Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1861 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.

Im Inhaltsverzeichnis wurde für ‚Der Prior von Sankt Martin‘ die Seitenzahl von 139 zu 143 korrigiert.

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Dissolving views.


Erster Band.

Bei Hoffmann und Campe in Hamburg sind erschienen:

Thlr. Sgr.
Aston, L., aus dem Leben einer Frau 22½
Bernays, Isaak, Schief Levinche mit seiner Kalle, oder polnische Wirthschaft. Ein komischer Roman. 1 15 
Christen, F. E., Diana. Wahrheit und Dichtung. 2 Theile 2 15 
  —   Malcolm. See-Gemälde aus der neuern Zeit. 1 15 
Clemens, F., Der Excentrische. Roman 1 — 
  —   Das entschleierte Bild zu Sais 1 10 
Corbiere, Ed., die Zöglinge der Marine. 2 Theile 2 — 
Douglaß, Frederick, Sclaverei und Freiheit. Autobiographie. Aus d. Engl., bearb. von Ottilie Assing 1 15 
Elpis Melena, hundert und ein Tag auf meinem Pferde und ein Ausflug nach der Insel Maddalena 1 15 
  —   Garibaldi’s Denkwürdigkeiten. 2 Bde. 2 — 
Falkson, Ferd., Giordano Bruno 1 15 
Freese, H., die Prinzessin von Ahlden 1 15 
Gathy, A., Cavalcade, oder die Kunstreiterin 1 — 
Görner, C. A., Almanach dramatischer Bühnenspiele. 8. Jahrgang 1 15 
Gregorowitsch, N., die Fischer. Ein Roman. Aus dem Russischen. Nebst Einleitung von Alexander Herzen. 2 Theile 2 15 
Gutzkow, Dr. K., Novellen. 2 Bände 3 — 
  —   Seraphine. Ein Roman 1 20 
  —   öffentliche Charaktere 1 20 
  —   zur Philosophie der Geschichte 1 20 
  —   Börne’s Leben 1 15 
Halfern, A. von, der Squire. Ein Bild aus den Hinterwäldern Nordamerikas. 2 Theile 2 — 
Heine, H., Reisebilder. 4 Theile 7 — 
  —   Der Salon. 4 Theile 6 20 
  —   Vermischte Schriften. 3 Bände 6 — 
  —   Die romantische Schule 2 — 
  —   Ueber Ludwig Börne 2 — 
Herzen, Alexander, aus den Memoiren eines Russen. Im Staatsgefängnisse und in Sibirien 1 — 
  —   —   Zweite Folge. Petersburg und Nowgorod. 20 
  —   —   Dritte Folge. Jugenderinnerungen 1 — 
  —   —   Vierte Folge. Gedachtes und Erlebtes 1 — 
  —   Briefe aus Italien und Frankreich 1 — 
  —   Rußlands sociale Zustände 1 — 
  —   Vom anderen Ufer 1 15 

Dissolving views.

Romanfragmente

von

Leo Wolfram.


Erster Band.


Hamburg.

Hoffmann und Campe.

1861.


Als Vorrede.

Dialog
im Censurdepartement des Polizeiministeriums im Lande der Dissolving views 1860.

Erster Sekretär. Gut, daß Sie kommen! Ich bin kein Engländer, und da ist unter den beanständeten Büchern eines mit einem englischen Titel. Ich habe, da ich gestern sowol hier als zu Hause zu fragen vergaß, im Flügel’schen Dikzionnär nachgesehen. Dissolve, auflösen, zertheilen. Und view, Ansicht. Das schien mir gleich auf zersetzende, destruktive Ansichten hinauszulaufen.

Zweiter. Ganz richtig; aber hier dürfte etwas Anderes gemeint sein. Wenn Sie weiter unten sehen wollen, — (schlägt das Dikzionnär auf) da steht:

Dissolving views, — analitische Prospekte; mittelst zweier magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht.

Wir haben ja solche hier im Theater gesehen.

Erster. Das muß man eben wissen. Man kann nicht von uns prätendiren, daß wir auf alle erotischen Metafern der Romanschreiber eingehen. Haben Sie das Buch durchgesehen?

Zweiter. Sehr flüchtig.

Erster. Auch ich. Da ich heute Etwas darüber sagen muß und sehr überhäuft bin, so habe ich es, wie gewöhnlich, meiner Frau zu lesen gegeben, die auf alle beanständeten Artikel erpicht ist.

Zweiter. Das pflege ich auch meinerseits häufig zu thun. Und was sagt Ihre Frau Gemalin?

Erster. Sie sagt: der Roman sei Nebensache, bloße Emballage, um die Ansichten über gewisse Zustände und Personen einzuschmuggeln.

Zweiter. Sonderbar. Meine behauptet, der Verfasser habe dieses Element nur hineingemengt, um den Roman, der aber eigentlich keiner sei, zu illustriren.

Erster. Am Ende kann uns das gleichgültig sein. Uns ginge die Frage näher an, ob er viel gelesen würde? Und meine Frau leugnet das, und sagt, der Autor verderbe es mit allen Parteien.

Zweiter. Das ist doch ganz eigen! Meine ist vom Gegentheil überzeugt und findet, daß er es gerade mit der stärksten halte, überall der sogenannten Intelligenz huldige. —

Erster. Sie werden doch hoffentlich diese Partei nicht die stärkste bei uns nennen wollen?

Zweiter. Ich erzähle Ihnen nur, was meine Frau sagt. Was geschieht also mit dem Buche?

Erster. Meine erste Impression war, daß es bei uns durchaus nicht aufliegen dürfe. Das Verbot läßt sich durch die Tendenz ganz allein hinreichend motiviren.

Zweiter. Wir brauchen ja Gott sei Dank überhaupt Nichts zu motiviren, was wir thun.

Erster. Ich meine auch nur dem Chef gegenüber. Aber die Sache hat eben zwei Seiten.

Zweiter. So fand ich auch. — Es ist eine fatale Geschichte. Lassen wir’s durch, so wissen wir, was sich Jeder beim Lesen denkt und am Ende glaubt man noch, wir haben’s nicht verstanden.

Erster. Und lassen wir’s nicht durch, so geben wir uns eigentlich eine ungeheure Ohrfeige.

Zweiter. Wie so?

Erster. Weil wir, wenn wir auch auf der Tendenz herumreiten, geradezu eingestehen, daß wir es auf uns beziehen, obgleich weder das Land noch der — — Eine noch der Andere genannt ist.

Zweiter. Ja wen meinen Sie denn?

Erster. Und wen meinen denn Sie, daß ich gemeint habe?

(Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.)


Inhalt des ersten Bandes.

Seite
Vorrede   [v]
Goldnebel   [1]
Der Taschenteufel [44]
Zimmerreise [67]
Clair-obscur [102]
Der Prior von Sankt Martin [143]
Konkurrenz [175]
Ein thätiger Freund [213]
Im Hafen [251]
Bewegte Nacht [297]
Bescheerungen [341]
Kirchenweihe [385]

Goldnebel.

Das Gewitter über dem Gebirgssee war vorüber. Fliehend zog das Wolkenheer nach fernen Thälern, versprengte Reste in den Klüften zurücklassend und das Banner der siegenden Abendsonne flammte auf den Felsengipfeln.

Manche Riesentanne lag auf der Höhe, wo die volle Gewalt der entfesselten Geister des Gebirgs gewüthet, niedergerissen von den Wirbeln des Wettersturms. Am Mittag war als erstes Schlachtsignal ein langer dumpfer Donner über das Thal hingerollt und fast bis zum Untergange der Sonne standen auf den Bergen die dunkeln Schaaren der luftigen Streiter, deren Schatten den See in Nacht hüllten.

So oft aber auch auf Erden der Kampf des Lichtes gegen die starre Finsterniß ein vergeblicher sein mag, am Himmel ist der Sieg der glänzenden Königin über die nächtigen Rebellen gewiß. Und als erst die kleinste Lücke in die schwarzen Massen gerissen, die erste Flammensalve der Sonne durch die Wolkenphalangen gebrochen war: da drang es herein, das uralte, ewig neue, freundliche Wunder, das Abendroth, unaufhaltsam die Felsenwände überströmend. Und nun brach sich’s feurig brandend auf der Höhe an einem durchsichtigen Damme von Tannen, welche wie flammende Christbäume in den Himmel hinausragten — floß wie Lava, nur verklärend statt zerstörend, über das Geröll und die steilen Wiesenhänge herab — drang waldeinwärts wie zur Verfolgung der geflüchteten Nebel in ihre letzten Schlupfwinkel und legte tausend Flämmchen an die dunkeln Baumstämme, als wäre der Hochwald erleuchtet von einem Fackelzuge der Berggeister zur Feier jenes Dichters, der da nicht geboren ward, sondern vom Anfange war. — — Und nun senkt es sich in die Fluten des See’s, der noch hohe Wellen rollt und zerstiebt auf ihren überschlagenden Gipfeln in Millionen Goldfunken. — Längst ist oben reiner Gottesfriede, während es in der Tiefe noch rauscht und brandet.

Ein Schiffchen durchschneidet den vergoldeten Schaum. Die beiden Männer, die es trägt, haben beim ersten Nachlassen des Gewitters die Fahrt gewagt, und ihre glühenden Wangen bezeugen den Kraftaufwand, welchen der Kampf gegen Sturm und Wellen erforderte. Während der Aeltere, ein Bewohner der Gegend, mit der Ruhe der Gewohnheit den Krieg so wie den Frieden der Elemente betrachtet, hat das treue, tiefe Auge des Jüngern Beides lebendig zurückgespiegelt.

Diese junge, kräftige Seele, die sich in diesem Augenblicke der siegreichen Macht des Körpers freut, empfängt alle Eindrücke rein und ganz, und gibt sie eben so wieder. Sie sieht noch nicht „ob jeder Freude schweben den Geier schon, der sie bedroht.“ Oder vielmehr der junge Mann hält ein sicheres Auge, eine feste Hand, eine gute Waffe für hinreichend, um den Räuber aus den Lüften herabzustürzen.

Seine Erscheinung bietet Nichts von Allem, was die Uebersättigung interessant nennt. Keine Künstlerlocken wallen um die Stirn, um beim Aufzucken eines unverstandenen Schmerzes, am Klavier oder an der Staffelei, geschüttelt zu werden: sein blondes Haar ist kurz und schlicht. — Keine Weltgedanken haben Furchen durch die glatte freie Stirn gezogen, keine Geschichte von gefallenen Engeln und geknickten Blumen ist auf seinen Wangen zu lesen, und jedes Weib, welches sich auf das Fach des „Dämonischen“ versteht, wird ein einziger Blick in die geistig jungen und doch ernsten, schönen, offenen Züge überzeugen, daß ihr in der lockenden Aufgabe, dieses Geschöpf Gottes zu verderben, noch keine zuvorgekommen.

Er hat während der Fahrt seine graue Lodenjacke zu dem im sogenannten Kränzchen des Schiffes liegenden grünen Hut geworfen und die Hemdermel hinaufgestreift; der Sprühregen, den der Wind von den Wellen hinwegpeitscht, näßt seine Brust und die glänzenden, steinernen Muskeln des Armes. Er freut sich, die volle Kraft ins Ruder pressend, der Kühlung, während der alte Schiffer seinen warmen Kittel zugeknöpft hat und über den heißen Uebermuth des jungen Reisenden lächelt, der ihm kein Fremder, da er in dessen väterlichem Hause vor Jahren gedient.

Das Bett des See’s, dessen ganze Länge der Nachen bei ruhigem glatten Wasser in einer Stunde durchmessen würde, krümmt sich in seiner Hälfte fast unter einem rechten Winkel. — Das Ufer des schmäleren Theiles — des sogenannten untern See’s — in welchem sich unsere Schiffer befinden, bilden nördlich die jäh abfallenden Wände des Wettersteines, — südlich steile Waldhöhen.

Dieses letztere Ufer bietet dem vom Sturme Ueberfallenen die rauhe, aber freundlich rettende Hand, während an der Felsenbrust des andern der sichere Untergang seiner harrt.

An einer einzigen Stelle hat ein Bach, welcher durch eine Einklüftung der Felsenwand in trockenen Monaten als Silberfaden herabrieselt, nach Regengüssen und im Frühling aber donnernd in den See stürzt, so viel Sand und Geröll herabgewälzt, daß sich ein etwa funfzig Schritte im Umfange messendes Stück sanft abgedachten Ufers gebildet hat.

Der Glückliche, welchen der Sturm gerade an diese Stelle treibt, hat den großen Lebenstreffer aus der schäumenden Urne voll Todesloosen gezogen und mag, von unersteiglichen Felsen umschlossen, hier harren bis der Sturm sich legt und eines der vielen den See durcheilenden Schiffchen ihn aufnimmt.

Ein rothes Kreuz, mit verdorrten Kränzen und Votivbildchen geschmückt, bezeichnet diese Stelle; unsere Schiffer richteten fast zugleich den Blick dahin.

Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm, der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes Sacktuch über dem Kopfe herum.

Nachdem der junge Mann im Schiffchen die Zeichen erwiedert, stand die Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte.

„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,“ begann der Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen — — „das ist die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein. Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da. — Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie in den Leckerstauden[1] und der eine von den Herren, ein Professor aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter, dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beim rothen Kreuz schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug hätte.“

Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte, war der Name „Freinhof“ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte Aufklärung:

„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude da, daß einem das Herz lacht.“

Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich durch ein Phänomen verhüllt wurde, welches sicherlich Jedermann einmal zu beobachten Gelegenheit hatte.

Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth dastand.

Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen kalten Töne des Abends. —

Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden. Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe schlanke Gestalt durchlief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des triefenden Felsens.

Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen. Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück.

Im nächsten Augenblicke fuhr das leichte Fahrzeug knarrend auf den Sand und Arnold stand mit einem Sprunge am Ufer.

Julie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte: „In solcher Lage gibt es keine Fremden! Lassen Sie mich erst danken, wenn Ihr Werk vollendet ist. Wir waren noch zur rechten Zeit hier gelandet, und ich habe, als der Sturm nachließ, unsern Fährmann nach dem Hofe hinübergeschickt, um unsere große Barke zu holen. Ich will sie aber nicht erwarten, sondern bitte Sie, mich nur gleich von diesem treulosen Zufluchtsorte wegzuführen, der das Leben mit eisigen Händen langsam aus den Gliedern zieht,... der See verschlingt es wenigstens in einer Minute.“ — „Vor Allem,“ sagte Arnold, „nehmen Sie das Einzige, was ich Ihnen zum Schutze bieten kann, meine Lodenjacke“ — er langte sie aus dem Schiffchen und sie hüllte sich lachend darein mit zwei raschen Bewegungen voll Weichheit und Grazie — „und nun meinen weichen grünen Hut“ — sie drückte denselben auf die dichten Locken — „und nun einige Tropfen Rum aus meiner Feldflasche“ — sie führte sie an die Lippen, deren hohes Nelkenroth die Kälte nicht zu bleichen vermochte.

Die zwei Tropfen mußten hingereicht haben, das unter Schnee wallende Blut zu beflügeln: die Wangen färbten sich sanft und der Perlenschimmer des Auges verwandelte sich in Brillantglanz.

Sie beugte sich einen Augenblick über eine glatte ruhige Stelle des Wassers zwischen den Steinblöcken und betrachtete ihr herauflächelndes Spiegelbild mit dem grünen runden Hut und der grauen, grünverbrämten Jacke.

Arnold hatte noch kein schöneres Weib gesehen.

„Das steht mir doch zehnmal hübscher als alle die albernen Coeffüren, zu denen meine Haare die Französinnen der Residenz begeistert haben!“ rief Julie zurücktretend aus und wendete sich nun mit den Worten: „Aber jetzt schnell ins Schiff, lieber Hofrath!“ an den kleinen Mann, der früher das gelbe Tuch geschwenkt hatte und auf dem Sande herumtrippelnd, prüfend und kopfschüttelnd das Fahrzeug und die Wellen betrachtete.

Arnold hatte beim Landen seinen Gruß kaum erwiedert. Er war empört beim Anblick des in einen dichten warmen Plaid gewickelten Mannes, während die Frau in leichtem Kleide mit offenen Ermeln der kalten Seeluft preisgegeben war. Er sagte: „Für den Fall, daß der Herr Hofrath länger hier zu verweilen gedächte, könnte mein Fährmann seinen langen Rock zu den Schutzmitteln fügen, womit ich ihn bereits ausgestattet sehe.“ —

„Ich verstehe Sie ganz wohl, junger Mann, — erwiederte der Angegriffene — und Sie haben anscheinend Recht. Diese Dame wird aber selbst meine Rechtfertigung übernehmen. Vor der Hand erkläre ich nur, daß ich diesem Nachen um keinen Preis die Last einer vierten Person aufbürden werde, sondern das Schiff vom Freinhof abwarte, und bemerke, daß Sie am besten thäten, meinem Beispiele zu folgen.“ —

„Und wenn der Great Eastern selbst um jene Ecke gedampft käme, — rief Arnold, etwas heftig, gegen Julie gewendet, — so könnte er Sie nicht sicherer hinüberbringen, als mein dem Herrn Hofrathe so unheimliches Fahrzeug! Meinem heutigen Glück können Sie sich ruhig anvertrauen!“ — Er setzte im Geiste dazu: „Lassen Sie doch diesen Hasenfuß bleiben, wo er will.“

Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiffchen gestiegen und rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden! auf baldiges Wiedersehen beim Thee!“ — und als der Schiffer schon abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!“

Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand geboten. — Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen und Lagen?

„Sie haben — begann Julie — dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf, und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krankheit zu stürzen, der bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben. Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.“ — „Das entschuldigt allerdings den guten Hofrath — entgegnete Arnold — aber nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf, den Sie sich selbst machten, als Sie von sträflichem Leichtsinn gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturm vorhersehen?“ —

„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und wenn mir — sagte sie mit ernstem Tone — die Folgen gleichgültig waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste vorauszusetzen.“

Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte, den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem Munde, auf Arnold gemacht hätten — nämlich einen unangenehmen. Es war ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen, wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen, und welche bei Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als förmliche Sterbesehnsucht auftritt.

Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf, wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. — Wenn wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, — — so haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, — wo wir landen. All das Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien, stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß ich Hans vollkommen Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel allein habe das Schiff gelenkt. — Als der Sturm nachließ, befahl ich ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte, und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol er um nichts besser als der fortgeschickte, — und ich freue mich, daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege, sondern gerade so gekommen, wie sie eben gekommen.“

Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch nicht nur einen Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.

„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in meinem Nachen zu führen, — aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer Rettung durch mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist verschwunden wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr graues Kleid geworfen.“

„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, — derselbe Goldnebel hat auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie einen Heiligenschein geworfen. — Wir haben nun unsere beiderseitigen Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. — Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen, in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot, nach Hause zu fahren. — Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke liegt.“

Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden ruhe!“

Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte gaben ihm erst den Stoff dazu.

Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun das Schiff um den Felsenvorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille Halbdunkel ein Ruf — oder Ton — oder Aufschrei — wie ihn nur der begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft der Lunge „jodeln“ gehört —... ein Jodler, der das Echo am Ende des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, — das ferne Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche, fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute hatte sie den Nachen Arnolds erreicht. —

Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,“ welcher auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt, in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes. Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen Stoff von unbestimmter Farbe überzogen und trug einen Panama-Hut mit Sammtband. „Kannst du denn, — rief er dem andern zu — dein höllisches Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!“ — Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir passend scheint.“

Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach der Gefahr! — der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch, der es ganz ehrlich mit mir meint — und der ewig fein sein wollende Reiland“... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das Wort „unausstehlich“ halblaut eingeschlüpft wäre).

„Willkommen, willkommen!“ scholl es von den aneinanderliegenden Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt — rief Knorr’s gewaltige Baßstimme — daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des Thatbestandes zu erschießen“ — er knallte dabei einen der Läufe gegen die Felsenwand los — „und nun eine Jubelfanfare für die glückliche Rettung“ — — er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.

„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr — bat Julie mit aufgehobenen Händen — jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn! Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer Stunde im Schweizerhaus!“

Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in entgegengesetzter Richtung auseinander.

Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage zu unterdrücken. — Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie“ hatte ihn eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel. — — Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim Gruße. — —

Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte sich nach der Begegnung mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.

Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, — wir kommen doch noch vor den Andern nach Hause.“

Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte.

„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: — ein Ort, der die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt ist. — Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn falsch ist — und das ich doch anhören muß.“

Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah.

Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen, und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele nachklingen lassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daß Sie die Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.“

Ruhig wollen?“ wiederholte sie — „Ich kann mir nur ein heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf seiner schon nicht mehr!“

Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie Jemanden — — so recht innig — vom Grund des Herzens — bis in den Tod — — unversöhnlich hassen?“

Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen traten.

Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen“ ein anderes Wort schließen würde? — Und wenn es kam — — hätt’ er sich dessen freuen können? — War er der Mann, der ein Glück in einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten, rasch auf ihr Ziel hinsteuernden Koketterie eingegeben war? — und welche Erklärung hätte es gegeben für eine solche Frage an einen jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nicht kannte, sondern sah? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte?

Doch das andere Wort kam eben nicht, und einen Augenblick später freute er sich dessen.

Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche Gedankensünde er gegen sie begangen.

Sie war ihm zu verzeihen. — „Ich möchte — sagte er, vor Allem Sie fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?“

„Vielleicht, entgegnete Julie, — ist eben nur eine Frau in ihrer Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines Einzigen.“

„Der Zweite, rief Arnold, bin nicht ich! Ein dreifaches Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den menschlichen Gefühlen, ist vielleicht die einzige, durch nichts zu tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden; die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe, liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das nicht endlich gesühnt werden, — und so auch keinen Haß, der nicht endlich erlöschen könnte, das ist wahr — so wahr, daß ich Sie — Vergebung meiner Offenheit! — innig beklagen würde, wenn Sie das, was Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!“

War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern“ Wortes, das ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?

„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage, die Sie befremden muß, begreifen, — wo Sie auch den Grund derselben nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. — Daß Sie den Freinhof heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt, da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen, vorzustellen wünsche, bitte ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.“

„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere Metallfabrik liegt. — Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte, nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt, mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die Leitung unserer Werke zu übernehmen.“

— „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen, deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.“

— „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum weite. Man kannte meine Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, — als freisinnig, — verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ, und — ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich Theilnehmenden.“

— „Ich hörte auch in diesem Sinne sprechen, und Sie können auf Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu scheuen. Sie athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne Kindheitserinnerung klingt. — Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten, eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied der schreibenden Welt denken. — Nun sind wir im Augenblick zur Stelle — — in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer kommen, Sie ins Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame Frage — urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es vielleicht widerrufen müssen.“

Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der Mitte der Gebäude zuschritt. — Ein junger Diener in Jagdlivree hatte Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links, einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. — Der Erzähler dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und Tapazierer-Handwerk zur Schau zu stellen — — dieses Alles bildet ein dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.

Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.

Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, — ein Stockwerk hoch, von uralten Tannen überragt.

Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze, zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.

Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen, eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. — Den rechten Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.

Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.

— — — Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen, und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm in einer halben Stunde“ — und als sie im dunkeln Gemach allein war, drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der fliegende Puls, — ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang, von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? — Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, — Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens schärft.

Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.

Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die, welche diese Frau in dir erregt? — Nein. — Kannst du dieses Gewoge von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten bald verletzten, Liebe nennen? — Nein. — Wie nennst du es also? — Er fand aber keine Antwort.

— Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner Reisetasche, — Zeichenmappe, Tagebuch, — geordnet auf dem Tische lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen: er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.

Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und seiner Gefährten verkündeten.

Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, — trat vom Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen und Knorr schritt herein.

Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen. Meinen Namen hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt“ verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See zu fahren.“

„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte, welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.“

„So hoffe ich,“ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und gescheidt noch nicht ausgemittelt worden.“ —

„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank werden.“

„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that ich einen Satz ins Wasser, nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege, meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieser That.“ —

Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.“

„Ich denke wohl“ — erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte.

Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten. Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter überrascht, fast gleichzeitig mit Arnold angelangt war. — Er folgte nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet, der ihm entgegenstrahlte.

Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.

Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend, saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge —, das Höchste, was er an „Staat“ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend. Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender als gewöhnlich erschienen.

Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann — die Reisetasche gepackt — in die Nacht hinaus — über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und späteren Leben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste seiner Reiseerinnerungen bleiben.

Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil du sie nochmals sehen willst.

Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein Wachsfigurenkabinet. — Nach leichter Erwiederung seines leichten allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr, welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen das unausstehlichste wäre.“ Arnold lächelte und entschied für den Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! — sagte Knorr. — Uebrigens wird noch der Herr des Hauses in der Nacht erwartet.“ —

Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes, jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.

In den ersten drei Minuten waren auf jeden der Anwesenden von der Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau, ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen, zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen — — das folgte einander in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. — Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen, bis Jeder sein heureux mot, seine Frase los geworden.

Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden gewährt.“ —

Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte ich doch nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.“

„Nun müssen Sie noch dazusetzen — sagte Julie, daß für den Mann der Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar, und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder zurückgebracht haben.“ —

„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!“ rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen, so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten Germanen zu lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu befassen.“

„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal auswendig lernen können!“ — Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da haben wir das tägliche Brot, die Politik,“ brummte er vor sich hin.

Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte. Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen Rückwärts erblickten, — der Banquier in einem entschiedenen Vorwärts, während der Hofrath zwischen den Kontrasten durchlavirte.

Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem Refrain: „So kann es nicht bleiben.“

Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine Causeuse in der Fensterecke setzte.

„Wir sehen uns nun erst eigentlich wieder, — begann sie, denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem Sie mich als Lilie verlassen hatten?“

„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen, übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen — — denn was kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht die Einsamkeit ein Labsal wäre, — und einen Frohsinn — verzeihen Sie mir den Ausdruck, — zur Schau zu tragen, der Sie, wenn ich nach dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein Opfer kostet, — — das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu erkennen scheinen?“

Julie sah ihn überrascht, — sinnend, — erfreut an und sagte:

„Genug, ich besitze diese Kraft; was mich bewegt, sie anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine befremdende Frage auf der Heimfahrt.“

„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an, wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen mir, wenn auch als ungelöste Räthsel, in der Seele nach, und werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein froher, glücklicher ist. Sie sind beides nicht.“

„Arnold!“ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast seine Wange — „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich weiß, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden, — weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.“

Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme — waren wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden Worte.

Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten Augen. — —

Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!

Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! — — Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen, nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird, Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor Tagesanbruch über die Höhe wollen — sagen wir uns hier Lebewohl, — auf Wiedersehen!“

Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon — — in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen haben mochte. — — —

Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.

Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte.

Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze von Alpenrosen. —

Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers des Freinhofes. — — —

Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war, legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des Abends mit weichem Schmelz verklärend, — wie der Goldnebel am See die Gestalt der — Geliebten? —

[1] Krummholz.

Der Taschenteufel.

Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, — und zwischen jenem, wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen.

Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen wird, und die ganze Einrichtung des kleinen Salons, des Schlafzimmers und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit, Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen.

Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird, und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und Korrespondenzen arbeitet, — Bestellung von Aufträgen seines Vaters an Geschäftsfreunde, — ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.

Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.

Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten Reisetage eine Woche zwischen diesem und dem Abschiede von der Heimat zu liegen scheint, — daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen, welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne gerückt werden?

Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.

Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause hinaufgeblickt hatte.

Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche, kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.

Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor ihm verhüllt; — aber den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen, ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.

Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte nicht gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen Sinnenliebe, sondern suchte vor Allem in seinem Telemach jenen Stolz zu entzünden, der vor Wegwerfen seiner selbst und vor Zersplitterung bewahrt.

Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften gebührt, einzunehmen, dich positiv auszuzeichnen, ist dir nicht immer, ist dir jetzt nicht geboten: aber negativ, durch Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das kannst du immer; — liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können bloß deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste ihres Geschlechts. — So wenig der Mann sich „heirathen lassen“ soll, so wenig soll er sich „verlieben lassen.“ — Kurz du darfst nicht Mittel eines Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung einer Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. — Liebe Eine, welche dich liebt, aber nicht, weil sie dich liebt. — Du wirst Derjenigen, die dich erfüllen und fürs Leben beglücken kann, nicht begegnen, ohne dich früher mehr als einmal getäuscht zu haben, das heißt du wirst nicht heirathen, ohne vorher ein Paar Narrheiten zu begehen, aber es seien wenigstens selbstständige, aktive Narrheiten, kein „halb zog sie ihn, halb sank er hin“ — kein passives Aufgehen in einer begehrlichen Laune einer Erfahrnen, welche an deinem frischen unverdorbenen Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie eine von der Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in „Dorfgeschichten“ und „Zwischen Himmel und Erde“ stürzt.“

Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden: das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine Höhe. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden, nutzlos.

Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen Wasser, die ihn einige Monate hindurch in Paris und London umspülten, reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold, wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, — hatte ihn an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen, behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.

Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht waren es für ihn keine Versuchungen?“

Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint nie anders als er ist, und wenn er das ganze hohe und niedere Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu verrathen, daß es ihn reizt, so hat es ihn eben nicht gereizt. — Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für dieses?“

Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein gehen: führen können wir ihn nicht weiter.“

Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold, die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft dahin.

Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.

Aber ein kristallreiner Gebirgssee, — und eine weiße Wasserlilie —? — — — —

— — Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.

Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung — ein sehr ungleiches, als sie einander beim hellen Lampenschimmer betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz prächtiger Junge geworden!“ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind, das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind unzerreißbar.

Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar Abendstunden. — Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich Fertigseins.“ —

Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, — sie hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nachblättern da weiterlesen konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.

Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge, langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte. Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben „an Freiherrn Edmund von Sembrick“ gezeigt, welchen er heute nicht bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen“ — schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!“ — worauf Günther erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten, geschwiegen, den mußt du mir erst erzählen.“

— „Ich habe dir Alles gesagt.“

— „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt dazu gesagt hätte — das habe ich Alles bekommen. Was dein Herz dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. — Ich bitte dich zu bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu gelangen, und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten Gelöbniß, uns nie Etwas nachträglich zu vertrauen!“

Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, — ich kann dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich weiß nicht wie mir geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß nach dem Freinhof gemacht hätte!“

„Also hat doch der Teufel — —!“ rief Günther auf den Boden stampfend, und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich darin, daß mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als was dich betrifft. — Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im Freinhof gehört — einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender Münze bezahlen.“

Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde, welcher rief: „Und nun leb’ wohl — bet’ und schlafe, daß dir besser werde!“ — und ging. — — — — —

Als Arnold allein, — als die Lampe verlöscht war, trat ein altes ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen — der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager. Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte, er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause sehen. — —

Günther las zu Hause den Zettel. — Die Namen waren für ihn keine todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und Gehörtes vor.

Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen spiritus familiaris, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische, in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt, hindurchblicken lasse.

Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, — Ehen, an deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt unsichtbar blieb — Alles schien im Register des Taschenteufels aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte Blatt hinhielt. — Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern geradezu verächtliche Klatsch. —

„Ich suche nicht und frage um Nichts — sagte er mit Recht — die Dinge kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.“ — Der Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. — Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.

Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der durch keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe der Liebenswürdigkeit — jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.

— Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. — Er besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht, daß „der Günther Alles sagen dürfe“ — — es lag eben in dem wie — — er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher Gespräche ohne auszugleiten.

Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten Kreisen jene „Eisenfeile“ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend, ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten Schlüssen. —

Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen lieber drei Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. — Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.

Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.

Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. Das schadet mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr früher zur Erbschaft verhilft. — Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. — Nun frage ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit noch ohne Streuzucker geben kann?“ —

„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht einmal unterbrechen.“

„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken kann. — Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt. Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen, in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen in effigie, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf in persona, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen, denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert, und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg. — Weiter. — Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister des Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten. Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie interessiren. — Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. — Nummer drei: — der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. — Was den Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. — Schließlich Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau gesprochen. Er ist aber doch nur durch sie vom Finanzminister in die Kommission ernannt worden. — Ich gebe dir noch als Vermuthung gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich zu beheben. — Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. — So weit einstweilen die Steckbriefe. — Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.“

In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener Erklärung. — Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:

„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die Behauptung aufzustellen, daß die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist, was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren, um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein Gesindel heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar meistens obenauf.“

Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es hatte ihm ja selbst weh gethan, sich ihr Bild in diesem Rahmen zu denken.

„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen — das ist der Probierstein — und Alle, bei denen du Ja sagen kannst, gehören herüber und alle Andern hinüber. — Nun aber eine andere, wichtigere Wahrnehmung. — Es muß dir auffallen, daß alle diese Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den alten Fürsten Leuchtendorf u. s. w. gewirkt werden kann — alles indirekt und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so sicherer. — — Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, — ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand keinen Schlüssel.“ —

„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das, was mir jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern freundlich zu sein?“

— „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht dich an: wenn der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht zusammengezogen sind, so bist du zu einem solchen Faden bestimmt so gut wie die Andern.“

— „Und welcher Prinz oder Minister soll durch mich in Bewegung gesetzt werden, durch einen unbedeutenden jungen Menschen ohne Rang und Verbindungen?“

— „Keiner; sondern du selbst.“ — Günther sprach mit jenem Ernst, der eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern Eindruck zu machen pflegte. — „Täusche dich nicht hierüber. Gott erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß — verzeih die Impertinenz unter Männern — ein entschieden schöner Bursche. Weißt du was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder ein Mittel zu sehen.“ —

— „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; — welche Rolle willst du denn ihr, die mir nur den Eindruck eines lächelnden geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen Zwecken gegenüber, anweisen? Sie soll doch nicht die Seele von Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern Getriebes sein? Ich würde dir übrigens Alles vergeben, so lang du sie nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?“

„Thatsächliches, über den Lichtpunkt — Nichts! Daß Kollmann vor ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, — um das zu erfahren, brauchst du mich nicht zu fragen.“

„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt, — gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele blicken ließ, und heute hältst du zurück. Deine Meinung über sie ist es, die ich von dir erwartete.“

Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn —! deine ganze Julie Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte Kokette! und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen Dekorazionen, in dem ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, — nur eben so viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck finden kann. — Auch hat sie gesagt, daß ihr dein Name nicht fremd sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese Frau einmal gesehen — über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein. Bist du bloß verliebt in sie — du kennst die tadelnswerthe Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, — so magst du dich, wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu lieben, wie der Franzose sagt de la prendre au sérieux, so ist Alles, was gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles — von deinem Herzens- und Lebensglück angefangen bis — das getraue ich mir zu behaupten — bis zu deinen Metallfabriken herunter. Leb wohl und antworte mir jetzt nicht.“

Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend drückte; — seine Augen waren feucht.

So tief er auch vom Anfange der letzten Rede Günthers verletzt war — — in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde, sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.

In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.

Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.

Zimmerreise.

Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung, mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er öffnete.

Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen, individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen des Bewohners. — Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden, größtentheils Niederländern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie Moos dem Tritte nachgebende Teppich, — die kunstvolle Zeichnung der Holzmosaik des Plafonds — Alles war volle Harmonie in Farbe und Form, und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet.

Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt werden können.

Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten einen eigenen Stempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder begegnet.

Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, — nur einmal über die Erde gegangenes Vorbild: — — der Stempel, nach welchem seine Züge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten zerbrochen worden. — —

Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel flohen. —

Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige: — alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner, Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit Euch.“

Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe“ — erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge verwundende Spitzen für ihn hatten. —

Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seine ganze Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Manne gegenüber. —

Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl, wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen, und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen. Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint in diesem Sinne auf Sie zu zählen.“

„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, — sagte Arnold — daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die Hand dazu biete.“

Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der Kenntniß der Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer Person hervorgegangen.“ —

„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, — war Arnold’s Antwort — so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns offen über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in unglückliche Verhältnisse helfend einzugreifen.“ —

„Es handelt sich hier um etwas mehr. Ich brauche nicht zu sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, — Sie werden einem Manne, durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen Gentleman im vollen Sinne zählen können.“

Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu Gebote stand, auf, und sagte: „Ich hoffe, mich des Gleichen zu Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig empfangen.“

Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen zwei Augenpaaren aufgebaut, — aber die beiden Seelen am Ende derselben standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte Brückenköpfe.

Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen, als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach, bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine treue, verläßliche Hand!“ ohne sich näher über das, was Sie für mich ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen. Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist. Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute genügen.“ —

„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, — — und eben diesen! — Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie — aber dieser Verbündete wäre schlimmer als ein Feind! — ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn — du hast hineingeschaut bis auf den Grund — dein Bild darin gesehen — genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seele nachsinkt.“ —

Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland wünsche seine Aufwartung zu machen. —

„Soll sogleich hereinkommen.“ —

Er nahm wieder seinen Platz ein, und grüßte den Eintretenden mit einer Handbewegung und den Worten: „Sie kommen wie gerufen.“

„Ich bin sehr glücklich, Herr Baron,“ —

„Das freut mich, und ich werde noch mehr dazu beitragen, wenn Sie schnell und treu berichten.“

„Ergebenst zu dienen. Am Montag hat die ganze Gesellschaft, von der ich geschrieben, den Freinhof verlassen. Auch der fremde junge Mann, Herr Korbach; Frau von Kollmann hatte eine Unterredung mit ihm allein. In der Nacht war Herr von Kollmann eingetroffen, — die Frau war eine Stunde bei ihm, und sie ist in sehr leidendem Zustande auf ihr Zimmer gekommen.“

„Wollen Sie mir gefälligst Nachmittags Alles berichten, was Sie über die Verhältnisse dieses Korbach bis dahin erfahren können. Ich reise Abends weg. — Was machen die Ehrenschulden?“

„Ich gestehe, daß meine Posizion in der Gesellschaft gefährdet ist, wenn nicht ein wohlwollender Freund“ — —

„In Ermangelung eines Freundes — sagte der Baron mit verächtlichem Lächeln, wird auch ein einfacher Darleiher auf Nichtwiederzahlen genügen“ — und reichte ihm eine Banknote aus dem Portefeuille. — „Was für eine ostensible Rolle spielen Sie denn eigentlich im Freinhofe?“

„Ach, Herr Baron, man gilt eben durch seine Persönlichkeit; — wenn man einmal vorgestellt ist, handelt es sich darum, den Damen angenehm zu sein, sich mit den Männern auf guten Fuß zu setzen. Auch mit dem sonderbaren Knorr ist mirs gelungen. Er hat mir angetragen Du zu sagen, aber auf so eigenthümliche Weise, — er meinte, ich meinerseits könne Sie zu ihm sagen, wenn ich wolle, es sei ihm sogar lieber, — nur er bringe es nicht über die Lippen; man darf aber an diesen Menschen nicht unsern Maßstab anlegen.“ —

Unsern Maßstab?“ wiederholte der Baron, seinen Kopf langsam an der Stuhllehne gegen Reiland wendend — „wenn ich mich recht entsinne, so sind Sie bei einer frühern Gelegenheit von Knorr durchgeprügelt worden? Das ist vermuthlich mit Ihrem Maßstabe geschehen.“ —

„Es ist wahr, sagte Reiland, dessen Gesicht mit einer rothen Brühe übergossen war, — daß dieser Mensch sich in einem seiner ungeschliffenen Scherze an mir vergriffen, allein die Sache wurde schnell ausgeglichen — die Frau vom Hause wußte Alles in ein so humoristisches Licht zu setzen.....“

„Ich weiß, ich weiß — doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland, und geben Sie sich Mühe!“

„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.“

„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.“

So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle sie auf jeden Platz, wo es gilt „Herr“ zu sein — und wenn sie vor Tausenden aufrecht dastehen, Einer wird einmal vorüberfahren, dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit sind, — wenigstens in moralischem Sinne. — Reiland wird in einem fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht. Vielleicht auch von Andern. — Er ist noch kein eigentlicher Schurke, — er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham gelassen, um vor einem Andern zu fühlen, was er Ehrloses gethan. Allein wohl niemals.

— — Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes. Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz — in seiner Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel — Sankt Georg mit dem Drachen — der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. — Wie war es möglich, daß diese Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines Gewürmes wie Reiland bediente? — Vielleicht dachte der Christuskopf, daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion bedienten?

Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert.

In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben, war Arnold die Treppe hinabgegangen. — Der Baron hatte ihn nicht nur in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er auch von letzterer in sich hatte.

Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie hatte gesagt, sie habe einen einzigen starken Karakter gekannt, der jenes „unversöhnlichen Hasses“ fähig. Das war Sembrick! — trotz aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. — Dann überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher Beziehung steht dieser Mann zu ihr?

Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen und Molchen der Eifersucht umringt, aber aus der Tiefe ragte das Felsenriff des Glaubens — an den einzigen langen tiefen Blick, der den Worten: „Ich vertraue Ihnen“ — auf ihrem Wege über dunkle Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. — — Doch fühlte er, daß er kämpfe, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwas vertheidige. —

Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen — an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daß sie aus Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen Beschäftigung.

Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen durch die Seele gegangen war.

Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe.

Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte: „Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen, gut gemacht, — Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung, die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die Kollmann aussprach, überzeugt, daß sie diese Wendung nicht beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der Fall ist.“

„Das Schlimmste ist nur,“ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur hingegangen, um mir einen Verkehr mit dort zu erhalten! Jetzt stehe ich vor der chinesischen Mauer!“ —

„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wird selbst den Schleier zurückschlagen. Und wenn du nicht ihr Kalaf bist, — bedenke die Möglichkeit — wenn Sembrick es wäre, so wird es dir nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.“

„Und wenn er es ist,“ sagte Arnold entschieden, „so werd’ ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja, daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß, die ich noch nicht lösen kann, wie es mein Herz verlangt.“ —

„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken habe, baue ich dir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu vortrefflichen Harkeboom — sagte Günther, den Namen eine Elle lang ausziehend im norddeutschen Accent. — Harkeboom hat die Ferientage zu einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so ist er es, von dem dein Schiffer erzählte, — das unglückliche Opfer, welches Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen, wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du willst, so gehen wir gleich.“

Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr! Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen Künstlers.

Es war ziemlich spät am Abende, als sie bei ihm eintraten. Der Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen Seidendecke.

„Wer kommt?“ rief er mit seinem vollen schönen Organe. —