Anmerkungen zur Transkription:

Worte, die im ursprünglichen Fraktur-Text in Antiqua gesetzt waren, sind hier kursiv wiedergegeben. Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend übernommen. Am Ende des Textes befindet sich eine [Liste vorgenommener Korrekturen].

Fräulein Doktor

Roman

von

Fr. Lehne

Leipzig und Bern
Verlag von Friedrich Rothbarth

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten

Verlagsnummer 141

Printed in Germany

Buchdruckerei Helm & Torton, Leipzig O 27


Ruhig, mit einem ganz kleinen Lächeln um den feinen, klugen Mund, blickte Beate ihrem aufgeregt im Zimmer herumgehenden Vater nach.

Sie war sich ihrer Sache gewiß, und es stand fest bei ihr, daß sie ihr Vorhaben auf jeden Fall auch ausführen wollte! Halb hatte sie ja den Vater schon bekehrt; der erste Ausbruch seiner Erregung war bereits vorüber — was er jetzt sagte, war nur noch ein schwacher Versuch zum Widerstand.

»Du bist ja verrückt, Beate!« Herr Haßler schüttelte den Kopf und blieb vor der Tochter stehen, die bequem in einem Schaukelstuhl lag, die Hände im Nacken verschränkt.

»Aber warum, Vater?« lautete ihre gleichmütige Frage. »Ich sehe die Berechtigung dieses Ausspruchs nicht ein!«

»Ach was! Larifari,« brummte er, »jeder vernünftige Mensch wird mir recht geben, wenn ich dir kurzerhand verbiete, zu studieren! Ich ärgere mich schon genug, daß ich dir nachgegeben habe darin, ein Gymnasium zu besuchen — wenn ich geahnt hätte —«

»Aber, Vaterchen,« unterbrach sie ihn in schmeichelndem Ton, »aber, Vaterchen, hat dich denn mein glänzend bestandenes Abiturium nicht gefreut?«

»Das wohl, Mädel, und ganz kolossal! Aber ich dachte, damit wäre der Unsinn endgültig vorüber.«

»Nein, jetzt soll es erst recht beginnen.« Sie breitete die Arme weit aus. »Ach, du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue, weiter zu lernen!«

»Noch mehr lernen? Ich meine, du hättest gerade genug unnützes Zeug in deinen Kopf gepropft! — Was dir nun noch fehlt, das kannst du hier bei Mutter am besten lernen! Bekümmere dich jetzt mal um die Küche und das Haus — ich glaube, davon verstehst du weniger als ein zehnjähriges Mädchen!«

Beate lachte. »Da magst du schon recht haben, Vaterchen, aber dennoch verspüre ich zu derartigen prosaischen Beschäftigungen durchaus keine Lust — andernfalls würde ich schon schnell hinter die Geheimnisse von Mamas Walten und Wirken kommen! Denn was ich will, das kann ich auch.« Bei diesen Worten trat ein Ausdruck in ihr Gesicht, daß man nicht gut an deren Wahrheit zweifeln konnte.

Sie stand auf und legte schmeichelnd die Arme um den Hals des Vaters. Bittend sah sie ihn mit den schönen klugen Augen an. »Nicht wahr, alter Herr, du bist lieb und erfüllst mir meinen Herzenswunsch! Ach, du glaubst ja nicht, wie ich damit verwachsen bin — es würde für mich ein Aufgeben aller Lebensfreuden bedeuten, wenn du mir das verwehren wolltest!«

Sie zog ihn zu sich aufs Sofa. »Komm, setzen wir uns, und höre mir mal ruhig zu, wie ich mir so alles gedacht habe.«

Etwas ängstlich war Frau Rechtsanwalt Haßler, eine freundliche, sehr gütig blickende Dame, dem Wortgeplänkel des Gatten und der Tochter gefolgt. Sie saß am Fenster des Wohnzimmers mit einer feinen Handarbeit beschäftigt. Für sie war Beates Wunsch keine Überraschung mehr; denn am Morgen schon hatte das junge Mädchen zu ihr davongesprochen, und jetzt nach dem Nachmittagsschläfchen war auch dem Vater die Eröffnung darüber gemacht.

Die erste Aufregung und der erste Widerstand waren vorüber, und Beate sah, daß der Vater jetzt ihren Erklärungen zugänglicher war. Sie erfaßte deshalb ihren Vorteil. »Siehst du, alter Herr. Du kannst doch nichts dagegen haben — als Jurist weißt du genau, daß du gar keine stichhaltigen Gründe hast, mich zurückzuhalten! — Ja, wenn ich mich zu dem Studium der Rechtswissenschaft entschlossen hätte, könnte ich das begreifen, denn Konkurrenz läßt man nicht gern neben sich aufkommen.«

Sie lächelte bei diesen Worten und sah ihm schelmisch ins Gesicht. Er zupfte sie am Ohrläppchen. »Mutter, sieh nur diese eingebildete Person, dies Küken!«

»Siehst du, Vater,« fuhr Beate fort, »da ich aber Ärztin werden will, hat das doch keine Gefahr für dich! Ich lasse mich hier bei euch nieder; Ihr räumt mir das erste Stockwerk ein, und wenn euch etwas fehlt, habt ihr den Arzt gleich im Hause!« Sie bat und schmeichelte; auf alle seine Einwendungen hatte sie die schlagendsten Erwiderungen — er mußte schließlich seiner Tochter, auf deren Klugheit er nicht wenig stolz war, nachgeben. Ihre Art, zu bitten, war unwiderstehlich; außerdem war sie sein Abgott; sie konnte viel bei ihm erreichen!

»Alles, Kind, was du da vorbringst, ist ja recht schön und gut, und wenn einmal dein Herz so daranhängt, will ich dir durchaus nicht mehr entgegen sein! Aber, kurz herausgesagt, du bist mir zu schade, Mädel, daß du deine schönsten Jahre so in der Arbeit verbringen willst. Andere tanzen und amüsieren sich in deinem Alter, und du —«

»Ja, daran habe ich eben keine Freude — de gustibus non est disputandum — lasse mich nach meiner Fasson selig werden! Glaube aber darum nicht, daß ich etwa ein Blaustrumpf oder ein verdrehtes Frauenzimmer werde; nein, ich will dennoch meine Jugend genießen.«

Da mischte sich zum erstenmal Frau Haßler ins Gespräch. »Warum nur so viel Aufregungen? Ich denke, daß du über kurz oder lang doch heiraten wirst!«

»Heiraten, ich, Mutter? Ich denk nicht daran; wenigstens vorläufig noch nicht. Dahin komme ich noch früh genug, wenn es einmal sein muß. Jetzt will ich noch lernen.«

»Aber dein ganzes Streben und Arbeiten wird dich niemals so beglücken können wie das Bewußtsein, einem geliebten Mann anzugehören! Ich habe bisher geschwiegen, um alles zu hören, was du dir in deinem Köpfchen zurechtgelegt hast. Aber auf das eine, woran Vater noch nicht gedacht hat, möchte ich dich noch aufmerksam machen: Du beraubst dich selbst der reinsten, heiligsten Freuden, die dir durch nichts ersetzt werden können, wenn du auf deinem abenteuerlichen Vorsatz beharrst.«

»Weißt du denn das so genau, du Liebe, Gute? Ich will gar nicht endgültig darauf verzichten, in einer Ehe glücklich zu werden. Wenn mir jemand begegnet, dem ich gut sein kann und der mich heiraten möchte, dann können wir immer noch darüber reden; und wer weiß, ob ich nicht gar schon an jemand denke? Jetzt aber will ich vor allem selbständig sein und mir einen Beruf schaffen, daß ich allen Möglichkeiten gegenüber gewappnet bin. Wenn ich nun alte Jungfer werde? Das ist doch auch nicht ausgeschlossen! Das Leben ist so ernst, die Zeiten sind so schwer, daß man nicht so in den Tag hineinleben kann. Und was unser guter Monsieur Adolf kostet, wissen wir zu genau.«

»Na und ob!« Ein hörbarer Seufzer begleitete diese Worte des Rechtsanwalts. »Der Junge treibt’s auch manchmal zu toll! Aber deshalb, mein Töchterchen, ist doch für dich gesorgt, und auch ganz anständig. Nun möchte ich endlich meinen Kaffee haben; von dem vielen Reden ist mir ordentlich der Mund trocken geworden. Und meine Pfeife gibst du mir wohl mal ’rüber! Was man an seinen Kindern für Überraschungen erleben muß!«

Flink und gewandt hatte ihm Beate die »Friedenspfeife«, wie sie scherzend bemerkte, gestopft und angebrannt, aus der er jetzt die ersten Züge tat, und es war, als kam da eine gewisse Behaglichkeit über ihn.

Der Kaffeetisch war bereits gedeckt, und Beate bediente die Eltern. Der Mutter trug sie die Tasse nach dem Fenster, weil diese zu ihrer Arbeit das volle Tageslicht brauchte. »Hier alter Herr, zur Beruhigung!« lächelte sie dem Vater zu. »Ist genügend Sahne und Zucker daran? Und hier Kuchen — Mutters Osterkuchen winkt so verlockend.«

Er nahm ein Stück davon und versuchte den Kaffee. »Alles richtig getroffen.«

Lächelnd sah sie ihm zu, während sie mit dem Löffel in ihrer Tasse rührte.

Rechtsanwalt Haßler war einer der beliebtesten und meistbeschäftigtsten Anwälte der Stadt. Er war ein Mann in guten Verhältnissen. Zwei Kinder nannte er sein eigen, einen Sohn von fünfundzwanzig Jahren und Beate, die Tochter, die neunzehn Jahre zählte. Sie war ein außerordentlich begabtes Kind, sodaß die Eltern ihren Bitten nicht hatten widerstehen können, ein Gymnasium zu besuchen. Dort hatte sich immer mehr der Wunsch in ihr befestigt, zu studieren. Es dünkte sie herrlich, immer weiter in den Born des Wissens zu tauchen, in die Geheimnisse der Wissenschaft einzudringen.

Und heute stand sie am Ziel ihrer Wünsche; die Eltern hatten nachgegeben!

»Rate, Beate, wer jetzt über die Straße kommt?« sagte da Frau Haßler, in den Fensterspiegel blickend.

»Kläre Brückner?«

»Nein, ganz jemand anders! Doch du wirst sicher nicht darauf kommen.«

Die Hausglocke schlug hell an, und wenige Minuten später meldete das Mädchen: »Herr Doktor Scharfenberg.«

Ein freudiges Rot überflog da Beates Gesicht. »Soll ’reinkommen!« rief der Rechtsanwalt gemütlich.

»Ist schon da!« Eine schlanke Männergestalt stand im Rahmen der Tür und eilte dann auf das Ehepaar zu. »Tag, Onkel! Tag, Tantchen! Wie gehts euch denn? Und da ist auch Bea — Mädel, bist wohl noch gewachsen?«

Freudestrahlend blickte er sie an, während er ihr herzlich die Hände drückte.

Endlich war die Wiedersehensfreude zu Ende, sowie die übrigen Fragen nach dem Befinden. »Bei euch ist’s immer noch so gemütlich! Wie heimelt mich doch das Wohnzimmer hier gerade an, Tante Christine,« sagte er herumblickend, »dort in jener Ecke hinter dem Ofenschirm haben wir so oft gesessen, Adolf und ich, und die gebackenen Pflaumen und Birnen verspeist, die wir dir so fein aus deiner Vorratskammer zu stibitzen verstanden hatten —,« man lachte, und er fuhr fort: »und neue Gardinen hat Tantchen, sogar ganz moderne — Brises-Brises — oder wie die neumod’schen Dinger heißen — Mutter hat ja auch welche — darum habe ich dich gar nicht sehen können, Tante, so sehr ich auch nach deinem Fenster gespäht.«

»Für mich ist das aber umso günstiger! Dann kann ich beobachten, was auf der Straße vorgeht, ohne gesehen zu werden!«

»Fängt Tantchen auf ihre alten Tage noch an, neugierig zu werden? Ei, ei, das ist ein Fehler, den ich noch gar nicht an ihr bemerkt habe,« scherzte er, »sollten die Jahre dich verändert haben?«

Er hatte eine so kindlich-fröhliche Art, die unwillkürlich die Herzen für ihn einnahm. »Nun sag’ erst einmal, Schorschchen, hast du Adolf gesehen? Er schrieb, daß er keinen Urlaub habe bekommen können.«

»Nur flüchtig hab’ ich ihn gesprochen; ich hatte in letzter Zeit rasend zu tun, und er war dienstlich ebenfalls sehr in Anspruch genommen. Im übrigen geht es ihm gut; er ist wieder etwas magerer geworden. Pfingsten hofft er fünf Tage herauszuschlagen!«

»Das freut mich! Ohne den Jungen hab’ ich gar kein richtiges Fest!« meinte Frau Haßler. »Trinkst du vielleicht ein Täßchen Kaffee mit uns? Es gibt heute frischgebackenen Quarkkuchen.«

»Der ja deine Spezialität ist. Da kann ich nicht widerstehen.«

Beate bediente ihn; sie goß ihm Kaffee ein und bot ihm Kuchen an. Mit Entzücken ruhten Georgs Blicke auf dem schönen Mädchen, dessen Bewegungen von großer Anmut und Ruhe waren. »Wann bist du gekommen?« fragte Herr Haßler.

»Heute morgen. Ich bin die Nacht durchgefahren, um einen Tag zu sparen. Übrigens viele Grüße von Mutterchen. Sie ist sehr glücklich, daß ich es so gut mit meiner Stellung getroffen habe. Assistenzarzt bei Professor Brause wird so leicht nicht jeder — aber der Herr hält große Stücke auf mich ...«

»Noch eine Tasse Kaffee gefällig, Schorschchen?«

»Ja, bitte, Bea, wenn es dir keine Mühe macht —« und dann mit bewunderndem Blick: »Wie du dich verändert hast in den zwei Jahren, die wir uns nicht gesehen haben.«

»Wundert dich das so, Schorsch? Aus Kindern werden Leute.«

»Und aus Mädchen Bräute,« scherzte Herr Haßler.

Ein jähes Erschrecken zuckte über Georgs Gesicht. »Bräute? Wie soll ich das verstehen? Bist du verlobt, Beate, und —«

»Aber nein, Schorschchen, ich denk’ ja nicht daran — Papa spaßt nur.«

»Nun, zu verwundern wäre es gerade nicht. Du bist doch in dem Alter.«

»Kaum die Schule verlassen und schon Braut — nein, so eilig hab ichs doch nicht.«

»Na, lieber wäre es mir schon, als daß sie ihre verrückte Idee verwirklicht und studiert,« brummte der Rechtsanwalt.

»Was, Bea, du willst studieren? Ist das denn wirklich wahr?«

Ein so großem Staunen klang aus seinen Worten, daß sie etwas pikiert fragte: »Und warum sollte ich nicht? Traust du mir die Fähigkeit nicht zu?«

Sprachlos sah er sie an.

Sie lachte: »Da staunst du, wie? Sogar vergißt du, deinen Kaffee auszutrinken.«

»Ja, ja, Schorschel,« nahm der alte Rechtsanwalt das Wort, »kämpfe du gegen diesen Dickkopf an! Sie pocht auf ihr glänzend bestandenes Abiturium und will durchaus auf die Universität! Wer weiß, wer ihr all’ das dumme Zeug in den Kopf gesetzt hat — studieren! Als ob es nichts anderes zu tun gäbe!«

»Aber, Bea, das ist ja verrückt, glatt verrückt!« fuhr es dem jungen Arzt heraus.

»Hab ich auch schon gesagt, ganz dasselbe,« meinte Papa Haßler vergnügt, einen Beistand gefunden zu haben.

»Du bist ja sehr höflich, mein Freund, das muß ich sagen,« entgegnete das Mädchen ruhig, »doch läßt es mich sehr kalt, wie du mein Vorhaben beurteilst. Ja, ich will studieren, und zwar Medizin!«

»Auch das noch!«

»Du fürchtest wohl die Konkurrenz, Georg? — Vorläufig hast du das nicht nötig,« lächelte sie ein wenig spöttisch. »Du bist mir ja so viele Semester voraus.«

»Wie bist du nur auf die unglückliche Idee gekommen, Beate? Es ist doch blanker Unsinn! Du und studieren!«

Sie zuckte ein wenig ungeduldig die Achseln und hielt sich die Ohren zu. — »Ach geht, ihr werdet nachgerade langweilig mit eurem Staunen! Wie ich auf die Idee gekommen bin? — Ganz von selbst, da ich einen meinen Neigungen passenden Beruf ergreifen will.«

»Aber gerade Medizin! Beate, Mädel, hast du denn keine Ahnung, wie schwer das für ein Weib ist — welche Selbstüberwindung das kostet?«

Ihre schönen dunklen Augen ruhten spöttisch auf seinem Gesicht. »Mein lieber Herr Doktor, Krankenschwester ist auch nicht viel anders als Ärztin: auch sie hat mit Sachen zu tun, die vollste Selbstüberwindung verlangen, und wie sehr wird gerade dieser Beruf als der weiblichste gepriesen!«

»Na, erlaube mal, das ist doch ganz etwas anderes. Aber deine Frauenlogik —«

Mit einer Handbewegung schnitt sie ihm das Wort ab: »Lieber Schorsch, spare dir deine Mühe, mir mein Vorhaben leid zu machen. Deine Ansicht darüber hast du ja genügend gekennzeichnet mit den Worten »glatt verrückt!« Das erübrigt mir alles andere! Gewiß, ich verhehle mir keineswegs, daß ich schwere Jahre vor mir habe, aber glücklicherweise gehöre ich ja nicht zu den Schwächsten meines schwachen Geschlechts. Ich habe Kraft, noch viel mehr zu überstehen! Du scheinst sehr gering von meinem Können zu denken!«

Mit einem langen, schmerzlichen Blick sah er auf das schöne Mädchen, das er als halbes Kind schon geliebt. Und heute war er mit so großen Hoffnungen gekommen, heute, da er ihr eine gesicherte Zukunft bieten konnte. Hatte sie denn ganz vergessen, in welcher Weise sie vor zwei Jahren Abschied genommen hinten im Garten in der Geißblattlaube, wo er sie geküßt und sie seinen Kuß auch erwidert hatte?

Kühl blickten jetzt ihre dunkelbraunen Augen, und ihre Worte klangen herbe; sicher hatte er sie verletzt. »Verzeihe, Beate,« entgegnete er daher, »ich hatte dich nicht kränken wollen, trage mir nicht nach, was ich gesagt habe! Es erscheint mir nur gar so unfaßlich, daß du deine Jugend und Schönheit in solch unnützem Streben verbringen willst.«

»Unnütz? Verzeihung, mein Freund, du bist aber nicht sehr glücklich in der Wahl deiner Entschuldigungen. Ich hoffe, daß ich einmal ein sehr nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werde! Du scheinst wirklich zu denken, daß ich nur als Sport betreiben will, was mir sehnlicher Wunsch und Bedürfnis ist.«

»Da höre einer das Mädel an! Gib dir keine Mühe, Schorsch, es ist doch vergebens! — Stecke dir lieber ’ne Zigarre an, da drüben stehen sie — die nicht, die kleine Kiste — so —« sagte Herr Haßler. »Beate muß nun mal ihren Willen haben! Na, meinetwegen! Ich bin nur neugierig, wenn sie die Sache satt kriegt! Denn ich kann es nicht glauben, daß sie durchhalten wird. Wenn sie erst am Seziertisch steht, wird ihr die Lust bald vergehen.«

»Meinst du, Vater?« fragte sie, und ihre Augen blitzten. »Das wirst du niemals erleben; ein Umkehren gibts für mich nicht — nie!«

»Und wo willst du studieren, Beate?«

»Zuerst in Zürich, dann in Berlin! Ich nehme mein Studium durchaus ernst und will dahin gehen, wo man am wenigsten auffällt.«

Wie ein Schatten war es auf Georgs Fröhlichkeit gefallen, und bekümmert blickte er auf Beate, die ihm in ihrer kühlen Sicherheit so fremd erschien. Um von dem ihm so unsympathischen Thema abzulenken, fragte er sie nach ihrer Gymnasialzeit. Voller Stolz zeigte sie ihm da ihre tatsächlich hervorragenden Zeugnisse. — Georg lobte sie sehr.

»Weißt du, Bea, wenn du weniger wüßtest, wäre es mir schon lieber,« versuchte er zu scherzen.

Sie gab ihm einen leichten Schlag auf die Hand. »Ja, Schorschchen, darnach gehts aber nicht! Hast du nicht selbst den Grund dazu gelegt? Denke doch an die Stunden, in denen du mir Griechisch und Lateinisch beibrachtest und niemals ungeduldig wurdest,« entgegnete sie in gleichem Tone. Lächelnd hielt sie ihm die Hand hin: »Na, wollen uns wieder vertragen!«

Georg Scharfenberg war der einzige Sohn von Rechtsanwalt Haßlers bestem Freunde, der vor einigen Jahren gestorben war. Zwischen den beiden Familien hatte stets ein reger Verkehr stattgefunden, der durch die Nachbarschaft der Häuser noch erleichtert wurde. Georg Scharfenberg und Adolf Haßler waren in gleichem Alter und besuchten das Gymnasium zusammen — nur mit dem Unterschiede, daß Georg stets einer der Ersten und Adolf einer der Letzten war.

Dieser war ein liebenswürdiger, ziemlich leichtsinniger Sausewind, dem so leicht niemand böse sein konnte, während Georg ernster und schwerfälliger veranlagt war. Beate, das schöne, begabte Kind wurde von allen verzogen. Und Georg besonders opferte seine meiste freie Zeit dafür, ihren nie zu besiegenden Wissensdurst zu stillen; er führte sie in die Geheimnisse der griechischen und lateinischen Sprache ein, und er war erstaunt über die ungeheuer leichte Auffassungsgabe des Kindes.

Dann bezog er die Universität, während Adolf in das Heer eintrat.

Kam er in den Ferien nach Hause, wurde er von Beate mit jubelnder Freude begrüßt. Sie hing sehr an dem älteren geduldigen Freunde und lernte unter seiner Leitung weiter, das in Privatstunden Gelernte wiederholend.

Und vor zwei Jahren, als er sie wiedersah, war er betroffen, zu welch lieblicher Mädchenblüte sich der halbwüchsige Backfisch während seiner Abwesenheit entwickelt hatte. Im ganzen Reiz ihrer holden Siebzehn stand Beate vor ihm: er konnte sich nicht satt sehen an ihrer jungen Schönheit. Und die Zuneigung, die er immer schon für das Kind gehabt, verstärkte sich bald zu einer tiefen, innigen Liebe.

Wenn er ihr auch nichts davon gesagt, so mußte sie es doch fühlen, ahnen; denn der gute Mensch konnte sich nicht verstellen; seine Blicke sprachen zu deutlich. Und am Tage seiner Abreise, als er sie im Garten wußte, suchte er sie dort auf, um Abschied zu nehmen.

Wie es dann gekommen, wußten beide selbst nicht — er hatte den Arm um sie gelegt, ihren zarten roten Mund geküßt und leise gesagt: »Liebe, süße Bea!« Weiter nichts. Sie hatte seine Liebkosung still hingenommen, und seit jener Zeit lebte die Liebe stark und mächtig in ihm und der Gedanke, sobald als möglich in die Lage zu kommen, der Geliebten eine sichere Existenz bieten zu können; vorher wollte er nicht sprechen; sie verstanden sich auch so.

Daß sie nun dennoch das Gymnasium besuchte, war durchaus nicht nach seinem Sinn. Er tröstete sich aber in dem Bewußtsein, daß das auch ein Ende haben würde. Darum wirkte heute doppelt schmerzlich die Eröffnung auf ihn, daß sie studieren wollte. Denn er hatte von einem andern Berufe für sie geträumt; von dem einer liebenden und geliebten Frau, die Sonnenschein und Behaglichkeit in seinem Heim verbreitete!

Hätte er sie nur erst allein gesprochen! Seine ganze Beredsamkeit wollte er aufbieten, sie von ihrem törichten, ungesunden Vorhaben abzubringen. Wenn sie ihn liebte, mußte sie ihm auch folgen. Er hatte sie zu sich herangebildet, mit seinen Idealen und Anschauungen ihr Herz erfüllt, und nun wollte sie andere Wege gehen, fern den seinigen, wo sie beide doch zusammengehörten!


2.

Doktor Georg Scharfenberg hatte am andern Tag Beate Haßler ausgehen sehen. Eilig stürmte er ihr nach und hatte auch das Glück, sie einzuholen. Etwas außer Atem fragte er sie: »Tag, Bea! Wie gehts? Darf ich mich dir anschließen?«

Freundlich reichte sie ihm die Hand. »Wenn es dir Vergnügen macht, Schorschchen; ich habe für Muttchen einige Besorgungen zu machen.«

Glücklich schritt er neben dem geliebten Mädchen einher, das ihm unsagbar lieblich und anmutig erschien. Beate trug ein enganliegendes, dunkelblaues Kostüm, das die Vorzüge ihrer schlanken, gut gewachsenen Gestalt vorteilhaft zur Geltung brachte.

Ihr kluges, schmales Gesicht mit den etwas zarten, aber gesunden Farben wurde ungemein belebt durch die großen dunkelbraunen, fast schwarzen Augen, die im Verein mit den dunklen Wimpern und Brauen in wirkungsvollstem Gegensatz zu dem köstlichen aschblonden Haar standen. Ihr Mund war sehr schön geschnitten, etwas herb und streng im Ausdruck, wenn sie schwieg, aber reizend beim Lächeln.

Unbefangen plauderte sie von diesem und jenem, während er im stillen nach einem Anfang suchte, von dem zu reden, was ihm auf dem Herzen lag, jetzt aber noch klug vermeidend, das Gespräch auf den Gegenstand von gestern zu bringen.

Obwohl es noch ziemlich früh im April war, hatte der warme Sonnenschein der letzten Tage die Knospen wach geküßt, und wie ein zarter, grüner Schleier in helleren und dunkleren Abtönungen, so lag nun das junge Grün auf den Sträuchern.

»Heut’ ist’s doch köstlich-richtiges Osterwetter,« sagte Beate, »sieh nur, Schorschchen, wie reizend die gelben und lila Krokus dort auf dem Beet, und da die ersten Kastanienblätter — wie schüchtern sie aussehen! Ich freue mich immer so über das Auferstehen der Natur, und deshalb ist mir gerade Ostern das liebste von allen Festen!«

»Wie herrlich muß es jetzt im Pfaffenbusch sein,« bemerkte Georg, »ein Gedanke, Bea, — Du hast doch Zeit? Wollen wir mal hingehen? Weit ist’s ja nicht.«

Bereitwillig stimmte sie zu, und nicht lange danach befanden sie sich in dem Gehölz, das unmittelbar an die Stadt grenzend ein beliebter Spazierort war.

Heute traf man nur ganz vereinzelte Spaziergänger an, was Georg sehr recht war. Denn das, was er jetzt mit Beate zu reden hatte, konnte nur in der Stille geschehen.

»Wie schön, Schorsch,« sagte das junge Mädchen, tief Atem holend, »hier offenbart sich die Schöpferkraft der Natur so herrlich; im Walde halte ich meine Kirche, da bin ich immer so gläubig und fromm.«

»Und sonst nicht, Bea?« fragte er eindringlich.

»Wie du es vielleicht meinst, nicht, Georg! Es ist alles so von allein gekommen, und je mehr man nachdenkt, desto mehr bröckelt von dem alten Kinderglauben ab.«

»Beate, so sieht es in dir aus?«

»Ja, Schorschchen — und wundert dich das so sehr? Übrigens, wie du denkst, weiß ich ganz genau, auch wenn du mir gerade davon nie gesprochen hast.«

»Weil es kein Thema war, dies mit dir zu erörtern. Aber wer weiß, was du alles für Bücher gelesen hast, die gar nicht für dich geeignet sind, und naturgemäß verwirren sich —«

»Erlaube, Georg,« unterbrach sie ihn lebhaft, »erlaube, was ich mir zu lesen auserwähle, ist nie ungeeignet für mich! Und wenn du mich bei guter Laune erhalten willst, dann betrachte mich nicht immer noch als halbes Kind, dessen Meinung und Ansichten man gutmütig belächelt und nicht für voll ansieht,« eine leise Gereiztheit klang aus ihrer Stimme.

Begütigend faßte er ihre Hand und blieb stehen. »Nicht doch, Bea — das liegt mir ganz fern! — ich habe etwas ganz anderes auf dem Herzen.«

Er schwieg einen Augenblick, und erwartungsvoll sah sie ihn an. Sie wußte offenbar nicht, wo er hinaus wollte. Schwer atmend fuhr er da fort, ihre Hände an seine Brust führend: »Bea, du hast mir eigentlich noch gar nicht recht Willkommen gesagt, so wie man es sich nach dem Abschied sagt, den wir damals genommen haben.«

Ein lichtes Rot überflog ihre feinen Züge und sie suchte ihre Hände zu befreien; er ließ sie aber nicht. »Weißt du es nicht mehr, Bea? — In eurer Laube am Pfingsttag war es! — Sag’, Mädchen, hast du noch daran gedacht?« fragte er weich.

Statt aller Antwort hob sie die dunklen Augen zu ihm empor, und was er darin las, mochte ihn wohl dazu ermutigen, seinen Arm um die holde Gestalt zu legen und einen innigen Kuß auf ihren Mund zu drücken. »Mein Herzlieb,« flüsterte er in tiefer Bewegung, »hast du mich noch ein bißchen lieb?«

Sie schmiegte sich fester an ihn. »Ja, Schorsch, nicht bloß ein bißchen, sondern viel, viel mehr als du alter Schulmeister es eigentlich verdienst,« entgegnete sie innig.

Da beugte er sich nieder, und ihren Lippen wurde süßer Lohn zuteil für diese Antwort. Gern überließ sie sich seinen starken Armen, in denen es sich fest und sicher ruhte. »Du lieber Schorsch,« sagte sie leise und küßte ihn zart und innig wieder.

Sie liebte den treuen Freund ihrer Kindheit mit der tiefen Zuneigung, deren ihre Natur fähig war, und wenn auch bis jetzt noch kein Wort von Liebe gesagt war zwischen ihnen, so war es doch ein stillschweigendes Bewußtsein gewesen, daß sie beide zusammengehörten. Sie schritten langsam weiter durch den Wald, und doppelt reizvoll erschien ihnen jetzt das erste sprossende Grün, der lichtklare, blaue Himmel.

Georg hatte seinen Arm um die Geliebte gelegt und sprach ihr davon, wie er stets nur an sie gedacht, und wie er nun glücklich sei, ihr jetzt eine gesicherte Zukunft bieten zu können. Er hoffe, daß sie nächstes Jahr um diese Zeit schon seine kleine Frau sei.

Da blieb sie stehen. »Aber nein, Schorschchen, so bald nicht, das ist doch unmöglich.«

»Aber warum? Ich hab doch mein schönes Gehalt, dazu die Zinsen von meinem Kapital, freie Wohnung — da läßt es sich doch bei nicht allzu großen Ansprüchen ganz gut leben.«

»Ach, daran habe ich nicht gedacht! — Nein, Schorsch, erst muß ich doch meinen »Doktor« machen. Du vergißt wohl ganz, daß ich studieren will?«

»Aber Bea, das kann doch dein Ernst nicht mehr sein, jetzt, wo wir uns gefunden haben,« sagte er, unangenehm von ihrer Äußerung überrascht.

Sie löste sich aus seiner Umschlingung und blickte ihm ruhig und gerade in die Augen. — »Doch, es ist mein Ernst!«

»Aber Beate, das ist ja Unsinn! Dann liebst du mich nicht, wenn du daran noch denken kannst,« rief er ganz aufgeregt.

»Denkst du denn so ausschließlich an mich? Hast du denn nicht deinen Beruf, der deine ganzen Kräfte, dein ganzes Interesse in Anspruch nimmt?« fragte sie kühl. —

»Beate, sieh doch ein, daß das etwas anderes ist — ich bin doch ein Mann!«

Da lachte sie kurz auf. »Ja, natürlich, das ist etwas ganz anderes — ein Mann! Und ich als Weib muß mich fein demütig bescheiden, muß meine innersten Wünsche und Neigungen verleugnen, wenn es dem Mann nicht paßt. Aber das darfst du niemals verlangen — du weißt doch ganz genau, daß ich eine selbständige Natur bin.«

»Ja, das weiß ich, und ich will dich auch gar nicht anders haben! Nur lasse ab von der unglückseligen Idee, zu studieren! Ich bitte dich herzlich darum! Was hast du denn davon, du vertrauerst deine schönsten Jahre, die du ganz anders ausnützen könntest.«

»Bitte, Georg, darüber habe ich eine andere Ansicht, und von der lasse ich mich auf keinen Fall abbringen.«

Es war merkwürdig, wie kühl ihre Stimme klang und ihre Augen blickten; die Weichheit und Herzensgüte, die sonst daraus strahlte, war mit einemmale verschwunden. Sie schüttelte ein wenig den Kopf. »Wirklich, Georg, ich hätte dich für großgeistiger gehalten. Aber ihr Männer seid euch darin alle gleich.«

Er faßte ihre Hand. »Beate, hast du mich wirklich lieb?« fragte er eindringlich.

Noch einmal wollte er versuchen, sie umzustimmen. Er kannte gar wohl ihren harten Kopf, glaubte aber durch eine Berufung auf ihre Liebe schließlich doch den Sieg zu gewinnen. Sie mußte ja ein Einsehen haben.

Innig ruhten ihre klaren Augen auf ihm, als sie sagte: »Ja, Georg, ich hab dich lieb, und ich bin glücklich, daß du mich zu deiner Gefährtin erwählt hast. Ich denke es mir herrlich ein Leben an deiner Seite.«

Ein Freudenstrahl huschte über sein kluges Gesicht, und beglückt zog er sie an sich. »Meine geliebte Braut, mein guter Kamerad, du —«

»Ja, eben das will ich auch sein — im wahrsten Sinne des Worts!« unterbrach sie ihn. »Ich will dir in deinem Berufe ganz zur Seite sein — ich will dich bis ins kleinste verstehen, und deshalb, Georg, bitte ich dich, hindere mich nicht in meinem Vorhaben, ich bitte dich darum, um unser Glück!« Und süßflehend schaute sie ihn an.

Der Freudenschimmer auf seinen Zügen erlosch jäh, und eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Augenbrauen. »Um unser Glück!« wiederholte er bitter. »Mein Glück verlangt es wirklich nicht, daß du als ausgebildete Ärztin und Kollegin an meiner Seite lebst, nein, ich will dich als meinen guten Kameraden, als mein geliebtes Weib, Bea, bei dem ich mich von den Anstrengungen meines Berufes ausruhen kann.«

Eine heiße Zärtlichkeit klang aus diesen letzten Worten, und heftig drückte er ihre Hand.

»Und als meine Haushälterin, vergißt du hinzuzusetzen, die da nachsieht, ob alle Knöpfe gut angenäht sind,« entgegnete sie ironisch. »Denn das gehört ja mit zu dem Bilde, wie du dir deine Ehe ausmalst. Aber dazu, Georg, habe ich durchaus kein Talent, das sage ich dir vorher!«

»Doch oft sichern angenähte Knöpfe das Glück einer Ehe mehr als die gelehrtesten, geistreichsten Gespräche es vermögen, wenn sonst der Haushalt vernachlässigt wird,« antwortete er mit grimmigem Humor. »Du bist auf einem ganz falschen Wege, Beate, wenn du so denkst! Und du hast wirklich nicht zu befürchten, daß ich dich auf das Niveau einer bloßen Haushälterin herabdrücken will, nein, Bea, gerade so wie du bist, will ich dich haben: mein schönes, kluges Weib, gegen das ich mich aussprechen kann, das mich versteht, auch ohne daß es gerade vom Doktortitel geschmückt wird, den du ja von mir bekommst.«

»Den aber aus eigener Kraft zu erreichen, der Traum meines Lebens ist! — Gib dir keine Mühe, Georg, was du auch vorbringen wirst, ich gebe nicht nach, zu tief ist der Plan mit meinem Innersten verwachsen.«

»Du denkst dir alles so ideal, komme aber erst in die Wirklichkeit und sieh, wie schwer es ist, Beate, Mädchen! Du hast ja keine Ahnung, was es zu überwinden gibt, wie die Anstrengungen dich aufreiben werden, dir deine Schönheit, deine köstliche Jugend und Frische nehmen — und dann all der Ekel und der Jammer!«

»So schlimm, wie du es schilderst, ist es ja doch nicht, Georg, du kannst mich nicht abschrecken, weil ich mir alles selbst schon gesagt habe. Und siehst du, mich jammern gerade die armen kranken Kinder so; denen möchte ich so gerne helfen! Wie oft hast du mir früher gesagt, daß das dein Wunsch ist, gerade Kinderarzt zu sein!«

»Ja, Beate, und an meiner Seite hättest du da die beste Gelegenheit, dich in dieser Vorliebe zu betätigen — als meine Frau in meiner Klinik.«

Doch eigensinnig schüttelte sie den Kopf. »Ich will, wie ich will, Georg! Bitte laß uns nicht weiter darüber sprechen und uns den schönen Tag verderben! Meine Absicht steht fest. Ich sehe nicht ein, warum sich mein Studium mit meiner Heirat nicht vertragen sollte! Die paar Jahre werden bald vergehen, ich bin jetzt zum Heiraten noch viel zu jung.«

Ein Zug ernster Entschiedenheit trat da in sein Gesicht. »Nun denn, Beate, wenn du meinen Bitten, meinen berechtigten Einwendungen und Gründen durchaus kein Gehör schenken willst, muß ich es dir entschieden verbieten.«

»Du mir verbieten? Und mit welchem Recht?« Sehr erstaunt klang diese Frage, und ebenso erstaunt sah sie ihn an.

»Mit dem Recht als dein Verlobter! Nimmer werde ich zugeben, daß du eine Universität besuchst. Du gehörst jetzt mir! Niemand kann zween Herren dienen!«

»Ah, ist es das, mein Freund?« gab sie kalt zurück. »Dann wisse, daß ich nicht gewillt bin, so über mich verfügen zu lassen. Ich tue, was mir beliebt, und du hast kein Recht, in solcher Weise bestimmend auf mich einzuwirken. Ich lasse mich nicht tyrannisieren! Und kurz: ich gehe nach Zürich.«

Er wurde bleich bis in die Lippen bei ihren mit großer Entschiedenheit gesprochenen Worten. »Beate, ist das dein letztes Wort?«

»Mein letztes!«

»Treibe es nicht bis zum äußersten! Denke an unsere Liebe, an unser Glück! Wollen wir uns das durch eine Laune zerstören lassen? Beate, sei doch vernünftig! Wenn ich nur eine Zweckmäßigkeit, eine Notwendigkeit deines Studiums einsehen könnte! Aber so! Beate! —« Seine Stimme bebte doch, und erwartungsvoll waren seine Augen auf ihr Gesicht gerichtet, eine Sinnesänderung darin zu lesen. Sie konnte doch nicht so starrköpfig sein, wo es sich um beider Lebensglück handelte.

Doch vergebens. Kein Zug in ihrem Antlitz veränderte sich. Es blieb kalt und unbeweglich. »Du kennst meinen Entschluß, er ist unwiderruflich!« sagte sie dann, und wie ein Eiseshauch wehte es ihn an aus ihren Worten.

Er sah, daß sie wirklich ihr letztes Wort gesprochen; fremd und kühl begegnete sie seinem bittenden Blick — da griff er nach seinem Hut. »Dann lebe wohl, Beate! Mögest du nie bereuen, so auf deinem Eigensinn beharrt zu haben.«

Ohne ihr die Hand zu geben, verneigte er sich und ging davon. In wenigen Augenblicken war er durch eine Wegbiegung ihren Blicken entschwunden.

War er das wirklich, ihr allzeit nachgiebiger Freund, der heute so starr war und nicht einen Schritt zurückwich, trotz ihrer Bitten?

Beate stand noch da, die Hand unwillkürlich auf ihr Herz gepreßt, in dem es einen so wunderlichen Stich gab, als die hohe Gestalt des Jugendfreundes ihren Blicken entschwand. Und stieg es da nicht wie warme Tropfen in ihren Augen auf? Ach Unsinn! Und ärgerlich über sich selbst schüttelte sie den Kopf.

Sie konnte doch froh sein, daß sich die Sache noch so gewendet, nachdem sie gesehen, daß Georg ebenso egoistisch und kleinlich denkend wie andere Männer war. Und wie hatte sie es sich schön gedacht, als sein Weib tatkräftig und verstehend an seiner Seite zu schaffen!

Da hieß es denn auf diesen Traum verzichten und von jetzt an für sich allein bleiben — in angestrengter Arbeit Ersatz für das Aufgegebene zu suchen!

Vielleicht war es auch besser so; denn er hatte ja selbst gesagt: »niemand kann zween Herren dienen«, — entweder also die Wissenschaft oder die Liebe, und da es nur eins sein konnte, wählte sie eben die Wissenschaft, die ihr nun alles geben mußte!

Aber ein häßlicher Schatten war doch über ihre Osterfreude gefallen, und traurig und gedankenvoll schritt sie dem Heimweg zu.


3.

Es war erreicht!

»Fräulein Dr. med. Beate Haßler«, hieß es seit mehr als einem Jahr!

Die Studienzeit war vorüber. Die Examina hatte Beate glänzend bestanden, und mit Stolz konnte sie auf ihre Erfolge blicken. Ein Jahr hatte sie schon praktisch in einem großen Krankenhause gearbeitet, und man rühmte ihr große Sicherheit und Tüchtigkeit nach. Mit vieler Liebe hingen die kranken Kleinen auf der Kinderstation an ihr, und großer Jubel herrschte unter ihnen, wenn die »gute Tante« kam — jedes wollte von ihr genommen und gepflegt sein.

Und es war wirklich wunderbar, wie das ernste Gesicht der jungen Ärztin sich aufhellte, wenn sie mit den Kleinen scherzte und ihnen gut zuredete. Welch weiche, linde Töne da ihre klare Stimme fand, welch’ Leuchten in ihre Augen trat — sie hatte dann wirklich etwas Unwiderstehliches an sich.

»Wissen Sie, Fräulein Doktor, was ich Ihnen wünschte?« sagte eines Tages Schwester Therese zu ihr, als beide damit beschäftigt waren, bei einem reizenden zweijährigen Kinde, das sich arg verbrüht hatte, den Verband zu erneuern.

»Nun, da bin ich wirklich neugierig,« lächelte Beate in ihrer gewinnenden Weise, um dann gleich darnach das Kind zu beruhigen, das anfing zu weinen.

»Ich wünschte Ihnen, daß Sie selbst solch herziges Wesen Ihr Eigen nennten! Sie hätten heiraten müssen, Fräulein Doktor,« meinte die Schwester warm, indem sie einen bewundernden Blick auf das schöne Mädchen richtete, das bei diesen Worten tief errötete. »Wer so mit Kindern umzugehen versteht ...«

»Sie können das wohl nicht, Schwester?« entgegnete Beate. »Schließlich liegt doch in jedem weiblichen Wesen das Muttergefühl, und mein Beruf gibt mir genug Gelegenheit, ihm nachzugeben! Das ist doch nichts besonderes an mir!«

»Ja, wenn auch, Fräulein Doktor, aber gerade Sie — —«

Schwester Therese hielt es jetzt doch für geratener, nicht weiter zu sprechen; denn sie sah, wie Beates Gesicht einen abweisenden Zug angenommen hatte; vielleicht rührte man da unbewußt an eine wunde Stelle. Und sie hatte mit dieser Annahme wohl nicht ganz unrecht. Beate hatte den teueren Jugendfreund nicht vergessen können. Noch immer glaubte sie seine mit so schmerzlichem Ausdruck auf sie gerichteten Augen zu sehen, wie er damals von ihr ging, als sie das nachgebende Wort, das er so sehnlich erwartete, nicht gesprochen!

Dann hatte er dennoch noch einmal geschrieben, warm und eindringlich, aber sie hatte auf ihrem Willen beharrt, und von der Zeit an hatte er vermieden, je wieder mit ihr zusammenzutreffen; sie sahen sich nicht mehr.

Desto mehr hörte aber Beate von ihm, er war die rechte Hand von Professor Brause in S., der ihm das Zeugnis eines äußerst geschickten, tüchtigen Chirurgen ausstellte. Alles das erzählten ihr die Eltern, und mit Herzklopfen lauschte sie darauf. Aber was hätte es für Zweck gehabt, sich in unnütze Träumereien zu verlieren?

Mit um so größerem Eifer stürzte sie sich in ihre Arbeit, und mit der ihr eigenen Energie und Geschicklichkeit überwand sie alle Schwierigkeiten. Wie oft mußte sie an Georgs Worte denken, als er ihr das Studium so schwer geschildert — wie manchmal drohte der Ekel sie zu überwältigen — aber sie biß die Zähne zusammen — und es ging!

Mit stolzer Freude stand sie dann am Ziel ihrer Wünsche, und ein Hochgefühl erfüllte ihre Brust; sie hatte ihm beweisen können, ihm und den anderen, daß es für sie nichts Unerreichbares gab.

Nun war sie schon sechsundzwanzig Jahre und eine Erscheinung, die nicht zu übersehen war. Wohl war die erste Jugendblüte entschwunden; aber die intensive Geistesarbeit und ihr reiches Innenleben hatten ihrem Antlitz seine Spuren aufgedrückt; hohe Intelligenz und Klugheit, gepaart mit echt weiblicher Herzensgüte, leuchteten nur so daraus hervor, daß man dem Zauber ihrer Persönlichkeit sich nicht zu entziehen vermochte. Ihre Gestalt war sehr elegant, von schlanker Fülle, und Beate verstand auch, sich anzuziehen. Stets war ihre Kleidung geschmackvoll, wenn auch einfach und unauffällig.

Gegen ihre männlichen Kollegen war sie von einer liebenswürdigen Zurückhaltung. Manch einer hätte die schöne Beate gern sein Weib genannt — doch ein gewisses Etwas in ihrem Wesen hielt jeden davon ab, ihr auch privatim näher zu treten, sie war und blieb unnahbar.

In ihrem Beruf war sie unermüdlich fleißig und tätig, schließlich aber doch ihre Kräfte überschätzend, bis die versagten. Sie hatte sich keine Ruhe gegönnt; stets auf ihre eiserne Natur pochend, hatte sie sie zu ihrem Willen gezwungen, bis es eben nicht mehr ging. Ohnmächtig brach sie an einem Krankenbett zusammen. Ein heftiges typhöses Fieber warf sie darnieder.

Nachdem sie viele Wochen gelegen und auf das sorgsamste gepflegt worden war, ging sie zur gänzlichen Erholung auf einige Zeit nach Hause, zu den Eltern, die ihren Liebling mit großer Freude begrüßten und im stillen hofften, daß Beate endgültig bei ihnen bleiben würde.

Aber daran schien sie doch nicht zu denken, denn mit großer Liebe und vielem Interesse sprach sie von ihrem Beruf, die Zeit herbeisehnend, ihn wieder ausüben zu können. —

Es traf sich gut, daß sie noch zu Hause war, als nach dem Manöver ihr Bruder Adolf in Begleitung eines Freundes für zehn Tage auf Urlaub kam. Mehr als zwei Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Beate war zu Hause geblieben, nach dem Rechten zu sehen, auf diese Weise der Mutter die Freude ermöglichend, den Sohn mit von der Bahn abzuholen. Sie hatte den Tisch hergerichtet, ihm mit frischen Blumen ein festliches Aussehen gegeben und war nun mit allen Vorbereitungen fertig.

Wunderbarerweise hatte sie der Aufenthalt im Elternhause gelehrt, an kleinen wirtschaftlichen Anordnungen und Handreichungen Freude zu empfinden. — Die Hausklingel ertönte, ein Zeichen, daß man von der Bahn zurückkehrte. — Schnell begab sich Beate hinaus, den Ankommenden entgegenzugehen.

Mit aller Lebhaftigkeit, die ihm eigen war, begrüßte Adolf die Schwester. Er schloß sie in die Arme und küßte sie herzlich auf beide Wangen. »Mädel, Bea, ich freue mich kolossal, dich wiederzusehen, und in deiner Würde als »Fräulein Doktor!«« —

»Ja, ja, Rolf,« wandte er sich an seinen Freund, »nun komm’ erst mal her und lasse dich bekannt machen mit meiner gelehrten Schwester.«

Der schlanke, schöne Offizier verneigte sich tief. »Adolf hat mir so viel von Ihnen erzählt, daß ich schon längst begierig darnach war, Sie kennen zu lernen, gnädiges Fräulein.«

Ein helles Auflachen Adolfs unterbrach ihn. »Gnädiges Fräulein,« parodierte er, »mein Freund, das ist wohl nicht die rechte Anrede für so ein gelehrtes Haus.«

»Aber, so lasse doch, Adolf,« mahnte Beate, »ich bitte dich.«

Rolf von Hagendorf war rot geworden. »Pardon, Fräulein Doktor, ich war — ich hatte —,« stotterte er.

Freundlich gab sie ihm die Hand.

»Hören Sie nicht auf Adolf! Wie ich sehe, ist er noch immer der alte geblieben, dem es Spaß macht, seine Mitmenschen zu necken.«

»Na, Mutting, nun dürfen wir uns wohl erst den Reisestaub abschütteln, und dann gibts sicher etwas zu essen, ich muß gestehen, ich habe einen Mordshunger. Rolf übrigens auch! Und bei dir duftet es schon so verführerisch, so nach Rebhühnern mit Sektkraut; Fränze, das alte Faktotum, wird schon ihr möglichstes getan haben, wenn so hoher Besuch kommt!«

»Jawohl, Herr Oberleutnant.«

Die alte Köchin war soeben aus der Küche gekommen, den Sohn des Hauses zu begrüßen, und sie hatte die letzten Worte gehört. Sie wischte sich die Hände erst noch einmal an der Schürze ab, ehe sie ihre Rechte etwas zaghaft in die Hand Adolfs legte, der sie dann freundschaftlich auf die Schulter klopfte.

»Nicht wahr, Fränze, wir zwei beide, wir verstehen uns, was?«

»Na, und ob, Herr Ad..., Herr Oberleutnant« — sie strahlte über das ganze gute Gesicht! Er war doch immer noch derselbe geblieben, stets lustig und guter Dinge. Wie oft hatte sie ihn vor dem elterlichen Zorn und vor Strafe in Schutz genommen, wenn er als Junge Zuflucht bei ihr gesucht, und wie eine Henne ihre Küken schützt, so hatte sie ihn gegen den väterlichen Rohrstock verteidigt. Beate war ihr fremder geblieben; sie konnte es ihr nicht verzeihen, daß sie nicht heiraten wollte, besonders wo sie, Fränze, es doch für eine ausgemachte Sache gehalten, daß Beate und Scharfenbergs Georg mal ein Paar würden!

Kaum eine Viertelstunde später befand man sich bei Tisch. Die Herren ließen es sich gut schmecken; sie taten dem wirklich vorzüglichen Essen alle Ehre an. Mit einigen sehr warmen Worten dankte Rolf von Hagendorf den Eltern seines Freundes nochmals herzlich, daß sie ihm Gastfreundschaft gewähren wollten; es tue ihm so unendlich wohl, einmal wieder in Familie zu sein und wahres Familienleben zu genießen, was er eigentlich gar nicht kenne, da er als kleiner Junge schon ins Kadettenhaus gekommen sei und dort auch meistens die Ferien verbringen mußte!

Behaglich fühlte sich Rolf gleich in der ersten Stunde bei Rechtsanwalt Haßlers; ein Gefühl des Fremdseins war gar nicht in ihm aufgekommen. Das wäre auch wunderbar gewesen; denn niemand konnte es seinen Gästen traulicher machen, als Frau Haßler durch ihre liebe, gütige, mütterliche Art.

Noch lange saß man in anregendem Gespräch bei Tisch, und im stillen bewunderte Rolf von Hagendorf die Schwester seines Freundes. Nach dessen Erzählungen hatte er sich unter Beate eine emanzipierte, auf ihr Wissen eingebildete Person vorgestellt und war nun aufs höchste überrascht, eine junge Dame von auffallender, ja rassiger Schönheit vor sich zu haben. Es gewährte ihm einen eigenen Reiz, sie zu beobachten. Sie schien das zu fühlen; mehr als einmal hob sie wie magnetisch angezogen den Blick, und jedesmal begegnete sie Rolfs kecken, grauen Augen, die in so deutlicher Bewunderung auf ihr ruhten.

Sie wurde ärgerlich darüber; seine Art verletzte sie fast, sie war doch nicht gewöhnt, so lediglich als Weib angesehen zu werden. Aber sie konnte sich nicht verhehlen, daß der junge Offizier durch seine persönlichen Vorzüge wohl imstande war, auf junge unbehütete Herzen eine große Macht auszuüben. Er hatte etwas Hinreißendes, Zwingendes an sich; lag es im Lächeln seines Mundes, im Blick seiner heißen Augen, der ihr sagte: du entgehst mir nicht, wenn ich nur will; sie wußte es nicht! —

»— Ihr habt doch gewiß auch gehört,« bemerkte da Adolf, »daß Georg Scharfenberg so gut wie verlobt ist —«

»Nein, keine Ahnung davon, du mußt dich irren, Adi,« entgegnete Frau Haßler aufs höchste erstaunt — »nein — sonst müßten wir es doch wissen.«

»Ja, eben —«

Beate war um einen Schein blasser geworden, und sie preßte die Lippen fester zusammen, daß ihr kein unbedachter Ausruf entfuhr.

»Doch, Mutterle, ich hörte es für ganz bestimmt sagen. Ich wollte ihn immer schon selbst fragen, traf ihn aber nicht — hab ihn überhaupt lange nicht gesehen!«

»Ihr kommt wohl nicht mehr zusammen?« fragte Beate.

»Selten nur noch! Denn es sind doch so ganz andere Interessen und Kreise, die jeder von uns hat — er ist ein kolossaler Streber geworden.«

»Was du nicht sagst! — Das glaube ich aber doch nicht,« meinte Papa Haßler, »er war stets fleißig, woran sich andere ein leuchtend Beispiel nehmen könnten.«

»Ja, ei ja — das weiß ich längst.« Lachend hielt Adolf sich die Ohren zu. »Ich wundere mich überhaupt selbst, daß ich es noch so weit gebracht habe! Da hätte mir Beate von ihrem unheimlichen Wissen gern abgeben können. Ihr hätte es nicht geschadet und mir ungeheuer genützt. Weißt du, Mädel,« und lustig zwinkerte er mit den Augen, »weißt du, ich hatte immer gedacht, daß aus dir und Schorsch mal ein Paar werden würde. Ihr waret ja unzertrennlich, ihr beide — die reinen Inseparables.«

Interessiert blickte da Rolf Hagendorf auf Beate; er sah das Zucken in ihrem Gesicht und das gezwungene Lächeln, mit dem sie antwortete: »Adi, deine Kombinationsgabe war immer sehr schwach! Denke daran, daß sie dir einmal zwei Stunden Karzer eingebracht hatte! Und die »vier« in Mathematik vergißt du wohl ganz? Sehr kühn und großartig waren deine Voraussetzungen stets, beruhten aber auf falscher Grundlage, wie in diesem Falle! Was sollte Schorsch wohl mit einer gelehrten Frau anfangen?«

»Wer ist denn seine Auserwählte?« unterbrach Frau Haßler das Wortgeplänkel der Kinder — »das wirst du doch sicher wissen?«

»Ich hörte die Tochter von Professor Brause, in dessen Familie er ja so ganz heimisch ist.«

»Ist sie hübsch?« fuhr es Beate heraus, die aber sofort über diese echt weibliche Frage errötete, besonders, als der Bruder sie lächelnd fixierte und dann sagte: »Hm, so hübsch wie du, Bea, freilich nicht, dir kann überhaupt keiner ...«

»Ach, laß doch die dummen Scherze,« wehrte sie ärgerlich ab, »ich bin doch kein Backfisch mehr, auf den so etwas Eindruck macht, hauptsächlich, wenn es ein Leutnant sagt.«

»Danke, Schwesterlein! Also, Marianne Brause ist ein sehr hübsches und gescheites Mädel, das muß ihr der Neid lassen, nicht wahr, Rolf?«

Der Angeredete nickte zustimmend, während sein Blick beständig Beates Auge suchte: er las in dem stolzen Gesicht etwas, das ihm zu denken gab. War es Schmerz und Kränkung über verschmähte Liebe? Denn Doktor Scharfenbergs Verlobung ging ihr bestimmt näher, als alle anderen ahnen mochten, als sie sich selbst eingestehen wollte! Rolf Hagendorf war ein erfahrener Frauenkenner, der auch in den sprödesten, verschlossensten Herzen lesen konnte.

»Das ist aber unrecht von Georgs Mutter, daß sie mir das verheimlicht hat,« ereiferte sich Frau Haßler.

»Nicht doch, Mutterle, sie weiß vielleicht gar nichts darüber. Erst kurz vor meiner Abreise hörte ich davon sprechen — allerdings mit großer Bestimmtheit. Und so dumm wäre das gar nicht von Schorschchen — er käme da in ein gemachtes Bett! Professor Brause ist ein schwerreicher Mann, Marianne das einzige Kind, man bezeichnet ihn jetzt schon als die rechte Hand des Professors, der ihn ungemein schätzt und hochhält, wäre ihm das schließlich so zu verdenken?«

»Nein, durchaus nicht,« sagte Beate mit seltsam tonloser Stimme und trank hastig ihr Glas leer.

Ihre Hand zitterte, als sie es auf den Tisch stellte, und einen Moment schloß sie die Augen. Als sie die Wimpern wieder hob, blickte sie gerade in Rolfs forschende Augen, und sie hatte das Bewußtsein: er ahnt, was in dir vorgeht! O, nur das nicht! Gerade er durfte nicht wissen, wie unglücklich sie sich in diesem Augenblick fühlte — daß sie verschmäht wurde, da, wo sie doch noch im stillen liebte und hoffte!

Sie zwang sich zur Heiterkeit und ging lachend auf die Scherze des Bruders ein. Aber die Wangen brannten ihr vor innerer Aufregung, und sie sehnte die Stunde herbei, in der sie endlich allein in ihrem Zimmer war.

Dort saß sie dann mit gefalteten Händen auf dem Rande ihres Bettes und starrte vor sich hin. An ihrem Schmerz fühlte sie, wie sehr sie Georg noch liebte, wie tief in ihrem Innersten der Gedanke an ihn gelebt, wie sie gehofft, ihn durch ihre Erfolge doch noch zu überzeugen, daß er ihr unrecht getan mit seiner Forderung, auf das Studium zu verzichten; jetzt wäre sie gerne sein Weib geworden und hätte Hand in Hand mit ihm gearbeitet; welch köstlich Leben wäre das geworden, und nun nahm er eine andere!

Brennende Tränen traten in ihre Augen, und in Grübeln und Sorgen verbrachte sie die Nacht.


4.

Acht Tage waren vergangen, in denen Adolf Haßler und sein Freund das Haus mit frischem, fröhlichem Leben erfüllt hatten. Immer gab es etwas anderes; die beiden hielten alle in Atem, und wider Willen fast wurde Beate mit fortgerissen. Sie machte Ausflüge mit ihnen und lachte und scherzte wie wohl nie zuvor in ihrem Leben. Sie mußte sich ja beherrschen und durfte nicht ahnen lassen, was in ihr vorgegangen war; denn sie fühlte, wie Rolf von Hagendorf sie beständig beobachtete. Er war der ritterlichste, aufmerksamste Gesellschafter, den sie sich denken konnte, und in der zartesten Weise brachte er ihr seine Huldigungen dar.

Beate beherrschte seine Sinne vollständig — ihre eigenartige Schönheit hatte ihn gefangen genommen. Und wiederum war er sich seiner Macht über die Frauen vollkommen bewußt, und hier in diesem Falle nutzte er sie weidlich aus. Er wollte für sich in Beate ein wärmeres Gefühl erwecken; sie interessierte ihn, wie nie ein Weib zuvor, und es dünkte ihn süß, von diesen spröden, stolzen Lippen Tribut zu nehmen. Mit Freuden sah er, wie Beate manchmal unter seinem Blick und Händedruck errötete. Er deutete das zu seinen Gunsten; wie in einen weichen Schleier hüllte er sie mit seiner Verehrung ein!

Da hatte Rolf das Unglück, sich eine Hand zu verstauchen; er war in dem spiegelblank gebohnten Treppenhaus ausgeglitten und gefallen. Adolf betrachtete diesen kleinen Unfall von der besseren Seite.

»Du Glücklicher!« meinte er, »nimmst einfach noch einige Tage Urlaub! Den Arzt haben wir ja auch gleich im Hause! Nun zeig mal, Mädel, was du kannst, ob das teuere Lehrgeld nicht vergebens bezahlt ist?!« lachte er die Schwester neckend an, die mit weicher, geschickter Hand die verletzte Rechte des jungen Offiziers verband.

Erleichtert aufseufzend ließ sich Rolf in den bequemen Stuhl fallen, den ihm Adolf gebracht hatte. »Mensch, du hast ein unverschämtes Glück — na ja, wie immer,« meinte er gemütlich, indem er dem Freunde eine Zigarette in Brand setzte, »ich muß übermorgen abdampfen, und du kannst hier bei den Fleischtöpfen Ägyptens bleiben.«

Rolf widersprach; er könne doch der verehrten Familie nicht noch länger zu Last fallen, aber da kam er bei Mama Haßler schön an. Er solle sofort schweigen, wenn er sie nicht ernstlich erzürnen wolle. Zuerst müsse er gesund werden, dann dürfe er ans Reisen denken. Er fügte sich schließlich, im Herzen wohl zufrieden. Das Verwöhntwerden tat ihm so gut! Den ganzen Tag fast waren die Familienmitglieder um ihn besorgt, und die alte Fränze konnte sich nicht genugtun, ihm die feinsten Leckerbissen zurechtzumachen. Denn in wortreichem Jammer gab sie sich selbst die Schuld an dem Unfall des Herrn Leutnants; sie hätte auch mit dem Bohnern noch einige Tage warten können.

Der letzte Tag von Adolfs Urlaub war da; morgen in aller Frühe hieß es abrücken. Rolf hatte einige Tage Nachurlaub erhalten. Behaglich lag er heute zur Mittagsruhe schon ausgestreckt, als Adolf nach ihm sah. »Na, Rölfchen, bleibst du hier, oder willst du mit ’rauf kommen? Nein? Glaub’ ich dir auch! Die alte Dame hat ja schönstens für dich gesorgt. Dann kann ich beruhigt gehen und ebenfalls eine Stunde pennen,« er gähnte und streckte sich, »na, schlaf schön, alter Junge.«

Der junge Offizier war allein. Er lag in der Veranda, die an das Eßzimmer stieß. Die Tür zum Garten stand weit offen; denn es war ein wundervoller Tag, und die Sonne lachte fast sommerlich warm vom blauen Himmel. So still war es um ihn her; auch Adolfs Eltern hatten sich zurückgezogen, und Beate, die Einzige, war ebenfalls nicht zu sehen.

Wie ihn nach dem Mädchen verlangte! Er schloß die Augen und dachte an sie; zum greifen deutlich stand sie in ihrer lebensvollen Schönheit vor ihm. Noch nie hatte ein so interessantes Geschöpf seinen Lebensweg gekreuzt; die Frauen, die er kannte, waren alle anderer Art.

Gerade die Unnahbarkeit, die über Beate lag, reizte ihn. Er wollte ergründen, was ihre schöne Hülle barg, ob nicht auf dem Grunde ihrer Seele etwas Geheimnisvolles schlummerte, wovon ihre Augen ihm so viel verrieten, diese wunderschönen dunklen Augen! Die laue Luft hatte ihn doch müde gemacht und eingeschläfert.

Wie lange er geschlafen, wußte er nicht; er erwachte durch das Geräusch von Schritten auf dem Kies des Gartens. Unwillkürlich richtete er sich etwas auf, und da sah er Beate, wie sie von einem Rosenstock einige Blüten abschnitt. Er beobachtete sie, und mit Entzücken ruhten seine Augen auf dem angebeteten Mädchen. Als sie weitergehen wollte, sprang er hastig auf und rief sie — »Fräulein Doktor.«

Sie wandte sich um; als sie ihn in der Verandentür stehen sah, ging sie bis zu deren Stufen. »Warum schlafen Sie nicht, Herr von Hagendorf?« Ein leiser Vorwurf klang aus ihrer Stimme.

»Ich kann nicht.«

»Und warum nicht? Haben Sie Schmerzen?«

»Ja, die Hand tut mir doch recht weh.« Ein verstecktes Lächeln lag da in seinen Mundwinkeln; aber er hatte erreicht, was er gewünscht: Beate kam herauf und untersuchte den Verband seiner Hand.

»Ich begreife aber nicht, Herr von Hagendorf, es ist doch alles in Ordnung, nun, und die Schmerzen sind doch für einen Soldaten zu ertragen!« Sie schüttelte leicht den Kopf.

Er seufzte. »Ja, wenn man so allein sitzt, Fräulein Doktor, da bildet man sich mancherlei ein — ich bin ein komischer Kauz — ich mag nicht gern allein sein.«

»Ah, Adolf schläft wohl? Ich glaubte, er würde Ihnen Gesellschaft leisten.«

»Nein, so weit geht seine Freundschaft doch nicht, die geliebte Mittagsruhe zu opfern, und wie ich ihn kenne, pflegt er sie so lange wie möglich auszudehnen, aber Sie, Fräulein Beate, haben Sie denn nicht geruht?«

»Nein, ich habe etwas gelesen und wollte nun hier im Garten den schönen Tag genießen! Sicher sind uns in diesem Jahre nicht mehr viele so schöne Tage beschieden.«

»Da hab’ ich Sie nun in Ihrem Vorhaben gestört — ah, und die schönen Rosen, köstlich.«

»Mögen Sie sie?« Schnell tat Beate die Blumen in eine Vase, die sie auf das Tischchen neben dem Liegestuhl Rolfs stellte. »So, Herr von Hagendorf, nun sollen Sie auch noch Freude an den Rosen haben! Und jetzt ruhen Sie noch ein wenig; ich verordne es Ihnen! Sie wissen, seinem Arzt muß man stets gehorchen.« Eine reizende Schelmerei klang aus ihren letzten Worten.

»Ja, ich will es tun, wenn Sie mir eine Weile Gesellschaft leisten, Fräulein Beate, ich bitte Sie.«

Sie errötete ein wenig; dann — mit einem schnellen Entschluß — zog sie einen Stuhl zu sich heran. »Gern, Herr von Hagendorf. Sie sollten aber eigentlich schlafen.«

Er nahm seinen früheren Platz wieder ein. »Schlafen? Nein, Fräulein Beate! Ich bin glücklich, wenn Sie mir armen Sterblichen die Gunst Ihrer Anwesenheit schenken.«

Lachend nahm sie neben ihm Platz. Bequem lehnte sie sich in den weiten Korbsessel zurück, die Arme auf dessen Lehne legend. »Aber Herr von Hagendorf, wenn Sie unsere Unterhaltung so beginnen, vertreiben Sie mich in der nächsten Minute wieder! Sie dürfen nicht so billige Phrasen machen.«

»Verzeihung, ich vergaß —« er lächelte, was ihm einen hinreißenden Ausdruck verlieh, »ich vergaß, daß Sie, Fräulein Beate, mit einem anderen Maßstab — nein, nein, Sie brauchen mich nicht so strafend anzusehen; ich schweige schon, aber doch das denkend, was ich nicht sagen darf!«

Er machte eine kleine Pause, während er sie lächelnd ansah. Unbefangen hielt sie seinem Blicke stand, und er fuhr fort: »Nicht wahr, ich bin gehorsam, Fräulein Beate? — Wie war ich im Anfang um eine Anrede verlegen! »Gnädiges Fräulein« ist für Sie viel zu banal, und »Fräulein Doktor« geht mir bei so viel Schönheit und Anmut doch nicht so recht über die Lippen, und so nenne ich Sie einfach bei Ihrem Vornamen, ich darf doch? Er ist so schön, so eigenartig, ich spreche ihn gern aus. Beate, meine Seligkeit — das hab’ ich aus dem Lateinischen noch behalten — oder ist’s doch nicht ganz richtig?«

Sie errötete leicht. Er hatte eine Art an sich, die sie manchmal verwirrte.

So hatte Georg Scharfenberg nie zu ihr gesprochen. Immer hatte er sie schulmeistern, bevormunden wollen, ihre Persönlichkeit unterdrücken, und hier offenbarte sich ihr eine fast schrankenlose Bewunderung. Sie war doch so viel Weib, um das angenehm zu empfinden; es umschmeichelte sie, und vielleicht war es nicht ganz ohne Reiz für sie, ihre Macht zu erproben.

Mehr als einmal hatte sie, besonders jetzt, daran denken müssen, wie Georg Scharfenberg ihr gesagt, ihre Schönheit ginge in ihrem anstrengenden Beruf verloren. Es mußte aber doch wohl nicht so gewesen sein; denn mit dem feinen Instinkt der Frau fühlte sie, daß sie dem jungen Offizier gefiel, ja, daß sie ihm nicht gleichgültig war. Seine Augen führten eine zu beredte Sprache, die sie gar wohl verstand, und sie konnte sich auch nicht ganz dem Reiz entziehen, der von diesem ungewöhnlichen Beisammensein ausging; die Mittagsstunde umspann sie unmerklich mit ihrem Zauber.

»Darf ich Sie etwas fragen, Fräulein Beate?« unterbrach er die Stille mit seiner schmeichelnden weichen Stimme, indem er sich zu ihr neigte, »aber nicht böse sein; wenn ich vielleicht ein wenig neugierig bin; ich habe so viel über Sie nachgedacht: weshalb haben Sie eigentlich nicht geheiratet? Denn bei Ihren Vorzügen müssen Sie doch sicher der Frage näher gestanden haben.«

»Sehr einfach, Herr von Hagendorf, weil ich nicht wollte, weil mein Beruf mir volle Befriedigung gibt«, sagte sie lächelnd, frei seinem forschenden Blick begegnend, wenngleich ihr bei dieser unvermuteten Frage doch das Herz etwas klopfte — sie mußte an Georg denken!

»Wirklich?« —

»Ja, weshalb zweifeln Sie daran? Es war doch mein freier Wille, Ärztin zu werden; mich hat niemand dazu gezwungen. Im Gegenteil, nach vielen Kämpfen erst habe ich es durchgesetzt. Doch Sie wissen ja alles, und warum Längstgesagtes wiederholen? Ich werde nicht gern an jene Zeit erinnert.«

»Und doch ist es schade,« sagte er leise.

»Wieso? ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, — es ist schade, daß so viel Schönheit und Anmut, wie Sie besitzen, Fräulein Beate, in Ihrem anstrengenden Berufe vergehen sollen, wie sehr würden Sie einen Mann damit beglücken können, der in Ihnen sein Höchstes sieht, sein alles.« Heiß kam das von seinem Mund, und leidenschaftlich ruhten seine Augen auf ihr.

Ihre Brust hob sich in schnellen Atemzügen, und die Farbe kam und ging auf ihrem Antlitz. Er verwirrte sie mit seinen heißen, werbenden Worten, so daß sie nicht wußte, was entgegnen. Sie senkte die Augen vor seinen verzehrenden Blicken. Da griff er nach ihrer Hand: »Beate!«

»Nicht doch, Herr von Hagendorf, nein.« Hastig sprang sie auf, dunkelrot im Gesicht, und er erhob sich ebenfalls.

Er trat dicht hinter sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Beate, süßes, angebetetes Weib, ahnen Sie denn nicht, wie es in mir aussieht, wie Sie meine Gedanken so ausschließlich beherrschen, daß nichts anderes mehr Raum in ihnen hat?« Dabei legte er seinen Arm um ihre schlanke Hüfte, zog sie unwiderstehlich an sich und suchte ihren Mund in heißem Kusse.

Sie war wie betäubt. Halb hingebend, halb widerstrebend duldete sie seine Liebkosung. »Nun bist du mein,« frohlockte er und preßte sie von neuem an sich.

Da kam sie zur Besinnung. Sie suchte sich aus seiner Umschlingung zu befreien; er ließ sie nicht; und da sah sie zu ihrem größten Schrecken den Bruder in der Tür stehen. Der hatte die Arme in die Seiten gestemmt und blickte aufs höchste überrascht von einem zum andern. Da überkam sie eine große Trostlosigkeit, und matt ließ sie die zum Widerstand erhobenen Hände wieder sinken.

»Na, Kinder, hört mal!« rief Adolf, nachdem er sich von der ersten Überraschung erholt. »Na, das ist — mir fehlen einfach die Worte, ich bin baff!«

»Du hast doch längst gewußt, alter Junge, wie sehr ich deine Schwester verehre,« sagte Rolf warm.

»Natürlich! Aber daß Beate — im Ernst, das hätte ich nicht geglaubt! Wieder mal ein Beweis, daß du wirklich Hans im Glück bist!«

»Deshalb, lieber Adi, wirst du uns hoffentlich deinen Glückwunsch nicht versagen?«

»Nee, Kinder, meinen Segen habt ihr.« Halb gerührt, halb lachend umarmte er die beiden. »Wenn du aber jetzt denkst, daß ich um die Verlobungsbowle kommen soll, bist du sehr im Irrtum, ich telegraphiere. Einen Tag gebe ich zu, den darf mir der Alte nicht vorenthalten, umsomehr, da es meine Familie ist, aus der ihm der Zuwachs ins Regiment kommt. Und was für einer! Fast könnte ich dich beneiden, wenn es nicht meine Schwester wäre! Nun aber schnell ein paar Flaschen Sekt aufs Eis, das frohe Ereignis zu begießen! Was werden die alten Herrschaften sagen! Entschuldigt, wenn ich euch noch einige Minuten allein lassen muß.« Er zwinkerte mit den Augen, ehe er davon eilte, die beiden in drückendem Schweigen zurücklassend.

Beate stand da, leichenblaß im Gesicht, und zwei große Tränen tropften langsam aus ihren Augen. Ihr Anblick rührte ihn; er trat auf sie zu und faßte ihre Hand. »Beate, können Sie mir verzeihen?« fragte er leise. Sie zuckte unter seiner Berührung zusammen und wandte sich ab.

Er wußte wohl, daß er sie mit seiner stürmischen Werbung überrumpelt hatte, und daß sie bei ruhiger Überlegung nicht so schnell oder vielleicht gar nicht die Seine geworden wäre.

Dieses Bewußtsein gab ihm etwas Niederdrückendes, Unfreies und verdarb ihm die Freude, daß Beate jetzt ihm gehörte. »Beate, ich kann ja selbst nichts dafür; eigentlich bin ich ja furchtbar glücklich. Aber wenn ich Sie so traurig dastehen sehe, weil Adolf uns so schnell miteinander verlobt hat, wird mir das Herz schwer. Wollen Sie nicht versuchen, mir nur ein wenig gut zu sein?«

Er brachte das Du nicht über die Lippen, obwohl sie nun seine Braut war. Die Situation war ihm äußerst ungemütlich; er hatte sich auch zu schnell hinreißen lassen. Sie schwieg noch immer; nur ein unterdrücktes Schluchzen verriet, was in ihr vorging.

Da fühlte er sich gekränkt. »Ja, wenn ich Ihnen so widerwärtig bin, Beate, dann machen Sie doch ein Ende. Aufdrängen will ich mich Ihnen nicht, und die Schuld liegt lediglich an mir.« Er nagte an seinem hübschen, dunklen Bärtchen und blickte verdrießlich vor sich hin.

Sie schüttelte heftig den Kopf und in halberstickten Tränen rang es sich von ihrem Munde: »Es war nur alles so schnell, so plötzlich, und nun muß ich doch meinen Beruf aufgeben.«

Um Gottes willen, Rolf durfte ja nie ahnen, daß es nur die große Scham war, die sie so unglücklich sein ließ, die Scham darüber, daß sie vielleicht durch ihr halbes Entgegenkommen einem Manne den Mut gemacht, sie zu küssen. Und Beate Haßler küßt nur den Mann, dem sie sich fürs Leben zu eigen geben will! Um diesen Punkt drehten sich alle ihre Gedanken.

Bei ihren Worten atmete Rolf erleichtert auf. Wenn es nur das war, was sie so bekümmert sein ließ, dann war es ja nicht schlimm. »Ja, das allerdings, Beate,« entgegnete er ernst. »Aber ich denke, daß es Ihnen nicht gar zu schwer sein wird. Meine Liebe soll Ihnen alles ersetzen, was Sie aufgeben. Ich will Sie glücklich machen, Beate, soviel in meinen Kräften steht, nur wissen muß ich, ob Sie mich lieb haben.« Er war ganz nahe zu ihr getreten; sie fühlte seine Nähe, die sie beängstigte, verwirrte, und tief senkte sie den blonden Kopf.

»Beate«, er faßte sie mit der gesunden Hand an der Schulter und zwang sie, ihn anzusehen, »warum sprechen Sie denn nicht?« Ärgerlich klemmte er die Unterlippe zwischen die Zähne, und seine Stirn furchte sich.

»Haben Sie doch Nachsicht mit mir!« flehte sie.

»Alles, Beate — nur sagen sollst du mir, ob du mich lieb hast!« rief er ungestüm.

»Ja!«

So leise sie es gesagt, sie mußte es ja tun, er hatte es doch verstanden. Mit einem Male war der Bann von ihm gelöst. Keinen Augenblick zweifelte er an ihrem Wort, und mit einem Jubelruf schloß er sie in seinen Arm. Ihren stillen Widerstand hielt er für mädchenhafte Scheu, für Stolz und Trotz, daß sie wider Willen so schnell die Seine werden mußte, und wie ein Rausch überkam es ihn, dieses seltene Geschöpf an seinem Herzen zu halten. Er preßte seine Lippen auf ihr schimmerndes Haar, auf ihre Augen, auf den blühenden Mund und flüsterte ihr zwischen seinen Küssen die zärtlichsten Liebkosungen zu, und sie ließ sich von der Gewalt seiner Leidenschaften mit forttragen, denn denken durfte sie ja nicht!