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IV. Serie
Siebter Band
Der Deutsche Lausbub
in Amerika
2ter Teil
von
Erwin Rosen
Der
Deutsche Lausbub
in Amerika
Erinnerungen
und Eindrücke
von Erwin Rosen
Zweiter Teil
Dritte Auflage
Verlag — Robert Lutz — Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.
Copyright 1912
by Robert Lutz, Stuttgart.
Inhalt
| Seite | ||
| Bei der amerikanischen Zeitung. | ||
Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. — Die armen Teufel von deutschen Journalisten. — Ein Münchner Zeitungspalast. — Im amerikanischen Reporterzimmer. — Wie das Zeitungsbaby sein Handwerk erlernte. — Das Geheimnis der Presse. — Im Presidio. — Ich lerne telegraphieren. — Die Sprache des Kupferdrahts. — Telegraphisches Lachen. — Vom großen Lebenswert. | [21] | |
Reporterdienst. | ||
Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. — Der scoop. — Der verunglückte Dampfer Hongkong. — Die Männer der schnellen Entschlüsse. — Wie ein Reporterstück inszeniert wird. — Auf der Jagd nach der Sensation. — Im Maschinenraum. — Wie ich die Kunst des Zuhörens ausübte. — Der Dämon im Stahl. — Zeitungskönig Hearst. — Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und der Hearstschen Gelben Presse. — Ein schwarzer Tag. | [38] | |
Das Kommen des Krieges. | ||
Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. — Die Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. — Die Glückssoldaten der Virginia. — Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien. — Grausamkeiten. — Die kubanische Junta in New-York. — Der Untergang der Maine. — Der Racheschrei. — Kriegserklärung. — Meine große Idee! — Die große Idee funktioniert nicht! — Aber ich muß unbedingt nach Kuba. | [56] | |
Der Lausbub wird Soldat. | ||
Die verbogene Lebenslinie. — Ein schneller Entschluß. — Beim Oberleutnant Green vom Signaldienst. — Ich werde angeworben! — Abschied von Allan McGrady. — B Company des 1. Infanterieregiments. — Korporal Jameson. — Wiggelwaggeln. — Der sprechende Sonnenspiegel. — »Ich gehe nach Kuba!« | [66] | |
Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba. | ||
Der Krieg des Leichtsinns. — Aus Leutnants werden Majore. — Eine kleine Vergeßlichkeit. — Segenswünsche und Vorschußlorbeer. — Von lieben diebischen Mägdelein. — Die Armee in Hemdärmeln. — Das militärische Telegraphenbureau in Tampa. — Die spanische Gespensterflotte. — Admiral Cervera in der Falle von Santiago de Cuba. — Die Depeschenhölle. — Roosevelts Rauhe Reiter ohne Gäule! — Auf dem Meer. — Eine schwäbische Ueberraschung. — Von redenden Tuchfetzen und sprechenden Wolken. — Nachtalarm. — Beginn des Bombardements von Baiquiri. | [77] | |
Auf kubanischem Boden. | ||
Die Küste wird bombardiert. — Theodore Roosevelt und seine Zahnbürste. — Die Landung. — Ein Tag ungeduldigen Fluchens. — Die Arbeit beginnt. — Tropenregen. — Meine Hängematte. — Nachtruhe à deux. — Hunger und Arbeit — aber ach, was waren das für schöne Zeiten! — Der Major stiehlt einen Karren. — Telegraphenbau-Arbeit. — Palmen und Kletterei. — Bei den toten rauhen Reitern von La Quasina. — Im Insurgentenlager. — Der Mangobauch. — Der Jesus-Christus-General. | [94] | |
Beim Jesus-Christus-General. | ||
Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. — General Shafter, Höchstkommandierender. — Die Trumpfkarte im Spiel. — Proviant her! — Ein sogenannter Spaziergang. — Die spanische Verteidigungslinie. — Die Nacht vor der Schlacht. — Das Telegramm nach Washington. — Die Regimenter ziehen dem Feind entgegen. | [121] | |
Die Schlacht vom San Juan Hügel. | ||
Der Morgen vor der Schlacht. — Ein Schattenspiel im Nebel. — Die Schlacht beginnt. — Wir legen die Linie nach der Front. — Meine erste Granate. — Wie ich das Gruseln lernte. — Wie andere das Gruseln lernten. — Auf dem Weg zur Feuerlinie. — Die Furt. — Die Panik des 71. Regiments. — In der Feuerlinie am Waldrand. — Wir schießen mit. — Die Schützengräben im San Juan Hügel. — Der Gnadenschuß. — Der Angriff ohne Befehl. — Der San Juan Hügel wird im Sturm genommen. — Zusammenhänge der Schlacht. — Bei den spanischen Gefangenen. — Rum und Zigaretten. — Am Lagerfeuer. — Sie begraben die Toten. | [136] | |
Der Tag nach der Schlacht. | ||
Am Lagerfeuer. — Vom Arbeiten in den Schützengräben. — Nächtlicher Tropenregen. — Auf dem Weg zur Front. — Die spanischen Scharfschützen. — Der stille Wald. — Verwesungsgeruch. — Das Tal der Toten. — Der Kopf. — Bloßgelegte Gräber. — Das Kommen des Grauens. — Das Leichenfeld. — Im Hauptquartier des linken Flügels. — Die Schützengräben auf dem Hügel. — Heftiges Gewehrfeuer in der Sternennacht. — Mein Maultierritt. — Vom Feuerschein beim Feind und dem Rätsel der Nachtattacke | [169] | |
Der Untergang der spanischen Flotte. | ||
Jubel in den Schützengräben. — Der Hafen von Santiago de Cuba. — Das Felsentor. — Castillo del Morro. — Das Warten, das Lauern! — Die Heldentat des Leutnants Hobson. — Durchbruch des spanischen Geschwaders. — Die Seeschlacht. — Die Hölle der fünfunddreißig Minuten. — Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer in den Grund. — Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. — Der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. — Was von der Gespensterflotte übrig blieb. | [193] | |
In den Schützengräben. | ||
Von Siegesberichten und Sorgen. — Ein Murren geht durch die Schützengräben. — Die Meinung des alten Sergeanten. — Ungeduld! — Der Humor der Front. — Krankheit und Schwäche. — Die berühmten kubanischen Leibschmerzen. — Fieber und Ruhr. — Stimmungen und Verstimmungen. — Ein Freudentag. — Freund Billy aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt. — Zwei Gefechtstage. — Wie ich ein Held sein wollte. — Der Friedensbaum. — Die Kapitulation von Santiago de Cuba. | [207] | |
Nach Santiago de Cuba. | ||
Das Hauptquartier wird energisch. — Die Enttäuschung der Männer in den Schützengräben. — Die verbotene Stadt. — Wir werden nach Santiago beordert. — Das Legen der Linie. — In den spanischen Schützengräben. — Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern. — In der Stadt. — Die toten Gäßchen. — Von Licht und Schatten. — Das Hauptquartier des Siegers. | [226] | |
Im Kabelbureau. | ||
Der spanische Telegraphendirektor. — Unter Dach und Fach. — Wir requirieren Wäsche. — Der wundersame Patio. — Das große Baden. — Der brauchbare Antonio. — Wir rüsten ein Mahl. — »Caballeros telegraphistas!« — »Oh, der verdammte Speck!« — »Man muß ein Loch in die Uhr schießen!« — Das Feuerrad. — Im Dunkel. | [239] | |
Auf der Insel des gelben Fiebers. | ||
»Ich bin gar nicht tot.« — Im Hafenhospital von Santiago. — Die gelbe Flagge im Boot. — Die Schmerzen im Leib. — Der sterbende Trompeter. — Warum ich den Neger erschießen wollte. — Schlafen, nur schlafen! — Das Dunkel zwischen Tod und Leben. — Dr. Gonzales. — Ich bin Sergeant geworden. — Das Haus des Elends. — Krankenpfleger und Totengräber. — Wie der Rauhe Reiter Himmelsblumen pflückte. — Eine nächtliche Schreckensszene. — Der Insel der Verdammten wird Hilfe. — Die Krankenschwestern. | [255] | |
In der Zeltstadt von Montauk Point. | ||
Die Friedensbotschaft. — Ein brutaler Krieg. — Die böse Lage der amerikanischen Invasionsarmee. — Auf den General folgt der kaufmännische Organisator. — Wie die Zeltstadt von Montauk Point erstand. — Mein letzter Tag in Santiago de Cuba. — Im Gesundheitslager. — Die Komplimente des Trusts. — Wie mir ein Vermögen entging. — Die New Yorker Invasion. — Von begeisterten ladies. — Das Sicherheitsventil. — Wie Leutnant Hobson in der Welle der Hysterie ertrank. | [287] | |
Vorwort
Ich bin der glückliche Besitzer eines kleinen Neffen, der sich bestimmt schon den Ehrentitel eines Lausbuben erobert hätte, verlebte er sein junges Leben in süddeutschen Landen. Da er das aber nicht tut und ein Hamburger Jung’ ist, so dünkt ihm der Begriff Lausbub fremd. Bald großartig und erstrebenswert, bald verächtlich und gemein. Es ist mir passiert, daß ein Haufen von Schulkindern mich achtungsvoll anstarrte, während mein Herr Neffe ihnen erklärte, das sei ein famoser Lausbubenonkel. Ich mußte es aber auch erleben, daß dieser Neffe mir bei passendem Anlaß feindselig entgegendonnerte: »Lausbub aus Amerika!« Nicht anders ist es mir ergangen mit großen Leuten. Da meinten die einen, dieser Lausbub sei etwas gar Lustiges. Die andern aber schüttelten die Köpfe: Wie kann man so geschmacklos sein und sich selber einen Lausbuben nennen!
So sei mir gestattet, ein Wörtchen dreinzureden. Wir alle kleben an der heimatlichen Scholle, seien wir nun Weltenwanderer oder niemals hinausgekommen über den Bannkreis der Vaterstadt; an jener Scholle, auf der wir als Kinder spielten. Und mir klingt es aus meiner Münchner Jugendzeit herüber: »Du ganz verflixter Lausbub!« »A solchener Lausbub!!« Wie lustig das tönt, weiß kein Mensch außer mir. So lustig kann es keinem sein, so viele auch gelacht haben mögen über das Wörtchen mit den verschiedenen Gesichtern. »Oh du herzig’s Lausbüble,« kost die süddeutsche Mutter. »Lausbub!« sagt der Vater, und der Ton bedeutet den Stock. Entrüstung kann in dem Wort liegen oder verblüffte Anerkennung einer besonderen Leistung jungenhaften Tobens oder ein Schelten oder eine Resignation. Auf gar keinen Fall aber ist ein Lausbub ein Musterknabe. Sondern einer, der eine tiefgewurzelte Vorliebe für dumme Streiche hat und einen dicken Schädel und rührige Ellbogen.
Lausbub! klingt es herüber aus meiner Jugend.
Und weil das Wörtchen noch ein weites Stück ins Leben hinein auch den Mann kennzeichnet, so sonderbar das klingen mag—dumme Streiche, dicken Schädel, rührige Ellbogen! — so gab es diesen Büchern ihren Titel.
An einem sonnigen Novemberabend im Jahre 1897 saß ich auf der Terrasse des Golden Gate Parks in San Franzisko, starrte aufs Meer hinaus, träumte von meiner Arbeit, wie das junge Menschen tun, denen die Arbeit noch andere Dinge ersetzt, und war stolz wie ein König als jüngster Reporter einer großen Zeitung. So unverrückbar stand es fest, das Große, das Bleibende: die Zeitung und ich — ich und die Zeitung — das war die Lebenslinie. Sie war es und sie blieb es. Wie krumm sie sich aber gestaltete, diese Lebenslinie, wie wackelig, wie verbogen und schief, das ist eines der humorvollsten Dinge in einem Leben reich an freiwilligem und unfreiwilligem Humor. Wenige Monate darauf war ja die Lebenslinie schon vergessen, und der überstolze Reporter steckte im blauen Rock der regulären Armee Onkel Sams. Es sollte ihm öfters noch ähnlich ergehen mit dieser Lebenslinie ...
Der Lausbub, Farmer, Apotheker, Arbeiter, Fischpökler, Professor, Reporter wurde also Soldat und machte den spanisch-amerikanischen Krieg auf Kuba mit. Was er dort erlebte und sah, schildert dieses Buch; so wie er es damals erlebte und damals sah im Zeichen junger Männlichkeit, überschäumend in der Begeisterung, ein Mann zu sein im Krieg.
Hamburg, im Sommer 1912.
Erwin Rosen.
(Erwin Carlé).
Zweiter Teil
Bei der amerikanischen Zeitung.
Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. — Die armen Teufel von deutschen Journalisten. — Ein Münchner Zeitungspalast. — Im amerikanischen Reporterzimmer. — Wie das Zeitungsbaby sein Handwerk erlernte. — Das Geheimnis der Presse. — Im Presidio. — Ich lerne telegraphieren. — Die Sprache des Kupferdrahts. — Telegraphisches Lachen. — Vom großen Lebenswert.
Ein Jahr mag es her sein oder zwei, als ich in meiner Vaterstadt München einen alten amerikanischen Zeitungsfreund auf der Straße traf. Wir gingen zunächst zum Frühschoppen ins Hofbräuhaus, und gegen Ende der zweiten Maß weinte Bob beinahe. Zu traurig fand er es, daß einer, dem es einmal vergönnt gewesen war, die Nase in die Welt der amerikanischen Zeitung zu stecken, sich nun für deutsche Zeitungen plagen und schinden mußte!
Er nahm die Münchner Neuesten Nachrichten vom Tisch und zerknüllte sie.
»You poor devil!« sagte er. »Du armer Teufel — du ganz armer Teufel. Euer Bier ist ein Wunder! Eure Gemütlichkeit ist prachtvoll! Eure Kunst ist grandios! Aber eure Zeitungen — großer Gott, Mann, das ist doch keine Zeitung — das ist ja ein Miniaturblättchen — damn it, das ganze Dings da, das sich eine Zeitung nennt, hat nicht einmal Raum genug für einen einzigen anständigen Prozeßbericht!«
Worauf er des weiteren ausführte, daß es ihm ja an und für sich schon unverständlich sei, wie irgend jemand irgend wo anders leben könne als in God’s Country, im Lande Gottes, in den gottbegnadeten Vereinigten Staaten, denen zur absoluten Vollkommenheit nichts, aber auch nichts fehle, als das nicht weniger gottbegnadete Bier der Kunststadt München. Ein ewiges, mit sieben zolldicken Brettern vernageltes Geheimnis jedoch sei und bleibe es ihm, daß einer, dem es vergönnt gewesen sei — — usw. usw.
Ich lachte und führte ihn in das Gebäude der Münchner Neuesten Nachrichten.
Die Männer der Münchnerin sind allezeit gastfreundlich und gar liebenswürdig gegen ihre Mitarbeiter, wovon der, der dieses Buch schrieb, ein dankbar Lied zu singen weiß. Bob bekam manches zu sehen und manches zu hören. Wir plauderten mit dem Feuilletonredakteur über das Wesen des künstlerischen Feuilletons (das dem amerikanischen Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln ist) — wir unterhielten uns mit dem Mann der inneren Politik über den Leitartikel (der den Zeitungen Amerikas etwas völlig Nebensächliches bedeutet) — wir suchten die Lokalredaktion heim, und ihr Schriftleiter benutzte natürlich die gute Gelegenheit, ein nettes Interview über die Münchner Eindrücke des amerikanischen Journalisten herauszuschinden.
»Gut!« sagte Bob draußen auf dem Korridor. »Verdammt gut! Die Leute verstehen ihr Geschäft. Sie haben ihre Arbeit lieb. Schade nur, daß den armen Teufeln so lächerlich wenig Zeilenraum zur Verfügung steht.« Dann blieb er kopfschüttelnd stehen. »Da sagt man immer, in Germany seien die Leute so überaus vorsichtig mit ihren Dollars!« brummte er. »Aber ich will gehängt werden, wenn’s bei uns eine einzige Zeitung gibt, die ihre Leute auch nur annähernd so luxuriös beherbergt wie das Blättchen da! It’s remarkable!«
Immer erstaunter wurde sein Kopfschütteln, je mehr der Räume der Redaktion er sah. Da waren Möbel, deren jedes Stück ein großer Künstler entworfen hatte, und Wunder von künstlerischen Schreibtischen und Beleuchtungskörper aus Bronze und kostbare Klubsessel und zauberhafte Tapeten und Perserteppiche und Jugendoriginale an den Wänden, und von der Hast und der Hetze des Zeitungslebens war äußerlich aber auch gar nichts zu sehen. Leise nur wie ein Summen drang das Dröhnen und Stampfen der riesigen Rotationsmaschinen aus dem betonumpanzerten Erdgeschoß. Dann plauderten wir wieder mit anderen Männern, und Bob sah, daß der Zeitungsgeist ein Weltgeist ist und die Zeitungsarbeit überall die gleiche, gewaltige, gigantische trotz aller Unterschiede der Art und des Formats. Er gluckste vor Wonne, als wir hinübergingen in das Reich der »Jugend« und Saal auf Saal der wundervollsten Kunstdruckmaschinen durchschritten, der vielen Dutzende stählerner Bilderzauberer, die noch viel wunderbarer sind als das größte Rotationsungetüm.
»Gut — gut — verdammt gut!« sagte Bob. »Aber wenn ich mich nicht sehr irre, so habt ihr doch eins nicht: Unseren amerikanischen Reporter ...«
Da lachte ich und gab keine Antwort.
Denn meine Zeiten amerikanischen Reportertums sind mir wie ein liebes Märchen erster Jugendliebe, und ein gar verknöcherter Kritikus muß der sein, der Zeiten erster Liebe kritisch urteilend betrachtet. Ich glaube nicht, daß wir in der deutschen Zeitungswelt gerade amerikanische Reporterart haben. Ich weiß nicht einmal, ob es wünschenswert wäre, hätten wir sie. Ich weiß nur, daß mein eigenes Erleben als zwanzigjähriger Lausbub im amerikanischen Zeitungsdienst mir eines der Jugendmärchen bedeutet, von denen man zehrt in den Tagen der Reife.
Äußerlich war nichts Märchenhaftes daran.
Der Tag eines Reporters beim San Francisco Examiner begann mit Arbeit, war ausgefüllt mit Arbeit, endete mit Arbeit, und des Nachts träumte man von der Arbeit.
Als ich zum erstenmal meinen Platz an einem Ecktisch im Reporterzimmer einnahm, kam ich mir so unendlich hilflos, so geistesarm, so über alle Maßen unfähig vor, daß ich am liebsten wieder davongelaufen wäre. Ich starrte auf das weiße Papier, das vor mir lag, betrachtete das Tintenfaß, sah mißtrauisch auf die Schreibmaschine auf dem kleinen Tischchen neben mir und wunderte mich, was in Dreikuckucksnamen ich nun eigentlich anfangen sollte. Zwölf Männern, dem gesamten Reporterstab der Zeitung, war ich hintereinander vorgestellt worden, und ein jeder hatte gelächelt und ein jeder irgend etwas Liebenswürdiges gesagt, um sich dann in keiner Weise mehr um meine gräßlich verlegene Wenigkeit zu bekümmern. So saß ich da, mit dem krampfhaften Gefühl, daß es die Aufgabe eines Reporters war, irgend etwas zu schreiben. Aber was, zum Teufel?
Ueberall um mich klapperten Schreibmaschinen. Die Türe wurde fortwährend aufgerissen, und Leute kamen herein und gingen hinaus. Meine neuen Kollegen schwatzten und lachten — mitten in ihrer Arbeit. Wie es möglich sein konnte, in diesem Höllenlärm einen vernünftigen Gedanken zu Papier zu bringen, war mir vorläufig ein Rätsel.
Es roch nach frischer Druckerschwärze. Papier bedeckte knöcheltief den Boden, allerlei Papier, handbeschrieben, maschinenbeschrieben, bedruckt. Die Wände entlang standen zerschnitzelte und tintenbeschmierte Pulte und kleine Tischchen, auf denen blanke Schreibmaschinen thronten. Die eine Schmalseite des Zimmers nahm der Bücherständer ein mit seinen unzähligen Nachschlagewerken. Eine Notiz in roter Tinte besagte, daß der Sünder, der dabei ertappt würde, ein Buch nicht an seinen richtigen Platz zurückzustellen, zu Pön und Strafe jedem Anwesenden ein Glas Bier zu stiften habe. Da waren Telephone an den Wänden und der elektrische Meldeapparat der Feuerwehr und das Spezialtelephon zum Polizeihauptquartier und eine Karte von San Franzisko und ein Tisch stand in der Zimmermitte, fußhoch mit den neuesten Zeitungen bedeckt. Ueberall glitzerten elektrische Glühbirnen, denn der Raum war zu groß, als daß das einzige Fenster selbst am hellsten Sonnentag ihn hätte erleuchten können. Die geweißten Wände waren dicht bekritzelt. Gegenüber der Eingangstüre stand in großen Lettern:
»Fremdling, der du hier eintrittst, mach schleunigst, daß du wieder hinauskommst, denn unsere Zeit brauchen wir selber!«
Und darunter deutete eine roh hingezeichnete Hand auf den großen Schreibtisch in der Ecke beim Fenster:
»Allan McGrady, Lokalredakteur, Oberbonze, Hohepriester! Achtung, der Kerl beißt!!«
Und mit einemmal waren alle die Männer verschwunden und der Raum leer. Nur der Mann, der biß, war noch da. Er sah von seiner Arbeit auf und rief mich beim Namen.
»Mr. McGrady?«
Allan McGradys scharfe Augen blinzelten vergnügt über die Ränder der goldenen Brille hinweg. Ein Lächeln huschte über das scharfgeschnittene, glattrasierte Gesicht. »Sagen Sie lieber gleich Mac zu mir, mein Sohn,« meinte er grinsend, »denn in ein paar Tagen tun Sie es doch. Hier hat jeder seinen Spitznamen, und ich werde wohl Mac genannt werden bis zu meinem seligen Ende. Ihren Spitznamen kann ich Ihnen übrigens prophezeien: als jüngster Reporter sind Sie und bleiben Sie das baby bis Einer kommt, der noch jünger und noch dümmer ist wie Sie!«
Ich muß ein sehr verblüfftes Gesicht gemacht haben —
»Wenn ich sage dumm, so meine ich das natürlich nur im Reportersinn, und hoffentlich werden Sie auch in diesem Sinne in etlichen Monaten nicht mehr dumm sein. Und nun will ich Sie ein bißchen orientieren, mein Sohn. Hier gibt’s keine Herren und keine Knechte. Wir sind alle zusammen Arbeiter im Dienste der Zeitung, und in unserem Leben darf und kann es nichts Wichtigeres geben als die Zeitung. Sie ist es, die uns vereint. Wir sind eine große Familie. Wir teilen unsere Zigarren und unseren Whisky, manchmal sogar unser Geld — nun, Sie werden das sehr bald herausbekommen. Wir sind alle Blutsbrüder. Wenn Sie etwas nicht wissen, fragen Sie Ihren Nachbar. Wenn Sie etwas bedrückt, kommen Sie zu mir ... Halten Sie vor allem den Kopf hoch und lassen Sie sich nicht verblüffen! Sie werden ganz von selber sehen und hören und lernen — und weder ich noch irgend jemand kann Ihnen da viel helfen. Der Journalist muß einem im Blut stecken, und wer’s nicht in sich hat, wird’s nie! Und nun —«
Er teilte mir meine erste Arbeit beim Examiner zu.
Um neun Uhr morgens versammelte sich die Reporterschar im Reporterzimmer, während Mac schon eine Viertelstunde vorher sich an seinem Schreibtisch eingefunden hatte. Eine selbstverständliche Voraussetzung war natürlich, daß jeder der »Herren des Stabes« nicht nur das eigene Blatt, sondern auch die anderen Morgenzeitungen San Franziskos beim Frühstück gründlich gelesen hatte. Diese morgendliche Konferenz hatte immer eine lustige und eine etwas weniger lustige Seite. Man lachte und plauderte und spielte allerlei Schabernack, Mac so gut wie wir alle, bis er auf einmal zu Mr. Allan McGrady wurde und seine berühmte Geste der Ernsthaftigkeit annahm. Er pflegte dann die Hände in die Hosentaschen zu stecken.
Kurz, scharf, sacksiedegrob war seine Rede —
»Baby!« (Das war ich!) »der >Call< (das war eine Morgenzeitung San Franziskos) hat Ihre Geschichte über den Mann, der total betrunken im Citygefängnis eingeliefert wurde und in dessen Taschen man 15 000 Dollars fand, ebenfalls gebracht. Das ist traurig und von Ihnen unrecht. Wenn Ihnen ein Polizeisergeant — welcher war es?«
»McBride.«
»Aha — McBride. Wenn Ihnen McBride guten Stoff erzählt, so sorgen Sie gefälligst dafür, daß er von da ab seinen Mund hält und vor allem den Call-Leuten gegenüber nichts ausplaudert. Wie Sie das machen, ist mir egal!«
»Aber Mac, Sie haben neulich doch geschimpft wie unsinnig, als ich dem andern Sergeanten fünf Dollars gab, damit — — «
»Ganz richtig, mein Sohn! Das macht man auch nicht mit Geld, denn Geld ist rar, sondern mit Liebenswürdigkeit und Schlauheit. Mann, strengen Sie ihren Witz an! Bin ich vielleicht eine Amme und in alle Ewigkeit verdammt, Sie an dem Quell der simpelsten Weisheit lutschen zu lassen?«
Ich war tief beschämt.
»Na, die Sache ist übrigens bei uns besser als im Call. Johnny (das war Chefredakteur Lascelles) läßt Ihnen sagen, die Geschichte sei fidel und nicht übel ...«
Das war McGradys Art der Anerkennung.
So wurde allmorgendlich Spalte für Spalte der Arbeit des vorhergehenden Tages durchbesprochen und einem immer wieder eingehämmert, daß es für den, der im Reporterzimmer hausen wollte, nichts auf der Welt gab und geben durfte als ein einziges Interesse und eine einzige Liebe: Die Zeitung und die Interessen der Zeitung. Erstens die Zeitung und zweitens die Zeitung und drittens überhaupt nichts als die Zeitung!
Der Lausbub fühlte sich in der Luft des Reporterzimmers bald so wohl wie ein Fisch im Wasser. Weil er jung war und einen Schuß Enthusiasmus im Blut hatte, schien ihm das, was in Wirklichkeit ernstes und hartes Schaffen war, ein lustiges, kinderleichtes Spiel. Immer neu und eigenartig. Immer lockend. Immer aufregend. Holtergepolter ging’s mit der Arbeit den ganzen Tag hindurch bis spät in die Nacht hinein. Das Zimmerchen in der Donnellystreet bei Madame Legrange sah mich nur zum Schlafen. Im Eifer merkte ich gar nicht, daß ich ein »hart gerittener Gaul« war und beim Examiner in einem einzigen Tag mehr lernen mußte, als das anspruchsvollste Professorenkollegium eines Gymnasiums in einem ganzen Wochenpensum verlangt hätte ...
Denn der gute Wille und das bißchen Talent taten’s noch lange nicht. Eine ungeheure Menge von Material mußte ich verdauen und einen Wust faktischen Wissens mir aneignen, vor dem ich entsetzt zurückgefahren wäre, hätte ich auch nur eine Ahnung gehabt, daß ich ja gar nicht spielte, sondern »büffelte«. Aber die Zeitung hatte ihre eigene Art, zu lehren und lernen zu lassen. Sie appellierte an Ehrgeiz und Ehrgefühl und Kraft, indem sie Vertrauen schenkte. McGrady ließ es mich nie fühlen, daß ich Anfänger und Lehrling war, und seine leitende Hand führte weiche Zügel. Vom ersten Tag an bekam ich wie alle anderen meine Aufgaben zugeteilt und arbeitete in allen Abteilungen des Nachrichtendienstes. Ich wurde aufs Polizeihauptquartier geschickt und zu den einzelnen Polizeisergeanten, assistierte bei der Berichterstattung in großen Kriminalfällen, wurde bei den lokalen politischen Größen eingeführt und im Hafendienst verwendet. Ein lächelnd gegebener Rat, wie von Gleichstehendem zu Gleichstehendem, als wortkarge Selbstverständlichkeit hingeworfen, eine lustige Derbheit, die niemals etwas Verletzendes hatte, ein Wort hier, ein Wink dort, die stete Fühlung vor allem mit Männern, die ihre Arbeit kannten und liebten und gute Kameraden waren, wie ich sie im Leben selten gefunden, zeigten mir bald die richtigen Wege.
Das Problem war einfach genug. Wer Nachrichten einholen wollte, durfte sich nicht auf Auge und Ohr verlassen, sondern mußte sehr genau wissen, wer die Männer waren, die Nachrichten geben konnten, und was die Nachrichten selbst bedeuteten.
»Die Hauptsache müssen wir immer schon wissen, ehe wir zu fragen beginnen,« pflegte McGrady trocken zu sagen.
Das war das Grundprinzip und leicht zu begreifen. Wenn ich zum erstenmal zu einem hohen Beamten der Stadt geschickt wurde, um eine wichtige Auskunft einzuholen, so mußte ich wissen, wer der Mann war, was er geleistet hatte, welche Tragweite die Angelegenheit in Frage hatte. Das Wissen lieferte die Zeitung selbst. Man drückte auf einen elektrischen Knopf, und einer der Pagen erschien. Der bekam einen Zettel. Auf diesen Zettel hatte man zum Beispiel geschrieben: John McAllister, Schatzmeister San Franziskos. Neubau der Wasserwerke. In wenigen Minuten kam der Page zurück, mit zwei blauen Aktenmappen, numeriert und überschrieben: Schatzmeister McAllister — Wasserwerke. Ihr Inhalt waren die Ausschnitte aus dem Examiner aus allen Nummern, in denen Artikel oder Notizen über McAllister und die Wasserwerke gebracht worden waren. Die überflog man und wußte nun über den Mann und die Sache, was zu wissen war. Ein Hilfsmittel von unschätzbarem Wert war diese ausgezeichnete Registratur, ein wahres Tischlein-deck-dich für den Zeitungsmann. Ein Redaktionssekretär hatte tagaus tagein nichts zu tun, als jede Zeitungsausgabe in ihren einzelnen Artikeln und Notizen zu klassifizieren, zu registrieren, und die Akten in musterhafter Ordnung zu halten. Nichts fehlte, von der großen Politik bis zu einer Statistik aller Großfeuer. So wurde jede einzelne Arbeitsaufgabe zu einer Quelle des Wissens. Man lernte jeden Tag, jede Stunde im Tag.
Die vielen Menschen, mit denen ich zusammenkam, und die vielen Dinge, mit denen ich mich beschäftigen mußte, waren wie immer neu vorbeihuschende, farbenbunte, lebenspackende Bilder. Die Zeitung wurde zum Götzen; das Reporterzimmer zum Heim, in dem man oft aß, immer sein Glas Bier trank, wo man sich wohl fühlte wie nirgends. Ich würde jeden ausgelacht haben damals, der mir gesagt hätte, daß ich Zeitungsleben und Zeitungsarbeit auch nur auf eine kurze Spanne Zeit freiwillig aufgeben könnte. Und tat es bald darauf doch ... Es gibt noch stärkere Reize. Aber sie sind selten. Wenige Arten tätigen Schaffens wohl vermögen einen Menschen so mit Leib und Seele einzufangen wie der Zeitungsdienst. Ein Wirbel tollen Lebens war es, in dem ich stand. Wenn man arbeitete, hatte man die Wirklichkeit unter den Fingern; die Menschen, wie sie lebten, und die Dinge, wie sie sich zutrugen; immer neue Menschen und immer andere Dinge. Das Schauen und Erleben, das andere Männer der Arbeit in kargen Freistunden suchen mußten, gab die Zeitung im Dienst.
Das war das Geheimnis des San Francisco Examiners, und es ist und bleibt das Geheimnis der Presse — aller großen Zeitungen aller Länder und Sprachen. Die Zeitung bannt die Männer, die ihr dienen, in einen Zauberkreis. Sie verlangt Unerhörtes an Arbeitskraft und Hingebung, aber Unerhörtes gibt sie auch. Sie schenkt ihren Männern brausendes Leben und gewaltige Macht. Das flüchtig hingeschriebene Wort eines Zeitungsmannes spricht zu Hunderttausenden. Es vermag hunderttausend Meinungen zu beeinflussen, vermag Großes in Gutem und Bösem. Wem ihre Spalten offenstehen, der ist Führer und Lenker und Erzieher von Tausenden, ohne daß diese Tausende auch nur seinen Namen kennen —
»Wir sind Männer ohne Namen,« sagte Allan McGrady einmal lächelnd in einer abendlichen Plauderstunde. »In jedem von uns steckt ein Stückchen romantischen Narrentums. Wer kennt uns? Einige Verleger, einige Redakteure, einige Freunde vom Bau. Die große Masse, zu der wir sprechen, kennt uns nicht. Ob ich unter einen Artikel Allan McGrady schreibe oder Hans Jakob Ypsilon, ist ganz gleichgültig — von tausend Lesern sieht kaum einer nach dem Namen. Wir könnten ebensogut Nummern tragen. Die Zeitung verschluckt uns mit Haut und Haaren und Persönlichkeit.« Er lachte. »Und das bißchen Geld? Du lieber Gott, der Mann im Wolkenkratzer da drüben, der altes Eisen billig kauft und teuer verkauft, verdient zehnmal mehr als wir alle zusammen. Und wenn wir einmal alt werden und nicht mehr können, dann wirft man uns aus dem Zeitungstempel und setzt uns auf die Straße. Deswegen sind wir im Grunde alle Narren, liebe Kinder. Ich bin ein Narr, und du bist ein Narr, Jack Ferguson, und du bist auch ein Narr, baby!«
»Würdest du deine Arbeit an der Zeitung aufgeben, Mac, wenn du eine Million erbtest?« fragte grinsend Jack Ferguson, der älteste Reporter.
»Nein, natürlich nicht!«
»Siehst du!«
»Well, das ist eben das Narrentum!« brummte Allan McGrady.
»Oh nein,« sagte Jack Ferguson fast feierlich. »Es ist mehr. Es ist das kuriose Etwas, das den Soldaten vorwärtstreibt. Es ist jenes sonderbare Etwas, das hoch über Geld und Geldeswert steht — — —«
»Schrumm, schrumm,« sagte Allan McGrady. »Prosit Kinder!«
Das kuriose Etwas war die Begeisterung. In ihr wurde die Arbeit zum Spiel. Zum Sport. Man tat eigentlich nichts anderes den ganzen lieben Tag, als nach Arbeit zu suchen und sich der Arbeit zu freuen. Unser Vergnügen sogar hing sicherlich irgendwie mit der Zeitung zusammen. Wenn man im Reporterzimmer plauderte, unterhielt man sich über die neueste Wendung in den politischen Verhältnissen oder über den letzten Kriminalfall oder den schwebenden, noch nicht ganz aufgedeckten Spitzbubenstreich der Stadtväter San Franziskos. Es war einem eben zur Manie geworden, sich nur für das zu interessieren, was die Zeitung interessierte.
Zu all der Arbeit in den Babyzeiten kam noch besonderes technisches Lernen, das in sonderbarer Zufälligkeit meine nächste Zukunft stark beeinflussen sollte. Ich lernte telegraphieren. Die Examinerleute hatten damals die Marotte, die Sprache des Kupferdrahtes gründlich zu erlernen, denn das konnte für die Zeitung sehr wichtig sein. Unser Lehrmeister war ein liebenswürdiger amerikanischer Offizier, Oberleutnant Green, der Chef des militärischen Signaldienstes im Departement von Kalifornien. Drei, viermal in der Woche fuhren wir zum Presidio, dem Fort beim Goldenen Tor, und arbeiteten dort im Signalbureau, bald mit dem Leutnant selbst, bald mit Mr. Hastings, einem alten Signalkorpssergeanten.
Nach den ersten Lektionen schon fesselten mich die Geheimnisse der Teufelei elektrischen Stromes gewaltig. Der Mechanismus der Instrumente war zwar sehr einfach. Die Wechselwirkung zwischen Taster, Strom und Magnet hatte nichts besonders Wunderbares. Das mühselige Formen von Buchstaben durch Punkte und Striche schien zuerst sogar langweilig. Aber sobald ich eine gewisse Fertigkeit erreicht hatte, übte das Telegrapheninstrument eine ganz merkwürdige Lockung auf mich aus. Denn nun wurde aus den toten Punkten und Strichen lebendige Sprache.
Im Gegensatz zu der in Europa üblichen Art des Telegrammlesens vom Papierstreifen oder durch Druckmaschine liest der amerikanische Telegraphist fast nur durch Gehör. Das Klicken des Magneten spricht zu ihm. Er schreibt das Gehörte nieder wie nach Diktat. Er erreicht dabei eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 30 Worten in der Minute, die sich bei Benutzung der Schreibmaschine auf vierzig, ja sogar fünfzig Worte steigern läßt. Mein Ohr gewöhnte sich sehr rasch an die Sprache des Telegraphen. Was zuerst ein mühsames Zählen der Punkte und Striche gewesen war, um die einzelnen Buchstaben herauszuhören, wurde bald zum Begeistertsein über eine neue, klare, deutliche Schrift. Ich hörte, wie ein Telegraphist das lernen muß, nicht mehr die einzelnen Buchstaben, sondern deutlich erklang das ganze Wort. Es war genau so wie Lesen lernen. Zuerst mußte man sich um den Buchstaben mühen, um dann später eine ganze Zeile in einem einzigen Bild in sich aufzunehmen. Ein kleines Beispiel:
Wenn ein Telegraphist mit einem andern sich über den Draht hinweg unterhält und lachen will, dann klickt er: ha — ha — ha. Im Morsealphabet sieht das so aus —
.... .—ha .... .—ha.
Auf dem Papier sind die vier Punkte des h und der Punkt, Strich des a etwas Totes und Nichtssagendes. Sobald wir sie aber im Instrument erblicken, werden sie lebendig, sind charakteristisch, lösen sofort das antwortende Gelächter aus.
Das Telegraphieren war ein famoses neues Spiel. Der empfindliche Magnet reagierte so blitzschnell auf jeden Fingerdruck, daß sich die anscheinend so komplizierten Morsebuchstaben schneller formen ließen als auf dem Papier mit Tinte und Feder. Der Name Erwin in Telegraphenschrift sieht sehr verzwickt aus:
. Pause. .. Pause.— — Pause.. Pause —. Wortpause
Telegraphieren läßt er sich in drei Sekunden!!
Nach drei Wochen bereits erwies mir der alte Sergeant Hastings das Kompliment, mir lachend zu sagen, daß ich mich jetzt schon bald um eine Anstellung bei der Western Union (das war die große amerikanische Telegraphen-Kompagnie) bewerben könne. So vergnügt war er über seinen Lehrmeister-Erfolg, daß er mich dann in die unterirdischen Kasematten des Küstenforts führte.
»Aber ’s ist strikt privatim!« mahnte er.
So sah ich den berühmten Minentisch der Küstenverteidigung San Franziskos. Es war eine camera obscura. Auf eine ungeheure, in winzige Quadrate eingeteilte Tischplatte in der Kasemattenkammer reflektierten die Kameraspiegel ein Stück Meer. Es sah fast unheimlich aus, wenn die Segler und die Dampfer im Spiegelbild über die schwarzen Linien der Quadrate huschten, die alle Nummern trugen. Es war unheimlich! Denn in Kriegszeiten bedeutete jedes Quadrat entweder eine Torpedomine oder ein Schußfeld, auf das mehrere Geschütze sorgfältig einvisiert waren. Glitt nun ein feindliches Schiff über Quadrat 39, so drückte der Minenoffizier auf den elektrischen Knopf Nummer 39, und das feindliche Schiff flog in die Luft, von einer Mine in Stücke gerissen oder von riesigen Sprenggranaten zerfetzt. Theoretisch. Es sah sehr schön aus.
Und dann gingen wir in die Kantine.
Das Zeitungsbaby lernte die ersten Griffe seines neuen Handwerks ... Aber weit wichtiger als all das Praktische war der große Lebenswert, den die Zeitung wie im Spiel schenkte: Die Begeisterung für die Arbeit!
Reporterdienst.
Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. — Der scoop. — Der verunglückte Dampfer Hongkong. — Die Männer der schnellen Entschlüsse. — Wie ein Reporterstück inszeniert wird. — Auf der Jagd nach der Sensation. — Im Maschinenraum. — Wie ich die Kunst des Zuhörens ausübte. — Der Dämon im Stahl. — Zeitungskönig Hearst. — Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und der Hearstschen Gelben Presse. — Ein schwarzer Tag.
Das Leben des Amerikaners ist Hast und Hetze, nicht aus der Lebensnotwendigkeit der Jagd nach dem Dollar nur, sondern weil Hasten und Hetzen ihm von Kindesbeinen an gar nichts zu Beklagendes, sondern etwas Wunderschönes bedeuten. Hustle! ist sein Motto — rühr’ dich, rege dich, nütze die Zeit! Und hustling verlangt er auch von der Zeitung. Der Mann, dem riesige Wolkenkratzer, donnernder Straßenlärm, jagende Eile im Stadtbild eine Art Kulturbedürfnis sind, verlangt von seiner Zeitung viel Lärm und gewaltigen Spektakel, und die grellen Farben, die sein Auge im Tagesleben überall erblickt. Zwei Zoll hoch müssen die Ueberschriften sein und gepfeffert in kräftigen Worten, so wie seine eigene Ausdrucksweise es ist; übertrieben, wie er gern übertreibt, der Mann, der sein Land das Land Gottes nennt, anstatt bescheidentlich vom Vaterland zu sprechen wie andere Leute. Die Eile, den raschen Entschluß, das schnelle Schaffen, die in seinem persönlichen Leben rumoren, will er auch in seiner Zeitung sehen. Ihm imponiert das Bild, die Tat, die große Schilderung, das Verblüffende; weise Worte möchte er nur gelegentlich und dann mit Vorsicht genießen! Rauschendes Leben muß an seinem inneren Ohr vorbeifließen, wenn er in den weichen Polstern der Hochbahn New Yorks die Zeitung überfliegt, auf daß seine Lektüre im Einklang mit dem Taktschlag seines Tages klinge. So ist aus dem hastenden Amerikaner heraus und seiner Liebe für grelle Lichter und lauten Lärm die amerikanische Zeitung entstanden.
Ihre Dollarjagd, ihre Hetzerei, ihr Sensationsdrang.
Sieht man aber näher zu und wühlt man sich durch den marktschreierischen Wortkram der Ueberschriften und der Floskeln in den Aufsätzen, so entdeckt man erstaunt, daß hinter der brutalen Sensation eine gründliche, ehrliche, bewunderungswürdige Arbeitsleistung von ganz gewaltigen Verhältnissen steckt und zwar häufig gerade da, wo der als so leichtsinnig verschrieene Reporter gearbeitet hat. Dieser Reporter, der so gut wie die Besten die jungfrische Kraft und den Unternehmungsgeist und den Bienenfleiß des Dollarlandes repräsentiert. Er ist es, der seiner Zeitung die großen Erfolge verschaffen muß, die man in der Zeitungssprache scoops nennt. Sie allein machen Eindruck auf den modernen Amerikaner; sie allein sichern dem Blatt ein rasches Emporschnellen der Zirkulation, ein Wachsen im Ansehen.
Scoop heißt wörtlich eine große Schaufel. To scoop in bedeutet einheimsen, einschaufeln, einsacken, und im übertragenen Sinne will der spöttische Zeitungsausdruck besagen: Daß man eine hochwichtige Neuigkeit ganz für sich allein, ganz zu allererst eingeheimst, eingeschaufelt hat, während die betrübte Konkurrenz wehmütig dasteht und den kahlen Boden vierundzwanzig Stunden später nach schäbigen Resten absucht. Ich erlebte einen prachtvollen scoop beim Examiner. Und half mit dabei.
Frühmorgens war es. Noch hatte die Arbeit nicht begonnen und die Reporterfamilie auf der Jagd nach den Ereignissen des Tages sich über die Stadt zerstreut, als McGradys Telephon, das von der Examinerzentrale nur dann eingeschaltet wurde, wenn es sich um eine sehr wichtige Mitteilung handelte, rasselnd erklingelte. Mac nahm den Hörer ab:
»Examiner — Nachrichtendienst.«
— — — — — — — — — —
»Jawohl — Leuchtturmwärter — Station Goldenes Tor — ja — wie heißt der Dampfer — die Hongkong? — jawohl! Anscheinend verunglückt, jawohl Wird von einem Trampdampfer eingeschleppt?«
— — — — — —
Pause, lange Pause. Wir alle lauschten in atemloser Spannung. Dann fragte Mac weiter:
»Der Dampfer ist nur durch ein gutes Fernrohr sichtbar, sagen Sie?«
— — — — — — — — — —
»Haben Sie die Nachricht einer anderen Zeitung gegeben? — Nein? — Schön. Erstatten Sie nur die Ihnen dienstlich vorgeschriebenen Meldungen an die Behörden und benachrichtigen Sie keine andere Zeitung. Ja? Danke. Sie erhalten von uns fünfundzwanzig Dollars. — Schluß.«
Das Telephon klingelte ab.
Allan McGrady hängte langsam und bedächtig den Hörer auf, ging zu seinem Schreibtisch, nahm sich eine Zigarette und zündete sie umständlich an, während wir schweigend dastanden. Dann wandte er sich um.
»Hayes! Telephonieren Sie doch, bitte, an die Schleppdampfergesellschaft. Wir brauchen den schnellsten Schlepper, den sie haben. Muß in einer halben Stunde unter Dampf sein. Examinerdienst, üblicher Charter für einen Tag. Nein — warten Sie. Nicht einen, sondern zwei Schlepper brauchen wir.«
»Zwei Schlepper — in einer halben Stunde!« wiederholte Hayes.
»Richtig.« Hayes ging zum Telephon und McGrady klingelte. »Ich lasse Mr. Lascelles bitten,« befahl er dem eintretenden Pagen.
Von uns sagte keiner ein Wort, denn jeder wußte, daß es sich um etwas Großes handelte; um rasches Denken, um schnelles Disponieren. Daß jede Minute und jeder gesprochene Satz kostbar waren. Der Chefredakteur kam augenblicklich. Wenn ein Redakteur den andern oder gar den Chef »bitten« ließ, anstatt sich selbst zu bemühen, so bedeutete das: Eile, Dringend, Expreß!
Die beiden Herren schüttelten sich die Hände.
»Guten Morgen, Lascelles,« sagte McGrady, der nie ruhiger und kühler sprach, als wenn er sehr aufgeregt war. »Verzeihen Sie, aber wir haben hier eine Sache, die keinen Aufschub duldet.«
Lascelles nickte nur. McGrady fuhr fort:
»Der Leuchtturmwärter von der Goldenen-Tor-Station telephoniert, er habe soeben den Dampfer Hongkong der San Franzisko-China-Linie gesichtet. Der Dampfer werde von einem kleinen Honolulu-Trampdampfer eingeschleppt. Sie alle wissen, daß die Hongkong überfällig ist. Um was es sich handelt, läßt sich ja allerdings noch nicht sagen. Mr. Lascelles, ich habe zwei Schleppdampfer beordert —«
»Weshalb zwei?«
»Wir haben Eile. Ich möchte vorschlagen, daß wir die Nachmittagsausgabe zwei Stunden früher erscheinen lassen mit zwölf bis zwanzig Spalten Hongkong an erster Stelle. Ich persönlich bin dafür, alles andere Lokale hinauszuwerfen. Nur Hongkong, wichtige Politik, Börse, Vermischtes. In zwei Stunden frühestens hat der »Call« die Nachricht von den Behörden, auf jeden Fall aber nach uns. Selbst wenn es sich nur um eine Stunde oder auch eine halbe Stunde Differenz handeln sollte, so haben wir doch Vorsprung, und die Leute vom Call kommen sicher nicht auf den Gedanken, daß wir zwei Stunden früher erscheinen könnten!«
»Teufel — das können wir aber doch nicht, Mac!«
»Ich meine, es müßte eben gehen,« sagte Allan McGrady nachdenklich. »Wir lassen die Setzer und die Maschinenleute der Nachtschicht holen. Was Manuskript anbetrifft, so soll der zweite Schlepper die ersten Nachrichten übermitteln, sobald es nur irgendwie geht, und der Rest muß eben auch im Handumdrehen da sein — ich kann mich auf meine Leute verlassen.« (Es geschah sehr selten, daß McGrady dergleichen sagte, aber wenn es geschah, so hätten wir uns in Stücke zerreißen lassen für ihn!!)
»Die Möglichkeit des Gelingens ist da,« antwortete Lascelles rasch. »Allright, Mac. Disponieren Sie. Sie wissen, daß wir gute tausend Dollars Extraausgaben riskieren und der alte Mann uns die Hölle heiß machen wird, wenn die Sache schief geht. Verfrühte Ausgabe also. Wissen Sie was? Es ist neuneinhalb Uhr. Um zwölf Uhr, oder sagen wir halbeins, lassen wir ein Extra verteilen: Die Hongkong hilflos eingeschleppt. Eines der größten Schiffe der kalifornischen Chinalinie mit knapper Not dem Untergang entgangen. Eine Tragödie der See. Siehe ersten Bericht im Nachmittags-Examiner. Oder so ähnlich ...«
»Ausgezeichnet!« sagte Mc Grady. »Wenn wir den Anschluß erwischen, ist es eine große Sache. Meine Herren, der gesamte Stab geht auf den Schleppdampfer mit Ausnahme von Hayes. Hayes — weinen Sie nicht, Sie haben schwierige und verantwortungsvolle Arbeit genug; Sie müssen auf die Frisco-China-Linie und zu den Versicherungsgesellschaften. Orders kann ich Ihnen kaum geben, meine Herren. Ferguson als der Aelteste wird disponieren. Nur ganz allgemein: Wir wenden die natürliche Methode an. Die Ereignisse werden photographisch geschildert. Die Schilderung beginnt von dem Augenblick an, in dem Sie den Schleppdampfer betreten. Diesen ersten Teil soll Ferguson machen. Hetzfahrt und so weiter. Die Hongkong wird gesichtet — Beschreibung, bitte, wie der Kasten aussieht — man klettert an Bord« — (er lachte) »und wenn einer der Herren dabei ins Wasser fallen sollte, wär’ das eine schöne Sache —«
Schallendes Gelächter.
»— und wenn einer der Herren so gütig sein würde, dabei im Dienste des Examiners zu ertrinken, so wär’ das noch viel schöner vom Zeitungsstandpunkt aus!« (Das war Macs gruselige Art von Humor.)»Passagiere schildern also — sie interviewen — Kapitän, Offiziere interviewen — sehen, was los ist — sperrt sich der Kapitän, so wird ihm unter die Nase gerieben, daß der Examiner und die Öffentlichkeit sich nicht bluffen lassen — die Wahrheit kommt doch an den Tag. Los, meine Herren! Ich bitte mir aus, daß flott gearbeitet und beim Schreiben auf der Heimfahrt keine Zeit an stilistische Künsteleien verplempert wird. Das nötige Zurechtdeichseln besorgen Lascelles und ich hier auf der Redaktion. Los!«
»Einen Augenblick!« rief Lascelles. »Zeitungen mitnehmen! Ist gute Reklame. Die Passagiere werden sich freuen, nach sechzehn Tagen wieder eine Zeitung aus dem Lande Gottes zu sehen!«
Eine Minute später stürmten in Holtergepoltereile zehn Zeitungsmänner zum Hafen, und fünfundzwanzig Minuten darauf jagten in sausender Fahrt die Hochseeschlepper Furor und Golden Gate durch das Schiffahrtsgewimmel der inneren Bai dem Goldenen Tore zu. An den Flaggenstangen im Heck flatterten die Hausflaggen der Zeitung mit ihrer grellroten Inschrift auf weißem Grund: San Francisco Examiner. Das Fahrttempo war viel zu schnell für die innere Bai, aber der Examiner durfte bei seinen Beziehungen zur Hafenpolizei eine kleine Gesetzesübertretung schon riskieren. Die Schiffe, denen wir begegneten, wurden aufmerksam, und mehr als einmal schallten brüllende Megaphonfragen zu uns herüber, was in Dreikuckucksnamen denn eigentlich los sei. Unser Kapitän antwortete gewöhnlich: »Erkundigt euch beim nächsten Polizisten!« Oder grimmiger:
»Sind — in Eile — haben — — keine Zeit — — euch — was vorzulügen! Goodbye!!«
Alcatras Island, die winzige, mit Kanonen gespickte Felseninsel im Zentrum des Hafens, huschte vorbei; die schmale Bai wurde breiter, die Wogen gingen höher. Das Häusermeer verschwand im Dunstkreis. Die Fischerflottillen in der äußeren Bai waren bald überholt. Die nackten, felsigen Ufer schoben sich näher zusammen.
Wir dampften durch das Goldene Tor. Ferguson hatte, auf einen Decksessel hingekauert, schon längst zu schreiben begonnen. Nun sah er auf und gab uns seine Instruktionen, die auf eine genaue Verteilung der Arbeit hinausliefen. Mir wurde die Beschreibung des Maschinenraums zugeteilt, während Ferguson selbst das Interview mit dem Chefingenieur der Hongkong übernahm. Aber der blinde Glückszufall hatte mir, dem Jüngsten, eine lohnendere Aufgabe gegeben als ihm, dem Alterfahrenen ... In einer Viertelstunde wurden Rauchwolken sichtbar am Horizont, und bald darauf tauchte die schwarze Masse eines Riesenschiffes auf, geschleppt von einem winzigen Dampfer. Das war die fünf Tage überfällige Hongkong.
Die elektrischen Lampen glühten im Maschinenraum, aber die gewaltigen Feuerlöcher der Kessel lagen grau und leblos da und Stille herrschte. Ich kletterte mühselig von Plattform zu Plattform auf den schmalen stählernen Leitern.
»’n Morgen,« sagte unten ein alter Mann mit weißen Haaren im blauen Maschinistenkittel. Er betrachtete mich vergnügt aus blinzelnden Augen und schob bedächtig den Pfeifenstummel aus dem linken Mundwinkel in den rechten, während er mit der einen Hand die Lagerung eines sausenden Dynamos prüfend betastete und mit der andern ein frischgewaschenes Hemd näher an die Feuerung des kleinen Hilfskessels hielt. »Guten Morgen!«
»Erzählen Sie mir alles!« sagte ich.
»Zeitung?«
»Ja — Examiner.«
»Dacht’ ich mir,« grinste der Alte. »Ich bin der dritte Ingenieur dieses gesegneten Schiffes, und wie Sie sehen, beschäftige ich mich damit, ein bißchen elektrische Kraft zu fabrizieren und die Familienwäsche zu trocknen. Mann, hier ist nichts los! Der Laden ist zu. Wir haben das Geschäft aus Mangel an Betriebskapital aufgegeben.«
»Weiter!« bat ich geduldig.
»Weiter nichts.«
»Propellerbruch, wie ich höre, nicht wahr?«
»Propellerschaftbruch, junger Mann, fachmännisch ausgedrückt,« sagte der Alte und drehte seine trocknende Familienwäsche nach der anderen Seite. »Das heißt, daß ungefähr in der Mitte zwischen hier und Honolulu in zweitausend bis dreitausend Meter Tiefe auf dem Grunde des Meeres ein Propeller, ein drei Meter langes Stück Propellerschaft, ungefähr sechs Heckplatten mit Zubehör, dreiviertel eines Steuerruders und noch verschiedene andere belanglose Kleinigkeiten liegen, alles zusammen etwa achtzigtausend Pfund schwer und etliche hunderttausend Dollars wert. Das is’ alles!«
— — — — — —
»Wie das passiert ist?« Er spuckte kräftig auf den Boden. »Junger Mann, ich bin siebenundzwanzig Jahre lang Maschinist, und trotzdem weiß ich das ebensowenig wie Sie. Sehen Sie, ein Propellerschaft ist sozusagen ’n Luder! ’n dickes, langes Stück Stahl, das vor jeder Ausreise von einem halben Dutzend Ingenieuren und mindestens drei Behörden Zoll für Zoll abgeklopft und untersucht und begutachtet wird. Das wir während der Fahrt pflegen und hätscheln, ölen und salben, als wär’s ’n Baby. ’n Stück Stahl, das eine Krafteinwirkung von sechstausend Pferdekräften und Wasserwiderstände von achtzehntausend Pferdekräften auf seinem runden Buckel aushalten muß. ’n Stück Stahl, dem die Kräfte und die Widerstände hie und da — es kommt nicht häufig vor, dem lieben Gott sei Dank — zu viel werden. Dann geht’s knax, und der Teufel ist los!«
»Was passiert dann?«
»Oh, nichts von Bedeutung.« Er lachte schallend auf und schlug sich aufs Knie. »Es passiert das, was uns passiert ist. Ungefähr das, was geschieht, wenn man einer kleinen Katze plötzlich den Schwanz abschneidet — der Schwanz fällt herunter, nicht wahr, und die kleine Katze gebärdet sich ungewöhnlich lebendig und aufgeregt. Na, unser Propellerschwanz mit einigem Zubehör, das er im Vorbeigehen mitnahm, liegt — well, zwischen hier und Honolulu. Die Katze — — «
»Die Maschinen?«
»— jawohl — die Maschinen! — die Maschinen wurden aufgeregt. Das ist ungefähr so, als wenn vier Pferde aus Leibeskräften an einem schweren Sandwagen zerrten und plötzlich rissen sämtliche Stränge. Worauf die vier Gäule übereinanderpurzeln und mit den Beinen strampeln würden ... Um drei Uhr nachts ist es passiert. Ich hatte die Wache, Hand an der Drosselung. Drei Sekunden nach dem großen Krach hatte ich abgedrosselt und fünfzig Sekunden später das hintere mechanische Sicherheitsschott geschlossen. Die drei Sekunden jedoch genügten den Maschinen vollkommen, um übereinanderzupurzeln — Lagerungen verballert, Hochdruckzylinder verbogen, Kolben schief, als wären sie besoffen, alle Verbindungen gelockert, alle Schrauben heidi — ein Jammer, junger Mann, ein trauriger Jammer. Zum Weinen! Aber das verstehen Sie nicht — sind ja kein Maschinenmensch ...«
»Und dann?«
»Schloßen wir den Laden. Ließen Dampf ab, dichteten das Kollisionsschott, pumpten das Stück pazifischen Ozean aus, das in den Maschinenraum gedrungen war, und stützten unsere armen Maschinen mit allerlei Gebälk. Mann, sehen Sie nur hin! Der Hochdruckzylinder sieht aus wie ’n Baugerüst — pfui Deibel! Das erledigt, warteten wir auf die göttliche Vorsehung und den dreckigen Trampdampfer, der mit seinem bißchen Schleppen ein Riesenvermögen an uns verdient.«
»Darf ich den Maschinenraum ansehen?«
»Kommen Sie! Sie werden sich wundern! Er sieht ungefähr so aus wie ein Zwischendeck mit siebenhundert seekranken Chinesen am dritten Tag der Ausreise von Hongkong. To — tal ver — saut!!«
Seufzend hing er das schon beinahe getrocknete Hemd über eine blanke Kupferröhre und führte mich in das Allerinnerste der Hongkong. Ein beschwerliches Kriechen war es, schmale Gänge entlang und unter den Leibern stählerner Ungeheuer durch. Ein Gewirr von Balken stützte die einzelnen Teile der Riesenmaschinen, die der furchtbare Stoß der im Augenblick des Bruchs entfesselten widerstandslosen Kräfte völlig unbrauchbar gemacht hatte; zerbrochene, verbogene Röhren, geknicktes Gestänge, schiefe Stahlsäulen, abgesprungene Harteisenstücke, weißgrau an den Bruchrändern, lagen umher.
»Hübsch, nicht?« sagte der alte Mann. »Nun stellen Sie sich, bitte, vor, daß ein winzig kleiner Fehler, ein völlig unsichtbarer, unentdeckbarer Riß in einem runden Stück Stahl von zwanzig Zoll Durchmesser ausreichte, um für eine halbe Million Dollars Maschinen in drei Sekunden über den Haufen zu werfen!!«
Da beschloß der Lausbub, seinem Teil des Berichts die Überschrift zu geben: Der Dämon im Stahl!
Er fand das sehr schön!!
Während der Furor in einer Wolke von schwarzquellendem Rauch hafenwärts sauste, schrieb ich und schrieb und schrieb, denn es war ja so leicht. Hatte mir doch das Glück das Schönste und Packendste in einem großen Zeitungsereignis bescheert — den grimmigen düsteren Humor der Wirklichkeit ...
Unser scoop gelang glänzend. Mit flammenden Überschriften und sechzehn Spalten Hongkong erschien der Examiner zwei Stunden vor dem Call. In einer Gesamtzeit von sieben Stunden vom Einlaufen der Meldung bis zur Ausgabe der fertigen Zeitung war ein für die Hafenstadt unendlich interessantes Ereignis lebendig und exakt geschildert worden, in der Ausführlichkeit einer graphischen Darstellung von über dreitausend Zeilen Länge. Nichts fehlte. Das Aussehen der Hongkong — der Bericht des Kapitäns — die Schilderung der Leute des Schleppdampfers — die Szenen des Schreckens der Unglücksnacht.
Es war einer der großen Tage der Zeitung gewesen.
Der Hongkongbericht war in gekürzter Form nach New York und Chicago an das New York-Journal und die Chicago-Dispatch telegraphiert worden, denn wir und jene beiden Blätter arbeiteten stets Hand in Hand. Gehörten »wir« doch einem gemeinsamen Eigentümer, dem Verleger des New York-Journal, William R. Hearst. Als wir uns am nächsten Morgen im Reporterzimmer einfanden, hielt uns Mac lachend eine Depesche entgegen. Wir lasen:
»Examiner, Frisco. — Komplimente, Mac. Gute Arbeit. Erwarte ausführlichen Bericht. — Hearst.«
Das war bezeichnend für William R. Hearst, dem nichts zu klein war im Zeitungsdienst, um sich nicht persönlich darum zu bekümmern, und nichts zu groß, sich mit seinen Zeitungen nicht daran zu wagen. Ich sah Hearst erst Jahre später. Aber im Reporterzimmer wimmelte es von Anekdoten über den »Alten«. Als Hearsts Vater, der Besitzer des New York-Journal, gestorben war und ihm die Zeitung hinterlassen hatte, wurde aus dem bedeutungslosen Jungen, der bisher nur durch modische Kleidung und grelle Kravatten aufgefallen war, mit einem Schlage ein Arbeiter. Er erklärte den redaktionellen und geschäftlichen Leitern seiner Zeitung, daß in Zukunft er der Herr sei und sonst niemand. Die wollten sich totlachen.
Dann kam das Entsetzen.
Der junge Hearst gönnte sich nicht einmal die Zeit zum Essen — und anderen Leuten erst recht nicht. Zu schlafen schien er überhaupt nicht. Er war der Schrecken der Metteure. Er nächtigte im Setzersaale und schrieb bis aufs letzte — i — Pünktchen die Schriftarten vor, die die Ueberschriften der einzelnen Artikel anziehend machen sollten für Seine Majestät das Publikum.
Sein Leben gehörte seiner Zeitung. Das folgende wahre Geschichtchen illustriert seine Manier vortrefflich. Er gab ein Souper, das sich lange ausdehnte. Um drei Uhr morgens brachte ihm ein Bote die erste Kopie der Morgenausgabe des Journal, das soeben zur Presse gegangen war. Hearst sprang nach einem Blick auf die Zeitung wütend auf, ohne seinen verblüfften Gästen auch nur ein Wort der Erklärung zu geben, und rannte in die Nacht hinaus. Nach Luft schnappend, kam er im Journalgebäude an, ließ die Presse stoppen und telephonierte den Chefredakteur herbei.
Alles — weil die Überschrift des Leitartikels Hearst nicht zugkräftig genug war!
Er pflegte stundenlang der Länge nach ausgestreckt in seinem Privatkontor auf dem Teppich zu liegen, die Riesenseiten des Journal vor sich ausgebreitet, um die Wirkung der »Aufmachung« zu studieren. Den großen Eindruck brauchte er — für die große Masse. Die war sein Götze. Er gab Unsummen aus für Spezialdrähte, mietete einen Privatdraht zwischen New York und Washington, um die Kongreßdepeschen früher zu haben, gewann Generäle und Minister als Mitarbeiter. Er schlug die Zeitungen New Yorks wieder und wieder in der Schnelligkeit und Ausführlichkeit wichtiger Nachrichten. Der Erfolg bei der großen Masse kam fast augenblicklich. Die Auflagenziffern des New York-Journal schnellten zu verblüffender Höhe empor, und aus der einen Zeitung wurde ein Zeitungssyndikat in New York, Chicago und San Franzisko, mit Hearst als Alleinbesitzer. Damals entstand das Wort von der Gelben Presse.
Ueber seine Entstehung habe ich von amerikanischen Zeitungsfreunden folgendes Geschichtchen erzählen hören:
Als der deutsche Kaiser der gelben Gefahr sein Zeichentalent widmete und die Völker Europas warnte, ihre heiligsten Güter zu wahren, kam der Karikaturist einer Washingtoner Zeitung auf die hübsche Idee, die kaiserliche Zeichnung, die in Amerika großes Aufsehen und bei der Abneigung gegen die gelbe Rasse starken Beifall erregt hatte, polemisch zu verwerten. Er zeichnete in einem Bild einen messerschwingenden Chinesen, in einem andern Bild daneben den das Journal schwingenden Hearst, umgeben von tanzenden Teufelchen, die alle schrien: Sensation! Sensation!! Sensation!!! Das eine Bild trug die Ueberschrift: Die Gelbe Gefahr Europas! das andere: Die Gelbe Gefahr Amerikas! Die politische Welt der Vereinigten Staaten lachte und nannte den Zeitungsmann den gelben Hearst und seine Zeitungen die gelben Zeitungen. Die Gelbe Presse!
Wie nun das bissige Wortbild auch entstanden sein mag, es kennzeichnet mit seinem Vergleich mit der krassesten aller Farben, dem schreienden Gelb, den Hunger nach Sensation vorzüglich. Tut auch Unrecht, wie alle Schlagworte. Hearst hat starken Einfluß auf die Entwicklung der amerikanischen Presse ausgeübt und dem modernen Nachrichtendienst unvergeßliche Dienste geleistet. Und lange vor Roosevelt schon kämpfte er gegen die Trusts. Seine politische Stellung als einer der Führer der demokratischen Partei wird von Jahr zu Jahr stärker.
Nur einen einzigen Tag in jenen Monaten versäumte ich den Zeitungsdienst.
Das war an jenem Tag, als frühmorgens Madame Legrange klopfte und mir einen Brief brachte, einen Brief aus Deutschland. Ich freute mich gewaltig. Mein wortkarger Vater schrieb mir nur selten, aber zwischen den Zeilen der wenigen Briefe konnte ich lesen, daß meine jungenhafte Begeisterung im Dienste der Zeitung und mein naives Schildern des Lebens um mich ihn freuten. In knappen Worten sprach der Freund zum Freund. Nur dann und wann blitzte ein Rat, eine Warnung auf. »Du wirst vielleicht nie nach Deutschland zurückkehren, aber vergiß dein Land nicht, denn seine Art bleibt deine Art!« schrieb er mir einmal. »Du hast es sehr schwer, denn du bist niemand Verantwortung schuldig als dir selbst ...« hieß es ein andermal. Vor allem aber verblüffte mich die genaue Kenntnis der amerikanischen Verhältnisse, die aus diesen Briefen sprach; eine weit gründlichere und tiefere Kenntnis als die meinige, der ich doch im Lande lebte und schaffte. Das flößte mir gewaltigen Respekt ein. Wenn das deutsche Heimweh über mich kam, und das tat es manchmal, nahmen die Sehnsucht und die Träume die Form an, daß ich es mir erträumte, dem Vater einst als erfolgreicher Mann wieder gegenüberzutreten. Der Erfolgreiche dem Erfolgreichen. Der Freund dem Freund. Der Gleichberechtigte dem Gleichberechtigten.
Und nun las ich und saß erstarrt auf meinem Bett. Mein Vater war tot. Gestorben an einer fürchterlichen Krankheit, nach jahrelangem Siechtum, das mir auf seinen Befehl verheimlicht worden war. Sie hatten ihn vor Wochen schon begraben.
An jenem Tag der Verzweiflung begann ich zu ahnen, was Alleinsein im fernen Lande in Wirklichkeit war und was die Bande des Bluts bedeuteten, aber Jahre sollten noch vergehen, bis ich verstand, daß in dem Grab im Münchner Nordfriedhof mein Allereigenstes lag. Daß aus meinem Vater meine Kraft und mein Leichtsinn und meine Art stammte, und daß ich dem Mann, der als kriegsinvalider Offizier nach den Feldzügen der Jahre 1866 und 1870 frisch und kraftvoll nach einem neuen Leben gegriffen und sich als nationalökonomischer und wirtschaftlicher Geistesarbeiter einen reichen Wirkungskreis geschaffen hatte, alle Zähigkeit des Wollens und Willens verdankte.
Das Kommen des Krieges.
Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. — Die Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. — Die Glückssoldaten in Viriginia. — Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien. — Grausamkeiten. — Die kubanische Junta und New York. — Der Untergang der Maine. — Der Racheschrei. — Kriegserklärung. — Meine große Idee! — Die große Idee funktioniert nicht! — Aber ich muß unbedingt nach Kuba ...
Schweres Kriegsgewölk überschattete im Jahre 1898 die Neue Welt. Unten im Süden auf der Insel Kuba tobte seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen Herren und Knechten, zwischen einer Rasse, die sich im Niedergange befand, und bösem Mischblut; zwischen Spaniern und Kubanern. Die reiche Insel, das Tabaksland, das Zuckerland war bitterarm geworden unter spanischer Mißwirtschaft, und unerträglicher Steuerdruck lastete auf ihm. Die spanisch-indianischen Mischlinge, die westindischen Neger und Halbneger, nie Freunde harter Arbeit, wurden durch das unfähige spanische Beamtentum mit seinem die Hände in den Schoß legenden mañana-Glauben noch gründlicher verdorben, als sie von Mutter Natur aus schon waren. Korruption war überall im Land. Hungersnot folgte auf Hungersnot. Bitteres Elend herrschte seit vielen Jahren. Da schlugen sich die Mischlinge in die Büsche, und langsam wuchs unter Führung von Abenteurern die national-kubanische Erhebung; ein Guerillakrieg, der von beiden Seiten mit einer Wildheit und einer Grausamkeit geführt wurde, die dem benachbarten Amerika den Atem stocken ließ und ihm eine altschmerzende Episode ins Gedächtnis rief, die in den Vereinigten Staaten böses Blut gemacht hatte: Das Sterben der Männer der Virginia.
Vor einem Jahrzehnt, denn solange schon wütete der Kleinkrieg zwischen Spaniern und Insurgenten, waren amerikanische Glückssoldaten in dem Schooner Virginia gen Kuba gesegelt und im Süden gelandet, sich in den Reihen der Revolutionäre Ruhm und Glück zu erkämpfen. Ein spanisches Kanonenboot fing den Schooner ab. Vierundzwanzig Stunden später knallten die Schüsse der spanischen Pelotons, und die Glückssoldaten der Virginia waren tot. Amerika zitterte vor Entrüstung, wenn auch das amtliche Washington sich wohl oder übel auf den Boden des internationalen Rechts stellen und erklären mußte, jene amerikanischen Abenteurer hätten den Schutz des Mutterlandes verwirkt, als sie sich auf ihre ungesetzliche Unternehmung einließen. Vergessen aber wurden die Männer der Virginia nie.
Schon zu Ende des Jahres 1897 waren die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien gespannt, denn Washington hatte wiederholt energisch darauf hingewiesen, daß in der Tabak-und Zuckerindustrie Kubas Millionen amerikanischen Geldes steckten und die unhaltbaren Zustände auf der Insel den wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten schadeten. Da wurde der spanische General Weyler als Generalkapitän auf die Insel gesandt, und der Kampf gegen die Insurgenten begann im großen Stil. Der grimmige Soldat ersann das System der Blockhauslinien. In Fächerform wurden von den militärisch stark besetzten Zentren aus kleine Blockhäuser in das Innere des Landes vorgeschoben, um in stetig fortschreitender, geschützter Angriffslinie die Revolutionäre zusammenzudrängen und das Land Meile für Meile von ihnen zu säubern. Quer über die ganze Breite der Insel schob sich die trocha. Eine gewaltige Kriegsmaschine war es: Undurchdringbare Drahtverhaue verbanden die Blockhäuser. Vor diesem Gürtel kleiner Festungen lief eine zweite Linie von Wolfsgruben und Sprengminen, die eine bloße Annäherung an die trocha schon zu einem tödlichen Wagnis machten.
Ein furchtbares Gemetzel begann. Tier kämpfte gegen Tier, denn die halbverhungerten, verzweifelten, geächteten Menschen in den Wäldern waren zu Tieren geworden, die mit ihren Macheten jeden der verhaßten spanischen Soldaten, der ihnen in die Hände fiel, grausam abschlachteten, und die erbitterten Spanier zeigten sich nicht weniger grausam als jene. Sie schonten weder Weib noch Kind. So tobte der Kleinkrieg. Immer wieder wurden die trocha da und dort in Kämpfen bis aufs Messer von den Insurgenten durchbrochen; hatten doch diese menschlichen Gerippe, die wenig mehr besaßen als ihre Waffen, nichts zu verlieren und alles zu hoffen. Gefangene wurden von den Spaniern ohne weiteres erschossen; zu Dutzenden, zu Hunderten. In New York aber sorgte eine kubanische Junta, eine Vertretung der Insurgenten, getreulich dafür, daß die amerikanische öffentliche Meinung in Schrift und Bild jede Greueltat der spanischen Soldaten erfuhr, während über die Schandtaten der Revolutionäre klüglich geschwiegen wurde. Grelle Schilderungen von Hunger, Jammer und brutaler Unterdrückung aber verfehlen ihre Wirkung auf den Amerikaner nie.
Alles drängte zur Einmischung der Vereinigten Staaten. Der langsam erwachende Imperialismus, der eine Ausdehnung der amerikanischen Macht forderte und Taten verlangte; das Kapital und starke wirtschaftliche Interessen, die nicht nur ihre Geldanlagen auf der Nachbarinsel retten wollten, sondern auch von einem amerikanischen Kuba sich goldene Berge versprachen; der Zug der öffentlichen Meinung endlich, die die blutigen Greuel im Nachbarhause nicht mehr mit ansehen mochte.
Die Stimmung war gespannt zum Platzen.
Da flog am 15. Februar des Jahres 1898 abends 9 Uhr im Hafen von Havana der große amerikanische Kreuzer Maine in die Luft und sank augenblicklich. Die gesamte Besatzung von über sechshundert Mann ging zugrunde.
Jetzt jagten sich die Ereignisse.
Ein Schrei der Entrüstung gellte über Amerika. Rache für die Maine! durchbrauste es die Zeitungen; Remember the Maine! donnerte es in den Massenmeetings. Denn für jeden Amerikaner war es selbstverständlich, daß ein heimtückischer spanischer Torpedo die Maine und ihre 600 Amerikaner in die Luft gesprengt hatte.
Die kubanischen Insurgenten wurden von der Regierung der Vereinigten Staaten als kriegführende Partei anerkannt. Scharfer spanischer Protest in unziemlichen Ausdrücken. Kurzer Notenwechsel, der die Lage nur verschärfte. Am 25. April erklärte das amerikanische Repräsentantenhaus, der Senat und der Kongreß, den Kriegszustand mit dem Königreich Spanien.
Am selben Tage noch erhielt das amerikanische Geschwader in Ostasien unter Admiral Dewey telegraphische Instruktionen. Nach fünf Tagen war die spanische Philippinenflotte in der Seeschlacht von Manila am 1. Mai 1898 vernichtet.
Der Lausbub wäre nicht das Menschenkind voller Unrast und tiefgewurzeltem Drängen nach grellem Erleben gewesen, hätte sich nicht inmitten des Kriegslärms sein abenteuerliches Blut geregt. Das Soldatenblut vielleicht auch vom Großvater und Vater her, den alten Offizieren.
Ich verschlang die sich jagenden Nachrichten und brüllte mit in Jubel und Freude, als Lascelles mit der Depesche vom Siege bei Manila ins Reporterzimmer stürzte. Kein Stockamerikaner hätte begeisterter sein können! Wieder jagten sich die Ereignisse. Mit immer größerer Bestimmtheit trat die Nachricht auf, daß eine Amerikanische Armee von der Insel Kuba Besitz ergreifen sollte und — ich wurde sehr nachdenklich, ohne eigentlich zu wissen warum. Ich wurde zappelig. Wie schal und gleichgültig schien auf einmal das begeisternde Reporterleben! Ich wurde unzufrieden. Was scherte mich die Zeitung, wenn es Krieg gab! Krieg!! Blutigen Krieg! Kämpfe im tropischen Land!!!
Ich sah mich zwei Nächte hintereinander im unruhigen Traum als kolossal tapferen Offizier, der seine Leute im Sturm zum Siege führte ... Und am nächsten Morgen kam mir die große Idee! Man mußte die Gelegenheit beim Schopfe packen! Die Möglichkeiten des Berufs mußten ausgenutzt werden bis zum letzten! Kriegskorrespondent wollte ich sein — aber selbstverständlich — Kriegskorrespondent!!!
Ich drückte mich im Reporterzimmer herum, bis die Kollegen alle fort waren. Kaum war der langbeinige Ferguson mit seinen polternden Schritten als letzter aus der Türe gestiefelt, als ich schon auf den Schreibtisch in der Ecke zuschoß —
»Mac, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte gern in einer persönlichen Angelegenheit ...«
»Natürlich, mein Sohn,« unterbrach er mich lachend. »Allright! Wieviel brauchen Sie denn nun eigentlich?«
»Es — es handelt sich nicht um Geld, Mac,« stotterte ich.
»Nun, und wo brennt es dann?«
»Krieg — Kuba ...«
»Kuba, eh? Was in der Hölle haben Sie denn mit Kuba zu tun?«
Aber ich ließ nicht locker. »Glauben Sie wirklich, Mac, daß wir in Kuba einfallen werden?«
Er nahm seine goldene Brille ab und putzte sie bedächtig.
»Nun, ich bin nicht der Kriegsminister!« meinte er. »Aber Sie können immerhin Ihren letzten Stiefel darauf verwetten, daß die Insel ein bißchen besetzt wird von uns, denn sie ist die große Wurst, um die man sich zankt. Die Geschichte wird übrigens so ziemlich in Ruhe und Frieden ablaufen, denke ich mir. Die Spanier wären Narren, wollten sie uns ernsthaften Widerstand entgegensetzen. Na, es kann auch anders kommen. Vor allem aber reden Sie jetzt ruhig heraus, lieber Junge! Was wollen Sie eigentlich, zum Teufel? Was haben Sie sich da wieder in den Kopf gesetzt??«
»Ich will nach Kuba!«
»Dachte ich mir, sonny!«
Ich wußte, daß ich puterrot geworden war und merkte, daß ich ungeschickt stotterte in der Aufregung, aber jetzt hieß es reden, reden, reden ... »Mac — helfen Sie mir, Mac! Sie wissen ja nicht, wieviel mir daran liegt!! Mein Vater war Offizier — und ich wollte als Junge immer schon Offizier werden und — Sie verstehen mich vielleicht ...«
Allan McGrady nickte ernsthaft vor sich hin.
»Legen Sie ein gutes Wort für mich ein beim Alten, Mr. McGrady! Ich will gewiß kein Geld verdienen dabei. Nur mitkommen —«
»Pfui, wer wird auf die Preise drücken!«
»Oh, Mac, Sie wissen doch, wie ich es meine.«
»Ich weiß, ich weiß. Und nun Vertrauen gegen Vertrauen, Sie Mann der Tollheiten. Zwanzig Jahre bin ich im Zeitungsdienst. Mein Name ist nach meiner besten Ueberzeugung etwas wert in der Zeitungswelt und beim Alten. Nun sehen Sie: Ich würde drei Finger meiner linken Hand hergeben, wenn ich damit erreichen könnte, von Hearst nach Kuba geschickt zu werden! Drei Finger, mein Junge! Mit Vergnügen!! Mit wonnevoller Wonne!!!«
»Aber — « stotterte ich, aus allen Wolken gefallen. »Sie können das doch erreichen!«
Er lachte. »Es ist nett von Ihnen, mir das Unmögliche zuzutrauen. Ich könnte mir jedoch mit der gleichen Aussicht auf Erfolg es in den Kopf setzen, heute abend um sechs Uhr Präsident der Vereinigten Staaten sein zu wollen. Mann, Sie ahnen nicht, was es bedeutet, Kriegskorrespondent zu sein. Da schickt man die Auserlesensten der Auserlesenen hin. Leute von unermüdlicher Tatkraft, glänzende Federn — Männer, die in jeder Lage einen Ausweg zu finden wissen — Männer mit militärischen Kenntnissen ersten Ranges — ach du lieber Gott. Gibt es da unten wirklich ernsthafte Kämpfe, so sind die Hälfte der Kriegskorrespondenten für den Rest ihres Lebens gemachte Männer. Die Namen der Glücklichen — Glück gehört auch dazu! — werden beinahe so berühmt werden wie diejenigen der siegreichen Generale. Schlagen wir’s uns aus dem Kopf, mein Junge! Für unsere Zeitungen gehen selbstverständlich Davis und McCullock nach Kuba, kommt es so weit; Davis, der ein großer Schriftsteller und Hearsts Freund ist, und McCullock, der beim tollen Mullah im Sudan war! Das ist gar keine Frage!«
Da trat Lascelles ein.
»Good morning, Mac!« rief er. »Denken Sie mal, der Teufel ist endlich los! Washington telegraphiert die Mobilmachung der National Guard! Bedeutet natürlich, daß Onkel Sam nach Kuba marschiert. Und ich würde drei Finger drum geben, stände ich in McCullocks Schuhen!!«
Mac blinzelte mir zu.
Als wolle er sagen: »Siehst du! Da ist noch einer! Einer, der schon hoch geklettert ist auf den Sprossen der Zeitungsleiter und trotzdem das nicht erreichen kann, was du dir in den dicken Schädel gesetzt hast. Du blutiger Anfänger ... du!!«
Ich schlich mich fort. Miserabel schlecht arbeitete ich an jenem Tag, denn in meinem Kopf rumorte und lärmte und hämmerte es: Kuba — Kuba — Krieg ...
Kreuz und quer lief ich durch das flaggengeschmückte San Franzisko. Unter aufgeregten Menschen, die von nichts sprachen als vom Krieg und von Kuba. Teufel — Teufel — — Und immer lauter rumorte in mir das trotzige blinde Wollen des Augenblicks, wie es noch hundert Male rumort hat in meinem späteren Leben, zum Glück manchmal, manchmal zu meinem Unglück. Später, wenn man die wirkliche Kraft gefunden und sich rückschauenden Humor eingefangen hat, denkt man gern an solche Augenblicke der Tollheit. Hat man sie doch auf Heller und Pfennig bezahlt in der Münze des Lebens und das Recht auf fröhliche Erinnerung erworben, mag auch die Vernunft sich wehren mit ihrem: Es wäre doch besser gewesen, wenn ...
So lief ich umher in den Straßen.
Einem neuen Spielzeug nach, das hüpfende Teufelchen vor mir baumeln ließen und das ich nicht erhaschen sollte und das vielleicht nur deshalb so begehrenswert schien. Die Sehnsucht gestaltete sich zur fixen Idee. Sie wurde zum harten Wollen.
Der Lausbub dachte also nach. Dachte angestrengt nach, vernünftig. Ueber die Vernünftigkeit dieses Nachdenkens aber würde jeder andere Mensch sich krankgelacht haben: Es bestand im Wesentlichen darin, daß ich fortwährend dasselbe dachte — »Ich will aber nach Kuba! Zum Teufel, ich will aber doch nach Kuba!!«
Die kleinen Affären des Lebens, die links und rechts neben Kuba, und die schleierhafte Zukunft, die hinter Kuba lag, kümmerten mich furchtbar wenig. Sie waren nebensächlich. Erstens wollte ich mit in diesen Feldzug, und zweitens mußte ich mit, und drittens ging ich überhaupt auf jeden Fall mit! Darüber war ich mir nun klar, und damit schien mir die Angelegenheit erledigt.
Ich — mußte — unbedingt — nach — Kuba!!
Der Lausbub wird Soldat.
Die verbogene Lebenslinie. — Ein schneller Entschluß. — Beim Oberleutnant Green vom Signaldienst. — Ich werde angeworben! — Abschied von Allan McGrady. — B Company des 1. Infanterieregiments. — Korporal Jameson. — Wiggelwaggeln. — Der sprechende Sonnenspiegel. — »Ich gehe nach Kuba!«
Daß meine Verhältnisse sich völlig ändern würden, der mühsam erarbeitete erste Lebenserfolg völlig über den Haufen geworfen wurde, die Zukunft sich anders gestalten mußte — an meine ganze schöne Lebenslinie dachte ich auch nicht einen Augenblick lang. Her nur mit dem praktischen Trotz, der törichte Wünsche in Wirklichkeit umsetzt!
Ich ging zum Oberleutnant Green ins Presidio.
»Hoffentlich kommen Sie nicht in beruflicher Angelegenheit,« sagte er lächelnd, als ich in das kleine Signalbureau im Adjutanturgebäude trat, »denn nicht ein Wörtchen könnte ich Ihnen in diesen Zeiten sagen. Befehl von Washington!«
»Das wäre an und für sich schon eine Neuigkeit im Zeitungssinne!« lachte ich. »Aber ich komme mit einer persönlichen Bitte ...« Und ich erzählte ihm, was ich mit Allan Mc Grady gesprochen hatte und erklärte, daß ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt hätte, den Feldzug mitzumachen. Der Offizier hörte aufmerksam zu.
»Sie wollen also Soldat werden?«
»Ja.«
»Und Ihr Beruf?«
»Auf den pfeif’ ich!«
»Hm. Haben Sie sich da in Ihrer Enttäuschung über die Kriegskorrespondentengeschichte nicht in eine Idee verrannt, deren Tragweite Sie nicht übersehen? Würden Sie sich unter allen Umständen anwerben lassen, auch wenn ich nicht helfe?«
»Ja, unter allen Umständen.«
»Schön. Wie alt sind Sie?«
»Zwanzig Jahre und drei Monate.«
»Hm. Das Gesetz schreibt zwar ein Alter von 21 Jahren vor, aber um der paar Monate willen wollen wir uns nicht streiten. Ich will Ihnen helfen. Sie scheinen ja ernstlich genug zu wollen, und des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Unter den besonderen Umständen wird Ihnen übrigens eine kurze Dienstzeit in der blauen Jacke Onkel Sams gar nicht schaden. Nun hören Sie, bitte, genau zu. Was ich Ihnen jetzt sage, ist vertraulich: Wir könnten Sie im Korps gebrauchen, und das wäre wohl auch das Beste für Sie, schon weil die Arbeit sehr interessant ist. Telegraphieren können Sie ja schon. Der Haken ist nur der, daß ich zur Anwerbung nicht autorisiert bin. Der Signalkorpsdienst der Vereinigten Staaten besteht augenblicklich nur aus etwa dreißig Offizieren und etlichen fünfzig Sergeanten. Mannschaft haben wir vorläufig gar nicht. Ich erwarte jedoch von Stunde zu Stunde die Order, die ein Signalkorps im größeren Stil für den Krieg organisiert. Sie lassen sich also jetzt für das hiesige Regiment, das 1. Infanterieregiment, anwerben. Ich werde dafür sorgen, daß Sie sofort zum Telegraphendienst abkommandiert werden, und sobald das neue Signalkorps autorisiert ist, werde ich Sie versetzen lassen. Abgemacht?«
»Ja.«
»Schön. Sie müssen sich auf drei Jahre verpflichten, aber eine vorherige Entlassung würde keinen besonderen Schwierigkeiten begegnen, wenn Sie eine solche nach Beendigung des Feldzugs wünschen.«
Ich horchte auf, denn das war es gerade, was ich wollte!
»Abgemacht?«
»Ja.«
»Well, ich hoffe, daß Sie den Schritt, den Sie heute unternehmen, nicht bereuen werden. Und nun wollen wir die Sache ins Reine bringen. Warten Sie hier einen Augenblick, bitte. Ich werde den Adjutanten verständigen, der Sie formell anwerben wird.«
Nach kurzer Zeit kam er wieder. »Kommen Sie mit, bitte!«
Wir gingen über den Korridor ins Adjutanturzimmer. Dort saß an einem Schreibtisch ein junger Leutnant, und an einem großen Tisch arbeiteten zwei Sergeanten. Fast gleichzeitig mit uns trat ein Militärarzt ins Zimmer, der mich in einen Nebenraum winkte. Ich mußte mich auskleiden und wurde untersucht. Das war in wenigen Minuten geschehen. Dann ging’s wieder ins andere Zimmer, und der Leutnant stellte mir die knappen geschäftsmäßigen Fragen der Anwerbung.
»Sie wollen freiwillig in den Kriegsdienst der Vereinigten Staaten treten?«
»Es ist keinerlei Zwang auf Sie ausgeübt worden?«
»Sie sind nicht verheiratet?«
»Sie sind im Besitz der amerikanischen Bürgerpapiere?« (Oberleutnant Green flüsterte da dem Adjutanten etwas zu, und ich glaubte zu verstehen: Ist allright — ich bürge für den Mann.) Der Werbeoffizier wartete keine Antwort ab. »Natürlich. Sie stammen aber von deutschen Eltern, nicht wahr?«
So kam ich um die Notwendigkeit herum, meine Absicht, Bürger der Vereinigten Staaten werden zu wollen, feierlich beschwören zu müssen. Da ich diese Absicht durchaus nicht hatte, so erfreute mich das ungemein. Wäre es aber notwendig gewesen, so hätte ich damals sieben Bürgererklärungen abgegeben und sieben Eide geschworen, nicht nur einen. Ich wollte doch nach Kuba!
Fünf Minuten später hatte ich dem Adjutanten die kurzen Worte des Fahneneids nachgesprochen und war Soldat in Company B, 1st Regiment, U. S. Infantry — bis um acht Uhr morgens des nächsten Tages beurlaubt, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.
Allan McGrady fiel beinahe vom Stuhl —
»Heh? Sagen Sie das noch einmal!« schrie er.