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Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten

herausgegeben von

A. Scobel


II.

Cuba


Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1899

Cuba

Von

Dr. E. Deckert


Mit 96 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen
und Kartenskizzen, sowie einer farbigen Karte.

Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1899

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.


Inhalt.

Seite
I. Die kolonialgeschichtliche Entwickelung bis Mitte des XIX. Jahrhunderts [3]
II. Die cubanische Krisis in ihrem Zusammenhange mit dem cubanischen Volkskörper [12]
III. Die cubanische Krisis in ihrem Zusammenhange mit den äußeren Beziehungen der Insel [24]
IV. Das Baracoasche Gebirgsland [32]
V. Das Maestragebirgsland nebst der Cautoniederung [44]
VI. Das Hügelland von Camaguey [59]
VII. Das Las Villas-Bergland [69]
VIII. Habana und sein Isthmus [80]
IX. Das Hügel- und Flachland der Vuelta Arriba [93]
X. Das Stufenland der Vuelta Abajo [100]
XI. Die Insel Pinos [108]
Statistische Übersicht [116]

Abb. 1. Typische cubanische Landschaft
(Yumuri-Thal).

[❏
GRÖSSERES BILD]

Cuba.

I.

Die schönste Insel, welche Menschenaugen geschaut haben — isla la mas hermosa que ojos hayan visto — nannte Christoph Kolumbus Cuba, als er, von den landschaftlich unbedeutenden Bahamas heransegelnd, das Nordostgestade der großen Antille in der Gegend des heutigen Puerto Nipe am 28. Oktober des Jahres 1492 zum erstenmale betrat, und bei seinem lebhaften Natursinne wird der berühmte Entdecker während des ferneren Verlaufes seiner ersten Amerikafahrt nicht müde, die Reize der Insel in seinem Tagebuche wieder und wieder im einzelnen zu preisen: die prächtigen Buchten und tiefen Ströme, die dem Schiffer Zugang und Schutz gewähren, die jäh aufstrebenden Küstenberge, die an die Berge Siciliens erinnern, die in frischem Grün prangenden weiten Ebenen, die stolzen Palmen, den Duft der Blüten und Gewürze, den Vogelgesang (den er für Nachtigallenschlag hielt), und das sanft geartete blaue Meer, welches das glücklich gefundene Wunderland umflutet — siempre mansa como el rio de Sevilla. Und eine ähnlich hohe Bewunderung wie ihrer Schönheit ([Abb. 1] und [4]) zollt er dem Reichtume und den wirtschaftlichen Hilfsquellen der cubanischen Landschaft.

Schwerlich wird auch ein neuerer Reisender, der Cuba besucht und näher kennen gelernt hat, es unternehmen wollen, die Lobpreisungen des Kolumbus in irgend einem wesentlichen Stücke Lügen zu strafen. Der von ihm gehegte Glaube, als ob Cuba Marco Polos vielberufenes Cipangu (Japan) oder ein Teil des asiatischen Festlandes sei, war allerdings gleich manchem anderen Glauben des Mittelalters ein irriger, im großen Ganzen bleibt aber die kolumbische Charakteristik davon bis auf den heutigen Tag zu Recht bestehen, und was an ihr zu ändern ist, bezieht sich in jedem Falle nur auf Einzelheiten. Das durch natürliche Wogenbrecher aus Korallenkalk gebändigte und für die Regel thatsächlich flußartig ruhige Meer rings um Cuba herum hat nicht selten Momente der furchtbarsten Aufregung, in denen es Hunderte von Fahrzeugen an den Küstenklippen zerschellt — was Kolumbus in der Folge durch eigene schlimme Erfahrung noch wohl genug beurteilen lernte —, und während der Goldreichtum der Insel sich bei genauerem Zusehen als ein sehr beschränkter erwiesen hat, so finden sich Eisenerze, die Kolumbus gänzlich vermißte, auf ihr in großer Menge und von hoher Güte.

Cuba im XVI. Jahrhundert.

Anderweit in der von Kolumbus entschleierten Neuen Welt ([Abb. 2] und [3]), und vor allen Dingen auch auf der Nachbarinsel Haiti, die nicht ganz sechs Wochen später aufgefunden wurde, stießen die Spanier auf ausgiebigere Lagerstätten des edlen Metalles, während die Pracht und Zeugungskraft der tropischen Natur daselbst eine der cubanischen nahe verwandte war; und dies war der hauptsächlichste Grund, warum jene anderen Länder sich bald einer höheren Wertschätzung von ihrer Seite erfreuten, indes Cuba — oder wie Kolumbus es ursprünglich nannte: Juana — auf Jahrhunderte hinaus einer verhältnismäßigen Nichtachtung und Vernachlässigung anheimfiel. Zwar wurde im Jahre 1508 Sebastian de Ocampo entsandt, die Insel zu umsegeln und näher zu erforschen, und zwar wurde 1511 durch den ehrgeizigen und rührigen Diego Velasquez die spanische Herrschaft in aller Form darauf errichtet, die an ihren Küsten begründeten Niederlassungen entwickelten sich aber nur langsam, und zur Füllung des spanischen Staatssäckels trug Cuba im Gegensatze zu Haiti sowie zu Mexico und Peru lange Zeit nur ein Geringes ein (an Geld 1515 bis 1534 260000 Pesos). Der Hauptsitz der spanischen Macht über Westindien befand sich demgemäß auch von vornherein nicht auf Cuba, sondern in Santo Domingo, auf Haiti, welch letzteres seinen Ehrennamen Hispaniola — Kleinspanien — nicht umsonst führte.

Abb. 2. Das Grabmal des Kolumbus in der Kathedrale
von Habana.

In einer Beziehung konnte Cuba freilich nicht verfehlen, seine kulturgeographische Bedeutung schon in den ersten Jahrzehnten der spanischen Herrschaft geltend zu machen: es diente sowohl den welthistorischen Unternehmungen eines Ferdinand von Cordova und Juan Grijalva (1518), sowie eines Ferdinand Cortez (1519) gegen Mexico und Mittelamerika, als auch denjenigen eines Ferdinand de Soto (1539) und eines Aviles de Menendez (1566) gegen Florida und das Mississippigebiet als Basis und Ausgangspunkt, und als ein Hauptschlüssel zu der Neuen Welt — „Llave del Nuevo Mundo“ — bewährte sich insbesondere die Position von Habana schon sehr frühe. Der von spanischen Ansiedlern betriebene Landbau beschränkte sich aber lange auf die Erzeugung der zu ihrem eigenen Lebensunterhalt nötigen Nährgewächse, und auch die Zucht der aus Europa eingeführten Nutztiere, die auf den tropischen Savannen ohne weiteres wohl gedieh, gestattete nur eine vergleichsweise unbeträchtliche Ausfuhr von Häuten und Fellen, sowie später von Honig und Wachs. Für die Erzeugnisse, durch welche die Insel nachmals so reich und berühmt geworden ist, gab es in den Zeiten, die unmittelbar auf ihre Entdeckung folgten, noch keinen genügenden Markt, und als die Nachfrage nach ihnen allgemach eine lebhaftere wurde, da hatten Haiti und Mexico betreffs ihres Anbaues und Absatzes vor Cuba lange Zeit einen weiten Vorsprung. Was insbesondere das cubanische Rauchkraut anbetrifft, so lernten die spanischen Ansiedler und Seefahrer den Genuß desselben allerdings von den Eingeborenen sehr rasch würdigen und von diesen wieder — entgegen allen Verboten, welche Könige, Kaiser und Sultane zur Bekämpfung der bedenklichen Neuerung erließen — die christlichen und mohammedanischen Völker der Alten Welt; der Anbau des Tabaks ([Abb. 5]) zu Handelszwecken begann aber auf Cuba erst gegen Ende des XVI. Jahrhunderts, und einen bedeutenderen Umfang gewann derselbe unter steten Kämpfen mit beengenden Monopolen und Regierungsmaßregeln sogar erst im Laufe des XVIII. Jahrhunderts. Die Kulturen des Zuckerrohres und des Kaffeebaumes aber, welche auf Haiti bereits in den ersten Jahrzehnten der Besiedelung in hohen Schwung kamen, wurden auf Cuba erst nach der Mitte des XVIII. Jahrhunderts nennenswert. Die cubanische Tabakausfuhr betrug um das Jahr 1700 kaum mehr als 1000 Centner jährlich, um das Jahr 1750 aber ungefähr 20000 Centner.

Urbevölkerung und Negersklaven.

Daß die dem indianischen Arawakstamme zugehörige Urbevölkerung Cubas gerade so wie diejenige Haitis weder willig noch fähig war, den Spaniern bei ihrem Kultivationswerke die rücksichtslos geforderten Frondienste zu leisten, ist bekannt, und bei ihrer Niedermetzelung im Namen der europäischen Civilisation und des christlichen Glaubens ging es sicherlich blutig genug zu, immerhin war ihre Ausrottung aber im Zusammenhange mit den angegebenen Verhältnissen eine weniger rasche und gründliche als auf Haiti, und im allgemeinen kann man sich dabei eher an die Ausrottung der neuseeländischen Maori durch die Engländer — in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts — oder oder an die Seminolenkriege der Nordamerikaner — 1835 bis 1842 — erinnert fühlen. Einige dürftige Reste der unvermischten Urbevölkerung, deren Zahl die zeitgenössischen Berichterstatter des Kolumbus offenbar weit überschätzten, fristeten ja in den östlichen Gebirgsgegenden Cubas ihr Dasein bis auf unsere Tage, und in der cubanischen Landbevölkerung, den sogenannten Guajiros, ist ein durch seinen Gesichtsschnitt und sein straffes schwarzes Haar kenntliches halbindianisches Mischungselement über die ganze Insel verbreitet, wie denn auch einer der Hauptanführer in dem eben beendigten Kampfe gegen die Spanier — General Rabi — als Sprosse einer alten indianischen Häuptlingsfamilie bezeichnet wird.

Abb. 3. Der Kolumbus-Gedächtnistempel zu Habana.

Die Einführung von Negersklaven begann auf Cuba neunzehn Jahre später als auf Haiti (1524), und bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts fand dieselbe auch immer in einem viel geringeren Umfange statt als dort — ein Hauptgrund, warum Cuba nicht in dem gleichen Maße wie die Nachbarinsel von dem schwarzen Bevölkerungselemente überflutet worden ist. Die freiwillige weiße Einwanderung aus Spanien und von den Kanarischen Inseln war aber in den ersten Jahrhunderten nach der Entdeckung ebenfalls eine geringfügige, und nur als Jamaica an England verloren ging (1655), Tortuga nebst dem westlichen Teile von Haiti aber an Frankreich (1697), und als Spanien sich dadurch genötigt sah, seine kolonisatorische Kraft in Westindien mehr zu konzentrieren, da erhielt das weiße Element von jenen Nachbarinseln, sowie von dem Mutterlande her eine wesentlichere Verstärkung. Alles in allem gab es daher am Anfange des XVIII. Jahrhunderts erst ungefähr ein Dutzend Ortschaften auf der Insel, und die Gesamtzahl ihrer Bewohner ist für diese Zeit auf nicht mehr als 30000 zu veranschlagen.

Anlage von Befestigungen.

Was die Entwickelung der Niederlassungen auf Cuba im übrigen zurückhielt, waren einesteils die dem ganzen westindischen Erdraume eigentümlichen verheerenden Naturereignisse — Erdbeben, Orkane, Überschwemmungen und Sturmfluten —, anderenteils, und in einem viel hervorragenderen Maßstabe, vielfach wiederholte Einfälle von Piraten und Freibeutern — der bekannten Vorhut der Engländer und Franzosen bei ihren langjährigen Kämpfen mit den Spaniern um amerikanischen Kolonialbesitz. Dies war aber auf Haiti und Jamaica auch nicht anders, und gegenüber den Angriffen der Boucaniere ebenso wie der Engländer bewährte sich Cuba in jedem Falle als ein festerer Hort der spanischen Herrschaft als diese Inseln. Vor allen Dingen erwuchsen aus jenen Kämpfen eine Anzahl der stattlichen Bollwerke, die heute Habana umgeben: die die Hafenfront der Stadt beschützende alte Fuerza, welche schon De Soto anlegte (1538), der weithin drohende Morro ([Abb. 6]) und das demselben gegenüber gelegene Castello de la Printa, die den Eingang in die Bai bewachen, und die unter Philipp II. aufgeführt wurden (seit 1589), und die ausgedehnte, nur in Bruchstücken erhalten gebliebene Ringmauer der Stadt, deren Bau 1655 begonnen und 1738 beendigt wurde; ebenso aber auch der malerische Morro, am Eingange in die Bucht von Santiago, der in seiner ursprünglichen Gestalt aus dem Jahre 1643 und in seiner erneuerten Gestalt, nach der Zerstörung durch die Engländer (1661), aus dem Jahre 1663 stammt.

Abb. 4. Cubanische Stromuferlandschaft.

Abb. 5. Tabakfeld und Tabakernte.

Cuba im XVIII. Jahrhundert.

Der höhere wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung Cubas und die allgemeine Würdigung der Insel als Perle und Königin der Antillen — Perla oder Reyna de las Antillas — reicht nicht weiter zurück, als in die zweite Hälfte des XVIII. Jahrhunderts, doch heißt es den Engländern wohl zu viel Ehre anthun, wenn man behauptet, den Anstoß dazu habe einzig und allein die Einnahme von Habana durch Lord Albemarle und seine Riesenflotte, sowie die nicht ganz einjährige Besetzung von Habana und Santiago durch britische Truppen (August 1762 bis März 1763) gegeben. Der zeitweilige Verlust der Insel mußte allerdings dazu beitragen, sie den spanischen Herzen teurer zu machen, für die Entwickelung ihrer Fähigkeiten und Reichtümer war es aber zweifellos bedeutsamer, daß in der zweiten Hälfte des XVIII. und bei dem Beginn des XIX. Jahrhunderts eine Veränderung der gesamten Weltlage Platz griff. In erster Linie machte das Zeitalter der Aufklärung unter Karl III. auch in Spanien seine Wirkung in kräftiger Weise geltend, und außer der Beschränkung der Inquisition und der Vertreibung der Jesuiten führte dasselbe sowohl in dem Mutterlande als auch in den Kolonien mancherlei durchgreifende Reformen hinsichtlich des Wirtschaftslebens herbei. Sodann befreite sich in den Jahren 1773 bis 1783 die Nordamerikanische Union von der englischen Bevormundung und dem englischen Joche, und es öffnete sich dadurch den Erzeugnissen Cubas in unmittelbarer Nachbarschaft ein weites und lohnendes Absatzgebiet. Unter diesen Erzeugnissen hatte der Tabak um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts den Ruf unübertrefflicher Güte, den er bis auf den heutigen Tag genießt, fest begründet, während sich für die Kultur des Zuckerrohres und namentlich für die seit 1795 eingeführten neuen Varietäten desselben (das Otaheitirohr), weitere und weitere Roterdestrecken vorzüglich geeignet erwiesen, und auch der Kaffeebaum, der erst 1748 von Haiti nach Cuba verpflanzt wurde, fand in dem Hügellande südlich von Habana, sowie an den Gehängen der Sierra de los Organos, der Sierra de Trinidad und der Sierra Maestra Anbaustätten, die ihm wohl zusagten. Die Abtretung Floridas an England ferner (1763) hatte eine weitere Verstärkung des Einwandererzuflusses, sowie einen bedeutenden Aufschwung der Bienenzucht zur Folge, und in einem noch größeren Maßstabe bewirkte eine Verstärkung kapitalkräftiger und erfahrener Kolonisten, sowie ein höheres Aufblühen sämtlicher Zweige der Pflanzungskultur die Negerrevolution Toussaint l’Ouvertures und die damit Hand in Hand gehende Vertreibung und Ausrottung der Weißen auf Haiti (seit 1791). Endlich aber wurde Cuba in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts durch den Abfall von Süd- und Mittelamerika und Mexico die überseeische Hauptbesitzung Spaniens, und die kolonisatorischen Fähigkeiten und Bestrebungen hatten sich ihm daher in einem höheren Grade zuzuwenden als irgend einem anderen Lande. Der militärische Hauptstützpunkt der Spanier in der Neuen Welt war Habana schon seit lange gewesen, und nach seiner Zurückerlangung aus der Hand der Engländer waren sie eifrig darauf bedacht, einem neuen Verluste desselben durch eine weitere Verstärkung seiner Bollwerke vorzubeugen. So entstand das Castillo del Principe auf dem die Stadt im Westen überragenden Hügel, das Altaresfort im Hintergrunde der Bai und die gewaltige Cabañafestung mit dem Fort San Diego an dem Baiausgange und der Stadt gegenüber ([Abb. 7]).

Abb. 6. Seeseitige Ansicht des Morro von Habana.

Freier Handel und Verkehr mit dem Mutterlande und seinen Kolonien wurde Cuba 1778 zugestanden, freier Handel und Verkehr mit aller Welt aber erst 1817, nachdem es sich in der Zeit der Napoleonischen Kämpfe ebenso, wie in der Zeit der süd- und mittelamerikanischen Befreiungskämpfe als das der spanischen Krone allezeit getreue — „siempre fidelissima“ — bewährt hatte und bereits in das Stadium seiner höchsten Blüte eingetreten war.

Um das Jahr 1775 war Haiti in seiner Entwickelung Cuba noch ein gutes Stück voraus — mit einer doppelt so großen Bevölkerungszahl, mit einer fünffach so bedeutenden Zuckerproduktion, mit einem zwanzig- oder dreißigfach ansehnlicheren Bestande an Kaffee- und Kakaobäumen, und mit einer ungleich gewaltigeren Ausdehnung seiner Indigo- und Baumwollenfelder. Die weiße Bevölkerung war aber damals auf Cuba schon reichlich dreimal so zahlreich als auf Haiti, Habana nennen die Länderbeschreiber jener Zeit (A. F. Büsching) bereits „die wichtigste Stadt, welche die Spanier in Amerika besitzen“, und während auf Haiti die gesamte materielle und geistige Kultur durch die politische Katastrophe der neunziger Jahre des XVIII. Jahrhunderts in den furchtbarsten Niedergang geriet, ja gutenteils vollständig vernichtet wurde, so machte sie auf Cuba von da ab Riesenfortschritte.

Cubas Aufschwung im XIX. Jahrhundert.

In den Jahren 1792–1817 erfolgte eine Verdoppelung der cubanischen Volkszahl von 272000 auf 553000 und in den Jahren 1818–1845 eine weitere Verdoppelung derselben auf 1112000, so daß der Aufschwung in dieser Beziehung als ein höherer und rascherer erscheint, als in den hervorragendsten Staaten der Nordamerikanischen Union, mit alleiniger Ausnahme von New York. Und im Einklange damit erschienen auch die wirtschaftlichen Leistungen der Kolonie mehr und mehr in einem sehr glänzenden Lichte. Die Tabakausfuhr stieg in dem Zeitraume von 1789–1850 von 56000 Centnern auf 360000 Centner und 94 Millionen Stück Cigarren (abgesehen von dem in diesem Artikel jederzeit stark betriebenen Schmuggelhandel), die Zuckerausfuhr wuchs von 1764 bis 1853 von 20000 auf 6,6 Millionen Centner, und die Kaffeeausfuhr war in den zwanziger und dreißiger Jahren des laufenden Jahrhunderts bedeutender als die von Java (1830–1835 500000 Centner jährlich). Die Häfen der Insel, und vor allem derjenige von Habana, belebten sich mit Tausenden von Fahrzeugen, die meisten älteren Städte gediehen zu ansehnlicher Größe und Schönheit ([Abb. 8], [9] u. [10]), und zugleich gesellten sich ihnen zahlreiche neue zu, und inmitten der sich weiter und weiter ausdehnenden, mit den genannten Stapelerzeugnissen bebauten Kulturgefilde erstanden allerwärts mächtige Wirtschafts- und Fabrikgebäude ([Abb. 11] u. [12]) sowie freundliche Herrenhäuser und Quintas. Die natürlichen Savannen nebst den durch das eingeführte Guinea- und Paragras (Panicum maximum und Panicum molle) verbesserten Kunstweiden nährten um das Jahr 1850 nahe an eine Million Rinder, und die Mahagoni- und Cedrelenschlägereien sowie die Kupfergruben der Provinz Santiago gewährten gleichfalls eine namhafte Ausbeute. Nicht so bald war in Europa und Nordamerika das Zeitalter der Eisenbahnen hereingebrochen, so machte sich Cuba auch diese bedeutsame Neuerung zu nutze, und die Linie Habana-Guines war bereits 1838 im Betriebe, während der Ausbau des heute auf der Insel vorhandenen Schienenstraßennetzes in der Hauptsache bis Anfang der sechziger Jahre bewirkt wurde. Der erste Seedampfer aus Nordamerika war aber schon im Jahre 1818 in der Bucht von Habana erschienen.

Abb. 7. Die Cabañafestung nebst der Bucht von Habana.

[❏
GRÖSSERES BILD]

Abb. 8. Die Indianerinbildsäule im Prado von Habana.

Wirtschaftlicher Aufschwung Cubas.

Furchtbare Naturereignisse, wie die mit großen Sturmfluten einhergehenden Orkane von 1768, 1791, 1810, 1844 und 1846, die starken Erdbeben von 1755, 1766, 1826 und 1852 und die anhaltende Dürre von 1844 traten auch in dieser Zeit auf, sie vermochten aber die wirtschaftliche Blüte ebensowenig dauernd zu beeinträchtigen wie die den Küstenplätzen eigentümlichen Gelbfieberepidemien, und alles in allem gab es um die Mitte des XIX. Jahrhunderts schwerlich ein Kolonialland in der Welt, das in einem so hohen Grade wie Cuba ein Bild rühriger Thätigkeit, allgemeinen Wohlstandes und verfeinerten Lebensgenusses geboten hätte.

Die Zahl der Zuckerrohrpflanzungen belief sich im Jahre 1850 auf 1442, die Zahl der Kaffeegärten (Cafetales) auf 1618 und die Zahl der Tabakfelder (Vegas) auf 9102, dabei waren aber um jene Zeit in der Westhälfte der Insel (westlich von dem Isthmus von Moron) erst ungefähr acht Prozent und in der Osthälfte sogar nur etwas über drei Prozent von der Gesamtfläche wirkliches Kulturland, und der Weiterentwickelung des Wirtschaftslebens schienen auf diese Weise allerwärts noch ungemessene Räume offen zu stehen.

Wissenschaftliche Erforschung Cubas.

Anerkennenswert waren in der Zeit des geschilderten wirtschaftlichen Aufschwunges auch die Fortschritte, welche die wissenschaftliche Durchforschung und Kenntnis von der Insel machte. Die Aufnahmen, welche das spanische hydrographische Amt damals an den Küsten von Cuba vornahm, durften mit gutem Grunde als mustergültige gerühmt werden, und im Verein mit den im Inneren bewirkten astronomischen Ortsbestimmungen führten dieselben im Jahre 1835 zu der Veröffentlichung einer grundlegenden topographischen Übersichtskarte von der Insel.

Vor allen Dingen aber bewährte sich an der Eingangsschwelle unseres Jahrhunderts Alexander von Humboldt auch betreffs Cuba als eine Art zweiter Kolumbus, indem er an der Hand seiner 1801 und 1804 bei Habana, Guines, Batabano und Trinidad angestellten eigenen Beobachtungen seine an der Hand der besten anderweit vorliegenden Materialien in seinem Essai politique sur l’île de Cuba (Paris 1821–1824) ein erstes kritisches und umfassendes wirtschafts- und kulturgeographisches Gemälde von der Insel entwarf.[1]

Abb. 9. Vorstädtisches Matanzas (Quintas).

[1] In Humboldts Fußstapfen gingen dann andere einher: ein Ramon de la Sagra mit seiner ausführlichen Historia fisica, politica y natural (Madrid 1849), ein Felipe Poey mit seiner Historia natural (Madrid 1851), ein Estéban Pichardo mit seiner Geografia (Habana 1854), ein José Maria de la Torre mit seinem Elementos de Geografia (Habana 1856), ein José de Pezuela mit seinem Diccionario geografico (Madrid 1863) — nicht zu vergessen der mühevollen kartographischen Leistungen eines Estéban Pichardo (21 Blätter) und Francisco Coëllo. Eine von der spanischen Kolonialregierung geplante geologische Landesaufnahme (1844) scheiterte freilich an den unzureichenden Mitteln.

II.

Tabakbau.

Man darf behaupten, daß die hohe wirtschaftliche Blüte Cubas bis in die siebziger Jahre des XIX. Jahrhunderts hinein angedauert habe, und wenn gewisse statistische Ausweise für die Beurteilung dieser Blüte maßgebend wären, so könnte man sogar geneigt sein zu glauben, daß es auch in den achtziger und neunziger Jahren noch sehr glänzend damit bestellt gewesen sei. Die Zuckerproduktion der Insel erreichte ja im Jahre 1894 die vordem niemals dagewesene Höhe von 1030000 Tonnen, so daß sie ein volles Dritteil von der Rohrzuckerproduktion der ganzen Welt ausmachte, und daß Java, Mauritius u. s. w. darin weit hinter Cuba zurückstanden. Die Tabakernte betrug bis 1895 im Jahresdurchschnitte gegen 600000 Centner, und etwa 450000 davon wurde in Gestalt von Blättern, der größere Teil des Restes aber in Gestalt von Cigarren (1889 250 Millionen) und Cigaretten (1893 147 Millionen Pakete) in das Ausland verführt. Die Einwohnerzahl der Insel war im Jahre 1890 auf 1660198 gestiegen, die Zahl ihrer Zuckerfabriken (Ingenios) auf 1119, die Zahl ihrer Tabakpflanzungen (Vegas) auf 8485, die Zahl ihrer Viehzuchtgehöfte (Potreros) auf 4214, die Zahl ihrer Rinder auf 2,5 Millionen, die Zahl ihrer Pferde, Maultiere und Esel auf 965000 und der Wert ihrer sämtlichen Landgüter auf 1260 Millionen Mark. In seinem Ausfuhrhandel aber überragte Cuba (1892 384 Millionen Mark) sowohl Algerien und Ägypten als auch das Kaisertum Japan, und in dem Hafen von Habana allein verkehrten 1890 2179 Schiffe (mit 2,6 Millionen Tonnen).

Abb. 10. Die Königspalmenallee des Botanischen Gartens zu Habana.

Abb. 11. Ein Ingenio.

Die Ursachen des Niederganges.

Ungeachtet dieser Ziffern, die von der Bedeutung und dem Werte der „Perle der Antillen“ kein weniger glänzendes Zeugnis ablegen als das Tagebuch des Kolumbus, wurde die Lage in Cuba aber in wirtschaftlicher ebenso wie in politischer und allgemein kultureller Beziehung während der letzten Jahrzehnte allgemach eine überaus üble, und man durfte sich seit geraumer Zeit mit Fug und Recht fragen, ob sie wohl in irgend einem Lande der Erde eine traurigere sein könne. In Irland war sie höchstens eine ähnlich traurige.

Der Ursachen, die diese Wendung zum Schlechteren herbeigeführt haben und die es zugleich auch bewirkt haben, daß die Herrschaft über die Insel vor unseren Augen den Händen der Spanier entglitten ist, — dieser Ursachen gab es mancherlei, und mit dem bloßen Hinweise auf das spanische Mißregiment sind dieselben in jedem Falle nicht erschöpft.

Die berührte starke Bevölkerungszunahme in dem letzten Viertel des vergangenen und in der ersten Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts war, da es sich bei Cuba selbstverständlich immer in erster Linie um eine tropische Pflanzungskolonie handelte, in ganz hervorragender Weise durch die in jener Zeit sehr schwungreich betriebene Negersklaveneinfuhr aus Afrika bedingt, und mehr und mehr gewann dabei das schwarze Element in dem cubanischen Volkskörper das entschiedene Übergewicht. So waren im Jahre 1774 nicht ganz 44 Prozent von der Bevölkerung Neger und Mulatten, im Jahre 1841 aber mehr als 62 Prozent, und erst als die Sklaveneinfuhr aufhörte — die Schmuggeleinfuhr nicht früher als in den fünfziger Jahren —, da trat in diesem Verhältnisse wieder ein Umschwung zu Gunsten des weißen Elementes ein dergestalt, daß das letztere bei der Volkszählung 1887 62 Prozent, das Element der Neger und Mulatten aber nur 35 Prozent von der Gesamtbevölkerung ausmachte.

Volksverhältnisse.

Von einer so hochgradigen Verschwarzung und Afrikanisierung wie auf Haiti oder Jamaica war also auf Cuba zu keiner Zeit die Rede, immerhin schritt der Prozeß aber vorübergehend ebensoweit fort wie in den nordamerikanischen Südstaaten Südkarolina, Georgia, Alabama, Mississippi und Louisiana, und gewisse schlimme Mißstände konnten auch hierbei nicht ausbleiben. Die Behandlung der Schwarzen durch die Weißen war unter der heißen Sonne Cubas im allgemeinen eine viel mildere und menschenwürdigere oder doch eine viel lässigere und weniger straffe als in Nordamerika, und im Zusammenhange damit war die Zahl der Freigelassenen früh eine verhältnismäßig große (1811: 114000 und 1867: 249000), sowie auch die sociale Scheidewand zwischen den beiden Elementen nirgends eine sehr strenge und schroffe und vielfache Vermischungen und Übergänge zwischen ihnen Platz griffen. Dabei wurde die farbige Rasse natürlich nicht zu einem unterwürfigen Sinne gegenüber der weißen erzogen, sondern viel eher zu Unabhängigkeitsgefühl und zu hochfahrendem und unbändigem Wesen. Zugleich gab es auch jederzeit eine beträchtliche Zahl Entlaufener — sogenannter Cimarronneger, weil die hellfarbigen Mulatten unter ihnen die Hauptrolle spielten —, und diese scharten sich in den schwer zugänglichen Gebirgs- und Sumpfwildnissen allerwärts, namentlich aber in dem östlichen Teile der Insel, zu mehr oder minder starken Banden zusammen, teils nach afrikanischer Art ein harmloses und bedürfnisloses Naturmenschenleben fristend, teils aber auch Weg und Steg bedrohend, einsame Pflanzergehöfte überfallend, raubend, mordend und brennend, und eine allgemeine Unsicherheit des Lebens und Eigentums schaffend. Wiederholt, vor allem in den Jahren 1812, 1829 und 1844, wurden in dieser freien Negerbevölkerung Cubas auch ähnliche politische Gelüste und Bestrebungen wach, wie seiner Zeit auf Haiti, und mindestens ein Aponte ging mit seinem Aufstande (1812) zweifellos darauf aus, nach dem Vorbilde von Toussaint l’Ouverture und Dessalines eine Mulattenrepublik oder ein Mulattenkaisertum in Ostcuba zu errichten.

Abb. 12. Fabrikgebäude eines Ingenio.

Neger und Weiße.

Ein arbeitslustiges und aus eigenem Antriebe wirtschaftlich rühriges oder geistig vorwärts strebendes Bevölkerungselement ist das farbige auf Cuba so wenig gewesen wie anderweit, und ein schweres Hemmnis der allgemeinen Kulturentwickelung der Insel hat darin immer gelegen, ganz ähnlich wie in den nordamerikanischen Südstaaten. Daß das Wirtschaftsleben Cubas ein so überaus einseitiges geblieben ist und sich heute im wesentlichen nur auf zwei Stapelerzeugnisse erstreckt, ist vor allen Dingen hieraus zu begreifen. Der Rohrzuckerbau würde trotz der hohen Gunst des Klimas und der Bodenart schwerlich zu dem angegebenen großartigen Umfange gediehen sein, wenn die Pflanzer in den Zeiten, wo sie sich zu der schrittweisen Freigebung ihrer Sklaven verstehen mußten, nicht darauf bedacht gewesen wären, die schwarzen Arbeiter gutenteils durch eingeführte chinesische Kulis und durch gemietete weiße Arbeiter sowie durch Maschinen zu ersetzen; und die Tabakkultur erhielt sich auf der alten Höhe lediglich dadurch, daß sie jederzeit ganz vorwiegend in den Händen von weißen und halbindianischen Kleinbauern (Guajiros) gewesen ist. Zucker- und Tabakdistrikte sind auf Cuba im allgemeinen keine Negerdistrikte. Die bis zum Jahre 1840 auf das höchste blühende, von der Negerarbeit aber schwer unabhängig zu haltende Kaffeekultur geriet in argen Verfall und vermochte in den letzten Jahrzehnten nicht mehr den Eigenbedarf der Inselbevölkerung zu decken, und der Kakaobau, der Baumwollenbau, der Indigobau sowie zahlreiche andere tropische Landwirtschaftszweige, die durch die Naturverhältnisse recht wohl möglich wären, gelangten über ein schwaches Anfangsstadium ihrer Entwickelung niemals hinaus. Desgleichen hielt sich auch der bereits bei der indianischen Urbevölkerung betriebene Maisbau ebenso wie der Reisbau und der Anbau anderer Nährfrüchte hauptsächlich der schwer entbehrlichen Negerarbeit halber in sehr bescheidenem, für die Versorgung der Bevölkerung unzureichendem Umfange, obgleich Mais, Reis, Bataten, Kartoffeln und dergleichen auf Cuba alljährlich zwei bis drei Ernten von demselben Boden gewähren.

Abb. 13. Cubanische Negerin.

Daß Neger und Mulatten auf Cuba bei der ihnen eigenen Arbeitsscheu nur ausnahmsweise zu wirklichem Wohlstande kamen, und daß sie nach ihrer, mit gutem Grunde von der spanischen Regierung nur zögernd und schrittweise vollzogenen Befreiung ein besitzloses städtisches und ländliches Proletariat ([Abb. 13]) darstellen, kann hiernach nicht befremden. Ebenso ist es aber auch nicht zu verwundern, daß die farbige Bevölkerung allezeit ein ganz besonders williges und eifriges Instrument jeder auf Unordnung und auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse abzielenden Bewegung gewesen ist, und daß sie auch in den Revolutionskriegen der Jahre 1868 bis 1878 und 1895–1898 sowohl eine verhältnismäßig große Zahl der Anführer — einen Antonio und José Maceo, einen Quintin Bandera, einen Clotilde Garcia, einen Villanueva, einen Castillo — als auch die entschiedene Mehrzahl der wirklichen Kämpfer und des Trosses in dem Insurgentenheere gestellt hat. Der große und erfolgreiche Brenn- und Sengzug durch die Zuckerrohr- und Tabakfelder, den die Insurgenten im Winter 1895 zu 1896 in der ganzen gewaltigen Längserstreckung der Insel ausführten — von der äußersten Ostspitze (Kap Maisi) bis zur Westspitze (Kap San Antonio) ist es weiter als von der deutsch-russischen bis zu der deutsch-französischen Grenze (gegen 1200 Kilometer) —, kommt beinahe ausschließlich auf die Rechnung der Mulatten und Neger.

Volksleben.

Die weiße Bevölkerung Cubas entströmte im bemerkenswerten Gegensatze zu derjenigen der Nordamerikanischen Union in dem gegenwärtigen Jahrhunderte ebenso wie in allen voraufgegangenen in der Hauptsache einem einzigen europäischen Lande — Spanien —, und soweit sich der Stammesgegensatz zwischen Castiliern, Catalanen, Basken, Andalusiern u. s. w. von dem spanischen Boden auf den Boden der großen Antilleninsel verpflanzte, so schwand er daselbst immer sehr rasch. Es läßt sich demnach kaum eine vollkommenere Einheitlichkeit in Sprache, Sitte und Lebensart, sowie zugleich im Religionsbekenntnisse denken, als er unter den cubanischen Weißen herrscht, und ebensowenig auch eine vollkommenere ethnologische Übereinstimmung zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande. Man rühmt den Cubanern nach, daß sie fast durchgängig ein sehr reines Castilisch sprechen. Ebenso erfreuen sie sich an dem grausamen Spiele des Stiergefechtes mit seinen buntgekleideten Toreros und Toreras, Banderilleros und Banderilleras ([Abb. 14] und [15]), sowie an dem des Hahnenkampfes mit den damit verbundenen Wetten, an den Glücksspielen des Monte und der Lotterie, an der Musik der Guitarre, an den Volkstänzen des Fandango und Zapateado ([Abb. 16]), und vielfach entfalten sie bei alledem eine noch größere Leidenschaftlichkeit, als ihre daheim gebliebenen Stammesbrüder, so daß man behaupten könnte, der heißblütige spanische Nationalcharakter habe sich in ihnen nur noch weiter gesteigert. Die Männer tragen breitrandige Sombreros wie in Spanien und die Frauen schwarze Spitzenmantillas ([Abb. 17]). Die Häuser von Habana und Santiago sind von derselben massigen und festungsartigen Bauart wie die von Toledo und Sevilla, und besseren darunter fehlt nie der blumen- und palmengeschmückte innere Hof (Patio) sowie die Söllerausstattung der oberen Stockwerke, nur sind ihre Fenster weiter und statt mit Glasscheiben mit schwerem Eisengitterwerk verschlossen ([Abb. 18], [19] und [20]), weil der Luftbedarf darin in dem Tropenklima naturgemäß ein viel größerer ist. Die Getränke kühlt man in den wohlbekannten spanischen Alcarrazas (porösen Thonkrügen), während sich im übrigen in den Trinkgefäßen zum Teil der auch nach dem Mutterlande hinüberwirkende indianische Einfluß geltend macht ([Abb. 21]). Die Herrschaft über die Geister endlich führen in Cuba wie in Spanien Priester und geistliche Orden, und nur unter den Männern herrscht hier wie dort eine gewisse Neigung zu Gleichgültigkeit in religiösen Dingen oder zu ausgesprochenem Freidenkertume.

Abb. 14. Ein Stiergefecht.

Wie bei solcher Übereinstimmung und Einheitlichkeit eine tiefe Kluft mitten durch die weiße Bevölkerung Cubas hindurchgehen kann, mag auf den ersten Blick unbegreiflich erscheinen. Die Thatsache läßt sich aber nicht leugnen und auch die andere Thatsache nicht, daß die Kluft sich niemals hat überbrücken lassen und daß sie noch erheblich mehr als die geschilderte Eigenart der farbigen Rasse dazu beigetragen hat, die materielle und geistige Kulturentwickelung Cubas zum Stillstand und die spanische Herrschaft über die Insel zum Zusammenbruche zu bringen. Auch in anderen Kolonialländern, und nicht zum mindesten auch in der Nordamerikanischen Union — die in beträchtlichem Umfange bis auf den heutigen Tag ein Kolonialland geblieben ist —, bildet sich verhältnismäßig rasch ein Gegensatz zwischen den älteren und neueren Ankömmlingen, bezugsweise zwischen den im Lande Geborenen und den Einwanderern, und die letzteren werden von den ersteren vielfach als „Grüne“ oder „Gringos“ mit mißgünstigen Augen betrachtet, weil sie den wirtschaftlichen „Kampf ums Dasein“ zu einem härteren und schwierigeren machen. In Cuba, wo sich dieser Gegensatz bereits in den Zeiten der Velasquez und Cortez deutlich genug bemerkbar machte, ist er durch verschiedene Umstände aber zu viel größerer Schärfe und Schroffheit gediehen, als anderweit.

Abb. 15. Stierfechter (Banderillero).

Das Klima Cubas.

Das cubanische Klima weicht zwar in dem größeren Teile der Insel (im ganzen Westen und Norden) nicht unwesentlich von dem Typus des normalen Tropenklimas ab, insofern als die von Nordamerika hereinbrechenden Nordwestwinde („Nortes“) öfters eine starke Abkühlung mit sich bringen — in den höher gelegenen Teilen des westlichen Binnenlandes gelegentlich bis zur Rauchfrostbildung —, und eben dadurch hat es die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen in einem höheren Maße begünstigt, als irgendwo sonst zwischen den Wendekreisen. Immerhin wirkt das Klima außerordentlich erschlaffend auf die Nerven sowie auf den ganzen Organismus. Das kann jeder, der Cuba besucht, an sich selbst wohl genug erfahren, auch wenn er sich nur kurze Zeit daselbst aufhält. Ist doch die Durchschnittstemperatur des Januar (22,2° C) in Habana immer noch 3,2° wärmer als die Temperatur des Juli in Berlin, die Durchschnittstemperatur des Juli (28°) aber wenigstens noch 0,2° wärmer als in New Orleans, und geht doch mit den hohen Hitzegraden an den meisten Tagen des Jahres, vor allen Dingen aber in der Regenzeit (Mai bis November), eine große relative Luftfeuchtigkeit und eine starke elektrische Spannung Hand in Hand.

Wirkungen des Klimas.

Die in dem Lande geborenen Kaukasier — die Kreolen oder die „Cubanos“ schlechthin — erscheinen unter der Herrschaft dieses Klimas im großen Ganzen als ein schwächlicher Menschenschlag, dem Thatkraft, Arbeitslust, Unternehmungsgeist und offener Mut in einem hohen Grade abgeht, während ihm nicht ohne Grund Arglist und Heimtücke, sowie Hang zu privater und politischer Ränkespinnerei nachgesagt wird. Am ehesten noch dürfte man vielleicht hinsichtlich der Frauen behaupten, daß durch die veränderten geographischen Verhältnisse eine Veredelung des spanischen Typus herbeigeführt worden sei. Von ihnen werden aber auch andere Eigenschaften erwartet als von den Männern, und in dem Schatten der Häuser und Söller vermögen sich dieselben den klimatischen Einflüssen wenigstens teilweise besser zu entziehen als jene. Und Trägheit sowie Mangel an geistigem Bildungstrieb macht man den mit sanften Glutaugen, vollen Körperformen und üppigem Haarwuchs ausgestatteten Kreolinnen ebenfalls zum Vorwurfe. Übrigens giebt es natürlich unter den Männern ebenso wie unter den Frauen glänzende Ausnahmen von der allgemeinen Regel, in den meisten Fällen handelt es sich dabei aber um Persönlichkeiten, die in der glücklichen Lage waren, zeitweise unter einem außertropischen Himmelsstriche — in Spanien oder in Nordamerika — zu leben und daselbst ihre Spannkraft mehr oder minder vollständig zurückzugewinnen.

Abb. 16. Zapateado.

Die neuen Ankömmlinge aus Spanien, die in den letzten Jahrzehnten namentlich aus den Baskenprovinzen, aus Asturien, aus Galicien und aus Catalonien in beträchtlicher Zahl ins Land kamen, zeichnen sich, wie es bei den Auswanderern über See ziemlich allgemein der Fall zu sein pflegt, sowohl durch robuste Körperkraft als auch durch Willensstärke aus, und zugleich sind sie außerordentlich erwerbslustig und betriebsam, während sie betreffs ihrer geistigen Bildung und betreffs ihrer ethischen Grundsätze in vielen Fällen keineswegs auf einer sehr hohen Stufe stehen. Dem Klima zahlen sie ihren Tribut in den ersten Jahren ihrer cubanischen Existenz vornehmlich damit, daß sie von den bekannten Akklimatisationskrankheiten des Gelb- und Malariafiebers betroffen und zum Teil dahingerafft werden: soweit sie dieselben überstehen, bewähren sie sich aber in dem Wirtschaftsleben als ein sehr rüstiges und tüchtiges, zugleich aber auch den Creolen gegenüber als ein sehr aggressives und rücksichtsloses Bevölkerungselement. Allmählich schwindet wohl der Vorrat von Energie, den sie mitgebracht haben, auch bei ihnen, erst die Kinder aber werden in jeder Beziehung den Creolen gleich, wie sich dieselben — meist unter dem Einflusse ihrer cubanischen Mütter sowie unter dem Einflusse der Bildungsarmut ihrer spanischen Väter — auch alsbald als solche fühlen.

Wirtschaftliche Verhältnisse der Bevölkerung.

Neben der einfachen geographischen Differenzierung, die in solcher Weise zwischen den Spaniern und den Creolen — den „Peninsulares“ und den „Cubanos“ — eintritt, geht aber noch eine volkswirtschaftliche Differenzierung einher. In dieser Beziehung befinden sich die Creolen im Zusammenhange mit ihrem Volkscharakter großenteils in keiner günstigen Lebenslage, und die Mehrzahl von ihnen stellt ein ähnliches Proletariat dar wie die große Masse der Farbigen, mit der es in beständiger Verschmelzung begriffen ist — nichts sein eigen nennend als eine Machete (ein Haumesser zum Zuckerrohrschneiden und Dickichtlichten) und eine Hängematte, und je nach der gebotenen Arbeitsgelegenheit oder nach sonstigen Lockungen bald hier, bald da, aus der Hand in den Mund lebend, nicht gerade selten auch von denselben Desperado- und Banditenneigungen beseelt, wie ein Teil der Farbigen. Die Besitzer von großen Pflanzungen unter ihnen sowie auch die Besitzer von kleineren Landgütern irgend welcher Art sind aber vielfach tief in Schulden und sehen ihre Liegenheiten infolgedessen oft genug in die Hände neuer Ankömmlinge, seien dies Spanier oder seien es Amerikaner, Engländer, Deutsche u. s. w., übergehen. Die eingewanderten Spanier dagegen gelangen, auch wenn sie ohne eine Peseta (80 Pfennige Nennwert) in Habana angekommen sind, für die Regel rasch zu einem kleineren oder größeren Vermögen, und unlautere Mittel haben sie dabei durchaus nicht unbedingt nötig, wenn sie auch nicht völlig ausgeschlossen sein mögen. Da der bessere Landbesitz in Cuba seit lange in fester Hand war — dank vor allem den großen Schenkungen (mercedes) der spanischen Krone an ihre Günstlinge —, so wandten sich die neuen Einwanderer übrigens immer beinahe ausschließlich in die Städte, und es vollzog oder erhielt sich in dieser Weise noch eine weitere Sonderung zwischen ihnen und den Creolen, sowie zugleich auch eine weitere Vereinheitlichung der beiden Elemente innerhalb ihrer selbst. In den Städten, und namentlich in Habana, hatten die Spanier die Oberhand, das Land mit seinen Estancias (Farmhäusern), Bohios (Palmstrohhütten) und seinen Petreros (Viehzuchtgehöften) war aber rein creolisch ([Abb. 22] und [23]) — ein Umstand, in dem jederzeit die größte Stärke der Insurrektionsbewegungen gelegen hat.

Abb. 17. Cubanisches Mädchen im Patio.

Spanische Politik.

Daß sich Creolen und Spanier auf Cuba seit geraumer Zeit wie zwei feindliche Lager gegenüber gestanden haben und gegeneinander von bitterem Hasse erfüllt gewesen sind, und daß sich der Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ an ihnen schlecht genug bewährt hat, darf nach diesen Ausführungen nicht wunder nehmen, und die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der beiden Elemente in sich mußte eher dazu beitragen, die Schroffheit des Gegensatzes zu steigern, als sie zu mildern. Mindestens wurde es der spanischen Regierung dadurch schwer gemacht, den Creolen gegenüber den alten Herrschergrundsatz des „Divide et impera“ in Anwendung zu bringen, und zweifellos würden sich Nativisten und Einwanderer in der Nordamerikanischen Union auch in viel bedenklicherer Weise gegenüber stehen, wenn sie statt aus einer bunten Vielheit von Nationalitäten aus einer einzigen beständen.

Abb. 18. Typisches spanisches Haus.

Nationalcharakter und Aufstand.

Die Gefährlichkeit des Zwiespaltes wurde aber auf Cuba noch sehr bedeutend erhöht dadurch, daß die spanische Regierung sich bei ihrer Politik immer rückhaltslos auf den Einwanderernachschub aus dem Mutterlande gestützt und die höheren Verwaltungsämter vorwiegend mit Spaniern von Geburt besetzt hat. Dabei mußte den Creolen wohl oder übel viel schweres Unrecht geschehen, auch wenn die Beamten jederzeit wirklich fähige und moralisch fleckenlose Männer gewesen wären, was nicht behauptet werden kann. Das ganze Hispaniertum aber mußte den Creolen als eine wohlorganisierte Macht erscheinen, die in erster Linie darauf ausging, sie zu bedrücken, und das schöne Land, das sie kraft ihrer Geburt als das ihrige ansahen, in jeder Weise auszusaugen. Naturgemäß strebten sie also gleichfalls danach, sich zu organisieren, und in den Geheimbünden der „Soles de Bolivar“ (1823) und der „Aguila Negra“ (1829) zielte dieses Streben bereits auf die Beseitigung der spanischen Herrschaft ab, während es in der von Narciso Lopez geleiteten Erhebung von 1848–1851 für diese Herrschaft zum erstenmale wirklich bedrohlich wurde. Die spanische Regierung hat demgegenüber ihr Heil darin gesucht, daß sie den Generalstatthalter von Cuba mit diktatorischer Gewalt bekleidete, daß sie das Versammlungs- und Vereinsrecht, sowie das Recht der Presse in engen Schranken hielt, daß sie eine starke militärische Besatzung auf die Insel warf (in Friedenszeiten bis 30000 und in Kriegszeiten bis 200000 Mann), daß sie die vorwiegend aus Einwanderern zusammengesetzte Truppe der sogenannten Freiwilligen („Voluntarios“) schuf, daß sie zahlreiche Verschwörer und politischer Umtriebe Verdächtige aus dem Lande verwies und daß sie in den Zeiten des Aufruhrs unbedenklich zu Masseneinkerkerungen und Massenhinrichtungen schritt. Wir erinnern in letzterer Hinsicht namentlich an das Erschießen der acht Studenten von der Universität Habana (1871) und der 53 Leute von dem amerikanischen Dampfer Virginius (1873). Der Erfolg, den die Regierung mit diesen Maßregeln gehabt hat, ist aber ein sehr schlechter gewesen, und zu Zeiten sind ihr die Zügel dabei völlig aus der Hand geraten, um von dem „Casino Español“ (dem „Spanischen Vereine“), sowie von den „Voluntarios“, also von den Einwanderern selbst, ergriffen zu werden. Wurde doch sowohl ein General Dulce (1870) als auch ein Marschall Campos (1896) von ihnen zum Rücktritt und zur Rückkehr nach Spanien gezwungen, als sie ihnen nicht scharf und rücksichtslos genug gegen die Insurgenten vorzugehen schienen, und feuerten doch die Voluntarios ohne jeden Befehl auf die Besucher des Villanueva-Theaters. Als der große Aufstand von 1868–1878 durch den Vertrag von Zanjon beigelegt war, suchte die Regierung zu Madrid den inneren Frieden und die Ordnung auf Cuba dadurch zu befestigen, daß sie die Insel für eine spanische Provinz erklärte und ihr als solcher „alle Freiheiten Spaniens“ zugestand, und seit dieser Zeit haben 16 cubanische Senatoren und 30 Abgeordnete in den spanischen Cortes Sitz und Stimme gehabt. Den Wünschen und Ansprüchen der Creolen ist aber auch damit keine Genüge geschehen, denn trotz der viel geringeren Zahl der Peninsulares, die zu derjenigen der Creolen etwa wie 1 : 4 stehen dürfte, haben diese bei den Wahlen in der Regel den Sieg davongetragen, und überdies haben die Vertreter Cubas natürlich in den Cortes niemals etwas anderes darstellen können, als eine kleine Minorität, die einen entscheidenden Einfluß betreffs des Schicksals der Insel unmöglich geltend machen konnte. Es kam daher im Februar des Jahres 1895 zu einer neuen großen Erhebung, und der Katastrophe, die dadurch herbeigeführt worden ist, hat die Bewilligung einer weitgehenden Autonomie — nach Art der canadischen —, zu der sich die spanische Regierung endlich entschloß, nicht mehr begegnen können. Daß die hervorragendsten und energischsten Führer in diesem letzten Kampfe meist keine cubanischen Creolen waren, sondern Mulatten und Ausländer — Maximo Gomez Dominganer, Suarez Mexicaner, Roloff Pole, Vargasa Chilene, Castello Colombaner u. s. f. —, ist bekannt. Das steht in vollkommenem Einklange mit dem geschilderten Nationalcharakter und war in den vorausgegangenen Insurrektionskämpfen auch nicht anders, denn Narciso Lopez war Venezuelaner, und Maximo Gomez bewährte sich auch schon in den Jahren 1873 bis 1878 als der scharf blickende, verwegene und rücksichtslose, mit seinen eigenen Kampfmitteln, sowie mit der Gefechtsart seiner Gegner und mit der tropischen Landesnatur wohlvertraute Obergeneral. Echte cubanische Creolen waren dagegen die Häupter der republikanischen Regierung des „Freien Cuba“ („Cuba Libre“) — S. Cisneros und B. Masso —, die sich während des Kampfes schattenhaft im Hintergrunde gehalten haben, sowie die überaus rührigen Vertreter dieser Regierung in Washington und New York — Estra da Palma und Gonzalez de Quesada —, und die große Masse der Creolen ließ den Aufständischen allenthalben, wo sie konnte, gern jede geheime Förderung und Unterstützung zu teil werden, dadurch der aufgebotenen Militärmacht der Spanier ohne Zweifel ungleich gefährlicher, als wenn sie ihr im offenen Felde gegenüber gestanden hätte.

Abb. 19. Habanas Häuser und Höfe (Patios) von oben.

Chinesen, Amerikaner und Engländer.

Die chinesischen Kulis, deren Zahl sich zur Zeit etwa auf 50000 (gegen 3 Prozent der Gesamtbevölkerung) beläuft, haben den Zweck, zu dem sie seit 1847 eingeführt worden sind, im allgemeinen gut erfüllt und sich in den Zuckerrohrpflanzungen und Zuckerfabriken als geschickte und fleißige Arbeiter bewiesen, so daß das Fortblühen des wichtigsten cubanischen Wirtschaftszweiges ihnen in sehr bemerkenswertem Maße mit zu verdanken ist. Reichtümer haben sie aber unter den obwaltenden Verhältnissen als Plantagenarbeiter ebensowenig gesammelt als in anderen Geschäftsbetrieben, denen sie sich nach Ablauf ihres Kontraktes etwa zuwandten — als Handwerker, Gemüsegärtner, Straßenverkäufer ([Abb. 24]) u. s. w. —, und zu dem cubanischen Proletariate stellen sie eine auffällig große Anzahl der allerelendesten und beklagenswertesten Bettlerfiguren. Loyalität dem spanischen Regiment gegenüber war natürlich von ihnen noch weniger zu erwarten als von den Negern, Mulatten und Creolen, und da sie in politischer Beziehung einfach mit dem Strome schwimmen, so sind sie auch in dem Insurgentenheere verhältnismäßig stark vertreten gewesen, zwar nicht unter den Kämpfern, wohl aber unter den Köchen, Trägern und dergleichen.

Abb. 20. Cubanisches Fenster.

Eine ungleich bedeutsamere Rolle haben aber in der neuesten Phase der Kulturentwickelung Cubas die weißen Nichtspanier gespielt, die auf der Insel ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben, wenn deren Zahl sich insgesamt auch nur auf etwa 11000 beläuft. Dieselben haben sowohl einen großen Teil der Kapitalkraft in dem cubanischen Wirtschaftsleben vertreten, als auch zugleich einen großen Teil des darin wirksamen Unternehmungsgeistes, und sie sind es deshalb in ganz hervorragender Weise gewesen, die seinen eigentlichen Niedergang verhindert haben. Vor allem gilt dies von den Amerikanern aus der Union, die bei den regen Handels- und Verkehrsbeziehungen ihres Landes zu Cuba besonders stark darunter vertreten sind und in deren Händen sich nicht bloß zahlreiche, mit Maschinen auf das vorzüglichste ausgestattete Ingenios befinden, sondern auch die schwungreich betriebenen Eisen- und Manganerzminen, sowie verschiedene große Südfruchtpflanzungen. Nicht minder gilt es aber auch von den Deutschen, deren Kolonie zu Habana die stattlichste nichtspanische Kolonie der ganzen Insel ist, und die namentlich einen beträchtlichen Teil der Tabakverarbeitung und Tabakausfuhr sowie der Zuckerausfuhr bewirken. Engländer leben zwar nur wenige auf Cuba, ihr Kapital ist aber bei dem Baue und Betriebe der cubanischen Eisenbahnen in der hervorragendsten Weise beteiligt. In den Revolutionswirren haben die weißen Nichtspanier sich der aktiven Parteinahme um so leichter enthalten können, als sie vorwiegend in den Städten oder doch außerhalb der Machtsphäre der Aufständischen lebten. Dies hat aber nicht verhindert, daß sie an den Mißständen der Verwaltung gelegentlich sehr herbe, zum Teil vielleicht ungerechte Kritik übten, und von dem amerikanischen Elemente könnte man in dieser Beziehung sogar behaupten, daß es dadurch ein Wesentliches mit dazu beigetragen habe, die letzte große Katastrophe heraufzubeschwören. Die amerikanischen Konsuln waren jedenfalls so gut wie ausnahmslos entschiedene Parteigänger der Insurrektion.

Abb. 21. Gebrauch des cubanischen
Wasserkruges.

III.

Rückgang der Zuckerpreise und der Tabaksindustrie.

Weitere Schwierigkeiten für die Kulturentwickelung Cubas und für die volle Geltendmachung der ihm inne wohnenden Fähigkeiten haben sich aus der fortschreitenden Entwertung seiner beiden Hauptstapelerzeugnisse ergeben. Dem Rohrzucker ist in dem Rübenzucker ein übermächtiger Konkurrent erstanden, und die Zuckerpreise sind dadurch gegen früher auf ihren vierten oder fünften Teil gesunken. Den Pflanzern blieb dabei ein spärlicher oder unter Umständen wohl gar kein Gewinn, und viele würden die Kultur sicherlich ganz aufgeben, wenn sie sich nicht durch die beschriebenen Arbeiterverhältnisse und durch den aufgebotenen kostspieligen Apparat der Maschinen und Baulichkeiten gezwungen sähen, auf der einmal betretenen Bahn zu beharren. Hat doch die Einrichtung mancher cubanischer Ingenios mehr als eine Million Dollars gekostet. Wie ungünstig die Notlage der Pflanzer auf die Lage der übrigen Volksklassen, und besonders auf die Lage des weißen und farbigen Proletariats zurückwirkte, ist aber ohne weiteres zu ermessen: die Löhne der Pflanzungsarbeiter wurden niedrigere, der Luxus und der Geldaufgang in den Städten schwand, es bot sich in Land und Stadt seltener Arbeitsgelegenheit, und die Zahl der Bettler und Desperados mehrte sich in erschreckender Weise. Das war auf den anderen westindischen Zuckerinseln, und vor allem auf denen, die der britischen Krone unterstehen — auf St. Christopher, Antigua, Barbados u. s. w. — genau ebenso. Dort betraf die allgemeine Verarmung aber viel kleinere Volksmassen, deren Klagen leichter überhört wurden und denen es zu bedrohlichen politischen Demonstrationen sowie zu bewaffneten Aufständen gegen das vermeintliche oder wirkliche Mißregiment an der Kraft fehlte. Auf Cuba war das anders, und dort hat die Zuckerkrise zweifellos ganz wesentlich mit dazu beigetragen, daß der letzte Aufstand die bekannte gewaltige und für Spanien verhängnisvolle Ausdehnung angenommen hat.

Nicht viel besser als um die Zuckerindustrie war es übrigens in den letzten Jahrzehnten um die cubanische Tabakindustrie bestellt, und an diesem Erwerbszweige hing ebenfalls unmittelbar oder mittelbar das Wohl und Wehe von einem starken Bruchteile der Inselbevölkerung. Das Volumen der Ernte und die Güte des Erzeugnisses hielt sich zwar trotz der Erschöpfung weiter Anbaustrecken im allgemeinen auf der alten Höhe, die damit erzielten Preise wurden aber durch die Konkurrenz anderer Tabakländer (Sumatras, Manilas, Mexicos) immer gedrückter, und dem zu Cigarren und Cigaretten verarbeiteten Kraut wurden durch die Schutzzollsätze der Absatzgebiete (der Vereinigten Staaten, Deutschlands u. s. w.) in beträchtlichem Umfange der Eingang verwehrt, so daß die Zahl der ausgeführten Cubacigarren von 250,5 Millionen im Jahre 1889 auf 147,4 Millionen im Jahre 1893 sank. Dabei war die Tabakbauerbevölkerung sowie auch die Cigarrenarbeiterbevölkerung von jeher eine ganz besonders stark zur Illoyalität geneigte Volksklasse, und Tabakunruhen sind bereits in den ersten Jahrzehnten des XVIII. Jahrhunderts zu verzeichnen gewesen.

Abb. 22. Eine Estancia.

Wachsen der Schulden.

Sehr schlimm war es sodann für Cuba und seine Bewohner und Herren, daß durch die wiederholten Aufstände und namentlich durch den langwierigen Bürgerkrieg der sechziger und siebziger Jahre eine ungeheure öffentliche Schuldenlast (gegen 750 Millionen Mark) auf die Insel gehäuft wurde und daß die Verzinsung dieser Schuld zusammen mit dem Aufwande für das Verteidigungswesen (1894: 77,6 Millionen Mark) den weitaus größten Teil der öffentlichen Einnahmen (1894: 80 Millionen Mark) verschlang. Für öffentliche Kulturarbeiten und Verbesserungen jeder Art blieb auf diese Weise so gut wie gar nichts übrig, und vor allen Dingen hatte man sowohl von der Anlage eines guten Landstraßennetzes als auch von dem weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes abzustehen — von der sehr wünschenswerten und technisch ohne erhebliche Schwierigkeit ausführbaren Kanaldurchstechung an dem niedrigen Isthmus von Moron zu geschweigen. Und doch hätte man hierin das allerbeste Mittel gewonnen, das danieder liegende Wirtschaftsleben unmittelbar kräftig zu fördern, das Banditenwesen auszurotten, aufständischen Bewegungen wirksam zu begegnen und den inneren Frieden nach allen Richtungen hin zu befestigen. Gewisse Landungserleichterungen hätten gleichfalls not gethan, obgleich Cuba mit Naturhäfen so wohl ausgestattet ist, wie kaum ein anderes Land der Erde, und desgleichen auch gewisse Stromkorrekturen und Schutzdammbauten gegen die Überschwemmungen der Regenzeit, die Entwässerung großer Sumpfstrecken, die systematische Sanierung der Städte und dergleichen, und auch diese Ameliorationen hätten mancherlei dazu beitragen können, eine mit ihrem Schicksal zufriedene und zum Aufruhr weniger geneigte Bevölkerung zu schaffen. Dazu hatte die öffentliche Schuld natürlich einen starken Steuerdruck zur Folge, und wenn derselbe auch in der Gestalt direkter Abgaben nicht sehr empfindlich war, so war er es doch in der Gestalt hoher Eingangszölle auf die notwendigsten Lebensbedürfnisse. Beispielsweise hatte das Weizenmehl dadurch in Cuba nahezu einen dreifach so hohen Preis als in der Nordamerikanischen Union.

Abb. 23. Ein Bohio und seine Bewohner.

Schwächen der Verwaltung.

Daß die üble Finanz- und Wirtschaftslage auch überaus nachteilig auf den Charakter der Verwaltung einwirken mußte, ist selbstredend. Die spanische Beamtenschaft auf Cuba wurde schlecht und unregelmäßig bezahlt und war deswegen auch großenteils von zweifelhafter moralischer und intellektueller Beschaffenheit — ein wenig geeignetes Instrument des Kolonialregiments bei der ihm obliegenden schweren Aufgabe. An zahllosen Orten suchte persönliche Schurkerei im Trüben zu fischen, und Bestechlichkeit der schlimmsten Art machte sich nicht bloß breit in den Zollhäusern, sondern auch in dem Polizeiwesen und in den Gerichtssälen. Eine wahre Pest des Landes waren vor allen Dingen die allenthalben umherschleichenden Winkeladvokaten, die das Recht nach jeder beliebigen Richtung beugten. Auch selbst an oberster Stelle — auf dem Posten des Generalstatthalters — hielt man sich nicht immer frei von dem Vorwurfe selbstsüchtiger Bereicherung, und außerdem waltete an dieser Stelle in vielen Fällen offenkundige Unfähigkeit. Es spielte in dieser Beziehung namentlich die Günstlingswirtschaft einer Isabella II. unheilvoll in die cubanischen Verhältnisse hinein. Die Verbitterung der ohnedies schon unzufriedenen Volksklassen gegenüber Spanien stieg hierdurch aber auf das höchste, und die große Mehrzahl erblickte in dem korrupten Beamtentum die Wurzel aller Übel.

Ganz undenkbar war endlich unter den obwaltenden Verhältnissen auch ein rüstiges Fortschreiten der wissenschaftlichen Durchforschung der Insel im Geiste der neuen Zeit, und was in dieser Richtung von seiten der Verwaltung geschah, war im allgemeinen nur dazu angethan, zu hemmen und zu hindern. Selbst eine genaue Arealvermessung und eine einigermaßen zuverlässige topographische Kartierung unterblieb, und ebenso unterblieb auch die Vervollständigung der in besseren Zeiten rühmlich begonnenen Küstenaufnahme. In Bezug auf den geologischen Bau stellten Pedro Salterain und F. de Castro Anfang der achtziger Jahre verschiedene wichtige Thatsachen fest, die darauf begründete geologische Karte hat aber nur den Wert einer vorläufigen flüchtigen Skizze. Nicht hoch genug können ferner die sorgfältigen Beobachtungen angeschlagen werden, welche der Jesuitenpater Benito Viñes von dem Belen-Kolleg Habanas durch eine lange Jahresreihe betreffs der meteorologischen Erscheinungen angestellt hat: außerhalb Habanas geschah aber auch in dieser Richtung seit den vierziger Jahren nicht das Geringste, und unsere Kenntnis von der Insel hatte daher in Bezug auf das Klima im wesentlichen auf der Stufe zu verharren, auf der es bereits in Zeiten des Humboldtschen „Essai politique“ (1824) angelangt war.[2]

Abb. 24. Chinesischer Straßenverkäufer.

Verwaltungspolitik.


Auf die Handhabung der cubanischen Probleme ganz im allgemeinen — der verwaltungspolitischen ebenso wie der militärischen — mußte der üble Stand der cubanischen Landeskunde gleichfalls überaus nachteilig zurückwirken, und man darf in dieser Hinsicht das alte gute Wort anwenden: „Wen der Herr verderben will, den schlägt er mit Blindheit.“ Wie hätten die Regierenden im Mittelalter — die Cortes und die Ratgeber der spanischen Krone — die zweckentsprechenden Entschließungen in Bezug auf ihren kostbaren Kolonialbesitz fassen sollen, da sie so schlecht über ihn unterrichtet waren! Und wie hätten ihre Beauftragten in Habana und in den anderen Hauptstädten Cubas den Bedürfnissen der Bevölkerung bei ihren Maßregeln genügend Rechnung tragen sollen! Regierende sollen eben vor allen Dingen Wissende sein, und wenn sie das nicht sind, so begehen sie, auch wenn sie von den besten Absichten und der stärksten Willenskraft beseelt sind, Irrtum auf Irrtum und Mißgriff auf Mißgriff, bis das ganze ihnen anvertraute Räderwerk ins Stocken gerät oder zerbricht. Des Schandregimentes einer Isabella II. und der Schwächen und Schwankungen aller nach ihrem Sturze folgenden spanischen Regierungen — die gegenwärtige eingeschlossen — hätte es also gar nicht bedurft, um die cubanischen Angelegenheiten in jeder Beziehung im argen zu lassen. Was die Verwaltungspolitik anlangt, so wurzelte in der herrschenden Unkenntnis insbesondere auch das zähe Festhalten an gewissen Grundsätzen des alten Kolonialsystems. Man suchte dem Mutterlande das Handelsmonopol früherer Zeiten so viel als möglich zu erhalten, indem man Schiffahrtsgesetze erließ, nach denen die in den cubanischen Häfen verkehrenden spanischen Schiffe im Gegensatze zu den Schiffen anderer Völker als Küstenfahrer galten, und indem man zugleich ein überaus lästiges und den Handelsinteressen der Cubaner zuwiderlaufendes Differential-Schutzzollsystem aufrichtete. Und ein Teil der oben angegebenen gemeinnützigen Werke — namentlich ein Teil der Straßenbauten — hätte wohl trotz der Finanznot ausgeführt werden können, wenn betreffs derselben nicht zugleich ein hoher Betrag von Gleichgültigkeit und Stumpfsinn, — den unmittelbaren Äußerungen jener Unkenntnis — obgewaltet hätte. Was aber die militärischen Probleme angeht, mit denen man es zu thun hatte, so befanden sich die spanischen Heerführer bei dem Mangel an einer guten topographischen Karte und an anderweiten eingehenden Informationen über Land und Leute in einer sehr üblen Lage, und wenn ihre Operationen gegenüber den über einen ausgezeichneten ortskundigen Ausspäherdienst verfügenden Insurgenten den Eindruck eines vorsichtigen Tappens und Tastens im Dunklen machten, so brauchte man sich darüber eigentlich nicht zu wundern. Die wilde Zerklüftung und der Höhlenreichtum der cubanischen Gebirge, der dichte Buschwuchs der sogenannten „Manigua“ und die zahlreichen Waldsümpfe mit den sich darin bietenden Schlupfwinkeln machten ein sorgfältiges militärgeographisches Studium doppelt unentbehrlich. Und ebendasselbe wie von dem Inneren gilt auch von der Küste. Durch die lange Ausgezogenheit derselben (auf 3500 km im allgemeinen Umriß) und durch das verwickelte System der sie begleitenden Nebeninseln und Bänke und Riffe, sowie der sie umflutenden Strömungen lagen auch dort die Verhältnisse ungemein schwierig. Während die Aufständischen aber daselbst in der creolischen und farbigen Fischerbevölkerung allenthalben dienstbereite und mit dem Fahrwasser wohlvertraute Piloten fanden, so tasteten die Befehlshaber der spanischen Kanonenboote auch dort vielerorten in einem unbekannten und dunklen Labyrinthe umher, und die bekannten Flibustierexpeditionen aus den Häfen der Vereinigten Staaten, sowie alle anderen Parteigänger der Insurrektion hatten auf diese Weise in den allermeisten Fällen völlig unbehinderten Aus- und Eingang. Alles in allem aber darf man behaupten, daß bei besserer Landeskenntnis der spanischen Offiziere das Aufgebot einer viel geringeren Truppenzahl ausgereicht haben würde, die Aufstände niederzuwerfen, und daß also das Dahinsterben von vielen Tausenden durch klimatische Krankheiten hätte vermieden werden können. Zugleich hätte die Kriegsleitung es dann aber auch nicht nötig gehabt, zu der harten Maßregel der sogenannten „Rekonzentration“ zu greifen, wodurch ein großer Teil der Landbevölkerung dazu gezwungen wurde, sich ohne genügende Subsistenzmittel in den von den spanischen Befestigungen beherrschten Außenteilen der Städte anzusiedeln ([Abb. 25]), und wodurch bei dem weiteren unglücklichen Verlaufe des Kampfes Tausende dem Hungertode preisgegeben wurden.

Abb. 25. Reconcentrados-Dörfchen am Montserrat von Matanzas.

Abb. 26. Königspalmen.

Einfluß der Vereinigten Staaten.

Und hätten die spanischen Staatslenker zu Madrid, wenn sie die cubanischen Angelegenheiten besser verstanden und beurteilt hätten, nicht auch den Zusammenstoß mit dem äußeren Feinde, der sie auf Cuba bedrohte, vermeiden können? Oder ihm doch wirksamer begegnen? Auch wie die Dinge hinsichtlich der cubanischen Rassen- und Wirtschaftsverhältnisse, sowie hinsichtlich seiner Militär- und Civilverwaltung thatsächlich lagen, hätte ja der Aufstand von 1895–1898 schwerlich zu einer vollkommenen Vernichtung der spanischen Herrschaft über Cuba geführt, wenn die Insurgenten nicht in der Nordamerikanischen Union einen Verbündeten gehabt hätten, und wenn die spanische Regierung nicht auch der Union gegenüber alle ihre Schwächen und alle ihre Blindheit an den Tag gelegt hätte.

Daß zwischen Cuba und den Vereinigten Staaten von Nordamerika enge Verkehrs- und Kulturbeziehungen entstehen mußten, sobald die beiden Länder auf einer höheren Stufe ihrer Entwickelung angelangt waren, erhellt bei der flüchtigsten Betrachtung ihrer geographischen Lage zu einander, und ebenso erhellt daraus auch, daß unter Umständen eine gewisse Gefahr für die spanische Kolonialherrschaft von der Union her drohen konnte. Den von verschiedenen Seiten gepredigten Glaubenssatz, als ob es ein unabwendbares Verhängnis — oder, um mit dem amerikanischen Schlagworte zu reden: „a manifest destiny“ — gewesen sei, wonach Cuba der politischen Machtsphäre der Vereinigten Staaten verfallen mußte, können wir aber nicht gelten lassen. Freilich ist wohl auch bei der Gebietsentwickelung der staatlichen Gemeinwesen jederzeit eine Art Gesetz von der Anziehung der Massen wirksam gewesen, aber so streng mathematisch und einfach wie bei den Himmelskörpern ist es dabei nie und nirgends zugegangen, und in zahlreichen Fällen hat im politischen Leben eine kräftige Fernewirkung eine nicht minder kräftige Nähewirkung gänzlich aufgehoben. Würde sonst wohl der Organismus des britischen Weltreiches Bestand haben können, und sollte man es sonst nicht viel eher für ein „manifest destiny“ erklären, daß das durch das Geäder des Rheinstromes mit Deutschland verbundene und auch sonst in jeder Weise verwachsene Holland dem deutschen Reichsgebiete eingefügt werden müsse? Der Meeresraum, welcher Cuba von der Nordamerikanischen Union trennt, ist immerhin noch wesentlich breiter als der Ostseeraum zwischen Stralsund und den südschwedischen Küstenplätzen, und wenn der letztere eine sogenannte Naturgrenze zwischen verschiedenen Kulturkreisen und Staatsgebieten bildet, so sollte man es wohl auch von dem ersteren erwarten dürfen. Wenn Schweden die fragliche europäische Naturgrenze eben seinerzeit außer Augen gesetzt und Stralsund nebst anderen Teilen Pommerns unter seiner Herrschaft gehalten hat, so konnte dies nur durch einen Gewaltakt geschehen, dem von Deutschland aus kein wohlorganisierter und wohlgeleiteter begegnete; und daß dies in dem Falle von Cuba ebenso war, ließe sich leicht im einzelnen nachweisen.

Gegen außen aggressiv und annexionslustig ist die Nordamerikanische Union von ihren ersten Anfängen an gewesen — nicht weniger als die verschiedenen Monarchien Europas —, und hinsichtlich Cubas hat vor allen Dingen schon Thomas Jefferson, der geistreichste und schärfstblickende unter den amerikanischen Präsidenten, erklärt, daß die Erwerbung der Insel seitens der Union der Abrundung und Sicherung ihrer Grenzen, sowie ihrer ganzen zukünftigen Entwickelung halber außerordentlich wünschenswert sei. Nach ihm aber ist der Wunsch, des Nachbars Weinberg zu besitzen, in der Union ganz besonders lebendig gewesen, als die südliche Sklavenhalterpartei darauf bedacht sein mußte, sich ihren nördlichen Anfechtern gegenüber so viel als immer möglich zu verstärken. Präsident Polk, der auch den bekannten Eroberungskrieg gegen Mexico führte, machte damals Spanien das Anerbieten, die Insel für 100 Millionen Dollars kaufen zu wollen, und als dasselbe stolz zurückgewiesen worden war, da brauchte James Buchanan in amtlicher Botschaft zum erstenmale das Wort von der „manifest destiny“ Cubas, der Kongreß zu Washington aber faßte den ausdrücklichen Beschluß, die Insel mit Waffengewalt zu erobern, falls ihre gütliche Abtretung gegen eine Entschädigungssumme des weiteren verweigert werde. Und dies alles geschah zu einer Zeit, wo Cuba unter dem spanischen Regiment wirtschaftlich auf das höchste prosperierte, und wo daselbst außer dem Rassenzwiespalt keinerlei erhebliche Schwierigkeit für die spanische Verwaltung bestand.

In der Folge hat sich die Exekutive der Unionsregierung eine größere Zurückhaltung in der cubanischen Frage auferlegt, und namentlich hat sie während des ganzen zehnjährigen Aufstandes von 1868–1878, sowie auch während der ersten Jahre des soeben beendeten Aufstandes die Pflichten der Neutralität in gewisser Weise zu erfüllen gesucht. Da die Fähigkeiten und Befugnisse des Präsidenten in dieser Beziehung sehr beschränkte sind, so war damit aber für Spanien wenig gewonnen, und in den gesetzgebenden Körperschaften, sowie in der Presse und in den Volksversammlungen jeder Art war von der Einverleibung Cubas in die Union oder doch von der Notwendigkeit, die Insel von der spanischen Herrschaft zu befreien, nach wie vor sehr laut die Rede — unter stetem Hinweis auf die Monroedoktrin, nach der Amerika die ausschließliche Domäne der „Amerikaner“ sein soll. Thatsächliche Hilfe leisteten die Unionsbürger den Insurgenten nicht bloß in der Gestalt von Geldsammlungen, sondern auch in Gestalt von wohlausgerüsteten Flibustierexpeditionen, und wenn die letzteren, in denen die Insurrektion ihren eigentlichen Lebensnerv hatte, gelegentlich von der Regierung ergriffen wurden oder in spanische Hände gerieten, so wurde amtlich immer dafür gesorgt, daß den Mitgliedern kein ernster Schaden daraus erwuchs. Die cubanische Junta aber, der die oberste Leitung der Aufstände oblag, erfreute sich in New York und Washington der weitgehendsten Duldung und der sorgsamsten amtlichen und außeramtlichen Pflege. Nur so war es möglich, daß der Aufstand von 1868 sich über die ganze Insel verbreitete und zum Unheile für das Wirtschaftsleben und die Finanzen Cubas zehn volle Jahre währte, und nur so nahm auch der neueste Aufstand den für Spanien und für die cubanischen Reconcentrados verhängnisvollen Charakter an. Spanien hatte dem ganzen Treiben gegenüber, bei dem auch das ehrlichste Bemühen von seiner Seite nichts fruchten konnte, nur schwachmütige Proteste und Vorstellungen, und der letzte entscheidende Schlag, den seine Gegner nach der bekannten, durch das amerikanische Gutachten in keiner Weise genügend aufgeklärten Maineexplosion ausführte, traf es gänzlich unvorbereitet. Was wunder, daß die Streitkräfte der Union bei Manila und Santiago ihre raschen und leichten Siege errangen, und daß diese Siege hinreichten, den Amerikanern ganz Cuba und dazu auch den übrigen spanischen Kolonialbesitz auf Gnade und Ungnade zu überantworten!

Cubas Verlust für Spanien.

In welcher Weise die Cubanerkolonien zu New York und Key West, in denen von Anfang an politische Flüchtlinge und Vertriebene (Creolen ebenso wie Mulatten) den Hauptbestandteil ausmachten, mithalfen, die „manifest destiny“ Cubas herbeizuführen, bedarf keiner weiteren Ausführung. Dagegen ist es vielleicht nicht überflüssig, zu betonen, daß auch die Mißgriffe der spanischen Zollgesetzgebung viel dazu beigetragen haben, die spanische Position auf Cuba mehr und mehr zu einer schwer haltbaren zu machen. Vor allen Dingen würdigten die spanischen Staatsmänner in dieser Beziehung nicht die hohe handelspolitische Bedeutung der sogenannten Rimessen, und während sie die cubanische Einfuhr dem Mutterlande so viel als möglich zu erhalten suchten, so lenkten sie die Ausfuhr des Zuckers, des Tabaks, der Erze und der Früchte mit Rücksicht auf die unmittelbaren Vorteile systematisch nach den Unionshäfen, dabei nicht bedenkend, daß sie ihre Kolonie auf diese Weise mehr und mehr in wirtschaftliche Abhängigkeit von der Union brachten. Es gingen so Anfang der neunziger Jahre 80 bis 90 Prozent des cubanischen Zuckers nach New York, Philadelphia, Baltimore u. s. w., und dazu auch mehr als 60 Prozent des Blättertabaks und gegen 50 Prozent der Cigarren. Einerseits gewannen dadurch aber die amerikanischen Zucker- und Tabakspekulanten einen tiefgreifenden Einfluß in den cubanischen Angelegenheiten, um gleich den gewissenlosen spanischen Beamten „im Trüben zu fischen“, und andererseits erlangte dadurch die Unionsregierung auch einen Schein des Rechtes für ihre Einmischungspolitik. Präsident McKinley durfte so, als er infolge der Mainekatastrophe dem amerikanischen Volkswillen hinsichtlich Cubas die Zügel schießen lassen mußte, aller Welt verkünden, daß er nicht bloß im Interesse der Humanität — um den von seinem Lande her fünfzig Jahre lang geschürten furchtbaren Brand auf Cuba zu dämpfen —, sondern auch im Interesse des geschädigten Handels der Union die Waffen gegen Spanien ergreife.

Abb. 27. Königspalmenallee.

Wenn Cuba in der angedeuteten Weise durch eine Verkettung historischer Verhältnisse und durch einen von langer Hand vorbereiteten Gewaltakt in seine augenblickliche Lage gelangt und für Spanien verloren gegangen ist, so versteht es sich von selbst, daß es einer weiteren Verkettung historischer Verhältnisse und wahrscheinlich auch weiterer Gewaltakte bedürfen wird, sein ferneres Schicksal zu gestalten. Die der Insel zu stellende Prognose ist in dieser Hinsicht eine sehr schwierige. Zur Zeit sind nicht die Creolen die Herren der Situation auf Cuba, sondern die Amerikaner von der Union, und angesichts des Rassenzwiespaltes, der auf der Insel vorhanden ist, muß man dies als ein Glück bezeichnen. Eine Reihe weiterer blutiger Auseinandersetzungen und eine Fortdauer der Verwüstungen würde sonst kaum zu vermeiden sein. Im übrigen wird es aber sehr darauf ankommen, welches die Hauptfaktoren sein werden, die nunmehr von der Union her gestaltend in das cubanische Wirtschafts- und Kulturleben eingreifen; ob die großen Zucker- und Tabakspekulanten und Professionspolitiker, denen Gewissen und Anstand in keinem geringeren Maße abgeht als den schlechtesten spanischen Verwaltungsbeamten, und denen es so wenig als diesen darauf ankommen würde, die in ihre Hände geratene goldene Gans zu würgen und zu mißhandeln, um eins von ihren goldenen Eiern zu erlangen; oder die Klasse der rechtschaffenen Leute und Idealisten, die an eine höhere Kulturmission ihrer großen Republik glauben, und denen es allen Ernstes darum zu thun ist, allerorten, wo das Sternenbanner weht und wo der amerikanische Adler seine Fittiche ausbreitet, so viel als auf Erden eben möglich, Gefilde der Glücklichen zu schaffen und Freiheit, Recht und Menschenwürde zur Anerkennung zu bringen.

Soweit die geographischen Verhältnisse die zukünftige Entwickelung Cubas mitbestimmen werden, sparen wir uns die Schlüsse der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf für die nachfolgenden Abschnitte, in denen wir an der Hand unserer eigenen Anschauungen, sowie an der Hand der besten vorhandenen Informationsquellen im Geiste eine Umsegelung der Insel, sowie eine Reihe von Streifzügen quer durch sie hindurch unternehmen wollen.

[2] Das meiste thaten in neuerer Zeit zur Förderung der wissenschaftlichen Landeskunde Ausländer, Deutsche und Amerikaner: J. Gundlach, der die Insel 54 Jahre lang in den verschiedensten Teilen und Richtungen durchstreifte, um vor allem ihre tiergeographischen Verhältnisse in umfassender Weise klar zu legen, A. Grisebach, der auf Grund der von dem Amerikaner C. Wright gemachten Sammlungen seinen „Catalogus plantarum Cubensium“ (1866) zusammenstellte, und Alexander Agassiz, R. T. Hill und J. W. Spencer, die die Grundzüge der geologischen Entwickelungsgeschichte der Insel und den Anteil der Korallentierchen an ihrem Aufbau festzustellen suchten.

IV.

Dampferlinien nach Cuba.

Unter den großen Weltverkehrsbahnen, die nach Cuba streben, waren bis auf den heutigen Tag vor allen Dingen zwei bedeutsam: die, welche von Cadiz ihren Ausgang nimmt — nicht weit von der denkwürdigen Bucht von Huelva, von der Kolumbus zu seiner ersten Entdeckerfahrt aufbrach —, und die, welche ihren Anfangspunkt in New York hat. Auf ihnen vollzog sich bislang der weitaus größte Teil der Güter- und Personenbewegung, die zwischen der westindischen Hauptinsel und den anderen Erdgegenden hin und her flutete. Die erstere, gegen 3800 Seemeilen lange Bahn entspricht den althergebrachten Beziehungen zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande, die durch die geschichtliche Großthat des Kolumbus eingeleitet wurden und durch sie wohl genug legitimiert waren. Diese Linie berührt bei San Juan Puertorico, die kleinste der Großen Antillen, um sodann der Küste von Haiti entlang und durch den Alten Bahamakanal nach Habana oder durch die Monadurchfahrt (zwischen Puertorico und Haiti) oder Windwarddurchfahrt (zwischen Haiti und Cuba) nach Santiago zu führen. Die letztere Bahn aber, die nur etwa 1200 Meilen lang ist, erklärt sich zur Genüge daraus, daß die Nordamerikanische Union unter den großen wirtschaftlichen und politischen Gemeinwesen der Erde das Cuba am nächsten benachbarte ist, und daß die beiden Länder sich hinsichtlich ihrer Produktionsverhältnisse in gewisser Weise wechselseitig ergänzen; und sie erscheint von Anfang als eine Doppelbahn, bezugsweise als ein Doppelgeleis, indem der Schnellverkehr der Personen und Nachrichten sich vorwiegend von New York über Land nach Tampa in Florida und fernerweit über Key West nach Habana bewegt, der Güterverkehr aber durch die Floridastraße nach Habana, Matanzas, Cardenas, Sagua und Remedios oder durch die Durchfahrten des Bahamaarchipels (besonders die Crookedpassage) nach den nordöstlichen und südlichen Häfen Cubas. Alle anderen Verkehrsbahnen nach Cuba, und besonders auch die von Hamburg, Bremen, Liverpool, Bordeaux und New Orleans, sowie von den westindischen Nachbarinseln ausgehenden, können nur als Nebenbahnen gelten. Die wichtigste und belebteste davon ist aber die von Hamburg über St. Thomas nach Habana.

Abb. 28. Kokospalmenallee.

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GRÖSSERES BILD]

Umgebung von Baracoa.

Dem Reisenden, der sich Cuba auf der zuerst bezeichneten Bahn nähert, zeigt die Insel ein überaus eindrucksvolles und typisches erstes Bild. Ein stattlicher Tafelberg taucht vor seinen Blicken aus den Fluten auf — der Yunque (Amboß) von Baracoa, der den Schiffern weithin als unverkennbares Wahrzeichen dient. Und indem der Kurs sich auf den kleinen Hafenplatz Baracoa zu lenkt, erscheinen dahinter in der Ferne scharfgeschnittene andere Bergzacken — die Cuchillas de Baracoa —, die gegen die Ostspitze der Insel, das Kap Maisi, niedriger und niedriger werden. Allmählich hebt sich dann auch das Vorland jener Berge deutlicher heraus, und das Auge unterscheidet drei merkwürdig regelmäßige Terrassenstufen, aus denen sich dasselbe aufbaut. Die ganze Landschaft aber prangt in dem Schmucke einer reichen Tropenvegetation, und vor allen Dingen winkt von allen Berghängen die ebenso anmutige als majestätische Königspalme (Oreodoxa regia) herab — der eigentliche Charakterbaum Cubas, den der palmenkundige Alexander von Humboldt einen der schönsten seines Geschlechtes nennt ([Abb. 26] und [27]). Brächten die üppige Vegetation und der Stufenbau des Landes nicht fremdartige Momente in das Bild, so könnte es wohl an die südeuropäischen Küstenbilder gemahnen.

Abb. 29. Ein Ananasfeld.

Bucht von Baracoa.

Die unterste Terrassenstufe erhebt sich im allgemeinen als eine gegen 10 m hohe, steile Klippenwand aus der See und erweist sich bei näherer Betrachtung als ein reiner Korallenbau. Ungezählte Millionen von Astraeen, Maeandrinen, Poriten, Madreporen, Colpophyllien, Orbicellen u. s. w. von derselben Art, wie sie heute noch um die Bahamainseln, um Südflorida und um Cuba herum ihr wunderbares Wesen treiben, haben daran gearbeitet, ihn zustande zu bringen. Die von dem herrschenden Nordostpassatwinde, noch mehr aber von dem öfters einbrechenden starken Nordwestwinde („Norte“) gepeitschten Wogen schäumen in wilder Brandung an der Klippenwand hoch auf. Das zierliche Gefüge der Korallenzellen bewährt sich dabei aber als ein viel festeres und widerstandsfähigeres, als man glauben sollte, und das Zerstörungswerk, das die Brandung daran treibt, erscheint dem Auge als geringfügig. Verwettert genug sieht die Seefront allerdings aus, und eine einsame Felsenbank am Eingange in die Bucht von Baracoa, der sogenannte Buren, bekundet, daß die Klippe einst weiter vorsprang und daß ein Teil des natürlichen Wogenbrechers aus Korallenkalk, der die Bucht vor dem Seegange schützte, zusammengebrochen und weggewaschen ist. Heute ist die Öffnung der Bucht infolgedessen eine weitere, als den Schiffern, die darin zu verkehren haben, lieb sein kann, und die beiden angegebenen Hauptwinde der Gegend treiben häufig eine schwere See in sie hinein. Das von den Wellen zerriebene Trümmermaterial nebst den vom Lande herabgespülten Sedimentmassen aber ist an den Rändern der Bucht in der Gestalt eines sandigen Strandes zur Ablagerung gekommen, und der in sie mündende Macaguaniguafluß wird durch das so entstandene, von Mangrovegebüsch (Manglar) bewachsene Schwemmland auf einer beträchtlichen Strecke abgedämmt, so daß er in weitem Bogen hart an ihr entlang fließt, ehe er in ihrem geschütztesten östlichen Winkel seinen Ausgang findet. Vor der Flußmündung schwimmen gravitätisch graue Pelikane hin und her, am Ufer stehen ihrer Beute harrend kleine weiße und bläuliche Reiher (Ardea occidentalis und Ardea coerulea), und aus dem Gebüsch heraus ertönt der Gesang des Canario de Manglar (Dendroica petechia) und des westindisch-nordamerikanischen Spottvogels (Mimus polyglottus), dessen Stimme Kolumbus für Nachtigallengesang nahm.

Abb. 30. Bananenstock.

An der Oberfläche ist die unterste Terrassenstufe mit einer dünnen Schicht von Roterde (tierra colorada) bedeckt, zum Teil überstreuen Korallenfelsbruchstücke nach Art deutscher Feldsteine den Boden, und das hier und da zu Tage stehende Grundgestein erscheint allenthalben bienenwabenähnlich zerlöchert und zerfressen — unverkennbare Zeugnisse davon, daß die mächtigen cubanischen Regengüsse so wenig ohne Wirkung auf sie geblieben sind wie die Meeresbrandung.

Die höheren Stufen, die nur eine kleine Strecke weiter landein liegen, bestehen aus weißem, gelbem und rötlichem Kalkstein jung- und mitteltertiären Alters, in dem korallines Gefüge nur stellenweise sichtbar wird, und ebenso ist es auch mit den darüber aufragenden Bergstöcken und Bergketten, vor allem mit dem Yunque, den bisher nur wenige Reisende erklommen haben. Zwar ist die Erhebung des letzteren über den Meeresspiegel nur eine mäßige (556 m), gleich zahlreichen anderen cubanischen Bergen stürzt derselbe aber ringsum mit jähen, teils von dichtem Waldwuchse bekleideten, teils völlig kahlen Wänden und Hängen zur Tiefe, und sein flacher Gipfel ist nur auf einem einzigen schwierigen Pfade erreichbar. Daß die Wettergeister der Tropen auch an der Zerstörung des Yunque rastlos thätig sind, verraten einesteils die weithin leuchtenden kahlen Wände, die ihren Ursprung samt und sonders unlängst stattgehabten Bergstürzen verdanken, anderenteils aber auch die mächtigen Trümmermassen, die den Fuß umlagern, und man kann sich angesichts dieser Wände und Trümmer und angesichts einer einzigen Regenflut, die auf sie niedergeht, des Gedankens nicht erwehren, daß der schöne Bergstock nichts anderes ist, als die zur Zeit noch stehen gebliebene Ruine einer viel ausgedehnteren Kalksteintafel, bezugsweise der Überrest einer höchsten Terrassenstufe, die die übrigen Stufen weit überragte. Die niedrigen Berge der Gegend, wie der Monte de Santa Teresa (210 m) und der Monte Majayara (160 m), östlich von Baracoa, ergeben sich dann als die Reste von Zwischenstufen. Betreffs der Bildungsgeschichte von Cuba aber scheint das ganze Landschaftsbild von Baracoa lehren zu wollen, daß die Insel seit der mittleren Tertiärzeit ruckweise und mit langen Ruhepausen höher und höher aus dem Meere emporgetaucht oder daß der Meeresspiegel an ihrem Gestade in solcher Weise gesunken ist. Das letztere für das Wahrscheinlichere zu halten, könnte man namentlich im Hinblick auf den vollkommen horizontalen Verlauf der korallinen Küstenwand geneigt sein.

Abb. 31. Ländliche Fuhrwerke.

Kulturen bei Baracoa.

In allen Einsenkungen und Thalungen auf den höheren Terrassen und zwischen den Bergen lagert eine mehr oder minder mächtige Schicht von Roterde, die als das schließliche Verwitterungsprodukt des Kalksteins dahin geschwemmt worden ist, und vor allen Dingen: diese Roterdestrecken tragen eine artenreiche und hochstämmige tropische Vegetation. Insbesondere sind dieselben die Stätten, wo die Hauptkulturen der Gegend gedeihen: die schattigen Kokospalmenhaine ([Abb. 28]), die sonnigen Ananasfelder ([Abb. 29]), die üppigen Bananenpflanzungen (Platanales, [Abb. 30]) und die Kakao-, Orangen- und Mangogärten, aus denen hier und da eine leicht gebaute, von Negern oder Creolen bewohnt, Palmpfahl- und Palmstrohhütte (Bohio) hervorblickt.

Die Stadt Baracoa (6000 Einw.), die am östlichen Winkel ihrer Bucht auf der untersten Terrassenstufe steht, während der den Hafeneingang bewachende alte Festungsbau die zweite Terrasse krönt, verdient als die älteste Stadt Cubas und als eine der ältesten und ehrwürdigsten Städte der gesamten Neuen Welt Beachtung. Schon Christoph Kolumbus, der den Hafen Puerto Santo nannte, weilte hier länger als an anderen Punkten der cubanischen Nordostküste, und er knüpfte hier seine ersten engeren Beziehungen zu den Eingeborenen; Diego Velasquez aber gründete hier die erste spanische Niederlassung im Jahre 1512. Wegen seiner gegen die Bahamas und gegen Haiti, sowie gegen Europa vorgeschobenen Lage und wegen seiner daraus sich ergebenden leichten Verbindung mit dem Mutterlande und mit dem übrigen westindischen Kolonialbesitze schien der Ort den Spaniern eben als Stützpunkt ihrer Herrschaft über die Insel ganz besonders geeignet, und eine gewisse strategische Bedeutung könnte man im Hinblick auf die Windwarddurchfahrt, auf die Hauptdurchfahrten des Bahama-Archipels (die Caicos-, Mariguana- und Crookedpassage) und auf den Alten Bahamakanal füglich auch heute noch geltend machen. Als Eingangspforte in das Innere von Cuba konnte Baracoa aber immer nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil die steilhängigen, wild zerklüfteten Gebirge wenige Meilen süd- und westwärts nur unter großen Mühsalen übersteiglich und ihre Thäler der Kultur in sehr beschränktem Umfange zu gewinnen sind. Velasquez selbst wandte sich daher auch bald wieder von ihm weg und verlegte den Regierungssitz nach Santiago, und die Rolle, welche Baracoa als Handelsplatz gespielt hat, ist immer eine bescheidene geblieben. Belangreich ist in der Gegenwart nur seine Ausfuhr von Ananas und Bananen, sowie von Kokosnüssen und Kokosöl, und die kleinen Dampfer und Schoner, die in dem Hafen Ladung nehmen, verkehren beinahe ausschließlich nach der großen nordamerikanischen Welthandelsmetropole New York. Um höheren Bedürfnissen zu genügen, würde der Hafen sehr der künstlichen Verbesserung bedürfen, sowohl weil der in ihn hineinwirkende Seegang den vor Anker liegenden Schiffen unmittelbar verderblich werden kann, als auch, weil er durch das Spiel der Wellen und den einmündenden Strom in fortschreitender Versandung begriffen ist.

Baracoasche Küstenlandschaft.

Von Baracoa westwärts geht die Seefahrt einer überaus malerischen Küste entlang, und auch größere Schiffe können sich in naher Sicht derselben halten, weil das Meer — es handelt sich um den Eingang zu dem Alten Bahamakanale — bis auf eine oder zwei Seemeilen Abstand eine beträchtliche Tiefe besitzt und gefahrdrohende Korallenriffe nur hier und da unmittelbar am Lande liegen. Die aus fossilen Korallenbauten zusammengesetzte Küstenwand ist auch hier allerwärts deutlich erkennbar, und nicht minder der weiße Schaum der unter dem Einfluß des Passatwindes dagegen donnernden Brandung. Die höheren Terrassenstufen aber sucht das Auge im allgemeinen vergebens, und statt ihrer folgen wieder in bunter Reihe bald höhere und bald niedrigere Tafelberge (mesas und yunques), Sattelberge (sillas), zugespitzte oder abgestumpfte Kegelberge (picos und pans) und abgerundete Kuppen (arcos und tetas) — Bergformen, für deren Benennung die spanische Sprache einen so beneidenswert reichen Wortschatz zur Verfügung hat. Man kann schon aus der Ferne wahrnehmen, daß die tropischen Regengüsse und die von ihnen geschwellten Gebirgsbäche und Ströme hier in noch rüstigerer Weise als bei Baracoa an der Zerfeilung und Ausgestaltung der Landschaft gearbeitet haben. Und wem es gelingt, eine Strecke in das Innere einzudringen — im kleinen Ruderboot auf dem Rio de Tanamo oder Rio de Mayari oder auf dem Rücken eines Maultieres an anderem Orte —, dem wird dies besonders in den Monaten Mai bis November, wenn hier an den meisten Tagen ein schwerer Gewitterschauer und Wolkenbruch schnell auf den anderen folgt, noch nachdrücklicher zum Bewußtsein gebracht. Der Erosionseffekt der fließenden Gewässer ist in dieser Zeit allerwärts ein gewaltiger, es erfolgen Uferzerreißungen und größere und kleinere Bergrutsche an tausend Orten, und die Schluchten, in denen die Bäche und Ströme dahinrasen, werden sozusagen vor den Augen des Beschauers und von einem Tage zum anderen tiefer und weiter zugleich. Nicht bloß am Tageslichte thun aber die cubanischen Atmosphärilien solchergestalt ihr physikalisch-geographisches Werk, sondern in sehr bedeutendem Maßstabe geschieht dies auch unterirdisch, und die Gegend ist infolgedessen voll von mehr oder minder ausgedehnten Höhlengängen und Hohlräumen, von denen viele in einem prächtigen Stalaktiten- und Stalagmitenschmuck prangen, manche auch interessante vorgeschichtliche Reste bergen. Wir weisen besonders auf die Höhlen hin, aus denen der Rio Moa, der Abfluß der Sierra de Moa, hervorbricht, um sich alsbald in der Gestalt eines etwa 100 m hohen Wasserfalles in die Schlucht hinabzustürzen, durch welche er dem Meere zueilt; sowie daneben auf die Höhlen der Sierra de Frijol, etwas weiter südlich, und auf die berühmten Yumurihöhlen in der Nähe von Baracoa.

Baracoasche Berglandschaft.

Die Berge in der unmittelbaren Nachbarschaft der Küste halten sich im allgemeinen in der Höhe von 200–300 m, die Silla de Jaragua, welche nördlich von der Mündung des wilden Rio de Toar die Hauptlandmarke für die Seefahrer bildet, ist aber auf 420 m bestimmt worden, und die Bergketten tiefer im Binnenlande — die Sierra de Toar, die sich dem Nordufer des gleichbenannten Stromes entlang zieht und von der die genannte Silla den östlichen Abbruch bezeichnet, die Sierra de Moa, die ihren nordwestlichen Parallelzug bildet, die Sierra de Cristal an der Nordseite des oberen Rio de Mayari und die Sierra de Catalina und Sierra de Frijol am oberen Rio de Tanamo — mögen gegen 600 m oder annähernd zu derselben Höhe wie der Yunque von Baracoa emporragen. Wahrscheinlich waren alle diese Ketten einst mit dem Yunque zu derselben großen Kalksteintafel verwachsen, und es ist einzig und allein die ober- und unterirdische Erosion gewesen, die sie getrennt und in sich zerklüftet hat.

Abb. 32. Korbhändler.

Zur Zeit ist die fragliche Landschaft, die wir der Einfachheit wegen als Baracoasche Berglandschaft bezeichnen, in den allermeisten Gegenden noch eine pfadlose und ursprüngliche Wildnis, und weder die stattlichen Kiefern- und Palmenbestände, die schon Kolumbus bewunderte und in ihrem wirtschaftlichen Werte würdigte, noch die Bestände der Mahagoni-, Cedrelen-, Tecoma-, Gayacum-, Sapota-, Catalpa-, Sideroxylon-, Balata-, Chlorophora- und Lorbeerbäume, die in dem wechselvollen Durcheinander ihrer Gestalt und Belaubung Höhen und Thäler bis dicht an die Meeresküste bekleiden, sind irgendwo in bemerkenswerter Weise gelichtet worden. Und wer die seltsame einheimische Tierwelt Cubas kennen lernen will, durch die sich die Insel zusammen mit den übrigen Großen Antillen als ein ähnlich selbständiger Erdraum bekundet, wie Madagaskar und Neuseeland, der findet hier dazu die beste Gelegenheit. Besonders sind die Hutias (Capromys) und Aires (Solenodon) in diesen Wäldern sehr zahlreich, nicht minder aber auch die von den nord- und südamerikanischen stark abweichenden Flatterer, die ungiftigen Schlangen, die Iguanas u. s. w.

Hier und da öffnet sich in der korallinen Küstenwand der Eingang in eine weite und zumeist auch tiefe Bucht, und manche dieser Buchten würde fähig sein, Riesenflotten zu bergen. Alle ohne Ausnahme haben aber die schlimme Schattenseite, daß sie in strenger Weise von dem Passatwinde beherrscht werden und daß schon das Einsegeln in sie, mehr aber noch das Aussegeln aus ihnen außerordentlich schwierig, ja zu Zeiten vollkommen unmöglich ist. Nur an der Minderzahl, wie an der Bucht von Juragua, an der von Tanamo und an der von Cabonico und Levisa, sind daher kleine Niederlassungen entstanden, deren Palmhütten von Bataten-, Yams- und Bananenpflanzungen und Kokoshainen umgeben sind, und irgend welchen Kultureinfluß, der weit in das Innere reicht, hat keine der Buchten auszuüben vermocht.

Bucht von Nipe.

Auch selbst die herrliche Bucht von Nipe sowie diejenige von Banes, die zwischen der malerischen Sierra de Nipe (der westlichen Fortsetzung der Sierra de Cristal) und der Kette des weithin sichtbaren Pan de Sama tief in das Land hineingreifen und die unter einem anderen Luftströmungsregime den vorzüglichsten Naturhäfen der Erde zuzählen könnten, werden im Laufe des Jahres nur von wenigen Fahrzeugen besucht, und sowohl das Uferland des auf einer kurzen Strecke (12 km) schiffbaren Rio Mayari als auch der Südabhang der Sierra de Sama sind ungeachtet ihrer fruchtbaren Roterde nur in geringem Umfange von Tabak- und Bananenpflanzungen bestanden, während die weite Schwarzerdeniederung zwischen den genannten Bergzügen beinahe in ihrer ganzen Ausdehnung noch eine ähnliche jungfräuliche Urwaldwildnis bildet, wie das beschriebene Gebirgsland.

Abb. 33. Eingang in die Bucht von Santiago (mit Morro und Socapa-Batterie).

Abb. 34. Bai von Santiago.

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Abb. 35. Äußere Santiagobucht mit Lotsendorf.

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Von physikalisch-geographischem Gesichtspunkte aus ist an den Buchten von Nipe und Banes sowie an dem Pan de Sama, der sie in einer Höhe von 280 m überragt, bemerkenswert, daß die Terrassenstufen des Küstenlandes daselbst wieder ebenso deutlich ausgeprägt erscheinen, wie an der Bucht von Baracoa, ja daß stellenweise über der dritten Kalksteinbank noch eine vierte sichtbar ist.

Umgebung von Jibara.

Westlich von dem leuchtturmgekrönten und weit gegen den Bahama-Archipel vorspringenden Kap Lucrecia, das zusammen mit dem Kap Cruz die größte Querausmessung des schmächtigen cubanischen Landkörpers bezeichnet (280 km), deutet eine Reihe von Tafelbergen, die der Sierra de Sama angehören, darauf hin, daß auch hier einst höhere Terrassenstufen vorhanden waren. Im allgemeinen ist das Küstengebirge hier aber beinahe noch wunderlicher zerklüftet und zersägt, als zwischen Baracoa und Banes — ähnlich wie etwa das Kalksteingebirge der „Fränkischen Schweiz“ oder gewisse Teile des Krainer Karstes, denen die cubanische Landschaft geologisch nahe genug verwandt ist. Von den nierenförmigen oder handförmigen Meeresbuchten, die hier in die Küstengegend eingreifen, und darunter auch von der schönen und tiefen Bucht von Naranjo, gilt aber dasselbe wie von den früher erwähnten, und nur die weit geöffnete und gleich derjenigen von Baracoa gegen den Seegang ungenügend geschützte Jibarabucht, über der sich ein hübscher Sattel- und Zuckerhutberg nebeneinander erheben, hat in den letzten Jahrzehnten eine höhere Bedeutung als Ausfuhrhafen gewonnen, so daß an ihren Ufern eine Stadt entstanden ist, die trotz ihrer Jugend Baracoa an Volkszahl und an Rührigkeit übertrifft.

Abb. 36. Straßenbild von Santiago de Cuba.

Holguin und Binnenlandschaft von Jibara.

Südlich von Jibara (7500 Einwohner) nimmt nämlich das cubanische Binnenland teilweise einen anderen Charakter an, und es erstrecken sich daselbst nicht mehr ausschließlich Kalksteingebirge kultur- und verkehrsfeindlich von Ost nach West, sondern das archäische Grundgerüst der Insel tritt an vielen Orten zu Tage, und gerundete Kuppen und Hügel aus Granit, Syenit, Diorit und Serpentin — sogenannte „Lomas“ (Brotlaib-Berge) und „Cerros“ (Rundhügel) — reihen sich lose aneinander, engere und breitere Thalmulden mit sandigem Lehmboden von schokoladenbrauner oder roter Farbe umschließend. Namentlich dehnt sich aber am oberen Rio Salado, der dem Rio Cauto zufließt, eine große und fruchtbare Roterdeebene aus. Hier ist das Waldkleid Cubas an vielen Stellen gelichtet, und der Anbau von Zuckerrohr und Mais, von Tabak und Baumwolle und von anderen Feldfrüchten sowie daneben die Rinderzucht hat statt seiner Platz gegriffen. Die Stadt Holguin (10000 Einwohner) aber, die um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts in der fraglichen Ebene begründet worden ist, erfreut sich einer verhältnismäßig hohen und zunehmenden Blüte. Bis Ende der siebziger Jahre mußten ihrem Verkehre die schwerfälligen cubanischen Ochsenkarren ([Abb. 31]) und Lasttiere ([Abb. 32]) genügen, jetzt verbindet sie aber mit Jibara eine Eisenbahn, und es wäre wohl möglich, daß diese Bahn demnächst in der Richtung auf Santiago und Manzanillo eine Fortsetzung erhielte. Ein Teil des entwickelungsfähigen Hinterlandes von Jibara ist übrigens durch den für kleine Fahrzeuge schiffbaren Rio Jibara, der dem Berglande von Holguin entströmt, zu erreichen.

Abb. 37. Am Mercado von Santiago.

Von Jibara westwärts ändert sich mit der Physiognomie des Binnenlandes auch die Physiognomie der Küstenlandschaft. Die Bergketten — auch hier noch aus tertiärem Kalkstein bestehend — treten weiter und weiter von dem Meere zurück, und das unmittelbare Gestade ist flach und niedrig und von breiten Sandbänken begleitet, dergestalt, daß die im allgemeinen nicht höher als 1 m steigenden Springfluten öfters darüber hinwegschlagen. Ganz besonders ist dies der Fall an den Buchten von Padre, von Malagueta, von Manati und von Nuevas Grandes, durch die die Küste sich hier gliedert und in deren Umgebung nur einige unbedeutende Hügel über die mit üppigem Mangrove- und Palmenwuchs bedeckte Seestrandsniederung emporragen. Das Leben der Rallen, Reiher, Pelikane, Papageien, Manglarsänger u. s. w. mag hier noch bunter und reicher sein als bei Baracoa, und ebenso auch das Leben der Schildkröten, Krokodile und Seekühe und das Leben der zahllosen Insekten — nicht zu vergessen den zur Nachtzeit prächtig leuchtenden Cucujo (Pyrophorus noctilucus) und die bösen Landplagen der Sandflöhe und Moskitos. Die Vorbedingungen für das Gedeihen namhafter Siedelungen sind aber in dieser Gegend entschieden schlechte, denn abgesehen davon, daß der Passatwind sich auch an den Einfahrten der Padre- und Manati-Bucht in keiner Weise als ein guter Handelswind — trade wind — bewährt, so fehlt es daselbst vor allem an gutem Baugrund und an gesundem Trinkwasser.

Isthmus von Tunas.

An dem Rio Naranjo, der in die Bucht von Manati mündet, sowie auch an dem Rio Cabreras, der sich erst in zahlreiche Arme spaltet und dann zur Bucht von Nuevas Grandes erweitert, streckt sich der Mangrovesumpf in breiten Streifen weit in das Binnenland, und wir sind geneigt, hierin eine Art Naturgrenze für den in vielfacher Beziehung eigenartigen Ostteil Cubas zu erblicken. Von Süden greift ja annähernd unter dem gleichen Meridian der große Golf von Guacanayabo (Manzanillo) gliedernd in den Inselkörper ein, und wenn der letztere an der fraglichen Stelle schon dadurch halsartig zusammengeschnürt erscheint, so ist dies durch die Sümpfe, die sich von Norden und Süden her einander entgegenerstrecken, mindestens verkehr- und kulturgeographisch in einem noch viel höheren Maße der Fall. Mit gutem Grunde hat das spanische Kolonialregiment also die Gegend östlich von der Zusammenschnürung (die wir als Isthmus von Jobaba oder Tunas bezeichnen) als eine besondere Provinz behandelt und zu Zwecken der Civilverwaltung nach der Hauptstadt Santiago, zu Zwecken der Militärverwaltung aber Departamento Oriental genannt, und der Geograph könnte den Ostteil Cubas beim Hinblicke auf das an einen schmächtigen Eidechsen- oder Fischkörper erinnernde Kartenbild der Insel recht wohl als ihren Kopfteil gelten lassen. Um diesen Ostteil aber so viel als möglich als ein zusammenhängendes Ganzes kennen zu lernen und seine Eigenart einheitlich zu beurteilen, brechen wir unsere Fahrt bei Nuevas Grandes bis auf weiteres ab — wie dies Kolumbus seiner Zeit wenige Meilen weiter westlich that —, und wir wenden uns nach Baracoa zurück, um von dort aus das Kap Maisi zu umschiffen und von der Südseite her das Eindringen zu versuchen.

Abb. 38. Innere Santiagobucht.

Abb. 39. Innere Santiagobucht.

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V.

Südliches Baracoasches Bergland.

Das Kap Maisi, in dem sich Cuba seiner Nachbarinsel Haiti bis auf 90 km nähert, ist unter dem augenscheinlichen Einflusse der gegen West gerichteten Meeresströmungen, die in der Windwarddurchfahrt vorherrschen, sandig und flach, und neben ihm liegen ausgedehnte Bänke, vor denen der Leuchtturm auf der Landspitze die Schiffer nicht umsonst warnt. Eine kleine Strecke weiter südwestwärts, gegen die Punta de Caleta hin, erhebt sich aber wieder dieselbe brandungbewegte Klippenwand aus Korallenkalk (Seboruco), welche wir an der Nordostküste kennen gelernt haben, und auch derselbe regelmäßige Stufenbau des Küstenlandes wie dort kommt wieder zum Vorschein. Über den drei oder vier Terrassenstufen und einige Kilometer weiter zurück erhebt sich zugleich auch wieder höheres Gebirge, mit ähnlichen Gipfelformen und Gipfelhöhen wie die Cuchillas de Baracoa, deren südliche Parallelkette es bildet. An manchen Orten, und je weiter man gegen Westen gelangt, desto allgemeiner, stürzt das Gebirge aber ohne die Vermittlung von Terrassen zum Meere ab — in der Gestalt senkrechter, dunkler Felsenstirnen, wie es die Punta Negra und der Salto de Jojo (an der Mündung des gleichbenannten Flüßchens) sind, oder in der Gestalt von tafel-, sarg- und zuckerhutförmigen, von einfachen und doppelten Spitzen und von abgerundeten, zum Teil von mächtigen losen Felsblöcken gekrönten Kuppen, unter denen der Yunque de Seco (am Rio Seco), der Piedra de Sabana-la-Mar (am Rio Ocambo), der Pan de Baitiquiri und die Silla de Guantanamo besonders hervorstechen. Den genannten hohen Steilwänden fehlt die Pflanzenbekleidung beinahe gänzlich, die sanfter abgedachten Küstenberge aber sind durchgängig vom Fuße bis zum Gipfel mit Tropenwald bewachsen — mit rundblätterigen Seestrandswinden und Seestrandstrauben (Coccoloba uvifera) neben Kokospalmen unten, und mit fiederblätterigen Mimosen- und Campechesträuchern, sowie mit Rohr-, Mucuja-, Kohl- und Königspalmen und mit Mahagoni-, Cedrelen-, Cassia-, Guajacum- und Büchsenholzbäumen höher hinauf, und ähnlich verhält es sich auch mit den Gebirgsketten, die in einer Gipfelhöhe von ungefähr 600 m 15–25 km landeinwärts der Küste parallel streichen — in der Sierra de Imias, der Sierra Mariana und der Sierra de Vela. Der Höhlenreichtum, der das Kalksteingebirge auch hier auszeichnet, wird an verschiedenen Orten schon von der See aus bemerkbar — vor allem in der gewaltigen Cueva de Pintado und in der Höhle der Punta Negra, in die das Meer ähnlich mächtig hinein brandet wie in die schottische Fingalshöhle. Man erkennt ohne weiteres, daß die ganze Gegend bis gegen den Sattelberg von Guantanamo hin nichts ist, als ein Teil des Baracoaschen Berglandes — derselben von der Seite her treppenförmig aufsteigenden Kalksteintafel durch die atmosphärischen Gewässer ober- und unterirdisch zurecht gemeißelt, und unter der Wirkung der gleichen Regengüsse und der gleichen Sonnenglut auch dieselbe üppige Vegetation aus seinem Verwitterungsboden heraus treibend, die menschliche Kultur aber in arger Weise hemmend.

Abb. 40. Kokospalmenhain.

Auffällig und befremdlich muß man nach den Erfahrungen an der Nordküste die schlechte Gliederung der Südküste finden. Die Mehrzahl der ins Land einschneidenden Buchten ist klein und gegen Wind und Wellen von der See her weit geöffnet, und nur diejenigen von Baitiqueri und Escondido tragen einen ähnlichen Typus wie die Buchten von Baracoa, Tanamo u. s. w., so daß sie den Schiffen wirkliche Sicherheit gewähren. Leider lagern aber gerade vor ihren Eingängen eine Anzahl gefährlicher Korallenriffe, während solche sonst zusammen mit der korallenen Küstenwand und mit den darüber liegenden Terrassenstufen westlich von der Punta Negra so gut wie gänzlich fehlen. Wir können uns diese Abweichungen nicht anders erklären, als dadurch, daß an der Südküste ein beträchtlicher Teil des in der Tertiärzeit aus den Fluten aufgestiegenen Landes wieder hinabgebrochen ist in das angrenzende tiefe Meer, das Cuba von Haiti und Jamaica trennt.

Abb. 41. Mahagonibaum und Viehzuchtgehöft.

Die Bucht von Guantanamo.

Eine gewaltige Bucht, die ihresgleichen an der Nordküste nur in der Bucht von Nipe hat, erstreckt sich aber hinter der Silla de Guantanamo über 25 km weit landein, und dieselbe läßt hinsichtlich der Bequemlichkeit und Sicherheit ihres Zuganges, sowie hinsichtlich der Tiefenverhältnisse und des Ankergrundes kaum irgend etwas zu wünschen übrig. Die Kraft des Passatwindes ist hier gebrochen, es wehen abwechselnd Land- und Seewinde, und nur in den Sommermonaten wühlen die heftigen westindischen Orkane das Meer außerhalb zeitweise furchtbar auf, das Eindringen in das Innere wehren den Sturmwogen aber auch dann die zahlreichen Landvorsprünge, die die Bucht auf das mannigfaltigste gliedern und in eine Außen- und Innenbucht (Caimamera- und Joabucht) scheiden. Zugleich tritt das höhere Gebirge daselbst weit in das Binnenland zurück, und es bleibt Raum für breite Thalebenen mit reichem Schwarzerdeboden, der durch die Vermischung des herbeigeschwemmten Verwitterungslehmes mit verwesten Pflanzenstoffen entstanden ist, und der von Natur einen beinahe undurchdringlichen tropischen Bruchwald trägt — Mangroven, Fächer- und Federpalmen und von Farnkräutern, Orchideen und Melastomaceen überwucherte, sowie von Lianen umwundene Bäume und Sträucher der verschiedensten anderen Arten. An diesem Orte waren der tropischen Pflanzungskultur also wohl von vornherein noch viel günstigere Vorbedingungen gegeben als bei Holguin, und wenn die Besiedelung der Gegend bis zum Schlusse des vorigen Jahrhunderts über wenige dürftige Anfänge nicht hinausgekommen ist, so begreift sich dies nur daraus, daß es den Spaniern für die allseitige Nutzbarmachung der ihrem Scepter unterstehenden weiten Gebiete an Kolonisationskraft gemangelt hat. Als die Negerrevolution in Haiti ausbrach, da wandten sich aber die französischen Flüchtlinge zu allermeist in die Umgebung der Guantanamobucht, und durch ihren Fleiß und ihr Gärtnergeschick zählten die Zuckerrohr- und Kaffeepflanzungen am Rio Yateras, der sich östlich von der Bucht in das Meer ergießt, sowie auch am Rio Guaro und Rio Jaibo, die in die Bucht selbst münden, bald zu den größten und blühendsten der Insel, und die Stadt Guantanamo (6000 Einw.), bezugsweise sein mit ihm durch eine Eisenbahn verbundener Hafen Caimanera, gewann als Zuckerausfuhrplatz den Vorrang vor Santiago.

Im Westen von Guantanamo erhebt sich aus der Niederung ziemlich unvermittelt und steil ein Gebirge, das an Höhe und Schönheit alle bisher erwähnten weit übertrifft, wenn man seine Thal- und Gipfelformen auch vielleicht als ruhigere bezeichnen kann. Die Loma de la Canasta, der der Rio Jaibo entquillt, und die Loma del Indio südlich davon steigen bereits gegen 1000 m auf, der majestätische Blocksberg der Gran Piedra aber, weiter westlich, erreicht 1588 m. Tertiäre Kalksteine nehmen auch an der Zusammensetzung dieses Gebirges teil, und in den lang gestreckten Mesas und Tafelbergen der Gegend von Santiago lassen dieselben auch den mehrfach berührten Stufenbau wieder erkennen, in hervorragenderer Weise bestimmen aber kretaceische Thon- und Sandsteine und Konglomerate, sowie alte Eruptivgesteine — besonders Diorit — das Gepräge der Landschaft, und die letzteren umschließen südöstlich von der Gran Piedra mächtige Eisen- und Manganerzablagerungen. Die Küste begleiten teils abgerundete Brotlaibberge (Lomas), teils steilwandige Tafelberge, und gute Ankerplätze gibt es an ihr nicht, zur Verschiffung der Eisenerze von Juragua ist aber bei Baiquiri eine große Kunsthafenanlage geschaffen worden. Im Juli 1898 benutzten die Amerikaner diese Anlage zur Landung ihrer Truppen, und Baiquiri (Nueva Salamanca), sowie die ganze westliche Fußhügelgegend der Gran Piedra bei Guasima und El Caney erlangte so durch den blutigen Entscheidungskampf, der daselbst ausgefochten wurde, historische Bedeutung.

Abb. 42. Mangrove-Keys (Cayos) und Küstensumpf (Cienaga).

Abb. 43. Palmstrohhütte und Ceibabaum.

Santiago-Bucht.

Die Bucht von Santiago ist als eine Art Hauptbresche in dem imposanten südostcubanischen Gebirge schon aus weiter Ferne erkennbar, und indem man sich derselben von Süd her nähert, entfaltet sich ihre Uferumrandung zu einem Bilde von wunderbarer Harmonie und Schönheit. Es erscheint die wohlbekannte niedrige Klippenwand, an der die Meereswellen sich hier für gewöhnlich und in sanftem Spiele brechen, darüber erhebt sich aber rechts von der Einfahrt mauergleich eine höhere Terrassenstufe (gegen 70 m), auf der im Vordergrunde der Morro thront — der altersgraue Wächter der Bucht, der länger als ein Vierteljahrtausend seines Amtes gewaltet hat, und der sich zwar schon den Boucanieren und Engländern gegenüber (1662 und 1762) nicht als vollkommen uneinnehmbar bewiesen hat, der sich aber trotz seiner mangelhaften Armierung im Verein mit seinen tiefer gelegenen Vorwerken auch noch den Amerikanern gegenüber wohl genug bewährt hat ([Abb. 33]). Zur Linken schiebt sich eine niedrigere Terrassenstufe vor, die neuere Befestigungen (die sogenannte Socapabatterie) trägt, und dahinter werden die gerundeten Hügel der Ziegeninsel und der Vorgebirge von Estrella, Santa Catalina und Gorda sichtbar, alle gleichfalls mit drohenden Bollwerken versehen, wenn auch nicht alle mit solchen, die dem Geschützfeuer der Neuzeit gewachsen sind. Ringsum aber türmen sich grüne Waldberge von der verschiedensten Gestalt und Höhe übereinander. Ist man dann unmittelbar unter den Festungsmauern durch die enge und tiefe Einfahrt, die die Amerikaner durch die Versenkung des „Merrimac“ vergeblich zu sperren suchten, in die Bai gelangt, so gesellen sich den kriegerischen Zügen des Landschaftsgepräges auch friedliche zu — Fischerkähne und leicht gebaute Fischerhütten, einzelne Landhäuser und ein Lotsendörfchen ([Abb. 35]) —, und das Auge wird nicht müde, sich an dem bunten Wechsel zu weiden. In ihrer ganzen Pracht zeigt sich die Bai aber erst, wenn man jenseits der Punta Gorda ihren weiten Binnenteil erreicht hat und der Blick über die herrliche blaue Wasserfläche hinweg mehr in die Ferne schweifen kann — hinüber zu den hell leuchtenden Häusern und Türmen der großen Stadt, die in ihrem innersten Nordostwinkel liegt, und zu den stattlichen Schiffen, die davor ankern, empor zu der hohen Mesa, an der die Straßen von Santiago hinaufstreben ([Abb. 36] und [37]), und höher empor zu den schön gezackten Bergen der Piedra- und Cobregruppe ([Abb. 38] und [39]), von deren Abhängen kleinere Ortschaften, sowie zerstreute Haciendas und Bohios aus ihren Mango- und Brotfruchtgärten und aus ihren Königspalmen- oder Kokospalmenhainen ([Abb. 40]) herabwinken. Man versteht an dieser Stelle besser als an jeder anderen die Begeisterung, welche Kolumbus betreffs der cubanischen Landschaft hegte, und man gesteht sich gern, daß es wenigstens an den Gestaden des amerikanischen Mittelmeeres keine Hafenbucht gibt, die dieser an stolzer Schönheit gleichkommt. Darf man sich also darüber wundern, daß die Spanier hier „Hütten bauten“, und daß Velasquez seinen Statthaltersitz nach kurzem Besinnen von Baracoa hierher verlegte (1514), daß Santiago bis in das XVII. Jahrhundert hinein (1607) die Regierungshauptstadt von ganz Cuba, später aber wenigstens diejenige der Osthälfte der Insel gewesen ist, daß die Stadt bereits seit 1522 eine stattliche Kathedrale besitzt, und daß der oberste Seelenhirt Cubas (seit 1804 zum Erzbischof erhoben) seine Residenz bis auf den heutigen Tag daselbst behalten hat? Viel kleiner als die Bucht von Guantanamo und nur etwa 7 km weit ins Land reichend, ist die Bucht von Santiago doch fähig, Flotten jeder Größe in sich aufzunehmen, und im Zusammenhange mit der näheren Bergumgebung ist sie nicht bloß landschaftlich viel großartiger, sondern zugleich auch viel tiefer und dicht an ihrem Ufer sowohl mit besserem Trinkwasser als auch mit besserem und gesünderem Baugrunde ausgestattet. Im übrigen darf man sie ein getreues Abbild der Guantanamobucht nennen, sowohl was die Richtung ihrer Hauptachse als auch was ihre Gliederung in eine Innen- und Außenbucht und in eine Reihe von Nebenbuchten angeht. Ist dies aber nicht ein Zeugnis dafür, daß an den beiden Buchten dieselben erdgeschichtlichen Bildungsprozesse thätig gewesen sind?

Abb. 44. Ein Ceibabaum.

Lage von Santiago.

Die Verbindungen von Santiago in das Binnenland sind keine leichten, ganz besonders in der Regenzeit, wenn die Bäche und Ströme des Gebirges hoch anschwellen und wenn der rote Boden sich in einen tiefen Morast verwandelt, immerhin sind sie aber leichter, als von den anderen Punkten der Südküste, Guantanamo nicht ausgenommen, und jedenfalls haben sich schon früher einigermaßen brauchbare Straßen nach den Kupfergruben im Westen, nach den Eisengruben im Osten und nach den fruchtbaren Thal- und Hügelgegenden an den Quellströmen des Cauto im Norden, sowie durch die letzteren nach Bayamo und Puerto Principe (als sogenannter Camino central) anlegen lassen. Zu Eisenbahnen haben sich diese Verbindungen freilich nur in der näheren Nachbarschaft von Santiago vervollkommnet (bis Cobre, Juragua, El Caney und Sabanilla), und in dem Mangel einer Schienenstraße nach Holguin und Gibara sowie nach Bayamo und Puerto Principe hat die Hauptschwäche der Stadt bei ihrer Verteidigung gegen die Amerikaner gelegen. Die Stadt erlag ja dem ersten Ansturm der Feinde nur, weil weder Proviant noch Verstärkungen mit genügender Schnelligkeit herangezogen werden konnten.

Bei den Schwierigkeiten, die der Landverkehr in dem Ostteile von Cuba ganz im allgemeinen findet — dergestalt, daß sie auch von den zukünftigen Herren der Insel niemals vollkommen zu überwinden sein werden —, bei diesen Schwierigkeiten war der Seeverkehr für die größeren Aufgaben der Verwaltung sowie für die in größere Ferne reichenden Handelsbeziehungen immer die Hauptsache, und für diesen bietet die Santiagobai nicht bloß den Vorteil einer genauen Mittellage an der Südküste (von Kap Maisi sowie von Kap Cruz ungefähr 170 km), sondern auch den Vorteil einer annähernden Mittellage zwischen den Häfen der Nordostküste und der Cautomündung oder Manzanillo. Die eigentlichen Kulturdistrikte Ostcubas liegen beinahe sämtlich unfern der Küste. Als selbstverständlich dürfen wir es endlich bezeichnen, daß für die Anfänge der Entwickelung von Santiago auch die bequeme Verbindung mit San Domingo sowie die verhältnismäßige Nähe des Mutterlandes von Wichtigkeit war. Dauernd konnte es freilich den Schwerpunkt des cubanischen Kulturlebens nicht bilden, und ebendeswegen hätte sich auch das Schicksal von Cuba wohl schwerlich vor seinen Mauern entschieden, wenn nicht die Herrschaft der Spanier auch in der Westhälfte der Insel in der geschilderten Weise gründlich untergraben gewesen wäre.

Was die Kehrseite des schönen Bildes von Santiago betrifft, so ist die Stadt öfter und stärker als jede andere von den verwüstenden Erdbeben betroffen worden, die der Gegend charakteristisch sind, und man kann sagen, daß es geradezu den Hauptherd derselben bilde. Zahlreiche Häuser und Teile der Kathedrale stürzten dadurch ein in den Jahren 1580, 1678 und 1755, und das letzte größere Beben, welches Schrecken verursachte, fand 1895 statt. Ferner wüten vor der Bucht, und nicht gerade selten auch über ihr, in den Monaten August bis Oktober dieselben schlimmen Orkane wie bei Guantanamo. Und endlich ist das Klima durch die Bergumschlossenheit der Bucht das heißeste und schwülste von ganz Cuba (mit einer Minimaltemperatur von 20° und einer Maximaltemperatur von 34° C), was die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen an dem Orte ganz besonders schwer macht und gutenteils auch ihre Thatkraft in einem besonders hohen Grade lähmt, ganz abgesehen davon, daß der Stumpfsinn und die Unwissenheit der Regierten sowie der Regierenden die sanitären Verhältnisse auch sonst sehr im argen liegen gelassen haben. Von der Bevölkerung, die sich 1895 auf 60000 belief, gehört demgemäß auch die große Mehrzahl (etwa im Verhältnis von 2 : 1) der farbigen Rasse an. Zur Zeit Herreras wurde die Zahl ihrer Bürger auf 200 geschätzt, um das Ende des XVIII. Jahrhunderts betrug ihre Seelenzahl aber 10000, um die Mitte des XIX. gegen 30000.

Die Kupfergruben des nahen Cobre (4000 Einwohner), die seit 1596 im Betriebe waren, sind vollständig in Verfall geraten, und der genannte Ort hat daher heute nicht mehr durch die auszuführenden Erze, sondern nur noch durch sein weithin berühmtes wunderthätiges Marienbild Bedeutung für Santiago. Die Ausfuhr der Eisenerze von Jaragua dagegen findet vorwiegend über Nueva Salamanca statt. Einen hervorragenden Rang als Handelsplatz wird Santiago aber durch den ungeheuren Reichtum und die große Vielseitigkeit der pflanzlichen Produktion seines Hinterlandes jederzeit haben, und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß sowohl die Kulturen des Zuckers, des Kaffees, des Kakaos, des Tabaks und der tropischen Früchte jeder Art als auch die Viehzucht und die Gewinnung von tropischen Nutzhölzern (Mahagoni-, Cedrelen-, Tecoma-, Eisen-, Gelb-, Blauholz u. s. w.) daselbst einer sehr starken weiteren Steigerung fähig ist. 1890 gab es in dem Distrikte 64 Kaffeepflanzungen (34 Prozent von der Gesamtzahl Cubas), 38 Tabakvegas und 28 Ingenios.

Nachdrücklicher als angesichts jeder anderen cubanischen Landschaft kommt es dem geographischen Reisenden angesichts des mächtigen Gebirges westlich von der Santiagobai zum Bewußtsein, welch schwere Unterlassungssünde die spanischen Herren der Insel dadurch auf sich geladen haben, daß sie die gründliche wissenschaftliche Durchforschung derselben versäumt haben, und wie sie ihren kostbaren Kolonialbesitz im Grunde genommen vor allen Dingen dadurch vor der Richterin Weltgeschichte verwirkten, daß sie die Entdeckerarbeit der Kolumbus und Ocampo nicht im Geiste der fortschreitenden Zeiten weiter zu führen verstanden. Und indem er dem jähen seeseitigen Südabsturze des Gebirges entlang mit seinem Dampfer auf den Wellen dahingleitet, gewinnt er zugleich auch Muße, darüber nachzudenken, wie die Unterlassungssünde wohl zu erklären und vielleicht bis zu einem gewissen Grade zu entschuldigen ist. Dem deutschen Bergsteiger, der mit seinen Stahlnerven frisch von daheim kommt, erscheint das Erklimmen der Höhen, die er von der Santiagobucht oder von der offenen See gegen das Kap Cruz hin überschaut, sicherlich sehr verlockend; sobald er länger in der Gegend weilt und Erfahrungen sammelt, verschließt er sich aber schwerlich der Einsicht, daß es mit dem Durchwandern und Besteigen tropischer Waldberge ein anderes Ding ist, als mit dem Durchwandern und Besteigen deutscher Wald- und Alpenberge. Es sind eben andere, und gutenteils viel unheimlichere Berggeister, die hier walten und die vorhandenen Geheimnisse und Schätze bewachen, als in dem Harz und Riesengebirge oder in dem Berner Oberlande.

Abb. 45. Uferlandschaft des Rio San Juan.

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Abb. 46. Niederungsstrom mit Zuckerrohrfeld.

Die Sierra Maestra.

Die Sierra Maestra, um die es sich hier handelt, und der wir vom physikalisch-geographischen Standpunkte aus auch die mehrfach genannte Cobre- und Granpiedragruppe zuzurechnen haben, hat insgesamt eine Längserstreckung von 240 km, entspricht in dieser Beziehung also ziemlich genau dem schweizerischen Alpenzuge zwischen Martigny und Rheineck. Ihre Gipfel aber erreichen nach den spärlich vorliegenden und unzuverlässigen Messungen in der Cobregruppe 1018 m, in dem Pico Turquino, ziemlich genau mittwegs zwischen Santiago und dem Kap Cruz, 2560 m, und in dem Ojo del Toro, nahe dem Westende des Gebirges, 1582 m, und zahlreiche namenlose Spitzen nordöstlich und nordwestlich von dem Pico Turquino kann man aus der Ferne auf reichlich 2000 m, verschiedene Berge zwischen dem Pico de Turquino und dem Ojo del Toro, wie die Silla del Rosario und den Sibon, aber wenigstens auf 1500 m schätzen. Sind nun diese Höhen dem absoluten Ausmaße nach im Vergleiche mit den Alpen keine sehr bedeutenden, so sind sie es doch dem relativen nach, denn das Auge betrachtet sie unmittelbar vom Meeresspiegel aus, und der Fuß hat so unmittelbar von dort aus zu steigen. Der Pico Turquino ragt über das Karibische Meer ebenso hoch empor wie der Tödi über das benachbarte Vorderrheinthal, und der Abstand des Gipfels von der betreffenden Basis ist bei dem Pico Turquino geringer (7,5 km), so daß sein allgemeiner Anstieg steiler sein muß.

Der Südfuß der Sierra Maestra, den das Gebirge hineintaucht in das herrliche Azurblau der tiefen Cubasee, offenbart sich bei näherer Betrachtung westlich von Santiago als ein noch viel ungastlicheres Gestade als östlich davon. Allerorten steigen steile Hänge und Wände empor, die ersteren dicht bebuscht, die letzteren aber das nackte weiße oder braune Gestein zeigend — die offenbare Wirkung neuerlicher Bergstürze, da das feuchtwarme Tropenklima dergleichen Wände niemals lange duldet und sie rasch wieder mit Grün bekleidet. An verschiedenen Orten verraten Höhlenöffnungen auch hier den Kalkstein, ein ursprünglicher Terrassenbau des Gebirges ist aber im allgemeinen nicht zu erkennen, und nur bei dem Kap Cruz können ein paar mauergleich verlaufende Stufen unterschieden werden. Auch dort zeigen die Schichten aber mehrfach starke Störung und zum Teil vollkommen senkrechte Aufrichtung. Jungkorallene Bildungen treten ebenfalls nur stellenweise auf — namentlich um den Cayo Damas, südöstlich vom Turquinopik, und in der Gegend des Kap Cruz. Die Buchten aber, die die Steilküste gliedern, sind ausnahmslos dort gegen die See aufgerissen, und Schutz gegen südliche Winde oder Orkane gewähren nur einige wenige durch vorgelagerte Inselchen, so besonders der kleine Nothafen Portillo unter dem Meridian von Manzanillo. Wir haben nach dem früher Gesagten kaum nötig, hervorzuheben, daß uns alle diese Eigentümlichkeiten des seeseitigen Absturzes der Sierra Maestra in merkwürdiger Übereinstimmung zu bezeugen scheinen, wie auch hier weite Striche des tertiären Kalksteinvorlandes sowie vielleicht in beträchtlichem Umfange zugleich spätere Bildungen (namentlich koralline) von dem blauen Meere verschlungen worden sind. Die orkanbewegten Wogen stürmen nun wütend genug gegen den Gebirgsfuß an, und sie reißen dabei wohl manche Klippe fort. Den ganzen Betrag der Zerstörung vermögen sie aber nicht zu erklären, und man hat dabei vielmehr zurückzudenken an die heftigen Erdbeben, die die Gegend so oft betreffen und deren Bedeutung für die Bildungsgeschichte der Sierra Maestra erst voll gewürdigt werden wird, wenn man in Südostcuba gelernt haben wird, genaue seismologische Beobachtungen anzustellen. Auf die ungeheuren Tiefen der Cubasee, die bis reichlich 5000 m hinabsinken und die unter dem Meridian des Turquinopiks 7,5 km südlich von der Küste ungefähr dasselbe Ausmaß haben wie der Pik ebenso weit nördlich davon, können nur durch einen großen Dislokationsprozeß begriffen werden, der seit der späteren Tertiärzeit vor sich gegangen und noch beständig im Fortschreiten begriffen ist, wenn auch vielleicht gegen früher sehr verlangsamt.

Die Orkane und Gewitterböen, welche so überaus häufig gegen den Südfuß der Sierra Maestra heran und über ihre Berge hinwegbrausen, machen unserer Meinung nach daselbst eine gewisse Dauerwirkung namentlich darin geltend, daß sie hochstämmigen Baumwuchs bloß in geschützten Rillen und Thalungen dulden, während sie an den offen liegenden Hängen, ebenso auf den Gipfeln im allgemeinen nur ein undurchdringliches Gewirr von Sträuchern und Schlingpflanzen, sowie eine üppige Epiphytenvegetation aufkommen lassen.

Abb. 47. Rancho.

Geologische Verhältnisse.

Die zahllosen Ströme und Bäche, welche in engen Schluchten von dem Kamme des Gebirges herabkommen, sind sämtlich kurzläufig, und ihre Wasserführung schwankt nicht bloß mit der Jahreszeit, zwischen weit auseinander liegenden Extremen, sondern in vielen Fällen von Tag zu Tag oder von Stunde zu Stunde, je nach den Wolkenbrüchen und Regengüssen, die in ihren Quellgebieten niedergehen. Einmal versagen sie in solcher Weise dem Wanderer in der Sonnenglut den erfrischenden Trunk, und das andere Mal wehren sie ihm gebieterisch jedes Vordringen, den Straßen- und Eisenbahnbauern aber mag bei ihrem Anblick von vornherein der Mut entfallen. Von der Höhe herab bringen sie gewaltige Massen roten Schlammes, sowie zugleich auch groben Gerölles und Schuttes, und aus dem letzteren läßt sich schließen, daß die Hochsierra zu einem großen Teile aus Felsarten zusammengesetzt ist, die älter sind als das Tertiär, was mit den Beobachtungen, welche an den Bergwerken des Cobredistriktes gemacht worden sind, gut übereinstimmt. Namentlich die Hauptkerne des Gebirges in der Gegend des Rico Turquino und bei dem Ojo del Toro sind offenbar archäisch und im wesentlichen aus Diabas, Diorit und Syenit zusammengesetzt. Auch an Porphyren, Doleriten und Basalten scheint es aber nicht zu fehlen und ebensowenig an kretaceischen Schichtgesteinen, so daß das Gebirge westlich von Santiago genetisch in keiner Weise von der Granpiedragruppe getrennt werden kann. Wahrscheinlich bildeten die Hauptteile der Sierra Maestra zusammen mit anderen noch zu erwähnenden Teilen von Cuba und vereint mit Jamaica, sowie mit Haiti und Puertorico nebst den Jungferninseln in der mesozoischen Zeit einen größeren Landraum. Gegen das Ende dieser Zeit und in dem größten Teile der Tertiärzeit wurde derselbe aber bis auf eine Reihe kleiner Reste vom Meere überflutet, und erst im späten Tertiär tauchte die Insel in der bereits berührten Weise wieder aus den Wellen empor, im allgemeinen viel breiter als heute, und vorübergehend nochmals mit den anderen Großen Antillen verbunden. Die Einzelheiten darüber bedürfen aber noch der Feststellung, und bei der weiteren Erforschung der Sierra wäre es recht wohl möglich, daß man daselbst noch auf verschiedene Mineralschätze stieße.

An der Nordseite löst sich die Sierra in verhältnismäßig sanfter allgemeiner Abdachung allmählich in einzelne Züge und Gruppen von Brotlaib- und Tafelbergen auf, zwischen denen die tief eingeschnittenen Thäler der Quell- und Zuflüsse des Rio Cauto liegen. Die namhaftesten derselben sind die Lomas von Palma Soriano und Santa Rita am Cauto selbst, die Lomas von La Guira und Las Piedras am Rio Contramaestre und die Lomas von Horneros, Jiguë und Yagua am Rio Cautillo. Tertiärkalk ist auch hier das verbreitetste Gestein, an vielen Orten, namentlich aber im Quellgebiete des Cautillo, finden sich große Höhlen (die Cuevas de Torrelado), und der allgemeine Charakter der Landschaftsformen ist Schroffheit und wilde Zerklüftung — die Wirkung einer gewaltigen tropischen Erosion seit den jungtertiären Zeiten, die in der Regenzeit von Tag zu Tag noch weitere große Fortschritte macht.

Abb. 48. Cubanische Landleute.

Das Pflanzenkleid der Sierra Maestra ist nach seiner genaueren Zusammensetzung und Verbreitung wissenschaftlich noch ebensowenig bekannt wie das Gestein, man weiß aber, daß namentlich Kiefern und Farnbäume stark in ihr vertreten sind, und daß ihre reichen Bestände der mehrfach genannten tropischen Nutzhölzer an den meisten Orten noch vollkommen unberührt geblieben sind. Die schwere Zugänglichkeit des Gebirges sowie von dem Lande her macht wenigstens letzteres begreiflich.

Abb. 49. Eine Volante.

Menschenarmut des Gebirges.

Von Menschen bewohnt war die Sierra zu keiner Zeit, und auch die Indianer suchten in ihren Schluchten und Thälern, die ohne Aufhören von Wolkenbrüchen, Überflutungen, Stürmen, Erdbeben und Bergrutschen heimgesucht werden, immer nur ihre letzte Zuflucht. Die entlaufenen Negersklaven späterer Tage, sowie auch die schwarzen und weißen Räuberbanden, die die Sierragegend jederzeit unsicher gemacht haben, und in den Zeiten des Aufruhrs die Insurgenten, fanden inmitten der niedrigeren und wirtlicheren Lomas weiter nördlich allerwärts Verstecke, die ihren Verfolgern zur Genüge unnahbar waren. Pflanzungskultur, vor allem Tabak- und Kaffeekultur, ist in größerem Maßstabe nur in die nördlichen Thalgegenden eingedrungen, und zu einem beträchtlichen Teile ist ihr Aufschwung auch hier aus Haiti vertriebenen Franzosen zu verdanken. An dem Südhange ist lediglich auf einige zerstreute Hütten (Ranchos), von denen etwas Viehzucht betrieben wird ([Abb. 47]), sowie auf eine Ochsenschlachtstätte (Asserardero) und zwei oder drei Tabakvegas hinzuweisen. Als Verkehrsstraßen von einem Hange zum anderen mußten aber bislang auch selbst in der Nähe von Santiago und Kap Cruz beschwerliche Reit- und Fußwege genügen, und die mittlere Hochsierra ist gänzlich pfadlos. Der weitaus vorwiegende Teil der eigentlichen Gebirgsbevölkerung besteht aber selbstverständlich aus Mulatten und Negern. Fremde durfte das Gebirge in solcher Weise sicherlich von dem Eindringen abschrecken, und einheimische Cubaner fühlten sich um so weniger dazu berufen, als ihre geistigen Führer — die Priester — sie zum Ersteigen von Bergen, die höher emporragen als der Wallfahrtsberg von Cobre, in keiner Weise anspornen.

Abb. 50. Trinidad und der Pico de Potrerillo.

Das Cauto-Thal.

Wenn die Sierra Maestra gegen Süden in das tiefste Meer hinabstürzt, das Cuba bespült, so fällt sie gegen Norden mit ihren letzten steilwandigen Lomas in die ausgedehnteste Stromniederung hinein, die die Insel besitzt. Die ausgesprochensten Gegensätze berühren sich also an beiden Seiten. Diese Niederung, die sich auch in ihren innersten Teilen nur wenige Meter über den Meeresspiegel erhebt, und die in ostwestlicher Richtung von dem größten cubanischen Strom — dem mehrfach erwähnten Rio Cauto (mit 330 km Lauflänge und 11000 qkm Gebiet) — durchströmt wird, ist in der Hauptsache ein junges Schwemmland, das seinen Ursprung vor allen Dingen den ungeheuren Schlamm- und Schuttmassen verdankt, die die nördlichen Abflüsse der Sierra Maestra in der Regenzeit fortwälzen und schwebend seewärts führen. In einer nahen erdgeschichtlichen Vergangenheit griff der große Golf von Guacanayabo viel tiefer in die Insel ein, den Hals, der ihren Kopfteil an dem Rumpfe hält, zu einem längeren und schmächtigeren machend, und die Schuttkegel und Deltas des Cauto sowie auch des Rio Jicotea, Rio Yara und Rio Jibacoa schieben sich noch beständig weiter vor, an der Vergrößerung der Schwemmlandniederung und an der Auffüllung des seichten, von großen Sand- und Schlammbänken erfüllten Meerbusens rüstig weiter arbeitend. An den Rändern, wie bei Yara und Jiguani (2000 Einw.), ist der Boden beinahe durchgängig fruchtbare Roterde, auf der ein vorzüglicher Tabak gedeiht, nach der Mitte und nach der Küste zu, wie bei Bayamo und Manzanillo, breiten sich weite Strecken von noch fruchtbarerer Schwarzerde aus, und auf ihnen hat der Zucker- und Reisbau eine gute Stätte gefunden. Sehr bedrohlich und oft verhängnisvoll sind für diese Kulturen aber die großen Überschwemmungen, die die genannten Ströme sowie auch der von dem Hügellande in Holguin herkommende Rio Salado in der Regenzeit verursachen, und an diesen Überschwemmungen liegt auch der Hauptgrund davon, daß die Niederung auf weiten Strecken dauernd versumpft ist (besonders in der Ciénaga del Ruey), im übrigen aber noch immer zum allergrößten Teile als Savanne und Bruchwald wild brach liegt. Der Cauto ist auf einer Strecke von 120 km (bis zur Vereinigung mit dem Cautillo) gut schiffbar, und ursprünglich konnten auch Seeschiffe in seine Mündung gelangen, eine furchtbare Überschwemmung im Jahre 1616 schloß die Mündung aber durch die herbeigeführten Schuttmassen dergestalt, daß die in dem Flusse befindlichen zahlreichen Fahrzeuge denselben niemals wieder verlassen konnten. Die so geschaffene Barre künstlich zu beseitigen, ist aber unter den obwaltenden Verhältnissen nicht thunlich gewesen. Die gleiche Überschwemmung zerstörte übrigens auch das bereits im Jahre 1513 von Santiago begründete Bayamo (9000 Einw.), so daß dasselbe größtenteils neu aufgebaut werden mußte. Der Abzug der Produktion und der Verkehr nach außen wurde durch die Sperrung der Cautomündung für die ganze Niederung schwer behindert, und auch die Anlagen von Manzanillo (10000 Einw.), das in seinen Hafen mittelgroße Seeschiffe zuläßt, hat nur für einen beschränkten Teil der Gegend eine erhebliche Verbesserung mit sich gebracht. Die Landstraßen sind ja in der Cautoebene während der Regenzeit noch grundloser als im Berg- und Hügellande, und eine Eisenbahn von Manzanillo nach Bayamo ist zwar seit langem geplant, zur Stunde aber noch nicht in Angriff genommen worden. Infolge der angegebenen Eigenschaften hat sich die Cautoniederung und besonders ihre Randgegend jederzeit als der eigentliche Hauptherd der Insurrektion bewährt. Der Reichtum der Ebene bot den Aufständischen die beste Gelegenheit, ihre Kräfte zu konzentrieren, die Berge nahe dabei sowie die Sumpfwaldungen boten ihnen vorzügliche Deckung, und die spanischen Heerkörper bewegten sich bei den mangelnden Verkehrsvorrichtungen schwerfälliger als irgendwo sonst. So nahm der zehnjährige Aufstand von 1868 bis 1878 seinen Anfang in Yara, und die ersten wirklichen Kämpfe der Gomez und Maceo im Jahre 1895 fanden dicht bei Bayamo statt, sowie bald danach in der Gegend von Victoria de las Tauas (3000 Einw.), das in dem nördlich an die Cautoniederung anstoßenden Hügellande von Holguin liegt und noch dem Cautogebiet angehört — als die Hauptausgangspforte aus dem Kopfteile Cubas in den anstoßenden Rumpfteil, bezugsweise aus den Gebirgslandschaften von Baracoa und Santiago nach der weiten Hügel- und Flachlandschaft, die der cubanische Volksmund als das Camaguey zu bezeichnen pflegt.

Abb. 51. Vorberge der Sierra de Trinidad.

VI.

Die Natur der cubanischen Küste und des Meeresraumes, der sie begleitet, ändert sich, wenn man das Kap Cruz hinter sich hat, in geradezu überraschender Weise. Niemand hat dies wohl lebhafter empfunden, als Christoph Kolumbus, und weil derselbe ohne weiteres erkannte, daß von hier ab gegen West ganz andere und weit schwierigere Probleme seiner harrten, als zwischen Baracoa und Nuevitao und zwischen Kap Maisi und Kap Cruz, so wendete er sich auf seiner zweiten Reise alsbald von dem fraglichen Punkte weg gegen Süd und hinüber nach Jamaica, um seine Fahrt entlang der Südküste von Cuba erst später wieder aufzunehmen.

Abb. 52. Die Bucht von Cienfuegos.

Die Cayos.

Mächtige Sandbänke, darunter vor allem der ungeheure Bajo de Buena Esperanza, lagern sich dem Seefahrer in den Weg, und die meisten derselben sind mit jungen, gutenteils noch von Leben erfüllten Korallenbauten besetzt und umsäumt, die vielfach hart an die Meeresoberfläche treffen und an denen die See mehr oder minder stark brandet. Endlos folgen einander daneben niedere Inselchen aus fossilem Korallenkalk und Sand, die in der Regel kaum meterhoch, oft genug auch kaum zollhoch über den Flutenstand des Meeresspiegels emporragen, und über die jede stärkere Sturmwoge hoch hinweg schlägt, so daß eine andere Vegetation als Mangrovegebüsch und ein anderes Tierleben als Vogelleben nicht auf ihnen denkbar ist. Es sind dies die sogenannten Cayos oder Keys, die Cuba als eine Art kleiner Trabanten rings umschwärmen, und deren Zahl allein auf der kaum 300 km langen Strecke zwischen Kap Cruz und der Agabamamündung mehr als tausend betragen mag. Jeder einzelne davon gewährt, vom Schiffe aus betrachtet, ein überaus reizendes und freundliches, ja vielfach ein bezauberndes Bild, aber einer gleicht in seinem Gepräge genau dem anderen, und nur die Ausdehnung wechselt zwischen einem Hektar oder Ar und gegen 50 qkm ([Abb. 42]). Der Schiffer sieht sich bei ihnen vergeblich nach Merkzeichen um, die ihm den rechten Kurs einhalten helfen, und nur eine kleine Zahl, die ein paar Meter höher emporsteigt und außer Mangroven einige Fächerpalmen oder einem Ceibabaume (Eriodendron anfractuosum) die erforderlichen Daseinsbedingungen bietet, macht in dieser Regel eine Ausnahme. Besonders winzig sind die Inselchen auf dem ersten Dritteile der Strecke, an der Bucht von Guacanayabo, sie sondern sich daselbst aber gut in einzelnen Gruppen, zwischen denen verhältnismäßig breite und tiefe Durchfahrten liegen — der Balandraskanal, östlich von der Buena-Esperanza-Bank, und der Barcoskanal sowie der Quatro-Reales-Kanal, der Pitajayakanal und der Levizakanal, westlich davon. In dem mittleren Teile der Strecke dagegen, dort, wo die Landschaft des Camaguey sich weit gegen Südwest ausbaucht und ihre bedeutendste Breite (110 km) erreicht, sind die Keys etwas größer, ihr regelloses Durcheinander ist aber hier ein völlig verwirrendes, und die alten spanischen Seefahrer haben die Zusammenscharung an der fraglichen Strecke mit sehr triftigem Grunde das Zwölfmeilenlabyrinth — Laberinto de Doce Leguas — benannt. Weiter westlich folgen dann die drei größten Keys der ganzen Flur (Cayo Caballones, C. Piedra und C. Grande), an deren Seiten die Caballones- und Boca-Grande-Durchfahrt den Fahrzeugen von der hohen See her offen stehen, und endlich streckt sich die große Bank des Cayo Breton, auf der sich zahllose Schildkröten und Fische zwischen den Riffen tummeln, 55 km weit gegen Nordwest bis in die Nähe der Hauptinsel.

Abb. 53. Vorstädtisches Cienfuegos nebst Bai und Tafellandumgebung.

[❏
GRÖSSERES BILD]

Abb. 54. Uferlandschaft des Rio Damuji.

Südlich stößt an die beschriebene Korallen- und Inselflur, die wir nach ihrer Hauptgruppe Laberintoflur nennen, ein ungeheuer tiefes Meer, und 10 km von dem Cayo Grande werden bereits 2800 m gelotet, die Verhältnisse liegen also nach dieser Richtung hin genau wie bei der Sierra Maestra. Auf ihrer Nordseite hingegen schließt die Flur mit ihren äußeren Gliedern ein seichtes cubanisches Randmeer ab, das man füglich von dem weißen Korallenschlammgrunde, der auf weiten Strecken seltsam durch das Wasser hindurch leuchtet, als cubanische Weißsee oder besser vielleicht noch der Lage nach als Camagueysee von dem offenen Karibenmeere unterscheiden könnte. Als Golf von Jucaro weit gegen Nordost ausgreifend, schnürt dieses Randmeer den Körper Cubas nochmals isthmusartig (auf 65 km) zusammen, und die Landschaft des Camaguey sowie der ganze cubanische „Oriente“ findet daselbst seine natürliche Westbegrenzung in ganz ähnlicher Weise wie bei Jobabo seine Ostbegrenzung.

Daß die Südküste des Camaguey außerordentlich schwer und nur unter mannigfaltigen Fährlichkeiten zugänglich ist, ist aus dem Gesagten klar genug, und wenn man erwägt, daß die Seekarten von der Gegend bis auf den heutigen Tag äußerst ungenau geblieben sind, daß zahlreiche Inselchen und Riffe darauf gänzlich fehlen, und daß man an eine Ausstattung der Flur mit Leuchttürmen und Tonnen bisher nicht gedacht hat, so steht man wohl schwerlich an, das Camaguey nach dieser Seite hin als ein ziemlich streng verschlossenes Land zu bezeichnen. In ihrer Längserstreckung bietet die Camagueysee den Schiffen in der Küstennähe ein verhältnismäßig offenes und tiefes Fahrwasser, und bei genügender Vorsicht in der Gegend des Laberinto de Doce Leguas können Schiffe von mäßigem Tiefgange (5 m) darin bequem zwischen Manzanillo und Casilda hin und her fahren. Das betreffende Fahrwasser ist zugleich auch durch den wirksamen Schutz, den die Koralleninseln und Riffe gewähren, im allgemeinen ein außerordentlich ruhiges und glattes, und gerade in der Camagueysee gedenkt man unwillkürlich des Kolumbischen „allezeit sanft wie der Strom von Sevilla.“

Abb. 55. Hafenstadtteil von Cienfuegos.

Die Sumpfküste von Camaguey.


Welcher Art ist aber die Küste des Camaguey, die es durch das geschilderte Randmeer zu erreichen gilt? Ohne Unterbrechung und, wie es einem bei der Küstenfahrt bedünken kann, ohne Aufhören dehnt sich von der Gegend von Manzanillo bis in die Gegend von Tunas ein Mangrove-, Binsen- und Waldsumpf (Manglar und Crenaga) aus, der im allgemeinen 10 bis 20 km binnenwärts reicht, der mit zahlreichen Lagunen besetzt und von einem Gewirr von Wasserläufen — den Mündungsarmen der gegen Süd ablaufenden Ströme des Camaguey (Jobabo, Sevilla, Najasa, Sabanilla, San Pedro, Altamira u. s. w.) — durchzogen ist. Es ist dies wieder ein Paradies der Manatis und Krokodile, sowie der Pelikane, Reiher, Enten, Wasserhühner, Moskitos, Garragatos u. s. w., aber ein sehr schlecht geeigneter Boden für irgend welche Ansiedelungen von Kulturmenschen. Während der Regenzeit ist eine trockene Stelle in dieser Sumpfwildnis kaum zu finden, in der Trockenzeit gibt es aber eine Anzahl kleiner Inseln und Sumpfoasen, die genügend von Wasser frei werden, um den Wuchs von Savannengräsern, Bataten, Cassawen und Bananen zuzulassen und dadurch Nahrung für eine Rinderherde, sowie für eine Guajiro- oder Mulattenfamilie darzubieten. Gegen die Fieberdünste der Gegend, sowie gegen die Moskitostiche sind ja die Guajiros und Mulatten gefeit, und an die Beschaffenheit des Trinkwassers stellen dieselben auch keine großen Anforderungen. Die Verschlossenheit des Camaguey gegen das Karibische Meer hin wird aber durch den breiten Gürtel amphibischen Landes noch sehr bedeutend erhöht, und alles in allem kann man dieselbe ohne Bedenken als eine noch viel vollkommenere nennen als bei dem Berglande von Santiago. Zugleich darf man sich auch fragen, ob und wann es wohl einer zukünftigen Verwaltung Cubas gelingen wird, den vorliegenden Naturfehlern abzuhelfen. Ein einziger kleiner Hafenplatz, Santa Cruz del Sur (1000 Einw.), der unfern der durch eine Barre gesperrten Mündung des Rio San Juan de Najasa liegt, und der nur sehr flach gehende Schiffe zuzulassen vermag, muß zur Zeit dem an der Südseite der weiten Landschaft aus- und eingehenden Handel und Verkehre genügen, und lediglich das hohe strategische Interesse, welches der Isthmus von Moron in den Zeiten des Aufstandes in Anspruch nahm, hat daneben an einer ähnlich seichten Reede weiter westlich noch den Truppenlandungsplatz Jucaro ins Dasein gerufen.

Abb. 56. Hauptstraße von Cienfuegos.

Das Eindringen in das innere Land, das von Santa Cruz aus nur auf einer schlechten Landstraße bewirkt werden kann, versuchen wir von der Seite des Karibenmeeres nicht, sondern wir wenden uns vielmehr zu diesem Behufe zurück nach Nuevas Grandes, um daselbst unsere früher abgebrochene Küstenfahrt und Küstenschau am Alten Bahamakanale wieder aufzunehmen. Wir stoßen auch hier alsbald auf eine ausgedehnte Insel- und Korallenflur. Eine beträchtliche Anzahl der Keys, die dieselbe zusammensetzen, erscheint aber im Vergleiche zu denen, die wir an der Südküste kennen gelernt haben, riesengroß; so vor allem der eng an die Hauptinsel angeschmiegte und flache Cayo Sabinal (360 qkm); der hügelige Cayo Guayaba (120 qkm); der langgestreckte größere und kleinere Cayo Romano (480 bezw. 250 qkm); der Cayo Cocos (180 qkm) und der Cayo Turiguano (150 qkm), der letztere wieder dicht an der Hauptinsel liegend, und die Kette der Riesenkeys an dem Isthmus von Moron schließend. Im allgemeinen erheben sich die genannten Keys auch zugleich höher über den Meeresspiegel als die im Süden, und die Hügel des Cayo Guayaba erreichen 30, die „Silla“ des Cayo Romano aber sogar 70 m. Außer Mangroven und Salzteichen, sowie Sanddünen enthalten sie daher auch etwas Mimosen- und Guavengebüsch, kleine Kokospalmen- und Fächerpalmenbestände und ziemlich ausgedehnte Savannen, und es sind daher an verschiedenen Orten Fischerhütten und Viehzuchtgehöfte darauf zu finden. Seewärts von ihnen liegen dann noch zahlreiche kleinere Keys, wie der Cayo Confites, der Cayo Cruz, der Cayo Paredon Grande mit seinem hohen Leuchtturme u. a., vor allem aber begleitet die Kette auf dieser Seite ein ausgedehntes Saumriff von lebenden Korallen, das steil in den ansehnlich tiefen Bahamakanal (auf der fraglichen Strecke 600–2000 m) abstürzt. Die Durchfahrten, welche die genannten großen Keys zwischen sich lassen (die Caravelasdurchfahrt, die Boca Guayaba u. s. w.), sind durch dieses Riff um so gefährlicher, als an demselben für gewöhnlich eine starke Brandung tost, als die Gegend ebenso wie die früher beschriebene, weiter im Osten liegende der strengen Herrschaft des Nordostpassates untersteht und als sehr verwickelte Gezeitenströmungen durch die Kanäle hindurchgehen. Dazu ist der gegen 200 km lange und bis über 20 km breite Meeresraum, der in kleinen Fahrzeugen durch die Kanäle erreicht werden kann und den man füglich als Cayo-Romano-See bezeichnen darf, durchgängig außerordentlich seicht (meist nicht mit 1 m Wasser) und mehrfach durch quer darin liegende Gruppen von kleineren Keys, auch selbst für Küstenfahrer unpassierbar.

Abb. 57. Zuckerrohr-Eisenbahnzug.

Ein schwer zugängliches, zugeschlossenes Land muß man das Camaguey also auch an der Nordseite nennen, und ein breiter Gürtel von Mangrove- und Binsensumpf, der sich auf dem Hauptlande dem Cayo-Romano-See entlang zieht, vervollständigt und verstärkt auch hier das System kulturgeographischer Absperrung.

Nuevitas. Moron.