Der geistliche Tod

Roman
von
Emil Marriot

Zehnte Auflage

Berlin
G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
1907

Übersetzungsrecht und alle anderen Rechte vorbehalten.

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

Der geistliche Tod

Erstes Kapitel

Abend war es, ein schöner, warmer Sommerabend. Über den Feldpfad, der vom Bahnhof in das Dorf führte, schritt ein junger Mann. Ein großer schwarzer Neufundländer folgte ihm auf dem Fuße. Der Ankömmling stand still, entblößte das Haupt und strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Dabei tat er einen tiefen Atemzug und ließ den Blick über das vor ihm liegende Dorf schweifen ... Das also war seine neue Heimat!

Still und friedlich lag der Ort da, die Kirchtürme ragten zwischen den Häusern hervor und rings umher erhoben sich grüne Hügel und felsige oder bewaldete Berge. Die Glocken läuteten zum Abendgebet; in den Wiesen zirpten Grillen, aus den Laubwerken leuchteten Johanniskäfer auf und am Himmel zeigten sich die ersten Sterne. Das war seine neue Heimat! Ein Gefühl der Rührung, der Bangigkeit, fast der Liebe durchzog seine Brust; er wollte sich hier recht glücklich fühlen, sich recht innig schließen an diese schöne Natur und auch an die Menschen, falls sie sich dessen wert zeigen sollten. Von diesen Gedanken beseelt, setzte er seinen Weg fort; der Hund ging dicht hinter ihm.

Sie kamen bei den ersten Häusern an. Meistens waren es einstöckige Häuser mit weiß getünchten Wänden und Schindeldächern, grün oder gelb angestrichenen Jalousien und Haustoren; viele hatten an der Gassenfronte einen Balkon und neben manchen lag Holz aufgespeichert; an einigen rankten sich wilder Wein und Efeu empor und auf den Veranden standen Blumentöpfe. Der Wanderer erreichte den Hauptplatz; in der Mitte des Platzes stand eine Säule und auf derselben ein heiliger Florian, der einen Kübel Wasser über ein brennendes Häuslein ausgoß. An den Häusern, in allen Ecken waren Heiligenbilder oder Heiligenstatuen angebracht; kein Wunder: lag doch das Dorf St. Jakob im Norden des glaubensstarken Landes Tirol.

Die Dorfbewohner schliefen schon oder saßen in den Wirtshäusern.

Ohne jemandem zu begegnen, langten Herr und Hund bei der Kirche an, und diese war das Ziel ihrer Wanderung; neben der Kirche stand der Pfarrhof, und dorthin gehörte der Ankömmling von dieser Stunde an.

Den Plan, auf dem die Kirche und rechts davon der Pfarrhof standen, friedete ein schwarzes Gitter ein. Die beiden Gebäude waren höher gelegen als die übrigen Häuser und ragten einsam hervor, gleichsam, um anzuzeigen, daß sie einen höheren, von den Alltagsinteressen der Dorfbewohner streng geschiedenen Zweck zu erfüllen hätten. Die Kirche machte, wie alle Dorfkirchen, einen friedlichen Eindruck; der große, kahle Pfarrhof hingegen sah düster wie eine Kaserne aus.

Der Fremde schritt auf das Haus zu und zog an der Glocke. Sogleich erscholl drinnen heiseres Gebell, dann ertönten Schritte, begütigende Zurufe wurden laut, die Tür ging auf und eine junge Bauerndirne, die einen knurrenden Hofhund am Halsband festhielt, zeigte sich auf der Schwelle.

»Grüasch Gott, Hochwürden,« sagte das Mädchen treuherzig. »Die Hand kann ich dem Herrn nicht geben, weil ich das Hundsvieh halten muß. Aber der Burschel tut nichts, er tut nur im Anfang so wüst. Wollen der Herr nicht vorausspazieren? Seine Zimmer sind in der feinsten Ordnung. Wir haben alles recht nett herg'richt.«

Derjenige, den sie »Hochwürden« genannt hatte und dessen glattrasiertes Gesicht, Collare und schwarze Kleidung den katholischen Priester zur Genüge kennzeichneten, trat, den eigenen Hund am Halsband führend, in das Haus.

»Bleib' draußen – Du!« sagte das Mädchen zu Burschel, drängte ihn ins Freie hinaus und schloß das Tor hinter ihm ab. Der Hund ließ ein zorniges Gebell erschallen.

Das Mädchen führte den Fremden zwei Holztreppen hoch bis vor eine Tür.

»Da wären wir!« sagte sie, die Tür öffnend und machte Licht, und er konnte nun die Stube in Augenschein nehmen. Sauber war sie, blank gescheuert, und an den Fenstern hingen blütenweiße Gardinen. Die Einrichtung war freilich in hohem Grade einfach und bestand durchweg aus Holz; die Wände schmückten oder, richtiger gesagt, verunzierten fratzenhafte Heiligenbilder aller Art und an der Tür hing ein kleiner Weihwasserkessel.

»Gefallt's dem Herrn?« fragte das Mädchen.

»Sehr gut,« antwortete er und überlegte im Geiste, wohin er seinen Bücherschrank, sein Klavier und mehrere andere Gegenstände, die demnächst eintreffen würden, stellen sollte; und die Heiligenbilder wollte er entfernen lassen, ... diesen Entschluß faßte er sogleich.

»Und nebenan ist die Schlafstube,« sagte das Mädchen.

»Schön; und nun eine wichtige Frage: kann ich etwas zu essen bekommen?«

»O ja. Der gnädige Herr hat wohl schon zu Nacht 'gessen, aber es wird schon noch was da sein. Freilich, der Herr werden hungrig sein nach der langen Fahrt, und i will gleich in die Küch' laufen und was bringen.«

Sie entfernte sich, der Priester ergriff das Licht und begab sich in die Stube nebenan. Auch diese war sehr sauber und hatte weiße Mullgardinen an den Fenstern. Im übrigen aber machte sie einen fast traurigen Eindruck. In der Nähe des Bettes stand ein Betschemel und über diesem erhob sich ein hölzerner Christus am Kreuze, dessen unverhältnismäßig großes Haupt wie ein Wasserkopf aussah. Über dem Bette selbst war das Bild der schmerzhaften Mutter Gottes angebracht; ihr Herz war sichtbar – sie wies mit der Hand darauf – und dieses Herz durchdrang ein Schwert. Auch in dieser Stube befand sich ein Weihwasserkessel und an den Wänden hingen oder klebten Heiligenbilder; an einer der Wände waren mittels einer Kohle die Worte: Memento mori! aufgezeichnet, und auf dem Nachttisch stand unter einem gläsernen Sturz ein kleines eisernes Kreuz, zu dessen Fuß ein Totenschädel und kreuzweise übereinander gelegte Gebeine ruhten.

Der Priester sah das alles aufmerksam an und legte sodann Handtasche und Überzieher auf das Bett.

»Asketisch, sehr asketisch sind diese Zimmer eingerichtet,« dachte er. »Nicht ein weicher Stuhl, kein Teppich, und statt des Sofas eine Bank aus Holz. Sind wir denn Mönche?«

Er ging zum Waschtisch hin und wusch sich den Reisestaub vom Gesicht und den Händen, holte aus seiner Reisetasche einen Kamm, eine Bürste und einen kleinen Spiegel – einen solchen gab es hier nicht –, kämmte sein Haar und strich mit der Bürste seine verstaubten, vom langen Fahren zerdrückten Kleider rein und glatt. Als er damit fertig war, trat er zum Fenster hin, öffnete es und lehnte sich hinaus. Das Fenster hatte die Aussicht auf den Garten, der zum Pfarrhof gehörte; die Bäume und Blumen strömten einen balsamischen Duft aus. Im Hintergrunde zeigten sich die Umrisse hoher Berge; auf dem Gipfel des erhabensten leuchtete ewiger Schnee. Der Hund war dem Herrn nachgeschlichen, richtete sich empor und legte die schweren Vorderpfoten auf das Fensterbrett. Mit einem Arm umschlang der Priester den Hals des mächtigen Tieres, drückte den zottigen Kopf an die Brust, und Herr und Hund schauten in die Nacht hinaus.

»Cäsar!« sagte der Geistliche endlich und noch einmal leise und bewegt: »Cäsar!« und verbarg das Gesicht in dem weichen Halsfell des Tieres. »Ich habe jetzt niemanden als Dich, und Du hast niemanden als mich ... Wir wollen treu zueinander halten, gelt, alter Kerl?«

Der Hund wedelte, drehte den Kopf zur Seite und leckte seinem Herrn die Hand. »Verstehe schon!« schienen seine treuherzigen Tieraugen zu sagen.

»Und wenn Dein Herr in Träumereien versinkt,« sprach der Priester weiter, »dann zupfe ihn am Rock oder belle oder treibe sonst irgendeinen Unsinn. Du weißt, daß Dein Herr nicht träumen soll. Hast Du mich verstanden?«

Schwerlich. Aber er gab sich den Anschein danach, schaute seinen Herrn mit kluger Miene an, glitt vom Fenster herab und stand, mit den Hinterpfoten am Boden scharrend, erwartungsvoll da. Dann spitzte er die Ohren und lief zur Tür hin. Die Magd war mit Speise und Trank eingetroffen und deckte den Tisch. In der Tür lehnend, sah der Geistliche ihrem Treiben zu und fragte nach einer Weile: »Kann ich dem Herrn Dekan heute noch meine Aufwartung machen?«

»Heut' wird's wohl nimmer recht angehen ... Der gnädige Herr sein schon im Schlafzimmer.«

»Wann und wo wird gefrühstückt?«

»Um halb acht, ... wann halt die Messen g'lesen sein. Das Speiszimmer ist drunten im ersten Stock. Da werd'ns a junge G'sellschaft finden: die gnädige Fräul'n und den Herrn Pater.«

»Wer sind diese?«

»Die Fräul'n ist eine Nichte vom gnädigen Herrn, ... sie ist aus Wien und bleibt übern Sommer hier, ... wegen der Luft, hab' i g'hört, ... und der Herr Pater ist ein Herr Franziskaner, der zur Aushilf' kommen is ... Es gibt halt so grausam viel zu tun in der Kirchen und da haben's die geistlichen Herren halt nimmer richten können, und deswegen ist der Pater hier.«

»Ein noch junger Mann?«

»O blutjung! Und so schüchtern! In einem fort wird er rot, und völlig net anz'schauen traut er sich die Weibsleut' ...« Sie lachte in sich hinein. »Aber a guader[1] Mensch is er, oa herzensguader ... Ich mag ihn schon leiden. Brauchen Hochwürden noch was oder kann ich gehen?« fragte sie abbrechend.

Nur noch eine Schüssel für den Hund, damit er ihn trinken lassen könne. Sie brachte auch die Schüssel.

»Wann's 'gessen haben, gangen's[2] nur ruhig schlafen,« sagte sie. »Ich werd' schon nachher kimma und die Sachen da hinaustragen. Jetzt wünsch' ich guaden Appetit und oa guade Nacht.«

»Noch einen Augenblick, mein Kind,« sagte der Priester, sie zurückhaltend. »Wie heißen Sie denn?«

»Uschei[3], Hochwürden,« antwortete sie mit einem Knicks.

»Also, Uschei,« sprach er weiter, »hören Sie mich. Morgen mit dem Frühzug wird mein Gepäck ankommen. Tragen Sie Sorge dafür, daß es mir sogleich ins Haus geschafft werde, denn ich möchte mich sobald wie möglich heimisch hier fühlen, und ohne meine Bücher und mein Klavier geht es nicht.«

»Ja, ich werd's den Knechten sagen. Gnade Ruh', Hochwürden.«

»Noa! unser neuer Herr Kop'ratter is oa liaber Mensch!« sagte sie unten in der Gesindestube. »So freundlich und fein, und Klavierspiel'n tuat er a ... Da wird's dächt'[4] a bissel lustiger bei ins[5] werden.«


Während diese kleine Szene im zweiten Stockwerk des Pfarrhofes sich abspielte, saß der Dekan von St. Jakob im Arbeitszimmer vor dem großen Pulte und beschäftigte sich mit dem Lesen von Briefen. Drei Briefe waren es, die er langsam nacheinander entfaltete, aufmerksam studierte und dann wieder zusammenlegte. Er hatte die Briefe erst kürzlich erhalten und ihr Inhalt mußte für ihn von hohem Interesse sein: denn kaum daß er sie zu Ende gelesen hatte, nahm er abermals den ersten zur Hand und begann ihn neuerdings zu lesen. Er war von einer zitternden Greisenhand geschrieben und enthielt Folgendes:

»In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben vom 15. Juni 18—, hochverehrter, hochwürdiger Herr Dekan, erlaube ich mir, Ihnen nachstehende Mitteilungen zu machen. Der junge Mann, über den Sie sich bei mir zu erkundigen beliebten, wurde meiner Pfarre vor sechs Jahren zugeteilt und brachte beinahe zwei Jahre in meinem Hause zu. Er hatte damals erst vor wenigen Tagen die Weihen empfangen und war in der praktischen Seelsorge noch gänzlich unbewandert; ich bin mir bewußt, ihm freundlich entgegengekommen zu sein und mir alle Mühe gegeben zu haben, ihm, wo und wie immer ich nur konnte, hilfreich an die Hand zu gehen. Der junge Koadjutor blieb mir jedoch, obschon er äußerlich zuvorkommend und fügsam war, innerlich ein Fremder und erfüllte auch seine Berufspflichten nicht mit jenem Eifer und jener Hingebung, die von einem Priester erwartet und gefordert werden dürfen. Ebenso machte ich bald die Wahrnehmung, daß er mit allen Leuten lieber verkehrte als mit mir und in Gesellschaft von Bauern sehr aufgeräumt sein konnte, während er im Pfarrhof stets schweigsam und verschlossen war. Indessen will ich dem jungen Manne nicht schaden, und es sollte mich freuen, wenn nichts anderes als das noch Ungewohnte seines Berufes und der große Unterschied der Jahre, der zwischen ihm und mir bestand, es gewesen wären, die ein vertrauliches Zusammenleben und Wirken nicht recht aufkommen ließen. Seinen Sitten kann ich nichts Ungünstiges nachsagen und ebenso muß ich mich gegen die Vermutung, daß ich es gewesen wäre, der auf seine Versetzung von meinem Pfarrhof in einen anderen gedrungen hätte, entschieden verwahren. Ich bin mit dem jungen Manne stets leidlich gut ausgekommen und sah ihn sogar ziemlich ungern scheiden, weil ich mich an ihn gewöhnt hatte. Die Ursache seiner Versetzung war keine andere, als daß ein Kooperator plötzlich starb, dessen Stelle sofort besetzt werden mußte. Zum Lobe meines ehemaligen Koadjutors will ich noch hinzufügen, daß er sich am Orte großer Beliebtheit erfreute und sein Scheiden allgemeines Bedauern hervorrief. Indem ich Sie bitte, hochverehrter und hochwürdiger Herr Dekan, von dieser vertraulichen Mitteilung keinerlei Gebrauch zu machen und Ihrem neuen Mitarbeiter mit unbefangenem Wohlwollen entgegenzukommen, zeichne ich« usw.

Der Dekan legte den Brief auf das Pult und griff nach dem zweiten Schreiben.

»Hochgeehrter Herr Dekan!« hieß es darin. »Zu meinem Bedauern sehe ich mich gezwungen, Ihnen auf die von mir verlangte Auskunft über die Konduite des Herrn Kooperators H— eine ungünstige Antwort zu geben. Drei Jahre lang habe ich mich mit diesem Herrn geplagt und geärgert, und ich danke heute unserem Herrgott, daß es meinen wiederholten Bitten um seine Versetzung endlich gelungen ist, ihn mir vom Halse zu schaffen. Er mißfiel mir vom ersten Augenblick an, obwohl er im Anfang sich alle Mühe gab, mich über seinen wahren Charakter zu täuschen; ich aber durchschaute ihn sofort und wußte, mit welcher Art von Menschen ich zu tun hätte. Meiner Ansicht nach hätte dieser Herr niemals Priester werden sollen. Junge Geistliche, die das Haar lang und lockig tragen und sich bemühen, die Tonsur zu verbergen, sich zierlich kleiden und ohne den Spiegel nicht existieren könnten, sind mir von jeher antipathisch gewesen. Jener junge Herr war nicht nur eitel auf seine äußere Erscheinung, sondern auch über alle Maßen weltlich gesinnt, vergnügungssüchtig und eigensinnig; Kirche und Pfarrhof waren die Orte, wo er sich am unliebsten aufhielt, – aber mit Bauern und Städtern unnützes Zeug schwatzen, in alle Häuser, wo junge Frauenzimmer wohnten, laufen, musizieren, lesen, spazierengehen, – ja, das behagte seinem hoffärtigen Sinne. Sie können sich nach dem eben Gehörten wohl ohne Mühe vorstellen, daß ich den jungen Mann nicht allzu sanft behandelte; ich wollte ihn bessern, – aber da kam ich schön an! Er widersetzte sich allem, was ich ihm zu tun befahl oder zu unterlassen gebot, konspirierte mit den Aufgeklärten (sic!) im Orte gegen mich und ging mir wie einem Pestkranken aus dem Wege. Im letzten Jahre setzte er seinem Benehmen die Krone auf, indem er mit einer Dirne, die meine Wirtschafterin (eine sehr achtbare Person) ins Haus genommen hatte, ein intimes Liebesverhältnis einging. Glücklicherweise bekam meine Wirtschafterin bald Wind davon und drang darauf, daß die Dirne das Haus verlasse. Ich war damit natürlich einverstanden und schickte das Mädchen, das nicht aus unserem Dorfe war, in ihren Heimatsort zurück. Würden Sie an meiner Stelle anders gehandelt haben? Es ist wahr, und ich rühme mich dessen: ich habe der Dirne tüchtig den Kopf gewaschen und ihr meine Meinung gesagt. An ihrem Heulen war mir wenig gelegen. Aber daß mich mein Herr Untergebener darüber förmlich zur Rede stellte und mir mit einer mir völlig fremden Leidenschaftlichkeit meine »Roheiten« gegen ein unglückliches, wehrloses Mädchen (sic!) vorwarf, – das war doch eine unerhörte Frechheit! Ich habe sie ihn auch entgelten lassen und ihn von dieser Stunde an mit rücksichtsloser Härte behandelt. Wenn er Reue gezeigt hätte, würde ich ihm vielleicht verziehen haben. Aber (bloß um mich zu ärgern!) gab er sich den Anschein, als ob er die Dirne nicht vergessen könnte, stand in Briefwechsel mit ihr, aß fast nichts, rannte in der Nacht in den Straßen herum anstatt zu schlafen, – kurzum, gebärdete sich wie ein Narr. Ein halbes Jahr später kam die Nachricht, daß sein Mädchen sich verlobt hätte und darauf wurde er – äußerlich wenigstens – ruhiger. Dessenungeachtet ließ ich alle Minen springen, um ihn los zu werden, und als ich meinen Zweck endlich erreicht hatte, schied er, – natürlich ohne mich um Verzeihung gebeten zu haben, und verbarg ebensowenig, wie lieb es ihm wäre, von hier fortzukommen.

Ich wünsche von Herzen, hochwürdiger Herr Dekan, daß der verunglückte Mensch sich gebessert haben oder daß es Ihrem Einflusse gelingen möge, ihn zu bessern, und verbleibe« usw.

»Das klingt schon anders als das erste Zeugnis,« murmelte der Dekan. »Der junge Mann hat Fortschritte gemacht.«

Er schlug das dritte Schreiben auseinander. Dieses war sehr kurz und lautete wie folgt:

»Hochwürdiger, hochgeehrter Herr Dekan! Ich bedaure lebhaft, Ihre Nachfrage hinsichtlich des Herrn Kooperators H. nur ungenügend beantworten zu können. Stets von Geschäften überbürdet, ist es mir nicht möglich, mich eingehend mit den Charakteren der vier mir unterstehenden Kooperatoren und Koadjutoren zu beschäftigen. Herr H. lebte kaum ein Jahr bei mir und blieb mir beinahe völlig fremd. Im Anfang seines Hierseins war er immer leidend und wahrscheinlich auch infolgedessen still und traurig. Später erholte er sich und kam seinen Berufspflichten stets pünktlich nach. Im großen und ganzen kann ich ihn weder loben noch tadeln. Er ist, wie ich glaube, ein indifferenter Mensch. Umgang pflog er mit wenig Leuten; meinen Geistlichen gegenüber verhielt er sich zurückhaltend; nur als mein jüngster Koadjutor am Typhus erkrankte, pflegte ihn Herr H., wie ich gehört habe, mit aufopferungsvoller Fürsorge und schloß sich dem jungen Manne, als dieser genesen war, auch näher an. Dieser selbe Herr Koadjutor hat sein Scheiden schmerzlich empfunden. Was die Sitten Herrn H.s anbelangt, so enthalte ich mich darüber jedes Urteiles, indem ich mich um das, was meine Herren außerhalb des Pfarrhofes treiben, grundsätzlich nicht bekümmere. Übrigens ist mir nichts Nachteiliges zu Ohren gekommen. Genehmigen Sie« usw.

Der Dekan verschloß die Briefe im Pulte und blieb in nachdenklicher Stellung sitzen. Er wußte nun, wie sein neuer Kooperator beschaffen war; er hatte drei kompetente Urteile über den jungen Mann gehört, ... denn kompetent waren diese Stimmen, wenigstens nach seiner Meinung, und nun kannte er ihn, glaubte ihn zu kennen. »Mit dem werden wir schon fertig werden. Es ist gut, wenn man gleich am Anfang weiß, wie man sich einem Menschen gegenüber zu verhalten hat.«

Die Frage, ob der Verkehr nicht weit unbefangener und ungezwungener gewesen wäre, wenn er diese Spionage unterlassen und den jungen Mann selbst geprüft und kennen zu lernen versucht hätte, ohne sich im voraus ein auf fremde Aussprüche gestütztes Urteil über ihn zu bilden, diese Frage kam dem Dekan nicht einmal in den Sinn. Ebensowenig war er geneigt, aus den Briefen anderes herauszulesen, als daß Georg Harteck ein pflichtvergessener Priester war und einen störrigen, ziemlich sittenlosen Charakter besaß. Er streichelte mit der Hand sein spitzes Kinn, nickte wie einer, der weiß, was er zu tun hat, stand auf und verfügte sich in sein Schlafzimmer.

Zweites Kapitel

Der neu angekommene Priester war am nächsten Morgen schon frühzeitig außer Bett. Von seinem Hunde begleitet, begab er sich in den Garten und besichtigte diesen. Der Garten war ziemlich groß, hatte alte, laubreiche Bäume und gut gehaltene Blumenbeete. Hinter den Bergen, die, eine grandiose Kette, empor zum Himmel strebten, ging eben leuchtend die Sonne auf. In den Blumenkelchen und auf den Halmen glitzerten Tautropfen; die Luft war klar und scharf, – eine echte Gebirgsluft. Der junge Priester entblößte das Haupt und ließ die würzige Luft mit seinen Haaren spielen. Langsam, mit gesenktem Kopfe, wandelte er die Kieswege auf und ab und dachte an allerhand: was der Tag bringen, wie sein neues Leben sich gestalten würde? Da hörte er Schritte hinter sich; er stand still, wendete sich um und sah einen jungen Mann in brauner Kutte auf sich zuschreiten.

»Guten Morgen!« rief dieser ihm entgegen und nahm sein Käppchen ab, so daß sein kurz geschorenes Haar sichtbar wurde. »Schon so früh auf? Sie sind kein Langschläfer.«

Der junge Mönch hatte ein rundes, beinahe kindliches, gut gefärbtes Gesicht, aus dem zwei unschuldige braune Augen ernst und harmlos in die Welt schauten. Um die Lenden trug er einen Strick, an dem ein Rosenkranz hing, und seine Füße staken in Sandalen.

Der Priester erwiderte seinen Gruß und stellte sich ihm vor: »Mein Name ist Harteck. Ich freue mich herzlich, Sie kennen zu lernen.«

»Mich heißt man den Pater Benediktus. Seien Sie mir viele Male willkommen, Herr Kooperator.«

Sie schüttelten einander die Hände.

»Ich würde gestern gern auf Ihr Zimmer gekommen sein, um Sie zu begrüßen,« sprach Benediktus weiter. »Aber, als Sie eintrafen, hatte ich gerade im Spital zu tun und später fürchtete ich, Sie zu stören.«

»Sie würden mich keineswegs gestört haben, – im Gegenteil!«

Eine kurze Pause trat ein. Der Pater sah ein Blumenbeet an und Harteck betrachtete den Mönch.

»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Geistliche sodann. Der Pater war damit einverstanden.

»Wie lange sind Sie schon hier?« lautete die nächste Frage des Priesters.

»Seit einem Jahre.«

»Es gibt hier viel zu tun, wie ich gehört habe?«

»Sehr viel. Das Dorf ist groß und alle umliegenden Ortschaften, ja sogar das Nachbarstädtchen zählen zu unserem Sprengel. Der Herr Dekan bekommt in einem fort Besuche, Gesuche und Briefe und hat zur Seelsorge wenig Zeit.«

»Was für ein Mensch ist der Dekan?«

»Hm, ... er ist ein sehr eifriger und tätiger Mann. Nur beschäftigt er sich zu viel mit Politik. Er hat vor kurzem für den Landtag kandidiert und ist unbegreiflicherweise nicht gewählt worden. Seitdem ist er stets leidlich verstimmt.«

»Ich habe von seiner Niederlage gehört und mich darüber gewundert. Ist man denn hier im Ort und in der Umgebung so liberal gesinnt?«

»Es scheint so. Die Herren in der Nachbarstadt haben den Ausschlag gegeben; die wollten durchaus einen Advokaten durchbringen und haben es auch durchgesetzt. Unsere Bauern sind ebenfalls aufgehetzt worden.«

»Von wem?«

»Nun, von den Liberalen im Orte, ... dem Schullehrer, dem Arzte, den drei Herren von der Eisenbahn und den paar Krämern, die sich der Himmel weiß wie weise dünken, wenn sie einem geistlichen Herrn Opposition machen. Viele bleiben auch jetzt der Kirche fern, wenn der Herr Dekan predigt; daß er nicht immer zum Sanftesten spricht, ist ihm wohl nicht zu verübeln.«

Darauf sagte der Priester nichts.

»Wie steht es mit der Schule?« fragte er sodann.

»Hm, ... könnte besser sein. Es gibt eben fortwährend Reibereien. Der Schullehrer ist ein Liberaler und möchte am liebsten, daß die Kinder gar keinen Religionsunterricht genössen, und die Glaubenslehre soll und muß doch der Hauptgegenstand sein. Der Herr Dekan, seinerseits, ist wieder mit der Unterrichtsmethode des Lehrers nicht zufrieden ... Er überbürde die Kinder, meint er, und mache es den älteren Knaben und Mädchen vor lauter Lernen unmöglich, ihren Eltern bei den Haus- und Feldarbeiten zu helfen. Wir brauchen, meint der Herr Dekan, tüchtige Bauern und Bäuerinnen, aber keine Gelehrten.«

Auch dieser Rede stimmte Harteck weder bei, noch widersprach er ihr.

»Sind die Leute fromm?« fragte er.

»Wie man es nimmt. Die Weiber gehen noch an, ... die Männer jedoch, besonders die Burschen, sitzen lieber im Wirtshaus als in der Kirche. Das macht das böse Beispiel. Seit jener verunglückten Kandidatur herrscht zwischen dem gnädigen Herrn und den Bauern eine gewisse Spannung. Der Herr Dekan zeigt ihnen unverhohlen, daß er unzufrieden mit ihnen ist, und sie gehen ihm, so viel sie können, aus dem Wege. Hoffentlich wird es mit der Zeit anders werden.«

»Auf welche Weise bringt man hier die freien Stunden zu? Mit wem kann man verkehren?«

»Sie meinen, mit wem wir verkehren können? Jetzt mit niemandem. Der Herr Dekan hat jeden Umgang abgebrochen. Manchmal jedoch kommen geistliche Herren aus den Nachbardörfern zum Besuche, ... die kegeln oder spielen Tarock mit dem gnädigen Herrn, und daran können auch Sie sich beteiligen, wenn Sie Lust dazu haben.«

»Mit den Bauern kann man jetzt ebenfalls nicht verkehren? Ich möchte die Leute doch kennen lernen.«

»Sie können das halten, wie Sie wollen. Ob der Herr Dekan es gern sehen würde, kann ich freilich nicht sagen.«

Eine Zeitlang wandelten sie schweigend nebeneinander her. Der Priester schien in Nachdenken versunken.

»Wird hier Musik getrieben?« fragte er dann plötzlich.

»Musik? Ach freilich! Der Schullehrer hat so eine Art von Musikverein ins Leben gerufen, und der spielt an jedem Sonn- und Feiertag im Gasthausgarten vom Bärenwirt. Die Leute sollen recht gut spielen. Ich, für meine Person, habe mit derlei Dingen nichts zu schaffen.«

»Wer singt denn auf dem Chor?«

»Die Töchter vom Bärenwirt, vom Kaufmann und vom Arzte. Die Tochter des Arztes hat eine schöne Altstimme.«

»Wer spielt die Orgel?«

»Der Schullehrer. Dem Herrn Dekan ist das zwar nicht ganz recht, aber außer dem Schullehrer versteht niemand im Orte die Orgel zu spielen. Und dem Mann trägt es Geld ein, und außerdem macht es ihm in doppelter Weise Vergnügen ... Dazu ist die Kirche, die er sonst nie besucht, doch gut.«

»Wieso macht ihm das Spiel in doppelter Weise Vergnügen? Wie meinen Sie das?«

»Nun, ich habe gehört, daß er sich um die Hand der Tochter des Arztes bewerbe, und da das Fräulein auf dem Chor singt, ist es ihm natürlich angenehm, sie begleiten zu dürfen.«

»Ach so!«

Abermals trat eine Pause ein.

»Wo liegt das Spital?« fragte der Priester nach einer Weile.

»Sie können es vom Garten aus sehen.« Er wies mit der Hand über die Gartenmauer nach einem freistehenden dreistockhohen Hause. »Es ist gut gehalten und wird vortrefflich geleitet. Vier Schwestern wohnen dort und pflegen die Kranken. Auch alte, arme, arbeitsunfähige Leute nimmt das Spital auf und versorgt sie. Es ist vorzugsweise meine Aufgabe, zu den Kranken zu gehen und ihnen die heiligen Sakramente zu spenden. Beinahe jede Nacht werde ich geweckt, weil einer der Kranken nach mir verlangt hat.«

»Das ist eine mühevolle Aufgabe für einen einzelnen. Künftighin werde ich sie mit Ihnen teilen.«

»Das ist nicht nötig. Mir sind meine Berufspflichten niemals noch zu schwer oder zu viel gewesen. Sie werden mit der Seelsorge und dem Unterricht genug zu tun haben. Lassen Sie mir meine Kranken!«

Der junge Kooperator nickte und streichelte den Kopf seines Hundes, der sich dicht an ihn drängte und augenscheinlich beachtet werden wollte.

»Jetzt haben Sie mich nach allem gefragt, nur nach der Kirche nicht,« bemerkte der Mönch nach einer Stille. »Ohne Zweifel haben Sie dieselbe schon besichtigt?«

Eine flüchtige Röte trat auf die Wangen des Priesters.

»Noch nicht,« antwortete er. »Ich werde sie ja sehen, wenn ich die Messe lese,« fügte er rasch hinzu.

Der junge Mönch sah ihn bloß an und erwiderte keine Silbe.

»Um wieviel Uhr wird die erste Messe gelesen?« fragte Harteck, dem dieses Schweigen, in dem ein verhaltener Tadel zu liegen schien, unbehaglich war.

»Um halb sieben Uhr; um sieben Uhr kommt die Reihe an Sie. Die erste Messe liest immer der Herr Dekan. Jetzt aber muß ich Sie verlassen. Es ist Zeit, unsere Gebete vorzunehmen. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!« sprach Harteck nach, und der Mönch entfernte sich. Harteck setzte sich auf eine Bank, die unter einem breitästigen Kastanienbaum stand, und zog sein Brevier aus der Tasche. Zerstreut wendete er die Blätter um.

Ein abgeschlossener, ruhiger, mit sich selbst einiger Mensch, dieser junge Mönch. Er fragt nicht, er ist nicht neugierig, er antwortet bloß; alles, was außerhalb seines Berufes liegt, scheint ihm gleichgültig zu sein; aber alles, was zu seinem Berufe gehört, ist ihm heilig.

»Hätte ich doch nach der Kirche gefragt!« dachte Harteck. »Es lag so nahe, ... aber weiß der Himmel, wie es kam, ... ich vergaß sie ganz und gar.«

Mittlerweile war es sechs Uhr geworden; die Stunde des Gebetes. Um die Unterlassungssünde halbwegs gut zu machen, beschloß Harteck, jetzt, bevor die Messe begann, in die Kirche zu gehen und schlug mit seinem Hunde den Weg nach dem Gotteshause ein. Er hieß Cäsar draußen warten und trat, das geöffnete Brevier in den Händen, in die Kirche.

Das Innere derselben war, wie es bei vielen Dorfkirchen der Fall ist, überreich an Vergoldungen, kleinen Engeln und Heiligenbildern. Über dem Altar, mittels eines Drahtes an der Decke befestigt, schwebte eine große, weiße, aus Holz geschnitzte Taube, den heiligen Geist vorstellend. Neben dem Altar stand ein vergoldeter Armstuhl, auf dem eine blaugekleidete hölzerne Figur saß, die ein Kind in den Armen hielt. Mutter und Kind, die Jungfrau mit dem Jesuknaben, trugen goldene Krönlein auf den Häuptern. An den Wänden hingen die in allen katholischen Kirchen üblichen vierzehn Leidensstationen Jesu Christi. Das Altarblatt stellte die heiligste Dreifaltigkeit dar, und über den Seitenaltären rechts und links waren Bilder eines Christus am Kreuze und einer schmerzhaften Maria angebracht. Die Landesheilige, die fromme Notburg, war ebenfalls vertreten, und der Maler hatte sie in dem Augenblicke festgehalten, wo sie die Sichel in die Luft geworfen hat und diese in der Luft hängen bleibt, zum Zeichen, daß Gott Vater es vorziehe, wenn Menschen am Feierabend beten, anstatt zu arbeiten, was die heilige Notburg, der Überlieferung gemäß, auch getan hat.

Der junge Priester machte einen Rundgang durch die Kirche, betrachtete alles mit gleichgültigem Blick und ging dann wieder ins Freie. Bemerkenswertes bot die Kirche nicht; er hatte schon viele gesehen, die dieser auf ein Haar glichen.

Aber er stellte sich in der Nähe des Kirchleins auf, denn er sah von allen Seiten Leute nahen, die der Glocke Geläut zur Frühmesse rief, und er wollte diese Menschen, zu deren Seelenheil er bestellt war, von Angesicht kennen lernen. Zuerst kamen die Klosterfrauen aus dem Spital, gefolgt von alten Pfründnern beiderlei Geschlechtes und den weiblichen Schulkindern. Der Geistliche zog vor den Schwestern den Hut ab, und sie dankten seinem Gruß, indem sie demütig das Haupt neigten, und die Kinder, die Greise und Greisinnen grüßten ihn und alle schauten ihn neugierig an. Dann kamen auch die Schulknaben, hübsche, fröhliche Jungen mit hellen Augen, und Bäuerinnen in der Landestracht, darunter manche bildhübsche Dirne, und er mußte jedem einzelnen danken, denn alle riefen oder nickten ihm einen Gruß zu, und wenn sie an ihm vorbei waren, steckten sie die Köpfe zusammen und flüsterten sich ein paar Worte ins Ohr. Endlich wurde es still, niemand mehr kam, die Glocke schwieg; die Messe hatte begonnen. Langsamen Schrittes schlenderte der Geistliche die Kirche entlang und trat durch ein Hinterpförtchen in die Sakristei, um sich für die Messe anzukleiden. Der Meßner, ein etwas schiefgewachsener, grauköpfiger Mensch, bewillkommnete ihn mit einem tiefen Bückling und zeigte ihm nicht ohne Stolz die geistlichen Ornate, die in den Schränken aufbewahrt lagen. Dann half er ihm beim Ankleiden und stellte ihm einen kleinen Buben, der sich einstweilen eingefunden hatte und dem Priester die Hand küßte, als seinen Ministranten vor. Harteck richtete an den Jungen einige Fragen; da jedoch aus diesem nichts anderes als Ja oder Nein herauszubringen war, verstummte das Gespräch sehr bald. Übrigens war dazu auch keine Zeit mehr. Die Tür, die nach der Kirche führte, wurde aufgestoßen und herein trat ein anderer Ministrant, gefolgt vom Herrn Dekan. So also sah sein neuer Gebieter aus! Der junge Priester erhob sich rasch und machte eine tiefe Verbeugung. Ohne ihm die Hand zu reichen und ohne zu lächeln, schaute der Dekan ihn an, nickte mit dem Kopfe und ließ sich von dem Meßner das Meßgewand vom Leibe ziehen.

»Zum Begrüßen ist jetzt keine Zeit,« sagte er. »He! Kleiner! Gib das Glockenzeichen zur zweiten Messe.«

Hartecks Ministrant zog an einer Glocke, die neben der Tür hing, der junge Geistliche ergriff die Meßgerätschaften und trat, ihm voran der Ministrant, in die Kirche. Während er die Messe zelebrierte, beschäftigte sein Geist sich mit dem Dekan, der – das konnte er sich nicht verhehlen – einen ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Die große, beleibte, muskulöse Gestalt, das fast dreieckige Gesicht mit den hängenden Lippen und Wangen, die von zahllosen Fältchen umgebenen kleinen, hartblickenden Augen, die starke Nase und spitzige Stirn, in die ein Büschel der noch dunklen und spröden Haare hing, was dem Gesichte einen eigentümlich finsteren und trotzigen Ausdruck verlieh, ... nichts war an der Erscheinung des Dekans, das Vertrauen oder Sympathie hätte erwecken können. Und die Worte, die er gesprochen, und mehr noch der Ton, ... freundlich hatten die nicht geklungen! Indessen suchte Harteck sich darüber zu trösten. Vielleicht tat der Dekan nur in der Kirche so streng und abgemessen: manche Priester glauben, daß sie anders nicht sein dürfen. Dann aber fielen ihm wieder die Mitteilungen des jungen Mönches ein. Ein Seelsorger, der mit seiner Gemeinde in Groll und Hader lebte, ... stand von solchem Manne viel Erfreuliches zu erwarten? Hatte Harteck nicht schon erfahren, in welchen Zorn der Dekan eines fehlgeschlagenen Wunsches wegen geraten konnte? Ließ dieser Umstand allein nicht auf eine verbissene Reizbarkeit und einen schwer zu behandelnden Charakter schließen? Selten noch hatte Harteck die heilige Messe mit geringerer Aufmerksamkeit gelesen als dieses Mal. Als er am Ende den Anwesenden den Segen erteilte und alle sich so fromm und ehrfurchtsvoll erhoben und bekreuzigten, durchzuckte seine Brust ein Gefühl wehmütiger Scham.

»Was für ein Priester ich bin!« dachte er und schüttelte das Haupt über sich selbst.

Er atmete gleichsam auf, als er wieder außerhalb der Kirche stand und mit seinem Cäsar, der vor der Tür auf ihn gewartet hatte, in den Pfarrhof zurückkehrte.

Drittes Kapitel

Von Uschei hörte Harteck, daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre. Hastig vertauschte er den langen Priestertalar mit einem schwarzen Rocke, bürstete sorgfältig sein unglücklicherweise natürlich gelocktes Haar und trat also gerüstet in das Speisezimmer.

Der Dekan saß am Tische und las in einer Zeitung. Den Platz ihm gegenüber nahm der junge Mönch ein und in dessen Nähe stand eine Dame, die sich gerade anschickte, den Kaffee in die Tassen zu gießen. Sie verrichtete das häusliche Geschäft mit zimperlicher Geziertheit, ihr blasses Gesicht sah ziemlich verschlafen aus und ihre Toilette verriet, daß sie erst vor kurzem aus den Federn geschlüpft war. Sie trug einen hellen Schlafrock und ihr ungekämmtes Haar war nachlässig aufgesteckt.

Die drei Personen blickten nach der Tür, als Harteck eintrat, und erwiderten seine Verbeugung auf verschiedene Art. Der Dekan nickte bloß mit dem Kopfe und vertiefte sich allsogleich wieder in seine Zeitung. Der Mönch erhob sich halb von seinem Sitze und verneigte sich, die Dame ließ einen durchdringenden Blick über den Ankömmling gleiten, verwirrte sich, wurde rot und goß eine der Tassen mit so großer Eile voll, daß sie überfloß.

»Ach! Wie ungeschickt ich bin!« rief das Fräulein kichernd.

»Was ist denn geschehen?« fragte der Dekan, legte die Zeitung auf den Tisch und blickte das Fräulein streng an. »Gib doch acht, Aurelie! Du wirst wieder etwas zerbrechen. – Und Sie, Herr Kooperator, nehmen gefälligst Platz; Sie sitzen neben dem Pater. Doch zuerst will ich Sie mit meiner Nichte bekannt machen. Fräulein von Gerstenbeck, Herr Kooperator Harteck.«

Der Genannte verbeugte sich abermals und setzte sich dann neben den jungen Mönch. Die Dame im Schlafrock, die Harteck mit einem lautlosen Gegengruß und einem schmachtenden Blick beglückt hatte, reichte zuerst ihm, dann dem Pater eine Tasse hin, nahm dann an der Seite ihres Onkels Platz und begann gleich den anderen ihr Frühstück zu verzehren. Nach einer Weile sagte der Dekan: »Du bist heute abermals nicht in der Messe gewesen, Aurelie.«

»Ach, Onkelchen, nicht böse sein!« antwortete sie und faltete kindlich die Hände. »Ich habe mich verschlafen. Als ich erwachte, war es bereits zu spät, zur Messe zu gehen, ... ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mich anzukleiden und mein Haar in Ordnung zu bringen, ... ich schäme mich so vor dem Herrn Kooperator,« sagte sie unter heftigem Kopfschütteln, drehte ihre Tasse hin und her und lächelte den Kaffee an. »Was soll er von mir denken!«

»Ich, gnädiges Fräulein?« fragte Harteck aufblickend. »Ich würde trostlos sein, wenn Sie sich meinetwegen irgendeinen Zwang auferlegten.«

»Sie sind zu freundlich,« sagte sie mit denselben Gesten wie vorhin. »Aber ich weiß, daß es sich nicht schickt, vor Herren ...« Sie stockte und errötete. »Wirklich, ich schäme mich zu Tode.«

»Laß jetzt diesen Gegenstand fallen und steh' in Zukunft früher auf,« sagte der Dekan.

»Wie kann ich das, Onkelchen, wenn ich so schlecht schlafe in der Nacht? Ich habe mich gestern sehr geärgert, und wenn ich mich ärgere, kann ich nicht schlafen.«

»Ich möchte doch wissen, worüber oder über wen Du Dich schon wieder geärgert hast,« versetzte der Dekan mit einem Achselzucken.

»Nun, ... über Fräulein Reinberg, Onkel.«

Der Dekan fuhr von seinem Sitze auf: »Habe ich Dir nicht schon zu wiederholten Malen untersagt, mit diesen Leuten umzugehen?«

»Verzeih' mir, Goldonkelchen!« antwortete sie und faltete neuerdings die Hände. »Ich bin nun einmal so, ... ich kann die Menschen nicht entbehren. Den ganzen Tag bin ich allein, ... alle Welt ist beschäftigt und hat keine Zeit, mit mir zu plaudern ... und das macht mich ganz krank. In meiner Verzweiflung bin ich denn gestern zu Fräulein Reinberg gegangen und habe sie zu einem gemeinsamen Spaziergang aufgefordert.«

»Nun, und sie? Sie hat doch nicht die Unverfrorenheit gehabt, Dich abzuweisen?«

»Das nicht, ... aber sie ist eine so kalte, man möchte sagen hochmütige Person. Hochmütig, Onkel, gegen mich! Ich bitte Dich! Denn ohne mir zu schmeicheln, nehme ich doch in der Welt eine ganz andere Stellung ein als Fräulein Reinberg, ihr Vater ist am Ende nur ein simpler Landarzt, und sie sollte sich, meinte man, beglückt fühlen, wenn die Tochter eines Hofrates sich herbeiläßt, mit ihr zu verkehren ...«

»Dir geschieht ganz recht. Wer Pech angreift, besudelt sich, und wer sich in den Kopf setzt, mit Leuten zu verkehren, die nicht zu ihm passen, wird immer unangenehme Erfahrungen machen.«

»Du hast ja so recht, Onkelchen. Nicht wahr, ich bereite Dir viel Verdruß? Ich wette, ich wette,« sagte Fräulein Aurelie und drohte schelmisch mit dem Finger, »daß Du im Grunde Deines Herzens manchmal denkst: Wenn doch meine querköpfige, närrische kleine Nichte wieder fort wäre! Ist es nicht so?«

»Du bist vom Gegenteil so gut überzeugt wie ich,« versetzte der Dekan und stand auf. »Herr Kooperator,« wendete er sich an diesen, der sich gleichzeitig mit dem Dekan erhoben hatte und dem Gespräche ohne eine Miene zu verziehen gefolgt war, »Sie bitte ich, sich nach Ablauf einer halben Stunde in meinem Arbeitszimmer einzufinden. Ich habe wegen der Kirchenordnung, der Geschäftseinteilung, des Unterrichts und so weiter mit Ihnen zu sprechen.«

Harteck verneigte sich, der Dekan grüßte und ging aus dem Zimmer. Die beiden anderen Herren wollten sich ebenfalls entfernen.

»Sie haben einen schönen Hund, Herr Kooperator,« sagte da Fräulein Aurelie und zwang ihn dadurch zu bleiben, während der junge Mönch, dessen stummer Gruß von der Dame nicht erwidert wurde, schleunig seiner Wege ging.

»Es freut mich, wenn er Ihnen gefällt,« sagte Harteck mit einem Lächeln.

»Ja, er gefällt mir. Wie heißt er?«

»Cäsar.«

»Besitzen Sie ihn schon lange?«

»Seit zwei Jahren. Als ich ihn bekam, war er erst sechs Wochen alt und nicht größer als ein Schoßhündchen.«

»Ach, wie lieb muß er damals gewesen sein!« sagte Fräulein Aurelie mit mehr Rührung in der Miene, als die Situation erheischte. »Ist er brav und folgsam?«

»Er hat alle guten Eigenschaften, die man von einem Hunde fordern darf.«

»Wenn er sich nur an mich gewöhnte! Dann könnte er mich manchmal auf meinen einsamen Spaziergängen begleiten. Es ist so traurig, ja, man möchte sagen, ängstlich für eine junge Dame, allein spazieren zu gehen.«

Harteck blickte sie an. Sollte das eine Aufforderung sein? Erwartete das Fräulein, daß er sich zu ihrem Begleiter auf ihren »einsamen Spaziergängen« anbieten würde?

»Hier in Tirol können Sie sich wohl vollkommen sicher fühlen,« sagte er. »In Wien und dessen Umgebungen mag es wohl vorkommen, daß Damen Belästigungen aller Art ausgesetzt sind, ... aber bei uns ist das nicht der Fall. Doch wenn Sie meinem Hunde die Ehre erweisen wollen, sich mit ihm abzugeben, steht er natürlich jederzeit zu Ihrer Verfügung.«

Sie schien von dieser Antwort nicht befriedigt, denn sie schwieg und ihr Gesicht nahm einen geschraubten Ausdruck an; der junge Priester benützte die Pause, um sich zurückzuziehen und ging nach einem im höflichsten Tone gesprochenen: »Auf baldiges Wiedersehen, gnädiges Fräulein!« aus dem Zimmer.

Aurelie setzte sich mit verdrießlicher und enttäuschter Miene an den Speisetisch. Sie gefiel jenem Herrn nicht und er – hatte ihr gefallen. (Jetzt war das natürlich vorbei.) Es war doch recht langweilig in diesem Neste! Nichts als Bauern und – Geistliche, ... denn mit den übrigen Honoratioren des Ortes durfte sie nicht verkehren. Sie langweilte sich bereits und war doch erst seit drei Wochen hier und sollte den ganzen Sommer und Herbst über hier bleiben ... Eine verlockende Aussicht. Daheim war es freilich auch just nicht zum Besten bestellt. Der Herr Hofrat nahm zwar eine geachtete Stellung in der Gesellschaft ein, aber der Herr Hofrat hatte kein Vermögen und eine zahlreiche Familie. Wenn ihre Mama, die Schwester des Dekans, am Leben geblieben wäre, würde sie, Aurelie von Gerstenbeck, anders dastehen. Aber die Mama war seit fünfzehn Jahren tot, der Herr Hofrat hatte sich zum zweiten Male verheiratet und seine Frau Gemahlin hatte ihn – Gott sei es geklagt! – mit fünf Kindern beschert. Ach, die Rangen! was für einen Lärm die machten und wieviel Geld sie kosteten! Alles ging für die Kinder auf, zu Mittag gab es immer nur Suppe, gesottenes Fleisch und Gemüse, ... kein Wunder, daß Aurelie stets so mager blieb! Auf das Land zu ziehen im Sommer, daran konnte ebenfalls nicht gedacht werden: man mußte sparen für die Kinder ... Papa war nicht mehr jung. Die Luft in Wien ist zur Sommerzeit sehr ungesund, und um ihrem schädlichen Einflusse zu entgehen, war Aurelie der Einladung des hochwürdigen Onkels gefolgt und hierher gekommen. Es gefiel ihr nicht übel im Dorfe, sie hatte sich auch schon zusehends erholt und sah viel besser aus, als bei ihrer Ankunft; kein Mensch würde glauben, daß sie bereits – dreißig Jahre zählte; höchstens fünfundzwanzig würde man ihr geben, ... mehr gewiß nicht. Und dieser neue Kooperator! Sie hatte sich auf sein Kommen gefreut, ... ein neuer Mensch ist immer eine Abwechslung. Seine Erscheinung hatte sie im ersten Momente beinahe aus der Fassung gebracht, ... so elegant und gentlemanlike hatte sie sich einen Dorfgeistlichen nun und nimmer vorgestellt. Sie fand nichts Strafwürdiges darin, wenn ein Priester sich sorgfältig kleidete und sich das lockige Haar nicht verschnitt, ... aber sie verlangte für diese Nachsicht auch, daß derjenige, dem sie zu teil wurde, sie gebührend zu schätzen wisse. Harteck jedoch hatte sie, Aurelie von Gerstenbeck, kaum angesehen, nicht einmal das Wort an sie gerichtet und es sehr eilig gehabt, fortzukommen, ... und sie hatte doch sehr freundlich mit ihm gesprochen, aus purer Höflichkeit von seinem Hunde geredet, wo sie in Wirklichkeit die Hunde nicht ausstehen konnte; wie ihresgleichen hatte sie den jungen Mann behandelt, sie, eine Hofratstochter, eine Wienerin, und obendrein die Nichte seines Vorgesetzten! »Es ist mir unbegreiflich!« dachte Aurelie, legte den Zeigefinger an den Mund und sog daran. »Ich sehe doch so interessant aus!«

Interessant? Das war Ansichtssache; hübsch einmal gewiß nicht. Fräulein Aurelie machte einen farblosen Eindruck; alles an ihr war so verblaßt, wie ein ausgewaschener Kleiderstoff. Die graubraunen glanzlosen Haare, die lichten Augen, das fahle spitze Gesichtchen, ... nichts stach ab, nichts hatte eine kräftige Farbe. Dazu kam noch die kleine magere Gestalt, die in dem dünnen Schlafrock schlotterte, die hastigen, nervösen Bewegungen, des Mädchens geziertes Wesen und eine eigentümliche gesuchte Unbeholfenheit in allem, was sie sagte oder tat ... Interessant? Armes Geschöpf! Sie wußte nicht, daß des Dekans Gesinde heimlich über sie lachte, wenn sie, das Gesicht mit poudre de riz überstäubt, in ihren Hakenschuhen und städtischen Kleidern, in Haus, Hof und Garten umherstolzte, die Leute bei der Arbeit störte, unnütze Fragen stellte, über Dinge urteilte, von denen sie nichts verstand, und die Mägde und Knechte glücklich zu machen glaubte, wenn sie ihnen im Vorübergehen ein paar herablassende Worte zurief, sie ihres Fleißes wegen belobte oder mit gnädigem, affektiertem Gruß auf ihren hohen Stiefelchen an ihnen vorbeitrippelte.

Viertes Kapitel

Willkommen hatte der Dekan ihn nicht geheißen und erwies sich auch in der Folge nicht als freundlich gesinnt wider ihn. Aber Georg Harteck hatte von seinen Vorgesetzten schon allerlei Übles erfahren und manches ertragen gelernt. Die Schule des Lebens hatte ihn gestählt und sein Grundsatz war, kein Bedauern mit sich selbst aufkommen zu lassen, denn er hatte das dunkle Gefühl, daß der Mensch, wenn er einmal anfängt, sich selbst zu bemitleiden, nicht wieder damit aufhören kann. Er bemühte sich denn, den Dekan, soweit es in seinen Kräften stand, zufrieden zu stellen, und wenn der Prinzipal ihn wegen irgend etwas tadelte, schwieg er, oder er versprach, die Sache in Zukunft anders zu machen. Die Dekanei war eine ergiebige Pfründe, verursachte aber auch viel Arbeit: nicht hinsichtlich der Seelsorge allein, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung; sie besaß reichliche Äcker, Wiesen und Vieh, über deren Erträgnisse genaue Rechnung geführt und die möglichst vorteilhaft verwendet werden mußten. Der Dekan hatte sich zum tüchtigen Landwirt herangebildet, wachte über alles, verstand alles und trieb allerlei Art von Handel. Er feilschte mit den Bauern um jede Kanne Milch, um jedes Kalb, um jeden Halm, wie ein echter Krämer. Dem jungen Kooperator mißfiel diese Habsucht in hohem Grade und er fing an zu begreifen, weshalb die Bauern ihren Seelenhirten nicht leiden mochten. Auch das Gesinde hatte keine guten Tage bei ihm; er forderte von den Leuten eisernen Fleiß und zahlte karge Löhnung dafür; niemals zufrieden mit dem, was die Knechte und Mägde taten, jammerte er beständig über die Trägheit, Gottlosigkeit und den Eigennutz der Menschen, und von den Bauern sprach er stets mit verbissener Unversöhnlichkeit. Seit Menschengedenken war in dem Dorfe niemand gestorben, der nicht der Kirche etwas vermacht hätte, und jeden Tag mußten sogenannte »gestiftete Seelenmessen« gelesen werden, für die ein kleines Kapital ausgesetzt worden war, von dessen Zinsen die Messe für die Seelenruhe des Verstorbenen, von dem die Stiftung ausging, bezahlt wurde. Aber auch darin erblickte der Dekan kein Zeichen von Frömmigkeit. »Ihr ganzes Leben verbringen diese Kerle in der Sünde,« sagte er, »vernachlässigen den Herrgott und seine Gebote, und auf dem Sterbebette packt sie die Furcht und sie meinen den lieben Gott dadurch zu versöhnen, wenn sie nach ihrem Tode Messen lesen lassen. Selbstsucht, Angst vor dem göttlichen Zorn ist's, ... nichts weiter.« Was aber würde der Herr Dekan erst gesagt haben, wenn ein reicher Bauer gestorben wäre, ohne der Kirche etwas zu hinterlassen? Aber das kommt in Tirol niemals oder doch sehr selten vor.

Weil der Dekan es so haben wollte, vermied Harteck einstweilen, mit den Leuten im Dorfe zu verkehren. Das kostete ihm auch kein schweres Opfer, denn er war es nachgerade müde geworden, immer wieder von vorne anzufangen. Kaum hatte er sich an einen Ort und dessen Bewohner gewöhnt, hieß es wieder wandern, alle lieb gewordenen Menschen und die vertraute Gegend verlassen und an fremdem Orte, unter fremden Menschen, ein neues Leben beginnen. Dreimal schon hatte er die Wehmut des Scheidens auskosten müssen, und er sagte sich, daß es für einen Priester vielleicht am besten wäre, sich niemandem anzuschließen, weil er niemals wissen könne, wie lange seines Bleibens an einem Orte sein würde. In seinen freien Stunden streifte er, von seinem Hunde begleitet, in Wald und Feld umher und freute sich der schönen Natur; oder er saß daheim, las, schrieb Briefe an seinen einzigen Freund, den jungen Geistlichen, dessen Krankenwärter er gewesen war und den er zärtlich liebte, oder er spielte Klavier, – oft bis spät in die Nacht hinein. Dieses Vergnügen war jedoch von keiner Dauer. Der Dekan beklagte sich eines Morgens darüber und sagte, daß ihn das Klavierspiel am Einschlafen hindere, und so mußte Harteck das Musizieren notgedrungen auf den Tag verlegen. Da war es freilich nicht so still wie in der Nacht, wo alles schlief; oft ließ der Geistliche es sein, weil im Hause gesägt, Holz gehackt und anderer Lärm verursacht wurde, was sein Spiel übertäubte.

Seine Wohnstube hatte er sich mehr nach seinem Geschmacke eingerichtet. Er hatte unnötige Schränke daraus entfernen lassen, und an deren Platz standen jetzt sein geliebtes Klavier, das Notenpult, sein Schreibtisch und Bücherschrank. Gleich Freunden schauten diese vertrauten Gegenstände ihn an; wie viele schöne, ruhige Stunden verdankte er dem Klavier und seinen Büchern! Aus seinen eigenen kargen Mitteln hatte er sich größtenteils klassische Dichterwerke angeschafft; die Bücher theologischen und religiösen Inhaltes waren Geschenke seiner Lehrer und Kollegen und seiner Mutter; von dieser stammten auch alle Gebet- und Erbauungsbücher her, die jetzt auf dem Betschemel lagen und in denen der junge Priester niemals las. Doch davon wußte die Geberin nichts und sollte auch niemals davon erfahren.

Die häßlichen Heiligenbilder hatte er ebenfalls von den Wänden genommen und sie durch andere, bessere ersetzt. Ein Christus am Kreuz von van Dyck, Delaroches Karfreitag, das auf dem Kreuze schlafende Jesukind von Reni, die sixtinische Madonna hingen, in guten Kupferstichen ausgeführt, nunmehr an den Wänden. Der Herr Dekan hatte zwar darüber gemurrt und gemeint, daß ein Heiligenbild niemals häßlich sein könne, weil die Idee, die es verkörpere, schön sei; der junge Priester aber hatte dieses Mal nicht nachgegeben und auf der Entfernung der Bilder beharrt, und weil die Kupferstiche ebenfalls nur religiöse Motive darstellten, hatte der Dekan sich beruhigt und den jungen Mann gewähren lassen. In seiner Wohnung fühlte Harteck sich wohl und er würde viel darum gegeben haben, wenn er die Mahlzeiten auch in seiner Stube hätte einnehmen dürfen. Der Dekan tat bei dieser Gelegenheit entweder den Mund nicht auf und las während des Essens, oder er ergoß sich in bitteren Ausfällen wider die Menschen und spielte immer wieder auf seine verunglückte Landtagskandidatur an. Fräulein Aurelie ihrerseits war sehr veränderlich: beim Frühstück so freundlich und geschwätzig, daß einem ordentlich bange wurde, beim Mittagessen reserviert, beim Abendessen schmachtend und sentimental, und am nächsten Tage war die Reihenfolge ihrer Stimmungen wieder umgekehrt; und wenn man sich am Abend im besten Einvernehmen von ihr trennte, konnte man beinahe sicher sein, daß sie am folgenden Morgen tödliche Kälte zur Schau tragen würde. »Sie ist unausstehlich!« dachte Harteck oft; doch wenn er ihr den Rücken kehrte, vergaß er sie wieder.

Großes Vergnügen gewährte ihm der Religionsunterricht in der Schule. Er war ein Kinderfreund und die kleinen Buben und Mädchen merkten das bald. Während sie vor dem Herrn Dekan zitterten und bebten, hatten sie zu dem jungen Kooperator unbedingtes Zutrauen und hingen bald mit jener Zärtlichkeit an ihm, die Kinderherzen für alle jene hegen, die gut und freundlich gegen sie sind. Der Geistliche bemerkte, daß die Kleinen ihren Katechismus mit großer Geläufigkeit hersagen konnten, doch wenn er sie um die Bedeutung des Gesagten befragte, verstummten sie und schauten ihn verlegen an. Nur ein einziges Kind machte davon eine Ausnahme. Das etwa zehnjährige Mädchen war ihm gleich im Anfang aufgefallen. Es trug ein bloß über die Knie reichendes Kleidchen, das rückwärts von einer breiten Masche zusammengehalten wurde, und das dunkle Haar nach altdeutscher Art verschnitten, anstatt wie die anderen kleinen Mädchen in dünnen Zöpflein um den Kopf gewunden. Ein hübsches Ding war sie auch, diese Kleine mit ihrem rundlichen Apfelgesicht und den klugen, großen, wißbegierigen Augen; weder scheu noch dreist dabei, wohl aber lebhaft und ehrgeizig. Sie war die beste Schülerin und tat sich darauf ein weniges zugute. Ihre Religionskenntnisse, die verrieten, daß die Kleine nicht bloß wie ein Starmatz plappern konnte, sondern auch über alles, was sie auswendig lernte, nachdachte, setzten den jungen Priester in großes Erstaunen. Einmal redete er die Kleine nach der Schule auf der Straße an.

»Du heißt Toni Reinberg, nicht wahr?«

»Ja, Herr Katechet.«

»Sag' mir, Toni, wer erklärt Dir denn alles so gut und richtig?«

»Meine Schwester,« antwortete das Kind mit großem Stolze. »Wenn ich etwas nicht verstehe, brauche ich nur meine Schwester zu fragen. Die kann und weiß alles. Sie macht auch meine Kleider und unterrichtet mich im Zitherspiel. Kennen Sie meine Schwester Paula noch nicht, Herr Katechet?«

»Nein,« versetzte er lächelnd.

»O!« Sie schien es nicht zu fassen, daß jemand im Dorfe ihre Schwester nicht kannte.

»Du hast sie wohl sehr lieb?«

»Sehr lieb. Sie und meinen Vater.«

»Und Deine Mutter?«

»Ist tot. Meine Schwester sagt mir immer, daß der liebe Gott einen Engel gebraucht und deshalb die Mutter zu sich genommen hat, und daß sie oben im Himmel auf uns wartet.«

Wie süß es klang, dieses kindliche Vertrauen in der Schwester Wort, und wie zart und weiblich schön es von der Schwester war, für den frühen Tod der Mutter eine so poetische Erklärung zu ersinnen! Der Priester beugte sich auf das Kind herab und küßte es auf die volle rote Wange.

»Ich bin doch schon seit drei Wochen hier und habe Deine Schwester noch niemals singen gehört,« sagte er dann. »Sie singt doch manchmal auf dem Chor?«

»Jetzt nicht. Aber warum sie es nicht tut, darf ich nicht sagen.«

»Dann behalte Dein Geheimnis, mein Kind, und geh' jetzt nach Hause.«

Sie küßte seine Hand und sprang davon, – hochbeglückt, wie es schien, darüber, daß der geistliche Herr sie eines Gespräches gewürdigt hatte. Dieses Kind wurde Hartecks erklärter Liebling. Gern würde er Toni auf seinen Spaziergängen mitgenommen oder sie aufgefordert haben, zu ihm zu kommen, die Zither mitzubringen und ihm vorzuspielen, nur um das hübsche, aufgeweckte Kind recht oft und lang zu sehen und es plaudern zu hören. Aber Toni war die Tochter des Arztes, eines Mannes, mit dem der Dekan nicht verkehrte: wer weiß, ob der Vater des Kindes damit einverstanden gewesen wäre; vom Dekan gar nicht zu sprechen, der daran gewiß zu tadeln gefunden hätte. Auch das sollte und durfte nicht sein, wie so vieles, vieles andere.

Trotzdem er keinen eigentlichen Umgang mit der Gemeinde pflog, hatte er sich doch schon einen ziemlich genauen Einblick in die Verhältnisse der Dorfbewohner zu verschaffen gewußt. Hierbei ging der junge Mönch ihm an die Hand; der Pater nannte ihm die Namen der Leute und sagte ihm, was sie trieben, ob sie reich, ob arm wären und was für ein Familienleben sie führten. Bei diesen Mitteilungen trat Gutes und Schlimmes zutage: im großen und ganzen wären die Leute wohlhabend, lebten gut und ließen die Armen leben, wären nicht übermäßig fleißig und säßen viel im Wirtshause. Jeder Bursche hätte seinen Schatz, mitunter auch zwei, und junge unverheiratete Mütter gebe es nicht wenige im Dorfe. Die betreffenden Väter wären indessen ehrlich genug und auch vom Gesetze dazu angehalten, für ihre unehelichen Kinder zu sorgen, und so litten die armen Würmer wenigstens keinen Mangel; auch treffe diese weder Spott noch Mißachtung und die gefallenen Mädchen heirateten meistens später einen anderen Mann; in Tirol seien ja derlei Verhältnisse gang und gebe, und man nehme es da mit der Sittenreinheit nicht sehr genau. Wohl seufzte der Pater über diese Verhältnisse und sagte, daß er von der Kanzel und im Beichtstuhl den Burschen und Mädchen oft schon ins Gewissen geredet hätte; sie versprächen dann zwar für die Zukunft alles Gute, aber es bleibe beim Versprechen. »Man hat sein Kreuz mit der Jugend,« sagte der Mönch mit altkluger Miene und zählte doch selber nicht mehr als fünfundzwanzig Jahre. Harteck befragte ihn auch um die Familie des Arztes und ob dessen ältere Tochter Paula ein braves Mädchen wäre. Die Antwort lautete über alle Maßen befriedigend. Dem jungen Mädchen lasse sich nichts, auch nicht das geringste nachsagen. Ein junger Kaufmann und ein Bahnbeamter hätten um ihre Hand angehalten, wären jedoch abgewiesen worden. Im Dorfe gelte sie für stolz, doch für brav und gut. Jetzt bewerbe sich der Schullehrer um ihre Gunst: aber man wisse nicht, ob sie seiner Werbung ein geneigtes Ohr leihe. Harteck freute sich, der kleinen Toni wegen, über die gute Nachrede. Es würde ihm leid getan haben, wenn die Schwester seines Lieblings nicht so gewesen wäre, wie ein anständiges junges Mädchen sein soll. Er war oft schon am Hause des Arztes vorbeigegangen, hatte die Sauberkeit des Hauses und den wohlgepflegten kleinen Garten bewundert, – Paula jedoch hatte er noch niemals zu Gesichte bekommen. Das war Zufall. Ihren Vater, den Arzt, hatte er bereits gesehen und im Spital auch einige Male mit ihm gesprochen. Ein hagerer, ernster, wenig zugänglicher Mann: aber die Kranken waren seines Lobes voll und hatten großes Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit. Er scheine nur äußerlich so kalt, sagten sie, sein Herz wäre ein vortreffliches. Oft gehe er lange, beschwerliche Wege, um einen armen Kranken zu besuchen, und verlange keine Bezahlung dafür. Er mache wenig Worte, aber das wäre nun einmal seine Art. Er lebe einzig und allein seinem Berufe und seinen Kindern und wäre als Arzt und Vater der beste Mensch, den man sich denken könne. Das alles klang sehr schön und Harteck war froh, daß er die kleine Toni so gut versorgt wußte. Er hätte die ältere Schwester gern gesehen. Sie interessierte ihn. Ob sie dem Vater oder der kleinen Schwester glich? Ohne sie zu kennen, wünschte er ihr jeden Liebreiz und jedes Glück. Sie mußte nach allem, was er über sie gehört hatte, ein ausgezeichnetes Geschöpf sein. Ihretwegen interessierte ihn auch der Lehrer, den der Mönch als ihren Freier bezeichnet hatte und den sie – wer weiß? – vielleicht heiraten würde.

In der Schule machte er die Bekanntschaft des Lehrers. Er hieß Fritz Stettner, war kaum dreißigjährig und sah in seiner verschossenen braunen Sammetjacke, den hellen Beinkleidern, mit seinen langen, blonden, flatternden Haaren und dem breitkrempigen Filzhut fast wie ein Künstler aus. Er gefiel dem Geistlichen nicht übel, denn der junge Mann war ein aufgeweckter Geselle und seinem Fache mit Begeisterung zugetan. Schmächtig von Gestalt, nervös und beweglich, mit einem schmalen, von Blatternarben zerrissenen Gesichte, aus dem ein Paar kleine hellbraune Augen blickten, konnte seine Erscheinung, wenn auch nicht gerade hübsch, so doch recht sympathisch genannt werden.

Im Anfang beobachtete er dem neuen Priester gegenüber strenge Reserve: »Schule und Kirche sind nun getrennt; merke Dir das!« Mit der Zeit jedoch und nachdem er einsehen gelernt hatte, daß es dem Geistlichen sehr fern lag, in Herrn Stettners Unterrichtsmethode hineinreden und etwas daran ändern zu wollen, wurde der Lehrer zutraulicher. »Sie müssen mir meine anfängliche Kälte nicht verargen,« sagte er eines Tages zu Harteck. »Ich kannte Sie nicht und glaubte mit einem Manne zu tun zu haben, dessen Ansichten mit denjenigen des Herrn Dekans übereinstimmen. Mit diesem hochwürdigen Herrn ist's schwer zu leben. Er mengt sich in alles, tadelt alles, forscht die Kinder aus und läßt sich von ihnen berichten, was sie von mir hören und lernen, guckt in die Schulbücher und findet ihren Inhalt nicht genug christkatholisch und setzt alle Mittel in Bewegung, um die Kinder und deren Eltern gegen mich aufzuhetzen. Er hat mir das Leben im Anfang meines Hierseins sehr sauer gemacht. Doch mit der Zeit hat der gesunde Sinn der Bauern gesiegt, sie haben erkannt, daß sie mir ihre Kinder getrost anvertrauen dürfen, und ich bin jetzt überall gern gesehen. Ich weiß, daß mir der Herr Dekan darum übel will, aber ich mache mir nicht so viel daraus,« schloß er seine Rede und schnalzte mit den Fingern.

»Ich hoffe, daß Sie den Kindern gegenüber Ihrer Freimütigkeit mehr Zwang auferlegen,« erwiderte Harteck. »Oder lassen Sie sich am Ende gar einfallen, die Person des Herrn Dekans in den Augen der Kinder herabzusetzen? Dagegen müßte ich energischen Einspruch erheben.«

Der Lehrer beruhigte ihn: so weit gehe sein Groll nicht. Er, für seine Person, würde ja gern Frieden schließen mit dem Herrn Dekan, aber der hochwürdige Herr wolle den Frieden nicht, sondern Krieg, erbitterten, unversöhnlichen Krieg.

Harteck verfolgte dieses Thema nicht weiter und fing von seinem Liebling, der kleinen Toni, zu sprechen an. Die Augen des Lehrers leuchteten. Ja, das wäre ein Kind! So klug und fleißig, so lebhaft und lernbegierig, ein Phänomen, ein Muster für die ganze Klasse. Freilich dürfe man sich darüber nicht allzusehr verwundern: wie könnte es denn anders sein bei der Erziehung, die das Kind daheim genieße?

»Man macht im Ort viel Aufhebens von ihrer Schwester,« bemerkte Harteck.

»Und mit Recht!« rief der Lehrer begeistert und eine hohe Röte überzog seine hageren Wangen. »Fräulein Paula ist ein Geschöpf, wie es auf Erden kein zweites geben kann. Ich mache kein Geheimnis daraus, daß ich sie liebe und verehre, denn es kann einem Manne nur zur Ehre gereichen, wenn er ein Mädchen wie Paula Reinberg liebt.«

Dem jungen Priester gefielen diese Offenherzigkeit und diese enthusiastische Hochachtung für das geliebte Mädchen sehr.

»Sie werden wohl bald Hochzeit halten?« fragte er mit einem Lächeln.

»Ach! Damit hat es noch seine guten Wege,« antwortete der Lehrer seufzend. »Es ist seltsam: ich, der ich das Herz auf der Zunge trage und jedem Fremden von meiner Liebe erzählen möchte, – ihr gegenüber sinkt mir aller Mut und ich habe noch nicht gewagt, ihr zu sagen, daß ich sie liebe. Sie ist ein eigentümliches Wesen. Manchmal kommt mir vor, als ob sie überhaupt kein Herz habe.«

»Kein Herz für Sie, meinen Sie wohl?«

»Für mich und die Männer im allgemeinen. Sie hat schon zwei sehr annehmbare Freier verworfen. Vielleicht wird es mir ebenso ergehen.«

Der Priester hütete sich, das Vertrauen des jungen Mannes mit gleichem Vertrauen zu erwidern. Der Lehrer lebte mit dem Dekan auf dem Kriegsfuß und konnte aus diesem Grunde niemals Hartecks Freund werden. Nun, diese heilige Stelle nahm schon allein und unbestritten ein anderer, Ferner, ein; aber vielleicht würde Harteck sich näher an den Lehrer angeschlossen haben: doch so, wie die Dinge standen, ließ er nicht einmal den Wunsch nach einem vertrauteren Verkehr in sich aufkommen, suchte den Lehrer außerhalb der Schule niemals auf und überging dessen Vorschlag, manchmal den Abend in seiner Gesellschaft in einem Gasthause zuzubringen, mit Stillschweigen. Der Dekan verübelte ihm ohnedies, daß er überhaupt mit dem Lehrer sprach, und der junge Pater teilte die Ansicht des gnädigen Herrn.

»Sie werden in eine schiefe Stellung geraten,« sagte der Mönch einmal zu Harteck. »Bei den jetzigen Verhältnissen gibt es keinen Mittelweg. Sie müssen entweder zu uns oder zu den Feinden des Herrn Dekans halten, und die Wahl kann Ihnen doch unmöglich schwer fallen.«

»Hat der Herr Dekan Sie beauftragt, mir das zu sagen?« fragte Harteck ärgerlichen Tones.

»Darauf muß ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben. Verhehlen will ich Ihnen indessen nicht, daß Ihr Benehmen dem Herrn Dekan nicht sonderlich behagt.«

»Weshalb nicht? Was tue ich Unrechtes?«

»Können Sie leugnen, daß Sie einen Umgang mit seinen Feinden anzubahnen suchen?«

»Das leugne ich allerdings. Soll ich den Leuten keine Antwort geben, sobald sie mich ansprechen? Übrigens existieren diese Feindschaften nur in der Einbildung des Herrn Dekans.«

»Mag sein. Darüber haben weder Sie noch ich zu entscheiden. Unsere Pflicht ist, uns den Wünschen des Herrn Dekans zu unterwerfen. Wenn wir es nicht tun, werden die Folgen davon auf unser eigenes Haupt zurückfallen.«

»Soll man denn keine freie Bewegung machen dürfen?« dachte Harteck, als der Mönch ihn verlassen hatte. »Die harmloseste selbst wird einem verleidet. Mögen sie in Gottes Namen ihren Willen haben! Wenn jede kleine Annehmlichkeit durch schwere Opfer erkauft werden muß, ist es wohl besser, allem im voraus zu entsagen.«

Er handelte diesem Vorsatz gemäß, ging allen Leuten aus dem Wege und sprach mit beinahe niemandem als mit dem mürrischen Dekan, dem ihm ungnädig gesinnten Fräulein Aurelie und dem wortkargen Mönch und hoffte, daß diese Personen nunmehr zufrieden mit ihm sein würden. Seine einzige liebe Gesellschaft war sein Hund, der sich, trotz allem Schmeicheln und Zureden, nicht mit Fräulein Aurelie befreunden wollte; das Fräulein bestrafte den Hund dafür mit stiller Verachtung und gänzlichem Ignorieren seiner Persönlichkeit, – eine Strafe, aus der sich Cäsar freilich nichts machte.

Fünftes Kapitel

In der Nähe des Hauptplatzes stand das Wohnhaus des Arztes. Efeu rankte sich an den Mauern empor und umschlang mit grünen Armen den zierlich geschnitzten Balkon, der die Aussicht nach dem Garten hatte. Auf dem Balkon stand Toni und blickte nachdenklich zum Himmel empor. Seit mehreren Tagen regnete es ununterbrochen. Die Bäume ließen die Zweige hängen, Herbstesahnen zog durch die erkaltete Luft. Lang sah die Kleine dem eintönigen Fallen der Regentropfen zu und erst, als sie drinnen im Hause ihren Namen rufen hörte, fuhr sie aus ihrem Sinnen auf und sprang in das Haus hinein.

»Willst Du etwas, Paula?« fragte sie. »Wo steckst Du denn?«

»Hier, in meinem Zimmer. Vater ist gekommen. Geh' ihm entgegen, Toni.«

Die Kleine lief die Treppe hinab, dem Haustor zu. Im Flur stand ein großer, hagerer Mann von ungefähr sechzig Jahren. Er trug hohe Wasserstiefel und einen Regenmantel und hielt einen Regenschirm, von dem das Wasser herabrann, in der Hand.

»Bist naß geworden, Vater?« fragte Toni auf ihn zufliegend.

»Nur äußerlich. Der Mantel ist wasserdicht. Guten Abend, Kind. Ist etwas vorgefallen?«

»Eine Frau war hier mit ihrem Kinde. Paula hat ihr einiges zu tun verordnet. Wird der Scharlach werden, meint Paula.«

»Das ist böse. Schon der dritte Fall in einer Woche! Da heißt es vorsichtig sein.«

»Wird am Ende gar die Schule geschlossen werden müssen?« fragte Toni.

»Wahrscheinlich; doch vorläufig will ich mich umkleiden.«

Die Zimmer im Erdgeschoß waren für das Laboratorium, die Apotheke, die Arbeitsstube des Arztes, die Küche, die Vorratskammer und das Dienstbotenzimmer eingerichtet. Das erste Stockwerk umfaßte vier Zimmer, wovon eines als Speise- und Wohnzimmer und zwei zu Schlafstuben verwendet wurden; das letzte gehörte Paula zu alleinigem Gebrauch. Doch gerade da hielt Toni sich am liebsten auf; im Zimmer der Schwester machte die Kleine ihre Schulaufgaben, übte auf der Zither, strickte oder spielte – und das alles konnte nur in Paulas Gesellschaft geschehen; hatte sie doch die große Schwester jeden Augenblick um Rat zu fragen. Unter Paulas Anleitung arbeitete es sich so leicht und gut ... und Paula wollte es so haben. Ihr fehlte immer etwas, wenn sie das Schwesterchen nicht an der Seite hatte.

Der Arzt hatte den Regenmantel ausgezogen und an einen Nagel gehängt, Toni schüttelte geschäftig das Wasser vom Regenschirm und stellte ihn in eine Ecke, und hierauf schritt der Arzt, das Töchterchen an der Hand, die Treppe hinan.

Im Stiegengang schon trat ihnen ein schlank gewachsenes junges Mädchen entgegen. Sie hängte sich an den Arm des Arztes und führte den Vater in das Wohnzimmer.

»Bist Du recht ermüdet und ausgekältet?« fragte sie. Ihre Stimme hatte einen wohltönenden und weichen Klang.

»Es geht.« Er ließ sich auf den Divan nieder, der an der Hauptwand stand. Paula setzte sich neben ihn und erstattete ihm ausführlichen Bericht über das kranke Kind.

»Ich werde nach dem Abendessen hinübergehen zu der Frau und mir das Kind ansehen,« sagte der Arzt. »Können wir bald essen?«

»Sogleich. Wir haben nur auf Dich gewartet.«

Sie erhob sich, um nach der Küche zu gehen. Der Tisch war bereits gedeckt und die Hängelampe über demselben angezündet. Nach wenigen Minuten erschienen Paula und die Magd und trugen das Abendbrot auf.

Während des Essens sprachen sie von den kleinen Tagesereignissen. Toni mußte berichten, was sie gearbeitet und in der Schule gelernt hätte, denn der Arzt war den ganzen Tag über vom Hause fort gewesen. Die Kleine zeigte sich sehr mitteilsam. Sie wäre gelobt worden, vom Lehrer und vom Herrn Katecheten; dieser hätte ihr sogar ein Heiligenbildchen geschenkt. Sollte sie es dem Vater zeigen? Er bejahte die Frage, und Toni sprang davon und brachte das kleine Bild. Es stellte ein Kind dar, das über einen schmalen Weg schreitet und über dem sein Schutzengel schwebt.

»Sehr schön!« sagte der Arzt. Dann erzählte er, bei wem er gewesen, wie es mit den Kranken stände, die er gesehen hatte, und Paula warf manchmal eine Frage dazwischen, die verriet, daß sie mit allem, was in den Beruf des Vaters einschlug, wohl vertraut war.

Nach dem Essen ging der Arzt wieder fort, und als er nach Ablauf einer halben Stunde zurückkehrte, hatte Paula die kleine Schwester mittlerweile zu Bett gebracht. Toni schlief noch nicht; sie wartete die Rückkunft des Vaters ab, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Als das geschehen war, sprach sie ihr Nachtgebet und sank dann sehr bald in den glücklichen Kindesschlaf.

Vater und Tochter saßen nun allein beisammen im Wohnzimmer.

Sie hielten es jeden Abend so, seit die Mutter tot; sprachen miteinander, oder er las und sie arbeitete; manchmal sagte er von seinem Buche aufblickend: »Singe etwas,« und dann erhob sie sich, holte ihre Zither und sang ihm mehrere Lieder vor.

Heute fühlte er sich zu ermüdet, um zu sprechen. Er saß am Tische und hatte ein Buch vor sich liegen; Paula saß ihm gegenüber und besserte Wäsche aus. Dann und wann erhob sie den Blick zum Vater, wie um zu erforschen, ob er vielleicht etwas brauche; doch da sie ihn eifrig lesen sah, beugte sie sich wieder über ihre Arbeit.

Sie war ein schönes Mädchen; nicht gerade blendend, nicht ins Auge fallend, wohl aber schön für denjenigen, der geistige Schönheit zu verstehen imstande ist. Ihr dunkles reiches Haar war in Zöpfen um das Haupt gewunden und legte sich in natürlichen Wellen um die blasse Stirn. Sie hielt den Kopf nach vorne gesenkt und diese Stellung zeigte, wie fein geformt ihr schlanker Hals war und wie anmutig die kleinen Locken im Nacken an der weißen Haut spielten. Ihr Gesicht war blaß, die Wangen sanft gerundet und die etwas kurze Oberlippe schloß sich selten ganz über den kleinen weißen Zähnen. Das Schönste in ihrem Gesichte waren die Augen; groß und tiefgrau waren diese langbewimperten Augen und hatten einen ernsten, sinnenden Blick. Den mädchenhaften Körper umschloß ein einfaches schwarzes Wollenkleid, die kleinen Ohren und schlanken Hände entbehrten jedes Schmuckes. Im Haar hatte Paula eine gelbe Rose stecken.

»Paula,« sagte ihr Vater plötzlich.

Sie blickte horchend auf.

»Wann wirst Du wieder einmal in der Kirche singen? Die Leute sprechen schon davon.«

»Die Leute sprechen immer. Sagten sie doch vor einiger Zeit, daß ich bloß deshalb so oft singe, weil ich auf dem Chor den Lehrer treffe. Sie sollen ihren Irrtum einsehen lernen.«

»Also wegen der Leute –?«

»Nein, Vater. Nicht deshalb. Aber ich will Herrn Stettner aus dem Wege gehen.«

»Belästigt er Dich in irgendeiner Weise?«

»Er sieht mich immerfort an und das ist mir unangenehm.«

»Überwinde Dich einmal und singe nächsten Sonntag, – mir zu Gefallen. Ich will nicht, daß man glaube, wir hätten die Absicht den Dekan zu beleidigen.«

»Gut, Vater. Ich will es tun.«

Er las darauf noch eine kurze Weile und zog sich dann in sein Schlafzimmer zurück. Paula hatte noch keinen Schlaf. Sie trat ans Fenster und blickte hinauf zum dunklen, sternenlosen Himmel, – nicht träumerisch oder sehnsuchtsvoll, sondern ruhig, wie Menschen tun, in deren Herzen der Friede wohnt. Sie dachte an allerlei, aber ihre Gedanken gingen nicht über das kleine Haus hinaus; alle ihre Wünsche, ihre Liebe und Hoffnungen lagen hier, in ihrem Heim. Ihr Auge glitt über die Möbel, die in dem Zimmer standen; wie waren alle ihr lieb und vertraut! Als Kind schon hatte sie diese Möbel gekannt, und während sie altmodisch wurden und ihre Farben verblaßten, war Paula groß geworden. Ein jedes dieser Einrichtungsstücke sprach ihr von den Kindertagen, der ersten Jugendzeit und der Mutter, für die diese Möbel gekauft worden waren, als sie als junge Frau in das Haus des Gatten zog. Auf diesem Divan hatte die Mutter oft geruht, da sie schon krank, und dort hatte der Vater Paula eines Tages niedersetzen heißen, hatte sich an ihre Seite gesetzt und sie stumm ans Herz gezogen. Er hatte dabei so schwer geatmet, so schwer, ... und da hatte Paula plötzlich gewußt, daß die Mutter verloren war, daß sie bald sterben mußte. Und: »Vater!« hatte sie mit halb erstarrter Zunge gestammelt und noch einmal: »Vater!« und hatte in seinen Rock gebissen, um nicht aufzuschreien, denn sie wußte, das die Kranke im Nebenzimmer war. Der Arzt hatte die Tochter in seine Arme genommen und zusammen waren sie hinaus ins Freie gegangen. An seinem Arm hängend, vom Vater unterstützt, hatte sie sich weitergeschleppt, und so waren sie bis außerhalb der Stadt Innsbruck gekommen, wo sie damals wohnten, und dort waren sie auf die Kniee gesunken und hatten geweint. Geweint? Geschrieen hatten sie, geschrieen in ihrem hilflosen, verzweiflungsvollen Jammer, bis sie endlich einander ermattet in die Arme gesunken waren.

»Weiß sie ...?« hatte Paula endlich gefragt.

»Ja! Sie hat mit mir davon gesprochen und mir Dich und die Kleine an das Herz gelegt.«

O traurige Zeit einer letzten Krankheit! Leiden sehen müssen dasjenige, was man so innig liebt, und schließlich – grausame Notwendigkeit! – wünschen müssen, daß der Tod der Tragödie ein Ende machen möge, damit die Qual endlich, endlich vorüber sei. Und dann, wenn sie vorüber, ... welche Leere in der Brust, welche Einsamkeit außen und im Hause! Häßlicher, häßlicher Tod. –

Da saß Paula in ihrem schwarzen Kleide oder schlich durch die verödeten Räume, nachgrübelnd darüber, was sie tun sollte, um das zerstückte Familienleben wieder halbwegs aufzubauen. Sie war erst sechzehnjährig, aber sie hatte Mut und fühlte die Kraft in sich, den Versuch zu wagen, ob sie die Mutter, so weit das eben möglich, nicht ersetzen könnte. Da war der Vater, der nach wie vor seinem Berufe nachging und sich äußerlich stark zeigte, der Kinder wegen, aber dem der Schmerz am Herzen fraß, der einmal hatte weinen können und dann nie wieder. Da war die dreijährige Toni, das mutterlose Kind, das noch nicht verstand, was es verloren hatte; da war das Haus ohne Hausfrau ... und Vater, Kind und Haus umfaßte Paula mit ihren jungen Armen und mutigem Herzen; sie dachte niemals an sich; sie lebte nur für den Vater, die Kleine und das Haus und gewann mit den Jahren die wehmutvolle und erhebende Überzeugung, daß sie imstande war, die Mutter zu ersetzen, so gut eben der Platz, den eine Mutter leer gelassen, ausgefüllt werden kann.

Sie waren von Innsbruck fortgezogen und in das Dorf übersiedelt, wo sie heute noch lebten. Der Vater hatte vollauf zu tun, und wenn er nach Hause kam, empfing ihn ein wohlgeordnetes Haus, trat Paula ihm entgegen mit liebevollem Gruß, das Kind an der Hand. Nunmehr ihr Kind. Sie liebte dieses Kind mit mütterlicher Zärtlichkeit, sie mußte ihm ja Mutter sein. Das Kind gehörte ihr, ihr allein. Niemand anders als sie durfte es überwachen, pflegen, erziehen. Wenn jemand die Kleine küßte, bewunderte, ihr schön tat und Toni dazu lächelte, empfand Paula eine eifersüchtige Regung: das Kind könnte ihr entwendet werden, könnte sich an Fremde anschließen, ... oder aber sie fürchtete wieder, daß sie die Kleine nicht richtig erziehe, zu streng oder zu schwach wäre, daß Toni sterben könnte. Wenn das Kind Kopfweh hatte oder stiller war als sonst, fieberte Paula vor Angst. Was sie für sich selbst niemals gewesen war, – für Toni war sie eitel und konnte stundenlang über Schnitt und Aufputz eines Kinderkleidchens nachdenken. Und was für eine Freude war es dann später für sie, das Kind zu unterrichten, es lesen, schreiben und zählen zu lehren und den jungen Geist zu bilden. Wie glücklich machte es sie, mit dem Kinde spazieren zu gehen und zu sehen, wie munter Toni voransprang und wie gesund und kräftig sie war und wie gelenk die schön geformten Glieder. Oft gingen die Mädchen dem Vater entgegen und Paula hing sich dann an seinen Arm und sprach mit ihm von seinen Kranken, denn sie hatte sich so sehr in seinen Beruf hineingelebt, daß sie in allem und jedem Bescheid wußte und er sie oft scherzend seinen Assistenten nannte. Mit den Jahren war Paulas Liebe für die Kleine, wenn auch nicht weniger innig, so doch ruhiger geworden. Sie war ihres Lieblings sicher und wußte, daß sie Toni richtig erzog. Paula zählte heute dreiundzwanzig Jahre. Das Haus, der Vater, die Schwester waren ihre Welt. Sie hatte eine schwere Aufgabe zu erfüllen, dessen war sie sich wohl bewußt; aber in der Erfüllung ihrer Pflicht lag gleichzeitig auch ihr Glück.

Seit dem Tode der Mutter war kein Tag verstrichen, wo das junge Mädchen nicht an die Verstorbene gedacht hätte. In Paulas Zimmer stand ein kleiner Schrank, in dem lauter Erinnerungszeichen an die Mutter aufbewahrt lagen. Vor diesem Schranke kniete Paula nieder und nahm die ihr heiligen Reliquien heraus. Da waren Briefe der Mutter, ihr Gebetbuch, ihre Haushaltungsbücher, ihr Schmuck, ihr Brautkranz und Schleier und der Leuchter, der neben dem Bette gestanden hatte, als sie starb. Die Kerze darinnen war fast gänzlich herabgebrannt ... Die Mutter hatte Licht gemacht und war dann eingeschlafen, um nie wieder zu erwachen. Als Paula, erschreckt durch die Stille, in das Zimmer geeilt war, hatte sie die brennende Kerze und der Mutter Totenantlitz gesehen. Die Gute war still hinübergegangen, hatte den Ihrigen den gräßlichen Anblick des letzten Kampfes erspart ... Ja, gut war sie gewesen, gut und liebevoll bis zum letzten Augenblick.

Über dem Schranke hing das Bild der Mutter. Zu dem erhob Paula nun die Augen. Sie blickten ernst und dankbar, aber nicht kummervoll. Paula wußte, daß sie ein gutes Kind gewesen war und der Mutter mit Absicht niemals einen Schmerz bereitet hatte; daß sie treu in dem verwaisten Hause waltete und der gute Engel derjenigen war, die ihre Mutter über alles geliebt hatte. »Bist Du mit mir zufrieden?« fragte Paula leise. »Nie, hörst Du, Mutter? nie will ich sie verlassen; nie soll es anders werden, als es heute ist.«

Mit ruhiger Hand machte sie auf Stirn, Mund und Brust das Zeichen des Kreuzes, ihr Herz schlug friedvoll und leidenschaftslos, als sie jetzt ihr Lager aufsuchte und, bevor sie es tat, das Händchen der kleinen Toni küßte, die sanft schlummernd in ihrem Bette lag.

Sechstes Kapitel

Sonntag war's; ein frostiger, klarer Septembermorgen. Von nah und fern strömte das festtäglich geputzte Landvolk in die Kirche. Die Leute hatten sich vorgenommen, den Herrn Dekan zu versöhnen; der gespannte Ton, der zwischen ihnen und dem Seelenhirten herrschte, fing an, ihnen unbehaglich zu werden; sie wollten ihm beweisen, daß sie noch fromm waren und sich bemühten, einen Ausgleich anzustreben. Heute predigte der gnädige Herr selber. Nun, er sollte sehen, daß sie ihm nicht auswichen. Auf eine Strafpredigt waren sie gefaßt. Aber das verschlüge ja nichts; der Herr Dekan hätte am Ende einige Ursache, ungehalten zu sein; man hätte ihn in den Landtag wählen sollen, dann hätte man doch Frieden.

Mißvergnügt über die Stimmung, die in dem Volke Platz gegriffen hatte, schlenderte der junge Schullehrer der Kirche zu. Seit einigen Wochen fühlte er, daß seine mühsam errungene Popularität in bedenklicher Weise abnahm. Er war ein »Liberaler«, hatte einiges dazu beigetragen, um die Kluft zwischen den Bauern und dem Dekan zu erweitern, und das nahmen ihm die Leute jetzt übel; besonders die Frauen. »Mit diesem Volk ist nichts anzufangen,« dachte er verdrießlich. »Immer kehren sie auf halbem Wege wieder um. Die Furcht vor der Hölle bannt sie stets aufs neue in den Zauberkreis von Rom. Da ist nichts zu machen.«

Sein Gesicht hellte sich plötzlich auf, denn er sah die kleine Toni, festlich gekleidet, ihr Gebetbüchlein in der Hand, des Weges einherkommen.

»Guten Morgen, Toni,« sagte er und küßte sie trotz ihrem Widerstreben. »Wie geht es Dir? Bist Du schlechter Laune?«

»Nein,« antwortete das Kind. »Aber ich mag das Küssen nicht leiden.«

Toni wußte, daß der Lehrer um ihre Gunst buhlte, und das machte sie verwegen. Er ließ sich ja doch alles gefallen, ... ihn durfte sie ganz ohne Zeremonie behandeln.

»Wo bleibt Deine Schwester?« fuhr er fort.

»Sie wird später kommen. Jetzt hat sie im Hause zu tun.«

»Und Du? Willst Du die ganze Predigt anhören?«

»Ja. Sie nicht?«

»Nein, mein Kind. Ich gehe lieber ein wenig spazieren. Komm mit mir und laß die Predigt Predigt sein.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich will den Herrn Katecheten nicht böse machen.«

Fritz Stettner runzelte die Stirn. Dieser Katechet fing an, ihm nachgerade unangenehm zu werden. Toni sprach so oft von ihm, schwärmte für ihn, verehrte ihn, ... des Lehrers Herz empfand Groll und Eifersucht.

»Sag' mir, Toni ...«

Das Kind hörte ihn nicht einmal. Seine Augen späheten nach dem Pfarrhof und das Blut stieg ihm in die Wangen. »Da kommt er!« flüsterte es aufgeregt.

Georg Harteck trat aus dem Pfarrhof und näherte sich ihnen. Er trug den schwarzen Priestertalar, sein Haupt war unbedeckt und zur Erde gesenkt. Er bemerkte die beiden nicht.

»Herr Katechet!« rief Toni ein wenig schüchtern.

Er hemmte den Schritt, erblickte das Kind und seine Züge heiterten sich auf. Toni näherte sich ihm mit verlegener kindlicher Grazie, das Köpfchen auf die rechte Schulter geneigt, in den Augen und auf den Lippen ein Lächeln.

»Gehen Sie in die Kirche, Herr Katechet?« fragte sie, seine Hand küssend.

»Ja. Ich zelebriere heute das Hochamt.«

»Ach! Das ist gescheit! Ich werde so andächtig sein, o! so andächtig ...«

»Das sollst Du immer sein, wenn Du betest.«

»Und heute wird Paula singen,« fuhr das Kind mit großem Stolze fort. »Daß Sie heute gut spielen, Herr Stettner!« rief sie dem Lehrer zu. »Wenn Sie es nicht tun, dann geben Sie acht!«

Der Lehrer begrüßte den Geistlichen mit einem gezwungenen Lächeln. In welch' verschiedenem Tone sprach die Kleine zu diesem Menschen! Ihn behandelte sie immer von oben herab ... Ja, wenn sie nicht Paulas Schwester wäre! Aber so, ... was konnte er machen?

»Jetzt muß ich in die Kirche hineingehen,« sagte Toni. »Die Predigt fängt schon an.«

Sie grüßte und entfernte sich mit abgemessenen Schritten und sittsam niedergeschlagenen Augen.

»Folgen Sie ihr nicht?« fragte Harteck den Lehrer.

»Nein; ich habe keine Lust, mich abkanzeln zu lassen,« versetzte der junge Heißsporn, zog den Hut ab und ging rasch davon.

Harteck mußte über ihn lächeln. Im Grunde genommen konnte er es dem Lehrer nicht verargen, daß dieser der Predigt auswich; tat er doch das nämliche. Er blieb vor der Kirche stehen und blickte nach der Richtung, die in das Dorf führte. Er hatte die Absicht zu warten, bis Paula käme. Er wollte das junge Mädchen endlich einmal sehen. Im unverwandten Hinblicken nach der bezeichneten Gegend bemerkte er nicht, daß Fräulein Aurelie aus dem Pfarrhofe trat und auf die Kirche lossteuerte. Sie trug ein sehr enges Kleid und Schuhe mit Pariser Absätzen, was ihrem Gange einige Unsicherheit verlieh. In der Hand hielt sie ein großes, mit Silber beschlagenes Gebetbuch in braunen Sammet gebunden, das sie zärtlich an das Herz drückte. Ihr kleines, spitzes, über und über mit poudre de riz bestäubtes Gesicht hatte einen gesucht frommen Ausdruck. Sie wurde des Geistlichen sofort gewahr; schnell senkte sie den Blick und trippelte auf ihrem schwanken Schuhwerk auf ihn zu. Schon war sie ihm ganz nahe gekommen und er bemerkte sie noch immer nicht. Da ließ sie ein fistelartiges Räuspern ertönen: »Hm! hm!«

Er fuhr zusammen und drehte das Haupt nach ihr hin.

»So in Gedanken, Herr Kooperator?« redete sie ihn an. »Sie müssen an sehr interessante Dinge gedacht haben. O! werden Sie nicht rot! Denken darf man ja was und woran man will.«

Er war gar nicht rot geworden. Das Fräulein stand vor ihm, nickend, kichernd, mit schalkhaft erhobenem Zeigefinger. Harteck zwang sich zu einem Lächeln.

»Sie sind heute gut gelaunt, gnädiges Fräulein,« sagte er.

»Nur äußerlich,« antwortete sie mit einem Seufzer und blickte ihr Gebetbuch an. »Ich will nun in die Kirche gehen und beten, ... um den inneren Frieden will ich bitten.«

»Tun Sie das,« sagte er zerstreut.

»Erwarten Sie jemanden?« fragte sie, von dem stimmungsvollen Tone plötzlich in einen gereizt klingenden übergehend.

»Weshalb diese Frage?«

»Nun, – so. Sie sehen danach aus. Ich will Sie nicht länger stören, hochwürdiger Herr,« sagte sie pikiert.

»Aber, mein Fräulein ...«

»Schon gut, schon gut, mein Herr. Ich bedauere Sie gestört zu haben,« schloß sie mit Emphase und ging in die Kirche hinein.

»Was hat sie nur?« dachte Harteck. »War ich schon wieder unhöflich?«

Der Klang einer ihm bekannten Stimme lenkte seine Gedanken von Fräulein Aurelie ab. Er sah den Lehrer kommen; diesem zur Seite, das Haupt halb abgewendet von ihm, ging ein junges Mädchen. Was die beiden miteinander sprachen, konnte Harteck nicht verstehen; jedoch aus dem Tone ihrer Stimmen war zu erraten, daß sie über irgend etwas uneinig waren. Eine Ahnung sagte dem Priester, daß dieses Mädchen Paula wäre ... Nun denn! Sie ging mit dem Lehrer, ließ sich von ihm abholen und begleiten, zankte mit ihm, ... also doch zwei Verliebte. Harteck empfand ein Gefühl, das der Enttäuschung nahe kam. Er würde lieber gesehen haben, wenn diese viel besprochene, viel gerühmte Paula nur für die Ihrigen gelebt, wenn sie diesen langhaarigen, überspannten Schullehrer nicht geliebt hätte ... Wie konnte ein feines und kluges Mädchen sich in solchen Kauz verlieben?

Paula näherte sich ihm; er konnte ihr Gesicht sehen; ihre blassen, feinen Züge drückten einige Unzufriedenheit aus und zwischen ihren Brauen lag eine Falte. Mit stolzer Ruhe ging sie einher, den Schritt weder beschleunigend noch ihn verzögernd. Ihr Begleiter gestikulierte heftig, redete in sie hinein, schien sie von irgendeiner Sache überzeugen zu wollen ... Sie schüttelte bloß den Kopf.

»Ich habe Sie oft schon ersucht, mich nicht abzuholen und sich mir nicht anzuschließen, wenn wir einander auf dem Weg nach der Kirche begegnen,« hörte der Priester sie sagen. »Warum beachten Sie meine Worte nicht?«

»Weshalb aber,« fiel er aufgeregt ein, hielt jedoch plötzlich inne. Er hatte den Geistlichen bemerkt. Paula folgte der Richtung, die sein Blick genommen. Ihre grauen ernsten Augen begegneten Hartecks forschendem Blicke, sie sah ihn ruhig an, und er, der Sitte des Dorfes entgegen, verbeugte sich unwillkürlich. Es war eine Seltenheit, daß auf dem Lande ein Priester ein Glied seiner Gemeinde zuerst grüßte ... Paula jedoch schien diese kleine, ihrem Geschlechte dargebrachte Huldigung nur natürlich zu finden; sie dankte ohne zu lächeln und ging an ihm vorüber. Harteck schaute der schlanken Mädchengestalt nach, bis sie verschwunden war.

»Eine marmorkalte Schönheit!« dachte er. »Armer närrischer Friedrich! Von diesem Bild ohne Gnade ist freilich nicht viel zu hoffen.«

Er blickte auf die Uhr. Es war Zeit, sich für das Hochamt anzukleiden. Was ihm sonst beinahe niemals widerfuhr, – heute freute er sich auf die Abhaltung des Gottesdienstes. Er war auf Paulas Gesang gespannt.

Bald darauf stand er vor dem Altar. Das Hochamt begann. Als Paulas Stimme ertönte, – so ganz verschieden von den übrigen Stimmen auf dem Chor, so weit besser geschult und seelenvoller, – da durchrieselte die Glieder des jungen Mannes ein Schauder des Entzückens. Er hatte Sinn und Verständnis für alles Schöne, und das Leben, das er führte, brachte das Schöne in der Kunst so selten auf seinen Weg. Mit lautschlagendem Herzen lauschte er der tiefen, klangvollen Mädchenstimme und empfand eine seltsame Befriedigung, wenn unmittelbar auf seine Stimme der Gesang des Mädchens einfiel. Stundenlang hätte er sie singen hören, hätte diese Töne gleichsam trinken mögen, um sein durstiges Herz zu erquicken, – aber das Hochamt ging zu Ende, die Andächtigen entfernten sich, Gesang und Orgelspiel verstummten, der Genuß für Ohr und Seele war vorbei. Eine Woche, eine ganze lange Woche mußte er auf die Wiederholung dieser belebenden Stunde warten, ... vielleicht länger noch; denn wer weiß, ob Paula am nächsten Sonntag abermals singen würde? Rasch verfügte er sich in die Sakristei und legte hastig das Meßgewand ab. Er wollte dem jungen Mädchen zuvorkommen, wollte früher als sie außerhalb der Kirche sein, Paula noch einmal sehen, ... vielleicht, daß die kleine Toni ihn anreden und sich ihm dadurch die Gelegenheit bieten würde, mit Paula zu sprechen; er würde dem jungen Mädchen gern gesagt haben, wie sehr ihr Gesang ihn entzückt hatte. Das war doch erlaubt, nicht wahr? Er war gewohnt, daß sein Vorgesetzter an allem, was er tat, zu rügen fand, ... vielleicht würde er auch darin Tadelnswertes erblickt haben. In Gottes Namen! auf einen Verweis mehr oder weniger kam es nicht an. »Ich stelle ihn doch nicht zufrieden,« dachte Harteck und eilte ins Freie.

Wirklich sah er Paula mit Toni kommen. Die Kleine hing am Arm der Schwester und plauderte eifrig mit ihr. Rasch entschlossen ging Harteck dem Paare entgegen, – die Schwestern konnten ihm nicht ausweichen, sie mußten ihn sehen. Toni hatte auch keineswegs die Absicht, ihn zu übersehen; sie zupfte die Schwester am Kleide und flüsterte ihr, während sie den Priester mit lachenden Augen anschaute, einige Worte zu. Paula aber blickte nicht einmal auf. »Komm!« sagte sie bloß zur Kleinen, die nicht üble Lust zu haben schien, stehen zu bleiben; widerstrebend gab Toni nach und die beiden gingen an dem Priester, der enttäuschten Gesichtes dastand, vorüber. Das Kind blickte noch einmal zurück und lächelte ihn an, – er nickte ihm flüchtig zu und begab sich langsamen Schrittes nach Hause. Am Frühstückstisch fand er niemanden als den jungen Mönch, der ihm schweigend mehrere Briefe überreichte. Gleichgültig schob Harteck die Briefe in die Tasche. Sie waren aus seiner Heimat, von seiner Mutter und Schwester; die konnte er auch später lesen.

»Wo sind der Herr Dekan und das Fräulein?« fragte er, um etwas zu sagen.

»Im Garten.«