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Die letzten zwanzig
Jahre deutscher
Litteraturgeschichte.
Die letzten zwanzig
Jahre deutscher
Litteraturgeschichte
1880–1900
Im Abriß dargestellt
von Emil Thomas.
2., durchgesehene Auflage.
(4. bis 8. Tausend.)
Leipzig 1900
Verlag von Walther Fiedler.
Vorwort.
Es sind in neuester Zeit vielfach Versuche einer Darstellung der Litteratur der letzten Jahre unternommen worden[1] und es war dies umsomehr von nöten, als unsere besten Litteraturgeschichten im Stich lassen, sobald die Litteratur der letzten Jahrzehnte in Frage kommt. Selbst Vogt und Kochs Litteraturgeschichte, die im vorigen Jahre zur Ausgabe gelangte, ein sonst tüchtiges und zuverlässiges Werk, macht vor der modernen Litteratur Halt und behandelt die Zeit von dem Auftreten der »Jüngsten« an in einer wahrhaft stiefmütterlichen Weise, die zu dem Ganzen in keinem Verhältnis steht und deutlich erkennen läßt, wie wenig die Verfasser über die moderne Litteratur unterrichtet sind. Wenn man nun auch zugeben muß, daß es mit Schwierigkeiten verbunden ist, klar und übersichtlich eine Periode darzustellen, in der noch alles Leben und Bewegung ist, die noch nicht einmal äußerlich zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, so erscheint es doch nicht angängig, aus einer zeitlich nicht begrenzten Litteraturgeschichte die moderne Litteratur auszuschließen oder sie in ungenügender Weise zur Darstellung zu bringen. Denn nichts liegt dem Interesse näher, als was uns zeitlich naheliegt, und es ist sehr wohl möglich, zeitgenössische Schriftsteller und ihre vorliegenden Werke zu beurteilen, auch auf die Gefahr hin, daß durch spätere Schöpfungen neue charakteristische Züge in das Bild Aufnahme finden müssen. Darstellen läßt sich also die Litteraturperiode der letzten Jahre – fraglich ist nur, ob der Bericht über dieselbe, 10 oder 20 Jahre später, nicht derartige Korrekturen erfahren wird, daß Urteil und Anschauung der Gegenwart dadurch für die spätere Zeit vollständig entwertet werden. Strömungen und Unterströmungen auf litterarischem Gebiete sind für denjenigen, der mitten in der darzustellenden Periode steht, nur schwer erkennbar, und auch das Urteil des vorurteilslosen Beobachters wird von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, besonders in einer Zeit, die an Stelle der litterarischen Persönlichkeiten litterarische Schulen setzt und durch Schlagworte zu ersetzen sucht, was ihr an litterarischem Verständnis abgeht.
[1] Neben den Studien zur neueren Litteratur, die Professor Erich Schmidt, Adolf Stern und Franz Muncker veröffentlichten, sind vor allem das Buch B. Litzmann's über das deutsche Drama der Gegenwart, sowie Alfred Bieses Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker, Wolff's Geschichte der deutschen Litteratur in der Gegenwart, Adolf Bartels, Die deutsche Dichtung der Gegenwart, Edgar Steiger, Das Werden des neuen Dramas, und Richard M. Meyers Geschichte der deutschen Litteratur im 19. Jahrhundert, zu nennen.
Wir sagten, daß in 10 oder 20 Jahren das jetzt abgegebene Urteil über unsere moderne Litteratur eine Wandlung erfahren wird, und je weiter wir uns von der Gegenwart entfernen, destomehr wird die zeitgenössische Kritik von der späterer Zeiten sich als unterschiedlich erweisen. Sie wird ruhiger, objektiver ausfallen, aber sie braucht darum nicht »richtiger« zu sein, denn der Wert eines Buches darf nicht nur danach bemessen werden, daß es noch kommenden Geschlechtern etwas zu sagen hat, er kann auch darin bestehen, daß es, allein für seine Zeit geschrieben, auch nur dieser nützt. Da wir aber die Litteraturgeschichte aus der Kulturgeschichte ausscheiden und ihr eine selbständige Stellung – ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt – angewiesen haben, so werden in ihr alle diejenigen Werke zu kurz kommen, die allein für ihre Zeit berechnet und nur diese fördernd, nicht künstlerischen Gehalt oder genügendes Interesse für die Zukunft mitbringen. Noch ein weiterer Grund kommt hinzu, um die Aufgabe der Litteraturgeschichte zu erschweren: der, daß niemand, und sei er noch so belesen, in der Lage sein wird, ohne Anleihen bei anderen zu machen, ein Urteil über die Litteratur, selbst eines so begrenzten Zeitraumes, wie es der von 1880–1900 ist, abgeben zu können. Denn um festzustellen, welcher Dichter und welches Werk in diese Litteraturgeschichte aufzunehmen wären, müßte, unter der Voraussetzung einer Befähigung, über alles urteilen zu können, ein eingehendes Studium aller in dem betreffenden Zeitraum erschienener Werke vorausgehen. Denn wie könnte jemand, der nicht das ganze Gebiet beherrscht, wissen, ob er nicht das Wichtigste übersehen, ob ihm nicht gerade das entgangen, auf das das meiste Gewicht zu legen wäre? Wäre er allein in der Lage, auch nur über eine beschränkte Anzahl Werke ein Urteil abzugeben, sie litterarisch zu werten, und könnte dies immer unter Ausschaltung alles Persönlichen geschehen? Könnte er sich ganz dem Einflusse entziehen, den auch ein minder gutes Buch ausüben kann, das ihm persönlich mehr als den anderen zu sagen hat oder das in einer Stimmung zur Hand genommen wurde, die es für ihn in einem besonderen Lichte erscheinen ließ? Und wird derselbe Autor, der, 30 Jahre alt, ein Werk kritisiert, mit 40 Jahren noch dasselbe Urteil über das Werk abgeben? Ein persönliches Gepräge kann eine Litteraturgeschichte nur in einzelnen Zügen tragen und auch diese müssen mit Vorsicht gegeben und durch die Urteile sachverständiger Kritiker wenigstens kontrolliert werden. Gerade weil selbst ein eng begrenztes Gebiet zu beherrschen unmöglich ist, kann der Autor einer Litteraturgeschichte kaum etwas anderes sein als ein Kompilator, der die abgegebenen Urteile in litteraturgeschichtlichen und verwandten Büchern und Zeitschriften abzuwägen, zu kontrollieren und aus ihnen das Facit zu ziehen hat. Er wird nie, und wenn er seinen Namen noch so fett auf das Titelblatt schreibt, ganz aus Persönlichem heraus eine Litteraturgeschichte schreiben und sagen können: so denke ich über alle jene Werke, zu denen ich in dem und dem Verhältnis stehe.
Allerdings soll eine Litteraturgeschichte in ihrer Gesamtheit mehr sein, als ein Sammelsurium von Urteilen, die Hinz und Kunz über Bücher und Autoren abgeben und die Müller oder Schulze dann »kontrollieren« und »abwägen«: eine Litteraturgeschichte muß vor allem auf die geistigen Strömungen das Hauptgewicht legen, sie muß, wenn sie Wert besitzen soll, uns zeigen, wie sich diese in dem Kopfe des Verfassers darstellen, der bei einer Geschichte mehr auf den geistigen Zusammenhang, auf die typischen Erscheinungen, als auf ihre Repräsentanten zu achten hat. Die Geschichtsschreibung, die nur die »Haupt- und Staatsaktionen« kannte und darstellte, hat sich überlebt, die politische Geschichte von ehemals ist der Kulturgeschichte gewichen, die versuchen muß, uns aus der Zeit heraus die Erscheinungen zu erklären und verständlich zu machen. Von der Litteraturgeschichte muß aber noch mehr gefordert werden. Vor allem ist ihre Aufgabe, reinlich zu scheiden zwischen dem, was Mode, Reklame und Marktschreierei, gute Freunde und getreue Nachbarn aus einem Autor gemacht haben, und dem, was ihm an wirklichem Verdienste, nach seinem Können, zukommt. Sie hat sich mit den schlechten Autoren, die den litterarischen Geschmack einer Zeit wesentlich beeinflussen, ebenso abzufinden wie mit den guten, hat auch der besonderen Beeinflussung älterer Werke und Autoren, die für eine Zeit wieder lebendig geworden sind, zu gedenken, sie muß – und das nicht zuletzt – auch gutzumachen suchen, was an einem Autor gesündigt wurde, dessen Talent sich mit jedem der durch Verlegerreklame und Cliquenwirtschaft bekannt gewordenen »Jungen« und Modernen messen kann, der aber den Fehler beging, nur seine Bücher und nicht auch seine Freunde und Vettern für sich reden zu lassen.
Es bedarf wohl einer Erklärung, warum der vorliegende Abriß der deutschen Litteraturgeschichte der Gegenwart mit dem Jahre 1880 und nicht, wie dies sonst üblich, mit dem Tode Goethes (1832) oder dem Ausbruche des deutsch-französischen Krieges (1870) beginnt.
Das eine wie das andere Jahr kommt für die Litteratur wenig in Betracht. Der Tod Goethes, wie der Ausbruch des Krieges waren rein äußere Umstände: der erstere beendete nicht das goldene Zeitalter unserer Litteratur, das mit dem Erscheinen des ersten Teils von Faust sein Ende erreichte, und der letztere leitete keine neue Epoche unserer Litteratur ein. Wenn es auch gefährlich ist, den Beginn einer neuen Litteraturperiode durch ein bestimmtes Jahr festzulegen, so haben doch, nach unserem Dafürhalten, die 80er Jahre mehr Berechtigung, als Ausgangspunkt bei der Darstellung der modernen Litteratur angenommen zu werden, als das Jahr 1870, das nicht einmal auf einem litterarischen Gebiete – der Kriegslyrik – neue Blüten trieb, sondern nur politisch von Bedeutung ist. Nimmt man ein bestimmtes Jahr zum Ausgangspunkt an, so entsteht die Frage, inwieweit sich ein Zurückgreifen auf die vorhergehenden Jahre zum besseren Verständnisse des angesetzten Jahres notwendig macht. Litterarische Erscheinungen wie Freytag und Spielhagen – um Beispiele aus der modernen Litteratur anzuführen – hatten ihren Vorläufer in Gutzkow, wie Heyse's Schaffen schließlich auf Goethe zurückführt. Und noch eine andere Schwierigkeit erwächst dem Litterarhistoriker bei der Darstellung eines bestimmten, engbegrenzten Zeitraumes. Heyses, Spielhagens und Freytags litterarische Bedeutung und Erfolge – um bei den einmal Genannten zu bleiben – gehören einer vergangenen Periode an, sie waren es nicht, die der neueren Litteratur den Stempel aufdrückten und auch ihr eigenes litterarisches Charakterbild erhielt durch ihre späteren Schöpfungen keine neuen Züge. Das trifft selbst bei einem Autor wie Spielhagen zu, der sich wie kaum ein anderer unter den Alten bemüht hat, die neue Zeit zu verstehen und mit ihr zu paktieren, aber doch immer der alte Spielhagen der 70er Jahre blieb.
Die älteren Dichter sind daher in dem vorliegenden Abriß nur stiefmütterlich behandelt worden, eine Taktik, die auch darauf zurückzuführen ist, daß es nicht schwer hält, sich über sie anderenorts zu informieren. Wir wollten vor allem den geringen Raum, der uns zur Verfügung steht – das Werkchen ist ein etwas erweiterter Abdruck aus dem »Buchhändler-Kalender für 1900« – benutzen, um auf die »neuesten und allerneuesten« Dichter aufmerksam zu machen. Daß wir auch hier nur Einzelbilder und Einzelerscheinungen herausgreifen konnten und auf eine Darstellung der Entwickelung der neuesten Litteratur verzichten mußten, findet gleichfalls seine Erklärung in der uns auferlegten räumlichen Beschränkung. Sie verführte auch, im Gegensatze zu unserer Anschauung, daß eine Litteraturgeschichte nicht nur die schöngeistigen Schriften, sondern das gesamte Geistesleben zu umfassen hat, soweit es seinen Ausdruck in der Litteratur findet und nicht rein fachwissenschaftlicher Natur ist, zu einer ausschließlichen Berücksichtigung der Belletristik, so daß man Namen wie: Büchner, Eduard v. Hartmann, Friedrich Nietzsche, Schopenhauer, Stirner, Gregorovius, Treitschke, Sybel, Ranke, Mommsen, Schäffle, Ihering, Erich Schmidt, Paul de Lagarde, Karl Hillebrand, Victor Hehn, Herman Grimm, Otto Gildemeister, Bamberger, Fürst Bismarck, Richard Wagner u. a., in den »Charakteristiken« nicht begegnen wird, so sehr sie Anspruch auf Aufnahme in eine moderne Litteraturgeschichte haben. Dagegen wird man es in einer speciell für Buchhändler, Litteraten etc. bestimmten Litteraturgeschichte gerechtfertigt finden, daß wir nicht sowohl den Versuch einer Charakteristik der litterarischen und verwandten Blätter unternommen, als auch auf den Anteil hingewiesen haben, der dem Verlagsbuchhandel an der Entwicklung unserer Litteratur zukommt.
Was die in den »Charakteristiken« angeführten Dichter betrifft, so wird gewiß schon im kommenden Jahrzehnt eine ganze Reihe in der Versenkung verschwinden und anderen Platz machen müssen, die jetzt bescheiden bei Seite stehen, unbeachtet von der Kritik und dem großen Publikum. Ihr Ruhm wird dauernder sein als der unserer litterarischen Tagesgrößen, wenn auch eine Litteraturgeschichte so geringen Umfangs und mit so bescheidenen Aufgaben wie die vorliegende, nur vorsichtig für einzelne von ihnen eintreten kann. Denn auf die Freude, gerade den Könnern ohne Anhang in der Presse und im Publikum zu ihrem Rechte zu verhelfen, muß der Verfasser eines Werkchens verzichten, das seiner ganzen Anlage nach nur für die Gegenwart berechnet, keine Umwertung der jetzigen litterarischen Werte vornehmen kann, sondern allein den Zweck verfolgt, über die bekannteren Schriftsteller und ihre Werke ein paar orientierende Notizen zu geben, mit denen sich die Benutzer besser im litterarischen Leben zurechtfinden können.
Leipzig, März 1900.
Emil Thomas.
Inhaltsverzeichnis.
| Seite | |
| Vorwort | [5] |
| Überblick | [18] |
| Charakteristiken: Die Romanciers der alten Schule | [29] |
| Gustav Freytag. – Friedrich Spielhagen. – Berthold Auerbach. – Luise von François. | |
| Die großen Novellisten der 70er und 80er Jahre | [32] |
| Conrad Ferd. Meyer. – Gottfried Keller. – Theodor Storm. – Paul Heyse. | |
| Die Formtalente der alten Schule | [35] |
| Emanuel Geibel. – Friedr. v. Bodenstedt. – Adolf Friedr. Graf v. Schack. – Rob. Hamerling. – Albert Moeser. – Heinr. Vierordt. | |
| Lyriker und Epiker der 70er und 80er Jahre | [37] |
| Julius Grosse. – Martin Greif. – Joh. Georg Fischer. – Friedr. Wilh. Weber. – Friedrich Theod. Vischer. – Wilh. Jordan. – Hermann Lingg. – Stephan Milow. – Ludwig Eichrodt. – Hermann Allmers. – Robert Waldmüller. – Rudolf Bunge. – Adolf Brieger. – Heinrich Bulthaupt. – Julius Rodenberg. – Karl Weitbrecht. – Eduard Paulus. – Isolde Kurz. | |
| Die neuzeitlichen Romantiker | [43] |
| Otto Roquette. – Oskar von Redwitz. – Heinrich Steinhausen. – Wilhelm Hertz. | |
| Die Dichter mit dem Erdgeruch | [44] |
| Klaus Groth. – Ludwig Anzengruber. – Theod. Herrmann Pantenius. – Peter Rosegger. – Karl Stieler. – Hermann von Schmid. – Maximilian Schmidt. – Ludwig Ganghofer. – Arthur Achleitner. – Johann Meyer. – Joh. Heinr. Fehrs. – Timm Kröger. – Heinr. Hansjakob. – Hermine Villinger. – Clara Viebig. – Adolf Bartels. – Charlotte Niese. – Ilse Frapan. – August Sperl. – Heinrich Sohnrey. | |
| Die Kulturnovellisten | [49] |
| Wilhelm Heinrich Riehl. – Karl Emil Franzos. – Leopold Kompert. – Leopold von Sacher-Masoch. | |
| Die Dichter-Archäologen | [50] |
| Georg Ebers. – Felix Dahn. – Ernst Eckstein. – George Taylor. – Oskar Linke. | |
| Die Dramatiker der alten Schule | [52] |
| Rudolf v. Gottschall. – Hans Herrig. – Arthur Fitger. – Heinrich Kruse. – Albert Lindner. | |
| Die sogenannten Lustspieldichter | [53] |
| Oskar Blumenthal. – Hugo Lubliner. – Gustav von Moser. – Adolf L'Arronge. | |
| Die Übergangstalente | [54] |
| Hans Hopfen. – Wilhelmine von Hillern. – Karl v. Heigel. – Karl Frenzel. – Adolf Stern. – Ferdinand von Saar. – Heinrich von Reder. | |
| Vaganten und Spielmänner | [56] |
| Josef Victor von Scheffel. – Rudolf Baumbach. – Julius Wolff. | |
| Die Goldschnittlyriker der 80er Jahre | [57] |
| Karl Gerok. – Julius Sturm. – Albert Traeger. – Emil Rittershaus. | |
| Die Beschaulichen | [58] |
| Wilhelm Raabe. – Wilhelm Busch. – Hans Hoffmann. – Heinrich Seidel. – Victor Blüthgen. | |
| Die Behaglichen | [60] |
| Julius Stinde. – Johannes Trojan. – Julius Lohmeyer. – Edwin Bormann. – Georg Bötticher. – Hans Arnold. | |
| Die Dichter der Dekadenz | [61] |
| Dranmor. – Eduard Grisebach. – Emil Prinz von Schönaich-Carolath. – Hieronymus Lorm. – Alberta von Puttkamer. – Ada Christen. | |
| Die Marlitt und ihre Schule | [63] |
| E. Marlitt. – W. Heimburg. – E. Werner. – Marie Bernhard. – Nataly von Eschstruth. | |
| Die »Jüngstdeutschen« und ihre Vorkämpfer | [64] |
| Karl Bleibtreu. – Michael Georg Conrad. – Hermann Conradi. – Konrad Alberti. – Heinrich Hart. – Julius Hart. – Hermann Heiberg. – Max Kretzer. – Wilhelm Walloth. – Wilhelm Arent. – Wolfgang Kirchbach. | |
| Socialistische Lyriker | [67] |
| Arno Holz. – Karl Henckell. – Maurice Reinhold Stern. – John Henry Mackay. – Bruno Wille. | |
| Die Nationalen | [69] |
| Adolf Pichler. – Karl Pröll. – Fritz Lienhard. – Anton Ohorn. – Anton Aug. Naaff. – Ottomar Beta. – Adolf Graf v. Westarp. – E. Bauer. – Carl Kerstan. | |
| Die großen neuzeitlichen Erzähler | [71] |
| Theodor Fontane. – Wilhelm Jensen. – Marie von Ebner-Eschenbach. – Adolf Wilbrandt. – Richard Voß. | |
| Realistische Erzähler | [73] |
| Ernst von Wolzogen. – Konrad Telmann. – Alexander von Roberts. – Georg v. Ompteda. – Wilhelm v. Polenz. – Ad. Schmitthenner. – Karl v. Perfall. – Anton v. Perfall. – Oscar Mysing. – Richard Nordhausen. – J. J. David. – Felix Hollaender. – Heinz Tovote. | |
| Die Unterhaltungstalente | [77] |
| Ernst Wichert. – August Niemann. – Gerhardt von Amyntor. – Otto v. Leixner. – Fritz Mauthner. – Theophil Zolling. – Rudolf Stratz. – Hans Land. – Wilh. Wolters. – Franz v. Königsbrun-Schaup. – Fedor von Zobeltitz. – Hanns von Zobeltitz. – Ida Boy-Ed. – A. v. d. Elbe. – Claire Glümer. – Sophie Junghans. – Luise Westkirch. | |
| Romanciers des High-life | [81] |
| Rudolf Lindau. – Ossip Schubin. – Baron Carl Torresani. – Johannes Richard zur Megede. – Bertha von Suttner. | |
| Die Feuilletonisten | [82] |
| Paul Lindau. – Max Nordau. – Julius Langbehn. – Emil Peschkau. – Balduin Groller. – Ferdinand Groß. – Hermann Bahr. – Maximilian Harden. | |
| Die Industriellen | [84] |
| Gregor Samarow. – Alfr. Friedmann. | |
| Die dramatischen Hauptmänner | [85] |
| Ernst von Wildenbruch. – Gerhart Hauptmann. – Hermann Sudermann. | |
| Die kleineren Dramatiker der Neuzeit | [88] |
| Max Halbe. – Ludwig Fulda. – Arthur Schnitzler. – Josef Lauff. – Felix Philippi. – Max Dreyer. – Josef Ruederer. – Caesar Flaischlen. – Otto Erich Hartleben. – Philipp Langmann. – Ernst Rosmer. – Georg Hirschfeld. | |
| Tendenzfreie Lyriker der jüngsten Zeit | [91] |
| Detlev von Liliencron. – Gustav Falke. – Carl Busse. – Ludwig Jacobowski. – Richard Zoozmann. – Reinhold Fuchs. – Jeannot Emil Freiherr v. Grotthuß. – Ricarda Huch. – Alfred Beetschen. – Hans Bethge. – Anna Ritter. – Johanna Ambrosius. – Ludwig Palmer. – Gustav Renner. | |
| Philosophische und polemische Dichter | [94] |
| Ferdinand Avenarius. – Wilhelm Weigand. – Otto Ernst. – Carl Spitteler. – Josef Viktor Widmann. – Christian Wagner. – Wilhelm Bölsche. – Walther Siegfried. – Benno Rüttenauer. | |
| Die Amazonen des Geistes | [97] |
| Marie Eugenie delle Grazie. – Helene Böhlau. – Anna Croissant-Rust. – Maria Janitschek. – Emil Marriot. – Hermione von Preuschen. – Lou Andreas-Salomé. – Gabriele Reuter. – Anselm Heine. – Hans von Kahlenberg. – Elsa Asenijeff. | |
| »Artisten«, Symbolisten und Unverstandene | [99] |
| Johannes Schlaf. – Otto Julius Bierbaum. – Franz Evers. – Stanislaw Przybyszewski. – Richard Dehmel. – Frank Wedekind. – Wilhelm von Scholz. – Felix Dörmann. – Hugo v. Hofmannsthal. – Hugo Salus. – Peter Altenberg. – Stephan George. – Alfred Mombert. – Paul Scheerbart. | |
| Nationale Jungösterreicher | [103] |
| Arthur von Wallpach. – Franz Herold. – Hermann Hango. – Josef Kitir. – Oskar Weilhart. – Franz Adamus. – Emil Ertl. – Heinrich v. Schullern. – Hanns Weber-Lutkow. – Hugo Greinz. | |
| Zur Charakteristik litterarischer und verwandter Blätter | [106] |
| Der Verlagsbuchhandel und sein Anteil an der Litteratur der Gegenwart | [118] |
| Register der in den »Charakteristiken« angeführten Namen | [133] |
Überblick.
Der deutsch-französische Krieg 1870/71 erfüllte das Sehnen der Nation nach Einheit und Macht unter einem neuen deutschen Kaisertum: eine neue Litteratur brachte er nicht. Selbst die Kriegslyrik trieb nur wenig neue Blüten; Schlag auf Schlag war draußen in Frankreich erfolgt, und ehe man Zeit fand, den jungen Ruhm dichterisch zu verherrlichen, war der Friede geschlossen. Was sehnsüchtig die Besten der Nation herbeigewünscht, war in Erfüllung gegangen, aber nach dem jahrzehntelangen Warten stand man zu plötzlich am Ziel, um die Wandlung begreifen zu können. In den Kabinetten war der Krieg beschlossen worden, die Volksseele hatte wenig Teil an ihm. Auch die Errichtung des deutschen Kaisertums war mehr ein Akt der Diplomatie, als der Ausfluß jenes Sehnens, das im Volke lebte und dessen Erfüllung man kaum noch erhoffte, als sie schon eingetreten war. Die wenigen großen Dichter, die wir um jene Zeit besaßen, waren in ihrer Entwicklung bereits abgeschlossen, als Bismarck Deutschland in den Sattel hob. Paul Heyse war zu sehr Künstler, Ästhetiker, als daß von ihm eine nationale Kunst ihren Ausgang nehmen konnte. Seine Sehnsucht ging mehr nach dem sonnigen Italien oder dem schönheitstrunkenen Hellas, als nach dem neuen Deutschen Reiche. Berthold Auerbach hatte sein Bestes schon geleistet und Gustav Freytags altfränkisch-philiströse Kunst fand sich ebensowenig im neuen Deutschland zurecht, wie Friedrich Spielhagens politisches Glaubensbekenntnis. Die beiden Schweizer Gottfried Keller und Conrad Ferd. Meyer standen zu weit ab vom Deutschen Reiche, um wirklichen Einfluß auf sein nationales Leben zu gewinnen. So verklang das Lied vom »Grünen Heinrich« in der Ferne und erst viel später wurde seine Melodie wieder gehört. Conrad Ferd. Meyers feinciselierte Kunst war nie Volkskunst, ihr Einfluß blieb auch später auf Litteraten- und Künstlerkreise beschränkt. Das Volk trug kein Verlangen nach Kunst; was es suchte, war Unterhaltung – Genuß. Die Milliarden kamen ins Land und ein toller Taumel erfaßte alle Kreise: wer früher Wasser getrunken, berauschte sich jetzt in Champagner. Die Gründerperiode war angebrochen, das Gold übte seine Zauberkraft, alles in seinen Bann ziehend und alle anderen als vitale Interessen ertötend. Oskar Blumenthal und Paul Lindau, Namen, die heute schon vom litterarischen Schauplatz verschwunden sind, feierten ihre Triumphe, und das eroberte Paris war es, das seine litterarischen Schatzkammern öffnete und dem neuen Reich auch die »neue Kunst« gab. Sie war auch danach und ihrer Vertreter würdig. Die beiden Litteraturpäpste an der Spree waren aus dem Journalismus hervorgegangen. Beide suchten mit Pamphleten schlimmster Sorte ihr Ansehen zu begründen. Den »Allerlei Ungezogenheiten« des »blutigen Oscar« traten die »Litterarischen Rücksichtslosigkeiten« Lindaus ebenbürtig zur Seite. Alles, was in Deutschland einen Namen besaß, verfiel ihnen und wurde mit Spott und Hohn überschüttet. Paris war die Parole. Hatte das kriegerische Frankreich keine Lorbeeren gepflückt, so fielen sie jetzt dem künstlerischen Frankreich überreich in den Schoß. Selbst vor dem Kriege war die Abhängigkeit von unseren westlichen Nachbarn nicht so groß wie nach der Wiedergeburt Deutschlands, das sich erst auf seine Machtstellung besinnen mußte. Irregeleitet von falschen Propheten, die ihre Lehrjahre in Paris durchgemacht hatten, wußte das Volk nichts Besseres, als der leichtgeschürzten gallischen Muse zuzujubeln und ihre Kinder für den Inbegriff des Schönen und Wahren hinzustellen.
Die Zeiten des Kulturkampfes waren der Entwickelung der deutschen Dichtung wenig günstig, die Handvoll wirklicher Poeten, die Deutschland besaß, ging unverstanden ihre Wege und viel später erst fand sie Anerkennung. Die Gründerperiode hatte bald abgewirtschaftet, der Krach kam, der Champagnerrausch verflog und nur der Katzenjammer blieb zurück. Damals wurde Schopenhauer Mode. Sein Schüler Grisebach sang seine Tannhäuserlieder, die die Stimmung des Volkes widerspiegeln, das von Genuß zu Genuß taumelt, bis ihm erwachend der Ekel kommt. Eine Zeit der Nüchternheit und Niedergeschlagenheit folgte den tollen Jahren, eine Zeit, in der die Litteratur auf die Zuneigung der höheren Töchter angewiesen war. Die Poesie flüchtete in die Gelehrtenstuben und drapierte sich malerisch mit griechischen und ägyptischen Gewändern, um sich ein besonderes Air zu geben. Es waren die Erntejahre der Dahn und Ebers. In ihrem Gefolge erschienen die Scheffel, Wolff und Baumbach und ließen ihre Spielmannsweisen ertönen. Die Romantik hat den Deutschen immer im Blute gesteckt und sie sollte auch im neuen Deutschen Reiche nicht zu kurz kommen. Was ihre Vertreter an gutem Geschmack noch übrig ließen, das richteten die Gartenlaube-Talente vom Schlage der Marlitt zu Grunde. Wohl hatte Storm bereits seine schönsten Lieder gesungen, Wilh. Raabe, Anzengruber und Rosegger waren bei der Arbeit und andere kleinere Talente ihnen gefolgt, aber was vermochten sie gegen die Protegés der höheren Töchter in einer Zeit, die die Kunst nur als angenehme Zugabe zum Leben betrachtete und keine Dichter haben wollte?
In dieser Zeit des Niederganges erstand dem litterarischen Deutschland ein Retter in einer Gruppe junger Schriftsteller, die dem allmählichen Versanden der Litteratur nicht länger teilnahmslos zusehen wollte. Sie empfand tief die Mißachtung, die man dem einheimischen Schrifttum entgegegenbrachte, eine Mißachtung, an der nicht sowohl das Publikum als auch die Litteratur selbst schuld war. Die erste Streitschrift »Kritische Waffengänge«, die der »neuen Litteratur« die Wege bahnen sollte, ging von den Gebrüdern Hart aus.
In einem einleitenden Aufsatze: »Wozu, wogegen, wofür?« entwickeln sie ihr Programm: Sie wollen aufräumen mit dem eklektischen Dilettantismus, der sich breit macht, mit dem um sich fressenden Kastratentum der Kritik. Sie wollen Platz machen für bessere und edlere Geister, weil sie nicht an einen Niedergang der Litteratur glauben können und wollen.
»Hinweg also mit der schmarotzenden Mittelmäßigkeit, hinweg alle Greisenhaftigkeit und alle Blasiertheit, hinweg das verlogene Recensententum, hinweg mit der Gleichgiltigkeit und hinweg mit allem sonstigen Geröll und Gerümpel. Reißen wir die jungen Geister los aus dem Banne, der sie umfängt, machen wir ihnen Lust und Mut, sagen wir ihnen, daß das Heil nicht aus Ägypten und Hellas kommt, sondern daß sie schaffen müssen aus der germanischen Volksseele heraus, daß wir einer echt nationalen Dichtung bedürfen, nicht dem Stoffe nach, sondern dem Geiste, daß es wieder anzuknüpfen gilt an den jungen Goethe und seine Zeit, und daß wir keine weitere Formenglätte brauchen, sondern mehr Tiefe, mehr Glut, mehr Größe.«
Und nun kommen die kritischen Abschlachtungen. Im ersten Heft muß der Dramatiker Heinrich Kruse herhalten, im zweiten wird Paul Lindau vorgenommen. Ihm folgen Hugo Bürger (Hugo Lubliner) und Albert Träger. Das vierte Heft enthält eine Beleuchtung des »Deutschen Theater« L'Arronges; im fünften wird Graf Schack gelobt und zum Schluß Spielhagen und dem deutschen Roman der Gegenwart näher oder besser zu nahe getreten. – Den »Kritischen Waffengängen« folgte die Arent'sche Anthologie »Moderne Dichtercharaktere«, der sich Karl Bleibtreu mit seiner Broschüre: »Revolution der Litteratur« anschloß. Um den »Jungen« ein Organ zu schaffen, in dem sie ihre Meinungen ungeschminkt zum Ausdruck bringen konnten, gründete M. G. Conrad in Gemeinschaft mit Bleibtreu »Die Gesellschaft«. Sie wurde bald der Mittelpunkt einer Anzahl junger Schriftsteller, unter denen sich neben den Herausgebern Hermann Conradi, Wilhelm Walloth, Konrad Alberti bemerkbar machten.
Wie bei jeder neuen Kunstrichtung schoß man auch hier über das Ziel hinaus, und in dem Bestreben, alles Bestehende über den Haufen zu werfen oder doch zu reformieren, wurde man ungerecht und was noch schlimmer war, roh. Dazu kam, daß man an Stelle der alten Kunst zwar ein neues Programm, aber keine neue Kunst setzen konnte. Auch da mußte Frankreich aushelfen. Der den Deutschen verwandte Meister Zola zog die Jüngsten in seinen Bann, und wie helle Fanfarenstöße klang sein Name in das Lager der »Alten«. Wahrheit und Natur waren die Schlagworte, mit denen man der Romantik zu Leibe ging. Die Großstadt mit ihrer Pracht und ihrem Elend wurde entdeckt, die Kellnerinnen und Dirnen in die Litteratur eingeführt und die vielgliedrige sociale Frage der Belletristik einverleibt. Aber dem großen Wollen entsprach nur ein geringes Können. Bleibtreu suchte den Satz zu erweisen, das Genie sei der Fleiß, und schrieb unermüdlich Band auf Band, M. G. Conrad schuf seine Münchener Großstadt-Romane nach Zola'schem Recept, Konrad Alberti wählte sich Berlin zum Schauplatz seiner socialen Romane und Hermann Conradi stammelte brünstige Lieder und »Phrasen«. Daneben sangen Arno Holz und Karl Henckell ihre Proletarierlieder, bei denen Geibel und Herwegh Pate gestanden, Liliencron sattelte seinen Pegasus zu den »Adjutantenritten« und Hermann Heiberg schrieb seinen »Apotheker Heinrich«.
So beachtenswert auch einzelne Leistungen waren, so wenig konnte das Gesamtbild befriedigen. Die neuen Stoffe besaß man wohl, aber die Künstler fehlten, sie zu gestalten. Auch sonst kam noch manches hinzu, was wenig geeignet war, der neuen Kunst Anhänger zuzuführen. Ästhetisch feiner empfindende Naturen fühlten sich abgestoßen von dem Gebahren der Jüngstdeutschen, die den weichen Künstlerschlapphut der Münchener Schule ostentativ mit der Ballonmütze des Proletariers vertauschten und in der Art sich zu geben vieles zu wünschen übrig ließen. Die Unzulänglichkeit in der Bewältigung der neuen Stoffe führte wieder zu einer Anlehnung an das Ausland. Dank den »Gründer«-Übeln übersah man Dichter wie Otto Ludwig und vor allem Friedrich Hebbel, die zwar noch keine socialistische und Kellnerinnen-Litteratur geschaffen, aber den natürlichen Übergang von der alten zur neuen nationalen Kunst darstellen. Ibsen und Tolstoi, denen sich Strindberg, Björnson, Dostojewskij u. a. zugesellten, wurden vielmehr neben Zola die großen Vorbilder, denen die Jüngstdeutschen nacheiferten. An Ibsen bewunderte man die Kühnheit, mit der er an alle ererbten Institutionen und Anschauungen herantrat und ihre Fäulnis und Verderbtheit aufdeckte. Und daneben lag in dem »Wunderbaren«, auf das der große Prophet des Nordens hinwies, ein eigener Zauber, der ebenso gefangen nahm, wie die Lehre von dem Erbarmen mit dem Elend der Gegenwart, die Tolstoi verkündete. Ibsen besonders hat das große Publikum mit dem Denken und Empfinden der Modernen vertraut gemacht: die Hunderttausende von Exemplaren, die Reclam von seinen Stücken in die Welt sandte, predigten das neue Evangelium der Kunst. Neben ihm aber war ein anderer Prophet aufgetreten, der über Stirner noch hinausgehend, die Philosophie des Egoismus predigte und das »robuste Gewissen« verherrlichte: Friedrich Nietzsche. Der Sklavenmoral des Christentums setzte er die Herrenmoral des »Uebermenschen« gegenüber und wenn er auch kein System auf- und ausgebaut hat, so hat seine Lehre doch den stärksten Einfluß auf die jüngste Dichtergeneration ausgeübt, die sich an seinen großen Worten berauschte und das von ihm verherrlichte Übermenschentum für sich zu pachten suchte.[2]
[2] Die Gebrüder Hart hatten in ihren »Kritischen Waffengängen« die Forderung aufgestellt: die deutschen Dichter müßten »aus der germanischen Volksseele heraus schaffen«; ihre modernen Mitstürmer aber vermochten, wie oben ausgeführt, die Stoffe, die in der deutschen Volksseele lebten, weder zu erfassen, noch zu gestalten. Sie verfielen vielmehr der krassesten Ausländerei und befriedigten ihren germanischen Litteraturdrang dadurch, daß sie gehorsam zu den Füßen der Franzosen, Russen und Norweger saßen. Gegen diese Versumpfung der »litterarischen Revolution« und »Moderne« trat eine Bewegung auf, die das »Nationale« wieder in den Vordergrund zu schieben und eine »Heimatkunst« zu schaffen suchte. Politisch schloß sie sich an die Deutschbewegung in Österreich und den russischen Ostseeprovinzen an und fand ihren stärksten Ausdruck in dem von Erwin Bauer gegründeten »Zwanzigsten Jahrhundert«, zu dessen Mitarbeitern Karl Pröll, Adolf Graf Westarp, Fritz Lienhard, Oskar Linke, Jeannot Emil von Grotthuß u. a. gehörten. Diese »nationale« Litteratur-Bewegung verfiel jedoch sehr bald dem politischen Antisemitismus und verlor dadurch den Einfluß auf die deutsche Jugend ebenso rasch, wie sie ihn gewonnen hatte. Erst in den letzten Jahren sind diese Bestrebungen, wenn auch in etwas veränderter Form, von Ferdinand Avenarius, Adolf Bartels, Fritz Lienhard u. a. im »Kunstwart« und neuerdings in der »Heimat« wieder erfolgreich aufgenommen worden.
War es um die Litteratur im allgemeinen schon schlecht bestellt, so hatte das deutsche Theater im besonderen unter dem Tiefstand des litterarischen Interesses und des herrschenden Geschmacks zu leiden. Erst Richard Wagners Schöpfung des musikalischen Dramas erinnerte daran, daß die Bühne anderen Zwecken zu dienen habe als der Darstellung französischer Possen und Zoten. Seine Dramen ließen die Vergangenheit wieder aufleben, in seinen stolzen Reckengestalten und heldenmütigen Frauen zeigte der Dichter-Komponist wieder Ideale, an die der Glaube längst abhanden gekommen. Aber Wagners Bedeutung liegt mehr auf musikalischem als dichterischem Gebiete und auf die große Menge hat seine Kunst kaum Einfluß gewonnen. Zudem waren die Wagnerianer, die heute eine Welt darstellen, damals wenig mehr als eine kleine Fanatikergemeinde. Von der jüngeren Generation war Wildenbruch der erste, der sich die Bühne mit seinen Stücken eroberte, in denen er dramatisch das Ergebnis der neuen Gestaltung Deutschlands zu ziehen suchte. Er schuf eigenartige Charakterbilder aus der brandenburg-preußischen Geschichte und das Schillersche Pathos, das er anschlug, gewann ihm die Gunst des Publikums im Fluge. Das eigentliche Drama der Gegenwart aber, das seinen Stoff dem modernen socialen Leben entnimmt, brachte der neuen Zeit zuerst Sudermann in seiner »Ehre«. Sie leitete eine neue Epoche unseres Litteraturlebens ein, nicht ihres künstlerischen Gehaltes wegen, sondern durch die Anteilnahme an dem dichterischen Schaffen unserer Tage, die sie in den Kreisen des Publikums weckte. Auf die unbestrittenen Erfolge Sudermanns folgten die lärmenden Kundgebungen, mit denen man die ersten Schöpfungen Hauptmanns empfing, die noch ganz unter dem Einflusse Ibsens standen. Andere jüngere Talente, wie Halbe, Fulda, Hartleben schlossen sich an. Durch sie und die späteren Triumphe Hauptmanns wurde die Bühne dem Naturalismus dauernd gewonnen: die Jüngsten hatten gesiegt, wenn auch auf einem anderen Plane als dem zuerst ins Auge gefaßten. Ihr Augenmerk war ursprünglich auf die Regeneration des Romans gerichtet, dem sie neue Stoffgebiete zu erschließen suchten. In Wirklichkeit war es nur die Technik, die eine Umgestaltung erfuhr, denn auch die Dichter der alten Schule, Spielhagen, Heyse, um nur zwei der noch lebenden zu nennen, hatten aus ihrer Zeit geschöpft und versucht, ein Bild derselben zu geben.
Das unbestrittene Verdienst der neuen Schule ist die stärkere Anteilnahme der Litteratur am Leben der Gegenwart, dessen Erscheinungen sie festzuhalten und künstlerisch zu gestalten sucht. Schon beginnt das Interesse für den romanischen Süden dem Zug nach dem germanischen Norden zu weichen und an Stelle der »Internationalität« sucht man wieder die volkstümlichen Grundlagen unserer Kunst auf: die Heimat und ihre Vergangenheit. Diese Errungenschaften der letzten Jahre werden durch die blutlose Nervenpoesie der Symbolisten, Neurotiker, Esoteriker und wie die neuen Kunstjünger alle heißen, kaum gefährdet werden, das bloße Spielen mit Inhalt und Form, das »halbe heimliche Empfinden« wird Menschen mit ganzem gesunden Empfinden schwerlich in seinen Bann ziehen. Denn wenn man auch von dem echten Dichter verlangt, daß er die ganze Empfindungsklaviatur beherrscht, also auch die »schwarzen Tasten«, die »halben Töne« kennt, so darf doch nicht vergessen werden, daß diese immer nur den Wert haben, die Gefühls- und Gedankenwelt des Dichters zu besserem, stärkerem Ausdruck zu bringen. Denn auf diese, nicht auf die Technik kommt es an, so sehr auch die letztere die Absichten des Dichters zu unterstützen vermag. Verheißungsvoll für das Gedeihen unserer Litteratur ist die Rückkehr vom Ausland und seinen Vorbildern zur Heimat, zu Goethe und die Annäherung an die Kunstprinzipien der Vergangenheit: nur in dem Kompromiß des Alten mit dem Neuen kann für die nächste Zukunft das Heil der deutschen Dichtung erblickt werden.
Die Romanciers der alten Schule.
Gustav Freytag, geb. am 13. Juli 1816 zu Kreuzburg, gest. am 30. April 1895, wird als der Dichter des deutschen Bürgertums gefeiert. Selbst durch die besten Werke, die er geschaffen, geht ein leiser philiströser Zug, den er vielleicht seiner Stellung als Privatdocent in Breslau verdankt. Fast allen Büchern Freytags sieht man an, daß ihr Verfasser Kulturhistoriker ist, der sein Material gewissenhaft zusammenträgt, ehe er an die Ausarbeitung eines Werkes geht. Fr., ein ausgesprochenes Erzählertalent, begann seine litterarische Laufbahn als Lyriker und Dramatiker. Sein erstes Stück führte den Titel »Die Brautfahrt«, ihm folgten die Gedichte: »In Breslau«, die Schauspiele »Die Valentine« und »Graf Waldemar«. Im Jahre 1848 übernahm er in Gemeinschaft mit dem Litterarhistoriker Julian Schmidt die Redaktion der »Grenzboten«, die er durch fast 25 Jahre fortführte. Seiner Beschäftigung mit Politik und Presse verdankt das nicht gerade tiefgehende Lustspiel: »Die Journalisten« seine Entstehung, das einen großen und dauernden Erfolg errang, der seinem nächsten, der Gegenwart abgewandten Drama: »Die Fabier« nicht beschieden war. 1855 entstand das Hohelied des deutschen Kaufmannes: der Roman »Soll und Haben«, nach dem Recept geschrieben, das Julian Schmidt aufgestellt hatte: »Der Roman soll das Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist: nämlich bei der Arbeit«. Das nächste Werk: »Die verlorene Handschrift« spielt in Professorenkreisen und gewann ihm die Herzen der akademischen Jugend. Seine kulturhistorischen Forschungen legte F. in den »Bildern aus der deutschen Vergangenheit« nieder. Acht Jahre hat er dann an den »Ahnen«, einer Art historischen Familienromans, geschrieben, von dem jedes Jahr einen neuen Band brachte. 1. »Ingo«, 2. »Ingraban«, 3. »Das Nest der Zaunkönige«, 4. »Die Brüder vom deutschen Hause«, 5. »Marcus König«, 6. »Der Rittmeister von Alt-Rosen«, 7. »Der Freierkorporal bei Markgraf Albrecht«, 8. »Aus einer kleinen Stadt«. Das ganze Werk, dessen Schauplatz nach Thüringen verlegt ist, sollte die Wandlungen des deutschen Volkes darstellen: mit jedem Bande geht es mehr der Gegenwart entgegen, bis die Sammlung, mit dem Jahre 350 beginnend, mit einer Erzählung aus dem 19. Jahrhundert ihren Abschluß erreicht. Eine »Technik des Dramas«, die ihn als feinen Kenner der dramatischen Praxis zeigt, verdient noch Erwähnung, sowie eine Lebensbeschreibung Karl Mathys' und die mit geteilten Empfindungen aufgenommene Schrift: »Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone«. Sein Leben und Schaffen beschrieb der Dichter selbst in den »Erinnerungen aus meinem Leben.«
Friedrich Spielhagen, geb. 24. Febr. 1829 in Magdeburg, ist der Dichter der Reaktion, jener Zeit, die dem tollen Jahre folgte; seine Romane suchen vor allem die Erscheinungen der Zeit, die socialen Kämpfe, den Sturm und Drang der letzten 50 Jahre festzuhalten und dem Leser verständlich zu machen. Sp. hatte bereits das 30. Jahr überschritten, als sein erster großer Roman »Problematische Naturen« erschien, der seinen litterarischen Ruf begründete. Sein zweiter großer Roman »Die von Hohenstein«, hat als Hintergrund das Jahr 1848, ihm schlossen sich »In Reih und Glied« und »Hammer und Amboß« an. Von weiteren Werken Spielhagens, die fast alle tendenziös gefärbt sind, nennen wir noch: »Hans und Grete«, »Unter Tannen«, »Die Dorfkokette«, »Deutsche Pioniere«, »Allzeit voran«, »Was die Schwalbe sang«, »Ultimo«, »Sturmflut«, »Das Skelett im Hause«, »Platt Land«, »Quisisana«, »Angela«, »Uhlenhaus«, »An der Heilquelle«, »Was will das werden?«, »Noblesse oblige«, »Ein neuer Pharao«, »Sonntagskind«, »Stumme des Himmels«, »Susi«, »Selbstgerecht«, »Zum Zeitvertreib«, »Faustulus«. Auch als dramatischer und lyrischer Dichter hat sich Spielhagen, wenngleich mit geringem äußeren Erfolge versucht. Von seinen Schriften, deren Gesamtausgabe in vorläufig 22 Bänden erscheint, verdienen noch Erwähnung: »Beiträge zur Theorie und Technik des Romans«, »Aus meiner Studienmappe«, sowie der 1899 erschienene Band: »Neue Beiträge zur Theorie und Technik der Epik und Dramatik«, besonders aber seine Autobiographie: »Finder und Erfinder. Erinnerungen aus meinem Leben.« – Spielhagen ist in der Reaktion der 50er und 60er Jahre stecken geblieben: er verstand die neue Zeit nicht mehr und suchte in seine neuen Romane noch die alten Ideale hineinzutragen. Auch das antiquierte Motiv von der Liebe eines mit allen Vorzügen des Geistes und Herzens ausgestatteten Bürgerlichen zu einer Adeligen, das in fast allen Werken wiederkehrt und eine heimliche Vorliebe Sp.'s für den Adel erkennen läßt, vermochte auf die Dauer nicht mehr zu fesseln, und so sehr sich auch Spielhagen, mehr als jeder andere der »Alten« bemühte, in die »Moderne« hineinzuwachsen: er verstand sie nicht, so wenig wie er verstanden wurde.
Berthold Auerbach, geb. am 28. Febr. 1812 zu Nordstetten, gest. am 8. Febr. 1882 zu Cannes in Frankreich, wurde durch seine »Schwarzwälder Dorfgeschichten« berühmt. Wenn A. auch nicht wie Rosegger, Anzengruber u. a. in das Wesen des Volkscharakters eingedrungen ist – es als Jude auch gar nicht konnte, – so hat er doch das Verdienst, einer der ersten gewesen zu sein, die die Dorfgeschichte wieder zu Ehren gebracht haben. Zu seinen besten Novellen, die allerdings auch von Schönfärberei nicht frei sind, zählen: »Barfüßle«, »Joseph im Schnee« und »Edelweiß«. Mit den großangelegten Werken »Auf der Höhe«, »Das Landhaus am Rhein« und »Waldfried« betrat A. das Gebiet des liberalen Tendenzromans.
Luise von François, geb. am 27. Juni 1817 in Herzberg, gest. am 26. Sept. 1893, eine der talentiertesten Romanschriftstellerinnen, erwarb sich ihre litterarische Stellung durch den historischen Roman: »Die letzte Reckenburgerin«, dem sich »Frau Erdmuthens Zwillingssöhne«, »Stufenjahre eines Glücklichen« u. a. anschlossen.
Die großen Novellisten der 70er und 80er Jahre.
Conrad Ferdinand Meyer, geb. am 12. Oktober 1825 in Zürich, gest. am 28. November 1898, ist der Meister der historischen Novelle, ein Dichter, der zwar nicht Gemeingut des deutschen Volkes werden wird, der aber den Kenner mit seiner fein ciselierten Goldschmiedearbeit immer entzücken wird. M.'s Novellen haben meist das Reformationszeitalter oder die Renaissancezeit als Hintergrund. Seine dichterische Laufbahn begann er mit dem Epos »Huttens letzte Tage«, ihm schlossen sich »Jürg Jenatsch«, »Hochzeit des Mönchs«, »Der Heilige«, »Versuchung des Pescara«, »Angela Borgia« u. a. an.
Gottfried Keller, geb. am 19. Juli 1819 in Glattfelden bei Zürich, gest. am 15. Juli 1890, neben Conr. Ferd. Meyer die bedeutendste schweizerische Dichtererscheinung der letzten Litteraturperiode, trat zuerst mit »Gedichten« und dem autobiographischen Meisterwerk »Der grüne Heinrich« vor die Öffentlichkeit, der erst 20 Jahre nach seinem Erscheinen die verdiente Würdigung fand und oft mit Goethes »Wilhelm Meister« verglichen wurde. Das Reifste und Schönste seiner Kunst bot K. in seinem nächsten Werk, der Novellensammlung: »Die Leute von Seldwyla«, der 1872 die »Sieben Legenden« folgten. Kulturbilder aus Zürichs Vergangenheit enthalten die »Züricher Novellen« und ebenso spielt der Roman »Martin Salander« auf schweizerischem Boden. Lebendige Phantasie, vermischt mit einem Zug ins Hausbackene, Kleinstädtische und ein liebenswürdiger, goldener Humor bilden die Grundzüge seines dichterischen Schaffens. K.'s Domäne ist die Novelle, und wie sehr er diese meisterte, hat kein Geringerer als Paul Heyse anerkannt, als er ihn den Shakespeare der Novelle nannte.
Theodor Storm, geb. am 14. Sept. 1817 in Husum, gest. am 4. Juli 1888, folgte den Spuren Goethescher Lyrik. Ihn zeichnet ein feiner Natursinn und echtes tiefes Empfinden aus, so daß seine Lyrik vorbildlich für die besten dichterischen Talente unter den Modernen geworden ist. Stifter und Eichendorff, vielleicht noch Mörike, mögen sein Schaffen am stärksten beeinflußt haben. Neben der Lyrik (»Gedichte«) ist es besonders die Novelle, der Storm seine Thätigkeit zuwandte und für deren Entwicklung und Ausbau er das Meiste beigetragen hat. Als die besten novellistischen Erzeugnisse gelten Storms »Immensee«, »Von jenseits des Meeres«, »Vor Zeiten«, »Ein stiller Musikant«, »Psyche«, »Am Nachbarhause links«, »Der Schimmelreiter«.
Paul Heyse, geb. am 15. März 1830 in Berlin, wurde als Jüngling von Geibel dem König Maximilian mit den Worten vorgestellt: »Ein junger Goethe, Majestät!« Er ist ein moderner Dichter, wenn es auch eine Zeitlang zum guten Ton gehörte, ihn als abgethan zu betrachten. H. weiß immer etwas zu sagen und hat moderne Probleme lange vor der »neuen Schule« behandelt, von der ihn nur technische Fragen scheiden. Ein guter Schilderer menschlichen Innenlebens, wenns nicht zu tief nach »innen« geht, bekundet er in seinen Novellen und Romanen, von denen viele auf italienischem Boden spielen, eine Vorliebe für die Verirrungen des Weibes, namentlich der Frau von 40 Jahren. Eine vornehme, edle Sprache zeichnet alle seine Werke aus, er ist der Dichter der Schönheit und der Leidenschaft, wenn auch der Künstler mehr als der Mensch an ihnen Anteil hat. Von seinen Novellen und Romanen, die fast durchwegs moderne Menschen zu Helden haben, die sich über Gesetz und Sitte erheben, um der Stimme ihres Herzens zu folgen, seien hier nur angeführt: »Novellen« von 1855, 1858, 1859, 1862, »Meeraner Novellen«, »Troubadour-Novellen«, »Kinder der Welt«, »Im Paradiese«, »Roman der Stiftsdame«, »Merlin«, »Über allen Gipfeln«. Auch seine dramatische (»Ludwig der Bayer«, »Graf Königsmark«, »Elfriede«, »Alcibiades«, besonders aber »Hans Lange«) und lyrische Produktion (»Gedichte«, »Neue Gedichte und Jugendlieder«) verdient Erwähnung.
Die Formtalente der alten Schule.
Emanuel Geibel, geb. am 17. Oktober 1815 in Lübeck, gest. am 6. April 1884, war ein dichterisches Talent von großer Formgewandtheit, jedoch ohne besondere individuelle Prägung, wofür als Beweis gelten mag, daß seine »Gedichte« und »Neue Gedichte« mehr als hundert Auflagen erlebten. Den beiden ersten Gedichtbänden, deren Grundpfeiler deutsche Zucht und Art bilden, schlossen sich: »Gedichte und Gedenkblätter«, »Heroldsrufe«, »Klassisches Liederbuch«, »Romancero der Spanier und Portugiesen« (m. d. Grafen Schack) und »Spätherbstblätter« an, unterbrochen von der dramatischen Produktion G.'s (»Brunhild«, »Sophonisbe«). Die Kriegslyrik von 1870/71 hat ihm einige hübsche Gedichte zu verdanken. War G. auch keine eigenartige dichterische Persönlichkeit, so hat er doch eine Menge Nachahmer und Nachbeter gefunden.
Friedrich von Bodenstedt, geb. am 22. April 1819 in Peine (Hannover), gest. am 2. April 1892, wurde durch den Erfolg der »Lieder des Mirza Schaffy«, die man lange für Übersetzungen aus dem Orientalischen hielt, während es in Wirklichkeit eigene Fabrikate der B.'schen Muse sind, berühmt. Erfolgreich waren auch die Lieder »Aus dem Nachlaß des Mirza Schaffy«, während die anderen Dichtungen B.'s nur wenig von sich reden machten. Außer einer Reihe wissenschaftlicher Werke von zweifelhaftem Werte und meist recht gewandter Übersetzungen veröffentlichte B., den seine Zeitgenossen stark überschätzten: »Erinnerungen aus meinem Leben«.
Adolf Friedrich Graf von Schack, geb. am 2. Aug. 1815 zu Brüsewitz bei Schwerin als Sprosse eines alten Freiherrngeschlechtes, gest. am 14. April 1894, studierte Rechtswissenschaft und wandte sich dann der diplomatischen Carrière zu. Schack hat sich nicht nur als Dichter – er war ein hervorragend formalistisches Talent, ohne starke Individualität – sondern vor allem als Übersetzer und Litterarhistoriker einen Namen gemacht. Seine »Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spanien« gilt noch heute als das bedeutendste Werk über diesen Gegenstand. Als Lyriker wurde er von Platen, als Epiker von Byron beeinflußt. Seine Romane in Versen: »Durch alle Wetter«, »Ebenbürtig« u. a. enthalten zahlreiche Schönheiten, ohne doch einen vollen künstlerischen Eindruck zu hinterlassen. Zu seinen interessantesten Werken zählt die Selbstbiographie: »Ein halbes Jahrhundert«. Auch auf dramatischem Gebiete hat sich der Dichter versucht, ohne jedoch auf der Bühne festen Fuß fassen zu können.
Robert Hamerling, geb. am 24. März 1830 zu Kirchberg am Walde in Niederösterreich, gest. am 13. Juli 1889, hat eine verschiedenartige Beurteilung nicht nur als Mensch, was hier wenig interessiert, sondern auch als Dichter erfahren. Während die einen in ihm nur den in Farbenrausch schwelgenden Erotiker sehen, ziehen die anderen die genialsten Dichter der Weltlitteratur zum Vergleiche mit ihm heran. Sicher ist, daß die beiden großangelegten Epen: »Ahasver in Rom« und »Der König von Sion« farbenprächtige Schilderungen aufweisen, die ein ungewöhnliches Talent bekunden. Eine treffliche Leistung ist auch das satirische Epos »Homunculus«. Weniger Erfolg als seine Epen war seinen lyrischen Gedichtsammlungen: »Sinnen und Minnen« und »Blätter im Winde«, wie auch der fünfaktigen Tragödie »Danton und Robespierre« beschieden. Sein Leben beschrieb H. in den »Stationen meiner Lebenspilgerschaft«.
Albert Möser, geb. am 7. Mai 1835 in Göttingen, gest. am 27. Febr. 1900, ist als Dichter von Platen und Hamerling (vergl. M., Meine Beziehungen zu Robert Hamerling etc.) beeinflußt. (»Gedichte«, »Nacht und Sterne«, »Idyllen«, »Aus der Mansarde« etc.). Als Übersetzer der Dichtungen Pol de Monts war er ein Vermittler zwischen niederdeutschem und hochdeutschem Wesen.
Heinrich Vierordt, geb. am 1. Okt. 1855 in Karlsruhe, machte als Balladendichter, der vielfach den Volkston glücklich getroffen hat, von sich reden. Er schrieb »Gedichte«, »Lieder und Balladen«, »Neue Balladen«, »Akanthusblätter« (Dichtungen aus Italien und Griechenland) und »Vaterlandsgesänge«, die sich durch farbenprächtige Schilderungen und poetischen Schwung auszeichnen.
Lyriker und Epiker der 70er und 80er Jahre.
Julius Grosse, geb. am 25. April 1828 in Erfurt, ist einer der fruchtbarsten deutschen Dichter, der sich auf dem Gebiete der Lyrik, des Romans und des Dramas gleich sicher zu bewegen verstand. Besondere Erwähnung von seinen Werken, die sich durch feine Entwicklung der Seelenzustände und Charaktere auszeichnen, verdienen die Dramen: »Der letzte Grieche«, »Gudrun«, »Judith«, »Tiberius«, von den epischen Dichtungen: »Das Mädchen von Capri« und »Gundel vom Königssee«. Originelle Schöpfungen sind auch sein Roman: »Der getreue Eckart« und seine Lebenserinnerungen »Ursachen und Wirkungen«.
Martin Greif (eigentlich Hermann Frey), geb. am 18. Juni 1839 in Speyer, ist der Meister des einfachen Volksliedes, dessen Ton er wie wenige trifft. Seinen Ruhm begründeten die bereits wiederholt aufgelegten »Gedichte«. Seine Dramen (»Heinrich der Löwe«, »Ludwig der Bayer«, »Francesca von Rimini«) werden das Schicksal der Uhlandschen Dramen teilen.
Johann Georg Fischer, geb. am 25. Okt. 1816 zu Großsüßen, gest. am 6. Mai 1897, gehört der schwäbischen Dichterschule an, deren Merkmale er trägt, und ist in seinem dichterischen Schaffen eine Goethe verwandte Natur. Mit 38 Jahren veröffentlichte er seine ersten »Gedichte«, denen noch drei weitere Sammlungen, zuletzt – 1896 – »Mit 80 Jahren« folgten. Wie alle Schwaben hat auch er an dem politischen Leben seiner Zeit teilgenommen, wenn auch nicht in dem Maße wie Uhland. Seine Dramen »Saul«, »Friedrich II.«, »Florian Geyer« und »Kaiser Maximilian von Mexiko« werden geschätzt, ohne jedoch bühnenfähig zu sein.
Friedrich Wilhelm Weber, geb. am 26. Dez. 1813 in dem Orte Alhausen bei Driburg in Westfalen, gest. am 5. April 1894, studierte Medizin und trat im Herbst 1878 mit dem lyrisch-epischen Gedicht: »Dreizehnlinden« vor die Öffentlichkeit, das ihn mit einem Schlage zum gefeiertsten katholischen Dichter machte. Außer »Dreizehnlinden«, von dem mehr als 70 Auflagen erschienen, sind noch seine Dichtung »Goliath«, sowie die Sammlungen »Gedichte«, »Marienblumen« und »Herbstblätter« zu nennen.
Friedrich Theodor Vischer, geb. am 30. Juni 1807 in Ludwigsburg, gest. am 14. Sept. 1887, bethätigte sich auf lyrischem Gebiet durch seine 1882 erschienene Sammlung »Lyrische Gänge« und auf epischem durch den eigenartigen humoristischen Roman »Auch Einer«. Viel Aufsehen erregte die Parodie auf den 2. Teil des Faust, die er unter dem Titel: »Faust. Der Tragödie dritter Teil. Von Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky« herausgab.
Wilhelm Jordan, geb. am 8. Febr. 1819 zu Insterburg, wurde bekannt durch sein Doppelepos »Die Nibelunge«, für die er selbst als wandernder Rhapsode eine Propaganda machte, die ihm zu einem starken buchhändlerischen Erfolge verhalf. J. übersetzte ferner die Edda, Sophokles, Homer, Ilias und Odyssee und gab eine große Anzahl eigener Dichtungen, Romane (»Die Sebalds«, »Zwei Wiegen«) und Theaterstücke heraus, von denen die Lustspiele »Durchs Ohr«, »Tausch enttäuscht« und »Sein Zwillingsbruder« sich als die erfolgreichsten erwiesen. Seine Lebensauffassung spiegelt sich am besten in dem dramatischen Werk »Demiurgos« wider.
Hermann Lingg, geb. am 22. Januar 1820 in Lindau, faßte durch Geibels Freundschaft festen Fuß in der Münchener Dichterschule. Sein Hauptwerk ist das großangelegte farbenprächtige Epos »Die Völkerwanderung«. Außerdem besitzen wir von ihm eine Reihe Dramen und Gedichte. Sein Leben und Schaffen beschrieb L. in dem 1. Bande der »Zeitgenössischen Selbstbiographien« (»Meine Lebensreise«).
Stephan Milow (Pseudon. für Stephan von Millenkovics), geb. am 9. März 1836 in Orsova, verdankt seine litterarische Stellung besonders seinen lyrischen Gedichten (»Gesammelte Gedichte«). Bemerkenswert sind noch die Novellenbände »Wie Herzen lieben« und »Höhen und Tiefen«.
Ludwig Eichrodt, geb. am 2. Febr. 1827 in Durlach in Baden, gest. 1892, ein Jugendgenosse Scheffels, dichtete eine Anzahl humoristischer Lieder, die besonders in studentischen Kreisen Anklang fanden (»Gesammelte Dichtungen«).
Hermann Allmers, geb. am 11. Februar 1821 zu Rechtenfleth, gab das »Marschenbuch« heraus, das im Stile der Riehlschen kulturhistorischen Novellen Bilder aus dem Leben der friesischen Marschenbauern enthält. »Dichtungen« und »Römische Schlendertage« schlossen sich an.
Robert Waldmüller (Pseudon. für Ed. Duboc), geb. am 17. Sept. 1822 in Hamburg, versuchte sich auf fast allen dichterischen Gebieten und hat sich auch als Übersetzer bekannt gemacht. Von seinen Romanen sind »Somosierra« und »Don Adone«, von seinen Gedichtsammlungen »Klänge aus der Fremde« und »Liebesstürme« die bekanntesten.
Rudolf Bunge, geb. am 27. März 1836 in Koethen, als Improvisator und liebenswürdiger Gesellschafter in allen litterarischen Kreisen geschätzt, errang seine größten Kassenerfolge mit dem Libretto zum »Trompeter von Säckingen«. Dichterisch höher steht die 5-aktige Tragödie »Der Herzog von Kurland«, das den Verlust von Straßburg und dem Elsaß behandelt. In seiner Gedichtsammlung »Heimat und Fremde« singt er von Lenz und Liebe, von deutschen Frauen, deutscher Treue, deutschem Wein und dem angestammten Herrscherhaus, das seine vielseitige litterarische Thätigkeit durch Verleihung von Titeln und Orden anerkannte.
Adolf Brieger, geb. am 12. Okt. 1832 in Greifswald, ein in den »weitesten Kreisen« unbekannter Dichter, veröffentlichte erst 1870 in Hexametern das kleine antikisierende Epos »Krösus und Adrastus«, 1885 aber, in die unmittelbare Vergangenheit greifend »König Humbert in Neapel«. Modern ist auch: »Stirb und werde«. Seine »Ausgewählten Gedichte« (1895) geben innerlich Erlebtes, meist an das Naturbild als Symbol (im Goethe'schen Sinne) anknüpfend. Zuletzt erschien: »Verirrt und heimgefunden«, zwei aus dem Leben der Gegenwart genommene Versnovellen.
Heinrich Bulthaupt, geb. am 26. Okt. 1849 in Bremen, zeigt sich in der Lyrik dem Schweizer Conrad Ferd. Meyer verwandt (»Durch Frost und Gluten«), versuchte sich auch wiederholt im Drama (»Der verlorene Sohn«, »Viktoria« u. a.), ohne jedoch große Bühnenerfolge zu erzielen. Dagegen erlebte seine »Dramaturgie der Klassiker« wiederholt neue Auflagen und gilt für das beste neuzeitliche Werk auf diesem Gebiete.
Julius Rodenberg (Pseudon. für Levy aus Rodenberg) geb. am 26. Juni 1831 in Rodenberg (Kurhessen), der Begründer und Leiter der »Deutschen Rundschau«, schrieb Gedichte, Romane und Reisebeschreibungen (»Berliner Bilder«), die ihn als liebenswürdigen Poeten zeigen, der sich gern in die Erinnerung an die so ungleich bessere und vollkommenere Vergangenheit versenkt. (Vergl. auch R.'s »Erinnerungen aus der Jugendzeit«.)
Karl Weitbrecht, geb. am 8. Dez. 1847 in Neuhengstett, ist nach Form und Inhalt einer der bedeutendsten schwäbischen Epiker. Von seinen Büchern seien hier genannt: »Liederbuch«, »Sonnenwende«, die Novellensammlung »Verirrte Leute«, und der satirische Roman: »Phaläna. Die Leiden eines Buches«. Ein besonderes Verdienst hat sich W. in Gemeinschaft mit seinem Bruder Richard um die Pflege der Dialektdichtung erworben. (»Gschichta-n aus'm Schwôbaland« [1877] und: »Nohmôl Schwôbagschichta« [1882]).
Eduard Paulus, geb. am 18. Okt. 1837 in Stuttgart, besitzt unter den schwäbischen Dichtern der Gegenwart das stärkste lyrische Talent. Ein liebenswürdiger Humor, der auch oft satirisch gefärbt ist, zeichnet seine in der Form tadellosen Gedichte (»Gesammelte Dichtungen«) aus. 1897 ließ er »Arabesken« und im Vorjahre ein Epos in 12 Gesängen »Tillmann Riemschneider. Ein Künstlerleben« folgen, das wiederum Zeugnis von der starken lyrischen Begabung P.'s ablegt. Neben einem kecken, übermütigen Humor macht sich, namentlich in seinen letzten Schöpfungen, eine wehmütige Grundstimmung bemerkbar.
Isolde Kurz, geb. am 21. Dez. 1853 in Stuttgart, ein C. F. Meyer verwandtes Talent, hat nur wenige Bände (»Gedichte«, »Phantasien« und »Märchen«, »Florentiner Novellen«, »Italienische Erzählungen«) publiziert, aber das Wenige trägt den Stempel durchgebildeter Meisterschaft und ungewöhnlicher Fabulierkunst.
Die neuzeitlichen Romantiker.
Otto Roquette, geb. am 19. April 1824 in Krotoschin, gest. am 18. März 1896, gab eine Reihe von Dramen, Märchen und Romanen heraus, unter denen »Waldmeisters Brautfahrt« den größten Erfolg davontrug. Seine »Gedichte« erlebten mehrere Auflagen; als sein bester Roman gilt: »Buchstabierbuch der Leidenschaft«. Die nach seinem Tode herausgegebene Erzählung: »Die Reise ins Blaue«, mit verwässerter Eichendorffscher Romantik, ist nur geeignet, dem Ansehen des Dichters, der jetzt schon zu den halb Vergessenen gehört, zu schaden.
Oskar von Redwitz, geb. am 28. Juni 1823 in Lichtenau bei Ansbach, gest. am 6. Juli 1891, erregte zuerst durch sein lyrisches Epos: »Amaranth«, Aufsehen. Von seinen Dramen fanden »Philippine Welser«, »Der Zunftmeister von Nürnberg« und »Doge von Venedig« eine ebenso unverdient freundliche Aufnahme, wie sein Roman »Hermann Stark« und das patriotische »Lied vom neuen Deutschen Reich«.
Heinrich Steinhausen, geb. am 27. Juli 1836 in Sorau, trug seinen größten Erfolg mit »Irmela«, einer stimmungsvollen Geschichte aus alter Zeit davon. Seinen Werken, von denen wir noch den »Korrektor«, »Herr Moffs kauft sein Buch« und »Heinrich Zwiesels Ängste« anführen, fehlt es, trotz des vorwiegend religiösen Grundtons, nicht an heiteren Episoden.
Wilhelm Hertz, geb. am 24. Sept. 1835 in Stuttgart, ein Schüler Uhlands, machte sich durch seine sprachwissenschaftlichen Werke und seine »Gedichte«, in denen er sich jedoch nur als reines Formtalent erwies, einen Namen. Seine bekanntesten Epen sind »Hugdietrichs Brautfahrt«, »Tristan und Isolde« und »Bruder Rausch«.
Die Dichter mit dem Erdgeruch.
Klaus Groth, geb. am 24. April 1819 in Heide in Holstein, gest. 1899, stand im Mittelpunkt der plattdeutschen Bewegung. Er brachte diese bisher nur von Improvisatoren zu Possenreißereien benutzte Sprache wieder durch die Herausgabe seines »Quickborn« zu Ehren. Und wenn auch Reuter, der Humorist, mit seinen realistischen Darstellungen des Lebens mehr Erfolg errang als der Lyriker Groth, so gebührt diesem doch ein nicht minder großes Verdienst um die Erhaltung des Plattdeutschen. Sein Hauptwerk, der »Quickborn«, dessen Hintergrund die Plätze und Gassen eines vor einem Jahrzehnt noch kleinen und abgelegenen Fleckchen der Norderdithmarschen-Heide bilden, enthält Familienbilder, Lieder, Balladencyklen, Humoristisches etc.
Ludwig Anzengruber, geb. am 29. Nov. 1839 in Wien, gest. 1899, war ursprünglich Schauspieler, später mangels anderer Beschäftigung Beamter. A.'s Dramen, die stellenweise tendenziös gefärbt sind, behandeln religiöse und sociale Themata und spielen fast ausschließlich in Bauernkreisen. Sein erstes Stück: »Der Pfarrer von Kirchfeld« errang einen vollen Erfolg, der auch seinen späteren Dramen: »Der Meineidbauer«, »Die Kreuzelschreiber«, »Der Gewissenswurm«, »Der ledige Hof«, »Das vierte Gebot« treu blieb. Von den genannten Stücken haben »Der Gewissenswurm« und »Das vierte Gebot« die meiste Anerkennung gefunden. Von den Erzählungen A.'s steht der großangelegte Roman »Der Schandfleck« an erster Stelle.
Theodor Herrmann Pantenius, geb. am 22. Okt. 1843 in Mitau, Redakteur des »Daheim«, gehört zu den weniger bekannten Romanciers. Von seinen Romanen, deren Stoff meist seiner kurländischen Heimat entnommen ist, gelten als beste »Wilhelm Wolfschildt« und »Allein und frei«; sein in Livland spielender Roman »Die von Kelles« zählt zu den besten Schöpfungen der deutschen Litteratur.
Peter Rosegger, geb. am 31. Juli 1843 in Krieglach in Steiermark, erlernte zuerst das Schneiderhandwerk und wurde von dem Herausgeber der »Grazer Tagespost«, Albert Swoboda, für die Litteratur entdeckt. R. ist ein Autor von großer Gestaltungskraft und Phantasie, der sich seine Heimat, die steirischen Alpen, zur Domäne erkoren hat. Obwohl er der Tendenz nach Idealist ist, sind seine Schilderungen des Bauernlebens doch durchaus realistisch. Aus der Zahl seiner Werke – Rosegger ist einer der produktivsten Schriftsteller, der gewissenhaft jedes Jahr seine 2, 3 Bände liefert –, heben wir hervor: »Die Schriften des Waldschulmeisters«, »Heidepeters Gabriel«, »Dorfsünden«, »Der Gottsucher«, »Neue Waldgeschichten«, »Höhenfeuer«, »Jakob der Letzte«, »Martin der Mann«, »Der Waldvogel«, »Das ewige Licht«, »Erdsegen«.
Karl Stieler, geb. am 15. Dez. 1842 in München, gest. 1885, der Dichter frischer, fröhlicher »Hochlandslieder«, machte den Krieg 70/71 mit und schrieb »Durch Krieg zum Frieden 1870/1«. Von seinen oberbayrischen Gedichtsammlungen, die auch in Norddeutschland weite Verbreitung fanden, nennen wir: »Bergbleameln«, »Habts a Schneid!?«, »Hochlandslieder«, »Neue Hochlandslieder«, »Um Sunnawend«, »Weil's mi freut!«
Hermann von Schmid, geb. am 13. März 1815 in Weizenkirchen (Österreich), gest. 1880, wurde durch seine bayrischen Dorfgeschichten bekannt. Von seinen historischen Werken hat der vierbändige Roman »Der Kanzler von Tirol« die meiste Beachtung gefunden.
Maximilian Schmidt, geb. am 25. Febr. 1832 in Eschlkam, wählte als Hintergrund seiner Erzählungen den Bayrischen und Böhmer Wald. Seine Werke zeichnen sich durch volkstümliche Darstellung, hübsche Naturschilderungen und treffende Charakteristik aus. (»Gesammelte Werke« 1884 u. ff.)
Ludwig Ganghofer, geb. am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren, verlegt den Schauplatz seiner Romane und Schauspiele meist in das bayerische Hochgebirge. Von seinen konventionell-volkstümlichen dramatischen Arbeiten fanden besonders »Der Herrgottsschnitzer von Oberammergau« und »Der Prozeßhansl« Anerkennung, obwohl seine »Jagerleut« die Verwandtschaft mit dem »Salontiroler« nicht verleugnen können. Zu seinen besten Romanen und Novellen, in denen die Natur meist symbolisch verwertet wird, zählen »Hochlandsgeschichten«, »Der Klosterjäger«, »Die Martinsklause«, »Der laufende Berg«.
Arthur Achleitner, geb. am 16. Aug. 1858 in Straubing, machte sich durch seine Schilderungen aus dem Wild- und Waidmannsleben der Hochgebirge bekannt. (»Geschichten aus den Bergen«, »Grüne Brüche«, »Grenzerleut'«, »Der Stier von Salzburg«, »Der Hirsch von Eßlingen« u. a.)
Johann Meyer, geb. am 5. Jan. 1829 in Wilster in Holstein, veröffentliche plattdeutsche Erzählungen und Schwänke, »Dithmarscher Gedichte« und hochdeutsche »Lyrische Gedichte«, die ein eigenartiges poetisches Talent bekunden.
Joh. Heinrich Fehrs, geb. am 10. April 1838 in Mühlenbarbeck, begann mit Epen (»Krieg und Hütte«, »Eigene Wege«) und schloß daran plattdeutsche Erzählungen und Gedichte. (»Lütt Hinerk«, »Allerhand Slag Lüd«.)
Timm Kröger, geb. am 29. Nov. 1844 in Haale (Holstein), debütierte mit dem Novellenband: »Eine stille Welt«, der Bilder und Geschichten aus Moor und Heide enthält, die sich durch feinsinnige Naturbetrachtungen auszeichnen. Ein kleines Meisterwerk ist sein psychologischer Roman »Der Schulmeister von Handewitt«, der in 2. Auflage unter dem Titel: »Schuld?« erschien.
Heinrich Hansjakob, geb. am 19. Aug. 1837 in Haslach in Baden, ist ein Meister der Dorfgeschichte, der zwar in seinen Schriften den katholischen Priester nicht verleugnet, dies aber durch einen urwüchsigen Humor und echtes Empfinden vergessen läßt. (»Aus meiner Jugendzeit«, »Aus meiner Studienzeit«, »Wilde Kirschen«, »Schneeballen«.)
Hermine Villinger, geb. am 6. Febr. 1849 in Karlsruhe, legte den Schwerpunkt ihres litterarischen Schaffens auf die Dorfgeschichte. »Aus dem Kleinleben«, »Unter Bauern«, »Kleine Lebensbilder«, »Aus dem Badener Land« u. a. enthalten reizende, humorvolle Genrebilder aus dem badischen »Ländle«.
Clara Viebig (Mädchenname von Clara Cohn), geb. in Trier, entnimmt den Stoff ihrer oft graß naturalistischen Werke mit Vorliebe dem Gebiete der Eifel. Sie debütierte 1897 mit der Novellensammlung »Kinder der Eifel«, denen weitere Novellen (»Vor Tau und Tag«), die Romane »Dilettanten des Lebens«, »Es lebe die Kunst!« und »Das Weiberdorf« folgten, die jedoch künstlerisch nicht auf der Höhe ihrer ersten Publikation stehen. Eine ihrer Eifelgeschichten lieferte den Stoff zu ihrem Drama »Barbara Holzer«. Ihr neuestes Bühnenwerk »Pharisäer« spielt im Posenschen.
Adolf Bartels, geb. am 15. Nov. 1862 in Wesselburen, erwarb sich als Litterarhistoriker der Kunstwart-Schule einen Namen. Seine historischen Romane »Die Dithmarscher« und »Dietrich Sebrandt« sind vom streng geschichtlichen Standpunkt aus geschrieben.
Charlotte Niese, geb. am 7. Juni 1854 in Burg auf Fehmarn, gewann durch ihre schleswig-holsteinischen Geschichten (»Aus dänischer Zeit«, »Geschichten aus Holstein«, »Auf der Heide«) die Gunst des Lesepublikums, so daß man über ihre Schwäche, die Socialdemokratie in Romanen zu bekämpfen, hinwegsieht.
Ilse Frapan (Pseudon. für Ilse Levien), geb. am 3. Febr. 1852 in Hamburg, ist ein starkes dichterisches Talent, dem auch der Humor nicht fremd ist. Sie gab heraus: »Bescheidene Liebesgeschichten«, »Zwischen Elbe und Alster«, »Enge Welt«, »Zu Wasser und zu Lande«, »Querköpfe«, »Flügel auf«, »In der Stille«, sowie einen Band »Vischer-Erinnerungen«.
August Sperl, geb. am 5. Aug. 1862 in Fürth, machte sich durch »Die Fahrt nach der alten Urkunde«, sowie durch den historischen Roman: »Die Söhne des Herrn Budiwoj«, der König Ottokars Glück und Ende und das Erstehen des habsburgischen Königshauses behandelt, bekannt. In dem Epos »Fridtjof Nansen« schilderte er mit Glück die Nordlandsfahrt des modernen Fridtjof.
Heinrich Sohnrey, geb. am 19. Juni 1859 in Jühnde bei Göttingen, Herausgeber von »Das Land«, zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit dem früh verstorbenen Heinrich Schaumberger, und gilt als einer der besten Vertreter der Dorfgeschichte. (»Die Leute aus der Lindenhütte«, »Der Bruderhof.«)
Die Kulturnovellisten.
Wilhelm Heinrich Riehl, geb. am 6. Mai 1823 zu Biebrich a. Rh., gest. 1897, war Professor der Kulturgeschichte in München und einer der geistvollsten kulturhistorischen Schriftsteller, in dessen Werken der Belletrist ebenso zu Worte kommt wie der Wissenschaftler. Von seinen Schriften, die eine Fülle von Anregung und Belehrung bieten, verdienen die »Kulturhistorischen Novellen«, »Geschichten aus alter Zeit«, »Kulturstudien aus drei Jahrhunderten«, sowie der Roman »Ein ganzer Mann« besondere Erwähnung.
Karl Emil Franzos, geb. am 25. Okt. 1848 in Czortkow in Podolien, Herausgeber der »Deutschen Dichtung«, entdeckte »Halbasien« (den Südosten von Europa) für die Litteratur und verlegte dorthin den Schauplatz seiner ersten Kulturromane (»Aus Halbasien«, »Die Juden von Barnow«, »Junge Liebe«, »Stille Geschichten«, »Moschko von Parma«, »Ein Kampf ums Recht«, »Der Präsident«). Seine späteren Romane und Novellen begegneten nicht mehr dem gleichen Interesse.
Leopold Kompert, geb. am 15. Mai 1822 zu Münchengrätz, gest. 1886, gilt neben Karl Emil Franzos als der kenntnisreichste Schilderer des jüdischen Volkslebens. (»Aus dem Ghetto«, »Geschichten einer Gasse« u. a.)
Leopold von Sacher-Masoch, geb. am 27. Januar 1837 in Lemberg, gest. 1895, als Litterat ein Pendant zum Marquis de Sade, besaß von Natur aus eine bedeutende Begabung, die jedoch in der Sucht nach der Darstellung erotisch-perverser Probleme in die Brüche ging. So besitzen seine Romane nicht viel mehr als pathologisches Interesse (Masochismus).
Die Dichter-Archäologen.
Georg Ebers, geb. am 1. März 1837 in Berlin, gest. am 7. August 1898, berühmter Ägyptologe, war einer der beliebtesten Autoren der letzten Jahrzehnte. Seine Romane entrollen meist Kulturbilder aus dem Pharaonenlande oder aus dem deutschen Mittelalter. Ebers war der Hauptvertreter des geschichtlichen Romans, wenngleich ihm der Vorwurf nicht erspart geblieben ist, daß die meisten seiner Gestalten nichts als moderne Wesen in historischer Drapierung sind. Eröffnet wurde die dichterische Thätigkeit E.'s mit dem Roman: »Eine ägyptische Königstochter«. Fast jeder Epoche der ägyptischen Geschichte ist er in einem Romane gerecht geworden. (»Uarda«, »Homo sum«, »Der Kaiser«, »Die Nilbraut« u. a.) Unterbrochen wurde der Cyklus der ägyptischen Romane durch »Die Frau Bürgermeisterin« und »Ein Wort«. Seit 1889 wandte sich E. fast ausschließlich der Schilderung deutschen Lebens der Vorzeit zu: »Die Gred«, »Im Schmiedefeuer«, »Im blauen Hecht«, »Barbara Blomberg«. E. war trotz aller Anfeindung eine Dichternatur, die oftmals durch das Professorentum erstickt wurde, aber in einzelnen Zügen in jedem seiner Werke zutage tritt.
Felix Dahn, geb. am 9. Febr. 1834 in Hamburg, Professor und Dichter zugleich, wenn auch das erstere mehr als das letztere, schrieb eine Reihe Romane aus der Zeit der Völkerwanderung und der altnordischen Heiden- und Heldenzeit, unter denen »Ein Kampf um Rom« der erfolgreichste, »Julian der Abtrünnige« der beste ist. Von seinen Dramen verdienen »König Roderich« und »Rüdeger von Bechlaren« genannt zu werden. Durch umfangreiche Produktion von Gelegenheitsgedichten (nicht solcher im Goethe'schen Sinne) hat D. viel dazu beigetragen seinen Ruf als Dichter zu schädigen.
Ernst Eckstein, geb. am 6. Febr. 1845 in Gießen, kommt hauptsächlich als Unterhaltungsschriftsteller in Betracht, obgleich er später auch den Versuch gemacht hat, sich den realistischen Schriftstellern zuzugesellen. (»Prusias«, »Die Claudier«, »Nero«, »Dombrowsky«, »Familie Hartwig« u. a.) Einen großen buchhändlerischen Erfolg erzielte seine kleine Gymnasialhumoreske: »Der Besuch im Carcer«.
George Taylor (Pseudon. für Adolf Hausrath), geb. am 13. Jan. 1837, Professor an der Universität Heidelberg, geht in den Fußtapfen Georg Ebers', wenn auch seine archäologischen Romane (»Antionus«, »Klitia«, »Jetta«, »Pater Maternus«, »Unter dem Katalpenbaum«) mehr dichterische Fähigkeiten aufweisen als die seines Vorbildes.
Oskar Linke, geb. am 15. Juli 1854 in Berlin, berührt sich mit den Dichter-Archäologen. Äußerst vielseitig und dabei ein Meister der Form, läßt er seine erzählenden Dichtungen oft im klassischen Altertum, das er ausgezeichnet kennt und durchdringt, spielen. Seine Weltanschauung ist eine freie. (»Blumen des Lebens«, »Jesus Christus«, »Mylesische Märchen«, »Chrysothemis erzählt« u. a.)
Die Dramatiker der alten Schule.
Rudolf von Gottschall, geb. am 30. Sept. 1823 in Breslau, ein Jungdeutscher und Freiheitsänger der vormärzlichen Zeit, ist einer der vielseitigsten und fruchtbarsten Dichter, der sich auf allen Gebieten der Dichtkunst und Schriftstellerei umgesehen hat und seit einem Menschenalter den Mittelpunkt des schöngeistigen Lebens in Leipzig bildet. Als Bühnenschriftsteller ist G. wiederholt hervorgetreten: »Mazeppa«, »Katharina Howard«, »Pitt und Fox«, »Der Spion von Rheinsberg«, »Rahab« u. a. Von seinen Romanen, in denen er die Bahnen Gutzkows wandelt, ist »Im Banne des schwarzen Adlers« der erfolgreichste gewesen. Vielfache Anerkennung fanden auch seine litterarhistorischen Arbeiten (»Deutsche Nationallitteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrh.«, »Poetik« etc.), in denen die »Moderne« allerdings nicht immer glimpflich wegkommt, obwohl G. immer bestrebt war, mit dem Zeitgeist rege Fühlung zu behalten. Sein Leben bis zur Verheiratung schildert die Autobiographie »Aus meiner Jugend«.
Hans Herrig, geb. am 10. Dez. 1845 in Braunschweig, gest. 1892, schrieb »Mären und Geschichten« und wurde besonders durch sein »Lutherfestspiel« bekannt, dem eine Reihe dramatischer Arbeiten(»Kaiser Friedrich der Rotbart«, »Konradin« u. a.) vorausgegangen war.
Arthur Fitger, geb. am 4. Okt. 1840 in Delmenhorst, erwählte die Malerei als Hauptberuf und errang seine dichterischen Lorbeeren mit dem Trauerspiel: »Die Hexe«, dem er andere dramatische Gaben folgen ließ. Als Lyriker machte sich F. durch die Sammlungen »Fahrendes Volk« und »Winternächte« bekannt.
Heinrich Kruse, geb. am 15. Dez. 1815 in Stralsund, schrieb im Stile der alten Kunstüberlieferung eine Reihe von Dramen, unter denen »Die Gräfin«, »König Erich«, »Brutus«, »Nero« zu nennen sind. K. ist ferner Verfasser von »Seegeschichten« und »Gedichten«.
Albert Lindner, geb. am 24. April 1831 in Sulza, gest. 1888, wurde mehr durch sein tragisches Geschick (er starb im Wahnsinn) als durch seine Dramen bekannt, von denen nach seinem Tode »Die Bluthochzeit« wiederholt aufgeführt wurde. Seine Prosaerzählungen, von denen mehrere das Frauenleben in ernsten und heiteren Episoden behandeln, blieben fast unbeachtet.
Die sogenannten Lustspieldichter.
Oskar Blumenthal, geb. am 13. März 1852 in Berlin, schrieb Schwänke ohne künstlerischen Wert, teils allein, teils in Kompagnie, die nur für das Publikum, nicht für die Litteraturgeschichte in Betracht kommen.
Hugo Lubliner (Pseudon. Hugo Bürger), geb. am 22. April 1846 in Breslau, ist einer der Mitbegründer des deutschen Konversationslustspiels aus den siebziger Jahren, ein treuer Helfershelfer der Lindau, Blumenthal, Kadelburg, in dem Bestreben, dem deutschen Lustspiel mit französischem Esprit und französischer Technik aufzuhelfen.
Gustav von Moser, geb. am 11. Mai 1825 in Spandau, schrieb Lustspiele, teils selbständig, teils in Verbindung mit anderen. Zu seinen erfolgreichsten Stücken, die noch jetzt sich auf dem Theater erhalten haben, gehören: »Das Stiftungsfest«, »Der Veilchenfresser«, »Ultimo«, »Krieg im Frieden«, »Reif-Reiflingen«.
Adolf L'Arronge, geb. am 8. März 1838 in Hamburg, ist ein litterarischer Sprosse der Birchpfeiffer und Kotzebues und dadurch einer der erfolgreichsten Lustspielschreiber der Gegenwart. (»Mein Leopold«, »Hasemanns Töchter«, »Dr. Klaus«, »Lolos Vater« u. a.).
Die Übergangstalente.
Hans Hopfen, geb. am 3. Jan. 1835 in München, einer der besten Vertreter des humoristischen Romans, zeichnet sich durch eine gesunde Sinnlichkeit aus, die namentlich in seinen Gedichten und Balladen zum Ausdruck kommt. Echt volkstümliche, humorverklärte Figuren schuf er in seinen Romanen »Der alte Praktikant«, »Mein Onkel Don Juan«, »Die Heirat des Herrn von Waldenberg«, sowie in der Novellensammlung »Kleine Leute« und den »Geschichten« und »Neuen Geschichten des Herrn Majors«, während er sich in einigen Romanen (»Verdorben zu Paris«, »Glänzendes Elend« u. a.) als Dekadent giebt.
Wilhelmine von Hillern, geb. am 11. März 1836 in München als Tochter der bekannten Birch-Pfeiffer, entlehnte den Stoff ihrer realistisch gefärbten Romane dem bayrischen Volksleben. Ihr bekanntester Roman: »Die Geyer-Wally« erlebte mehrere Auflagen und fand auch als Drama freundliche Aufnahme.
Karl von Heigel, geb. am 25. März 1835 zu München, wandte sich der Unterhaltungslitteratur zu und schrieb Novellen, Romane und Dramen. Seine spätere Produktion (»Der Weg zum Himmel«, »Roman einer Stadt«, »Der Herr Stationschef« u. a.) steht unter dem Einfluß des Realismus.
Karl Frenzel, geb. am 6. Dez. 1827 in Berlin, weiteren Kreisen bekannt als Kritiker der Nationalzeitung, verdient seinen Platz in der Litteratur durch seine Romane, Novellen und wissenschaftlichen Schriften, die Gelehrsamkeit mit seiner Lebensbeobachtung verbinden, und deren Stoffe meist der Zeit des Rococos, dem 18. Jahrhundert, entnommen sind (»Melusine«, »Papst Ganganelli«, »Im goldenen Zeitalter«, »Renaissance und Rokoko«, »Des Lebens Ueberdruß«, »Dunst«, »Schönheit«, »Wahrheit«, »Frauenrecht«).
Adolf Stern, geb. am 14. Juni 1835 in Leipzig, lebt jetzt als Professor für Litteraturgeschichte am Polytechnikum in Dresden. St. ist Epiker und Novellist (»Jerusalem«, »Gutenberg«, »Aus dem 18. Jahrhundert«, »Die letzten Humanisten«) und wiederholt als feinsinniger Litterarhistoriker hervorgetreten.
Ferdinand von Saar, geb. am 30. Sept. 1833 in Wien, ist keine scharf ausgeprägte Dichternatur. Seine Erfolge verdankt er den »Gedichten« und den Novellensammlungen (»Novellen aus Österreich«, »Herbstreigen« u. a.), die ihm den Namen eines Walter Scott der Novelle eingetragen haben. Seine Dramen (»Heinrich IV.«, »Die beiden De Witt«, »Eine Wohlthat«) konnten sich nicht auf der Bühne behaupten.
Heinrich von Reder, geb. am 19. März 1824 in Mellrichstadt, begann seine litterarische Laufbahn mit »Soldatenliedern von zwei deutschen Offizieren«. Seine Hauptwerke, die »Federzeichnungen« und das »Lyrische Skizzenbuch«, tragen realistisches Gepräge.
Vaganten und Spielmänner.
Josef Victor von Scheffel, geb. am 26. Febr. 1826 in Karlsruhe, gest. am 9. April 1886, ist besonders der Lieblingsdichter der akademischen Jugend, der er eine große Zahl sangbarer Lieder schenkte, aus denen ein unverwüstlicher, feuchtfröhlicher Humor spricht. Sein lyrisch-episches Werk: »Der Trompeter von Säckingen«, das 1854 erschien, fand begeisterte Aufnahme. Weit bedeutender als dieses ist jedoch sein »Ekkehard«, ein trotz alles gelehrten Beiwerks und der fleißigen Quellenstudien von echter Poesie durchdrungenes Werk, das man als den besten kulturhistorischen Roman der letzten Jahrzehnte bezeichnen kann. Von Sch.'s weiteren Werken verdienen noch genannt zu werden: »Frau Aventiure«, »Gaudeamus« und »Bergpsalmen«.
Rudolf Baumbach, geb. am 28. Sept. 1840 in Kranichfeld in Thüringen, ist einer der »liebenswürdigen« Dichter, der Naturbursche unter den Poeten. Seine lyrischen Gedichte, die sich durch Natürlichkeit und Frische auszeichnen und vielfach zu Volksliedern geworden sind, erschienen in verschiedenen Sammlungen: »Lieder eines fahrenden Gesellen«, »Mein Frühjahr«, »Von der Landstraße«, »Krug und Tintenfaß« u. a. Außerdem besitzen wir von ihm Märchen und Epen, die ebenfalls in weitere Kreise gedrungen sind.
Julius Wolff, geb. am 16. Sept. 1834 in Quedlinburg, gehört zu den »Erfolgreichen« der 70er und 80er Jahre. Seine erste Veröffentlichung waren Gedichte »Aus dem Felde«. Einen durchschlagenden Erfolg errang er mit seinen Epen »Der Rattenfänger von Hameln«, »Der wilde Jäger«, »Der Tannhäuser«, »Lurlei« u. a., deren künstlerischer Gehalt zwar nicht hervorragend ist, die aber das große Publikum immer durch ihre Sentimentalität und Rührseligkeit entzücken werden. Der Beifall, den seine Epen fanden, übertrug sich auch auf seine Romane »Recht der Hagestolze«, »Der Sülfmeister«, »Das schwarze Weib«.
Die Goldschnittlyriker der 80er Jahre.
Karl Gerok, geb. am 30. Januar 1815 in Vaihingen in Württemberg, starb als Prälat in Stuttgart 1890. Seine Liedersammlungen »Palmblätter«, »Neue Palmblätter«, »Pfingstrosen«, »Eichenblätter«, »Deutsche Ostern«, die ein liebenswürdiger Humor durchzieht, sind vorzugsweise geistlicher Natur und fanden große Verbreitung.
Julius Sturm, geb. am 21. Juli 1816 zu Köstritz, gest. 1896, war einer der fruchtbarsten Liederdichter. Die Natur seiner Dichtungen, die eine innige, aber nicht kopfhängerische Frömmigkeit auszeichnet, wird durch die Titel seiner Sammlungen: »Gott grüße Dich«, »Immergrün«, »Fromme Lieder«, »In Freud und Leid« charakterisiert.
Albert Traeger, geb. am 12. Juni 1830 in Augsburg, ist als Dichter in den Kreisen der Liebhaber von Gartenlaube-Poesie bekannt geworden, hat sich jedoch außer einigen Lustspielen und Novellen nur einen Gedichtband zu schulden kommen lassen.
Emil Rittershaus, geb. am 3. April 1834 in Barmen, gest. daselbst 1897, gab sich in seinen meist zuerst in der Gartenlaube veröffentlichten Gedichten als Sänger frischer, fröhlicher Lieder, die Wein und Liebe, Vaterland und Gartenlaube verherrlichen.
Die Beschaulichen.
Wilhelm Raabe, geb. am 8. Sept. 1831 in Eschhausen, früher Buchhändler, nimmt unter den deutschen Humoristen den ersten Rang ein und gilt seit 30 Jahren als einer der eigenartigsten Charakterköpfe der deutschen Litteratur. Ein goldener Humor, der an Dickens erinnert, durchzieht seine Schriften, die er meist in ein altertümelndes Gewand kleidet oder im Chronikstil abfaßt. »Zwei oder drei Zeilen in einer Chronik, eine halbe Seite in der Geschichte für den Forscher« genügen ihm, um eine Erzählung darauf aufzubauen. R. beschäftigt Geist und Herz seiner Leser in gleicher Weise und seine Bücher, in einem etwas krausen Stile geschrieben, rühren die Seele bis zum Grunde auf. Bei alledem ist er einer der am wenigsten erfolgreichen Autoren geblieben, trotz des großen Gehalts und der Zahl seiner Schriften, von denen wir hier nur die nachstehenden registrieren: »Die Akten des Vogelsangs«, »Die Chronik der Sperlingsgasse«, »Gesammelte Erzählungen«, 3 Bde., »Horacker«, »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Unseres Herrgotts Kanzlei«, »Alte Nester«, »Wunnigel«, »Horn von Wanza«.
Wilhelm Busch, geb. am 15. April 1832 in Wiedensahl bei Stadthagen, ist der bedeutendste zeitgenössische komische Humorist und Zeichner, wenngleich seine Wirksamkeit hauptsächlich in die 60er und 70er Jahre fällt. Seine Schriften (»Max und Moritz«, »Hans Huckebein«, »Der heilige Antonius«, »Die fromme Helene«, »Herr und Frau Knopp« u. a.) erlangten eine ungeheuere Verbreitung. Seine letzten Werkchen: »Eduards Traum« und »Der Schmetterling« sind symbolische Prosamärchen, die den Idealismus ironisieren.
Hans Hoffmann, geb. am 27. Juli 1848 in Stettin, zählt zu den besten Novellisten der Gegenwart. (»Von Frühling zu Frühling«, »Geschichten aus Hinterpommern«, »Ostseemärchen«, »Allerlei Gelehrte«, »Aus der Sommerfrische«.) Auch als Romanschriftsteller ist H. wiederholt hervorgetreten und hat sich auf diesem Gebiet als ein feinsinniger Dichter erwiesen, dem die seltene Gabe des Humors wie wenigen zu Gebote steht. (»Der eiserne Rittmeister«, »Landsturm«.) Ein echt nationales, von historischem Geiste getragenes Werk ist sein großer 3bändiger Roman: »Wider den Kurfürsten«.
Heinrich Seidel, geb. am 25. Juni 1842 in Perlin, wurde Ingenieur, dann Schriftsteller in Berlin. Er ist der Dichter der kleinen behaglichen Lebensverhältnisse; seine Poesie und seine Ideale haben einen philiströsen Zug und es sind fast immer dieselben Mittel (Pastorenhaus, Fliederbüsche, Tabakspfeife und schüchterne Liebhaber), mit denen er in seinen Lebrecht Hühnchen-Geschichten operiert. (»Aus der Heimat«, »Vorstadtgeschichten«, »Lebrecht Hühnchen u. a. Geschichten«, »Neues von Lebrecht Hühnchen u. a. Sonderlingen«, »Lebrecht Hühnchen als Großvater«, »Gesammelte Gedichte« u. a.) S's. Autobiographie führt den Titel »Von Perlin nach Berlin«.
Victor Blüthgen, geb. am 4. Januar 1844 in Zörbig, ein liebenswürdiger, feinsinniger Dichter, schrieb Gedichte (vor allem Kinderreime), Novellen und Humoresken (»Henzi u. a. Humoresken«, »Badekuren«, »Amoretten« etc.) Von seinen Romanen sind »Der Friedensstörer«, »Aus gährender Zeit«, und »Der Preuße« zu nennen.
Die Behaglichen.
Julius Stinde, geb. am 28. Aug. 1841 in Kirch-Nüchel in Holstein, führte die »Frau Buchholz«, den Typus des Berliner Spießbürgertums, in die Litteratur ein und wurde durch zahlreiche Auflagen seiner Werke dafür belohnt. Von seinen weiteren Schriften fanden noch die »Waldnovellen« und »Pienchens Brautfahrt« größere Verbreitung.
Johannes Trojan, geb. am 14. August 1837 in Danzig, Redakteur des Kladderadatsch, schrieb hübsche, humorvolle Kinderlieder und eine Anzahl ansprechender Gedichte: »Scherzgedichte«, »Für gewöhnliche Leute«, »Das Wustrower Königsschießen u. a. Humoresken«.
Julius Lohmeyer, geb. am 6. Okt. 1835 in Neisse, machte sich als Jugendschriftsteller einen Namen, ohne jedoch auf diesem Gebiete viel mehr als guten Willen und einen bescheidenen liebenswürdigen Humor mitzubringen. (»Gedichte eines Optimisten«, »Die Bescheidenen«, »Humoresken« u. a.)
Edwin Bormann, geb. am 14. April 1851 in Leipzig, machte sich als sächsischer Humorist in seinem engeren Vaterlande einen Namen (»Mei Leipzig low' ich mir«, »Herr Engemann«, »Schelmenlieder« u. a.) So gut einige ältere Dialektdichtungen B.'s sind, so flach und schal ist die Mehrzahl seiner jüngsten fabrikmäßig hergestellten Poesien. Seinen humoristischen Werken nicht beizuzählen, nach Ansicht B.'s vielmehr durchaus ernsthaft zu nehmen, sind »Das Shakespeare-Geheimnis« und die im Anschlusse daran erschienenen Schriften, in denen der Nachweis geführt werden soll, daß Shakespeare nicht Shakespeare, sondern Francis Bacon ist.
Georg Bötticher, geb. am 20. Mai 1849 in Jena, ein feinsinnigerer und vielseitigerer Humorist als Bormann, schrieb in Gemeinschaft mit Victor Blüthgen »Schüler-Novellen«, und selbständig zahlreiche humoristische Schriften, von denen viele durch die »Fliegenden Blätter« und die »Reclam-Bibliothek« weiteren Kreisen bekannt geworden sind. (»Schnurrige Kerle«, »Schilda, Verse eines Kleinstädters«, »Allotria, humoristische Geschichte«, »Neue Allotria«, »Bunte Reihe« u. a.)
Hans Arnold (Pseudon. für Frau Babette von Bülow), geb. am 20. Sept. 1850 in Warmbrunn, schildert in ihren Novellen und Erzählungen mit Vorliebe in humoristischer Weise die kleinen Verdrießlichkeiten und Unannehmlichkeiten des Lebens. Ihre Werke besonders anzuführen, erübrigt sich: sie amüsieren und werden vergessen.
Die Dichter der Dekadenz.
Dranmor, mit seinem eigentlichen Namen Ferdinand von Schmid, geb. am 22. Juni 1823 in Muri bei Bern, gest. 1888, wanderte nach Brasilien aus und wurde weiteren Kreisen durch seine »Gesammelten Dichtungen« bekannt, die neben lyrischen Gedichten Balladen und Epen aus dem südamerikanischen Leben in düsterer, pessimistischer Färbung enthalten.
Eduard Grisebach, geb. am 9. Okt. 1845, gab den »Neuen Tannhäuser« und »Tannhäuser in Rom« heraus, leichtgeschürzte Poesien, die viel Anerkennung fanden. G. hat sich ferner als Bibliophile und Herausgeber der Werke Schopenhauers u. a. verdient gemacht.
Emil Prinz von Schönaich-Carolath, geb. am 8. April 1852 zu Breslau, lieferte in seinen Dichtungen den Beweis, daß jemand Prinz und doch ein großer Dichter, Zigeuner und Weltmann zugleich sein kann. Wenn auch die Schöpfungen dieses modernen Byron (»Lieder an eine Verlorene«, »Tauwasser«, »Dichtungen«, »Geschichten aus Moll« u. a. m.) von Koketterie und Salon-Zigeunertum nicht frei sind, so kommen ihm doch an Größe und Leidenschaft nur wenige der Modernen gleich.
Hieronymus Lorm (Pseudon. für Heinrich Landesmann), geb. am 9. Aug. 1821 in Nikolsburg, seit seinem Jünglingsalter taub und erblindet, schrieb Romane und Novellen und that sich besonders als pessimistischer Lyriker hervor (»Am Kamin«, »Gedichte«, »Nachsommer« u. a.). In seinen philosophischen Schriften unternahm er, wenn auch mit wenig Glück, wiederholt den Versuch, eine allgemein-verständliche Erörterung des Lebensproblems zu geben.
Alberta von Puttkamer, geb. am 5. Mai 1849 in Glogau, debütierte mit dem Schauspiel »Kaiser Otto III.«, dem sie »Dichtungen«, »Accorde und Gesänge«, »Offenbarungen« und »Aus Vergangenheiten« folgen ließ, in denen sich ein glühendes Verlangen nach erträumtem Glück, Trauer und Sehnsucht nach verlorenem ausspricht.
Ada Christen (Pseudon. für Christiane Breden, geb. am 6. März 1844 in Wien, ist eine Dichterin stark realistischen Gepräges, in deren Gedichten (»Lieder einer Verlorenen«, »Aus der Tiefe«) sich das seelische Unbefriedigtsein des Weibes ausspricht.
Die Marlitt und ihre Schule.[3]
[3] Paul Lindau siehe unter »Feuilletonisten«.
E. Marlitt (Pseudon. für Eugenie John, geb. am 5. Dez. 1825 in Arnstadt in Thüringen, gest. 1887, wurde viel verlästert von den Modernen, aber viel geliebt von dem Publikum der Gartenlaube, das ihre Romane »Goldelse«, »Das Geheimnis der alten Mamsell«, »Das Heideprinzeßchen« u. a. nicht las, sondern verschlang.
W. Heimburg (Pseudon. für Bertha Behrens), geb. am 7. Sept. 1850 in Thale am Harz, ist ein Gartenlaube-Talent, das sich in wenig oder nichts von der Marlitt unterscheidet. Ihre Produktion wird schon durch die Titel ihrer Werke charakterisiert: »Aus dem Leben einer alten Freundin«, »Lumpenmüllers Lieschen«, »Ein armes Mädchen«, »Herzenskrisen«, »Trotzige Herzen« u. s. w.
E. Werner (Pseudon. für Elisabeth Bürstenbinder), geb. am 25. Nov. 1838 in Berlin, gehört zu denjenigen Schriftstellerinnen, die ein Motiv so lange variieren, bis es sich zu »Gesammelten Werken« ausgewachsen hat. (»Ein Held der Feder«, »Am Altar«, »Gesprengte Fesseln«, »St. Michael« u. a.)
Marie Bernhard, geb. am 7. Nov. 1852 in Königsberg i. Pr., widmete sich der Schriftstellerei im Genre der Gartenlaube (»Forstmeister Reichardt«, »Im Strom der Zeit«, »In Treue fest«, »Schule des Lebens«, »Unweiblich« u. a.)
Nataly von Eschstruth (Mädchenname der jetzigen Frau v. Knobelsdorff-Brenkenhoff), geb. am 17. Mai 1860 in Hofgeismar, wurde vom Deutschen Schriftsteller-Verband als die »beliebteste« Erzählerin proklamiert und ist bemüht, durch die Quantität zu ersetzen, was ihr an Qualität fehlt. Ihre »Werke« stehen noch unter denen der Marlitt, Heimburg etc.
Die »Jüngstdeutschen« und ihre Vorkämpfer.
Karl Bleibtreu, geb. am 13. Januar 1859 in Berlin, schrieb mehr Bände als er Jahre zählt und ist einer der großen Woller und kleinen Könner. Vielseitig veranlagt und ein geistreicher, witziger Kopf, irrlichtelierte er von einem Gebiete zu dem andern, ohne über Ansätze hinauszukommen und ohne Fähigkeit zur Konzentration und – Bescheidenheit. Ist Feuer in seinen Werken, so ist es sicher Brillantfeuer, das keine Wärme giebt und dessen Abbrennen teilnahmlos läßt. Von seinen zahlreichen Werken nennen wir nur »Dies irae, Erinnerungen eines französischen Offiziers«; die Aufzählung seiner dramatischen, lyrischen und epischen Produktion, wie seiner Glaubensbekenntnisse, müssen wir uns Raummangels wegen versagen. Die Broschüre: »Die Revolution der Litteratur«, die zum ersten Mal dem großen Publikum Kenntnis von den Absichten der »Jungen« gab, hat ein gewisses litterarhistorisches Interesse.
Michael Georg Conrad, geb. am 5. April 1846 zu Gnodstadt in Franken, eine eigenartig und scharf ausgeprägte Dichternatur mit einer ausgesprochenen Neigung zu politischer Bethätigung, gab in Gemeinschaft mit Karl Bleibtreu die »Gesellschaft« heraus, die er ganz in den Dienst der modernen Ideen stellte. Seine von Zola und einem jahrelangen Aufenthalt in Paris beeinflußten Romane: »Was die Isar rauscht«, »Die klugen Jungfrauen«, »Die Beichte des Narren«, »In purpurner Finsternis« u. a. sind nicht frei von Kraftmeierei und Übertreibungen.
Hermann Conradi, geb. am 12. Juni 1862 in Jeßnitz, gest. am 8. März 1890, eins der Häupter der Stürmer und Dränger, schrieb »Brutalitäten«, »Lieder eines Sünders« und die Romane: »Phrasen« und »Adam Mensch«, Werke, die von Brutalitäten, Phrasen, Menschlichem und Allzumenschlichem strotzen, und nur als documents humains von einigem Interesse sind.
Konrad Alberti (recte Konrad Sittenfeld), geb. am 9. Juli 1862 in Breslau, schrieb eine Reihe von Romanen, Novellen und Dramen im Stile der Jüngstdeutschen, unter denen die Romane »Wer ist der Stärkere?« und »Die Alten und die Jungen« die bedeutendsten sind. Seine spätere Produktion wandte sich dem Unterhaltungsroman zu und entbehrt jeder Eigenart. (»Die Rose von Hildesheim«, »Die schöne Theotaki« u. a.)
Heinrich Hart, geb. am 30. Dez. 1855 in Wesel, Kritiker der »Täglichen Rundschau«, gab in Gemeinschaft mit seinem Bruder die »Kritischen Waffengänge« heraus, durch die sie den Modernen, mit denen sie in ihrem dichterischen Schaffen sonst wenig Gemeinsames haben, nahetraten. Das hervorragendste Werk H.'s ist das Epos »Das Lied der Menschheit«.
Julius Hart, geb. am 9. April 1859 in Münster, Bruder des vorigen, schrieb teils selbständig, teils in Gemeinschaft mit seinem Bruder eine Reihe kritischer und dichterischer Werke, von denen wir die Gedichtsammlung »Sansara«, das Schauspiel »Sumpf«, die Prosadichtung »Sehnsucht« und das zweibändige, populär geschriebene Werk: »Geschichte der Weltlitteratur« hervorheben.
Hermann Heiberg, geb. am 17. Nov. 1840 in Schleswig, Herausgeber der Halbmonatsschrift »Niedersachsen«, stand ursprünglich mit den Modernen in engster Fühlung, glitt jedoch später ganz in das Fahrwasser der Unterhaltungslitteratur. Zu seinen bekanntesten Werken sind die »Plaudereien mit der Herzogin von Seeland«, »Apotheker Heinrich« und »Eine vornehme Frau« zu zählen, die sämtlich seiner ersten Schaffensperiode angehören.
Max Kretzer, geb. am 7. Juni 1854 in Posen, arbeitete sich vom Fabrikarbeiter zum Schriftsteller empor. Seine Romane, die stark realistisch gefärbt sind und ihm den Namen: der deutsche Zola eintrugen, spielen meist in den Arbeiterkreisen der Reichshauptstadt, die er vorzüglich kennt und zu portraitieren versteht. (»Meister Timpe«, »Der Millionenbauer«, »Die gute Tochter« u. a.) Mit seinem letzten Roman: »Das Gesicht Christi« ging er vom Realismus zum Symbolismus über.
Wilhelm Walloth, geb. am 6. Okt. 1856 zu Darmstadt, kämpfte in den Reihen der Modernen an erster Stelle. Seine Romane aus dem Rom des Niederganges »Oktavia«, »Paris der Mime«, »Ovid«, »Dämon des Neides«, denen jede Konzentration fehlt, hielten nicht, was er früher versprochen. Mit seinem neuesten Roman: »Im Banne der Hypnose« erregte er statt Sensation Langeweile. Seine Dramen: »Marino Falieri«, »Johann von Schwaben« sind reich an schönen Einzelheiten, aber als Ganzes betrachtet verfehlt.
Wilhelm Arent, geb. am 7. März 1864 in Berlin, spielte früher auf der Bühne, später in der litterarischen Bewegung der 80er Jahre eine Rolle und war Mitherausgeber der »Modernen Dichtercharaktere«. Seine Poesie (mehr als 30 Bände!) ist überreich an Stimmung, aber form- und gedanken-, ja sinnlos.
Wolfgang Kirchbach, geb. am 18. Sept. 1857 zu London, schloß sich nur locker der »Moderne« an und ist immer mehr seinen eigenen oft sonderlichen Ideen nachgegangen. (»Ausgewählte Gedichte«, »Lebensbuch«, »Das Leben auf der Walze«.) Seine Dramen »Des Sonnenreiches Untergang«, »Gordon Pascha« fanden nur geteilte Aufnahme.
Socialistische Lyriker.
Arno Holz, geb. am 26. April 1863 in Rastenburg, ist allem Anschein nach ein Talent, das eine große Zukunft vor sich hat. Sein »Buch der Zeit« schlug neue, eigenartige Töne an und ließ H., der ursprünglich als Geibelianer auftrat, als den berufensten socialistischen Lyriker erscheinen. Aus seiner Verbindung mit Johannes Schlaf gingen die Novellen: »Papa Hamlet« und das naturalistische Drama: »Familie Selicke« hervor. Sein Drama »Socialaristokraten« fiel gänzlich ab und die neue Dichtkunst, die er im »Phantasus« predigt und für die er bereits eine »Revolution in der Lyrik« in Szene setzte, hat ihm nur mitleidiges Lächeln und Achselzucken eingebracht, obwohl sie sich schon durch ihre Einfachheit vorteilhaft vor anderen »Methoden« auszeichnet.
Karl Henckell, geb. am 17. April 1864 in Hannover, gab mit Arent die »Modernen Dichtercharaktere« heraus und stand mit seinen »Strophen« und »Amselrufen«, die sich durch Glätte und Formgewandtheit auszeichnen, an der Spitze der socialistischen Lyriker.
Maurice Reinhold von Stern, geb. am 3. April 1859 in Reval, hat eine außerordentlich bewegte Vergangenheit hinter sich, die ihn nach Deutschland, Amerika und der Schweiz führte. (Nach dem Zusammenbruch seiner Buchhandlung in Zürich postalisch und polizeilich nicht zu ermitteln.) In seinen »Proletarierliedern«, »Ausgewählten Gedichten« u. a. finden sich neben Naturbildern von Glanz und Stimmung, Plattes und Geschmackloses. Sein autobiographischer Roman »Walther Wendrich« zeigt seine Unfähigkeit, einen Stoff zu meistern und dichterisch zu gestalten. Großes auf kleines übertragen, gilt von ihm das Wort Goethes über Grabbe: »Er wußte sich selbst nicht zu zähmen, darum zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten«.
John Henry Mackay, geb. am 6. Febr. 1864 in Greenock in Schottland, ist ein Dichter mit revolutionären und salonanarchistischen Tendenzen, in dessen Werken Denker, Dichter und Politiker in gleicher Weise zu Worte kommen (»Kinder des Hochlands«, »Arma parata fero«, »Sturm«, »Wiedergeburt«, »Gesammelte Dichtungen«, das Kulturgemälde: »Die Anarchisten« u. a.).
Bruno Wille, geb. am 6. Febr. 1860 in Magdeburg, zeigt sich in seinen Gedichten und philosophischen Schriften als freier unabhängiger Denker, der, vom Socialismus ausgehend, den Weg zum Individualismus findet. (»Einsiedelkunst aus der Kiefernhaide« u. a.)
Die Nationalen.
Adolf Pichler, geb. am 4. Sept. 1819, ist der älteste Tiroler Dichter: sein Leben und seine Werke reichen von der »Franzosenzeit« bis zur Gegenwart. Ein Gelehrter und von allseitiger Bildung, weiß er doch wahrhaft volkstümlich zu erzählen (»Allerlei Geschichten aus Tirol«, »Letzte Alpenrosen«, »Aus den Tiroler Bergen« u. a.). Er hat ferner als Lyriker »Hymnen« geschrieben, »Spätfrüchte« und »Marksteine«. Unter den Vorkämpfern einer liberalen Weltanschauung, aber milde und versöhnlich, steht er in vorderster Reihe.
Karl Pröll, geb. in Graz 1840, bekannt als journalistischer Vorkämpfer des Deutschtums in Böhmen, lebt seit vielen Jahren als Schriftsteller in Berlin, von wo er neben zahllosen politischen Schriften seine Lieder »Sturmvögel«, »Vergessene deutsche Brüder« u. s. w. und seine prächtigen Sammlungen von Skizzen und Novellen »Moderner Todtentanz«, Bd. 1–5, »Vogelbeeren«, »Spreu im Winde« etc. veröffentlichte.
Fritz Lienhard, geb. am 4. Okt. 1865 in Rothbach i/Els., war von 1893–1895 Redakteur des »Zwanzigsten Jahrhunderts« und Anfang 1900 auf kurze Zeit Herausgeber der »Heimat«. Bedeutend sind seine »Lieder eines Elsässers«, sein Wanderbuch »Wasgaufahrten« und besonders seine Dramen »Naphtali«, »Weltrevolution«, »Till Eulenspiegel«. In seiner schriftstellerischen und journalistischen Thätigkeit sucht er der »Heimatkunst«, dem Nationalen in Dichtung und Leben, den Weg zu ebnen.
Anton Ohorn, geb. am 22. Juli 1846 in Theresienstadt, schrieb zahlreiche Romane, Erzählungen und Novellen, von denen das meiste Aufsehen die nationale Erzählung »Das deutsche Lied« gemacht hat.
Anton August Naaff, geb. am 28. Nov. 1850 in Weitentrebetitsch, Herausgeber der »Lyra« in Wien, veröffentlichte die Liedersammlungen im Volkstone: »Aus dem Dornbusch«, »Gartheil und Krauseminz«, »Der Sonn' entgegen«, »Gerda« u. a.
Ottomar Beta (eigentlich Bettziech), geb. am 7. Febr. 1845 in Berlin, wurde in England erzogen. B. veröffentlichte außer zahlreichen nationalökonomischen, socialpolitischen und politischen Schriften mehrere Dramen und Romane, von denen das Trauerspiel »David Rizzio«, das Lustspiel »Altmodisch und Modern«, das Schauspiel »Nichts halb!« und besonders das Lustspiel »Feurige Kohlen« Anerkennung fanden. Seine Novellen und Romane »Schmollis, ein Hundeleben«, »Unter Unkraut«, »Peregrine«, »Die Rache ist mein« u. s. w. verraten ein bemerkenswertes Erzählertalent. Beachtung verdient auch das satirische Epos »Barbarossa's Botschaft«.
Adolf Graf von Westarp, geb. am 21. April 1851 in Breslau, erregte Aufsehen durch sein Buch »Fürst Bismarck und das deutsche Volk«, sowie durch sein Lied »An den Kaiser« (nach Bismarcks Entlassung). W. ist ein ebenso eigenartiger wie talentvoller Lyriker. (»Deutsche Lieder«, »Idyllen und Elegieen aus den bayrischen Bergen«.)
Erwin Bauer, geb. am 9. Jan. 1857 auf dem Gute Techelfer bei Dorpat in Livland, begründete in Reval die »Nordische Rundschau«, 1890 in Berlin »Das zwanzigste Jahrhundert«. Außer einigen Dramen gab B., dessen Talent frühzeitig von der Politik beschlagnahmt wurde, die Novellensammlungen »Aus dem Zarenlande« und »Einfache Geschichten«, sowie die Erzählung »Der Selbstmord des Leutnants Mergenthin« heraus. Sein bestes Werk ist der in Rußland spielende Roman »Aut Caesar, aut nihil«.
Carl Kerstan, geb. am 22. Okt. 1847 in Prag, machte sich als Historienmaler einen Namen. Sein philosophischer Roman in 3 Bänden »Sapaere aude« gehört zu den besten unserer Litteratur und verdiente mehr Beachtung, als er gefunden.
Die großen neuzeitlichen Erzähler.
Theodor Fontane, geb. am 30. Dez. 1819 in Neuruppin, gest. am 20. Sept. 1898, war wie Sudermann und Ibsen ursprünglich Apotheker. Eine Reise nach England weckte sein dichterisches Talent, so daß er sich bald ganz der Schriftstellerei widmete. F. ist besonders der Dichter des Preußentums oder im engeren Sinne der Mark, Berlins. Er schrieb die Romane »Irrungen, Wirrungen«, »Stine«, »Quitt«, »Frau Jenny Treibel«, »Effi Briest« u. a., die zu den besten der neuzeitlichen Erzählungslitteratur zu rechnen sind. Schon seit den vierziger Jahren zählte F. zu den bedeutendsten Balladendichtern und Schilderern der Mark Brandenburg. Seine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« sind Landschaftsbilder von entzückender Anmut, sinniger Feinheit und zugleich von frappierender Treue. Tüchtige litterarische Leistungen sind außerdem seine Darstellungen der drei Kriege 1864, 1866 und 1870, die wiederholt aufgelegt wurden. Mit zwei Bänden Erinnerungen aus seinem Leben: »Meine Kinderjahre« und »Von Zwanzig bis Dreißig«, schloß er seine dichterische Thätigkeit ab.
Wilhelm Jensen, geb. am 15. Febr. 1837 in Heiligenhafen, ist einer der eigenartigsten und markantesten Erzähler. Er ist der Dichter des Meeres und der Heide und alle Stimmen, die er ihnen abgelauscht, klingen in seinen Werken wieder. So ungleich auch die einzelnen Werke J.'s untereinander sind, allen gemeinsam ist die melodische, wunderbare Sprache und eine weiche, stillverträumte Stimmung, die über ihnen liegt und den Leser gefangen nimmt. J. ist ein ungemein produktiver Dichter, der sich jedes Jahr mit zwei, drei Bänden einstellt. Von seinen Werken seien genannt: »Die braune Erica«, »Karin von Schweden«, »Tagebuch aus Grönland«, »Aus den Tagen der Hansa«, »Jenseits des Wassers«, »Luv und Lee«, »Sehnsucht«. Auch als Lyriker ist J. wiederholt hervorgetreten und darf wohl den Anspruch erheben, als solcher neben Keller, Meyer und Storm genannt zu werden. (Gesammelte Gedichte: »Vom Morgen zum Abend«.)
Marie von Ebner-Eschenbach, geb. am 13. Sept. 1830 in Zdislavic in Mähren, ist gegenwärtig die bedeutendste lebende deutsch-österreichische Schriftstellerin. Sie ist eine Meisterin des künstlerischen Realismus, den sie so sicher wie die besten Meister der Erzählungskunst beherrscht. (»Bozena«, »Dorf- und Schloßgeschichten«, »Zwei Komtessen«, »Das Gemeindekind«, »Rittmeister Brand« u. a.)
Adolf Wilbrandt, geb. am 24. Aug. 1837 in Rostock, gab zuerst ein Werk über Heinrich von Kleist heraus, dem er eine Reihe von Dramen: »Arria und Messalina«, »Gracchus«, »Kriemhild«, »Graf Hammerstein«, »Die Tochter des Herrn Fabricius«, »Der Meister von Palmyra« u. a. folgen ließ, unter denen das letztgenannte das bedeutendste ist. In den letzten Jahren hat sich W. fast ganz dem Zeitromane zugewandt (»Hermann Ifinger«, »Die Osterinsel«, »Vater Robinson« u. a.). W. ist eine der vornehmsten Erscheinungen unter den Schriftstellern der Gegenwart und sowohl der Schiller- als auch der Grillparzerpreis sind ihm zugefallen.
Richard Voß, geb. am 2. Febr. 1851 in Neugrape in Pommern, ist eine reiche phantasievolle und starke Dichternatur, die sich leider nicht zur künstlerischen Vollendung durchringen konnte. Ein nervöser, dämonischer Zug geht durch alle seine Romane und Dramen, die bald in Deutschland, bald in Italien, im Mittelalter oder in der Neuzeit spielen. Eine zerrissene, unbefriedigte Natur, vermögen auch seine Schöpfungen nicht zu befriedigen, von denen die meisten den Leser narkotisieren oder peinigen. Seine erfolgreichsten Dramen sind »Schuldig«, »Alexandra«, und »Eva«; von seinen Novellen und Romanen sind »Römische Dorfgeschichten«, »Mönch von Berchtesgaden«, »Villa Falconieri«, »Unter den Borgia«, die bekanntesten.
Realistische Erzähler.
Ernst von Wolzogen, geb. am 23. April 1855 in Breslau, ist einer der ungleichmäßig schaffenden Dichter. Seine Tragikomödie: »Das Lumpengesindel« ist noch immer sein bestes Werk. Einst erhoffte man vieles von dem Talent dieses fabulierenden Freiherrn, der die schöne Gabe des Humors besitzt und es versteht, seine Personen treffend zu charakterisieren, doch produziert er seit langem nur Unterhaltungslitteratur, wenn auch im besseren Sinne. Seine besten Romane sind »Die Kinder der Excellenz« (auch als Lustspiel bearbeitet), »Die tolle Komteß«, »Die Entgleisten«, »Der Kraftmayr«.
Konrad Telmann (recte Zitelmann), geb. 1854, gest. 1897, wurde durch körperliches Leiden zur Aufgabe seines Berufes gezwungen und lebte seit Jahren in Rom. T. hat eine außerordentlich große Anzahl von Werken hinterlassen und eine rastlose Thätigkeit entfaltet, die seiner Kunst nicht immer zum Vorteil gereichte. Er ist ein Übergangskünstler, der sich Friedrich Spielhagen zum Vorbild nahm und über ihn hinaus den realistischen Roman auszubauen und mit neuen, meist »interessanten« und exotischen Zügen auszustaffieren suchte. Zu seinen besten Romanen, von denen viele in der zweiten Heimat des Dichters, in Italien, spielen, zählen: »Vox populi«, »Unterm Strohdach«, »Unter römischem Himmel«, »Unter den Dolomiten«, »Götter und Götzen«, »Vom Stamme der Skariden«.
Alexander Baron von Roberts, geb. am 23. Aug. 1845 in Luxemburg, gest. 1896, zählte zu den besten Unterhaltungsschriftstellern, besonders in den Romanen, die das Militärleben zum Gegenstand haben. (»Es und Anderes«, »Götzendienst«, »Lou«, »Die schöne Helena«, »Schwiegertöchter« u. a.) Sein Drama »Satisfaktion« ging mehrfach mit Erfolg über die Bühne.
Georg von Ompteda, geb. am 29. März 1863 in Hannover, veröffentlichte (teilweise unter dem Pseudonym Georg Egestorff) »Von der Lebensstraße u. a. Gedichte«, sowie die Romane »Drohnen«, »Unter uns Junggesellen«, »Sylvester von Geyer« u. a., deren Stoff er vorzugsweise der deutschen Armee entnahm. Als Übersetzer machte er sich durch die Übertragung der Werke Guy de Maupassants bekannt.
Wilhelm von Polenz, geb. am 14. Januar 1861 in Ober-Cunewalde, debütierte mit dem Roman »Sühne« und ließ diesem dramatische und novellistische Arbeiten, sowie die Romane »Der Pfarrer von Breitendorf«, »Der Büttnerbauer«, »Der Grabenhäger« und »Wald« folgen, in denen er hauptsächlich brennende Zeitfragen des gutsherrlichen und bäuerischen Besitzstandes behandelt.
Adolf Schmitthenner, geb. am 24. Mai 1854 in Neckarbischofsheim, schrieb den Roman »Psyche« und »Novellen«, die eigenartige, fast »gewagte« Probleme zu lösen suchen und sich durch feine Seelenmalerei auszeichnen.
Karl von Perfall, geb. am 24. März 1851 in Landsberg a/Lech, behandelt in seinen Romanen gern moderne Probleme, ohne jedoch dem Naturalismus große Konzessionen zu machen. (»Vornehme Geister«, »Die Langsteiner«, »Die fromme Witwe«, »Sein Recht«.)
Anton von Perfall, geb. am 11. Dez. 1853 in Landsberg a/Lech, hat sich besonders durch seine Jagdgeschichten bekannt gemacht. Seine Romane »Die Krone«, »Sein Dämon«, »Die Sonne« tragen zum Teil realistisches Gepräge.
Oscar Mysing, geb. am 1. Nov. 1867 in Bremen, schrieb seine ersten Romane und Novellen, die zum größten Teile erotischer Natur sind (»Überreif«, »Moderne Liebe«), unter dem Pseudonym Otto Mora und ging später zur Familienblattlitteratur über. (»Die Bildungsmüden«, »Verfolgte Phantasie«, »Nach der Sündflut«, »Beresina«.)
Richard Nordhausen, geb. am 31. Januar 1868 in Berlin, war zuerst politisch thätig und schrieb dann eine Reihe Epen (»Joß Fritz der Landstreicher«, »Vestigia Leonis«, »Sonnenwende«), die sich durch farbenprächtige Schilderungen, glühende Leidenschaft und große Plastik auszeichnen. Mit dem Roman: »Die rote Tinktur« betrat N. die Pfade der Unterhaltungslitteratur.
J. J. David, geb. am 6. Febr. 1859 in Weißkirchen, schrieb Schauspiele, Gedichte, Erzählungen u. a., die ein eigenartiges, etwas widerborstiges Talent verraten. In seinen Werken »Höferecht«, »Blut«, »Hagars Sohn«, »Gedichte«, »Probleme«, »Ein Regentag« u. a. schildert er mit Vorliebe Menschen, die auf die Schattenseite des Lebens zu stehen kamen.
Felix Hollaender, geb. am 1. November 1867 in Leobschütz, debütierte mit dem Roman »Jesus und Judas«, denen sich die Berliner Romane: »Ellin Röte« und »Sturmwind im Westen« anschlossen. Mit Hans Land schrieb er »Die heilige Ehe«.
Heinz Tovote, geb. am 12. April 1861 in Hannover, suchte die Bahnen Maupassants zu wandeln, ohne jedoch auch nur annähernd sein Vorbild zu erreichen, mit dem er nur hinsichtlich der Pikanterie verglichen werden kann. Seine Romane und Novellen aus der Berliner Demimonde: »Im Liebesrausch«, »Fallobst«, »Frühlingssturm«, »Ich«, »Mutter«, »Das Ende vom Liede«, »Die rote Laterne« u. a. erlebten viele Auflagen.
Die Unterhaltungstalente.
Ernst Wichert, geb. am 11. März 1831 in Insterburg, verfaßte zahlreiche Lustspiele, von denen »Der Narr des Glücks«, »Als Verlobte empfehlen sich« und »Ein Schritt vom Wege« sich noch auf der Bühne erhalten haben. W. ist außerdem Verfasser vieler Romane und Novellen: »Litauische Geschichten«, »Heinrich von Plauen«, »Hohe Gönner«, »Anderer Leute Kinder«, »Vom alten Schlage«, »Der große Kurfürst in Preußen«, u. a., von denen der letztgenannte, ein historischer Roman größeren Stils, besonders hervorgehoben zu werden verdient. W., der bis 1896 dem Richterstande angehörte, schrieb seine Selbstbiographie 1899 unter dem Titel: »Richter und Dichter«.
August Niemann, geb. am 27. Juni 1839 in Hannover, früher Hauptmann, führte sich mit einer Geschichte des französischen Feldzuges 1870/71 in die Litteratur ein. Sein bedeutendster Roman »Bakchen und Thyrsosträger«, zieht gegen die materialistische Weltanschauung zu Felde. In Buchhändlerkreisen fand besonders der Roman »Eulen und Krebse«, das »Soll und Haben« des Buchhändlers, Beachtung.
Gerhardt von Amyntor (Pseudon. für Dagobert von Gerhardt), geb. am 12. Juli 1831 in Liegnitz, war Offizier und wandte sich dann der Litteratur zu. Von seinen Werken, in denen sich oft ein Hang zum Übersinnlich-Mystischen und zur Behandlung philosophischer und religiöser Themata bemerkbar macht, ist der Roman »Gerke Suteminne« das bedeutendste. Die »Hypochondrischen Plaudereien«, sowie die Gegenschrift zur Tolstoi'schen Kreutzer-Sonate: »Die Cismoll-Sonate« sind etwas hausbacken, aber erfüllt von echt vaterländischem Geiste, der allezeit und unentwegt für deutsche Frauen, deutsche Treue, Gott und Religion eintritt. Interessante Lebenserinnerungen legte A. in dem Werke: »Das Skizzenbuch meines Lebens« nieder.
Otto von Leixner, geb. am 24. April 1847 in Saar, bis vor kurzem Redakteur der »Deutschen Romanzeitung«, schrieb im Sinne derselben eine Reihe Romane, Aphorismen und Plaudereien, von denen die »Ästhetischen Studien für die Frauenwelt«, »Laienpredigten für das deutsche Haus«, »Aus meinem Zettelkasten«, und der Roman: »Also sprach Zarathustras Sohn« am bemerkenswertesten sind. Seine »Geschichte der deutschen Litteratur«, der nur feuilletonistischer Wert beizumessen ist, erlebte vier Auflagen.
Fritz Mauthner, geb. am 22. November 1849 in Horzitz, einer der einflußreichsten Kritiker der Reichshauptstadt, zeigte seine Begabung besonders in den in parodistischer Form auftretenden Kritiken: »Nach berühmten Mustern« u. a. Mit seinen modern aufgeputzten Romanen aus dem Altertum »Xantippe« und »Hypatia«, sowie »Der letzte Deutsche von Blatna«, »Die Geisterseher«, »Die bunte Reihe« u. a. machte sich M. als Romancier einen Namen.
Theophil Zolling, geb. am 30. Dezember 1849 in Scafati, Herausgeber der »Gegenwart«, zählt zu den besten Sittenschilderern Berlins. Von seinen das hauptstädtische Leben behandelnden Romanen: »Der Klatsch«, »Frau Minne«, »Kulissengeister«, »Die Million«, »Bismarcks Nachfolger« erregte namentlich der letztere einiges Aufsehen.
Rudolf Stratz, geb. am 6. Dez. 1864 in Heidelberg, wandte sich dem Zeitroman zu und schrieb: »Unter den Linden«, »Belladonna«, »Die kleine Elten«, »Der weiße Tod«, »Montblanc«, den Novellenband »Buch der Liebe«, sowie einige Schauspiele. Sein Roman aus dem Bauernkrieg von 1525, »Der arme Konrad« und das Drama: »Jörg Trugenhoffen«, eine Konkurrenz des »Florian Geyer« von Hauptmann, beruhen auf tüchtigen Quellenstudien und geben ein anschauliches Bild der damaligen Zeit.
Hans Land (Pseudon. für Hugo Landsberger), geb. am 25. August 1861 in Berlin, Herausgeber der Wochenschrift »Das neue Jahrhundert« (Berlin), schrieb realistisch gefärbte Romane (»Der neue Gott«, »Um das Weib« u. a.), sowie in Gemeinschaft mit Felix Hollaender das sociale Drama »Die heilige Ehe«.
Wilhelm Wolters, geb. am 8. November 1852 in Dresden, ist durch seine Romane: »Sterbliche Götter«, »Helene Pawlowna« und Erzählungen (»Indian Summer«, »Ach wenn du wärst mein eigen!«), besonders aber durch seine erfolgreiche dramatische Produktion (»Tragische Konflikte« etc.) dem größeren Publikum bekannt geworden.
Franz von Königsbrun-Schaup, geb. am 22. Februar 1857 in Cilli, schuf und befestigte seine litterarische Stellung durch die beiden Romane: »Die Bogumilen« und »Hundstagszauber«, die ihn als feinsinnigen Erzähler erkennen lassen. Künstlerisch weniger hoch stehen seine »Gedichte« und »Märchen«, und der mit Wolters zusammen geschriebene Schwank: »Der Hochzeitstag«, wird auf litterarischen Wert wohl überhaupt keinen Anspruch erheben.
Fedor von Zobeltitz, geb. am 5. Okt. 1857 in Spiegelberg, gehört zu unseren besten Unterhaltungsschriftstellern. Von seinen letzten Romanen erregte besonders »Der gemordete Wald« Interesse. Um die deutsche Bibliophilie hat sich Z. durch Herausgabe der »Zeitschrift für Bücherfreunde« verdient gemacht.
Hanns von Zobeltitz, geb. am 9. Sept. 1853 in Spiegelberg, schrieb eine Reihe Unterhaltungsromane im Stile des »Daheim« und der »Velhagen und Klasing'schen Monatshefte«, deren Redakteur Z. ist.
Ida Boy-Ed, geb. am 17. April 1852 in Bergedorf, eine der begabtesten Schriftstellerinnen der alten Schule, veröffentlichte eine große Zahl von Romanen, von denen »Die Schwestern«, »Abgründe des Lebens«, »Fanny Förster« und »Aus Tantalus' Geschlecht« den meisten Anklang fanden.
A. v. der Elbe (Pseudon. für Auguste von der Decken), geb. am 30. Nov. 1828 in Bleckede, setzte die »Chronica eines fahrenden Schülers von Clemens Brentano« fort und wandte sich vorzugsweise historischen Stoffen zu (»Lüneburger Geschichten«, »Brausejahre«, »Apollonia von Celle«, »Die jüngeren Prinzen«, »Der Seekönig« u. a.).
Claire Glümer, geb. am 18. Okt. 1825 in Blankenburg, führte sich mit Novellen und Skizzen in die Litteratur ein. (»Düstere Nächte«, »Aus der Bretagne«, »Junge Herzen«.)
Sophie Junghans, geb. am 3. Dez. 1845 in Kassel, ist Verfasserin einer Reihe von Unterhaltungsromanen, von denen »Der Bergrat«, »Ein Kaufmann«, »Lore Fay«, »Schwertlilie« und »Um das Glück« die bekanntesten sind.
Luise Westkirch, geb. am 8. Juli 1858 in Amsterdam, behandelte in ihren Romanen und Novellen mit männlicher Kraft und Rücksichtslosigkeit sociale Probleme der Gegenwart: »Aus dem Hexenkessel der Zeit«, »Die Streber«, »Los von der Scholle« u. a.
Romanciers des High-life.
Rudolf Lindau, geb. am 10. Okt. 1830 in Gardelegen, hatte durch seinen diplomatischen Beruf Gelegenheit, die halbe Welt kennen zu lernen. Er ist Weltmann großen Stils und in Paris und London ebenso zu Hause wie in Peking und San Francisco. L. verfaßte mehrere größere Romane, die in den Kreisen der internationalen Gesellschaft spielen (»Robert Ashton«, »Gute Gesellschaft« u. a.) und gab Beschreibungen seiner umfassenden Reisen heraus (»China und Japan« u. a.).
Ossip Schubin, mit ihrem eigentlichen Namen Lolo Kirschner, geb. am 17. Juni 1854 in Prag, läßt ihre Romane zumeist in den Kreisen des internationalen high life, besonders der österreichischen Adels- und Offizierskreise, spielen. Ihrem ersten Roman »Ehre« folgten »Schuldig«, »Unter uns«, »Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre«, »Gebrochene Flügel«, »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« u. a. S. schreibt fesselnd und interessant, doch haben ihre Romane etwas skizzenhaftes und der Stil ist oft salopp oder gesucht.
Baron Carl Torresani, geb. am 19. April 1846 in Mailand, war österreichischer Kavallerieoffizier, bewirtschaftete einige Zeit sein Gut als Ökonom und widmete sich dann der Bildhauerei. Seine Romane, in denen er sich ganz als Österreicher giebt, spielen teils in den Kreisen der österreichischen Armee, teils in denen der internationalen Gesellschaft, für deren charakteristische Merkmale er einen scharfen Blick besitzt. »Aus der schönen wilden Lieutenantszeit«, »Schwarzgelbe Reitergeschichten«, »Mit tausend Masten«, »Auf gerettetem Kahn«, »Die Juckerkomtesse«, »Der beschleunigte Fall«, »Aus drei Weltstädten« u. a. Seiner Selbstbiographie gab er den Titel: »Von der Wasser- bis zur Feuertaufe. Werde- und Lehrjahre e. österreichischen Offiziers«.
Johannes Richard zur Megede, geb. am 8. Sept. 1864 in Sagan, trat erst als reifer Mann mit einer Reihe von Romanen vor die Öffentlichkeit. »Kismet«, »Unter Zigeunern«, »Quitt«, »Von zarter Hand«, die in den exklusiven Adelskreisen spielen und den Verfasser als einen scharfen Beobachter, der einen sicheren Blick für das Charakteristische besitzt, erkennen lassen.
Bertha von Suttner, geb. am 9. Juni 1843 in Prag, errang ihren größten Erfolg mit dem Tendenzroman: »Die Waffen nieder«, der für die Weltfriedensidee Propaganda macht. Von ihren übrigen Werken, die sehr ungleich im Werte sind, verdienen noch »Inventarium einer Seele« und »Das Maschinenzeitalter« genannt zu werden.
Die Feuilletonisten.
Paul Lindau, geb. am 3. Juni 1839 in Magdeburg, machte sich als Kritiker einen Namen, den er als produktiver Dichter rasch wieder einbüßte. Auch in seinen Romanen, die meist in Berlin W spielen und starken haut-gout aufweisen, ist er der Feuilletonist von ehemals geblieben, der nichts anderes als Eisenbahnlektüre geschrieben.
Max Nordau (Pseudon. für Südfeld), geb. am 29. Juli 1849 in Budapest, errang seinen größten Erfolg mit den von Alltagsweisheit triefenden »Konventionellen Lügen der Kulturmenschheit«. Als Verfasser von »Entartung« scheint er an Paradoxomanie zu leiden oder sie zu heucheln.
Julius Langbehn hat mit seinem Buche »Rembrandt als Erzieher« einen beispiellosen Erfolg gehabt, weil es »die Menschen zu verwirren weiß«. Seine »40 Lieder eines Deutschen« zeigen die ganze dichterische Unfähigkeit L.'s, dessen phantastisches und konfuses Erstlingswerk eine geraume Zeit im Mittelpunkt aller litterarischen Diskussionen stand.
Emil Peschkau, geb. am 19. Febr. 1856 in Wien, gab eine Reihe von Skizzen, Epigrammen, Novellen und Romanen heraus, die ein hübsches Talent auf humoristischem und satirischem Gebiete erkennen lassen.
Balduin Groller, geb. am 5. Sept. 1848 in Arad, gilt als der geistreiche Plauderer, der aus nichts eine schnurrige Geschichte zusammendrechselt. (»Wenn man jung ist«, »Zehn Geschichten«, »In den Tag hinein« u. a.)
Ferdinand Groß, geb. am 8. April 1849 in Wien, schrieb zahlreiche Skizzen, Novellen und Romane, die den liebenswürdigen Plauderer und Feuilletonisten der Wiener Schule erkennen lassen. (»Blätter im Winde«, »Litterarische Modelle«, »Zum Nachtisch«, »In Lachen und Lächeln«.)
Hermann Bahr, geb. am 19. Juli 1863 zu Linz, kann als der Typus eines Journalisten gelten, der in allen Sätteln reitet, in Rom und Madrid zu Hause ist und überall sein Weanertum mitbringt. Ein geistreicher, talentierter Kopf, der sich gern die Bühne erobern möchte, aber auch als Schriftsteller immer Journalist bleibt. Er schrieb Romane, litteraturgeschichtliche Abhandlungen und Theaterstücke, von denen »Die neuen Menschen«, »Die Mutter«, »Tschaperl« und »Der Athlet« die bemerkenswertesten sind.
Maximilian Harden (recte Witkowski), geb. am 20. Okt. 1861 in Berlin, Herausgeber der »Zukunft«, einer der gewandtesten und vielseitigsten Journalisten, veröffentlichte seine kritischen Aufsätze unter dem Titel: »Apostata« und »Theater und Litteratur«. (Vergl. Zur Charakteristik litterar. und verwandter Blätter.)