FELIX A. THEILHABER:

DER UNTERGANG DER DEUTSCHEN JUDEN

FELIX A. THEILHABER

DER UNTERGANG
DER
DEUTSCHEN JUDEN

Eine volkswirtschaftliche Studie.

2. veränderte Auflage / 3. bis 4. Tausend

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JÜDISCHER VERLAG / BERLIN

Copyright 1921 by Jüdischer Verlag, Berlin
Druck von Zahn & Baendel, Kirchhain N.-L.
Einbandzeichnung von Menachem Birnbaum


[INHALT.]

VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE [5]

KAPITEL I. Einführung [7]

Ueberblick über die Sexualverhältnisse der alten Welt. Die Grundlagen und die Bedeutung der jüdischen Geschlechts-Ethik. Ehe, Frühehe und Kinderreichtum als religiöses Postulat. Ihre strikte Durchführung im Mittelalter. Fruchtbarkeit und Profetie. Der Gedanke der Auserwähltheit. Einwirkung auf unsere Zeit. Hoffnungsfreudigkeit der Offiziellen. Beschwichtigungs-Manöver der jüdischen Statistiker. Die Auflösungsprozesse in der Geschichte des Volkes Israel. Der Untergang der 10 Stämme. Die Vertreibung in Spanien. Die Zersetzung in Westeuropa. Die Sexualfrage bei den Juden — ein Indikator der allgemeinen Wissenschaft.

KAPITEL II. Ueberblick über die Geschichte der Juden in Deutschland [37]

Die erste Assimilationsperiode im Mittelalter. Die Judenverfolgungen. Intensivierung des jüdischen Gedankens. Naturnotwendigkeit einer großen Fruchtbarkeit. Die Emanzipation und ihre Folgen. Versagen der religiösen Sexualgebote.

KAPITEL III. Die Bevölkerungsentwicklung im Reich [44]

Fruchtbarkeit und Judenfeindschaft. Auswanderungsfragen. Sinkender Anteil der deutschen Juden. Minderung in Süddeutschland. Stagnation in den Hansastädten. Zunahme in Sachsen. Die Volksvermehrung in Preußen und die Ostjuden.

KAPITEL IV. Das Wanderungsproblem [56]

Das Versiegen des flachen Landes. Die verlorene Ostmark. Der Abgang in den Provinzen. Der Zug nach dem Westen. Die Dezimierung der Kleinstädte. Der Rückgang in den Großstädten. Großstadtfolgen.

KAPITEL V. Das Sexualproblem [73]

Allgemeine Gesetze. Einwirkungen des Kapitals. Ehe und wirtschaftlicher Aufstieg. Spätehe. Unehelichkeit. Sexuelle Freiheit des Mannes. Die Gleichstellung der Frau.

KAPITEL VI. Die Eheschliessung [82]

Liebe und Oekonomie. Die bürgerliche Liebe. Besonderheiten der jüdischen Ehe.

KAPITEL VII. Die Geburten bei den Juden [87]

Rekord der Geburtenbeschränkungen. Das Zweikinder-System. Ständig weitere Beschränkung. Abnahme der Juden auf dem Lande und in den Städten. Retardierende Momente im primitiveren Sexualismus der Eingewanderten. Moloch Berlin. Triebkräfte des Neomalthusianismus. Internationale Einflüsse. Ausblick in die Zukunft.

KAPITEL VIII. Die Mortalität [98]

Glänzender Stand der Mortalität. Günstige Kindersterblichkeit. Ansteigen der Todesfälle. Der Wendepunkt.

KAPITEL IX. Zum Problem des Geburtenüberschusses [102]

Falsche Berechnungen. Das Stahlbad des Krieges. Der Rückgang der Jugendlichen. Die Unterbilanz. Beweise. Die Fruchtbarkeitsberechnungen.

KAPITEL X. Die Austrittsbewegung [114]

Die Intelligenz und die Taufe. Der Adel und die Reichen. Die Akademiker. Die Taufe als soziale Erscheinung. Idealistische Kämpfer. Freidenkertum. Die Kirchensteuer. Das beschnittene Judentum.

KAPITEL XI. Die Mischehe [124]

Historische und religiöse Voraussetzungen. Biologische und gesellschaftliche Einflüsse. Die Macht der Umgebung. Sexuelle Freiheit. Erschütterung der Inzucht. Statistische Entwicklung. Verschmelzungsprozesse im Ausland.

KAPITEL XII. Wirtschaftsprobleme [138]

Die Berufsbewegung. Einströmen in die freien Berufe. Abströmen von der Landwirtschaft. Verschlechterung der Berufsverteilung. Verwachsung mit dem Kapital. Die Berufstätigkeit der Frau. Wohlstand und Geburtlichkeit. Psychische Einstellung. Die Ausstrahlungen des Kapitalismus.

KAPITEL XIII. Das Entartungsproblem [148]

Degenerative Vorgänge, Geisteskrankheiten. Potatorium. Geschlechtliche Verseuchung. Militäruntauglichkeit. Selbstmord.

KAPITEL XIV. Uebersicht [153]

Mangelnde Geschlechts- und fehlende Geburtenpolitik. Evangelium des Rationalismus. Sinkendes Rassebewußtsein. Prognose quoad vitam.

KAPITEL XV. Schluss [156]

Optimismus und Pessimismus. Die Bekämpfung des Uebels. Die historische Mission des Judentums. Das jüdische Volk. Auferstehung.

[VORWORT ZUR 2. AUFLAGE.]

Anatole France empfiehlt jedem Schriftsteller, seinen Leser beileibe nicht zu überraschen oder gar zu erschrecken. Das Bestreben, ihn aufzuklären, würde der brave Leser nur mit dem Geschrei beantworten, man beschimpfe seinen Glauben. Und letztens versichert er, daß nur der Schriftsteller, der die bestehenden Gesellschaftsformen preist, sich allgemeiner Beliebtheit, in Sonderheit der besseren Kreise erfreuen wird.

Trotz der früheren Vorhaltungen, mit meinen Untersuchungen dem Judentum zu schaden, und unbeachtet der Vorstellungen, die Statistik und die Nationalökonomie absolut nicht zu beherrschen, habe ich mich entschlossen, dieses Buch in noch schärferer Fassung aufzulegen. Die Erniedrigungen und Enttäuschungen, die ich Jahre lang vor dem ersten Erscheinen mit Verlegern und jüdischen Organisationen erlebte, ließen mich in dem Vorwort der ersten Auflage den Kampf erahnen, der sich an das Erscheinen des Buches knüpfen würde. Leider hat dieser sich mehr an meine Person als an die Sache selbst gewandt. John Ruskin sagte ja bereits den Juden nach, daß sie alles, was sich gegen ihre Religion wende, als Aergernis (die Griechen als Torheit) empfänden. Ich fürchte nunmehr erst recht ein öffentliches Aergernis zu erregen. „Aber Aergernis hin — Aergernis her, es ärgere sich die ganze oder halbe Welt” meinte der Wittenberger und tröstete sich vermutlich mit einem Wort Eckhardts: „Wer diese Predigt verstanden hat, dem gönne ich es wohl; wenn sie aber auch niemand verstanden hätte, dann würde ich sie dem Opferstocke gehalten haben.” — —

Mir ist beim Niederschreiben nicht nur die Feder heiß geworden, und ich bin der Zeit dankbar, in der ich Problemen, die mich seit vielen Jahren bewegten, wissenschaftlich nachgehen konnte.

Wilmersdorf, im Jahre 1920.

Felix A. Theilhaber.


[KAPITEL I. EINFÜHRUNG.]

„Wir haben es noch nicht erlebt: folglich ist es unmöglich — ist kein logischer Schluss,” lehrt der Talmud. —

Edijoth M. II., 2.
Ordnung Neziqim

Der Orient gilt als die Wiege der Zivilisation. Wir kennen seine Geschichte, seine Religionen, seine schönen Künste und Wissenschaften. Und nur der Verfall der alten Staaten ist in ein mystisches Halbdunkel gehüllt. In dem Buche, „das sterile Berlin” glaubte ich den Untergang des Imperium Romanum auf bevölkerungspolitische Vorgänge zurückführen zu können. Die Erhaltung dagegen des einzigen Kulturvolkes des Altertums — nämlich der Juden — erscheint uns ebenso mit ihren sexualhygienischen Institutionen und Gewohnheiten verbunden zu sein. Gewiß bei vielen alten Völkern zeigen sich bereits Ansätze, dem Bevölkerungsproblem näher zu treten. Aber wie sahen diese auch aus! Solon begann sein Werk mit der Errichtung eines großen Bordells, für das im Auslande Sklavinnen gekauft wurden. Die neue Staatsanstalt, deren Hausordnung amtlich publiziert wurde, unterstand einer eigenen Gottheit, der Venus Pandemos. Und selbst Lykurg hat sein gepriesenes System, das „ein Volk von Kriegern” heranzüchten sollte, mit der Vernichtung aller anscheinend schwächlichen Kinder eingeleitet. Mit der Austilgung von bereits geborenen, lebenden menschlichen Wesen! „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern”, betonte Moses dagegen. Diese Forderung knüpft an moralische Prinzipien an. Selbst die alten Geschichten, die in der Bibel vorkommen und in denen uralte sexuelle Erlebnisse nachklingen, werden solange retouchiert und überzeichnet, bis sie in das System der neuen sittlichen Weltordnung hineinpassen (Adam und Eva, Noah, Abraham usw.). Die Bibel hat nicht die reine Fantasie des Gilgameschepos und weiß nichts von der Tendenzlosigkeit farbenprächtiger homerischer Erzählungskunst. Das jüdische Schriftwerk hat keinen Selbstzweck. Es ist nicht Kunst und auch nicht Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Alle Disziplinen sind Mittel geworden in der großen Aufgabe, das moralische Handeln des Individuums und des Volkes durch ethische Verankerungen zu lenken, klare sittliche Voraussetzungen für alles Denken und Trachten zu schaffen.

Diese neue Einstellung des jüdischen Volkes verleugnet nicht manche Abhängigkeit von früheren und gleichzeitigen Kulturwerten anderer Völker. Solche Übergänge finden sich auch in der Sexualsphäre.

Mir erscheint sogar die Beschneidung die Ablösung der Opferung von Kindern, wie sie die vorderasiatische Welt dem Moloch, dem Gott des Sadistentums, zollte, darzustellen. Viele Gebräuche können den Einfluß der Umwelt auf die Juden nicht verwischen. Nur natürlich. Bestand das jüdische Volk doch aus jungen, kaum geeinten Stämmen, die sich in einem kleinen Lande zwischen alten Kulturvölkern auf einem Terrain 1/100 so groß wie Deutschland niederließen, und auf viele technische, ökonomische und geistige Güter der Nachbarn angewiesen waren. Nach Dr. Fink schreibt auch der Talmud Synhedr. 63 es der Sinnenlust der Juden zu, daß sie sich den fremden Götzen zuwandten. Vor allem lockten die mystischen Opferfeste, die erotischen Exzesse, der Phallusdienst, das breit ausladende Hetärentum und die männlichen Hierodulen — alles Kult, der sich an den Dienst der Göttin Astarte knüpfte. Wankelmütige, prunkliebende, lüsterne Fürsten beherrschten damals das kleine jüdische Volk, das sich der immer wachsenden Bedrohung und Gefahren von außen und innen kaum erwehren konnte.

Da stipulierte eine kleine Zahl von Volksfreunden — die Propheten — die gesunde Fortpflanzung als sittliche Tat, als den kategorischen Imperativ des Judentums. Große neue Kulturbewegungen suchten die eigenartige Entwicklung im Keime zu ersticken. Nach dem Abklingen der vorderasiatischen und ägyptischen Kulturperiode ward im jüdischen Volk die großhellenistisch-römische Weltanschauung propagiert, nicht nur von den Reichen und Mächtigen der Welt, getragen nicht allein von den Waffen der allbeherrschenden Siebenhügelstadt und von den Handelsherren Asiens und Afrikas, sondern von jüdischen Priestern und von jüdischen Fürsten selbst. Gleichwohl bauten hunderte von geistigen Führern des Volkes die jüdische Sexualethik zu einem eigenen, festumrissenen, starren System aus, das einem überaus klaren Zweck dienen sollte, nämlich das Höchstmaß der menschlichen Fruchtbarkeit in den Dienst des Volkes zu stellen. Dieses rabbinische System ist wie aus einem eisernen Guß und nicht voll der Widersprüche wie z. B. das der alten Römer. Diese hatten neben der rechtmäßigen Ehe ein privilegiertes Konkubinat, hatten die allgemeine und religiöse Prostitution, die an die Luperkalien und Florealfeste zu Ehren der Gottheit anknüpfte. In diese Sittenwelt paßte kein Gesetz wie die berühmte „lex Julia et Poppaea” hinein, eine Verordnung, die übrigens in sich widerspruchsvoll und schon deshalb zur Wirkungslosigkeit verurteilt war. Die Juden hatten es gewissermaßen auch leichter. Ihre sexualhygienischen Theorien, die vielleicht stärkere Bande mit der „Staatsraison” verbinden als sich auf den ersten Blick vermuten läßt, hängen direkt mit den religiösen Ideen zusammen. Und diese Vorstellung von Gott und der Welt sind nun einmal viel differenziertere als bei den anderen Völkern des Altertums. Der Kampf um diese Weltanschauung erschüttert das Volk bereits, bevor ihr Staat der Auflösung verfällt. Und der Extrakt der Gedankenwelt aller geistigen Kräfte steht in Harmonie mit den Lehren der ersten babylonischen Gefangenschaft und den übrigen Erlebnissen. Nur die Fülle der Fruchtbarkeit wird das Volk erhalten. Und der gesunde Volksinstinkt schafft daraus ein System, das zwei Jahrtausenden stand gehalten hat. Seine Wurzeln fußen in unzähligen Ausführungs-Bestimmungen, in vielfältigen Spekulationen praktischer Lebensklugheit und Realität bejahender Vorkehrungen, die Sexos in den Dienst Gottes und des Volkes bis zur letzten Konsequenz stellen.

Die Geschichte des jüdischen Volkes, die wunderbare Erhaltung ihrer Existenz kann nicht ohne diese sexuellen Einrichtungen begriffen werden. Diese billige Erkenntnis wurde noch nicht klar von den Forschern ausgesprochen, wenn auch alle Wissenschaftler den einer starken Zeugung dienenden Sexualismus als einen der hervorstechendsten Züge des jüdischen Volkscharakters anerkannten.

„Mehr als allen anderen Völkern gilt den Juden männlicher Nachwuchs als ehrenvoll und Unfruchtbarkeit als Fluch. Schaff mir Kinder, wo nicht, so sterbe ich!” ruft die Allmutter Israels Rahel zu Jakob. „Rahels Lehre war allen Jüdinnen heilig,” urteilt Dr. Fritz Kahn (in seinem „Versehen der Schwangeren im Volksglauben”). Der Altmeister der Volkskunde Andree spricht „von der Erfahrung, die mit dem Eintreten des Juden in die Geschichte beginnt und eine größere Vermehrungskraft als bei den meisten anderen Völkern darstellt. Schon in Aegypten wuchsen die Kinder Israels, zeugten Kinder und mehrten sich und wurden ihrer so viele, daß ihrer das Land voll ward.”

Seid fruchtbar und mehret Euch” lautet der lapidare Satz, der die Erotik in den Dienst der Allgemeinheit stellt und das Recht auf die freie Liebesbetätigung und den Verkehr der Geschlechter dem Zweck der generativen Politik unterordnet. Eros und Psyche, die das Liebesleben der Griechen versinnbildlichen, Astarte und Moloch, Merkmale des vorderasiatischen Sinnenkultes, haben in dem logisch aufgebauten jüdischen Sexualkodex keinen Raum. Mit Recht knüpfte Lothar Krupp an die Besprechung der ersten Auflage dieses Buches die Betrachtung an: „Die wenigen Buchstaben des „Peru-urebu” stellen ein Zauberwort von unvergleichlicher Gewalt und Stärke dar, als erste Anrede und erstes Gebot Gottes an das erste Menschenpaar unmittelbar nach dessen Erschaffung, sogleich am Eingang der heiligen Schrift stehend, wo es mit seiner Segenfülle Jahrtausende lang dem jüdischen Volke vorschwebte und groß und stark gemacht, es in Gefahr und Bedrängnis aufrecht erhalten, so daß man von ihm als dem ewigen Volke fast mit größerem Recht zu sprechen schien als von der ewigen Stadt ...”.

Poetisch verklärt ist diese Lehre[1] in den Psalmen: „Siehe ein Erbe von Gott sind Kinder, ein Lohn die Frucht des Leibes.” (Psalm 127), „Wie Pfeile in der Hand des Helden, so sind der Jugend Söhne. Heil dem Manne, der seinen Köcher mit ihnen angefüllt hat. Wenn Du deiner Hände Arbeit genießest, heil Dir und wohl Dir. Dein Weib ist wie die Rebe, blühend im Innersten Deines Hauses, Deine Kinder wie des Oelbaums Sprößlinge rings um Deinen Tisch. Siehe also wird der Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet”. (Psalm 128).

Schammaj, der Zeitgenosse Jesus, eine Größe unter den Autoren des Talmud, betrachtet das Ehegebot als das erste der — 613 — jüdischen Gebote und findet es erst „erfüllt, wenn der Mensch zwei Knaben und zwei Mädchen das Leben gegeben hat.” Die Voraussetzung der Fruchtbarkeit scheint den Juden in der Ehe gegeben.

In der orientalischen Ausdrucksweise heißt es dementsprechend im Talmud (Jebamoth 63) „wer nicht heiratet, ist kein Mensch” und „wird angesehen wie einer, der einen Menschen umgebracht hat”, „der Ehelose verringert die Gestalt (d. h. den Machtbereich) der Gottheit”. Die Sprüche Sirachs geben — unter den vielen Variationen dieses Gedankens — das Thema wieder mit den Worten: „wo kein Zaun ist, wird das Besitztum verwüstet, wer keine Frau hat, irrt unstet umher. Wer wollte Vertrauen schenken einem bewaffneten Kriegsmann, der von Stadt zu Stadt entspringt? Ebenso geht es einem Menschen, der keine Heimat hat und einkehrt, wo er abends hinkommt ...” oder wie es im Sefer Refuot heißt: „Jedermann, der ohne Frau lebt, lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück. Unverheiratet zu sein, ist ungesund und verderblich für das Denken, darin stimmen alle Weisen überein” (s. auch Hilekhot deot III. 2, Issure Biach XXI, 112.)

Wer die Fülle dieser heiligen Erklärungen zu Gesicht bekommt, wird ihre Bedeutung ermessen können für ein Volk, das den Talmud von Jugend auf studierte, das in den Jahrhunderten der sie umgebenden Unbildung der Massen in allen und den kleinsten Gemeinden der Lehre, ihrem Studium und ihrer Auslegung Tag und Nacht ergeben war. Blieben sonst viele der berühmten Gesetze alter Herrscher nur papierne Verordnungen oder stumpfe Erlasse in Erz und Stein — die Bestimmungen des jüdischen Gesetzes, selbst der mündlichen Ueberlieferung, nahmen Leben an und griffen in das Tun und Lassen der Volksgenossen ein.

Die größte Fruchtbarkeit ist in der Frühehe nur möglich. Der Talmud sagt selbst: (Jebamoth 62b) „Wer seine Söhne und Töchter nicht lange nach der Reifezeit verheiratet, von dem heißt es: sei gewiß, daß Friede Dein Zelt sein wird”. Das sind aber nicht nur allgemeine schöne Redensarten. Die praktische Durchführung wird bis ins letzte durchdacht. Ist kein Bewerber zur Stelle und „ist Deine Tochter reif, so erkläre Deinen Sklaven für frei und gib sie ihm zur Frau” (Synhed 100b) denn so heißt es: „Eine Tochter ist zweifelhaftes Gut für den Vater. Aus Sorge um sie kann er nicht schlafen; wenn sie heranwächst, daß sie buhle; wenn sie reif ist, daß sie nicht zu verheiraten sei; wenn sie verheiratet ist, daß sie kinderlos bleibe”. Ketuboth 113 rechnet deshalb die Ehelosen zu den 8 vor Gott gleichsam Verbannten (ferner Kiduschin 30. Nedarim 48. Ber. 6. Kidd. 20b Kohel 9.)

Die prägnante Ausführung der Bibel: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei,” blieb also bei den Juden nicht nur Literatenweisheit, nicht nur ein frommer Wunsch der Theologen und Volksfreunde oder gar eine utopistische Forderung eines regierenden Fürsten. Der eheliche Umgang wird religiöse und nationale Pflicht, diese Weltanschauung zum geistigen Besitz des Volkes, zur wirklich gelebten Ethik. Der Schulchan Aruch,[2] der als der praktische Gesetzkodex der Juden in der neueren Zeit gelten darf, konnte und mußte daher als praktische Forderung aufstellen, daß jeder junge Jude spätestens mit 18 Jahren heiraten müsse und vom 13. Lebensjahre an heiraten könne. Dementsprechend begann auch sein Abschnitt Eben-ha-Eser, der diese Fragen behandelt, kurz und bündig: „Jeder Mann ist verpflichtet, eine Frau zu heiraten”.

Aber dieses Gesetz hatte noch eine spezielle Auslegung. Es galt für besonders rühmlich, die Kinder nicht erst zum spätesten, sondern zum frühesten Termin zu verheiraten!

Die Herren Geschichtsschreiber, die sich mit dem Wunder der Existenz Israels abmühen, sind an diesem Problem vorbei gegangen. Sie haben nie beobachtet, daß der — wenn wir so sagen dürfen — elektrisch geladene Motor, dessen Energien immer neue Kraft und tausendfältiges Leben weckten, geladen wurde an dieser Quelle. Die Memoiren der guten Mutter Glückel von Hameln verraten uns, daß nur zwei Jahrhunderte zurück noch die deutschen Juden im Glauben an das Verdienstvolle ihrer Fruchtbarkeit ihre Sinnlichkeit und die ganze Kraft ihrer Triebe in den Dienst dieser heiligen Sache, in die der Vermehrung ihres Volkes stellten. Und alle Dokumente bezeugen die Tatsächlichkeit dieser Verhältnisse. Salomon Maimon hat uns in seiner Lebensgeschichte dieselbe grenzenlose Naivität des jüdischen Ehelebens, wie es von Posen angefangen bis weit nach dem fernsten Osten gepflogen wurde, geschildert für eine Zeit, die heute um 150 Jahre entfernt liegt. Und noch heute hält sich der rechtgläubige Ostjude daran.

Gewiss auch der Talmud verschliesst sich nicht der Erkenntnis, dass Geburtenverhütung angezeigt sein könnte. In Hungerjahren darf eine Familie mit Kindern eine zeitweise Geburtenverhütung vornehmen. Und Jebam 126 sieht diese ferner vor:

  1. für Säugende, die ihr Kind stillten (da ja tatsächlich die Muttermilch bei neuer Conzeption leidet und versiegt),
  2. bei Mädchen (die mit 12 Jahren heiraten durften) bis zur Zeit ihrer Geschlechtsreife,
  3. für Schwangere, von denen man — natürlich fälschlich — eine nochmalige Schwängerung fürchtete.

Diese Ausnahmen haben weder einen besonderen Nachhall gefunden, noch konnten sie die stark erregten Vorstellungen des Volkes über das für verbrecherisch gehaltene Vorgehen Onans rektifizieren. Die Geburteneinschränkung ist keine jüdische Erfindung, Neomalthusianismus keine jüdische Einrichtung gewesen.

Hjalmar J. Nordin findet gleichfalls in seiner ausführlichen „Ethik der Juden zur Zeit Jesu” (Leipzig 1911): „Die Fortpflanzung hatte einen religiösen Glorienschein.” Vom hohen Wert der Fortpflanzung in der Meinung der Juden zeugen ungezählte Aussprüche. Im 15. Kap. des Buches Henoch wird die Fortpflanzung gefordert, da die Menschen sterblich und vergänglich sind, während die unsterblichen Engel sich nicht fortzupflanzen brauchen. Tacitus bestätigt bereits damals in Hist. V. 5: Augenda tamen multitudini consulitur ... hinc generandi amor et moriendi contemptus. Josephus, der zeitgenössische vertraute jüdische Historiker, der selbst mindestens dreimal verheiratet war, erklärt ausdrücklich in der Schrift gegen Apion: „Das Gesetz hat allen anbefohlen, Kinder zu zeugen” (II. 202). Alle Aussprüche des R. Elieser, R. Elasar b. Asarja, Ben Assaj, R. Abaji gehen von dem einen festen Punkte aus: „Die Welt ist nur geschaffen zur Fruchtbarkeit und Fortpflanzung. Deshalb ist es höchste Menschenpflicht, alles zu meiden, was die Zeugungsfähigkeit herabsetzt.” Nach Gittin 70a verringern 8 Dinge den Samen: Salz, Hunger, Ausschlag, Weinen, Schlafen auf dem Felde, Lotus, Cusenta zur Unzeit, Aderlaß unter dem Genitale (Aderlaß darüber ist doppelt vorteilhaft).

In jener Zeit dürfte die Sitte des Kaddischsagens aufgekommen sein, jene religiöse Ceremonie, die der älteste Sohn zu Ehren der verstorbenen Eltern ein Jahr lang täglich verrichtet. Und die Vorstellung keinen Kaddisch, d. h. keinen Sohn zu besitzen, der die Trauergebete verrichten kann, hatte für jeden Juden noch bis in unsere Tage etwas ungemein schmerzliches. Viele Gesetze gehen von derselben Voraussetzung aus, so daß jede Ehe nach 10jähriger Kinderlosigkeit (auch von Seiten der Frau) gelöst werden konnte. In der einschlägigen Literatur von Nossig (Einführung in das Studium der sozialen Hygiene 1894), in der Talmud-Archaeologie von Krauß, bei Nordin u. a. finden sich noch weitere wertvolle Beiträge.

Ben Assaj, ein weißer Rabe unter den großen Lehrern in Israel, blieb allerdings selbst unvermählt, empfahl aber gleichwohl die Fruchtbarkeit. Warum Ben Assaj nicht heiratete, ist unbekannt. Es liegen sicher ganz besondere Gründe vor. Gleichwohl war er der Gegenstand späterer Diskussionen, in denen es heißt: „Ben Assaj lehrt wohl schön, aber er handelt nicht gut.”

Und wie wäre es auch anders möglich gewesen in der Ideenwelt von Menschen, die das ganze Sexualleben so genau festgelegt wissen wollten, daß nicht nur Verlobung, Hochzeit, Scheidung in den feinsten Einzelheiten gesetzlich geregelt waren, daß selbst für Form und Häufigkeit der intimsten menschlichen Beziehungen Weisungen und Gebote existierten. Wie weitgehend der Gedankengang fortgesponnen wird, beweist die Erzählung Abbas ben Papa (Pappaj) (cfr. Bacher Pat. ann. III. S. 650), Josua sei mit Kinderlosigkeit bestraft worden, weil er Israel eine Nacht lang an der Fortpflanzung gehindert habe.

Schriftliche und mündliche Lehre, Tradition und Volkssitte bemühten sich in allem nicht nur, die normale Fruchtbarkeit des einzelnen Individuums zu gewährleisten, sondern die Fortpflanzung auf das Höchstmaß des Möglichen zu steigern. Die vielen Aderlässe, die blutigen und unblutigen Opfer, die Abfall und Vermischung bedingten, konnte die Judenheit nur deshalb glücklich überstehen, weil die Gedankengänge, die der Gesamtheit ewiges Leben verhießen, jeder einzelnen Familie ihren sicheren Bestand sicherte. Das System war auf der richtigen Voraussetzung aufgebaut, daß jedes Glied der Gemeinschaft an der Erhaltung der Art in der völkisch zweckdienlichsten Weise gebunden und ohne Rücksicht auf seine eigenen Interessen bis aufs äußerste beteiligt ist.

So war das ganze Liebesleben der Juden darauf abgestimmt, dem großen nationalen Gedanken, dem überragenden Begriff vom immanenten Bestehen der Nation die realen Grundlagen zu liefern. Die Fruchtbarkeit und Sicherstellung der einzelnen Familie ist nur die Basis einer großzügigen Volksidee.

Die Propheten sind in diesem Sinne die geschickten Redakteure eines auf das ganze Volk gerichteten Optimismus, des hoffnungsvollen Zukunftsglaubens, der sich eng an alle anderen entwicklungsfreudigen Ideen angliedert.

„So spricht der Ewige, der bestellt hat die Sonne zum Licht bei Tage, die Scheibe des Mondes zu leuchten in der Nacht, der das Meer aufwühlt, daß seine Wellen brausen, Adonai Zebaoth ist sein Name. Eher werden diese Gesetze aufhören, ehe daß der Same Israels aufhören wird ...”

So kündigt Jeremia und stempelt sein Volk zum Gewissen der Völker, zum Zeugen für die Nationen. „Wie man des Himmels Heer nicht zählen, noch den Sand am Meere messen kann, also will ich mehren den Samen Davids, meines Knechts und die Leviten, die mir dienen.” (siehe Kapitel 31 bis 33). Auch im höchsten Zorne sehen die Propheten Israel nicht der Vernichtung anheimfallen, immer wieder verheißen sie die Rettung und Aufrichtung aus tiefem Fall. Und gleichsam ist die Geschichte dieses hartnäckigen Volkes die Illustration zu den seherischen, den gequälten Herzen entspringenden Ankündigungen u. a. zum ausklingenden Midrasch zu Psalm 36: Völker stehen auf und verschwinden, aber Israel bleibt ewig.

Heute orientieren wir uns und formen unsere Ueberzeugung nicht nach religiösen Prophezeiungen; aber die Wissenschaft hat ihnen bisher Recht gegeben. Nossig, der Altmeister der jüdischen Statistik, erklärte noch um die Zeit der Jahrhundertwende in dem Standard Werk der „jüdischen Statistik” (eine Auffassung, die er schon in seinem glänzenden Werke „Einführung in das Studium der sozialen Hygiene” vertreten hatte):

„Der mosaische Gedanke eines ewigen Volkes scheint sich verwirklichen zu wollen.... Als ein frappantes, biologisches Ergebnis dieser Auswählungsidee tritt uns die Tatsache des Bestehens der noch immer ungewöhnlichen Lebens- und Reproduktionskraft der Juden entgegen”. Und an anderer Stelle: „Der jüdische Stamm vermehrt sich ausserordentlich rasch und vermehrt sich etwa 3,03 mal rascher als die nichtjüdischen Stämme und würde sich bei ungestörter Entwicklung in einer etwa 4,02 mal kürzeren Periode verdoppeln als jene.”

Also sprach die offizielle jüdische Statistik zu Beginn unseres Jahrhunderts (über die weitere Haltung und Aeußerungen noch mehr und später). Auch die anthropologische Wissenschaft sah in der Persistenz der Juden ein förmliches Gesetz. Andree behauptete sogar: „Bei den Juden ist die Rasse stärker als die Religion. Es ist den Juden einfach unmöglich, sich mit anderen Völkern zu vermischen.”

Leroy-Beaulieu, ein kleiner statistischer Papst in der Wissenschaft, der insbesondere auf dem Gebiete jüdischer Fragen als Kenner galt, erfand folgende Theorie: „Die Juden setzen wenige Kinder in die Welt, aber sie bringen mehr zur Reife. So haben sie dies schwierige Bevölkerungsproblem in einer Weise gelöst, welche für sie selbst die vorteilhafteste und für die Nationalökonomie die befriedigendste ist.”

Aehnlich äußerten sich die führenden deutschen Statistiker u. a. M. Hoffmann, de Neuville, Fircks. Der Rassenhygieniker von Gruber schrieb 1908 in den Veröffentlichungen des Deutschen Vereins für Volkshygiene:

„Noch eins lehrt uns das Beispiel der Juden. Sie hätten unmöglich diese Jahrhunderte beständigen Kampfes um ihre Existenz überdauern können, wenn sie nicht einen so gesunden Instinkt und eine so bewunderungswürdige Aufopferungsfähigkeit für die Erhaltung ihres Volkes besessen hätten. Der junge Mann, kaum erwerbsfähig geworden, hält es für seine Pflicht, seinem Volke unter Entbehrungen und harter Arbeit zahlreichen Nachwuchs aufzuziehen:

SO WIRD EIN VOLK UNSTERBLICH!”

Geschah dies am trockenen Holz der Wissenschaft — und wenn wir deren Bäume kräftig schütteln würden, flögen noch viele andere Früchte dieser Art herab — wer wird sich wundern, wenn die jüdischen Theologen erst recht die alten Weissagungen (bestärkt durch die Ergebnisse der 2 1/2 Jahrtausend Geschichte) gesinnungstüchtig auslegen, wenn die politischen Führer der jüdischen Organisationen die Daseinsmöglichkeit der Ihren als eine alte historische Notwendigkeit hinnehmen. Umsomehr als selbst ein so kluger Mann der Feder, der sich selbst einmal außerhalb des jüdischen Volkes hatte stellen wollen, wie Heinrich Heine, Israel ins Gedenkbuch schrieb: „Aegyptens Mumien sind ebenso unverwüstlich wie jene Volksmumie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihre alten Buchstabenwindeln, ein verhärtetes Stück Weltgeschichte ...” Und ein jüngerer, — Bernhard Münz — münzte diesen Gedanken in die Worte um: „Ein Volk schreitet mitten durch die ganze Geschichte der Menschheit, spiegelt sich in dem größten Teil ihrer Entwicklung wieder und taucht aus allen Prüfungen und Umwälzungen der Zeit immer wieder gestählt und gekräftigt empor.”

Wohl gab es abwegige Urteile. Aber die breite Masse der Juden blieb von der Ideenwelt der Pessimisten unberührt. Sie nahm keine Notiz von der Broschüre eines anonymen Verfassers, die etwa 16 Seiten stark 1894 in Zürich erschien und „Der Untergang Israels” hieß. Ich wurde auf sie aufmerksam durch einen tiefer schürfenden Artikel Arthur Kahns, der sich auf sie bezog. Der Aufsatz Kahns in den U. O. B. B. Logenblättern „Die Wurzeln des Uebels” rührten an den tiefsten Gründen der Judenfrage. Neben Kahn haben Zollschan in seinem Buch „Das Rassenproblem” und Dr. Arthur Ruppin in den „Preußischen Jahrbüchern” die bedrohliche Situation in ihrem Ausmaße erfaßt. Im Gegensatz zu dieser nicht gerade großen und nicht eindrucksvoll genug wirkenden Literatur stand die unzählig oft in Wort und Schrift dokumentierte öffentliche Meinung der Rabbiner, Lehrer, Beamte, Vorstände der Gemeinden, Führer und Vorsitzenden der Verbände, der Redakteure und Mitarbeiter der jüdischen Presse, die dem Zukunftsglauben der Juden in Deutschland huldigten, und ihnen täglich mit dem an Mitteln reichhaltigen Arsenal und mit der Emphase ihrer Begeisterung und ihrer Liebe zum Judentum in warmherzigen Versicherungen schmeichelten, die zwar an Schwung den biblischen nachstanden, den Ansprüchen der braven Judenbürger aber genügten.

Meine eigensten Untersuchungen dieses Problems begannen vor 18 Jahren, wobei ich als Schüler mich wohl eines nom de guerre (meines mütterlichen Namens) bedienen mußte. Es war eine Untersuchung, deren Inhalt der Titel verrät: „Der Untergang der deutschen Landjuden” (gezeichnet Felix Th.-Cohen) publiziert im „Frankfurter Isr. Familienblatt”. Ich hatte die Verhältnisse und die Entwicklung der jüdischen Dorfgemeinden Hessen-Nassaus und Unterfrankens auf verschiedenen Ferienreisen übersehen, ihr Schicksal gezeichnet. In den nächsten Jahren arbeitete ich an einem statistischen Werdegang der deutschen Juden. Immer deutlicher ergaben sich aus den Zahlenreihen der dumpfe Drang und die unaufhaltsame Bewegung der Auflösung. Umgearbeitet nach diesen Gesichtspunkten nahm Jahre lang kein Verleger von diesem Buch Notiz. Und als es erschienen, konnte es in der dumpfen Atmosphäre und grauenhaften Stagnation der deutschen Judenheit nicht einmal die nachhaltende Aufmerksamkeit der jüdischen Führer bewirken.

Die unbeirrte Zukunftszuversicht, die Harmlosigkeit der jüdischen öffentlichen Meinung über „Sein oder Nichtsein”, das mangelhafte Vorstellungsvermögen der Situation erinnert an unzählige Parallelen in der Geschichte, an die unbedingte Siegeszuversicht des Deutschen Volkes, das noch 1918 über eine Welt von Feinden zu triumphieren glaubte, oder aus den vergangenen Tagen des jüdischen Volkes an die Vorgänge im belagerten Jerusalem, in dem die Juden mehr auf ihren guten Stern als auf ihre lebendigen Kräfte bauten.

Ein Volk kann sich ebensowenig wie der Einzelne immer Reflexionen über seine Existenz-Berechtigung und seine Existenzmöglichkeiten hingeben. Das cogito ergo sum ist ein philosophischer Satz, belastet mit all den Schwächen der Spekulation, und eine reale, wenn auch nur relative Wahrheit. Aber in Zeiten, wo das Barometer auf Sturm zeigt, können Steuermann und Kapitän nicht gemütlich die Vorkehrungen, die für schönes Wetter getroffen sind, beibehalten. Ihr Schifflein dürfte sonst leicht Schaden erleiden und ihre Schuld würde selbst ihr eigener Tod nicht mildern.

Die deutsche Judenheit ist sich des tödlichen Keimes ihrer Erkrankung nicht bewußt. Früher mochte Unkenntnis entschuldigen, daß ihre Führer der kardinalen Existenz-Frage nicht näher traten. Nach dem Erscheinen des „Untergang” haben sie die von mir geschilderte Entwicklung in ihrer Tendenz als falsch abgelehnt und die Deduktion als irrtümlich zurückgewiesen. Es besteht dabei sicher ein tiefgehender Spalt in den Massen, zwischen denen, die Morgenluft wittern und ihre innere Gebundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft lösen, und jenen, die von jüdischen Erinnerungen, Instinkten und jüdischem Wissen angefüllt ihren persönlichen starken Gemeinschaftswillen als allgemeine psychische Stimmung der ganzen Judenheit unterlegen.

Es lohnt sich nicht, Dokumente, in denen sich alle Unkenntnis in Begriffsverwirrung auflöst, zu zitieren. Nur die Aussagen der Führer seien zitiert. Denn sie sind der offizielle Ausdruck der jüdischen Gemeinschaft. Sie bezeugen, daß man noch heute in Verkennung der Lage sich kein Bild der Entwicklung geschaffen hat und mit offenen, aber nicht rezeptierenden Augen dem Strudel des Untergangs entgegentreibt. Um Selbstverständliches zu klären: In diesem Buch wird einzig das Schicksal der deutschen Juden der Untersuchung unterworfen — nicht das Schicksal des jüdischen Volkes in seiner Totalität. Ob auch dieses ähnlichen Erschütterungen entgegengeht, wird hier nicht behandelt, geschweige gelöst. Die Führer der jüdischen Oeffentlichkeit haben in der leichtfertigen Behandlung der Frage sich die Widerlegung recht bequem gemacht, indem sie nicht auf die Fragestellung, nämlich den Untergang der deutschen Juden, eingingen.

Hören wir die Vertreter der deutschen Juden selbst an. Bald nach dem Erscheinen dieses Buches versammelte sich der „Verband der deutschen Juden” zu einer Tagung. Bei dieser Veranlassung hielt der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins, Geheimrat Dr. Stern eine Rede, die außerdem gedruckt im Amtsblatt der jüdischen Gemeinde Berlins allen Gemeindemitgliedern zuging und folgenden Wortlaut hatte:

„Einer unserer Rabbiner hat an einem letztverflossenen Feiertage auf der Kanzel die Frage aufgeworfen, ob irgend Gründe für die Befürchtung da seien, dass das deutsche Judentum, wie es ihm in neuerer Zeit prophezeit wird, seinem Untergang zusteure. Er hat darauf hingewiesen, dass manche Gelehrte auf Grund wissenschaftlicher Forschungen an Hand der Statistik und unter Zuhilfenahme anderweitiger symptomatischer Anzeichen und Erscheinungen, beispielsweise der stetigen Zunahme der Mischehen, zu dem Ergebnis gelangt sind, dass das deutsche Judentum seiner allmählichen, aber sicheren Auflösung entgegen gehe, einem unaufhaltsamem Untergange geweiht sei. Der Rabbiner hat vom theologischen Standpunkt aus diese Auffassung sich nicht zu eigen gemacht, hat vielmehr diese traurige und trübe Vorhersage auf das Entschiedenste bekämpft. Das auserwählte Volk, auserwählt, um seit Jahrtausenden Verfolgung, Hass und Unterdrückung zu erdulden, hatte immer wieder die Kraft und die Stärke gefunden, sein Martyrium allen Anfeindungen und Angriffen zum Trotz mannhaft zu überwinden. Es habe zu allen Zeiten über Propheten und führende Geister verfügt, die das Panier, auf dem in unauslöschlichen, flammenden Zeichen der Monotheismus und die schrankenlose Betätigung der Nächstenliebe hell erstrahlen, immer wieder siegreich aufpflanzten.

Und wenn ich in dieser Stunde die gleiche Frage mir vorlege: wird das deutsche Judentum untergehen? so trage auch ich vom Laienstandpunkte aus keinen Augenblick Bedenken, diese Frage rückhaltslos zu verneinen. Ich setze dieser brennenden Frage ein dreimaliges kräftiges Nein entgegen, wenn ich meinen Blick über diese Tafelreihen schweifen lasse und mit Bewunderung, Freude, Stolz und Genugtuung feststelle, dass Hunderte von Männern aus den angesehensten und hervorragendsten Berufs- und Lebensstellungen, Leuchten der Wissenschaft, führende Künstler, Phönixe des Handels, Pfadfinder der Industrie, Bahnbrecher der Technik, hier vereinigt sind, als die berufenen Vertreter der deutschen Juden und ihrer Interessen. Unwillkürlich drängt sich mir angesichts dieses höchst erfreulichen Bildes des Psalmisten Wort auf die Lippen. Nimmer rastet noch schlummert der gute Genius Israels.”

Der „Israelit”, das führende Blatt der gesetzestreuen Juden Deutschlands, anerkannte zwar den Ernst der Situation und maß dem „Kassandrarufer der Statistik” mehr Bedeutung bei. Gleichwohl findet sich auch hier (in der Besprechung des „Untergangs”) folgender Passus:

„Derselbe Gott, der die Existenz seines Volkes an seine Gesetzestreue geknüpft und ihm die Alternative gestellt hat, für die Thora zu leben oder unterzugehen, hat uns auch die tröstliche Verheissung mit auf den Weg gegeben, dass Gott sein Volk nicht fahren lässt und sein Erbe nicht preisgibt ... Die Schrecknisse der Auflösungsliteratur schrecken uns nicht.”

Die Anschauungen gesetzestreuer Kreise fanden einen weiteren literarischen Niederschlag in dem orthodoxen Blatte „Die Laubhütte”, welche in der Nr. 52 des Jahres 1911, die Wichtigkeit der Frage zwar anerkannte, aber doch folgenden Schluß ziehen zu müssen glaubte:

„Theilhabers Buch weist mit Recht auf die Gefahren des modernen Judentums hin. Der Titel „Untergang —” ist für einen gläubigen Juden unannehmbar, weil er der göttlichen Verheissung widerspricht. So spricht der Ewige: Wenn mein Bund nicht mehr sein würde mit Tag und Nacht, wenn ich die Gesetze von Himmel und Erde nicht festgesetzt hätte ... dann würde ich auch die Nachkommenschaft Jakobs und meines Dieners verwerfen. (Jeremia.) Du fürchte Dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, denn ich bin bei Dir. Sollte ich auch alle Völker zugrunde gehen lassen, unter welchen ich Dich hinweg geführt habe, Dich werde ich nicht zugrunde gehen lassen. Ich werde Dich wohl züchtigen zum Rechte, aufreiben werde ich Dich nicht (Jeremia). Wer an die Offenbarung Gottes glaubt, kann also das Wort „Untergang” nicht gutheissen.”

Die Presse der neologen deutschen Juden lehnte gleichfalls die Richtigkeit meiner Behauptungen ab. Ihre Hauptzeitschrift, „Die allgemeine Zeitung des Judentums”, brachte noch am 2. Januar 1920 einen Artikel, der Jahre vorher das hebräische Leserpublikum im „Haschiloach” aufgeklärt hatte und nunmehr der deutschen Leserschaft nicht vorenthalten werden sollte. Dr. Kaminka kämpft gegen Windmühlen wie ein zweiter Don Quichote. In dem abgelegten Artikel findet sich ein Passus, der immerhin beachtenswert ist und deshalb nicht totgeschwiegen werden soll. Er lautet:

„Die allerwichtigste Vorfrage ist die nach der dynamischen (nicht statistischen) Bedeutung der gezählten Individuen, nach den Quellen der Seelenkraft und der entsprechenden Daseinsmöglichkeit jener Einzelnen, wenn sie noch so gering an Zahl wäre, für welche ihre Zukunft etwas absolut Gesichertes ist, da ihr Daseinswille alles in ihrer Umgebung an Kraft und Bestandsfähigkeit übertrifft. Die numerische Stärke dürfte in solchem Falle mit der moralischen Stärke zu multiplizieren sein.

Es ist ... ein Trugschluss und eine petitio principii, wenn der Massstab irgend eines Stammes oder einer Nationalität in das Judentum gelegt wird, was von jeher eine Gemeinschaft mit einer ganz bestimmten philosophischen Anschauung war, die sich auf die Ewigkeit eingerichtet und nach einem bestimmten Plan in die fernsten Länder hinausgezogen ist, um als Minorität unter allen Völkern durch ihre ethische Ueberlegenheit zu wirken.” —

Vernichtender urteilte die offizielle Besprechung, welche das Centralorgan der zionistischen Bewegung „Die Welt” der Untergangstheorie zu teil werden ließ. S. H. Lieben aus Prag schrieb in der Besprechung des „Untergangs”:

„... Rückkehr zu jüdischen Gesetzen, wie auch Nationalisierung lassen sich nicht in kurzer Zeit erzielen und darum müsste man am Bestand der deutschen Judenheit schier verzweifeln, wären die von Theilhaber ermittelten Daten einwandfrei sicher gestellt. Aber Theilhaber ist aus Liebe zu seinem Volke zu einem Schwarzseher geworden, hat die Zahlen zu traurig gedeutet, wie der bekannte jüdische Statistiker Dr. Jacob Segall im Septemberheft der Zeitschrift „Im Deutschen Reich” eingehend darlegt. Nach Segalls Ansicht ist eine exakte Fruchtbarkeitsstatistik heute noch ein Ding der Unmöglichkeit, da die wissenschaftlichen Vorarbeiten fehlen. Er gesteht wohl zu, dass die Fruchtbarkeit der Deutschen Juden eine höhere hätte sein können, aber er findet, dass Theilhaber sie zu gering veranschlagt, wie er auch die Sterblichkeit der deutschen Juden zu günstig beurteilt. Die geringe Zunahme der jüdischen Bevölkerung findet nach Segall ihre Erklärung in grossen, aus politischen und wirtschaftlichen Ursachen entstandenen Abwanderungen der Juden, die zeitweilig sehr grosse Dimensionen angenommen haben.”

Eine rein sachliche Erwiderung wies die Redaktion der „Welt” zurück. Der Redakteur gestand mir mündlich ausdrücklichst, daß die Untergangstheorie ihm gefährlich erscheine und daß er meiner Entgegnung oder jeder ähnlichen aus diesen politischen Erwägungen keinen Raum geben könne.

Der Vorsitzende des „Verbandes der Deutschen Juden”, einer Zusammenfassung aller großen und der meisten kleinen Gemeinden, Prof. Dr. Kalischer, glaubte gleichfalls die gefährliche Theorie einer Nachrichtung im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 9. Februar 1912 unterziehen zu müssen. Das Pronuntiamento verriet der Titel „Die Zukunft der Juden”. Ich zitiere aus dem Anfang:

„Man prophezeit uns, namentlich den Juden der westlichen Länder, den Untergang; man hört bereits den Flügelschlag des Todesengels und sieht ihn sein trauriges Werk schon in ungezählten Generationen vollenden. Die Grundlage der Zukunftsschau dieser neuen Seher bilden Zahlen der Statistik, die ein anscheinend trostloses Bild der Zustände innerhalb der Judenheit entrollen, und es sind ohne Zweifel tiefernste Betrachtungen, die daran geknüpft werden und die nicht ungehört verhallen dürfen ... — — —

Es erscheint uns willkürlich und als eine Verkennung und Ueberschätzung dessen, was die Statistik zu leisten vermag, in diesen Zahlen, die sich im besten Falle über drei Jahrzehnte erstrecken, einen Naturprozess zu erblicken, der mit der Notwendigkeit eines solchen unabänderlich in einem bestimmten Sinne abläuft ...”

An der Hand der Geschichte folgert nun Kalischer die Zukunftssicherheit des jüdischen Volkes:

„Der Gottesgedanke bildete die Schwingen, mit dem sich die jüdische Volksseele aus der staatlichen Enge erhob, und das Palladium, das sie vor dem Schicksal der Zerstörer ihres staatlichen Daseins schützte und sie am Leben erhielt, war die Thora, auf die das Gott selbst geltende Wort angewandt wurde, sie ist „Dein Leben und deiner Tage Dauer, (5 B. M. 30, 20).” Kalischer gibt sodann eine glückliche Zusammenstellung der Grossen in Israel von Mose bis Maleachi, die der jüdischen Lebensbejahung das Wort sprachen. Und eine Welt von Hoffnungen erweckt in diesem Sinne derselbe Prophet Jesaia mit der Verheissung: „Er — mein Knecht Israel — wird nicht ermatten und nicht dahin gehen, ehe er das Recht auf Euch gegründet hat und auf dessen Lehre Eilande harrten.” Und der Artikel schliesst in dem Appell an die Lehre der Bibel. Im Hinblick auf sie könne Kalischer mehr Vertrauen zu der Lebenskraft des Judentums schöpfen. „Vertrauen auch zu dem Geist der Geschichte, dass — wie schon oftmals im Leben der Juden — eine Wendung sich zur rechten Zeit einstellen wird, Vertrauen zu der Macht der Idee, Vertrauen endlich auf das Prophetenwort Jeremias: Es bleibt Hoffnung für Deine Zukunft.”

Die Mehrzahl der Leser fühlte aus allen diesen und vielen ähnlichen Artikeln, Reden und Predigten nur das „Nein” heraus, die absprechende Beurteilung aller pessimistischer Deduktionen.

Wenn auch kühl abwägende Artikel, insbesondere im „Hamburger Israelitischen Familien-Blatt”, in der „Jüdischen Rundschau” und in dem „Frankfurter Israelitischen Familien-Blatt” (jetzt „Neue jüd. Presse”) Raum fanden, als deren gewichtigste Autoren Dr. Artur Kahn, Nachum Goldmann, Dr. Hans Fischer, Dr. Hoppe zeichneten, so waren das doch nur Stimmen einzelner Privatleute ohne Amt und Würde in der Judenheit, deren Urteil keinerlei Autoritätsglaube beigemessen wurde. Nicht nur die genannten zionistischen und orthodoxen offiziellen Publikationsorgane sprachen sich gegen die Auflösungstheorie aus, nicht nur die Vertreter der großen jüdischen Verbände und Gemeinden wußten durch allerlei Maßregeln die absolut nicht beunruhigten Gemüter zu neuem Schlaf zu verleiten ... das Hauptverdienst eines frisch-fröhlichen Auto-da-fés verübten die Vertreter der jüdischen Statistik, die auf verschiedenen literarischen Schauplätzen als die offiziellen Fachleute geharnischten Protest gegen meine „unwissenschaftliche, falsche und leichtfertige Schrift” einlegten.

Die stärkste Vernichtung erfolgte im Rahmen der Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Im deutschen Reich” vom Jahre 1911. Der Centralverein deutscher Staatsbürger ist der größte jüdische Verein Deutschlands. Sein Blatt erscheint in einer ungewöhnlich hohen Auflage und wird in allen jüdisch interessierten Kreisen gelesen. Der Autor der Besprechung meines Buches, die sich zu einem selbständigen 13 Seiten umfassenden Artikel auswuchs, nahm überdies in der einzigen wissenschaftlichen jüdischen Zeitschrift, die sich mit statistischen Fragen beschäftigte, in der Monatsschrift für Statistik und Demographie der Juden, die Gelegenheit wahr, um persönlich und mit Freunden meine gefährlichen Anschauungen mit Stumpf und Stiel auszurotten. An vielen Beispielen behauptete Dr. Jacob Segall nachweisen zu können, daß ich „viel zu rasch aus den Zahlen Schlüsse gezogen”, daß ich „nicht sorgfältig und reiflich das Material angesehen hätte”, das mir für die „zuweilen recht kühnen Schlußfolgerungen” diente. Dazu kämen weiter meine Manipulationen mit vielen falschen Zahlen, Zahlen über deren Zustandekommen ich unfähig wäre zu urteilen, Berechnungsmethoden, die von der Wissenschaft vollständig abgelehnt seien und viele andere Mängel. Das vernichtende Urteil des offiziellen Statistikers der deutschen Juden mußte bedeutsam in die Wagschale fallen. Des langen und breiten glaubte Segall Fehler über Fehler nachweisen zu können, Leichtfertigkeit, die an Gewissenlosigkeit grenzte, Unkenntnis aller möglichen Dinge, Berufung auf falsche Autoritäten, „die sich ihre Zahlen aus der Luft griffen”! Die einschlägige Abhandlung Segalls erschien der langweiligen und wichtigtuerischen Form nach als die berechtigte Abfertigung eines Wissenschaftlers gegen einen dilettantischen Laien. Ich werde auf alle wesenhaften Punkte der Segallschen Methodologie noch in meinen weiteren Ausführungen eingehen. Obwohl dadurch diese Schrift einen polemischen Charakter bekommt, der ihr besser erspart geblieben wäre. So aber muß ich die Zeit und das Papier verschwenden, um darzulegen, wie Segall nur einige Zahlen sieht, deren große Zusammenhänge er nicht versteht. Kleine Druckfehler, die sich in jeder Arbeit finden und die einem ebenso in Segallschen Arbeiten begegnen, sind für ihn die Gewähr wissenschaftlichen Unvermögens. Im übrigen ist die Technik Segalls sehr einfach. Er kommt überall, wo ihn eine Ziffer stört, mit Fragen, Vermutungen, Theorien, für die er keine Unterlagen beibringt. Ich habe in meiner Entgegnung in der Zeitschrift „Im deutschen Reich” nachgewiesen, wie leichtfertig Segall mit Behauptungen umspringt und habe ein Beispiel für die minderwertige wissenschaftliche Methodik Segalls angegeben.

Segall schrieb 1909:Und 1911:
„Ein letzter Grund, dass die Sterblichkeit der Juden niedrig ist, liegt in der Einwanderung. Man denkt beim Rückgang der Sterblichkeit zumeist an die Verbesserung der sanitären Verhältnisse und berücksichtigt nicht, dass bei den Juden wesentlich die Einwanderung von Leuten im produktiven Alter, wo die Sterbewahrscheinlichkeit eine geringe ist ...
Die Einwanderung hat den Vorteil, dass sie durch die Masse der jugendlich kräftigen Personen, welche herbeiströmen, die Sterbeziffer im ganzen herabdrückt. Daher kommt es, dass die Sterblichkeit der deutschen Juden in Deutschland in den letzten Jahrfünften bei weitem nicht so abgenommen hat, als man hätte erwarten dürfen.”
„Theilhaber übersieht, dass die Einwanderer die Sterblichkeit erhöhen.
Denn nicht immer sind es bloss die im kräftigsten Alter stehenden Personen, welche einwandern, sondern zum Teil geht die Einwanderung familienweise vor sich, sodass Kinder und alte Leute, welche von der Sterblichkeit mehr bedroht sind, zur Masse der Einwanderer gehören.”

In meinen Studien zum „Untergang der Deutschen Juden” hatte ich die Probleme der Erhöhung oder der Erniedrigung der Sterblichkeit durch die Einwanderung sehr wohl beobachtet. Ich konnte aber daraus keinerlei umwälzende Beeinflussung feststellen. Wenn Segall glaubte, daß die Einwanderung einmal die Sterblichkeit erhöht, und einmal sie niedriger werden läßt (wie es gerade in seinen Kram paßt) so hätte Segall sofort sich Aufklärung schaffen können, hätte die Ziffern der gestorbenen Ausländer in Deutschland nachsehen müssen, wie ich es tat und u. a. darlegte in meiner Preisarbeit der Gesellschaft für Rassenhygiene „Bringt das materielle und soziale Aufsteigen der Familien Gefahren in rassehygienischer Beziehung? Dargelegt an der Entwicklung der Judenheit von Berlin”. (Sonderabdruck aus Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, Heft 1/2, 1913, Leipzig). In Wahrheit übte nämlich die Einwanderung keinen wesentlichen Einfluß auf die jüdische Sterblichkeit aus.

Segall konnte sich ebenso sehr über alle die Fragen, die ihm noch unklar waren, Aufklärung verschaffen. Er, der hauptsächlich statistisch arbeitete, dem ein Verband und ein Büro ganz andere Möglichkeiten einräumte, wie mir, der ich als Arzt nur in wenigen Mußestunden mich der Materie widmen konnte, war mir in allen technischen Hilfsmitteln und Voraussetzungen überlegen. Wenn er trotzdem die Sterblichkeit der ausländischen Juden, die Fruchtbarkeitsziffer an den Berliner, Leipziger, Hessischen Juden und vieles andere, was ich sofort z. T. zur Ueberprüfung meines Materials bearbeitete, nicht selbst untersuchte, sondern stets behauptete, man könne mangels Materials die Fragen noch nicht klären, so geht aus alle dem nur die Unfähigkeit des offiziellen Vertreters der Statistik in Deutschland hervor. Ich würde diese mangelnde Befähigung Segalls, das zu geringe Talent, Entwicklungstendenzen zu überblicken, nicht hervorheben, wenn ich mich nicht im Interesse der Sache dazu genötigt sähe. Bei der Bedeutung des ganzen Problems hat Dr. Jacob Segall durch seine absprechende Kritik die Auslösung einer wissenschaftlichen weiteren Untersuchung der Frage unterbunden.

Wie sich die Journalisten das Ergebnis der wissenschaftlichen Abfertigung ausdeuteten, mag ein Artikel der jüdischen Monatsschrift „Ost und West”, (1917) anzeigen, der u. a. also anhebt: „Dreierlei Lügen gibt es, sagt ein englisches Witzwort: Weiße Lügen, schwarze Lügen und Statistik: es könnte sein, daß die Statistik des Sehers Theilhaber zu der dritten Sorte gehört ...”

Um Segalls Anschauungen kurz zu resümieren, sei gesagt, daß er die Geburtenreduktion bei den deutschen Juden auf die Auswanderung zurückführte, daß er durch den Rückgang der Sterblichkeit einen weiteren Geburtenüberschuß erhoffte, daß er so ziemlich alles, was die Existenz der deutschen Juden bedroht, in Abrede stellte. So pflanzte ein Mann am Grabe die Hoffnung auf, leugnete was war und suchte das graue Bild mit hellen Farben zu übertünchen. Es ist vielleicht nicht ohne Reiz, daran zu erinnern, daß der andere Redakteur der Zeitschrift für Statistik der Juden, Dr. Blau, zuerst in einem Brief, den ich noch besitze, bald nach Erscheinen der Arbeit zum Ausdruck brachte, er habe die von mir vertretenen Dinge in Vorträgen ausgesprochen, allerdings sei es „gefährlich”, wie er mir später mündlich hinzufügte, derartige Anschauungen in Druck zu geben.[3]

Da die jüdischen Gesellschaften und die Oeffentlichkeit eine wissenschaftliche Aussprache über die Probleme nicht zuließen, da bei keiner Gemeinde ein Referat, auf keiner Tagung eine Darlegung der Verhältnisse durchzusetzen war, so mußte ich mich begnügen, in ein paar lokalen Vereinen und einigen loyalen Zeitschriften[4] auf die großen Gesichtspunkte hinzuweisen. Im übrigen war es unmöglich, der offiziellen absprechenden Kritik aller Organisationen und Institute, die dazu das Wort genommen hatten, entgegen zu treten. Das gibt mir nicht nur ein Recht, diese Schrift nochmals auflegen zu lassen, sondern es erscheint mir als Pflicht, trotz aller weiteren Verunglimpfungen, die mir bevorstehen, mit aller Schärfe, die alten Fragen wieder aufzuwerfen und mit Hilfe einiger neuer Zahlen die Entwicklung von neuem zu belegen, wobei ich betone, daß alle wichtigen Ziffern und Tabellen diesmal nur gekürzt wiedergegeben werden können.

Der Gedanke, der in diesem Buch in seinen Konsequenzen wiederholt soziologisch und statistisch eingehend ausgeführt wird, wird allerdings allgemeine Gesetze für die Existenz der jüdischen Bevölkerung auch in anderen Ländern abgeben; inwieweit aber deren Lage mit den Verhältnissen der deutschen Juden übereinstimmen, bedarf erst der Feststellung. Die deutsche Judenheit hat eine teilweise unterschiedliche soziale und sexuelle Gestaltung erfahren, die sie von gewissen jüdischen Centren — wenigstens vor dem Kriege abhob.

Es ist somit nicht der Theorie eines Untergangs der Juden überhaupt das Wort geredet. Wer dagegen die Persistenz aller Teile mit religiösen,[5] historischen und gefühlsmäßigen allgemeinen Argumenten belegt, der mag sich auf den Untergang der 10 Stämme Israels besinnen, an die Auflösung der jüdischen Reiche in Arabien, an die starken Verluste jüdischer Siedelungen in Aegypten und Vorderasien. Ich verweise auf die Geschichte des Chazaren-Reiches und das Ende der Juden in Spanien, auf die Trümmer der jüdischen Wanderung nach Indien, wo die Exilarchen im Jahre 490 zu Kranganor an der Küste Malabar durch den brahmanischen Fürsten Airvi aufgenommen wurden, Land bekamen und unter eigenen Häuptlingen leben durften. Diese Häuptlinge hatten alle Rechte der indischen Fürsten, und ritten auf Elefanten, denen Musik vorherging. Vorhandene Erztafeln kündeten noch in hebräischer Sprache und in dem Idiom des Talmud von ihren Rechten. Die Kolonien wurden längst zerstört. In den weißen Juden von Mattatscheri sollen Reste erhalten sein. Von den chinesischen Juden blieb niemand zurück. Sie sind ausgestorben und nur die Tempel, wie der von Kai-Fong-Fu, Handschriften, Briefe u. a. zeugen von der Vergangenheit. Ferner ist wenig bekannt, daß vorderasiatische Juden unter einem gewissen Benjamin im Jahre 614 n. Chr. Geb. Jerusalem eroberten und sich in Palästina wieder ansiedelten, um bald vom Kaiser Heraklios niedergemacht zu werden.

Die Geschichten der jüdischen Siedelungen sind ein Widerspiel von gewaltsamer Auflösung und Zerstörung, von Zersetzung und Abwanderung. Vor einigen Jahren erregte das Schicksal der zu Grunde gehenden Falaschas Aufsehen, jener abessynischen Juden, die viele Jahrhunderte lang ihre eigenen Fürsten besaßen, die zwei Jahrhunderte lang ganz Abessynien beherrschten. Dr. S. Weißenberg schrieb in der Zeitschrift f. Stat. u. Dem. der Juden, 10. Jahrgang, über „Die Karäer — ein verdorrender jüdischer Stamm”: „Die von Asran gegründete Sekte der Karäer scheint anfangs großen Anhang gefunden zu haben. Dies ist daraus zu schließen, daß im Mittelalter an fast allen jüdischen Sitzen (außer Zentraleuropa) auch karäische Gemeinden in größerer oder geringerer Stärke vorhanden waren ...” Er schließt seine eingehende Arbeit wörtlich: „Wir stehen somit vor einem nicht ganz fernen Untergang der Karäer, falls nicht Maßnahmen getroffen werden, die einem neuen Aufblühen dieses Völkchens förderlich sein könnten.” Die bekannten Samaritaner stehen gleichfalls auf dem Aussterbeetat.

Interessant ist die Geschichte der spanischen Juden in Westindien, die blühende Kolonien anlegten, die heute vernichtet sind. Und wie steht es mit den Familien der alteingesessenen Juden von Frankreich? Was ist aus den blühenden Gemeinden von Italien geworden, deren geistiges Leben durch viele Jahrhunderte die jüdische Welt bereicherte? Von der großen spanisch-jüdischen Bevölkerung Hollands ist nur noch ein Rest übrig.

So sehr es eine historische Weisheit ist, daß sich das jüdische Volk als einziges in der Zerstreuung unter den Völkern erhielt, so tatsächlich ist der Umstand, daß die Persistenz einer jüdischen Bevölkerung allzumeist nur einige Zeit in einem Landstrich währte, daß Blüte, Niedergang, freiwilliges und unfreiwilliges z. T. fluchtartiges Verlassen abwechseln, daß ein Bestand der Judenheit und eine Fortentwicklung in gerader Linie in einem Lande historisch zu den Ausnahmen gehört.[6] Die Nachkommen der alten deutschen Juden sind numerisch in der Hauptsache in Polen, Rußland, Rumänien und Amerika verbreitet, der spanische Jude wohnt im ganzen Orient, in Nordafrika. Spanien, das eine wundersame jüdische Kultur durch ein Jahrtausend gesehen hat, hat sein Judentum mit Stumpf und Stil ausgerottet, so sehr, daß kaum eine Erinnerung mehr an Ort und Stelle zurückgeblieben ist.

Wer also die Zukunft der Juden in Deutschland — und nur darum handelt es sich — durch die Profetie für gesichert hält, kann nicht ernst genommen werden. Er kennt die Geschichte nicht, übersieht die Kleinigkeit, daß selbst das althebräische Schrifttum von der Existenz des jüdischen Volkes in der Allgemeinheit und nicht in einzelnen Teilen spricht und die Schrift die Absplitterung von Partikeln ins Auge faßt.

Natürlich gibt es eine Möglichkeit, den Zerfall des jüdischen Volkes in Deutschland zu verhüten, wenn nämlich die Ursachen, die jetzt zur völligen Auflösung führen, in Fortfall kämen. Ob es tunlich ist, die Voraussetzungen zu bannen, ist eine überaus schwierige Frage.

Meine Untersuchung beleuchtet diese Probleme, lehrt die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Ziffern der Geburten, Taufen, Mischehen, usw und den soziologischen Einflüssen, sie belegt die Bedeutung der Zahlen, der Kurven, sie geht auf die Wanderung, auf die Berufstätigkeit, auf das Heiratsalter, auf die Ausstrahlungen des Kapitalismus ein. Ich schrieb s. Z. in der ersten Auflage:

„Vorausgesetzt, der neue Gedanke dieses Buches erweist sich als richtig, so wird er wohl die deutsche Judenheit, die sich bisher als religiöse Gemeinschaft lediglich dazu berufen fühlt, die Erfüllung der Ritualien zu überwachen, veranlassen, eine grosszügige Volkspolitik zu treiben, um das zu retten, was zu erhalten ist (oder wenigstens zu versuchen, ob es zu retten ist). Und selbst, wenn viele jüdische Gemeinden so kurzsichtig sein werden, trotz aller Anzeichen von dem drohenden Zerfall lieber der Stimme unverbesserlicher Optimisten zu vertrauen und in bequemem Quietismus zu beruhen, als energischen Gegenmassregeln sich anzuschliessen, so wird doch die Idee, erst einmal durch die Blätterwelt und die mündliche Verkündigung zum geistigen Gemeingut des Volkes geworden, auf alle möglichen sozialen und politischen Aktionen befruchtend einwirken ...”

Auch die Nationalökonomen vom Fach haben die Bevölkerungsbewegung, die sich unter den deutschen Juden vollzieht, mit Interesse verfolgt, weil wohl kein Volk, keine Bevölkerungsklasse in demselben kurzen Zeitraum eine so wechselvolle, zahlenmäßig genau zu belegende Entwicklung durchmachte, weil wohl keine Rasse oder Gemeinschaft Geburteneinschränkung, Sterblichkeit, Ehelosigkeit, auf eine Tiefe resp. Höhe gebracht hat, die als das non plus ultra gelten muß.

Die Nationalökonomen haben an den Juden studiert. Ein Schriftsteller hat sie einmal das „Barometer der Völker” genannt. Diese Hypothese gebietet Aufmerksamkeit. A. Grotjahn, der Altmeister der Sozialhygiene, schrieb in seinen Jahresberichten in einer Besprechung:

„Mit den überaus pessimistischen Profezeiungen des Verfassers über die Zukunft des Judentums mögen sich auseinandersetzen, die es angeht. An dieser Stelle ist nur mit Nachdruck hervorzuheben, dass der hier geschilderte Verfall nicht eine spezifische Eigentümlichkeit der Juden ist, sondern nur bei ihnen reiner zur Beobachtung kommt, als bei den entsprechenden Schichten der nichtjüdischen Bevölkerung Mitteleuropas, die z. Z. noch aus dem, übrigens nicht unerschöpflichen Born des ländlichen und städtischen Proletariats Zufluss erhält. Tua res agitur Germania, agitur. Das vorliegende Buch ist die beste Arbeit der letzten Jahre auf dem Gebiete des Entwicklungsproblems, nicht nur dem sachlichen Inhalte nach, sondern vor allem wegen der hier geübten, geradezu vorbildlichen Methode, die den konkreten Fall auf Grund statistischen Materials empirisch untersucht und auf Anwendung darwinistischer Metaphysik, die bei den Erörterungen über die Völkergeneration bereits starke Verwirrung angerichtet hat, verzichtet”.

Das deutsche statistische Centralblatt anerkannte in einer Besprechung in der ersten Nummer des Jahres 1912 den Wert derartiger Untersuchungen mit den Worten:

„Die Bevölkerungs-Bewegung der Juden des letzten Menschenalters wird nicht zuletzt der Statistiker mit Interesse verfolgen.”

Die „Deutsche Hochschule” (Nr. 7 1912) lobte die Ausführlichkeit und die Objektivität des „Untergangs” in der Sammlung und Verarbeitung des reichhaltigen statistischen Materials.

Dr. Mottek faßte im „Freien Wort” den Hauptteil meiner Untersuchungen als den „Selbstmord des Kapitals” oder klar ausgedrückt „Die geringe Vermehrung der besitzenden Klassen durch Zeugung von Kindern” zusammen, und Rüdin hat im „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie” diese Arbeit als den Spiegel für die christlichen Staatsbürger genannt, „darinnen sie die Zukunft auch des Kulturchristen sehen, die ebenso unvermeidlich trübe ist, wenn nicht ein sexual-hygienisches Fühlen und Handeln aufkommt, wie es Theilhaber den Juden rät.”

Dem schließen sich die „Münchener Neuesten Nachrichten” an:

„Ein Buch, dem es zu wünschen ist, dass es nicht nur in dem engeren Kreise, an den es sich wendet, wie ein Weckruf wirkt, sondern unserer ganzen heutigen Kultur als Spiegel vorgehalten wird ... Noch einen, wenn auch nur zeitlichen, doch nicht zu unterschätzenden Vorteil hat das Buch. Es zeigt, dass die Fragen der Rassen und ihrer Hygiene nicht unbedingt etwas mit dem Antisemitismus zu tun haben. Vielleicht werden manche Kreise diese Fragen, die für unser deutsches Volkstum bedeutungsvolle Zukunftsfragen darstellen, daraufhin zugänglicher sein, als es bisher der Fall war”.


[KAPITEL II.]
ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER JUDEN IN DEUTSCHLAND.

Ich war immer bestrebt, die Sitten der Juden, dieses klugen Volkes, zu bessern, ohne ihnen je etwas zu leide zu tun. Das wäre auch unchristlich gehandelt, denn das Judentum bildet die lebende Zeugenschaft des Christentums. Sollten die Juden aussterben, so bin ich überzeugt, dass dies für den Fortbestand des Christentums eine ungünstige Prognose wäre.
Bismarck im Gespräch mit Dr. Kepes.

Die Juden des frühen Mittelalters erfreuten sich im fränkischen und burgundischen Reiche aller Freiheiten. Sie waren dort in jeder Beziehung unbeschränkt, hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, besassen eigene Schiffe auf den Flüssen Galliens und auf dem Meere, durften Grundbesitz erwerben, wirkten als Aerzte und kämpften als Krieger; mit den Christen lebten sie auf gutem Fuße, daß selbst Ehen zwischen beiden Parteien vorkamen. Ihre eigentümlichen Speisevorschriften boten den ersten äußeren Anlaß zu Differenzen, indem es christliche Geistliche für unwürdig befanden, wenn Juden bei christlichen Gastmählern sich gewisser Speisen enthielten, während Christen bei jüdischen Mählern dies nicht taten. Mehrere Konzilien verboten daher (seit 465) den Geistlichen mit Juden zu speisen: aber sie fanden keinen Gehorsam. Selbst als sich Chlodwig zur römisch-katholischen Kirche bekannte, trat noch keine Benachteiligung der Juden ein. Erst als der den germanischen Völkern neue Glaube größere Fortschritte machte und die Geistlichkeit mächtig wurde, setzte man Einschränkungen der Juden durch (507 Verbot des Besuches der jüdischen Gastmähler, 533 der Eheschließung mit Juden usw.) Von der Lage der Juden unter Karl dem Großen schreibt z. B. Otto Henne v. Rhyn, ein gewiß unvoreingenommener Historiker:

„Dieser von religiöser Beschränktheit freie und mit den grössten Verdiensten um die Kultur begabte grosse Herrscher sah in den Juden, welche bereits den Welthandel in der Hand hatten, nicht zu unterschätzende finanzielle Stützen seiner Macht. Er liess gebildete Juden aus Italien nach Deutschland kommen, die Kalonymos aus Lucca, um auf ihre roheren dort lebenden Glaubensgenossen günstig einzuwirken. Gewiss lebten damals schon seit langem Juden in Deutschland, wenn auch verschiedene Angaben über ihre vorchristliche Einwanderung zu dem Zwecke erfunden sind, um nachzuweisen, dass sie an der Hinrichtung Jesu unschuldig wären und um sie hierdurch gegen Verfolgungen zu schützen!”

Karl der Große, der einen jüdischen Leibarzt hatte, (Zedekias,) räumte den Juden gleiche Rechte mit den Christen ein, ebenso wie sein Sohn Ludwig, dessen Liebling, der Geistliche Bodo, zum Judentum übertrat (ein Beweis, daß das Judentum nicht gering geschätzt wurde). Erst der Uebertritt des Kaplans Wecelinus zum Judentum am Anfang des XI. Jahrhunderts und dessen Angriff auf das Christentum brachten Kaiser Heinrich II., der mehr Mönch als Monarch war, in das Lager der sich mehrenden Judengegner und inhibierten das friedliche Zusammenleben von Juden und Christen. Hatten diese nach der Historia Francorum noch im Jahre 585 in Orleans dem König in hebräischer Sprache Huldigungslieder gesungen, so treffen wir zum Ausgang dieser Periode jüdische Minnesänger in deutscher Sprache, deren bekanntester Jud Süßkind von Trimberg gewesen sein mochte, von dem uns die Münchener Staatsbibliothek Lieder aufbewahrte. Der Regensburger Jude Liwa unternahm im 13. Jahrhundert die Uebersetzung der Geschichte des König David.

Verschiedene erlassene Gesetze und Aufzeichnungen versuchen die Vermischung mit der übrigen Bevölkerung aufzuhalten und beweisen diese Epoche als Zeit der Assimilation, die durch die Kreuzzüge unterbrochen wird. In ihrer Folge führen die absolute Abschließung der Juden in eigene Stadtbezirke, (in die „Ghetti”), die besondere Bekleidung (der Judenhut und der gelbe Judenfleck) und andere Maßregeln eine scharfe Absonderung der Juden kulturell, beruflich und territorial herbei. Die Hauptmasse der Juden aus Deutschland wurde nach Polen abgedrängt, wo sie die deutsche Mundart, die sie aus dem Rheinland mit sich nahmen, zum Jüdisch-Deutsch entwickelten. Bevölkerungspolitisch interessant ist die Bemerkung eines Berichterstatters (zitiert bei J. Elbogen, Bevölkerungspolitik im alten Judentum, Gemeindeblatt d. J. Gem. Berlin, 12. März 1920,) daß es damals in Polen keine armen unverheirateten Mädchen unter 18 Jahren gab. In Deutschland wird es ähnlich gewesen sein. Die von hier zurücksickernden Elemente verstärkten die in Deutschland von Ort zu Ort vertriebenen Juden und gaben ihnen das Jüdisch-Deutsch, das wir als die Sprache der deutschen Judengemeinden von ca 1400-1800 antreffen. Die Memoiren des Ascher Levy und der Glückel von Hameln, die jüdischen Privatbriefe aus den Jahren 1619 u. a. beleuchten die Verhältnisse jener Zeiten.

Die deutsche Judenheit wurde mit wenig Ausnahmen bis an das Ende des 18. Jahrhunderts von der jüdischen Kultur beherrscht. Sie ging auf im Studium hebräischer Schriftwerke und nahm den stärksten Anteil an allen Ideen und Vorgängen des Lebens des jüdischen Volkes. Die Hoffnung auf den Messias, die insbesondere in den Zeiten nach dem Friedenschluß zu Münster die Juden erschütterte, hat sie noch lange Zeit später (siehe auch Jakob Wassermanns Juden von Zirndorf) aufs lebhafteste erregt. Wirtschaftlich befaßten sich die Juden ausschließlich mit dem Handel. Im eigenen Kreis richteten sie sich nach ihren eigenen Gesetzen. Der Schulchan-Aruch, das bürgerliche Gesetzbuch der Juden, hatte über alle seine Macht und wer Mitglied der Gemeinde sein wollte, mußte auch sein privates Leben dem jüdischen Gesetz anpassen. Die Macht ihrer religiösen Gemeinschaft und ihrer Organisation war eine so straffe, daß sich Absplitternde nur schwer im Leben zurecht fanden. Der persönliche Zusammenhang, der kleine Spielraum, den das Ghetto ließ, förderte den Einfluß aller Vorstellungen, aller Volkssitten und Gebräuche. Es darf uns daher nicht verwundern, daß alle religiösen Forderungen bei der seelischen Primitivität, insbesondere des Sexuallebens ein überaus ursprüngliches und naturwüchsiges Darin-Aufgehen fanden, so daß gleich beim Eintritt der ersten Reife Knaben mit kindlichen Mädchen verheiratet wurden. Dem Ablauf der Fruchtbarkeit fiel niemand in den Arm und diese möglichst starke Vermehrung war gewissermaßen eine Notwendigkeit. Die ständigen Massakers und die Volkstaufen, die Ghettoluft mit ihren Miasmen, mit den häufigen Todesfällen an Typhus, Fleckfieber, an Pocken, Pest, Cholera, an Influenza und an anderen Infektionskrankheiten verlangten eine möglichst starke Vermehrung, da nur durch diese die Erhaltung der Art gewährleistet werden konnte. Die Ziffern Hanauer's über die Sterblichkeit der Frankfurter Juden, erschienen mir früher unwahrscheinlich groß. Sie sind aber durch die unsäglich ungesunden, unhygienischen Verhältnisse der mittelalterlichen Stadt erklärlich, von denen unter anderem Gottstein nachwies, daß die Bevölkerung der Städte in wenigen Generationen ausstarb und daß die Existenz einer Einwohnerschaft nur durch den Zuzug vom Lande gesichert wurde. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, daß die Zahl der Juden in der ganzen Welt zum Ausgang des Mittelalters mit nur einer halben Million veranschlagt, während sie heute mit ungefähr 14 Millionen gemessen wird.[7]

Das Ende des 18. Jahrhunderts stand wesentlich unter dem Einfluß der französischen Philosophen und Staatsräte, unter den Maßnahmen der aufgeklärten Fürsten, Friedrich II. und Joseph II., und der Gedankenwelt eines Lessing und Schillers.

Insbesondere wurde durch die Erschütterungen der französischen Revolution in den Beziehungen der Menschen zu einander eine ungeahnte Umwälzung hervorgebracht, die die starken Scheidewände zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung niederriß. Mendelssohn und seine Nachfolger drängten die ausschließliche Beschäftigung der Juden mit ihrer Nationalliteratur zurück, bekämpften die Erhaltung der eigenen Mundart und sorgten für die Eingliederung der Juden in alle deutsche Kulturkreise. Die Zeit der deutschen Erneuerung unter Stein und Hardenberg, die französische Verwaltung in Westdeutschland wie die Freiheitskriege, bedingten eine politische Befreiung des jüdischen Elementes. Aber erst die Revolution von 1848 und letztmalig die Reformen der 60er Jahre verhießen den Juden offiziell alle Rechte, wenn auch viele nur auf dem Papier standen. Gleichwohl, der deutsche Jude fand Wege zum Eintritt in die Oeffentlichkeit, in die Umgebung. Die ausschließlich jüdischen Interessensphären wurden gesprengt. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ideen der Umwelt lockten den Juden zur Anteilnahme. Die jüdische Nationalität erfuhr mit ihrer ausgeprägten völkischen Religionsverfassung eine Umänderung zu einer Religionsgemeinschaft. An die Stelle bindender Gesetze traten verstandesmäßig gehaltene, allgemeine ethische Prinzipien. Eine nie gekannte Verwirrung über das Wesen der jüdischen Religion setzte ein. Hundertfach schillerte die jüdische Religion. Sabbathheiligung, Speisegesetze, viele der Feste und Feiern verloren an Glanz und Macht über die Seelen des Volkes. Und auch die Richtlinien der Theologen, Rabbiner und Vorkämpfer eines liberalen Judentums konnten den religiösen Bau nicht neu verankern. Als Gemeingut aller, als bindendes Band blieb eine an fast keine Form gebundene Weltanschauung, eine theistische Ueberzeugung, wie wir sie bei ganz liberalen Christen und in Kreisen der ethischen Kultur finden. Gegen diese rationalistischen Juden traten die gesetzestreuen immer mehr in den Hintergrund. Wohl erzeugte der in den 80er Jahren einsetzende Antisemitismus einen neuen Zusammenschluß vieler freisinnigen Elemente. Er ist der Vater fast aller modernen jüdischen Organisationen und verhalf letzten Endes der national-jüdischen Bewegung zur Blüte. Außerdem belebten die Eigenheit der jüdischen Namen und die religiöse Katasterbildung, wie sie der deutsche Staat bis vor kurzem liebte, die Erinnerung an das Vaterhaus und die alten Sitten! Die aktivierenden Kräfte, welche das Fortbestehen der jüdischen Eigenart förderten, beruhen hauptsächlich in:

1. Der Tatsache eines unterschiedlichen Typus, welche das Aufgehen der Juden rein körperlich in ihrer Umgebung erschwert.

2. Der Erziehung in der Ideenwelt der jüdischen Religion, die Heranwachsende mit den Gefühlen der Beharrung ausfüllte.

3. In der Einwirkung des Elternhauses und der Literaturerzeugnisse, welche eine gewisse historische Kenntnis und eine seelische Gebundenheit ans Judentum verursacht; endlich des Einflusses der Organisationen, welche die Individuen und die Vereine an die Gemeinschaft ketten.

4. In den Ausstrahlungen des familiären Zusammenhanges, der aus der Inzucht entspringt, die es als selbstverständlich erscheinen läßt, daß Ehen nur unter den Söhnen und Töchtern Israels geschlossen werden.

Die Entkleidung der jüdischen Religion von vielem ihrer Eigenart, die Aufgabe der jüdischen Schulen, das Eindrängen in andere Kreise sind unbewußte Empfindungen und Tendenzen, welche das Assimilationsbegehren stärken. Anderseits führt Beharrungsgefühl, religiös und nationales Empfinden zum Judentum zurück. Dieser Kampf um die Erhaltung der Eigenart drückt der deutschen Judenheit den Stempel auf, er läßt sich in nuce in vielen der Geschehnisse als die eigentliche Triebfeder erweisen; oft nur erahnen.

Die Abkehr von dem naiven Typus des Judentums, vom religiös verankerten Volkstum[8] zu einer losen Glaubensgemeinschaft, die ihre nationalen Wünsche und Interessen nicht mehr in der eigenen Mitte zu finden und zu lösen wünscht, hat die Judenheit Deutschlands in eine neue Situation gebracht. Die deutschen Juden unterstehen in ihrer Majorität nicht mehr den alten Sexual- und Lebensgesetzen des Judentums, sondern den Einflüssen, welche die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands bedingen, vermehrt oder vermindert durch retardierende jüdische Momente. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch ihre Entwicklung zu betrachten. —


[KAPITEL III.]
DIE BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG IM REICH.

Preußen einverleibte sich bekanntlich polnische Gebietsteile zum Ausgang des XVIII. Jahrhunderts und beschenkte sich dadurch selbst mit einer großen Zahl jüdischer Untertanen. Die Stimmung der Regierung war seit Jahrhunderten nicht gerade judenfreundlich[9]. Und einer der ersten Erlasse an die Juden der neuen Gebiete war die Ausweisungsordre an die unglücklichen jüdischen Bewohner des Netzedistriktes. Das Edikt wurde nicht inhibiert wegen seiner Brutalität, wonach alte Gemeinden mit einem Federstrich von den Usurpatoren einfach vernichtet und ihre Mitglieder in die Fremde gestoßen wurden, sondern aus dem einfachen Grund, weil sich aus ihrer Vertreibung zu starke wirtschaftliche Schädigungen ergeben hätten. Die durch das Gesetz beengte Freizügigkeit drängte die Juden im Osten sowohl wie in den kleinen Orten Süd- und Mitteldeutschlands zusammen und veranlaßte einen Teil des Ueberschusses zur Auswanderung. Die Angleichung der wohlhabenden Kreise an das deutsche Kulturleben, der immer stärker werdende liberale und demokratische Gedanke förderten schließlich ihre volle Emanzipation. Mühselige Kämpfe, die in der friederizianischen und napoleonischen Zeit begonnen, hatten sie in der Mitte der 60 er Jahre so weit gefördert, daß alle negativen Bestimmungen, alle Ausnahmegesetze, alle Beschränkungen fielen. Gewisse Vorteile, die mit dem Militärdienst, mit öffentlichen Aemtern und Würden verknüpft waren, blieben den Juden, abgesehen von Ausnahmefällen, vorenthalten. Neben der Emanzipation veranlaßte ein inneres Moment die Umgruppierung der Juden. Im Zeitalter der Postkutsche konnte der Handel in kleinen Orten fast ebenso florieren wie in den damals auch nicht überragenden Hauptstädten. Die neuen Schienenwege schufen Industrie- und Handelszentren, die nicht nur neue Möglichkeiten erschlossen, sondern auch die alten Betriebe in den abseits von den Verkehrspunkten gelegenen Orten zur Uebersiedelung in die aufblühenden Großstädte zwangen, die die sich zusammenballenden Massen in den Dörfern und Märkten und das von der starken Fruchtbarkeit gelieferte Heer Jugendlicher die Städte überfluten ließ. Daher resultierte die plötzliche Einwanderung in die Großstädte und stärkte die judenfeindliche Stimmung. Der Antisemitismus der 80er Jahre ist wohl die politische Reaktion auf die Herrschaft des Liberalismus, der auf die Dauer mit dem Bismarckschen Junkertum nicht harmonieren konnte, auf die soziale Not, die durch den mangelhaften Schutz des wirtschaftlich Schwächeren, bei den nichtjüdischen Massen viel stärker in Erscheinung trat und von den Juden, die sich des Kapitals zu bemächtigen schienen, herzurühren gedeutet wurde. Der fleißige, auffassungsfähige Jude kam wirtschaftlich empor. Trotz des starken Zuzuges nichtjüdischer Kreise in die Hauptstädte, trotz der Abwanderung der Juden ins Ausland, nimmt bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts der städtische und großstädtische Anteil der Juden gewaltig zu und führt zur „Verjudung” der Städte. Ihre intensive Betätigung im Wirtschaftsleben besonders im Zwischenhandel, ihre Beweglichkeit, ihr starker Individualismus, ihr Bildungsstreben und ähnliche Eigenschaften ließen sie als noch mehr erscheinen, als sie wirklich waren.

In jener Zeit trat die Verjudung einzelner Erwerbszweige hervor. Der Viehhandel war eine alte jüdische Domäne, auch das Warengeschäft. Im Getreidevertrieb dominierte lange schon die jüdische Note, ebenso im Ledergeschäft. Es entstehen in jener Zeit industrielle Unternehmen, die die Schuhfabrikation, die Konfektion, die chemische Industrie in Deutschland groß machen. Juden beherrschen die Börse und das Bankwesen, monopolisieren die Anwaltschaft, z. T. die Presse, die großstädtische Aerzteschaft, die Theater, das Verlagswesen und vieles andere. Immer neue Enklaven sucht die erfinderische Zeit aufzutun: jüdischer Einfluß amerikanisiert das Kaufmannswesen (Warenhaus), merkantilisiert Zweige der Industrie (A. E. G. — Hapag) schafft die moderne Reklame (Mosse). In einem demnächst erscheinenden Werke „Die Juden im deutschen Wirtschafts- und Kulturleben” zeige ich die überragende Bedeutung dieses einen Prozent der deutschen Bevölkerung.

Nebenbei geht bis in die 80er Jahre eine beträchtliche Auswanderungsbewegung, die deutsche Juden in Frankreich, England und Amerika zu hoher Bedeutung bringt. Die Haute finance der ganzen Welt ist z. T. made in Germany. Die Rothschilds waren die Vorläufer, die Hirsch in Paris, Beit auf Speyer, Speyer-Ellisen, Löb, Kuhn, Warburg, Schiff, Strauß, Sachs, Guggenheim, Marschall in Wallstreet in New York haben u. a. das Aufblühen Amerikas, wie auch Sombart in seinem Werke „Die Juden und das Wirtschaftsleben” anerkennt, mit bewirkt. Jüdische Wissenschaftler und Künstler hat die ganze Welt aus Deutschland bezogen. Weit über die Grenzen des deutschen Landes hinaus, machten sich die Folgen der uneingeschränkten Fruchtbarkeit geltend.

Das ist nun anders geworden.

Der Geburtenrückgang der deutschen Juden hat die Auswanderung immer mehr eingeschränkt. Segall hat die Auswanderung in der Zeitschrift f. Dem. u. Stat. d. J. Bd. 5, S. 58, und Bd. 8, S. 164 der letzten Jahre beziffert. Dr. Wlad. W. Kaplun-Kogan, der ein erster Kenner des jüdischen Wanderungsproblems ist, spricht von „Wanderungen, die wirkungslos sind unter den großen Gesichtspunkten. Daß im Laufe der letzten 34 Jahre 10000 Juden aus Deutschland nach Amerika eingewandert sind, hat auf die Lage der deutschen Judenheit und der deutschen Volkswirtschaft gar keinen wesentlichen Einfluß ausgeübt.”

Die Entwicklung der Judenheit im ganzen deutschen Reich kann erst von 1871 ab übersehen werden, da wir erst seit dieser Zeit eine Reichsstatistik besitzen.

Es betrug die Zahl der Juden in Deutschland:

187118801890190019051910
512153561612567884586833607802615021

Bei den deutschen Juden war die Zunahme also:

Inden70erJahrenca.50000
80er6000
90er20000
1900 bis 191030000

Jedem, der eine Statistik zu lesen vermag, fällt die geringe Zunahme in den 80er Jahren und die plötzliche Zunahme in den 90er Jahren und gar die noch stärkere von 1900 auf 1910 auf. Leider besitzen wir keine umfassende Ermittlung der jüdischen Einwanderung in ganz Deutschland, sondern nur einzelne Ziffern für die Gebiete Hamburg, Sachsen, Hessen, Berlin usw. Danach geht ganz klar hervor, daß die Einwanderung 1900-1910 bestimmt über 30000 Juden betrug, nach allen Berechnungen ca 40000-50000, so daß die Zunahme selbst unter Berücksichtigung der Abwanderung keine eigentliche Volksvermehrung bedeutet, sondern einem zufälligen äußeren Zuwachsgewinn aus dem Osten entspricht. Proportionell sinkt der Anteil der Juden erheblich. Wenn wir die Juden auf 1000 Deutsche berechnen, gab es ihrer (in 0/00):

1871188018901900190519101920
12512411510410095(92?)

Der Anteil der Juden ging somit unter der Gesamtbevölkerung in einem Menschenalter um 30% zurück. Der jüdische Einschlag wurde um über ein viertel zurückgedrängt (Judenfeinde müssen diese Ziffern mit Befriedigung lesen). Sombart und andere Wirtschaftspolitiker glaubten letzthin auch ein deutliches Zurückweichen und eine sinkende Einwirkung der Juden im Wirtschaftsleben angezeigt zu finden. Ihre prominierende Stellung in einzelnen Wirtschaftsformen: im Bankwesen, im Textilfach, im Produktenhandel hat nicht nur durch die Angleichung an das übrige Wirtschaftsgetriebe zu einer Erschütterung geführt. Sie haben nicht mehr die ausreichende Zahl von Individuen, um neuökonomische Existenzmöglichkeiten zu erschließen und die alten Positionen sich zu erhalten. So ergibt der relative Rückgang der Juden im Reich bedeutsame Perspektiven. Ein deutliches Bild gewinnen wir durch Eingehen auf die Entwicklung in den einzelnen Bundesstaaten.

In dem inzwischen abgetretenen Elsaß-Lothringen gab es Juden (detailliertere Ziffern gab ich in allen diesen Fragen in meiner ersten Auflage dieses Buches):

1881 39278 = 2,5 %
191130483 = 1,6 %

Damit verlor Elsaß-Lothringen 8995 = 29% seiner Juden.

Hessen hatte Juden:

185819051910
126302469924063

Es wurden Ausländer 1910 ermittelt in Offenbach 1131, Darmstadt 512, Mainz 360. Die (1905) ermittelten 1787 ausländischen Juden erfuhren bis 1910 eine Zunahme von 715, so daß ohne ihren Zuzug ein doppelt so großer Verlust eingetreten wäre. Die ausländischen Juden, die 1905 noch 7,2% der Judenheit bildeten, waren in 5 Jahren schon 10%. Dabei hat Hessen viele kleine Landgemeinden, deren Fruchtbarkeit wir noch berühren werden. Knöpfel schloß seine Betrachtung in den „Mitteilungen der gr. hess. Zentralstelle f. d. Landesstatistik”, Sondernr. 1910 mit den vorsichtigen Worten:

„Die jüdische Bevölkerung Hessens ist nicht wie die nichtjüdische im raschen Wachstum begriffen, liefert vielmehr das Bild der Stagnation. Ein Hauptzeichen besteht darin, dass sie kinderarm geworden sind.”

Das anschließende Baden, das 1890 noch 27278 Juden = 1,74% auf wies, hatte

1905 25893 Juden = 1,29 %
1910 25896 = 1,21 %

Leider veröffentlicht Baden keine Ziffer über den Zuzug fremder Juden. Stärker ist die Abnahme in Württemberg, wo die Juden in konstantem Rückgang

1880 13331 = 0,67 %
und 1910 11982 = 0,49 % zählten,

und in Mecklenburg-Schwerin mit

1880 2580 = 0,53 % Juden
1910 1413 = 0,22 % "

Selbst für dieses kleine Land weist Max Grünfeld nach, daß ausländische Juden sich niederlassen und die Abnahme der Juden aufhalten (Zeitschrift f. Stat. u. D. d. J. 8. J. Heft 1). Von den 12 Gemeinden, die bis 1850 noch über 100 Juden aufwiesen, blieben nur zwei übrig, die allerdings die Hälfte der Juden an sich rissen (Rostock und Bütow), dafür wuchs die Zahl der Zwerggemeinden mit weniger als 26 Juden von 3 (1860) auf 31.

Seit 1880 verloren die Juden in einzelnen Kleinstaaten z. T. bis über 100 Prozent.

Es hatten Juden

18801910
Anhalt17521382
in %0,930,42
Sachsen-Meiningen16271137
in %0,860,41
Oldenburg16541525
in %0,470,32
Lippe1030780
in %0,930,45
Braunschweig18241757
in %0,390,36
Lübeck670626
in %0,690.54

Bayern hatte 1840 bereits 59168 Juden, von denen viele durch die bedrückenden Ausnahmegesetze zur Auswanderung verurteilt waren. Bis Anno 1870 hatte sich ihre Zahl auf 50000 gemindert. Bis in die 90er Jahre steigt ihre Ziffer. In der neuesten Zeit (etwa seit dem Jahre 1900) geht die Bevölkerung wie ehedem in der Zeit der großen Auswanderung wieder zurück.

Ihre Ziffer betrug:

1840185218711880190019051910
59168561685016253526549285534155065

Ich habe überall Erkundigung über die Wanderung der bayrischen Juden angestellt. Insbesondere die Münchener, Nürnberger, Fürther, Würzburger Juden, die knapp die Hälfte der bayrischen ausmachen, sind recht seßhaft. Allerdings besteht unter den Landjuden eine beträchtliche Abwanderung, die aber hauptsächlich in nahe liegende Städte führt. Die Zahl der Amerikafahrer ist jetzt im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten zusammengeschrumpft. Dagegen ist das emporblühende Bayern eine Wanderetappe der Ostjuden geworden. Frau Dr. Weiner-Odenheimer gibt in ihrem Buch „Die Berufe der Juden in Bayern” eine Auszählung der erwerbstätigen Juden in München, von denen unter 100 geboren waren (1907)

in Bayern 44
b) im übrigen Deutschland 26,5
c)im Ausland29,5

Von der erwerbstätigen Bevölkerung im ganzen sind nur 5% im Ausland geboren gegenüber 29,5% bei den Juden! Die Tatsache der überragenden Einwanderung geht aus der Weinerschen Arbeit klar hervor. Sie gibt sich dann auch aus der eingehenden Statistik Bayerns zu erkennen. Es hatten Juden

18951910
Oberbayern741111625+4214
Niederbayern240339+139
Mittelfranken 12291 14219 + 1928
Unterfranken1415711925-2232
Rheinpfalz104238998-1425
Schwaben42863462-826
Oberfranken35162946-560
Oberpfalz14511395-86

Die Zunahme betrifft also nur München, da es außerhalb dieser Stadt keine oberbayrischen Juden gibt und für Mittelfranken: Nürnberg. —

Während in Bayern das flache Land die umliegenden Städte mit reichlichem Nachwuchs versorgt und kleine Orte wiederum an die größeren Städte ihre Juden abgeben, ist Hamburg ohne bedeutendes jüdisches Hinterland. Schleswig-Holstein ist selbst judenarm, ebenso wie das Elbgebiet. Wir treffen Juden in Hamburg:

187118801890190019051910
137961602417877179451960219472
4,1 %3,5 %2,9 %2,3 %2,2 %1,9 %

Die Ziffern für 1905 und 1910 schließen 804 resp. 540 jüdische Auswanderer, die auf der „Veddel” (Hafen) lagen, ein. Diese müssen abgerechnet werden, so daß wir es mit 19000 Juden zu tun haben, von denen (1910) (siehe die Zusammenstellung von Dora Weigert in der Zeitschr. f. St. u. D. 15. Jahrg.) 21,6% aus nichtdeutschen Ländern stammten (gegenüber 4,8% bei der übrigen Bevölkerung). Dora Weigert schreibt: „Es war selbst in den 80er Jahren zur Zeit der grauenhaften Judenbedrückungen von einer verstärkten russischen Einwanderung in Hamburg nichts zu merken. Der Staat hatte Maßnahmen getroffen, um die eintreffenden Flüchtlinge nach England und Amerika weiter zu befördern”. Trotz der neuesten starken ostjüdischen Einwanderung, trotz eines nicht unbeträchtlichen Zuzuges aus dem übrigen Deutschland erhält sich die jüdische Bevölkerung Hamburgs auf ihrer absoluten Höhe; im Verhältnis zum Wachstum der übrigen Bewohnerschaft ist sie aber um 100% zurückgegangen.

Aber ein Staat in Deutschland hat eine Entwicklung seines jüdischen Bevölkerungsmassivs erfahren: In Sachsen fand man Juden[10]

18711880189019001910
3357651893681241617587
0,1 %0,2 %0,3 %0,3 %0,4 %

Im Jahre 1900 wurden 5637 ausländische Juden und 1910: 10378 ermittelt. Ohne diesen Zuzug der Ostjuden gäbe es also auch keine eigene Zunahme. Wie die sächsischen jüdischen Gemeinden aussehen, erkennen wir aus Leipzig, das 1871: 731 Ostjuden und 1905: 4843 hatte, ferner Dresden (anno 1905) 1715 Ostjuden neben 1799 in Deutschland geborenen, von denen viele nur die Kinder der ersteren waren. Jetzt soll mehr als die Hälfte der sächsischen Juden auf die Einwanderung aus dem Osten zurückzuführen sein.

Die übrigen Kleinstaaten haben eine nur unbeträchtliche jüdische Bevölkerung (z. B. Reuß ä. L. mit 54 Juden (1900) und 44 (1910)). Nur Bremen, das um 1900 in seiner jüdischen Bevölkerung stagnierte, bekam neuerdings (1910) einen Zuwachs von 400 Köpfen, wohl ein Wanderungsgewinn, der sich ähnlich wie in anderen Städten hauptsächlich auf ausländische Einwanderung resp. sogar Durchwanderung zurückführen lassen dürfte.

Trotz der Zuwanderung von Ostjuden, die für die süddeutschen Staaten auf 10-20% der einheimischen Bevölkerung und mehr betragen, entstand eine deutliche Stagnation resp. ein auffallender Rückgang des jüdischen Anteils.

Die süddeutschen Staaten, die zusammen 1880: 160159 zählten, wiesen 1910 nur noch 147489 auf.

In den mitteldeutschen Kleinstaaten sind analoge Verhältnisse.

Die Juden der Hansastädte, deren allgemeine Bevölkerung sich seit 1880 durchschnittlich verdoppelte, konnten sich nur durch den Einwanderungsgewinn der Ostjuden minimal entwickeln.

Die Zunahme der Juden in Sachsen ist durch die russische und österreichische Immigration erfolgt.

Somit ist abgesehen von Preußen ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung eingetreten resp. der Zuwachs durch die ausländische Wanderungsbewegung bedingt.

DIE JUDEN IN PREUSSEN.

Vor hundert Jahren (1816) hatte Preussen 123938 = 11,9 0/00 Juden, die sich trotz des starken Abströmens und keiner nennenswerten Einwanderung bis 1861 verdoppelt hatten und 251145 = 13,6 0/00 ausmachten. Nach der Einverleibung von Schleswig und der 1866 annektierten Gebiete treffen wir 1867: 313156 Juden, die in 45 Jahren um ein schwaches Drittel zunahmen, d. h. um 100000 Seelen, von denen 50000 in 13 Jahren bis 1880 gewonnen wurden und in den darauffolgenden 30 Jahren wiederum 50000. Es gab ihrer

1871: 325426 = 13,2 0/00
1880:363790 = 13,3 0/00
1890:372059 = 12,4 0/00
1900:392372 = 11,4 0/00
1910:415867 = 10,7 0/00

In dem Jahrzehnt 1871/80 betrug die Zunahme 38400
1881/908300
1891/190020300
1901/1023500

Nach einem Rückgang in den 80er Jahren erfolgt wieder eine stärkere Bevölkerungszunahme in den nächsten Jahrzehnten. Leider besitzen wir nur eine unvollkommene Erfassung der Einwanderung. 1880 ermittelte die amtliche Untersuchung 11390 und 1905 38844 nichtdeutsche Israeliten. Berlin hat folgende drei Auszählungen veranstaltet:

Berlin ermittelte für seinen Stadtbezirk

18905077 ausländische Juden
1900 11651
190518316
1910fehlt!

Mit Charlottenburg und den übrigen Vororten dürfte Groß-Berlin bereits 1905 ca 23000 ausländische Juden beherbergt haben. Wenn nun Segall diese Einwanderung für eine vorübergehende Erscheinung nimmt, so entspricht das weder der ganzen Entwicklung, noch der Analogie in Sachsen etc., noch den inzwischen zur Geschichte gewordenen Tatsachen. Alle Kenner haben die Zunahme der Ostjuden bestätigt. Nachdem 1905 knapp 40000 ermittelt waren, werden es 1910 50-60000 gewesen sein, so daß der Zuwachs an preußischen Juden seit 1880 auf ihr Konto fällt; da von 1905 auf 1910 eine Zunahme von insgesamt nur 6366 jüdischen Seelen in Preußen gezählt wurde, ist dieser Ueberschuß wohl fraglos allein von dem Zuzug der Ostjuden getragen. Ohne den Andrang vom Ausland hätte die Volkszählung von 1910 auch für Preußen eine Abnahme an Juden ergeben.

Segall läßt die Ostjuden nur in dem Pogromjahre 1904 vorübergehend nach Berlin flüchten. Das ist unrichtig. Die Industriebezirke in Oberschlesien und Rheinland, die Grenzorte wie Königsberg, Großstädte und zwar Frankfurt, Hannover, Breslau etc., haben seit 20 Jahren ständigen ausländischen Zuzug bekommen. Ein Zuzug, der in der Million Ausländer, im Deutschen Reich (anno 1910) an sich nicht gewaltig ist, bei der mangelhaften Fruchtbarkeit der deutschen Juden doch für diese ins Gewicht fällt.[11]

Der Centralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gab eine Schrift „Die Juden im Heere” von Dr. W. Leiser heraus, in der die ausländischen Juden auf mindestens 70000 zu Beginn des Krieges geschätzt wurden. Nach den preußischen Ermittlungen, die 1880 10000 ausländische Juden in Preußen ergaben, können damals noch keine 20000 in Deutschland gewesen sein. Auch darnach ist der Zuwachs der deutschen Juden seit dem Jahre 1880 auf die Ostjüdische Einwanderung zurückzuführen.

Bereits W. Bambus hat in einem Artikel, der mir erst jetzt in die Hände fiel (Nr. 5 jüd. Presse von 1902), berechnet, daß die Volkszählung mehr Seelen ergab, als der Ueberschuß der Geborenen über die Ausscheidenden betrug. Und er spricht in dem Artikel, den er bezeichnungsweise „Warnende Zeichen” nannte:

„Eine ernste Prüfung dieser Frage, bei der es sich um Sein oder Nichtsein handelt, wäre wahrhaftig des Schweisses der Edlen wert und verdienstlicher als manche Geistesarbeit unserer Gelehrten, auf welche Zeit und Mühe ohne Nutzen für die Gesamtheit verschwendet wird. Caveant consules!”


[KAPITEL IV.]
DAS WANDERUNGSPROBLEM.

„Es ist klar, dass in dem beständigen Wechsel, dem die Judenschaft ausgesetzt war, nicht die behaglich bodenständigen, sondern die rastlos nomadialen Elemente diejenigen waren, die sich am widerstandsfähigsten erhielten, und darum überlebten.”

Werner Sombart.

Die deutsche Judenheit saß vor einem Jahrhundert in einer Unzahl kleiner, aber in sich geschlossener Judengemeinden des Elsaß, in Unterfranken, im Schwabenländchen und am gesegneten Rhein. Wir trafen Judendörfer in den drei Hessen; sporadisch finden wir jüdische Siedelungen in Thüringen, Westfalen, im Hannoverschen und insbesondere im Badischen. Die Stärke dieser Gemeinschaften trat zurück gegen die Bedeutung der Kolonien in der Ostmark, aus der immer wieder neue Ströme von jüdischen Menschen hervorbrachen, und seit Jahrhunderten die westlichen Gemeinden mit frischen jüdischen Impulsen versahen. Berlin, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3000 Juden aufwies, maß sich mit Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte. Die Kleinstadt, in der die jüdische Bevölkerung dominierte, war für die Juden von dreierlei Bedeutung:

1. Sie bot eine gleichmäßige soziale Verteilung auf verschiedene Berufe.

2. Die Nähe der Natur und das einfache Leben brachten hygienisch bessere Verhältnisse mit als das aufreibende Milieu der Großstadt.

3. Vom jüdischen Gesichtspunkt. Hier entfaltete sich ein ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war eine selbstverständlich rituelle. Taufen, Mischehen waren ebensolche Unmöglichkeiten, als sie in der Großstadt Selbstverständlichkeiten geworden sind.

Wie stark die Judenheit im Osten an kleinen Orten gewesen ist, läßt ein Vergleich beobachten. Es waren

in18171905
Judeninsges.
Einw.
in %
d. B.
Judenin %
d. B.
1) Fordon[12] 1290 1972 65,41816,5
2) Kempen[13]24064588 52,473911,5
3) Schwersenz10911974 55,52086,6
4) Cchodziesen9061706 51,53004,7
5) Zempelbg.11602304 50,739320,3
6) Wreschen12102414 50,13866,6
7) Märkisch Friedland 11512301 502009,4
8) Hohensalza17843804 46,9 11575
9) Grätz14552983 48,82504,4
10) Lissa36447934 46196??6,2
11) Filehne12312788 44,2378
12) Zülz10502433 43,380,3
13) Kurnick7741809 42,81084,3

Erst die Ziffern des Jahres 1920 werden die volle Umgruppierung der Juden ergeben, wie sie das Beispiel des Ortes Zülz angibt. Auch ohne die Abtretung der Posenschen Provinzen an Polen wäre das ursprünglich unerschöpfliche Reservoir der deutschen Juden zum Versiegen gekommen. Noch im Jahre 1880 finden wir 100 000 Juden in den drei Ostprovinzen. 1910 gerade die Hälfte, sodaß ihr Anteil rasch verkümmert ist. Zwischen 1900 und 1910 verminderte sich z. B. die Judenheit in

Kempen um 320 Juden
Lissa359
Krotoschin 200
Samter 50

So rasch löste sich die preußische Ostjudenheit auf. Ihre ehemals gesunde gewerbliche Struktur beschreibt N. M. Gelber an den westpreußischen Städten des XVIII. Jahrhunderts: „Durchschnittlich finden wir in den (s. Zeitschr. f. St. d. J. 9. Jahrg. Nr. 4) genannten Ortschaften 3-10 Brauereipächter, 2-6 Krämer, 1-10 Schneider, 1-3 Fleischer, 1-15 Kürschner, 1-4 Glaser, Barbiere usw. Es scheint, daß das jüdische Proletariat sehr stark vertreten war.”

Die Posener Kammer erfaßte Gewerbetreibende im Jahre 1797

jüdisch christlich
Schneider923676
Schlosser238638
Schankwirte und Brenner 811048
Barbiere47163
Musikanten26126
Bäcker51607

Ebenso stark waren die Juden unter den Goldschmieden, Buchbindern, Posamentieren, Mützenmachern, Knopfmachern und in anderen Gewerben vertreten. Der Einfluß der körperlichen Arbeit, das Leben in der kleinen Stadt und auf dem Dorfe brachte sie in persönlichen Konnex mit der Mutter Erde. Sowohl im Osten wie auch in Süddeutschland besaßen viele dörfische Juden Land. Mit der Abwanderung vom Land geht proportional ein Absinken der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden vor sich. Die Verknüpfung der Juden mit dem Grund und Boden wurde gerade zu Beginn des XIX. Jahrhunderts stärker, als ihnen der Ankauf gesetzlich gestattet wurde. Häufig bestellten Handwerker und Händler, die mit Vieh, Pferden, Getreide und mit Waren einen Teil ihres Lebensunterhaltes sich erwarben, ihren Hof und ihr Feld und gewannen ihren Eigenbedarf, ihr Brot und die Kartoffeln, Milch und Eier sich selbst. —

Berechnungen haben ergeben, daß der deutsche Osten 1/4 Million Juden auswandern ließ, von denen wir ungefähr allein 100000 in Berlin wiederfinden. Die Politik Deutschlands ist oft ohne Verstand gemacht worden. Es wurde aber wenigstens Politik — wenn auch schlechte — gemacht. Die Judenpolitik fara da sé. Was kümmerte irgend einen Minister das jüdische Ostmarkenproblem. Mochte das gesunde Volksleben der Juden in der Ostmark ersterben, die deutschen Interessen dabei einen empfindlichen Schlag erleiden: Haß macht blind. — Für die Oeffentlichkeit und für die Gesamtheit der Juden selbst existierte keine jüdische Frage.

Vor vielen Jahren fand die Renegatin Fanny Lewald, die Vielgelesene, in ihrer Lebensgeschichte die beherzten Worte:

„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen, welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”

Trotzdem ergab die Zählung in der Provinz Posen

Juden mit deutscher polnischer Muttersprache
anno 190035011176
19053003670
19102644422

Der Rückgang der Juden im Osten stellte somit einen Verlust für den deutschen Volksteil dar. Swart, einer der besten Kenner dieser Frage betont: „Die Juden haben in der Provinz Posen überall die deutsche Muttersprache und gehören kulturell und politisch zu den Deutschen ...” „Solange die Juden”, schrieb Leo Wegener, „einen großen Teil der städtischen Bevölkerung ausmachten, waren sie nicht nur in den Zweigen des Handels, sondern auch in denen des Handwerks zu finden und ließen kein polnisches Handwerk aufkommen”. Bernhard unterstrich die Bedeutung des jüdischen Elements für die Loyalität der Ostprovinzen und spricht den Auswanderern einen proletarischen Charakter zu, da sie meist ein Handwerk erlernt hätten. An einer anderen Stelle nennt Bernhard die in den letzten 20 Jahren emporgekommenen Organisationsformen der Polen, die Banken, Einkaufs-, Verkaufsgenossenschaften, Berufsvereine die Mittel, die ein polnisches Gemeinwesen schufen und zur Ertötung des deutschen und jüdischen Einflusses führten. Sogar die amtliche Denkschrift „20 Jahre deutsche Kulturarbeit” bringt den Rückgang des Deutschtums ausschliesslich mit der Abwanderung der Juden zusammen und in der im Auftrag des Vereins zur Sozialpolitik gefertigten Studie steht der vom Bürgermeister Zitzlaff von Marienwerder formulierte Satz: „Man kann über den nationalen Wert der Juden denken wie man will, jedenfalls ist die Abwanderung als Verlust auf deutscher Seite zu buchen.”

Ein jüdischer Autor (Kassel) führt die Ursache weiter aus: „Wurden die Juden heute verhöhnt, so wurden sie morgen abgestoßen. Bei dem Hin- und Herstoßen wurden die Juden jedoch wirr- und planlos, was sich durch den Mangel an jeder Organisation unter ihnen schließlich bis in die heutige Zeit hinein fühlbar machte. Hinzu kam, daß die Juden den christlich deutschen Kulturträgern eine billige Gelegenheit boten, den Aerger über das Mißglücken aller anti-polnischen Maßregeln an einem geduldigen Prügelknaben auszulassen ...” Lautete die Losung für die Ostjuden „Auswandern und Aussterben”,[14] so ist jetzt die Frage gelöst. Die letzten Reste der ostdeutschen Juden strömen im Jahre 1920 nach Berlin und von einigen Nachzüglern abgesehen, existieren im Osten nur noch Trümmer von kleinen Siedelungen. Mit der antisemitischen Politik hat Preußen die Juden zwar aus dem Osten vertrieben, selbst aber dazu beigetragen, das Polentum zu stärken und ihren Abfall begünstigt.[15]

Ebenso bedeutsam ist die Verstädtichung, die Ueberführung der Dorf- und Kleinstadtjuden in die Großstädte. Viele Ziffern illustrieren diese Umstellung. Es waren z. B. in Preußen in Orten mit weniger als 20000 Einwohnern Juden:

1895190019101920
16010614173611788180000??
in % d. Juden
42,236,128,418??

dagegen in Großstädten:

164110193204247518300000??
in %43,249,359,572,0??

Mindestens 3/4 der preußischen Juden dürften 1920 in den Großstädten leben, wahrscheinlich 50% allein in Berlin, das 1910 schon über 1/3 beherbergte.

Das Tempo, in dem sich dieser Umzug vollzieht, ist Expreßzugsgeschwindigkeit. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung bleibt die Masse der ländlichen Bevölkerung ungefähr konstant, die kleinen Orte vermehren sich, wenn auch der größte Teil der Volksvermehrung den Hauptstädten zugute kommt. Man kann aber nicht von einer Dezimierung des flachen Landes und der Kleinstadt sprechen. Bei den Juden entstand aber eine Auflösung der Dorfgemeinden und der Landstädte. Allein in der kurzen Frist von 5 Jahren änderte sich die Bevölkerungszahl der Juden in

1900 1905
(Westpreußen): Zempelburg 792393
(Posen): Schrimm593396
(Brandenburg): Landsberg568479

In Bayern waren in unmittelbaren, d. h. größeren Städten Juden

1875 1900 1905 1920
in % 31,6506070?

auf dem Lande

1840189519051920
51097 24065 15053 10000?
in % d. J.
86,241,827,218?

Durch das Abfluten der Dorfjuden sollte man meinen, würde sich die Zahl der Juden in den Städten vermehren; dem ist aber nicht so. Es gab zu Beginn unseres Jahrhunderts über 70 Städte in Preußen, die mehr als 500 Juden zählten. Von diesen verloren 1900-1910 an Juden:

1. Hohensalza440
2. Gnesen391
3. Posen382
4. Lissa359
5. Stettin371
6. Gleiwitz298
7. Beuthen204
8. Krotoschin ca. 200
9. Ratibor187
10. Oppeln161
11. Altona182
12. Glogau147
13. Schneidemühl155
14. Thorn161
15. Rogasen150
16. Breslau144
17. Danzig170
18. Bromberg170
19. Liegnitz132
20. Memel114
4518
21. Frankfurt O.121
22. Tilsit102
23. Stolp98
24. Ostrowo78
25. Mülheim41
26. Görlitz41
27. Krefeld67
28. Trier72
29. Graudenz113
30. Magdeburg82
31. Kreuznach54
32. Samter50
33. Schönlanke50
34. Halberstadt28
35. Hanau20
36. Hildesheim20
37. Königshütte24
38. Aachen17
39. Bochum10
40. Eschwege13
1101

Außerdem schieden aus der Reihe der Großgemeinden mit über 500 jüdischen Gemeindemitgliedern aus im Jahre 1905 resp. 1910: 41. Czarnikau, 42. Rawitsch, 43. Myslowitz, 44. Coblenz, 45. St. Johann, 46. Zempelburg, 47. Krotoschin, 48. Landsberg a. W. Ueber 500 Juden hatten neu 1900/10 nur vier Orte (also nur die Hälfte der Ausfallenden), Hagen, Zabrze, Marburg, Kattowitz. Insgesamt nahmen in ihrer absoluten Zahl ca. 24 Großgemeinden Preußens in ihrer Bevölkerung zu und in 48 — das ist die doppelte Zahl — ging die jüdische Einwohnerschaft zurück. Die Zersetzung der kleinen Gemeinden hier anzuführen, ist leider zur Zeit wegen Platzmangels unmöglich.

Es handelt sich um die Großgemeinden. Wir finden die niedergehenden jüdischen Großgemeinden in Städten mit über 100000 Einwohnern, wie Danzig, Stettin, Posen, Krefeld, Altona, sodann von bedeutenden Industriezentren Beuthen, Bochum, Königshütte, Magdeburg, Görlitz, Mülheim und Breslau, das Zentrum der schlesischen Juden. Insgesamt verloren in nur 10 Jahren allein 40 der judenreichsten Städte über 6000 ihrer Seelen.

Nun sollte man in den restlichen 24 Städten einen großen Zuwanderungsgewinn vermuten, der die Juden über ihr Verhältnis stärkte; das gerade Gegenteil ist richtig. Trotz des Zuzugs vom Lande, der Kleinstadt, der zu erwartenden eigenen Vermehrung und der ausländischen Einwanderung, ist auch hier ein relativer Rückgang der Juden in der Bevölkerung eingetreten.

Es waren Juden unter 100 der Bevölkerung in

1900 1910
1. Frankfurt a. M. 7,66,3
2. Köln2,62,4
3. Königsberg2,11,9
4. Wiesbaden3,52,5
5. Kassel2,31,8
6. Essen1,10,9
7. Dortmund1,41,2
8. Bonn1,71,4
9. Münster0,80,7
10. Duisburg0,90,7
11. Gelsenkirchen2,20,7
12. Bielefeld1,31,1
13. Emden4,63,5
14. Erfurt0,80,7
15. Kattowitz7,16,9
16. Hannover1,91,7
17. Hagen
18. Zabrze
19. Marburg2,552,37
20. Düsseldorf1,14[16]1,11

Bei einer Reihe von ihnen zeigt sich in 10 Jahren eine relative Abnahme der jüdischen Bevölkerung von 20-40%. Handelt es sich auch stellenweise um Orte, die durch Eingemeindung rasch anschwellen, die Tatsache bleibt dieselbe. Die kolossale Abnahme der Landbevölkerung hat zu keiner Vermehrung des jüdischen Anteils in den Städten geführt. Nur ein Ort in Preußen konnte sich von 1900 bis 1910 den gleichen prozentualen Stand der Juden wahren. Nämlich München-Gladbach 1900 und 1910 = 1,26 %.

Eine relative Zunahme finden wir in zwei Orten, in Fulda und Elberfeld, und selbst bei diesen beiden Orten ist der prozentuale Zuwachs minimal.

Fulda1900:1910 4,0:4,25 % der Bevölkerung
Elberfeld : 1,06 : 1,13 %

Wir haben bis jetzt der Entwicklung von Groß-Berlin noch nicht gedacht. Die verschiedenen Vororte von Berlin bilden bekanntlich mit der alten Hauptstadt längst ein organisches Ganze. Groß-Berlin insgesamt zählte[17] im Jahre 1900 4,35% Juden und 1910 nur noch 4,05% oder um ca. 7,5% weniger.

Die jüdischen Gemeinden in Deutschland haben sich somit relativ überall und selbst in den Großstädten und Industriecentren vermindert. Hier sank durchschnittlich der jüdische Anteil um 25%. In der Hälfte der Groß-Gemeinden trat auch eine absolute Abnahme der Bevölkerung ein, so daß ein Teil von ihnen zur baldigen Bedeutungslosigkeit verurteilt ist. Dieser Prozess ist keine auf Preußen beschränkte Erscheinung. Wir finden analoge Verhältnisse in den übrigen deutschen Staaten:

in Hessen: Mainz 3104 (1900) 2906 (1910)
im Elsaß: Mülhausen 24662287
in Braunschweig: Braunschweig: 861720

In Bayern hatten eine Abnahme

Fürth3017 auf 2826
Würzburg25672514
Kaiserslautern 741726
Landau874785
Regensburg571493
Speyer520478

Bamberg blieb seit 1880 stationär.

Die Volksverschiebung und Konglomeration gibt die Entwicklung der einzelnen Provinzen wieder: Es hatten Juden

1880 1910
Ostpreußen1821813027
Westpreußen2654713954
Pommern138868862
Posen5660326512
Schlesien5268244985
Schleswig-Holst. 35223343
Sachsen67007833
Hannover1479015545
Westfalen1881021036
Hessen-Nassau4131651781
Rheinland4369457287
Berlin und Brandenburg 66245 151298

Die Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen, Schlesien und Schleswig verloren seit 1880 bis 1910 somit neben ihrem Geburtenüberschuß an ihrer absoluten Ziffer den dritten Teil (= 60000 Juden). Auf der anderen Seite hatten die übrigen Provinzen einen Gewinn von 113000, der sich in folgender Weise verteilte:

Berlin-Brandenburg gewann 85000 Juden,[18] die Rheinlande 14500, Hessen-Nassau über 10000, Westfalen 2000, Sachsen und Hannover je 1000.

Damit beteiligten sich an der Volksvermehrung der deutschen Juden Berlin mit 75 %, die Rheinlande mit 13 %, Westfalen, Sachsen und Hannover mit etwas über 3 %.

Wohnten von hundert preußischen Juden 1880 noch 46% im Osten, so waren es 1910 25,8 %. (Im Jahre 1817 wurden im damaligen Preußen 127345 Juden angetroffen, von denen 41 % = 52568 allein in Posen ansässig waren, gegenüber 6 % im Jahre 1910).