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Philipp Reclams
Universal-Bibliothek.
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Der Silbergarten.
Der Stein des Pietro.
Zwei Erzählungen
von
Frances Külpe.
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Der Silbergarten.
Das Abendlicht lag mit einem rötlichen Schimmer über den weiß verschneiten Parkbäumen. Durch die hohen Fenster des Herrenhauses leuchtete es nachdenklich und klar in das Kinderzimmer hinein.
An den weißen Wänden saß im Halbkranze eine zahlreiche Gesellschaft stocksteif und winzig auf kleinen Stühlchen und starrte mit teilnahmlosen Glasaugen in die Mitte des Raumes.
Hier ging etwas Seltsames vor.
Ein kleines weißgekleidetes Mädchen mit aufgelöstem Blondhaar schwang sich mit feierlicher Anmut in einem Tanze, den es offenbar selbst erfunden hatte, vor dem Puppenpublikum hin und her.
Bald glitt es in gebückter Haltung, die Händchen weit hinter sich gestreckt, mit wunderlichen, schleichenden Bewegungen langsam vorwärts, bald stand es auf den Zehenspitzen und hob die schmächtigen Arme in einer verzückten Gebärde zur Zimmerdecke empor, bald drehte es sich, wie zu einer getragenen Musik, langsam um sich selbst – endlich blieb es stehen, wie erstarrt, das lange Haar wie einen goldenen Schleier mit den Händen fassend, die es auseinandergebreitet hielt, die verträumten Augen ernsthaft vor sich hin gerichtet.
»Das war der Sonnentanz!« sagte die Kleine leise. »Habt ihr auch ordentlich zugeschaut?«
Die steifen, rotbäckigen Puppengesichter mußten wohl genickt haben, denn mit einer hoheitsvollen Bewegung hob die kleine Sibylle den Arm und sprach: »Wenn ich einmal gestorben bin, dann werdet ihr nicht trauern, das nutzt gar nichts – aber da ich nun doch eure Königin bin, so sollt ihr mir ein Denkmal setzen. Weiß muß es sein, ganz schneeweiß, aus Marmor, wie Großmama eins hat, und darauf muß mit goldenen Buchstaben stehen: Demut und Gerechtigkeit. Habt ihr's gehört? Hebt also den rechten Arm und versprecht es!«
Wie ein Feldherr, der Umschau über seine Truppen hält, kreuzte sie die Arme über der Brust, runzelte die Stirn und trat einen Schritt zurück.
Dann nickte sie herablassend und gnädig.
»Ich will euch aber auch eine gute Königin sein, solange ich lebe, und niemandem werde ich unser Geheimnis sagen – auch nicht Arno.«
Hierbei krauste sich die klare Kinderstirn wieder nachdenklich, ja fast schmerzlich – aber ruhig wiederholte das kleine Mädchen: »Nein, auch nicht Arno, nur dann, wenn er … euer König sein will.
Und jetzt – seid gehorsam, schwatzt nicht und zankt euch nicht. Geht artig zu Bett und schlaft bald ein. Dann sollt ihr auch morgen den Schneetanz zu sehen bekommen.«
Die Tür ging auf und eine zarte Frau trat ein. »Mit wem redest du denn da, Silly?«
Die Kleine lief der Mama freudig entgegen. »Mit meinen Puppen, Mama. Ich muß sie noch zu Bett bringen.«
»Ich wollte dir etwas Hübsches sagen, Kind. Arnos Eltern reisen in der nächsten Woche nach Italien, und solange sie fortbleiben, kommen Arno und Elisabeth zu uns mit ihrem Hauslehrer. Nun, freust du dich denn nicht?«
»Elisabeth auch?« fragte Sibylle ein wenig gedehnt. »Arno allein wäre hübscher. Elisabeth ist immer so … so schrecklich langweilig.«
»Aber, Silly!« sagte die Mutter mit leisem Tadel, »die Kinder werden unsere Gäste sein – und gegen Gäste ist man immer sehr liebenswürdig. Komm jetzt mit nach unten, du sollst Arnos Mama begrüßen.«
Freifrau v. Wolf-Rüdinghausen fuhr nervös zusammen, als die Tür sich öffnete und die Gräfin mit Sibylle am Arm in den Salon trat. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, ihre Züge waren scharf und gespannt; jetzt verklärten sie sich zu einem erfreuten Dulderlächeln.
Das Kind hatte sich zärtlich an die Mutter geschmiegt und sah dem Gast mit einem frischen Glanz in den Augen erwartungsvoll entgegen.
»Ich freue mich sehr auf Arno und … Elisabeth!« sagte die Kleine artig und küßte der Freifrau nach einem schönen Knicks die Hand.
Während sich die Damen über den näheren Termin unterhielten, an dem die Kinder in Wangen eintreffen sollten, hörte sie aufmerksam zu. Als die Freifrau lachend erzählte, daß Arno und Elisabeth am liebsten ihren ganzen Kaninchenstall auf dem Nachbargute einbürgern wollten, schlug Sibylle die durchsichtigen grauen Augen bittend zu ihr auf.
»Ach ja, erlauben Sie es doch! Und Arnos Reitpferdchen lassen Sie doch mitkommen, Tante Marga, bitte!« sagte sie leise. »Er wird sich doch langweilen ohne sein Pony.«
Die Freifrau warf der Gräfin einen amüsierten Blick zu. »Mein Arno hat eine tapfere Fürsprecherin in Silly,« sagte sie wohlgefällig. »Wenn die Kinder doch nur künftig ebenso zusammenhielten wie wir Erwachsenen!« fügte sie mit einem schmerzlichen Seufzer hinzu. »Wissen Sie auch, Liebe, daß mein Mann sich mit dem Gedanken trägt, Rüdinghausen zu verkaufen?«
Ihre eingesunkenen Augen füllten sich mit Tränen. Scharf zeichnete sich unter der blaßgelben Haut der feine Backenknochen.
»Nein – davon habe ich kein Wort gehört.«
»Es ist so – leider!« erwiderte die Freifrau wehmütig. »Arno soll aufs Gymnasium, ich unter die Obhut der Ärzte und vor allem – meinen Mann zieht's nach Berlin. Nun, hoffentlich findet sich sobald kein Käufer!« schloß sie mit einem leichtsinnigen Lächeln, das sie sehr verjüngte, »denn unter uns gesagt, Beste, die Männer lieben es, ihren eigenen Wünschen das Mäntelchen eines Opfers für die Gattin umzuhängen. Gott, ich fühle mich ja eigentlich ziemlich wohl – das böse Husten, das sich im Frühjahr immer regelmäßig einstellt, das werde ich auch in Berlin behalten.«
»Sillchen, geh jetzt nach oben zum Fräulein,« sagte die Gräfin freundlich.
Das Kind, das in den letzten Augenblicken ganz blaß geworden war, verbeugte sich und bog den Kopf zurück, um sich von der Freifrau auf die Stirn küssen zu lassen, dann glitt es aus dem Zimmer. Die Freifrau verfolgte die zierliche Gestalt mit den Blicken.
»Was ist Ihre Silly für ein liebliches kleines Wunder!« sagte sie enthusiastisch. »Ich war vorhin ganz frappiert, als Sie mit ihr hereinkamen. Einen Charme hat sie, um den manche Prinzessin sie beneiden dürfte!«
»Vor allem ein gutes, reines Herzchen, aber leider auch eine allzu große Empfindsamkeit und – eine Phantasie, für die es keine Grenzen gibt. Ich freue mich von ganzem Herzen auf unsere jungen Gäste und hoffe viel von dem gesunden Einfluß Ihrer Kinder!«
Die Freifrau erhob sich und stand lang und schmal der Gräfin gegenüber. Sie streckte ihr herzlich beide Hände entgegen. »Nochmals vielen, vielen Dank!« sagte sie bewegt. »Auch in Fritzens Namen. Und Ihrem Gatten die schönsten Grüße. Auf Wiedersehen also im Sommer, liebe Gerda!« – –
Es war zwei Wochen später.
»Du, Arno, ich … ich möchte dir etwas zeigen!« flüsterte Sibylle eines Morgens, »komm mit mir ins weiße Zimmer, aber so, daß es Elisabeth nicht merkt, ja, willst du?«
Elisabeth saß steif und gerade vor dem Piano und spielte gewissenhaft ihre Tonleitern.
Arno sah leuchtend von seinem Buche auf und nickte. Er war ein schöner Knabe von etwa zwölf Jahren. Seine Züge waren regelmäßig und klar. Das nußbraune Haar lockte sich ein wenig und fiel in die hochgewölbte weiße Stirn. An den Schläfen spielte leicht ein zartes blaues Geäder. Ein paar stahlgraue Augen blitzten keck über der kühn geformten Nase und widersprachen in ihrem Ausdruck der frauenhaften Zartheit des Mundes.
Lebhaft sprang er auf, aber Sibylle hielt ihn schüchtern am Arm fest.
»Möchtest … möchtest du gern König sein?« flüsterte sie gespannt.
Er sah sie lachend an. »Lieber schon Indianerhäuptling, aber warum fragst du, Silly?«
Sie antwortete nicht. Über ihr schmales Gesichtchen flog eine leise Röte. Mit leichten Schritten verließ sie das Zimmer, Arno folgte ihr hastig.
»Wohin gehst du, Arno?« fragte Elisabeth.
Er sah sie spöttisch an. »Wohin ich will!« sagte er ungeduldig. »Du hast nicht immer aufzupassen.«
Er lief mit Sibylle die Treppe empor. Beide Kinder traten gleichzeitig in das Kinderzimmer.
Aufrecht an die Wand gelehnt standen Sillys Puppen in Reih und Glied.
»Das ist ja wie zu einem großartigen Empfang!« rief er lachend. »Auf wen warten denn deine Puppen, Sillchen?«
»Auf dich … und mich!« sagte sie leise und feierlich. »Denn ich bin ihre Königin. Sag das aber niemand. Möchtest du nicht ihr König sein?« fragte sie mit einem flehenden Ausdruck.
»Puppenkönig …?« Ihm spukten noch die Indianergeschichten im Kopf herum, aber ein Blick in ihre gespannten Züge ließ ihn die entrüstende Zumutung sanftmütiger hinnehmen. »Nein, Silly,« sagte er endlich ehrlich, »alles, was du willst, aber das – kann ich nicht.«
In ihre durchsichtigen grauen Augen traten Tränen. »Du sollst ja nicht, wenn du nicht willst,« sagte sie traurig und hing den Kopf, »aber dies mußt du doch von mir annehmen. Es ist die liebste und kleinste, die ich habe, und sie heißt Lady Rosalind.«
Sie drückte ihm ein gewöhnliches Zündholzschächtelchen in die Hand und bat flehend: »Geh, geh jetzt, Arno, mach die Schachtel nicht hier auf, bitte. Später, wenn du allein bist!«
Betroffen von dem schmerzlich-leidenschaftlichen Ton ihrer Stimme blieb der Knabe unschlüssig stehen und sah Sibylle an.
Aber sie drängte und schob ihn zur Tür hinaus.
»Bitte, bitte geh!« flüsterte sie.
Er ging.
Auf der Treppe öffnete er das Schächtelchen. Ein winziges, rosagekleidetes Püppchen mit einer langen seidenen Schleppe lag darin.
Wie versteinert blieb Sibylle vor ihren Puppen stehen, dann brach sie in ein leises, trostloses Weinen aus. Bittend und demütig trat sie den Puppen näher.
»Er will nicht euer König sein – ich kann nichts dafür,« sagte sie gepreßt. »Und ich weiß wohl, daß ich nun auch nicht mehr Königin sein darf, weil ich ihm das Geheimnis gesagt habe. Die weiße schöne Frau im Traum hatte es mir ja verboten. Nun ist's zu spät. Verzeiht mir und lebt wohl!«
Das Puppenreich hatte seine kleine Königin auf immer verloren. – –
Die Obstbäume standen in Blüte. Baum an Baum reihten sich die schneebedeckten Kuppeln. Ein leichter Wind fuhr durch die weißen Wipfel und wehte die Blütenblätter ins Gras.
Sibylle stand unter den Kirschbäumen und fing die Blüten in ihrem Kleide auf, das sie wie ein Schürzchen hochhielt. Blüten über Blüten fielen über sie hin, blieben in ihrem Haar hängen und rieselten leicht zur Erde nieder.
Graf Theodor stand am Fenster und schmunzelte. »Sieh nur, Gerda,« sagte er, »ist das nicht ein hübsches Bild?«
Langsam kam die Gräfin herbei und lehnte sich an ihren Gatten.
»Mir ist manchmal um das Kind bange, Theo,« sagte sie wehmütig. »Sibylle ist so anders wie andere Kinder. Statt sich zu Elisabeth oder Arno zu halten, den sie offenbar bevorzugt, geht sie immer eigene Wege.«
Graf Theodor zog die Augenbrauen hoch. »Die Exklusivität liegt ihr eben im Blut, mag sie doch!« meinte er zufrieden. »Mir ist sie gerade recht, wie sie ist.«
»Du verstehst nicht, wie ich's meine. Das Kind ist seelisch so zart und verletzlich, dazu so wunderlich verschlossen – wie wird sie das Leben tragen können?«
»Ist sie denn etwa nicht glücklich?« forschte der Vater. Sein kluges, hochmütiges Gesicht wurde weich.
Gerda schüttelte den Kopf. »Es gibt Seelen, so zart und keusch, daß sie sich vor ihrer eigenen Verletzlichkeit scheuen. Wie die Bäume des Winters kommen sie mir vor, wenn sie sich in den Rauhreif hüllen. So, unter dieser weißen silbernen Hülle, entfaltet sich ihr stilles Wesen und spinnt eigene leise Träume. Die Welt aber nennt sie kalt. Hast du schon bemerkt, Theo, wie ähnlich Sibylle solchen Winterbäumen ist?«
»Meiner Treu,« sagte der Graf behaglich, »mich dünkt, sie gleicht eher unseren Kirschbäumen. Übrigens ist dein Vergleich sehr hübsch, Gerda, es fragt sich nur, ob er stimmt.«
»Seltsam ist auch ihre Vorliebe für alles Weiße,« fuhr Gerda fort. »Farbige Blumen mag sie fast gar nicht, aber weißen Flieder, weiße Rosen, weiße Nelken trägt sie sich immer behutsam zusammen.«
Der Graf stutzte. »Sieh!« flüsterte er aufmerksam.
Sibylle hatte das Röckchen voller Blüten mit einer raschen Bewegung hochgeschnellt – wie Schneeflocken wirbelten die Blüten um ihren Kopf, um Haar und Arme, flogen und tanzten lustig an ihr nieder. Nun kniete das Kind unter diesem Blütenregen ins Gras und breitete selig die Arme aufwärts. Es war, als sähe es in den weißen Baumwipfeln eine Erscheinung.
»Wie so 'n Elfenmädel!« brummte der Graf wohlgefällig. Energisch pochte er an die Fensterscheibe. »Ich will sie mal fragen, was all der Hokuspokus bedeuten soll,« sagte er mit gutmütigem Lachen.
Doch Gerda fiel ihm rasch in den Arm. »Ich bitte dich, tu's nicht!« rief sie. »Du würdest dem Kinde die Unbefangenheit nehmen. Wenn Silly sich beobachtet wüßte, es wär' ihr auch nicht lieb. Ich habe auch sonst allerlei Wunderliches an ihr bemerkt,« fuhr sie zögernd fort; »neulich als sie mir aus meinem eigenen früheren Kinderbuche vorlas, ließ sie die Worte Demut und Gerechtigkeit in der Erzählung, die ich genau kannte, absichtlich aus und ersetzte sie durch andere. Dabei wurde sie blutrot, der Atem stockte ihr, und ich fühlte, wie ihr Herzchen pochte. Was mag nur in ihr vorgegangen sein?«
»Kinderphantasien! Auch ich hab' einmal als Tertianer das Kunststück fertiggebracht, einen Aufsatz einzuliefern, in dem kein einziges Mal der Buchstabe r vorkam. Diese Leistung brachte mir die ungeteilte Anerkennung meiner Klassenkameraden ein, unser Lehrer war freilich anderer Meinung.«
»Silly … Silly! Wo bist du?« hörte man jetzt rufen.
Arno stürmte durch den Obstpark. Er hielt einen flatternden beschriebenen Bogen hoch.
Sibylle trat langsam unter den Kirschbäumen hervor. Der Knabe ergriff sie bei der Hand und zog sie eifrig zu einer Bank.
Sie setzte sich ruhig. Arno warf sich der Länge nach ins Gras, stützte die Ellbogen auf den Boden und den Kopf in die Hände. Dann begann er ihr ernsthaft vorzulesen. Sie nickte und faltete still die Hände. – –
Viermal hatte die Erde ihr grünes Kleid mit dem weißen vertauscht, und wieder war es Winter. Und Jahr um Jahr gleichförmig, und dennoch im Innersten wunderseltsam bewegt, spann sich Sibylles Leben durch die wechselnden Jahreszeiten.
Schlanker und zarter war Sibylle geworden, verständiger und wehrloser. Ihre durchsichtigen Augen voll feiner Schwermut sahen ernsthaft und groß ins Weite. Ihr schüchterner junger Mund flüsterte oft heiße, abgerissene Dichterworte vor sich hin, die sie irgendwo gelesen, deren dunklen Sinn sie mehr ahnte als begriff. Wenn sie nachts in ihrem kühlen Bett wach lag, regte sich ein geheimnisvolles Träumen in ihren jungen Gliedern, und sie fühlte, daß das Leben viel, viel schöner sein müsse, als sie es bisher gekannt.
Die Eltern nahmen sie einmal mit in die Stadt, und sie hatte zum erstenmal eine naturwissenschaftliche Bilderfolge in einem Kinematographen gesehen.
Wie die Raupen sich seltsam verpuppten, wie sie sich, ihrem Instinkt zufolge, selbst einspannen in das starre graue Gehäuse, in dem sie nun wehrlos gefangen waren, bis aus der unschönen Hülle, in glänzender Verwandlung, fremdartig und lieblich, das geflügelte Schmetterlingsinsekt herausschlüpfte – das hatte Sibyllens Herz vor Spannung und heiligem Staunen klopfen gemacht. Nun begann sie sich eifrig mit naturwissenschaftlichen Büchern zu beschäftigen. Die Mutter sah das gern. So würde ihr Kind aus seinem Hinträumen zu positiven Kenntnissen geleitet.
Arnos früherer Hauslehrer, Herr Brandt, der nach Übersiedlung der freiherrlichen Familie nach Berlin ins Haus gezogen war, unterstützte Sibylle darin. Im übrigen hatte er sich nicht so recht an seine neue Schülerin gewöhnt. Elisabeths eiserne Pflichttreue und ihr Ehrgeiz waren Sibylle ebenso fremd wie Arnos leidenschaftliche Hingabe an alles Neue. Sie lernte nicht eigentlich ungern, doch wollte es Herrn cand. theol. Tobias Brandt scheinen, als glaube die kleine Gräfin, ihm persönlich einen gnädigen Gefallen zu erweisen, wenn sie lerne, so völlig gleichgültig ließen sie die Ereignisse der Weltgeschichte, die Taten, Meinungen und Dogmen der großen Männer aller Zeiten. Das empörte Herrn Brandts Autoritätsbewußtsein. Dagegen begrüßte er das Interesse Sibyllens an den Vorgängen der Natur mit gemischten Gefühlen. Auf diesem Gebiet fühlte er sich nicht heimisch, auch hatte es ihn nie sonderlich beschäftigt, und ihre ernsten Fragen setzten ihn oft in Verlegenheit. Immerhin war es ihm eine Genugtuung, daß seine Schülerin sich für etwas Besonderes interessierte, denn er stand nun einmal in dem Rufe, ein anregender Lehrer zu sein, und er hätte von seinem schwerverdienten Renommee auch nicht ein Titelchen freiwillig hergegeben.
So wuchs Sibylle eigengeartet und fremd unter den Augen ihrer liebevollen Eltern heran, gehütet, umhegt, halbverstanden und einsam.
Das Land lag weiß und still verschneit in fleckenloser Reinheit, wie Sibylle sie liebte. Sie kam von einem Gange durch den Park zurück, erfrischt und geheiligt. Da hörte sie vom Fenster her die Stimme der Mutter, die sie rief.
Die Gräfin trat in der Vorhalle ihr entgegen, einen Brief in der Hand. Sie ließ Sibylle, ihrer Gewohnheit entgegen, kaum Zeit, den Mantel und die weißgestrickte Sportmütze abzunehmen. Erregt sagte sie: »Weißt du, Kind, Arno ist todkrank gewesen.«
Sibylle blieb wie angewurzelt stehen. »Todkrank …?« wiederholte sie.
»Ja, denke dir, eine schwere Lungenentzündung. Tante Marga muß eine entsetzliche Zeit durchgemacht haben. Immerzu hat der Junge geredet und phantasiert, keine Minute ist er ruhig gewesen. Elisabeth hat sich musterhaft benommen – wie zur Krankenschwester geboren, schreibt Tante Marga.«
Sibyllens leicht gerötete Wangen waren blaß geworden. »Elisabeth ist ja immer musterhaft,« sagte sie kurz.
Die Gräfin überhörte den bitteren Unterton in ihres Kindes Stimme. »Ich will dich etwas fragen, Silly,« sagte sie zögernd; »es ist mir nicht ganz verständlich, wie die Sache zusammenhängt – aber … in seinen Fieberphantasien hat Arno immerzu von einem Versprechen geredet, das er dir halten müsse – was ist das für ein Versprechen gewesen?«
Sie sah Sibylle an und erschrak.
Völlig verstört stand das Kind da, sehr blaß, die Arme schlaff niederhängend, die Augen voll eines wunderlichen, hilflosen Ausdrucks.
»Was ist das für ein Versprechen gewesen, Silly?« wiederholte Gerda eindringlich und beruhigend. »Hast du denn kein Vertrauen zu mir?« fragte sie nach einer Pause schmerzlich verwundert.
Sibylle zuckte zusammen. »O ja, Mama – aber – aber bitte, frage mich nicht.«
Sollte es gar eine frühreife Liebesaffäre sein? dachte Gerda ängstlich, doch nein, das ist ja nicht möglich – solche Kinder!
Nach einer Weile sprach sie weiter: »Die andere Frage betrifft nicht dich, doch nehme ich an, daß du etwas davon weißt: wer ist Lady Rosalind?«
Jetzt wurde Sibylle rot wie mit Blut übergossen – ihre Finger krampften sich unstet ineinander, ihre zarte, lang aufgeschossene Gestalt zitterte, sie schlug die Augen auf und zu und blinzelte, als sähe sie in die Sonne.
»Weißt du es?«
»Ja!« flüsterte Sibylle bedrückt. Sie schien einer Ohnmacht nahe. Flehend sah sie ihre Mutter an.
Ach, es war ja eigentlich kein Geheimnis, nur eine Kinderei – gab es etwas Harmloseres, als daß Arno ihr versprochen hatte, zum Zeichen, daß er an sie denke, ein Tagebuch im Namen des rosenfarbenen Püppchens, das Sibylle ihm geschenkt, zu schreiben? Es war dies eine ritterliche Pönitenz, die er sich selbst auferlegt, weil er Sibylle mit seiner Weigerung, Puppenkönig zu werden, so weh getan. Nachher hatte ihm die Sache Spaß gemacht, und der begabte, phantasievolle Knabe fand ein ganz ungewöhnliches Vergnügen daran, sich in die Seele einer englischen holdseligen Lady hineinzudenken und aus dieser heraus die Welt zu sehen und das Leben zu beschreiben. Den ersten Teil dieses literarischen Machwerkes kannte Sibylle bereits und hatte ihn begutachten müssen. Sollte sie das jetzt preisgeben? Nein, es war unmöglich.
»Es … es ist nichts Unrechtes –« stotterte sie endlich mühsam.
»Das setze ich auch nicht voraus,« erwiderte die Gräfin gehalten, »aber gerade deshalb …«
Sibylle trat einen Schritt vor, auf die Mutter zu und hob die Arme. »Bitte … bitte, nicht fragen, Mama …«
Die Gräfin wurde einen Moment irre an ihrem Kinde. Nicht ohne Härte sagte sie kühl: »Gut, ich will nicht mehr fragen, aber du selbst, Sibylle, vergiß das nicht, hast eine Schranke zwischen uns aufgerichtet.«
Sie bereute sofort das gesprochene Wort. Sibylle sah sie starr an und schwankte ein wenig, dann fiel sie still und schwer zu Boden. – –
Ein wunderliches Innenleben, ein Traumleben, fern, still und abseits von allem Hergebrachten, hielt Sibylle in seinem zwingenden Bann.
Sie wuchs, erblühte und wurde fast schön. Sie sah die Dinge um sich her und sah sie doch wieder nicht. Es war, als hätte sie kein Organ für die täglichen kleinen Geschehnisse ringsum; für den Wandel der Natur jedoch, für den großen allgemeinen Zug allen Werdens und Wirkens, Blühens und Vergehens hatte sie weit offene Sinne.
Sie liebte die Dämmerstunden der heißen Juli- und Augusttage, wenn die Bäume zu horchen schienen und die Springbrunnen lauter murmelten; sie liebte die klaren Herbstnächte mit ihrem zärtlichen Sternenglanz, liebte die frühen Maimorgen, wenn die Obstbäume, noch betaut von der Nacht, ihre weißen Blütenreigen spannten; vor allem aber liebte sie den Winter, zu allen Stunden des Tages und der Nacht.
Ihr Verhältnis zu Herrn Tobias Brandt war unpersönlich geblieben wie am ersten Tage. Pflichtgemäß lernte sie, was sie zu lernen hatte, nur fühlte sie jetzt manchmal einen sonderbar aufdringlichen Blick aus seinen runden blauen Augen, den sie instinktmäßig von ihrem Antlitz wegzuwischen versucht war.
Der Sommer brütete heiß über dem Park. Die Blumen schlossen müde ihre Kelche, der weidenumsäumte Parkteich schillerte wie aus Stahl gegossen, und der Hauslehrer ging schwitzend und rot die Kastanienallee auf und nieder, ein Buch in der Hand.
Sibylle sah ihn von weitem und schlüpfte an den Obstbäumen vorbei, zwischen den Beerenhecken an ihr Lieblingsplätzchen, den Teich. Hier, im Schutz der alten Bäume und des dichten Gestrüpps, pflegte sie manchmal in der Dämmerung unbemerkt zu baden.
Sie zog ein Buch aus der Tasche, setzte sich auf einen alten, weit über den Teich hineinragenden Stamm einer Weide, entkleidete ihre Füße und ließ sie in die kühle Frische hineinhängen. In einem halbwachen Zustande von Traum und Leben schaute sie auf die glatte, silberne Fläche. Schwärme von Mücken tanzten im Abendsonnenschein, hin und wieder hüpfte ein Fischlein aufwärts und zog schnell sich weitende Wasserringe. Schweigsam und reglos, sommermüde und träumend, standen die Bäume. Ihr war sehnsüchtig und fragend zumute. Mit scheuer Schwere war zum erstenmal bange die Frage in ihr aufgetaucht, wer das Ich sei, das sie als das ihre empfand – warum war sie gerade – sie selbst? Woher kam sie? Wohin trieb sie? Warum mußte sie sein wie sie war? Gehörte sie außer sich selbst, außer ihren Eltern, einem unbekannten Reiche an, wie die Bäume und Pflanzen der Natur? Glich sie der silberstämmigen Birke oder gar der ernsten dunklen Tanne? Konnte sie für ihre Wesensart?
Die Fragen jagten einander in wunderlicher Hast. Sie wurde sich des erwachten Zustandes ihrer Seele fast schmerzhaft bewußt.
Langsam begann sie ihr Blondhaar aufzulösen. Wie ein lichter Mantel hing es weit über die Hüften nieder und verhüllte das weiße Sommerkleid. Ein Durst nach Kühlung dehnte ihr die Glieder. Die Schatten der Bäume waren länger geworden und senkten sich weit über das ruhende Wasser. Sie widerstand nicht länger, rasch schlüpfte sie aus ihren Kleidern und ließ sich in das Wasser hineingleiten.
Sibylle stand vorgeneigt und horchend im Wasser, mit einem scheuen Ausdruck in dem schmalen Gesicht – hatte es nicht soeben im Gebüsch geknackt?
Das Wasser stieg ihr bis über die Knie, sie faßte ihr Haar wie einstmals als Kind mit den Fingerspitzen und ging, sich leise wiegend, weiter hinein. Sie mußte an ihre Puppen denken, die seit Jahren in enge Kisten verpackt, einen totenähnlichen Schlaf schliefen. »Die Armen,« sagte sie mitleidig vor sich hin, »das Puppenreich ist zu Ende – kommt jetzt ein anderes Reich …? Ja es kommt,« flüsterte sie freudig, »ich fühl's –« Um ihre Lippen war ein Lächeln von einer scheuen, verirrten Seligkeit.
Wieder knackte es im Gebüsch, und sie schrak zusammen. »Ist jemand da?« fragte sie halblaut.
Stille, Schweigen. Jetzt fiel ihr ein, daß sie schon manchmal beim Baden gemeint hatte, jemand könnte da sein und sie belauschen.
»Wie dumm!« murmelte sie vor sich hin – und nun kam ein Hochgefühl, etwas wie ein Wonnerausch über sie – sie bückte sich tief, teilte das Wasser mit ihren schlanken Armen, ließ ihre jungen, schüchternen Glieder von dem schmeichelnden Gewässer umkosen, glitt behutsam weiter, hob die Arme dem verglühenden Abendhimmel entgegen und begann leise zu summen: »Es kommt – es kommt … das neue Königreich kommt …« Ihr war töricht leicht ums Herz geworden – vorbei alle düsteren, sehnsüchtigen Fragen.
Unbefangen und froh wie ein Kind spielte sie dahin – irgendeine Macht weihte sie, sich eins zu fühlen mit der träumenden Stille, die sie umgab, eins mit Luft und Wasser, Laub und Sonne.
Endlich hatte sie genug und warf langsam und müde ihre Kleider wieder über.
Sie flocht sich das Haar, steckte es ruhig auf, saß noch ein Weilchen träumend und ließ die Füße im Wasser plätschern. Ohne Eile zog sie Strümpfe und Schuhe an, nahm ihr Buch und schritt durch die dämmernden Schatten der Bäume wieder dem Hause zu, die Augen zu Boden gesenkt.
Da blieb sie plötzlich stehen – verwundert, betroffen – auf dem Boden, etwa zehn Schritte vom Ufer, lag ein kleines rotes Notizbuch. Sie kannte es wohl, es gehörte Herrn Brandt. Wie war es dahin gekommen? Vorhin war es nicht dagewesen …
Ah! Nun wußte sie. Ihr Herz tat einen ungeheuren Schlag – alles Blut strömte ihr ins Antlitz – so hatte er sie belauscht … pfui!
Ein Ausdruck unsäglichen Ekels spannte ihre Züge; sie hob das Büchlein auf, weit ab von sich mit gespreizten Fingern hielt sie es … endlich pflückte sie ein großes Klettenblatt und wickelte es hinein.
Sibylle sah an diesem Tage Herrn Brandt nicht wieder.
Am nächsten Morgen um neun wartete sie wie gewöhnlich im Schulzimmer auf ihren Lehrer. Sie sah eigentümlich blaß aus; ein Zug von einsamer Entschlossenheit lag um ihren Mund. Die überwachten Augen waren von dunklen Rändern umsäumt.
Herr Brandt trat geschäftig herein, begrüßte sie und setzte sich an den Tisch.
Mit einer ihm eigentümlichen Bewegung strich er sich flott zweimal durch das struppige Blondhaar, zupfte seine maisgelbe Krawatte zurecht, räusperte sich, schlug das Geschichtsbuch auf und begann: »Wir waren also bei der Verfallszeit Roms stehengeblieben. Was wissen Sie mir darüber zu sagen?«
Sibylle sah auf ihren Schoß nieder und schwieg.
»Nun?« sagte er ermunternd, »es handelt sich um die letzte Kaiserzeit, geben Sie mir ein Bild dieser Cäsaren. Auf Caligula also folgte wer?«
Zwei brennrote Flecken flogen wie fremde Gäste auf Sibyllens Wangen, sie atmete schwer und preßte die Lippen fest zusammen.
Herr Brandt sah sie erstaunt an und fuhr fort: »Am 13. Oktober 54 nach Christo bestieg Claudius Nero, 17 Jahre alt, den römischen Kaiserthron, der Sohn der Agrippina, einer Schwester des Caligula. Was wissen Sie von Nero?«
Ein wunderliches Schweigen wie vorhin.
»Wollen Sie mir etwa nicht antworten?« fragte Herr Brandt streng.
Da hauchte sie zitternd: »Nein!«
Herr Brandt glaubte nicht recht gehört zu haben. »Wie? Sie wollen nicht antworten? Wie soll ich das verstehen? – Sind Sie krank?« Sein Ton war ängstlich besorgt.
Sibylle schüttelte den Kopf.
»Nun also – erklären Sie sich. Wollen Sie antworten oder nicht?«
Wieder ein stummes Kopfschütteln, diesmal energisch, ja heftig.
»Ja, wissen Sie, für Launen bin ich nicht zu haben,« sagte Herr Brandt selbstbewußt; »ich will Ihnen Zeit zum Nachdenken geben.« Er legte seine Taschenuhr auf den Tisch. »Wenn Sie mir innerhalb einer Minute nicht sagen, was los ist, gehe ich zu Ihrer Frau Mutter und beschwere mich – ja!«
Eine Reihe von blitzschnellen Augenblicken jagte stürmisch vorüber. Sibylle fühlte ihre Pulse pochen.
Herr Brandt bemühte sich gewaltsam, sie nicht anzusehen, und blickte mit gekränkter Würde zum Fenster hinaus.
Mit einem Male sah sie von ihrem Schoß auf und sprach langsam: »Ich werde Ihnen nie mehr antworten, Herr Brandt. Bitte … nehmen Sie Ihren Abschied von sich aus.«
Er fuhr zusammen, kalt überlaufen, und starrte seine junge Schülerin an.
Da saß sie, weiß, großäugig und fein – einen stahlharten Zug um den Mund.
»Wa–was soll denn das heißen …? Sind Sie – Sind Sie …?« Er brach ab.
Ganz still legte sie ein grünes Etwas auf den Tisch. Aus einem welken Klettenblatt sah sein rotes Notizbüchlein schämig hervor.
»Sie wissen schon warum …« murmelte Sibylle tonlos. Dann stand sie auf und glitt aus dem Zimmer.
An demselben Tage hatte Herr Brandt einen dringenden Brief von daheim erhalten, nahm unverzüglich seinen Abschied und verließ das gräfliche Haus. – –
Wieder war es Winter. Der Himmel hing wie eine riesige weiße Glocke über der silbernen Winterwelt. Die Bäume träumten schneebedeckt vor sich hin.
Unter der Kastanienallee hervor traten zwei Mädchengestalten ins Freie.
»Ja, Sibylle, Arno macht sich, er ist in maßgebenden Kreisen ungeheuer beliebt, die Uniform steht ihm großartig.«
»Und du, Elisabeth – wirst du wirklich Diakonissin? Dein Vater wird dich doch furchtbar entbehren.«
Elisabeth streckte ihre herbe Gestalt im Trauerkleide und ließ ihre kühlen blauen Augen auf Sibylle ruhen.
»Ja, weißt du – zum Dahinträumen haben wir keine Zeit. Seit unsere gute Mama starb, geht jedes von uns seinen Pflichten nach. Werte müssen wir schaffen, Nutzen bringen. Der Diakonissenberuf ist ja nicht leicht, Demut vor allem müssen wir lernen, dann aber –« sie atmete tief auf, »haben wir auch einen herrlichen Lohn – Einfluß auf die Kranken und Leidenden und ihr Vertrauen. Wir ersetzen ihnen ja auch ihre Familien und alle, die ihnen nahestehen – nicht?«
Sibylle schauerte in sich hinein. Weshalb hörte sie unter Elisabeths Worten, die so gut und vernünftig klangen, einen Unterton von Herrschsucht heraus?
»Die armen Menschen,« murmelte sie, »leiden müssen und dann noch von denen getrennt, die sie lieben.«
»Ja, meinst du denn, daß wir unsere Kranken nicht lieben? Freilich, die egoistische, persönliche Liebe, die auf Gegenliebe rechnet, fällt bei uns weg. Wir müssen einen Trunkenbold, ein unappetitliches altes Weib ebenso umsorgen, wie das liebenswürdigste junge Mädel oder ein sympathisches Kind aus gutem Hause. Auch kommen wir kaum zur persönlichen Anhänglichkeit, das Material wechselt ja beständig – was hast du, Sibylle?«
Das Wort Material hatte Sibylle einen Ruck gegeben. Jäh stand sie still, über und über mit Rot übergossen. Ach, sie fühlte es, mit der nüchternen, braven Verständigkeit Elisabeths konnte sie sich nimmer befreunden.
So schleppten sich ihr die Wochen von Elisabeths Besuch mühselig dahin. Wenn die Nachbarn nicht genug Worte des Lobes für Elisabeth und ihre entsagungsvolle Tätigkeit finden konnten, so hörte Sibylle fast teilnahmlos zu, denn die Wahrhaftigkeit und Zartheit ihrer Wesensart, die durch Elisabeths Auffassung schmerzlich berührt worden war, ließ sich weder irre machen noch beeinflussen.
Um die Frühjahrszeit erkrankte Sibyllens Vater unvermutet an einer Lungenentzündung. Und nun war es, als habe die schlummernde Kraft in Sibylle nur auf ein Ereignis dieser Art gewartet, um sich zu bewähren. Sie begann den Vater mit einer Umsicht, Geduld und Treue zu pflegen, die sie ihm unentbehrlich machte. Sie wurde der Trost und die Stütze ihrer Mutter. Ihr Vertrauen zu seiner Genesung gab der Gräfin den verlorenen Mut wieder; ihre Ruhe und Anmut, die ein Ausströmen ihrer inneren Harmonie war, wirkte Außerordentliches, während sie sich nur bewußt war, einfach ihre Pflicht zu tun.
In der Tiefe ihrer Seele lebte ein stiller Glaube, den ihr nicht der Unterricht Herrn Brandts und nicht Bücher, nicht Angeerbtes und nicht Erworbenes gegeben hatten, sondern der von Anfang an in ihr war – ein Geschenk der Gnade, das ihre Kräfte immer wieder am rechten Ort und an rechter Stelle wach und tätig sein ließ. Sie wußte: die Welt war voller Schönheit und Gott war gut. Es verstand sich von selbst für sie, daß sie streben müsse, gut zu werden, und alle Forderungen der Sittlichkeit faßte sie, wie schon unbewußt als kleines Kind, in zwei einfache Begriffe zusammen: Gerechtigkeit und Demut. In ihrem Verhalten zu den Menschen, deren es manche gab, die sie nicht lieben konnte, glaubte sie Gerechtigkeit üben zu müssen, und aus dem Gefühl der Schönheit der Dinge und dem Bewußtsein der Größe ihres Schöpfers entsprang ihr ganz naturgemäß jene kindliche Stimmung vertrauender Ehrfurcht, die sich als Demut zu äußern pflegt.
Das unbestimmte Gefühl ihres inneren Reichtums erfüllte sie mit einer zuversichtlichen Ahnung kommenden Glücks. Vorbei war ihr Kindertraum vom Puppenreich – ein anderes, schöneres Reich schwebte wie eine duftige Verheißung in der Ferne. Durfte ihr denn unter diesen Vorgefühlen etwas so Schmerzliches widerfahren wie der Tod ihres Vaters? Nein, sie wußte, ihr Vater würde und mußte genesen.
Und er genas.
Der Arzt war heute dagewesen und hatte Sibylle und ihre Mutter beglückwünscht, und die Gräfin hatte Sibylle, die in der letzten Zeit wenig in die frische Luft gekommen war, ins Freie geschickt.
Dämmerung lag auf dem Frühlingsgelände. Wieder standen die Kirschbäume in Blüte und reihten sich duftig Baum an Baum. Im grünlichen Himmel hing ein mattgoldener Mond. Sibylle zog die reine Luft ein, wandelte unter den Bäumen, wiegte sich erleichtert in den Hüften und dachte.
Ja so – heute war ein Brief von Elisabeth gekommen, Arno habe sich verlobt, schrieb sie.
Sibylle hatte im Laufe des Tages nur flüchtig daran gedacht, da sie um den Vater beschäftigt gewesen war, nun aber stand die Tatsache plötzlich klar und sonderbar vor ihr, so als gewahre sie nach einem langen Gang durch einen Tunnel plötzlich einen rotfarbenen Himmel, den sie zuvor anders gesehen. Sie empfand etwas wie einen Schrecken und schüttelte mehrmals leise den Kopf.
Nicht Wehmut, nicht Schmerz fühlte sie, nur eine Art Leere. Wie war das nur gekommen? Und mußte es so sein? Elisabeth schrieb über Arnos Wahl sehr befriedigt. »Ella ist sehr tüchtig,« schrieb sie, »liebenswürdig und talentvoll. Die Beverns machen ein großes Haus, und in pekuniärer Hinsicht ist Arno völlig gesichert.«
Wie seltsam das alles war – gerade wie bei einem Pferdekauf! dachte Sibylle verwundert.
Sie zog den blütenbedeckten Zweig eines Kirschbaums zu sich nieder und versenkte ihr Gesicht in die kühlen Blüten.
Ist nicht überall Zufall? Wäre Arno in Paris gewesen statt in Berlin, er hätte sich wahrscheinlich mit einer Französin verlobt – und wäre er hier in Wangen, dann – wer weiß …?
Sie lächelte träumerisch und schüttelte wieder den Kopf.
Unser Pastor sagt, es gebe keinen Zufall, alles sei Gottes Wille, spann sie weiter. Wer kann das entscheiden? Nehmen wir nicht die Dinge, die für uns viel bedeuten, zu schwer, und andere wieder zu leicht? Wenn ich Arno auf der Straße begegnet wäre, während ich an ihn gedacht hätte, so wäre das nichts, ein Zufall; da er sich nun aber verlobt hat, wo ich in dieser Woche so oft in Gedanken bei ihm war, kommt mir das ungeheuer wichtig vor – warum? So mag er sich doch verloben – was ist denn weiter dabei?
Sie lachte leise, bog wieder einige Zweige zu sich nieder und ließ sie spielerisch zurückschnellen – die Blütenblätter regneten sanft über sie hin.
Da legte sie die Hände ineinander und sah mit sehnsuchtsschweren Augen ins Weite. »Ich wollte, es wäre wieder Winter,« flüsterte sie, »und ich wäre alt, steinalt wie die weiße Trude im Armenhause. Die freut sich wie ein Kind auf ihre Abendsuppe und über jeden Groschen. Und ich? Ich kann mich nicht einmal freuen, wenn Arno sich verlobt. Ja, ich bin recht schlecht.«
Und auf einmal begann sie zu weinen, hilflos wie ein Kind. Weinte sie über ihre eigene Schlechtigkeit oder über Arnos Verlobung …? – –
Der Doktor hatte Sibyllens Vater eine Nachkur in einem Sanatorium verordnet, und da der Graf sich von Frau und Kind nicht trennen mochte, reiste man gemeinsam in eine süddeutsche Heilstätte.
Hier sah Sibylle zum erstenmal Berge. Die Pracht der schneebedeckten fernen Gebirgszüge stand vor ihr auf – ein schimmerndes Wunder – und füllte sie mit Ehrfurcht und Begeisterung. Wenn nun noch die sinkende Sonne Kuppen und Grate in Röte und Glanz tauchte, staunte sie wie verzaubert und wagte kaum zu atmen. Sie bedurfte keiner Beziehungen zu neuen Menschen, um ein gesteigertes Lebensgefühl zu empfinden, ihre Welt war von jeher die Natur gewesen und das Reich, das ihre Phantasie sich selber schuf und bevölkerte.
Aber wie sich auch Sibylle von den Gesunden und Kranken zurückhalten mochte, sie konnte es nicht hindern, daß ihr bewundernde Blicke folgten und daß dieser oder jener Sanatoriumsgast merklichen Anteil an ihr zu nehmen begann. Einmal in die eigentümliche Luft eines Genesungsheims mit seinen vielen verschiedengearteten Insassen versetzt, mußte sie sich der Lebensweise der Gesündesten unter ihnen anpassen, und das gab natürlich Gelegenheit zu Berührungen.
Da waren vor allen zwei junge Leute, die ihr bei jeder Gelegenheit in den Weg zu kommen versuchten.
Der eine war Polytechniker, ein braver, blonder Bursch, dessen blaue Augen sich vor Innigkeit mit einem schüchternen Glanze füllten, wenn er Sibylle erblickte. Sie brachte die rätselhaften Spenden von Alpenveilchen und anderer Gebirgsflora, die sie morgens auf dem Flur in ihren gesäuberten Stiefeletten zu entdecken pflegte, mit ihm in Zusammenhang, denn er galt als tüchtiger Bergsteiger.
Der andere war Balte, ein langhaariger, düsterer Jüngling; er fristete in München ein ärmliches Bohêmedasein und hatte es der Gunst eines reichen Freundes zu verdanken, daß er seine angegriffenen Lungen im Sanatorium zurechtpflegen durfte. Mit so gewöhnlichen Dingen, wie Blumen es sind, befaßte er sich nicht, doch schien Sibyllens Fußbekleidung auch für ihn von besonderer Anziehungskraft zu sein, denn alle drei Tage etwa fand sie neben den duftenden Blüten ein formvollendetes Sonett in einem ihrer kleinen Schuhe, die sie abends auf den Gang hinauszustellen pflegte, und da Herr Bruno Treu jedesmal, wenn sie eine poetische Gabe erhalten hatte, in ein grüblerisches Auf- und Niedergehen verfiel, wobei er mit gerunzelten Brauen die Lippen bewegte und skandierend den Arm hob und senkte, so bedurfte Sibylle keines besonderen Scharfsinns, um in ihm den Urheber jener Verse zu erraten.
Übrigens waren diese Sonette keine Liebesgedichte, weit gefehlt. Sie bezogen sich teils auf die schönsten und lautersten Dinge der Natur, auf Quell und Strom, die Gebirgswelt und die weite Ebene, teils auf die erhabensten Gefühle der Menschenseele. Immer aber brachten sie ein künstlerisches, höchst empfindliches Schönheitsgefühl zum Ausdruck, und nur wie ein Hauch zog sich eine Stimmung von Sehnsucht und verhaltener Leidenschaft durch sie hin.
Sibylle wurde unter diesen ungewohnten Huldigungen, die die jungen Leute mit Ausdauer und Eifer fortsetzten, fast ein wenig übermütig, ohne jedoch etwas von ihrer Zurückhaltung zu verlieren.
An einem sonnigen Morgen war Sibylle nacheinander ihren beiden heimlichen Verehrern im Sanatoriumsparke begegnet.
Irgendein Schalk hüpfte ihr in den Nacken, rasch trat sie auf den Polytechniker zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen herzlich für Ihre schönen Gedichte, Herr Weber,« worauf der arme Junge mit puterrotem Kopf stotterte:
»Aber, Komtesse, die … die sind ja gar nicht von mir – ich … ich habe mir ja nur erlaubt, Ihnen die Blumen …«
Sibylle lachte hell auf. »Aber Ihre Blumen sind ja auch Gedichte, nur in einer anderen Sprache geschrieben. Vielen schönen Dank, Herr Weber.«
Als sie um die Wegbiegung schritt, traf sie den Balten, der mit schwungvoller Miene vor sich hinredete. Als er Sibylle sah, ruckte er zusammen und machte ihr eine ausdrucksvolle Verbeugung. Sie blieb stehen, sah ihn an und lächelte schelmisch.
»Es ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Herr Treu, mich mit den köstlichen Blumen zu bedenken. Tausend Dank!«
»Blumen …?« Der Poet starrte sie wild an. »An den Blumen bin ich, weiß Gott, unschuldig, wenn Sie aber, gnädigstes Fräulein, meine Verse für Blumen zu nehmen geneigt sind, so habe ich nur zu danken!«
Von nun an änderte sich das Bild. Sibylle fand jetzt Verse, die in hergebrachten Reimen hergebrachte Gefühle schüchtern zum Ausdruck brachten, und Wiesenblumen, ungeschickt zusammengestellt und in solcher Menge, daß ihre Schuhe bis in die Spitzen hinein damit vollgepfropft waren. Die Verehrer hatten ihre Rollen getauscht, und die Beteiligten, Sibylle mit eingeschlossen, befanden sich im Nachteil dabei.
Wie das so oft im Leben zu gehen pflegt, daß die Mühen einzelner Personen nicht gewertet werden und andere, die sich nach keiner Richtung besonders hervorgetan haben, ihnen den Rang ablaufen, so geschah es auch hier zum Kummer der beiden Liebenden.
Sibylle lernte einen Offizier kennen, der mit Arno in einem Regiment diente und sofort allein dadurch ihr Interesse erweckte. Freiherr v. Zur-Linden, ein hagerer, überschlanker Leutnant mit aufgewecktem Gesicht und treuherzigen blauen Augen, wurde oft mit Sibylle von den unglücklichen Nebenbuhlern erspäht, wenn er im Gespräch mit ihr die Parkgänge auf und nieder wandelte.
Sibyllens Interesse wuchs, als sie hörte, daß er auch Arnos Braut kannte. Er mußte ihr von Ella Bevern erzählen. Und er erzählte so geschickt, daß seine Schilderungen stets ein unausgesprochenes Kompliment für seine Zuhörerin enthielten.
So hatten sich die beiden jungen Menschen einander unwillkürlich genähert, doch wie unbefangen und ruhig auch Sibylle blieb – der Leutnant hatte sich trotz seines wohlgezügelten Temperaments über Hals und Kopf in sie verliebt. Sie trafen einander wieder und wieder. Er kannte die Wege alle, die Sibylle zu wandern liebte, und er stellte sein Wild wie nur ein geübter Jäger. An einem heißen Sommertage trat er ihr aus einem Boskett entgegen, in das sie sich vor der Schwüle des Tages mit einem Buche zurückziehen wollte.
Er sah hagerer und leidender aus denn je.
»Ist Ihnen heute nicht gut, Herr von Zur-Linden?« fragte Sibylle teilnehmend.
»Seit einem Augenblick geht's mir ausgezeichnet.«
Sie sah in sein gequältes Gesicht, und ihr wurde weh zumute.
»Ich habe mich oft gefragt,« begann er leise und entschlossen, »ob das Interesse, das Sie meinem Kameraden Wolf-Rüdinghausen schenken, nicht so stark ist, daß es anderen Empfindungen hinderlich sein könnte.«
Es schien, als habe er sich diesen Satz wohl einstudiert.
Sibylle war blaß geworden. »Ich verstehe nicht,« sagte sie verwirrt, »ich … es ist nur eine Kinderfreundschaft, ich habe Arno seit seinem dreizehnten Jahre nicht wieder gesehen.«
»Bei Ihrer Veranlagung, Komtesse – es gibt Tiefen, die ein gewöhnlicher Sterblicher nicht zu ermessen vermag –«
Das junge Mädchen zuckte zusammen und schlug die Augen nieder. »Ich weiß nicht …« murmelte sie hilflos, »bin ich denn –?«
»Sie sind eigenartig, einzig – wie im Traum leben Sie Ihr Leben dahin – wie eine geheimnisvolle Blume – und dennoch wissen Sie, was Sie wollen.«
»Was ich will?« wiederholte Sibylle und sah ihn mit erschreckten Kinderaugen an, »ich will ja nichts Besonderes – nur in meiner Art sein, in meiner Art – leben –, das tut doch ein jedes,« setzte sie etwas kühner hinzu, mit einem zarten Lächeln, das über ihre Züge hinrieselte.
»Ihre Art zu sein, ist mir heilig, Sibylle –« er stockte, »soll mir heilig sein bis ans Ende, wenn Sie, o Sibylle, sprechen Sie nur ein Wort, sagen Sie, daß Sie mir ein wenig gut sind, daß Sie mein Kleinod, meine Frau sein wollen!«
»Ihre … Frau?«
Ihre Augenwimpern zitterten, ihr Gesicht zuckte. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und sah mit starren Augen vor sich hin. »Ich bin Ihnen recht gut,« flüsterte sie, »aber das, das – kann ich nicht.«
Er trat einen Schritt zurück. »Ich wußte es ja!« sagte er schwer.
Sibylle kam ihm näher und legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm. »Bitte, bitte, seien Sie mir nicht böse … aber nicht wahr, was man nicht aus vollem Herzen tun kann, das soll man nicht. Ich bin Ihnen herzlich gut wie einem Kameraden, mehr ist nicht in mir und –« Sie brach in ein leises, kummervolles Weinen aus. – –
Einige Tage später saß Sibylle allein in dem efeuumrankten Boskett, grübelte und sann. Der Leutnant war in der Morgenfrühe ohne Abschied abgereist. Die poetischen und Blumengaben waren seltener geworden. Scheu und vorwurfsvoll suchten die beiden bekümmerten Jünglinge die schöne Ursache ihres Leides zu meiden. Sibylle kam sich auf einmal frei und erleichtert vor, und doch …
Der Laubeneingang verdunkelte sich. Ein altes Fräulein, das Sibylle gern mochte, auch eine Rekonvaleszentin, hüstelte und trat ein wenig näher. »Störe ich Sie nicht, mein liebes Kind?«
Sibylle war aufgesprungen. »O nein … bitte.«
Die alte Dame setzte sich neben sie und streichelte zärtlich ihre Hände. »Ja, ja,« sagte sie dabei und nickte, »ja ja.« Ihre weißen Lockenwickel zitterten. »Ich habe Ihnen auch einen Gruß zu bringen –«
»Von Leutnant Zur-Linden?« fragte Sibylle.
Die alte Dame nickte wieder und fuhr fort, die jungen Mädchenhände zu streicheln. Ihre zarte Art griff Sibylle ans Herz. Gedämpft und voll eines plötzlichen Vertrauens, das sie sich nicht zu erklären wußte, begann sie zu sprechen.
»Es ist so unbegreiflich, so schmerzlich …« murmelte sie stockend in die heiße Sommerluft hinein, »man will doch niemandem wehe tun und tut doch wehe. Da kommen sie und bringen einem Blumen und Verse und sind betrübt und enttäuscht und reisen ab, wo es für ihre Gesundheit gut wäre, die Kur zu Ende zu brauchen, und quälen sich und andere …«
Das alte Fräulein nickte wieder und sah sie gütig an. »Ist es denn eine so schwere Last, Liebe zu erwecken? Ja ja, ich verstehe, wenn man selbst nicht –«
»Ja!« rief Sibylle, »und ach, ich weiß nicht … vielleicht kann ich überhaupt nicht … ich muß doch sein, wie ich bin!«
»Sie haben Ihr eigenes Leben und Ihren eigenen Maßstab, Kindchen, da haben Sie recht. Aber das Leben liegt noch vor Ihnen, und es kann gut und schön werden so oder so. Wir Alten – wir sind über all das hinaus; für uns haben sich die goldenen Tore des Lebens geschlossen, was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist wie Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt haben. Wie in einem winterlichen Silbergarten stehen wir, bereifte alte Bäume, und schauen nach innen und träumen und warten …«
»Ach ja!« seufzte Sibylle, »so gerade, so ist mir's auch, das kenn' ich so gut.«
»Sie …?« Die alte Dame sah sie grübelnd an und lächelte mild. »In unseres Herrgotts Garten wachsen verschiedene Bäume und Blumen,« sagte sie leise. »Jedes hat sein Recht und seine Art, da läßt sich nichts dreinreden. Es gibt Blumen, die nur einmal blühen, aber zum Blühen und zur Vollendung soll ein jedes kommen, früher oder später. Sieh da – Sibylle, ist das nicht Ihre Mutter, die Sie sucht?«
Sibylle trat vor den Laubeneingang und schaute hinaus. Die Gräfin stand an der Biegung eines Parkweges, hielt die Hand über die Augen gebreitet und spähte umher. »Sibylle!« rief sie.
»Ja, Mama, ich komme!« Dann eilte das junge Mädchen noch einmal in die Laube zurück, beugte sich über die Hand der alten Dame und küßte sie. »Ich danke Ihnen.« – –
Nach Zur-Lindens Abreise gestaltete sich das Verhältnis der Eltern zu Sibylle liebevoller als je. Sie hatte der Mutter offen von seinem Antrage erzählt. Glaubte das Ehepaar, seinem Kinde für den jugendlichen, sympathischen Verkehr, der mit Zur-Linden verloren gegangen war, einen Ersatz bieten zu müssen, oder war den Eltern bewußt geworden, daß sie Sibylle schwerlich lange für sich allein würden behalten dürfen, kurz, das Zusammenleben der drei war von erquicklicher Harmonie und Innigkeit.
Auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Wie ein kostbares Kleinod, das fremden Augen nicht preisgegeben werden durfte, hüteten und wahrten diese drei Menschen den Schatz ihrer gegenseitigen Liebe und ihres Verständnisses füreinander.
Der Graf hatte für Sibylle als Überraschung daheim ein Jungmädchenzimmer von auserlesener Zartheit herrichten lassen, das Sibylle bewundernd ihr Silberparadies nannte. Es war in der Tat ein solches. Silberweiß die Wände und weißlackiert die Möbel, selbst die Bücher im zierlichen Schrank waren in weißes Leder gebunden. Duftige Fenstervorhänge und eine schwere, weißseidene Portiere schlossen diesen festlich-anmutigen Raum vor der übrigen Welt ab.
Hier stand Sibylle oft träumend an einem der Fenster und blickte in die Winterpracht hinaus. Im Frühjahr, Herbst und Winter, wenn die Bäume noch nackt aufragten, konnte sie von ihrer Höhe einen See erspähen, der wie ein unheimliches Auge in den grauen Wolkenhimmel emporstarrte oder an schönen Tagen die Bläue des Himmels glitzernd widerspiegelte. An diesen See knüpfte sich eine Sage: alle zehn Jahre, hieß es, müsse er sein Opfer haben, und Sibylle erinnerte sich, als Kind von einem blinden Manne gehört zu haben, der beim Überschreiten des Eises eingebrochen und ertrunken war. Jenseits des Sees lag ein Gutshof, in den jetzt das Glück eingekehrt war. Die älteste Tochter des Freiherrn v. Wrede hatte sich verlobt.
Der gesellschaftliche Verkehr beschränkte sich hauptsächlich auf diese Familie Wrede und den alten Pastor, der Sibylle konfirmiert hatte, und dem sie herzlich zugetan war.
Wenn der verwitwete alte Herr mit dem klugen, ehrwürdigen Gesicht ins Schloß kam, war's immer eine Freude für Sibylle, und die beiden pflegten sich in einer Art zu unterhalten, die an das Gespräch mit dem greisen Fräulein im Sanatorium erinnerte. Pastor Büttner behauptete oft der Gräfin gegenüber, er erbaue sich an der Weise Sibyllens, die eine stille Naturfrömmigkeit zum Ausdruck bringe, mehr als an den frommen Redensarten seiner anderen Gemeindeglieder.
»Lieber Herr Pastor,« sagte Sibylle einmal nachdenklich, »warum fürchten die Menschen den Tod, da er doch nur ein Übergang ist? Sterben wir nicht alle viele Male, wenn wir aus einem Zustande in einen anderen übergehen? Stirbt nicht die Natur, um zu leben? Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich fühle mit dem Wasser, wenn es langsam zu Eis erstarrt; mir ist, als sei ich mitten unter den absterbenden Herbstblättern, und ich bin auch wieder in den jungen treibenden Knospen – ich fühle mich als sie, und mir ist, als wüßten alle diese Dinge viel mehr und als seien sie viel weiser als wir Menschen.«
Der alte Geistliche wiegte den grauen Kopf, sah das junge Mädchen sinnend an und sagte sanft: »Sie denken mit dem Herzen, Sibylle, und darum sind Sie reich – wie die Kindlein, derer das Himmelreich ist. Aber warum meinen Sie, daß die Dinge weiser sind als wir?«
»Sie widerstreben nicht, sie tun, was die Jahreszeit von ihnen will und ihre eigene Art,« antwortete Sibylle. »Wir Menschen aber, wir wollen uns nicht fügen – das ist ja auch manchmal sehr schwer,« fügte sie entschuldigend mit einem verirrten Lächeln hinzu.
Im Laufe dieses Winters ward Sibylle von seltsamen Träumen heimgesucht, die sich ihr mit außerordentlicher Deutlichkeit einprägten. Insbesondere war es ein immer wiederkehrender Traum; sie sah ihm mit einem Gefühl von Unruhe, ja Angst entgegen, weil er immer, in derselben ihr unbekannten Gegend anhebend, sich mit wenigen Veränderungen abspielte und ihr ein schweres Wehegefühl hinterließ. Sie stand in einer hohen Felsschlucht, auf einer schwebenden Brücke, unten kochte der Gebirgsbach, oben sah der freie Himmel hinein, und zu beiden Seiten wand sich die Schlucht in einen finsteren Grund weiter. Neben ihr, auf der Brücke, stand ein Mann in einem dunklen, faltigen Mantel, und sie hörte ihn die Worte sprechen: »Natur und eine geliebte Menschenseele – welch ein wundervoller Zusammenklang!« Dann aber, wie sie sich nach ihm umsah, war sie allein auf der Brücke, und unten in der tosenden Tiefe sah sie sehnsüchtige Hände, die nach ihr langten und sie nicht fassen konnten. Und es war ihr, als seien es die Hände ihrer Eltern. Sie sprach zu niemand von diesem furchtbaren Gesicht. Die Worte des alten Fräuleins fielen ihr ein: »Was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist nur Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt.« War nicht auch Traum und Schatten, was man vor sich sah? Sibylle wußte es nicht.
Inzwischen begann man sich zur Hochzeit Selma Wredes zu rüsten. Da Sibylle Brautschwester sein sollte, so gab das eine angenehme Geschäftigkeit. Immer wieder fand die Gräfin etwas an den Toiletten zu verändern und zu vervollkommnen. Schneiderinnen bekamen alle Hände voll zu tun, und auch die Gräfin fand noch eine wehmütige Freude daran, sich selber zu schmücken. Botschaften gingen über den See hin und her.
Endlich war alles, wie man es sich wünschen konnte, und strahlend in Heiterkeit und Anmut, trat die Mutter am Hochzeitsmorgen Selma Wredes in Sibyllens Stübchen. Wie erschrak sie, als sie ihr Kind mit dunkelumränderten, fiebrigen Augen im Bett sitzen sah.
»Sibylle, was ist?«
»Ach, Mamachen, nichts von Bedeutung, aber ich fürchte, ich werde das Fest nicht mitmachen können, ich habe die ganze Nacht durch Halsschmerzen gehabt.«
Bestürzt beugte sich die Mutter zu Sibylle nieder und faßte ihre Hände. »Du fieberst ja, Kind!«
Sibylle lächelte, bog sich zurück und küßte die Hand ihrer Mutter. »Nein, küsse mich nicht, Mama, ich könnte dich anstecken – wahrscheinlich nur eine gewöhnliche Halsentzündung.«
Der Arzt ward geholt und bestätigte Sibyllens Annahme. Die Sache sei durchaus nicht gefährlich, natürlich aber dürfe die Komtesse nicht ausfahren.
Nun wollte auch die Gräfin zu Hause bleiben, aber Sibylle ließ ihr keine Ruhe, das würde Selma doch zu sehr enttäuschen. Sie bat und flehte, bis ihre Mutter endlich nachgab und auf das Fest zu gehen versprach. Vor Sibyllens Augen ließ sich die Gräfin von der Jungfer ankleiden, obwohl ihr die Freude an dem Tage gänzlich verdorben war.
»Was habe ich noch für eine schöne, junge Mama!« sagte Sibylle zärtlich mit feucht glänzenden Augen – »wie heller Flieder bist du, laß dich von allen Seiten anschauen! Und Väterchen soll sich auch präsentieren!«
Betrübt nahmen die Eltern Abschied, und Sibylle horchte angestrengt auf die verhallenden Schlittenglocken.
Eine halbe Stunde etwa mochte vergangen sein, als Sibylle von einer grauenvollen Unruhe befallen ward. Unheimlich kroch eine Angst, die sie sich nicht zu erklären vermochte, über ihre Glieder und schüttelte sie. Von Schauern durchrieselt, warf sie sich in ihrem Bett hin und her, ächzend richtete sie sich auf, langte mühsam nach einem Schal, hüllte sich hinein und starrte verloren vor sich hin. Was sie empfand, war nahezu Verzweiflung – warum? weshalb? Sie wußte es sich nicht zu erklären. Ich bin doch kränker als ich glaubte, dachte sie; gut, daß es Mama nicht gemerkt hat!
Vor Erschöpfung schlief sie endlich ein.
Als sie erwachte, war es heller Tag. Sie griff erschreckt nach der Glocke, um dem Mädchen zu klingeln. Es war doch unerhört, daß sie die Rückkehr ihrer Eltern verschlafen hatte! Aber kaum schrillte der Glockenton durch das Haus, als im Zimmer nebenan ein erregtes Flüstern hörbar wurde – Sibylle vernahm ein Huschen, ein unterdrücktes Räuspern, die Tür ward aufgeklinkt, der weiße Vorhang beiseite geschoben, und vor ihr stand der alte Pastor.
Er sah feierlich und so blaß aus, daß Sibylle ihn entsetzt anstarrte.