen ausgerüstet werden, ausgenommen die Pferde der leichten Kavallerie. Sie sollten von Braunschweig in zwei Teilen marschieren im Februar und März, und der König war verpflichtet Massnahmen zu treffen, um Desertionen während des Marsches durch Kurfürstlich Hannoversches Gebiet auf dem Wege zur Küste zu verhindern. Der König sollte sie bezahlen und verpflegen wie seine eigenen Soldaten, und der Herzog sollte sich verpflichten, sein Korps in den vollen Genuss der von Sr. Britannischen Majestät genehmigten Geld-Verpflegung gelangen zu lassen, mit andern Worten, den Leuten keine niedrigere Löhnung zu zahlen und die Differenz in die Tasche zu stecken. Die Britische Regierung traute ihm jedoch nicht. Von der Zeit der Ankunft der Truppen in Amerika an wurde die Löhnung direkt dorthin geschickt, um sie nicht durch die Hände Sr. Hoheit des Herzog gehen lassen zu müssen. Diese Vorsichtsmassregel war bei allen deutschen Hilfstruppen angewandt worden mit Ausnahme derer von Hessen-Cassel, dessen Landgraf es gelang, die Geldwirtschaft selbständig zu führen. Die Braunschweig'schen Soldaten sollten in Britischen Hospitälern gepflegt werden, und die Verwundeten, die nicht mehr dienstfähig wären, auf Kosten des Königs nach Europa transportiert und in einem Hafen der Elbe oder Weser gelandet werden. Der Herzog war einverstanden damit, die jährlich für das Korps notwendig werdenden Rekruten auszuheben, zu disziplinieren und auszurüsten, aber wenn es sich ereignen sollte, dass eins der Regimenter, Bataillone oder eine Kompagnie aussergewöhnlich Verlust erleiden sollte, entweder in einer Schlacht, bei einer Belagerung oder durch eine Epidemie, oder durch den Verlust eines Transportschiffes auf der Fahrt nach Amerika, so sollte Se. Britannische Majestät für den Schaden aufzukommen haben an Offizieren und Soldaten und die Kosten tragen für die Rekruten, die nötig würden, um die Korps wieder auf ihren alten Etat zu bringen.

Der Herzog sollte die Offiziere ernennen und die vakanten Stellen besetzen. Er verpflichtete sich, dazu geeignete Leute zu wählen. Die Rechtspflege reservierte er für sich. Es wurde festgesetzt, dass seine Truppen nicht zu aussergewöhnlichen Dienstleistungen herangezogen werden sollten, die ausser Verhältnis ständen zu den Anforderungen, wie sie an die übrige Armee gestellt wurden.

Der König von England verpflichtete sich, Seiner Hoheit unter dem Titel Werbegeld für jeden Soldaten den Betrag von 30 Kronen oder 7 Pfund 4 Schilling 4-1/2 Pence zu zahlen. Ausserdem hatte er jährlich an Subsidien 11,517 L. 17 S. 1-1/2 P. vom Tage der Unterzeichnung des Vertrages an, so lange die Truppen in seinem Sold ständen, zu zahlen, und das doppelte dieser Summe (also 23,035 L. 14 S. 3 P.) noch zwei Jahre nach Rückkehr der Truppen in das Gebiet Seiner Hoheit. In Anbetracht der Eile, mit der die Truppen ausgerüstet waren, gewährte Se. Majestät den Sold für zwei Monate vor dem Ausrücken und übernahm alle Unkosten von der Zeit an nach dem Verlassen ihrer Standquartiere.

Noch eine Bedingung in diesem Vertrage verdient hervorgehoben zu werden, da sie die wohlberechtigte Entrüstung aller derer erregt hat, die dieses Handeln mit Menschenblut verdammt haben. Es heisst darin: »Dem Herkommen entsprechend sollen drei Verwundete einem Gefallenen gleich gerechnet werden; für einen Gefallenen soll der Satz bezahlt werden, wie er bei dem Werbegeld für den Einzelnen festgesetzt ist.« Diese Clausel, die in dem darauf folgenden Vertrag mit Hessen-Cassel nicht verzeichnet steht, befindet sich in dem Vertrag mit Braunschweig in demselben Artikel, in welchem die Bedingung betreffs Vergütung für aussergewöhnliche Verluste durch Schlachten, Epidemien und Schiffbrüche enthalten ist. Man könnte es so verstehen, dass der König von England sich verpflichtete, für jeden Rekruten, der an Stelle eines gefallenen Braunschweigers treten würde, die Kosten tragen sollte, dass aber für jeden Deserteur oder für jeden an einer Krankheit verstorbenen der Herzog einen anderen Mann zu stellen hätte, es sei denn, dass eine ungewöhnlich verheerende Epidemie ausbräche. Aber wenn man der Sache diese Auslegung giebt, wie verhält es sich mit den »drei Verwundeten«? Kapp verwirft diese Erklärung, und behauptet, dass für neue Rekruten Werbegeld gezahlt wurde ausser den 30 Kronen für die Gefallenen und Verwundeten, und dass dieses Blutgeld vom Fürsten in die Tasche gesteckt wurde, anstatt dass es die Familien des Gefallenen oder der Verwundete selbst erhielt. Jedenfalls steht die Thatsache fest, dass der Herzog von Braunschweig kontraktlich die Summe von ungefähr 35 Dollars für jeden, der in der Schlacht fallen würde, und 11 Dollars 36 cent für jeden Verkrüppelten zu bekommen hatte. Es ist wahrscheinlich jetzt nicht mehr möglich nachzuweisen, wieviel England in Wirklichkeit hierfür ausgezahlt hat. Die Bezahlung war auf den Rechnungen, die dem Parlament von dem Kriegs-Ministerium eingereicht wurden, nicht in einzelnen Posten aufgeführt. Kapp glaubt, dass dem Kabinet die Kritik, die dieser Punkt herausgefordert haben würde, nicht angenehm gewesen wäre.

Der Vertrag mit Hessen-Cassel, datiert vom 15. Januar 1776; er unterscheidet sich von dem mit Braunschweig hauptsächlich dadurch, dass er sich für den deutschen Hof günstiger stellte. In erster Linie wurde der König von Gross-Britannien veranlasst, ein Schutz- und Trutz-Bündnis mit dem Landgrafen von Hessen-Cassel zu schliessen. Die Hessischen Truppen sollten geschlossen unter der Führung ihres Generals bleiben, wenn nicht die Kriegsverhältnisse eine Teilung notwendig machen würde. Die Kranken sollten in der Pflege der eigenen Ärzte und anderer Leute bleiben, welche die Hessischen Generale zu ernennen hätten; und es sollte ihnen Alles, was der König seinen eigenen Truppen zu Teil werden liesse, ebenfalls zugestanden werden. Nach diesem Vertrage war der Landgraf verpflichtet, 12,000 Mann aufzubringen, sie vollständig auszurüsten und, wenn gewünscht auch Artillerie zuzuteilen. Es wurde derselbe Satz Werbegeld wie an den Herzog von Braunschweig gezahlt, also 30 Kronen oder 7 £. 4 Sch. 4-1/2 Pfg. für jeden Mann. Die Subsidien waren jedoch im Verhältnis höher, sie betrugen 450,000 Kronen oder 108,281 £ 5 Sch. pro Jahr und wurden (aber nicht verdoppelt) noch ein weiteres Jahr nach Rückkehr der Truppen nach Hessen gezahlt. Der Landgraf stellte später noch mehrere kleinere Kontingente auf, für die er besondere Verträge abschloss. Nach ungefährer Schätzung bestand der Vorteil, den der Landgraf über den Herzog erlangte, darin, dass — abgesehen von dem obenerwähnten Blutgeld, worüber genauere Angaben fehlen und abgesehen von den Sporteln, die die hohen Rivalen noch bekamen und wenn man nur das Werbegeld und die Subsidien rechnet — der Landgraf von Hessen-Cassel mehr als das Doppelte für jeden nach Amerika geschickten Mann wie der Herzog von Braunschweig bekam. Hierzu kam noch, was ausserhalb des Vertrages lag, dass der Landgraf Ansprüche auf eine alte Schuld vom siebenjährigen Kriege her geltend machte, die früher nicht anerkannt worden war. Sie betrug 41,820 £. 14 Sch. 5 Pfg.

Die Verträge mit den kleineren Staaten Hessen-Hanau, Waldeck, Anspach-Bayreuth und Anhalt-Zerbst unterschieden sich in den Grundzügen nicht von den oben beschriebenen. Keiner von ihnen war für die Fürsten ganz so günstig wie der Vertrag mit Cassel, keiner ganz so günstig für England wie der mit Braunschweig. Die Blutgeld-Klausel findet sich in den Verträgen mit Hanau und Waldeck, aber nicht in dem mit Anspach.

Von Zeit zu Zeit wurden mit mehreren der oben erwähnten kleineren Fürsten Händel wegen Gestellung von Ersatzmannschaften abgeschlossen. Jäger und Scharfschützen waren besonders gesucht.

Jedes Jahr wurden Rekruten zu den verschiedenen Truppenteilen nach Amerika gesandt. Die Gesamtsumme der Leute setzt sich nach Kapp wie folgt zusammen aus:

Braunschweig5 723
Hessen-Cassel 16 992
Hessen-Hanau2 422
Anspach-Bayreuth 2 353
Waldeck1 225
Anhalt-Zerbst1 152

Zusammen:29 867

Von diesen segelten etwas mehr als 18 000 Mann im Jahre 1776 nach Amerika. Von dieser Gesamtsumme von beinahe 30,000 Mann kehrten 12,554 nicht wieder nach Deutschland zurück. Ausser den Kontingenten, die durch die Verträge mit den deutschen Fürsten nach Amerika gesandt wurden, diente noch eine gewisse Anzahl Deutscher in Englischen Regimentern, von denen einige Aushebungs-Stationen am Rhein hatten.

Es ist schwer zu sagen, wie diese Händel zwischen England und den deutschen Fürsten von der öffentlichen Meinung in Deutschland damals beurteilt wurden. Schlözer's »Briefwechsel«, das erste deutsche Journal dieser Periode, kam in Göttingen, dem Hannoverschen Gebiet Georg's III. zugehörig, heraus. Es enthält viele Aufsätze über den Amerikanischen Krieg, die alle von Englischer Seite geschrieben sind mit der einzigen Ausnahme eines Briefes an Baron Steuben, der auf Seiten der Kolonien focht. Der Brief ist obendrein von dem Herausgeber in einer den Amerikanern übel gesinnten Weise mit Anmerkungen versehen. Dieser Ton mag vielleicht Schlözer durch die Umstände aufgezwungen worden sein, da die Presse in Deutschland mehr geduldet als frei war. Ein interessantes kleines Buch wurde in Wolfenbüttel bei Braunschweig im Jahre 1778 veröffentlicht. Es enthält eine Beschreibung von Amerika, seiner Produkte, Geographie, seine Geschichte und eine vorzügliche Karte. Der Verfasser des Buches ist den Kolonisten durchaus feindlich gesinnt. Die Sendung von mehr als 17000 Deutschen nach Amerika ist nur kurz, man möchte sagen, nebenbei erwähnt, dagegen sind die ersten Operationen in diesem Kriege, und speziell dieser Hilfstruppen ziemlich ausführlich behandelt und doch war die Anwesenheit so vieler Deutscher in Amerika zweifellos der Hauptgrund für das Entstehen des Buches. Auch ist es billig, dass in jenen Tagen ein Aufruhr viel schärfer beurteilt wurde als heut zu Tage, und dass ein solcher in den Augen von konservativ denkenden Leuten nicht als ein politischer Fehler sondern als ein abscheuliches Verbrechen galt.

Ganz verschieden davon war die Art, in welcher die Liberalen Europas über den Krieg und die Söldner urteilten. Die Prinzipien, die im Begriff waren, der französischen Revolution die Wege zu ebnen, brachen sich Bahn, und einige der Darsteller dieses grossen Dramas begannen auf der Bühne zu erscheinen. Mirabeau, als Flüchtling in Holland weilend, veröffentlichte ein Pamphlet gerichtet »An die Hessen und andere deutsche Volksstämme, die von ihren Fürsten an England verkauft sind.« Es ist die Mirabeau'sche Schrift ein beredter Protest gegen die Raubgier der Fürsten und ein herrlicher Tribut, der dem Patriotismus der Amerikaner gezollt wird. Das Genie Mirabeau's konnte weit genug in die Zukunft sehen, um zu erkennen, dass der Nord-Amerikanische Kontinent einst ein Asyl für die Unterdrückten aller Nationen werden würde. Der gegen den Landgrafen von Hessen-Cassel geführte Schlag traf sein Ziel. Letzterer versuchte nicht nur die ganze Auflage des Pamphlets aufzukaufen, sondern veranlasste auch die Veröffentlichung einer Antwort, die wiederum eine Entgegnung zur Folge hatte, in welchem der zukünftige Tribun die Ansicht vertritt, dass ein Angriff auf die Freiheit der Nationen das grösste aller Verbrechen sei. In demselben Sinne schrieb Abbé Raynal und Andere, von denen einige zu dieser Zeit in Europa besser bekannt waren als Mirabeau, und gegen den ein Zeitungskrieg losbrach, der in den holländischen Zeitungen ausgefochten wurde, die damals die einflussreichsten, weil freisten auf dem Kontinent waren. In der Landes-Bibliothek in Cassel befindet sich ein interessantes kleines Pamphlet, herausgegeben im Jahre 1782 in französischer Sprache und ebenso in Deutsch. Dies Pamphlet war von Schlieffen, dem Gesandten Landgraf Friedrichs II., geschrieben. Der Schreiber weist auf die alte Erfahrung hin, dass die Menschen in allen Zeitaltern sich gegenseitig umgebracht hätten, dass die Schweizer lange Zeit gewöhnt gewesen als Söldner zu fechten, dass 10,000 Griechen unter Xenophon dasselbe gethan hätten, und er hielte es für ungerecht, seine Zeitgenossen für eine Sache zu tadeln, die in dem natürlichen Instinkt der Menschheit begründet läge. Er konstatierte, dass das gegenwärtige Vermieten von Truppen der zehnte Fall dieser Art seit Anfang des Jahrhunderts sei. Er wies auf die Wohlthaten hin, die der Landgraf seinem Lande hatte zu Teil werden lassen, und auf die Liebe, mit der ihn sein Volk verehrte. Er lenkte die Aufmerksamkeit, und dies war vielleicht sein bestes Argument, auf die Thatsache, dass der Landgraf von Hessen und der Herzog von Braunschweig so nahe mit dem englischen Königshaus verwandt wären, dass ihre Nachkommen eines Tages auf den grossbritannischen Thron berufen werden könnten. Die prahlerische Freiheit der Amerikaner wäre nur eine trügerische Sirene, denn die Geschichte bewiese, dass republikanische Regierungsformen ebenso tyrannisch und grausam wären wie Monarchieen.

Dahingegen war der Freiherr von Gemmingen, der Gesandte des Markgrafen von Anspach, etwas beschämt über den Handel, den er abgeschlossen hatte. »Es kommt mir immer sehr hart an, mit Truppen zu handeln,« schreibt er an seinen Agenten in London, »aber der Markgraf ist entschlossen, die Sache um jeden Preis zu Stande zu bringen, um seine und seiner Vorgänger Schulden bezahlen zu können. Auf diese Weise wird freilich das Gute, das aus dem Subsidien-Vertrag entspringt, die schlechte Seite des Geschäfts überwiegen.« Später schreibt er: »Der Vertrag, den wir soeben abgeschlossen haben, ist viel günstiger, als wir erwarten konnten, wenn man bedenkt, dass das Anerbieten von uns aus ging und dass die königlichen Waffen bisher einen solchen Erfolg in Amerika gehabt haben. Die Sache wird natürlich in dem möglichst ungünstigsten Licht von Leuten angesehen werden, die es nicht verstehen, eine Staatsangelegenheit im Rahmen des Ganzen und nach ihren besonderen Motiven zu beurteilen. Aber sobald diese Leute sehen, wie fremdes Geld in unser armes Land fliessen wird, sobald sie sehen, dass dessen Schulden bezahlt werden, mit den Mitteln, die uns jetzt zufliessen, so werden sie und die ganze Welt entzückt sein und anerkennen, dass die Truppen, deren Pflicht es ist, die Feinde des Landes zu bekämpfen, den schlimmsten Feind besiegt haben, nämlich — unsere Schulden. Selbst der niedrigste Soldat, der nach Amerika geht, gut bezahlt und wohl versorgt, wird mit seinen Ersparnissen zurückkehren und stolz darauf sein, für sein Vaterland und seinen eigenen Vorteil gearbeitet zu haben ... Ich bin im Allgemeinen ein erklärter Feind von solchem Handel mit Menschen; aber es giebt Fälle, in denen Schlechtes sich in eine Wohlthat verwandelt, und so verhält es sich, wenn ich mich nicht irre, in diesem Falle.«

Friedrich der Grosse drückte in einem Brief an Voltaire (vom 18. Juni 1776) seine Verachtung über die mit Menschen handelnden Fürsten aus und fand etwas später Gelegenheit, ihnen Hindernisse in den Weg zu legen. »Wäre der Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen,« schrieb er, »so würde er nicht seine Unterthanen an die Engländer verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es zur Schlachtbank zu führen. Dies ist kein schöner Zug in dem Charakter eines Fürsten, der sich rühmt, der Lehrmeister von Regenten zu sein. Ein solches Handeln ist durch nichts Anderes als durch schmutzigen Eigennutz hervorgerufen. Ich bedauere die armen Hessen, die ihr Leben unglücklich und nutzlos in Amerika enden.« Napoleon, der dreissig Jahre später den damaligen Landgrafen von Hessen-Cassel (den »Grafen von Hanau« der Verträge) vertrieb, äusserte sich folgendermassen: »Das Fürstenhaus von Hessen-Cassel hat viele Jahre lang seine Unterthanen an England verkauft. Auf diese Weise haben die Kurfürsten solche Schätze gesammelt. Diese Habsucht ist die Ursache des Sturzes ihrer Dynastie.«


[Kapitel III.]

Die Verträge vor dem Parlament.

Der angreifende oder sich rechtfertigende Ton der Minister der deutschen Despoten hatte wenig Einfluss, wenn ihre Herren sich einmal für eine Sache entschieden hatten. Der leidenschaftliche Protest eines jungen deutschen Poeten oder eines französischen Pamphletisten konnte schwerlich auf die Politik einen Einfluss ausüben. Der König von Preussen, dessen Wort in betreff des Verdingens von Soldaten für fremde Kriegsdienste Gesetz gewesen sein mag, zog es vor, mit Verachtung zu strafen, anstatt zu befehlen. Aber im Parlament von Gross-Britannien wurden die Verträge zwischen dem König von England und den deutschen Fürsten verhandelt durch verantwortliche Minister auf der einen Seite, und auf der andern Seite durch Staatsmänner, von denen einige eines Tages zur Macht gelangen konnten. Es ist richtig, dass die Majorität, welche die Regierung unterstützte, so erdrückend war, dass die Opposition keine Aussicht hatte, sie zu stürzen. Aber es lässt sich kaum bezweifeln, dass, obwohl die grössere Stimmenzahl auf Seiten der Tories im Parlament von 1776 war, das geistige Übergewicht auf Seiten der Whigs sich befand.

Am 29. Februar 1776 beantragte Lord North, die Verträge zwischen Seiner Majestät und dem Landgrafen von Hessen-Cassel, dem Herzog von Braunschweig und dem Erbprinz von Hessen-Cassel dem »Committee of Supply« zu überweisen. Er sagte, dass Truppen das beste und radikalste Mittel wären, um Amerika zum verfassungsmässigen Gehorsam zu zwingen, da man Soldaten auf diese Weise schneller und zu günstigeren Bedingungen bekommen könnte, als durch Aushebungen in der Heimat; dass die gemieteten Truppen weniger kosten würden, als man erwartet hätte und schliesslich, dass die Truppenmacht, die sie im Stande sein würden, nach Amerika zu senden, genügen würde, nach menschlicher Berechnung, das Land zu zwingen sich zu unterwerfen, vielleicht ohne ferneres Blutvergiessen.

Lord North wurde unterstützt von Mr. Cornwall, der das hohe Haus versicherte, dass er besser wie irgend Jemand in demselben Gelegenheit gehabt hätte, Mittel und Wege kennen zu lernen mit den deutschen Prinzen zu verhandeln und Truppen zu besorgen; dass seine jahrelange Stellung (als Sekretär in dem Zahlamt während des deutschen Krieges) ihm diese Gelegenheit gegeben hätte; und er wäre erstaunt zu hören, dass Leute, die mit den deutschen Verhältnissen bekannt wären, die gegenwärtigen Bedingungen ungünstig fänden. Er bestritt, dass die dem Herzog von Braunschweig im Voraus bezahlten zwei Monate Sold nichts weiter als ein Douceur wären, und blieb dabei, dass die Truppen unter besseren Bedingungen wie je zuvor zu bekommen wären, besonders wenn das Geschäft noch im Laufe des Jahres effektuiert werden könnte, woran er keinen Grund hätte zu zweifeln.

Lord George Germaine verteidigte die Vorlage auf Grund der Notwendigkeit. Er zählte eine Reihe von Präzedenzfällen auf, um zu zeigen, dass in jedem Krieg oder Aufstand, England zu fremden Truppen seine Zuflucht hätte nehmen müssen um die Schlachten zu schlagen und das Land zu verteidigen. Lord Barrington, der im Innersten seines Herzens das allgemeine Verhalten der Regierung nicht gebilligt und der vergeblich den König gedrängt hatte, seine Entlassung anzunehmen, hatte die Vorlage in ähnlichem Sinne unterstützt. Er gab zu, dass der Handel kein günstiger sei, aber immerhin der beste, den man abschliessen könnte.

Auf der anderen Seite verwarf Lord John Cavendish die Vorlage in allen ihren Teilen. Britannien würde sich in den Augen von ganz Europa bloss stellen. Er machte Einwendungen gegen jeden einzelnen Paragraphen des Vertrags und hob hervor, dass eine Truppenmacht von 12,000 Fremden in das Gebiet der britischen Krone befördert werden sollte ohne unter Kontrolle weder des Parlaments noch des Königs zu stehen; denn der Vertrag sagte ausdrücklich, »dass dieser Truppenkörper unter dem Befehl der Generale bleiben sollte, denen er von Seiner Hoheit (dem Landgrafen) anvertraut würde.«

Lord Irnham zweifelte an der Kompetenz der Fürsten, solche Verträge abzuschliessen. Er hielt es für nicht vereinbar mit ihren Pflichten gegenüber dem Reiche, sie machten sich dadurch in den Augen von ganz Europa ehrlos und verächtlich: zur Unterstützung despotischer Gewalt eine Pflanzschule von Soldaten zur Verfügung zu stellen, denen, die mehr Geld, aber nicht mehr Recht und Wert hätten als die, die sie durch Geld unterwerfen wollten. Er verglich die Fürsten mit Sancho Pansa, der wünschte, dass wenn er ein Fürst wäre, alle seine Unterthanen Sclaven werden würden, die er durch Verkauf zu Geld machte.

Mr. Seymour antwortete Mr. Cornwall und forderte ihn auf, einen einzigen Fall anzuführen, in dem dieselbe Anzahl Truppen während derselben Zeit der Nation so viel Geld gekostet hätte.

Der Hon. James Lutrell wies darauf hin, dass bereits 150,000 Deutsche in Amerika wären und dass daher unter den angeworbenen Truppen leicht Desertionen vorkommen könnten. Edmund Brake stellte fest, dass für 1000 Fremde ebenso viel bezahlt würde wie für 1500 Eingeborene. Sir George Saville behauptete, dass dies der unvorteilhafteste Handel in dieser Art sei, der je abgeschlossen sei, seitdem es üblich wäre, Truppen anzuwerben; und Alderman Bull schloss die Debatte, indem er ausrief:

»Man lasse den Geschichtsschreiber nicht gezwungen sein zu sagen, dass die russischen und deutschen Sklaven die Söhne Englands und der Freiheit unterjocht haben, und dass unter der Regierung eines Fürsten aus dem Hause Braunschweig jeglicher schmähliche Versuch gemacht wurde, den Geist auszulöschen, den seine Vorfahren bezeugten und der sich trotz Verrat und Verfassungsbruch auf dem Throne festzusetzen wusste.« Des Alderman's Gesinnung war besser als seine Rhetoric, aber beides war gleich nutzlos. Die Vorlage wurde mit 242 Stimmen gegen 88 angenommen. Am 5. März 1776 beantragte der Duke of Richmond im Hause der Lords, man möge Seiner Majestät dem König eine Adresse unterbreiten, um ihn zu bitten, den Abmarsch der fremden Truppen zu inhibieren und Massregeln zu treffen, um die Feindseligkeiten in Amerika sofort zu sistieren. Der Protest drückte die Ansicht des Hauses aus über die Gefahr und die Schande der Verträge durch die Gross-Britannien vor ganz Europa bekennen müsste, dass es nicht im Stande sei, einerseits wegen Mangel an Soldaten, andrerseits wegen Abneigung der eigenen Leute gegen diesen Krieg, eine genügende Anzahl Leute für die erste Kampagne auf die Beine zu bringen. Es wäre traurig zu sehen, wie durch das Abziehen der nationalen Truppen (die ohnehin zu schwach wären für den unglücklichen Zweck, dem sie dienen sollten) Gross-Britannien entblösst und den Angriffen und dem Eindringen mächtiger Nachbarn und fremder Nachbarn ausgesetzt sein würde.

Das Dokument wies sodann darauf hin, dass eine Aussöhnung mit den Kolonien der Verwendung von Fremden vorzuziehen sei, die, wenn sie so weit von ihrer Heimat entfernt wären und unter dem Elend des Krieges, an dem sie kein Interesse hätten, leiden und so oft in Versuchung kommen würden, die Abhängigkeit mit der Freiheit zu vertauschen, viel eher meutern oder desertieren, als treu bleiben und mit Seiner Majestät eigenen Unterthanen gemeinsam operieren würden.

Indem auf die Gefahr hingedeutet, fremde Truppen in das Reich hineinzulassen und Klage erhoben wird, dass bereits zwei der stärksten Festungen von ihnen besetzt seien,[1] fährt der Protest fort: »Wir haben obendrein Grund zu befürchten, dass, wenn die Kolonien sehen, wie Gross-Britannien Bündnisse schliesst und Truppen zu ihrer Unterwerfung anwirbt, sie durch das gegebene Beispiel sich für berechtigt halten werden, Anstrengungen zu machen, um ebenfalls Beistand zu erlangen; und dass Frankreich, Spanien, Preussen oder andere Europäische Mächte denken werden, dass sie ein ebensolches Recht haben wie Hessen, Braunschweig und Hanau, sich in unsere inneren Angelegenheiten zu mischen.«

[1] Hannoversche Truppen waren nach Gibraltar und Port Mahon gesandt worden.

Darauf wurde auf die Gefahr hingewiesen, dass man verpflichtet sein würde, den Landgrafen von Hessen bei seinen Streitigkeiten in Europa zu unterstützen, und es wurde der Meinung Ausdruck gegeben, dass Gross-Britannien noch nie einen Vertrag eingegangen sei, der so teuer, so ungleich, so entehrend und in seinen Folgen so gefährlich sei.

Indem der Duke of Richmond den Protest einbrachte, gab er einen kurzen Überblick über die Verträge, die seit 1702 mit den Landgrafen von Hessen abgeschlossen worden seien, und zeigte, dass die aufeinanderfolgenden Landgrafen mit der Zeit ihre Forderungen gesteigert hätten, und dass, wenn sie versuchten, günstigere Bedingungen herauszudrücken, sie niemals unterliessen, ihre vorhergegangene Erpressung als Grundlage für den neuen Vertrag dienen zu lassen und immer eine neue Forderung an Gross-Britannien zu stellen. Dieser Vertrag sei »offenbar ein gewinnsüchtiger Handel, indem man eine Anzahl Söldner in Sold nehme, die man kaufe und verkaufe wie das Vieh, das zur Schlachtbank geführt würde ... Legt man aber den Verträgen eine Alliance zu Grunde, was würde die Folge sein? Dass, wenn eine dieser Mächte angegriffen oder ohne Grund einen Angriff provozieren würde, wir sie mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln unterstützen müssten. Folglich haben wir wegen des Beistandes von wenigen Tausend Söldnern nicht nur doppelt zu bezahlen, sondern wir gehen auch eine feierliche Verpflichtung ein, unsere Streitkräfte zu opfern und Hülfe zu leisten, wenn der Landgraf oder Herzog angegriffen oder ihm sein Besitztum streitig gemacht wird.«

Der Duke of Richmond bezeichnete es ferner als eine Gefahr, einen Truppenkörper von 12,000 fremden Söldnern zu haben unter dem Kommando eines von dessen eigenen Generalen, bei dem die Möglichkeit nicht ausgeschlossen sei, dass er zum Höchst-Kommandierenden befördert werden könne; es könne eine grosse Verwirrung entstehen durch Streitigkeiten zwischen dem fremden und eigenen kommandierenden General.

Der Earl of Suffolk antwortete für die Regierung: »Der Tenor der Verträge,« sagte er, »ist kein anderer als er es bei früheren Gelegenheiten gewesen ist. Der gegenwärtige, das ist wahr, ist voll von schwülstigen hochtönenden Phrasen von einem Bündnis, und ich bin so offenherzig, dem edlen Herzog zu bemerken, dass ich sie nur als solche ansehe; und ich gehe soweit, zu sagen, dass die wahre Absicht der Verträge die ist, weniger ein Bündnis zu schliessen als einen Truppenkörper anzuwerben, den der gegenwärtige Aufstand in Amerika notwendig erscheinen lässt.«

Indem Lord Suffolk somit die Bedingungen des Vertrages, für den er persönlich verantwortlich war, in das richtige Licht gesetzt hatte, fuhr er fort nachzuweisen, dass die Bedingungen vorteilhaft sein würden, wenn man die Truppen nur ein Jahr gebrauchen würde, dass man aber unter allen Umständen, wenn die Soldaten gebraucht würden, sich den gestellten Bedingungen fügen müsste.

Der Earl of Carlisle war überzeugt, dass die Arbeitskräfte, die durch die Industrie in Anspruch genommen würden, der geringe Nutzen einer neuen Aushebung, wenigstens für die erste Kampagne und der Wunsch jedes Vaterlandsfreundes, den unglücklichen Verhältnissen ein schnelles Ende bereitet zu sehen, dass dies Alles die Notwendigkeit der Verwendung fremder Truppen genügend rechtfertigen würde. Man sollte bedenken den schwerfälligen Koloss, den das Reich bildete und die Operationen, die selbst im Falle eines Defensivkrieges nötig sein würden, und stellte anheim, ob es einem so unbedeutenden Stück Land, wie die Insel Gross-Britannien möglich sei, eine Zahl aufzubringen, die genügten, um Operationen zu führen, die derartige Anforderungen stellen würden.

Die Debatte zog sich sehr in die Länge und wurde mit grosser Erbitterung geführt. Auf Seiten der Whigs klagte der Duke of Cumberland — »Braunschweiger zu sehen, die einst — was ihnen zu grosser Ehre gereichte — zur Verteidigung der Freiheiten der Unterthanen Verwendung fanden, und jetzt nach einem andern Teil des grossen Reiches gesandt werden, um sie der konstitutionellen Freiheiten zu berauben.« Der Duke of Manchester führte aus, dass der Mensch für einen Söldling gehalten werden müsste, der für Geld um einer Sache willen kämpft, an der er keinen Anteil hat. Der Earl of Helburne gab die Notwendigkeit der Verwendung fremder Truppen nicht zu und wurde hierin von Lord Carnden unterstützt, der das hohe Haus fragte, ob nicht der ganze Vertrag eine Zusammensetzung von Schande, Niederträchtigkeit und Betrügerei wäre, wie sie noch nie dem Parlament zugemutet worden wäre. »Ist einer unter Ihnen my lords,« fragte er, »der nicht vollkommen einsieht, dass das Ganze ein rein gewinnsüchtiger Handel ist, bei dem von der einen Seite Truppen gedungen, von der andern menschliches Blut verkauft wird; und dass die geduldigen Opfer, zum Abschlachten verkauft, die grössten Söldlinge in des Wortes schlimmster Bedeutung sind?«

Die Tory-Lords scheinen sich weniger an der Debatte beteiligt zu haben, wahrscheinlich, weil sie es für unnötig hielten zu sprechen, da sie in der Majorität waren. Die Vorlage wurde mit 100 gegen 32 Stimmen abgelehnt.

Es scheint mir, als ob die Lords nicht ganz gerecht in ihrem Urteil über die deutschen Soldaten gewesen wären. Die meisten dieser armen Teufel fochten nicht um Geld, sondern weil sie es nicht ändern konnten. Die Leute, die wirklich »Söldlinge in des Wortes schlimmster Bedeutung« waren, waren der Landgraf, der Herzog und die Fürsten; aber man konnte von den edlen Lords kaum erwarten, dass sie dies aussprechen würden.

Was die Haltung der britischen Regierung beim Anwerben der Truppen anbetrifft, so ist klar, dass ihr kein anderer Weg übrig blieb, wenn der Krieg energisch durchgeführt werden sollte. Infolge des Misskredits, in dem reguläre Soldaten bei den Engländern standen, war die britische Armee zu Friedenszeiten nicht so stark wie die Zahl, die jetzt im Ausland aufgebracht werden sollten. Werbungen waren mit Schwierigkeiten verbunden, man erhielt durch sie nur rohe Rekruten. Die Konscription ist ein Ding der Unmöglichkeit in England. Wenn man Leute haben wollte, musste Lord North sie in Deutschland suchen.

Die Regierung und das Reich aber bezahlten einen enormen Preis für die Hilfstruppen. Die Antwort auf den Vertrag mit dem Landgrafen war die Unabhängigkeits-Erklärung. Die Verwendung von fremden Soldtruppen durch die britische Regierung wirkte zum grossen Teil mit, die Amerikaner zu dem Entschluss kommen zu lassen, ihre Lehnspflicht gegen die englische Krone abzuschütteln und Bündnisse mit deren früheren Feinden zu suchen. Die Gefahr, auf die in dem Protest der Lords hingewiesen worden war, wurde zur Wirklichkeit, und Männer von englischem Blut behaupteten, dass Frankreich ein ebensolches Recht wie Hessen hätte, sich in ihre inneren Streitigkeiten zu mischen.


[Kapitel IV.]

Die Soldaten.

Die Soldaten, welche die deutschen Fürsten an England vermieteten zur Unterdrückung der amerikanischen Revolution wurden auf verschiedene Weise zusammengebracht. In Hessen-Cassel war das Land in Distrikte eingeteilt gewesen, von welchen jeder eine bestimmte Anzahl Rekruten für ein bestimmtes Regiment zu stellen hatte. Die Offiziere waren indessen angehalten worden, soviel Fremde wie möglich der Armee zuzuführen, um die eigenen Distrikte zu schonen, deren Einwohner immer bei der Hand sein würden, wenn man ihrer im Notfall bedürfte. Es stand in den Armee-Vorschriften, dass diejenigen Regiments-Kommandeure oder Hauptleute sich am besten empfehlen würden, wenn sie versuchten, fremde Rekruten einzureihen. Die zwangsweise Rekruten-Aushebung war verboten, doch diese Bestimmung sollte wahrscheinlich nur auf die Eingeborenen Anwendung finden. Jedenfalls scheint es nicht die Thätigkeit der Werbeoffiziere vermindert zu haben, und in den kleineren Staaten hat wahrscheinlich ein solches Gesetz überhaupt nicht existiert. In Anspach durfte Niemand ohne Erlaubnis das Land verlassen oder heiraten. Es muss dabei erwähnt werden, dass in diesem Fall mit Land nicht Deutschland, sondern die Territorien des Markgrafen gemeint waren, und dass die Fremden, die der Landgraf angeworben haben wollte, die Unterthanen der benachbarten kleinen Fürsten waren. Werbeoffiziere waren über ganz Deutschland hin thätig. Lüderliche Kerle, Trunkenbolde, Vagabunden und Leute, die politische Umtriebe machten, wurden, wenn sie nicht über 60 Jahre alt, gesund und gut gewachsen waren, zwangsweise eingestellt. Mit dem Geschenk eines grossen, robusten Mannes empfahl sich ein Fürst dem andern in der angenehmsten Weise; in jedem Regiment waren viele Deserteure von anderen Staaten. Zusammen mit dieser gemischten Gesellschaft diente der ehrliche deutsche Bauernbursche. Es muss noch erwähnt werden, dass die Regimenter, die nach Amerika geschickt wurden, aus einem bessern Material bestanden, wie die Regimenter zu gewöhnlicher Zeit. —

Johann Gottfried Seume, welcher später einige Bedeutung als Schriftsteller erlangte, war ein Opfer des Werbesystems und hat eine Beschreibung seiner Erlebnisse hinterlassen. Seume war Student der Theologie in Leipzig, doch nachdem ihm religiöse Zweifel gekommen waren, welche seine Freunde — wie er wusste — verletzen würden, machte er sich zu Fuss auf den Weg nach Paris, mit einem Säbel an der Seite, mit einigen Hemden und Bänden der Klassiker in der Reisetasche und ungefähr 9 Thalern. Seine Reise sollte indessen eine andere Richtung nehmen. »Den dritten Abend übernachtete ich in Vach,« schreibt er, »und hier übernahm trotz allen Protest der Landgraf von Kassel, der damalige grosse Menschenmakler, durch seine Werber die Besorgung meiner ferneren Nachtquartiere nach Ziegenhain-Kassel und weiter nach der neuen Welt. Man brachte mich als Halbarrestanten nach der Festung Ziegenhain, wo der Jammergefährten aus allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem nächsten Frühjahr nach Faucitts Besichtigung nach Amerika zu gehen. Ich ergab mich in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so schlecht es auch war. Wir lagen lange in Ziegenhain, ehe die gehörige Anzahl der Rekruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den Werbestädten zusammengebracht wurde. Die Geschichte dieser Periode ist bekannt genug: niemand war damals vor den Handlangern des Seelenverkäufers sicher; Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke. Fremde aller Art wurden angehalten, eingesteckt, fortgeschickt. Mir zerriss man meine akademische Inskription, als das einzige Instrument meiner Legitimierung. Am Ende ärgerte ich mich weiter nicht; leben muss man überall: wo so viele durchkommen, wirst du es auch: über den Ozean zu schwimmen war für einen jungen Kerl einladend genug und zu sehen gab es jenseits auch etwas. So dachte ich. Während unseres Aufenthalts in Ziegenhain brauchte mich der alte General Gore zum Schreiben und behandelte mich mit vieler Freundlichkeit. Hier war denn ein wahres Quodlibet von Menschenseelen zusammengeschichtet, gute und schlechte, und andere, die abwechselnd beides waren. Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus Jena, ein bankerotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer aus Hannover, ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein Mönch aus Würzburg, ein Oberamtmann aus Meiningen, ein preussischer Husarenwachtmeister, ein kassierter hessischer Major von der Festung und andere von ähnlichem Stempel. Man kann denken, dass es an Unterhaltung nicht fehlen konnte; und eine blosse Skizze von dem Leben der Herren müsste eine unterhaltende, lehrreiche Lektüre sein. Da es den meisten gegangen war wie mir, oder noch schlimmer, entspann sich bald ein grosses Komplott zu unser aller Befreiung.«

Es wurde Seume angeboten, Rädelsführer der Verschwörer zu sein, doch auf den Rat eines alten Feldwebels hin schlug er dies ehrenvolle Amt aus. »Man wollte um Mitternacht auf ein Zeichen ausziehen, der Wache stürmend die Gewehre wegnehmen, was sich widersetzte niederstechen, das Zeughaus erbrechen, die Kanonen vernageln, das Gouvernementshaus verriegeln und 1500 Mann stark zum Thore hinaus marschieren. In drei Stunden wären wir über der Grenze gewesen.« Jedoch das Komplott wurde verraten, die Rädelsführer wurden verhaftet, unter ihnen Seume. Er wurde aber bald wieder freigelassen, da niemand etwas gegen ihn aussagen konnte und besonders weil es zu viele geworden wären, die hätten bestraft werden müssen. »Der Prozess begann,« sagt er, »zwei wurden zum Galgen verurteilt, worunter ich unfehlbar gewesen sein würde, hätte mich nicht der alte preussische Feldwebel gerettet. Die Übrigen mussten in grosser Anzahl Gassen laufen, von sechsunddreissig Malen herab bis zu zwölfen. Es war eine grässliche Schlächterei. Die Galgenkandidaten erhielten zwar nach der Todesangst unter dem Galgen Gnade, mussten aber sechsunddreissig Mal Gassen laufen und kamen auf Gnade des Fürsten nach Cassel in die Eisen. Auf unbestimmte Zeit und auf Gnade in die Eisen waren damals gleichbedeutende Ausdrücke und hiessen so viel als »ewig ohne Erlösung.« Wenigstens war die Gnade des Fürsten ein Fall, von dem niemand etwas wissen wollte. Mehr als dreissig wurden auf diese Weise grausam gezüchtigt, und Viele, unter denen auch ich war, kamen bloss deswegen durch, weil eine zu grosse Menge von Mitwissern hätte bestraft werden müssen. Einige kamen beim Abmarsch wieder los, aus Gründen, die sich leicht erraten lassen: denn ein Kerl, der in Cassel in den Eisen geht, wird von den Engländern nicht bezahlt.«

Bei Truppen, wie diese es waren, waren Desertionen natürlicherweise etwas gewöhnliches. Der Militärdienst war gefürchtet, und in kleineren Staaten hätte eine gelungene Flucht den Deserteur nach wenigen Meilen über die Grenze gebracht. Das Volk sympathisierte mit ihm und würde ihm geholfen haben, wenn hierauf nicht schwere Bestrafung gestanden hätte. Dies war indess nicht nötig. Wenn in Württemberg Allarm geschlagen wurde, musste sofort die ganze Gemeinde ausrücken und 24 Stunden lang die Strassen, Fusspfade und Brücken besetzen, bis der Flüchtling gefangen war. Wenn er entschlüpfte, so musste der Ort einen Ersatzmann stellen, der ebenso gross war wie der Deserteur, und die Söhne der ersten Männer des Ortes wurden in erster Linie genommen. Dieser Befehl musste jeden Monat einmal von der Kanzel verlesen werden. Wer einem Deserteur behülflich war, verlor die Bürgerrechte, wurde zu Zwangsarbeit verurteilt und im Gefängnis gepeitscht. Die Gesetze in Hessen-Cassel scheinen etwas weniger grausam gewesen zu sein. Bauern, die einen Deserteur festnahmen, bekamen einen Dukaten; aber wenn ein Deserteur ein Dorf passierte, ohne festgenommen zu werden, so musste das Dorf für ihn bezahlen. Jeder Soldat, der sich über eine Meile von seiner Garnison entfernte, musste mit einem Pass versehen sein, und alle Personen, welche ihm auf eine grössere Entfernung von zu Hause begegneten, sollten ihn danach fragen. Ein charakteristischer Fall ereignete sich 1738. Ein preussischer Werbeoffizier und die Frau eines preussischen Soldaten verleiteten einen Anspacher Soldaten zu desertieren um sich in die preussische Armee einreihen zu lassen. Sie wurden durch die Anspacher Behörde aufgefangen. Die Frau wurde gehängt; der Offizier musste bei der Exekution zugegen sein und wurde dann in die Festung eingesperrt. Der Deserteur scheint mit dem Leben davongekommen zu sein, da er ein wertvolles Verkaufsobject war.

Wenn der Rekrut in die Liste eingeschrieben war, musste der Offizier oder Unteroffizier ihn in die Garnison bringen. Dies gab natürlich Gelegenheit zum Entfliehen; Kapp führt aus einem Buch, das 1805 in Berlin gedruckt ist, die Vorsichtsmassregeln an, welche gegen diese Gefahr anzuwenden waren. Der Unteroffizier, der den Rekruten begleitet, muss Säbel und Pistolen tragen. Er muss den Rekruten vor sich her marschieren, ihn aber niemals zu nahe an sich herankommen lassen und ihm ankündigen, dass jeder verdächtige Schritt ihm das Leben kosten kann. Grosse Städte muss er vermeiden, ebenso Orte, wo der Rekrut vorher gedient hat. Es ist auch wünschenswert, den Ort zu vermeiden, wo der Rekrut geboren ist. Sie müssen die Nacht in einem Wirtshaus zubringen, dessen Besitzer Werbeoffizieren gut gesinnt ist. Der Rekrut und Offizier müssen sich beide auskleiden, und ihre Kleider sind vom Wirt aufzuheben. Wirtshäuser, wo Rekruten einquartiert werden, müssen besondere Räume dafür haben, möglichst eine Treppe hoch und mit vergitterten Fenstern. Die ganze Nacht muss ein Licht brennen, und der Unteroffizier muss seine Waffen dem Wirt abgeben, damit sie der Rekrut nicht wegnehmen und gegen ihn gebrauchen kann in der Nacht. Des Morgens bekommt er sie zurück, sieht nach der Ladung und dem Pulver auf der Pfanne, zieht sich an und ist reisefertig, bevor der Rekrut seine Kleider bekommt. Der Rekrut betritt ein Haus oder eine Stube zuerst; er verlässt es zuletzt. Bei den Mahlzeiten sitzt er mit dem Rücken an der Wand. Erscheint er verdächtig, fliehen zu wollen, so müssen ihm die Hosenträger und -knöpfe abgeschnitten werden, so dass er die Hosen mit der Hand halten muss.

Ein guter Hund, der für dies Geschäft dressiert ist, wird für den Unteroffizier sehr zweckmässig sein. Wenn ein Unteroffizier unglücklicherweise gezwungen ist, einen Rekruten zu töten oder zu verwunden, so muss er eine Bescheinigung von der Ortsbehörde beibringen. Aber kein Dokument kann die Flucht eines Rekruten entschuldigen, ein Vorfall, der in Preussen als ganz unmöglich gar nicht der Erwähnung wert gehalten wird.

Die Leute, die zusammengebracht waren für den Dienst in Amerika, waren vom militärischen Standpunkt aus von sehr verschiedenem Wert. Sie wurden alle von einer englischen Kommission in den Seehäfen in Empfang genommen und vor der Einschiffung gemustert, gewöhnlich durch Oberst Faucitt, welcher die Verträge abgeschlossen hatte; während einige der Regimenter als vorzüglich befunden wurden, zeigte es sich, dass andere zum Teil aus alten Leuten und aus Knaben bestanden, die den Strapazen nicht gewachsen waren. Einige von den Soldaten wurden infolge dessen verworfen, besonders in den letzten Jahren des Krieges, als es in vielen Städten schwieriger wurde, gute Leute zu bekommen.

Es ist nach dem Quellenmaterial schwer zu beurteilen, welche Chancen ein gemeiner Soldat hatte zu avancieren. Seume schreibt, dass er Aussicht auf Avancement hatte, die aber durch die Beendigung des Krieges zerstört wurde, da in Friedenszeiten einer, der nicht adelig war, es nicht weiter als bis zum Feldwebel bringen konnte. Kapp behauptet, die Offiziere gehörten meistens dem niederen Adel an. Die Rangliste der hessischen Offiziere von 1779 weist dies nicht aus. Es zeigt sich, dass zu dieser Zeit mehr als die Hälfte der Offiziere nicht adelig war.

Wir kommen zum Schluss zur Charakterisierung der Offiziere. Ihre Bildung beschränkte sich im Allgemeinen auf ein gewisses Mass von Fertigkeit im Schreiben und auf ein wenig barbarisches Französisch. Sie verstanden weder die Ursache, aus welcher die Amerikaner kämpften, noch vor allen Dingen die Sprache, in welcher die verschiedenen Staatsmänner ihre Ansprüche geltend machten. Doch, wenn sie viel mehr verstanden hätten, als es der Fall war, sie wären auf der Seite königlicher Vorrechte den Rechten des Volkes gegenüber gewesen. Ich weiss mich keines Falles zu erinnern, in dem nur ein an diesem Krieg beteiligter Offizier einen Ausdruck gebraucht hätte, der eine Übereinstimmung mit der geistigen freiheitlichen Bewegung des 18. Jahrhunderts gezeigt hätte. Einmal finden wir sie von dem Despotismus des Kongresses sprechend. Diese absurde Idee war ihnen wahrscheinlich durch die Engländer eingeflösst worden und war von der anti-amerikanischen Presse in Deutschland aufgenommen worden. Es lässt sich schwerlich bezweifeln, dass viele der Offiziere sowohl als Soldaten mit Vergnügen ihrer Thätigkeit in Amerika entgegensahen, schon um die Eintönigkeit des Garnisondienstes zu unterbrechen.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass viele der Soldaten, meist solche, die in Gefangenschaft geraten waren, Bürger der Republik wurden, welche sie helfen sollten zu unterdrücken.


[Kapitel V.]

Von Deutschland nach Amerika.

Die ersten deutschen Truppen, welche nach Amerika gingen, waren die Braunschweiger. Diese marschierten am 22. Februar 1776, 2282 Mann stark, von Braunschweig ab und wurden in Stade, in der Nähe der Elbmündung, eingeschifft. Die zweite Braunschweiger Division, ungefähr 2000 Mann, schiffte sich Ende Mai ein. Die erste hessische Division brach Anfang März von Cassel auf und wurde in Bremerlehe, in der Nähe der Wesermündung, eingeschifft, die zweite Division folgte im Juni; sie zählten zusammen zwischen 12 und 13000 Mann. Sie waren zum grössten Teil ausgezeichnete und wohlausgerüstete Truppen, denn die kleine Armee des Landgrafen galt als eine der besten in Deutschland.

Der Marsch von Braunschweig und Cassel zu den Häfen war eine verhältnismässig einfache Sache. Die Truppen kamen aus den Gebieten der eigenen Fürsten in die hannöverschen Landesteile des Königs von England und diese reichten bis an die See. Der Fürst von Waldeck schickte sein Regiment durch Cassel ohne Störung. Der Graf von Hessen-Hanau, der Markgraf von Anspach-Bayreuth und der Fürst von Anhalt-Zerbst hatten einen längeren Weg zu machen und grössere Schwierigkeiten zu überwinden.

Die Truppen der letzteren sollten auf Booten den Rhein hinuntergeschickt werden. Abgesehen von mehreren kleinen deutschen, am Rhein gelegenen Staaten, welche ihnen den Durchgang verwehren konnten, war Preussen, dessen Territorien sie passieren mussten, im Stande, ihnen grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Friedrich der Grosse versagte selbst seinem Neffen, dem Markgrafen von Anspach, seine Einwilligung, sein Land zu passieren. In einem Brief an ihn drückte er ihm sein Befremden aus, dass deutsche Fürsten das Blut ihrer Landeskinder für fremde Interessen opferten. Nebenbei war es ein kleiner Akt der Rache an England wegen dessen schlechten Verhaltens inbetreff des Hafens von Danzig.

Seume hat von seinen Erlebnissen auf der Seereise folgende Beschreibung hinterlassen:

»In den englischen Transportschiffen wurden wir gedrückt, geschichtet und gepöckelt wie die Heringe. Um Platz zu sparen hatte man keine Hängematten sondern Verschläge in der Tabulatur des Verdecks, das schon niedrig genug war, und nun lagen noch zwei Schichten übereinander. Im Verdecke konnte ein ausgewachsener Mann nicht gerade stehen und im Bettverschlage nicht gerade sitzen. Die Bettkasten waren für je sechs Mann. Wenn vier darin lagen, waren sie voll und die beiden letzten mussten hineingezwängt werden. Das war bei warmem Wetter nicht kalt: es war für den Einzelnen gänzlich unmöglich sich umzuwenden und ebenso unmöglich auf dem Rücken zu liegen. Die geradeste Richtung mit der schärfsten Kante war nötig. Wenn wir so auf einer Seite gehörig geschwitzt und gebraten hatten, rief der rechte Flügelmann: Umgewendet! und es wurde umgeschichtet: hatten wir nun auf der andern Seite quantum satis ausgehalten, rief das nämliche der linke Flügelmann. Die Verpflegung hielt gleichen Schritt mit der Unterbringung. Heute Speck und Erbsen und morgen Erbsen und Speck; zuweilen Grütze und Graupen und zum Schmause Pudding, den wir aus muffigem Mehl halb mit Seewasser, halb mit süssem Wasser und altem Schöpsenfett machen mussten. Der Speck mochte wohl vier oder fünf Jahre alt sein, war von beiden Seiten am Rande schwarzstriefig, weiter hinein gelb und hatte nur in der Mitte noch einen kleinen weissen Gang. Ebenso war es mit dem gesalzenen Rindfleisch. In dem Schiffsbrot waren oft viele Würmer, die wir als Schmalz mitessen mussten, wenn wir nicht die schon kleine Portion noch mehr reduzieren wollten: dabei war es so hart, dass wir nicht selten Kanonenkugeln brauchten es nur aus dem gröbsten zu zerbrechen; und doch erlaubte uns der Hunger selten, es einzuweichen; auch fehlte es oft an Wasser. Man sagte uns, und nicht ganz unwahrscheinlich, der Zwieback sei französisch; die Engländer hätten ihn noch im siebenjährigen Kriege den Franzosen abgenommen, seit der Zeit habe er in Portsmouth im Magazin gelegen, und nun füttere man die Deutschen damit, um wieder in Amerika die Franzosen unter Rochambeau und Lafayette, so Gott wolle, tot zu schlagen. Gott muss aber doch nicht recht gewollt haben. Das schwergeschwefelte Wasser lag in tiefer Verderbnis. Wenn ein Fass heraufgeschroten und aufgeschlagen wurde, roch es auf dem Verdeck nach einer Mischung von allen möglichen übeln Gerüchen. Es war angefüllt mit fingerlangen Würmern, und es musste durch Tücher gefüllt werden, bevor man es trinken konnte: und dann musste man immer noch die Nase zuhalten. Rum und manchmal ein wenig starkes Bier verbesserten das Getränk.«

Auf diese Weise zusammengepfercht, in dicker Luft, mit schlechter Nahrung und faulem Wasser, viele von ihnen ungenügend bekleidet, wurden diese Jünglinge, alten Leute, Studenten, Kaufleute und Bauern Monate lang auf dem Atlantischen Ozean herumgeworfen. Viele von den Leiden der Reise waren zweifellos unvermeidlich, und viele von den Rekruten waren schon an ein hartes Leben gewöhnt. Aber Vieles, was sie zu erdulden hatten, war das Resultat von einem absichtlichen Mangel an Fürsorge und grosser Habsucht. Was soll man sagen über das britische Quartiermeister-Departement, das diese Leute auf die See schickte ohne richtiges Essen und Trinken? Was vom Herzog von Braunschweig, welcher seine Unterthanen nach Canada ohne haltbare Schuhe und Strümpfe schickte und ohne Mäntel? Oft haben Menschen ein hartes Leben freudig ertragen, weil sie den Grund verstanden. Aber diese armen Kerle litten für einen Streit, der nicht ihr eigener war, nur um für die Mittel zu sorgen zur Bezahlung der Schulden oder der Vergnügungen ihrer Herren.


[Kapitel VI.]

Die Schlacht von Long-Island, August 1776.

Die erste hessische Division, einige 8000 Mann stark, segelte an Sandy Hook am 15. August 1776 vorüber und landete auf Staten Island, empfangen von Artillerie- und Musketen-Salven. Die Division war unter dem Befehl von Generallieutenant Philipp von Heister, einem alten Soldaten des siebenjährigen Kriegs. Es wird erzählt, dass, als Landgraf Friedrich II. ihn zur Führung des hessischen Expeditionkorps berief, er ihn mit den Worten anredete: »Heister, Ihr müsst nach Amerika gehen.« — »Sehr gern, Hochfürstliche Durchlaucht, aber ich nehme mir die Freiheit einige Bitten auszusprechen.« — »Und die wären?« — »Erstens, müssten meine Schulden bezahlt werden, dann müsste für meine Frau und Kinder gesorgt werden, bis ich wiederkomme, und wenn ich fallen sollte, müsste meine Frau eine Pension bekommen.« Als der Landgraf dies lächelnd genehmigte, rief Heister aus: »Nun sollen Ew. Hochfürstliche Durchlaucht sehen, was dieser alte Kopf und diese alten Knochen noch leisten können.«

Die Armee, welche sich auf Staten Island unter dem Oberbefehl Sir William Howes sammelte, zählte nach Ankunft der Hessen zwischen 25 und 30,000 Mann. Sie wurde unterstützt durch eine Flotte unter Sir Williams Bruder, Lord Howe. Die gegnerische Armee unter Washington war etwa aus 13,000-14,000 Mann zusammengesetzt, von denen nicht mehr wie 6000 Mann einige militärische Ausbildung genossen hatten und deren Offiziere im bürgerlichen Leben gross geworden waren.

Die Hessen waren sehr erstaunt über den Reichtum und die Fruchtbarkeit, welche sie auf Staten Island vorfanden. Die Kolonisten lebten in bequemen Wohnhäusern, von Gemüse- und Obstgärten umgeben. Ihre hellroten, von zwei kleinen Pferden gezogenen Wagen erregten die Bewunderung der Deutschen. Ein Kolonist auf Staten Island lebte so angenehm wie ein deutscher Landedelmann, und es erschien den Hessen aussergewöhnlich, dass dies Volk sich gegen eine Regierung auflehnte, unter welcher es sich so vieler Segnungen erfreute. Viele Amerikaner waren bei der Annäherung der Hessen aus ihren Besitztümern geflohen und die, welche blieben, machten zuerst Miene, sich widerspenstig zu zeigen; aber als sie sahen, dass auf strenge Disziplin gehalten und regelrechte Requisitionen unternommen wurden, kehrten die Flüchtlinge zurück und es kam bald untereinander zu erträglichen, wenn nicht herzlichen Beziehungen. Die britische Regierung hoffte noch die Kolonisten zu versöhnen mit dem Mutterland, und strenge Befehle waren zur Vermeidung von Exzessen gegeben worden.

Sir William Howe begann mit der Vereinigung seiner Truppen die Vorbereitungen zum Angriff auf die Amerikaner. Die britische Avantgarde unter Sir Henry Clinton, vereinigt mit den hessischen Jägern und Grenadieren, die vom Oberst von Donop befehligt wurden, überschritten die Narrows of Long Island am 22. August 1776. Ein Tagebuch, welches im folgenden Jahr in einem »Magazin« in Frankfurt veröffentlicht wurde, giebt einen genauen Bericht über diese Operation und von denen, die noch folgten:

»22. August. Wir lichteten die Anker und segelten direkt gegen Long Island. Die Kriegsschiffe kamen bis auf Schussweite an das Ufer heran und richteten ihre Kanonen auf das Gestade. Um 8 Uhr morgens wimmelte es an der ganzen Küste von Booten. Um 1/2 9 Uhr hisste der Admiral die rote Flagge auf, und in einem Moment erreichten sämtliche Boote die Küste. Die Engländer und Schotten mit der Artillerie wurden zuerst ausgeschifft, und dann die Brigade Donop (die einzigen Hessen hier). Nicht eine Seele machte Widerstand gegen unser Landen. Dies war der zweite Fehler der Rebellen seitdem ich in Amerika bin. Der erste Fehler, den sie machten, war auf Staten Island, denn sie hätten dort einen grossen Teil der Unsrigen mit 2 6 Pfündern vernichten können, und jetzt hätten sie uns auch in eine schlimme Lage bringen können. Wir marschierten ebenfalls ungehindert durch Gravesend und kamen gegen Abend in Flatbush an. 300 Riflemen waren kurze Zeit vor uns dort gewesen. Wir schickten ihnen einige Kanonenschüsse nach, stellten unsere Pickets und schliefen ruhig die ganze Nacht. Ich machte eine Beute von 2 Pferden, von denen ich eines dem Oberst schickte, das andere meinem Diener als Packpferd gab.

»23. August. — Heute Morgen früh wurde der rechte Flügel unserer Avantgarde angegriffen. Wir brachten 2 Geschütze in Stellung und warfen sie zurück. Es regnete Kugeln. Hauptmann Congreve und ein Konstabler wurden an meiner Seite verwundet, ein Engländer bekam einen Schuss durch und durch. Am Nachmittag griffen sie auf der linken Seite des Dorfes an und zündeten mehrere Häuser an, worauf wir uns in das Dorf zurückzogen. Lieutenant von Donop wurde an der Brust verwundet; die Kugel streifte eine Rippe. Ich avancierte auf dem rechten Flügel und besetzte einen grossen Garten mit 150 Mann Jägern und leichter Infanterie. Als der Feind von hier gewichen war, unterstützte ich Lieutenant von Donop. Die Rebellen besetzten die Strasse mit 2 Kanonen und unsere schottischen Hochländer bauten eine Batterie über den Weg mit Schiessscharten für 2 Kanonen. Ich hatte diese Arbeit zu decken und hatte den äussersten Posten, wurde indessen wenig belästigt.

»24. August. — Ein heisser Tag. Die Rebellen näherten sich zweimal und schossen mit Haubitzen, so dass unsere gesamte Artillerie in Stellung gebracht werden musste. Um Mittag schlief ich ein wenig, wurde aber durch zwei Kanonenkugeln geweckt, die mich mit Erde bedeckten. Die Rebellen haben einige sehr gute Schützen, doch manche darunter haben sehr schlechte Gewehre. Aber sie sind listig wie die Jäger. Sie erklimmen Bäume, kriechen auf dem Bauch wohl 150 Schritte vorwärts, schiessen und gehen ebenso schnell wieder zurück. Sie machen sich Deckungen von Ästen etc. Aber heute hatten sie grosse Verluste durch unsere »Grünjacken«, denn wir lassen unsere Leute nicht eher schiessen, als bis sie einen Mann gut auf's Korn nehmen können, so dass sie nicht mehr wagen, irgend etwas gegen uns zu unternehmen.

»25. August. — Wir verbarrikadierten uns in dem Dorf; des nachts sollten sich unsere Jäger gehörig ausruhen. Gegen 2 Uhr weckten uns die Rebellen aus unserem Schlummer; wir beruhigten sie schnell mit zwei Kanonen und einigen Flintenschüssen. Heute wurden wir wieder angegriffen, aber nachdem mehrere von ihnen ins Gras gebissen hatten, zogen sie sich zurück. Long Island ist eine wunderschöne Insel, ein Arkadien. Die entzückendste Gegend, voll von Wiesen, Kornfeldern, allen Arten von Obstbäumen und gut gebauten Häusern. Es war noch eine grosse Menge Vieh da, obwohl die Rebellen eine Menge mitgenommen hatten. Die meisten der Einwohner waren aus ihren Behausungen geflohen. Die Rebellen avancierten mit Macht. General Cornwallis wollte Oberst Donop zurückziehen, aber er blieb wo er war und verschanzte sich.

»26. August. — An diesem Tag wurden wir sehr beunruhigt und während der Nacht fortwährend geweckt durch die Allarmierung der Vorposten. Dies war nicht durch Angriffe der Rebellen verursacht, sondern meistens durch Deserteure, die zu uns übergehen wollten; und wenn die Engländer und die hessischen Grenadiere sie herankommen hörten, gaben sie sofort Pelotonfeuer, falls sie nicht sofort eine Antwort bekamen. Heute traf General von Heister mit 6 Bataillonen bei uns ein.«

»27. August. — Unserm Oberst war versprochen worden, den ersten Angriff zu machen, doch er hörte, dass die Engländer heute angreifen würden, und er hatte weder gestern Abend noch heute Morgen einen Befehl bekommen. Gegen 10 Uhr standen wir unter den Waffen (der Oberst hatte mit General von Heister gesprochen) und gegen 11 waren wir alle in Schlachtordnung. Auf unserer rechten und linken Seite gingen die Engländer vor und vernichteten die, die wir zurückwarfen. Auf dem linken Flügel, wo ich die Avantgarde (50 Jäger und 20 Grenadiere) kommandierte, stand Oberst Block mit seinem Bataillon. Hinter mir hatte ich Kapitän Mallet mit einer Kompagnie als Reserve. Im Zentrum griff Hauptmann von Wrede an und hatte das Bataillon von Minnigerode hinter sich. Auf dem rechten Flügel stürmte Kapitän Lory vor, unterstützt durch die 3 übrig gebliebenen Kompagnien des Bataillons Linsingen.«

Der Verfasser, der diese Formation der Truppen beschreibt, berichtet nur von der Brigade, in welcher er diente. Die Hessen, welche das Zentrum der britischen Streitkräfte bildeten, waren an der Strasse von Flatbush aufgestellt. Der rechte Flügel unter Clinton und Lord Percy, mit Sir William Howe, war früh am Morgen aufgebrochen und es gelang ihm, den linken Flügel der amerikanischen Stellung bei Bedford zu umfassen und ihnen in den Rücken zu kommen. Nachdem Heister zur Rechten Kanonendonner gehört hatte, befahl er den Angriff der Hessen. Die Schlacht war im Wesentlichen gewonnen und verloren, bevor der erste Schuss gefallen war, indem die Amerikaner überflügelt wurden. Die Letzteren sahen sich in Gefahr, von ihren befestigten Werken abgeschnitten zu werden und flohen. Einige ertranken im Gowanus Creek auf der Flucht. Zwei ganze Regimenter wären wahrscheinlich gefangen genommen, wenn sich nicht General Stirling mit fünf Kompagnien Marylanders, mit denen er den Rückzug deckte, geopfert hätte. Von diesen fünf Kompagnien entrannen nur acht Mann dem Tod oder der Gefangenschaft.

Kehren wir zu dem Tagebuch unseres hessischen Offiziers zurück.

»Meine Jäger waren so hitzig, dass ich, kaum im Wald angelangt, mich mit meiner Truppe allein befand. Ich kam in die Mitte des Lagers der Rebellen, wo sie noch waren; sah zu meiner Linken ihr grosses Lager, zur Rechten ein befestigtes Werk; vor mir formierten sich 50-60 Mann zu einer Kolonne. Aber wir liessen ihnen keine Zeit und schlugen sie vollständig zurück. Viele wurden getroffen und noch mehr gefangen genommen. Ich verlor nicht einen einzigen Mann, so sehr fürchteten sich die Rebellen vor unsern Jägern. Auf dem linken Flügel ging es ebenso gut. Wir verloren einige Leute; abgesehen von einem Jäger, der im Dorf gefallen war, hatten wir keinen Toten. Am ersten Tag machten wir mehr als 500 Gefangene, unter denen General Stirling und ein anderer General waren; Oberst Johnson war gefallen. General Stirling ist einer der bedeutendsten unter den Rebellen, der, das Schwert in der Hand, die Leute zwang, gegen ihren König zu kämpfen. So lange wir keine Pferde hatten, wurden die Gefangenen an die Geschütze gespannt, später wurden sie an Bord der Kriegsschiffe gebracht. In zwei Tagen hatten wir 1100 Mann gefangen genommen. Die Rebellen sahen sehr zerlumpt aus und hatten keine Hemden an. Unsere Hessen marschierten wie Hessen; sie marschierten tadellos, und die Engländer wie die tapfersten und besten Soldaten, sie verloren daher mehr wie wir. Dies war ein glücklicher Tag für uns. Die Rebellen hatten eine sehr günstige Stellung im Wald und wir eine sehr schlechte am Dorfe Flatbush. Anfangs machten sie einen guten Gebrauch von ihrer Stellung, sie brannten ein Haus ab und legten Feuer an eine Scheune bei unseren Vorposten. Aber als wir sie angriffen in ihren Schlupfwinkeln, liefen sie, wie es der Pöbel immer macht.«[2]

[2] Nach »Die Neuesten Staatsbegebenheiten« 1777, Frankfurt a/M. Seite 110-116. Der Brief, von welchem das oben Angegebene der grösste Teil ist, scheint von einem Jägeroffizier geschrieben zu sein, wahrscheinlich entweder von Major von Prüschenk oder Lieutenant von Grothausen.

Der Herausgeber des Frankfurter Magazins, welcher das Obige veröffentlicht, bemerkt, dass viele Briefe von hessischen Offizieren in den Zeitungen erschienen sind; dass diese Offiziere sich selbst einen grossen Teil des Verdienstes am Siege zuschreiben, und dass, hinsichtlich des wohlbekannten Wertes der hessischen Soldaten sie diesen zweifellos haben, aber dass einige von ihnen zu wenig die Widerstandsfähigkeit und die militärische Ausbildung der Amerikaner in Betracht ziehen, »so dass der Ruhm, einen Sieg über einen ein Drittel so starken Feind erfochten zu haben, kein so grosser ist.« Diese Bemerkung ist jedenfalls am Platz, und die Überlegenheit scheint nicht zu hoch angegeben zu sein. Washingtons Armee hatte vor der Schlacht die Linie von Kingsbridge bis Flatbush besetzt. Auf Long Island sind wahrscheinlich nicht mehr wie 8000 Amerikaner gewesen, während die, welche in vorderster Linie engagiert waren, nur 4 oder 5000 zählten, gegen 20,000 Engländer und Deutsche.

Sir William Howe giebt in seinem offiziellen Rapport den Verlust der Amerikaner an Toten, Verwundeten Gefangenen und Ertrunkenen auf 3300 Mann an. Bankroft glaubt aber, dass dies eine grosse Übertreibung ist, denn, wenn man dem Rapport von Washington Vertrauen schenkt und eine genaue Untersuchung anstellt, so erreicht der Gesamtverlust der Amerikaner nicht ganz die Zahl von 1000, von denen 3/4 gefangen genommen wurden. Der englische Verlust war, nach Howe, 17 Offiziere und 301 Unteroffiziere und Gemeine. Die Hessen hatten 2 Tote sowie 2 Offiziere und 23 Mann Verwundete.

»Der Feind,« schreibt Oberst von Heeringen, der Kommandeur eines hessischen Regimentes, »hatte vor seiner Front beinahe undurchdringliches Dickicht, befestigte Linien und Redouten. Die Schützen wurden meistens mit den Bajonetten an den Bäumen aufgespiesst. Dies furchtsame Volk flösst eher Mitleid wie Furcht ein. Sie gebrauchen 1/4 Stunde zum Laden, während dessen lassen wir sie unsere Kugeln und Bajonette fühlen.«

Unter den Gefangenen, die die Hessen machten, waren zwei Generale — Sullivan und Stirling. Nichts legt ein so charakteristisches Zeugnis ab von dem Hass und der Verachtung seitens der hessischen Offiziere gegenüber den undisziplinierten rebellischen Truppen ihrer Gegner, als der Bericht von Heeringens über diese Generale und die anderen Offiziere der amerikanischen Armee. »John Sullivan war ein Rechtsgelehrter und vorher Diener, aber ein Mann von Geist, dessen Verlust die Rebellen sehr beklagen werden. Unter den Gefangenen sind viele sogenannte Obersten, Oberstlieutenants, Majors und andere Offiziere, die indess nichts anderes als Mechaniker, Schneider, Schuster, Perückenmacher, Schneider etc. sind. Einige von ihnen wurden gründlich gehauen von unseren Leuten, die solche Menschen keineswegs für Offiziere gelten lassen wollten. Sullivan wurde zu mir gebracht, ich untersuchte ihn und fand die Originalbefehle Washingtons bei ihm vor, aus denen hervorgeht, dass er die besten Truppen unter seinem Befehl hatte, dass Alles davon abhinge, den Wald zu halten, und dass er 8000 Mann stark war. Die Engländer haben 150 Tote und Verwundete »(318 sagt Sir William Howe)«. Dies verdanken sie mehr ihrem ungeordnetem Angriff, als dem Wert des Feindes. Es sah schrecklich in dem Wald aus, da wenigstens 2000 Tote und Verwundete dalagen. Kolonel John von den Rebellen ist tot. Ein Grenadier nahm ihn gefangen und schenkte ihm grossmütig das Leben, sagte ihm aber, er sollte sich hinter das Bataillon begeben, welches folgte, da der Grenadier Schütze war. Jedoch der Oberst wollte ihn ermorden, von hinten schlauerweise; heimlich zog er eine Pistole heraus, streifte ihn aber nur am Arm, worauf der Letztere ihn mit 3 oder 4 Bajonettstichen niedermachte.«

SCHLACHT VON LONG ISLAND
August 1776.

»Unter den gefangen genommenen Offizieren fand ich nicht einen einzigen, der in fremden Diensten gewesen wäre. Sie sind nichts als Rebellen und hiesige Bürger. Schneider Graul würde eine bedeutende Rolle hier spielen.« Oberst von Heeringen findet es weit ehrenwerter, für anderer Völker Streitigkeiten zu kämpfen, als für die eigenen. Einem Mann, der einst Söldner war, konnte schon eher vergeben werden, wenn er zu den Rebellen gehörte. »Mylord Stirling ist ein échappé de famille und gilt nicht als Lord in England.« Er sieht dem Lord Granby ähnlich wie ein Ei dem andern. General Putnam ist Metzger von Profession. Er kommt mir wie Metzger Fischer in Rinteln vor. Die Rebellen desertieren in grosser Zahl; es ist gar nichts, Obersten, Oberstlieutenants und Majors mit ganzen Trupps von Leuten zu uns übergehen zu sehen. Die genommene Fahne, die von rotem Damast gemacht ist mit dem Motto »Liberty«, erschien mit 60 Mann vor Ralls Regiment. Sie hatten alle ihre Gewehre umgekehrt und die Hüte unter dem Arm, fielen auf die Knie und baten flehentlich um ihr Leben. Kein Regiment ist richtig uniformiert oder bewaffnet. Jeder Mann hat eine schlechte Flinte, solche, mit denen die hessischen Bürger am Himmelfahrtstag ausrücken. Stirlings Regiment jedoch hatte blau und rote Uniform, war drei Bataillone stark und bestand meistens aus Deutschen, die sich aus Pennsylvaniern rekrutierten. Es waren grosse, schöne Leute, die vorzügliche englische Gewehre mit Bajonett hatten. Diesem Regiment standen die Engländer gegenüber und da diese sie für Hessen hielten, so feuerten sie nicht. Doch dieser Irrtum kostete sie Oberst Grant, mehrere andere Offiziere und 80 Mann. Sie bekamen eine Salve. Die Engländer sammelten sich, griffen mit dem Bajonett an, schlugen alles zu Boden, und was nicht massakriert war, wurde gefangen genommen. In kurzer Zeit war das ganze Regiment vernichtet. Die Artillerie der Rebellen ist sehr schlecht, die Kanonen meist von Eisen und auf Schiffskarren gesetzt.

Es ist behauptet worden, dass in dieser Schlacht die Engländer und Hessen keinen Pardon gaben, wenn er verlangt wurde. Oberst von Heeringen sagt: »Die Engländer gaben selten Pardon und forderten beständig die Unsrigen auf, dasselbe zu thun.« Man sagt auch von den Amerikanern, dass sie geglaubt haben, die Hessen gäben keinen Pardon und dass sie infolge dessen mit einer eigentümlichen Verzweiflung gefochten haben sollen, nachdem sie alle Hoffnungen aufgegeben hatten. Die Thatsache, dass sie beiderseitig sich nicht verstanden, mag dahin geführt haben, die Möglichkeit der Übergabe zu verringern; auch mag zur Erhöhung der Wut beigetragen haben, dass einige Amerikaner die, welche sie gefangen genommen, verräterisch angegriffen hatten. »Sie waren,« sagt Lieutenant Rüffer in seinem Tagebuch, »so furchtsam, dass sie es vorzogen zu fallen, als Pardon anzunehmen, da ihre Generale und Offiziere ihnen gesagt hatten, sie würden gehängt.« Sicherlich der komischste Beweis von Feigheit, der jemals gegen Soldaten erbracht worden ist.

Nach dem Verlust einer so wichtigen Stellung und von so vielen Leuten im Verhältnis zur Zahl seiner kleinen Armee, fand es Washington nicht ratsam, die Befestigungen von Brooklyn länger zu halten zu suchen; nachdem er gesehen hatte, dass die englische Flotte sich anschickte den East River in Besitz zu nehmen und seine Rückzugslinie abzuschneiden, verliess er Long Island in der Nacht vom 29. zum 30. August und ging nach New-York über, wohin alle Vorräte und Kanonen, ausgenommen einige schwere Geschütze, die im Schmutz stecken blieben, gebracht wurden. Eine Mythe durchlief die Reihen der Hessen, wonach ein Befehl Washingtons in dem eroberten Lager gefunden worden sei, welcher sagte, da es doch unmöglich sei, solchen grausamen und schrecklichen Feinden, wie den Hessen, Widerstand zu leisten, so möchte jeder sehen, wie er am besten entkommen könnte. Dies war also die erste Schlacht der deutschen Truppen in der neuen Welt. Die Verachtung, die sie vor einem solchen rebellischen und undisziplinierten Feinde hatten, war nur vermehrt worden, eine Verachtung, welche völlig auszurotten, nur eine lange Reihe von Kriegs- und Unglücksjahren im Stande war.


[Kapitel VII.]

Von der Okkupation von New-York bis zur Wegnahme von Fort Washington, 15. September bis 16. November 1776.

Es existiert nicht mehr Vieles, was den jetzigen Einwohner von New-York an die kleine Stadt erinnern könnte, die vor 100 Jahren an der Südspitze von Manhattan Island lag. Es war ein hübscher Ort, mit grossen bequemen Häusern, die meist von gelben Ziegelsteinen gebaut waren. Die Räume darin waren kärglich eingerichtet, der Fussboden mit Sand bestreut, und die Wände mit hohem, gemalten Täfelwerk versehen. Die Büffets, die in den besseren Häusern von solidem Mahagoni waren, waren mit glänzendem zinnernen Gerät besetzt, oft auch mit solidem Silber für besondere Gelegenheiten. Die Strassen waren krumm und hatten Rinnen in der Mitte, waren aber vollständig rein und mit Bäumen besetzt. Vor dem Kriege hatte der Ort über 20000 Einwohner gehabt, viele aber waren bei der Annäherung der streitenden Armeen geflohen. Es gab dort viele Tories, besonders unter den Reichen.

Zur Zeit, als Washington sich von Brooklyn zurückzog, wurde New-York verteidigt durch ein permanentes Fort, mit Namen Fort George, im Westen von einer Batterie, und durch provisorische Werke, die am Ufer entlang an verschieden Stellen aufgeworfen waren. Im Norden, landeinwärts, wurde der Broadway in der Nähe des Bowling Green durch eine Schanze gesperrt, und eine zweite befand sich in der Gegend des heutigen Centre-Market. Jenseits der Befestigungen lag eine Gegend, »die schönste, die ich je gesehen habe,« sagt ein hessischer Offizier.[3] Kornfelder, Wiesen und Obstgärten bedeckten das reizende Gelände, und von den Gipfeln der Berge und Hügel schauten die alten Kolonialhäuser, jedes mit einer Piazza und mit einer Ballustrade umgeben, herab in die lächelnde Landschaft. Der hessische Lieutenant bezeichnet sie in seinem Enthusiasmus mit Schlössern. Doch in der That, es war eine Vornehmheit in der Bauart der besten Wohnhäuser der damaligen Zeit, welche diese Bezeichnung nicht ganz unberechtigt erscheinen lässt.

[3] Lieutenant Hinrichs.

Trotz aller Anstrengungen Washingtons und des Kongresses, im Besitz von New-York zu bleiben, war die Stadt doch völlig widerstandsunfähig. Die Engländer hatten völlige Herrschaft über den Hafen, und eine bedeutende Übermacht zu Lande. Als infolgedessen am 15. September 1776 die königlichen Truppen auf der Insel landeten, war die einzige Sorge Washingtons, der mehrere Tage lang Waffen und Vorräte wegschaffen liess, die Nachhut seiner Armee in Marsch zu setzen, bevor ihm der Rückzug von den Engländern abgeschnitten werden konnte. Die Landung war unter dem Schutz von englischen Kriegsschiffen an einer Stelle, Kips Bay genannt, (in der Nähe der östl. 34. Strasse) ausgeführt worden. Unser hessischer Lieutenant nennt es 4 Meilen von New-York, er überschätzt aber die Entfernung. Die Hessen waren in der Avantgarde, und wie gewöhnlich bildeten sie die Jäger und die Grenadiere unter von Donop. Diese marschierte unmittelbar auf New-York, während die englische leichte Infanterie und die Highlanders sich beeilten, den Inselberg, oder jetzt Murrayhill, zu besetzen. Unterdessen zogen die Amerikaner unter dem alten Israel Putmann in Eile auf den Strassen ab, die dem North River am nächsten lagen, in der Richtung auf Bloomingdale.

Der Landung der Briten war kein Widerstand geleistet worden. Die neuenglische Miliz, die dieselbe hätte etwas aufhalten können, benahm sich sehr schlecht, und zog sich die heftigste Missbilligung seitens Washingtons zu. Es wird erzählt, dass ein Teil der amerikanischen Armee zweifellos abgeschnitten worden wäre infolge dieser Panik, wenn nicht Mrs. Murray Sir William Howe durch ihre gastliche Aufnahme und die Anziehungskraft ihres alten Madeira aufgehalten hätte. Diese schätzenswerte Dame hielt den britischen General 2 Stunden lang bei guter Laune, während ihre zerlumpten und hungrigen Landsleute seinen Krallen entwischten. Niemals hat wohl die Gastfreundschaft von Murray-Hill einer bessern Sache gedient.

Am 16. September fand ein heftiges Gefecht in der Nähe von Manhattanville statt. Ein Teil der britischen Infanterie und zwei Bataillone Highlanders wurden zurückgeschlagen und waren in einer etwas prekären Lage, als die allgegenwärtigen Jäger und Grenadiere zu ihrer Unterstützung heranrückten; ebenso waren einige andere deutsche Regimenter in Bewegung gesetzt worden. Washington, der fürchtete, dass der Feind eine grössere Truppenmacht, als es in Wirklichkeit der Fall war, vorschieben würde, ordnete den Rückzug an. Die Engländer verloren 280 an Toten und Verwundeten, die Amerikaner ungefähr 60. Dies Gefecht, in dem die letzteren sich sehr gut benahmen und den Engländern einen verhältnismässig schweren Verlust beibrachten, trug wesentlich dazu bei, ihren Mut neu zu beleben nach den Rückzügen und Misserfolgen der vergangenen Tage.

Der britische General hatte strengen Befehl gegeben, das persönliche Eigentum zu respektieren, worauf sofort die reichen Besitzer der Landhäuser, die bei Annäherung der königlichen Streitkräfte geflohen waren und ihre Besitzung dem Schutz der Dienerschaft anvertraut hatten, zurückzukehren anfingen. Lieutenant Hinrichs von den hessischen Jägern, welcher am 15. Sept. Befehl erhalten hatte, Plünderungen zu verhüten, hatte sich hierbei die Dankbarkeit der Einwohner erworben. Er war in dem Gefecht am 16. verwundet und gezwungen worden sich nach ruhiger und guter Pflege umzusehen. Er suchte Schutz bei einer Witwe, namens Ogylby (Ogilvie?) in der Nähe von Hornhook am East River, und sah zu seiner Befriedigung die ganze Familie sich wieder vereinigen nach der durch die Kriegsgefahren verursachten Trennung. Grossvater, -mutter, Enkelkinder, zusammen mit ihren schwarzen Sklaven und deren Kindern sahen sich wieder und umarmten sich mit so viel Herzlichkeit, dass unser gutherziger Lieutenant sehr gerührt wurde und eine fieberhafte Nacht verbrachte. Es ist unnötig zu erwähnen, dass seine Wirte ihn mit der grössten Güte behandelten. Er wurde von dieser wie von andern Wunden, die er im Verlauf der Revolution erhielt, geheilt und starb als preussischer Generallieutenant im Jahr 1834.

Die Stadt New-York war nur fünf Tage in den Händen der Briten gewesen, als in der Nacht vom 20. zum 21. Septbr. in einer kleinen Schenke in der Nähe von Whitehall Slip Feuer ausbrach. Das Wetter war trocken und heiss gewesen. Starker Wind blies von Süd-West. Das Feuer breitete sich mit fürchterlicher Heftigkeit aus. Die Ostseite von Broadway war bis Exchange Place abgebrannt. Als der Wind sich nach Südosten gedreht hatte, sprang das Feuer von Broadway nach Morris Street über und dehnte sich bis Barclay Street aus, wobei die alte Trinity Church abbrannte, St. Pauls aber verschont blieb. Schliesslich wurde man Herr des Feuers, besonders durch die Anstrengungen von Soldaten und Seeleuten. Bankroft behauptet bestimmt, dass dies Feuer nicht durch Brandstiftung verursacht wurde; die Briten und Hessen aber waren damals anderer Ansicht und einige moderne Geschichtsschreiber schenken ihren Berichten Glauben. Sir William Howe stellte in seinem Bericht fest, dass an verschiedenen Stellen Feuer angelegt worden sei. Eelking sagt, dass Donop in seinem Tagebuch verzeichnet habe, dass der Brand von einem amerikanischen Oberst Namens Scott, der früher Advokat gewesen war, in Szene gesetzt worden sei.

Dieser hätte dazu 40 verwegene Leute verwendet, die, mit allerhand Brennstoffen versehen, an verschiedene, im Besitz von Tories befindliche Häuser Feuer gelegt hätten. Dieser Geschichte zufolge wurde Scott verhaftet und der ganze Plan geschrieben bei ihm vorgefunden. Die Meinung derer, welche glauben, dass das Feuer von den Whigs angelegt worden sei, wird durch die zweifellose Thatsache bekräftigt, dass mehrere einflussreiche Amerikaner zur Verbrennung New-Yorks geraten hatten, und dass der Plan von Washington dem Kongress vorgelegt, aber verworfen wurde. Andrerseits lässt sich sagen, dass Panik und Leidenschaft, Geschichten von Brandlegung und Gewaltthätigkeiten, die beständigen Begleiterscheinungen einer grossen Feuersbrunst sind.

Berichte, die aus damaliger Zeit stammen, sollte man immer mit der grössten Vorsicht aufnehmen. Die Geschichte, welche Scott betrifft, ist, soviel ich weiss, durchaus unbe gründet. Nur soviel ist sicher, dass verschiedene Personen während des Umsichgreifens des Feuers von englischen Soldaten getötet worden sind, und Bankroft sagt, dass ein armer Mensch, der zu den Tories gehörte, an den Beinen aufgehängt wurde, bis er starb.

Am 10. Oktober 1776 schiffte General Howe den grössten Teil seiner Truppen aus in der Absicht, noch einmal zu versuchen Washingtons Rückzugslinie abzuschneiden und ihn in Manhatten Island einzuschliessen. Vier Tage lang waren die Briten durch widrige Winde im East River festgehalten worden und waren nur soweit gekommen, Hellgate am Nachmittag des 14. zu passieren. Die Flotte lag die nächste Nacht vor Anker und brach am andern Morgen um 6 Uhr auf, wurde aber durch Winde und Sturmfluten aufgehalten, und erreichte Frogs Neck (oder Frogs Point, wie es Washington nennt), nicht vor Einbruch der Dunkelheit. Hier hatte Howe einstweilen seine Avantgarde gelandet, Washington aber war ihm zuvorgekommen und hatte die Übergänge, die zum Festland führen, besetzt. Howe beschloss infolge dessen vorzustossen und die Landung bei East Chester zu bewerkstelligen. Dies gelang ihm am 18. Oktober nach einem heftigen Gefecht. Die britische Armee stand jene Nacht unter Waffen mit dem linken Flügel an eine kleine Bucht bei East Chester angelehnt, mit dem rechten bei New-Rochelle. Unterdessen marschierten die Amerikaner eiligst auf White Plains, wo sie eine starke Stellung einnahmen und befestigten. Gerade in diesem kritischen Zeitpunkt vereinigte sich die zweite hessische Division mit dem Rest der Armee. Sie bestand aus 3997 Mann unter dem Kommando von Generallieutenant Wilhelm von Knyphausen, und hatte Cassel Anfang Mai verlassen. Das Waldeck'sche Regiment, 670 Mann stark, und die zweite Waldeck'sche Jäger-Kompagnie unter Hauptmann Ewald waren mit dieser Division gekommen. Auf diese Weise waren die deutschen Korps unter dem Kommando von General von Heister auf ungefähr 13,400 Mann gebracht worden. Die neue Division war zurückgelassen worden um New-Rochelle zu halten, während die Briten auf White Plains vorgingen.

Hauptmann Ewald und seine zweite Jäger-Kompagnie brauchten nicht lange zu warten bevor sie in Aktion kamen. Am 23. Oktober stiessen sie bei einer Rekognoszierung auf eine überlegene Zahl feindlicher Schützen und würden zurückgetrieben sein, wenn ihnen nicht die Hochländer zu Hilfe gekommen wären. Ein Lieutenant und sechs Mann wurden verwundet; von diesen starben vier nachher. Dies ist der deutsche Bericht in Eelkings Buch. Ich will auch den Bericht wiedergeben, welchen General Washingtons Stabschef in seinem Rapport an den Präsident des Kongresses giebt: »Am Mittwoch war ebenfalls ein scharfes Scharmützel zwischen einem Teil von General Hands Schützen, ungefähr 240, und beinahe derselben Anzahl hessischer Jäger, in welchem die letzteren geschlagen wurden. Unsere Leute beerdigten 10 derselben auf dem Gefechtsfelde, machten zwei Gefangene, von denen einer schwer verwundet war. Wir hatten keinen andern Verlust als einen, wie anzunehmen, tödlich Verwundeten.«

Am 28. Oktober fand Sir William Howe die Armee Washingtons vorteilhaft hinter dem Dorf White Plains postiert. Sie zählte etwas mehr als 13000 Mann, von denen etwa 1500 Chatterton Hill auf dem äussersten rechten Flügel der amerikanischen Stellung besetzt hielten, die von der Hauptmacht durch den Bronx-Fluss getrennt wurden. Sir William beschloss, diesen rechten Flügel anzugreifen. Ein englisches und zwei hessische Regimenter, unterstützt durch die hessischen Grenadiere, durchwateten die Bronx und erkletterten die steilen und felsigen Hänge des Berges. Das Regiment von Lossberg musste durch einen brennenden Wald angreifen und dem heftigsten Feuer der Amerikaner die Stirn bieten. Sein Verlust an Toten und Verwundeten betrug nahezu 50 Mann. Das Resultat des Kampfes würde zweifelhaft geworden sein, wenn nicht Oberst Rall, der sein eigenes Regiment und das nach Knyphausen benannte kommandierte, auch die Bronx durchwatet, die Amerikaner in der Flanke gefasst und die in der Front angreifenden Truppen unterstützt hätte. Der Fluss war tief und die hessischen Soldaten zögerten hineinzugehen. Aber die Lieutenants Wiederhold und Briede sprangen zuerst hinein, um sie durch ihr Beispiel anzufeuern. Von dem erstem dieser Offiziere werden wir noch mehr hören. Der zweite fiel wenige Tage später bei der Einnahme von Fort Washington.

Ein Teil der Amerikaner focht ganz gut bei dieser Gelegenheit, gegen eine weit überlegene Zahl. Sie hatten einen zweifellosen Vorteil durch ihre Stellung und machten einen guten Gebrauch davon, indem sie dem Feinde einen Verlust von ungefähr 280 Toten und Verwundeten beibrachten. Howe erwähnt in seinen Berichten den guten Dienst, den die englische und hessische Artillerie leistete. Heisters General-Adjutant sagt, dass die hessischen Feld-Geschütze einen solchen »Donner« machten, dass man weder hören noch sehen konnte. Die Amerikaner hatten nur drei kleine Kanonen auf dem Berge.

Die amerikanische Armee war zu dieser Zeit hauptsächlich aus Milizen, die von den verschiedenen Staaten nach kurzen Dienstperioden gesandt worden waren, zusammengesetzt. Diese Milizen waren in hohem Masse schlecht bewaffnet und in Lumpen, undiszipliniert und befehligt von Offizieren, die erst vor wenigen Monaten den Schreibpult oder Pflug verlassen hatten. Während einige von diesen improvisierten Offizieren Leute von Charakter und Talent waren, hatten andere nur das Verdienst, Geschicklichkeit im Ausheben von Leuten zu besitzen. Die ausgehobenen Leute aber wollten einen solchen Offizier nicht als ihresgleichen betrachten und behandeln »und in seiner Eigenschaft als Offizier nicht höher achten als einen Besenstiel,« sagt Washington. Einige der Amerikaner hatten sich durch tapfere Thaten hervorgethan, aber, wie alle rohen Rekruten, veranlassten sie Paniken, oft in ganz unvernünftiger Weise. Diese Thatsachen müssen fortwährend bedacht werden, wenn nicht die Geschichte der Revolution unverständlich werden soll. Sir William Howe andererseits kommandierte eine reguläre, disziplinierte Armee, welche kaum in Europa übertroffen wurde und mit Allem zur Führung eines Krieges Wünschenswerten versehen war.

Nach dem Gefecht von Chatterton Hill standen sich die Armeen drei Tage lang gegenüber und verstärkten ihre Verschanzungen. In der Nacht des 31. Oktober zog sich Washington in eine starke Stellung oberhalb White Plains zurück und Howe lenkte, nachdem er am folgenden Morgen die amerikanische Arriergarde belästigt hatte, seine Aufmerksamkeit einer neuen Idee zu.

Auf dem höchsten Punkt von New-York Island, wo sich ein Berg 238 Fuss über das Niveau des Hudson erhebt, hatten die Amerikaner ein fünfseitiges Erdwerk gebaut, welches sie Fort Washington nannten. Das Fort war mit 34 Kanonen armiert, hatte aber keine Kasematten. Das Vorfeld eignete sich gut zur Verteidigung und war besetzt von kleineren Werken von geringer Stärke. Das Ganze bildete eine Barriere über das obere Ende von Manhattan Island, um die Engländer zu verhindern, eine Expedition zu Lande zu machen und sich weder sichere noch bequeme Winterquartiere in New-York zu verschaffen. Auf der Jersey-Seite des Hudson, gegenüber Fort Washington, lag Fort Lee. Zwischen diesen hatte General Putnam es unternommen, eine unpassierbare Barriere, die den Fluss gegen die Briten verschliessen sollte, zu bauen. Die Werke waren unter dem unmittelbaren Kommando von General Greene. Am Morgen des 9. Oktober indessen waren die Hindernisse durchbrochen worden, und an den Forts vorbei fuhren zwei britische Schiffe von 44 Geschützen jedes, eine Fregatte von 20 Geschützen und 3 oder 4 Tender, welche 2 amerikanische Ruder-Galeeren auf dem Flusse genommen oder zerstört hatten. Angesichts dieser Thatsachen wollte Washington das nach ihm benannte Fort verlassen, welches in Gefahr war, umzingelt zu werden. Greene war entgegengesetzter Ansicht und der Kongress teilte dessen verblendete Idee. Die Autorität des Höchstkommandierenden war so beschränkt, dass es ihm nicht gelang, seinen eigenen Ansichten Geltung zu verschaffen. Anstatt die Besatzung von Fort Washington zurückzuziehen, wurde sie verstärkt, bis Oberstlieutenant Magaw, der es befehligte, beinahe 3000 Mann unter seinem Kommando hatte. Die Stellung, die besetzt werden sollte, war 2-1/2 Meile lang und schloss eine Redoute auf Laurel Hill mit ein.

Es war am 16. November 1776, als dieses Fort durch die Armee von Sir William Howe gestürmt wurde. Der Angriff wurde gleichzeitig von 4 Kolonnen gemacht, die gegen 4 verschiedene Punkte vorgingen, diejenige, welche den Hauptstoss führte und welcher der Ruhm des Tages gehörte, war aus Hessen unter Knyphausen zusammengesetzt. Diese Truppe setzte nach New-York Island über bei Kings-Bridge früh um 1/2-5 Uhr und war in zwei Kolonnen geteilt, die rechte unter Oberst Rall, die linke unter Generalmajor Schmidt. In letzterer war Wiederhold mit der Avantgarde. Während längerer Zeit mussten die Deutschen ruhig halten bleiben, bis die englischen Kolonnen zum Angriff angesetzt waren und denselben einleiteten. Unterdessen hatte Cornwallis die amerikanische Batterie auf Laurel Hill genommen. Earl Percy mit zwei englischen und einer hessischen Brigade hatte die amerikanischen Werke im Süden bedroht, und Oberst Sterling mit den Hochländern war hinter der Truppenabteilung, die Percy gegenüberstand, über den Harlem River gegangen und drohte dessen Rückzugslinie abzuschneiden. Hierbei mussten die Hochländer ein steiles Ufer hinauf angreifen und verloren dabei 90 Mann. Oberst Cadwalader, der in dieser Gegend die Amerikaner kommandierte, war gezwungen sich zurückzuziehen, und seine Leute, anstatt sich ausserhalb des Forts Washington zu sammeln, hatten sich in das Fort hinein gedrängt und behinderten dadurch die Vertheidigungs-Massregeln der eigenen Besatzung.

Es war zwischen zehn und elf Uhr. Der Moment für die Hessen zu attaquieren, war schliesslich gekommen. Sie wateten durch einen Sumpf und erklommen den steilen, felsigen Berg, auf den das Fort gebaut war. Vergebens feuerten die Scharfschützen auf sie, vergebens überschüttete sie die Artillerie mit einem Hagel von Granaten und Kartätschen. Knyphausen selbst war fortwährend im stärksten Feuer, »so dass es ein Wunder war,« schreibt Wiederhold, »dass er davon kam ohne totgeschossen oder verwundet zu werden.« Der Boden war so steil dort, dass die Leute sich am Gesträuch hinaufziehen mussten. Schliesslich erreichten sie die Höhe, wo eine ebene Stelle war. »Vorwärts, Grenadiere!« rief Rall. Die Tamboure schlugen, die Hornisten bliesen, die Leute schrieen Hurrah! Hessen und Amerikaner mengten sich massenweise untereinander und alle stürzten sich wild durch einander auf das Fort los.

Die Aussenwerke waren genommen und ihre Verteidiger zurückgetrieben, die die Verwirrung in dem Hauptfort noch vermehrten. Oberst Rall rief einen von seinen Kapitäns zu sich. »Hohenstein,« sagte er, »Sie sprechen englisch und französisch; nehmen Sie einen Tambour, befestigen Sie ein weisses Tuch an einem Kurzgewehr, gehen Sie in das Fort und fordern Sie die Übergabe.« »Ich that dies sofort,« schreibt der Kapitän, »allein sie feuerten beständig auf mich und den Tambour, bis wir auf die Glacies kamen, wo die Rebellen uns mit geschlossenen Augen hinauf geleiteten. Ich verlangte den Kommandanten zu sprechen. Sie schickten mir einen Oberst (Cadwalader) zu, welcher Unterkommandant war, dem ich folgende Bedingung stellte: Er sollte sofort mit der Besatzung aus dem Fort herausmarschieren, und sie sollten vor General von Knyphausen die Waffen strecken. Die ganze Munition, der Proviant und alles was dem Kongress gehörte, sollte getreulich angegeben werden; dagegen ich ihm meine Parole gäbe, dass alle vom Kommandanten an, einem jeden seine Equipage sollte belassen werden, und endlich sollte eine weisse Fahne sofort aufgehisst werden, um alle Feindseligkeiten abzubrechen. Der Kommandant forderte vier Stunden Bedenkzeit, die ich ihm indessen verweigerte, und gestattete ich ihm nur eine halbe Stunde, um sich mit seinen Offizieren zu besprechen. Als die halbe Stunde verflossen war, kam der Kommandant selbst, sein Schicksal schien ihm ungünstig. Deswegen sagte er: »Die Hessen machen Unmöglichkeiten möglich.« Darauf sagte ich ihm: »General von Knyphausen steht 100 Schritt von hier. Kommen Sie auf meine Parole mit und sehen Sie zu, ob er Ihnen bessere Bedingungen stellen wird.« Er war damit zufrieden und ging mit mir.«

Magaw ergab sich Knyphausen, trotz der Nachricht von Washington, der ihn zu entsetzen versprach, wenn er bis zur Nacht aushalten könnte. Der Platz war indessen unhaltbar. Die Deutschen verloren 56 Offiziere und Leute tot und 276 Verwundete bei dem Angriff, die Engländer mehr als 120. Die Amerikaner verloren weniger als 150 Tote und Verwundete, aber ungefähr 2800 Gefangene, unter denen einige der besten Soldaten waren. Sie verloren auch einen grossen Teil ihrer Artillerie, viele Waffen und Ausrüstungsstücke.

Der Quartiermeister von dem Grenadier-Bataillon von Minnigerode sagt, indem er von dieser Schlacht spricht, dass, wenn nicht die Gefangenen gewesen wären, der Verlust der Deutschen weit grösser gewesen sein würde, als der von den Rebellen, und dass dies von der Art komme, wie die letzteren fechten. »Sie liegen einzeln hinter Bäumen, Büschen, Steinmauern und Felssteinen, schiessen auf grosse Distancen und mit Sicherheit und laufen ganz schnell weg, sobald sie gefeuert haben. Die Deutschen können nicht ein Drittel so weit schiessen und können viel weniger laufend sie erreichen, und das Terrain hier ist so, dass man die Feld-Artillerie bei einer Attaque selten heraufbekommen kann.«

Die Hessen sollen während des Angriffs kein Pardon gegeben haben den Scharfschützen, die sie in den Aussenwerken und in den Gehölzen fanden. Die Amerikaner, von denen viele dies gesehen haben müssen, waren natürlich mutlos zur Zeit der Übergabe. Der Volksmund hatte böse Feinde aus den Hessen gemacht. Kapitän von Malsburg erzählt, dass, als er in das Fort hineinkam, er sich umgeben fand von Offizieren, denen Furcht und Besorgnis auf den Gesichtern geschrieben stand. Sie luden ihn ein in ihre Kaserne, drangen ihm Punsch, Wein und Kuchen auf, machten ihm Komplimente wegen seiner Freundlichkeit, welche sie zu erstaunen schien, und sagten, sie hätten so etwas nicht von einem hessischen Offizier erwartet. Sie baten um seinen Schutz, und er dagegen hielt ihnen eine Strafpredigt über die Sünde der Empörung gegen ihren guten König.

Die Besatzung marschierte aus zwischen den Regimentern Rall und Lossberg hindurch, legte die Waffen nieder und übergab ihre Fahnen, die gelb, weiss und hellblau waren. Knyphausen soll auf diese »mit Verachtung« geblickt haben. Diese Haltung ist bezeichnend für das hessische Bewusstsein ihrer Stärke, doch der amerikanische Leser muss Trost finden in der Thatsache, dass innerhalb sechs Wochen die Fahnen der Regimenter Rall und von Lossberg wieder in den Händen von Washingtons Armee waren.

Die Hessen erwarben sich grossen Ruhm bei dieser Aktion. Schmidt, Stirn und Rall, und die Truppen unter deren Befehl wurden in den Tagesbefehlen ehrenvoll erwähnt, und das genommene Fort wurde Fort Knyphausen genannt.


[Kapitel VIII.]

Trenton, 26. Dezember 1776.

Nach der Einnahme von Fort Washington zeigte Sir William Howe eine ungewohnte Thätigkeit. Das Fort war am 16. November 1776 gefallen und am 20. ging die britische Armee über den Hudson nach New-Jersey hinein. Fort Lee war hiermit nutzlos und unfähig zur Verteidigung geworden. Es wurde schleunigst geräumt und die Geschütze, Zelte und der Proviant darin im Stich gelassen. Mehr als 2000 Leute unter General Greene, die seine Besatzung gebildet hatten, entkamen notdürftig über den Hackensack, indem sie 73 Kranke zurückliessen. Der Zustand von Washingtons Armee war ein verzweifelter. Die Dienstzeit von vielen Milizen lief am 30. November ab. Diese waren nicht im mindesten zu bewegen sich wieder einreihen zu lassen, selbst für eine kurze Zeit, ebenso wie die Miliz von New-Jersey nicht ausrücken wollte, um ihren eigenen Staat zu beschützen; eine Brigade derselben löste sich auf an dem Tag, an dem die Briten in New-Brunswick einrückten. Washington hatte ein Detachement unter Lee östlich des Hudson gelassen, doch Lee missachtete nun Washingtons wiederholten Befehl sich mit ihm zu vereinigen und murrte, anstatt zu handeln. Ungefähr 2400 Mann unter Lord Stirling waren detachiert zum Schutz von Nord-New-Jersey und nach 4 Tagen beordert, den oberen Lauf des Delaware zu verteidigen; und der Oberbefehlshaber hatte auf einmal 3500 Mann weniger unter sich. Der Marsch der Briten durch New-Jersey wurde kaum gestört, obwohl sich Washington langsam vor ihnen zurückzog und die Brücken zerstörte. Am 8. Dezember zog er sich über den Delaware zurück und liess auf 70 Meilen alle Boote an dasjenige Ufer des Flusses bringen, an dem er sich befand. Es entstand eine Panik in Philadelphia, und der Kongress siedelte nach Baltimore über. Washington fühlte sich nicht im Stande, mit seiner Truppenmacht den Übergang der Briten über den Fluss zu verhindern. Howe war indessen nicht der Mann, einen Winterfeldzug mit Energie zu betreiben. Er kehrte nach New-York zurück indem er Cornwallis und nachher Grant den Oberbefehl in New-Jersey überliess. Bankroft erzählt uns, dass der Staat der Plünderung und der Gewaltthätigkeit preisgegeben war, und dass alle Versuche, die Hessen davon abzuhalten, aufgegeben wurden unter der Entschuldigung, dass die Gewohnheit des Plünderns das Desertieren verhindern würde. »Man machte sie glauben,« führt er nach dem offiziellen Bericht eines britischen Offiziers an, »bevor sie Hessen-Cassel verliessen, sie sollten nach Amerika kommen, um sich ihr Privat-Vermögen zu gründen, und bisher haben sie in der That nach diesem Prinzip gehandelt.« Washington, auf der andern Seite, schreibt am 5. Februar 1777: »Eine Thatsache muss ich zu Gunsten der Hessen anführen, und die ist, dass unsere Leute, die gefangen genommen worden waren, im Allgemeinen darin übereinstimmen, dass sie von diesen eine viel bessere Behandlung erfuhren, als von den britischen Offizieren und Soldaten.«

OPERATIONEN IN NEW JERSEY UND PENNSYLVANIEN. 1776.

Washington war in dem Glauben, dass die Operationen schnell wieder aufgenommen werden, und die Briten auf Philadelphia marschieren würden, so bald der Delaware zugefroren sein würde. Ein Brief, der einen oder zwei Tage vor Weihnachten aufgefangen wurde, bestärkte ihn in seiner Meinung. Es wurde von der grössten Wichtigkeit, einen Streich zu führen, bevor der Feind sich anschicken würde, wieder vorzugehen und noch vor dem letzten Dezembertag, an dem die Dienstzeit von vielen seiner Leute ablaufen würde.

Die Art und Weise, in welcher General Grant, der britische Befehlshaber in New-Jersey, über die Truppen verfügte, war folgende: »Princetown und New-Brunswick wurden durch die englische Detachements gehalten.« Von Donop, der die hessischen Grenadiere und die 42. Hochländer kommandierte, stand in Bordentown. Rall, mit der Brigade, die für einige Zeit unter seinem Befehl gestanden hatte, 50 hessischen Jägern, 20 englischen leichten Dragonern und 6 Geschützen hatte Quartier in Trenton bezogen. Ralls Brigade war aus 3 hessischen Regimentern zusammengesetzt, welche die Namen Rall, von Knyphausen und von Lossberg trugen. Sie war von Qualität nicht wesentlich verschieden von anderen hessischen Brigaden. Das Regiment von Lossberg hatte sich besonders ausgezeichnet bei Chatterton Hill. Das Regiment Rall war aus schlechtem Material gebildet, es war eins von denen, welche in der Eile formiert wurden, um die Zahl der Soldaten voll zu machen, die der Landgraf zu stellen hatte, aber Cornwallis berichtete lange nachher einem Komitee des Hauses der Gemeinen, dass sich Ralls Brigade bei Fort Washington die Bewunderung der ganzen Armee errang.

Die Regimenter Rall und von Lossberg waren in dem nördlichen Teil von Trenton einquartiert, das Regiment von Knyphausen im südlichen, auf beiden Seiten der Brücke über den Assanpink. Auf dieser Brücke war eine Wache von 12 Mann aufgestellt. Die Soldaten lagen in den verschiedenen Häusern zerstreut, und bei gutem Wetter standen die Geschütze im Freien, von 2 oder 3 Leuten bewacht. Pickets waren auf den Strassen westlich des Nebenflusses vorgeschoben. Die Hauptwache bestand aus einem Offizier und 70 Mann.

Oberst Rall war ein tollkühner Offizier von der alten Schule. Man sagte, er habe darum gebeten, nach Trenton gelegt zu werden, weil er es für einen gefährlichen Posten hielt. Bei Chatterton Hill hatte er seine Sache sehr gut gemacht; er hatte mit seiner Brigade den amerikanischen rechten Flügel geworfen und das Schicksal des Tages entschieden. Er hatte einen Hauptanteil an der Erstürmung von Fort Washington genommen. Derselbe verwegene Geist, welcher in früheren Jahren ihn veranlasste mit den Russen unter Orloff als Volontär gegen die Türken zu kämpfen, leitete ihn bei jenen Gelegenheiten. Die Leichtigkeit, mit welcher er Siege erfochten hatte, seitdem er in Amerika war, hatte ihn mit einem übermütigen Vertrauen erfüllt. Die lumpigen Gesellen, welche durch New-Jersey hindurchgetrieben waren, möchten wohl eine Patrouille gefangen nehmen oder ein Picket zurückwerfen, aber sie wären, wie er dachte, ganz unfähig zu einem ernstlichen Angriff auf eine hessische Brigade. »Erdwerke!« sagte er mit einem Fluch zu Major von Dechow, der ihm riet, die Stadt zu befestigen; »lasst sie nur kommen! Wir werden sie mit dem Bajonnet empfangen;« und als derselbe Offizier ihn bat, einige Schuhe von New-York kommen zu lassen, erwiderte er, dass das Alles Unsinn sei. Er und seine Brigade wollten barfuss über das Eis nach Philadelphia laufen, und wenn der Herr Major keinen Teil an dieser Ehre haben wollte, möchte er nur wegbleiben. General Grant, der englische Oberbefehlshaber in New-Jersey, teilte Ralls Verachtung der Rebellen. Als derselbe ihm vorschlug, ein Detachement nach Maidenhead zu schicken, um die Verbindung zwischen Princetown und Trenton offen zu halten, antwortete er spöttisch, dass er die Jerseys mit einer Korporalschaft im Zaume halten wollte. Von Donop, der in Bordentown kommandierte, schickte einen Ingenieur-Hauptmann nach Trenton, um Rall zu bewegen, anzuordnen, dass der Ort verteidigungsfähig eingerichtet werde, aber letzterer ging nicht darauf ein. Erdwerke wären unnötig, sagte er. Die Rebellen wären Taugenichtse. Sie wären schon mehrmals unterhalb der Brücke gelandet und hätten unbelästigt davon kommen können, aber jetzt hätte er (Rall) Massregeln ergriffen. Wenn sie wiederkämen, wollte er sie nach guter Art zurückjagen. Er hoffte, Washington würde auch mit herüberkommen, dann könnte er ihn gefangen nehmen. Ralls Sorglosigkeit schien seinen Untergebenen so gefährlich, dass die Offiziere von dem Regiment Lossberg in einem Brief dem General von Heister Vorstellungen machten, aber zu spät.

Ralls Verachtung vor seinem Feind verführte ihn, die einfachsten Massregeln zu vernachlässigen. Er revidierte selten einen Posten, selten zog er einen Offizier zu Rate. Er verweigerte es, einen Platz für die Sicherheit der Baggage im Fall eines Angriffes zu bezeichnen. »Unsinn,« sagte er, als er aufgefordert wurde, dies zu thun, »die Rebellen werden uns nicht schlagen.« Doch die Leute wurden fortwährend angestrengt durch unnötigen Wachtdienst und Hinundhermarschieren. Am 22. Dezember bekamen zwei Dragoner, die mit einem Brief nach Princetown geschickt worden waren, Feuer aus einem Walde heraus. Einer von ihnen fiel, der andere ritt zurück nach Trenton und meldete den Vorfall. Darauf schickte Rall 3 Offiziere mit 800 Mann und 1 Kanone, um diesen Brief zu befördern, zur grossen Heiterkeit der Engländer. Das Detachement hatte bei schlechtem Wetter biwakieren und am nächsten Morgen zurückmarschieren müssen. Ein Sergeant und 15 Mann würden für diesen Dienst vollkommen genügt haben.

Am 24. Dezember 1776 war eine Rekognoszierungs-Abteilung in der Richtung auf Pennington vorgeschickt worden, wurde aber nach einem Marsche von einigen Meilen zurückberufen. In der Morgendämmerung des 25. wurde auf die Pickets nördlich der Stadt von einer kleinen Rekognoszierungs-Abteilung der Amerikaner ein Angriff gemacht. Der Feind wurde zurückgeschlagen mit einem Verlust von 6 Verwundeten auf Seite der Deutschen. Eine Patrouille von 30 Mann unter einem Fähnrich wurde eine oder zwei Meilen zur Verfolgung der zurückgehenden Amerikaner vorgeschickt, konnte sie aber nicht mehr einholen. Das Picket an dem Schnittpunkt der obern Strasse am Fluss mit der nach Pennington wurde daraufhin durch 10 Mann verstärkt unter Lieutenant Wiederhold, so dass es nunmehr aus 25 Mann im Ganzen bestand. Rall war nun der Ansicht, dass alle Gefahr vorüber war. Er war kürzlich gewarnt worden, dass ein Angriff bevorstände, und nahm als ganz bestimmt an, dass das Geplänkel, in welches die Pickets engagiert worden waren, der Angriff war, vor dem er gewarnt wurde. Leslie, der in Princetown kommandierte, hatte melden lassen, dass Washington sich vorbereitete, den Delaware zu überschreiten, aber Rall gab nicht ernstlich Acht darauf. Er befahl nur seinem eigenen Regiment, welches du jour hatte, in den Quartieren zu bleiben. Er hatte allerdings Grund sich sicher zu fühlen. Es war ihm bekannt, dass keine grosse Truppenmacht in seinem Teil von New-Jersey belassen war. Washingtons Armee lag jenseits des Delaware, eine zerlumpte, halbbewaffnete Bande von armen Teufeln, die bis vor kurzem von Staat zu Staat und von Fluss zu Fluss getrieben worden waren. Grosse Eisschollen schwammen, durch den Strom getrieben, im Delaware hin und her und machten jegliches Übergehen gefährlich. Die Nacht war stürmisch, selbst für Dezember, und bevor es Morgen wurde, fegten Schlossen und Schnee durch die Strassen. Aber drinnen war Alles fröhlich und lustig. Es war Weihnachtsabend. Die Deutschen, die in Trenton gemütlich hausten, konnten über den Sturm lachen und ruhig schlafen.

Weit anders wurde die Nacht von der amerikanischen Armee verbracht! Die Truppen, unter dem unmittelbaren Befehl von Washington in ihrem Lager auf der Pennsylvanischen Seite des Delaware oberhalb Trenton, zählten nur 2400 Mann, die im Stande waren, eine anstrengende Unternehmung zu machen. Diese brachen um 3 Uhr nachmittags am Weihnachtstag auf, jeder Mann hatte Verpflegung für 3 Tage und 40 Patronen. Sie führten 18 Feldgeschütze mit sich. Diese Truppenmacht erreichte die Fähre von Mac Konkey in der Abenddämmerung. Hier wurden die Boote durch Glovers Seeleute von Marblehead bemannt, und zwischen den schwimmenden Eisschollen hindurch wurde die kleine Armee über den Fluss gerudert. Ihr Zustand war so erbärmlich, dass ein Bote, der ihr gefolgt war, leicht ihre Spur verfolgen konnte »an dem Blut im Schnee von den Füssen der Leute, die zerrissene Schuhe trugen.«

Inzwischen hatte Cadwalader den Fluss bei Dunks Fähre, unterhalb Trenton, überschritten, aber das Eis hatte sich gegen des Jersey-Ufer hin gepackt, und wenngleich die Fussmannschaften hinüber konnten, so war doch für die Artillerie keine Hoffnung dafür vorhanden. Die 1800 Mann, die diesen Teil der Unternehmung ausmachten, warteten vergeblich während der Dezembernacht. Um 4 Uhr morgens beorderte Cadwalader, der sicher glaubte, dass Washington, gleichwie er selbst, wegen der Schwierigkeiten, mit der die Expedition zu kämpfen hatte, umgekehrt wäre, seine halberfrorenen Leute nach ihrem kalten Lager zurück. »Die Nacht,« schreibt Thomas Rodney »war eine so bitterkalte, wie ich sie niemals erlebt habe.« Der Fluss war so schwierig zu überschreiten und so voll von Eis, dass es 4 Uhr wurde am Morgen des 26. Dezember bis die Truppen mit der Artillerie alle hinüber und marschbereit waren. Sie hatten noch 9 Meilen zu marschieren, um Trenton zu erreichen, und der Sturm hatte sich mit furchtbarer Heftigkeit erhoben. Die zitternden Soldaten erklommen einen steilen Berg und stiegen auf die Strasse hinab, wo die Bäume ihnen ein wenig Schutz gegen den Nordost-Sturm geben sollten. In Birmingham wurde die Armee in zwei Kolonnen geteilt. Die rechte unter Sullivan marschierte längs des Flusses, die linke unter Washington auf der obern Strasse. Nach einer Weile meldete Sullivan durch einen seiner Adjutanten an Washington, dass das Pulver nass geworden wäre.

»Dann sagen Sie dem General,« antwortete Washington, »er solle mit dem Bajonnet angreifen und in die Stadt eindringen, denn die Stadt müsste genommen werden, und ich wäre fest entschlossen sie zu nehmen.« —

Es war ungefähr 1 Stunde nach Tagesanbruch als Lieutenant Wiederhold seine Aussenposten eingezogen hatte. Es war eine kalte Nacht gewesen mit Schnee und Schlossen. Die kleine Abteilung verbarg sich in einer Hütte, die als Wachthaus diente. Wiederhold trat zufällig an die Thüre und sah hinaus. Plötzlich waren die Amerikaner vor ihm. Er rief: »An die Gewehre!«, und es wurden Schüsse gewechselt.

»Die Aussenwachen leisteten nur geringen Widerstand,« sagt Washington, »obschon sie ihrer Zahl nach sich sehr tapfer hielten, indem sie zurückgehend fortwährend, hinter Häusern gedeckt, feuerten. Zugleich sahen wir, wie sich ihre Hauptabteilung formierte; — aber nach ihren Bewegungen zu urteilen, schien sie unentschlossen, was zu thun.«

Trommeln und Hörner erschallten in den Strassen von Trenton. Rall war noch im Bett und völlig schlaftrunken. Lieutenant Biel, der als Brigadeadjutant fungierte, scheute sich zuerst, ihn aufzuwecken, und eilte zu der Hauptwache, um einen Lieutenant und 40 Mann den Pickets als Unterstützung zu senden. Als er zum Hauptquartier zurückkehrte, lag Rall in seinem Nachthemd zum Fenster hinaus und schrie: »Was ist denn los?« Der Adjutant erwiderte ihm, ob er nicht das Feuern gehört habe. Rall sagte, er würde sofort unten sein, und in einem Moment war er angezogen und vor der Thüre. Eine Kompagnie von dem Regiment von Lossberg, welche Quartiere an der Strasse nach Pennington hatte, und als Avantgarde fungierte, hatte diese Strasse besetzt und empfing die fliehenden Pickets, musste sich aber sogleich in die Stadt zurückziehen. Washington drang bei King- und Queenstreet (jetzt Warren- und Greenstreet) ein, und Sullivan von der Strasse am Fluss in die Secondstreet. Einem Teil von Ralls Regiment gelang es, sofort sich zu formieren, und nach einer Weile erschien Rall selbst zu Pferde. Lieutenant Wiederhold meldete ihm, dass der Feind im Vordringen sei, und zwar nicht nur oberhalb der Stadt, sondern auch zur Rechten und Linken. Rall fragte, wie stark der Feind wäre. Wiederhold antwortete, dass er es nicht angeben könnte, aber er hätte 4 oder 5 Bataillone aus dem Walde kommen sehen und dass drei davon auf ihn gefeuert hätten, bevor er sich zurückzog. Rall rief, es sollte avanciert werden aber er schien verwirrt und nicht imstande, einen richtigen Entschluss zu fassen. Seine Truppen waren noch in Unordnung. Rall wandte sich zur Rechten in einen Garten mit Äpfelbäumen östlich der Stadt, und versuchte die Strasse nach Princeton in seine Gewalt zu bekommen. Aber er wurde durch Hands Regiment Pennsylvania zurückgeschlagen. Er beschloss darauf, sich einen Weg in die Stadt wieder zu erzwingen mit seinem und dem Regiment von Lossberg, wenigstens mit so vielen Leuten als zusammengebracht werden konnten. Dies soll er versucht haben, um seine Baggage und die Beute der vorhergehenden Wochen wegzuschaffen. Indessen wurde er durch einen Hagel von Blei aus Fenstern und Thorwegen, von hinter Bäumen und Mauern her empfangen. Die Munition der Hessen war nass von dem Schneesturm. Die Amerikaner erneuten den Angriff und die Hessen wurden weiter zurückgeworfen, als sie gekommen waren. — Rall wurde durch eine Kugel tötlich verwundet, und die beiden deutschen Regimenter, in die grösste Verwirrung gebracht, streckten die Waffen.

Dem Regiment Knyphausen ging es wenig besser. Als Rall den Obstgarten verliess und sich wieder gegen Trenton wendete, beschloss Major von Dechow, sich einen Weg rückwärts über die Assanpink-Brücke zu bahnen und sich nach Bordentown durchzuschlagen, wo Donops Truppenabtheilung lag. Aber es war unmöglich dies auszuführen, da Sullivan schon die Brücke besetzt hatte. Zwei Geschütze steckten tief in einer morastigen Stelle und es wurde viel Zeit verloren bei dem Versuche sie herauszuziehen. Dechow wurde verwundet. Einigen Soldaten gelang es, den Strom zu durchwaten, aber die bei weitem grössere Zahl wurde umringt und an Lord Stirling übergeben, mit Ausnahme der Privatbaggage und der Säbel der Offiziere. Die, welche entkamen, nahmen ihren Weg nach Princeton. Auch die Jäger und englischen Dragoner entkamen und erreichten Bordentown. Lieutenant Grothausen von den Jägern wurde angeschuldigt, zu früh zurückgegangen zu sein. Er war mit 50 Mann an der untern Flussstrasse postirt gewesen und zog sich bei der Annäherung von Sullivan vor diesem über die Assanpink-Brücke zurück. Nach Bankroft betrug die Gesamtzahl derer, die auf diese Weise durchkamen, 162. Washington giebt in seinem ersten Bericht an den Kongress die Zahl derer, welche sich ergaben, auf 23 Offiziere und 886 Mann an. Einige, die nachher in Trenton gefunden wurden, erhöhten die Zahl auf 1000.

Die Nachricht von dem Siege der Amerikaner wurde in New-York mit Kummer und Entrüstung aufgenommen.

Der alte Heister, der bei Sir William Howe nicht mehr in Gunst stand, mag darin ein Vorzeichen seiner Abberufung gesehen haben. Er berichtete am 5. Januar an Schlieffen, den Minister des Landgrafen, das Vorgefallene. Seinem Märchen zufolge, das er berichtete, war Ralls Brigade von 10 000 Mann überrascht worden und das Desaster durch die Tollkühnheit des Obersten verursacht worden, indem er gegen die Übermacht vorgegangen wäre, anstatt sich sofort über den Assanpink zurückzuziehen. Heister giebt den Verlust von 15 Fahnen zu.

Der Landgraf von Hessen-Kassel war sehr ergrimmt. Er war der Ansicht, dass solch ein Vorfall unmöglich gewesen wäre, wenn nicht alle Disziplin gelockert wäre. Er befahl, dass eine Untersuchung eingeleitet werden sollte, sobald die Offiziere, die als Gefangene in amerikanische Hände gefallen seien, ausgewechselt sein würden, und drohte, dass die, welche wegen schlechten Verhaltens für schuldig erachtet würden, zur strengsten Verantwortung gezogen werden sollten. Auch erklärte er, den Regimentern, welche ihre Fahnen verloren hätten, solche nicht eher wieder zu verleihen, als bis sie eine gleiche Anzahl vom Feinde genommen hätten. Er schrieb an Knyphausen, er hoffe, dass Alle, ebenso wie er, mit grossem Kummer und mit Scham erfüllt seien, dass es notwendig wäre, diese Scharte wieder auszuwetzen und dass Knyphausen nicht ruhen dürfte, bis seine Truppen die Erinnerung an diese unglückliche Affaire durch eine grosse Zahl von ausserordentlichen Thaten verwischt hätten. Der Landgraf kannte sich nicht in seinem Zorne. Der eigentliche Sünder gegen die militärischen Regeln starb in Oberst Rall. Es war die Ansicht von Soldaten jener Zeit und ist die Meinung von denen die die Angelegenheit seitdem studiert haben, dass die Niederlage und Gefangennahme der hessischen Brigade in Trenton durch einfache militärische Vorsichtsmassregeln von Seiten ihres Führers hätte verhindert werden können. Cornwallis sagte später einem Komitee des Hauses der Gemeinen, dass nach Donops Meinung Rall hätte aushalten können bis Donop zu seiner Unterstützung von Bordentown herangekommen wäre, wenn er die Befehle Sir William Howes befolgt und Redouten gebaut hätte. Rall war mehrfach von seinen untergebenen Offizieren gedrängt worden dies zu thun. Dass die unter seinem Kommando Befindlichen zur Lockerung der Disziplin beitrugen, wozu sie durch das Beispiel ihres Führers notwendigerweise verführt wurden, war natürlich. Alle fochten tapfer, viele wurden verwundet, doch war der Verlust an Gemeinen nur gering. Dass ein früherer Rückzug den Hessen ermöglicht hätte zu entkommen, ist richtig. Aber man sollte Soldaten nicht ernstlich dafür tadeln, dass sie ihr Terrain festhalten, wenn sie überfallen werden, auch ist Ralls Fehler, wenn es einer war, zu versuchen, sich seinen Weg eher in der Richtung auf Princeton als auf Bordentown zu bahnen, nicht auf die Rechnung seiner Untergebenen zu schreiben.

PLAN VON DER AFFAIRE,
welche am 26. Dec. 1776 bei TRENTON zwischen einem Corps von 6000 Rebellen unter General Washington und einer Hessischen Brigade unter Oberst Rall stattfand.
—< Erklärung umseitig. >—

A. Trenton.
B.Picket von 1 Offizier und 24 Mann (Wiederhold).
C.Hauptmann Altenbocums Kompagnie vom Regiment von Lossberg, welches in der Nachbarschaft einquartiert war und sich vor dem Quartier des Hauptmanns formierte, während das Picket den Feind beschäftigte.
D.Picket von 1 Hauptmann, 1 Offizier und 75 Mann.
E.1 Offizier und 50 Jäger, die sich sofort über die Brücke zurückzogen (Grothausen).
F.Detachement von 1 Offizier und 30 Mann, die sich mit Donops Korps vereinigten.
G.Platz, wo die Regimenter nach Verlassen der Stadt Halt machten, und wo Oberst Rall den Versuch machte mit seinem und dem Regiment von Lossberg einen Angriff auf die Stadt zu unternehmen, der abgeschlagen wurde.
I.Platz, wo er mit den Regimentern gefangen genommen wurde.
K.Platz, wo das Regiment von Knyphausen, das die Flanke hatte decken sollen, sich ebenfalls übergeben musste, nachdem es versucht die Brücke zu erreichen. Die Geschütze vom Regiment von Lossberg waren bei dem Regiment von Knyphausen und unglücklicherweise im Sumpf stecken geblieben, und bei dem Versuch sie herauszuziehen war der Moment, die Brücke zu gewinnen, verpasst worden, infolge dessen der Feind sie stark besetzte.
L.Geschütze vom Regiment Lossberg.
M.Geschütze vom Regiment Knyphausen, die während der Affaire nicht beim Regiment waren.
N.Geschütze vom Regiment Rall, gleich zu Anfang demontiert.
O.Angriff des Feindes vom Wald aus.
P.Vorgehen und Umzingeln der Stadt durch den Feind.
Q.2 Bataillone des Feindes verfolgen das Regiment Knyphausen.
R.Letzte Bewegung und Angriff auf das Regiment Knyphausen.
S.Geschütze der Rebellen.
T.Platz, wo General Washington sich postiert hatte und von dem aus er seine Befehle gab.

Die Wichtigkeit von Trenton für die Amerikaner darf nicht nur nach dem numerischen Ausweis an Toten, Verwundeten und Gefangenen berechnet werden. Es war ein neuer Beweis für die unerfahrenen und hülflosen Kolonisten, dass sie sich einigermassen zu Soldaten eigneten und dass ihre Sache nicht hoffnungslos war. Nach einer langen Reihe von Missgeschick und fortwährendem Zurückweichen feuerte sie dies mit neuem Mute an. Bunker Hill hatte die Amerikaner belehrt, dass sie den britischen Regulären widerstehen könnten. Trenton bewies ihnen in einer Stunde der Verzweiflung, dass die gefürchteten Hessen überwunden werden könnten.


[Kapitel IX.]

Der Winter 1777.

Die hessischen Offiziere und Soldaten, welche in Trenton gefangen genommen waren, mussten am 26. Dezember 1776 denselben kalten und mit Schnee bedeckten Weg, auf welchem die Amerikaner zum Angriff vorgegangen waren, zurücklegen. Wir können sie uns in ihren Uniformen zitternd vor Frost vorstellen, während ihre zerlumpten und barfüssigen Bezwinger fröhlich neben ihnen her marschierten und in der Siegesglut den eisigen Wind vergassen. Wieder wurde der Delaware durch die schwimmenden Eisstücke hindurch überschritten, und man kann überzeugt sein, dass es nicht die zerlumpten Amerikaner waren, deren Zähne klapperten; aber eine Reaktion trat ein nach so viel Mühsal und Aufregung; am nächsten Morgen war die Hälfte der siegreichen Armee erschöpft und dienstuntauglich. 40 Stunden waren die Amerikaner ununterbrochen unter den Waffen gewesen und hatten marschiert und gefochten in Schnee und Eis eines Dezembersturmes, so dass nun die Natur Ruhe und Unterkunft für einige Tage forderte. Nur Washington war unermüdlich, und obschon die Dienstzeit eines grossen Teiles seiner Armee im Ablaufen begriffen war, schickte sich der grosse Feldherr an, aus dem errungenen Erfolg Vorteil zu ziehen.

Die hessischen Offiziere wurden mit grosser Höflichkeit von den Führern der Amerikaner behandelt. Washington drückte sein Mitgefühl mit ihnen unmittelbar nach ihrer Übergabe aus. Stirling, der erst vor kurzem nach seiner Gefangennahme auf Long-Island ausgewechselt war, erzählte den Offizieren, die ihn besuchten, dass Heister ihn wie einen Bruder behandelt habe, und dass er sie ebenso behandeln wollte. Er begleitete sie bei ihrem Besuch bei General Washington und lud einige von ihnen zum Diner ein. Washington erwies dieselbe Höflichkeit einigen von den anderen. Einer von seinen Gästen hat in seinem Tagebuch einen Vermerk über den Eindruck hinterlassen, den der berühmteste unter den Amerikanern auf ihn gemacht hat: »Diesem General sieht man in seinem Gesicht nicht die Grösse an, welche ihm im allgemeinen beigemessen wird. Seine Augen haben kein Feuer, aber die freundliche Art seines Ausdrucks, wenn er spricht, flösst Zuneigung und Hochachtung ein.«

Wiederhold schreibt: »Am 28. dinierte ich, wie gesagt, ebenso wie mehrere andere Offiziere, mit General Washington. Er that mir die Ehre an, sich viel mit mir über die unglückliche Affaire zu unterhalten, und da ich ihm frei heraus die Ansicht äusserte, dass unsere Massregeln schlecht gewesen wären, andernfalls wir nicht in seine Hände gefallen wären, fragte er mich, ob ich bessere Massregeln getroffen hätte und in welcher Weise. Darauf sagte ich Ja; erwähnte alle Fehler, welche begangen worden waren, und zeigte, was ich gethan haben und wie ich mit Ehren aus der Verlegenheit gekommen sein würde. Er billigte dies nicht nur, sondern sagte mir auch einiges Schmeichelhafte darüber, sowie auch über meine Wachsamkeit und den Widerstand, den ich mit meinen wenigen Leuten in der Postenlinie am Morgen des Angriffes gemacht hätte. General Washington ist ein zuvorkommender und eleganter Mann, aber scheint sehr polite und reserviert zu sein, spricht wenig und hat eine schlaue Physiognomie. Er ist nicht sehr gross, aber auch nicht klein, sondern von Mittelgrösse, und hat eine gute Figur.« Es ist interessant, sich diese Szene vorzustellen — das Wohnzimmer im Farmhaus, das Feuer aus dickem Scheitholz, die triefenden Lichter, die Bowle mit rauchendem Punsch und General Washington die Kriegskunst erörternd mit seinem Gefangenen, der, obwohl nur ein Lieutenant, ausländischen Kriegsdienst kennen gelernt hat und wohl wert ist, angehört zu werden.

Die Gefangenen wurden binnen Kurzem nach Pennsylvanien und Virginien befördert. Überall strömte das Volk zusammen, um sie zu sehen, und wenn den fremden Eindringlingen in ihrem Unglück manchmal mit Flüchen und Verwünschungen begegnet wurde, so dürfen wir diejenigen nicht zu scharf beurteilen, deren Söhne und Brüder von den Hülfstruppen umgebracht werden sollten.

Wir werden beinahe finden, dass die Wage sich zu Gunsten der Amerikaner neigt, welche bei vielen Gelegenheiten ihren Feinden mit Vergebung und Freundlichkeit begegneten. Die Begleitmannschaft der Gefangenen that beständig ihre Pflicht und gelang es ihr, diese vor allem Schlimmeren als Beschimpfungen zu bewahren. Die hessischen Offiziere und Leute wurden von einander getrennt, und es ist nicht uninteressant, ihren Wanderungen bis ins Einzelne zu folgen. Die Offiziere waren in Philadelphia und statteten General Israel Putnam am Neujahrstag einen Besuch ab. »Er schüttelte jedem von uns die Hand,« sagt einer in seinem Tagebuch, »und wir mussten Alle ein Glas Madeira mit ihm trinken. Dieser alte Graubart mag ein guter, ehrlicher Mann sein, aber niemand anders als die Rebellen würden ihn zum General gemacht haben.«

Die Offiziere wurden, nachdem sie in Dumfries und im Thal von Virginia einquartiert waren und viele kleine Beschwerden zu ertragen gehabt hatten, im Dezember 1777 nach Fredericksburg gebracht, wo sie mit grosser Gastfreundschaft und Güte behandelt wurden. Wiederhold wird förmlich pathetisch bei dem Gedanken, von seinen dortigen Freunden Abschied zu nehmen. Die Gefangenen hatten in grosser Gunst bei den Damen der Nachbarschaft gestanden, welche, wie der Lieutenant sagt, »schön, zuvorkommend, gütig, bescheiden und vor Allem sehr natürlich und ungezwungen waren.«

16 Damen »ersten Ranges« verabredeten sich nebst einigen Herren, den Kapitän in seinem Quartier zu überraschen, wovon er vorher heimlich unterrichtet worden war. Er erzählt uns, dass sie kamen und nur eine Stunde zu bleiben beabsichtigen, doch schliesslich von 1/2-4 bis 10 Uhr abends blieben. General Washingtons Bruder, Schwester und Nichte waren darunter. Die deutschen Offiziere regalierten ihre Gäste mit Thee, Kaffee, Chokolade, Claret-Wein und Kuchen, und unterhielten sie mit Instrumental- und Vokal-Musik, an welcher sich die Damen manchmal beteiligten. »In Europa würden wir keinen grossen Beifall geerntet haben, aber hier galten wir für Meister. Sobbe spielte die Flöte, Doktor Oliva die Violine und ich die Guitarre. Wir wurden so mit Beifall überschüttet, dass wir ganz beschämt waren. Ihre Freundschaft für uns war zu gross. Einige von den amerikanischen jungen Herren wurden eifersüchtig.«

Alle diese Freundlichkeit machte Eindruck auf die Gefangenen. In Dumfries 9 Monate vorher, hatte Wiederhold in sein Tagebuch niedergeschrieben, dass er lieber ein kleines Gut in Hessen besitzen wolle, als die grösste Besitzung in Virginia und dass Amerika für solche Leute gut wäre, welche zu Hause dem Galgen entronnen wären. Nun ist er aber beim Verlassen von Fredericksburg ganz traurig, obschon es galt, zur Armee nach Philadelphia zurückzukehren. Indessen hatte er persönliche Gründe hierfür. »Es war sicherlich eine grosse Sache, sich so grosser Freundschaft, ja, ich möchte sagen, Liebe zu erfreuen von Leuten, deren Feinde wir waren und gegen die wir bald wieder als Feinde auftreten mussten.

Sagte doch eine Schöne zu mir, welche mir so innig zugethan war: »Wollte Gott, Sie könnten hier bleiben und dass ich niemals so unglücklich sein müsste von ihnen zu scheiden, so wie ich es morgen thun muss und vielleicht für immer. Aber gehen Sie, wo Ehre und Pflicht Sie hinruft und bleiben Sie glücklich!« Dies war Seelengrösse, wie sie nicht allen Rebellen innewohnt, denn sie war eine gute Amerikanerin in ihren Gesinnungen, schön und reich.« Kein Wunder, dass der Lieutenant die Meilen zählte, als er von Fredericksburg abmarschierte.

Die Soldaten erreichten Philadelphia einige Tage später als die Offiziere. Über ihren Empfang durch die Volksmenge schreibt ein Korporal in seinem Tagebuch: »Gross und Klein, Alt und Jung, standen da um zu sehen, was für eine Sorte Sterblicher wir wären. Als wir gerade vor sie kamen, sahen sie uns scharf an. Die alten Weiber schrien schrecklich und wollten uns erwürgen, weil wir nach Amerika gekommen wären, um ihnen die Freiheit zu rauben. Einige Andere brachten uns trotz allen Schimpfens Schnaps und Brod, um es uns zu geben, aber die alten Weiber wollten es nicht erlauben, und uns obendrein noch erwürgen. Unsere amerikanische Begleitmannschaft hatte von Washington Befehl erhalten uns in der Stadt überall herumzuführen, damit Jedermann uns sehen sollte; aber das Volk drängte sich in uns hinein mit grosser Wut und überwältigte beinahe die Begleitmannschaft, so dass, als wir uns den Baracken näherten, unser kommandierender Offizier sagte: »Liebe Hessen, wir wollen in diese Baracken marschieren.« Wir thaten es, und das ganze amerikanische Detachement musste dem wütenden Volke Einhalt thun. Warum der amerikanische Offizier seine Gefangenen in so liebevoller Weise anredete, scheint nicht klar, aber ein grosser Grad von Vertraulichkeit scheint sich zwischen ihnen ausgebildet zu haben. Eelking erzählt eine Geschichte, die aber, cum grano salis, aufgenommen werden muss, dass, als der Transport im Herbst 1777 von Lancaster nach Winchester geführt wurde, und an die Grenze von Virginia kam, die pennsylvanische Eskorte sich weigerte, weiter zu marschieren und nicht den Fuss auf den geheiligten Boden setzen wollte. In der That zerstreuten sie sich, und alle gingen nach Hause. Die Eskorte, die von Winchester hatte kommen sollen, um sie zu treffen, war nicht angekommen. Der Kapitän, der das Kommando über die Pennsylvanier gehabt hatte, war ein Mann von grosser Geistesgegenwart und Menschenkenntniss. Er sagte zu den Hessen, deren Zuneigung er durch seine Menschlichkeit gewonnen hatte, dass sie ohne Eskorte weiter marschieren müssten, da er selbst nach Winchester vorauseilen müsste. Er vertraute den Gefangenen und versprach ihnen gute Behandlung bei ihrer Ankunft. Darauf verliess er sie. Die Gefangenen, wenn man sie überhaupt so nennen kann, denen Niemand wehrte, marschierten weiter in guter Ordnung. Am dritten Tage kam der alte Kapitän mit einer virginischen Eskorte zurück und fand alle Hessen durch Namensaufruf zur Stelle, nur einige gewissenlose Engländer waren verschwunden. Die Deutschen wurden darauf alle mit Branntwein traktiert, während die englischen Gefangenen ihren Marsch ohne diese Erfrischung wieder aufnehmen mussten. Die Hessen erhielten fortan viele Vergünstigungen.

Washington soll die Stimmung im Volke dadurch beruhigt haben, dass er bekannt gab, die Hessen seien gegen ihren Willen nach Amerika gekommen. Das Loos der Gefangenen scheint nicht übermässig hart gewesen zu sein. Viele der gemeinen Soldaten vermieteten sich als Knechte auf die Farmen und erhielten Verpflegung und Lohn.

So viele als von Washingtons kleiner Armee dienstfähig blieben, überschritten in den letzten drei Tagen des Dezember den Delaware wieder und wurden schleunigst unter Cadwaladers und Mifflins Kommando vereinigt. Dadurch wurde ihre Zahl auf ungefähr 5000 gebracht, von denen 3/5 des Militärdienstes unkundig waren. Gegen diese kleine Truppenmacht ging Cornwallis mit einer grösseren Zahl von britischen und hessischen Veteranen vor. Er kam mit seiner ganzen Streitmacht von Princeton über Maidenhead, trotz Donops Rat, in zwei Kolonnen auf beiden Seiten des Assanpink zu marschieren. Am 2. Januar 1777 fand ein Geplänkel statt, bei dem Lieutenant von Grothausen von den Jägern, welcher von Trenton 7 Tage vorher entkommen war, ohne seine volle Schuldigkeit gethan zu haben, wie behauptet wurde, fiel. Eelking erzählt, dass er von einigen Scharfschützen erschossen wurde, welche ihn unter dem Vorwande sich zu ergeben, anlockten.

Am Nachmittag des 2. Januar standen sich die englische und amerikanische Armee auf beiden Seiten des Assanpink-Flusses gegenüber. Vergeblich drängten unsere Offiziere Cornwallis, sofort anzugreifen. Die Sonne war im Untergehen, die Brücke war erfolgreich verteidigt worden, die englische Armee musste den Strom durchwaten, um an den Feind heranzukommen, und der Ausgang schien zweifelhaft. Der britische General entschloss sich, den Angriff auf den folgenden Tag zu verschieben. Washington wagte nicht, das Schicksal Amerikas auf die Widerstandsfähigkeit seiner undisziplinierten Milizen hin zu riskieren. Die Nacht war kalt und die Strassen in gutem Zustand für das Passieren der Artillerie. Es wurde Holz auf die amerikanischen Wachtfeuer gelegt und eine Wache zurückgelassen, um es zu unterhalten. Inzwischen marschierte die amerikanische Armee durch die helle Januarnacht ab, umging Lord Cornwallis linke Flanke und griff um 9 Uhr morgens 3 englische Regimenter zu Fuss und 3 Kompagnien zu Pferde bei Princeton an. Die Amerikaner warfen sie, töteten und verwundeten ungefähr 200 Mann und machten 230 Gefangene, unter denen 14 britische Offiziere waren. Der amerikanische Verlust an Leuten war gering, aber schwer an Offizieren infolge eines Unfalles bei Beginn der Affaire. Dieser Sieg bei Princeton war das letzte Ereignis des Feldzugs, welches den Namen einer Schlacht verdient. Die Briten verliessen den grössten Theil von New-Jersey und blieben nur in New-Brunswick, Amboy und Paulus Hook. Aber die Vorposten der beiden Armeen unterhielten ein Geplänkel den ganzen Winter hindurch. So wurde am 5. Januar 1777 eine Abteilung von 50 Waldeckern von einer an Zahl nicht stärkern Abteilung Milizen angegriffen, welche 8 oder 10 töteten und die Übrigen, einschliesslich 2 Offizieren, zu Gefangenen machten.

In dieser scharmützelnden Art der Kriegführung nahmen, so weit es die Hessen betraf, die Jäger oder Chasseurs, wie sie die Engländer und Amerikaner nannten, den Hauptanteil. Sie waren gelernte Schützen und rekrutierten sich aus den Jägern und Forstleuten von Deutschland. Eine Kompagnie derselben war mit von Heister im August 1776 nach Amerika gekommen, eine zweite unter Kapitän Ewald mit von Knyphausen im Oktober. Sie hatten sich als so nützlich erwiesen, dass ihre Zahl durch einen speziellen Vertrag mit dem Landgraf während des Winters 1777 auf 1067 Mann erhöht wurde, in 5 Kompagnien formiert, von denen eine zu Pferde war. Andere Kompagnien wurden von Hanau und Anspach besorgt. Nach dem Sommer 1777 war das Korps unter dem Befehl von Oberstlieutenant von Wurmb, aber die Kompagnien oder detachierten Teile fochten im Allgemeinen getrennt. Es gab wenige Operationen von einiger Wichtigkeit, an welchen die Jäger nicht Teil nahmen. Wir glauben gern, dass sie manche kühne und glückliche Streiche ausführten, müssen aber die Achseln zucken, wenn wir belehrt werden, dass die amerikanischen Milizen breitgeränderte Hüte trugen, welche sie über die Augen herunter gezogen haben sollen, um sie gegen Wind und Schnee zu schützen, so dass die Jäger imstande waren, sich bei hellem Tage an sie heranzuschleichen und sie niederzumachen oder zu entwaffnen, bevor sie eine Ahnung davon hatten. Diese Yankees sind gewöhnlich so sehr schläfrige Kerls (Eelkings »Hülfstruppen« I. S. 182).

Ewald erzählt uns, dass zu Anfang des Jahres 1777 Lord Cornwallis sich entschloss Boundbrook in New-Jersey, welches von 1000 Amerikanern unter Oberst Butler gehalten wurde, zu überraschen. Der Angriff sollte in 3 Kolonnen ausgeführt werden. Die erste unter General Mattheus sollte einen Scheinangriff auf die Front der amerikanischen Werke machen. Die zweite unter Cornwallis sollte über Somerset nach links Butlers Stellung umgehen und sie im Rücken fassen. Die dritte sollte rechts über Greenbrook marschierend, dem Feinde den Rückzug nach Morristown abschneiden. Ewald kommandierte die Avantgarde der 1. Division. Die Strasse von Raritan Landing nach Boundbrook, welche in einer Länge von 2-1/2 Meilen an der linken Seite des Raritan River entlang führt, endigt in einen Damm über einen Morast. Durch diesen floss ein Bach, über welchen eine steinerne Brücke führte. Um die Brücke und den Damm zu beherrschen, hatten die Amerikaner eine Brücke gebaut.

Die Division brach ungefähr um 2 Uhr morgens auf. Halbwegs Boundbrook glaubte Ewald, der wie gewöhnlich an der Spitze war, er sähe etwas sich bewegen. In der Hoffnung, eine feindliche Patrouille zu überraschen, schickte er einen Mann mit dem Befehl zurück, dass der Rest seiner Leute leise nachkommen sollte. Er wurde indessen entdeckt und angerufen. Indem er seine Leute mit leiser Stimme heranrief, avancierte er bis dicht an den Feind heran, der sich als ungefähr 30 Mann stark herausstellte. Diese gaben eine Salve ab und verschwanden, Ewald hinter ihnen her. Entgegen den Befehlen gaben die Jäger auch einige Schüsse ab. Es würde besser gewesen sein, sagt Ewald, ihnen langsam zu folgen, da sie die Jäger für eine gewöhnliche Patrouille gehalten haben mochten, eine ebensolche, wie man auf dieser Strasse beinahe jede Nacht begegnete. Ewald hoffte indessen, über den Damm und in die Redoute gleichzeitig mit den Amerikanern zu gelangen, aber die Entfernung war zu gross und der Tag brach an. Er war seiner Nase nachgegangen und hatte vergessen, hinter sich zu sehen, bis er ungefähr 100 Schritt von der Redoute entfernt, sich einem heftigen Feuer ausgesetzt sah, durch welches einige seiner Freiwilligen verwundet wurden. Dann sah er sich um und bemerkte, dass seine ganze Truppe aus 1 Lieutenant und 7 Mann bestand. Mit diesen warf er sich auf die Brücke, die kaum 40 Schritt von der Redoute entfernt war und deckte sich hinter die steinerne Brustwehr. Er hoffte, dass mehr von seiner Abteilung zur Unterstützung kommen würden, aber es stellte sich heraus, dass General Mattheus der Kolonne befohlen hatte zu halten, da er nicht unnötig Menschenleben opfern wollte. Ewalds 7 Schützen unterhielten das Feuer auf die Schiessscharten der Redoute und ihr Feuer wurde lebhaft beantwortet, aber es wurde Niemand auf beiden Seiten getroffen. Nach kaum 1/4 Stunde hatten sie das Vergnügen, heftiges Feuer jenseits der Redoute zu hören, welche von Cornwallis im Rücken angegriffen war. Die Besatzung verliess das Werk, und Ewald mit seinem Lieutenant und 7 Mann ging vor um Besitz davon zu ergreifen, und nahm obendrein 12 Mann gefangen. »Aber«, sagt Ewald, »es war mein Fehler, dass Lord Cornwallis nur 150 Gefangene und 2 Kanonen machte anstatt 1000 Mann. Denn der Feind war durch das Feuer der Redoute geweckt und bekam Zeit, mit General Lincoln zusammen zu entkommen.«

Hier möge noch eine andere Anekdote von Ewald folgen, die diese Campagne betrifft: »Als wir zu Anfang des Jahres 1777 während des amerikanischen Krieges in New-Brunswick in Jersey lagen, hatte ich den Befehl über das äusserste Ende der Piquetlinie bei Raritan Landing an der Strasse nach Boundbrook. Dieser Posten konnte nur durch grosse Wachsamkeit und den guten Willen und die Liebe der Jäger zu mir gehalten werden. Wir schlugen uns täglich mit den Amerikanern herum, denn wir waren nur eine Meile von einander entfernt. Eines Morgens um das Frühjahr herum, krochen die Amerikaner unter dem Schutze eines dicken Nebels so nahe an einen meiner Posten heran, dass sie eins meiner Piquets in demselben Moment erreichte, wie eine Patrouille, die ich vorgeschickt hatte, und die geworfen wurde. Sie stürzten auf mich los so schnell sie innerhalb 200 Schritt von mir konnten. Glücklicherweise war ein tiefeingeschnittener Weg zwischen uns, in welchen ich mich mit 16 Jägern hineinwarf, indem ich Lieutenant Hinrichs zurief, meine rechte Flanke mit dem Rest der Leute zu decken, bis Kapitän von Wreden mit seiner Kompagnie heraufkäme. Gerade als ich den eingeschnittenen Weg erreichte, erhielt ich heftiges Feuer von einem Regiment leichter Infanterie unter Oberst Buttler, woraufhin meine Leute, welche sonst brave Burschen waren, den Kopf verloren und wegliefen. Erstaunt, wie man wohl glauben mag, rief ich hinter ihnen her: »Ihr mögt zum Teufel rennen, aber ich bleibe hier allein stehen.« In diesem Moment bemerkte ich, dass ein Mann, Jäger Bauer, bei mir stehen geblieben war. Er antwortete: »Nein, Sie sollen nicht allein bleiben,« und er rief den Jägern, welche sich fort machten, nach: »Jungens, halt, ein Schuft, der wegläuft!« Nachdem er diese Worte einigemal nachgerufen hatte, kamen sie alle zurück und kämpften als brave Burschen. Die Amerikaner, welche fortwährend ein ununterbrochenes Feuer unterhalten hatten, waren die schreckliche Verlegenheit, in der ich gewesen war, nicht gewahr geworden. Kapitän Wreden und die leichte Infanterie von der englischen Garde unter Oberst Osborne kam zu unserer Unterstützung, und die Amerikaner wurden mit grossem Verlust zurückgeworfen und beinahe bis nach Boundbrook getrieben.« Jäger Bauer, der bei dieser Gelegenheit bei Ewald stand, war ein unbedeutend aussehender Bursche aus dem Anspacher Distrikt. Ewald hatte sich erst geweigert, ihn in seine Kompagnie einzustellen wegen seines Äussern, doch hatte er sich durch die Vorzüglichkeit seines Schiessens bewegen lassen ihn einzureihen. Kurz nach der oben erwähnten Affaire gab Bauer einen andern Beweis seiner Verwegenheit. Am Morgen des 25. Mai fiel Ewald mit einer Abteilung von 11 Jägern und 30 Dragonern in einen Hinterhalt in der Nähe von Boundbrook. Sie wurden umzingelt und waren in Gefahr gefangen genommen zu werden, und gerade in diesem Moment stürzte Ewalds Pferd und der Kapitän lag auf dem Wege. Als die Jäger, die eine kleine Strecke entfernt waren, das Pferd ihres Kapitäns reiterlos auf sie loskommen sahen, erschien Bauer mit zwei Andern plötzlich, um den ver letzten Offizier in Sicherheit zu bringen. Sie trugen ihn mitten im Kugelregen zurück, und als sie ihn an einen sicheren Ort gebracht hatten, bemerkte Bauer, dass Ewalds Hut fehlte. »Wir müssen ihn wiederkriegen, sagte er, »oder sie werden morgen den Hut unseres Hauptmanns im Triumph nach Boundbrook hineintragen.« Sie liefen wieder zurück und brachten wirklich den Hut trotz aller Kugeln zurück.

Ewald versichert, dass Oberst Reed vor dem Überfall von Trenton Donop zweimal besuchte, unter dem Vorwand, Gefangene auszuwechseln, aber in Wirklichkeit um zu rekognoszieren. Er erzählt darüber die folgende Geschichte:

»In derselben Weise kamen die beiden Obersten Hamilton und Schmidt mit einem Trompeter an den Posten, welchen ich bei New-Brunswick in Jersey im Anfang der Campagne von 1777 festhielt, nachdem General Howe von New-Brunswick nach Milztown vorgegangen und wieder zurückmarschiert war. Sie hatten unwichtige Briefe an General Grant von zwei englischen Offizieren seiner Brigade, welche am Tage vorher durch ihre eigene Schuld gefangen genommen worden waren, indem sie zum Vergnügen umhergeritten waren. Ich gab diesen beiden Herren, welche sehr elegante und höfliche Leute waren, zu verstehen, dass ich ihre Absicht wohl gemerkt hätte, und gab ihnen den wohlgemeinten Rat, sich so schnell als möglich fortzumachen und mich so bald nicht wieder zu besuchen. Hierüber schienen sie sehr erstaunt zu sein, befolgten aber meinen Rat mit grosser Eile. Ich würde sie sicherlich zur Verhaftung nach dem Hauptquartier mit verbundenen Augen geschickt haben, wenn ich nicht gewusst hätte, dass das Volk über eine so weise Massregel gegen Amerikaner gelacht haben würde. Das Beste wäre, wenn solche Herren zu unpassender Zeit mit Botschaften kommen, sie wenigstens für einen halben Feldzug mit sich zu nehmen.«

Ich glaube nicht im mindesten, dass Hamilton zu den britischen Vorposten mit der Absicht gegangen war, die ihm hier unterstellt wird, und ich glaube sicher, es geschah, wenn er es that, ohne Mitwissen von Washington. Indessen hat man keinen Grund zu bezweifeln, dass ihm Ewald argwöhnte und ihn in der beschriebenen Weise entliess.

Es wurden nun im Winter von 1776 auf 77 Unterhandlungen eingeleitet, infolge deren Generallieutenant von Heister abberufen wurde von dem Kommando über die hessischen Truppen und Generallieutenant von Knyphausen ihm folgte. Lord Suffolk hatte auf die Rückberufung gedrungen aus dem Grunde, weil Sir William Howe nicht zufrieden war mit Heister. Inwieweit Sir Williams Abneigung gegen ihn an rein persönlichen Gründen gelegen hat, oder in wieweit der Argwohn gerechtfertigt sein mag, dass Heister zu sehr »auf die Erhaltung der unter seinem Befehl stehenden Truppen« bedacht war, ist jetzt vielleicht nicht mehr möglich zu entscheiden. Aber wir wissen, dass Howe bereits vor der Affaire von Trenton mit Heister unzufrieden war, zu einer Zeit, als die englischen Verluste entschieden schwerer gewesen waren als die hessischen. Heister hatte durch den Vertrag zwischen dem König von England und dem Landgraf das Recht des unmittelbaren Befehls über ungefähr die Hälfte von Sir William Howes Armee. Die Abmachungen in dem Vertrage waren unbestimmt genug, um zu vielen Streitfragen Anlass zu geben. Heister soll widerspenstig gewesen sein. Jedenfalls kam er mit seinem Oberbefehlshaber nicht gut aus. Dies dürfte ein genügender Grund gewesen sein, um ihn abzuberufen.

Die englische Regierung zog es vor, nicht offen mit dieser Sache hervorzutreten, sondern die Rückberufung wurde durch den Landgraf veranlasst auf Grund von Heisters Gesundheit und Alter und nur »für eine gewisse Zeit«. Es war aber wohl begreiflich, dass der alte General in Ungnade von dannen ging. Der Landgraf schreibt an Knyphausen: »Nichts als die vollkommene Vernachlässigung aller Ordnung und Disziplin kann diese Schande (von Trenton) über uns gebracht haben. Ich halte es für sehr nötig, über die Sache mit Generallieutenant von Heister zu sprechen, und seine Gesundheit ist obendrein für das Klima dort drüben nicht stark genug. Ich schreibe ihm deshalb, hierher zu kommen für eine gewisse Zeit und übertrage das Kommando ad interim über meine Truppen in Amerika auf Sie.« Heister verstand vollkommen, dass er in Ungnade gefallen war und starb zwei Monate, nachdem er Cassel erreicht hatte, aus Kummer und Sorge.

Im Anfang des Frühjahrs 1777 beliefen sich die wirklichen Besitzungen des Königs von England auf amerikanischem Boden auf folgende: Im Staate New-York: die Insel im Hafen und etwa ein kleines Stück von West Chester County bei Kings Bridge. In New-Jersey: Amboy, New-Brunswick und Paulus Hook. In Rhode Island die eigentliche Insel. Aber die Wichtigkeit dieser Posten war ausser allem Verhältnis zu ihrer Ausdehnung. Sir William Howe kommandierte eine nach modernen Begriffen allerdings kleine Armee, die aber gross genug war um die von Washington an Zahl zu übertreffen, und die aus disziplinierten Truppen, darunter viele Veteranen, gebildet war, während die amerikanische Armee eine veränderliche, hauptsächlich aus Milizen bestehende Masse war. Der Kongress hatte an einem der letzten Tage des Jahres 1776 bestimmt, dass Washington bevollmächtigt sei, auszuheben, zu organisieren und mit Offizieren zu versehen: 16 Bataillone Infanterie, 3000 Mann leichte Kavallerie, 3 Regimenter Artillerie und ein Korps von Ingenieuren. Aber diese Truppen, die erste Armee der vereinigten Staaten, als solche, zusammen mit den 88 Bataillonen, welche gleichzeitig von den einzelnen Staaten aufgestellt werden sollten, existierten bis jetzt hauptsächlich auf dem Papier. Am 14. März 1777 schreibt Washington an den Kongress: »Nach der genauesten Schätzung, welche ich machen kann, erreicht unsere Gesamtstärke in Jersey, welche augenblicklich dienstfähig ist, nicht die Zahl 3000. Diese, ausgenommen 981 Mann, sind Milizen und bleiben nur bis zum letzten dieses Monats zum Dienst verpflichtet. Die Truppen, die in der Ausbildung begriffen sind, belaufen sich, einschliesslich des Personals, auf ungefähr 1000.« Sir William Howes Armee kann zu dieser Zeit schwerlich weniger als 25 000 Mann betragen haben.

Die Handvoll Leute, welche die Sache der Freiheit Amerikas aufrecht erhielt, war ohne Geld, ohne Kredit, oft ohne Kleidung. Gegen diese wurde die Kriegsmacht eines grossen Reiches gesetzt, die Loyalität, angefeuert durch eine alte Monarchie, einen unbegrenzten Kredit, unberechenbare Hülfsquellen. Eine zweite britische Armee bereitete sich vor, von Kanada aus mit der von Sir William Howe zusammen zu operieren und, indem sie die Hudson-Linie besetzte, das Land in zwei Teile zu teilen. Die Amerikaner konnten nicht auf fremde Hilfe rechnen, bis sie nicht die Fähigkeit, sich selbst zu helfen, gezeigt hätten. Ihre Hoffnung konnte sich nur gründen auf die eigene Standhaftigkeit, und auf den Genius und die patriotische Tapferkeit ihres grossen Führers.


[Kapitel X.]

Die Braunschweiger in Canada 1776.

Das Braunschweigische Kontingent der deutschen Truppen, welches von England zur Unterdrückung der Revolte in ihren Nord-Amerikanischen Kolonien gedungen war, wurde von Baron Friedrich Adolph von Riedesel befehligt. Er stammte aus einer adeligen hessischen Familie und war im Jahre 1738 geboren. Im Alter von 15 Jahren war er nach Marburg geschickt worden, um Rechtswissenschaft zu studieren, obschon er kaum schreiben konnte und nur einige wenige lateinische Brocken gelernt hatte. Ein Bataillon hessischer Infanterie stand damals in Marburg, und Riedesel sah lieber den Soldaten zu, als dass er den Professoren der Universität zuhörte. Der Major, der die Bekanntschaft des Jungen gemacht hatte, hoffte ihn als Rekruten zu bekommen. Er gab Riedesel den Rat, in seine Kompagnie mit der Aussicht auf Avancement einzutreten und sagte ihm obendrein, dass er mit seinem Vater gut bekannt sei und an ihn schreiben würde, um seine Einwilligung zu diesem Plane zu erbitten. Kurz darauf sagte der Major zu Riedesel, dass er von seinem Vater gehört, er habe in seine Einstellung eingewilligt. Der Junge war über diese Nachricht entzückt und wurde sofort für den Dienst gemustert. Indessen, als er seinem Vater schrieb, um sich zu bedanken, erhielt er eine sehr enttäuschende Antwort. Baron von Riedesel hatte nie etwas von dem Major gehört und hätte nie seinem Sohn die Erlaubnis gegeben, den für ihn gewählten Beruf zu verlassen. Nun aber, da der junge Mann in den Dienst eingetreten sei, erforderte es die Ehre, seinen Farben treu zu bleiben, aber er brauchte auf keine weitere Unterstützung von Seiten seines Vaters zu rechnen. Es blieb dem jungen Riedesel nichts übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen. Die ganze Angelegenheit ist nur ein Beispiel von dem deutschen Rekrutierungs-System der damaligen Zeit.

Der Landgraf von Hessen-Cassel, hatte einige seiner Regimenter an England geliehen. Riedesel ging mit seinem Bataillon dorthin mit dem Rang als Fähnrich. Er war indessen nicht so lange dageblieben, um die Sprache vollkommen zu erlernen, denn sein Regiment war nach Deutschland zurückbeordert worden, um am siebenjährigen Kriege Teil zu nehmen, in welchem England mit Preussen und einige kleinere deutsche Staaten Frankreich, Österreich, Russland und Schweden gegenüberstand. Von dieser Zeit an war Riedesels Avancement rapide. Er wurde ein Günstling von Prinz Ferdinand und vertauschte den hessischen Dienst mit dem braunschweigischen. Beim Ausbruch der amerikanischen Revolution war er bis zum Range eines Obersten aufgestiegen und wurde General an dem Tage, an dem er an der Spitze des Kontingents aus Braunschweig nach Amerika ausmarschierte.

Riedesel sah nichts Entehrendes in der Thätigkeit, zu der er berufen war. Er war Soldat von dem Typus, der dem 18. Jahrhundert eigen ist, und in militärischen Dingen kannte er nichts anderes als seine Befehle. Er war überdies ein zärtlicher Gatte und Vater, und seine Frau und Kinder sollten ihm nach der Neuen Welt nachfolgen, sobald es die Gesundheit der ersteren erlauben würde. »Liebste Frau,« schrieb er von seinem ersten Halt, »nie habe ich mehr gelitten, als heute früh bei meiner Abreise. Mein Herz brach mir, und hätte ich zurückgekonnt, wer weiss was ich gethan hätte! Aber, meine Liebe, Gott hat mir diesen Beruf gegeben, ich muss ihm folgen; Pflicht und Ehre verbinden mich dazu; man muss sich also trösten und nicht murren.«

General Riedesel brach von Braunschweig am 22. Februar 1776 nach Stade an der Elbe auf, an der Spitze von 2282 Mann. Die Truppen wurden zwischen dem 12. und 17. März eingeschifft und gingen am 22. März in See. Es waren 77 Soldatenfrauen mit dieser Division. Der Rest des braunschweigischen Kontingents marschierte im Monat Mai nach Stade. Die einzelnen Teile zusammen beliefen sich auf die Gesamtsumme von 4300 Mann. Das Regiment von Hessen-Hanau, 668 Mann stark, schloss sich der Expedition in Portsmouth an. Die Braunschweiger wurden besichtigt und für den englischen Dienst gemustert durch den Oberst Faucitt, welcher von dem Aussehen der Soldaten nicht befriedigt war. Viele waren zu alt, viele nur halbwüchsige Jungen. Die Uniformen der ersten Division waren so schlecht, dass die englische Regierung gezwungen war, Riedesel 5000 £ vorzuschiessen, um die Leute in Portsmouth neu auszurüsten. Er wurde von den englischen Lieferanten betrogen, denn als man die Kisten mit Schuhen auf der See öffnete fand man Damenschuhe darin enthalten. Für einen Feldzug in Canada waren keine Mäntel vorgesehen. Neue Uniformen für die erste Division wurden im Laufe des Sommers nachgeschickt.

Der General war von dem Geiste seiner Truppen sehr befriedigt. »Ich weiss die Zufriedenheit unserer Soldaten nicht genugsam zu beschreiben, — — alles ist munter und guter Dinge,« schreibt er von Bord des Schiffes aus an seinen alten Chef, Prinz Ferdinand von Braunschweig. Bald indessen gesellte sich die Seekrankheit zu der Unbequemlichkeit auf den vollgepfropften Schiffen. »Die Soldaten sind meistens alle seekrank gewesen. Die meisten sind es noch, wie auch meine Leute«, schreibt Riedesel an seine Frau von Dover aus. »Der arme Koch ist es so sehr, dass er gar nicht arbeiten, ja nicht einmal den Kopf aufheben kann. Das ist eine grosse Unbequemlichkeit für uns, denn Kapitän Foy und ich müssen unsere Küche selbst besorgen, welches Dich belustigen würde, wenn Du es sähest.« Vor Beendigung der Reise war das Wasser verdorben.

Die Flotte von 30 Schiffen lichtete die Anker in Portsmouth am 4. April und kam vor Cap Gaspé am 16. Mai an, vor Quebec am 1. Juni. Riedesel erhielt hier das Kommando über ein besonderes Korps, welches aus 1 englischen und 2 deutschen Bataillonen mit 150 Canadiern und 300 Indianern bestand und den St. Lawrence-Strom entlang zwischen Quebec und Montreal postiert war. »Das hiesige Land wird Dir sehr gefallen; es ist so schön, wie es nur sein kann,« schreibt Riedesel am 8. Juni an seine Frau; und weiter sagt er am 28.: »Du wirst die Gegenden hier herrlich finden, nur schade, dass die Kolonien noch in ihrer Kindheit sind, und man also Gemüse, Obst und andere dergleichen zu einem guten Tisch gehörige Sachen sehr selten findet; Fleisch, Geflügel und Milch aber hat man im Ueberfluss. Die Häuser sind alle nur von einem Stockwerk, haben aber inwendig viele Zimmer und sind sehr reinlich. Die Einwohner sind überaus höflich und dienstfertig, und ich glaube nicht, dass unsere Bauern bei einer ähnlichen Gelegenheit sich so artig bezeigen würden.«

Nachrichten bekam man zu jener Zeit so spät, dass die Niederlage von Montgomery und Arnold vor Quebec am 31. Dezember 1775 in England noch nicht bekannt war, als die Flotte von dort absegelte. Riedesel und seine Begleiter hörten erst davon auf ihrem Wege den St. Lawrence-Strom hinauf. Kurz nach ihrer Ankunft wurde Canada von den »rebellischen« Truppen bis zum Nordende von Lake Champlain gesäubert, auf welchem See die Amerikaner eine Flotte improvisirt hatten, bestehend aus 4 Schaluppen, 8 »Gondolas« und 3 Ruder-Galleeren. Den Sommer brachten die Briten damit zu, Kriegs- und Transportschiffe zu bauen, um den See hinauf vorzudringen. Die Truppen wurden einquartiert oder in Lager untergebracht den St. Lawrence- und Richelieu-Fluss entlang, und nur ein bedeutendes Scharmützel vermochte die gewohnte Thätigkeit des Drillens und Schanzenbaues und des gleichzeitig fortschreitenden Bootsbaues durch Rückwärtsmarschieren zu unterbrechen.

Am 23. Juni wohnte General Riedesel einer feierlichen Versammlung bei in der früheren Jesuitenkirche in Montreal von General Carleton, dem Gouverneur von Canada und den Häuptlingen der fünf Nationen. Alle höheren Offiziere der Armee waren dazu eingeladen worden und ungefähr 300 Indianer waren anwesend. Die europäischen Offiziere waren mit Stühlen auf dem Chor der Kirche versehen, der Gouverneur in der Mitte, den Hut auf dem Kopfe. Die Indianer sassen auf Bänken im Mittelschiff der Kirche und rauchten ihre Pfeifen. — Nachdem Reden gehalten und verdolmetscht waren, wurden die Dienste der Indianer durch den englischen General angenommen, und es wurden ihnen Stellungen angewiesen. Die Indianer reichten den europäischen Offizieren die Hände, und den Generalen Carleton, Burgoyne und Phillips wurden Skalpe von Rebellen geschenkt. Was die englischen Herren mit diesen reizenden Geschenken ihrer menschenfreundlichen Bundesgenossen thaten, ist nicht ersichtlich. Bei einer späteren Zusammenkunft, die General Carleton mit Indianern mehr von Westen her abhielt, erschien einer von diesen in der Uniform des General Braddock, welchen er getötet zu haben behauptete.

Von Montreal sagt Riedesel: »Diese Stadt ist in der That etwas feiner als Quebec und hat ungefähr 1600 Häuser. Sie ist von nichts anderem umgeben als einer Mauer mit Schiessscharten für Kanonen und Musketen, und was man Citadelle nennt ist ein Blockhaus in sehr schlechter Verfassung. Diese Werke waren im Jahre 1736 angefangen worden. Die ganze Insel Montreal, gleichwie auch die Stadt gehören dem Seminar.... In der Nähe dieses Seminars ist der beste Garten von ganz Canada, aber er ist nicht besser angelegt, als der von einer Privatperson bei uns zu Hause. Sie haben die meisten Arten der europäischen Pflanzen hier.« —

Schliesslich war am 9. September der Transport fertig, um auf dem Lake Champlain vorzudringen. Es war indessen notwendig, wegen der Kriegsfahrzeuge noch einen Monat länger zu warten. Sobald diese vollzählig waren, übertrafen sie die der Amerikaner um mehr als das doppelte, sowohl an Zahl als an Gewicht. Sie waren mit aufgegriffenen englischen Seeleuten bemannt, während die Schaluppen und Gondolas unter Benedict Arnold meistens von Nicht-Seeleuten bemannt und befehligt waren. Das Resultat war vorauszusehen. Arnold wählte am 10. Oktober 1776 eine unvorteilhafte Stellung zwischen Valcour Island und dem westlichen Ufer des Sees. Hier bestand er einen ungleichen Kampf am 11. und von da entwischte er in der folgenden Nacht, verwegen durch die Linie der britischen Flotte hindurchschlüpfend. Am 13. wurde er in der Nähe der Insel der vier Winde von Carleton eingeholt. Einige der Boote zertrümmerten, andere wurden auf den Strand gesetzt und verbrannt; nur fünf entkamen. Arnold und sein Haufe bewiesen die grösste Tapferkeit bis zu Ende; aber Tapferkeit allein konnte den Mangel an Seetüchtigkeit und die Minderzahl nicht ausgleichen. Einige von den Deutschen nahmen an dem Seegefecht vom 11. teil, und eins der Schiffe, auf dem die Hanauer Artillerie war, wurde durch das amerikanische Feuer zum Sinken gebracht. Die Soldaten und Seeleute, welche es bemannten, wurden indessen durch ein anderes Boot gerettet. —

Unmittelbar nach diesem Seekampf besetzte Carleton Crown Point ohne Gegenwehr. Streifparteien wurden bis in die Nähe von Ticonderoga vorgetrieben. Riedesel war am 22. oder 23. Oktober dieser Festung so nahe, dass er sie von einem Hügel aus vollkommen sehen konnte. Er dachte, sie könnte wohl leicht von der britischen Armee in Canada genommen werden, wenn die ganze Armee in Bewegung gesetzt werden würde, doch er rechnete die Stärke der eigentlichen Besatzung entschieden zu hoch. Sir Guy Carleton hielt es für zu spät, in diesem Herbst weitere Eroberungen zu unternehmen. Selbst Crown Point verliess er und zog sich nach der Nordspitze des Sees zurück.

Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre. Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit den Rebellen gezeigt hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.

Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam, waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.

Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31. Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden hatten.

Während des zweiten Teils des Winters gab Riedesel in Trois-Rivières jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20. Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten. »Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R—e, in ihrem schäbigen baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind, und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise, mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni 1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger eröffnete.


[Kapitel XI.]

Baronin Riedesels Reise 1776 und 1777.

Die Baronin von Riedesel war aufgebrochen, um sich mit ihrem Gemahl zu vereinigen und hatte ihre drei kleinen Töchter mit sich genommen, von denen die Älteste erst 4 Jahre und 9 Monate alt war und die Jüngste ein Säugling von 10 Wochen. Die Reise von Deutschland nach Kanada war in jenen Tagen keine leichte Sache, sie war weder frei von unberechenbaren wie wirklichen Gefahren. »Man stellte mir nicht allein die Gefahren zur See vor, sondern sagte mir auch, dass wir besorgen müssten von den Wilden gefressen zu werden; dass man sich in Amerika mit Pferdefleisch und Katzen ernährte; und doch schreckte mich alles dieses noch weniger als der Gedanke, in ein Land zu kommen, wo ich die Sprache nicht verstand. Inzwischen war ich auf alles gefasst, und der Gedanke, meinem Manne zu folgen und meine Pflichten zu erfüllen, hat mich im ganzen Lauf meiner Reise aufrecht erhalten.«

Die Baronin verliess Wolfenbüttel in der Nähe von Braunschweig am 14. Mai 1776 und reiste über Calais nach England. »In Mastricht warnte man mich, auf meiner Hut zu sein, weil die Wege durch Strassenräuber sehr unsicher gemacht wurden, deren in vierzehn Tagen 130 teils gehängt, teils auf andere Art hingerichtet worden, welches aber noch nicht der vierte Teil von denen wäre, die sich noch da befänden; und dass man sie gleich ohne weiteren Prozess auf den Landstrassen und an den Orten aufhinge, wo sie ihr Wesen trieben. Diese Nachrichten setzten mich sehr in Furcht, und ich nahm mir vor, nicht bei Nachtzeit zu reisen; da ich aber sehr schlechte Pferde bekam, so musste ich doch in der Dämmerung durch einen Wald, wo etwas hängendes mir durch das offene Fenster in den Wagen hineinschlug. Ich fasste darnach, und als ich etwas rauhes fühlte, fragte ich was es sei? — Es war ein Gehängter mit wollenen Strümpfen. Noch ganz erschrocken darüber, wurde mir noch weit mehr angst, als man vor einem ganz einsam stehenden Hause in diesem nämlichen Walde stille hielt, wo die Postillons nicht weiter fahren wollten. Der Ort hiess Hune, ich werde es nie vergessen! Ein Mann von ziemlich verdächtigem Aussehen empfing uns und führte uns in eine sehr abgelegene Stube, wo ich nur ein Bett fand.

Es war kalt, ich liess also Feuer in einem grossen Kamin machen; unser ganzes Abendbrod bestand in Thee und in sehr grobem Brode. Mein treuer Rockel (ihr alter Diener) kam zu mir mit einem sehr ängstlichen Gesicht und sagte mir: »Hier ist's nicht richtig! es ist da eine Kammer voller Gewehre, ich glaube die andern Leute sind aus; gewiss sind es Spitzbuben! Ich werde aber die Nacht vor ihrer Kammer mit meinem Gewehr sitzen und werde mein Leben teuer verkaufen. Der andere Bediente soll in der Kutsche sitzen auch mit seinem Gewehr.« Alles dieses machte natürlich meinen Schlaf nicht ruhig, ich hatte mich auf einen Stuhl gesetzt und den Kopf auf das Bett gelegt. Doch schlief ich endlich ein, und wie gross war mein Entzücken beim Erwachen, als man mir um 4 Uhr des Morgens zu sagen kam, dass alles zur Abreise fertig sei, und ich darauf den Kopf zum Fenster herausstreckte, und in dem Walde, worin wir uns befanden, eine Menge Nachtigallen um uns her bemerkte, welche durch ihren angenehmen Gesang mir alle meine überstandene Angst vergessen machten.«

Solcher Art waren die Unbequemlichkeiten einer Reise auf dem Kontinent vor 100 Jahren. Wir werden gleich sehen, was für unangenehme Abenteuer Fremde in England zu gewärtigen hatten. Die Baronin gelangte glücklich von Calais hinüber nach Dover und erreichte London mit der Post. Der Hotelbesitzer in Calais hatte ihr gesagt, dass es nicht sicher für sie sei, allein zu reisen und, nachdem er so gethan hatte, als wenn er eifrig gesucht hätte, stellte er ihr einen Mann vor, von dem er vorgab, dass er ein Gentleman sei, der eingewilligt hätte, die Begleitung zu übernehmen. Dieser begleitete sie bis London, wo sie in dem 4. Stock eines Hotels einlogiert wurde, obwohl sie gute Räume verlangt hatte. In ihrem Tagebuch sagt sie: »Den Tag darauf kam mein Hauswirt mit einer ganz verschämten Miene zu mir und fragte mich sehr ehrerbietig, ob ich den Menschen kenne, mit welchem ich gekommen wäre, und den ich ihm empfohlen so gut zu bewirten (denn ich hatte es für unschicklich gehalten, ihn in London mit mir essen zu lassen). Ich sagte ihm, dass es ein Edelmann wäre, der auf die Bitte des Herrn Guilhaudin, meines Wirts in Calais, mir die Gefälligkeit erzeigt hätte, mich auf der Reise zu begleiten. Ha! erwiederte er, dies ist einer von seinen Streichen! Es ist ein Lohnbedienter, ein Erzgauner, den er dazu gebraucht, seine Geschäfte zu machen; und wie ich Sie mit diesem Menschen im Wagen sitzen sah, als Sie ankamen, so muss ich Ihnen bekennen, dass ich nicht glaubte, dass Sie das wären, wofür Sie sich ausgäben, und also dafür hielt, dass diese Stuben gut genug für Sie sein würden; da ich jetzt, nach den Leuten, die zu Ihnen kommen, urteilen kann, dass ich mich geirrt habe: so bitte ich Sie sehr um Verzeihung, und ersuche Sie andere anzunehmen, für welche Sie mir nicht mehr bezahlen sollen, als für diese hier; so sehr wünsche ich mein Versehen wieder gut zu machen. Ich dankte ihm und bat, dass er mich doch sobald als möglich von dem Menschen befreien sollte, der mir aber doch noch 4 oder 6 Guineen (ich erinnere mir nicht mehr genau wie viel es war) für seine Begleitung abforderte.«

Baronin Riedesel hatte Bekannte in London getroffen unter anderen Schlieffen, den Gesandten des Landgrafen von Hessen-Cassel, den Mann, der das grösste Geschäft bei dem Verkauf von deutschen Truppen an England gemacht hatte. Sie verkehrte etwas in der Gesellschaft, war aber wegen ihrer kleinsten Tochter viel an das Haus gefesselt. »Eines Tages«, schreibt sie, »hatte ich eine unangenehme Geschichte in London. Man hatte mir gerathen, dass ich mir ein kleines Mäntelchen und Hut kaufen sollte, ohne welche ich nicht ausgehen könnte. Ich war zum Essen beim Herrn von Hinüber, dem hannöverischen Minister. Seine Frau schlug mir einen Spaziergang nach St. James vor, versäumte aber, mir vorher zu sagen, was in unserer Kleidung wider das englische Kostüm war. Gustchen war nach französischer Art gekleidet, trug einen kleinen Panier (Reifrock) und einen hübschen, kleinen, runden Hut. Ich bemerkte, dass man fast mit Fingern auf uns wies und fragte nach der Ursache. Sie sagte mir, ich hätte einen Fächer, welchen man mit einem Hut nicht tragen dürfe, und meine Kleine wäre zu geputzt, daher man uns für Franzosen hielte, die hier schlecht angeschrieben wären.«

»Den Tag darauf ging ich wieder dahin, und wir waren alle ganz auf englische Art gekleidet, also glaubte ich, dass man uns nicht bemerken würde; ich irrte mich aber, denn ich hörte wieder rufen: French women! pretty girl! (Französinnen! hübsche Mädchen!) Ich fragte den Lohnbedienten, warum man uns für Französinnen hielt, und erfuhr, dass es deshalb wäre, weil ich meinen Kindern Bänder angesteckt hatte. Ich riss sie ab und steckte sie in die Tasche, aber man begaffte mich immer noch, und ich hörte, dass es wegen der Hüte war, welche die Kinder in England von einer anderen Form trugen. Ich sah daraus, wie nötig es war, sich nach der Sitte des Landes zu richten, um mit Annehmlichkeit dort zu sein, denn der Mob (Pöbel) läuft gleich zusammen, und wenn man sich mit ihm in Wortwechsel einlassen wollte, so setzte man sich Beschimpfungen aus.«

Einige Tage später reiste die Baronin nach Bristol. Sie schreibt: »Gleich den Tag nach meiner Ankunft rief mich meine Wirtin zu einem (wie sie es nannte) allerliebsten Schauspiel. Wie ich ans Fenster trat, erblickte ich zwei nackte Menschen, die sich mit der grössten Erbitterung boxten. Ich sah wie ihr Blut floss und wie die Wuth in ihren Augen gemalt war. Zu wenig an einen solchen hässlichen Anblick gewöhnt, zog ich mich geschwind in den innersten Winkel des Hauses zurück, um nicht das Freudengeschrei zu hören, das die Zuschauer dabei machen, wenn einer einen Stoss bekommt. Während meines Aufenthalts in Bristol hatte ich einen unangenehmen Auftritt. Ich trug ein zitzenes Kleid mit einem Besatz von grünem Taft. Dieses mochte den Bristolern als etwas zu Fremdes aufgefallen sein, denn wie ich eines Tages mit Madame Foy spazieren ging, versammelten sich über 100 Matrosen um uns, wiesen auf mich mit Fingern und riefen: French whore! (französische Hure!) Ich floh so geschwind als möglich in das Haus eines Kaufmanns, und nahm den Vorwand dort etwas zu kaufen; mittlerweile verlief sich das Volk wieder. Das verleidete mir aber mein Kleid, und wie ich wieder nach Hause kam, so schenkte ich es meiner Köchin, ob es gleich noch ganz neu war.«

Frau von Riedesel blieb 10 Monate in England. Ihr Gemahl hatte ihr gesagt, dass sie nicht ohne Begleitung einer andern Dame reisen sollte, und hatte ihr die oben erwähnte Mrs. Foy empfohlen, die sich auch in Canada mit ihrem Mann vereinigen wollte. Diese Dame liess die Baronin den ganzen Sommer 1776 hindurch warten und weigerte sich schliesslich mit ihr zu gehen. Es war spät im Herbst und der Baronin Riedesel war angerathen, die Überfahrt nicht zu wagen, da sie den St. Lawrence-Strom mit Eis gesperrt finden möchte. Sie kehrte infolgedessen nach London zurück, wo sie bei liebevollen Menschen gute Wohnung fand und den folgenden Winter zubrachte. Die Sorge für ihre Kinder zwang sie, ein ruhiges Leben zu führen. Indessen wurde sie bei Hof vorgestellt, von welcher Ceremonie sie folgenden Bericht macht: »Man riet mir, an Hof zu gehen, da die Königin geäussert hätte, dass sie mich gern sehen wollte. Ich liess mir also eine Hofrobe machen, und Lady George Germaine präsentierte mich. — Es war am Neujahrstage 1777. Ich fand das Schloss sehr hässlich und altfränkisch möbliert. Die Damen und Herren stellten sich alle in das Audienzzimmer; hierauf kam der König, welcher 3 Kavaliere vor sich gehen hatte, in das Zimmer. Ihm folgte die Königin links herum. Beide gehen keinen vorbei ohne ihm was zu sagen. Am Ende des Saals begegnen sie sich, machen sich eine grosse Reverenz, und gehen dann ein jeder von ihnen dahin, wo der Andere hergekommen ist. Ich frug Lady Germaine, was ich zu thun hätte, und ob der König, wie ich gehört hätte, alle Damen küsste? Nein, antwortete sie mir, bloss die Engländerinnen und Marquisen, und man hat nichts weiter zu thun, als stille auf seinem Platz stehen zu bleiben. Wie nun der König an mich heran kam, war ich sehr verwundert, dass er mich küsste, und wurde darüber feuerrot, weil es mir ganz unerwartet kam. Er fragte mich sogleich, ob ich Briefe von meinem Mann hätte? Ich sagte: Ja, am 22. November. Er ist wohl, erwiederte er, ich habe mich express nach ihm erkundigt, jedermann ist mit ihm zufrieden, und ich hoffe, dass ihm die Kälte nichts schaden wird. Ich antwortete, ich glaubte und hoffte, dass, da er in einem kalten Klima geboren wäre, ihm die Kälte nicht so beschwerlich fallen würde. Ich hoffe es auch, sagte er; allein dieses versichere ich Ihnen, dass die Luft daselbst sehr gesund und klar ist. Hierauf machte er mir noch einen sehr freundlichen Gruss und ging weiter. Als er weg war, sagte ich der Lady Germaine, dass ich durch den Kuss des Königs nun naturalisiert wäre. Hernach kam die Königin, die auch sehr freundlich gegen mich war und mich fragte, ob ich schon lange in London wäre? Ich sagte »2 Monat«. »Ich glaubte schon länger«, erwiederte sie. Ich antwortete, »in London nur so lange, aber in England bereits 7 Monat.« Sie fragte, ob es mir hier gefiele? Ich sagte »ja; dass ich aber doch sehr wünschte, erst in Canada zu sein«. »Fürchten Sie sich denn nicht«, frug sie weiter, »vor der See? Ich liebe sie garnicht.« »Ich auch nicht«, erwiederte ich, »allein es ist kein ander Mittel, meinen Mann wiederzusehen, und ich werde mit Freunden reisen.« »Ich bewundere ihren Muth«, sagte sie, »denn es ist eine starke Unternehmung und sehr beschwerlich, zumal mit 3 Kindern.«

»Aus dieser Unterredung sah ich, dass sie schon mehr von mir gehört hatte, und es war mir daher lieb, dass ich an den Hof gegangen war. Nach der Cour sah ich alle königlichen Kinder, bis auf eins, das krank war. Es waren ihrer 10, die ich alle bildschön fand.«

»Ich ging nachher, da ich so gut aufgenommen worden, noch mehreremale hin. Als ich vor meiner Abreise nach Portsmouth, im Frühjahr, zu meiner Einschiffung von der Königin Abschied nahm, fragte sie mich nochmals, ob ich mich nicht vor einer solchen schrecklichen Reise fürchtete; und als ich ihr antwortete, dass, da mein Mann wünschte, dass ich ihm folge, ich es mit Mut und Vergnügen thäte, weil ich glaubte, meine Pflicht zu erfüllen und versichert wäre, dass sie an meinem Platz das nämliche thun würde; so sagte sie mir: »Ja, wie man mir aber schreibt, so thun Sie die Reise ohne Vorwissen ihres Mannes.« Ich erwiederte: »Da sie eine deutsche Prinzessin wäre, so würde sie wohl wissen, dass ich ohne den Willen meines Mannes dieses nicht hätte unternehmen können, weil mir das Geld dazu gefehlt haben würde.« »Sie haben Recht«, sagte sie, »ich billige Ihren Entschluss und wünsche Ihnen alles nur ersinnliche Glück. Wie ist der Name ihres Schiffes? Ich werde mich oft nach Ihnen erkundigen, und bei Ihrer Zurückkunft, hoffe ich, werden Sie mich besuchen.« — Sie hat Wort gehalten und sich oft nach mir erkundigt und mich oft grüssen lassen.« —

Baronin Riedesel schiffte sich am 15. April 1777 an Bord eines Kauffarteischiffes ein, welches in Gemeinschaft mit einer Flotte von 30 Transportschiffen durch zwei Kriegsschiffe begleitet wurde. Sie kam nach einer ereignislosen Reise am 11. Juni in Quebec an. Nach einem Aufenthalt von nur einem halben Tage in Quebec reiste die unermüdliche Frau mit ihren drei kleinen Kindern auf schlechten Wegen und stürmischen Flüssen nach Chambly, wo sie schliesslich am 14. Juni ihren Gemahl fand. Sie konnten nur zwei glückliche Tage mit einander zubringen, weil die Armee im Vormarsch war, und die Baronin war genötigt nach Trois-Rivières zurückzukehren. Am 14. August traf sie indessen wieder bei der Armee ein, deren darauffolgendes Schicksal sie teilte. Ich will nur noch eins von ihren Abenteuern anführen, bevor ich zur Betrachtung der militärischen Operationen des braunschweigischen Kontingents zurückkehre:

Die Baronin war von Trois-Rivières aufgebrochen, um sich mit ihrem Manne in Fort Edward am Hudson zu vereinigen. Die Gesellschaft reiste in 2 Booten, von denen das eine mit dem Gepäck beladen war. Sie schreibt: »Die Nacht überfiel uns, und wir sahen uns genötigt, auf einer Insel zu landen. Das andere Fahrzeug, da es mehr beladen und nicht so gut bemannt war, hatte uns nicht folgen können; wir hatten daher weder Betten noch Licht, und was das Schlimmste war, nichts mehr zu essen; denn wir hatten weiter nichts auf unser Schiff mitgenommen, als was wir den Tag über zu gebrauchen dachten; wir fanden auf dieser Insel weiter nichts als die vier kahlen Wände eines verlassenen und nicht einmal ausgebauten Hauses, welches voller Gesträuche lag, das uns zum Nachtlager diente. Ich bedeckte es mit unsern Mänteln und nahm die Kissen von der Barke zu Hilfe, so dass wir recht gut schliefen.

Den Kapitän Willoe konnte ich nicht bewegen, in die Hütte mit hereinzukommen und sah ihn sehr unruhig, welches ich mir gar nicht erklären konnte. Mittlerweile bemerkte ich einen Soldaten, der einen Topf ans Feuer setzte. Ich fragte ihn, was er darinnen hätte? »Kartoffeln, die ich mir mitgenommen habe.« Ich blickte lüstern nach ihnen hin; er hatte nur so wenig, dass ich es grausam fand, ihn derselben zu berauben, besonders da er so glücklich dabei aussah. Endlich aber siegte doch die Begierde, meinen Kindern davon zu geben über meine Bescheidenheit; ich bat also und erhielt die Hälfte, welches höchstens ein Dutzend sein mochten; dazu holte er aus seiner Tasche zwei oder drei kleine Enden Licht, die mich sehr glücklich machten, weil die Kinder sich fürchteten im Finstern zu bleiben. Ich gab ihm für das Alles einen grossen Thaler, da war er ebenso glücklich als ich. Inzwischen hörte ich Kapitän Willoe Befehl geben, dass man um das Gebäude Feuer anzünden, und dass seine Leute die ganze Nacht um dasselbe die Runde gehen sollten. Auch hörte ich während der ganzen Nacht Lärm machen, welches mich ein wenig am Schlaf hinderte. Als ich am andern Morgen beim Frühstück, welches ich auf einem breiten Stein, der uns zum Tisch diente, einnahm, den Kapitän, der in der Barke geschlafen hatte, nach der Ursache des Lärmes fragte, so bekannte er mir, dass wir in grosser Gefahr gewesen, indem diese Insel l'Isle aux Sonnettes (die Klapperschlangeninsel) wäre, welche von den vielen darauf befindlichen Klapperschlangen den Namen hätte, dass er es nicht gewusst und sehr erschrocken sei, als er es erfahren, und wegen der Strömung es doch nicht habe wagen dürfen, in der Nacht weiter zu fahren. Es wäre ihm daher nichts anderes übrig geblieben, als grosse Feuer und viel Lärm zu machen, um die Schlangen zu erschrecken und dadurch abzuhalten. Er habe aber die ganze Nacht aus Besorgnis für uns kein Auge zuthun können. Ich war über diese Erzählung sehr erschrocken und liess ihm bemerken, dass wir unsere Gefahr dadurch noch vergrössert hätten, dass wir uns auf das Gesträuch gelegt, in welchem sich die Schlangen gern verbergen. Er gab mir Recht und sagte mir, dass, wenn er es eher gewusst, wo wir wären, er alles Gesträuch vorher würde haben wegnehmen lassen oder uns gebeten haben würde, lieber auch in der Barke zu bleiben. Er habe es aber erst von einem der Leute von unserm andern Fahrzeuge erfahren, das uns später nachgekommen war. Wir fanden am Morgen noch allenthalben Häute und Schleim von diesen garstigen Tieren und eilten daher, mit unserm Frühstück fertig zu werden.«


[Kapitel XII.]

Ticonderoga und Bennington, Juli und August 1777.

Die Operationen in Canada und auf dem Lake Champlain während des Sommers und Herbst 1776 waren von Sir Guy Carleton, dem britischen Gouverneur der Provinz, geleitet worden. Die Generale Burgoyne und Phillips und General Riedesel hatten unter seinem Befehl gestanden. Für den Feldzug von 1777 wurde indessen vom englischen Ministerium ein neues Arrangement getroffen. Carleton behielt die Statthalterschaft und das Kommando über die Truppen in Canada bei, aber die Expedition, welche über die Grenzen der Provinz hinaus gegen die Rebellen in New-York und Neu-England vorgehen sollte, wurde Burgoyne anvertraut.

Generalleutnant John Burgoyne war damals 55 Jahre alt. Lord Macaulay beschreibt ihn als »einen Mann von Verstand, feiner Sitte und Ehre, einen angenehmen dramatischen Schriftsteller, einen Offizier, dessen Mut nie in Frage kam und dessen Brauchbarkeit zu jener Zeit einen grossen Ruf hatte.«

Burgoyne war ein Liebling des britischen Ministeriums. Er stand sich nicht gut mit General Riedesel noch mit seiner Frau. Riedesel wurde sehr gut mit Carleton fertig, hatte aber kein Vertrauen zu Burgoyne, der wahrscheinlich zu sehr ein Mann des Vergnügens und Witzes war, um das Vertrauen des ernst angelegten deutschen Offiziers zu gewinnen. Riedesel beklagt sich, dass er niemals gefragt wurde, und dass Burgoynes Pläne ihm nicht anvertraut würden. Es ist klar, dass auf diese Weise Eifersucht zwischen den englischen und deutschen Truppen entstand, und dass Riedesel fühlte, dass ihm und seiner Truppe Ungerechtigkeit widerfuhr.

Der Operationsplan, dessen Grundzüge von Burgoyne selbst aufgestellt wurden, war sehr einfach. Das Gros der Armee sollte von Canada am Lake Champlain hinauf nach Ticonderoga vorrücken. Wenn dies Fort genommen sein würde, sollte die Armee noch weiter südlich vorgeschoben werden, um sich mit der Armee von Sir William Howe oder einem Teil derselben, von Newyork kommend, zu vereinigen. Ein Korps von leichten Truppen unter Oberst St. Leger sollte in gleicher Höhe mit Burgoyne operieren indem es über Oswego nach dem Mohawk River, und an diesem entlang bis zu seiner Einmündung in den Hudson oberhalb Albany marschieren sollte, dort sollte sich diese Expedition mit der Hauptarmee vereinigen.

Die Braunschweiger unter General Riedesels Befehl zählten am 1. Juni 1777 4301 Offiziere und Mannschaften nach den Rapporten, an Effektivstärke 3958. Das Hessen-Hanauische Regiment war im vorhergehenden Jahre in der Stärke von 668 Mann herübergefahren und war wahrscheinlich nicht unter die Zahl von 600 dienstfähigen Leuten herabgesunken. Somit würde sich die Gesamtstärke der Deutschen in Canada zu Beginn des Feldzuges auf 4558 Mann belaufen, von denen 667 unter dem Befehl von Sir Guy Carleton belassen wurden und 3891 sich der Expedition unter Burgoyne anschlossen. Diese Schätzung schliesst nicht die Hanauischen Jäger ein, da dieselben der St. Leger'schen Expedition zugeteilt wurden. Die Gesamtstärke von Weissen unter Burgoyne war grösser als 8000; von diesen waren ungefähr 250 Provinziale.

Einige 500 Indianer begleiteten die Armee und thaten in erster Zeit gute Dienste als Kundschafter; sie stellten ihren menschlichen Brotherren die Skalpe der amerikanischen Soldaten vor Augen. Der Anblick fand Gefallen in den Augen des fashionablen Herrn, welcher die Armee ihrer Majestät kommandierte. Er erliess einen Befehl, dass Deserteure von seiner eigenen Armee gefangen und ebenfalls skalpiert werden sollten. Man hielt aber dafür, dass die Wilden ihre liebenswürdigen Gebräuche zu weit getrieben hätten, als sie Jane Mc Crea töteten, ein junges Weib, das mit einem Tory von der britischen Armee verlobt war und den geheimen Auftrag gehabt hatte, zwei Deserteure bei sich aufzunehmen und zu beschützen. Burgoyne wagte es indessen nicht, die Mörder hinrichten zu lassen aus Angst »vor dem vollkommenen Abfall der Indianer«.

Bevor die Einrichtung der Eisenbahnen die Reiseroute verändert hatte, war die Hauptstrasse zwischen Canada einerseits und Neu-England und den mehr südlichen Kolonien andererseits die grosse Wasserstrasse, welche, indem man den St. Lawrence-Strom bei Lake St. Pierre verlässt, den Richelieu-Fluss hinaufführt, bei Fort St. John vorbei nach dem Lake Champlain, diesen See hinauf, Crown Point passierend, nach Ticonderoga. Bei Ticonderoga hatte der Reisende oder Eindringling zwischen zwei Wegen zu wählen. Entweder konnte er über die kurze Strecke bis zum Lake George, dann diesen schönen See hinauf bis zu seinem äussersten Ende und von hier nach einem Weg von 12 Meilen nach Fort Edward am Hudson gelangen. Dies war der gewöhnliche und leichtere Weg. Oder man konnte das schmale obere Ende von Lake Champlain hinauf fahren bis in die Gegend des heutigen Whitehall, in dem damaligen Distrikt Skenesborough genannt, hatte dann aber einen längern Landweg nach Fort Edward, bei Fort Anne vorbei, vor sich. Von Fort Edward führte der Weg den Hudson hinunter nach Albany und New-York. Die Hauptrichtung dieser Route geht von Norden nach Süden, und merkwürdig gerade, entsprechend dem natürlichen Charakter der Landschaft. Die ganze Entfernung von Lake St. Pierre bis New-York beträgt ein wenig mehr als 350 Meilen. Whitehall liegt ungefähr in der Mitte und Ticonderoga einige 20 Meilen nördlich von Whitehall.

Kein Punkt zwischen dem St. Lawrence und New-York wurde für militärisch wichtiger erachtet als Fort Ticonderoga. Dies war derartig angelegt, dass es die schmale Strecke zwischen Lake Champlain und Lake George deckte und die Passage nach der Südspitze des ersteren Sees beherrschte. Das Fort war im Jahr 1755 von den Franzosen gebaut worden und Fort Carillon von ihnen genannt worden. Es wurde im folgenden Jahre von Montcalm verstärkt und im Jahre 1758 widerstand es dem Angriff einer englischen Armee von 15000 Mann, der grössten europäischen Armee, die in Amerika unter Waffen gewesen war. General Abercrombie, welcher die englische Armee kommandierte, machte einen derartig fehlerhaften Angriff, dass sein Korps mit grossen Verlusten zurückgeschlagen wurde.

Im Jahre 1759 gaben die Franzosen bei Annäherung von General Amherst das Fort Carillon auf, dessen Werke von diesem erneuert wurden. Nun wurde es während beinahe 16 Jahren von den Briten gehalten, unbelästigt, bis am 16. Mai 1776 die kleine Besatzung überrascht und das Fort genommen wurde, und zwar von einer Abteilung Amerikaner unter Ethan Allan »im Namen des Grossen Jehovah und des kontinentalen Kongresses«. Während den zwei Jahren, welche das Fort in amerikanischen Händen gewesen war, wurden grosse Anstrengungen gemacht, um es zu verstärken, und es wurde sehr reichlich mit Waffen, Munition und Proviant versehen. Auch ein neues Fort wurde auf der Ostseite des Sees auf dem Mount Independence gebaut. Es möchte scheinen, als ob die Amerikaner in der Grösse ihrer Vorbereitungen über das Ziel hinausgeschossen wären. Die Werke, welche eine Länge von 2-1/2 Meilen hatten, waren viel zu gross für die Besatzung. Obendrein konnte das Fort vollkommen von Artillerie auf dem Mount Defiance beherrscht werden; dieser Berg war nicht in die Linien mit eingeschlossen.

Das Ergebnis dieser Fehler war ein sehr trauriges. Am 1. Juli 1777 erschien Burgoynes Heer vor der Festung. Riedesel war mit den Deutschen auf dem östlichen Ufer des Sees und operierte gegen Mount Independence. Ein nur kleines Gefecht fand statt. Der amerikanische Befehlshaber St. Clair trat, als er sich in Gefahr sah, umzingelt zu werden, mit der Besatzung von ungefähr 3300 Mann den Rückzug an und liess die Forts mit mehr als 70 Kanonen, 200 Stück Vieh und einem grossen Magazin von Munition und Proviant in den Händen der britischen Armee. Die Überbleibsel der amerikanischen Flotte, welche in der Richtung auf Whitehall floh, wurde sofort von den Briten verfolgt, die nur etwas aufgehalten wurden durch die Notwendigkeit, eine Brücke zu durchbrechen, welche über den See gebaut worden war. Zwei von den fünf Schiffen wurden genommen, die andern drei von den zurückgehenden Amerikanern verbrannt, die auf diese Weise alles Material verloren, welches sie zu retten sich bemüht hatten.

Das Gros von St. Clairs Korps ging auf der Strasse nach Hubbardton zurück. General Fraser blieb mit zwanzig englischen Kompagnien dicht auf den Fersen, unterstützt von Riedesel mit drei braunschweigischen Bataillonen. Fraser holte die Nachhut der Amerikaner unter Oberst Warner bei Hubbardton am 7. Juli ein, wurde schneidig angegriffen und in der Flanke gefasst. Er wäre geworfen worden, wenn ihm nicht Riedesel zu Hilfe gekommen wäre. Die Amerikaner wurden nun zurückgeworfen. Ihr Verlust ist nicht genau bekannt geworden, aber ungefähr 200 Nachzügler und Verwundete wurden an diesem Tage gefangen genommen. Die Braunschweiger hatten 22 Mann tot oder verwundet, die Briten 155. Dies war das erste Gefecht, welches Riedesel in Amerika mitmachte.

Am 8. Juli wurde ein britisches Regiment aus Fort Anne vertrieben, aber die Amerikaner liessen es wieder im Stich, nachdem sie es zerstört hatten.

Am 22. Juli erliess General von Riedesel einen Befehl gegen das Marodieren und drohte allen Soldaten, die dessen schuldig befunden wurden, in dem ersten Falle mit Prügeln, im zweiten mit vier mal Spiessrutenlaufen. Die Offiziere hätten zu entscheiden, was gesetzliche Beute wäre. Riedesel gab diesen Befehl auf Verlangen Burgoynes, welcher die Tory-Kolonisten der Umgegend ermutigen wollte. Die Gelegenheit, in Amerika zu plündern, war somit für die Braunschweiger beinahe vorüber.

Das Terrain zwischen Lake Champlain und dem Hudson war so rauh, dass Burgoyne einen Monat gebrauchte, um seine Armee die 25 Meilen vorwärts zu bringen, welche zwischen Whitehall und Fort Edward lagen. »Die Schwierigkeit zu marschieren war gross, wurde aber in der besten Stimmung überwunden,« schreibt Burgoyne am 30. Juli 77 an Lord George Germaine. »Das Land ist vollständige Wildnis und beinahe überall hatte der Feind mit grossen Baumstämmen die Wege gesperrt, so dass sie quer und längs mit den Zweigen ineinander herübergefallen waren. Die Truppen mussten nicht nur an vielen Stellen, die man unmöglich umgehen konnte, dieselben hinwegräumen, sondern auch über 40 Brücken bauen und andere wieder herstellen, die eine davon, aus Bauholz bestehend, über einen Morast von 2 Meilen Ausdehnung.« Wir finden einen Brief von Burgoyne an Riedesel vom 18. Juli, in welchem er diesem zuredet, seine Offiziere die Bagage verringern zu lassen. Viele englische Offiziere, sagt Burgoyne, sind auf ein kleines Zelt und einen Reisesack reduziert worden.

Die Armee begegnete nur geringem Widerstand auf ihrem Wege, obschon kein Tag verging, ohne dass geschossen wurde. Die Amerikaner hatten sich auf Saratoga zurückgezogen. Jedoch nicht vor dem 9. August konnte Brigade-General Fraser die Avantgarde bis Fort Miller, 7 Meilen jenseits Fort Edward vorschieben. Oberstlieutenant Baum folgte ihm mit den braunschweigischen Dragonern zu Fuss und leichter Infanterie, einigen canadischen Freiwilligen und 2 kleinen Kanonen. Zuerst hatte Riedesel vorgeschlagen, und Burgoyne hatte es gebilligt, dass Baums Korps eine Expedition in das Connecticut-Thal machen sollte, um Pferde und Zugvieh aufzutreiben. Das herzoglich braunschweigische Dragoner-Regiment wurde auf diese Weise auf Kosten der Amerikaner beritten gemacht, und die britische Armee sollte mit Packpferden versehen werden. Um die drängende Notwendigkeit von Lasttieren zu verstehen, müssen wir bedenken, dass die Armee mit Brot aus englischem Mehl und Fleisch verpflegt wurde, welches in England gesalzen war, und dass diese Vorräte von Lake Champlain oder Lake George nach dem Hudson auf den Rücken von Menschen transportiert werden musste. Indes, der Plan wurde geändert bevor die Kolonne Fort Miller passiert hatte, und anstatt nach Manchester zu marschieren, wurde die Expedition nach Bennington dirigiert, wo man annahm, dass die Amerikaner ein grosses Lager von Vorräten hätten. Riedesel nahm sich die Freiheit, gegen diese Befehlsänderung Einsprache zu erheben, aber Burgoyne hielt aus folgenden Gründen daran fest: Erstens würde es von grösstem Vorteil für die Armee sein, 10 oder 12 Tage lang von den Vorräten zu leben, welche man in Bennington finden würde. Zweitens wollte er (Burgoyne) mit der Haupt-Armee nach Stillwater vorgehen, so dass Arnold nicht im Stande sein würde, ein starkes Detachement abzuschicken, um Baum aufzuhalten. Drittens hatte er erfahren, dass St. Leger Fort Stanwix am oberen Lauf des Mohawk-River belagerte, und dass es wichtig sei, Arnold zu verhindern, ein starkes Korps zu dessen Entsatz zu entsenden. Infolgedessen brach Oberstlieutenant Baum am 11. August 1777 nach Bennington auf mit ungefähr 550 Weissen, von denen 374 Deutsche waren. Ungefähr 150 Indianer schlossen sich der Expedition an. Dies gefiel dem Tory nicht, welcher als Führer diente. Er sagte Burgoyne, dass wenigstens 3000 Mann nötig wären, um des Erfolges gewiss zu sein, aber Burgoyne wollte und konnte auch in der That nicht so viele erübrigen.

Am 12. erbeutete Baum einige Vorräte und Vieh in Cambridge.