Ernst Koch’s

Gedichte,

aus dessen Nachlasse
gesammelt und herausgegeben
von
einem Freunde des Verstorbenen.

Luxemburg.
Druck und Verlag von B. Bück.
1859.

Der Name Ernst Koch, dessen poetischen Nachlaß wir in dieser Sammlung der Oeffentlichkeit übergeben, hat in der Tagesliteratur bereits einen zu guten Klang, als daß wir hier sein Lob unternehmen müßten. Sein „Prinz Rosa-Stramin“, seine „Erzählungen“ und „Novellen“ haben ihn auch in weitern Kreisen rühmlichst bekannt gemacht, und er dürfte unter der Legion von Dichtern und Literaten, die in den letzten Decennien in allen Ecken und Winkeln Deutschlands wie Pilze emporwucherten, einer von den wenigen sein, die sich in der Geschichte der Nationalpoesie einen bleibenden Platz erobert haben. Darum wird denn auch die spätere Nachlese, die wir aus den zerstreuten Papieren des Verstorbenen nicht ohne Mühe zusammengetragen, allen Freunden der schönen Literatur eine willkommene Gabe sein. Nur bedauern wir, daß ein so frühreifes reichbegabtes Dichtertalent uns verhältnißmäßig so wenig Früchte und Proben seiner Produktionskraft hinterlassen hat. Gewiß hätte Koch der köstlichen Blumen noch unendlich mehr in den Blüthenkranz deutscher Poesie hineingewunden, wenn er ihrer in Frieden und Muße hätte warten können. Aber es ist ein untrügliches Kennzeichen von der Echtheit der ihm gewordenen Dichterweihe, daß die harten Schläge des Schicksals und die Last der prosaischen Tagesgeschäfte, die ihm oft auf der Brust lagen wie ein drückender Alp, den glimmenden Funken seines Genius nicht erstickt haben.

Die Hauptdaten seines vielbewegten Lebens hat uns der Dichter selbst in einer biographischen Skizze, die wir einem seiner Manuscripte entnehmen, aufgezeichnet. Freilich sind es auch nur nackte Thatsachen, aus welchen unmöglich ein vollständiges Bild von seiner interessanten Persönlichkeit, wie sie mit ihrer Gemüthlichkeit und Lebendigkeit und ihrem unverwüstlichen Humor, dem bei allem Ernst des Lebens etwas jugendlich Frisches aus der frohen Burschenzeit geblieben war, im Geiste seiner Freunde und Schüler noch in freudiger Erinnerung fortlebt, und noch viel weniger von seinem überaus reichen und geheimnißvollen Seelenleben gewonnen werden kann. Am besten lernen wir ihn kennen in seinen Werken. In seinen Erzählungen und Novellen, worin ein gut Stück aus dem eigenen Leben hineingewebt ist, hat sich der Dichter selbst geschildert, und besser, unendlich besser, als es ein Anderer vermöchte. Aber auch was die innersten Tiefen seines Herzens bewegte, mögen wir am besten den Tönen ablauschen, welche die Saiten seiner Harfe durchzitterten.

„Ich wurde geboren am 3. Juni 1808 zu Singlis in Niederhessen, im Hause meines Großvaters, des Obervogts Murhard. Mein Vater Karl Georg Koch (1847 als pensionirter Regierungsrath zu Marburg gest.), war damals Friedensrichter zu Oberaula, zog 1814 nach Neukirchen, dann nach Waldkappel und 1816 als fürstlich Rotenburgischer Oberschultheiß nach Witzenhausen. Hier wuchs ich auf bis zum 14. Jahre, und erhielt in den Stadtschulen die Elementar- und die ersten humanistischen Kenntnisse. Die wundervolle, liebliche Natur des Werrathales und die Lectüre der Schiller’schen, Körner’schen und Mathisson’schen Lyrik, für die mein Vater schwärmte, übten ihren Einfluß auf den lebhaften Knaben. 1821, als mein Vater als Kreisrath nach Kassel berufen wurde, trat ich dort in die 3. Klasse des Lyceums ein. Hier entwickelten und erweiterten bald der höhere Unterricht, der Besuch des Theaters und das Residenzleben die poetischen Anlagen des Lyceisten; hier dichtete ich schon in der Tertia, lieferte in Secunda himmelstürmende Aufsätze, bei denen dem würdigen Lehrer der Maßstab der schulmäßigen Prosa versagte, und durchschwärmte in Prima alle Leiden und Freuden einer poetischen Gymnasiastenliebe. Siebzehn Jahre alt (1825), bezog ich die Universität Marburg, dann Göttingen und wieder Marburg, wo ich 1829 als Doctor juris absolvirte[1]. 1830 brachte ich den Sommer in Berlin zu, um mich dort als Privatdocent zu habilitiren. Indeß riefen mich die damaligen Ereignisse nach Kassel zurück und ich trat in den hessischen Staatsdienst als Obergerichts-Referendar ein. Hier schossen die „Vigilien“ unter Bescheid-Entwürfen und gelehrten Appellations-Relationen auf, und wandten mir, als ein Zufall den Verfasser verrieth, die Gnade und Liebe des aufgeregten Publikums zu. Diese erkaltete plötzlich, als ich die Ernennung zum Sekretär des Landtags-Commissars und 1832 die zum provisorischen außerordentlichen Referenten im Ministerium des Hrn. Hassenpflug annahm. Aus dieser Stellung wurde ich nachher an das Obergericht zurückgeschickt, um mich zur zweiten Staatsprüfung vorzubereiten. Mit dem Publikum zerfallen, zerfiel ich bald mit mir selbst, und begann statt der Prüfungsarbeiten, ein ungebundenes Leben, das mich in Schulden und allerlei Verwirrung stürzte, und im Dezember 1834 zu dem Entschluß brachte, das Vaterland heimlich und ohne bestimmte Aussicht zu verlassen. Ich wendete mich nach Straßburg. Verschiedene Pläne, mir eine Existenz zu gründen, mißglückten hier und in Paris, und schon nach einigen Monaten bestimmte mich der gänzliche Mangel an Subsistenzmitteln, in die französische Armee einzutreten. Man sandte die Freiwilligen über Toulon nach Algier in die Fremdenlegion. Diese wurde noch in demselben Sommer (1835) nach Spanien als Hülfstruppe der Königin Christine gegen die Carlisten übergeführt, und ich theilte nun das Schicksal dieses Corps, das innerhalb zweier Jahre durch Kugeln und Krankheiten und Strapazen von 7000 auf 381 Mann herabschmolz, und 1837 ehrenvoll entlassen wurde. Nach einer schweren Krankheit im Lazareth zu Pamplona, wo ich zu der römisch-katholischen Kirche übertrat, trug ich mein armes Herz, das nunmehr fest, aber auch kalt geworden, und aus dem der Sturm im fremden Lande alle kurhessischen Zaubereien und Träume hinausgefegt hatte, der heimathlichen Erde zu. So kam der verabschiedete Unteroffizier der Fremdenlegion nach sechswöchentlicher Wanderung von Pamplona über Metz und Sierk im September 1837 bei Marburg an, wo ihn ein Freund aus den Universitätsjahren auf der Landstraße empfing, der ihm eine Stunde darauf aus Lewald’s „Europa“ Franz Dingelstedt’s Worte vorlas: „Kassel hat eigentlich nur einen einzigen Dichter geboren, und diesen nur zufällig, der ist Ernst Koch, der Verfasser des Prinz Rosa-Stramin. Seitdem er seine Vaterstadt verlassen, ist seine Spur verschwunden. Möge die Vorsehung ihn schützen auf seinen dunklen Pfaden.“ Der Landesfürst verweigerte dem Zurückgekehrten, der sich bei seinen versöhnten Eltern in ein einsames Leben zurückzog und eine Darstellung des althessischen Privatrechtes begann, das fast vollendet ist, jede Anstellung, und mit Mühe erschwang ich zwei Jahre lang als Mitarbeiter des Advokaten Röfing das Honorar, von dem ich meinem Vater den Unterhalt vergütete. Da rief mich 1839 der Civilgouverneur Hassenpflug nach Luxemburg, wo ich sofort als Regierungssekretär angestellt wurde, nach Hassenpflug’s Abgang als Bureauchef in der Verwaltung blieb[2], mich mit einer Luxemburgerin, der Tochter des Eigenthümers Müllendorf, verheirathete und jetzt als glücklicher und geachteter Familienvater mit Erfolg das Amt eines Professors der deutschen Sprache und Literatur beim königl. großherzgl. Athenäum bekleide. Die Production ist mir zur unbedeutenden Nebensache geworden, für die ich weder um Muße noch um Stoff werben mag. Auch die Novellen (1847) sind die Frucht weniger müßigen Wochen, da die erste und zweite derselben schon früher im Dingelstedt’schen „Salon“ abgedruckt waren.“

Seine letzten Jahre verlebte Koch, geachtet und geschätzt, im stillen Kreise seiner Familie und seiner lieben Zöglinge. Dem armen Dulder schien endlich, nach vielem Ringen und Herumirren, in seiner zweiten Heimath die langersehnte Friedenssonne aufgegangen zu sein. Aber kaum hatte sich unser Dichter mit der ihm eigenen Begeisterung in seinen neuen Beruf eingearbeitet, so zeigten sich auch schon, – wohl die Nachwehen früherer Anstrengung – nach einer Ferienreise in seine Hessenheimath im Herbste 1856, die ersten Anfänge eines chronischen Brustkatarrhs, von dem er nicht mehr genesen sollte. Die Strapazen und Entbehrungen des Legionars in der Sonnengluth Afrika’s und in den Schreckensgründen der spanischen Hochgebirge, die Sorgen und Leiden des Familienvaters, dem ein früher Tod sieben von zehn Kindern, und das letzte noch während seiner Krankheit entrissen hatte, waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und die anhaltende Geistesthätigkeit und körperliche Anstrengung in seinem neuen Amte, die 18-21 Stunden wöchentlichen Unterrichtes in einem Lehrfache, das bei der Feuergluth einer sanguinisch-cholerischen Natur, die alles, was sie unternahm, mit dem Schwung der höchsten Begeisterung angriff, die ganze Persönlichkeit des Lehrers allzusehr in Anspruch nahm, waren nicht geeignet, seine zerrüttete Gesundheit wieder herzustellen. Bald erkannten die Aerzte die furchtbaren Symptome einer Lungenschwindsucht. Vergebens stellte Koch seine Curse am Athenäum ein, um in Bad Ems noch einmal die siechenden Lebenskräfte zu verjüngen. Krank und gebrochen kehrte er nach Luxemburg zurück, wo er nach langem Leiden und schwerem Kampfe am 24. November 1858, mit den Sakramenten und Tröstungen der heiligen Kirche gestärkt, der er seit seiner Bekehrung in Liebe und Begeisterung ergeben war, vertrauensvoll in ein besseres Leben heimging.


Koch’s Rückkehr zur katholischen Kirche, wodurch er bis auf wenige Ausnahmen mit seiner früheren Umgebung zerfallen war, hat hie und dort zu manchem schiefen und lieblosen Urtheil Anlaß gegeben und ist noch jüngst als eine der dunklen Stellen in seinem Lebenslaufe bezeichnet worden. Eine Rechtfertigung aus des Dichters eigener Feder dürfte darum hier ihren geeigneten Platz finden.

Eine Bekehrung.[3]

„Während des neuesten Religionskrieges in Spanien war der Bischofssitz in Pamplona eine Zeit lang unbesetzt geblieben, und der bischöfliche Palast zum Militärhospital für die Christine’schen Truppen eingerichtet worden. Dieses Gebäude, kaum noch kenntlich an der über dem Haupteingange befindlichen Überschrift, war in Folge dieser veränderten Bestimmung aus einem Hause des Glanzes und des geistlichen Friedens eine schmutzige Wohnung unbeschreiblichen Elendes und Jammers geworden. Im Jahre 1837 waren nicht blos die zwölf Säle, sondern auch die Gänge und Corridors zu Krankenzimmern eingerichtet, in welchem die täglich vom Heere dort ankommenden Verwundeten, Siechen, Fieberkranken und sonstigen Leidenden aufgenommen wurden. Die ärztliche Behandlung war im höchsten Grade erbärmlich. Arzneien wurden gar nicht gegeben. Die Kranken wurden auf den dürftigen Strohlagern vom Ungeziefer fast verzehrt. Da lagen die Armen, aus allen Provinzen des Reiches, der feurige Andalusier, der untersetzte Baske, der schlanke Catalone, der Sohn der fernen Mancha, stöhnend und seufzend. Nur zwei Erscheinungen schwebten über der ganzen Einrichtung wie die Engel. Es waren die barmherzigen Schwestern (hijas de la caridad), und der bischöfliche Caplan, D. Raphael Salvador. Die ersteren besorgten die Wäsche, die Küche u. s. w. und trösteten in ihrer bekannten liebevollen Weise. Der letztere, ein junger Mann von etwa 35 Jahren, wandelte durch die Säle mit dem Sacramente und tröstete die Sterbenden.

„Am 15. März 1837 ging durch das von Wachen besetzte Thor dieses Hospitals mit Tornister und Gewehr ein Unteroffizier der französischen Fremdenlegion (welche bekanntlich von Frankreich der Königin Christine aus Algier herüber zur Hülfe geschickt war, und binnen zwei Jahren durch Kugeln und Krankheiten von 7000 Mann auf 381 zusammenschmolz). Der Fremde zeigte das Eintrittsbillet vor, wankte mit zitternden Knieen die Treppe hinauf, und war schon nach wenigen Stunden der Besinnungslosigkeit und einem heftigen Nervenfieber zur Beute.

„Dieser Kranke war der Verfasser des Gegenwärtigen. Zum ersten Male nach 1½ Jahren Kriegsleben, war ich in der Nothwendigkeit, Stunden weit, das Fieber in den Gliedern, nach dem Lazareth zu marschiren.

„Ich bin von protestantischen Eltern in einem protestantischen Lande geboren, und in der sogenannten reformirten Lehre, so wie es zu geschehen pflegt, erzogen worden. Vom Catechismus kannte ich höchstens nur noch die Unterscheidungslehren. Das in jedem Menschen wohnende Bedürfniß des Glaubens hatte bei mir sich schon früher in ruhigen Stunden in der Art geregt, daß ich mir vornahm, wenn ich einmal Zeit hätte, mir mein vollständiges Glaubensbekenntniß aufzubauen, damit ich wüßte, woran ich wäre. Denn am Ende muß man doch, dacht’ ich, an etwas glauben, und mit sich in diesem wichtigen Capitel im Reinen sein. Aehnliches kam mir hier im Hospital in den Sinn, indem ich nach vier Wochen zum ersten Male mit ruhiger Besinnung aufgewacht war, dem Tode, wie es schien, durch Zufall entrissen. Aber warum fing ich nicht damit an, die Lehren, in denen ich erzogen war, wenn nicht unbedingt anzunehmen, doch wenigstens näher zu prüfen? Eben darum nicht, weil ich darin erzogen war, und nach denselben es meinem forschenden Geiste frei stand, mich von einer Unterwerfung oder einer Prüfung meiner Einsicht nach zu dispensiren oder nicht. Es wird keinem Katholiken einfallen, sich in einer Stunde der Muße seinen Glauben selber machen zu wollen, oder er tritt, wenn er wirklich diesen Entschluß faßt, sofort auf das Gebiet des Protestantismus. Daß ich nun die Idee, mir ein System meines Glaubens zu bauen (welches ich mir wahrscheinlich sehr bequem eingerichtet haben würde) bald wieder aufgab, läßt sich wohl glauben. Schon die Umgebungen waren zu erbärmlich und niederschlagend, um meinen Geist auf das hohe Pferd zu setzen.

Daß schon früher zweimal, einmal in meiner Heimath 1834, und später in Spanien 1836, die Gnade Gottes mit dem flüchtigen Gedanken, in die katholische Kirche zurückzukehren, bei mir angepocht hatte, daran dachte ich nicht mehr. Jener Gedanke war ohne Früchte geblieben, weil ich mich fragte: was würden die Leute dazu sagen, wenn du den Glauben deiner Väter verließest? – Hätte mir doch damals Jemand die Antwort F. L. v. Stolbergs erzählt, welcher dem Könige von Preußen, als ihm dieser sagte: „Ich kann die Leute nicht leiden, die von ihrem Glauben abfallen,“ erwiederte: „Ich auch nicht, Majestät,“ und so auf den Abfall im sechszehnten Jahrhundert mit einer Ironie anspielte, die ein Protestant selten eher begreift, als bis er mit dem Kopfe darauf stößt.

„Einige Stunden nach meinem Erwachen aus den Fieberphantasien, worin ich, ich weiß nicht wie viele Tage gelegen hatte, trat folgendes Ereigniß ein. Nicht weit von meinem Lager wurde ein eben angekommener spanischer Soldat, aus Andalusien, gebettet, welcher sich wie rasend geberdete, alle ärztliche Hülfe verweigerte, den Arzt und die Nonnen insultirte, und endlich den Caplan unter Schimpfen und Blasphemien zurückwies. Der würdige Caplan ließ sich aber nicht abschrecken, und als es ihm gelungen war, sich auf einige Minuten dem Ohre des Kranken zu nähern, sank dieser langsam auf das Kissen zurück, und beichtete mit lammfrommer Ruhe zwei Stunden lang. Kurz nachher erklang die Schelle durch die Treppen und Gänge, Kranke und Gesunde knieten vor dem hochwürdigen Gute, welches jetzt der Caplan nach dem Bette des Andalusiers trug. Der richtete die großen Augen, aus denen noch vor wenigen Stunden die Teufel geblitzt hatten, mit einem unbeschreiblich süßen Verlangen nach der Hostie. Wir andern zogen vorschriftsmäßig die Calotten vom Kopfe, und falteten die Hände, während der Spanier die Hostie nahm, und wenig Augenblicke darauf in einem Frieden verschied, der sein Gesicht verklärte. Ich betete auch mit, weiß aber nicht mehr was. Jedenfalls war’s mir curios zu Sinne.

„Am anderen Morgen erwacht’ ich, das Gesicht nach der Wand gekehrt, frühe, in jenem süßen Gefühle der wachsenden Genesung, und gestärkt durch einen erquickenden Schlaf. Mein Auge fiel auf einen Sonnenstrahl, welchen der Frühling dicht neben meinem Gesichte an die Mauer sandte. Die Kranken schliefen alle ruhig. Als ich eine Zeitlang so auf den Sonnenstrahl gedankenlos meinen Blick geheftet hielt, erschallte auf einmal von allen Kirchen Pamplona’s zu gleicher Zeit ein erhabenes Glockengeläute. Es war ein Sonntag – vielleicht Ostern? Nie hat ein Geläute einen so frappanten Eindruck auf mich gemacht.

„Eine halbe Stunde nachher verschaffte ich mir Tinte und Feder, und bat den Caplan schriftlich, mich an meinem Bette (Saal IV. Nr. 42) zu besuchen, um sich mit mir über meinen Wunsch, in der katholischen Glaubenslehre unterrichtet zu werden, zu besprechen. Sogleich stand der Mann mit dem bleichen, schönen Gesichte vor mir. Die Erscheinung verwirrte mich. Sie hatte sogar etwas Furchtbares für mich. Ich erschrack vor dem, was ich gethan. Es war mir, als hätte ich die katholische Kirche vor mir. Wir verständigten uns bald, da er mir sehr liebevoll zuredete, in französischer Sprache. Er gab mir zunächst eine zweibändige, lateinisch geschriebene Symbolik, deren Verfasser ich leider vergessen habe, hiernächst den französischen Catechismus, der unter Napoleon erschien (de l’Empire français). Mit Begierde, mit einem Heißhunger meiner Seele verschlang ich die geistige Speise, sitzend und betend auf meinem Lager. Nach etwa acht Tagen konnte ich aufstehen und täglich eine Stunde den Caplan auf seinem Zimmer besuchen, um mich von ihm prüfen zu lassen. Am 27. April wurde ich für reif erklärt, die Sacramente zu empfangen. Nach genommener Rücksprache mit dem Capitel nahm der Geistliche die mir als Protestant ertheilte Taufe, weil sie unter Ablution im Namen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes, und Gottes des heiligen Geistes geschehen war, als gültig an. Dieses Sacrament wurde daher nicht wiederholt. Noch denselben Abend beichtete ich meinem würdigen Caplan (der für mich ein wirklicher Salvador war), und am anderen Morgen empfing ich die heilige Communion, beides in der im Hospital wohlerhaltenen bischöflichen Capelle. Eine förmliche Abschwörung ist nicht für erforderlich gehalten worden. Der Rücktritt in die mütterliche Kirche erfolgte also blos durch die Sacramente der Beichte und Communion. – Am folgenden Tage wurde ich vom Arzte für curirt erklärt, und ging zu meinem Bataillon zurück. Im Monate Juni kam die unerwartete Nachricht, daß der Rest der Fremdenlegion nach Hause geschickt werden sollte. Am ersten August ging ich mit Abschied von Pamplona weg und betrat im Anfang September den heimathlichen Boden.

„Zur Würdigung dieser Umstände dürfte zu bemerken sein:

„1. Anderthalb Jahre hatte ich dem Feldzuge in Spanien beigewohnt, ehe ich in das Hospital ging, viele Menschen sterben gesehen, viele Kirchen, gezwungen oder aus Laune besucht, und all den Pomp der spanischen Gotteshäuser beobachtet, warum machte er nie vorher den Eindruck auf mich, den später in Pamplona das Glockengeläute auf mich machte?

„2. Gewisse Leute sind bei der erfolgten Bekehrung eines Fremden in Spanien schnell mit dem Zweifel bei der Hand: ob nicht die Bekehrung die Folge eines geistigen Zwanges, der Ueberredung, oder gar der Aussicht auf zeitliche Vortheile gewesen? Wo aber hier Ueberredung? und die zeitlichen Vortheile, die mir Niemand in Aussicht stellte und stellen konnte, bestanden darin, daß mein guter Caplan, der selbst so arm war wie eine Kirchenmaus, mich auf seine Kosten vor der Communion rasiren ließ.

„3. Konnte ich überhaupt hoffen, daß ich als Katholik meine zeitliche Zukunft in irgend etwas verbessern würde? Nein, denn für den Fall der Rückkehr in mein Vaterland konnte ich als Convertit mir nur Nachtheil und Zurücksetzung, oder gar Verachtung versprechen, in Spanien selbst aber erwartete ich täglich den Soldatentod.

„4. War es Furcht vor dem Tode, die mich bewog, katholisch zu werden? Nein, denn die Krankheit war überstanden, und als Protestant konnte ich ja überhaupt nicht annehmen, daß man Katholik sein müsse, um gut zu sterben.

„5. War es Dankbarkeit gegen Gott für die Genesung? Wie hätte ich als Protestant denn annehmen können, daß man Gott einen Gefallen erzeige, wenn man katholisch werde?

„6. Es ist sonderbar, daß ich gerade an jenem Tage nach meiner Bekehrung aus dem Hospital geschickt wurde. Wäre es einen Tag früher geschehen, so wäre das Werk unvollendet geblieben.

„Es war also eine reine und ganz unverdiente Barmherzigkeit des allmächtigen Vaters, welcher mich, nachdem sein Ruf in der Heimath nicht gefruchtet, in lange Entbehrungen und Leiden, und nachdem auch sein zweiter Ruf in Spanien unbeachtet geblieben war, endlich in das Lazareth in Pamplona warf, mich dort von einer schweren Krankheit rettete, und mir dann mit seinem Sonnenstrahle und dem Glockengeläute seiner Kirchen die Gnade sandte. Wäre der Ausdruck nicht so menschlich, so würde ich sagen: so viel Mühe gibt sich Gott, um ein störriges, eitles Kind, das nicht hören und nicht sehen will, zurückzuführen. Der Herr sei gepriesen in Ewigkeit. Amen!“


Das erste bedeutendere Werk, womit Koch seine literarische Laufbahn eröffnete, war der aus den „Vigilien“ entstandene „Prinz Rosa-Stramin“[4], dem noch nach zwei Decennien die seltene Gunst zu Theil ward, neu aufgelegt und in’s Englische übersetzt zu werden. Wenn wir in dieser Lieblingsschöpfung des Dichters – der Frühlingsgabe seiner Muse – eine klar durchdachte Anordnung des Stoffes, Einheit und Größe der Conception, Abrundung und Marmorglätte der Sprache vermissen, so werden wir um so freigebiger durch Originalität, Scenenwechsel und Farbenreichthum entschädigt. Ruhig überläßt sich der Dichter dem kühnen Fluge seiner Phantasie, unbekümmert darum, wo ihn das kecke Flügelroß hintragen wird. Wir sehen eine Gallerie der lebendigsten Gemälde, die in bunter, rascher Variation auf einander folgen, Bilder aus dem Studenten- und Philisterleben, in welchen sich überall des Verfassers reiche, gemüthlich-schwärmerische Natur abspiegelt, und in die er meist seine eigenen Erlebnisse, seine jugendlichen Träume und Verirrungen, seine Freuden wie seine Leiden hineinträgt, aber mit einer Wärme des Gefühls, einer Frische des Colorits, einem sprudelnden Humor, die den Leser von einem Ende zum andern in fesselnder Spannung erhalten.

Das Werk erschien zuerst pseudonym, wie alle seine früheren Erzählungen und Aufsätze, die er unter den Namen „Leonhard Emil Hubert, Hubertus, Eduard Helmer“ herausgab, bis er erst in den, 1847 zu Kassel bei H. Hotop gedruckten „Erzählungen“ vor das Forum der Oeffentlichkeit trat, und alle seine frühern literarischen Versuche als sein Produkt und Eigenthum bescheiden vindizirte. Auch hier bilden des Dichters militärische Thaten, Kriegsscenen und Naturbilder aus Afrika und Spanien die stets wiederkehrende Staffage. Ausgezeichnet wie „Prinz Rosa-Stramin“ durch Wahrheit, Naturwüchsigkeit und jugendliche Frische, sind sie, gleich den spätern Novellen[5], mit größerer Klarheit und mehr einheitlicher Zusammenstellung angelegt: sie waren nach dem Urtheile competenter Kunstrichter das Beste, was seit langer Zeit auf dem deutschen Büchermarkt erschienen war[6].

Außer den vorliegenden Gedichten und einer Arbeit über kurhessisches Recht haben wir unter der Nachlassenschaft des Verstorbenen noch zwei literarische Commentare, das eine zu Schiller’s „Wilhelm Tell“, das andere zu „Amaranth“ und „Thomas Morus“ von Oscar v. Redwitz vorgefunden. Ein Theil dieses letztern ist in dem Programm des hiesigen Athenäums, Schuljahr 1856-57, abgedruckt.

Wer außer Schiller, Körner und Mathisson, den Lieblingsdichtern seiner Jugend, Koch am meisten beeinflußt hat, mag nicht schwer zu errathen sein. Die überraschenden, oft brüsken Wendungen und Katastrophen, die behagliche Ungebundenheit in Form und Manier, das Abspringen von dem Gegenstand, um sich mit dem Leser oder mit sich selbst und über sich selbst in ein ironisch-humoristisches Zwiegespräch einzulassen, die eingestreuten komischen Situationen und Gedankenblitze erinnern an Jean Paul, zum Theil an den Verfasser der „Reisebilder“. Aber es wäre eine Verkennung der ihm in hohem Grade angebornen Produktionsgabe, wenn man ihn mit Kuzkow der servilen Imitation Heine’s bezüchtigen wollte, wogegen sich Koch selbst in dem Vorwort zu seinen „Erzählungen“ energisch verwahrt hat. Sind wir auch mit dem Dichter selbst weit davon entfernt, alles und jedes in seinem Leben wie in seinen Schriften billigend und lobend anzuerkennen, so müßten wir doch auch dagegen mit ihm in aller Entschiedenheit protestiren, wenn man ihn zum Gesinnungsgenossen des getauften Judenheiden herabwürdigen wollte. Die Gemeinheit, womit der Vater und Chorführer des „jungen Deutschland“ alles Ernste und Heilige in den Koth seiner Leidenschaft herabzog, die Heuchelei des atheistischen Verstandesmenschen, der bei aller Gefühls- und Gesinnungslosigkeit mit Seelengröße und Byronischem „Weltschmerz“ kokettiren konnte, war ihm aus Grund seines Herzens verhaßt. Bei allen jugendlichen Irrungen und allen Stürmen des Lebens hatte Koch den Adel seiner liebenswürdigen Seele bewahrt, und was er schrieb und sang, entströmte als die eigne Sprache eigner Poesie den tiefsten Tiefen seiner überaus genialen und überaus gemüthsvollen Dichternatur.

Was die vorliegende Sammlung betrifft, so hielt es der Herausgeber für eine Pflicht der Pietät gegen den Verewigten, alle seine hinterlassenen Gedichte ohne Auswahl und Sichtung in dieselbe aufzunehmen, wenn ihm auch das eine oder andere in Anlage und Form minder vollendet und befriedigend schien: soll doch nur durch das Ganze und im Zusammenhang mit seinen übrigen Produktionen ein vollständiges Bild von der Individualität des Dichters gewonnen werden. Mögen auch diese Blätter zur Würdigung des Mannes beitragen, der, wie er selbst schrieb, in der Literatur nach keinem fürstlichen Kleide gestrebt, aber auch hoffen durfte, nicht zu den literarischen Bettlern geworfen zu werden.

Und so nehmen wir denn noch einmal Abschied von dem geliebten Sänger, in das Trauerlied einstimmend, das wir auf die Gruft unseres Vorgängers als Schüler und Freund in dankbarer Erinnerung niederlegten.

Trost in Thränen.

Grablied auf Professor Koch.

Nach der Harfe greif’ ich wieder –

Und sie tönet Grabgesang,

Bittern Schmerzes Klagelieder

Zittern durch der Saiten Klang.

Ernst, in Wehmuth hingegossen,

Schwieg der Jünger Trauerschaar,

Weib und Kind, in Schmerz zerflossen,

Standen an der Leichenbahr’.

Ach! der Sänger, der gerungen

Treu für Gott und Vaterland –

Seine Saiten sind verklungen,

Die er schlug mit Meisterhand!

Der uns sang der Minne Sehnen

Und des Helden Sturmesdrang,

Und des Dulders stille Thränen

Und des Glaubens Siegessang! –

Mußt so früh den Tod Du finden,

Lebensmuthig, liederreich?

Wollten Dir die Schläf’ umwinden

Mit des Ruhmes Lorberzweig. –

Nicht bei Menschen, nicht hienieden

War Dein Hoffen, schön’res Loos

Ist der Treue dort beschieden.

Wo Du ruh’st in Gottes Schooß.

Wo die Stirne wird umkränzen

Der Verklärung Siegeskranz,

Und ein Engel Du wirst glänzen

In der Sel’gen Sonnenglanz’.

Luxemburg, 1. November 1859.

Ludwig Housse,
Prof. d. deutschen Sprache u. Literatur.

Meinen Eltern,
am Neujahrsmorgen 1825.

Wie einst Memnon’s Säule sanft ertönte

Bei Aurorens erstem Strahlenkusse:

So tönt mir auch dieses Jahres erster

Morgenstrahl Gefühle in die Brust,

Wie sie nur des Kindes Herz kann fühlen,

Wenn es sich an das der Eltern dränget.

Auf die Feder scheint die Morgensonne

Mir und ladet mich zum frohen Gruße.

Kaum, Ihr lieben, kann ich sie erwarten,

Die Minute, wo in Euren Armen

Inniger mein Herz dem Eurigen

Und der Zukunft ungewissen Tagen

Freudig wünschend dann entgegenschläget!

Nicht entweihen will ich durch die Feder,

Was die dankerfüllte Brust durchglühet,

Sagen nicht, wie Eure Elternliebe

Mich von meinem ersten bis zu diesem

Morgen mit des Dankes Hochgefühlen

Ewig an die treuen Herzen bindet;

Sagen nicht, was ich aufzählen weder,

Noch Euch je vergelten kann, – ach wenn ich

Mir dies denke, alle die Wohlthaten,

Mir zurück in meine Seele rufe:

Dann zerfließt (doch nur in meiner Seele),

Einer Thräne gleich, mein frommer Dank

In dem Meer der elterlichen Liebe,

Und das Ziel von allem meinem Streben

Ist: mich Eurer Liebe werth zu machen.

Schlummer nur sang einst ein Wiegenlied

Auf den kleinen Knaben nieder – und der

Kinderjahre gold’nen Traum; – er wußte

Noch nicht, wem er seine Freuden dankte:

Jetzt tönt ihm die Harmonie der Welten,

Der Natur, der heit’re Frühlingshimmel

Andere, erhabene Gefühle

In die Jünglingsbrust; – es weiß der Jüngling

Nun für wen des Dankes Zähre fließt!

Der die Welten schuf und die Natur

Und den heitern Frühlingshimmel, der das

Leben seinen Menschen gibt und nimmt,

Der auch diesen frohen Neujahrsmorgen

Ueber unserer Erde aufgeh’n ließ:

Er nur kennt der Herzen heil’ge Tiefen,

Hört mit Huld ihr Wünschen, Hoffen, – Beten!

Am Geburtstage meiner innigst geliebten Mutter

(am 9. April 1827).

Jubelnd kommt der frohe Lenz gezogen,

Flur und Haine bau’n ihm Ehrenbogen,

Ihn begrüßt der Lerchen Chor,

Und der Engel treuer Kindesliebe,

Der die Brust erfüllt mit süßem Triebe,

Schwingt mit ihnen sich empor.

Nimm es mit mein Herz zur ew’gen Ferne,

Du, mein Engel, wo des Himmels Sterne

Freundlich auf- und niedergeh’n,

Wo die Brüder dort in süßer Wonne

Und die heil’ge liebende Madonne

Nieder auf die Menschen seh’n.

Schwinge Dich zu ihrem lichten Throne,

Fleh die Heil’ge um die schönste Krone

Für ein edles Mutterherz:

Wenig Leiden und der Freuden viele,

Langes Leben, und am späten Ziele

Sanftes Scheiden himmelwärts.

Am Geburtstage meines Vaters

(während eines heftigen Gewitters geschrieben).

Glühend in des Mittags Schwüle

Schickt die Sonne ihr Geschoß,

Keuchend zieht das matte Roß,

Sucht der Bäume Schattenkühle.

Aller Lebensgluth beraubt,

Steht der Hain mit schlaffen Zweigen,

Und des Thales Blumen neigen

Traurig, farbenlos, ihr Haupt.

Einer Jungfrau gleich, die heimgegangen,

Schon im Sarge, noch geschmückt,

Wo der Tod von ihren Wangen

Noch die Rose nicht gepflückt;

Einem holden Frühling gleich

Mit unendlicher Blumenfülle;

Ohne das ewige Schaffen und Streben,

Ohne das blühende, liebende Leben,

Eine abgestorbene Hülle

Liegt der Erde weites Reich.

Sieh, da kommt’s in schwarzem Bogen

Dort im Westen hergezogen,

Wie das Schicksal, langsam, schwer,

Wälzt es sich am Himmel her.

Und des Aethers Azurschein

Hüllt in Nacht sich ein,

Und der Ewige naht

Auf dem Gewölke den Fuß,

Und die Sonnen und Welten auf seinem Pfad

Bringen den Jubelgruß. –

Da siehe, ganz helle,

Ein zuckender Strahl

Mit Gedankenschnelle

Erleuchtet das Thal.

Ein Funken seiner Glorie kündet

Des Herren Angesicht,

Der Herr sprach: zurück, die Hütte nicht!

Und der Funken hat nicht gezündet,

Und der Mensch danket und betet an,

Wie er sieht den Ew’gen nah’n.

Horch, da murmelt’s am fernen Himmel,

Gleich einem rieselnden Felsenbach,

Und murmelt näher und näher ohn’ Ende,

Und rollt jetzt lauter am Firmamente,

Und bebt in des Berges Schluchten nach,

Und donnert und kracht,

Und heult in die Nacht,

Als wären die Welten im Kampfgetümmel,

Als wollt’ im angstvollen Beben

Die Erd’ aus den Angeln sich heben,

Und ein Schlag, daß die Himmel zittern,

Hemmet des Donners furchtbaren Lauf,

Und des Eichbaums Aeste splittern:

Dampfend zu dem Himmel auf

Wallt des Haines Opfergluth

Ihm, der uns mit treuer Hut.

Schützt in Ungewittern.

Siehe, nun kommt der unendliche Segen,

Und es ergießt sich der rauschende Regen,

Ziehet dahin über Felder und Auen,

Sie mit erquickendem Leben zu thauen.

Freudig erhebet die Blume das Haupt,

Frisch hat der lachende Baum sich belaubt.

Holde Nachtigallen

Singen in dem Hain,

Hörnerklänge schallen,

Flöten und Schalmei’n,

Und es grünet die Weide,

Und die Heerden zieh’n

Mit harmonischem Geläute

An dem Anger hin.

Der Landmann sieht die Felder blüh’n

Und seiner Wiesen neu belebtes Grün,

Und sieht auf seinen Fluren

Des Vaters Segensspuren.

Zum Himmel hebt er die Hände gern

Und dankt dem Herrn.

Und ein Jüngling schmiegt sich an seinen Arm,

Drückt an die Brust ihn lieb und warm,

Blickt empor zu des Himmels Blau,

Sehnsucht im Auge und Thränenthau,

Will einen Kranz dem Vater winden,

Kann für das Herz nicht Worte finden,

Er schaut in den Frühling und findet sie,

Und beugt in kindlicher Andacht das Knie:

Du in ew’gen Fernen,

Vater über’n Sternen,

Höre mein Gebet!

Geber aller Freuden,

Du nur kannst es deuten,

Was die Seele fleht.

Herr, wie auf Dein Zeichen

Die Gewitter weichen,

Und die Wolken fliehen:

Also winke liebend,

Wenn Gewitter trübend

Seine Stirn’ umzieh’n.

Schaffen, Wirken, Streben

Sei das frohe Leben,

Das Du ihm verlieh’n,

Und durch Frühlingstage

Ohne Schmerz und Klage

Leite, Vater, ihn.

Deine Huld und Güte,

Ewiger, verhüte,

Kummer, Gram und Leid;

Kräfte gib dem Sohne

Zu dem großen Lohne,

Bis die Dankbarkeit

Einst in späten Zeiten

Unter Trauerweiden

Feuchten Auges steht,

Bis die Nebel sinken

Und die Fluren winken,

Wo die Palme weht!

Am Anfange der Osterferien.

1826.

Auf, auf, mein Herz, der Frühling ist da,

Laß schweigen das nächtliche Sehnen,

Hast wacker gekämpft, die Stunde sie naht,

Wo Kronen der Liebe dich krönen!

Auf, auf, mein Herz, die Lerche schwirrt,

Es senket der Lenz seine Flügel,

Auf, auf, nach der Heimath durch Wald und Flur,

Hinaus über grünende Hügel!

Warum so still, wenn die Freude Dir lacht?

Hast Du nicht dem Himmel vertraut?

Und hat der beglückende Frieden in Dir

Nicht gold’ne Palläste gebaut?

Hast Du nicht errungen das Wonnegefühl,

Gekämpft und gesieget zu haben?

Hast du in den niederen Gängen der Lust

Die Hoffnung der Eltern begraben?

Warum so still, wenn der Frühling Dir lacht?

Wenn himmlische Freuden Dir winken?

Bald sollst Du an liebender Vaterbrust

Die Wonne des Wiederseh’ns trinken!

„Wohl bin ich so still, ob die Freude mir lacht,

„Wohl hab’ ich dem Himmel vertraut;

„Wohl hat der beglückende Frieden in mir

„Die gold’nen Dächer gebaut;“

„Wohl schwirret die Lerche, es lächelt so klar

„Der Aether in freundlicher Bläue,

„Wohl nahen die Freuden, die himmlischen all’,

„Mit Kränzen der Liebe und Treue:“

„Doch ach, mein Harren und Sehnen ist hin,

„Das innig und heiß mich durchglühte,

„Ich kann nicht mehr wünschen, mein Hoffen ist hin,

„Gepflückt ist die köstlichste Blüthe.“

Ach! süßer entfloh’n, und ich wußte es nicht,

Im Harren und Sehnen die Stunden,

Die Frucht ist gereift, die Blüthe verwelkt,

Die Krone der Freude empfunden!

Am 8. December.

Sieh, wie buntes Schneegewimmel

Spielet durch den öden Himmel,

Und es heult der Stürme Wuth.

Ob auch mit erstorb’nen Lilienwangen

Die Natur im Schlummer ruht,

Ist mir doch ein Frühling aufgegangen,

Und (ich fühl’ es an dem Wogen

Dieser übersel’gen Brust)

In mein frohes Herz gezogen,

Reich an Blüthen, reich an Luft.

War nicht heute, freudig tönt’s die Laute,