Anmerkungen zur Transkription
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Junge Triebe
Ein Verzeichnis
der früher bei Albert Langen
erschienenen Werke von
Ernst W. Freißler
findet sich am Schluß
dieses Buches
Junge Triebe
Roman
von
Ernst W. Freißler
Albert Langen, München
1922
Copyright 1921 by Albert Langen, Munich
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts,
auch für Rußland, vorbehalten
Albert Langen Ernst W. Freißler
1
Die Familie saß an dem quadratischen Eßtisch. Vor den einfachen Gedecken der Frau und der Kinder zeichnete sich der Platz des Vaters aus durch eine Wein- und eine Mineralwasserflasche, ein schwergeschliffenes Kelchglas von seltsam tiefer Form und ein reich facettiertes Wasserglas, die sämtlich auf silbernen Tellerchen standen. Besteck und Serviettenring aus schwerem Silber trugen das ihre zur Distanzierung bei. Tatsächlich schien der Vater, ein straffer Fünfziger mit eisengrauem Spitzbart und fast übertrieben energischen Zügen, irgendwie über der Runde zu thronen, wenn auch sein Stuhl denen der anderen gleich war. Die Mutter, eine zärtliche Blondine mit leisen Anzeichen des Verblühens, ließ ängstliche Blicke fliegen zwischen dem strengen Gemahl, — ob auch nichts seinen Unwillen errege — und den beiden Jungen, — ob sie Messer und Gabel richtig handhabten und auch sonst keine der verpönten Unarten zeigten. Glaubte sie an einem der Jungen etwas zu sehen, was einen Zornesausbruch des Vaters hervorrufen konnte, — daß er etwa Gabel und Messer benützte, wo die Gabel allein vorgeschrieben war, oder umgekehrt — so steigerte sich ihr Mienenspiel zu ungeahnter Heftigkeit. Durch hastige Kopfbewegungen und schreckhaftes Augenrollen suchte sie den Missetäter aufmerksam zu machen, erreichte aber damit nur zu oft, daß der Vater mit gebührender Schärfe ein Versehen rügte, das ohne ihre stummen und flehentlichen Warnungen wahrscheinlich unbemerkt geblieben wäre.
Der älteste Sohn, elfjährig, saß dem Vater, der dem Fenster den Rücken kehrte, in vollem Lichte gegenüber. Ein gedrückter Junge, mit schwermütigen Augen und einer Stirn, die viel zu wuchtig war für das schmale Kinn und den schmächtigen Leib und fast häßlich wirkte. Man sah es wohl, daß ihm Gehorsam und sklavische Angst in den Knochen saßen, die krampfhafte Abwehr eines zarten Organismus gegen jede leiseste Brutalität in Sprache und Ton. Der jüngere dagegen, stämmig, gedrungen, ein Rundkopf mit unregelmäßigen Zügen und Augen wie aus Quecksilber, schien nur durch die Witterung ewig naher Jagdhiebe in den Grenzen des steifen Tafelzeremoniells gehalten zu werden. Er war es auch, der sich erkühnte, die pädagogischen Donnerworte des Vaters, soweit sie sich an den Bruder richteten, mit lautlosem Gekicher und listigem Zwinkern zu glossieren, was ihm von der Mutter eine Reihe halb verzweifelter, halb vernichtender Blicke eintrug.
Das Gespräch floß karg und leer. Der Vater schien, wie viele schwerarbeitende Männer, die ihre Kinder nur bei den Mahlzeiten sehen, das Mittagessen als eine Doppelnummer seines Tagesprogrammes abzumachen: Nahrungsaufnahme mit Pädagogik gemengt. Eine namenlose Kälte lag über dem Zimmer. Der einzige, der sich gänzlich unberührt davon zeigte, war der Jüngste, ein goldblonder, zierlicher Bursch von knapp drei Jahren, der zwischen Vater und Mutter auf seinem hohen Kinderstühlchen herumturnte und mit Krähen, Lachen und Geplapper auf eigene Faust Konversation machte. Der Blick des Vaters verlor seine starre Würde, sobald er sich dem Kleinen zuwandte und zeigte eine so unverhohlene Zärtlichkeit, daß die strenge Stirn mit den lastenden, dichten Brauen fast als Maske erschien. Jeden solchen Blick quittierte das Söhnchen mit unbefangenem Gequietsch. Als sich aber einmal einer der ewig wandernden Warnerblicke der Mutter zu ihm verirrte und ihn zum Schweigen zu mahnen suchte, da piepste er ihr entgegen: „Ich bin dem Papa sein Stutzerle, mir darf niemand was tun!“, holte sich mit raschem Seitenblick beim Vater die lächelnde Zustimmung und sah dann siegessicher über die gekränkt errötende Mutter und die beiden älteren Brüder hin, die sich verbissen über ihre Teller neigten. Man merkte deutlich, daß der Ausspruch, irgendwann einmal spontan entstanden, dem Jungen durch steten Beifall zur Redensart geworden war, und daß es von äußerst fraglichem erzieherischem Wert sein mußte, ihn weiter zu dulden. Der Vater aber, ein fröhlicher Tyrann, schien nichts davon zu merken. Kaum war das Fleischgericht abgetragen, so kletterte der Kleine von seinem hohen Sitz und saß mit einem Sprung auf des Vaters Knie, zupfte ihn am Bart, spielte mit seiner Uhrkette und trieb allerlei Unsinn. Der Älteste sah dem mit seltsam brennenden Augen zu. Von ihm hätte der Vater nie eine körperliche Liebkosung geduldet, außer dem starren Handkuß, der bei jeder Begrüßung und nach jeder Mahlzeit zitternd gegeben und gleichgültig angenommen wurde.
Als das Mädchen mit der süßen Speise in der Tür erschien, sang der Kleine nach primitiver Kinderstubenmelodie: „Jetzt kommt was Gutes, und die Mama kriegt nix!“ Der Blick aber, den er dabei auf seine Mutter warf, zeigte klar, daß er in kindlicher Grausamkeit die Lust voll empfand, straflos wehtun zu dürfen. Die Mutter sah den Vater an mit einem Blick hilfloser, stummer Klage; es war zu sehen, daß auch dieser ursprünglich vielleicht naive Kindervers in täglicher Wiederholung zu einer demütigenden Demonstration geworden war. Der Vater aber hatte nur ein glückliches Lachen für seinen scharfsichtigen Sohn. Der plusterte sich selbstbewußt auf.
Die älteren Brüder sahen den Jüngsten an, wie Pferde in schwerem Zug nach den Fohlen sehen, die frei auf sonniger Koppel laufen. Sehnsucht und Neid war darin, und ein Wissen um künftiges Leiden.
2
Über dem Hause lag eine dumpfe Spannung. Die alte Köchin fuhr aufgeregter als sonst in der Küche herum, zischte dem Mädchen nur abgerissene Schmählaute zu, statt laut zu schelten und schien überhaupt bemüht, auf irgendwas Rücksicht zu nehmen.
Der älteste Bruder saß stiller als je über seinen Büchern, der jüngere kobolzte in allen Ecken und deutete mit listigem Augenfunkeln und halben Worten geheimes Wissen an. Der Jüngste, endlos verwirrt, stand überall im Weg und wurde unaufhörlich beiseite geschoben. Doch wagte er nicht, in sein übliches Wehgeheul auszubrechen und begann schließlich still zu weinen.
Die Mutter fehlte bei Tisch. Der Vater schien unfroh und gereizt und hatte mit einmal keinen Sinn für die witzigen Unarten seines Lieblings. Vergebens haspelte der sein ganzes Repertoire ab, krähte, plapperte, bellte. Der gewünschte Beifall blieb aus. Auch die, ohne äußeren Anlaß übrigens, herausgeschmetterte Fanfare: „Ich bin dem Papa sein Stutzerle ...“ verpuffte wirkungslos. Die Brüder begannen heimlich zu grinsen. Als der Kleine aber die Mehlspeise mit seinem gewohnten Singsang begrüßen wollte, wies ihn der Vater, heftig wie noch nie, zur Ruhe und hatte dabei das Zucken in den Augenbrauen, das immer erschien, wenn er die Brüder schlug. Daraufhin wagte der zweite Bruder ein vernehmliches Feixen, bekam aber sofort, angeblich wegen unruhigen Sitzens, ein scharfes Kopfstück. Der Älteste erbleichte zitternd. Doch war das alles kein Trost für den Kleinen, der wie betäubt stumm dahockte.
Mit dem letzten Bissen im Munde stand der Vater hastig auf, nahm sich nicht Zeit, den Handkuß der Kinder abzuwarten und verließ grußlos das Zimmer. Man hörte ihn durch den langen Korridor nach dem Schlafgemach gehen. Das war zu dieser Tageszeit so ungewohnt, daß es irgendwie beängstigend wirkte.
Die drei Brüder blieben allein zurück. Max, der mittlere, zeigte sich herzhaft ausgelassen, sobald der Vater aus dem Zimmer war. Er juckte wild auf seinem Sitz herum, stieß mit Füßen nach dem Ältesten und fletschte dem Jüngsten die Zähne. „Ich bin neugierig, wann der Fritzl ...“ — das war der Jüngste — „seine erste Watsch’ kriegt! Vorhin hab’ ich schon geglaubt, es kracht!“ Und nachäffend sang er: „Jetzt kommt was Gutes ... ätsch!“ Dabei stieß er Felix, den Ältesten, schadenfroh und aufmunternd an. Der heftete seine schwermütigen Augen mit unbestimmbarem Ausdruck auf den Kleinen. In Fritzls blankem Kindergesicht aber zeigte sich ein so furchtbarer Schrecken, ein so namenloses Grauen vor Gewalttätigkeiten, daß die Brüder beide, halb beschämt, halb furchtsam, verstummten.
Am gleichen Tage wurde Fritzls Bett aus dem Schlafzimmer der Eltern in das der Brüder geschoben. Max hieß ihn plötzlich willkommen und trieb allerlei Schabernack, Felix aber sah ihn wieder nur stumm an. Wie ein Verurteilter einen neuen Zellengast betrachten mag.
Vor dem Einschlafen hatte Fritzl einen Weinkrampf. Alle Tröstungsversuche der böhmischen Magd wies er zurück, nannte auch keinen Grund seines Weinens. Erst Nanni, der alten Köchin, gelang es, ihn etwas zu beruhigen. Mit harten Arbeitshänden fuhr sie durch seine Locken und drückte immer wieder ihr gutes, verrunzeltes Sklavengesicht an den bebenden, schütternden Kinderleib. „Wos hoste denn, mein Engerle,“ stammelte sie, selbst dem Weinen nahe. „Do sog ma’s doch! Sie derfen dir nix tun! Keiner derf dir nix tun!“ — „Prügeln wollen sie mich — der Papa will mich prügeln!“ jammerte der Junge und wand sich in neuem Weinen. Der Alten, ob sie schon nicht wußte, woher dem verwöhnten Liebling gerade diese Angst kommen mochte, fuhr ahnungsvoller Schreck in die Glieder. Sie kannte die eiserne Faust des Herrn. Nun würde er bald beginnen, auch dies Sonnenkind da zu bändigen und abzurichten, wie er sie alle abgerichtet hatte: die blonde Herrin, sie selbst, die alte Nanni, die mit ihr gekommen war, und die beiden älteren Buben. Wie hatte er die ersten Jahre den Felix verzärtelt — und wer sah den Jungen jetzt noch lachen? Doch es war der Herr — und entsetzt über die eigenen aufrührerischen Gedanken bekreuzte sich die Alte, beugte sich tiefer über den schluchzenden Jungen und weinte still mit ihm. Als sie ihn schlafen sah, schlich sie in ihre Küche zurück.
3
Max weckte die Brüder, indem er jedem einen Pantoffel ins Bett warf. Beide fuhren erschreckt auf. Der Älteste begann zu zetern, daß er nun wieder den ganzen Tag Kopfweh haben würde, drohte in ohnmächtiger Wut und schien dem Weinen nah. Fritzl war empört über die freche Vertraulichkeit. Dann kam ihm dunkel zum Bewußtsein, daß er ja nicht mehr unbedingt unter dem Schutze des Vaters stand. So schwieg er und kam sich sehr verlassen vor. Max lachte sie beide aus, stellte sich im Bett auf den Kopf und schlug Purzelbäume. Da hörte man im Nebenzimmer des Vaters Schritt: und wie überraschte Murmeltiere fuhren die beiden Älteren unter ihre Decken und stellten sich schlafend. Fritzl tat es ihnen instinktiv nach, fühlte dabei aber in seinem Kinderkopf ein dumpfes Staunen. Warum konnte er nicht, wie sonst, dem Vater jubelnd entgegenspringen?
Da ging schon die Türe und der Vater rief ins Zimmer: „Jungen, freut euch, ihr habt ein Schwesterl bekommen!“ — Felix und Max mimten Erwachen aus tiefem Schlaf und zeigten gehorsam Freude — Felix durch sein höfisches Lächeln, Max, indem er alle Glieder durcheinanderwirbelte. Fritzl blieb stumm. In ihm weckte die Nachricht keinerlei klare Vorstellung, schärfer als zuvor fühlte er ängstliches Staunen. Der Vater beugte sich über sein Bett: „Na, Fritzl, freust du dich?“ — Fritzl hatte, zum erstenmal, Angst vor dem großen Mann, der so laut auftrat und sprach, las, zum erstenmal, eine Drohung aus dem bärtigen Gesicht und starrte ratlos und stumm empor. „Na, was ist denn, Faulpelz, kannst du nicht reden?“ polterte der Vater, und meinte es scherzhaft. Fritzl aber, tödlich erschrocken, stammelte nur „Ja, Papa!“ und mühte sich, zu lächeln, wie Felix immer lächelte. Sein Gesicht war wie eine Maske der Angst.
4
Taufe. Durch die große, leere Pfarrkirche heult die Orgel, schwillt an, bricht dröhnend ab. Auf dem hohlen Bretterbelag des Hauptganges hallen die Schritte. Es riecht süß und schwer, einschläfernd. Aus dunklen Nischen, von brennenden Kerzen umrahmt, Gestalten mit unverständlichen Gesten. Drohen sie, locken sie? Fritzl taumelt an der Hand des Kindermädchens durch die tobende Stille; er fürchtet sich namenlos, läßt sich in eine tiefe, lange Bank ziehen, sitzt still und zitternd. Weit, endlos weit weg, um den Kanzelpfeiler geschart, eine Gruppe Menschen. Dort soll Papa sein, Mama, die Onkel und Tanten? Unerreichbar!
Plötzlich ein scharfer, durchdringender Ton, herrisch, Beachtung fordernd. Fritzl fühlt: so schreit das neue Wesen, um das sich jetzt alle so sehr kümmern. Er hat die Schwester noch nicht gesehen. Als ihn der Vater an die Wiege führte, war ihm unsäglich aufgeregt, alles zu gräßlichem Weiß verschwommen. Er weiß nur, daß ein Neues zwischen ihm und den Eltern ist, weit gefährlicher als die älteren Brüder. Das schreit nun dort. Und es sind doch alle bei ihm. Er aber, Fritzl, ist allein und weit, weit fort.
Wieder zu Hause. Der große Salon voll Leuten. Im Speisezimmer eine reichgedeckte Tafel. Aus der Küche riecht es nach guten Dingen. Felix und Max sind da. Sie müssen die fremden Onkel begrüßen. „Verbeugen! Hand küssen!“ kommandiert der Vater. Fritzl tut betäubt mit. Dann werden sie alle aus dem Zimmer geschoben. Alle drei. Hinter ihnen sagt jemand: „... die drei Brüder.“ Fritzl hört die Gleichstellung und ist sprachlos überrascht.
Felix und Max sind in der Schule. Der Jüngste sitzt allein an dem großen Tisch des Kinderzimmers. Das Mädchen bringt ihm, fertig auf dem Teller, Maronipüree mit Schlagrahm, dicke Schokolade, süßes Gebäck. Fritzl ißt ohne Freude. Durch leere Nebenzimmer hört er den Lärm der großen Tafel. Eine Einsamkeit, zu mächtig für den kleinen Körper, droht ihn zu sprengen. Er weint. Draußen vertropft ein Regenabend. Und alles ist grau.
5
Die Mutter ist zum erstenmal wieder bei Tisch — sehr blaß und matt. Der Vater zeigt bärbeißige Ritterlichkeit, zankt nicht mit den Jungen. Diesmal ist er es, der mit Blicken warnt und rügt. Die Buben sind artig, und dies mal nicht aus Angst. Alles könnte sein wie früher. Nur Fritzl hat die alte Sicherheit verloren, wetzt ratlos auf seinem hohen Sitz herum. Vom Vater trennt ihn eine unnennbare Scheu, die er nur fühlt, und nicht begreift. Noch ist es nicht körperliche Angst, wie bei den Brüdern. Doch auch der Vater ist anders — ermuntert ihn nicht zur Ausgelassenheit, verlangt kein Verschen von ihm, beachtet ihn kaum. Fritzl, sehr bedrückt, muß an das Neue denken, das irgendwo hinten in einem der Zimmer liegt.
Wie die Mehlspeise kommt, sagt er plötzlich ganz laut: „Nicht wahr, Mama, du bleibst jetzt immer bei uns!“ Der Vater sieht ihn sehr überrascht an. Die Mutter, errötend, streicht flüchtig über seine Hand.
6
Wieder ein Morgen im Bubenzimmer. Max hat den Felix grob geweckt, der hat sich aufgerafft und, ohne zu jammern, zugeschlagen. Jetzt raufen sie, Fritzl schaut zu, fast unbeteiligt. Noch immer fühlt er sich als Günstling, nicht recht zu den „Buben“ gehörig.
Nun beginnen sie um den Tisch zu rennen. „Hilf mir!“ keucht Felix im Vorübersausen. „Ich schenk dir eine Kanone!“ — „Ich streich dir deinen Hammer blau an!“ kräht Max und wirft einen Schuh nach dem Ältesten.
Den Hammer — blau? Der Hammer, ganz aus Holz, ist Fritzls große Liebe. Schon springt er aus dem Bett, fest entschlossen, den Lohn zu verdienen. Wie Felix wieder vorbeirast, stößt er ihm einen Kinderschemel vor die Füße. Felix stürzt brüllend, Max über ihn. Sie prügeln sich wütend. Fritzl jubelt.
Da hören sie, schnell und böse, des Vaters Schritt, stieben auseinander, zu läppischen Beschäftigungen: Felix bürstet sich krampfhaft die Haare, Max sucht unterm Bett nach seinem Schuh, Fritzl, in höchster Angst, springt zu seiner Waschschüssel, die auf einem Holzstuhl steht. Für den Waschtisch der Brüder ist er noch zu klein.
Da fährt der Vater unter sie, und gleich knallen die Backpfeifen. Felix heult angemessen, Max knurrt nur; Fritz beugt sich atemlos über die Waschschüssel. Da trifft ihn ein Schlag ins Genick, und im Sturz reißt er den ganzen Apparat zu Boden, wälzt sich zwischen starrenden Stuhlbeinen im Wasser, lautlos. Ein wütendes Scheltwort schneidet durchs Zimmer, dann schmettert eine Tür, und die drei sind wieder allein.
Felix hockt vor seinem Bett auf dem Boden, wie ihn ein Schlag hingeworfen hat, und heult leise, gedehnt, wie ein krankes Tier. Max knurrt böse, ermuntert sich aber rasch und schabt höhnend die Zeigefinger gegen den Jüngsten: „Kisch! Kisch! Stutzerle! Kisch! Kisch! Stutzerle!“
Fritz steht sehr langsam auf, wie gelähmt. Er hat irre, leere Augen. Fühlt er, daß ein unerbittlich greller Tag das glückselige Dämmer seiner ersten Kindheit durchbrochen, daß sich seinem Hirn eben die erste Erinnerung eingeprägt hat? Und daß diese erste Erinnerung, an sinnlos erlittene Gewalt, durch sein ganzes Leben fortbrennen wird wie ein Schandmal?
7
Das Neue kriecht schon auf dem Boden herum. „Es tschindert auf dem Popo,“ hat Max gesagt und vom Vater einen Klaps bekommen für das unanständige Wort. „Du hast mir aber schon oft gesagt, ich krieg eins auf den Popo,“ hatte Max gekränkt erwidert. Nicht zu seinem Glück. Denn der Vater war böse geworden: „Was ich darf, das darfst du deswegen noch lange nicht, Lausbub, elender!“ Und dem ersten Klaps war eine ernsthafte Ohrfeige gefolgt. Fritzl war dumpf empört deswegen, wie so häufig, seit er der jüngste Bub war, und nicht mehr „der Jüngste“ schlechthin. Er tröstete Max, und sie nannten das Neue untereinander nur mehr „Poporutscher“. Das sollte sehr gehässig sein, denn sie liebten es nicht. „Was sie mit dem Poporutscher für Geschichten machen!“ sagte Max zu den Brüdern. „So ein Gripsch, ein elendiger! Wenn ich ihm einen Renner gib, fliegt er bis auf die Decke!“ Fritz bewunderte ihn ob solcher Rede. Überhaupt liebte er Max weit mehr als den stillen, schwermütigen Felix. Oft taten sich die Jüngeren zusammen, um den Ältesten zu peinigen. Dazu gehörte nicht viel, besonders wenn er über den Büchern saß. Sie brauchten nur einen Kindervers oder auch eine ganz sinnlose Lautreihe endlos zu wiederholen. Einmal erfand Max einen prachtvollen Satz: „Haschilipani Maschitzki, Baribatzki, Baribatzki!“ Der tat ganz ausgezeichnete Dienste. Oft hielt sich Felix schon bei der ersten Silbe die Ohren zu, beim zweiten Wort begann er zu zittern und längstens bei der dritten Wiederholung wurde er wütend und schmiß mit Büchern. Fritz deklamierte stets nur aus sicherem Versteck, Max aber ließ sich ein Buch oder was hinaufwerfen und begann dann gleich zu raufen. Sehr häufig nahm Fritz dabei Partei, auf seine Art, indem er den Ältesten von hinten zwickte oder mit einer Stricknadel anbohrte, während Max ihn festhielt.
Einmal aber geschah es, daß Felix, entsetzlich gequält, den Brüdern zuschrie: „Was hab ich euch denn getan?“ sich zu Boden warf und haltlos zu weinen begann. Max spuckte leise nach ihm und schlich betreten hinaus. Fritz aber kniete verzweifelt neben dem Liegenden und bat ihm ab: „Lixl, nie wieder! Lixl, sei gut, Lixl!“
Felix weinte nicht mehr. Doch hielt er den Kopf in die Arme gepreßt und blieb taub allem Bitten um Verzeihung. So rächte er sich.
8
Fritz saß bei Tisch nicht mehr in dem hohen Kinderstuhl, sondern auf einem Sessel wie alle anderen. Nur hatte er ein dickes Sitzkissen. Er mußte auch schon mit Messer und Gabel essen. Der Vater schonte ihn nicht. Der Junge fürchtete die Mahlzeiten und ging oft, wie die Brüder auch, nachher in die Küche, um sich bei der alten Nanni ein Stück Fleisch zu holen, oder Mehlspeise. Das aß er dann unter den Trostworten der Alten und fühlte sich stolz als Märtyrer.
Bei einer Mahlzeit, die dem Jungen ein paar scharfe Verweise eingebracht hatte, kam schließlich ein Gericht auf den Tisch, das keiner kannte. Auf des Vaters Frage erklärte die Mutter, es seien „Arme Ritter mit Spinat“. Der Name fuhr dem Jungen in den Magen, daß er vor Mitleid und Ekel fast erstickte. In den gerösteten Semmelscheiben sah er deutlich die Gesichter der armen, armen Ritter, die tot auf grünem Grunde lagen, und wollte lieber sterben als davon essen. Doch das litt der Vater nicht. „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!“ donnerte er. Aus heller Angst vor Prügeln schob Fritz schließlich einen Bissen in den Mund, gab ihn aber alsbald heulend auf den Teller zurück. Die Mutter wollte sanft vermitteln, doch wies sie der Vater zur Ruhe und bestand auf seinem Willen, der Junge müsse essen, und die verdammten Faxen dürften nicht geduldet werden. Stand auch auf, als wollte er zuschlagen. Fritz glitt vom Stuhl, gab alles Essen von sich, auf den Teppich, und brüllte sich von Besinnung. Sie mußten ihn ins Bett tragen und zwei Tage lag er mit Fieber. Die Mutter pflegte ihn. Auch der Vater kam nachsehen. „Ich brauche sie nicht essen, nicht wahr?“ jammerte er. „Nein, nein, du brauchst nicht!“ tröstete die Mutter.
Am zweiten Abend, mit den Brüdern allein, flüsterte er stolz und trotzig: „Ich hab sie doch nicht gegessen!“
Max nickte und knurrte nach seiner Art. Felix sah ihn bewundernd an. Und Fritz war glücklich.
9
Es kam eine Zeit, in der die kleine Schwester den Reiz der Neuheit in etwas verlor und sich vom interessanten Neutrum zum normalen kleinen Kind entwickelte. In diesen Wochen wandte sich Fritz die liebevolle Aufmerksamkeit des Vaters mehr zu und einige Male schien es fast, als sei die frühere Vorzugsstellung wieder fest begründet. Fritz verlor darum Maxens eben erst gewonnene Freundschaft. Doch litt er kaum darunter und verschaffte dem Älteren gelegentlich eine Tracht Prügel. Sofort tat sich Max mit Felix zusammen und beide behandelten ihn als gefährlichen Angeber, warnten einander mit Blicken und Gesten und hatten ewig verschwörerhaft zu tuscheln.
Auch die Mutter zog sich von ihm zurück, nachdem er sie mit dem wieder aufgetauchten Mehlspeislied neu gekränkt hatte. Fritzl merkte das alles und wandte sich mit verdoppelter Zärtlichkeit dem Vater zu, und in seine Bemühungen, den Beifall des Gestrengen zu erringen, kam etwas krampfhaftes. Die Onkel und Tanten, und nicht zuletzt der glückliche Erzeuger trugen die unerhörten Äußerungen seines Kindermundes in der ganzen Stadt herum, und nicht selten wurde der Junge, wenn er mit dem Dienstmädchen spazieren ging, von Fremden angehalten und tätschelnd um Wiedergabe irgend eines Ausspruches gebeten.
Das Neue schien verdrängt und abgetan, bis es eines Tages zu laufen und fast gleichzeitig zu sprechen anfing. Da hörte Fritz mit einem Schlag zu existieren auf. Jeden freien Augenblick verbrachte der Vater im Kinderzimmer und entzückte sich an jeder Regung der Kleinen. Fritz konnte nicht begreifen, was an dem unverständlichen Gelall und dem plumpen Tappen Schönes oder Bemerkenswertes sein sollte und suchte sich immer wieder Beachtung zu erzwingen. Vergebens. Das Neue hatte gesiegt.
10
Die kleine Schwester tapste in gestrickten Pantöffelchen durch das große Zimmer, hielt lange Reden „Arra alla ulu Mamma“ und schien selbstsicher und lebensfroh. Das Band des einen Pantoffels war aufgegangen und schleifte nach. Fritz sah es aus seiner Spielecke, trat hinterrücks darauf und brachte die Kleine klatschend zu Fall. Schon war er zur Tür draußen und alarmierte die Küche: „Die Gretl ist hingefallen!“ Aus dem Kinderzimmer gellte Wehgeschrei. Im Nu war die Kleine aufgehoben, wurde gestreichelt, gehätschelt und mit Fragen bestürmt: „Hast du dir weh getan, mein Goldhaserle, mein einziges? Wo tut’s wehweh, wo, sag, Engele, süßes! Mach dem Teppich Dudu, mach ihm Dudu! Du! Du! Mein Schatzerle, mein goldenes!“ —
Abends im Bubenzimmer vertraute Fritz dem Max an: „Ich hab’ heut früh den Poporutscher umgeschmissen!“ und dachte sich damit die Hochachtung des anderen zurückzugewinnen. Doch kein Grinsen kam, kein beifälliges Knarren. Max zog sich wie vor einem scheußlichen Verbrecher zurück und bestimmte auch Felix zur gleichen Haltung. Die beiden berieten tuschelnd und mit entsetzten Seitenblicken. Fritz war übel zumut. Schließlich wurde ihm verkündet: „Morgen mittag wird’s gesagt!“
Nicht gleich, nicht morgen früh — morgen mittag! Fritz schlief nicht. Am nächsten Morgen flehte er um Schweigen und Nachsicht. Vergebens. Max sang ihm ins Gesicht: „Heute mittag wird’s gesagt, juja, wird’s gesagt, und der Stutzerle kriegt Dresch, ja kriegt Dresch!“ Felix nickte düster.
Bis zum Mittagessen lebte der Junge kaum. In allen Winkeln wurde ihm zugezischelt: „Jetzt sag’ ich’s — jetzt sag’ ich’s.“ Doch wurde nichts gesagt. Bei Tische hörte und sah er unzähligemal die drohende Geste des Anklägers. Schließlich holte Max hörbar Atem, warf ihm einen furchtbaren Blick zu, öffnete den Mund — und tat eine gleichgültige Frage. Fritz war halbtot.
Sie sagten es nicht, drohten nur tage- und wochenlang damit. So mußte Fritzl büßen.
11
Fritzl fieberte leicht: Erkältung, verdorbener Magen, jede stärker blutende Schramme — alles ging bei ihm mit jähem Fieber einher. Der Vater, wie so viele Ärzte, schätzte Kranksein im eigenen Hause nicht, schalt zunächst immer über Verweichlichung und Schlappheit, wurde wohl auch heftig oder schlug zu, wenn Beschwerden weinerlich oder irgendwie übertrieben geäußert wurden. Nur in ernsteren Fällen ließ er sich zu genauer Untersuchung herbei und begleitete die Diagnose stets mit einem bärbeißig-spaßhaften Scheltwort: „Masern hat der Schafskopf!“ — Weit herum gesucht und gepriesen wegen seiner ruhigen Freundlichkeit am Krankenbett, schien er der Familie gegenüber von der Anschauung auszugehen, daß Krankheit, wenn nicht eine Schande, so doch Verschulden des Betroffenen, Dummheit, Unvorsichtigkeit, keinesfalls aber ein Anlaß zu Mitleid oder Bedauern sei. Ein rechter Bub zumal sollte Kleinigkeiten allein abmachen. So konnte es geschehen, daß er leichte Fälle mit einem Donnerwetter abwies: „Geh’ weg, Lehmpatzen, du bist nicht mein Sohn!“ —
Die Mutter war leichter zu überzeugen. Bei aller Unterwürfigkeit brachte sie es doch über sich, ohne ausdrückliche Ermächtigung, manchmal sogar gegen das Donnerwort: „Gar nichts fehlt dem Jammerlappen!“ einen heulenden, bebenden, heißen Buben ins Bett zu bringen und mit Umschlägen, Tee und Zärtlichkeiten zu behandeln. Mit Zärtlichkeiten. — Weit mehr Frau als Mutter, ahnte sie nur dumpf, daß die jungen Wesen oft und oft mit Husten und Fieber nichts weiter verlangten, als ihr Recht auf Zärtlichkeit, das ihnen in dem kaltgeordneten Hause ständig verkümmert wurde.
Felix hätte sich leidenschaftlich gerne pflegen lassen, doch war er scheu und fürchtete den Vater viel zu sehr. Max, als der herzhafteste der Brüder, liebte das Bettliegen und Gepäppeltwerden nicht. Fritzl aber gab gern und willig nach. So konnte er sich gelegentlich in die Zeit zurückversetzt fühlen, da er der verhätschelte Liebling war. Wenn es auch nur die Mama war, die ihm schön tat. —
Dazu kam noch, daß er das Fieber liebte. War er zu Bett gebracht, dann hob leise erst, bald stärker sein Blut zu singen an. Das Kinderzimmer verlor sein altvertrautes Gepräge, fremd und prächtig standen die Dinge um ihn her, die Tapete wurde zum Wald, von allerlei Getier belebt, wurde zur dichtgedrängten Ritterschar, ihm untertan. Die Luft, seltsam körperlich, schwamm von Harmonien. Das Ticken der Uhr, fernes Wagenrollen, das leise Reden der Brüder, die bei der abgeblendeten Lampe am Mitteltisch saßen, klangen zu rauschender, überirdischer Musik zusammen. Das gedämpfte Licht tat den Augen angenehm wehe. Schloß er aber die Lider, so stellte sich alsbald ein Bild ein, das er über alles liebte: ein weiter, glattgepflasterter Platz, auf den in langen, dichtgedrängten, glasharten Schnüren und Strähnen vielfarbiger Regen niederfiel, in allen Farben, blau, rot, gelb, grün, Regen, Regen. In gesunden Tagen konnte er mit keinen Mitteln eine Vorstellung dieses Bildes wiedererwecken. An jedem Fieberabend genoß er es mit neuer Freude.
12
Felix ist im Gymnasium und vom Vater angewiesen, Fritzens Hausaufgaben zu überwachen. Der Älteste fühlt sich gewaltig. Glücklich vor allem macht ihn der Umstand, daß er mit dem Vater in engere Fühlung kommt. Fritz ist in der Schule unruhig und vorlaut, mancher unter den Lehrern nimmt ihm das übel und beauftragt den Musterschüler Felix, auf den Bruder bessernd einzuwirken. Felix erzählt alles dem Vater wieder und tut noch aus Eigenem manches an Befürchtungen oder düsteren Prophezeiungen hinzu. Das gibt viel Aufregung. Einmal schlägt der Vater Fritz mit dem Rohrstock über den Handrücken, daß aus einem kleinen Hautriß Blut tropft. Felix steht mit glitzernden Augen dabei. Er hat dem Jüngeren die Strafe verschafft. Fritz ist so maßlos entsetzt über den Bluttropfen, daß er nicht einmal weint — er starrt nur auf die kleine Wunde. Der Vater ist längst aus dem Zimmer, da kommt Max zurück. Der geht jeder Prügelszene aus dem Wege, sein ewig schlechtes Gewissen läßt ihn immer fürchten, es könnte auch für ihn was abfallen. Fritz stürzt auf ihn zu: „Der Lix hat wieder gepetzt, und da hat er mich blutig geschlagen, mit dem Stock, da!“ Der Kleine ist so außer sich, daß Max alle Schadenfreude vergißt und ihn zu trösten beginnt. Er zieht ihn in einen Winkel und schwört ihm zischelnd, sie wollten es dem Ältesten gemeinsam besorgen. Gründlich. Fritzl läßt das Weinen und sie schießen giftige Blicke auf Felix. Dem wird übel zumut. Er weiß, daß auch Max ihn nicht mehr liebt, seit er, auf des Vaters Geheiß, mit ihm Mathematik treibt. Felix hat sich verleiten lassen, dem Vater ein Wort über Maxens Faulheit zu sagen, es setzte einen Jagdhieb. — Nun hat er beide Brüder zu Feinden. Wird ihn der Vater schützen können?
Die beiden Jüngeren tuscheln noch immer. Dann geht es los: „Haschilipani, Maschitzki, Baribatzki, Baribatzki“, immer lauter, immer wilder, gehässiger. Felix fühlt, wie sie ihn belauern, daß sie ihn herausfordern wollen; er wehrt sich verzweifelt gegen die blinde Wut, die ihn packen will, sucht ruhig und unbeteiligt zu erscheinen. Umsonst. Die unsinnige Lautreihe tut auch diesmal ihre Wirkung. Schon duckt er den Kopf, hält sich die Ohren zu, will davonrennen, stößt dabei an Max, der sich ihm geschickt in den Weg gestellt hat, und sie raufen erbittert. Fritz schießt geschäftig aus dem Zimmer, um sich eine Waffe zu suchen. Im Vorhaus gerät er an den großen Werkzeugkasten, durchwühlt ihn rasch und bekommt eine messerscharfe englische Schneidezange in die Finger. Die faßt er mit beiden Händen und jagt ins Bubenzimmer zurück. Die beiden haben ausgerauft. Max sitzt in einem Winkel und reibt sich einen Kratzer an der Wange mit Speichel ein, Felix lehnt mit dem Rücken zum Zimmer an der Fensterbrüstung und starrt verbissen hinaus. Fritz schleicht ihn an, unhörbar, haßerfüllt, die Zange in beiden Händen. Jetzt ist er knapp hinter ihm, holt tief Atem, schnappt mit aller Kraft zu —.
Felix tut einen Schrei, der nichts Menschliches mehr hat. Der Vater fährt ins Zimmer, bereit, gewaltig einzugreifen. Da sieht er den Ältesten, beide Hände krampfhaft auf die Kehrseite gepreßt, Mund und Augen weit aufgerissen, als hätte ihm der erste Wehschrei allen Atem genommen. Fritz vor ihm, die Zange krampfhaft vor sich; zwischen den Schneidbacken steckt ein Stück Tuch und ein Fetzchen blutgetüpfeltes Weißzeug; der Knirps hat weit mehr Triumph als Schreck im Gesicht. Aus dem Winkel schielt Max, wie der Geist alles Bösen. — Da wird einen Augenblick lang Fritz wieder zum Stutzerle, den Vater freut die wehrhafte Rachsucht des Kleinen, dem Schleicher Felix gönnt er die derbe Lektion. Was Recht, was Unrecht! Ist er nicht Herr über seine Kinder? Er lacht laut auf und geht. Hinter ihm toben Max und Fritz ihre Siegesfreude aus, vorsichtshalber stumm, mit Blicken, Gebärden und Grimassen. Felix ist vernichtet.
13
Max hat in der Schule eine Bande gebildet, die ihn freudig als Hauptmann anerkennt. Stämmig und geschickt ist er, furchtlos, tollkühn, wenn es ans Raufen mit feindlichen Jungen geht, dabei lügt er die Lehrer und Eltern großartig an, ist nie um einen Ausweg verlegen. Sein Klassenlehrer haßt ihn, weil ihm der Junge ewig Scherereien macht und nie recht zu fassen ist. Die Tadel- und Beschwerdebriefe aus der Schule hören nicht auf. Oft kommen auch fremde Eltern klagen, weil er ihre Kinder irgendwie mißhandelt oder sie auch zu bösen Streichen verführt hat. Der Vater kennt als Erziehungsmittel nur Schelte und Prügel. Die verfangen bei dem Jungen nicht. So hebt ein erbitterter Kampf zwischen den beiden an: der Vater schlägt immer rücksichtsloser, immer länger zu. Aber Max ist nicht klein zu kriegen. Er schreit nicht, weint nicht, wehrt sich nicht, läßt sich seine Tracht Prügel aufmessen, schüttelt sich wie ein junger Jagdhund — und geht weiter seine verbotenen Wege. Die Mutter möchte vermitteln, doch kommt sie von dem Vorstellungskreis des Mannes nicht los und spricht tränenreich von dem Schandfleck auf dem ehrlichen Namen, von Schimpf und Schande, von Schande und Schmach. Der Junge fühlt mit gesundem Bubeninstinkt, wie lächerlich unangebracht die großen Worte sind, da er ja wirklich „nichts gemacht hat“ — gerauft halt, an fremden Türen geklingelt, ein Fenster eingeworfen. So hört er die weinerlichen Reden verstockt an und fühlt etwas wie Verachtung für die Frau, die ihn so furchtbar prügeln läßt und doch verlangt, er solle den lieben Eltern Freude machen. Was, liebe Eltern!
Fritzl ist ihm fanatisch ergeben, lauscht begeistert der Schilderung seiner Kämpfe, zittert mit ihm vor Entdeckung, erlebt die Züchtigungen qualvoll mit, streichelt die häßlichen, blauroten Striemen und gleitet unmerklich in eine immer verbissenere Auflehnung gegen den Vater hinein. Die Mutter nehmen sie beide nicht sehr wichtig.
14
Die kleine Schwester ist ein kugelrundes Mädel geworden, mit straffem, schwarzem Haar und Kirschaugen. Sie ist unendlich gutmütig, wenn man sie aber ärgert, kann sie furchtbar böse werden. Dann springt sie wie ein Gummiball, beißt und kratzt. Das ist lustig anzusehen. Sie petzt niemals. Eigentlich könnte man sie sehr gerne haben. Aber das geht nicht. Denn erstens ist sie Vaters Abgott, und zweitens kümmert sich auch Felix sehr um sie, seit er bei den Brüdern abgewirtschaftet hat. Er spielt mit ihr und zeigt ihr Bilder.
Die Kleine lispelt ein wenig. Max stößt selbst leicht mit der Zunge an, aber wohl eben darum hat er ein feines Ohr für Sprachfehler. So singt er der Kleinen alle Augenblicke vor: „Zisch, zisch, zisch, Tischler hoble den Tisch!“ Das trifft alle beide; die Kleine wird wütend über das Zisch, zisch und Felix über den eintönigen Singsang. Max und Fritz sind außer sich vor Freude. Sie nennen die Schwester nur noch „Kohlhobel“.
15
Große Dinge sind geschehen: Max hat ein etwas gehässiges Bild des Klassenlehrers auf die Schultafel gezeichnet. Niemand wollte den Täter verraten. Der Lehrer hat es aber schlau angestellt und willkürlich Maxens besten Freund als Täter herausgegriffen und trotz heftigem Leugnen als überführt erklärt. Die Rechnung auf Maxens Großmut war richtig: Der Junge hatte sich daraufhin selbst angegeben. Der Lehrer hatte ihn erst beißend verhöhnt, daß er in die Falle gegangen sei, dann war eine niederschmetternde Predigt gefolgt und schließlich die Behauptung, er werde noch am Galgen enden. Max, wütend wegen der gemeinen Überlistung, hatte geantwortet, daß man „wegen so was“ nicht gehängt würde; und eher werde noch der Lehrer an den Galgen kommen. Das war zuviel: Lehrerkonferenz, Zeugeneinvernahme und, trotz aller Rücksicht auf den Herrn Sanitätsrat, die Relegation. Schließlich wurde eine Einigung erzielt, indem der Vater sich verpflichtete, den Jungen sofort nach dem knapp bevorstehenden Semesterschluß von der Schule zu nehmen, und die Schulleitung daraufhin von dem Ausspruch der Relegation Abstand nahm.
Max war glückselig. Zwar hatte er furchtbare Prügel bekommen, der Vater sah ihn schon seit Wochen nicht mehr an, die Mutter hatte nur tränenvolle Strafblicke — doch aus der Zwangslage hatte sich die Erfüllung seines langgehegten, sehnlichsten Wunsches als einziger Ausweg ergeben: er kam ins Kadettenkorps.
Fritz vergoß hin und wieder schon ein Tränchen in Vorahnung des bitteren Abschieds. Max wußte ihn immer rasch zu trösten durch glühende Schilderungen des künftigen Herrenlebens. Die Anstalt, für die man ihn bestimmt hatte, lag weit weg an der polnischen Grenze. „Dort gibt’s massenhaft Pferde“, erzählte Max. „Und so billig! Zwanzig Mark eins! Sie sind ja nur klein, aber laufen können die! Mein Lieber! Wart’, wenn ich dann auf großen Urlaub komm, dann bring’ ich dir eins mit, eins bestimmt, vielleicht mehr!“ — „Bestimmt, Max, wirklich?“ keuchte der Kleine. — „Wenn ich dir’s sage!“ schloß Max würdig.
16
Der Vater hatte in einem Bergdorf, mitten in endlosen Wäldern, ein Stück Land gekauft, drei Morgen, und darauf ein Blockhaus gebaut. Bis an den Gartenzaun reichte starrer alter Hochwald, mit lichten Flecken von Moos und Beerengesträuch zwischen den Stämmen. Ein Mühlbach tanzte gischtend über Kiesel. Das wurde dem Knaben untrennbar von der Vorstellung „Sommer“: weißschäumendes, lärmendes Wasser zwischen dunklen Tannenwänden und Sonnenkringel auf Mooskissen. — Zahm und zögernd erst, bald reich und zügellos bevölkerte die ungelenkte Phantasie den alten Forst mit Zauberwesen, wohl- und übelgesinnten. Die Feindschaft mit der kleinen Schwester konnte davor nicht standhalten. Aus Rinde und Fallholz bauten sie einträchtig Hütten für die Zwerge, mit Moos gedeckt — kleine Teiche davor, mit bunten Kieseln eingefaßt, lose Blüten dazwischen. Gretl liebte den Bruder sehr, fügte sich blind und trug ihm keinen Augenblick die alten Quälereien nach. Dies Übermaß von Güte in dem kleinen Wesen bedrückte ihn, und so knuffte er sie oft unversehens, riß sie an dem kurzen Zopf oder gab ihr böse Worte. Weinte sie dann, so trieb er’s nur ärger. Wehrte sie sich aber, mit Kratzen und Fauchen, so war er irgendwie erleichtert und rasch versöhnt.
Max sollte gleich nach den Ferien abreisen. Er bekam eine vorschriftsmäßige Wäscheausstattung und kam sich, bei fortwährendem Maßnehmen und Probieren, wichtig und erwachsen vor. Die Dorfbuben verehrten ihn, weil er schon zu den Soldaten sollte. Auch Felix nahte sich bewundernd und mit leisem Neid. Max nahm alle Huldigung gönnerhaft an. Die enge Freundschaft mit Fritz litt ein wenig — der Junge war ihm mit einmal zu kindisch, unbrauchbar für wilde Spiele, wie er sie mit Vorliebe veranstaltete. Fritz kämpfte verzweifelt um seinen Platz. Die Märchenspiele mit der kleinen Schwester waren ihm schnell verleidet.
Ein Teil des Gartens, höckeriger Felsboden, war durch Sprengungen geebnet worden. Die Felsbrocken lagen noch umher, wild durcheinander. Ein leiser Geruch von Pulverdampf haftete ihnen an. Das war Maxens Reich, die Steinwildnis, in der es sich Räuber und Gendarm spielen ließ, Zieten aus dem Busch und Löwenjagd.
Solange der Vater im Hause war, ging es still und gesittet zu. Aber er nützte die kurze Ferienzeit die er sich gönnte, nach Kräften zu leidenschaftlicher Pirsche auf Bock und Hirsch, hielt knapp die Mahlzeiten ein und verbrachte Vor- und Nachmittage auf weiten Waldgängen. So blieben die Kinder tagsüber fast ungestört und nützten es weidlich.
Eines Nachmittags hatte sich, zahlreicher als sonst, die Schar der Dorfbuben eingefunden. Max bestimmte „Löwenjagd“ — Felix sollte der Löwe sein, Max die Schar der todesmutigen Jäger führen. Fritz bettelte leidenschaftlich um Beteiligung, als Jäger etwa, oder doch als Spürhund. Doch Max fand, es seien Jäger genug, und Hunde auf Löwen sei lächerlich. Aber — und der Kleine verbiß das Weinen schleunigst, das ihm schon in den Mundwinkeln saß — Fritz könnte dem Löwen brüllen helfen! Felix, der sich in der Rolle des Löwen ohnedies unbehaglich fühlte, weil er die Schrecken der Jagd, des Kampfes und der endlichen Erlegung bitter vorausahnte, stimmte begeistert zu. Und während die Jäger sich beim Holzschuppen mit Latten, Scheiten und Tannenzapfen waffneten, zog Felix mit Fritz der Steinwüste zu. Dort verbarg er sich in schwer zugänglichem Felsgewirr und wies Fritz einen vorgeschobenen Posten an, mit dem strengen Auftrag, beim Nahen der Jäger furchtbar zu brüllen und damit nicht nachzulassen. Sonst dürfe er nie wieder mitspielen. Dann gab er das verabredete Zeichen, daß die Jagd beginnen könne. Mit blutdürstigem Geheul stürmten Max und sein Troß herbei. Fritz brüllte, daß ihn fast Angst vor seiner eigenen Stimmgewalt überkam. Die Jäger, wohlerfahren im Weidwerk, hielten kurzen Rat und schlichen dann, geduckt und kampfbereit, der Löwenstimme nach. Fritz bebte vor Aufregung, wie nur je ein gehetztes Wild, und brüllte immer verzweifelter. Aus seinem Felsversteck spähte Felix lauernd herüber. Nun war das Anschleichen beendet, das wehrhafte Wild umstellt, und mit gräßlichem Aufschrei stürzten die Jäger vor, Tannenzapfen prasselten, Holzscheite schwirrten, einzelne Angreifer wälzten sich in ihrem Blute und zeigten vorsichtshalber ihre Erlebnisse schreiend an, um die anderen nicht im unklaren zu lassen: „Der Löwe — er beißt mich — oh, mein Bein, mein Bein — ha, ich blute!“ Das stachelte die Kampflust der übrigen zur Raserei auf, und Max, jede Wirklichkeit vergessend, hob den treuen Speer — eine rauhe Latte — zielte genau und schoß nach dem Untier. — Ein Kerntreffer hätte Fritzls Lebenslicht wohl ausgeblasen. So streifte ihn das Holz nur an der linken Schläfe, doch blutete die Schramme stark. Im Augenblick änderte sich die Stimme des Wüstenkönigs von gemachter Wut zu echter Wehklage. Und im Augenblick erkannten die Gäste das Unheil, warfen alle Waffen von sich und suchten heulend das Weite, Todesschreck im Nacken. Felix legte sich hinter seinem Felsen platt auf den Bauch, barg den Kopf in den Armen, um nicht sehen, nicht hören zu müssen und wimmerte in sinnloser Angst. Max stand allein vor seinem zuckenden, heulenden Opfer, und angesichts des Blutgerinnsels wich, trotz wütender Selbstbeherrschung, die Jägerfreude zusehends bleicher Angst. Rauhe Reden, von männlicher Schmerzüberwindung, von weibischer Wehleidigkeit, weckten kein Echo, steigerten nur das Wehgeheul. Auch Versprechungen verfingen zunächst nicht. Erst die feierliche Schenkung eines Wasserrades mit Klapperwerk, das Max sich eben selbst gebaut hatte, fand Aufmerksamkeit. Das Geheul verstummte, und aus tränendicken Augen kam ein prüfender Blick, ob das Angebot wohl ernst zu nehmen wäre. Im Augenblick war Max beruhigt über die Verletzung. Zu oft hatte er selbst den Schreck des Gegners über blutende Schrammen ausgenützt. Nun hieß es, einen glaubwürdigen Unfall erfinden. Sie einigten sich auf einen Sturz beim Laufen und legten die Baumwurzel, über die Fritz gestolpert sein sollte, genau fest. Dann wurde Felix geholt, durch die wütende Behauptung, er sei an allem schuld, maßlos eingeschüchtert und durch die höhnende Feststellung, er sei ein schöner Löwe, der sich abseits verstecke und den kleinen Kerl für sich brüllen lasse, zum Nichts erniedrigt. An den Spottreden beteiligte sich Fritz mit Begeisterung und kam dadurch bald zu einem Lächeln unter Tränen. So zogen sie ins Haus, Fritz ließ sich waschen und verbinden und war glücklich als doppelter Held. Denn sogar der Vater hatte ein anerkennendes Wort dafür, daß er die Wunde stumm trug.
Abends aber, im Schlafzimmer, als jede Gefahr vorbei war, meinte Max wichtig zu den Brüdern: „Aber fein geschmissen war es doch! Min—de—stens fünfzehn Schritte — und wenn er den Kopf nicht gedreht hätt’, wär’ ihm die Lanze durch und durch gegangen! Mein Lieber!“
17
Max ist fort. Den Geschwistern schreibt er nicht, nur den Eltern, pflichtgemäß alle vierzehn Tage. Felix hat viel zu lernen und sitzt tagsüber in einem kleinen Kämmerchen, ganz am Ende der weitläufigen Stadtwohnung. Fritz verbringt die langen Winternachmittage allein mit Gretl in dem großen Kinderzimmer. Allzu laut dürfen die beiden nicht sein, denn nebenan, nur durch eine große Glastür getrennt, ist Vaters Arbeitszimmer. Gegen Abend ist er meist zu Hause und schreibt. Er liebt keine Störung, und ein scharfes „Pßt“ macht die Kinder auf Stunden verstummen. Sie spielen Küche, oder Festung, oder Krieg mit Bleisoldaten. Auch Puppentheater. Fritz entwickelt großartige Entwürfe, die Gretl bedingungslos gutheißt. Stunden vergehen über langwierigen Vorbereitungen. Und meist ist es so, daß das Spiel abbricht, wenn es richtig beginnen sollte. Denn abends, vor dem Essen, muß alles Spielzeug sauber aufgeräumt sein, das ist strenges Gebot. Gretl ist oft recht unglücklich, wenn sie die herrlichen Kunstbauten — Festung, Meierhof mit vielen Ställen — niederreißen soll, ohne damit gespielt zu haben. Fritz aber lacht sie aus. Ihm ist es gerade recht so.
Das Abendessen wird den beiden im Kinderzimmer aufgetragen. Die Eltern essen später. Dann sitzen die Kinder unter der Hängelampe am Mitteltisch, die einen scharfen Lichtkegel herunterwirft und die Ecken im Halbdunkel läßt. Der Weg zur Küche führt durch ein fensterloses Durchgangszimmer, dessen Tür zum Kinderzimmer stets offen steht und das abends samtig schwarz und böse hereinglotzt. Immer sitzen sie so, daß Gretl die dunkle Türöffnung im Rücken hat, und Fritz ihr gegenüber. Dann braucht er nur, während des Essens, das Besteck sinken zu lassen und mit weitaufgerissenen Augen in die Finsternis zu starren, stöhnend: „Was seh’ ich — was seh’ ich!“ — und Gretl weint auf, birgt entsetzt das Gesicht in den Händen und rast wohl auch halb wahnsinnig vor Angst hinaus, um bei der alten Köchin Trost zu suchen. Fritz gellt ihr ein Hohngelächter nach und freut sich lasterhaft. Er weiß genau, daß die Kleine, was sie sonst haßt, lieber lügen, als ihn je angeben würde. Sie kann es nicht sehen, wenn er Prügel bekommt. Und prügeln würde ihn der Vater furchtbar, käme es je zu Tage, daß er den kleinen Liebling ängstigt. Aber Gretl petzt nicht, auch nicht in sinnlosester Angst. — Um sie zu versöhnen, muß er vom „Krieg“ erzählen. Einmal nämlich hat er ihr, als kein anderes Beruhigungsmittel verfangen wollte, mit Verschwörergeste anvertraut, er sei der Führer einer großen Buben-Armee, die Nacht um Nacht den Jungen aus den tschechischen Dörfern große Schlachten liefere. Sie mußte einen gräßlichen Eid darauf schwören, daß sie das Geheimnis unverbrüchlich wahren wolle — auch auf der Folter, und bis zum Tode. Diese erste Lüge wagte er nicht zu widerrufen, sie aber verlangte, vom Reiz des Geheimnisvollen gestachelt, immer mehr, immer Neues zu wissen. Und er erzählte. Alle Lesefrüchte aus finsteren Indianer-, Ritter- und Mordgeschichten, die er sich von Schulfreunden geliehen, alle grausigen Mären, die er den Dienstleuten abgelauscht hatte; aber auch alles, was ihm bei Tag und Nacht, in Traum und Sehnsucht vorschwebte — alles verwob er in seine Erzählung vom „Krieg“. Waren die Kinder allein und ungestört, vor dem Schlafengehen, oder bei den leidigen Familienspaziergängen, wo sie vor den Eltern hergehen mußten — immer drängte die Schwester, und er begann flüsternd und geheimnisvoll zu erzählen, stets bereit, mit gemachter Unbefangenheit das Thema zu wechseln, wenn Unberufene in die Nähe kamen. Die Schwester hörte ihm gläubig und atemlos gespannt zu. Der Junge genoß die Heldenrolle vollauf, doch verrannte er sich beim Erzählen oft so heftig in seine Fabelwelt, daß ihm die Rückkehr zur trüben Wirklichkeit — Schulgang, Hausaufgaben und strengste Aufsicht — bitter schwer schien und er sich plötzlich einmal in jähem Ausbruch den Tod wünschen konnte. Die kleine Schwester, ohne jede Ahnung der Zusammenhänge, nahm ihn auch in seinen Selbstmordgedanken furchtbar ernst, redete ihm weinend zu, bettelte und flehte, und war glückselig, wenn er schließlich groß erklärte, er werde eben doch leben bleiben. Sie liebte ihn sehr.
18
Wieder ist Sommer, und die Familie ist hinauf in das Landhaus gezogen. Gretl hat eben schreiben gelernt und trägt in ein kleines Notizbuch in kurzen Schlagworten alles Unrecht ein, das Fritz oder Felix ihr tun. Diese Buchführung soll eine furchtbare Drohung sein, bleibt es aber nicht lange, denn es zeigt sich, daß die Kleine ihr Büchlein vor Vater und Mutter ängstlich geheimhält. Einmal nennt Fritz sie im Streit „Krüppel“. Die Kleine hört eine furchtbare Beschimpfung aus dem ungewohnten Wort heraus, holt zitternd ihr Büchlein und beginnt zu schreiben. Über der Anstrengung, die großen, ungelenken Buchstaben in den engen Raum zu pressen, versiegen ihre Tränen und schließlich überschaut sie mit listigem Lächeln ihr Werk. Da reißt ihr Fritz das Buch aus der Hand, klettert damit auf einen hohen Schrank und liest, während sie unten in höchster Wut tanzt, die Eintragung: „Fiz mir eimal Griebel sagt.“ Brüllendes Hohngelächter, in das auch Felix gnädig einstimmt, der eben hinzukommt. Gretl ist außer sich vor Zorn, spuckt nach Felix, beißt Fritz ins Bein und rennt schließlich, als sie ihr liebes Büchlein wieder hat, davon und versteckt sich im Garten.
19
Max ist, seit Jahresfrist zum ersten Mal, auf Ferien gekommen. Er ist noch immer der stämmige, gelenkige Knirps, und der vorschriftsmäßig glattgeschorene Rundkopf und die aufs Wachsen berechnete Kommiß-Uniform lassen ihn etwas dürftig erscheinen. Aber er fühlt sich gewaltig und zeigt mit namenlosem Stolz den Mittelfinger der rechten Hand, an dem er sich bei irgendeiner höchst überflüssigen Verrichtung den Nagel abgequetscht hat. Die Fingerkappe ist kugelig verdickt, der neue Nagel bleistiftstark und hart wie Stahl. „Probiert’s einmal,“ sagt er zu den Brüdern, „schneidets ihn ab, mit der Schere oder mit dem Messer, da!“ Und sie können es nicht. „Den muß ich mir immer mit der Laubsäge absägen! Mein Lieber!“ So trumpft Max auf, und die Brüder horchen stumm.
Fritz trägt an einer furchtbaren Enttäuschung —, er hat fest daran geglaubt, daß Max Pferde mitbringen würde. Oft und oft hatte er es sich sogar ausgemalt, daß der Bruder überhaupt vierspännig anfahren würde. Als er ihn dann, klein und unscheinbar unter den vielen großen Menschen, aus dem Zuge klettern sah, verbiß er das Weinen und klammerte sich krampfhaft an die Hoffnung, die Pferde, oder doch das Pferd würden nachkommen. Zu fragen wagt er die ersten Tage nicht, der Bruder ist ihm entfremdet und entrückt, er steht im Mittelpunkt des Interesses, die Mutter hätschelt ihn, der Vater hört ihn gnädig an und stellt sogar gelegentlich gönnerhafte Fragen. Felix zeigt ihm höflichste Hochachtung, und Gretl staunt ihn mit runden Augen an. Das ist nicht mehr der Max von einst. — Nach geraumer Zeit erst beginnt Fritz die Scheu zu überwinden, rafft sich zu Anspielungen auf, die unbeachtet bleiben, und endlich zu einer unverhüllten Mahnung. Die Antwort ist niederschmetternd: „Pferde, natürlich hab’ ich Pferde, drei sogar, ich reit’ jeden Tag ein paar Stunden,“ lügt Max großartig. „Aber ich werd doch dir keins mitbringen, du kannst doch nichts damit anfangen! So ein Tschuller!“ — „Aber du hast doch versprochen ...“ wehklagt der Kleine. Doch Max bleibt unnahbar. „Ja, versprochen!“ höhnt er. „Mit der linken Hand hab’ ich dabei eine Faust gemacht, das hast du nicht gesehn. Da gilt das Versprechen nix! So ein Tschuller, laßt sich anschmieren!“ Er brüllt vor Lachen, und Felix meckert höflich beflissen mit. An Fritz nagt verbissene Wut.
Abends kommt der Vater vom Pirschgang mit einem starken Bock heim. Bei Tisch erzählt er mit Jägerfreude alle Einzelheiten der Erlegung. Die Familie lauscht andächtig, nur Fritz wetzt unruhig hin und her und platzt in den allgemeinen Beifall hinein: „Bitt’ schön, der Max hat aber gesagt, das ist eine Grausamkeit, so ein armes Reh erschießen, was einem nix getan hat! Was das schon für eine Kunst ist, hat er gesagt!“ Mutter und Kinder sitzen starr vor Schreck. Felix wird totenblaß, er weiß ja, daß Max tatsächlich einmal im Schlafzimmer die furchtbare Lästerung ausgestoßen hat, weiß aber auch, daß sie gewiß nicht für des Vaters Ohren bestimmt war. Wenn der Kleine ihn nun als Zeugen anruft — was soll er sagen? — Max hat einen roten Kopf bekommen und wartet bockig ab. Aus dem Augenwinkel schießt er dem Bruder einen Blick zu, der nichts Gutes verspricht. — Die Mutter möchte vermitteln, blickt ängstlich auf den Gatten, vorwurfsvoll auf Fritz, mahnend auf die anderen. — Gretl hat nichts verstanden, doch spürt sie den allgemeinen Druck und macht ängstliche Augen. Der Vater hat das unnahbarste Hoheitsgesicht aufgesetzt, blickt wie aus Wolkenhöhen auf Max herab und fragt mit starker Stimme: „Ist das wahr?“ — Keine Antwort. Max schweigt bockig. Und das übliche Donnerwetter hebt an: „Du bist der größte Schafskopf, der mir je untergekommen ist.“ Die Stimme wird heftiger, jetzt und jetzt muß es Hiebe setzen. Da rettet Gretl den Bedrohten, indem sie in angstvollem Mitleid aufweint und den Kopf in der Mutter Kleid verbirgt. Dem kann der Vater nicht widerstehen, er nimmt das Mädel auf den Schoß, streichelt sie, spricht ihr zu. „Nicht schlagen, Max! Nicht schlagen!“ schluchzt Gretl. „Aber nein, wer denkt denn dran! Wein’ nur nicht!“ knurrt der Vater zärtlich. „Verdient hättest du’s ja, Lausbub!“ Dies mit einem letzten Wutblick zu Max. Doch das Gewitter ist gebrochen. Die Mutter greift rasch ein, schickt Fritz zu Bett, winkt Felix, daß er dem Vater die lange türkische Pfeife mit allem Zubehör zureiche, legt selbst die Abendzeitung zurecht und nimmt dann Gretl auf den Arm, um sie ins Schlafzimmer zu tragen. Felix und Max sitzen lautlos und atmen die starkduftenden Tabakwolken ein, die hinter der Zeitung hervorwirbeln. Sie wagen weder zu lesen, noch irgendein Brettspiel zu beginnen, noch gar miteinander zu flüstern. Max zeigt nur unter dem Tisch eine furchtbar geballte Faust und winkt vielsagend nach dem Bubenzimmer. — Dort liegt Fritz mit weitoffenen Augen im Dunklen. Die Mutter kommt nochmals nach ihm sehen, nachdem sie Gretl zur Ruhe gebracht hat, setzt sich an den Bettrand und fragt vorwurfsvoll, fast weinerlich: „Wie konntest du nur, Fritz, wie konntest du nur?“ — „Weil er mir kein Pferd mitgebracht hat! — Und weil er mich noch ausgelacht hat!“ gibt Fritz trotzig und ungerührt zurück. Die Mutter erhebt sich kopfschüttelnd und läßt ihn allein.
Er liegt noch wach, als die Brüder eine Stunde später schlafen gehen. Max möchte ihn leidenschaftlich gern prügeln, aber der Kleine zischt giftig: „Trau dich nicht! — Ich weiß noch ganz was anderes auf dich!“ Da strafen sie ihn mit Verachtung. Max erzählt im Dunkeln, ausdrücklich nur an Felix gewendet, wie es im Kadettenkorps den Angebern ginge: „Der kriegt eine Decke über’n Kopf und wird so gehaut, so gehaut, sag’ ich dir, daß er sich gar nimmer auskennt! Voriges Jahr haben sie einen totgeschlagen, und niemand hat gewußt, wer’s war! Mein Lieber!“ Das letzte ist eine faustdicke Lüge. Aber Fritz schaudert vor Angst und die anderen fühlen es erfreut.
20
Der älteste und weitaus beste Freund der Familie ist der Kommerzienrat Arnold, ein reicher Großkaufmann, alter Junggeselle und großer Feinschmecker, der rundlich, vergnügt und behäbig von seinen Renten lebt. Er liebt die Kinder sehr, doch Felix, den verschüchterten, geduckten Jungen hat er ins Herz geschlossen. Ihm zuliebe kann er sich sogar zu einem Widerspruch gegen den Vater aufraffen, in dem er sonst den Gewaltmenschen ein wenig fürchtet und zugleich den Arzt seines Vertrauens verehrt. — Alljährlich bringt er ein paar Sommerwochen in Weißwasser zu, dem Landhaus der Familie. Altväterisch kommt er im eigenen Wagen angefahren, mit großen, alten Lederkoffern, deren unergründliche Tiefen für jedes der Kinder, doch auch für die alten Dienstleute gediegene Geschenke bergen. Ein Herzleiden verbietet ihm weite Bergwanderungen, doch zwingt ihn Rücksicht auf sein Wohlbefinden mehrmals täglich zu kleinen Verdauungsspaziergängen, auf denen er sich gerne von einem oder zwei der Kinder begleiten läßt. Das entmenschte, lallende Kauderwelsch, das viele Erwachsene für die richtige Verkehrssprache mit Kindern halten, liegt ihm nicht. Er nimmt die Kinder richtig ernst, hört ihren Erzählungen aufmerksam zu und gibt gewichtigen Rat, wie ein böses Steckenpferd zu bändigen, oder eine schlechtschießende Holzpistole zu verbessern sein könnte. Gelegentlich läßt er sich auch in Spiele mit hineinziehen, doch immer nur in passiven Rollen, die keinerlei Bewegung erfordern. So läßt er sich gern als wilder Elefant mit größter Vorsicht beschleichen und lebendig fangen, während er in Wahrheit auf einem schattigen Aussichtsplätzchen seine Morgenzigarre raucht. Am liebsten aber schmiedet er Knittelverse, in denen die Ereignisse des Alltags festgehalten werden. Dabei tut Fritz mit größter Begeisterung mit. Er behält alles nach einmaligem Zuhören und trägt oft abends, nach Tisch, lange Dichtungen vor. Dann lachen alle, der Vater schmunzelt geschmeichelt, lobt ihn, schenkt ihm einen Groschen oder läßt ihn auch, was mehr gilt, einen Schluck Wein trinken. Abends ärgern ihn dann die Brüder im Schlafzimmer. Felix aus Eifersucht, weil er den Kommerzienrat als seinen persönlichen Schutzpatron betrachtet, und Max, weil ihm Verse ein Greuel sind. Und beide aus Neid, weil ihn der Vater vorübergehend wieder bevorzugt. Für kurze Tage ist er wieder das „Stutzerle“.
21
Felix hat als Firmgeschenk vom Herrn Rat — so heißt der Kommerzienrat in der Familie — ein Tesching bekommen. Es hat einen kleinen Kampf gekostet, bis der Vater Annahme und Gebrauch erlaubte. Aber es ist geglückt, und Felix darf mitunter den Vater in den Wald begleiten und gelegentlich auf ein Eichkatzel oder einen Würger schießen. Er trifft nichts und kränkt sich darüber bis zu Tränen. Der Vater spart nicht mit Spott, und die Brüder tun mit Freuden das ihrige, besonders Max, der als „Soldat“ natürlich Schießsachverständiger ist. „Wenn er“ — das ist der Vater — „mich nur lassen möcht’ — ich möcht dir schon zeigen, wie ich treff! Immer Zentrum! Mein Lieber!“ — Aber der Vater duldet kein Scheibenschießen. Das Tesching hat er in Verwahrung, schießt wohl selbst damit auf Spatzen, trifft auch meist. Doch Felix muß jedesmal bitten, ob er „sein“ Gewehr mitnehmen dürfe. In der Woche drei, vier Schuß — damit kann er’s zu keiner Fertigkeit bringen. So ist es dem Vater wohl recht — denn er selbst ist der Jäger und Kugelschütze. Wozu Rivalen großziehen? — Felix klagt dem Herrn Rat sein Leid — es ist doch sein Gewehr, und der Vater hält es eingesperrt, schießt selbst damit, ohne ihn zu fragen — und so ein Geschenk hat doch wirklich keinen Wert. — Und der Herr Rat wagt eine schüchterne Vorstellung beim Vater, wird aber rasch zum Schweigen gebracht durch eins, zwei, drei vollwichtige erzieherische Gründe und ein abschließendes „Und überhaupt!“ Der gute alte Rat denkt innerlich, er hätte den heißen Wunsch seines Lieblings Felix doch lieber nicht erfüllen sollen. — Um den Jungen zu entschädigen und zu trösten, möchte er ihn gerne in die Alpen mitnehmen, wohin er geschäftlich reisen muß. Der Vater aber verweigert die Erlaubnis, weil der Junge lernen und sich nicht unnütz zerstreuen soll. So reist der Herr Rat alleine ab, recht bekümmert. —
Wieder einmal war der Vater in den Wald gegangen, ohne Felix mitzunehmen. — „Ich kann dich nicht brauchen, du machst das ganze Revier närrisch mit deiner Knallerei,“ so hatte er barsch erklärt. — Das Tesching knallte natürlich fast gar nicht, und Felix durfte ja nicht schießen, wann er wollte, sondern wann es ihm erlaubt wurde. Aber um die Wahrscheinlichkeit der Gründe, die er für ein Verbot anzugeben für gut fand, kümmerte sich der Vater nie. Und Widerspruch wagten die Kinder so wenig wie die Mutter. Lautete doch das oberste Hausgesetz: „Ich kann mein Heu Stroh nennen!“
So saß der große Junge, Wuttränen in den Augen, auf den Steinstufen vor dem Hauseingang und sah dem Vater nach, der durch den Garten dem Walde zuschritt. Hinter ihm, in der gedeckten Veranda, summte Max leise Hohngesänge, hinter einer Hausecke, gut gedeckt, spähte Fritz hervor und wetzte schadenfroh die Zeigefinger aneinander. Nur Gretl tappte gutmütig herbei und suchte ihn zu trösten; doch er entzog sich ihr mit einem Schimpfwort, das halb Schluchzen war. —
Einer der letzten Schüsse aus dem Tesching war ein Versager gewesen und Felix hatte die Zündkapsel aufgehoben. Die holte er nun aus der Tasche und untersuchte sie eingehend, einmal, um den Brüdern seine Tränen zu verbergen und dann in der Hoffnung, durch das selbständige Umgehen mit Schießbedarf den vorherigen üblen Eindruck verwischen zu können. Schließlich legt er die Kapsel vor sich auf die Steinstufen, nimmt einen Kiesel in die Hand und schlägt zu. Ein kurzer, scharfer Knall — der Junge schreit auf, schlägt die Hand vors Gesicht und rennt davon. — Max und Fritz springen hinzu; sie haben beide gesehen, daß Blut von einer Wange tropfte. Und da, auf den Stufen: Blut! Max pfeift durch die Zähne und verzieht sich unauffällig in den Garten. Gretl, aus Erstarrung erwachend, stößt ein lautes Geheul aus und läuft ins Haus. — Fritz, mehr von Neugier als von Angst getrieben, geht Felix nach. Beim Mühlgraben findet er ihn, kniend, den Kopf zum Wasser geneigt, fieberhaft waschend. Blut — Blut — aus dem rechten Auge! Da faßt auch Fritz die Angst und er rennt brüllend davon, begegnet der Mutter, die erschreckt aus dem Hause eilt, weist sie zum Mühlgraben — dort, dort! Im dunklen Flur trifft er Max, der in einer Ecke lauert und das Gebrüll des Bruders mit ein paar Püffen verstummen macht. „Was ist los? Heul’ nicht so und red’! Verdammtes Geplärr!“ Fritz stottert eine Antwort: „Blut aus dem Aug’ ... wäscht sich ... Huhu!“ — Max läßt ihn stehen, wetzt unbehaglich mit den Schultern und schleicht davon. Er ist entschlossen, fest zu behaupten, daß er gar nichts gemacht hat und nichts weiß, und überhaupt nicht dabei war. Denn „mitgefangen — mitgehangen“ gehört auch zu Vaters Lieblingssprüchen. — Sie werden auch ohne ihn fertig werden. Und es wird überhaupt schon nichts sein. —
Es ist aber ein großes Unglück: Felix ist ein Metallsplitter ins Auge gedrungen, knapp unter dem Stirnbein. Die Blutung hat zwar aufgehört, doch das Auge ist geblendet. Die Mutter hat ihn zu Bett gebracht, legt ihm kalte Tücher auf. Der Junge wimmert halb irr: „Ich bin blind — ich bin blind!“ Die Mutter weiß kaum Trost, kämpft mit dem Weinen. Fritz und Gretl sind dem Kindermädchen übergeben, das sich mit ihnen im entlegensten Zimmer eingeschlossen hat und die Kinder durch Erzählung höchst grausiger Unfälle in sprachlosem Entsetzen erhält. —
Endlich kommt der Vater nach Hause. Die Köchin ist ihm weinend entgegengelaufen und hat ihm kurz berichtet. Er hat sie unwillig angehört und mit dem Fuß gestampft. Heulende Weiber sind ihm verhaßt. — Dann hat er in seinem Zimmer ohne Eile den Kugelstutzen im Gewehrschrank versorgt, das Jagdmesser abgeschnallt, die Hausjoppe angezogen und geht nun mit starken Schritten dem Bubenzimmer zu. Bei seinem Nahen wimmert Felix lauter, er weiß, daß er harte Vorwürfe zu hören bekommt. Der Vater tritt ein, läßt sich von der Mutter kurz Bescheid geben und knurrt böse: „Schafskopf!“ Dann sagt er, schroff und hart: „Ich bitte mir aus, daß das Gejammer aufhört! Sofort! Damit wird die Dummheit nicht besser!“ Felix verstummt. Der Vater nimmt den Verband vom Auge, untersucht sorgfältig die winzige Wunde, richtet sich dann auf und starrt den Jungen finster an. Die Mutter will in höchster Angst in seinem Gesicht lesen. Sie hofft noch. Der Junge bebt in stummer, qualvoller Erwartung.
Da kommt es halblaut, knurrend aus des Vaters Mund: „Ich kann es ohne Spiegel nicht genau feststellen — aber das Auge ist wahrscheinlich verloren! Eine schöne Geschichte!“ — Als Felix aufheulen will, bringt er ihn mit einem Donnerwort zum Schweigen, wendet sich dann kurz und geht hinaus. Die Mutter weiß, daß es ihm nahe geht, daß er keine Weichheit zeigen will und sie in Wut umsetzt. Sie fühlt aber auch, wie furchtbar diese Härte auf Felix wirken muß. So beugt sie sich zu ihm, der nun fassungslos weint, umschlingt ihn und mischt ihre Tränen mit den seinen.
Nachmittags fährt der Vater mit Felix in die Stadt und kommt am nächsten Tag allein zurück. Er sieht finster und gereizt aus, und die Kinder gehen ihm aus dem Weg. Die Mutter ist sehr bedrückt und kämpft oft mit den Tränen. Von Felix wird nicht gesprochen. — Der Vater macht die großen Hirschjagden mit und schießt einen starken Kronenzwölfer. —
Nach etwa zehn Tagen kommt plötzlich der Herr Rat angereist, diesmal von der Bahnstation. Als die Kinder ihn jubelnd begrüßen wollen, wehrt er sie ab und fragt seltsam aufgeregt nach dem Vater. Der Vater ist im Wald. Und die Mutter im Dorf. Der Herr Rat sitzt vor dem Haus, die Kinder leisten ihm auf ihre Art Gesellschaft. Plötzlich fragt er sie in einem Ton, wie sie ihn noch nie von ihm gehört haben, seltsam scharf und bitter, ob sie denn gar kein Mitleid mit ihrem armen Bruder hätten? Der liege in der Stadt, allein, im dunklen Zimmer, habe Schmerzen und Heimweh — — — dem Herrn Rat zittert die Stimme. — Max spuckt leise aus und geht langsam fort. Fritz macht runde Augen und denkt krampfhaft nach: Felix — Felix. — Gretl aber sieht dem Herrn Rat starr ins Gesicht und weint plötzlich laut auf.
Da kommt die Mutter zurück und scheint sehr erschrocken, als sie den Herrn Rat erblickt. Sie geht mit ihm ins Haus, nachdem sie Gretl dem Kindermädchen übergeben, und Fritz in den Garten geschickt hat. —
Fritz schleicht ums Haus, bis unter die Fenster des großen Speisezimmers. Dort, unter eine dichte Jasminhecke gekauert, findet er Max, der ihm wütende Zeichen macht. Der Kleine kriecht zu ihm hin, Max drückt ihn hart zu Boden und zischt: „Da hock dich her und trau dich nicht zu mucksen! Die sind oben im Zimmer — da hören wir gleich, was los ist!“ Und schon klingt aus dem offenen Fenster die Stimme des Herrn Rats, laut und heftig. Dazwischen ein paar Worte der Mutter — sie weint.
„Ich muß Ihnen gestehen, gnädige Frau, daß ich ein solches Vorgehen nie für möglich gehalten hätte! Den Buben in einem glühheißen, verdunkelten Stadtzimmer einsperren — allein, ohne Trost, als Pflegerin nur die alte Köchin! Seit Tagen hat er kaum noch geschlafen, als ich gestern von der Reise zurückkam und von dem Unglück hörte, lief ich gleich zu ihm und war geradezu entsetzt! Er war halb wahnsinnig, hatte einen förmlichen Weinkrampf! Gnädige Frau — wenn Ihr Herr Gemahl das verantworten zu können glaubt — wie durften Sie das zulassen?“ Hier hört man die Mutter stammeln: „Mein Gott, was kann ich denn tun?“ und dann hilflos aufweinen. Fritz bebt am ganzen Körper in maßloser Aufregung. Max hält ihn hart am Genick gefaßt und schüttelt ihn leise. In seinen Augen ist ein böser Glanz. — Nun geht oben eine Tür, fällt scharf ins Schloß — ein paar starke Schritte — dann des Vaters Stimme: „Was ist denn los?“ — Und wieder des Rates Stimme — Klagen, Vorwürfe. Man hört die Mutter weinen. Der Vater will heftig werden, der Rat gibt nicht nach. — Fritz hat sich ein wenig aufgerichtet und starrt dem Bruder atemlos ins Gesicht: dort steht wilder Triumph. — „Jetzt kriegt er’s einmal ordentlich! Mein Lieber!“ zischt Max. Dann lauschen sie weiter — der Rat sagt aufgeregt, laut: „Es muß sofort etwas geschehen — hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Das Gesetz verlangt die Einwilligung des Vaters — nur deshalb bin ich noch herausgekommen. Ich fahre mit dem Buben morgen früh nach Wien, zu Hofrat Bergmann. Wollen Sie mir eine schriftliche Erklärung mitgeben, daß Sie nötigenfalls mit einer Operation einverstanden sind!“ Das klang wie ein Befehl — die Buben harren entsetzt — jetzt muß etwas Furchtbares folgen. Doch nein — ein kurzer, heftiger Ausruf nur, ein Aufweinen der Mutter, dann tritt der Vater ans Fenster, schließt es umständlich — die Buben drücken die Köpfe tief ins Gras, liegen atemlos still — dann werden die Stimmen leiser gedämpfter, gehen in ruhigen Gesprächston über. Worte versteht man nicht mehr.
Abends müssen die Buben in ihrem Zimmer essen. Der Herr Rat, heißt es, ist wieder weggefahren und lasse sie grüßen. Schwüler Druck über dem ganzen Haus. Max wartet, bis das Mädchen mit dem Essen aus dem Zimmer ist und beginnt dann flüsternd seine Ansicht zu entwickeln: „Die Patrone wird ihm ins Gehirn gegangen sein und jetzt müssen sie ihm den ganzen Kopf aufmachen! Ich weiß, bei uns hat sich voriges Jahr beim Turnen einer den Kopf aufgehaut, dem haben sie auch alles rausgenommen! Mein Lieber!“ — Und Fritz hört bebend zu.
22
Wieder in der Stadt. — Max ist fort. — Felix ist mit dem Herrn Rat aus Wien zurückgekommen. Blaß und elend. Er trägt rechts ein Glasauge, das kann er ganz schnell herausnehmen und wieder einsetzen. Nimmt er’s heraus, dann sieht die leere Augenhöhle zum Fürchten aus. Gretl kann es nicht ertragen und weint jedesmal. Auch Fritz graut davor, aber er verlangt es doch immer wieder zu sehen.
Felix erzählt von Wien, von der Untersuchung beim Hofrat. Der wollte zuerst von einer Operation nichts wissen, es sei zu spät, die Entzündung habe auch das linke Auge ergriffen. Dann habe der Herr Rat sehr gebeten, und der Hofrat sei heftig geworden und habe von der unbegreiflichen Herzlosigkeit des Vaters gesprochen. ‚Unbegreifliche Herzlosigkeit!’ — Felix bebt vor Stolz und Schadenfreude. Fritz mit ihm. — Und endlich habe der Professor erklärt, er wolle den Versuch wagen. Dann die Klinik, die Narkose, die Operation. Und das Erwachen im dunklen Zimmer, furchtbare Übelkeit und Schmerzen. Und der Herr Rat, der Herr Rat. Der hat im Dunkeln richtig geweint.
Der Vater darf von diesen Erzählungen nichts wissen. Gleich am ersten Abend ist er Felix scharf über den Mund gefahren. Kommt aber die Mutter ins Zimmer, wenn Felix erzählt, dann bekommt sie Tränen in die Augen und geht gleich wieder hinaus. Oft hat sie schüchterne Liebkosungen für den Ältesten.
Der Vater nicht. Der ist finster und reizbar. Und sagt merkwürdige Dinge. — Felix gewöhnt sich nur langsam an das einseitige Sehen. Will bei Tisch eine Schüssel nehmen, und greift ins Leere. Oder er will Wasser eingießen und gießt neben das Glas. Dann sagt der Vater wohl: „Mach doch dein Aug auf,“ oder „wozu hast du denn dein Aug!“ und betont die Einzahl. Dann kämpft die Mutter mit dem Weinen, der Vater setzt wohl noch ein heftiges Wort darauf und Felix weiß, wie maßlos Unrecht ihm geschieht. Und wenn ihm auch Tränen über die Wangen laufen, so fühlt er doch geheime Märtyrerwonne.
Mit dem Herrn Rat hatte der Vater übrigens noch eine Auseinandersetzung gehabt und war dabei allen Anklagen durch den heftigen Vorwurf zuvorgekommen, der Herr Rat habe, mit dem unsinnigen Geschenk eines Teschings, die Hauptschuld. Und überhaupt müsse er sich diese Art von Einmischung verbitten. Das Unglück sei einmal geschehen — nun ginge es nicht an, den Jungen stündlich und täglich in alle Ewigkeit zu beklagen und zu verzärteln. Er denke gar nicht daran, einen wehleidigen Jammerlappen groß zu ziehen. Der Junge müsse mit den Folgen seiner eigenen Dummheit selbst fertig zu werden lernen.
Auch diese Unterredung hatte Fritz belauscht, bebend hin- und hergerissen zwischen Haß und Ehrfurcht. Er fühlte genau, daß der Vater ein furchtbares Unrecht begangen hatte und haßte ihn dafür. Daß er das Unrecht mit keinem Wimpernzucken eingestand und durch verdoppelte Strenge deckte — das zwang dem Jungen ehrfürchtige Scheu ab.
Felix stand vor dem Abitur, und einige mitleidige Lehrer hatten ihm und dem Vater nahe gelegt, die Prüfung um ein Jahr zu verschieben. Der Vater hatte schroff abgelehnt, der Junge selbst sich in wütendem Ehrgeiz geweigert. Nun saß er bis tief in die Nächte und lernte verbissen. Die Mutter steckte ihm heimlich Leckereien zu. Der Vater hatte nie ein Wort des Lobes oder der Anerkennung.
Die Autorität im Hause war glänzend wieder hergestellt.
23
Felix hat das Abitur mit Auszeichnung bestanden. Die Lehrer, die Freunde und Bekannten, der Herr Rat vor allem, sind überschwenglichen Lobes voll über die wunderbare Leistung. Die Mutter ist stolz und glücklich. Der Vater sagt nur: „Du hast einfach deine Pflicht getan!“ und läßt sich lange bitten, bevor er erlaubt, daß der Herr Rat den Jungen auf eine Alpenreise mitnimmt.
Fritz hat das erste Gymnasialjahr hinter sich und ist als Klassendritter versetzt worden. „Berühmt ist das nicht — die nächste Zensur muß besser werden, das bitt’ ich mir aus!“ Das war des Vaters Urteil. Es hatte wilden Trotz in Fritz geweckt, doch wagte er ihn nicht zu zeigen. Oder doch nur außer Haus. So, als ihn die alte Witwe Hausotter, in deren Kramladen er Knallerbsen, Knallblättchen, Blasrohrerbsen und ähnliches Zubehör zu kaufen pflegte, mit einem Wortschwall überschüttet: „Nein, der Herr Sanitätsrat muß aber eine Freude haben! Solche brave Kinder! Alle Auszeichnung und Auszeichnung! Der Herr Max, der Herr Soldat lernt doch auch so gut! — Wenn ich mir denk, der Meinige! Vierzig Fehler hat er mir wieder im Aufsatz gemacht, das Gurkengesicht, das elendige!“ Da hatte er bitter geantwortet: „Mein Vater ist gar nicht so begeistert — er sagt, das muß viel besser werden!“ — War stolz hinausgegangen und hatte die gutmütige Alte in sprachloser Ehrfurcht zurückgelassen.
24
Felix hat die Universität bezogen, mit einem schmalen Monatswechsel, doch mit einem überreichen Schatz an Ermahnungen, Vorschriften und Verboten ausgestattet. „Das nächtelange Herumsaufen verbiete ich unbedingt! Ich dulde es nicht! Du ißt deine bescheidene Mahlzeit, und darfst meinetwegen abends einen Schoppen Bier dazu trinken — mehr keinesfalls — und gehst dann sofort in dein Quartier! Verstanden?“ So der Vater. Felix hatte demütig zugestimmt. — Doch kurz vor der Abreise, als Fritz ihm neidisch beim Einpacken zuschaute, hatte er sich doch zu einer lästerlichen Bemerkung hinreißen lassen: „Verbieten ... Ich dulde es nicht ... ich befehle! — Ein Schoppen Bier, lächerlich! — Ich werd ihn schon nicht um Erlaubnis fragen! Ich bin jetzt Student!“ Dann hatte er, erschrocken über die eigene Kühnheit, abgebrochen und in Fritzens Gesicht zu lesen versucht, ob der wohl das übereilte Vertrauen mißbrauchen würde. Doch Fritz dachte nicht an Verrat. Er begrüßte die Auflehnung und fand eine fast schmerzhafte Freude darin, die unnütz übertriebenen Verbote zu verlachen. Dann war der Herr Rat mit Felix nach Wien gefahren. Die Tafelrunde zu Hause war nun klein: Der Vater saß mit dem Rücken zum Fenster, zu seiner Rechten Gretl, links die Mutter, Fritz, im vollen Licht, ihm gegenüber. Bei den Mahlzeiten regnete es Erziehungsmaßnahmen: „Wie hältst du den Löffel, zum Donnerwetter! So ißt kein anständiger Mensch! — Da, schau dir die Gretl an, wie die geschickt und sauber ißt!“ — Fritz hat den Kopf tief über den Teller gebeugt und schielt giftig nach Gretl hinüber: sie macht es genau so wie er, aber er wird geschimpft, und sie gelobt. Wilder Haß steigt in ihm auf. Er wartet, bis der Vater wegsieht, rutscht vorsichtig auf seinem Sessel vor und schickt der Schwester quer übers Eck einen wütenden Fußtritt hinüber. Fein getroffen, ins Schienbein! Das tut sicher verdammt weh! Der Vater hat nichts gemerkt, wohl aber die Mutter. Sie beginnt ein entsetztes Augenspiel. Gretl ist zusammengezuckt, ihr Gesicht verzieht sich krampfhaft, sie möchte weinen, unterdrückt es aber mit aller Gewalt. Nur zwei Tränen kugeln ihr langsam über das gute, runde Gesichtel. Der Vater merkt nichts. Der Aufbau von Karaffen und Kelchgläsern zu seiner Rechten engt das Gesichtsfeld ein, und Gretl hält sich hinter dem Bollwerk versteckt. — Fritz weiß genau, wenn sie jetzt laut weint, oder wenn der Vater ihr stummes Weinen merkt, dann gibt es furchtbare Prügel. Im Jähzorn überlegt der Vater nie, wohin er schlägt, und wie stark. Todesangst sitzt in dem Jungen, lähmende Angst, und doch auch wonnig kitzelnd. Aber der Vater merkt nichts. Und Gretl petzt nicht. Sie hat das Weinen unterdrückt und wirft, aus nassen Augen, dem Bruder nur kurz einen vorwurfsvollen Klageblick zu.
Nachmittag beim Spaziergang erzählt er ihr stundenlang vom „Krieg“ — wie er, allein, in die von künstlichem Feuer umgürtete Burg des tschechischen Hauptmanns eingedrungen sei, ihn bekämpft Und überwunden habe. — Die Siegfriedsage. —
25
Fritz hat in seiner Klasse zwei Freunde gewonnen, den Kolarczik Oskar und den Schneider Josef, beide recht üble Bürschchen von etwas dunkler Abstammung und entschieden mangelhafter Erziehung. Nach Hause darf er sie nicht mitbringen, denn sie essen alles mit den Fingern und sind durchaus nicht sauber gewaschen. Darum hat ihm die Mutter, nach einem ersten probeweisen Besuch, den Verkehr mit ihnen überhaupt verboten. Natürlich trifft Fritz sie nun gewissenhaft auf dem Wege von und zur Schule, hat sich in der Klasse einen Platz in ihrer Nähe gesichert, teilt sein reichliches Frühstücksbrot mit ihnen, und bringt die kurzen Stunden, die er sich nachmittag, unter irgendwelchen lügenhaften Vorwänden, von Hause fortstehlen kann, mit ihnen zu. Das Spielen im Freien ist ihm nämlich nicht erlaubt, ebensowenig der Besuch von nicht bei ihren Eltern wohnenden Schulkameraden, und auch diese Besuche nur, wenn erstens die Eltern anerkannt würdige Leute sind, und zweitens eine richtige Einladung erfolgt ist. Diese förmlichen Nachmittagsbesuche aber sind Fritz ein Greuel, denn unglücklicherweise haben die Leute, die den Eltern als Verkehr zusagen, meist gräßlich zahme und langweilige Musterkinder. Doch Widerspruch gibt es nicht. „Deinen Verkehr haben wir zu bestimmen,“ sagt der Vater. „Ich dulde es nicht, daß du dich mit Gassenbuben herumtreibst!“
Also gibt Fritz nun fast täglich in den späten Nachmittagsstunden Übungen des Schülerchors vor, dem er tatsächlich angehört. Dagegen können die Eltern nichts einwenden, denn der Schülerchor ist das Steckenpferd des Rektors, und dieser ruft die Jungen wirklich weit öfter zu Übungen zusammen, als im Unterrichtsplan vorgesehen ist. Dort steht nur eine Gesangsstunde wöchentlich. Die leiseste Weigerung der Eltern, ihre Kinder an diesen häufigen Proben teilnehmen zu lassen, würde der Rektor als persönliche Beleidigung auffassen. Das alles weiß Fritz genau, weiß auch, daß die Mutter also nie bei ihren Erkundigungen in der Schule ein Wort über die vielen Gesangsstunden wagen würde. So lügt er munter los und weiht die gewonnene Zeit den Freunden. Entweder in dem weiten, alten Stadtpark, bei wilden und verruchten Spielen, oder, lieber noch, in dem dumpfigen, düsteren Hinterzimmer, das die beiden als „Koststudenten“ bei einer ältlichen Witwe zweifelhaften Gewerbes bewohnen. Das Haus, alt und winkelig, liegt in einem elenden Seitengäßchen des Armeleuteviertels. Es hat steile, enge Stiegen, wahre Hühnerleitern, schmale, nie gelüftete Flure, auf die zahllose Kleinwohnungen münden. Es riecht nach unnennbaren Speisen, und ewig gibt’s Krawall — Kinder werden geprügelt, Weiber zanken, oder Eheleute liegen sich in den Haaren. Fritz keucht jedesmal vor Aufregung, wenn er bei seinen Freunden landet. Wenn er gesehen und erkannt würde! Der Vater! — Aber die Witwe freut sich über den feinen Besuch, tätschelt ihm wohlwollend den Kopf und sagt schmeichelhafte Dinge. Und die Freunde ehren den Patriziersohn auf ihre Weise, indem sie die Leckerbissen, die er mitbringt, überschwenglich loben, und gierig verschlingen.
Kolarczik ist übrigens fast fünfzehn, reichlich drei Jahre zu alt für seine Klasse. Sein Bildungsgang ist etwas verworren, um so reifer seine Weltanschauung. Er hat Kenntnisse von Wein, Weib und Gesang, die, im zweiten Punkt, wohl anatomisch falsch oder unvollständig, jedenfalls aber von keinerlei schamhafter Zurückhaltung getrübt sind. Er weiß zahllose Liedlein, die mit kerniger Eindeutigkeit geheime Vorgänge schildern, und singt sie gern mit seiner brüchigen Wechselstimme. Fritz und Schneider Josef müssen die Kehrreime mitsingen. Fritz versteht kaum den zehnten Teil — er ist gänzlich unwissend in geschlechtlichen Dingen, wenn ihn auch längst schon Ahnungen peinigen. Zu fragen wagt er nicht, weil er sich keine Blöße geben will. Irgendwann einmal verrät er aber doch in einer unüberlegten Bemerkung, die gerade recht großspurig wüst klingen sollte, seine völlige Unschuld. Die Freunde verlachen ihn furchtbar, lassen sich aber schließlich herbei, ihm auf ihre Art Bescheid zu sagen. Fritz hört mit heißen Wangen zu. Seine Achtung vor Vater und Mutter bekommt einen furchtbaren Stoß. — Schöne Sachen treiben die! Deswegen darf er nie ins Schlafzimmer!
Die Enthüllung beschäftigt ihn nachhaltig und bei irgendeiner Gelegenheit vermag er der Versuchung nicht zu widerstehen, der Schwester gegenüber sein Wissen wenigstens anzudeuten. „Was denn — der Storch! Sei doch nicht so blöd! — Die Kinder werden der Mutter aus dem Bauch geschnitten, daß du’s weißt!“ Gretl horcht, wie immer, gläubig und mit regster Anteilnahme. Irgendwelche Vorstellung verbindet sie mit dem Gehörten nicht.
Kurz darauf kommt Fritz eines Mittags aus der Schule nach Hause; im Vorraum läuft ihm Gretl arg verweint in den Weg und macht ihm ein flehendes Warnungszeichen. Doch da ist schon die Mutter zur Stelle, mit merkwürdig verbissenem Gesicht — wenn sie die Zungenspitze so zwischen die Zähne klemmt, dann gibt’s was — faßt den Jungen hart am Arm und führt ihn in die kalte Küche, ganz am Ende der Wohnung. Dort liegt schon ein Rohrstock bereit. Ein kurzes Verhör: „Wie darfst du dich unterstehen, der Gretl so unerhört unanständige Sachen zu erzählen? Und so unverschämte Lügen!?“ — „Aber was ist denn ... ich hab doch nix gesagt ... ich ...“ stottert Fritz, der wirklich nicht weiß, was los ist. Er denkt an den „Krieg“ — aber das wär doch nicht so schlimm? — Die Mutter schüttelt ihn: „Lüg’ nur nicht! Mir machst du nichts vor! — Was sagst du? es nicht wahr, daß der Storch die Kinder bringt? Und was hast du noch gesagt?“ — Die Stimme bricht ihr vor Wut und sie beginnt zu schlagen, lange und mitleidslos. Der dünne Rohrstock zieht schmerzhafte Striemen über Rücken, Arme und Beine. Fritz heult furchtbar und denkt dabei doch noch entsetzt, ob wohl „alles“ herausgekommen sei, die Besuche bei den Freunden und das. Endlich hört die Mutter atemlos auf und fragt ihn abgerissen, böse: „Wirst du sowas noch einmal sagen? Ha?“ Fritz schüttelt heulend den Kopf. „Wer bringt die Kinder?“ — Fritz wagt nicht gleich zu antworten, er wittert eine Falle. Doch da klatscht schon eine böse Ohrfeige und er stößt fast schreiend heraus: „Der Storch!“ Die Mutter geht hinaus — er wartet eine Weile, trocknet sich krampfhaft die Augen und schleicht dann in die Vorderwohnung. Im Kinderzimmer sitzt Gretl in einem Winkel und weint still vor sich hin. Fritz fühlt giftigen Haß gegen die Schwester. Er zischt: „Was ist los? Hast du gepetzt?“ — Gretl verneint entsetzt und weint weiter. Er muß sie erst mit einem saftigen Puff zum Sprechen bringen. Dann kommt stockend die Wahrheit: Gretl hat ihren Schulfreundinnen, den Zwillingen des Apothekers, Fritzens Entdeckung weitererzählt. Und die Frau Apotheker ist sich zur Mutter beschweren gekommen. ‚So leid es ihr tue, müsse sie ihren Mäderln wohl den Verkehr verbieten, denn solche Sachen ...’ Und die Mutter hatte sofort Gretl vorgenommen, und die mußte wohl oder übel eingestehen, woher ihr das Wissen gekommen war. Und Gretl hatte, zum ersten Male, einen Hieb bekommen: „Da schau!“ jammert sie, und zeigt einen blaßroten Streifen auf dem Unterarm. „Ja, da schau!“ äfft Fritz wütend nach, streift die Strümpfe von den Beinen und zeigt ihr die breitaufgeschwollenen dunklen Striemen. „Dumme Gans, mußt du alles gleich weitertratschen! Ich könnt dich so dreschen!“ — „Und es ist alles gar nicht wahr!“ trumpft Gretl auf. Doch gleich fällt ihr ein, was die Mutter noch gesagt hat: „Und die Schande, wenn die anständigen Kinder gar nicht mehr mit mir verkehren dürfen! Und nur wegen dir, weil du mich so angelogen hast! Alles gar nicht wahr!“ Fritz kämpft mit dem wütenden Wunsch, den Vorwurf zu widerlegen. Er weiß genau, daß das mit dem Storch dummer Schwindel ist. Doch die Selbsterhaltung siegt. Wenn Gretl wieder klatscht, dann schlagen sie ihn wohl tot. Aber irgendwie muß sich seine Wut Luft machen. „Ah du, Kohlhobel, verdammter!“ flüstert er. „Seitdem du auf der Welt bist, ist es nimmer schön für mich! Früher, da war der Vater gut zu mir, und hat mich in Schutz genommen. Und jetzt krieg ich Dresch’, und Ohrfeigen, und Schimpfe — alles wegen dir! Bis ich mich einmal umbring’!“ Und er heult auf, vor Mitleid mit sich selbst. — Da ist Gretl schon bei ihm, streichelt ihn, spricht ihm zu. „Ich kann doch nix dafür, schau, Fritzl, ich kann doch nix dafür!“ Und sie weint herzbrechend. Fritz muß sie schnell beruhigen, denn er hört den Vater nach Hause kommen. Die Mutter ist bei ihm im Zimmer. Nun sitzen die Kinder, käseweiß, zitternd, und warten, was noch kommen soll.
Doch es kommt nichts mehr. Der Vater ist finster, erwidert den Gruß nicht, spricht bei Tisch kein Wort — aber es geschieht nichts weiter. Als ob er gar nichts wüßte. Und die Mutter hat es ihm doch ganz bestimmt gesagt. Und in Fritz regt sich, ganz geheim und schüchtern vorerst, ein neuer Gedanke: „Aha, er schämt sich — weil ich die Wahrheit weiß! — Aber die Mutter? — Gott, die Mutter — die kann halt besser lügen!“
Nach Tisch, während die Eltern Siesta halten, schleicht Fritz zur alten Nanni in die Küche und klagt ihr sein Leid. Er zieht Jacke und Hemd aus, zeigt ihr den übel zerschlagenen Rücken. Die Alte stottert vor Erbarmen: „Aber mein Gott im Himmel, so därf man a Kind doch nie schlagen ... und wegen sowas ... Jesus Maria, ich därf ja nix sagen ... aber Fritzerle ...!“ Sie weint über ihm, und auch Fritzens Tränen fließen neu, doch diesmal sind sie süß. Die Alte holt Läppchen, tränkt sie in Öl, reibt leise, vorsichtig die bösen, dunkelblauen Striemen ein. Betty, das Stubenmädchen, kommt vom Aufräumen aus dem Eßzimmer und beteiligt sich an dem Liebeswerk. Ihre Augen glitzern. Fritz fühlt an seinem bloßen Fleisch da und dort die Berührung des weichen Mädchenkörpers und ein ungekanntes Gefühl durchrieselt ihn. Sein Wissen um lasterhafte Geheimnisse wird rege.
Im Schlafzimmer sagt derweil die Mutter zum Vater: „Ich habe ihn fest durchgewichst. Das wird er sich wohl merken!“
26
Fritz geht es in der Schule nicht gut. — Nicht, daß er dumm wäre. Die Lehrer sind sich einig darüber, daß er sogar „einen sehr guten Kopf“ hat. — Aber sie wissen alle, daß er faul ist, die Hausaufgaben meist erst in der Schule macht, kurz vor Beginn des Unterrichts, oder sogar während der Stunde, in der er geprüft werden soll. Manchmal erwischen sie ihn, meist aber rettet ihn sein gutes Gedächtnis, und er rutscht an dem „Ungenügend“ vorbei. Auch ist er unaufmerksam, und schwätzt, und zeigt gelegentlich Ansätze zu Unbotmäßigkeit und frecher Kritik. Der Ehrgeiz und der verbissene Lerneifer seines älteren Bruders Felix, rühmlicher Erinnerung, sind ihm fremd.
Darum lieben sie ihn nicht und zwicken ihn gern. Wenn Vater oder Mutter in die Schule kommen, um nachzufragen, dann erhalten sie unerfreulichen Bescheid: „Der Junge ist begabt, er könnte viel leisten. Aber er hat zuviel Allotria im Kopf! Er müßte wohl kürzer gehalten werden!“ Die Eltern hören den Vorwurf heraus — als ob sie dem Jungen zuviel Freiheit ließen — und ärgern sich wütend. Besonders der Vater. Ihm zeigt der Junge bei den eindringlichsten Strafpredigten, doch auch sonst meist, ein fast dämlich starres Gesicht, hört wortlos, mit niedergeschlagenen Augen, alles an — Ermahnungen, Drohungen, Verbote, Befehle. Der Vater fühlt, daß diese augenscheinliche Fügsamkeit eine Maske ist, hinter der sich Auflehnung oder Trotz verbergen mögen. Doch scheint ihm der Gedanke so ungeheuerlich, daß er es vorzieht, den Jungen für einen Schleicher und Duckmäuser zu halten, für ehrlos kurzum. Das sagt er ihm auch immer wieder, und Fritzens Liebe für ihn wird dadurch nicht gesteigert, doch seine Ehrfurcht nimmt Schaden. „Der Alte kann lang reden,“ sagt Fritz dann verächtlich zur Schwester, „der weiß viel, wer ich bin!“ Und er erzählt ihr vom Krieg.
Der heimliche Verkehr mit den Freunden dauert an. Fritz hat ihnen erzählt, daß er wegen der Storchgeschichte Prügel bekommen hat. Das hat ihren Spott geweckt, aber doch auch eine gewisse Hochachtung vor dem feinen Haus, in dem die Naturgesetze willkürlich abgeleugnet werden. Zum Überfluß hat Fritz ihnen anvertraut, daß er gar nicht der richtige Sohn seiner jetzigen angeblichen Eltern ist, sondern ein Grafenkind, und daß er bis zu seinem zehnten Lebensjahr auf einem riesigen Gut, tief drinnen in Ungarn, aufgewachsen sei, mit Pferden, Hunden und Jagd. „Kannst du auch Ungarisch?“ fragen sie ihn. „Natürlich,“ sagt er stolz und spricht einige Sätze eines selbsterfundenen Kauderwelsch. Dann erzählt er von Bayard, seinem Lieblingsroß, von den Fuchshetzen und der Jagd auf Bär und Eber, nur mit dem kurzen Spieß und den treuen Hunden. Er kommt ins Feuer beim Erzählen, und die Freunde hören ihm gerne zu. Ihr Stillschweigen hat er sich durch furchtbaren Eid gesichert.
Kolarczik fühlt, daß er sein Ansehen als Ältester wahren muß, da ihn Fritz sonst ganz in den Schatten stellt. Darum erzählt er von seinem Vater, der sich totgesoffen habe. „Im Irrenhaus ist er gestorben. Die Ärzte haben gesagt Desiderium tramons oder sowas.“ „Desiderium,“ so weit reichten grade noch die Lateinkenntnisse der drei. Weit entfernt von jeder moralistischen Ablehnung, empfinden sie vielmehr tiefe Ehrfurcht vor der merkwürdigen Todesart. Kolarczik hat wieder das Übergewicht. Der Grafensohn ist beinahe ausgeglichen. Sie möchten selbst zu trinken anfangen, aber das Geld reicht nicht dazu. Fritz hat zehn Pfennige Monatsgeld. Sein Vater sagt: „Essen, trinken, schlafen kannst du zu Hause, Bücher und Kleider werden dir gekauft — also brauchst du kein Geld!“ Hin und wieder steckt ihm wohl der Herr Rat oder sonst ein Freund des Hauses ein paar Groschen zu, vielleicht gar eine Mark. Doch das sind seltene Glücksfälle. Und die Schulbücher kann man doch nur zu Ende des Jahres verkaufen. Schließlich ergibt sich ein Ausweg: Schneider Josef gehört zu den armen Schülern, die vom Hilfsverein für freien Mittagstisch oder monatliche Unterstützung empfohlen werden. Nun setzt es Fritz bei der Mutter durch, daß er sich monatlich einen Taler holen darf. Schneider Josef tut natürlich begeistert mit; so oft er aber seine Spende einkassiert hat, lauert ihn Fritz auf der Treppe ab und läßt sich sein Drittel, eine Mark, auszahlen. Dann geht es auf der finsteren Studentenbude ein paar Tage lang hoch her, mit Bier, Rollmöpsen und Zigaretten. Wein ist zu teuer, und Schnaps ist zu scharf. „Aber von Bier muß man so viel trinken, bis man richtig besoffen ist,“ meint Kolarczik. „Das ist fad! — Ihr habt’s doch so einen großen Weinkeller — schau halt, daß du ein paar Flaschen klauen kannst!“ Fritz wehrt sich zunächst — die Gefahren des Unternehmens sind ungeheuer. Aber die Freunde lassen nicht nach: „Ein schöner Grafensohn!“ höhnen sie. „Wenn’s einmal heißt, Kurasche haben, macht er in die Hosen!“ Das gibt den Ausschlag. Kurz darauf bringt Fritz zwei dickverstaubte Flaschen an. Mehr hat er nicht unbemerkt fortbringen können. Es ist uralter Bordeaux, ganz trüb vom Schütteln. Sie trinken ihn aus schlechtgespülten Biergläsern und singen wüste Lieder dazu. Die Witwe kommt herein und tut mit. Sie setzt sich neben Kolarczik, der sie dreist anfaßt, schlenkert mit den Beinen, daß man die groben, blau und weiß geringelten Strümpfe bis zum Knie hinan sieht. Sie ist recht unsauber und riecht stark. Fritz ist dabei übel zumut. Er fühlt sich als todeswürdiger Verbrecher, hat entsetzliche Angst vor Entdeckung — und ist doch prickelnd aufgeregt und stolz. — Bevor er nach Hause geht, rennt er im bloßen Rock in der Winterluft auf und ab und kaut Pfefferminz, um den Tabak- und Weingeruch loszuwerden. In der Dienstbotenkammer zieht er rasch den Hausanzug an und versteckt die verrauchten Kleider. Betty ist ihm beim Umziehen behilflich, mit merkwürdig eindringlichen Griffen. Fritz hält sich zeitweilig an ihrer Brust an, und sie läßt es geschehen. „Die ist verrückt auf mich!“ denkt er. Aber sein Sieg macht ihm Angst.
27
Kolarczik und Schneider haben, trotz Eid, das Geheimnis von Fritzens hochadliger Abstammung nicht gewahrt. — Bei der Witwe erscheint des öfteren ein Schlossergesell, begeisterter Gelegenheitsarbeiter und Brotzeitmacher, im Nebenberuf wüster Lebemann. Den haben die beiden ins Vertrauen gezogen, er aber hat die Enthüllung mit brüllendem Hohngelächter aufgenommen. Er kennt, wie die ganze kleine Stadt, den Sanitätsrat und seine Familie genau, kann sich an Fritzens und seiner Brüder Geburt und Kinderjahre genau erinnern und läßt keine Silbe von Fritzens kühner Dichtung bestehen. Letzte Zweifel der Buben zerstreut er, indem er seinerseits die Witwe als Zeugin anruft. Die stimmt ihm natürlich bei und verspottet die Jungen wegen ihrer unerhörten Leichtgläubigkeit: „Na, ihr seid’s mir schöne Eseln! Wenn ihr auch vom Dorf hereingekommen seid’s — aber so blöd braucht’s ihr euch doch nicht anschmieren lassen! — Der ein Sohn von einem Grafen! — Ich weiß noch wie heut — die Frau Czepinka, die Hebamme, hat ihn gebracht — damals haben sie am untern Markt gewohnt, in dem großen Haus, wo unten der Sattler Malik die Werkstatt hat! Da schaut man’s wieder: die Kinder von die feinen Leute! So lügen! Ob ich mich nie schämen möcht’!“
Gleich am nächsten Tage fielen sie über Fritz her und überschütteten ihn mit hohnvollen Vorwürfen so beißend und unerschöpflich, daß er gar nicht dazu kam, sie wegen des gebrochenen Eides zur Rede zu stellen. Kolarczik schnitt ihm gleich das Wort ab: „Du mit deinem Eid! Du kannst mir am Buckel steigen! So a Liegner! Weißt du, was du bist? Du bist a großer Schöps! Das bist du!“
So hatte die Freundschaft ein jähes Ende. Furchtbare Drohungen wurden ausgestoßen, doch blieb es dabei. Sie wußten gegenseitig zuviel „auf einander“ und keiner konnte wirksam den andern verpetzen, ohne selbst mit hineinzufallen. Eine kleine Genugtuung für Fritz war es, daß er die Einstellung der monatlichen Unterstützung an Schneider Josef durchsetzte. Zuerst hatte Kolarczik wohl gedroht, Fritzens Eltern „alles zu sagen“. Aber Fritz hatte ihm wütend entgegengehalten, daß erstens der Sanitätsrat einen so schmierigen Jungen wie den Kolarczik gar nicht einmal anhören würde. Und wenn schon, und wenn er, Fritz, auch totgeschlagen würde — vorher würde auch er noch „alles sagen“ — von der Kostbude, und dem Verhältnis zu der Witwe, und alles überhaupt — und dann würden sie alle aus der Schule hinausgeschmissen, und die Witwe würde sicher eingesperrt. Da hatten sich Kolarczik und Schneider zähneknirschend gefügt. Denn des einen Mutter wie des andern Vater befaßten sich zwar selten mit der Erziehung ihrer Sprößlinge, dann aber höchst gründlich, und schlugen beide keine schlechte Klinge. Und Fritzens Rachsucht kannten sie. Er war „ein Luder“!
Noch eine Folge hatte das Ereignis: als Gretl wieder einmal vom „Krieg“ hören wollte, sagte ihr der Bruder mit dürren Worten, daß er all die Geschichten nur erfunden habe. Gretl stürzte aus allen Himmeln — Lüge war ihr überhaupt unfaßbar — und nun eine so ausgedehnte, furchtbare, durch Jahre hingesponnene Kette von Lügen! Die blinde Verehrung, die sie dem Bruder für seine vermeintlichen Heldentaten gezollt — die rasende Selbstüberwindung, die sie aufgebracht hatte, um das Geheimnis zu wahren — die Gebete vor dem Schlafengehen, der Bruder möchte bei dem heimlichen Verlassen des Hauses oder morgens bei der Rückkehr nicht erwischt werden —: alles umsonst! Sie weinte fassungslos. Es war die erste große Enttäuschung.
Wenn ihn auch die Ablehnung der Schwester, die gehässige Verachtung der ehemaligen Freunde schmerzten, so fühlte Fritz doch starke Erleichterung bei dem Gedanken, daß er sich hinfort nicht mehr anzustrengen brauchte, die einmal erfundenen Lügen krampfhaft durchzuhalten. Und fein war es doch! Der Schneider Josef war ja ein Trottel — aber daß Kolarczik, der alte Gauner, ihm so lange geglaubt hatte — das war schon was wert! — Wegen Gretl schlug ihm wohl das Gewissen — sie hatte so blind vertrauensselig geglaubt. Und war nun so furchtbar traurig. Das sah er nicht gern.
Doch hatte diese Entfremdung auch ihr Gutes: Seit der Storchgeschichte war er fest entschlossen, der Schwester nie wieder von gewissen Dingen zu reden. Und wieviel Geheimnisse hatte er nun zu hüten: Das Rauchen, Trinken, die gelegentlichen Griffe in den Weinkeller, sein reiches Wissen um „die Weiber“, und vor allem: Betty. Mit der war er zu einem merkwürdigen Zustand gekommen: wo immer er sie erwischte, fing er mit ihr zu raufen an, und sie hielt ihm meist leidenschaftlich Widerpart. Er boxte sie heftig, rang mit ihr, warf sie zu Boden oder auf ein Sofa — sie ließ ihn mit heißen Augen gewähren, preßte ihn an sich, zog ihn mit in ihren Sturz. Dann fühlte er durch das dünne Kleid die weiche warme Mädchenbrust und glaubte zu vergehen in dunkler Sehnsucht. Oft endeten diese Zwischenfälle eigenartig — das Mädel machte sich plötzlich aus seiner Umschließung frei, wehrte ihn derb ab, wenn er sie halten wollte, blitzte ihn verächtlich an und lief davon. Einmal nannte sie ihn sogar einen dummen Jungen. Fritz blieb gedemütigt, ratlos zurück und brütete Rache.
Abends beschwerte er sich bei der Mutter, daß seine Schuhe und Kleider so schlecht geputzt würden. Und Betty bekam einen scharfen Verweis.
28
Weitaus das langweiligste aller Schulfächer war der katholische Religionsunterricht. Doch man durfte sich nichts merken lassen, denn der Katechet war aus Härte und Milde unberechenbar gemischt, und wen er einmal „auf dem Strich“ hatte, der durfte sich vorsehen. Fritz war ohnedies nicht sein Liebling, denn Felix war während seiner letzten Schuljahre in dem Verdacht gestanden, daß er „nichts glaube“ — und das Mißtrauen hatte sich auf den jüngeren Bruder übertragen. Gegen Menschen aber, von denen er fühlte, daß sie ihn nicht bedingungslos liebten, empfand Fritz sofort Haß, der, je nachdem, mit Furcht oder Rachgier gemengt war. Den Katecheten also haßte er leidenschaftlich — doch was konnte er ihm zum Trotz tun? Der Katechet war nahezu allmächtig in der Lehrerkonferenz; der Rektor war streng klerikal.
Die Klasse hielt bei der katholischen Liturgie. Der Katechet verbreitete sich salbungsvoll und eindringlich über das umständliche Zeremoniell einer Bischofsweihe — wieviel assistierende Priester, wieviel Ministranten, wieviel Rauchfässer, und in welcher Reihenfolge sie geschwungen werden müßten. Fritz belauerte jedes seiner Worte, um einen Anlaß zu geheimem Spott zu erhaschen, einen Zungenfehler etwa, oder eine ungewollte Zweideutigkeit. Doch der Katechet versprach sich nicht, blieb nicht stecken — ölig und ungehemmt strömte sein Vortrag. Mit einem Mal schoß Fritz ein Gedanke durch den Kopf, so heftig und unvermittelt, daß er fast erschrak: „Das ist lauter Blödsinn, das Räuchern und Läuten — davon hat der Herr Christus nix gewußt!“ Entsetzt starrte er den Katecheten an, ob der ihm etwa die lästerlichen Gedanken von der Stirn ablesen würde. Doch nichts geschah. Die Stunde ging weiter. Beim Schlußgebet faltete Fritz zwar die Hände und bewegte die Lippen, die Worte aber sprach er nicht mit. Er summte nur den leiernden Tonfall der Klasse nach.
Abends ließ er, zum erstenmal und nicht ohne Angst, das Nachtgebet ungesprochen. Lange wälzte er sich schlaflos, kämpfte mit dem Wunsch, doch noch, im Dunkel, unter der Decke, die Hände zu falten und das Versäumte nachzuholen. Der Gedanke aber: wie wütend der Katechet sich ärgern würde, wüßte er, daß Fritz nun auch „nichts glaube“ — der Gedanke ließ ihn stark bleiben. Im Hochgefühl befriedigter Rache schlief er endlich ein.
In einer der nächsten Stunden kam der Katechet auf die unsterbliche Seele zu sprechen, die Alleingut des Menschen sei, und ließ sich abschweifend über die Unvernunft des Tieres aus. In Fritz hatte der Unglaube inzwischen kräftig Wurzel geschlagen und er verspottete insgeheim die kurzsichtige Verblendung des Lehrers. Zu Hause erwartete ihn, freudig bewegt wie immer, Flocki, ein schwarzer Zwergspitz, der, wie die meisten Familienhunde, bis zu hohem Grade zum Verständnis der menschlichen Gewohnheiten und Worte vorgedrungen war. Fritz stürzte auf ihn zu, mit stürmischen Liebkosungen, balgte, hetzte mit ihm, kniete endlich zu ihm nieder und fragte leidenschaftlich: „Flocki! — sie sagen, du bist unvernünftig! Flocki! Solche Esel! Was? Flocki!“ — Der Hund saß vor ihm und sah ihm starr ins Gesicht. Die Worte waren ihm fremd, und er suchte zu ergründen, was man von ihm erwarte. Der Junge wiederholte seine Frage, wilder, eindringlicher. Flocki verstand, daß man eine Gefühlskundgebung wünsche, bellte kurz auf und fuhr dem Jungen mit der Zunge ins Gesicht. Es war tatsächlich die beste Antwort, die er geben konnte. Fritz war begeistert, und da eben nichts Besonderes gegen ihn vorlag, wagte er sogar bei Tisch davon zu erzählen. Er sah genau, wie der Vater schmunzelte, und fügte, kühn gemacht, noch die Andeutung sonstiger Zweifel hinzu. Keine Zurechtweisung kam. Fritz war namenlos stolz. Nach Tisch aber rief ihn der Vater ins Arbeitszimmer. Da wich der Stolz rasch arger Beklommenheit — vielleicht kamen jetzt die Prügel nach? Man konnte nie wissen! Doch der Vater war nicht böse, sprach ganz freundlich: „Ich kann dich nicht tadeln, wenn du dir eigene Gedanken machst — du wirst ja allmählich ein großer Junge! Aber das bitte ich mir aus, daß du das für dich behältst, in der Schule natürlich sowieso, vor allem aber der Gretl gegenüber! Weh’ dir, wenn ich einmal erfahre, daß du dem Mädel etwa Grillen in den Kopf setzest! Merk’ dir das! Und jetzt geh!“ Und Fritz ging beseligt. Die Mutter kam ihm ins Kinderzimmer nach und sagte mit nassen Augen — sie war leicht gerührt —: „Da siehst du wieder, was du für einen guten Vater hast!“ Dann ließ sie ihn allein. Fritz wartete, bis sie aus dem Zimmer war, und äffte ihr stumm nach: „Ja, guter Vater! — Weil er mich nicht gedroschen hat, wie du wegen dem Storch! Und ihr glaubt’s ja alle beide selber nix! — Der Alte geht überhaupt nie einmal in die Kirche!“ — Und er kam sich groß und gereift vor. Dann schlich er ins Speisezimmer, wo Betty den Tisch abräumte; das Mädchen war ihm noch böse wegen seiner letzten Angeberei. Doch er brach ihren Widerstand, faßte sie kühn, wie nie zuvor, zwang sie auf die breite Ottomane nieder. Da kam plötzlich ein neuer Ausdruck in ihr Gesicht, sie wurde weich, widerstandslos unter ihm, ihre Schenkel wichen. — Er sprang auf und rannte atemlos davon.
29
Kurz darauf kam die Nachricht nach Hause, Fritz sei von der Lehrerkonferenz in Sitten getadelt worden, wegen Störung des Religionsunterrichts durch Schwätzen und Allotria. Mit diesem Sittentadel hatte es seine eigene Bewandtnis: Fritz hatte, bei der Erörterung der himmlischen Rangordnung, eine der Form nach einwandfreie Zwischenfrage getan — ob nämlich die Engel ewig in ihren Dienststufen verbleiben müßten, oder ob sie auch befördert würden? Aber in Tonfall oder Mienenspiel hatte er wohl den richtigen Ernst allzu unvorsichtig vermissen lassen. Und überdies wußte der Katechet im Augenblick tatsächlich keine Antwort auf die unerwartete Spitzfindigkeit. So goß er erst die Schale seines kanonischen Zornes über den frechen Frager aus und behielt ihn dann scharf im Auge. Und als Fritz, der das Unwetter vorbei wähnte, endlich grinsend einen beifallsuchenden Rundblick durch die Klasse schickte, da griff der Katechet zu, trug ihn ins Klassenbuch ein und verschaffte ihm den Sittentadel. Es war ein offensichtlicher Racheakt, wohl auch eine kleine Rechtsbeugung. Doch angesichts des Tadelbriefes ließen die Eltern keinerlei Rechtfertigung zu, hörten die Darstellung des Jungen gar nicht an. Der Vater prügelte ihn furchtbar, die Mutter aber bestand überdies noch darauf, er müsse mit ihr zum Katecheten gehen und um Verzeihung bitten. Das war das Schlimmste, weit ärger noch als die Prügel, obwohl ihm davon noch jeder Knochen im Leibe weh tat. Er bat flehentlich, ihm den Bittgang zu erlassen. Ihm wurde fast übel bei dem Gedanken, den tödlich gehaßten Schwarzrock um Verzeihung bitten zu sollen. Doch die Mutter gab nicht nach, faßte ihn am Arm und führte ihn, ganz verweint und verschwollen im Gesicht, mit sich. Im Vorflur des großen alten Stiftshauses, in dem der Katechet wohnte, machte Fritz einen letzten verzweifelten Versuch, der furchtbaren Demütigung zu entrinnen. Da wurde die Mutter böse, schlug ihn heftig ins Gesicht, krallte ihm die Finger in den Oberarm — sie kannte die empfindlichen Stellen — und zog die Glocke. Ein hallender Erzton durchzog das weite Haus, dann öffnete ein sanfter Pförtner die Tür, fragte nach dem Begehr der Besucher und führte sie durch lange Gänge, bis vor eine schmale Bogentür. Dort klopfte er an und ging.
Die Tür wurde von innen aufgetan, und der Katechet stand auf der Schwelle. In seinem Gesicht kämpfte Genugtuung und Rachsucht, als er Mutter und Sohn erblickte. Er bat sie ins Zimmer, und die Mutter setzte ihm auseinander, wie sehr sie und ihr Mann über das Benehmen des Jungen empört seien; er habe strenge Strafe bekommen und nun habe sie ihn hergebracht ... Der Katechet unterbrach sie höflich und salbungsvoll, sagte einiges, was Fritz nicht verstand. Haß und das Gefühl völliger Ohnmacht erstickten den Jungen fast. Da hörte er die Mutter sagen: „Also vorwärts — bitte um Verzeihung!“ Und wieder zwickte sie ihn unmerklich in den Arm. „Ich ... ich ...“ stotterte Fritz schluchzend. Immer noch hoffte er, das Aussprechen der widerlichen Formel werde ihm erspart bleiben. Doch der Katechet sagte gedehnt: „Nun ...?“ und Fritz hörte deutlich den beißenden Hohn des Siegers. Der schenkte ihm nichts! Da gruben sich abermals die Finger der Mutter in seinen Arm, und er stieß hervor: „Ich ... bitte ... um ...“ — das Wort „Verzeihung“ aber ging in furchtbarem Aufheulen unter. Der Katechet wollte wohl den Bogen nicht überspannen. Er gab sich zufrieden, gab süß lächelnd der Mutter einige Ratschläge, die ebenso viele giftige Spitzen waren und strich Fritz mit der Gebärde der Vergebung über den Kopf. Dem Jungen rann die Berührung der weichen, fetten Priesterfinger wie Gift durch den Körper. Dann zog ihn die Mutter hinaus.
Von da an zog Fritz nicht mehr den Hut, wenn er an einer Kirche, einem Kruzifix oder Heiligenbild vorbeikam, und zischte unflätige Lästerungen durch die Zähne: „Krepierter Hund!“ — Das war seine Rache.
30
Kolarczik und Schneider haben sich an Fritz herangemacht und mit Honigmienen Versöhnung angeboten. Sie quellen über von reumütigen Erinnerungen an die schöne Zeit von ehemals. Fritz spielt zunächst den Unerbittlichen, doch schmeichelt ihm die Unterwürfigkeit der andern doch so sehr, daß seine Widerstände rasch dahinschmelzen.
Im Stadtpark hausen die „Parkindianer“, das sind Kinder der untersten Schichten, von rohen Sitten, Schüler der Volks- und Fortbildungsschulen; auch viele Handwerker — und Fabrikslehrlinge sind darunter. Sie nennen die Gymnasiasten „Gimpel“ und die Realschüler „Retiradschüler“. Denn sie hassen alles, was eine höhere Schule besucht oder einen sauberen Rock trägt. Sie sind ein unzuverlässiges Volk, halten keine Bündnisse und kehren sich nicht an ritterliche Kampfregeln. Sie greifen nur an, wenn sie in der Überzahl sind, dann aber rücksichtslos und ohne Anlaß. „Gelbmütz“ und „Rotkappel“ sind ihre Führer, gefürchtet wegen ihrer Roheit. „Die schmeißen mit Dreck,“ behauptet die Sage.
Für Fritz und seine Freunde ist ein Gang in den Stadtpark stets mit der Gefahr verbunden, von einer erdrückenden Übermacht verprügelt zu werden. Denn wenn auch nur ein einzelner Parkindianer sie erblickt, dann ruft er mit gellendem Pfiff aus den Arbeiterhütten am Parkrand Verstärkung herbei und die Hetzjagd beginnt.
Fritz und seine Freunde gehen nicht — sie geben stets vor, mutige Renner zu reiten. Beim Verlassen der Stadt reißt sich jeder eine Gerte ab, die als Reitpeitsche dient. Damit klopfen sie sich die Waden und tänzeln dahin, während die steifgehaltene linke Faust gedachte Zügel handhabt. Dringt Übermacht auf sie ein, so rasen sie davon und geißeln sich wütend. Fritz besonders kann gänzlich das Gefühl verlieren, daß die Beine zu ihm gehören. Er schlägt sich blutige Striemen, während er atemlos vor den Verfolgern dahinjagt. Noch nie ist er eingeholt worden. Kolarczik und Schneider können auch gut rennen, doch ist er ihnen immer meterweit voraus. Sind sie dann in Sicherheit, so klopft er stolz und dankbar seine schlanken Schenkel. Er hat sie „Falko“ getauft.
An einem Winternachmittag ziehen die frisch versöhnten Freunde hinaus in den Park. Fritz tänzelt und kurbettiert auf Falko.
Weit draußen, am Ufer des dick gefrorenen Flüßchens, finden sie ein halbes Dutzend Parkindianer dabei, auf dem Eis eine lange Rutschbahn herzustellen. Es sind lauter kleine Burschen, die trotz ihrer Überzahl keinen Angriff wagen. Die drei Stadtbuben wollen aber auch nicht anfangen, denn sie wissen, daß ein kleiner Anfangserfolg sich unweigerlich in eine schließliche Niederlage verkehren müßte. Die herbeigepfiffene Verstärkung würde ihnen den Rückweg durch den Park verlegen. — So kommt es zu einem friedlichen Einvernehmen, die Parteien bemühen sich einträchtig um die Rutschbahn. Die ist unheimlich glatt und lang und endet wenige Meter vor einer offenen Stelle, wo das schwarze wirbelnde Wasser durch das Eis dringt. Es handelt sich darum, richtig Anlauf zu nehmen, die Bahn stehend zu durchfahren und möglichst knapp vor dem Loch im Eis mit kurzem Schwung anzuhalten. Das Spiel ist fesselnd. Fritz treibt es toller als die andern. Mit wahrer Wollust läßt er sich bis hart an die Kuhle gleiten. „Weil der Vater immer sagt, ich bin ein Feigling!“ denkt er mit zusammengebissenen Zähnen. „Der weiß viel!“
Da dröhnen durch die dunstige Winterluft die Schläge der Stadtuhr herüber: Dreiviertel vier! Und um vier ist Gesangsstunde, diesmal aber wirkliche Gesangsstunde. Im Laufschritt könnte man noch annähernd zurechtkommen, die kleine Verspätung wäre leicht zu entschuldigen. — Während Fritz noch überlegt, treten die beiden Freunde auf ihn zu: „Du denkst wegen der Gesangsstunde? Sei doch nicht blöd — jetzt wird’s grad schön, da werden wir doch nicht schon weggehen! Schwänzen wir halt! Es kommt ja nicht raus! Und singen können wir hier überhaupt auch!“ Und Kolarczik stimmt ein kerniges Lied an. Fritz ist schnell verführt. Und sie tollen weiter auf dem Eise. Knapp nach fünf brechen sie auf, durchjagen den nächtigen Park — hinter jedem der bereiften Büsche können Feinde lauern — und zu angemessener Zeit landet Fritz im Elternhaus. Falko ist prachtvoll galoppiert, allerdings nicht ohne Peitsche.
Am nächsten Morgen wird Fritz in der Klasse mit den entsetzten Gesichtern, den Gebärden des Abscheus empfangen, wie sie die Mitschüler den überführten Verbrechern aus ihren Reihen zu zeigen pflegen. Er verlangt Aufklärung, doch alle ziehen sich scheu vor ihm zurück, besonders heftig Kolarczik und Schneider. Die erste Stunde, Mathematik, hat der Klassenlehrer. Er ruft sofort Kolarczik, Schneider und Fritz zu sich aufs Katheder und beginnt das Verhör: „Warum habt ihr gestern die Gesangsstunde geschwänzt?“ Und bevor Fritz noch den Mund auftun kann, um die verabredete Entschuldigung vorzubringen, legt Kolarczik schon heulend los. —
Es ist schmählicher Verrat. — Aus Rache! Fritz ist in eine plumpe Falle geraten. Er steht starr vor Entsetzen über soviel Niedertracht: Früh morgens schon waren Kolarczik und Schneider zum Direktor gerannt und hatten weinend gebeichtet, sie hätten sich von Fritz verleiten lassen, die Gesangsstunde zu schwänzen und sie wollten es auch nie, nie, nie wieder tun. Und man möchte sie doch um Gottes willen nicht bestrafen, ihre Kostfrau sei so streng, und ihre Eltern noch mehr. Und Fritz sei doch allein an allem schuld. — Ihr Fernbleiben war tatsächlich gar nicht bemerkt worden. Und da sie trotzdem — dies unterstrich der Klassenlehrer salbungsvoll — freiwillig ein reumütiges Geständnis abgelegt hätten, so sei gnadenweise von einer Bestrafung abgesehen worden. Nicht so bei Fritz, dem böswilligen Anstifter. „Du wirst vielleicht“ — die Stimme des Lehrers knarrte vor Verachtung — „durch gehäufte Lügen deine Schuld zu mindern, dich der wohlverdienten Strafe zu entziehen trachten! Versuche es nicht, zur Schuld noch die Schande zu fügen! Du bist überführt durch das gleichlautende Zeugnis deiner armen Mitschüler! Schweige also!“ — Doch Fritz dachte gar nicht an Verteidigung. Er war wie gelähmt und nahm wortlos das harte Urteil hin: Zwei Stunden Karzer und Bestätigung vom Vater. — Als er stumm auf seinen Platz zurückging, knarrte ihm die böse Stimme nach: „Ein verstockter Sünder! Nun, ich hoffe, daß dir dein Vater das Verständnis für die Tragweite deiner Handlungsweise erschließen wird! Haha!“ Die Klasse gröhlte pflichtschuldig Beifall. Kolarczik aber warf ihm hinter vorgehaltenem Buch einen Blick voll teuflischer Schadenfreude zu.
Und zufällig war am selben Vormittag die Mutter in der Schule und hörte vom Direktor brühwarm die empörende Nachricht. Sie empfing den Knaben zu Hause, bleich und bebend vor Entrüstung, sprach nur wenige schneidende Worte und schickte ihn in die kalte Küche, um die Heimkehr des Vaters abzuwarten. „Ich schlage dich nicht — o nein! Das kann der Papa besser! Warte nur, bis er kommt!“
Der Vater kam gerade diesmal mit arger Verspätung, müde und hungrig, und war doppelt wütend, daß er noch mit Erziehungsfragen aufgehalten wurde. Er fand den Buben halb ohnmächtig von dem stundenlangen Warten auf die Exekution. Irgendeine Verteidigung ließ der Vater so wenig zu, wie es die Mutter getan hatte. Der Fall lag ja sonnenklar. Und die Züchtigung fiel darnach aus. Mehr noch als die gewiß vollwichtigen Prügel schmerzte den Jungen aber die furchtbare Beschimpfung: „Ehrloser Schuft!“ — Und doch erfüllte ihn das Bewußtsein, daß er alle die Qualen zu Unrecht erduldete, mit grausamer Freude. Er zog nicht einmal Gretl nachher ins Vertrauen, auch Nanni und Betty nicht. Dieses stumme Leiden tröstete ihn.
31
Weitaus der feinste Mann der kleinen Stadt war der Graf Orlofsky. Zwar hatte sein Vater eine geborene Krakauer geehelicht und er selbst eine Tochter der weitbekannten Bankiersfirma Pollack & Cie. heimgeführt. Doch war aus dem Goldbad dieser beiden Verbindungen der alte Adel im Glanze neuer Reichtümer hervorgegangen. Der Graf besaß in der Umgegend riesige Güter und hatte sich in der Stadt ein prunkvolles Haus gebaut. „Das Palleeh“ hieß es bei den Einwohnern und galt allgemein als Richtungspunkt. Fragte einer der seltenen Fremden einmal nach dem Wege, so erhielt er unweigerlich die Auskunft: „Da gehen Sie bis zum Palleeh — Sie wissen doch, vom Herrn Graf Orlofsky — und dann rechts — oder links hinunter — oder grad gegenüber, die schmale Gasse ...“
Der Graf veranstaltete für seine sechs Kinder eine Tanzstunde. Und da er stark demokratische Neigungen hatte — die wohl begreiflich waren, denn weder er noch seine Kinder wurden von der Vollblutaristokratie als gleichwertig betrachtet — so wurden auch „Bürgerliche“ hinzugezogen. Zunächst einmal der jüngere Sohn des Herrn Geheimen Kommerzienrats Jonathan. Das war eine unerhört reiche und dementsprechend vornehme Familie, die seit Jahren ständig die Verleihung des Adels erwartete und nur in den allerfeinsten Kreisen verkehrte. Die Söhne waren unweigerlich Klassenerste und ließen sich nach der Schule gerne vom livrierten Groom mit gesattelten Pferden erwarten, um die fünfhundert Meter bis zum elterlichen Hause in kurzem Galopp zurückzulegen. Nachmittags sah man sie oft die Stadt durchtraben. Den Mitschülern gegenüber zeigten sie sich äußerst zurückhaltend und waren angesehen, viel beneidet, aber kaum geliebt. Denn selbst durch noch so hündische Unterwürfigkeit war ihnen nicht richtig beizukommen. Fritz hatte nie eine Annäherung versucht und war ihnen stets verachtungsvoll ausgewichen.
Auch Fritz und Gretl wurden zur Tanzstunde geladen. Denn der Sanitätsrat war Hausarzt in der gräflichen Familie. Und als weitere Bürgerliche endlich noch Karl und Lina, die Kinder des Musikmeisters.
Als der Vater eines Mittags mitteilte, daß die Kinder von nächster Woche an die Tanzstunde besuchen sollten, — er kleidete jede Erlaubnis in die Form eines Befehls — da erwartete er wohl einen Freudenausbruch. Fritz aber schien die Aussicht auf den Zwang zu ungeheuer seinem Benehmen wenig verlockend; er blieb stumm. Und Gretl wurde durch seine abweisende Miene mißtrauisch gemacht. Sie traute seinem erfahrenen Scharfblick immer noch blind. Da polterte der Vater unwillig los: „Da hast du’s ja, Mama! — Da möchte man dem Kerl einmal eine Freude machen, und er sitzt da und verzieht keine Miene! Der richtige Lehmpatzen — gar keinen Funken Temperament!“ Die Mutter stieß Fritz unter dem Tisch an und zischelte heftig: „So bedanke dich doch!“ Fritz war glückselig, daß es ihm gelungen war, den Vater auf ungefährliche Weise zu ärgern. Er erhob sich langsam und murmelte eine gleichgültige Dankesformel: „Ich küss’ die Hand, ich danke schön!“ — Der Vater ging böse aus dem Zimmer, die Mutter folgte ihm, nach einem Strafblick auf den undankbaren Sohn. Kaum waren die Geschwister allein, da erkundigte sich Gretl eifrig: „Was hast du? Freust du dich nicht?“ — „Ah, hör mir auf,“ meinte der Bruder wegwerfend, „mit den adeligen Affen herumhopsen, das wird schön fad sein! Und der dumme Esel, der Jonathan ist auch dabei! Paß nur auf, wie der stolz ist! Aber ich erwisch ihn schon einmal, im Dunkeln wo, wenn er gar nicht wissen wird, wer’s ist! Den box ich so in’ Magen, daß er gleich umfallt!“ — Hier wurde Gretl ängstlich und glaubte abmahnen zu müssen. Doch Fritz unterbrach sie: „Und hast du gesehn, wie sich der Alte gefuchst hat, weil ich so wurstig war? Und die Alte hat mit den Augen geschmissen, so!“ Und er schnitt greuliche Fratzen. —
In den nächsten Tagen wurde für Gretl eifrig eingekauft und geschneidert. Sie bekam ein neues weißes Kleid, mit breiter Seidenschärpe. Und feine Strümpfe und richtige Lackschuhe. Und Galoschen, denn die Kinder mußten zu Fuß in die Tanzstunde gehen.
Für Fritz wurden keinerlei Vorbereitungen getroffen. „Du hast deinen blauen Sonntagsanzug, der ist noch ganz tadellos, und dazu die neuen Schnürschuhe. Die sind auch so fest, daß wenigstens kein Wasser durchdringt, wenn ihr zu Fuß hingeht!“ So hatte der Vater verfügt. Fritz hatte bestimmt mindestens auf Lackschuhe und Galoschen gehofft. Denn die Schnürschuhe waren zwar neu, aber reichlich groß und schwer. Eine schüchterne Andeutung in dieser Richtung wurde aber kurz abgewiesen: „Du bist wohl verrückt? — Ich werde doch einem solchen dummen Jungen keine Lackschuhe kaufen — oder gar Gummischuhe! Hat man so was schon gehört! Eitler Fratz!“
Also stapfte Fritz unglücklich und verbissen mit der Schwester durch nassen Tauschnee zur ersten Tanzstunde. Die andern Jungen waren natürlich alle in Ballkleidung, trugen tief ausgeschnittene Spenzer aus feinem schwarzen Tuch, kleine Maschenbinder, und, vor allem, Lackschuhe. Fritzens Schuhe hatten von der Nässe allen Glanz verloren. Er schämte sich innerlich fast zu Tod, kochte vor Haß und Neid gegen die andern und hätte sie alle gern sterben sehen. Mit größter Mühe nur zwang er die Tränen zurück, die ihm in der Kehle saßen. Seine Verbeugungen und Tanzschritte gewannen durch die Gemütserregung nicht an Anmut. Er fühlte die hochmütig verächtlichen Blicke der andern, sah sie untereinander spöttisch zischeln.
Die Eltern kamen die Kinder abholen. Der Herr Musikmeister, ein kleiner Buckliger, stadtbekannt wegen seiner giftigen Bosheit, musterte Fritz von Kopf zu Fuß mit einem langen Blick voll unverhüllten Hohns. Das machte den Jungen vollends rasend. Auf dem Heimweg mußte er mit Gretl vor den Eltern hergehen. Er weinte wütend in sich hinein und wies die Schwester, die vor Mitleid selbst mit den Tränen kämpfte, gehässig und neidvoll ab. Zu Hause erklärte er der Mutter, fast schreiend vor maßloser Erregung, er gehe nie mehr dahin, und er lasse sich nicht auslachen, und er sei wie eine Vogelscheuche unter den anderen gestanden.
Die Mutter war, bei allem Schrecken über die unerhörte Auflehnung, fast geneigt, dem Jungen recht zu geben. Ihre eigene Eitelkeit hatte darunter gelitten, daß der Junge tatsächlich weitaus am unvorteilhaftesten ausgesehen hatte. Und sie wagte Fürsprache beim Vater. Das ging übel aus: Der Vater fuhr wie der Blitz ins Kinderzimmer, wo Fritz, immer noch wütig heulend, in einem Winkel hockte, und riß den Jungen am Ohr hoch: „Was unterstehst du dich? Du willst nicht mehr hingehn — du — willst — nicht?“ Und drei Ohrfeigen knallen. „Jetzt bekommst du grade keine neuen Kleider, zur Strafe nicht! — Und machst die Tanzstunde bis zu Ende durch. Pünktlich! — Dir werd’ ich’s zeigen, Lausbub, elender!“ Noch ein scharfes Kopfstück, und die Kinder sind allein. Fritz bekommt einen förmlichen Tobsuchtsanfall, wälzt sich auf dem Boden, beißt sich die Fäuste blutig, um nicht durch lautes Schreien strengere Strafe auf sich zu lenken. Gretl, die still weinend in einem Winkel gekauert hatte, kommt schüchtern zu ihm, will ihn streicheln, trösten. Da hört sie den Bruder furchtbare Schmähungen stöhnen: „Der Hund, der verfluchte ... immer dreschen ... wenn er nur krepieren möcht ...!“ Und sie erstarrt in lähmendem Entsetzen.
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Nach dem Winterhalbjahr ist ein neuer Mitschüler eingetreten, Robert Henschel, der bisher in einem Jesuitenkonvikt erzogen worden war. Er ist sehr freundlich und gefällig, hat für jeden eine Schmeichelei zur Hand. Aber die Klasse mißtraut ihm. Dinge, die man ihm sagt, kommen auf geheimnisvolle Weise zur Kenntnis der Lehrer. Noch nie ist es gelungen, „den Neuen“ als Spion zu überführen. Aber der Verdacht ist da und will nicht verstummen: Wenn einer seiner Nebenmänner bei der Schularbeit einen Schmöker benutzt oder während einer Stunde für die nächste lernt — immer werden sie erwischt. Nachher kommt Henschel und bemitleidet sie.
Fritz kann sich seiner Freundschaftsanerbietungen kaum erwehren. Henschel sitzt in seiner nächsten Nähe, macht sich während der Unterrichtsstunden an ihn heran, begleitet ihn nach Hause und trifft ihn wie zufällig auch auf dem Weg zur Schule. Immer wieder bringt er das Gespräch darauf, daß Fritz wohl sehr ungerecht behandelt würde, daß besonders der Katechet augenscheinlich ein Vorurteil gegen ihn habe. Niemand hätte ein Recht, einem Vierzehnjährigen vorzuschreiben, daß er unbedingt den ganzen Katechismus blind glauben müsse. Fritz sei eben offenbar sehr gescheit und habe wohl seine eigenen Gedanken — und ihm könne er sie ruhig anvertrauen. Das klang ehrlich und bieder. Und Fritz begriff oft selbst nicht, was ihn immer abhielt, dem Neuen sein Herz auszuschütten. Es war so viel in ihm, was nach Aussprache drängte. Denn seit dem Bruch mit Kolarczik und Schneider war er ohne Freund. Doch blieb er, fast wider Willen, verschlossen und ablehnend und ging nie auf eines der Gespräche über die Lehrer oder gar die Religion ein, die ihm der andere immer wieder nahe rückte.
Henschel blieb unverändert nett, war nicht loszuwerden. Dabei hatte er stets das Bestreben nach körperlicher Nähe, hängte sich unversehens eng an Fritzens Arm, preßte ihn an sich, streichelte ihn. Fritz fühlte sich unerklärlich abgestoßen dadurch und wurde noch abweisender. Henschel sagte ihm Schmeicheleien über sein schönes blondes Haar, über die herrlichen Augen und die geraden, schlanken Beine, und bekam dabei heiß glänzende Augen und feuchte Mundwinkel. Bald auch brachte er ihm Gedichte, „An Fritz, meinen liebsten Freund“; darin war, in schülerhaften Versen, von der Freundesliebe die Rede und von der Wonne des Kusses. Fritz fühlte Ekel vor diesen Gefühlsergüssen, wagte ihn aber nicht zu zeigen, denn noch war ihm der Grund unverständlich. Bis ihn Henschel eines Abends, nachdem er ihn auf dem Rückweg von der Turnstunde mit seltsamen Fragen und Andeutungen bestürmt hatte, in der Toreinfahrt des Elternhauses plötzlich in einen dunklen Winkel drängte, mit wütender Umschlingung überfiel und keuchend einen Kuß verlangte. Da schlug ihm Fritz mit aller Kraft ins Gesicht und floh die Stiegen hinauf. In der Wohnung fand er Betty alleine vor. Die Eltern waren mit Gretl spazieren gegangen und kamen wohl nicht so bald zurück. Die Köchin hatte Ausgang. In Fritz flog stürmische Erregung auf, sein Blut sang. Betty war eben dabei gewesen, das schwarze Kleid mit weißer Schürze anzulegen, das sie während der Mahlzeiten immer trug. Sie hielt die offene Bluse mit der Hand zusammen. Fritz stürzte sich auf sie, rang mit ihr, biß in die wehrende Hand, bis die Bluse aufsprang und die quellende Brust freigab. Fritz fühlte Angst, verbarg den Kopf in dem wogenden Fleisch, fühlte die flaumige Haut an Wangen und Ohren, biß und küßte sie. Das Mädchen wehrte ihm nicht, — krallte die Hände in sein Haar und preßte ihn enger an sich. Sie verkämpften sich wie junge Tiere, sanken keuchend zu Boden. Fritz rang haßerfüllt, mit drängendem Knie, den letzten leisen Widerstand nieder und nahm sich, was ihm plötzlich sein Recht schien. — Dann sprang er auf und stierte die Liegende böse an. Der Geruch warmen Mädchenfleisches, der ihn eben noch zu rasender Anspannung aller Kräfte aufgepeitscht hatte, schuf ihm nun würgenden Ekel. Das Mädchen richtete sich langsam auf, streckte mit scheuer Zärtlichkeit die Hand nach ihm aus. — Er stieß sie roh zurück und rannte aus dem Zimmer.
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Fritz hat den Widerstand gegen die Tanzstunde aufgegeben. Denn die kleine Komteß Christl hat es ihm angetan. Sie ist der einzige reinadelige Gast der Tanzstunde und kommt wohl nur, weil ihre Eltern es so wünschen. Sie ist kalt und stolz und unnahbar. Beim Tanzen wendet sie immer den Kopf leicht zur Seite, um ihren Partner nicht ansehen zu müssen, legt die schmale kleine Hand so leicht auf den führenden Arm, daß man sie gar nicht fühlt, und tanzt wie eine Feder. Fritz liebt sie namenlos und ist doch so scheu, daß er sie kaum aufzufordern wagt. Er muß erst lange Mut fassen. Hat er sich dann so weit bezwungen, daß er mit kurzer Verbeugung vor sie tritt, so steht sie langsam auf, nickt hochmütig und tanzt mit abgewandtem Kopf. Nie spricht sie zu ihm, doch Fritz trägt ihr Bild in der Seele. Er kommt sich elend und verworfen vor, ringt glühend nach Besserung. Mit inbrünstigem Entschluß hat er seinen Unglauben niedergezwungen, betet lang und heiß zur Nacht, geht jeden Morgen vor der Schule kurz in die Kirche, um den Schutz der Jungfrau zu erstehen. Er ist aufmerksam und fleißig, daß es den Lehrern auffällt. Der Klassenlehrer knurrt ihn böse an: „Du hast sicher eine bedeutende Lumperei begangen und bebst nun vor der Entdeckung! Daher wohl das so plötzliche musterhafte Betragen! Aber verlaß dich drauf — ich komme dir schon hinter deine Schliche!“ Trotz dieser groben und böswilligen Verkennung seines Seelenzustandes brachte Fritz keinen Haß gegen den Lehrer mehr auf. Er nahm alles als Strafe früherer Sünden reuig hin.
Betty aber, die sich ihm immer wieder in einsamen Winkeln in den Weg stellte, mit gewährenden Blicken, mit Gebärden voll Sehnsucht, Betty behandelte er mit kalter Verachtung. Wohl peinigte ihn mitunter sein Blut, das eben erst zum Bewußtsein erwacht war. Doch rang er stets die Versuchung mit wollüstiger Qual nieder, biß sich die Lippen blutig und schlug sich mit Fäusten dunkle schmerzende Male. „Christl, Christl!“ Der Anruf half ihm zum Sieg. Daß Betty oft mit den Tränen kämpfte, während sie ihn gedemütigt umkreiste, weckte kein Mitleid in ihm. Er haßte sie, weil sie ihn hinderte, seine unreine Vergangenheit zu vergessen. Maria, hilf! Christl!
Christl, die so glühend Verehrte, fuhr fort, ihn nicht zu beachten, ließ aber dem jungen Jonathan gegenüber in ihrer eisigen Zurückhaltung etwas nach. Sie tanzte öfters mit ihm, hielt den Kopf nicht mehr so starr abgewandt, sprach wohl auch einige Worte während des Tanzes. Fritz beobachtete es mit wilder Eifersucht und fühlte den gierigen Wunsch, das strahlende Jockeigesicht seines Nebenbuhlers grauenhaft zu verunstalten. Dem Sonntag, an dem er zum erstenmal eine beginnende Beziehung zwischen Christl und Jonathan festgestellt hatte, folgte eine lange Woche voll wüster Anfechtungen. Bald erschien ihm die neue Pein als weitere gerechte Strafe, seine Auflehnung dagegen als verwerfliche Verstocktheit. Denn wie durfte er es wagen, auch nur daran zu denken, daß Christl, der reine Engel, sich je so weit erniedrigen konnte, ihn, ihn zu lieben? Und er weinte vor Reue und Scham. — Bald wieder fuhr sein tief verwundeter Stolz machtvoll auf: wozu die Selbsterniedrigung? War er nicht besser als viele? Waren nicht ungezählte andere weit schlechter als er? Und vor allem, war er nicht tausendmal den dummen Jonathan wert, diesen protzigen Pferdeknecht in feinen Kleidern? Hatte er nicht Betty erobert, die ihm nun wie ein Hund nachlief? Er brauchte nur die Hand auszustrecken ...
Doch hielt der Stolz nie lange an, machte jäh doppelt quälender Reue Platz. Christl! Und gegen Ende der Woche schien blinde Liebe gesiegt zu haben. Da sah er Sonnabendnachmittag, als er auf einem der verhaßten Spaziergänge mit Gretl vor den Eltern herschritt, eine Reiterschar der Stadt zutraben: Christl, sehr erwachsen im langen schwarzen Reitkostüm, neben ihr der junge Jonathan, zwei Lakaien hinterdrein. In Sehweite der Familie beugte sich Jonathan zu seiner Begleiterin und machte grinsend eine Bemerkung. Christl sah den Kommenden kurz entgegen, nickte ihrem Ritter gnädig Beifall und sah dann eisig hochmütig geradeaus. Fritz beobachtete sie genau und wollte vergehen vor Qual und Schande. Kaum zwang er sich noch zu einem verlegenen Gruß, und als der kühl und wegwerfend erwidert wurde, stolperte er weiter, totenbleich, von zügellosem Haß erfüllt. Gretl ging eine Zeitlang stumm neben ihm her, dann sagte sie unvermittelt: „Den Jonathan mag ich gar nicht — ich bin immer ganz bös, wenn ich mit ihm tanzen muß. — So ein grauslicher Kerl.“ Sie wollte ihn trösten. Doch er blieb stumm. Er dachte an Betty, sehnte sich nach dem Sündenfall.
34
Und wieder ist Sommer. Die Familie ist vollzählig. Felix hat seinen Referendar gemacht. Er sieht matt aus, überarbeitet, beinahe dürftig. Doch aus manchen Einzelheiten, aus dem merkwürdigen Knoten seines Selbstbinders, aus dem langen Nagel des kleinen Fingers, aus raschen, wissenden Blicken spricht die Großstadt, das freie Leben. Der Vater behandelt ihn durchaus nicht als erwachsen. Es fehlt nicht an Verweisen und Verboten. „Das Rauchen erlaube ich keinesfalls,“ sagt der Vater. „In meinem Hause gilt eben mein Wille. Und überhaupt du mit deinem Aug’ hast es schon gar nicht nötig, dich noch künstlich nervös zu machen!“ Das sagt der Vater und läßt die lange Pfeife qualmen. Felix sitzt stumm, mit rotem Kopf. Die Mutter schickt ihm beschwörende Blicke zu. Max aber faßt ihn leicht am Arm und deutet mit wegwerfender Gebärde nach dem Bubenzimmer.
Abends, im Dunkeln, flüstern die Brüder einander von Bett zu Bett wüste Erinnerungen zu. Fritz, den sie schlafend glauben, lauscht atemlos. Er glaubt die schwüle Luft der Nachtlokale förmlich zu riechen, Zigarettenrauch, Weindunst, aufreizende Parfüms. Vor seinen festgeschlossenen Augen tauchen unerhört üppige Frauengestalten auf, halb nackt, in märchenhaften Prunkgewändern. Eine wütende Sehnsucht nach Freiheit, nach Erwachsensein, nach Mitmachendürfen überfällt ihn quälend. Die Brüder erzählen kichernd weiter: von schweren, sinnlosen Räuschen, von Nikotinvergiftungen, von verliebten Kokotten, die aus Gefallen an der schneidigen Jugend Preisnachlässe gewährten; von nächtelangem Karten- oder Billardspiel. — Das war Leben! —
Einen Trost nur stellte er sich verbissen immer wieder vor: Betty hatte ihm erzählt, daß die Brüder beide sie mit Anträgen und Versprechungen bedrängt, und daß sie beide abgewiesen hatte: „Du bist mir lieber, du bist mir überhaupt der Liebste“, hatte sie hinzugefügt und ihn mit brünstiger Hingabe überwältigt. Fritz hatte sie gnädig gewähren lassen. Doch zog er heimlich unendliches Selbstbewußtsein aus seiner Rolle als wonnespendender Pascha und aus dem geheimen Sieg über die Brüder.
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Über der weiten Ebene rings um die Stadt liegt goldklarer Herbst. Endlos dehnen sich die abgeernteten Rüben- und Kartoffelfelder. Aus seidigen Fernen leuchten sanfte Hügel mit buntem Wald. Der bittersüße Rauch der Queckenfeuer liegt in der Luft. — Leise klatschen Flintenschüsse. — Die Jagdlust peinigt den Jungen wie ein körperliches Übel. Aber der Vater hat nur ein starres wütendes „Nein!“ für den zaghaft geäußerten Wunsch. Und die vielen Jagdfreunde lehnen es ab, den Jungen heimlich mitzunehmen. Nur einer hat Erbarmen, ein alter, ausgedörrter Weidmann, der an dem stürmischen Trieb des jungen Blutes eine Freude hat. Es folgen Nachmittage voll schmerzender Wonne: die Rebhühner, Hasen werden zu wehrhaften Untieren, die es mit Anspannung aller Nervenkräfte zu beschleichen gilt. Töten — fliehende Bewegung freier Tiere mit einem Fingerdruck jäh hemmen, in krampfiges Verzucken, in Todesstarrheit wandeln zu können — dies gibt dem Knaben einen Rausch, der seine Augen gierig weitet, alle Muskeln fieberhaft strafft und in wütendem Pulsschlag das Blut durch alle Adern jagt. Das Wild, das ungeschossen oder unverletzt entkommt, weckt schrankenlos Haß und Rachsucht. Die Beute preßt er in bebenden Händen, fühlt die Lebenswärme langsam weichen. Leidenschaft macht ihn fast vom ersten Augenblick an zum sicheren Schützen. „Donnerwetter, Junge, du schießt ja besser als dein Vater und ich zusammen,“ sagt der alte Jagdherr lobend. Und Fritz ist stolz und ein wenig bitter, denn er fühlt, daß Eifersucht der Grund für das „Nein“ des Vaters sein mag.
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Im Deutschen unterrichtet der Herr Oberlehrer Dimmel, ein Bauernsohn von ungeschlachtem Körperbau — die Beine leicht gekrümmt, Füße und Hände unförmlich kurz und breit, der ganze Leib, zumal die Schultern, derart mit Muskeln überladen, daß sich die Arme nicht mehr anlegen lassen, sondern pendelnd abstehen. Aus den massigen Schultern wächst ein Stiernacken. Der glattgeschorene Rundschädel ist im Verhältnis viel zu klein und wirkt durch die furchtbaren Kiefer brutal ungeistig. Ein Gladiator. Die Klasse aber nennt ihn den Gorilla. Und sein polternder Scherz, mehr noch die jähen, maßlosen Wutausbrüche, mit Gebrüll und erhobenen Fäusten, rechtfertigen den Spitznamen.
Sein Verhältnis zu Fritz ist zwiespältig: Tagelang hat er seinen Spaß an der aufgeweckten Fassungsgabe des schlanken, blonden Jungen. Bis irgendeine, manchmal vorlaute, oft auch harmlose Bemerkung seinen Jähzorn weckt. Dann donnert er Kathederflüche. „Verzogenes Muttersöhnchen“ — die Schmähung kehrt unweigerlich jedesmal wieder. Fritz hört sie mit innerem Hohn stumm an — was weiß der Bauernlackel, wie es bei ihm zu Hause zugeht! Verzogen — du lieber Gott!
So geht es geraume Zeit wechselnd fort, bis unversehens einmal eine entscheidende Wendung eintritt. Wieder einmal hat der Gorilla getobt und brüllend das unvermeidliche „Muttersöhnchen“ vorgebracht. Fritz hat eben tags zuvor zu Hause einen besonders demütigenden Auftritt gehabt, empfindet wohl stärker als sonst, wie unangebracht gerade dieser Vorwurf ist, und grinst. „Was lachen Sie?“ brüllt der Lehrer. — „Weil ich ein Muttersöhnchen sein soll,“ gibt Fritz zurück und grinst weiter. Der Gorilla gerät vollends außer sich. „Das sind Sie auch — ein jämmerlich verzogenes Muttersöhnchen!“ — Da macht Fritz sein hochmütigstes Gesicht und sagt mitleidig: „Das werde ich wohl besser wissen!“ Sagt es nicht einmal — murmelt es nur, damit er gerade noch von seinem Sitznachbar verstanden werden und später mit seiner Kühnheit Ehre aufheben kann. Aber der Gorilla hat, wenn nicht die Worte, so doch den Sinn erfaßt und tobt furchtbar los. „Was sagen Sie? Was unterstehen Sie sich? Sie glauben wohl, Sie können hier auf den Papa pochen, auf den Herrn Sanitätsrat? Wie? Nun — ich pfeife auf den Herrn Sanitätsrat, mit allen seinen Orden, verstehen Sie mich? Ich pfeife drauf! Hier befehle ich! Und bei mir haben Sie ausgefressen, das sollen Sie noch ganz verdammt zu spüren bekommen, verlassen Sie sich drauf!“ Die Klasse tut alles, was eine gut gezogene Mittelschulklasse in solchen Fällen tut: grinst dem Pöbelzorn des Lehrers Beifall zu, knurrt gemessen Zustimmung, äußert in sprechenden Gebärden Ekel und Abscheu vor dem schwarzen Schaf aus ihrer Mitte. Die Nächstsitzenden rücken angewidert ab und rümpfen Pharisäernasen. „Hunde!“ denkt Fritz, und Haß würgt ihn zum Erbrechen. Er verrennt sich in wüste Rachepläne: „Wenn ich zaubern könnte ... wenn ich Hauptmann wäre ... wenn ... wenn ...“ und er sieht Lehrer und Mitschüler hündisch gedemütigt, gefoltert, gepeitscht, entehrt, hört sie, bäuchlings hingestreckt, um Gnade winseln. Da schreckt ihn des Gorilla Stimme auf: „Heraus mit Ihnen aufs Katheder, und sagen Sie einmal den ‚Prometheus’ auf! Gestern haben Sie’s miserabel gemacht. — Wollen sehen, wie’s heute geht! Los!“
Fritz fühlt, weit fressender, als er es mit Worten ausdrücken könnte, die Demütigung, die darin liegt, daß man ihn gegen seine erkannte Stimmung zwingen will, dieses, gerade dieses Gedicht zu sprechen, das er innerlichst erlebt hat und liebt — freien, offenen Trotz! Wie ein Peitschenhieb noch dazu die Herabwürdigung seiner gestrigen Leistung. Er weiß genau, daß es weit mehr als Schulpathos war, was gestern noch aus seiner Stimme geklungen hat, als er die Verse glühenden Aufruhrs sprach. Nun dies: Miserabel! — Wütende Auflehnung ist in ihm — er möchte mit Füßen stampfen, schreien, sich wehren — blitzschnell zucken ihm verzweifelte Möglichkeiten durch das Hirn — durchbrennen, Schiffsjunge, Selbstmord. — Doch ist er so grenzenlos allein; die ganze Klasse schwelgend in lüsterner Schadenfreude. Keiner wird ihm helfen, keiner. Der Gorilla, siegessicher, rachedurstig. Die Eltern — blinde Verurteilung, Prügel vielleicht. — Da siegt die Knute — er schleicht aufs Podium, würgt an seiner Scham, stammelt eintönig Worte, Sätze. — Der Gorilla hört mit verschränkten Armen zu, ohne Regung von Lob oder Tadel. Nur ein Flimmern ist in seinen Augen; um die breiten Lippen, in deren Winkeln noch Schaum hängt von dem Gebrüll vorher, zuckt Triumph. Er unterbricht nicht, schenkt dem Jungen kein Wort, keine Silbe. Als die zagende, brüchige Knabenstimme längst verklungen ist, nach einer quälenden Pause erst, sagt er mit sattem Hohn: „So, mein Lieber, damit Sie’s wissen: das ist ganz ungenügend! Abtreten!“ Und die Klasse gröhlt Zustimmung. Jeder weiß, daß es ihm morgen, vielleicht heute noch, genau so gehen kann. Grund genug zur Freude, nun, da es einen andern trifft.
Und so blieb es von da an. Der Gorilla erwies sich als weit erfinderischer im gefahrlosen Quälen, als irgend jemand vermutet hätte. Bis er sich zu einer offenen Rechtsbeugung hinreißen ließ. Da war eine Hausaufgabe gestellt worden: „Die Hand, ihre Bedeutung in der Entwicklung der Menschheit“. Ein sogenanntes ‚freies Thema’ also, wie sie Fritz von Herzen mochte. Denn es gab auch andere, religiöse, oder scharf patriotische, oder gar grammatikalische, wie „ing, ling, ung, drei Endungen und ihre Bedeutung“. Mit denen wußte er nie was anzufangen, obwohl viele aus der Klasse sie freudigst begrüßten, denn dabei ließen sich aus dem Katechismus, dem Geschichtsbuch oder der Grammatik oft ganze Absätze verwerten. Die freien Themen hingegen waren vielen ein Schreck. — Fritz also schrieb mit Eifer, baute atemraubende Perioden, prägte Bilder, sparte nicht mit Zutaten. Es wurde ein wohlgerundeter Aufsatz, auf den man wohl stolz sein konnte. Am letzten Abend vor der Ablieferung kam atemlos Müller Fritz an, weitaus der Schlechteste der Klasse, der nur seinem inbrünstigen christkatholischen Glauben und der Gönnerschaft des Katecheten das Weiterrutschen von Jahr zu Jahr dankte. Müller also bat dringend, Fritz möchte ihm doch bei dem Aufsatz helfen, er wisse nicht ein noch aus. Und Fritz kam der Aufforderung gerne nach, gab einiges aus seinen kühnen Gedankengängen zum besten, ließ den andern auch die fertige Arbeit durchlesen. Der dankte sehr und ging.
Fritz sah der Rückgabe des Aufsatzes mit Ungeduld entgegen. Gemeinhin war Deutsch der einzige Gegenstand, in dem er auf gute Zensuren mit Selbstverständlichkeit rechnen konnte. Doch war diesmal sein Ehrgeiz stärker als sonst im Spiele, der glücklichen Behandlung des schönen Themas wegen, dann, weil es ihm Freude machte, gerade dem Gorilla eine gute Note abzuzwingen. So schlug er, als die Hefte verteilt wurden, das seine mit Siegermiene auf. Was stand da: „Von Müller abgeschrieben, daher ungenügend!“ — Er, der seit Jahren stets den besten Aufsatz schrieb, er sollte von Müller abgeschrieben haben! Von Müller, der in Deutsch bitterer als in jedem andern Fach mit dem Durchfallen kämpfte! — Der maßlose Schimpf erstickte den Jungen fast. Bald aber regte sich die Rachsucht: Diesmal sollte es dem Gorilla einmal schlecht bekommen! Denn Vater und Mutter hatten den Aufsatz gelesen und gut befunden, sehr gut sogar. Die Mutter war leicht gerührt gewesen, der Vater hatte sich zu einem beifälligen Knurren aufgerafft. Nun mußte er bei ihnen Schutz finden! Der Vater würde zum Direktor gehen, sich beschweren, dabei würden die alten Sachen, über die er bisher geschwiegen, auch zur Sprache kommen — „ich pfeife auf den Herrn Sanitätsrat mit allen seinen Orden!“ — Das, und vieles andere. Warte, Gorilla, Hund, Schuft!
Es kam anders. Die Mutter zwar zeigte sich verletzt über die Unbill, von einer Beschwerde aber wollte sie nichts wissen. Und der Vater hörte die empörte Erzählung gar nicht bis zum Ende an. „Der Herr Oberlehrer Dimmel wird ganz genau wissen, was er tut! Du wirst dich eben niederträchtig benommen und den Mann bis zur Raserei geärgert haben — das hast du jetzt davon! Beschweren! Was bildest du dir eigentlich ein? Als ob ich nicht schon genug Scherereien mit dir hätte, Lausbub, elender! Daß ich kein Wort mehr von der Geschichte höre! Da — nimm den Fetzen mit!“ Damit warf er dem Jungen das Heft vor die Füße und schob ihn unsanft zur Türe hinaus.
Draußen erwartete ihn Gretl, bleich und zitternd vor Mitleid. Er tappte tränenblind an ihr vorbei, hockte sich in einen Winkel nieder und stöhnte seine Wut vor sich hin: „Schurigeln, Dreschen, Schimpfen — das kann er! Aber einen Finger rühren, wenn einem unrecht geschieht — da drückt er sich! Schuft!“ Die Schwester hielt ihn umfaßt, streichelte ihn, küßte sein Haar. Und sie weinte über ihm.
37
Spätherbst in der Tiefebene. Grau verhängter Himmel, ewiger Sprühregen in der Luft, zäher, schlüpfriger Schmutz auf Wegen und Straßen. Alles Leben auf den weiten Feldern ist erstorben. Keine Gespanne mehr, kein Arbeitslärm. Drinnen in den Straßen stehen die häßlichen Kleinstadthäuser doppelt unwirtlich im Wasserdunst. Wochenlang keine Sonne. Kaum, daß ein fahler Schein im Osten oder Westen zeigt, wo sie froheren Menschen auf- und untergeht. Fritz liebt die Jahreszeit. Er wirft seine Mißstimmung, seine wehrlose Knabensehnsucht, seine Todeswünsche in diese Natur, die stumm und trostlos ein unabänderliches Schicksal trägt. Und die Erde, ertrunken in grauem Regen, saugt den Tropfen Unglück auf wie ein Meer. Fritz fühlt sich zwerghaft klein vor den toten Feldern, und doch getröstet. Was war das alles — der Jammer mit den Eltern, den Lehrern, mit den Freunden, die einen um ein Butterbrot verrieten? Nichts, weniger als nichts — noch nicht soviel wie ein Hauch, der die Nebel da draußen einen Augenblick lüften könnte. Er neidete der Erde ihre Leidensgeduld. Jeder Stein, jeder kahle Zweig, der widerstandslos die Zeit überdauerte, weckte seinen Neid. Wer sein könnte wie die Steine, wie Sträucher und Bäume, — ruhig liegen, warten, bis das Leben kam — oder nicht kam. — Oft warf er sich auf die Rasenränder an den Feldwegen, riß mit bebenden Händen dicke Grasbüschel aus, schleuderte sie mitten in den Schlamm der Wagengleise: Kein leisestes Zucken verriet Widerstand; sie lagen welk und dürr, ließen sich vom Morast verschlingen. — Und Fritz haßte glühend das Etwas in ihm, das ihn ewig von diesem toten Frieden in der Natur trennte, dies dunkel Bohrende, das ihn ewig trieb, Verbotsschranken heimlich zu überklettern; — heimlich, das war’s; denn zu offener Auflehnung reichte die Triebkraft nicht. Heimlich: das waren tausend Lügen an jedem Tage, stündliche Gewissensbisse, schaler Ekel oft — Betty, und der Alkohol, und Spaziergänge, wenn er lernen sollte. Heimlich: das war der Mensch. Hier draußen gab’s keine Heimlichkeit — hier paarte sich alles, wuchs und starb, und scheute kein Trieb das Licht. Und kein Weg von den Häusern, den Städten voll Lüge zu den Feldern der Wahrheit. Mensch bist du — und Lug und Trug, Haß und Neid, Rachsucht und der ewig geduckte Nacken, sie sind dein Los. Das trage du, bis die Erde dich wieder nimmt und aus deinen verwesten Knochen Gras und Blumen Nahrung gibt! —
Von solchen Spaziergängen brachte der Junge immer eine fressende Wut zurück. Verbissen ergab er sich allerlei verbotenem Tun, denn auch dafür boten die frühen Abende erwünschte Deckung. Man konnte auf öffentlichen Straßen und Plätzen rauchen, wenn man nur die geringe Vorsicht übte, die Glut der Zigarette mit der hohlen Hand zu verdecken. Man konnte sich draußen in der Vorstadt, bebend zwar, doch mit ziemlicher Sicherheit, in üble Spelunken wagen und für wenige Pfennige mitgebrachte Fläschchen mit starkem Fusel füllen lassen. „Rosoglio“ — das Wort weckte Vorstellungen von orientalischer Ausschweifung, übte zauberhafte Lockung aus. Das Getränk schmeckte dann süßlich fade, hinterließ Sausen im Kopf, bitteren Nachgeschmack und leichte Übelkeit. Doch lag die Schuld natürlich nicht an dem Wundertrank — die Knabenkehle war noch nicht ausgepicht, nicht erwachsen genug, und nur Übung und wieder Übung konnte hier den Meister machen.
In kleinen Bierschenken wurden auch studentische Bräuche fleißig vorgeübt, aus schmutzigen, dicken Gläsern Unmengen abgestandenen Bieres getrunken, daß mancher sich elend übergab. Das war Selbstzucht zum Manne. Dann hieß es, mit dem Überrock am Arm, nach Hause rennen und dabei fleißig Pfefferminz kauen. Ohne Überwindung konnte man auch das gute Abendessen zu Hause stehen lassen, Überanstrengung beim Lernen vorschützen und, je nachdem, ein wenig Mitleid einheimsen. Und überschwellend vor Bosheit, auf neue Lügen sinnend, endlich schlafen gehen und auf Betty warten, die spät nachts oft geschlichen kam und Bett und Zimmer mit dem Geruch ihres Haares und ihrer groben Wäsche erfüllte. Und in keinem Augenblicke seines Wachseins ließ ihn die Lüge los. Wenn nach keuchender Umarmung das Mädchen ihn fragte, scheu, demütig: „Hast du mich auch ein wenig lieb?“ dann zwang er sich ein „Ja“ ab und genoß schmerzhaft die eigene Niedertracht. Denn er haßte die Räuberin seiner Jugendkraft, haßte sie glühend, und seinem Trieb gesellte sich Mordlust.
38
Das Abiturium stand vor der Türe. Fritz schien gänzlich unberührt von dem bitteren Ernst der Stunde, betrieb nach wie vor das Studium lässig nebenbei und verließ sich frohgemut auf seinen guten Kopf. Grammatik, sein Schreckgespenst, kam ja bei der Prüfung nicht in Betracht. Und bei dem Übersetzen aus dem lateinischen oder griechischen Urtext konnte ihm nichts geschehen. Davor zitterten wohl einige der Musterknaben, die Grammatikbüffler und Paradigmenreiter. Die hatten sich, in sklavischer Anpassung an den Lehrplan, durch lange Jahre den Kopf mit wüsten Regeln vollgepackt, und keiner, auch der Klassenerste nicht, hatte es im Latein, geschweige denn in Griechisch, zu irgendwas wie Stil gebracht. Dafür saßen sie meist kläglich hilflos vor der Stegreifübersetzung aus dem Urtext. Denn über dem krampfhaften Aufpassen auf Vokabeln und grammatischen Aufbau ging ihnen der Zusammenhang verloren. Der Jahreszensur schadete das nicht. Denn für die Mehrzahl der Lehrer war die klassische Literatur nicht etwa ein Wert an sich, sondern immer nur Prüfstein für das grammatikalische Wissen. Wie der Kasernendrill sich im Manöver bewährt. Fritz, der bekannt faule Bursche, hatte ewig mit der Grammatik zu kämpfen gehabt, dafür aber ehrliche Liebe zu der behäbigen Redseligkeit des Homer gefaßt, oder zu dem würdigen Bürger Tacitus, dem oft und oft der Stolz auf die eigene Tüchtigkeit zwischen die Zeilen rutschte. Danach aber hatte nie jemand gefragt. Und der Junge empfand es als ausgleichende Gerechtigkeit, daß sich nun bei der Abschlußprüfung das Blatt wendete.
Die Mutter brachte von Stadtbesuchen immer wieder die Kunde, daß der und jener unter Fritzens Mitschülern, nach dem Zeugnis tiefbewegter Eltern, weit über jedes Maß, Nächte und Nächte lang studiere. Und knüpfte lehrhafte Ermahnungen daran und gerührte Bitten. Der Vater aber verrannte sich in Schwarzseherei und zeigte nicht übel Lust, den Jungen vor der Prüfung aus der Schule zu nehmen, um sich, wie er sagte, die Schande zu ersparen, daß einer seines Namens und Blutes mit Pauken und Trompeten durchfalle. Nur dem wortreichen Zuspruch alter Freunde gelang es, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Auch Felix und Max rieten dazu, den Versuch doch zu wagen. Die beiden galten nun beim Vater vorübergehend fast als Herren, denn Felix hatte mit Auszeichnung seinen Doktor gemacht, Max war mit gutem Rang zum Leutnant befördert worden. Ziemlich gleichzeitig waren sie in der Vaterstadt angekommen und bei den Familienfestlichkeiten zu ihrer Begrüßung bekam Fritz manchen Vergleich zu schlucken, der für ihn wenig schmeichelhaft war. Die Vergleiche ließen ihn ebenso kalt, wie die dünkelhaften Ratschläge, mit denen Felix ihn überschüttete. Wohl aber kränkte es ihn, daß auch Max, mit dem ihn von Kinderzeiten her ein froher, wenn auch heimlicher Rebellengeist verband, daß auch Max Ausdrücke wie „der Alte“ nicht mehr litt, immer sehr förmlich und salbungsvoll von „unserem guten Papa“ sprach und auch sonst seine Stimmberechtigung im Familienrat gewichtig hervorkehrte. „Wenn ich mich für dich bei unserem guten Papa verwende, dann erwarte ich aber auch ...“ Solche und ähnliche Redewendungen, die Max gerne brauchte, entfremdeten ihm den jüngeren Bruder.
Eine Woche vor der Prüfung wurde der Unterricht geschlossen, um den Abiturienten Zeit zur letzten Sammlung zu geben. An einem der letzten Schultage gab es noch großen Krach. Fritz hatte sich, leicht erschreckt über die immerhin erheblichen Lücken seines Prüfungswissens, mit Feuereifer auf das Studium gedrängter Leitfaden gestürzt, die in der Klasse von Hand zu Hand gingen. Nun war ihm für einen bestimmten Tag die leihweise Überlassung einer Aufgabensammlung zur Physik versprochen. Gerne wäre er zu Hause geblieben, doch erschien es als völlig aussichtslos, vom Vater die Erlaubnis zu erwirken. Also wählte er den Ausweg, sich während der ersten Unterrichtsstunde krank zu melden. Den Vormittag brachte er bei einem Kameraden zu und arbeitete mit ihm das Hilfsbuch glücklich durch. Nun begab es sich aber, daß nach Fritz noch ein halb Dutzend andere auf den Gedanken kamen, vorzeitig wegzugehen, so daß mit denen, die ohne weiteres zu Hause geblieben waren, rund ein Drittel der Klasse fehlte. Der Rektor konnte es sich nicht versagen, die Bürschlein, knapp bevor sie seiner Gewalt entrückt wurden, noch einmal seine Macht fühlen zu lassen und schickte den Schuldiener von Haus zu Haus, um nach den „Kranken“ zu sehen. Natürlich waren viele nicht zu Hause — so auch Fritz. Dafür wurden dann wieder Gruppen von vier und fünf betroffen, die in furchtbarem Tabaksqualm auf irgendeiner sturmfreien Kostbude büffelnd zusammenhockten. Als Fritz, leicht beklemmt, mittags heimkehrte, wurde er von der Mutter tränendüster empfangen und die Brüder brachen mit wuchtigen Worten den Stab über ihn. Der Vater nahm den Vorfall zum Anlaß, um sich des längeren über Fritzens Charakterlosigkeit auszulassen und die düstersten Prophezeiungen zu äußern.
Am nächsten Morgen gab es in der Schule ein Strafgericht. Der Rektor schwelgte, ein letztes Mal dieser Klasse gegenüber, im reichlichen Gebrauch von Blitz und Donner. Doch erwies es sich, daß alle zwölf Missetäter glaubhafte Ausreden, auch elterliche Zeugnisse zur Hand hatten — bis auf einen, Fritz. Ihm wurde nun anheimgegeben, bis zum Nachmittage ein elterliches, also zugleich ärztliches Zeugnis beizubringen, widrigenfalls er eine Karzerstrafe von drei Stunden zu gewärtigen habe. Der Junge war der Verzweiflung nahe und bat zu Hause flehentlich um Ausstellung des Zeugnisses. Der Vater lehnte es schroff ab: „Dir fehlt gar nichts, du bist nicht krank. Falsche Zeugnisse unterschreibe ich nicht. — Du hast dir die Suppe eingebrockt, nun löffle sie auch aus!“ Dabei blieb es. Dem Rektor schien es aber letzten Endes doch nicht geraten, allzu scharf zuzupacken — denn die elf anderen Zeugnisse waren naturgemäß alles eher als stichhaltig — und so gab er vor versammelter Klasse Fritz kund und zu wissen, daß ihm die rechtens verhängte Karzerstrafe in Gnade erlassen sei.
Eine Woche später begann das Abiturium. Am Morgen des zweiten Prüfungstages kam Fritz an die Reihe und bestand mit guter Durchschnittsnote. Seine erste Regung bei Verkündigung des Ergebnisses war Rachsucht und frohlockender Haß. Am liebsten wäre er dem Gorilla und dem Rektor an die Kehle gefahren. Doch bezwang er sich und stürzte grußlos aus dem grauen Steinbau hinaus auf die Straße, wo ihn die Brüder besorgt erwarteten. Sie wollten ihm zunächst nicht glauben, denn für sie war es nur die Frage gewesen, ob er auf zwei Monate oder auf ein Jahr durchfliegen würde. Dann aber zeigte Max ehrliche Freude über das kühne Stücklein, während Felix in seiner Anerkennung mit leisem Neid zu kämpfen schien: Da war also dem Jungen mühelos ein Erfolg zugefallen, um den er selbst bitter hatte kämpfen müssen. —
Der Heimweg führte an einer Bodega vorbei. Die Brüder traten mit dem Jüngsten ein und nahmen ihn, mit einigen Gläsern Portwein, feierlich unter die Erwachsenen auf. Der starke Wein auf leeren Prüfungsmagen hatte die betrübliche Wirkung, daß Fritz die Herrschaft über seine Gliedmaßen etwas verlor und unter entsetzlichen Lästerungen gegen die nun abgetanen Zwingherren, vor allem den Gorilla, dahinschwankte. Die Mutter, die mit Gretl am Fenster stand und nach dem Kandidaten ausspähte, mißverstand diese zügellose Haltung und sah darin den Ausdruck wütiger Zerknirschung über völligen Mißerfolg. In diesem Sinne begann sie eben den Vater vorzubereiten, als Fritz von den Brüdern hereingeschoben wurde und sofort ein häßliches Wort über den Gorilla fallen ließ. „Natürlich ist der Kerl schandbar durchgeflogen?“ fragte der Vater böse. Und man konnte sehen, daß es ihm im Grunde unlieb war, das Gegenteil zu hören, weil er die längst überdachte, erschütternde Strafpredigt nun ungebraucht bei sich behalten mußte. Es folgten wortreiche Auslassungen über den geradezu haarsträubenden Dusel, den der Faulpelz bewiesen hatte. Hier tat sich Felix sachkundig hervor.
Gretl aber benützte einen unbewachten Augenblick, um dem Bruder zuzuflüstern: „Alle haben gesagt, du fliegst unbedingt. Aber ich nicht! Ich hab’ gewußt, du kommst durch!“ — „Ah was,“ zischelte Fritz zurück und mimte Verachtung, „die wissen viel, wer ich bin! Ich und durchfliegen — zum Lachen!“ Aber er küßte der Schwester die kleine feste Hand.
Abends bekamen die drei Brüder die Erlaubnis auszugehen. Sie setzten sich in eine Bierstube. Max erzählte kernige Witze, Felix gab gönnerhaft einige Stücklein aus seinem Studentenleben zum besten und Fritz war nahezu glücklich, nur ärgerte es ihn, daß ihn die Brüder augenscheinlich für viel ahnungsloser hielten, als er es tatsächlich war. Doch hütete er sich wohl, etwas von seinen Nebensprüngen zu berichten. Natürlich kam auch die Prüfung nochmals zur Sprache, und Felix meinte scherzhaft, doch mit unverkennbarer Bitterkeit: „Du weißt ja gar nicht, wie gut du’s hast! Wenn ich denke, was ich gekeilt hab’, damals noch dazu, knapp nach der Geschichte mit meinem Aug’! Nächte und Nächte durch! Und nie ein Lob, und immer Krach — alles mit Auszeichnung war selbstverständlich, und weniger als sehr gut war schon elende Lumperei — und du? Bei dir haben sie ja förmlich geweint vor Freude, weil du nur nicht durchgeflogen bist. Und, sind wir ehrlich — du warst doch wirklich unanständig stinkfaul!“ Doch Fritz war um die Antwort nicht verlegen: „Wer hat dich denn gezwungen zum Büffeln? Und was hast du denn gehabt davon? Schließlich hat der Alte ja doch geschimpft! — Na, bei mir hat er auch geschimpft — aber ich hab’ mich wenigstens nicht zerrissen! Auszeichnung oder nicht — danach fragt einen später kein Teufel!“ — „Na, mit solchen Ansichten wirst du’s ja weit bringen,“ gab der Älteste würdevoll zurück. Doch Fritz merkte gut, wie betroffen er war.
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Und Träume reifen: Die Freiheit ist nah! — Die Wochen verfliegen mit emsigen Vorbereitungen; Wäsche wird besorgt, Schuhe, ein Anzug, dessen Schnitt sich von der quäkerhaften Einfachheit der Schulgewänder vorteilhaft unterscheidet. Fritz geht ständig in leisem Fieber umher. Er sehnt sich so maßlos hinaus, daß die Allotria seiner Schulzeit ihm schal und reizlos erscheinen. Betty läßt ihn ganz kalt, er wehrt sie heftig ab, wenn sie sich ihm nähern will. Wozu jetzt noch Heimlichkeiten, die doch nur kläglichen Ersatz bieten konnten! In wenig Wochen war er an der Universität, der strengen Fuchtel endlos weit entrückt — da sollte das Freiherrenleben angehen! Übrigens fühlte er sich häufig seltsam müde, auch ein wenig ratlos vor dem neuen Lebensabschnitt. Ganz insgeheim regte sich mitunter die Selbsterkenntnis, daß ihm der streng geregelte Pflichtenkreis der Schule doch etwas fehle, daß die vertrauten Hintertürchen wohl ihren Reiz hatten. Nun gab es bald nichts mehr zu lügen — konnte das noch lustig sein?
Über die Wahl der Fakultät gab es langes Hin und Her. Fritz war beim besten Willen außerstande, eine bündige Antwort auf die Frage zu geben, was er nun studieren wolle? Er empfand es sogar als schmerzliche Schattenseite der neuen Freiheit, daß man ihn überhaupt fragte und nicht wie bisher immer einfach vor fertige Tatsachen stellte. Die Mutter liebte es, ihm den und jenen Bekannten in besonders glänzender Stellung als Beispiel zu nennen, mit der Frage, ob er nicht Lust hätte, dasselbe zu erreichen? Da war ein Gerichtspräsident, ein Universitätsprofessor, ein hoher Regierungsbeamter und, natürlich, auch der Vater, der Herr Sanitätsrat. Und Fritz hatte für jeden der angeführten Berufe ein zögerndes Ja. Das Fertige, die Machtfülle, reizten ihn. Zu innerst aber empfand er Grauen vor dem Beruf, der Tretmühle, dem Angehängtsein. Letzten Endes war es ja nicht zu vermeiden, man mußte eine „Stellung“ haben — aber später doch, viel später! Jahre noch lagen dazwischen — was konnte da alles geschehen? Er konnte einen Schatz finden, ein alter Fürst konnte ihn adoptieren, er konnte eine Erfindung machen, kurzum, zu rasendem Reichtum kommen — und dann ade! Gerichtspräsident, Professor und Regierungsrat! Er sah sich schon auf feurigem Rappen durch Wälder und Fluren sprengen, die ihm untertan waren, sah sein Schloß vor Augen, das stolz und weiß von steilem Hügel grüßte. —
Die Träume behielt er für sich, kaum daß er sie der Schwester andeutete, die ihn mit sehnsüchtigem Lächeln anhörte. Inzwischen ließen die Eltern nicht ab, ihn zur Entscheidung zu drängen. Einmal sagte ihm der Vater mit größtem Nachdruck: „Ich bestehe darauf, daß du dich selbst entscheidest! Du sollst nicht sagen dürfen, daß du zu einem Studium gezwungen wurdest! — Nun? Wird’s bald?“ — Und Fritz, um der Sache ein Ende zu machen: „Ich will Medizin studieren!“ — Dem widersetzte sich jedoch der Vater mit einer Heftigkeit, die mit der anfangs angekündigten Entschlußfreiheit in argem Widerspruche stand. Sonderlich stichhaltige Gegengründe wußte er übrigens nicht anzuführen, gab sich auch, wie gewöhnlich, keine Mühe dazu. Fritz erriet als wahren Grund, wie bei manchen anderen Verboten, dumpfe Eifersucht — es sollte nur einen Arzt in der Familie geben, wie es nur einen Jäger gab, einen Schützen. Da wurde die innere Gleichgültigkeit des Jungen zum bitteren Trotz, und er schwieg beharrlich auf alle weiteren Fragen, bis ihm endlich der Beschluß verkündet wurde, er sollte, wie Felix, Jura studieren. Als Jurist hätte er dann die Wahl unter zahllosen Berufen, könne eigentlich unter den gegenwärtigen Verhältnissen tatsächlich alles werden. „Bist du damit einverstanden?“ fragte der Vater dröhnend. „Ja,“ antwortete Fritz, verbeugte sich kurz und war entlassen. Draußen vertraute er sich der Schwester an: „Das haben sie natürlich längst ausgemacht gehabt, daß ich Jurist werden soll. Was sie da noch lang gefragt haben!? So ein blödes Theater, so ein verfluchtes!“ — Doch als die Schwester ängstlich fragte, ob er mit der Wahl unzufrieden sei, gab er großspurig zurück: „Ah was, mir ist doch das ganz wurst, für was die mich jetzt einschreiben — ich werde doch ganz was anderes — du wirst schon sehen!“
Dann kam der Abschiedstag. Die Mutter war gerührt, stammelte Ermahnungen, küßte ihn auf Mund und beide Wangen. Als sie ihm mit zitternder Hand das Kreuzeszeichen auf die Stirne machte, empörte sich sein wilder Unglaube und er hatte große Mühe, eine Gebärde wütender Abwehr zu unterdrücken. Der Vater, der ihn in die Hauptstadt bringen wollte, schien einer gewissen Weichheit nicht abgeneigt und sprach mit tiefer Kehlstimme. „Na, sieh dich noch einmal gut um, Junge,“ sagte er, „du gehst jetzt aus deinem Elternhaus — von nun an kommst du nur noch als Gast zurück!“ Und Fritz dachte blitzschnell ein gehässiges „Gott sei Dank!“, dann wandte er sich der Schwester zu, die mit zuckenden Lippen abseits stand. Sie kämpfte tapfer mit dem Weinen und lächelte, faßte seinen Kopf mit beiden Händen und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich werde immer an dich denken, immer!“ Dann küßte sie ihn mit den kühlen, schmalen Mädchenlippen, und eine Träne blieb auf seiner Wange. Da erst kam dem Jungen der Abschied zum Bewußtsein, die Trennung von diesem treuen, gütigen Wesen, das durch alle Bitterkeit und Süße der Jugendjahre neben ihm hergegangen war, immer bereit zu helfen, zu trösten und mitzuleiden. Hatte er ihr je vergolten, je auch nur gedankt? Eine rasende Angst packte ihn, als könnte es für immer zu spät sein. Gestern noch, als sie seinen Koffer packte, da hätte er ihr sagen müssen ... oder frühmorgens ... doch der Vater mahnte zum Aufbruch, mit seltsam heiserer Stimme. Da warf der Junge beide Arme um die schlanke Schwester und küßte sie wild. Und in diesem Kusse, bitter von reichen Tränen, lag Dank und Abschiedsweh und ein Gelöbnis unverbrüchlicher Treue an sie, die seine Kindheit in sich trug, seine Heimat und sein reinstes Gefühl.
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Die Großstadt erdrückte den Jungen fast. Er sah, wie auch der Vater vor dem hastigen Getriebe viel von seiner starren Würde verlor. Kein Schutzmann, kein Schaffner grüßte mehr, der Herr Sanitätsrat samt seinem Sohne ging spurlos in der Menge unter. — Felix war vom Vater hinausbestellt worden, um die Einzelheiten der Immatrikulation und Vorlesungswahl zu erledigen. Er prunkte mit seiner genauen Kenntnis der Universitätsverhältnisse und seine Stimme fiel bei der Miete eines Kostquartiers entscheidend ins Gewicht. Fritz ließ, halb betäubt, alles geschehen. Bald sehnte er sich nach dem Tag, wo der Vater mit Felix abreisen und diese letzte Bevormundung aufhören würde — bald fürchtete er das endgültige Alleinsein. Sein Körper machte ihm Sorge, durch ständige, bleierne Müdigkeit. Dann kamen wieder Augenblicke eines übernatürlichen Hellempfindens, in denen er sich wie abgehäutet vorkam, als ob jeder Laut, jede Farbe unmittelbar auf seine nackten Nervenstränge träfe. Dann konnte ihn die weite Aussicht über lange Reihen riesiger Prunkbauten fast weinerlich stimmen. Oft genügte ein Stück klaren Herbsthimmels in einem rußigen Dachausschnitt, um ihm den süßen Schmerz des Fremdseins zu vermitteln. — Der Vater führte ihn in die Oper. Und als auf ein dumpfes Glockenzeichen die riesige Halle in Dunkel versank und aus einem unsichtbaren Orchester mit unerhörter Gewalt die Carmen-Ouvertüre aufquoll, ein Katarakt von Klängen ihn umbrauste, die alle auf ihn, auf ihn zielten, da schlug der Junge stöhnend die Hände vors Gesicht, daß die Nachbarn mißbilligende Blicke warfen und der Vater ihn mit hartem Griff zum Anstand mahnte. Das Bühnenbild des ersten Aktes, der riesige Volksaufwand, die Chöre, die wie Glocken dröhnten, die Solostimmen, die übermenschlich schienen, — dies alles steigerte seine Erschütterung ins Unerträgliche. — Beim Fallen des Vorhangs, als jäh die schmerzende Lichtflut niederbrach, lehnte er totenblaß und bebend in seinem Sitz und bat den Vater flehentlich, sie sollten fortgehen. Der wollte zunächst nichts davon wissen, die teuren Sitze ungenützt verfallen zu lassen. Nach einem prüfenden Blick auf die verstörte Haltung des Jungen willigte er aber doch ein. Fritz kämpfte sich wie ein Ertrinkender durch das Gewühl und zog vor dem Portal die bittere Nachtluft in verzweifelten Zügen ein, als sei er dem Erstickungstode knapp entronnen. Der Vater polterte über die verrückten Faxen. Fritz hörte ihn kaum mehr, stolperte im Halbschlaf durch die Straßen bis zum Hotel.
Am nächsten Abend fuhr der Vater mit Felix zurück. Fritz hatte sie zum Zuge begleitet und stand benommen auf dem weiten Bahnhofsplatz. Das war nun die Freiheit! — Das Gewirr der Straßenbahnen, die mit bunten Glotzaugen aus dem Abenddunst auftauchten, kreischend durch die Kurven bogen und mit singenden Motoren hielten und wieder anfuhren; die Quecksilberlampen, die grelle Leichenfarbe über die Gesichter gossen; Lichtreklamen auf den Dächern, und der eigene, herbe Geruch in der Luft, dieser Großstadtgeruch, der ihm nach tagelangem Einatmen immer noch beizend neu war, aus Teer- und Asphaltqualm, Pferdeurin und Kohlenrauch gemischt. — Das zerrte und rüttelte an seinen überwachen Sinnen. Und einen Augenblick lang tauchte vor seinen Augen das Eßzimmer zu Hause auf, mit der großen Lampe und dem dunklen Scheitel der Schwester im Lichtkreis — dann zwang er die weiche Regung wütend nieder: was Teufel, Heimweh! Weil er’s schon gar so gut gehabt hatte! Und er rief die Erinnerung an alle Bitternisse seiner Jugendjahre wach, eingebildete und wirkliche, biß trotzig die Zähne aufeinander und stürzte sich in das Gewühl vor ihm, um den weiten Weg zu seinem Quartier zu Fuß zurückzulegen. Vielleicht ließen sich gleich ein paar kleine Abenteuer mitnehmen? — Bald lag der weite Platz hinter ihm, er kam durch stille Nebengassen, an Haustüren vorbei, aus denen süßlicher Frauendunst schlug, an dicht verhängten Fenstern, hinter denen Grauenhaftes vorgehen mochte. In jedem kleinen Kaffeehaus witterte er eines der Nachtlokale, die ihm als der Höhepunkt des Lebensgenusses vorschwebten. Es mochten harmlos biedere, kleine Spießerbuden sein — aber seine wilde Phantasie bildete sie um zu Stätten der Unzucht und unerhörter Ausschweifung. Es trieb ihn, einzutreten, einen Geldschein auf den Tisch zu werfen, herrisch nach Wein und Weibern zu rufen — doch ging er immer weiter. Wütend stellte er sich vor, daß es nun keinen Rektor mehr zu fürchten gab, keinen Krach zu Hause — er war frei, frei, zum Henker! — Sein ängstlich klopfendes Herz war anderer Meinung und drängte ihn immer wieder vorbei. Es wurde spät. Die Dienstmädchen, die Hunde an die Luft geführt hatten, verschwanden von der Straße. Die Haustüren wurden geschlossen. Nun begann wohl das Nachtleben, und was sich jetzt noch unterwegs zeigte, das waren sicherlich Dirnen, Lebemänner wie er und Zuhälter. Nun, mochte ihn nur eine ansprechen, er war gewappnet. „Wieviel verlangst du denn? Mehr als zwei Mark zahle ich nicht!“ Ach ja, man war nicht durchaus Provinzler, wenn man auch aus der Kleinstadt kam ...
Als er aber an einer Straßenecke an einer Gruppe von drei dicken Frauen vorbeikam, die ihm liebreich und eindringlich den Weg zu verstellen trachteten und ihn mit halb geflüsterten Einladungen überschütteten — da verflog die eingebildete Sicherheit im Nu, er bog rasch ab und begann zu rennen. Und plötzlich ertappte er sich dabei, wie er mit wütenden Fausthieben sich die Schenkel spornte und anfeuernd „Falko, Falko!“ keuchte. An der nächsten Hauptstraße erst machte er halt. Das Blut wallte ihm stoßweise in Augen und Ohren. Schwindel und die jähe Müdigkeit, die ihn nun so oft befiel, zwangen ihn, sich an eine Hausmauer zu lehnen. Endlich winkte er, um seinen ersten Abend nicht allzu kläglich verloren geben zu müssen, einen Mietswagen herbei, fuhr an seinem Wohnhause, das ihm zu ärmlich schien, vorbei bis zu einem Prunkbau, der wenige Schritte weiter stand. Dort stieg er ab und gab angemessenes Trinkgeld, daß ihn der Kutscher auf Portokassenraub einschätzte. Dann drückte er sich in den Torbogen, um den Wagen wegfahren zu lassen, bemerkte zu spät, daß der Prunkbau eine Bank und sein harmloser Betrug also mißglückt war, und kam endlich erschöpft in seinem Kämmerchen an.
Am nächsten Morgen erwachte er mit einem eindringlich faden Geschmack im Munde. Beim Zähneputzen bemerkte er Blutspuren und schrieb sie der scharfen Bürste zu. Als die Erscheinungen aber die nächsten Tage hindurch wachsend anhielten, zugleich mit Schwindel, Atemnot und der toten Müdigkeit, die ihn nun selten verließ, da entschloß er sich, einen Arzt aufzusuchen. Er geriet an einen Spezialisten für Nase, Ohren und Kehlkopf, der sich von der Behandlung des schmächtigen Studentleins wohl keinen sonderlichen Gewinn versprach, ihm also nur flüchtig und obenhin Hals und Rachen abspiegelte und ihn mit wenigen flüchtigen Worten als gesund entließ. Fritz glaubte ihm gerne und nahm sich fest vor, nun, da auch dies letzte Bedenken, Krankheit, zerstreut war, unverweilt die Genüsse des Nachtlebens auszukosten. Er wagte es sich nicht einzugestehen, daß weit weniger Sorge wegen seines Unwohlseins als allgemeine Schüchternheit der Grund seiner bisherigen Zurückhaltung gewesen war. Der Zufall führte ihn einer Rotte von Landsleuten in den Weg, die ein Jahr vor ihm abituriert hatten, und nun vor dem jungen Finken großspurig die Weltstädter mimten. Es wurde ein rauschendes Fest, zunächst in einem Winkelcafé, bei reichlichen Schnäpsen, stundenlanges Billard- und Kartenspiel, wobei Fritz übel Geld zusetzte. Dann, in einem Vorstadtgasthause, ein Abendessen mit Bier und Wein. Nach mancherlei Bierspielen, wobei immer neue Runden ausgelost wurden, kamen tobende Chorgesänge und endlich führte der und jener Kraftstücklein vor. Auch Fritz versuchte sich darin, hob einen der klobigen Sessel an einem Bein vom Boden auf, hob und senkte ihn mit gestrecktem Arm. Plötzlich war es ihm, als ob tief in seiner Brust etwas risse und zugleich fühlte er es warm im Halse aufsteigen. Sein erster Gedanke war Übelkeit — der viele Alkohol. Doch da war wieder der eindringliche, fade Geschmack, stärker als je zuvor, die Mundhöhle lief voll, das Atmen wurde ihm schwer — und im nächsten Augenblick drang ihm Blut, schaumig und hell, aus Mund und Nase. Die Zechbrüder, jäh ernüchtert, machten Miene aufzubrechen. Nur der Seßhafteste, schweren Rausch im Nacken, dröhnte in die Stille: „Was denn — das bissel Nasenbluten — da graust’s euch schon? Was wollt ihr dann bei schweren Säbeln machen, wenn der ganze Kerl rot ist, daß man das Paukhemd nicht mehr sieht? — Jetzt wegrennen, lächerlich! Jetzt wird’s erst lustig! — Da, sauf eins, das hilft!“ Das galt Fritz. Doch der saß halb betäubt da und stierte auf das blutgetränkte Taschentuch, das auf die haltende Hand rot abfärbte. Er fühlte weder Angst noch Schmerz, nur ein dumpfes Staunen — warum das, warum gerade ihm, der sich so rasend nach Freiheit gesehnt, sie sich in langen Jahren strengster Zucht weiß Gott verdient hatte? — Endlich rief er den Kellner. Die anderen bürdeten ihm, wiehernd über den guten Witz, dreiviertel der Zeche auf, daß der Rest seiner Barschaft drauf ging. Sein Aufbruch weckte eine Flut von derben Späßen, Anspielungen auf seine unmännliche Weichheit. Keiner dachte daran, ihn zu begleiten, als er unsicher und langsam hinausschlich.
Draußen auf der Straße überfiel ihn, ungewohnt wie immer, der beizende Stadtgeruch. Seine überreizten Nerven witterten Drohung und Verachtung aus dem fremden Dunst. Da lag die große Stadt mit ihren Lüsten und Freuden, schickte höhnisch ihren Hauch bis zu ihm, der müde und einsam an ihrem Rande hinschlich, von ihrem Leben ausgeschlossen.
Als er am nächsten Morgen nach wüsten Träumen spät erwachte, überfiel ihn schreckhaft die Erinnerung an die nächtlichen Erlebnisse. Sein Lebensgefühl bäumte sich wütend auf — es durfte, durfte nicht sein, daß eine Knochenhand ihm nun das Glas vom Munde schlug, kaum daß er an seinem Rand genippt hatte. Da draußen lärmte und rief das Leben, die Freude, und er versäumte in der engen, sonnenlosen Kammer kostbare Zeit? Er sprang aus dem Bett, und schickte sich an, den Tag unbekümmert zu beginnen. Doch ein neuer Anfall, stärker, anhaltender als der erste, warf ihn alsbald röchelnd auf die Knie. Blutbesudelt schleppte er sich endlich zum Bett zurück. In seinem Hirn glitten, wie hinter grauen Schleiern, matte Gedanken — frei sein, jedes Zwanges ledig — doch sie hatten ihre wilde Triebkraft eingebüßt, konnten die starre Ruhe nicht brechen, die über ihn gekommen war. Er lag still. So fand ihn die Kostfrau, die das Kaffeebrett brachte. Sie hielt die dunklen Flecke auf Diele, Möbeln und Bett wohl für Rotwein und wollte heftig ausbrechen. Doch die totbleiche Ruhe des jungen Menschen, der dort schweratmend lag, nahmen ihr rasch den Irrtum: ein Kranker, Sterbender wohl gar — Rettungsgesellschaft, Spital. Dies ihre nächste Regung. Dann erinnerte sie sich an den Vater des Jungen, dessen Erscheinung von Würde und behäbigem Wohlstand gesprochen und ihr so ausgezeichnet gefallen hatte, überschlug blitzrasch das nette Sümmchen, das bei häuslicher Pflege zu verdienen sein müßte, und beschloß endlich, einmal eine Ausnahme zu machen und ihr gutes Herz frei walten zu lassen.
Als Fritz aus seinem dumpfen Halbschlaf erwachte, fand er sich sauber gebettet, einen Eisbeutel auf der rechten Brust, einen auf dem Kopf. In der Zimmerecke stand die Kostfrau und schien lebhaft gerührt. Am Fußende seines Bettes aber saß ein fremder, bärtiger Mann, hielt sein Handgelenk prüfend in weichen, feuchten Fingern und begann ihm, als er die Augen aufschlug, tröstlich zuzureden: „Ja, ja, Sohnerl, es geht uns nicht recht gut — ein bissel rasch gewachsen sind wir, hoch aufgeschossen, nicht wahr, und für die rechte Breite hat’s nicht gereicht. Na, das werden wir schon kriegen, — nur schön ruhig liegen bleiben, ganz, ganz ruhig, damit die Blutung nicht wiederkommt! — Da hab’ ich ein paar Pulver aufgeschrieben, die nehmen Sie schön brav — die Frau Specht weiß Bescheid. Gegen Abend schau’ ich wieder her! Und nicht traurig sein, Sohnerl, ja nicht sich aufregen — es wird hoffentlich alles wieder gut!“ Fritz wurde weinerlich zumute beim Klang der tiefen, leisen Stimme. Doppelt stark empfand er das namenlose Unrecht, das ihm mit dieser Krankheit widerfuhr, fühlte brennendes Mitleid mit sich selbst. Dabei wehrte sich etwas in ihm gegen die weiche Art des fremden Arztes, gegen die rührselige Geschäftigkeit der Kostfrau. Er suchte sich vorzustellen, was wohl der Vater gesagt haben würde: „Du bist doch ein heilloser Schafskopf, legt sich hin und spuckt Blut!“ Und zum ersten Male wurde ihm klar, wieviel Aufmunterung und Ansporn doch in dieser scheinbaren Härte gelegen, und wie unbedingt geborgen er sich immer dabei gefühlt hatte. Für Trost und Mitleid waren ja die Mutter da und Gretl. Gretl! Da kamen wieder die verfluchten Tränen. — Als aber die Kostfrau, die vor Stolz auf den eigenen Opfermut jede Selbstbeherrschung verloren hatte, rührselige Mutterlaute von sich gab, um das wilde Heimweh des armen, armen jungen Menschen zu bannen, da bellte er sie böse an: „Was? Wer weint? Ich? Ein’ Dreck! — geben Sie mir frisches Eis!“ So daß die gute Frau Specht, schmerzlich berührt von so viel Undank, eine wesentliche Erhöhung der Pflegekosten beschloß.
Der Gedanke übrigens kam ihm nicht, daß diese Krankheit sein Tod sein könnte. Keinen Augenblick schwankte die feste Überzeugung in ihm, daß ihm das Leben reiche und stürmische Freuden aufbewahrte. Dies dumme Bettliegen — ein weiterer Aufschub nach achtzehn Jahren schwer ertragener elterlicher Zucht, ein Aufschub, widerlich, aufreizend durch seine grausame Sinnlosigkeit — aber doch nur ein Aufschub. Durch das schmale Fenster klang der Puls der großen Stadt. „Wart’ du, wir rechnen noch ab!“
Die Genesung wurde nochmals durch einen bösen Blutsturz unterbrochen. Einen Todesfall wollte Frau Specht doch nicht gerne im Hause haben. In ihrer Angst holte sie einen zweiten Arzt herbei, der sich von da ab mit dem ersten in die Behandlung teilte und den Jungen reichlich mit Medikamenten fütterte. Um für alle Fälle gedeckt zu sein, telegraphierte die gute Frau aber auch dem Vater und, doppelt reißt nicht, dem Bruder des Kranken, beiden gleich: „Fritz schwer erkrankt, bitte sofort kommen!“ Beide machten sich sofort auf. Um aber für die Dauer der eintägigen Reise den Jungen nicht ohne Pflege zu lassen, telegraphierte der Vater einem Studienfreunde, der es in der Hauptstadt zum weltberühmten Professor gebracht, und unabhängig davon, Felix einem Geheimrat, in dessen Hause er viel verkehrt hatte. Die beiden Geheimräte erschienen fast gleichzeitig und ließen, in peinlicher Wahrung ärztlichen Anstands, die behandelnden Ärzte herbeiholen. So fand sich Fritz als Mittelpunkt eines vierköpfigen Konsiliums und fühlte ungeahnte Wichtigkeit — Frau Specht erstarb in demütiger Freude über die große Ehre. Und: ein Mann, der mit Geheimräten Freundschaft hielt und seine Söhne von ihnen behandeln ließ, der würde auch einer armen Quartierfrau die aufopfernde Pflege zu lohnen wissen.
Spät abends traf der Vater ein. Frau Specht empfing ihn im Vorraum, wollte sich in aufgeregte und weinerliche Schilderung des furchtbaren ersten Schrecks verlieren; und dennoch habe sie sich entschlossen, das große Opfer zu bringen, aus Mitleid mit dem armen, jungen Menschen ... Sie wurde betrübt und enttäuscht durch die abweisende Bemerkung, der Transport in ein Krankenhaus wäre zweifellos richtiger gewesen. Dann betrat der Vater das Krankenzimmer, wo Fritz ihn schlaflos erwartete. „Schöne Geschichten führst du auf!“ Dies die Begrüßung. Dann eine rasche Prüfung der Fiebertabelle und der Rezepte, einige kurze Fragen an Frau Specht, die gekränkt, doch selbstbewußt Auskunft gab. Und als Fritz seine eigenen Beobachtungen äußern wollte, ein kurzes: „Du halt den Mund und liege still, das ist das einzig Vernünftige!“ Und zu seinem eigenen Erstaunen empfand Fritz keine gehässige Auflehnung gegen des Vaters schroffen Ton, fühlte sich sogar getröstet und innerlich befreit, als der Vater fortfuhr: „Soviel ich bis jetzt sehe, ist die ganze Sache gar nicht schlimm — nur maßlos übertrieben.“ Dies mit einem Seitenblick auf Frau Specht, der ihren Zahlensinn aufpeitschte. „Die arme Mama und Gretl ängstigen sich halb zu Tod — ich muß ihnen gleich telegraphieren. Morgen spreche ich mit deinen Ärzten. Auch ein Unsinn übrigens, gleich zwei zu rufen! Also schau, daß du einschläfst!“ Fritz fühlte kurz des Vaters fleischige, kühle Hand auf seiner Stirn. Dann war er allein. In sein leises Eindämmern verfolgte ihn die Frage, warum ihn die kurze Berührung wohl so glühend durchzuckt hatte. Und er träumte von früher Kindheit.
Die Ereignisse des nächsten Morgens ließen die versöhnliche Stimmung rasch verfliegen: gründliche Untersuchung und Besprechung ergaben, daß die rechte Lunge, zwar durchaus nicht ernsthaft, leider aber in nächster Nähe einer größeren Arterie angegriffen sei. Daher die starke Blutung. Nun sei, im Hinblick auf die schmächtige Schlankheit des Jungen, größte Vorsicht geboten, besonders aber der weitere Aufenthalt in der Großstadt undenkbar. Die Geheimräte legten dem Vater nahe, den Jungen auf ein, zwei Jahre in einen der großen Schweizer Höhenkurorte zu schicken. Dabei müßte, nach menschlicher Voraussicht, eine endgültige Heilung nahezu sicher zu erreichen sein. Die andern beiden Ärzte schlossen sich dem Urteil der Berühmtheiten ehrfurchtsvoll an. Auch Felix sprach dafür. In ihm kämpfte die bittere Erinnerung an die Umstände, die den Verlust seines Auges begleitet hatten, mit dem halb väterlichen Wunsche, dem jüngsten Bruder ein besseres Los zu sichern. Fritz war ja noch so jung — knapp achtzehn Jahre — hatte durch blindes Glück beim Abiturium eben erst ein Jahr erspart, in den ersten Universitätssemestern versäumte er ohnehin wenig, konnte auch auf eigene Faust anfangen ...
Der Vater blieb allen Vorstellungen taub: „Daran ist nicht zu denken! Den Buben etwa zum Weltreisenden erziehen? Er kann’s gar nirgends besser haben als zu Hause — gute Kost und Pflege — und ich habe ihn immer unter den Augen! Und kurz und gut — der Junge kommt nach Hause!“
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Da sind sie wieder, die engen Gassen und Plätze, mit schlüpfrigem Schlamm auf Fahrdamm und Bürgersteig, die häßlichen Häuser, die sich verwittert, schmutzig ducken, die weiten Felder ringsum, die im Grau des sprühenden Nebels verschwimmen. Alle Dinge haben Blicke, Gesichter und ihre stumme Sprache: „Zogst du nicht aus, das Leben zu erstreiten? Wo ist die Siegerkrone, wo die Freude, die du an deinen Wagen ketten wolltest? Woher die bitteren Falten um deinen Mund, du stürmender Bezwinger?“ — Und Fritz schleicht scheu und verbissen an den hämischen Häusern entlang. Das Mitleid der Menschen aber folgt ihm auf Schritt und Tritt. Ihm entrinnt er nicht — es hat scharfe Augen, schnelle Beine und eine geläufige Zunge. Es blickt hinter geschlossenen Fenstern hervor, es züngelt aus Menschengruppen auf, an denen er vorbeihastet, oder es stellt sich ihm breit, selbstbewußt, drohend fast, in den Weg: „Ich bin das Mitleid, ich will deinen Dank zehnten, wag es nicht, mich abzuweisen!“ — Und es hat einen weiten Mantel, in dessen Falten Haß, Neid, Eifersucht und Selbstgerechtigkeit sich kichernd verbergen. Verfluchtes Mitleid!
„Was seh’ ich, der Jüngste vom Herrn Sanitätsrat? Sie tun mir ja so furchtbar leid, so jung, kaum ins Leben getreten — und nun diese böse, böse Krankheit! Ein Blutsturz, wie? Und was sagt denn der Papa? Glaubt er denn, daß es noch besser werden kann?“ — „Mein Gott, lassen Sie sich doch ansehen — Sie scheinen doch sehr angegriffen! Ein Blutsturz! — Mein Mann sagt immer: nur nichts mit der Lunge! Das ist das Ärgste!“
Verfluchtes Mitleid!
Zu Hause: Die Mutter, vergrämt, ewig auf Schonung bedacht, den Tageslauf mit Ermahnungen begleitend. Der Vater ernst und leicht gereizt. Sein eigener Sohn — lungenkrank! Schande! Nun — wenn stete Aufsicht und strenggeregelte Lebensweise helfen können — daran soll’s nicht fehlen!
Gretl bleibt still. Sie fühlt, daß Mitleid den Bruder quälen müsse. So zeigt sie ein aufmunterndes Lächeln, wenn ihr auch Tränen in der Kehle sitzen.
Fritz selbst empfindet alle Befürchtungen und düsteren Voraussagungen, als könnte ihm die Krankheit ans Leben gehen, immer noch als übertrieben lächerlich. Er fühlt sich nun, da die Blutung überwunden ist, so wenig wie je in seiner Bewegungsfreiheit gehemmt. So weit es auf ihn, auf seinen Körper ankommt. Kein Fieber, kaum ein wenig Husten — keines der ekelhaften Symptome, von denen Zeitungen und Konversationslexikon zu erzählen wissen. Er hat die Krankheit fast vergessen, wäre innerlich bereit, das Studentenleben unverzüglich aufzunehmen. Die andern aber und vor allem der Vater: die haben nicht vergessen, vergessen keinen Augenblick, daß er krank, schonungsbedürftig, unfrei ist, und daß man ihn also, natürlich zu seinem eigenen Besten, mit Verboten umzirken muß. Rauchen, Trinken, abends ausgehen, Theater, Jagd — kurz alles, was den „Erwachsenen“ ausmacht, die Freiheit also — alles wird schroff verboten. Dazu auch noch das bescheidene Maß von Sport, das ihm während der Schulzeit bewilligt war — Radfahren, Fußball. Sie brechen ihm die Flügel — und er läßt es ratlos verbittert geschehen. Von Jugend auf hat er gegen die wuchtige Persönlichkeit des Vaters, gegen seinen starren, oft ungerechten Willen, wohl blinde Verneinung, auch Haß aufgebracht, doch nie offenen Trotz, Widerstand. Wie oft hatte er, mit glühender Verachtung gegen sich selbst, seinen Sklavensinn verflucht, das Ducken, Lügen und heimliche Toben, hatte wilde Vorsätze gefaßt, — um sie dann vor einem Blick des Vaters in Nichts zerflattern zu sehen. Und jetzt: zu unbändig stürmisch war sein Lebensdrang, zu sprühend jung, zu ungeleitet er selbst noch, als daß ruhige Überlegung ihm den Weg zu innerer Freiheit hätte weisen können. Wenn er nun alle unerfüllbaren Wünsche abtat, den freien Verzicht auf alles aufbrachte, was nach des Vaters Meinung mit seinem Zustand unvereinbar war, sich zu einem zahmen Stubenleben, mit Büchern und physikalischen Experimenten entschloß? Gab es nicht unter den Erwachsenen Nichtraucher, Nichttrinker, Nichtjäger in Menge? Machten wirklich nur diese Genüsse so unbedingt das Leben aus, daß man sich sie nötigenfalls heimlich verschaffen mußte, um vor sich selbst Geltung zu behalten? — Und in jäher Sehnsucht nach friedlicher Ausgeglichenheit mit seiner Umgebung warf er sich auf Bücher, fraß die väterliche Bibliothek gierig in sich hinein, bis ihm der Vater eines Tages einen Cooperband wegnahm: „Das ist noch lange nichts für dich; such’ dir was Vernünftiges, Weltgeschichte oder Brehm! Und überhaupt hast du von jetzt ab zu fragen, was du lesen darfst! Meine Bücher sind durchaus nicht für dich da!“ Noch hielt sich der Junge, ließ zwar die Bücher sein, warf sich aber auf Physik, baute elektrische Anlagen, Läutewerke, Lampen, Motor, alles von einer Batterie gespeist. Eine Spielerei nur, doch er nahm sie ernst, träumte sich über Jahre hinweg, zum mächtigen Fabriksherrn, bis der Vater auch hier eingriff: „Die Bastelei ist vollständig wertlos — Techniker wirst du ja doch nicht! Fang’ etwas Nützliches an!“
Und da war es vorbei mit allem guten Willen: die Krankheit war nur ein Vorwand, um das Überwachen, Hineinreden, Schurigeln, Drillen ungestört andauern lassen zu können! Darauf allein kam es an, ihn weiter unterm Absatz zu behalten. Um seine Jugend wollte man ihn betrügen!
Böse Zeit! Die Tage schleichen grau und leer. Draußen Regen, Nebel, Stürme. Selten ein Sonnenblick. Beim Frühstück sagt der Vater ein Mal ums andere: „Bei diesem Wetter ist es natürlich ausgeschlossen, daß du ausgehst!“ Und die Wohnung wird zum Kerker. Doch: unten im Keller wohnt der Hausmeister, ein Schuhmacher. Wenn man den besuchte? Das heißt doch nicht ausgehn? Ein Besuch innerhalb des Hauses! — Da unten hockt der Schuster an seinem Werktisch. Die Luft ist schwer und fade — es riecht nach Pech, Leder, altem Schuhwerk und Armeleute-Küche. Durch das kleine Fenster hoch an der Decke dringt fahles Licht, bricht sich in der runden Schusterkugel, die an einer Schnur hängt. Man sieht die Beine der Leute, die auf der Straße vorübergehen. Der Schuster fühlt sich geehrt durch den Besuch, gibt gewichtig Aufklärung über sein Handwerk, läßt es grinsend geschehen, daß Fritz sich im Einschlagen der widerspenstigen Holznägel versucht. Allmählich wird er wärmer, erzählt Stücklein aus seiner Gesellenzeit; er hat ganz Deutschland auf der Walz durchquert, war auch tief im Böhmischen drin und in Tirol. Eine freie, eine wechselvolle, eine bedeutende Zeit! Die schönen, fremden Gegenden, die lustigen Spracheigentümlichkeiten, merkwürdige Bekanntschaften in den Herbergen unterwegs, wohl auch Zwischenfälle mit hohen Ortsobrigkeiten, wegen unerlaubter Erleichterung übervoller Obstbäume oder Weinstöcke — und die Mädel, die Mädel! Durch Wochen jede Nacht eine andere, dann wieder, wenn sich’s grade traf, eine Meistersfrau, die dem jungen Gesellen auch nach Feierabend zu tun gab ... vorbei! Jetzt hat der Schuster ein todböses Weib, das gottlob tagsüber außer Haus ist, auf Bedienung. Aber sie belauert seine Arbeit, seine Ausgänge, knausert mit dem Essen, es gibt Zank und Streit, wohl auch Prügel. „Ich hob sie heiraten missen,“ sagte der Schuster in seinem groben Deutsch, „weil ich ihr a Kind gemacht hob. Ober das hat sie nur geschwindelt, die Bestie. Dos Kind wor von ganz wen andern! — So a Drach, so a böser, ich sog Ihnen, Herr Fritz, monches Mol könnt mich gleich der Teifel holn! So a Kanalje, so a verfluchte!“ Dann bricht er plötzlich ab und lauscht, ob die Frau nicht eben die Treppe herunterschleicht oder gar schon an der Türe steht und horcht, wie es ihre Gewohnheit ist.
Fritz hört ihm gerne zu. Das, ja das war Leben, diese Maßlosigkeit im Genuß! Was, ein Apfel dann und wann, ein Gläschen, ein Weib? Nein! Einen Baum leer fressen, daß man wochenlang das Bauchweh nicht los wurde, den Schnaps in Flaschen, den Wein in Krügen, das Bier in Kübeln saufen, daß Sinn, Verstand und alle Bedenken zum Teufel gingen, und die Weiber kurzerhand zusammenpacken, in einem Graben, in einem Kornfeld, auf dem Heuboden, im Stall — wo sich’s gerade traf. Das tat ein ganzer Kerl! — Er dachte an Betty. Die hatte er bei seiner Rückkehr nicht mehr vorgefunden. Sie war in ihrem Heimatsdorf verheiratet. Aber ihre Nachfolgerin? Ein strammes Bauernmädel, der das heiße Blut aus den Augen blitzte — warum nicht die? Auch dem Schuster gefiel sie. „Dos is a tüchtige Trulle,“ sagte er. „Ober solche junge Mädel sein noch dumm — die fürchten sich vorm Kinderkriegen! Do is nix zu machen!“ Aber Fritz bekam sie doch, fast mühelos, und sein inneres Übergewicht über den weitgereisten Schuster war wiederhergestellt, wenn er ihm auch seinen Triumph verschwieg. —
Und dann war es Winter, ein reicher Winter, mit viel Schnee, Sonne und klarem Frost. Weiß und blauer Schneerauch adelte die Einförmigkeit der engen Gassen, der flachen, toten Felder. — Da ist der Hund Huck, ein gelbweißer Kolli, mit schmalem Kopf und prächtiger Halskrause, nicht sonderlich klug, aber feurig und Fritz blind ergeben. Die beiden ergänzen sich wunderbar: der junge Mensch, der überall die Verbitterung über sein hartes Geschick mit sich trägt, der eigenwillig Schranken setzt zwischen sich und dem weißen Meer draußen, und der gereifte, verständige Hund, der die Freiheit liebt und die weiten Schneeflächen in rasendem Laufe durchpflügt. „Was rennst du so und freust dich, Huck, dummer Huck? Bald müssen wir wieder zurück in die Stadt, dort wartet der Maulkorb auf dich und die Leine!“ Aber Huck läßt sich nicht die Laune verderben, er rennt und springt, wälzt sich im Schnee, überschlägt sich und mit einem Gebell, das fast jubelndes Lachen ist, will er seinen Herrn dazu bringen, sich gleich hemmungslos der Freude hinzugeben. Umsonst — der vergißt Maulkorb und Leine nicht, ist ständig ihrer Schrecken eingedenk. „Glücklicher Hund!“ denkt er. Und die Schneefelder blauen weit: „Komm, du Mensch! Wir leben!“ Er aber sieht nur den Tod, sehnt sich nach ihm und folgt doch, anstatt sich willenlos zum Sterben hinzubetten, haßerfüllt der dunklen Stimme, die ihn zum Dasein zurückruft. —
Nach einförmigen Wochen eine Unterbrechung: Eine neue Blutung. Ohne vorherige Anzeichen, gänzlich unerwartet. Nur unbedeutend auch — doch immerhin Anlaß zur Unterdrückung der letzten Reste bescheidener Freiheit. Die Besuche beim Hausmeister fallen fort, desgleichen die Spaziergänge mit Huck. Tagelanges Bettliegen erst, dann Zimmerhocken. Fritz rast in seiner Kammer, rennt den Kopf gegen die Wände, beißt sich die Knöchel blutig: „Hund Gott, warum mir das, warum?“ Und er hofft auf den rächenden Blitz, der ihn zur Strafe für seine Lästerung zerschmettern soll. Doch der Himmel schweigt. „Bin ich so nichtig, daß ich dich nicht einmal beleidigen kann, Hund, meld’ dich, wenn du bist!“ Und toter Unglaube löst den Aufruhr ab. Fritz beginnt wahre Sträflingsliebe auf sein Zimmer zu verwenden, räumt selbst auf, macht sein Bett alleine, hält besonders den kleinen Schreibtisch in peinlichster Ordnung. Auf dem runden Blechuntersatz des Tintenzeugs liegen links drei Bleistifte, rechts drei Federhalter, sorgfältig ausgerichtet. Tintenlöscher, Mappe, Lineal haben ihre genau bestimmten Plätze. Das ist sein Reich, das er regiert. Bis der Vater einmal den sorgfältigen Aufbau bemerkt und alles durcheinanderwirft: „Was soll denn der Firlefanz! Wie eine alte Jungfer! Schämst du dich nicht?!“ Fritz baut heimlich wieder auf, der Vater aber macht sich von da ab den Spaß, täglich zwei, dreimal ins Zimmer zu kommen und Unordnung zu machen. Fritz läßt es geschehen. Der Schritt des Vaters, seine Art, die Türen zu öffnen und zu schließen, seine Bewegungen in dem kleinen Zimmer, alles schnell, laut, energisch, selbstsicher: ich bin der Herr! — Fritz läßt es geschehen. Und wenn der Vater draußen ist, legt er langsam die Bleistifte wieder zurecht, die Federhalter und das andere. Aber er zittert in glühendem Haß. Oh, wie er den Vater haßt! Einmal hört er ihn im Vorflur stolpern. Und bei dem Gedanken, er könnte hingefallen sein und sich weh getan haben, faßt den Jungen wilde Freude, er reibt sich die Hände, schwenkt die Arme, strampelt mit den Beinen, in lautlosem, wildem Jubel.
Kurze Zeit darauf kommt eine kleine Wandermenagerie in die Stadt. Ein runzliger Elefant, ein alter Löwe, ein Tiger, eine Boa — alle halbtot vor Hunger und durch das ständige Reisen zum Stückgut entwürdigt. Nur einer zeigt Leben, unheimlich gespenstisch: ein Wolf. Der rast hinter den dicken, rostigen Eisenstäben auf und ab. Der Käfig ist so eng, daß die Bewegung des Tieres zum ewigen Wenden wird, links, rechts, links, rechts. Die Augen, der triefende Fang glühen Blutdurst, Sehnsucht nach Weite, nach Gewalttat, nach Fleisch. „Hier, der russische Steppenwolf, der Schrecken des Landmanns, der größte Feind der Schafherden,“ erklärt der Besitzer. „Wenn man dieses Tier gefangen hält, dann rennt es hinter den Gitterstäben immer auf und ab, bis es von ihrem Flimmern erblindet. Auch dieser Wolf ist blind — aber er ist noch sehr böse!“ Und der buntgekleidete Mann fährt mit einer Eisenstange klirrend über das Gitter. Da heult der Wolf schaurig auf, springt an den Wänden hoch, beißt wütend in das Eisenwerk, das ihn von der Freiheit trennt. Doch das hält gut.
Fritz steht dabei, und Haß und Tränen würgen ihn zum Ersticken. „Das bist du,“ kocht es in ihm. „Ein gefangener Wolf, geblendet, der ins Gitter beißt!“ Gretl, neben ihm, legt unvermittelt die Hand auf seinen Arm: „Ich möchte fort,“ sagt sie. „Das ist so traurig hier!“
Und sie gehen. Draußen liegt die Vorstadtwiese in grellem Abendschein. Die Luft ist weich, in dem zertrampelten Rasen regt sich da und dort ein elender grüner Halm; es riecht stark aus allen Pfützen: das ist Frühling! Fritz wirft in jäher Bitterkeit beide Arme hoch und spuckt wütend aus. Und die Schwester geht stumm und blaß neben ihm.
Nach einer Weile fängt der Bruder an: „Wenn ich wenigstens eine Liebe hätte, so eine richtige Studentenliebe, der man Blumen schenkt, und Gedichte macht, und überhaupt ... Alle meine Schulkameraden haben so wen gehabt, nur ich nicht! — ich hab’ mir schon gedacht: sie dürfte nicht zu weit von uns wohnen, weil ich doch oft schlecht weg kann, und von zu Hause müßte sie ziemliche Freiheit haben, damit sie mit mir spazieren gehen kann, weißt du?“ — „Ja,“ sagt Gretl verlegen, „da wäre die Else Kalisch, die geht doch immer mit Studenten.“ — „Kennst du sie?“ fragt der Bruder. Doch sie wehrt hastig ab: „Nein, nein, nur vom Sehen. Aber sie wird doch immer beim Lyzeum erwartet!“ „Ach so, sie hat schon einen,“ meint Fritz enttäuscht. — „Es ist doch beinah jedesmal ein anderer,“ belehrt ihn die Schwester, „sie hat viele Bekanntschaften, allerdings!“ — „Ach Gott, so eine!“ murrt Fritz. — „Aber sie wohnt keine hundert Schritt von uns, in der Seilergasse,“ gibt Gretl zu bedenken. — „Ist das am Ende die jüngste Tochter von dem Finanzrat, die blonde?“ fragt Fritz. Gretl nickt. „Aber wie soll ich die kennen lernen? Kann ich sie denn einfach so ansprechen?“ — „Ich glaube schon,“ sagt Gretl. — „Aber wenn sie mir einen Korb gibt?“ — „Das tut sie nicht!“ sagt Gretl. Und ein Unterton in ihrer Stimme läßt den Bruder auffahren. „Mein Gott, alle können nicht so fein erzogen sein wie wir!“ sagt er bissig. „So ein guter Vater, wie unser Vater! Alle Hochachtung!“ — Da wird Gretl rot vor Eifer: „Sprich nicht so!“ bittet sie. „Er meint es gut, glaub’ mir! Aber ihr versteht euch nicht, das ist der Jammer! Das quält mich so ...“ Und sie schluchzt kurz auf. Der Bruder lacht höhnisch, aber er sagt nichts. Und im Weitergehen drückt ihm Gretl scheu und flüchtig die Hand.
Wenige Tage später macht Fritz die Bekanntschaft der blonden Else, indem er ihr, nach alter Sitte, erst eine halbe Stunde „nachsteigt“, wobei das erkorene Opfer mehrfach überholt, umkreist und angelächelt wird, und sich endlich in einem stillen Winkel der Anlagen „anschmeißt“. Es enttäuschte ihn, zu seiner eigenen Verwunderung, daß alles so glatt ging. Was waren das für Mädel, die sich so einfach ansprechen und begleiten ließen? Er dachte an Gretl, und Verachtung für diese Fremde wollte sich regen. Aber der einmal gefaßte Entschluß erlaubte kein Zurück: Hier war die Gelegenheit zu einer Studentenliebe, und sie mußte ausgenützt werden. Seine Eitelkeit wehrte sich zwar: Was war das schon für ein „Erfolg“, den er mit fünf, zehn oder noch mehr andern teilte? Und wie trostlos alltäglich war das alles, seine hergebrachten Komplimente, ihre Geziertheit, die leeren Reden hin und her. Doch er zwang diese inneren Einwände hartnäckig zum Schweigen. Er wollte lieben; und es gelang ihm bald. Sein Verhältnis zu Minna, der Nachfolgerin Bettys, hatte sich sehr rasch hemmungsloser gestaltet, als ihm lieb war. Das Mädel tat ja, als hätte sie körperliche Ansprüche an ihn zu stellen! Nun, da er die Liebe zu der blonden Else, der Unberührbaren, in sich groß zog und hütete, bot sich ihm ein willkommener Vorwand, Minna fernzuhalten. Der Gedanke an Untreue kam ihm nicht. Was hatten die auch miteinander zu tun, ein Mädel an dem man gedankenlos seine Herrenlust kühlte, und eine Jungfrau, die man anbetete? —
Nun liegen die Felder in jungem Grün, das Wetter ist mild und Fritz kann sich ohne große Schwierigkeit zu täglichen Spaziergängen von Hause entfernen. Meist trifft er sich mit seiner Erwählten auf einsamen Feldwegen an der Stadtgrenze; dann gehen sie langsam nebeneinander hin und er versichert in gewählten Worten, wie sehr und ausschließlich der Gedanke an ihren blonden Liebreiz seine einsamen Stunden fülle. Sie hört ihn sittig an, weiß im rechten Augenblick schämig zu erröten, hat aber manchmal auch eine Art, ihn hastig von unten her anzublitzen, die ihm unbehaglich ist. Verdammt, das ist ja genau so wie Betty oder Minna ... Doch entsetzt weist er den lästerlichen Gedanken alsbald von sich. —
Elsa schwärmt für die Natur und wird nicht müde, mancherlei Schönheiten mit frohen Ausrufen zu begrüßen. Ein bunter Sonnenuntergang, ungewöhnliche Wolkenbildungen, doch auch ein blühender Obstbaum oder ein schillernder Käfer veranlassen sie oft, unvermittelt stehen zu bleiben: „Sehen Sie nur, wie schön!“ sagt sie dann wohl. Und fügt andächtig hinzu: „Ja, die Natur!“ Fritz vermag ihr dabei nicht zu folgen. Der Begriff „Naturgenuß“ fehlt ihm völlig. Wohl kennt er das tierische Behagen, sich oben in Weißwasser im reifen Sommer in einem Waldwinkel zu dehnen und sich mit den grüngoldenen Fichten, dem weichen Moos eins zu fühlen. Doch auch da verläßt ihn nur in seltenen Augenblicken das Gefühl, er sei in fremdem Hause zu Gast. Von der Feldebene hier unten trennen ihn quälende Schranken; und Elsas selbstherrliche Art, die Vorgänge in der Natur wie ein bezahltes Schauspiel mit gelegentlichem gnädigem Beifall zu begleiten, weckt unbestimmten Ärger in ihm.
Einmal gibt es darüber eine kleine Auseinandersetzung. Fritz hat den Hinweis auf eine zartrosa Wolkengruppe mit mürrischem Schweigen beantwortet. Da sagt Elsa spitz: „Sie sind sicher kein guter Mensch — Sie haben gar nichts für die Natur übrig!“ —
Und Fritz gibt bockig zurück: „Erstens habe ich gar keinen Ehrgeiz, ein guter Mensch zu sein; so glänzend geht mir’s schon nicht. Und dann: wird die Wolke vielleicht schöner, wenn ich mich davor stelle und ‚Ach’ und ‚Oh’ rufe? Über so was kann man doch nicht reden!“ — „Sie sind aber doch sonst nicht auf den Mund gefallen!“ spöttelt Elsa. Und er haßt sie plötzlich. Sie scheiden verstimmt. Zu Hause fällt er trotzig über Minna her und übermannt sie. Doch nachher plagen ihn Ekel und Selbstverachtung. Ist er so grenzenlos verdorben, daß keine reine Liebe mehr in ihm wurzeln, ihn vor schmutziger Fleischlust bewahren kann? Warum ist Elsa ihm so fremd, so fern? Nun kennt er sie schon fast ein Vierteljahr, sieht sie täglich — und immer noch dies kalte „Sie“ und „Fräulein Elsa“ — und ein Handkuß dann und wann, als einzig gestattete Liebkosung! Wenn sie sich küssen ließe, das müßte ihm helfen! Aber ein Kuß? — Und er denkt an Gretl. Doch Gretl würde sich ja auch nicht auf der Straße ansprechen oder begleiten lassen ... Und als er fühlt, daß Elsa bei dem Vergleich schlecht wegkommt, beschließt er heftig, an Gretl dabei gar nicht weiter zu denken. Es konnte ganz gut sehr anständige Mädel geben, die sich auch einmal küssen ließen, wenn sie einen sehr lieb hatten. Und Gretl hatte gar nichts dabei zu tun.
Für den nächsten Spaziergang wählt er einen Weg, der einsam und in vielen heimlichen Windungen zwischen hohen Hecken hinführt. Elsa ist von gestern her noch leicht verletzt und gibt sich hoheitsvoll unnahbar. Er braucht lange, um zu seiner Bitte Mut zu fassen. Dann beginnt er leise: „Ich habe eine große Bitte, Fräulein Elsa!“ und bricht ab. Sie blitzt ihn aus den Augenwinkeln an, es sieht fast wie Spott aus. Seine Augen bitten beredt weiter, er faßt schüchtern nach ihrer Hand. Doch das Mädchen wehrt ihm ab: „Ich kann mir schon denken, was Sie wollen! — Ihr Männer seid alle gleich, — Liebe, Zutrauen, genügen euch nicht — ihr müßt mehr haben — das! Schämen Sie sich!“ Fritz ist sprachlos verwirrt: Ist es möglich, daß die Bitte um einen Kuß solcher Empörung begegnet? Und er fühlt, wie ihm das Weinen schmerzhaft in die Kehle steigt. Wütend strafft er das Gesicht, um das Zucken der Mundwinkel zu verbergen und stolpert trostlos neben dem Mädchen her. Da trifft ihn wieder, kurz und spöttisch, ein blitzender Seitenblick, und sein Mißtrauen will jäh aufspringen. Doch er zwingt es nieder, und sagt, nach langer Pause, sehr demütig: „Ist das etwas so Schmähliches — ein Kuß?“ Elsa dreht den Kopf weg, aber er sieht sie lächeln. Lebensfreude kehrt ihm zurück, er beugt sich, küßt den kindlichen Mund. Da beißt sie ihm scharf in die Lippe, daß er erschreckt zurückfährt — was war das? — Elsa sieht ihm gerade in die Augen und sagt: „Held!“ Nichts weiter. Er begleitet sie stumm nach Hause. Kaum ist er allein, meldet sich Siegergefühl. Doch Mißtrauen streitet heftig dagegen an, er muß sich mit Gewalt zwingen, den Vergleich mit Gretl auszuschalten: „Ihr Männer ...“ Könnte Gretl jemals so sprechen? — Doch endlich behauptet sich frohlockende Siegerfreude.
Am nächsten Tage bringt er Krachmandeln mit, schlägt vor, Vielliebchen zu essen, auf Dusagen. Und sein Stolz auf die kühne Erfindung fühlt sich leicht verletzt durch den allzu geringen Widerstand. Immerhin: „Du, Elsa, gib mir noch einen Kuß!“ Wie das klingt! Und er bekommt den Kuß, noch einen, kann sich ohne Bitten noch viele nehmen — das ist Liebe!
Dann zieht Elsa den linken Handschuh aus, zeigt ihm, in den Handballen blutig eingeschnitten F. „Das heißt Fritz“ sagt sie und sieht ihn fest an. „Das hab’ ich mir selber eingeschnitten, mit dem Taschenmesser!“ Er ist überwältigt. So wird er geliebt! „Schneidest du dir ein E?“ fragt sie lockend. — „Nein!“ sagt er überrascht. Doch als er sieht, daß die kurze Ablehnung sie verstimmt, fügt er schnell hinzu: „Schneid’ du mich, daß ich eine Narbe behalte! Zum Andenken!“ Sie drückt ihm wortlos die kleine Klinge in den Handrücken und zieht sie langsam durch, daß aus einem tiefen Schnitt reichlich Blut quillt. „Laß mich kosten,“ flüstert sie, beugt sich über seine Hand und er fühlt ihre scharfen Zähne. Er beginnt zu zittern vor Verlegenheit, reißt seine Hand zurück und umwickelt sie dick mit dem Taschentuch. Sie gehen stumm weiter, bis zu einer abgelegenen Feldscheuer. Da sagt Elsa: „Ich bin müde.“ Er, noch halb in Gedanken verloren, wirft seinen Mantel auf den Wegrand und ladet sie zum Niedersitzen ein. „Nein, nicht hier!“ sagt sie. „Gehn wir in die Scheune!“ Und während er sie verblüfft anstarrt, kommt unverhüllt der Ausdruck in ihr Gesicht, den er bisher in kurzen Augenblicken erspäht hat und nie wahr haben wollte: ein Blitzen in den Augen, die Lippen, dunkelrot, öffnen sich halb — das ist Betty, Minna, das ist der Schmutz! Seine Liebe ist verflogen. Was, Jungfrau, unberührbare! Wütende Enttäuschung und, stärker noch, Angst befallen ihn, Angst davor, mit diesem begehrlichen Weib allein zu sein in geschlossenem Raum. Blitzschnell jagt seine Erinnerung vergangene Eindrücke vorbei. Sein Mißtrauen, überwach nun und ungezügelt, zieht grausam die Summe: die leichte Bekanntschaft, die Bereitwilligkeit zu einsamen Gängen; die Empörung damals, als er um den Kuß bitten wollte — wie falsch und hohl, wohl nur gespielt, um ihn herauszufordern! Anbeten — die? — Bleich vor Verachtung macht er seine gezierteste Tanzstundenverbeugung und fragt: „Darf ich Sie nach Hause begleiten?“ — Da läuft sie wütend davon. Er fühlt sich in seinem Heiligsten verraten, weidet sich wollüstig an bitterem Weltschmerz. Auch Stolz meldet sich, daß er der Versuchung nicht erlegen ist. Die Angst ist vergessen. Keine leiseste Regung mahnt ihn, es könnte ein schönes und heiliges Feuer sein, das zwei junge Körper ineinander schmilzt. Ihm selber unbewußt sind seiner Seele wohl eingebrannt die Striemen jener Züchtigung, die ihn zum Glauben an den Storch zwingen wollte, und geifernde Pfaffenworte springen ihm durchs Hirn, von fleischlicher Vermischung und Unkeuschheit.
Wo bist du, sonniges Hellas!
42
Kurz darauf reist die Mutter mit Fritz und Gretl nach Weißwasser. Klarer Bergsommer, der Wäldern und Bächen nichts von ihrer Frische nimmt, sie nur segnend durchwärmt. Jede Stunde hat ihr Gesicht, ihren Geruch. Fritz kennt sie alle. Frühmorgens herrschen die Fichten, stehen taubeperlt nach kalter Nacht und füllen die sonnendunstige Luft mit ihrem herben Atem. Am hohen Mittag duften die Walderdbeeren und das Harz am stärksten; die Kreuzotter sonnt sich träge; Kuckucksruf und Taubengurren. Sinkt aber früh am Nachmittag die Sonne hinter den hohen Berg, — tief unten das Tal liegt noch in ihrem Schein — da rieseln die Quellen lauter, die Moospolster senden leise Nebel aus, die sich ziehend mit dem Holzrauch und dem süßlichen Stallgeruch aus den Dorfhäusern mengen.
Fritz geht mit der Schwester durch den Wald, und aus tausend Erinnerungen weht Kindheit und Heimatsgefühl: hier stand die Zwergenhütte, und das hier war Falkos Stall — weißt du noch? In beiden erwacht die Lust, alles Wissen abzutun, wieder gläubig zu spielen. Doch scheue Verlegenheit hält sie ab. Sie sind erwachsen! —
Wieder empfindet Fritz quälend den Abschnitt in seinem Leben. Vorbei die Kindheit — und war so kurz, kaum gelebt. Vorbei das unbefangene Hinnehmen; nun steht das Leben da und fordert ein Tun, ein Wollen zumindest. „Was bin ich und was soll ich?“ Die alte Frage hat plötzlich schreckhaft neuen Sinn. Die Bäume rauschen Antwort. Doch der Junge versteht ihre Sprache nicht.
43
Immer häufiger beginnt der Vater von seinem nahen Ende zu sprechen. Zwar ist er unverändert rüstig, und dem straffen, aufrechten Körper merkt niemand die vollen siebzig Jahre an. Noch waidwerkt er ungehemmt auf den Brunfthirsch in steilen Waldbergen, keine Frühpirsch, kein Nachtansitz, keine winterliche Treibjagd wird ihm zu sauer. Vielleicht ist es nur eine Redensart, um von den Zuhörern immer wieder die Versicherung zu erhalten, wie so gar kein Anlaß zu solcher Befürchtung gegeben sei. Eine späte Koketterie also, wie sie manchen rüstigen Greis befällt? Oder fühlt er innerlich, daß die Welt schneller zu laufen beginnt, zu schnell, als daß er lange noch mit ihr Schritt halten könnte? —
Nun hat die Stadt endlich ein Kraftwerk gebaut, und es gehört zum guten Ton, elektrisches Licht zu brennen. Die Einrichtung ist nicht länger mehr zu umgehen. Beim Abendessen kommt einmal das Gespräch darauf. Da sagt der Vater, leise und seltsam müde: „Mein Vater, mein Groß- und Urgroßvater haben Öllampen und Kienspan gebrannt, und an Festtagen Wachskerzen. Und mein Vater hatte noch mit neunzig Jahren Augen wie ein Luchs. Aber jetzt? In den letzten zehn Jahren haben wir viermal die Beleuchtung gewechselt — erst die neuen Petroleumlampen mit Rundbrenner, dann das offene Gaslicht, dann Auerlicht, jetzt soll Elektrisches kommen, und morgen vielleicht schon wieder was Neues! Man kommt gar nicht mehr zur Ruhe — die Welt ist verrückt!“ Fritz hat ein unbestimmtes Siegergefühl und beginnt unvermittelt seine Kenntnisse über die neue Erfindung auszukramen: „Die Glühbirne muß luftleer sein, sonst würde der Kohlenfaden verbrennen. Und gegen den Kurzschluß gibt es Sicherungen, das sind ganz dünne Silberdrähte, die in den Stromkreis eingeschaltet werden ...“ Da weist ihn der Vater heftig zur Ruhe: „Halt den Mund und warte, bis du gefragt wirst!“ Und Fritz verstummt, aber er schießt der Schwester einen Triumphblick zu. Und in ihm jubelt es: „Er kann nicht mehr mit — er kann nicht mehr mit!“
Schließlich werden die elektrischen Leitungen gezogen, aber der Vater weigert sich hartnäckig, in den Schlafzimmern Bettlampen anbringen zu lassen. Der Schalter kommt an die Eingangstür, in die Mitte des Zimmers eine Deckenlampe. Auf den Nachttischen werden nach wie vor Kerzen gebrannt. „Das Gas konnte man ja auch nicht vom Bett aus anzünden oder löschen,“ sagt der Vater. Fritz aber meint spöttisch zur Schwester: „Der glaubt, er hält die Zeit auf, wenn er sich’s ja recht unbequem macht! — Ist ja lächerlich!“ —
Und da ist das Telephon, das endlich auch seinen Einzug erzwungen hat. Mein Gott, da hängt nun so ein dunkelpolierter Holzkasten an der Wand, der mit Drahtwerk, Hartgummi- und Nickelteilen geradezu medizinisch anmutet. Das schrille Läutwerk bringt jedesmal das Haus in Aufruhr. Der Vater geht an den Apparat, hebt den Hörer ab, ruft „Halloh“ in die Sprechmuschel, alles mit gemessener, wenn auch etwas krampfhafter Würde. Dabei läßt er kein Auge von der breitgedruckten Gebrauchsanweisung, die daneben an der Wand hängt. Und nachher versäumt er es nie, den Inhalt des Gesprächs der aufhorchenden Gattin kurz zu wiederholen. „Der Direktor Keil bittet, ich soll gegen fünf Uhr nachmittags hinkommen, und ich habe ihm geantwortet ...“ — „Wie Moses nach der Rückkehr vom Berge Sinai, als er mit Gott geplaudert hatte,“ sagt Fritz zur Schwester. Ihm ist übrigens die Benützung des Telephons verboten. „Das ist ein sehr kostspieliger und komplizierter Apparat, den ich beruflich brauche, aber kein Spielzeug für die Kinder!“ So sagt der Vater. Und Fritz trägt, wie gewöhnlich, seinen Ärger zu Gretl: „Wenn er telephoniert, dann spricht er selbst und hört den anderen sprechen — aber deswegen glaubt er doch nicht, daß es so was überhaupt gibt! Ich bin überzeugt, er hat im Grunde Angst! Und wenn er telephonisch wohin gerufen wird, dann geht er zwar, aber bis zum letzten Augenblick ist er nicht sicher, ob es nicht nur ein dummer Witz war! Und deswegen darf ich nicht telephonieren, weil ich mich eben auskenne! Eifersucht, nichts weiter!“ Gretl lächelt gequält und sagt: „Laß ihn, du änderst ihn nicht mehr! Er ist alt!“
Es geht dem Herbst zu, und noch ist über Fritzens nächste Zukunft nicht entschieden. Gegen die Rückkehr an die Universität, in die Großstadt, sprechen gewichtige gesundheitliche Gründe: „Jetzt hat man den Buben ein Jahr lang mühsam herausgefüttert,“ sagt der Vater, „und in der staubigen Großstadt geht der Tanz nach ein paar Wochen wieder los! Dazu habe ich wenig Lust! — Und überhaupt die Universität! Bei deiner notorischen Faulheit brauchst du sicher fünf, sechs Jahre bis zum Doktor, und selbst dann kannst du dich noch lange nicht selbst erhalten. Und wenn ich heute oder morgen einmal nicht mehr da bin, dann möchte ich nicht, daß du etwa Jahrzehnte lang der armen Mama auf der Tasche liegst! — Es gibt ja auch praktische Berufe, in denen man viel schneller zum Verdienen kommt! Was sagst du dazu?“ — Und Fritz schweigt, hauptsächlich, weil er weiß, daß er den Vater damit ärgern kann. Teils aber auch aus wirklicher Ratlosigkeit. Das freie Studentenleben schreckt ihn nach den ersten Erfahrungen mehr, als es ihn reizt. Und wirklich studieren, die elende Schulpaukerei gleich wieder fortsetzen? — Aber ein praktischer Beruf? Schlosser vielleicht? — Der Vater hat wohl schon einen festen Plan, und will jetzt nur sein Einverständnis erlisten, um später einmal sagen zu können: „Du hast’s ja selbst gewollt — man hat dir ja die Wahl gelassen!“ — Wie kläglich war das! Früher einmal, da hieß es: Biegen oder brechen! Der Vater befahl, und die „Kinder“ hatten zu gehorchen. Kein schöner Zustand, bei Gott, aber einfach und klar. Jetzt aber, die Jesuitenkünste! Dem alten Löwen wackelten die Zähne!
Und Fritz schweigt, der Vater aber wird pünktlich böse: „Da hat man’s ja, da steht der ellenlange Kerl wie ein Stück Holz, und sagt nicht A noch B! — Aber ich werde mich nicht mit dir herumärgern und mir die Lunge aus dem Leib reden! — Du gehst heute nachmittag zum Herrn Rat, der wird dich vielleicht eher zum Sprechen bringen!“
Der Herr Rat empfängt den Jungen in seinem prunkvollen Wohnzimmer, weist ihm einen der üppigen, weichen Lehnstühle an, hüstelt ein wenig, saugt passend an seiner dicken Zigarre und beginnt endlich sichtbar verlegen eine vorbedachte Rede. Fritz fühlt sich geschmeichelt von dem großen Apparat, der seinetwegen in Bewegung gesetzt wird, ist aber auch gespannt auf die kommenden Enthüllungen. Das Bewußtsein augenblicklicher Wichtigkeit und der eifrige Wunsch, die dadurch bedingte Überlegenheit zu wahren und nötigenfalls auszunützen, beschäftigen ihn so stark, daß er der gutmütigen, leicht kurzatmigen Stimme des Herrn Rats zunächst nur wohlig lauscht, ohne auf den Sinn der Worte zu achten. Erst ein stark geräuspertes „Verstehst du mich auch?“ reißt ihn aus seinen Träumen.
Ja, also: Der Papa ist alt ... zwar außergewöhnlich rüstig ... aber immerhin — siebzig Jahre ... hat den begreiflichen Wunsch, die Kinder versorgt zu sehen. Bei Felix und Max sei das wohl erreicht, und Gretl, na ja, für die würde sich wohl ein braver Mann finden, ein so prächtiges Mädel, keine Frage ... Ja, aber (hm, hrrr, pschitt), Fritz! Ja! Da sei wohl reiflichste Überlegung am Platze! — Der Geldpunkt allein dürfe keinesfalls ausschlaggebend sein ... Obwohl natürlich ... das lange Studium und die Anfangsjahre in jedem akademischen Beruf, ohne oder fast ohne Gehalt ... immerhin recht weitgehende materielle Opfer ... aber diese Opfer würden ohne weiteres gebracht werden — im Vertrauen: des Vaters Vermögenslage sei durchaus nicht ungünstig, wenn er selbst sich auch als armen Mann hinzustellen liebe; durchaus nicht ungünstig, im Gegenteil, hm, hrr! Aber der Kernpunkt: Ob ausgesprochene Neigung zum Universitätsstudium vorhanden sei, ausgesprochene Neigung und der feste Wille, es darin rasch vorwärts zu bringen ... Darauf komme es wesentlich an ... denn sonst allerdings ... Obwohl von Zwang keine Rede sein solle ... aber immerhin — wie? Hm? —
Fritz beginnt Mitleid zu empfinden für den verlegen hüstelnden alten Freund und bricht mit einer Frage ein: „Um welchen praktischen Beruf handelt es sich?“
Der Herr Rat beantwortet diesen knabenhaften Entwirrungsversuch feingesponnener diplomatischer Fäden zunächst mit einem mißbilligenden Funkeln aus runden Brillengläsern und mit verstärktem Hüsteln. Dann entschließt er sich, in wesentlich trocknerem Ton, zu der sachlichen Mitteilung, er habe einen befreundeten Bankdirektor in Mailand, der bereit wäre, Fritz als Volontär einzustellen. Und er will sich über die Vorzüge und Nachteile des Bankfaches weiter auslassen. Fritz aber unterbricht ihn atemlos: „In Mailand? Wann könnte das sein?“ „Morgen, wenn du willst!“ gibt der Herr Rat gemessen zurück. „Oh ja, oh, bitte, ja, das will ich! Ich gehe nach Mailand!“ Fritz jubelt fast. Umsonst versucht der Herr Rat ihn zum Nachdenken zu bringen ... der endgültige Verzicht auf den akademischen Grad dürfe nicht der Entschluß eines Augenblickes sein, später, im Leben, hänge die gesellschaftliche Stellung nicht unwesentlich davon ab ... dann sei es aber zu spät zur Umkehr ...
Fritz aber hält ihm froh entgegen: „Sie sind ja auch nicht Doktor, und verkehren doch überall!“ Darauf hat der Herr Rat, leise verletzt, nichts mehr zu erwidern. Er fragt nur, etwas förmlich: „Es ist also dein freier und fester Wille?“ Und Fritz schmettert ein begeistertes Ja! Er hat nur Mailand erfaßt, die Weite, die Fremde, die Freiheit! Dorthin reichte die Zuchtrute nicht — dort mochte das Leben beginnen. Bankvolontär? Mein Gott, man konnte auch Kuhhirte sein — in Mailand! Er springt auf, will nach Hause laufen, einpacken ... da hält ihn der Herr Rat zurück: „Ich werde also meinem Freunde schreiben, daß du die Stellung, sagen wir, Mitte September antreten wirst!“ — „Mitte September, noch drei Wochen, warum so lang?“ fragt Fritz enttäuscht. „Bei der großen Entfernung ist an ein Nachhausekommen vor einem Jahre nicht zu denken, wahrscheinlich werden sogar zwei, vielleicht auch drei Jahre vergehen.“ Der Herr Rat spricht mit eindringlicher Würde, mit etwas Schärfe sogar. „Da ist nicht nur Verschiedenes vorzubereiten, an Wäsche, Kleidern und so fort, sondern,“ und die runden Brillengläser blitzen Ermahnungen, „deine Eltern werden dich vor der langen Trennung noch einige Zeit bei sich haben wollen!“ — „Wirklich!“ murmelt Fritz, und verzieht höhnisch den Mund. „Ich dächte, ich bin nun lange genug erzogen worden!“ — Aber der Herr Rat belächelt die Frechheit nicht. Er bleibt ernst und gemessen: „Du begehst ein großes Unrecht! Deine Eltern haben sicher immer nur dein Bestes gewollt! Du hast dir nur nicht die Mühe genommen, sie zu verstehen! Du bist vielleicht auch noch zu jung ...“ — „Sagen Sie lieber, mein Vater ist zu alt, fünfzig Jahre älter als ich, und die Mama dreißig, da ist es schwer mit dem Verstehen! Und mein Vater hat nie daran gedacht, etwa mich verstehen zu wollen ...“ — „Er ist dein Vater,“ sagt der Herr Rat mit Strenge. Und in Fritz erwacht der wilde Trotz seiner Jungenjahre: „Ich habe ihn nicht darum gebeten — und keinesfalls ist das so, daß der Vater nur Rechte hat und der Sohn nur Pflichten — und schließlich ist immer der Knüppel der einzige Dolmetsch! Mein Vater hat mich in die Welt gesetzt — aber darum bin ich noch nicht seine Sache!“
Der Herr Rat winkt peinlich berührt ab: „Lassen wir das ... Du wirst älter werden und über all das ruhiger denken lernen! Da du aber gerade hier bist, hätte ich gerne noch etwas mit dir besprochen ... um so mehr, da du ja jetzt weit fort in die Fremde gehen sollst ... Ja! Hm!“ Und das Räuspern und Hüsteln setzt verstärkt wieder ein ... „Dein Vater findet es sehr schwer, sich mit dir zu verständigen — du tust ja auch tatsächlich nichts, um es ihm irgendwie leichter zu machen — ja! Hm! ... Und so hat er mich gebeten ... Es gibt gewisse Fragen, über die du schwerlich bisher nachgedacht hast, du bist wohl auch zu jung dazu ...; nun handelt es sich darum, dich vor Torheiten zu bewahren! Die Beziehungen des Mannes zum Weibe ... Hm! Hrr! Hrrr!“ Der Herr Rat versteckt sich zeitweilig hinter einem Hustenanfall. In Fritz aber knallt die vorherige Spannung zu der jähen Erkenntnis auseinander: „Er soll mich aufklären!“ Grell wie im Blitzlicht liegt die unerhörte, weltfremde Ahnungslosigkeit der alten Leute vor ihm: die meinen etwa, er glaube noch an den Storch, weil man es ihm vor Jahren einmal so eingeprügelt und seither nicht widerrufen hat! Und der Vater findet es unter seiner Würde, eine frühere Erziehungslüge zuzugeben, darum muß der Herr Rat an die Front! Und der gibt sich dazu her, ahnt nicht, oder will es nicht wahrhaben, daß ein junger Mensch mit neunzehn Jahren sich selbständig Gedanken gemacht, Erkenntnisse verschafft haben könnte! Oh, altes Eisen, altes Eisen! — Und eine entsetzliche, giftige Lachsucht, auf deren Grunde Tränen lauern mögen, erstickt den Jungen fast. Doch er bezwingt sich; Wissen zu zeigen, könnte gefährlich sein. Und dann: dem alten Herrn fällt es ersichtlich schwer, die heiklen Dinge zu erörtern. Mag er sich plagen — die beste Rache!
So senkt der Junge die Augen, um ihr Glitzern zu verbergen, klemmt schmerzhaft das Wangenfleisch zwischen die Backenzähne, damit nicht das Gesicht in breitem Grinsen zergehe, und knetet fieberhaft die Finger ineinander. Der Herr Rat nimmt es für schamhafte Verlegenheit, wird dadurch selbst noch befangener und räuspert, hustet, stottert linkische Erklärungen, Andeutungen, Warnungen ... — Alimente ... Erpressung ... Krankheit ... Zwangsehe ... Das Geheimnis der Menschwerdung wird in dem Greisenmund zur gefahrdrohenden Klippe, zum häßlichen Schattenfleck. Fritz fühlt seine Erinnerungen, seine Triebe sich regen, unrein und doch unwiderstehlich lockend; lastend, wie ein süßer Fluch. — Die niedergepreßten Augenlider erzeugen rotglühende Bilder, in deren Schauern es sich verliert — Weiber mit geil prunkenden Geschlechtsmerkmalen, Busen, Hüften, Schenkel, dunkles Kraushaar auf weißem Fleisch, Weiber, lüstig hingestreckt, kniend, kauernd, breitbeinig stehend — Weiber — doch keine hat ein Gesicht. Nur ihr Geschlecht lockt aus dem roten Nebel ... Weiber ...
Da klingt die Stimme des Herrn Rats, väterlich, mit ernster Rührung geladen: „Versprich mir das, mein lieber Junge!“ „Ja, ich verspreche es,“ sagt Fritz mechanisch und gibt eine bebende Hand. Er weiß nicht, was er versprochen hat. Die Erregung sitzt ihm an der Kehle wie eine würgende Hand. So tappt er heim.
44
Ein Frühzug gleitet aus dem Kleinstadtbahnhof. Der Morgennebel läßt den Kohlenrauch nicht verfliegen. Es riecht nach Reise und Abschied. Die müde Herbstsonne malt Perlmutterglanz auf Dächer und Türme. Sie grüßen von weither, wie seliges Land. Ist das die Heimat?
Fritz beugt sich ein letztesmal zum Fenster hinaus. Da sieht er weit weg, verschwimmend schon, ein weißes Tüchlein wehen. Das ist die Schwester — und wütende Sehnsucht überfällt ihn, nach den guten, dunklen Augen, die nur Treue kennen. Was könnte ihm die Fremde bieten, das besser wäre? — Angst schleicht sich an. — Und der Vater — wie müde und weich war der Abschied! „Wir sehen uns wohl nicht mehr, mein lieber Junge,“ hat er gesagt. „Halt dich brav — vielleicht geht’s jetzt!“ Das klang wie Eingeständnis eigener Ohnmacht — und quälend hatte der Junge die Härte vermißt, die er am Vater, bei allem Trotz und Haß, doch immer geliebt hat. Immer geliebt hat. —
Die Kleinbahn bleibt zurück — der Schnellzug auf der Hauptstrecke klirrt durch weites Land. Die große Stadt wird im Wagen von Bahnhof zu Bahnhof durchquert. Die Universität dort. — Student? — Halber Pennäler!
Und wieder ein Schnellzug mit riesenhafter, kegelspitzer Maschine, stiernackig, und langgestreckten Wagen, die lautlos aus der weiten Halle schwimmen. Und was sich nun zu beiden Seiten im Abenddämmern dehnt, Felder, Büsche und ferne Waldberge, das ist Neuland, ist die Fremde. Die Nacht bringt zerrissenen Schlaf.
Im Frühlicht flammen Schneeberge auf, mit Almen an ihrem Fuß und Dörfern von nie gesehener Bauart. Und Menschen, die ihrem Tagewerk nachgehen, unbekümmert. Kann diese Natur Alltag werden?
Dann die Grenze, fremde Uniformen, unverständliches Wortgewirr. Der Junge fühlt sich sehr einsam, und doch dem Neuem fiebernd hingegeben. Beschämt fast gedenkt er der Vaterstadt — ein Backsteinhaufen inmitten flacher Rübenfelder, zwecksüchtig dem nüchternen Heute untertan: die alten Gräben eingeebnet, Wälle und Basteien geschleift, die alten Häuser niedergelegt oder zu Mietskasernen entwürdigt. Zerstört, erstickt, in Zweckformen gepreßt alles, was von der Altvordern behäbiger Lebensfreude künden könnte. Geschichte? Eine trockene Wissenschaft!
Hier aber lebt ein reiches Gestern, lebt fort, noch in des letzten Bettlers Haltung und Gebärde! Verwittertes Mauerwerk übt im Verfall noch Herrenrecht, fordert Ehrfurcht. Und wucherndes Leben in jedem Blatt, und Sonne, Sonne in nie geahnter Glut.
45
Ein alter Palast an einem stillen, kleinen Platz — das ist die Bank. Die edle Nacktheit der Fassade wird schreiend von einer Inschrift in breiten Goldbuchstaben überklettert. In das Portal ist ein wuchtiges Gitter neuer Arbeit eingefügt. Der Innenhof, ehemals offen und mit Springbrunnen und blühenden Büschen eine kühle Insel in dem Steinmeer, ist nun mit stahlgerahmten Mattscheiben überdacht. Die zierlichen Säulenbogen rundum sind mit blitzendem Gitterwerk ausgefüllt, davor sich die Menge der Kunden staut. Die Gesichter schimmern grünlich in dem bleichen Licht. Lautgerufene Zahlen durchzucken den gedämpften Stimmenlärm, Gold und Silber klingeln auf den marmornen Zahltischen, Papier raschelt, wie Schlangenschuppen auf hartem Kies. — Der Kassenraum.
Fritz wird vor den Direktor geführt, der in einem hochgewölbten Gemach mit wuchtigen Möbeln und reichen Teppichen einsam thront. Eine kurze Musterung aus scharfen Augen unter seltsam müden Lidern, zwei, drei knappe Fragen, dann ein gnädiger Entlassungswink und ein Befehl an den begleitenden Diener: „Korrespondenz!“ Und Fritz wird hinausgeführt. Bald hört der Teppichbelag auf, die Gänge werden kahl und düster, dann enge Steintreppen ...
In Fritz regt sich ängstliches Verlassensein: so empfing ihn der Freund des Herrn Rats, kalt, gleichgültig, wie ein Sklavenhändler? Ahnte der aufgeschwemmte Despot denn nicht, wen er vor sich hatte? — Da bricht das Klappern zahlloser Schreibmaschinen in seine Gedanken, der Diener schiebt ihn durch eine schmale Tür, vor einen riesigen Schreibtisch, hinter dem ein bleicher, überarbeiteter Mann sitzt, macht eine unverständliche Meldung und geht. Der bleiche Mann zwinkert ihn an, hüstelt: „Ich bin der Korrespondenzchef — Sie sind mir zugeteilt ... ich werde Ihnen einen Platz anweisen!“ Und sie gehen durch neue und immer neue Räume, die durchwegs kahl und härtestem Gebrauch angepaßt sind. Die alte Pracht verleugnet sich nicht: Mächtige Fenster reichen bis zum Boden; ihr unteres Drittel ist durch zierlich geschmiedete Außengitter abgeschlossen. Da sind auch noch die fein gemusterten Eichenböden und die alten Stuckdecken, beide willkürlich zerrissen durch eingebaute Zwischenwände. Deckenhohe Regale an den Wänden, zwischen denen da und dort ein Stück der alten Tapete hervorglüht. Rohe Holztische mit handfesten Stühlen. Und überall Menschen, hastig, reizbar, über klappernde Maschinen oder blanke Briefbogen geneigt. Zahleneifer in allen Mienen.
In einem engen Raum macht der Chef halt: „Herr Kurz, Herr Schmitt ..., hier ein neuer Kollege!“ Zwei Schreibmaschinen brechen klirrend ab, zwei dürftige Menschen erheben sich halb, nicken zerstreut, sinken zurück und klappern weiter. Der Chef weist auf einen kleinen Nebentisch: „Hier wird Ihr Platz sein! — Heute ist übrigens die Arbeit schon ausgeteilt — treten Sie morgen früh an! Pünktlich um halb neun, bitte!“ Dann geht er. Fritz will ihm folgen, da sieht er, wie Herr Kurz ihm zuwinkt, und bleibt stehen. Kaum hat sich die Tür hinter dem Vorgesetzten geschlossen, da klappern die Maschinen langsamer, verstummen, und Herr Kurz lacht unvermutet dröhnend auf: „Volontär sind Sie? Na, zu arbeiten werden Sie hier kriegen, daß Ihnen der Schopf raucht! Aber dafür wenig Gehalt und gelegentlich einen Anpfiff, damit sich’s ausgleicht!“ Herr Schmitt bemeckert den Witz verkniffen. Und Fritz denkt an die Kinderstube daheim, wenn der Vater aus dem Zimmer war ... die Brüder ...
Da fragt Herr Kurz: „Haben Sie schon ein Zimmer? Nein? Meine Wirtin hat eins frei — kommen Sie mittags mit mir! In zehn Minuten gehe ich!“ Als Fritz freudig zusagt, grinst ihn hinter des anderen Rücken Herr Schmitt höhnisch und schadenfroh an. Gedrückte Bosheit liegt in der Luft — aber die Stimmung mutet Fritz vertraut an, und er beschließt, wehrhaft auf der Hut zu sein.