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MAZEDONIEN


KIRCHE IM KLOSTER NERESI BEI ÜSKÜB.

MAZEDONIEN

ERLEBNISSE UND BEOBACHTUNGEN
EINES NATURFORSCHERS
IM GEFOLGE DES DEUTSCHEN HEERES

VON

Dr. FRANZ DOFLEIN
o. ö. PROFESSOR DER ZOOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT BRESLAU

MIT 279 ABBILDUNGEN IM TEXT
UND 4 FARBIGEN UND 12 SCHWARZEN TAFELN

JENA
VERLAG VON GUSTAV FISCHER
1921

ALLE RECHTE VORBEHALTEN

DEN MANNSCHAFTEN, ÄRZTEN UND OFFIZIEREN
DES MAZEDONISCHEN HEERES
GEWIDMET

VORWORT

Wie nach meiner amerikanischen und ostasiatischen Reise, war es nach meinem Aufenthalt in Mazedonien in den Jahren 1917 und 1918 mir ein seelisches Bedürfnis das, was ich dort erlebt und erfahren hatte, in einem Werk zusammenzufassen. Vielleicht ist es mehr eine künstlerische Neigung, welche sich in dem Drang ausspricht, einem großen, nachhaltigen Erlebnis eine Form zu geben; dem Gelehrten, dem Naturforscher hätte es näher gelegen, die Bearbeitung aller Forschungsresultate abzuwarten, um nach einer Reihe von Jahren die Gesamtergebnisse zusammengefaßt vorzulegen.

Überlegungen zweierlei Art waren es, welche mich veranlaßten, kurz nach meiner Heimkehr an die Ausarbeitung und Darstellung von Mazedonien heranzutreten. Zunächst, wie bei meiner „Ostasienfahrt‟ der Wunsch, noch unter dem frischen Eindruck meiner Erlebnisse die geeignetste Form der Darstellung zu finden. Während noch die Buntheit der Landschaften, die Bewegtheit der Vorgänge ungealtert in meinem Bewußtsein hafteten, sollten sie Gestaltung finden.

Dazu kam die Verpflichtung gegenüber den einstigen Angehörigen der mazedonischen Armee, die mir draußen soviel geholfen hatten, ihnen ein zusammenfassendes Bild des Landes zu geben, in welchem sie Jahre ihres Lebens in treuer Pflichterfüllung verbracht hatten, in militärischem Dienst, als Ärzte und Beamte. Es gibt keine solche Darstellung in deutscher Sprache; es ist doch eine merkwürdige Tatsache, daß Mazedonien in Europa vor dem Kriege zu den unbekanntesten Teilen der Erde gehörte, und daß es keine zusammenfassende Schilderung dieses Landes gab. Ich habe das Bewußtsein, durch mein Buch ein Stück von Europa, welches bisher nur einem kleinen Kreis von Spezialisten mehr oder minder bekannt war, vor den Augen einer größeren Öffentlichkeit zu entschleiern.

Was die Resultate der Forschungen anlangt, so ist an ihnen während des Krieges eine größere Anzahl von Fachleuten in den verschiedensten Wissenszweigen beteiligt gewesen. Deren Veröffentlichung wird sich auf Jahrzehnte erstrecken. Das konnte und wollte ich nicht abwarten. Die zoologischen Ergebnisse konnten sich dank der Mitarbeit zahlreicher Fachmänner soweit sichten lassen, daß ein Überblick über sie in meinem Buch gegeben werden konnte. Auch von den botanischen Forschungen stand mir alles, was für meine Darstellung wesentlich war, durch das kollegiale Entgegenkommen von Prof. Bornmüller zur Verfügung. So war ich in der Lage, in einem Naturforscherbuch ein Bild des Landes, einen Umriß der Probleme, die dem Biologen das Zentrum der Balkanhalbinsel bietet, zu entwerfen.

Dabei bin ich einer ganzen Reihe von Mitarbeitern zu Dank verpflichtet. Diejenigen, welche draußen mitwirkten, sind in den einzelnen Kapiteln genannt, so auch die verschiedenen Gelehrten, welche mitgebrachtes Material schon so weit bearbeiteten, daß die Resultate angeführt werden konnten.

Für die Durchführung der Expeditionen bin ich außer der Heeresleitung, deren Entgegenkommen an vielen Stellen des Buches hervorgehoben ist, dem badischen Kultusministerium und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für Zuweisung von Geldmitteln zu Dank verpflichtet, welche einige der Gebirgsexpeditionen ermöglichten. Ersterem habe ich ferner die Großzügigkeit bei der Urlaubsgewährung zu danken.

Der reiche Bilderschmuck des Buches besteht meist aus von mir selbst gefertigten photographischen Aufnahmen von Landschaften und Naturgegenständen. Dazu kommen vier farbige Bilder nach meinen Aquarellen. Eine Anzahl Photographien verdanke ich den Kameraden beim Mazedonischen Heer Dr. Laser, Dr. Burmester, Dr. Nachtsheim, Prof. Müller, Dr. Gripp, Dr. Hansen, Dr. Frischholz. Ihnen allen sei an dieser Stelle gedankt. Manche nicht im Text genau nach Urheber bezeichnete Bilder rühren von Soldaten her, deren Namen ich nicht weiß, oder haben andere mir unbekannte Urheber. Das sind aber nur einige wenige. Die Tierbilder sind von den Frls. Gottschalk, Schönfeld und Limprecht, die meisten von dem Maler P. Rose angefertigt.

Meinem Verleger Dr. Gustav Fischer bin ich für sein Entgegenkommen bei der Ausstattung des Werkes, die heutzutage etwas ganz Besonderes darstellt, sehr zu Dank verpflichtet.

Breslau, im November 1920.

INHALTSVERZEICHNIS.

Seite
Erstes Kapitel:Im Wardartal. Frühling in Mazedonien[1]
Zweites Kapitel:Kaluckova und das Forscherhaus[10]
Drittes Kapitel:Die Ebene von Hudova[26]
Viertes Kapitel:Mravinca und sein Feldlazaret. Mazedonische Schildkröten und Fische[42]
Fünftes Kapitel:Die Plaguša Planina[57]
Sechstes Kapitel:Das Nikolatal[78]
Siebentes Kapitel:Fahrt ins Gebiet der Mala Rupa[96]
Achtes Kapitel:Regenwürmer und Ackererde in Mazedonien[119]
Neuntes Kapitel:Das geliebte Veles[130]
Zehntes Kapitel:Am Doiransee[141]
Elftes Kapitel:Die mazedonischen Ameisen und ihre Bauten[158]
Zwölftes Kapitel:Die Schluchten des Balkan[182]
Dreizehntes Kapitel: Im Hain Mamre. Strumiza. Belasiza Planina. Gewgeli[198]
Vierzehntes Kapitel:Die Expedition in den Schardakh[116]
Fünfzehntes Kapitel:Die Bevölkerung Mazedoniens[245]
Sechzehntes Kapitel:Üsküb als Standquartier[256]
Siebzehntes Kapitel:Die Bulgaren in Mazedonien[270]
Achtzehntes Kapitel:Der Tschifflik von Bardovce[284]
Neunzehntes Kapitel:Beobachtungen an mazedonischen Spinnen[301]
Zwanzigstes Kapitel:Das Chrombergwerk von Radusche[319]
Einundzwanzigstes Kapitel:Der Katlanovosee[324]
Zweiundzwanzigstes Kapitel:Besuch bei den Albanern[335]
Dreiundzwanzigstes Kapitel:Der Wodno, die Treskaschlucht und das Kloster Markova[341]
Vierundzwanzigstes Kapitel:Neresi (Über die Kirchen, Klöster und Feste der Mazedonier)[354]
Fünfundzwanzigstes Kapitel:Bienen Mazedoniens[369]
Sechsundzwanzigstes Kapitel:Die Erforschung der Golesniza Planina[380]
Siebenundzwanzigstes Kapitel:Stip und das Ovče Polje[421]
Achtundzwanzigstes Kapitel:Klima und Seuchen in Mazedonien[431]
Neunundzwanzigstes Kapitel:Prilep und seine Pässe (Babuna und Pletwarpaß)[448]
Dreißigstes Kapitel:Ameisenlöwen[473]
Einunddreißigstes Kapitel:Krusevo als Aromunenstadt[484]
Zweiunddreißigstes Kapitel:Gopes[492]
Dreiunddreißigstes Kapitel:Sommer in Mazedonien[502]
Vierunddreißigstes Kapitel:Der Peristeri. Die mazedonischen Alpen516
Fünfunddreißigstes Kapitel:Am Prespasee[530]
Sechsunddreißigstes Kapitel:Ritt über den Tomoros[536]
Siebenunddreißigstes Kapitel:Die Wirbeltiere Mazedoniens[543]
Achtunddreißigstes Kapitel:Ochrida[554]
Neununddreißigstes Kapitel:Der Ochridasee[566]
Vierzigstes Kapitel:Ende des Feldzuges und der Forschungarbeiten in Mazedonien[586]
Anmerkungen zu den Kapiteln [580]

ERSTES KAPITEL

IM WARDARTAL.

FRÜHLING IN MAZEDONIEN.

In den ersten Tagen des Monats Mai 1917 trug mich der Balkanzug südwärts durch das Moravatal Mazedonien entgegen und damit nahte für mich die Erfüllung eines Herzenswunsches. Ich durfte meine eigene Wissenschaft, meine Arbeitskraft in den Dienst meines Vaterlandes stellen! Als Naturforscher wurde ich von der deutschen Heeresgruppe nach Mazedonien gerufen, um dort ihre Zwecke durch Forschungen in meinen Arbeitsgebieten zu fördern.

Ein kurzer Aufenthalt in Nisch, der alten Hauptstadt Serbiens, führte mich in die Kreise der Etappeninspektion XI ein, deren Kommandeur, Generalleutnant von Krane mich als frischer Soldat mit starkem Interesse und vollem Verständnis für meine Absichten empfing. In seinem Stab traf ich mit Generaloberarzt Ludolf Brauer, dem beratenden inneren Kliniker der Heeresgruppe, dem Direktor des Eppendorfer Krankenhauses in Hamburg, zusammen. Er war der Geschäftsführer der neu begründeten Mazedonischen Landeskundlichen Kommission beim Oberkommando Scholtz; ich war als eines der ersten Mitglieder auf dem Kriegsschauplatz erschienen und beriet sofort die Organisation unserer Kommission mit ihm. Ich erfuhr, daß ich in voller Freiheit meine Pläne durchführen könne und daß mir nur der Wunsch ausgesprochen würde, ich möge mich durch Forschungen auf zoologischem Gebiet auch an der Bekämpfung der für unser Heer so gefährlichen Seuchen beteiligen.

Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen, über Üsküb ins südliche Wardartal zu reisen und mir dort in der für meine Forschungen geeignetsten Gegend als Gast des deutschen Heeres ein Standquartier auszusuchen. Überall, wo ich mit Heeresstellen in Berührung kam, fühlte ich Verständnis und Entgegenkommen heraus, und machte mich mutig auf den Weg.

Schon von Nordserbien aus war es deutsche Militär-Eisenbahn, der ich mit meiner wissenschaftlichen Ausrüstung anvertraut war. Die Militär-Eisenbahn-Direktion 7 mit ihrem so pünktlichen und sicheren Verkehr habe ich bei den Reisen der nächsten zwei Jahre bis zum traurigen Abschied von Mazedonien stets gesegnet. Aber jetzt bei der Ausreise südwärts schien nicht alles von vornherein sicher und glatt vor sich gehen zu sollen. Serbische Banden waren tags vorher bei Ristowac aufgetaucht, gut bewaffnet und von serbischen Offizieren geführt. Sie hatten die Eisenbahnbrücke zerstört und es hatte an der Eisenbahnstation ein regelrechtes Gefecht stattgefunden, welches von dem alten, begeisterten deutschen Bahnhofskommandanten siegreich geführt worden war. Die Serben hatten 20 Mann und einen Offizier von ihren etwa 300 Mann tot am Platze gelassen, während auf unserer Seite auch 11 Bulgaren und 5 Deutsche gefallen waren. So wurde mir denn gleich zum Bewußtsein gebracht, daß meine Tätigkeit auf einem Kriegsschauplatz sich vollziehen sollte.

Als ich in Ristowac ankam, war die Brücke schon wiederhergestellt, wir konnten glatt durchfahren. In den Bergen brannten mehrere Dörfer als Folgeerscheinung einer bulgarischen Strafexpedition, bei der ein ganzes Armeekorps gegen die ziemlich zahlreichen serbischen Banden aufgestellt war. Es war eine von unseren Gegnern von Saloniki aus eingeleitete Aufstandsbewegung größeren Stils, welche zeitweise sogar Nisch bedrohte, von den Bulgaren aber blutig unterdrückt wurde. Im Eisenbahnzug hörte ich von den deutschen Offizieren schon mancherlei Bemerkungen über die grausame Kriegführung der Bulgaren.

Die Reise ging aber durch die Ereignisse unbehindert weiter. Ich kam auch im Angesicht der reizvollen Landschaft nicht dazu, mich über die militärischen und politischen Angelegenheiten weiter zu unterrichten. Die Bahn fährt das Moravatal hinauf. Der Fluß führte damals reichlich durch Regengüsse gelbbraun gefärbtes Wasser. In vielen Windungen laufen Fluß und Bahn durch ein sehr reizvolles Tal, dessen Wände von Bergen mittlerer Höhe gebildet sind. Die ausgedehnten Buchenwälder standen in sommerlicher Pracht; die Felder waren gut bepflanzt, das Getreide schon hoch, Weißdorn blühte, die Obstbäume waren schon abgewelkt, in Sümpfen standen gelbe Schwertlilien. Im ganzen erinnerte die Landschaft an sommerliches Mitteldeutschland, etwa an Thüringer Flußtäler.

Der Fluß wurde kleiner, die Landschaft immer sommerlicher, höhere Bergketten traten im Süden auf, zum Teil noch mit Schnee bedeckt. Schließlich verließ die Bahn das Moravatal, überschritt die Wasserscheide und trat in der Nähe von Kumanovo in das mazedonische Gebiet ein, was sich in dem ganzen Charakter der Landschaft kundgab. Die Berge waren zurückgetreten, eine weite Ebene breitete sich aus. Wald fehlte hier, während die Felder schon einen vorgeschrittenen Zustand aufwiesen, Gerste und Roggen standen mit fertigen Ähren, einzelne blühende Mohnfelder verrieten den südlicheren Charakter des Landes.

Weite Getreideäcker, Obsthaine und Dörfer mit Lehmhütten füllten die Ebene, die der Zug durchfuhr, um die Stadt Üsküb, slawisch Skopje genannt, zu erreichen. Bei der Einfahrt überraschte der Wardar als breiter Fluß, Minarets, Moscheen und die hochragende Zitadelle gaben der Stadt ein orientalisches Gepräge. Das malerische Bild der Gebäude wurde sehr gehoben durch die Menge stattlicher Pappeln, die sich hinter den Häusermassen erhoben; rings um die Stadt ziehen sich Ketten von schöngeformten Gebirgen, von denen einige jetzt Mitte Mai noch tief beschneit waren. Vor ihnen dehnt sich eine hügelige Ebene voll reicher Pflanzungen aus.

Von dem bunten orientalischen Leben Üskübs, von dem ich in einem späteren Kapitel erzählen werde, riß ich mich bald los, um zu meinem Standquartier zu gelangen, in welchem ich mich für mehrere Wochen niederlassen wollte. Zu diesem Zweck reiste ich wardarabwärts mit der Bahn nach Süden. Diese bleibt immer nahe am Wardar, so daß man bei der Fahrt einen guten Überblick über dessen Lauf gewinnt. Sie führt zuerst durch das weite Becken von Üsküb, in welches der Wardar von Westen eintritt, nachdem seine Wassermasse durch den Zufluß der Treska ganz erheblich vermehrt wurde. Etwa bei Selenikovo tritt der Fluß in die Enge von Veles, die sich bis Krivolac hinzieht. Hier fließt der Wardar durch eine wechselvolle Landschaft mit vielen malerischen Schönheiten. Prachtvolle enge Schluchten mit steilen Felswänden wechseln mit breiteren Talstellen, in denen ein oft üppiger Baumwuchs absticht von der Öde und Kahlheit, die sonst für den vom Norden kommenden Reisenden das auffallendste Merkmal Mazedoniens zu sein scheint. Im Westen sieht man hohe Berge aufragen, auch diese (jetzt Mitte Mai) noch tief im Schnee. Damals schon faßte mich die Sehnsucht, diese wie Alpen sich darstellenden Gebirge zu erforschen, ein Wunsch, den das nächste Jahr mir erfüllen sollte. Auch die eigenartige Pflanzenwelt der Talwände lockte schon bei der Durchreise zum Aussteigen. Ich werde von ihr später mancherlei zu erzählen haben.

Kurz vor Veles erweitert sich das Tal und gestattet wieder Ausblicke westwärts auf die Gebirge, über welche die Pässe gegen Prilep und Monastir führen. Schon dicht bei der Stadt Veles wird das Flußbett des Wardar wieder fast zur engen Klamm. Die Stadt klettert in malerischer Schönheit die Felsenhänge hinan; enge Gassen münden in die Seitenschluchten, Minarets erheben sich über die roten Ziegeldächer der untereinander sehr gleichartigen Häuser, in Felsspalten erscheinen weiße Klöster eingebaut. Von all diesen Steinmassen der Berge und Häuser strahlt pralle Hitze ins Tal und läßt auf den kahlen Felsen keine Pflanzenwelt aufkommen. Im Fluß drehen sich schlanke Räder, welche Wasser zur Bewässerung der Felder in die Höhe schöpfen.

Bis Krivolac, wo die Bulgaren den Franzosen im Jahre 1916 eine ordentliche Niederlage beigebracht haben, fährt der Zug vielfach an kahlen Bergen entlang, die einen öden, menschenleeren Eindruck machen. Gradsko, das riesige Lager mit seinen Magazinen, Baracken und Zelten, von Staubwolken verdüstert, machte keinen freundlichen Eindruck.

Am Bahndamm sah man schon in Serbien, wie jetzt an der ganzen Strecke bulgarische Soldaten als Bahnbewachung. Kleine elende Häuschen aus Lehm und Stroh waren von Stacheldraht und seichten Gräben umgeben, die gegen einen Bandenüberfall wohl nur ein mäßiger Schutz gewesen wären. Die bulgarischen Landsturmsoldaten in ihren zerrissenen, schmutzigen Uniformen waren zunächst nicht geeignet, einen günstigen Eindruck von ihrem Volke zu erwecken.

Südlich von Krivolac durchläuft die Eisenbahn mit dem Wardar ein weites Becken, welches von einem Kranze kahler Berge eingeschlossen ist. Nur in weiter Ferne sieht man im Südwesten die schönen Formen schneebedeckter Berge hervorragen. Die näher liegenden Berge zeigen an ihren Hängen alle Zeichen einer weitgehenden Erosion. Steile Abstürze mit den scharfen Schatten der vom Regenwasser gerissenen Schluchten strahlten im Scheine der Nachmittagssonne in den stärksten Farben: ziegelrote, orangegelbe und violette neben braunen und weißen Hängen. Ein geradezu phantastisches Bild: bizarre Formen und eigenartige grelle Farben. Das waren ganz ungewohnte Landschaftsbilder, die mich an Gegenden erinnerten, wie ich sie in Mexiko und am Roten Meer gesehen hatte.

Vor den Bergen dehnte sich eine gutbebaute Ebene aus, deren Gerstenfelder schon leise gelblich zu schimmern begannen; die zahlreichen Mohnpflanzungen waren im Verblühen, an manchen Stellen waren die Kapseln schon gut entwickelt.

Zug und Landstraße gingen direkt auf steile hohe Felsenwände zu; das tat auch der Wardar, der sich in diese Felsen eine steilwandige mächtige Schlucht gegraben hat. Es ist Demir-Kapu, das Eiserne Tor von Mazedonien. Durch gelbrote Wände hat der Fluß sich gearbeitet, die so steil aus seinem Wasser aufragen, daß Straße und Bahn nur durch Tunnels hier an ihm vorbeigeführt werden können. Wir werden diese eigenartige, grandiose Landschaft des Wardardurchbruchs später noch genauer kennen lernen.

Abb. 1. Blick von den Felsen von Demir-Kapu über die Steppe von Krivolac.

Einige hundert Meter ist diese Flußwildnis lang; hinter ihr treten die Berge nicht stark zurück und zeigen immer noch schöne wildzerissene Steilwände. Täler münden von beiden Seiten ein, die zum Teil in schön bewaldete Mittelgebirge führen. Hier durfte ich als Naturforscher interessante Beobachtungen erwarten. Aber schnell führte mich der Zug jetzt an diesen Tälern vorbei, an Dörfern, die im Schatten von Obstbäumen und Pappeln friedlich lagen, an mächtigen Schotterbänken entlang, welche die Bäche aus den Seitentälern zum Wardar geschwemmt hatten und die von der Wucht der in diesem Gebiet herrschenden Naturkräfte zeugten.

Abb. 2. Demir-Kapu, Eisernes Tor Mazedoniens. Wardardurchbruch von Norden.

In der Ferne sah man das Tal in eine weite Ebene ausmünden, die im Süden sich wieder zu einem Bergpaß schloß. Es war die Ebene von Hudova, die mich jetzt für einige Monate beherbergen sollte. Wir liefen in den Bahnhof von Hudova ein den ein ungeheures Barackenlager umgab. Dies war das letzte große Etappenlager vor der Front gegen Saloniki. Etwa 100 km von Hudova aus gegen Süden und Südosten erstreckt sich noch das Wardartal, bis der Fluß westlich Saloniki ins Ägäische Meer mündet. An die Ebene von Hudova schließt sich noch ein Schluchtgebiet des Wardar an, hier von weniger stattlichen Bergen eingeschlossen. In Friedenszeiten wäre die Bahn bis Saloniki durchgelaufen. Jetzt fand sie in Miletkovo ihren Abschluß; etwas weiter flußabwärts lagen Negorci und Gewgeli; etwa 15 Kilometer südlich dieser Stadt verlief die feindliche Front, welche meiner Forschungsarbeit eine durchaus nicht natürliche Grenze setzte.

An jenem Maiabend stieg ich aber in Hudova aus dem Zug; Wagen mit Soldaten holten mich und mein Gepäck ab. Nach wenigen Minuten rollten sie durch mächtige Staubwolken ein Stück südwärts, um dann nach Osten scharf um die Ecke zu biegen, der östlichen Talwand entgegen. Den Staub von Hudova sollte ich in dem nahenden Sommer noch zur Genüge kennen lernen. Jetzt kamen wir bald an den Baracken der Etappenmagazine, an einer Feldwetterwache, einer Feldbäckerei und Fliegerlagern vorbei gegen eines der östlich in die Bergwand eindringenden Tälchen.

Abb. 3. Wardar oberhalb Hudova.

Vor uns dehnten sich im Tal von Hudova vor allem große Maulbeerpflanzungen aus; zwischen den Bäumen war Getreide gepflanzt. Die Maulbeeren waren zum Teil noch in Blüte. Unser Weg führte zwischen blühenden Rosen-, Brombeer- und Weißdornhecken und war so eng, die Hecken so dicht und üppig, daß bei der flotten Fahrt Zweige und Blüten den Pferden und mir ins Gesicht schlugen. Vom Wegrand dufteten die mannigfaltigsten Blüten, umsummt von einer Menge von Insekten. Vögel vieler Arten machten auf sie Jagd. Aus den dichten Gebüschen begann der Gesang zahlreicher Nachtigallen sich zu erheben, während allmählich der Abendsonnenschein sich durch das Tal ergoß und fern hinter mir auf dem Wardarfluß sich spiegelte. Noch weiter westlich grenzte ein in zarten Farben verschwimmendes Hochgebirge, dessen Gipfel noch breite Schneefelder trugen, in schönen dachsteinähnlichen Formen die Ferne ab.

Abb. 4. Blick nordwärts über den Wardar von der Kaiser-Wilhelms-Brücke bei Miletkovo. Hochwasser.

Vor mir im Osten, allmählich sich immer stattlicher erhebend, ragte ein eigenartig herbes Gebirge empor. Eine Bergkette von harten Umrißlinien, mit scharfen Kanten, die von den Gipfeln zu Tale liefen, von zahllosen Schluchten durchfurcht, steinig und dürr, baumlos, nur von Buschwerk an den Flanken bedeckt, so schien es, während ich im Abendschein mich ihm näherte, immer höher vor mir aufzusteigen. Die Beleuchtung ließ es fast wie Alpenberge erscheinen, obwohl es nicht viel über 1000 m sich erhob. Es war die Plaguša Planina, in deren Schutz ich nun mein Standquartier aufschlagen wollte. Auf deren Gipfeln und in ihren Schluchten wartete manches Erlebnis, manche wissenschaftliche Entdeckung auf mich.

Über dem weiten Geröll- und Sandbett eines ausgetrockneten Schluchtbaches rollte nun unser Wagen in das Tälchen ein, in dessen Südflanke in einer Mulde das Dorf Kaluckova lag.

Abb. 5. Blick südlich von der Kaiserwilhelmsbrücke bei Miletkovo. Gegen Gewgeli. Flußbett voll Geröll.

ZWEITES KAPITEL

KALUCKOVA UND DAS FORSCHERHAUS

Aus der Entfernung sah das Dörfchen Kaluckova malerisch und einladend aus. Eine größere Anzahl steinerner Häuser, die einen weiß getüncht, die andern aus dunkelen, rauh behauenen Felsstücken erbaut, lagen am Hügelrand. Die meisten Häuser waren am Südhang gelegen und kletterten ein gut Stück bergan und in die drei Schluchten hinein, die sich im Dorfe vereinigten. Vor dem Ort breitete sich ein breites Schotterfeld aus, weiße und gelbliche, abgerollte Steine, dazwischen viel Sand und Schlamm, das Ergebnis der Arbeit der drei Schluchtbäche, welche an den Abhängen der Plaguša Planina ihre Quellen hatten. Über diese breite, helle Talsohle, die jetzt ganz trocken lag, führte ein schmaler Steg zu einer kleinen Häusergruppe am Westhang des Tälchens. Vor diesen Häusern erhob sich eine riesenhafte, alte Platane, das Wahrzeichen von Kaluckova; sie war mehrere Meter dick, maß etwa 9 m im Umfang, war ausgehöhlt und breitete ihre Äste über einen großen Platz aus, den sie beschattete ([Abb. 7]). Hinter ihr ragte eine weiße Moschee mit einem Minaret in die Höhe, seitwärts von ihr stand ein helles, mehrstöckiges Haus, ehemals die Schule des Ortes; ihr schlossen sich noch einige wohlerhaltene Häuser und vor allem der einzige Bauernhof, der noch vollkommen erhalten war, an. Dies war eine Gruppe von Häusern, steil den Berg hinaufgebaut, ganz in Mauern eingeschlossen, wie eine Festung. Tomatenfelder und kleine Äcker schlossen am Talhang die bewohnte Region ab.

Abb. 6. Kaluckova mit Plaguša Planina in erhaltenem Zustand 1916.

Schaute man sich die Häuser auf der südlichen Talseite genauer an, so bemerkte man, daß die meisten von ihnen Ruinen waren. Sie hatten keine Dächer, Türen und Fenster waren herausgerissen und die Wände zerbröckelten. Ein trauriges Ergebnis des Krieges, wie es alle die Dörfer ringsum betroffen hatte. Es waren aber nicht etwa Kampfzerstörungen, die an diesen Dörfern vorübergegangen waren. Im Herbst 1916 waren die damals längst von unseren und den bulgarischen Truppen besetzten Dörfer noch gut instand gewesen ([Abb. 6]), wenn auch von den meisten Einwohnern verlassen. Im Winter hatten die Häuser als Holzquelle gedient. Vor allem die bulgarischen Soldaten der benachbarten Lager hatten sich die Dachbalken, die Fensterrahmen, die Türen als Brennmaterial geholt und auch unsere Soldaten hatten sich an diesen Zerstörungen beteiligt. In dem holzarmen Lande war während des kalten Winters nichts anders übrig geblieben, als sich hier in der Nähe der Front große Mengen von Soldaten ansammelten, die kochen und warm haben wollten.

So bot denn das Dorf mit seinen halb- und ganz zerstörten Häusern einen traurigen Anblick dar. Trotzdem mußte es wieder bezogen werden; als ein Seuchenlazarett an dieser Front notwendig wurde, hielt man diesen Ort, der nicht weit der Bahn und Hauptstraßen lag, für besonders geeignet, da in seiner Nähe kein stehendes Gewässer sei. Man hielt es daher für malariafrei. Das stellte sich später als ein schwerer Irrtum heraus, gab mir aber zu besonderen Forschungen Anlaß, von denen in einem späteren Kapitel die Rede sein wird.

Als ich in Kaluckova ankam, hatte man erst gerade begonnen, das Lazarett auszubauen. Einige Baracken waren in dem Maulbeerhain am Nordhang des Tals aufgestellt, die Moschee, das Schulhaus und was sonst von Bauten noch brauchbar war, mit Krankenbetten belegt. Nur für die Ärzte, die Pflegeschwestern und die Sanitätsmannschaften war die Unterkunft zunächst sehr mangelhaft. Allmählich wurden aber die Ruinen wieder ausgebaut und so eine Anzahl erträglicher Quartiere eingerichtet, wobei andere der zerfallenen Häuser das Baumaterial lieferten und dabei fast vollständig vom Erdboden verschwanden. So waren ein Schwesternhaus, ein Ärztekasino im Haus des Chefarztes, Ärztequartiere, Räume für Mannschaften, Ställe für Pferde, Lager für Vorräte errichtet worden. Dazu kamen eine Apothekenbaracke und ein ganz brauchbares Laboratorium für Seuchenuntersuchungen.

Dr. Laser phot.

Abb. 7. Die alte Dorfplatane von Kaluckova im Winter.

Als ich am Abend des 19. Mai in Kaluckova eintraf, wurde ich in freundlicher Weise von dem Chefarzt des Seuchenlazaretts, Stabsarzt Halter empfangen. Vorläufig wurde ich mit mehreren Ärzten in einem größeren Schlafraum untergebracht. Bald aber wurde auch für mich ein Haus am Bergende des Dorfes auf luftiger Höhe ausgebaut, dessen Garten ein stattliches Portal mit der stolzen Inschrift „Forscherhaus‟ erhielt ([Abb. 8]). Dazu wurde die Hälfte des Laboratoriums mir zur Verfügung gestellt, so daß ich sofort meine Instrumente auspacken und mich zur Arbeit vorbereiten konnte. Eine sehr brauchbare transportable Laboratoriumseinrichtung, das sogenannte Münchner Feldlaboratorium, wurde mir vom Kollegen Brauer, der es von den Beringwerken erhalten hatte, in großzügiger Weise zur Verfügung gestellt; so hatte ich bald ausgezeichnete Arbeitsbedingungen und konnte mich sofort an die Erforschung der Gegend machen, auf die ich äußerst gespannt war. Der verständnisvollen Unterstützung, die mir Stabsarzt Halter gewährte, werde ich stets dankbar gedenken. Nun ging eine schöne, eindrucksreiche Zeit in Kaluckova und seiner Umgebung für mich an.

Abb. 8. Mein Wohnhaus in Kaluckova.

Im stillen Forscherhaus habe ich manche ruhige Nacht, aber auch manche unruhige verbracht, zum Glück aber in den Monaten meines Aufenthalts nur einen Tag krank gelegen; in meinem einfachen Zimmer, am Haus und im Garten manche interessante Beobachtung gemacht.

In meinem Zimmer bauten Spinnen ihre Netze; von einer von ihnen habe ich im 19. Kapitel berichtet; nicht selten flatterten junge Vögel zu mir herein. Weidende Rinder brachen in meinen Garten ein, in dem ich vergebens nach Regenwürmern grub. Ameisen bauten im und um das Haus ihre Nester. In der Lehmwand hatten Bienen ihre Nester gebaut, solitäre Bienen aus den Gattungen Anthophora und Halictus. Deren Bauten wurden von den metallisch roten und grünen prachtvollen Goldwespen, Chrysididen, umschwärmt, welche ihre parasitische Nachkommenschaft in die Nester zu den Larven einzuschmuggeln trachteten. Die Dorfschwalbe (Hirundo rustica boissonneauti Temm.) baute und brütete unter meinem Dach, Sperlinge und Goldammern besuchten meinen Hof.

Dr. Laser phot.

Abb. 9. Das Doktorhaus in Kaluckova mit dem Granatapfelbaum.

Manche Nacht hörte ich die Malariamücken um mein Moskitonetz summen, während die kleinen Pappataccimücken durch dessen Maschen zu mir eindrangen und Nacht mit ihren schmerzhaften Stichen schlaflos machten. Dann war es wie eine Erlösung, wenn der Kraftwagen der Flieger aus dem Wardartal vor dem Haus anbrauste und die frischen jungen Männer mich mitten in der Nacht zu einem ihrer improvisierten Feste abholten.

An einen Haus- und Nachtgast denke ich mit besonderer Sympathie zurück. Es war der einzige Geckonide, eine kleine Eidechse, der im Wardartal vorkam, als südlicher Gast hier eingedrungen. Gymnodactylus kotschyi Stud. hieß das kleine braungraue Tier, das sich in meinem Zimmer eingenistet hatte und mir da das Ungeziefer wegfing. Tagsüber hielt mein Tekkotekko sich verborgen. Nachts aber, sobald ich das Licht gelöscht hatte, begab er sich auf die Wanderung an Wänden und Decke meines Zimmers. Seine Zehen waren für das Laufen an glatten Wänden nicht ganz geschickt ausgestattet und so plumpste er manchmal mit lautem Knall auf den Zementboden des Zimmers herunter. Sein leiser, glockenartig tönender Ruf schallte traulich aus den Zimmerecken zu mir. So ließ ich das harmlose Tier leben solange ich das Zimmer bewohnte.

Abb. 10. Mein Standquartier Kaluckova. Im Hintergrund Marianska Planina und Mala Rupa. (Nach Aquarell des Verfassers. Abendstimmung Juli 1917.)

Es war eine ganz seltsame Landschaft, die mich hier umgab, eine Landschaft, wie ich sie noch nicht kennen gelernt hatte. Um den Grund des Baches und seiner Zuflüsse stiegen nach allen Seiten steile Hügel an. Sie reihten sich meist in Ketten den Bachschluchten entlang an, selbst durch Nebenschluchten voneinander getrennt. So war es ein schwieriges Klettergelände, wollte man seitlich der Schluchten ins Gebirge hinauf. Jeder Hügel überragte seinen Nachbarn in der Kette und war von ihm durch eine tiefe Schlucht getrennt. Und alle diese Hügel sind auf ihrem Rücken von kurzem Buschwerk bedeckt, das meist in Gruppen vereinigt ist, die jeweils durch schmälere und breitere Rasenstrecken voneinander getrennt sind. So waren in dieser Jahreszeit die Hügel ganz grün, der meist hellgrüne Rasen gefleckt mit den dunkelgrünen Büschen. Dazwischen stachen höchst auffällig und grell das Gestein und die Gerölle der Abstürze und der Schluchtenränder mit ihrer rotgelben und dunkelroten Färbung ab. Und in all den Schluchten rauschte und rieselte in dieser Jahreszeit reichliches Wasser, doch immerhin nur soviel, daß es im Schotterbett des Unterlaufs der Bäche vollkommen versickerte.

Hügel über Hügel reihte sich bergan, bis in etwa 500 bis 600 m Höhe breitere Rücken und Halden sich anschlossen, die schließlich noch durch tiefe Täler von den steilen Felsabstürzen des Plaguša-Gebirges getrennt waren. Letzteres zog sich von Nord nach Süd als eine Kette von schroffen Spitzen dem Wardartal parallel. Im grellen Mittagslicht war das ganze Gebirge durch zahllose, gradlinig begrenzte Schattenflecke gegliedert. Grau und kahl überragte es die grünen Hügel des Vorlandes und einige höhere Zwischenberge, von denen einer von unseren Soldaten, da er aus dem dürren Lande so auffallend hervorstach, als der Grünberg bezeichnet wurde.

In diesem Gebiet habe ich in den nächsten Monaten und im Frühling 1918 eine Menge von interessanten Beobachtungen an Pflanzen und Tieren gemacht. Es erwies sich als ein biologisches Eldorado und die Wahl des Standquartiers als sehr geeignet.

Die Pflanzenwelt Mazedoniens stellte in ihrem Gesamteindruck wohl für die meisten Deutschen eine große Überraschung dar. Der Deutsche ist gewohnt, wenn er von seiner Heimat südwärts reist, in eine Landschaft von mediterranem Typus etwa in Südtirol, in Oberitalien oder in Südfrankreich zu gelangen. Er erwartet Pinien und Zypressen, sucht Lorbeer und Myrthen, Orangen- und Zitronenbäume.

Nichts davon bekommt man im eigentlichen Mazedonien zu sehen. Die typische Mittelmeerflora mit ihren malerischen Bäumen, mit der Pflanzenwelt der Macchien ist auf dem Balkan nur in Meeresnähe vertreten, also in Dalmatien, in Griechenland und an der thrakischen Küste. Die mazedonische Landschaft sieht ganz anders aus; ihr fehlen jene, ebenso wie Ölbäume, Erdbeersträucher und alle anderen Pflanzen, welche der italienischen Landschaft ihren besonderen Reiz verleihen. Wo die Bodenfeuchtigkeit genügt, werden sie durch Pappeln, Ulmen, Eichen ersetzt, Weiden und Erlen, Ahorn, Hainbuchen erinnern mehr an deutsche Gaue.

Auf den trockenen Hügeln, also im Wardartal von Üsküb bis Gewgeli, bei Prilep, Monastir, an den Seen herrscht Buschvegetation vor; manchmal finden sich dichte, fast undurchdringliche Massen, sehr häufig sind lockere Bestände: Gruppen von Büschen sind getrennt durch Flächen, welche mit Gras und Kräutern bedeckt oder ganz vegetationslos sind. Und die Büsche sind meist klein und niedrig, rundlich geformt. An vielen erkennt man bekannte Blätter, wie Brombeeren, Weißdorn, andere muten fremdartig an, wie der stachliche Judendorn (Patiurus aculeatus Lam.) ([Abb. 11]) und die Stacheleiche (Quercus coccifera L.). Andere sind wir gewohnt als Bäume zu sehen, so weichblätterige Eichen, Feldahorn, Hainbuchen. Dazwischen kommen in manchen Lagen Wachholderbüsche vor.

Dr. Laser phot.

Abb. 11. Judendorn (Paliurus aculeatus Lam.) bei Kaluckova.

Gerade im Frühling war die Fülle der Pflanzen und Tiere auf den Hügeln unermeßlich. Die dunklen Büsche bestanden in der ganzen Gegend fast ausschließlich aus einem dichten Gestrüpp mit harten, stachelichen, glänzenden Blättern. Zunächst glaubte man etwas Ähnliches vor sich zu haben, wie die Stechpalme des heimischen Schwarzwaldes. Sah man genauer zu, so fand man eigenartige Blütenträubchen, manchmal jetzt noch vertrocknet am Busch Früchte, die genau wie unsere Eicheln aussahen, Körbchen und Eicheln lagen zum Teil noch vom Herbst am Boden herum und später im Jahr waren die Büsche reichlich mit Eicheln bedeckt. Es war also eine Eiche, die man wohl die Stacheleiche nennen darf (Quercus coccifera L.), ein Gewächs, das keiner vergessen wird, der einmal in diesem Gebiet gelebt hat ([Abb. 12] und [16]).

Dr. Frischholz phot.

Abb. 12. Bebuschte Hügel (hauptsächlich Quercus coccifera) in der glühenden Sommersonne Mazedoniens (bei Gradec).

Jetzt im Frühling sah der Strauch, aus der Nähe betrachtet, sehr reizvoll aus. Die neuen Zweige waren mit hellgrünen, am Rande rötlich schimmernden, zarten Blättern bedeckt. Deren Stacheln waren noch weich, so daß man ruhig mit vollen Händen hineingreifen konnte. Allerdings mußte man dabei im Gebiet der jungen Sprosse bleiben; griff man in die alten hinein, so zerstach man sich an deren scharfen Stacheln die Finger abscheulich.

Zwischen den Büschen stieg ich die steilen Hügel aufwärts, bald am Steilrand einer Schlucht, bald über eine scharfe Felsenkante, dann wieder auf blütenreichem Wiesenpolster; wo Fußpfade und Herdenspuren verfolgbar waren, zogen sie sich vielfach geschlängelt durch das Stacheleichengestrüpp.

Mit den Stacheleichen bildeten andere stacheliche, dornige Sträucher die Gebüsche; alle hatten harte, glatte oder dickwollige Blätter. Diese ausdauernden Sträucher waren durch allerhand Schutzmittel gegen tierische Feinde geschützt. Sie alle besaßen Stacheln, Dornen, Behaarung, zum Teil auch lederige Blätter. Trotz dieses Schutzes zeigten sie besonders an dem jungen Zuwachs Anzeichen von Benagung durch Weidetiere. Diese sind hier im Lande die grimmigsten Feinde der ausdauernden Pflanzen. Vor allem die so viel gezüchteten Ziegen mit ihrer unersättlichen Gefräßigkeit lassen keinen Baumwuchs, kein höheres Buschwerk aufkommen, es sei denn die Pflanze durch gute Waffen gegen die Zudringlichkeit des Tieres geschützt. Was sie vor Tieren schützt ist vielfach gleichzeitig Schutz vor Austrocknung. Denn viele Feinde bedrohen auf den mazedonischen Hügeln die Pflanzenwelt, und unter ihnen ist neben den Ziegen die Trockenheit der Sommermonate wohl der gefährlichste.

Abb. 13. Hügel bei Kaluckova im Frühling.

Jetzt schon im Mai war die Erde auf den Hügeln von außerordentlicher Härte und Trockenheit; riß man einen Grasbüschel aus, so war die an seinen Wurzeln hängende Masse schon leicht staubig und sehr steinreich. Es war erstaunlich, daß trotzdem eine solche Fülle von Pflanzen im Hügelgelände wuchsen und blühten. Sie mußten besonders gegen Austrocknung geschützt sein; die große Mehrzahl von ihnen waren zudem ganz kurzlebige einjährige Pflanzen.

Abb. 14. Buschvegetation der Hügel bei Kaluckova. Sommersanfang.

Viele der Hügelblumen dufteten stark und an den windstillen Maimorgen war die Luft von köstlichen Gerüchen erfüllt, in denen eine mannigfaltige Insektenwelt schwirrte und summte. Thymian und Kamillen bildeten an vielen Stellen große Beete und Polster zwischen Steinen und Gebüsch. Sehr auffallend war eine rosa-gefärbte, großblütige Cistrose. Strohblumen, Labkräuter, Lichtnelken, Goldklee mischten ihren Duft mit jenen. Verschiedene Kleearten, weiß und rotblühend, waren von zahlreichen Bienen umsummt. Das waren meist solitäre Bienen, welche in der Nähe im Boden bauten. An einzelnen Stellen fand sich ein rundes Loch neben dem anderen im lehmigen Boden; da flogen die Bienen unablässig ein und aus.

Der Artenreichtum der auf den Hügeln jetzt gerade blühenden Pflanzenwelt war außerordentlich groß. Sie bildeten einen bunten Blütenteppich von wunderbarer Pracht. Von einzelnen der Pflanzen fanden sich an einzelnen Stellen große Bestände. So leuchteten an einem Abhang große Flecken einer gelben Schafgarbe, neben ihnen war die Halde mit einer roten Wicke bedeckt. Über diesen Blumen schaukelten im Morgenwind die Ähren eines großen Zittergrases, die mindestens dreimal so groß waren, als bei unseren deutschen Arten. Die großen herzförmigen Ähren ließen ein leißes Rascheln ertönen, wenn der Wind sie bewegte. Zarte Lichter wurden von ihrer matten, silberigen Oberfläche gespiegelt.

Dr. Laser phot.

Abb. 15. Diptam (Dictamnus albus L. var. macedonicus Borb.).

Als ich die Hügel wieder hinabstieg, blieb mir Zeit, einige Pflanzen genauer zu betrachten, denen ich beim Anstieg bei der Fülle der Erscheinungen weniger Beachtung geschenkt hatte. Zarte phantastische Blumen von rotvioletter Farbe bildeten prachtvolle Sträuße, die einen betäubenden aromatischen Geruch ausströmten. Es war der Diptam (Dictamnus albus L. var. macedonicus Borb.) ([Abb. 15]), bei uns in Deutschland eine große Seltenheit an klimatisch bevorzugten Stellen. Hier standen die Büsche in üppiger Fülle; die großen Sträuße, die man von ihnen ins Quartier mitnahm, wurden durch die Stärke ihres Geruchs bald unangenehm. Versuche auch bei dieser Form, wie es sonst beschrieben wurde, das ausgespritzte ätherische Öl zu entzünden, mißlangen mir bei der hier vorkommenden Art.

Einen eigenartig phantastischen Anblick bot eine Pflanze dar, die unten an den Hügelhängen in großer Menge vorkam. Es war ein riesiger Aronsstab, dessen purpurbraune Blüte in einem Strauß hellgrüner Blätter steckte. Die Pflanze ragte meist über einen Meter hoch aus Stacheleichenbüschen hervor, wie das nebenstehende Bild zeigt ([Abb. 16]). Eigenartig leuchtete der gelbgrüne Stempel auf dem tiefbraunen Grunde des Becherinnern. Ein unangenehmer Aasgeruch entstieg dem Kelch, in dem kleine Fliegen in Menge sich sammelten, um da die Befruchtung zu vermitteln.

Wo man über die Hänge schaute, überall sah man die mächtigen Pflanzen mit ihren Knospen und offenen Blüten emporragen. Fast nie aber standen sie frei zwischen den Büschen, sondern die meisten von ihnen ragten aus stachelichen Büschen hervor, meist aus denen der Stacheleichen. Offenbar waren nur diejenigen Individuen dieser Pflanzenart (Dracunculus vulgaris Schott.) von den weidenden Tieren verschont geblieben, welche innerhalb von Stachelsträuchern ausgekeimt waren. Es mutete direkt wie ein Symbioseverhältnis zwischen den zwei Pflanzen an, wenn man stets die zartblättrigen Aronsstäbe aus den stachelichen Gebüschen herausschauen sah. Auch sonst habe ich nicht selten in Mazedonien zarte Pflanzen in solcher Weise Schutz im Gehege stachelicher Sträucher suchen sehen.

Über den Blumen schwebten zahlreiche Schmetterlinge, vor allem Bläulinge, Weißlinge und Scheckenfalter. Die Arten waren den deutschen Formen sehr ähnlich, doch ließen sich stets gewisse Unterschiede erkennen. Ganz außerordentlich zahlreich flogen hier die Bienenarten. Auf den Blüten versammelten sich Käfer, Blattwanzen, Schlupfwespen, Fliegen verschiedener Arten.

Abb. 16. Aronsstab im Schutz der Stacheleiche (Dracunculus vulgaris Schott. in Quercus coccifera L.).

Zwischen den Pflanzen waren kahle Stellen, bedeckt mit Steinen, Erde, Sand und Geröll. Dort war alles von einem eigenartigen Tierleben erfüllt. Außer Bienen hatten im Lehm zahlreiche Raubwespen ihre Bauten. Ameisen arbeiteten eifrig an ihren Erdbauten und es war auffällig zu beobachten, daß so viele ihrer Arten in der Erde bauten; um die Ausgänge ihrer Nester fand sich bei einer ganzen Anzahl nicht näher untereinander verwandter Arten jeweils ein Ringwall von Bauschutt. Steinchen und Sandkörner waren aus der Tiefe herausgeholt und um den Nestausgang angehäuft. Man konnte das gleiche bei Arten von Messor, Tetramorium und Cataglyphis beobachten. Offenbar herrschte bei allen rege Bautätigkeit, denn überall sah man sie aus den Nestern herauskommen und auf ihren Straßen wandern, die schwarzen Körnersammler, die gelben Rasenameisen und merkwürdig bunt gefärbte, in merkwürdiger Haltung sehr flink umherhuschende Cataglyphisarbeiter.

Wo in einer Mulde etwas Sand und Staub zusammengeblasen oder angeschwemmt war, da hatten in dem lockeren Material Ameisenlöwen ihre Trichter gebaut. Es waren weite, tiefe Trichter, an deren Grund schon entwickelte große Larven saßen, die emsig Ameisen fingen. Wie ich später feststellen konnte, waren es besondere, von den unserigen abweichende Arten.

Dr. Laser phot.

Abb 17. Fruchtstände von Dracunculus vulgaris Schott. Der eine normal, der andere abnorm verdoppelt. Im Gebüsch von Quercus coccifera L.

Durch die Büsche strichen Buchfinken und Ammern. Würger saßen auf den höchsten Zweigen. Eine Turteltaube stieg vor mir auf, während zwei große Falken durch die Luft strichen.

Die Mittagssonne zitterte schon über der weiten Ebene bis zum Wardar, als ich zu meinem Quartier wieder abstieg. Bald hatte ich an steilen Felsen zu klettern, bald konnte ich eine Strecke über trockenen Rasen zwischen den Büschen wandern. Vor mir breitete sich das Tal aus, in welches weite Schuttdeltas der Bäche sich erstreckten, und wo zwischen den Maulbeerhainen die Zelte und Baracken unserer Truppen hervorlugten. Aus der Gegend des Doiransees hörte man Geschützfeuer. Zwei feindliche Flieger schwebten zu meinen Häupten und erkundeten unsere Stellungen.

Dr. Frischholz phot.

Abb. 18. Sommerliche Schlucht bei Gradec.

DRITTES KAPITEL

DIE EBENE VON HUDOVA

Zwischen den Vorbergen der Plaguša Planina und dem Wardar dehnt sich eine weite, fruchtbare Ebene aus. Sie ist offensichtlich Schwemmland des Wardar, seiner Nebenflüsse und der Bäche, die ihm von den Randbergen zuströmen. Vollkommen flach erstreckt sie sich auf eine Länge von 10 km und eine Breite von 6-8 km. Ihre Längenerstreckung geht in der Hauptsache von Nordwesten nach Südosten, so wie der Wardar fließt, der sie südwestlich begrenzt. Jenseits, westlich des Flusses begleitet ihn in kurzem Abstand ein reichgegliedertes Hügelland, hinter welchem die bewaldete Marianska Planina bis 1500 m ansteigt. Hinter dieser Kette folgt ein malerischer Gebirgsstock, die Mala Rupa und Dudica, die über 2200 m emporsteigen, und noch im Juni auf der Nord- und Ostseite mit Schnee bedeckt sind. Im Norden und Osten zieht sich die Plaguša Planina mit ihren stark verarbeiteten und zerschnittenen Felsenhöhen von etwa 1000 m in sehr charakteristischer Umrißlinie gegen Valandova hin; zu diesem Städtchen senkt sich das Gebirge, unterbrochen von einer Reihe allmählich niedrigerer Gipfel hinab. Auf einem der letzten dieser Gipfel erhebt sich als weithin sichtbare Landmarke die Ruine einer Türkenburg. Der letzte Gipfel der Kette ragt als charakteristischer Vorsprung in die Hudovaebene hinein, wegen seiner eigentümlichen Form hieß er bei unseren Truppen die Muhnase. Angeblich sollte er diesen Namen der Ähnlichkeit mit der Nase des Generals der Mu. (Munitionskolonnen) verdanken.

Am Hang der Plaguša Planina zieht sich eine Reihe von Dörfern hin, Kaluckova mit dem Seuchenlazarett, Kalkova mit einem Pferdelazarett, Ahranli, Terzeli, Veseli, Piravo mit einem Offizierserholungsheim. Alle liegen sie in Nischen des Gebirges, beziehen ihr Wasser aus tief eingeschnittenen, hoch zum Gebirge hinaufreichenden Schluchten. So sind sie meist malerisch von Baumgruppen eingehüllt, unter denen schlanke Pappeln besonders weithin sichtbar sind. Aber alle, am wenigsten noch Piravo, hatten stark vom Krieg gelitten und die weithin schimmernden Häuser, welche die Dörfer so reizvoll und anziehend erscheinen ließen, waren meist Ruinen wie in Kaluckova.

Die ganze Ebene stand im späten Frühling in grüner Pracht, die aber nur ein schwacher Abglanz von ihrem Zustand im Frieden sein konnte; denn viele der Pflanzungen lagen jetzt brach und waren verwildert. Vom Rand der Hügel bis weit in die Ebene hinein zogen sich stattliche Weingärten, die reichlich Knospen und aufgehende Blüten trugen. Obgleich an vielen Stellen Spuren von Reblausbefall bemerkbar waren, brachten die Reben im Herbste reichen Ertrag, der in dem herrenlosen Gebiet den bulgarischen und deutschen Truppen sehr zugute kam. In der Ebene selbst nehmen Pflanzungen von Maulbeerbäumen den größten Raum ein. In geraden Reihen durchzogen die Bäume weite Flächen; man sah ihnen noch die frühere, regelmäßige Beschneidung an. Meist war der Stamm in 1½ m Höhe beschnitten und strahlte ähnlich wie unsere Kopfweide von einer keulenförmigen Anschwellung in dieser Höhe einen Büschel von langen Ruten aus. Einzelne der Bäume trugen jetzt schon reife Beeren, die süß und saftig waren und bei den heißen Wanderungen über die Ebene eine angenehme Erquickung boten.

Abb. 19. Ebene von Hudova und erste Hügel mit Buschvegetation im Hochsommer.

In der zweiten Maihälfte war es schon recht heiß geworden; am Nachmittag waren regelmäßig schon 22-27° C im Schatten zu messen, also Temperaturen, bei denen unsere Schulkinder zuhause schon „Hitzferien‟ gehabt hätten. Ein wunderbarer blauer Himmel wölbte sich über der Ebene, meist am Nachmittag von großen weißen Wolkenballen durchsegelt, welche mächtige Schatten auf die umgebenden Berge warfen. Seufzend wanderte mein tüchtiger Bursche an meiner Seite, ein braver Bergwerksarbeiter vom Niederrhein namens Saddeler. Das war die erste Hilfe, die mir die Armee zugewiesen hatte. Er versorgte mich gut und faßte sofort Interesse für meine Tätigkeit, wanderte flott und eifrig mit mir durch das Land, wenn auch für seine Bergmannsaugen das Sonnenlicht Mazedoniens eine neue Gewöhnung erforderte. Ich erinnere mich gern an den tüchtigen Mann, der nach einigen Wochen zur Bergwerksarbeit heimgerufen wurde und mir von dort noch öfter Nachricht schickte.

Als ich die Ebene von Hudova durchstreifte, begleitete mich Saddeler zum ersten Mal und war fleißig mit mir auf der Jagd nach Insekten. Stundenlang konnte man durch die Maulbeerpflanzungen wandern, behindert nur manchmal durch die verwilderten Hecken. Hier war es einsam und die fleißigen Arbeiter fehlten, die sonst im Dienste des Seidenbaues emsig tätig gewesen waren. Im unteren Wardartal war ein Zentrum der Seidenkultur des Balkans gewesen. Die Maulbeerbäume lieferten das Laub als Futter für die Raupen des Seidenspinners und wurden von der hier im Gebiet schon stark mit Griechen vermischten Bevölkerung fleißig gepflegt. Die Dörfer am Rande der Ebene, so besonders Piravo, lebten vom Seidenbau und in vereinzelten Häusern konnte man jetzt auch im Kriege noch die Hürden mit Raupen bei der Fütterung und mit den Puppen in ihren Kokons in den Händen der Leute sehen. Aber im großen und ganzen ruhte der Seidenbau und die großen weißen Häuser von Gewgeli, dem Zentrum des Seidenhandels, die man von den Höhen aus fern am Wardar im Süden schimmern sah, waren zerschossen und die ganze Stadt verödet. Zwischen den Maulbeerbäumen der Ebene von Hudova weideten große Herden von Ziegen, Rindern und Pferden, die jetzt am Boden noch reichlich Futter fanden. Später im Jahr jedoch, wenn Gras und Kräuter verdorrt waren, da sah man die Weidetiere an den Maulbeerbäumen sich das letzte Grün holen. Es war ein bizarrer Anblick, wenn magere Rinder und Ziegen, selbst Pferde mit den Vorderbeinen in die Bäume stiegen und von den obersten Zweigen die Blätter abrupften.

Dr. Laser phot.

Abb. 20. Frühlingswiese mit Granatapfelbusch bei Kaluckova.

Teils unter den Maulbeerbäumen, teils zwischen ihnen dehnten sich prachtvolle Felder von Roggen, Weizen, Gerste und Hafer aus, welche im Jahre 1918 durch die Arbeit unserer Truppen gewaltig zugenommen hatten. Der sandige Schwemmboden des Hudovatals trug reiche Frucht, wenn er gut bearbeitet wurde. Dabei war in vielen Gewannen künstliche Bewässerung notwendig. In der Ausnützung der Schluchtbäche, der Nebenflüsse des Wardar und dieses Flusses selber haben unsere Soldaten viel von den Bulgaren gelernt, welche auf diesem Gebiet ausgezeichnete Fachleute sind.

Manche Teile der Ebene glichen einem reichen Garten; da rankten an den Maulbeerbäumen die Reben hinauf und zwischen ihnen waren Tomaten, Zwiebeln, Bohnen angepflanzt. Die Reben wurden hier im Gebiet hauptsächlich zur Rosinenerzeugung gezogen. Wie ein Mittelpunkt des Seidenhandels, so war Gewgeli auch eine Stätte des Rosinenhandels gewesen. Der Wein blühte hier zwischen dem 15. Mai und 1. Juni; die Trauben reiften von Ende Juli an und hielten sich bis tief in den Herbst hinein. Die Bevölkerung des Tals hatte unter den relativ ruhigen Verhältnissen während unserer Besetzung den Anbau immer mehr aufgenommen. So sah man oft Männer, Frauen und Kinder schon in der ersten Morgenfrühe und bis spät in die Nacht auf den Feldern arbeiten.

Abb. 21. Blühendes Mohnfeld. Mitte Mai bei Valandova 1918.

Besonders auffallend war für unsere deutschen Augen der Anbau von zwei Ackerpflanzen, von Mohn und Baumwolle, die hauptsächlich im südöstlichen Teil der Ebene, gegen Piravo und Valandova hin, viel gepflanzt wurden. Die blühenden Mohnfelder gehörten in der ersten Maihälfte zu den köstlichsten landschaftlichen Reizen dieser Gegend ([Abb. 21]). Unter den zartgrünen, von Weinlaub umrankten Maulbeerbäumen dehnten sich weithin die Felder mit den stattlichen, über 1 m hohen Mohnpflanzen aus, deren weiße und violette gefüllte Blüten sich gravitätisch im leichten Winde wiegten. Wie schimmerten die Felder silberig mit ihrem milchiggrünen Laub, wie bunt und heiter hoben sie sich von den dunklen Bäumen, die sie umrahmten, und von dem zarten Blau der fernen Berge ab. Welch zarte Abtönung der Farbe zeigten die Blütenblätter mit ihren welligen Rändern.

Abb. 22. Mohnfeld mit vielen Kapseln. Bei Valandova Ende Mai.

Ende Mai war der Mohn verblüht und jeder Stengel trug wie ein gekröntes Haupt die dicke grüne Kapsel ([Abb. 22]), welche nun von den fleißigen Bauern, die vorher an den Mohnfeldern durch Hacken und Unkrautbekämpfen schon reichlich Arbeit geleistet hatten, „geringelt‟ wurden. Das ist eine mühsame Arbeit, die sehr sorgfältig ausgeführt werden muß. Jede Kapsel bekommt einen wagerechten Ringschnitt, der nicht ganz herumgeführt wird. Meist werden mehrere Schnitte gemacht. Aus der Wunde fließt ein milchiger Saft hervor, der harzig gerinnt, meist nach einem Tage abgenommen und zu Klumpen zusammengeballt wird. Diese werden dann zu einer Art Kuchen zusammengeknetet und stellen eines der wichtigsten Landesprodukte dar. Aus ihnen werden Opium, Morphium, Morphin und all die wichtigen Arzneimittel hergestellt, die von diesen Substanzen abgeleitet sind. Es war für unsere Kriegsführung von der größten Bedeutung, daß wir ein Opiumland in der Hand hatten. So gefährlich dies Produkt der schönen Pflanze als Gift und Genußmittel ist, so segensreich hat es sich bei Hunderttausenden von Verwundeten als Mittel zur Narkose und Schmerzlinderung erwiesen. Das Rohprodukt wurde nach Deutschland geschafft und in dessen chemischen Fabriken weiterverarbeitet.

Die Fruchtkapseln, welche das Opium geliefert haben, sind noch imstande, Samen zu reifen. So sieht man denn im Juni die Felder gelb und braun werden. Schüttelt man die Kapseln, so rasselt es, als seien Schrotkörner darin. Die kleinen, schwarzen Samen werden geerntet und aus ihnen ein sehr gutes Öl gewonnen, von dem manche Flasche von unseren Soldaten zur Erleichterung der Fettnot nach Deutschland geschickt wurde. So stellt die Mohnpflanze mit ihrer doppelten Ernte ein sehr wichtiges, kostbares Landesprodukt Mazedoniens dar. In der Menge der Produktion wird Mazedonien allerdings von Kleinasien, Indien und China bei weitem übertroffen.

Nicht so wichtig, aber immerhin ein interessantes Erzeugnis der fruchtbaren Erde Mazedoniens ist die Baumwolle. Sie wird hier im Lande in einer einjährigen, krautigen Form gezogen. Im Frühjahr erinnert eine Pflanzung fast an ein Kartoffelfeld, später im Herbst, wenn die Kapseln platzen und der dicke Wattebausch aus den Spalten quillt, dann sieht sie ganz eigenartig und ungewohnt aus, allerdings nicht so schön als in den Tropen; denn im trockenen Land Mazedonien pflegt im Spätsommer alles zu verstauben.

Vor allem im Jahre 1917 gab es zwischen den Feldern noch viele brachliegende Strecken. Da blühten bunte Blumen und um sie wimmelte eine reiche Insektenwelt. Große Büsche von roten Wicken und grelle Flecken einer gelben Wolfsmilchart waren neben Brombeer- und Weißdornbüschen die häufigsten Pflanzen. Bockkäfer und schwarze Blattwespen saßen in dichten Scharen auf der Wolfsmilch. Um die Weißdornbüsche flatterten Schmetterlinge in großen Scharen, die vollkommen unseren einheimischen Formen glichen. Da herrschte, entsprechend seiner Futterpflanze, der Heckenweißling (Aporia crataegi L.) vor, von dem ganze weiße Wolken die Hecken umschwebten. Fast ebenso häufig waren die gelbe Acht (Colias croceus Foure) und der Distelfalter. Letzterer (Vanessa cardui L.) ist in dem distelreichen Lande Mazedonien geradezu der Charakterschmetterling. Überall findet man ihn, auf Feldern und Wiesen, an den Flußufern, in den Schluchten, im Gebirge. Hier in der Ebene war er massenhaft vorhanden. In großen Mengen flog auch der Grasfalter Pararge Megaera L.

Auf Brachfeldern wuchsen in üppiger Pracht Kornblumen und roter Mohn, die man hier im Lande oft schon im April blühen sieht. Mit ihnen kommen Doldenpflanzen reichlich vor. Das war der Tummelplatz vieler Blattwespen und Schlupfwespen. Bienen sammelten den Blütenstaub des Mohns oder schnitten dessen rote Blumenblätter. An den Wegen sah man sie ihre Löcher im Boden bauen. Auch andere Formen von Solitären flogen hier ([Abb. 22 b]). Über ihren Baustätten strichen in brummendem Flug Hummelfliegen aus der Familie der Bombyliden. In raschem Zickzackflug flogen braungraue Wollschweber (Bombylius fuliginosus Wd. und punctatus Fb.) um die Blüten, mit ihrem langen Rüssel in diese hineinlangend, während Trauerschweber mit düster gefärbten Flügeln über den lehmigen Pfaden hinflogen, die Bienenlöcher aufsuchend, in denen sie ihre Eier an den Bienenlarven ablegen (Anthraxarten, A. fenestrata Fabr., A. polyptermes Mg. und andere). Diese Fliegengattungen schmarotzen im Larvenzustand an Schmetterlingsraupen und vor allem an Bienenlarven. Zwischen den Büschen huschte eine wenig scheue, große, gutfliegende Heuschreckenart umher. Auf den Blüten tummelte sich ein reiches Leben von Käfern und Blattwanzen. Zwischen den Gräsern liefen langbeinige Weberknechte in großen Scharen umher. Es waren dies Zachus crista Brüll., eine große Art mit weißem Strich über dem Rücken und hell geringelten Beinen, sonst ganz schwarz, und eine kleinere hellere Form Metaphalangium propinquum (Lucas). Es freute mich, diese Tiere zu erbeuten, denn der Spinnenkenner Dr. Roewer hatte vor der Ausreise mich wissen lassen, daß keine einzige Art von Weberknechten bisher aus Mazedonien bekannt sei.

Abb. 22 b. Halropa tarsata Spm. Solitäre Biene.

Im Weißdorn und den Heckenrosen jagten die Würger nach Insekten, rotrückige (Lanius collurio collurio L.) und rotköpfige (Lanius senator senator L.) und der große Schwarzstirnwürger (Lanius minor Gm.). Grasmücken sangen im dichten Gebüsch; häufig waren mit ihnen die Nachtigallen. Ganze Schwärme von Sperlingen balgten sich mit Gold- und Grauammern herum. Hier im Süden Mazedoniens trat Ende Mai in Menge ein prachtvoller Vertreter der Ammern, die goldfarbene Kappenammer mit ihrer dunklen Sammetmütze auf (Emberiza melanocephala Scop.).

Drei Arten von Spatzen traf ich in Mazedonien an, den gemeinen Haussperling (Passer domesticus domesticus L.), der häufig große, wie Webervogelbauten aussehende Gemeinschaftsnester baute. Noch häufiger war der Feldsperling (P. montanus montanus L.), der vor allem die Dörfer bewohnte. Der Steinsperling jedoch (Petronia petronia macrorrhynchus Brehm) war viel seltener und fand sich vor allem in den großen Felsenschluchten.

Die Nachtigall im Wardartal ist Luscinia megarhynchus Br.

Grasmücken gab es eine ganze Anzahl Arten. Wir konnten in der Umgebung von Kaluckova die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla atricapilla L.), die Dorngrasmücke (S. communis communis Lath.), die Zaungrasmücke (S. carruca carucca L.) und die Bartgrasmücke (S. cantillaus albistriata Brehm) nachweisen. Von Ammern herrschten vor die Zirlammer (Emberiza cirlus L.) und die Zippammer (Emberiza cia cia L.).

Auf den Wegen, am Pferdemist, war eine muntere Tätigkeit der Pillendreher im Gange. Zwei Arten waren es hauptsächlich, die man hier oft nebeneinander fand. Die eine Form war, wie ich im nächsten Jahr feststellte, schon früh im April bei der Arbeit; das war Sisyphus Schaefferi L., der Pillenwälzer, von dem oft Hunderte sich an einem Kuhfladen zu schaffen machten. Erst viel später im Jahre kam der große heilige Pillendreher (Ateuchus sacer L.) und mit ihm Scarabaeus piles Illig, dieses Charaktertier der Mittelmeerländer aus seinem Erdloch hervor. Überall waren sie in Mengen auf den sandigen Straßen, auf denen die Herden der Pferde ihren Kot hatten fallen lassen. Da sah man viele der glänzend schwarzen Käfer ihre großen Pillen aus Pferdekot die Straße entlang seitwärts auf die Wiese rollen und da in ein nicht sehr tiefes Erdloch hineinschaffen.

In der heißen Mittagssonne war ein lebhaftes Treiben um die Kothaufen am Wege. Die kleinen Sisyphus ließen sich leicht vertreiben, flogen dann auf und schwirrten mit Gesumme ab, um bald wiederzukehren und den ganzen Kothaufen wieder mit ihren Leibern zu bedecken. Die großen Pillendreher waren schwerer in Bewegung zu bringen. Aber auch sie kamen oft brummend und summend weither angeflogen, setzten sich an einem Kothaufen nieder und fingen bald an, mit Kopfschild und Vorderbeinen den Kot zusammenzuschaufeln. Sie schafften ihn unter ihren Körper, ballten ihn zusammen und rundeten ihn unter steter Arbeit der zwei hinteren Beinpaare zu einer immer glatter werdenden Kugel ab. Diese rollten sie dann in emsiger Arbeit über den Weg, am liebsten an den Hang des Hügels zwischen die Wiesenpflanzen. Dort gruben sie Löcher in die Erde, in welche sie ihre Kugel schafften, um unter dem Boden in schützender Höhle mit aller Ruhe ihre Beute zu verzehren. Verdient war diese Ruhe wohl, denn welche Arbeit hatten die seltsamen Tiere beim Heranrollen ihrer Mistkugel geleistet, die ihnen oft den Hügel wieder heruntergerollt war, um dort in die Hände eines Mitbewerbers zu fallen, wenn es einem solchen nicht vorher schon gelungen war, sie ihm in scheinbar gemeinsamer Wälzarbeit zu entwenden. Die Bereitung der eigenartigen Brutnahrungsbirne aus Kot, welche der französische Entomologe Fabre beschrieben hat, in deren Nische der Käfer sein Ei ablegt, konnte ich nie beobachten; allerdings hielten mich davon die vielen anderen Tiere mit ihren Problemen ab, die ich studieren wollte.

Tiere, welche man im Frühsommer im ganzen Gebiet häufig antraf, welche auf blühenden Pflanzen und auf Bäumen saßen, die man leicht von Büschen herunterschütteln konnte, waren die bunten Baum- und Blattwanzen. Viele von ihnen waren auch ganz seltsam gestaltet.

Sie gaben zu manchen Beobachtungen Anlaß, und so will ich einiges von ihnen berichten. Ich verdanke die Bestimmungen Herrn Dr. Schumacher. Die Formen sind vielfach tiergeographisch sehr interessant, indem sie wie in anderen Gruppen die Zusammensetzung der mazedonischen Fauna aus südlichen, nördlichen und östlichen Elementen erkennen lassen.

Von Schildwanzen ist eine Form zu erwähnen, welche auf den auf S. 189 Abb. 100 abgebildeten Echiumstauden häufig vorkam. Es ist ein großes braunes Tier mit weißen Punkten an der Oberseite übersät. Bei Berührung läßt es sich sofort fallen und verschwindet vollkommen zwischen den braunen verwelkten Wurzelblättern der Stauden, welche die gleichen weißen Punkte zeigen. Der wissenschaftliche Name der Art ist Psacacta exanthematica Scop.

Ein interessanter Fund war Leprosomatessa (Leprosoma) carinata Mont., eine flache sandfarbene Art, ein ausgesprochenes Steppentier, das bisher außer in der Walachei und im Banat noch nirgends gefunden worden war. Auf Disteln und Flockenblumen fand sich eine Blumenwanze mit stark vortretenden Seitenecken des Vorderrückens und fünf geschwungenen erhabenen Leisten auf der Oberseite (Ancyrosoma leucogramma Gmel.). In geradezu überwältigenden Mengen lebte auf Kirschbäumen und Pflaumenhecken Apodiphus amygdali Germ., eine vorderasiatische Art. An Mengen wetteiferte mit ihr auf Disteln Carpocoris purpureipennis Deg. und die Beerenwanze Dolycoris baccarum L.

Bemerkenswert war das Vorkommen von Nezara-Arten, welche in den Tropen und Subtropen weit verbreitet sind, so N. viridula L. und N. (Acrosternum) heegeri Fieb., welch letztere z. B. aus Deutsch-Ostafrika bekannt ist.

Ein wichtiger Fund bei Kaluckova war Opisthotaenia fulvipes Reut., die neu war für den europäischen Kontinent und nur aus Kaukasien und Kleinasien bekannt war.

Habe ich schon oben Formen von Wanzen erwähnt, welche ihrer Umgebung auffallend ähnlich sind, so möchte ich ihnen noch eine Form hinzufügen, Phyllomorpha laciniata Vill., eine Blattwanze, deren Gestalt durch Fortsätze am Rand und deren graubraune Färbung sie einem verschlissenen, verdorrten Blatt ähnlich machte.

An dieser Stelle will ich noch zwei Fälle auffallender Ähnlichkeit von Insekten mit Tieren und Blumen erwähnen, die ich in Mazedonien beobachtete. Die eine betrifft einen Käfer aus der Gattung Necydalis, den ich auf der Plaguša Planina fing, und welcher einer Wespe mit dünner Taille in Farben und Formen ganz außerordentlich ähnlich sah ([Abb. 22 c]).

Noch merkwürdiger war eine Beobachtung am Wardar oberhalb Demirkapu. Dort wuchs an lichten Stellen im Weidengebüsch eine stark behaarte Pflanze mit leuchtend violetten Blüten (Anchusa hybrida Tenn.).

Abb. 22 c. Necydalis panzeri Herold. Wespenähnlicher Käfer.

Auf dieser Pflanze fingen wir eine ganze Anzahl kleiner Schmetterlinge, tagfliegende Eulen (Janthina friwaldszkyi Dup.), welche in Größe und Ton und Charakter der Farbe aufs täuschendste den Blüten der Pflanze glichen. Sie setzten sich stets nach kurzem Flug auf die Pflanze in die Region der Blütenstände, fast stets auf die violetten Blüten selber ([Abb. 22 d]).

Ich bin geneigt, die offenbare Anlockung durch die Blütenfarbe in ähnlicher Weise zu deuten, wie ich sie schon früher bei anderen Tieren in einem allgemeineren Zusammenhang zu erklären suchte. Ich vermute, daß die kleinen Schmetterlinge beim Flug zu den Blüten die Farbe aufsuchen, welche ihr eigener Körper trägt und daß dies der Vereinigung der Geschlechter dient. An anderer Stelle dieses Buches erwähne ich, daß auch andere Schmetterlinge durch den Duft von Blüten angelockt werden, ohne dort Nahrung zu suchen, nur um in beiden Geschlechtern sich dort zur Begattung zu treffen. Und dort erwähne ich auch, daß die Pappatacci-Männchen dem Geruch des Menschen nachfliegen, obwohl sie sein Blut nicht saugen. Sie tun dies nur, um dort ihre Weibchen zu finden, die allnächtlich, um Blut zu saugen, die Menschen aufsuchen.

Abb. 22 d. Janthinea friwaldszkyi Dup. Blaue Blumen befliegende Tageule.

Im Süden begrenzt die Ebene von Hudova eine Kette hoher Hügel, welche von kurzem Buschwerk bewachsen und von vielen tiefen Schluchten durchzogen sind. Die Hügelkette zieht sich ziemlich gerade von Osten nach Westen, bis sie gegenüber von Miletkovo mit einem steilen Absturz am Wardar abbricht. Ihr entlang zieht, etwa 1-2 Kilometer nördlich von ihr, ein kleiner Nebenfluß durch die Ebene, der sich auch gegenüber Miletkovo mit dem Wardar vereinigt; es ist der unweit Dedeli beim Hain Mamre in einem mächtigen Quell entspringende Kozludere, der nach Aufnahme einer Reihe von Süd und hauptsächlich von Norden ihm zufließender Nebenbäche als Bojimiadere sich in den Wardar ergießt. In der Umgebung seiner Mündung ist die Ebene fruchtbar. Dickichte von Weiden und Erlen umrahmen schöne Durchblicke auf die das Tal umgebenden Gebirge. Einzelne riesengroße, uralte Bäume, vom Talwind alle nach einer Seite gebeugt, waren ganz eigenartige und seltene Erscheinungen in diesem Lande. Es waren teils Eichen, teils Rüster. Ich habe oft ihre charaktervollen Formen bewundert, wenn ich am späten Nachmittag durch die Ebene dem Abendhimmel entgegen wanderte. Solche Glut und Farbenpracht des Sonnenuntergangs wie in diesem Winkel des Tals bei Mravinca, habe ich in meinem Leben nicht oft genossen, obwohl das Schicksal mich nicht selten an schönste Stellen der Erde geführt hat. Mein Ziel bei diesen Wanderungen war neben dem Genuß der schönen Landschaft zoologische Beobachtung. Ich wollte feststellen, welchen Vogelarten die alten Riesen als Schlafbäume dienten. Wo ein großer Baum in Mazedonien aufragt, wird er von Vögeln als Nachtquartier aufgesucht und je einsamer so ein Baum steht, um so eigenartigere Gäste kann man auf ihm vermuten. Steht er am Rande einer Stadt oder in einem Dorf, so ist man in Mazedonien sicher, jeden Abend hunderte, ja tausende von Dohlen in ihm einbrausen zu hören. Der Himmel verdunkelt sich, wenn sie in Scharen ankommen und ihr kreischendes Geschrei die Luft erfüllt. Meist begleiten sie, ebenfalls in großer Anzahl, Saatkrähen und Nebelkrähen, die nicht weniger geräuschvoll sind.

Die Rabenvögel Mazedoniens, welche wir in dieser Gegend feststellten, gehörten zu folgenden Formen: Die Dohle (Coloeus monedula soemmeringi [Fisch.]), die Saatkrähe (Corvus frugilegus frugilegus L.), die Nebelkrähe (Corvus cornix pallescens Mad.).

Ist die Gegend etwas einsamer, steht der alte Baum etwa nur neben einem stillen Gehöft, so dient er auch edleren Gästen als nächtliche Ruhestätte. Dann sammeln sich wohl auf seinen höchsten Ästen Bussarde, Habichte, Falken der verschiedenen Arten. Meist hält aber dann jeder einzelne seinen Ast für sich allein besetzt und jagt einen verspäteten Ankömmling erbarmungslos davon. Auf den Baumriesen in der Ebene des Wardar konnte man im Anfang der Besetzung durch die verbündeten Heere oft mächtige Nachtgäste aufbäumen sehen. Da saßen in ihren Kronen die häufigen Kaiseradler und gelegentlich einmal ein Steinadler; vor allem aber seltsam und eindrucksvoll waren die großen Geier, von denen Mönchsgeier und Gänsegeier nicht selten in der Dämmerung in den höchsten Ästen sich niederließen. Es war ein phantastischer Anblick, wenn durch die mächtigen Körper der riesigen Vögel bizarr verändert der Umriß des Baumes gegen den bernsteingelben Abendhimmel sich abhob. Wie Bildsäulen standen die Geierkörper in dem schimmernden Glanz. Von Zeit zu Zeit erhoben sie sich von ihren Sitzen und entfalteten ihre mächtigen Flügel, deren gespreizte Schwungfedern als dunkle Silhouetten sich von der goldenen Fläche einzeln abhoben. Senkten sie sich dann wieder auf die Kronen der Bäume nieder, so schienen sie auf die Hälfte der früheren Größe zusammenzuschrumpfen, wenn sie ihre Flügel zusammenfalteten und den langen mageren Hals einzogen.

Je länger der Krieg dauerte, je öfter von Soldaten und Offizieren auf die großen Vögel gejagt wurde, um so seltener kamen sie in die Wardarebene. Umso schwerer war es, an die freistehenden Bäume anzuschleichen, um sie zu beobachten und zu erlegen. Da nützten die wohlmeinenden Befehle unserer obersten Heeresleitung nicht viel, durch welche der Abschuß der großen Vögel im Interesse des Schutzes der „Naturdenkmäler‟ immer wieder unseren Truppen verboten wurde. Die Offiziere verhinderten zwar vielfach ihre Mannschaften am Abschuß der Adler und Geier; aber sie selber und die Ärzte der Lazarette konnten oft dem Jagdeifer nicht widerstehen und schlichen sich abends an die Schlafbäume heran, von denen mancher stolze Adler und stattliche Geier heruntergeschossen wurde. Und alle Schonung durch das deutsche Heer konnte nicht viel nützen, denn gedankenlos wurde von den Bulgaren, in deren Interesse wir sie schonen wollten, alles was auffallend war, weggeknallt.

So waren denn schon im Sommer 1917 die meisten Schlafbäume verlassen; später waren viele von diesen stolzen, schönen Produkten jahrhunderte langen Wachstums der Holznot der Truppen zum Opfer gefallen. Geier und Adler kamen nunmehr selten ins Tal. Aber immer noch konnte man täglich mehrere Paare der mächtigen Tiere, fast immer Männchen und Weibchen gemeinsam, die weite Ebene überfliegen sehen, wenn sie von einem Gebirge zum anderen flogen, in welchem sie ihre Schlupfwinkel hatten, wo sie brüteten und vor Nachstellungen sicher waren. Die Erinnerung an manche mazedonische Landschaft ist mir unzertrennbar verknüpft mit dem Flugbild der stetig und rasch mächtige Weiten durchfliegenden Raubvögel, die in wenigen Stunden von Griechenland bis nördlich der Donau reisten, Kleinasien, die Dardanellen und Albanien besuchten und über all den Kriegsschauplätzen majestätisch hinschwebten, auf denen die Heere der Welt verteilt waren. Dann und wann senkten sie sich nieder, um aus den Armeeschlächtereien, aus den Abfallplätzen der Truppenlager, an Heerstraßen oder auf Schlachtfeldern sich ihre Beute zu holen, ein Geschäft, an das in diesem Teil der Welt seit Jahrtausenden jede Generation der Aasvögel sich wieder hatte gewöhnen können.

Abb. 23. Haus mit Storchennest in Piravo.

In dem feuchteren Teil der Ebene, gegen Mravinca zu, sah man oft große Herden von Störchen durch Sumpf und Felder stelzen. Zwanzig bis dreißig waren ihrer häufig und manchmal mochten es selbst ihrer Hunderte sein, die man in einem Abschnitt der Ebene beieinander sah. Es war ein reizvoller Anblick, wenn die großen, schwarz-weißen Vögel mit ihren roten Beinen durch das hohe Gras und Schilf der sumpfigen Strecken stolzierten, bald tief geduckt am Boden suchten, bald den roten Schnabel hoch in die Luft warfen. Dann und wann ging ein mächtiges Klappern vieler Schnäbel los. Das war die Zeit, wenn sie ihre Jungen aus den Nestern hinausführten, und sie lehrten, ihre Beute zu finden und zu fangen. Rings um die Ebene fanden sich auf Bäumen und auf den Dächern der Häuser viele Storchennester. Nicht nur im Sumpf zwischen Binsen, Schwertlilien und anderen Sumpfpflanzen wateten die Störche umher, auch auf den trockenen Feldern wetteiferten sie an Farbenpracht mit den Kornblumen, dem wilden, roten Mohn und den Kamillenflächen. Dort waren sie eifrig hinter Eidechsen und vor allem Heuschrecken her, die mit dem fortschreitenden Sommer heranwuchsen und allmählich eine sehr lohnende Beute darboten.

So viel Frösche die Störche auch fingen, man hatte doch den Eindruck, daß es deren nicht weniger wurden, wenn man nachts durch die Ebene wanderte. Wenn der Vollmond sein Licht durch die Büsche schickte und die fernen Felsengrate der Gebirge silbern aufleuchteten, dann schallte über die Ebene das gewaltige Konzert der Frösche. Ungeheuer viel von diesen Tieren mußte es hier geben, denn es klang wie ein gewaltiges Riesenorchester, was da aus dem Sumpfe erscholl. Die Stimme des häufigsten mazedonischen Frosches klingt anders als die unserer Frösche, obwohl die Rana ridibunida Pall., der mächtig große Frosch dieses Landes, unserem Teichfrosch sehr nahe steht. Aber sein gewaltiges, sonores Lachen und Meckern, das ihm den Namen des Lachfrosches gebracht hat, ist eine eigenartige, volltönende Melodie, die in stiller, einsamer Nacht einen großen Eindruck macht. Mein getreuer Mitarbeiter und Begleiter, der tüchtige Herpetologe Prof. Lorenz Müller, stand seinen Lieblingen und Opfern so nahe, daß er wundervoll und täuschend ihre Stimmen nachmachen konnte. Hatte er unsere Gesellschaft durch sein Gequake in heiterste Stimmung versetzt, so konnten wir alle nicht mehr anders, als mit freundlichen Erinnerungen des mazedonischen Lachfrosches gedenken.

Einen Vogel, der in der Ebene von Hudova durch sein massenhaftes Auftreten einen besonderen Eindruck machte, möchte ich nicht vergessen. Es ist das der Truthahn, der auf dem Balkan sehr viel als Haustier gezüchtet wird. Während man ihn bei uns meist nur in einzelnen Paaren im Bauernhof zu sehen pflegt, wird er hier im Süden in großen Herden auf die Weide getrieben. 400-500 Truthähne und Truthennen mit ihren Kücken wanderten oft durch die Büsche und Maulbeerhaine. In langen Reihen liefen sie hintereinander und wenige Kinder genügten, um sie zusammen zu halten, auf die Weide hinaus und sicher in die Dörfer nach Hause zu treiben, wo sie mit den Hühnern auf den Bäumen übernachteten. Ein buntes, malerisches Bild war solch eine Putenherde, wenn sie, geleitet von den farbig gekleideten Mazedonierkindern durch das blühende Unkraut, die Kornblumen und den Mohn, geschäftig, den Schnabel am Boden, dahinliefen. Mancher solche Truthahn, um teures Geld gekauft, wanderte mit dem Urlauber in das hungernde Deutschland.

VIERTES KAPITEL

MRAVINCA UND SEIN FELDLAZARETT.

MAZEDONISCHE SCHILDKRÖTEN UND FISCHE.

Wie viele schöne Erinnerungen, menschliche und wissenschaftliche Eindrücke weckt mir der Name Mravinca. Von Kaluckova waren es etwa zwei Stunden Wagenfahrt über die Ebene südlich nach Mravinca. Von weitem schon, gleich nach der Ausfahrt, sah man über die ganze Ebene hinweg das weiße Schwesternhaus blinken, das hoch am Hügel gelegen, einer kleinen Kapelle glich. Dahinter erhoben sich die rosagrauen Hügel, dürr und unscheinbar, verbranntes, ödes Gelände, das aus der Ferne keine Reize versprach. Kam man näher, so sah man die tiefen Schatten der Schluchten das Gelände zerlegen, davor jetzt Anfang Juni noch grüne Wiesen und Gemüsegärten; hie und da blinkte Wasser des Flüßchens und von Bewässerungskanälen auf, getrennt und beschattet von Gruppen von Weiden, grüne Streifen in der Landschaft mit ihrer Einfassung durch Schilf, Binsen und Schwertlilien bildend. Vor dem Steilabfall des Hügelrandes führte die Landstraße von Valandova nach Miletkovo zwischen den Bauten des Feldlazaretts 358 hindurch, oft bei starkem Verkehr die ganze Gegend mit Staub überschüttend.

Ritt man näher heran, so hatte man zunächst den Eindruck eines großen Zeltlagers. Talwärts von der Landstraße breiteten sich etwa ein Dutzend große braune Segelstoffzelte aus, an denen die deutschen Fahnen lustig im Winde flatterten. Die Krankenzelte waren meist für Verwundete bestimmt; denn das Feldlazarett 358 war ein chirurgisches Spital.

Auf den ersten Anblick schien die Anlage höchst ungeeignet als Lazarett. Man dachte, der Staub der Landstraße müsse das Leben dort unleidlich gestalten und die Heilung der Wunden gefährden. Auch schien die Hitze in dem offenen, baumlosen, schattenfreien Gelände wohl unerträglich zu sein und in den geschlossenen Zelten mußte sie wohl noch gesteigert sein. Aber bei genauerem Zusehen erwies sich das Lazarett als sehr geschickt angelegt. Schatten war im Gebiet nirgends zu haben. Staubentwicklung war hier im feuchtesten Winkel der Hudovaebene immerhin geringer als sonstwo, die Zufahrtsstraßen waren sehr günstig, um den An- und Abtransport der Verwundeten zu beschleunigen.

Zudem waren die Zelte, in denen Kranke lagen, alle mit Berieselungsanlagen versehen, welche eine gewisse Abkühlung ermöglichten. Ein großer Wasserturm, der zu diesem Zweck errichtet war, verriet, daß genügend Wasser vorhanden sein mußte. Dazu kam die Lage des Lagers am Ausgang einer Schlucht, welche abends mit dem Talwind regelmäßig Kühlung brachte.

Ferner war das Lazarett mit den Jahren der Besetzung des Landes immer stabiler geworden. Es war immer mehr zum Musterlazarett des Kriegsschauplatzes geworden. Für mich und meine Leute war es bei der gastlichen Aufnahme, die wir dort stets fanden, nach anstrengenden Märschen und schwerer Arbeit ein richtiges körperliches und geistiges Erholungsheim. Der Chef, Stabsarzt Dr. Weyer, eine frische, tatkräftige Persönlichkeit, empfing mich, nachdem ich ihm meinen ersten Besuch gemacht hatte, stets fröhlich und gastfrei. In seinem Lazarett hielt er auf strenge Ordnung und Sauberkeit. Und er hatte alle Möglichkeiten ausgenützt, um sein Lazarett zu vervollkommnen. Viele glückliche Operationen hatten ihn in freundschaftliche Beziehungen zu bulgarischen Truppen gebracht, die ihm in der Folge durch Lieferung von Steinen und anderem Baumaterial sein Lazarett verbessern halfen. So habe ich im Verlauf meiner Besuche in Mravinca dort zwei lange, luftige Steinhäuser entstehen sehen, in denen die Verwundeten im Sommer kühler, im Winter wärmer lagen, als in den Zelten. So war denn auch zum Schluß ein stattliches, steinernes Operationshaus gebaut worden, das sterile Räume enthielt und viel sicherer zu operieren gestattete, als das alte Operationszelt.

Nicht minder gut war für die Mannschaft und das Pflege- und Sanitätspersonal des Feldlazaretts gesorgt. Eine besondere Wohltat war ein schönes zementiertes Schwimmbassin, in dem ein Dutzend Männer schwimmen und sich im Wasser tummeln konnten. In ihm habe ich manche erquickende Stunde mit den jungen Fliegeroffizieren von Hudova verbracht; denn Badegäste aus der ganzen Nachbarschaft kamen fast jeden Tag dort an.

Diese wurden auch oft im Lazarett bewirtet und gastlich beherbergt, wie das mir ja nicht selten widerfuhr. Jenseits der Landstraße war am Abhang der Hügel eine ganze Reihe von „Unterständen‟ eingebaut, kleine Hütten mit steilen Dächern, am Felsen angelehnt oder zum Teil in ihn eingefügt. In jedem dieser malerischen, sauberen Häuschen war je einer der Beamten des Lazaretts wohnhaft und jeder hatte es im Laufe der Zeit behaglich ausgestattet und je nach seiner Individualität künstlerisch eingerichtet. Da wohnten der Oberapotheker, die jüngeren Ärzte, die Inspektoren, der Röntgeningenieur. Ganz oben über den anderen Bauten in luftiger Höhe am Berg, erhob sich das weiße Schwesternhaus, das wir schon aus der Ferne erblickt hatten, bewohnt von vier ganz vorzüglichen, sympathischen Operations- und Verwaltungsschwestern. Hoch über den Männern hausten diese einträchtig in dem sauberen, zierlich ausgeschmückten Heim. Es war immer ein fast formeller, feierlicher Besuch, den man in dem feinen Häuschen abstattete. Die vier, nicht ganz jungen, sehr gut zusammen eingearbeiteten, getreuen Schwestern mit ihrer unermüdlichen, aufopfernden Tätigkeit für ihre Verwundeten werde ich nicht so leicht aus dem Gedächtnis verlieren. Ich lernte das Lazarett genau kennen, habe manche Pflege, manche Operation mit erlebt, Sanitätsschule, tägliche Prüfung der Mannschafts- und Krankenkost mitgemacht. Und noch dazu manche schöne, fröhliche Stunde dort erlebt.

Während Mittags die Männer und die Schwestern gesondert rasch zwischen der Arbeit ihre Mahlzeit zu sich nahmen, versammelte man sich abends nach getaner Arbeit gemeinsam in den Kasinos. Im letzten Jahre gab es ein Sommer- und Winterkasino. Ersteres war das interessantere, letzteres das künstlerisch bessere.

Das Sommerkasino war ein ganz kunstloser Käfig; es war aus einem dünnen Gestell aus Balken und Latten gebaut, mit einem festen, dachpappegedeckten Holzdach überwölbt, seine Außenwände bestanden aber nur aus Drahtgaze, so daß es aussah, als sei es durchsichtig. So konnte man bei Tag und was noch wichtiger war im helldurchleuchteten Drahthaus nachts verweilen, ohne von den Malariamücken gefährdet zu sein. Im kühlen Windzug, der von den Bergen kam — das Kasino lag am Ausgang der Schlucht —, konnte man in der heißesten Zeit des Jahres dort tafeln und sich bis tief in die Nacht der getanen Arbeit und seines Lebens freuen. Da saß ich oft an dem großen kreisrunden Tisch mit den tüchtigen, freundlichen und fröhlichen Menschen, Männern und Frauen, die hier drei Jahre lang im Dienste des Heeres und des Vaterlandes gemeinsam verdienstvolle Arbeit geleistet haben. Da wurde erzählt, diskutiert und debattiert. Man erfuhr viel von Landessitten, von medizinischer Arbeit, von der Natur des Landes und sprach viel von zukünftigen Absichten in der Heimat im Frieden; denn damals war noch frische, zuversichtliche Stimmung und jedermann dachte an ein starkes, tüchtiges, sicheres Vaterland nach dem Kriege. Da wurde auch manchmal gesungen und mit allerhand Aufführungen ein Fest gefeiert. Jedermann hatte Interesse für meine Arbeit, beobachtete und sammelte mit mir, und jedesmal, wenn ich in längeren Zwischenräumen wieder als Gast eintraf, hatte man mir interessante Funde von Tieren, Nestern und Bauten aufgehoben. So ist es verständlich, daß ich mit meinen ganzen dort so gut aufgehobenen Leuten niederen und höheren Ranges immer wieder gern in Mravinca einkehrte und einige Tage Ruhe und Erfrischung suchte. Nach starker, ermüdender Arbeit konnte man hier unter fleißigen Arbeitsmenschen eine schöne Erholung und Anregung finden. Mravinca nannte ich daher, solange ich in Mazedonien war, mein seelisches Erholungsheim.

Und manche stille beschauliche Stunde habe ich dort auf der Veranda des schönen hochgelegenen Hauses des Chefarztes zugebracht, das er mit verfeinertem Geschmack und einfachen Mitteln der widerspenstigen Natur des Landes abgezwungen hatte. Im Liegestuhl ausgestreckt, nach kühlendem Bad im Schwimmbassin, wartete ich im sinkenden Tag die Zeit ab, zu der all die fleißigen Frauen und Männer mit ihrer Tagesarbeit fertig waren und die Hände zum leckeren Mahle ausstrecken konnten. Da sank dann mir gegenüber die heiße Sonne Mazedoniens allmählich gegen den Rand der Ebene hinab. Links von mir blinkten vom Wardar rote Strahlen zurück, noch über ihm hinaus leuchteten die Berge der Marianska Planina und die schönen, schlanken Gipfel der Mala Rupa in glänzenden Farben auf, daß man meinen konnte, sie beständen aus einer purpurnen und violetten, glühenden Masse. Zur Rechten zog sich die Kette der Plaguša Planina hin, in fahlerem Licht und dennoch mit tiefen Schattenflecken. Gerade mir gegenüber sperrten das Nordende des Tals Ketten von gezackten Felsenbergen, eine hinter der anderen, in den verschiedensten zarten Abtönungen von Blau sich voneinander abhebend. Märchenlandschaften mußten in jenen mattleuchtenden Tälern verborgen sein, aus denen feine Nebel aufstiegen und zu den flammenden Wolken wanderten, die sich wie viel gewaltigere Gebirge über jene zarten blauen Berge türmten. Wie vom herrischen Pinsel eines großen Meisters gemalt, war das Gewölbe des Himmels hoch hinauf mit leuchtenden gelben, flammendroten, tiefblauen, grauvioletten, rotbraunen und grünlichen Wolken behängt. Das häufte sich übereinander, bäumte sich auf und zerfloß am obersten Rande in ein ätherisch klares sanftes Blau, das bis zu mir herüber sich wölbte, während über meinem Ruhesitz der erste Stern sein mildes Licht aufstrahlen ließ. Unten in der verdunkelnden, kühl blauenden Ebene, auf der die Schatten der Berge und Wolken sich allmählich immer mehr vorwärtsschoben, tauchte plötzlich eine Staubwolke rotgelb im letzten Scheine der Sonnenscheibe auf. Der helle Hauch erlosch in dem Augenblick, als die Sonne oben zwischen den fernen Schneebergen und den Felsenmassen von Demir Kapu fast im Norden versank. Kühle blaue Töne, zarte Nebelstreifen wanderten weiter den östlichen Bergen zu, über denen im grünblauen, stillen Himmelszelt zartrosa gefärbte, kleinste Wölkchen schwebten.

Abb. 24. Satyrus fatua Freg.

Abb. 25. Hummelfliege (Collostoma fascipenne Sch.) Kaluckova.

Das waren stille, friedliche Ruheabende in Mravinca vor arbeitsreichen Forschungstagen, zu denen jedesmal der frühe Morgen des zweiten Tages nach der Ankunft rief. Dann ging es meist zuerst aufwärts in die dürren Hügel hinter dem Feldlazarett durch steile Schluchten an dem halb verfallenen Dorf Mravinca vorbei, wo fleißige Bauern schon in der Morgenfrühe bei der Arbeit waren. Ein römischer Sarkophag nahe bei dem Dorf hielt mich kurze Zeit auf, ehe ich auf die Hochebene stieg, wohin mich die Interessen des Naturforschers mächtig lockten. Dort breitete sich eine wellige Fläche aus, mit trockenem kurzem Gras bedeckt, in die mit scharfen Kanten aus der Fläche geschnitten, tiefe, steile Schluchten sich senkten. Deren Ränder waren auf beiden Seiten etwa gleich hoch. Man sah in ihre Tiefe erst hinab, wenn man dicht am Steilrand stand. Die Wände waren so steil, die Brüche schienen so frisch, daß man glauben konnte, sie seien von Menschenhand am Tag vorher gegraben. Es war ein ganz anderer Typus von Schluchten, als ich sie aus dem Felsengebirge in einem der nächsten Kapitel beschreiben werde. Hier sah man, wie die Schluchten entstanden und wuchsen. Man konnte sie von ganz kleinen ersten Anfängen, von zentimetergroßen Vertiefungen bis zur Entwicklung zu hundert Meter tiefen, gewaltigen Schluchten verfolgen. Die größte dieser Schluchten hatte bei unseren Soldaten in der Gegend den Namen der Fuchsschlucht nach irgend einem Jagderlebnis erhalten. Auf der trockenen Hochfläche sah man nach verschiedenen Richtungen die Schluchten laufen, die alle am oberen Ende noch im Wachsen begriffen waren und an denen immerfort noch Verzweigungen entstanden. Am unteren Ende, gegen den Wardar hin, riß das Hochwasser nach starken Regengüssen große Massen der lehmigen Erdmassen von den Wänden ab, und schwemmte die fein sich verteilende Masse zum Fluß. So entstand am Wardar eine breite Sandschicht, die deltaähnlich in den Fluß sich erstreckte. Wenn unten Masse weggeschwemmt worden war, stürzte immerfort Masse im oberen Teil der Schlucht nach. Das erfolgte bald an der einen, bald an der anderen Seite der Schlucht. Dieses Nachstürzen war eine spätere Folge der Hochwassertätigkeit und erfolgte in Zeiten, in denen sehr wenig oder gar kein Wasser in der Schlucht floß. Während das Erdreich austrocknete, entstanden Sprünge im Boden und große Stücke lösten sich los und kollerten den Abhang hinunter. Dadurch wurden die Zustände am oberen Rand wieder verändert, neue Sprünge entstanden, neue Blöcke lösten sich ab und stürzten in die Schluchttiefe. Dort füllten sie das Bachbett auf, sperrten auch oft den Wasserlauf.

Die steilen Schluchtwände, rotgelb gefärbt, bestanden meist aus ganz gleichmäßiger feiner Substanz; sie sahen fast wie Lehm oder Löß aus. Die Schichten, aus denen die Schluchten gegraben waren, entstammten offenbar den höheren Hügeln und Bergen, aus denen das Wasser sie hinabgeschwemmt und in gleichmäßiger Verteilung an ihrer jetzigen Stätte abgelagert hatte. Hie und da ragten aus der feinkörnigen Masse größere und kleinere weiße Gesteinsbrocken heraus.

Abb. 26. Unterer Teil der Fuchsschlucht bei Mravinca.

Abb. 27. Hummelfliege Exoprosopa vespertilio Wd. Nat. Gr.

Die Wände der Schluchten dienten einer Menge von Tieren zum Nestbau. Außer den Bauten vieler Bienen und Wespen waren zahlreiche Vogelnester in die Lehmwände eingebohrt. An manchen Stellen sah man ein großes, dunkles Loch neben dem andern an der sonnenbestrahlten, gelben Schluchtwand. Die Vögel, welche hier in den Löchern brüteten, waren für die Augen des Nordländers auffällige, seltsame Formen. Es waren die farbigsten Vögel Mazedoniens, die hier hausten. Die Blaurake und der Bienenfresser flogen um die Schlucht und letztere vor allem tauchten immer wieder zu den Nestlöchern herunter, dabei ihre eigenartigen Zickzackflüge ausführend. Auch Wiedehopf und Kappenammer trugen zur Buntheit in der Vogelwelt bei. Daß alle diese Formen als Zugvögel meist erst im Mai im Wardartal auftreten, ist unten im 37. Kapitel besprochen.

WARDAREBENE BEI MRAVINCA. Im Hintergrund Plagusa Planina.

Jede Wanderung durch die Fuchsschlucht brachte neue Beobachtungen und neue Funde. Um den Bach flogen viele Libellen und machten auf Fliegen, Schmetterlinge, Eintagsfliegen eifrig Jagd. Unter den Zweiflüglern spielten wieder die Bombyliden eine große Rolle. Zwei charakteristische Formen sind ([Abb. 25] u. [27]) abgebildet. Die Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer und Ameisen entsprachen meist den Formen, die bei Kaluckova und Hudova vorkommen. Aber auch unter ihnen fanden sich manche Besonderheiten.

Am Schluchtbach war ein dichtes Buschwerk von Brombeerbüschen, Schlehdorn, Stacheleichen entwickelt, zwischen denen Sumpfpflanzen verschiedener Art, vor allem viel Wasserminze wuchs. Ende Juni 1917 waren diese Büsche von vielen Hunderttausenden einer Käferart bedeckt (Anomala solida Er.), welche alles kahlfraßen. Man hätte leicht Eimer voll von diesem Käfer sammeln können. Auf den Minzen fanden sich zahlreich die schönen metallisch glänzenden Chrysomela menthastri Suff. Nicht selten war ein Spanner Larentia corollaria H.-S.

Am Ausgang der Schlucht gegen den Wardar waren die Hänge mit reichlich Geröll bedeckt. Hier waren die Fundorte für eine Anzahl südliche und Steppenformen, wie die großen Gliederspinnen (Galeodes graecus C. L. Koch), verschiedene Arten von Skorpionen und riesige Tausendfüßler.

Unten am Wardar selbst und in dem sumpfigen Teil der Ebene, wo der Koslodere in den Strom einmündete, war ein üppiges Gelände von alten Weidenbäumen bestanden. Es waren richtige kleine Weidenwälder. Der Bach durchfloß die Fläche in verschiedenen Windungen, an seinem Ufer wuchsen Schilf, Röhricht, Schwertlilien und viele Wasserpflanzen.

Das war auch ein Gebiet, in welchem zahllose Libellen umherflogen; neben den stahlblauen Wasserjungfern schwebten trägeren Fluges die zarten blauschwarzen, grünschwarzen und goldgelben Arten von Lestes, Agrion und Gomphus, zwischen ihnen sausten gewalttätig die großen roten, grauen, braunen, zum Teil schwarzgefleckten Formen von Libellula und Aeschna. Gerade die letzteren waren schwer zu fangen, und es war eine Freude, waren sie endlich mit metallischem Klirren im Insektennetz gelandet.

Es war schön, im Frühsommer auf den blumenreichen Wiesen stundenlang beobachtend zu verweilen, wenn die großen Wolkenmassen am Himmel schwebten und ihre Schatten auf die weite Ebene und das jenseits sich erhebende Gebirge der Plaguša Planina warfen. Da entstanden Bilder von größtem malerischen Reiz, die mir unvergeßlich geblieben sind.

Es konnte aber auch glühend heiß sein; einmal hatte ich den Eifer im Verfolgen der Libellen zu weit getrieben; mehrere Stunden lang hatte ich am schattenlosen Ufer die flinken Tiere verfolgt und war mit reicher Beute heimgekehrt. Nachts überfiel mich aber hohes Fieber und allerhand unangenehme körperliche Erscheinungen zeigten mir, daß ich einen Sonnenstich erlitten hatte, von dem ich mich aber in zwei Tagen wieder erholte.

Der Kosloderebach beherbergte in seinem Wasser eine Sumpfschildkröte, die wir — so eifrig mein Begleiter, Professor Lorenz Müller, sich auch nach den Reptilien umschaute — nur hier fanden; sie kommt auch am Doiransee vor. Es ist die kaspische Sumpfschildkröte (Clemmys caspica virulata Val.). Sie kommt offenbar nördlich der Hudovaebene in Mazedonien nicht vor.

Ich nehme Anlaß, bei dieser Gelegenheit einiges von den übrigen mazedonischen Schildkröten zu berichten. Sehr häufig war im ganzen Land in allen möglichen stehenden Gewässern die gewöhnliche europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis L.). In allen Teichen und Tümpeln, in Bächen, Straßengräben, Reisfeldern tauchten die plumpen schwarzen Tiere gelegentlich auf.

Außer diesen zwei Wasserschildkröten kommen in Mazedonien zwei Landschildkröten, damit also im Land im ganzen vier Schildkrötenarten vor. Diese Landschildkröten waren in den meisten Gegenden des Flachlandes von Mazedonien so häufig, daß man sie nicht übersehen konnte. Mit ihren langsamen, watschelnden Bewegungen, mit dem Gepolter, mit dem sie durch eine steinige Schlucht oder durch ein dichtes Gebüsch hindurchrumpelten, verrieten sie sich auf weite Entfernung und besonders die deutschen Soldaten schenkten ihnen eine weitgehende Beachtung. In vielen Lagern und Quartieren wurden sie lebend gehalten und ich übertreibe nicht, wenn ich erzähle, daß viele Tausende von ihnen als Heimatpakete nach Deutschland geschickt wurden oder mit Urlaubern heimreisten.

Die possierlichen, anspruchslosen Tiere, welche eine Panzerlänge von 30-40 cm erreichen, ihren Kopf, Schwanz und Füße in den Panzer zurückziehen können und so lange zappeln müssen, um sich wieder aufzurichten, wenn man sie auf den Rücken legte, haben unseren Soldaten manche Stunde vertrieben. Auch haben diese sich nicht selten eine Schildkrötensuppe aus ihnen gekocht. Ob von den vielen heimgebrachten mazedonischen Schildkröten wohl noch eine oder die andere in Deutschland lebt?

Die beiden mazedonischen Arten von Landschildkröten sind Testudo graeca (L.) und T. ibera Pall. Beide mit ihrem schwarz und gelb oder schwarz und dunkelgrün gefleckten Panzer sehen einander sehr ähnlich und werden vom Laien auch nicht unterschieden. Die griechische Schildkröte ist in ihrer Verbreitung hauptsächlich auf die Balkanhalbinsel und Süditalien beschränkt, während die andere Art auch in ganz Nordafrika und Westasien verbreitet ist.

Dr. Laser phot.

Abb. 28. Landschildkröte (Testudo ibera Pall.) in den Felsen bei Valandova.

Beide Arten waren in der ganzen Hudovaebene und den angrenzenden Hügeln und Gebirgen auch bei Mravinca sehr häufig. Wir fingen sie oft, beobachteten sie viel im Sommer, wie die Männchen die Weibchen verfolgten und unter eigenartigem Grunzen und Anstoßen mit den Panzern zur Begattung schritten. Auch ihre Gelege fand ich öfter, mit den hartschaligen Eiern von einem Längsdurchmesser von 3-3½ cm. Oft lagen die Eier vereinzelt im Gras und zwischen den Büschen. In Mazedonien lernte ich verstehen, warum die Japaner die Schildkröte als Symbol der Geilheit betrachten. Hier waren die Männchen vom Frühsommer bis in den Spätherbst hinter den Weibchen her und in allen Teilen des Landes konnten ihre Kopulationsgeräusche bei Tag und Nacht aus Büschen und Gräben hervortönen.

In den Weiden am Wasser gab es auch manche besonderen Insekten. So war ein auffallender Rüsselkäfer Chlorophanus axinus Fabr. Auch kam im Sommer 1917 in der ganzen Gegend der große Bockkäfer Cerambyx scopolii Füssl. vor. Das war ein höchst auffälliges Tier mit seinen langen gebogenen Fühlern, wenn er, diese weit vorstreckend und die Beine abspreizend im heißen Sonnenschein hoch über den Büschen durch die Luft flog. Dann machte er einen ganz unwahrscheinlich großen Eindruck. Ich beobachtete ihn zwischen dem 10. und 20. Juni an vielen Orten Südmazedoniens, außer bei Mravinca bei Kaluckova, Hudova, Davidovo, auf der Fahrt nach der Malarupa bei Negorci und Koinsko, im Nikolatal. Da er in Fühlergestalt und Fühlerlänge in beiden Geschlechtern sehr zu variieren schien, so sammelte ich eine größere Anzahl von Exemplaren, die einmal genauer untersucht werden sollen.

Von Käferbeobachtungen aus der Gegend von Mravinca möchte ich noch die Dorcadionarten erwähnen, Formen mannigfaltiger, schön gefärbter Bockkäfer, die meist unter Steinen saßen und von denen wir im Sommer nur Spuren in Gestalt von Flügeldecken und ihren knotigen, gebogenen Hörnern fanden. Ihnen und anderen Tieren zuliebe kehrte ich einmal im frühen Frühling 1918 nach Mravinca zurück, wo ich schöne Exemplare dieser Erdböcke fand, so Nosodorcadion bilineatum Gam. und Dorcadion lineatocolle Kraatz. Von dieser in Südeuropa und den asiatischen Steppen in vielen Arten vertretenen Familie fand ich in Mazedonien noch manche schönen, interessanten Formen der Gattung, so auf dem Wodno Dorcadion equestre Laxm., einen samtschwarzen Käfer mit weißen Längsstreifen auf dem Brustschild und großen weißen Flecken auf der Mitte der Flügeldecken. Eine zart silbergraue Art mit schwarzen Flecken, auf der Golesniza Planina in 2000 m Höhe gefunden, ist wohl noch nicht beschrieben.

Mit dem Aufenthalt in Mravinca sind auch Erinnerungen an Fischfang verknüpft. Zu solchen Zwecken mußte man sich mit Fischern oder mit Pionieren in Verbindung setzen. Fischer als einheimische Bevölkerung fand man wohl an den Seen und am Wardar, aber sehr wenig; zumal in den besetzten Gegenden fehlten der Bevölkerung Boote vollkommen. Auch ich hatte keine geeigneten Geräte für den Fang größerer Fische bei mir. Somit war hier am unteren Wardar der Pionier mit seinen Booten die notwendige Stütze. Und außerdem mußte zu dem grausamen und dem Naturforscher sehr unsympathischen Hilfsmittel der Handgranaten und anderen Sprengmitteln gegriffen werden.

Abb. 29. Bockkäfer mit sehr variabler Ausbildung der Fühler. Nat. Gr. (Cerambyx scopolii Füssl.)

In den Schluchtbächen, in kleinen Flüssen hatten wir öfter mit primitiven Mitteln, so in den Schluchtbächen bei Kaluckova und im Nikolatal kleine Barben (Barbus plebejus Val.) erbeutet. Ähnlich war in den Bächen der Hudovaebene, so bei Miletkovo aus einem Bach der Steinpeitzger (Cobitis taenia L.) und eine ähnliche Form Cobitis elongata H. u. Kn. gefangen worden. In den größeren Nebenbächen und im Wardar selbst standen mir aber befreundete bulgarische oder deutsche Pioniere zur Seite.

Bei Miletkovo wurde einmal mit bulgarischen Pionieren, oberhalb Hudova mit bayerischen Pionieren bei Gradeč der Wardar befahren. In der Nähe von Miletkovo konnten vom Land aus die Sprengmittel in einen an seiner Mündung stark erweiterten kleinen Nebenfluß des Wardar geworfen werden, was reiche Ausbeute brachte, so zahlreiche Exemplare eines südlichen Verwandten unserer Nase (Chondrostoma genei Bon.), eines schönen glänzenden Fisches mit grüngrauem Rücken, schwarzgefleckten silberigen Seiten und orangegelb gesäumten Flossen. An der gleichen Stelle wurden die altbekannten Elritzen (Phoxinus laevis Ag.) erbeutet, im Wardar selbst Cottus ferrugineus H. u. K., ein Verwandter unserer Groppe.

Reicher und vor allem nahrhafter war die Ausbeute im Wardar selbst, die unter sachgemäßer Leitung des Pionierhauptmanns Frischholz erzielt wurde. Dieser, ein Fachzoologe, früherer Schüler des Münchener zoologischen Instituts, in seiner Zivilstellung Fischereisachverständiger des bayerischen Ministeriums, befehligte das bayerische Pionierlager in Hudova. Mit einem seiner Boote fuhren wir auf den rauschenden, brausenden Wardar bei Gradeč hinaus. Wir suchten die stillen, tiefen Stellen unterhalb der Schnellen auf und warfen da ausrangierte Handgranaten ab. Wenn eine davon noch losging, gab es im Wasser eine starke Detonation, ein Springbrunnen von 10-20 m Höhe sprang in die Höhe. Aus der Tiefe wurden gelähmte Fische emporgerissen und nun hieß es mit dem Boot gut manöverieren, wollte man die auf der Seite treibenden Fische mit dem großen Handnetz erfassen, ehe sie die wilde Strömung über Stromschnellen und kleine Fälle hinabtrieb, an Stellen, wo das Boot entweder gar nicht oder nur unter großer Gefahr nachfolgen konnte. Das waren aufregende Stunden, in wilder Bewegung und toller Lust mit den strammen bayerischen Pionieren, die einst auf der auch nicht viel zahmeren Isar ihre Künste geübt hatten.

Abb. 30. Riesenwelse aus dem Wardar. (Silurus glanis L.) Soldatenaufnahme.

Die Ausbeute war dem entsprechend. Wir bekamen einen Eindruck von dem Reichtum an Fischen, den die mazedonischen Flüsse bis zur Zeit vor dem Krieg beherbergt haben müssen. Wir holten vor allem Karpfen und Barben heraus. Die Karpfen (Cyprinus carpio L.) waren Riesen, wie man sie in Mitteleuropa jedenfalls im freien Wasser niemals zu sehen bekommt. Sie maßen im Durchschnitt 1-1½ m in der Länge, hatten einen mächtigen Umfang und wogen dementsprechend 10-20 kg. Auch die Barben (Barbus plebejus Val.) waren mächtige Tiere, bis zu einem Meter lang und auch 6-12 kg. schwer. Es war eine Freude für das ganze Pionierlager in Hudova und noch dazu für das Lazarett Kaluckova, als wir mit unserer Ausbeute heimkamen.

Nicht minder große Welse (Silurus glanis L.) beherbergte der Wardar; da waren die mächtigsten Vertreter im Winter vorher gefangen worden, von Soldaten, welche mir Photographien von ihnen brachten, die hier wiedergegeben sind. Über 220 Pfd. wogen die über 2 m langen Kolosse, welche an Mächtigkeit nur selten von den Riesenwelsen der oberbayerischen Seen erreicht werden, die gelegentlich als uralte Greise aus den Tiefen des Chiemsees, Königssees, Starnbergersees mit der Grundangel heraufgeholt werden.

Nicht so mächtig waren die Salmoniden des Wardar; die Lachse, die wir erbeuteten, waren viel kleiner (Salmo dentex Hek.).

Daß in den mazedonischen Flüssen solche Riesenfische überhaupt in größeren Mengen vorkommen konnten, erklärt sich wohl durch die primitive Art der Fischerei, welche seit Jahrhunderten dort betrieben wurde. War ein Fisch einmal über eine gewisse Größe erwachsen, so entging er leicht den Nachstellungen der Landesbewohner, welche nur mit kleinen Netzen, Angeln und Spießen fischten.

Die Kriegszeit werden aber nicht viele dieser Riesen überlebt haben, denn die Truppen beider Fronten und besonders rücksichtslos unsere Bundesgenossen, die Bulgaren, haben diese Raubfischerei ohne alle Zukunftsgedanken betrieben, diese Raubwirtschaft, die wir auf allen Gebieten als eine besondere Eigentümlichkeit der Balkanvölker kennen lernen werden. Als Wardarfische wären als von uns beobachtete Formen noch an dieser Stelle zu erwähnen: Cottus ferrugineus H. u. K., Chondrostoma genei Bor., Alburnus alborella H. u. K., die südliche Laube, A. scaranzoides H. u. K. und Abramis melanops Heck., der mit unserem Brachsen verwandte Seerüstling, der als ein ins Süßwasser übergegangener Meeresfisch betrachtet wird.

Von allen Süßwasserfischen meiner Ausbeute ist nur Alburnus scaranzoides H. u. K. als Sonderform des Balkangebiets zu bezeichnen; er ist aus Montenegro, Albanien und „Rumelien‟ bekannt. Alle anderen Arten sind in Küstenflüssen der Adria und des östlichen Mittelmeers, zum Teil in dem Gesamtgebiet von Süd- und Südosteuropa gefunden worden.

Sonst kam ich in Mazedonien nur am Ochridasee zur Beobachtung von zahlreicheren Fischarten. Sie sind im 39. Kapitel geschildert, wie die vereinzelten einzelnen Formen entsprechend den Orten, an denen sie gefunden wurden.

FÜNFTES KAPITEL

DIE PLAGUŠA PLANINA

Die Berge, welche sich dicht hinter Kaluckova erheben und als Kette parallel dem Wardartal von Norden nach Süden ziehen, haben den Namen der Plaguša Planina, wohl von dem türkischen Dorf Plauš, welches im Nordteil der Kette gelegen ist. Zu diesem Dorf führt der Saumpfad, welcher durch Kaluckova und seine Schlucht bergan steigt. Etwas weiter südlich führt ein besser ausgebauter Weg über einen Paß der Plaguša Planina nach Strumiza. In Friedenszeiten war Hudova die Eisenbahnstation für die Stadt Strumiza, zu der man mit Pferd oder Maultier von dort etwa 20 km zurückzulegen hatte. Über das Gebirge zog vor dem Krieg die neue Grenze zwischen Serbien und Bulgarien hin. Jetzt war das keine Grenze mehr und der Verkehr in den Bergen viel geringer, als in der Zeit, in welcher ein blühender Schmuggelhandel auf den jetzt vielfach zerfallenen Pfaden sich abspielte. Immerhin kam noch jede Woche eine Kamelkarawane, welche Militärgut von Strumiza zur Bahn nach Hudova brachte, auf Hin- und Rückweg durch Hudova; von dort ging der Weg über Kalkova auf den Hauptpaßsteig.

Abb. 31. Plaguša Planina in ganzer Ausdehnung, vor ihr der Grünberg. Aufgenommen vom Fliegerlager.

Bei Tag war es im Sommer ein heißer anstrengender Weg, an den Wänden der Schlucht entlang sich nach Plauš hinaufzuarbeiten, wo erst die schlimmste Steigung anfing, wollte man die Kammhöhe von 1100 m erreichen.

So brach ich denn bei den häufigeren Besteigungen des Gebirges regelmäßig vor Tagesanbruch auf, um womöglich, wenn die heißen Stunden des Tages kamen, schon auf der Kammhöhe zu sein. Der Weg führte zunächst durch die altbekannte Schluchtregion auf die ersten Höhen. Von dort genoß ich oft bei Sonnenaufgang den wundervollen Blick ins allmählich aufleuchtende Wardartal, während die ersten Strahlen die Schneehänge der Mala Rupa fern im Westen vergoldeten.

In der Höhe von 700-800 m nimmt der Anbau zu; man merkt, daß man sich einer menschlichen Ansiedlung nähert. Hier sind den steilen Hängen durch fleißige Arbeit Felder und Gärten abgewonnen, die in Friedenszeiten wohl sicher viel besser bepflanzt waren. An den Halden ziehen sich Weingärten hin, hie und da steht grüner Roggen auf einem steinigen Acker spärlich gewachsen, dazwischen sind Beete mit Bohnen bepflanzt. Es war der 22. Mai, an welchem ich zum erstenmal hier hinaufstieg; so waren die Obstbäume schon verblüht und kleine grüne Kirschen und Mirabellen hingen an den Zweigen.

Eine Quelle, überschattet von alten Weiden, verführte zu einer kurzen Rast. In der Nähe wimmelten auf dem Boden viele Aaskäfer. In den Büschen höre ich den Kuckuck rufen, der in dieser Gegend jetzt im Mai überall häufig ist. Was aber den Aufenthalt an der Quelle besonders verlockend machte, war der Gesang zahlreicher Nachtigallen, die jetzt am frühen Morgen noch eifrig schlugen. Ihr Gesang war außerordentlich klangvoll und schön.

Auch sonst war die Vogelwelt hier im bebauten Gebiet sehr reich. In den Gärten und auf den Wegen flogen Haubenlerchen und Feldlerchen vor uns auf. Der Bergsperling (Passer montanus montanus L.) war in Mengen da. Mit prasselndem Flug stiegen Turteltauben auf und flogen dicht über den Büschen davon (Steptopelia turtur turtur L.). In den Dickichten huschten zahlreiche Zaungrasmücken umher (Sylvia curruca curruca L.).

Beim Weitersteigen umgingen wir eine Bergkuppe; jenseits von ihr sahen wir vor uns, malerisch sich aufbauend das Dorf Plauš. In drei Teilen, bedingt durch drei Einschnitte im Gelände, zogen sich die Häuser bergauf in die Schluchten hinein. Im obersten Teil ragte ein weißes Minaret aus einer Gruppe von Bäumen empor und verriet uns, daß wir uns einem türkischen Städtchen näherten. Aus der Ferne machte der Ort einen reizvollen, einladenden Eindruck.

Aber wir waren ihm nur in der Luftlinie nahe; als wir die Bergkuppe umgangen hatten, sahen wir zwischen uns und dem Städtchen eine tiefe Schlucht klaffen. Es war eine Fortsetzung der einen Stadtschlucht, durch welche wir später in den Ort eintraten. Zunächst lief aber unser Pfad nahe an Abgründen entlang, die etwa 200 m tief sich neben uns öffneten. Die Schlucht war eng, kaum 300 m breit; ihre beiden Wände stürzten steil in die Tiefe, zu dem rauschenden Bach hinab, der reichlich schäumendes Wasser über mächtige Felsblöcke wälzte. Beide Wände waren kahl und schroff, kaum bewachsen; damals dachte ich, es sei unmöglich zum Bach hinabzugelangen. Später bin ich hinabgestiegen und konnte in der Tiefe am Bach manches interessante Tier beobachten.

Heute lag der Grund der Schlucht noch im tiefen Schatten, kühle Luft wehte zu uns herauf, denen es vom Aufstieg schon recht heiß geworden war. Wo die Schlucht gegen den Ort verlief, wuchsen im Grund stattliche Bäume, deren Kronen unter uns im Schatten der Schluchtwand standen. Es waren Platanen, Eschen, Ebereschen, Eichen, welche nahe dem Ort eine ganze Wildnis von Brennesseln und Disteln umgab, mit allen jenen Pflanzen, welche die Abfälle einer menschlichen Siedelung bedecken.

Abb. 32. Schlucht bei Plauš.

Auf einer kleinen gewölbten Brücke überschritten wir die Schlucht und kletterten am jenseitigen Rand aufwärts zu den Häusern. Vorher warfen wir von dem Brückchen noch einen Blick die Schlucht hinab. Es war die echte Balkanschlucht. Oberhalb des Orts und der Brücke begann sie als seichte Vertiefung im gewölbten Hang des Berges, von dem aus noch mehrere ähnliche Schluchtanfänge ausgingen. Eine kurze Strecke unterhalb der Brücke stürzte ein Wasserfall eine Stufe hinab, vor welcher die Wände der Schlucht etwas weiter zurücktraten. Unten tobte das Wasser zwischen den donnernden Steinklötzen, die übereinander kugelten und sich aneinander und an den Wänden des Bachbettes rieben. So bekam man ein Bild von den Kräften, die wohl in wenigen Jahrhunderten die jetzige Sohle der Schlucht aus dem Felsen herausgearbeitet hatten. Weit reichte der Blick nicht; denn die Schlucht machte in ihrer Fortsetzung eine starke Wendung nach rechts, so daß die Seitenwand sich wie eine Kulisse vorschob. Hinter ihr ragte eine weitere Steilwand in die Höhe; so glaubte man in einen Kessel hineinzublicken. Im Vordergrund erhoben sich stattliche Laubbäume, die von den weißen Kalkfelsen sich scharf abhoben; über dem Schluchtbecken tauchten ferne blaue Berge auf. Es war ein schönes Bild, welches sich da vor uns aufbaute.

Weniger erfreuliche Eindrücke traten uns entgegen, als wir die steilen Gassen des Städtchens durchkletterten. Was uns aus der Ferne so anmutig erschienen war, bot uns jetzt das Bild der Zerstörung. Die meisten Häuser waren Ruinen, dachlos mit halbeingestürzten Mauern. Einsam war es in den Straßen, leer gähnten die Fensterhöhlen, kaum ein Haus hatte noch eine Türe. Hohe Mauern, meist nur stückweise erhalten, hatten einst Höfe und Gärten umschlossen, in denen jetzt nur Unkraut und verwilderte Sträucher wucherten. Nur hie und da stand noch ein Obstbaum aufrecht, in der Schlucht erhoben sich einige stattliche Pappeln. Von hohen Bäumen war die Moschee umstanden, welche in einem etwas besser erhaltenen Teil des Städtchens sich befand.

Bei jedem meiner Besuche in Plauš fielen mir die verödeten Gassen, der Zerfall und die Zerstörung mehr auf; jedesmal waren wieder einige Häuser zerstört, wieder einige Bäume gefällt. Beides war auf das Bedürfnis nach Brennholz zurückzuführen. Verlumpte Kinder liefen herum, verschleierte Frauen flüchteten in die Häuser. Daß ich so wenig Männern begegnete, hatte wohl zum Teil seinen Grund darin, daß sie draußen auf den Feldern bei der Arbeit waren. Aber selbst an einem Feiertag, als ich sie in der Moschee versammelt fand, war es nur eine kleine Zahl.

Die Zerstörung des Ortes rührte wohl in der Hauptsache aus dem Balkankrieg her, wo Bulgaren und Serben hier gekämpft hatten. Und später fanden wir in der Gegend auch Gräben aus dem gegenwärtigen Krieg.

Der Aufenthalt in dem Orte hatte nichts anziehendes und so habe ich mich niemals in ihm länger als eine Stunde aufgehalten. Der gegebene Rastplatz war der Garten der Moschee, wo man im Schatten der Bäume ruhen konnte und ein laufender Brunnen uns den Durst löschte; er war, wie stets, wo Türken wohnen, gut gehalten und sorgfältig gebaut.

Abb. 33. Dorf Plauš von oben gesehen.

Die Moschee war ein schmuckloses, viereckiges Gebäude, niedrig mit schwach geneigtem Dach, kleiner Türe, mit wenig kleinen scheibenlosen Fenstern. Es war aus Hausteinen mit eingelegten roten Ziegellagen gebaut; das Dach war mit Rundziegeln gedeckt, wie die meisten Häuser des Ortes. Von den roten Ziegeln der Flächen des Daches, stachen hellgelbe Randziegel freundlich ab. Das Innere der Moschee bestand aus einer Halle mit nacktem Tennenboden, von einigen Balken war das Dach gestützt. Schmutzig und schmucklos war der ganze Raum, nicht einmal ein Teppich war da und die zum Gebet versammelten Männer waren ebenso schmutzig und verlumpt wie ihre Ortschaft. Nach der Zahl, Anlage und Größe der Häuser muß aber Plauš in nicht zu ferner Vorzeit ein blühendes, wohlhabendes Städtchen gewesen sein.

Der Anstieg, der von dem Orte weiter hinauf zum Kamme der Plaguša Planina führte, war steil und ging über einen kahlen von Wasserrinnen verarbeiteten Rücken zu einem Paß hinauf. Ganz oben in fast 1000 m Höhe war ein Türke mit seinem primitiven Pflug beim Pflügen eines Ackers beschäftigt, den ich im Herbst mit reifem Korn bestanden wiedersah.

Abb. 34. Eichen im Waldtal der Plaguša Planina (Quercus conferta W. K.).

Von der Paßhöhe, von der der Pfad nach Strumiza hinüberführte, führte eine Talschlucht nordwestwärts, welche mit einem stattlichen Buchenwald an der Südseite, am Nordhang mit einem lichten Eichenhain bedeckt war. Dieses Waldtal habe ich während der beiden Jahre meines Aufenthalts in Mazedonien mehrere Male besucht. Es gehörte wie die ganze Plaguša Planina zu jenen Gebieten, welche ich planmäßig zu allen Jahreszeiten zu besuchen pflegte, um den Wechsel der Fauna und Flora zu beobachten.

Bei diesem Besuch genoß ich mehr das frische Grün des Buchenwalds und seinen lichten Schatten, als daß ich eine reichliche Ausbeute erzielt hätte. Diese stellte sich erst ein, als ich noch etwa 200 m höher gestiegen, in die Gipfelregion des Gebirges gelangte. Beim Anstieg kamen wir durch Buchengebüsch, dichte Bestände von Hainbuchen und Ebereschen, zwischen denen als mir neue Pflanzen ein kleines dunkelblaues Vergißmeinnicht und schöne Glockenblumen standen. Eine der auffallenden Pflanzen dieses Gebietes war die wilde Pfingstrose (Paeonia decora Anders), deren rote Blüten zwar kleiner waren, als diejenigen der Kulturrassen unserer Gärten, aber doch einen schönen stattlichen Eindruck machten.

Als wir uns dem ersten Gipfel näherten, bot sich uns ein wundervolles, farbenprächtiges Bild dar. Eine blumenreiche Wiese war in der Gipfelregion von einem dichten Gebüsch von Weißdorn bedeckt. Alle diese Büsche waren in voller Blüte und die weißen Blumensträuße, umrahmt von dem sattgrünen Laub, hoben sich scharf und klar von dem tiefblauen Himmel ab. Es war ein wolkenloser Tag und wir genossen die Sonnenwärme, die uns hier bestrahlte. Als wir vor Tagesanbruch um 4 Uhr im Tal abmarschierten, froren wir bei 9° C in unseren dünnen Sommeruniformen; bis 9 Uhr war in 800 m Höhe die Temperatur schon auf 16° C gestiegen. Hier oben maß ich im Schatten mit dem geschwungenen Thermometer 26° C.

Um die Blüten des Weißdorns flogen zahlreiche weiße Schmetterlinge, eine Art der Gattung Mnemosyne, Verwandte des Apollofalters umher. Auf den Blättern saßen metallisch glänzende Käfer aus der Gruppe unseres Rosenkäfers (Cetonia aurata, var. viridiventris Reit.). Bienen und bunte Fliegen umsummten die Blüten.

Abb. 35. Große Raubfliege (Pogonosoma maroccanum Fabr.) a von oben, b von der Seite.

Bei diesem ersten Ausflug in die Berge war ich noch nicht genügend für die Sammeltätigkeit ausgerüstet, da mein Gepäck in Kaluckova noch nicht angelangt war. Um so mehr konnte ich die Schönheit der Landschaft genießen und mich in der mir ganz neuen Gegend orientieren.

Der erste Gipfel, den ich erstiegen hatte, erlaubte einen weiten Überblick nach Osten, Norden und Westen. Im Süden war die nähere Umgebung durch die Fortsetzung der Bergkette, aus der sich noch eine Reihe von Gipfeln erhob, teilweise verdeckt.

Nach Norden setzte sich das von mir bestiegene Gebirge noch in eine Gruppe niedriger Gipfel fort, zwischen denen die Täler tief eingeschnitten waren. Seine Fortsetzung fand es in den Ketten, welche gegen den Wardar bis Demir-Kapu sich hinzogen. An den Abhängen der Berge und in den grünen Winkeln der Täler sah man kleine, türkische Ortschaften eingeschmiegt, als solche zum Teil an den Minarets zu erkennen. Nach der Karte erkannte ich Arazli Menekli, Kara Eliasli, und Baceli-Cesme. Nach Süden sah man der Westkante des Gebirges entlang, welche in schroffen Felswänden mehrere hundert Meter fast senkrecht zum Wardartal abfiel. Über die vor mir liegenden Gipfel hinweg sah ich in der Klarheit des schönen Maitages die Berge der Doiranfront mit allen Einzelheiten vor mir liegen. Eine Menge von Ortschaften konnte man erkennen, ja es waren unsere Stellungen und diejenigen der Feinde dort deutlich zu sehen.

Fern hinter diesem Gebiet blitzten der Spiegel des Doiransees und des Ardzansees auf. Zwischen ihnen ragt ein kegelförmiger Berg auf, der Dub, eine vielumkämpfte Vorstellung unserer Truppen, welche einen vollen Einblick in die feindlichen Stellungen im südlichen Wardartal erlaubte. Dort schwebten zwei Fesselballons am Himmel und kaum waren sie sichtbar geworden, als drüben eine heftige feindliche Beschießung losging. Von den Granateinschlägen an einer Straße entlang, stiegen mächtige schwarze Rauchwolken auf.

Über den Seen und den vorderen Bergen hinweg sah ich im blauen Dunst der Ferne einen hohen Doppelgipfel; es war der Olymp, der Götterberg des alten Hellas, der dort herüberschaute.

Ich überblickte das weite Tal des Wardar, wie es sich aus der Enge bei Hudova öffnete, darüber die mir schon lieb gewordenen Umrisse der Marianska Planina und der Mala Rupa. Durch die grüne Ebene von Hudova floß der breite Strom, zum Teil in Arme zerspalten, zu einem neuen Engpaß, in welchem er bei Miletkovo eintrat, um weit nach Süden bis gegen Gewgeli sichtbar zu bleiben.

Quer von Miletkovo herüber sah man eine Hügelkette an Mravinca vorbei gegen Dedeli ziehen und von dort konnte das Auge rückwärts wandernd die Reihe der Dörfer am Fuß der Plaguša Planina verfolgen, vom südlichsten Piravo über Verceli, Aranli, Terzeli und Kalkova nach Kaluckova.

Da ich für die nächsten Tage mir eine neue Besteigung des Plaguša-Gebirges vorgenommen hatte, so nahm ich jetzt den Abstieg hinter dem Grünberg nach Kalkova, wo ein deutsches Pferdelazarett untergebracht war. Als ich die Region von ungefähr 500 m Höhe erreicht hatte, traf ich dort in der Nachmittagssonne ein reiches Insektenleben. Vor allem häufig waren zwei Arten von Ameisenlöwen, darunter die zierliche Form mit den bandförmigen Hinterflügeln (Nemoptera sinuata Oliv.). Schmetterlinge flogen um die Blüten, auch zahlreiche Bienen und Fliegen. Auf letztere jagten zwei Libellenarten. Auf den Pflanzen und am Boden gab es zahlreiche Käferarten, so Mistkäfer, unter denen die Pillendreher besonders auffielen.

Die gleichen Tiere, in noch vermehrter Menge, konnte ich in derselben Region beobachten, als ich am 27. Mai, am Pfingstsonntag, den gleichen Weg, aber mit weiterem Ziel zurücklegte. Geradezu erstaunlich war die Menge von Mistkäfern, welche auf dem Pfad und an den Hängen herum wimmelten. Sicher ein Anzeichen dafür, daß auf dem jetzt so einsamen Pfädchen der Verkehr früher viel stärker war.

Als ich in der Gipfelregion ankam, wehte hier ein kalter Wind. Große Wolken trieben am Himmel und versprachen weniger gutes Wetter als beim letzten Aufstieg. Am ersten Gipfel flogen wieder die Mnemosynen, d. h. bei der Kälte flogen sie nur in den kurzen Augenblicken des Sonnenscheins. Sonst saßen sie starr auf den Büschen und ließen sich leicht mit der Hand fangen.

Aber die Kälte konnte den Insektenreichtum dieser Region nicht vollkommen unterdrücken. Sowie die Sonne herauskam, erhoben sich die Schmetterlinge aus ihren Schlupfwinkeln und gaukelten um die Blüten. Dabei fiel auf, welch kräftige Farben hier in dieser Region die meisten Arten aufwiesen. In die Augen fallend war vor allem das leuchtende Blau der Bläulinge.

Auch andere Insekten waren reichlich vorhanden. Hummeln und Bienen lockten durch ihr Summen die Aufmerksamkeit aller meiner Begleiter auf sich. Cetonien und andere Blumenkäfer ließen sich leicht von den Sträuchern herunterschütteln. Kleine Bockkäfer waren häufig, so Leptura erratica Dalm. und L. fulva de Geer, wie die bunte Strangalia septempunctata Fabr. und die dunkle L. melanura L. Auffallend viele Spanner und Motten flogen umher.

Auf dem Pfad und an seinen Rändern liefen Tigerlaufkäfer (Cicindela campestris L.) herum und überall waren die kreisrunden Löcher im Boden zu sehen, in denen ihre Larven auf Beute lauerten. Auf den Wiesenpflanzen saßen kleine Zikaden mit schwarzrot gefleckten Flügeln (Triecphora mactata Germ.), eine Schaumzikade. Grillengezirpe ertönte von allen Seiten, als eine zeitlang die Sonne wärmer schien.

Das Umwälzen der Steine brachte reiche Ausbeute. Viele Käfer, besonders Laufkäfer saßen unter ihnen. Durch seine krepierenden Bomben aus Sekret der Afterdrüsen fiel der Bombardierkäfer Brachinus immaculicornis Dej. besonders auf. Ganze Scharen von schwarzen und braunen Juliden, jenen walzenförmigen, sich einrollenden Tausendfüßlern, traf ich unter den Steinen an oder fing sie, als sie offen auf den Wegen krochen (Brachyjulus unilineatus hercules Verh.). Fand ich aber einen jener großen, flachen, flinken Tausendfüßler aus der Gattung Scolopendra, so saß das Raubtier sicher einsam und ungesellig unter seinem Stein. Jedesmal gab es eine aufregende Jagd, bis das Tier mit der Pinzette gefaßt, der schmerzliche und unter Umständen gefährliche Biß vermieden, und trotz aller Gewandtheit und schnellen Bewegungen die Beute im Sammelglas saß.

Unter Steinen fand sich hier, wie auch in der Ebene, sehr häufig eine Wolfsspinne (Lycosa amentata [Clerk]), eine der Formen, welche kein Netz bauen und ihre Spinndrüsen außer zur Anfertigung der Eierkokons nur zum Umspinnen der Beute verwenden. Auch dieses stattliche Tier war infolge der Schnelligkeit seiner Bewegungen nicht leicht zu fangen.

Merkwürdig ist die Tatsache, daß ich hier oben, das einzige Mal in Mazedonien die bei uns häufigste Hausspinne (Tegenaria domestica [Clerck]) im Freien bei etwa 1000 m Höhe fand, wo sie ihr Netz unter einem Strauch gebaut hatte. In Häusern habe ich diese Spinne und ihr charakteristisches Netz in Mazedonien nie beobachtet, was wohl nicht nur ein Zufall ist.

Eine Merkwürdigkeit der Region waren die zahlreichen Löcher im Boden, welche der Bautätigkeit von Insekten ihre Entstehung verdankten. Außer den Cicindelenlarven hatten Ameisen und Bienen solche gebaut. Die Löcher dieser beiden Insektenformen unterschieden sich aber sehr von denjenigen der Käferlarven und der Spinnen, die auch nicht selten waren, durch einen kraterähnlichen Wall aus beim Bau ausgeworfenen Erdteilchen, welche in regelmäßigem Kreis das Loch umgaben. Auffallend war oft die gänzlich von der Erde der Oberfläche abweichende rötliche, schwärzliche oder gelbe Farbe, welche dieser aus größerer Tiefe stammende, auch vielfach noch feuchte Bauschutt besaß.

Die Ameise, welche hier häufig aus solchen Kraternestern kam und die Öffnungen eifrig umschwärmte, war eine Form, die auch unten in der Ebene infolge ihrer Lebhaftigkeit und eigenartigen Körperhaltung kaum übersehen werden konnte. Es war eine große Ameise, in Größe und Gestalt unseren Waldameisen ähnlich sehend, mit rotem Kopf, roter Brust und braunem Hinterleib. Das Tier schoß, wenn es erregt war, mit sehr raschen Bewegungen im Zickzack hin und her und hielt dabei den Kopf und die Vorderbeine steil in die Höhe. Es ist die Art Cataglyphis bicolor F. var. orientalis For., deren Arbeiter sich außerhalb des Nestes so auffallend benehmen.

Hier oben fing ich auch zum erstenmal Exemplare der großen schwarzen, bronzeglänzenden, flügellosen Heuschrecke Callimenus oniscus Charp.; diese habe ich später im Nikolatal genauer beobachtet und will daher im Kapitel über jenes Tal näheres über sie berichten und sie dort abbilden.

Unterdessen war trotz des fortschreitenden Tages der Wind kälter geworden. Die Bewölkung nahm zu. Indem sie sich von Zeit zu Zeit in irgendeiner Himmelsrichtung öffnete, ergaben sich engumrahmte Fernblicke von großer Klarheit und von phantastischer Schönheit. Bald konnten wir nach Westen durch ein Wolkenloch tief ins Wardartal hineinsehen, bald wurde es im Osten klar. Dann blickten wir über den sanfteren Osthang der Plaguša Planina in das Tal von Strumiza, dessen Sohle und Hänge gut angebaut schienen; wohl abgeteilte Äcker und Felder deuteten auf ertragreichen Ackerbau.

Einmal, als die Wolken sich verteilten, öffnete sich der Vorhang vor einem Prospekt von zauberhafter Schönheit. Es zeigte sich, auf den Gipfeln noch schneebedeckt, vor uns im Südosten das Belasizagebirge mit seinen einfachen, großen Formen. Weit in der Ferne im Osten ragten aber schimmernde, eis- und schneebekleidete Zinnen in gewaltige Höhen empor. Wir konnten uns kaum entscheiden, daß es das Rhodogegebirge sein müßte, als die Wolken sich wieder schlossen und das vorgezauberte Bild entschwand.

Es war 11 Uhr vormittags; wir hatten unsern Marsch über den Kamm fortgesetzt, einige der Gipfel erstiegen und waren durch dichtes Buschwerk gekrochen. Nun nahm die Bewölkung zu, an alle Gebirgsketten hingen sich schwarze Gewitterwolken, die schließlich auch die unserige einhüllten. Hagel und Regen prasselten los und hatten rasch unsere dünnen Uniformen durchweicht. Wir suchten Schutz unter den Büschen, indem wir uns auf den Boden hockten. Bald aber kam der Regen durch und wir waren froh auf einen alten Unterstand zu stoßen.

In diesen krochen wir hinein, erlebten aber hier nicht allzuviel Freude. Das Gewitter umtobte uns, grelle Blitze zuckten durch die um uns jagenden Wolken, fast im gleichen Niveau, in dem unsere Höhle lag. Schwere Donnerschläge, den Blitz begleitend, erschütterten den Boden. Erde und Steinchen rieselten herunter und schließlich ergossen sich Ströme von Schlamm und Wasser auf uns von oben herab.

Uns schien es richtiger, diesen etwas bedenklichen Aufenthalt zu verlassen und lieber etwas mehr Nässe zu riskieren. Der ganze Bergkamm war hier von alten Schützengräben, von Befestigungen und Unterständen durchzogen. Überall lagen französische und serbische Patronenhülsen und Rahmen umher. Jeden Augenblick wühlte der Fuß Kugeln aus dem Boden. Hier mußte einmal ein scharfer Kampf getobt haben.