Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind "kursiv" dargestellt.

Der Einband wurde vom Bearbeiter umgestaltet und in die Public Domain eingebracht.

Das Inhaltsverzeichnis ist an den Anfang des Textes verschoben worden.

Else Rabe / Der Hafen

Dieses Buch ist als erster Band der neunten Jahresreihe für die
Mitglieder des Volksverbandes der Bücherfreunde hergestellt
worden und wird nur an diese abgegeben. Der Druck ist in
Walbaum-Fraktur durch die Spamersche Buchdruckerei in
Leipzig erfolgt. Der Entwurf des Einbandes stammt von Walter
Schulze-Keller. Das echte Ziegenleder lieferte die Lederfabrik
Carl Simon Söhne in Kirn (Nahe). Gebunden wurde das Buch
von der Buchbinderei-Abteilung des Volksverbandes der
Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. H.

Nachdruck verboten

Copyright 1927, by Volksverband der Bücherfreunde
Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin

Der Hafen

Roman

von

Else Rabe
*

1927


Volksverband der Bücherfreunde
Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
Berlin

Inhalt

Der erste Spatenstich[5]
Der Feind[21]
Die Katastrophe[40]
Vita somnium breve[55]
Der Aufsichtsrat[62]
Die Mutter[82]
In Erwartung[101]
Der Kapitän[128]
Die Verhaftung[149]
Der Mann in der Mitte[178]
Die Vergangenheit[200]
Der Sohn[219]
Das Brot[239]
Die Scheidung[259]
Der Streik[276]
Die Begegnung[289]
Der Kran[315]
Das Fieber[328]
Der Abschied[343]
Die Einweihung[370]

Der erste Spatenstich

Ich habe keinen Augenblick Zeit und bin für niemand mehr zu sprechen!« sagt Joachim Becker abwehrend, noch ehe er ein Wort gehört hat.

»Es ist die Frau Gemahlin«, stammelt der Mann an der Tür verwirrt.

Das macht auf den jungen Direktor Becker durchaus keinen Eindruck. Er sagt nur in gedämpfterem Tone: »Dann lasse ich bitten,« und wühlt in seinen Papieren, so daß er verhindert ist, seiner Frau entgegenzugehen. Sie bleibt mit erwartungsvollem Lächeln im Hintergrund stehen.

»Du hast es sehr gut gemeint,« sagt er nachsichtig, wie er die Spannung in ihrem jungen blassen Gesicht sieht, »doch du solltest wissen, was dieser Tag für mich bedeutet, und daß ich keine Zeit habe, mich dir zu widmen.«

›Weil ich das weiß, bin ich hierhergekommen, denn gerade heute müßte mein Platz an deiner Seite sein‹, hätte sie darauf erwidern sollen. Aber Adelheid ist nicht der Mensch, der aussprechen kann, was er denkt. Zu ihrem Unglück jedoch sagen ihre runden braunen Augen alles, was ihr Mann nicht hören will.

»Ich habe mit Herrn Gregor noch auf dem Wege Wichtiges zu besprechen und muß dort die offiziellen Empfänge leiten. Ich will deinen Vater fragen, ob du dich ihm anschließen kannst.«

Er ruft den Kommerzienrat an und sagt, ohne seinen Namen zu nennen: »Adelheid ist in meinem Zimmer.« Da wird er schon unterbrochen und schweigt, denn sein Schwiegervater ist der einzige Mensch, der ihm das Wort abschneiden darf.

Wenige Augenblicke später wird die Verbindungstür zum Nebenzimmer, dem kleinen Konferenzraum, aufgerissen, und die runde Gestalt des Kommerzienrats kugelt herein.

Sein breites bartloses Gesicht mit der vom Haarausfall erhöhten Stirn leuchtet in der angenehmen Überraschung, die nur seine Familie ihm bereiten kann.

»Das ist mir eine Freude, Adelheid, dich hier zu sehen!« Er schließt sie in seine Arme, und die junge Frau liegt ohne Rücksicht auf ihren Hut, der sehr verbogen wird, einen Augenblick ganz still.

Joachim Becker schreitet nervös sein Zimmer ab. Er hat im Gang das verhaltene Vibrieren eines Rennpferdes. Aber dem strengen Gesicht mit der hohen Stirnwölbung über den grauen Augen ist keine Regung zu entnehmen.

Wie er nun stehenbleibt und mit den nervösen langen Fingern über seine aschblonde Haarmähne streicht, während das schmale gespaltene Kinn sich wie zum Sprechen bewegt, scheint er seinem Schwiegervater fremd und bedrückend im auffallenden Gegensatz zu ihm und seiner Tochter.

Der Kommerzienrat rückt Adelheid den Hut zurecht und zupft an ihrem seidenen Mantel.

»Schön hast du dich gemacht, da wird die Mama ihre Freude an dir haben. Ist das der Mantel, den ihr gestern gekauft habt?«

»Ja,« sagt sie glücklich, »daß du dich dafür interessierst!«

»Das wäre ja noch schöner. Mir haben die Kleider der Mama immer Freude gemacht.« Bei diesen Worten kann Kommerzienrat Friemann einen kleinen Seitenblick zum Schwiegersohn nicht vermeiden. Aber herzlich fügt er hinzu: »Der Hut steht dir übrigens auch ausgezeichnet.«

Jetzt hat die junge Frau den Mut, ihren Mann mit einem Lächeln anzublicken. Zu ihrem Unglück erscheint Herr Gregor in der Tür. Er will sofort wieder verschwinden, da er die Familienszene sieht, Joachim Becker hält ihn mit lautem Zuruf zurück, so daß der Kommerzienrat sich kurz verabschiedet und seine Tochter zum Wagen begleitet.

Sie fahren zu jenem freien Platz abseits der Stadt, wo zwischen alten Bäumen und abgerissenen Mauern der Fluß und zwei Kanäle fast zusammenstoßen. Eine Gruppe von Männern und Frauen ist an diesem milden Frühlingstage hierher geladen worden, um sich einige Reden anzuhören.

Zuerst spricht der Oberbürgermeister persönlich zur Ehre des Tages.

Es sei die wichtigste Aufgabe der Städte, führt er unter anderem aus, für den Ausbau der Wasserwege zu sorgen. Die Bedeutung der Binnenschiffahrt sei von den großen Städten im Lande noch nicht richtig eingeschätzt, doch diese Stadt, die er zu vertreten die Ehre habe, wisse, was nun zu tun sei. Wenn das Stadtparlament beschlossen habe, den Ausbau und die Verwaltung ihres Hafens einem Konsortium zu überlassen, so sei dies vom wirtschaftlichen Standpunkt notwendig geworden. Die Privatwirtschaft könne mit freieren Händen arbeiten als die Bureaukratie.

Hier wird unter den geladenen Gästen und einem Teil der Presse eine kleine katarrhalische Verstimmung fühlbar, aber das Oberhaupt der Stadt fährt mit erhobener Stimme fort:

»Die Verpachtung unserer Ladestraßen an das von Herrn Kommerzienrat Friemann geführte Konsortium unter Beteiligung der Stadt wird uns zu einem Hafen verhelfen, den wir uns mit kommunalen Mitteln nicht leisten können. Im Interesse unserer Bürgerschaft und in der Erkenntnis, daß der Riesenbedarf unserer Stadt durch das zwar weitverzweigte, doch für die fernere Zukunft unzulängliche Eisenbahnnetz nicht zu bewältigen sei, ist dem Angebot mit großer Majorität zugestimmt worden. Noch haben wir keinen Hafen, noch sind wir eingeengt durch Schleusen und schmale Kanäle, aber diese Schranken werden fallen, — die Leistungen der technisch-wissenschaftlichen Wasserwirtschaft im Verein mit kaufmännischem Fernblick und Unternehmungsgeist werden unsere Stadt in kurzem zu einem der bedeutendsten Binnenhafenplätze des Kontinents erheben.«

Lebhafter Beifall stimmt diesen Schlußworten zu.

Justizrat Bernhard, der Syndikus der Stadt, nimmt seinen Neffen, Rechtsanwalt Bernhard jr., zur Seite und meint: »Es ist allerhand Vorsicht außer acht gelassen — vom juristischen Standpunkt allerhand Vorsicht! Man mußte hier vor der Presse nochmals betonen, daß es sich nur um eine Pacht für neunzig Jahre handelt. Man durfte den Kommerzienrat Friemann nicht allein erwähnen. Er vertritt die Majorität — gut! Aber ›er‹ — das ist der Handel, sagen wir getrost, der Getreidehandel. Was meinen nun die Banken dazu? Sie haben ebenso gutes Geld gegeben, ja, sie werden für die Kredite sorgen, — die Banken durften nicht ausgeschaltet werden. Und die Industrie, die Eisenindustrie, die sich nach schweren Kämpfen auch beteiligt hat? Die Reedereien — ich meine die Flußschiffahrt, denn die anderen haben sie nicht bekommen — wo bleiben diese Interessen? Siehst du, mein Junge, das sind die taktischen Fehler, die bei uns immer wieder gemacht werden. Man hätte mir die Rede vorlegen sollen, der Jurist muß sie vorher bearbeiten —«

»Ja, gewiß, aber wollen wir nicht die anderen Reden hören?«

»Die wirst du heute abend in der Zeitung lesen. Wir wollen uns ein wenig umsehen, ehe die offizielle Führung beginnt.«

Und der Justizrat zieht seinen Neffen mit dem Recht des Protektors, der dem Anfänger mit seinen Beziehungen die Wege ebnet, zum Kanal hinüber.

Einige Schleppkähne, die zur Feier des Tages bewimpelt sind, liegen an der Kaimauer und strecken ihren berußten langen Leib den milden Mittagsstrahlen hin. Vor den Kajüten haben die Frauen ihre Blumentöpfe zum Luftholen ausgesetzt.

Ein Säugling, auf einem hellen Tuch über den Planken ausgestreckt, kräht einem Pudel entgegen; die Frau eines Schiffseigners sitzt kartoffelschälend vor der Tür.

Die Schiffer, in ihren besten blauen Jacken, mit Hochglanz über der braunen geschabten Haut, stehen in der Nähe der Versammelten und fangen ehrfürchtig ein paar vom Wind verwehte Worte auf.

»Und die Eisenbahn?« fragt der Justizrat. »Das waren doch wohl Angriffe auf die Eisenbahn. Man hat noch keine Verträge mit ihr geschlossen, man wird sie brauchen, aber man stößt sie vor den Kopf.«

Der junge Rechtsanwalt sieht dem Spiel des Säuglings zu, seine braunen Augen über den gerundeten roten Wangen sind blank und von innen erwärmt.

»Ich dachte,« bringt er leise und stockend hervor, »daß es schöner wäre, auf solchem Kahn lautlos durch die deutsche Landschaft zu fahren, als hier Prozesse zu führen und Reden zu hören.«

»Diese Leute«, gibt der Justizrat rasch zurück, »sind ein kleines Rad im großen Werk, du bist ein größeres. Warum willst du geringer werden?«

Er hat den Hut abgenommen und den breiten gelichteten Graukopf der linden Luft preisgegeben. Darum sind seine Worte milde und fast ohne Zurechtweisung.

Plötzlich kommt Bewegung in seine kleine gedrungene Gestalt. Er rückt den Kneifer zurecht und ist von der angespanntesten Aufmerksamkeit ergriffen.

»Das ist sehr interessant, das ist außerordentlich interessant«, murmelt er hingerissen. Alfred Bernhard kann nicht umhin, der Blickrichtung seines Onkels zu folgen.

Er sieht nichts weiter als einen Wagen vor dem Wohnhaus der Mühle, die mit ihren Mehl- und Getreidespeichern direkt in den Kanal hineinblickt. Das Haus ist einstöckig, mit einem kleinen Vorgarten und bunten Blumenkästen vor den Fenstern. Es steht etwas abseits auf dem großen Platze, der den Winkel zwischen beiden Kanälen bildet.

»Du hast nicht gesehen, wer ausgestiegen ist?« fragt der Justizrat.

»Nein.«

»Aber du weißt, welche Bedeutung der Mühlenbesitzer dort drüben für den Hafen hat? Er ist dein erster Prozeßgegner. An diesem Dickschädel sollst du dir sozusagen deine Sporen verdienen.«

»Er ist der einzige der Privatbesitzer, der sein Terrain nicht verkaufen wollte?«

»Richtig! Die Akten will dir Direktor Becker morgen selbst übergeben. Es ist eine persönliche, eine Vertrauensangelegenheit. Und wenn ich dir jetzt sage, wer soeben dort hineingegangen ist, wirst du ermessen, was für eine heikle Aufgabe dir bevorsteht. Also die Person war eine Frau, eine Frau mit einer großen Tasche.«

Rechtsanwalt Bernhards verständnisloses Gesicht beweist dem Justizrat, daß seine feinen Anspielungen durchaus nicht verstanden werden.

»Du weißt also nicht, daß dieser Becker im Hause des Müllers gern gesehen war, als er noch der Tochter den Hof machte, während er dem Vater Friemanns Getreide verkaufte. Hier war er zu seinen großen Hafenplänen angeregt worden. Er ist ein Kerl, das kann man nicht anders sagen, wie man auch sonst über ihn denken mag. In seinem Kopfe ist das ganze Projekt entstanden, das heute so durchführbar erscheint, während man anfangs darüber gelacht hat. Wie aus dem Erdboden geschossen war er plötzlich da, dieser Prokurist im Hause Friemann. Er legte seine Pläne vor, löste die Verlobung mit Fräulein Pohl, heiratete die Tochter seines Chefs und brachte die maßgebenden Geldkreise zusammen. Heute nun wird der erste Spatenstich vorgenommen. Das ist alles in kaum neun Monaten geschehen, du kannst es dir ausrechnen, denn eben ist drüben die Frau mit der großen Tasche ausgestiegen. Das ist wieder so ein Witz des Schicksals, daß hier und dort seine Werke an einem Tage zu leben beginnen.« Der Justizrat lacht kichernd und verstohlen, als habe er selbst diesen Witz erfunden.

Alfred Bernhard ist noch etwas benommen. Es wird ihm nicht recht klar, ob er die Anspielungen richtig aufgefaßt hat.

»Also dort drüben ist auch eine Tochter und — und die Feindseligkeit des Müllers ist persönlicher Natur?«

»Allerdings. Damit mußt du rechnen. Da wirst du deinen Hebel ansetzen.«

»Das wird die Arbeit sehr erschweren. Unter diesen Verhältnissen ist wohl mit einem endlosen Prozeß zu rechnen. Meines Erachtens wird man den Mann nicht zwingen können, zu verkaufen. Und wenn er hartnäckig bleibt —«

»Er wird, mein Lieber, er wird. So etwas vergißt ein Vater nicht. Es sind ehrenhafte, gutsituierte Leute, die Tochter von ausgezeichnetem Charakter, wie man sagt. Aber so etwas kommt in den besten Familien vor.«

»Ich denke an Adelheid Friemann. Wir sind doch zusammen in die Tanzstunde gegangen —«

»Ja, ja,« meint der Justizrat, »aber ich glaube, der Becker spricht.«

Joachim Becker ist bereits bei den Schlußworten. Sein schmales Gesicht ist sehr blaß und sehr belebt. Die Stimme, durchdringend, mit vollem Klang, hat einen Stich ins Kommandohafte.

»Es soll sich nicht darum handeln, die Güter nach Hamburg oder Stettin zu verladen, sondern direkt nach Südamerika oder China. Nicht einen Umschlagshafen wollen wir schaffen, sondern eine Zentrale für den deutschen Weltverkehr, nicht einen Hafen, der dem eigenen Bedarf genügt, sondern einen Stapelplatz für den Transithandel, der einfach nicht mehr auszuschalten ist. Unsere Speicher und Lagerhallen, die in allerkürzester Zeit auf diesem kahlen Boden aufwachsen werden, sollen alle Waren und jede Menge aufnehmen, die überhaupt eingelagert werden können. Unsere Getreidespeicher werden die vollkommensten auf dem Kontinent sein, mit allen technischen Errungenschaften der Neuzeit. Tankanlagen und eigene Tankschiffe stehen bald zur Verfügung. Eilverkehre, die uns dauernd in schnellster Verbindung mit den großen Seehäfen halten, verschaffen uns Unabhängigkeit, größte Leistungskraft. Die Weltmeere stehen uns offen, durch unseren Hafen stellen wir uns auf den großen wirtschaftlichen Kampfplatz der Welt, den wir mit Ausdauer und Mut behaupten werden.«

Direktor Becker verneigt sich unter dem üblichen Beifall, der jeder Rede folgte, und führt nun den symbolischen ersten Spatenstich aus, das heißt, er legt die Hand auf einen Hebel des großen Löffelbaggers, der mit dem ersten Stich gleich zwei Kubikmeter Boden aushebt und in die bereitstehende Kipplori schüttet.

Ja, das ist tüchtige und schnelle Arbeit! Die Gäste sehen staunend und bewundernd zu. Joachim Beckers lange sehnige Gestalt ist über die Grube geneigt. Er läßt den gefüllten Wagen gleich davonrollen, und wie er jetzt aufblickt, direkt in die erwartungsvollen Gesichter der Zuschauer, sind seine grauen Augen strahlend, knabenhaft jung.

Frau Adelheid drückt heftig den Arm ihrer Mutter. Und die Kommerzienrätin, der das Stehen etwas schwer fällt — sie hat denselben ein wenig breiten Unterkörper wie ihre Tochter —, führt das Taschentuch an die Augen.

Der Vertreter einiger ausländischer Zeitungen, der gleich mehrere Länder bedient, schreitet mit Redakteur Undlet das abgesteckte Gelände für das erste Hafenbecken ab und meint mißbilligend: »Ein tüchtiger Mann, aber zuviel Worte. Zu ausholend! Diese Deutschen haben immer gleich das Wort ›Welt‹ und ›Kampf‹ im Munde. Sehr falsch, taktisch sehr falsch. Ich habe es Ihnen von jeher gesagt: keine Diplomaten.«

»Übersehen Sie nicht den Unternehmungsgeist, den verblüffenden, den gefährlichen Unternehmungsgeist! Das ist hier eine Stadt ohne Industrie, mitten im Lande, abseits von den großen Schiffahrtswegen, doch sie wagen es, solche Pläne nicht nur zu entwerfen, sondern auch zu finanzieren. Und was sagen Sie zu den Behörden? Sie öffnen der freien Privatwirtschaft die Wege. Das ist Großzügigkeit, Weitblick, Freiheit! Das ist einfach nicht zu übersehen. Man kann die Augen nicht offen genug halten.«

Joachim Becker erklärt der Gruppe mit den Damen das Gelände; Herr Gregor, seine rechte Hand, führt die Herren von der Presse.

»Drei Hafenbecken sind zunächst geplant, für das vierte, das wichtigste, zwischen beiden Kanälen, ist das Terrain noch nicht frei. Man wird es in kürzester Zeit auch in Angriff nehmen können«, meint Herr Gregor zuversichtlich.

Kommerzienrat Friemann, der es immer verstanden hat, mit seinen beiden Ohren nach zwei Richtungen zu hören, wirft mit seiner ruhigen, betont gemessenen Stimme, die ihm nur für geschäftliche Zwecke zur Verfügung steht, ein, daß dieses Becken noch nicht benötigt werde und für die fernere Zukunft vorbestimmt sei. Drei Hafenbecken im Anfang genügen. Man wolle rentabel wirtschaften vom ersten Tage an. Schon jetzt werde gearbeitet. Die Ladestraßen sind sofort übernommen worden, neue Kunden bereits geworben.

Dann geht er still und unauffällig zu den Herren von den Banken und der Flußschiffahrt hinüber, um auch hier das Seine zu tun.

Der Bagger ist nicht abgestellt worden. Es macht einen guten und betriebsamen Eindruck, daß in diesem abseitigen Winkel, der einem Hafen von Weltbedeutung Platz machen soll, schon ein wenig Lärm zu hören ist. Eine Menge Arbeiter taucht plötzlich auf, die Loris rollen hin und her, und die ausgebaggerte Grube wird rapide tiefer und breiter. Braun und fett ist jetzt die herausgehobene Erde, und es riecht nach Mutterboden, dem trächtigen Stoff für Reife und Ernte.

Die Gäste werden nun ein wenig müde vom Zuhören und Schauen, obgleich außer einem alten Lagerschuppen, den Überresten einer Kirche und einigen halb abgerissenen Wohnhäusern — nicht zu vergessen: ein paar alten Linden — wenig zu sehen ist. Besonders die Damen bekommen abgespannte Züge, und Kommerzienrat Friemann ergreift die Gelegenheit, alle Versammelten zu einem kleinen Imbiß zu laden.

Herr Gregor eilt voraus, um die langen Tafeln unter den Linden zu überprüfen. Vor jedem Stuhl ist ein Teller mit belegten Broten aufgestellt, und einige Männer stehen bereit, um das Bier einzuschenken.

Junge Mädchen vom Personal des Kommerzienrats sind mit einer kleinen Festschrift und gedruckten Informationen für die Presse postiert.

Die Gesellschaft naht plaudernd, in kleine Gruppen aufgelöst; die ernsten, bedeutungsvollen Mienen sind zu konziliantem Lächeln, bei diesem und jenem auch zu einem recht privaten, mittäglich hungrigen Ausdruck übergegangen.

Frau Adelheid hüpft ungeniert an mehreren laut sprechenden Herren von der Stadt vorbei, um wieder in die Nähe ihres Mannes zu gelangen. Er war vom Oberbürgermeister in ein Gespräch gezogen worden und hält nun nach den wichtigsten Persönlichkeiten Ausschau.

Sie ist erst zwei Monate verheiratet und hat zuweilen noch recht mädchenhafte Bewegungen. Die Stadträtin Meerboom wird dabei ein wenig unsanft gestreift und sagt mit ihrer harten, im Stadthaus erprobten Stimme: »Nein, meine Tochter nehme ich zu solchen Anlässen nicht mit.«

»Ach, gnädige Frau«, ruft Justizrat Bernhard aus, bei dem Adelheid nun angelangt ist, und er freut sich mit vielen überschwenglichen Worten der Begegnung.

Sein Neffe ist sehr rot geworden, als die junge Frau ihm die Hand reicht, und Adelheid sagt wie zur Entschuldigung: »Ja, wir haben in der Tanzstunde miteinander getanzt.«

Dann wird sie traurig, denn ihr Mann und die Eltern scheinen spurlos verschwunden. Sie hat das unendlich schmerzliche Gefühl eines Kindes, das sich verlaufen hat und der tiefen Vereinsamung urplötzlich schreckhaft gewahr wird.

Das im Verhältnis zur kleinen Figur etwas zu große, jugendlich gerundete Gesicht mit den weichen dunklen Haaren wird in solchen Stimmungen immer ganz und gar von den großen sprechenden Augen beherrscht. Rechtsanwalt Bernhard hat das Empfinden, daß er ihre Hand ergreifen und sie zu den Eltern zurückführen müsse.

Da hellt sich ihr Gesicht auf, es ist ihr wie im Traum, daß Joachim Becker, ihr Mann, mit seinen langen festen Schritten auf sie zukommt, ihre zitternde Hand küßt und nach der Begrüßung der beiden Herren besorgt sagt: »Habe ich dich endlich gefunden!«

Er führt sie zu einer der langen Tafeln, wo der Kommerzienrat und seine Frau ihr herzlich entgegenlächeln, auch der Oberbürgermeister ist da und die Stadträtin Meerboom, aber sie sind lange nicht mehr so streng, und Adelheid beißt mutig in die belegten Brote, die man in die Hand nehmen muß, weil es nur ein ganz zwangloser Imbiß sein soll.

Man plaudert sehr lebhaft, die Herren rufen laut und lustig nach Bier, schieben ihre leeren Teller beiseite und bekommen reichliche Nachfüllung. Direktor Becker lächelt befriedigt, er hängt immer mit einem Blicke an Herrn Gregor, der das Ganze überwacht; doch es ist nichts auszusetzen.

»Oh, dafür war auch gesorgt,« antwortet er auf eine Frage der Stadträtin, »bei Regenwetter hätten wir drüben in der kleinen Lagerhalle gedeckt.«

Da wagt auch Adelheid eine Bemerkung: »Aber die Waren,« sagt sie, »wohin hättet ihr dann die Waren geschafft?«

»Beiseite geschoben,« meint er mit leisem Lächeln, »wie man es beim Tanzvergnügen mit den Tischen und Stühlen macht.«

»Es ist also noch nicht der Rede wert, was augenblicklich lagert?« fragt Herr Undlet, der durch ein Versehen an diese Tafel geraten ist.

»Nein,« sagt Joachim Becker kurz, »wir haben erst heute mit dem Betrieb begonnen.«

Und Adelheid hat das beklommene Gefühl, daß sie doch wieder etwas gesagt hat, was nicht in der Ordnung war. Sie kann ihre Brötchen beim besten Willen nicht aufessen, obgleich andere schon beim dritten Teller angelangt sind und das Bier anfängt, knapp zu werden, weil man mit diesem Durst trotz aller Voraussicht nicht gerechnet hat.

Die Herren von der Presse ziehen sich zurück, auch einige Wagen fahren vor, und die Tischreihen lichten sich allmählich.

Auf den Schleppkähnen sitzen die Schiffer mit ihren Pfeifen vor der Kajüte. Mühlenbesitzer Pohl geleitet die Frau mit der großen Tasche vor die Tür. Er bleibt einen Augenblick im Vorgarten stehen, seine grauen Haare werden von einer leichten Brise zerzaust. Dann geht er mit festen Schritten, ohne sich umzusehen, zurück.

Der Feind

Irmgard Pohl hat sich mit einem Buch ans Fenster gesetzt und ein wenig zu lesen versucht. Aber es ist eigenartig: wenn sie untätig dasitzt und ihre Gedanken spielen lassen will, dann wird es leer in ihrem Kopf und traurig im Herzen, oder ein Karussell dreht sich so lange, bis sie zu verzweifeln beginnt. Doch wenn sie ein paar Zeilen über eine fremde Welt gelesen hat, dann findet sie wieder in geordneter Weise zu sich selbst zurück. Sie legt das Buch bald in den Schoß, blickt gedankenvoll zum Fenster hinaus und fühlt, daß in ihr etwas vorgeht, das nur geweckt zu werden brauchte.

Nicht die gewünschte Frühlingssonne liegt vor dem Fenster: das Gras ist naß und blank, auf den Kanal spritzt der Regen, daß die langweilig glatte Fläche in Blasen und Kreisen bewegt wird, und der bemehlte Getreidespeicher erscheint noch stumpfer und farbloser vor dem schmutzigweißen Himmel als sonst.

Es ist nicht wegzuleugnen, daß ihr Leben nun eine ganz andere Richtung nehmen muß. Sie hat ihr Krankenlager nach langen trüben Wochen zum erstenmal verlassen, als ein Mensch, der bald wieder mitzählen wird.

Die junge blonde Säuglingsschwester steckt ihren kleinen Wuschelkopf zur Tür herein und fragt hell und freundlich wie alle Tage:

»Nun, geht es uns gut? Das ist reizend!«

Dagegen gibt es keinen Widerspruch. Irmgard lächelt zaghaft; sie hat es fast verlernt. Ihre Züge sind scharf und spitz geworden, und erst jetzt, da sie lächelt und die leicht irisierenden Augen in die Tiefe des Zimmers richtet, ist wieder etwas von dem weichen Charme früherer Tage spürbar geworden.

»Sie haben mir die Haare so straff hinter die Ohren gestrichen, ich glaube, ich sehe scheußlich aus. Könnten Sie mir nicht endlich einen Spiegel geben?«

»Gott sei Dank, sie fängt an, eitel zu werden. Das ist ein herrliches Zeichen der Genesung«, ruft Schwester Emmi erfreut aus. »Aber mit dem Spiegel hat es noch Zeit. Ziehen wir diese Haare ein wenig hervor, so — ach, es ist ja eine reizende braune Welle. Gleich sieht unsere Patientin gesünder aus.«

Sie freut sich und hüpft vergnügt um die Kranke herum.

»Sie sind wirklich ein Labsal für verzweifelte Menschen«, sagt Irmgard herzlich.

»Ja, wenn man nur seinen Platz ausfüllt und seiner Pflicht nachkommt. Mehr hat noch kein Mensch von mir verlangt.« Sie zieht den Mund halb lächelnd, halb schmerzlich herab. Auch ihre Nase ist dabei ein wenig schief gezogen, und sie ist trotz den aufgebauschten gelbblonden Haaren gar nicht mehr quicklebendig, sondern grau wie ein Regentag.

Aber da reckt sich die kleine schmale Person gleich wieder, sie hebt die Lackspitze ihres zierlichen Schuhs und sagt: »Damit bin ich nun unten gewesen. Sie gehen mir jetzt bestimmt aus dem Leim.« Und dabei lacht sie, als sei es ein Vergnügen, seine Schuhe zu verderben.

»Ja, daran sind nur unsere aufgeweichten Wege schuld«, meint Irmgard, in dem Gefühl, auch ihrerseits etwas sagen zu müssen. »Aber was hatten Sie denn unten zu tun?«

»Ach, offengestanden, ich bekam nur Lust, die Nase in den Regen zu stecken.«

»Vielleicht ist zufällig jemand vorbeigegangen, der auch seine Nase spazierenführen mußte?« fragt Irmgard lächelnd, ihre Züge sind nun sehr erschlafft.

»Ach ja, da werden viele gewesen sein. Doch unsere Patientin wollen wir nun wieder in die Federbetten stecken.«

Irmgard hat nichts dagegen einzuwenden. Sie läßt sich von den festen kleinen Händen der Schwester hochheben und stützen. Dann liegt sie wieder im Bett und denkt, daß sie für den neuen Flug in das Leben noch nicht tauglich sei. Auch der Blick aus dem Fenster hat ihr noch nicht den Weg in die Zukunft eröffnet, der durch einen neuen kleinen Erdenbürger bestimmt wird. Sie hebt sich alle Fragen und Auseinandersetzungen für einen späteren Tag auf. Nur den Knaben wünscht sie noch einmal zu sehen.

»Ist es nicht, als könnte er schon hören?« fragt sie, »wenn ich ihn anriefe, so würde er sich vielleicht rühren.«

»Nein, so weit ist es noch nicht. Außerdem — er hat doch noch keinen Namen, wie soll er Sie denn verstehen?« Und Schwester Emmi lacht herzlich über ihren eigenen Witz.

In Irmgard aber weckt das wieder nur traurige Erinnerungen. Sie blickt den Säugling lange an und fragt dann leise:

»Hat mein Vater sich noch immer nicht geäußert?«

»Nein. Er meinte, ich solle Sie nach dem Namen fragen, wenn Sie sich etwas wohler fühlen.«

»Und hat mein Vater auch Interesse für das Kind gezeigt?«

»O ja. Wenn er zufällig vorbeigekommen ist, hat er es betrachtet und gesagt, was die Ansicht sämtlicher Männer ist: daß in diesem Alter die Menschen alle gleich aussehen.«

»Aber das kann man doch nicht mehr sagen, nicht wahr? Hat es nicht die unverkennbaren Pohlschen Züge: die starken Backenknochen und Vaters tiefliegende Augen?«

»Mit einiger Phantasie kann man es so sehen.«

»Ach, ich spreche gewiß wieder wie alle Mütter«, meint Irmgard traurig lächelnd.

»Gott sei Dank ja! Sie unterscheiden sich darin nicht eine Spur von ihnen. Und das ist herrlich. Das ist doch wirklich ganz prächtig.«

Sie nimmt den blassen schönen Kopf zwischen beide Hände und legt ihn in die Kissen zurück. Dabei sind ihre Finger von zärtlichem Druck, und plötzlich hat sie für eine Sekunde ihr kleines Gesicht an Irmgards Wange gelehnt.

»Weil Sie so tapfer und geduldig sind«, sagt sie gleichsam zur Entschuldigung, als sie das Kind aufnimmt und hinausbringt. —

Einige Tage später ist Irmgard schon richtig aufgestanden. Sie konnte sich selbst ankleiden, ist im Zimmer umhergegangen und hat sich wieder an das Fenster gesetzt, das auf den Kanal hinausgeht.

An diesem Tage liegt wirklich Sonne auf allen Dingen, und Irmgard denkt, daß nun das neue Leben beginne, für das sie die richtige gesunde Einstellung braucht.

Sie ruft Schwester Emmi und sagt kurz entschlossen:

»Sie müssen sich hierher setzen und mir einige Fragen beantworten. Ich hasse das Halbe und Kranke und muß es vollkommen abstreifen, wenn ich wieder mit beiden Beinen im Leben stehen soll.«

Sie freut sich über ihre eigene Kraft, und Schwester Emmi sagt ein wenig gekränkt: »Ja, jetzt werden Sie wohl wieder alles in die Hand nehmen wollen.«

Sie empfindet eine Abneigung gegen die Frauen, die immer fest und unbeirrt handeln und ihre Ziele und Wege deutlich vor sich sehen. Sie hat ihre kleine Person immer vom Schicksal vorwärtsstoßen lassen, wie es gerade sein mußte.

Irmgard ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß sie das verschlossene Gesicht der anderen bemerken könnte.

»Es gibt soviel Unausgesprochenes in diesem Haus. Dann scheint etwas in mir schief gerückt, und ich habe nicht eher Ruhe, als bis es geradesteht. Da ist zum Beispiel der Vater. Er spricht gut und freundlich mit mir, aber ich sehe ihn selten, und er ist jetzt noch verschlossener als früher. Wir hatten uns bisher immer ohne Worte verstanden, aber seitdem uns beiden das angetan wurde, dieser — Vertrauensbruch, weiß ich nicht, wie er es trägt. Sie aber haben ihn alle Tage gesehen, besonders in der ersten Zeit, und können mir einen Fingerzeig geben.«

»Leider kann ich Ihnen wenig sagen. Er war fast immer in seinem Kontor oder in der Mühle. Nur zu den Mahlzeiten ist er hier gewesen, hat sich sehr ruhig nach allem erkundigt und sonst kaum ein Wort gesprochen.«

»Aber wenn er drüben im Hafen die Tätigkeit sah — die vielen Menschen, die jetzt dort arbeiten, und die lauten Maschinen, die ganze geräuschvolle Geschäftigkeit, die ihn tagaus, tagein an seinen Ärger erinnern muß —«

Sie spricht nicht zu Ende und sieht die Schwester erwartungsvoll an.

»Ach, er ist doch den Lärm von seiner Mühle her gewöhnt. Auf einen Mann hat das sicher eine andere Wirkung.« Schwester Emmi beginnt, sich bei diesen Erörterungen zu langweilen. Das scheint ihr alles nicht so des Nachdenkens wert.

»Sehen Sie,« sagt Irmgard wieder, »ich habe mir damals, nachdem ich den ersten Schmerz über diese große Demütigung und Untreue überwunden hatte, immer wieder vorgehalten, daß ich keinen Haß in mir aufkommen lassen darf. Denn wie soll ich einmal sein Kind lieben, wenn ich ihn selbst nur hassen kann? Es bleibt doch ein Teil von ihm, so sehr man sich auch einzureden sucht, daß es nur von der eigenen Artung ist. Man möchte feige sein und seinen Namen für immer aus dem Gedächtnis streichen, aber wie können wir Joachim Becker jemals vergessen, der uns so viel gegeben und so viel genommen hat? Und nun baut er uns seine großen Projekte, für die wir uns damals so sehr interessiert haben, direkt vor den Augen auf, und es ist nichts wegzuleugnen. Können Sie das verstehen?«

»Ja, das kann ich verstehen: daß es schwer ist, und daß Sie sehr mutig sind.«

»Es ist nur der Selbsterhaltungstrieb. Vielleicht gehöre ich zu den Frauen, die sich nur einmal ganz erschließen können, denn sonst hätte ich das wohl nicht getan. Oder glauben Sie, daß ich leichtfertig oder im wahren Sinne unmoralisch bin, weil ich ihm in meiner Liebe nichts versagen konnte?«

»Nein, beileibe nicht. Wie die Menschen auch darüber denken mögen, wer Sie kennt —«

»Ja, wissen Sie, ich habe schon manchmal gedacht, daß es gut sei, wie es sich letzten Endes zugetragen hat. Denn nun habe ich doch ein klein wenig Anteil an ihm, den ich nur noch in seinem Kinde lieben werde. Darin will ich die Kraft finden, um ihn selbst ganz aus meinem Herzen auszustreichen.«

»Wenn Sie das können! Ich würde ihn, offengestanden, grenzenlos hassen und mich an ihm rächen — bei der ersten Gelegenheit.« Sie sagt es triumphierend, herausfordernd, denn sie ist stolz auf ihr lebhaftes Temperament.

»Und nun müssen Sie mir noch berichten, wie es der Mutter geht«, sagt Irmgard ablenkend, denn sie erkennt wieder, daß sie von ihren Mitschwestern nur verstanden wird, wenn sie selbst schwach und beirrbar ist. »Sie haben mir noch gar nicht erzählt, wie es oben aussieht.«

»Oben« ist das Zimmer von Frau Pohl, die seit fünf Jahren gelähmt und mit verwirrtem Geist ein verdämmerndes Dasein führt. Von der späten Geburt des lange ersehnten Stammhalters geschwächt, hatte sie der nach wenigen Wochen erfolgte Tod des Knaben so getroffen, daß sie nicht wieder aufstehen konnte. In ihrem Geiste aber hat sie den Knaben zu neuem Leben geweckt. Wenn sie in ihrer Einsamkeit zu dem Kinde spricht, scheint sie mit ihrem Schicksal zufrieden und der Gegenwart in einer anderen Weise nahegerückt.

»Haben Sie ihr gesagt, daß ich krank sei? Und wie hat sie es aufgenommen?«

»Zuerst wollte sie an Ihre Krankheit nicht glauben. Sie wurde sehr böse und meinte: die Arbeit ist ihr zuviel geworden, auf der Stelle soll sie herkommen und mir Antwort stehen.«

»Ja, sie kann sehr böse werden.«

»Als ich ihr dann aber klarmachte, daß ich zu Ihrer Pflege geholt sei, und sie fragte, ob sie denn nicht feststellen könne, daß ich nach Medizin rieche, erwiderte sie, nun wolle sie aufstehen und ihre Tochter pflegen.«

»Sie wollte mich pflegen?« Irmgard ist ganz glücklich darüber.

»Das sagte sie. Natürlich konnte sie sich nicht rühren, und dann sprach sie nicht mehr darüber. Einmal erzählte ich ihr, daß Sie bald aufstehen würden, aber sie gab mir keine Antwort. Doch etwas anderes hatte mich beängstigt, und ich sprach mit Herrn Pohl darüber.«

»Was war es?« fragt Irmgard ungeduldig. »Hat sie das Kind gehört? Sie haben doch nicht davon gesprochen?«

»Nein, es war ja verabredet, daß sie davon nichts erfährt. Aber sie sagte: ›Hört Ihr denn nicht, wie mein Michael schreit? Ihr laßt ihn liegen und kümmert Euch nicht um ihn.‹ Und das hat sie immer wieder geklagt, dabei zuckte sie, und ihr Gesicht verzerrte sich, als wollte sie aufspringen und nach dem Rechten sehen. Schließlich wurde sie sehr erregt, hat mich ausgescholten und gedroht, mich zu entlassen, wenn ich nicht besser für ihr Kind sorge.«

»Mein Gott,« flüstert Irmgard, »hat sie nicht danach verlangt, es zu sehen?«

»Das hat sie nicht. Aber ich dachte schon — ich weiß nicht, was Sie davon halten — ich dachte, solche Kranken sind durch Täuschungen manchmal zu heilen. Wenn man ihr z. B. das Kind wirklich —«

»Nein, nein, wollen Sie ihr mein Kind geben, dieser Kranken? Nein, das ist heller Wahnsinn!«

»Ich meinte es nur gut, denn es ist doch schließlich Ihre Mutter. Herr Pohl sagte, wenn Sie einverstanden wären, könnte man immer noch mit dem Arzt darüber sprechen«, gibt die Schwester verstimmt zurück.

»Ist das seine Ansicht gewesen?« Irmgard schließt die Augen und lehnt müde im Sessel. »Darüber muß ich erst nachdenken. Ich will die Mutter selbst gesehen und gesprochen haben«, flüstert sie.

»Gewiß, es war ja auch nur ein Vorschlag für später. Aber ich werde Sie jetzt verlassen, da kommt ein junger Mann durch den Garten, und das Mädchen ist ausgegangen.«

Irmgard glaubt, nur eine Sekunde allein gewesen zu sein, als die Schwester schon wieder zurückkommt und sagt: »Es war ein Rechtsanwalt Bernhard von der Hafengesellschaft, er wollte Herrn Pohl sprechen. Ich habe ihn ins Kontor hinübergeschickt.«

»Von der Hafengesellschaft —«, stammelt Irmgard, und sie sieht dem jungen Rechtsanwalt nach, wie er mit seiner Aktentasche durch den Garten geht und zur Mühle hinübersteuert.

Die Schwester hat das Zimmer wieder verlassen, und Irmgard verfolgt den Rechtsanwalt so lange, bis er in der Tür des Kontors verschwindet. Da wirft sie die Hände vor das Gesicht und schluchzt verzweifelt auf.

Sie hatte sich mit ihrem klaren Verstand einen so schönen Plan zurechtgelegt und kluge, vernünftige Worte gesprochen, aber beim ersten unmittelbaren Anstoß von außen her fällt ihr ganzes Kartengebäude zusammen, und sie ist nicht beherrschter und reifer als Schwester Emmi mit ihrem Temperament.

Hier über diesen Weg ist auch er gegangen, und sie hat ihm von dem gleichen Platz aus nachgesehen, wie er mit seinen langen Schritten fest und federnd über den knirschenden Kies marschierte und an der Gartenpforte zu ihr hinaufwinkte. Oder war es wegzuleugnen, daß sie wie zwei übermütige Kinder hier um diesen runden Tisch jagten, bis sie atemlos stehenblieb und ausrief: »Nein, du hast ja doch die längeren Beine.« Dann ließ sie sich rückwärts fallen und wurde aufgefangen. Er aber sagte mit seiner weichen Stimme, die sie einmal zu ihrem Erschrecken, als er beim Ausladen des Getreides seine Befehle gab, kaum erkannte: »Warum versuchst du nur immer wieder, mir davonzulaufen, da du mir doch nicht entgehen kannst?«

Nein, sie konnte ihm nicht entgehen, und hier denkt sie nun an ihn und findet keinen Weg, der von ihm fortführen könnte. —

Rechtsanwalt Bernhard hat sich im Bureau nach Herrn Pohl erkundigt. Man sagt ihm, daß er im Betrieb gesucht werden müsse, und läßt ihn im Privatkontor warten.

Dort zieht er seine Akten hervor und überlegt noch einmal die ganze aussichtslose Angelegenheit.

Seitdem Direktor Becker ihm seine persönlichen Erklärungen gegeben hat, sieht er erst ein, auf welcher lächerlichen Begründung dieser Prozeß aufgebaut werden soll.

Wie hier, so hatte er auch bei der Hafengesellschaft lange warten müssen, bis er von Joachim Becker empfangen wurde. Oh, er ist noch nicht der begehrte Mann, den man in seinem Anwaltsbureau aufsucht und unter großen Versprechungen bittet, sich mit dem berühmten Scharfblick eines Streitfalls anzunehmen. Sein junges Schreibfräulein wartet auf Arbeit, liest Romane und stichelt an einer Handarbeit in einer ganz impertinenten Weise. Er hat die sämtlichen Akten des Falles Hafengesellschaft kontra Pohl abschreiben lassen, aber die Schreibmaschine ist doch wieder zur Ruhe gekommen, und er muß das ersehnte Klappern vermissen.

Da ist es etwas anderes im Hause Friemann, wo Joachim Becker die Geschäfte der Hafengesellschaft besorgt. Auf den langen Korridoren ist ein Gehen und Kommen, und die jungen Damen mit ihren Schreibblocks und gespitzten Bleistiften jagen nur so zu den Türen hinein und heraus.

Er wird von betreßten Dienern in ein großes Wartezimmer geleitet, wo schon etwa ein Dutzend Männer sitzen, die den Hafendirektor sprechen wollen. Herr Gregor kommt herein, lässig und elegant, und sagt in seiner gedehnten Art, wobei er immer den Rücken ein wenig beugt:

»Guten Tag, Herr Doktor. Ja, Sie sind vorgemerkt, ich habe die Akten schon weitergegeben. Aber augenblicklich ist noch eine Konferenz.«

»So, haben Sie die Akten gehabt?« entfährt es dem Rechtsanwalt, der glaubte, mit einer ganz persönlichen und diskreten Angelegenheit betraut zu werden.

»Ja, das liegt alles bei mir«, bemerkt Herr Gregor nicht ohne Betonung, und er begrüßt einen neu hinzugekommenen Herrn.

»Sie dürften kein Glück haben,« sagt er zu ihm, »denn heute werden nur die Vorgemerkten empfangen. Der Kalender ist bis unten hin vollgeschrieben, und Sie stehen nicht mit darauf. Aber Sie können mit mir sprechen, ich will sehen, was sich machen läßt.«

Dann sucht er sich einen Herrn ganz außer der Reihe heraus und verschwindet mit ihm in seinem Zimmer.

Dieser Gregor ist dem Rechtsanwalt im höchsten Grade unsympathisch. Er gebärdet sich vor den Lieferanten, die sich um die Aufträge für den Hafen bemühen, als wäre er der Direktor selber, und man kann sich ausrechnen, welche Prozente dabei für ihn abfallen.

Da ist Joachim Becker doch ein anderer Mann, obgleich der Rechtsanwalt sich auch hier seine eigenen Gedanken macht. Aber wenn man ihm gegenübertritt, so muß man schließlich doch seiner ganzen Art und Erscheinung zustimmen.

Nachdem Dr. Bernhard etwa eine Stunde auf den Hafendirektor gewartet hatte, ist die Reihe auch an ihn gekommen. Herr Gregor erscheint so eilig, wie es sein Temperament erlaubt, und sagt: »Bitte, Herr Doktor, nehmen wir gleich diesen Eingang. Der Herr Direktor ist schon sehr ungeduldig.«

Joachim Becker sitzt an seinem Schreibtisch und telephoniert.

»Bestellen Sie meiner Frau,« hört der Rechtsanwalt, »daß ich heute nicht zu Tisch kommen kann, und besorgen Sie mir ein paar Brötchen.«

Dann wirft er den Bleistift, mit dem er nervös auf die Platte geklopft hat, hin und sagt zum Rechtsanwalt: »Bitte. Ja, also hier sind die Akten. Dieser Prozeß ist für uns von großer Wichtigkeit und muß bald ausgetragen werden. Die Kosten spielen keine Rolle, aber es ist nötig, daß die Sache richtig angefaßt wird. Sind Sie über den Gegner informiert?«

»Nein,« erwidert der Rechtsanwalt, »ich weiß nur so viel, daß es sich um das Terrain am Verbindungskanal handelt.«

»Ja, dieser Platz war eigentlich für unseren Getreidehafen gedacht. Das unter uns — die ganze Angelegenheit ist überhaupt streng diskreter Natur.« Dabei sieht er den Rechtsanwalt durchdringend an, und auch im weiteren Verlauf der Unterredung fliegen seine kalten klaren Blicke blitzschnell auf sein Gegenüber, wenn dieser es am wenigsten erwartet.

Dann führt der Direktor in stichwortartiger Kürze das Weitere aus. Einmal sagt er: »Ein persönlicher Konflikt, der in keinem Fall in die Angelegenheit hineingehört, entstand dadurch, daß ich meine inoffizielle Verlobung mit Fräulein Pohl löste.«

Damit hat er ein für allemal seinen Standpunkt in dieser Hinsicht klargelegt.

»Und hier ist die Vollmacht, die uns eine Angriffsmöglichkeit bietet.«

Der Rechtsanwalt liest: »Ich erkläre mich bereit, mein Grundstück zwischen der Föhrbrücke und dem Verbindungskanal für die Zwecke eines Hafenbaus zur Verfügung zu stellen, wenn mir im Falle einer privatwirtschaftlichen Verwaltung eine angemessene Beteiligungsmöglichkeit geboten wird. Für die Vorverhandlungen in meinem Auftrage bevollmächtige ich Herrn Joachim Becker —«

Noch ehe er zu Ende lesen konnte, erklärt der Direktor weiter: »Dies Dokument war als Vollmacht gedacht und ist später zurückgezogen worden. Die vorangehende Erklärung war mitbestimmend für die Bildung des Konsortiums und hat auch den Magistrat zur Entscheidung veranlaßt. Eine Beteiligung wurde angeboten, zu Konzessionen sind wir noch bereit. Also muß die jetzige Weigerung unbedingt angefochten werden.«

»Sollten vielleicht die Voraussetzungen für die Beteiligung inzwischen —«

»Das ist gleichgültig, das geht uns nichts an.«

»Vom juristischen Standpunkt —«

»Kommen Sie mir nicht mit Formelkram. Beweisen Sie Ihre Tüchtigkeit, indem Sie im Notfalle eine Ausnahme konstruieren, einen Präzedenzfall schaffen. Bitte, hier sind die Akten. Herr Gregor steht Ihnen wegen Ihrer Bevollmächtigung und anderer Einzelheiten jederzeit zur Verfügung.«

Er klingelt nach dem nächsten Besucher, nicht ohne den Rechtsanwalt noch mit einem gewinnenden Lächeln einige Schritte geleitet zu haben.

Man war trotz allem in dem Gefühl fortgegangen, einer zwar strengen, aber im Grunde liebenswürdigen Persönlichkeit begegnet zu sein ...

Nun sitzt der Rechtsanwalt im Bureau des Gegners und erkennt als einzige aussichtsvolle Möglichkeit einen Vergleich mit den bewilligten größeren Konzessionen. Er ist keine Kampfnatur und hat wenig Lust, sich hier hinter Paragraphen und versteckten Fallen zu verschanzen, um mit List und krummen Wegen zu siegen.

Aber vielleicht wird jetzt ein Angestellter hereinkommen und sagen, daß Herr Pohl keine Zeit habe oder ihn nicht zu empfangen beabsichtige.

Er sieht in seiner Beklommenheit ein wenig im Raume mit den gelben Möbeln und den alten Stichen an den Wänden umher.

Das Bild eines Mannes mit tiefliegenden Augen, starken Backenknochen und einem vollen weichen Kinn über dem Vatermörder ist ohne Zweifel der Begründer der Mühle; eine auf Holz gemalte Windmühle zeigt den anfänglichen Besitz. Stahlstiche stellen kleinere Speicher und Mühlenbetriebe dar, und auf einer Zeichnung, offenbar ein Entwurf des Bauherrn, sieht man die beiden zweistöckigen Gebäude in ihrer heutigen Gestalt.

Er bleibt vor einer Photographie stehen, die das Hafenterrain mit der Kirche, dem Fräuleinstift und einigen kleinen Häusern neben den alten Linden zeigt, so wie es noch vor einem halben Jahr ausgesehen hat, ehe das Konsortium kam und alles niederreißen ließ. Nun dringt das Geräusch der großen Bagger und der Lärm der Arbeiter bis in diesen einsamen Raum.

Dem Rechtsanwalt erscheint die Wartezeit endlos, er ist sehr nervös, als der Mühlenbesitzer, in einer grauen Joppe und hohen Stiefeln, endlich eintritt, die Mütze auf einen Haken neben der Tür hängt und ihn zum Schreibtisch bittet.

Er läßt sich im runden Sessel nieder und ersucht ihn nur mit einem Blick aus seinen ruhigen hellen Augen zum Sprechen.

Der Rechtsanwalt redet hastig und viel. Er erkennt, daß es schwerer ist, vor diesem schweigsamen, reifen Mann zu sprechen, der jeder Pause mit stummer Aufmerksamkeit begegnet, als vor dem jungen Hafendirektor das Wenige zu sagen, das dieser in seiner Ungeduld zuläßt.

Als er endlich glaubt, nichts mehr hinzufügen zu können, hat er das verzweifelte Gefühl, alles verdorben zu haben. Er blickt verlegen auf die vollen grauen Haare des Mannes, die sich in einer breiten Welle von der gebräunten Haut abheben, und wartet nun endlich auf eine Antwort.

»Das ist alles recht, was Sie hier sagen. Aber Sie sind nicht ganz im Bilde. Nehmen Sie an, daß jemand zu Ihnen spricht: ›Sie haben da eine schöne Tasche, die ich gern kaufen möchte.‹ Und Sie antworten: ›Nein, verkaufen will ich sie nicht, weil für mich wertvolle persönliche Erinnerungen damit verknüpft sind; aber weil ich Vertrauen zu Ihnen habe, können Sie die Tasche gern in Gebrauch nehmen und gleichsam als Ihr Eigentum betrachten, ebenso wie es das meine bleibt.‹ Der andere nimmt die Tasche mit und schickt Ihnen am nächsten Tage das Geld dafür, gut den doppelten Wert. Schließlich läßt er sich sogar auf Verhandlungen ein und sagt: ›Ein wenig darfst du an der Tasche teilhaben, wenn du dich diesen und jenen Bedingungen unterwirfst.‹ Sagen Sie einmal, wie würde Ihnen das gefallen?«

Er sieht den Rechtsanwalt lange an. Dieser hat die Absicht, nun gleichfalls zu schweigen, bis der andere genügend gesprochen hat. Aber er fühlt sich sehr unbehaglich dabei.

Nach einer endlos scheinenden Pause setzt der Mühlenbesitzer langsam fort:

»Auf diese einfache Weise nur kann ich das verstehen. Wenn Herr Becker damals gesagt hätte: Herr Pohl, mit unserem Plan ›klein anfangen und groß aufhören‹ geht es heutzutage doch nicht. Die schnelle Entwicklung unseres technischen Zeitalters verlangt imponierende Projekte, die sofort auszuführen sind. Dazu brauchen wir andere Gelder, die Beteiligung der Spitzen aller Kreise. Wollen wir es nicht so und so versuchen? Aber er geht mit meiner Vollmacht umher, verschafft sich Einfluß durch Einheirat in die Geldkreise, stellt sein Projekt auf eine andere Basis und läßt dann anfragen: wieviel ist dir mein Vertrauensbruch wert? Wissen Sie, wie ich darüber denke?«

Der Rechtsanwalt sieht ihn erwartungsvoll, mit einer zagen Hoffnung, an.

»Schaffen Sie mir erst einen anständigen Menschen zurück. Dann können wir verhandeln. — Und nun strengen Sie Ihren Prozeß an.«

Die Katastrophe

Das erste, was im Hafengelände fertiggestellt wird, ist eine Mauer um das ganze Terrain — bis auf die Seite, die der Pohlschen Mühle am anderen Ufer zugewandt ist. Hier muß man den Zugang zum Kanal offen halten, und der Feind behält einen Überblick auf die Fortschritte im Baugelände.

Gleichzeitig wird ein schöner Backsteinbau mit Giebeln und einer verdeckten Veranda für die Hafenwirtschaft errichtet, und zwar direkt am großen Hauptportal. Mehrere hundert Arbeiter kommen und gehen täglich durch dieses Tor, und sie müssen auch essen und trinken.

Nachdem der Kantinenwirt eingezogen war, ist auch für Herrn Gregor, den Vertrauensmann der Hafengesellschaft, im Wirtschaftsgebäude ein Schlafzimmer eingerichtet worden.

Wer zum Tor hinein will, muß sich ausweisen, das Wächterhaus ist Tag und Nacht besetzt.

Es ergibt sich nun, daß Schwester Emmi eines Abends zufällig vor dem Tore steht, als Herr Gregor heimkehrt.

»Wollten Sie vielleicht hier hinein?« fragt Herr Gregor, nachdem er sie längere Zeit betrachtet hat.

»Ach nein«, gibt sie schüchtern und sehr verlegen zurück. »Ich wollte nur Frau Reiche rufen und bitten, mir eine Flasche Selter herauszubringen. Es ist für eine Kranke, und die Läden sind schon geschlossen.«

»Aber bitte, dann kommen Sie nur mit hinein«, sagt Herr Gregor galant und führt sie am wachsamen Auge des Torwarts ungehindert vorbei.

Nein, Herr Gregor hat es nicht nötig, sich selbst und seine Begleitung auszuweisen. Er ist eine Respektsperson, die hier gleich nach dem Hafendirektor eingeschätzt wird.

Seine Liebenswürdigkeit geht so weit, daß er Schwester Emmi bis in den Kantinenraum begleitet, der um diese späte Abendstunde nur von einigen Herren des Tiefbauamts besucht ist, und er ruft gut gelaunt: »Hier, Frau Reiche, bringe ich Ihnen Besuch.«

Schwester Emmi sagt tief errötend: »Nein, ich weiß wirklich nicht, wie ich dem Herrn dafür danken soll.« Damit ist zart angedeutet, daß Herr Gregor sich ihr noch nicht vorgestellt hat.

Leider wird der gewünschte Erfolg nicht erreicht, denn der elegante junge Mann läßt sich in einer Ecke nieder und bestellt sein Abendbrot. Frau Reiche erscheint mit der Selterflasche, und Schwester Emmis Mission wäre beendet.

»Vielen, vielen Dank,« flüstert die hübsche kleine Krankenschwester, »könnten Sie mir wohl noch — ach, mein Gott«, unterbricht sie sich mit einem Griff nach dem Kopf, und sie muß sich auf einen Stuhl fallen lassen, »— um ein Glas Wasser wollte ich bitten.« Sie ist wirklich einer Ohnmacht nahe.

»Lieber Gott«, ruft die junge Wirtin mit den feuchten dunklen Augen. »Das macht die schwere Arbeit, die so eine Krankenpflegerin zu leisten hat.«

Herr Gregor begnügt sich damit, die Szene aus einiger Entfernung zu beobachten. Er kennt die Frauen und darf von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugt sein. Es ist ihm ein behagliches Gefühl, Anlaß dieser kleinen Szene zu sein, denn darüber braucht nach seiner Ansicht kein Zweifel zu bestehen.

Schwester Emmi ist durch den Trank offensichtlich gestärkt. Sie erhebt sich schwankend und sagt mit einem kleinen Rundblick: »Ja, es war heute ein besonders schwerer Tag.«

Frau Reiche hat allzulange den Wunsch gehabt, über die Ereignisse in der Mühle unterrichtet zu werden; darum kann sie es auf keinen Fall zulassen, daß dieses arme schwache Geschöpf sich schon allein auf den Weg begibt. Sie gießt ihr eine Limonade ein und setzt sich mit an den Tisch. Ihr volles blasses Gesicht ist von angespanntester Aufmerksamkeit erfüllt.

Schwester Emmi muß sich schließlich zu kleinen Konzessionen herbeilassen, aber sie äußert sich so vorsichtig wie nur möglich. Als Herr Gregor ein paarmal den Namen Pohl gehört hat, beendet er seine Mahlzeit. Wie es dem kleinen Fräulein nun gehe, fragt er, während er Frau Reiche das Abendbrot bezahlt. Dabei neigt er den schmalen Rücken, daß seine schwarzen Augen verwirrend nahe über Schwester Emmi leuchten.

»O danke, es ist bedeutend besser.« Sie behauptet, nun gehen zu müssen. »Aber wird man mich auch herauslassen?« fragt sie schelmisch lächelnd.

»Ohne meine Begleitung sicher nicht«, meint Herr Gregor. Und sie machen sich auf den Weg.

»Kommen Sie nur herüber, wenn Sie sich einsam fühlen«, sagt Frau Reiche zum Abschied. »Der Herr Gregor wird es schon erlauben.«

Weil die Luft sehr mild und anregend wirkt, gehen die beiden noch einige Minuten am Kanal spazieren.

Als Schwester Emmi in ihrem Zimmer angelangt ist und die Selterflasche weggestellt hat, denkt sie, daß sie zwar noch nicht viel erreicht habe, aber es beständen doch allerhand Aussichten durch die neue Verbindung.

Nun ist ihre Arbeit in diesem Hause bald beendet, und das Wanderleben beginnt von neuem. Welche reizbare Dame und welcher krebsrote Säugling mochte nun auf sie warten? Nein, dann wäre es doch besser, wenn bei so einer großen und mächtigen Firma irgendein Posten für sie geschaffen würde und ihr Freiheit und Beständigkeit gäbe. Es geht nicht mehr an, daß man in den Tag hineinlebt, ohne ein wenig an die Zukunft zu denken. —

Herr Gregor ist von dem Abend wenig befriedigt. Es langweilt ihn doch allmählich, seine Tage in Frau Reiches Gesellschaft zu beschließen, während draußen das Leben auf ihn wartet. Frau Reiche ist ohne Zweifel eine sehr adrette Frau, und ihre feuchten Augen sind nicht zu verschmähen, aber wenn man von der Kultur des Zeitalters bis in die Fingerspitzen erfüllt ist, bleiben eine Kantinenwirtin oder eine kleine wasserstoffblonde Säuglingsschwester nichts weiter als Surrogate.

So geht er denn mit trüben Gedanken noch ein wenig im umfriedeten Hafengelände spazieren. Die Erdwälle um die aufgerissenen drei Baugruben mit den gerüstartigen Armen der hohen mechanischen Greifer bereiten ihm in ihrer dunklen Schwere Unbehagen. Er blickt in eines der Becken hinab, in dem man schon mit der Grundwasserabsenkung beschäftigt ist, und sieht das Licht des Mondes im lehmigen Naß sich spiegeln. Nein, das sind keine Bilder für seine empfindsamen Nerven.

Er geht wieder zu Frau Reiche und hört sich ihre Lamentationen an.

»Keinen Tropfen Alkohol! Auf die Dauer — das habe ich meinem Mann gleich gesagt — kann das nicht rentabel sein. Die Arbeiter haben zuerst über die Limonaden und die Milch ihre Witze gemacht und es mit dem Malzbier versucht, aber jetzt schimpfen sie, und einer nach dem anderen geht über die Straße in die Wirtschaft und trägt dem Manne das Geld hin«, klagt sie verzweifelt.

»Aber sie dürfen doch das Gelände während der Arbeitszeit nicht verlassen. Ich werde mit den Wächtern sprechen.«

»Ach, das hat ja gar keinen Zweck. Sie gehen in der Freizeit und nach Arbeitsschluß doch hin, und neulich habe ich sogar beobachtet, wie einer ein Bierfaß auf einem Wagen mitgebracht und im Schuppen abgeladen hat. Das war bestimmt kein Lagergut, aber uns wird auf die Finger gesehen.«

Herr Gregor lächelt. »Da sieht man, wie der Durst erfinderisch macht. Der Durst und die Liebe, Frau Reiche, daran ist nicht zu zweifeln. Ich will versuchen, ob sich bei Gelegenheit wenigstens die Erlaubnis für den Bierausschank durchdrücken läßt. Doch nun werde ich müde, man geht hier eben mit den Hühnern zu Bett. Wo ist denn Ihr Mann, wieder in einer Versammlung?«

»Ach der, wissen Sie, seitdem wir die Bäckerei aufgegeben haben, ist er kein richtiger Mensch mehr. Er könnte hier ein so schönes Leben führen, aber nun hat er sich auch aufs Trinken verlegt, und weil er zu Hause nichts hat, muß er eben zu anderen gehn. — Also ich bringe Ihnen nachher noch frisches Wasser hinauf, die Herren Bauräte wollen schon zahlen«, flüstert sie, während sie die prallen weißen Arme über der Brust verschränkt. —

Herr Gregor hat lange keine Gelegenheit, das Alkoholverbot bei Joachim Becker zur Sprache zu bringen. Zuviel wichtige Dinge liegen vor, die den jungen Direktor bis in den späten Abend beschäftigen und sein ungeduldiges Wesen allmählich schwer erträglich machen.

Sein Sekretär ist längst nicht mehr über alle Vorgänge unterrichtet. Es werden neue Ressorts besetzt, andere verantwortliche Kräfte herangezogen, die Aussicht haben, aufzusteigen, während der junge Herr Gregor nur ein Handlanger bleibt. Seine Einkünfte sind nicht geringer, seine Machtstellung nach außen bleibt unbeschränkt — man bemüht sich um seine Gunst —, aber er ist nicht zufrieden.

Eines kleinen Triumphes konnte er sich heute unvermutet erfreuen, er vermochte seine Genugtuung darüber schwer zu unterdrücken. Da hatte man nun wochenlang Konferenzen mit den Bauräten und fremden Kommissionen im engen Kreise abgehalten: geheimnisvolle Pakete wurden von den Herren persönlich gebracht und wieder mitgenommen, auf dem langen Konferenztisch waren Brocken von Erde und Steinen zurückgeblieben. Sie glaubten, ihr Geheimnis gut bewahrt zu haben, und heute stand es in der Zeitung.

Herr Gregor strich den Artikel rot an und legte ihn Joachim Becker wortlos auf den Tisch. So, nun sollte man sehen, daß ihm nichts entgehen konnte.

Er wurde nicht gerufen, aber Kommerzienrat Friemann war von seiner Rumänienreise zurückgekehrt und sofort in das Zimmer des Hafendirektors gegangen.

»Von der Reise zurück?« ruft sein Schwiegersohn überrascht.

»Ja«, sagt der Kommerzienrat und wirft einen prüfenden Blick umher. »Man hat auch gleich etwas Neues erfahren. Da habe ich mir zum Beispiel unterwegs eine Zeitung gekauft —«

»Ach, meinst du dieses Gefasel hier?« Joachim Becker stößt mit dem Finger verächtlich auf den angestrichenen Artikel.

»Allerdings. Was sind das für Erzfunde, und warum hat man mir nichts mitgeteilt?«

»Weil es unwesentlich ist. Sie sind nur im Südbecken bemerkt worden, während wir im ersten Becken sogar auf Moorboden stoßen und im zweiten bereits mit Schwimmbaggern arbeiten. Das Südbecken, das eine Breite von sechzig Metern bekommt, enthält die Vorkommen am Ende der südlichen Breitseite, außerdem sind es unreine Erze, die erst aufbereitet werden müssen. Die Hauptader zieht sich in das dahinterliegende Gelände. Was in unserem Becken gefunden wird, ist nicht der Rede wert. Wenn die Zeitung fordert, wir sollen die Arbeit einstellen und die Erze fördern, so ist das heller Wahnsinn.«

»Wem gehört das dahinterliegende Gelände?«

»Es sind Felder, die augenblicklich noch bestellt werden. Sie sind mir vor einigen Wochen bis zum anstoßenden fiskalischen Grund für die spätere Erweiterung der Hafenanlagen billig angeboten worden, und ich habe sie während deiner Abwesenheit mit Einwilligung unseres Vorstandes gekauft, um sie im nächsten Frühjahr als Fußballplätze für die Arbeiter einrichten zu lassen.«

»So, du kaufst Fußballplätze für die Arbeiter! Die Herren vom Aufsichtsrat aber fragen an, warum wir nicht die Erze fördern, um Geld hereinzubekommen«, sagt der Kommerzienrat nicht ohne Schärfe. Er ist im Grunde sehr zufrieden mit der Auskunft, denn so viel hätte er nicht einmal erwartet: daß man sich das wertvolle Gelände gleich sichern würde. Aber was ist das für ein Gerede von den Fußballplätzen? Diese Art Menschen muß ihre raffinierten Geschäftszüge immer mit einem idealistischen Mantel bekleiden. Er selbst hätte mit Stolz darauf gepocht, wenn ihm der schnelle Kauf noch vor Bekanntwerden der Erzfunde gelungen wäre.

Joachim Becker ist sehr blaß geworden. »Wir wollen einen Hafen verwalten und keine Erze fördern«, sagt er ruhig.

»Deswegen kann man das neue Gelände richtig ausnutzen«, gibt der Kommerzienrat zurück.

»Wenn der Aufsichtsrat es durchaus verschachern will, so steht es ihm frei.«

Über das gelbe fette Gesicht des Kommerzienrats zieht eine flüchtige Röte. Seine runden Augen, die denen seiner Tochter so verblüffend gleichen, werden in der Erregung ebenso starr und ausdruckslos, wie sie bei Adelheid beweglich und sprechend sind, woraus man schließen kann, daß sie auch vom Verstand zu lenken sind, denn sie verbergen alle seine Gefühle.

»Du benutzt das Geld nur zum Ausgeben. Aber das Konsortium muß es heranschaffen. Wir wollen auch einnehmen.«

»Der Hafenbetrieb wird es bringen.«

»Das ist Zukunftsmusik. Wir müssen die Tatsachen nutzen. So kommen wir nicht weiter. Die Verträge mit der Eisenbahn sind auch noch nicht abgeschlossen. Wir können ohne den Gleisanschluß nicht arbeiten, wenn die Speicher fertig sind.«

»Wir werden schon rechtzeitig einig werden. Ich arbeite mit Hochdruck, aber man macht mir Schwierigkeiten wegen Lappalien und kommt mit bureaukratischem Formelkram dazwischen.«

»Eins der Aufsichtsratsmitglieder von den Banken wird demnächst eine Gesellschaft geben und einige Herren von der Bahn einladen.«

»Ich dachte, daß es bei uns auch auf dem geraden Wege gehen kann«, gibt Joachim Becker erregt zurück.

»Mit diesem Draufgängertum kommst du nicht weiter! Das ist der legale Weg, die Verhandlungen ein wenig zu glätten. Du erkundigst dich wohl nach den maßgebenden Herren und legst mir die Liste vor.«

Der andere gibt keine Antwort, aber er macht sich eine Notiz.

An der Tür wendet sich der Kommerzienrat noch einmal um.

»Übrigens,« meint er nun jovial und nicht mehr kühl geschäftlich wie während der ganzen Unterredung, »wir sind heute abend allein, ihr kommt wohl ein wenig herüber?«

»Ich habe sehr viel zu tun«, sagt sein Schwiegersohn mit einem Blick auf den Notizblock; aber wie er dann in das breite Gesicht mit den warmen Augen des Familienvaters sieht, fügt er entgegenkommender hinzu: »Doch ich will sehen, wie ich es einrichten kann.«

Er hat das Verlangen, sich Bewegung zu machen und frische Luft zu atmen. Darum bestellt er seinen Wagen und fährt in den Hafen. Herr Gregor begleitet ihn.

Nun schreitet die Arbeit in der Höhe und in der Tiefe fort, daß es eine Freude ist, seine Augen überallhin schweifen zu lassen. Das werktätige Spektakeln der Arbeiter und das Rattern der Maschinen wirken beruhigend auf seine Nerven.

»Was wird hier ausgeladen?« fragt er am Kanal den Aufseher.

»Es sind die Dynamitladungen für die Sprengungen im Südbecken«, gibt der Mann zurück.

»Wo sollen sie gelagert werden?«

»Ja — hier im Schuppen, da wir noch nichts anderes haben.«

»Wollt ihr die Sprengstoffe in den Holzschuppen geben? Die Keller im Getreidespeicher sind fertig. Wir haben sie feuersicher ausbauen lassen. Warum wird daran nicht gedacht?«

Herr Gregor stellt fest, daß dieser Mensch alles sieht und immer den richtigen Ausweg weiß. Er muß ihn gegen sein inneres Sträuben imponierend finden.

Dann sucht der Direktor den Oberbaurat Steffens auf, der die Hochbauten leitet.

»Wir müssen mit dem Getreidespeicher schneller weiterkommen. Ich sehe, Sie sind noch beim zweiten Stock. Die Firma Friemann hat zehntausend Tonnen Getreide von der neuen Ernte in Rumänien zu erwarten. Sie muß wissen, daß sie es hier lagern kann, ehe sie die Ladungen auf den Weg bringt. Zum Herbst also soll der Getreidespeicher mit allen Inneneinrichtungen in Betrieb genommen werden. Wir werden die Doppelschichten verstärken müssen. Was meinen Sie?«

Direktor Becker hat es sich angewöhnt, nach Erteilung seiner knappen Befehle die maßgebenden Herren in dieser Weise um ihre Meinung zu bitten. Daß sie stets übereinstimmend lautet, ist selbstverständlich, und er hat die wegen seiner Jugend entstandenen Feindseligkeiten, besonders von seiten der städtischen höheren Beamten, einfach im Keime erstickt.

Nein, es scheint dem jungen Unternehmungsgeist wahrhaftig nicht schwer, mit den Menschen fertig zu werden, wenn man nur die Augen offenhielt und — die nötige Macht in die Hände bekam. Ob diese Rechnung auch immer richtig aufgehen würde?

Für jeden Fall hat Joachim Becker sich hier, wo ihm das letzte Wort zu sagen bleibt, wieder Kraft geholt. Nun kann er in sein Bureau zurückfahren und weiterarbeiten.

Irmgard Pohl sieht ihn, wie er in seinen Wagen steigt. Sie ist zum ersten Male vor das Haus gegangen und betrachtet es als eine Probe auf ihre inneren und äußeren Kräfte, daß sie zuerst dem Menschen begegnet, der ihr Gleichgewicht am meisten erschüttern kann.

Aber nun will sie mit den Leistungen ihrer Energie noch weiterkommen: sie geht zu ihrer Mutter hinauf, um den alten Kampf mit der fürchterlichen Krankheit aufzunehmen, die geheimnisvoll und ohne Angriffsmöglichkeiten ist.