Die Hexenrichter von Würzburg


Die Hexenrichter
von Würzburg

Historische Novelle von

Franz von Seeburg

Siebte Auflage

Druck und Verlag von Friedrich Pustet
Regensburg, Köln, Rom, Wien 1920


1. Kapitel: Fahrendes Volk

Rings düsterer Wald. Alte Buchen, mächtige Föhren und Tannen beschatten einen Boden, den nur selten eines Wanderers Fuß betritt. Ungestört äst dort der Hirsch, weidet das Reh und krächzt die Eule. Die geheimnisvolle Weihe von Jahrhunderten liegt über diesem Meere von Bäumen, über das wilde Stürme hinweggebraust und über dem so oft des herrlichen Frankenlandes Sonne aufgegangen. Neben der in sich zusammenbrechenden Eiche keimt und sproßt neues junges Leben in saftweichem Grün, unter dem Schatten weitästiger Buchen glüht unbegehrt und ungepflückt im schwellenden Moosgrunde die Erdbeere. Dem Schiffe gleich, das stolz die Wellen durchschneidet, fliegt in majestätischem Flügelschlage der Geier über das wogende Meer grünender Kronen, während in dem dichten Geäste die Sänger des Frühlings aus frischen Kehlen singen.

Dort, wo der Wald sich lichtet und von sanfter Anhöhe nach dem Tale niedersteigt, steht im Tannenschatten ein einsames Haus. Fest, massiv sind seine Mauern, aus regellosem Gesteine gefügt. Rings an den Wänden kriecht der schwarzgrüne Efeu träge hinauf und verschleiert mit seinen Blättern die kleinen Fensterbogen mit ihren sonnenblinden, runden Glasscheiben. Die Haustüre steht offen und gewährt freien Einblick in einen gewölbten, halbdunklen Hausflur, an dessen Ende ein roh gezimmerter alter Eichentisch auf weit gespreizten Beinen steht. Über diesem an der graufarbigen Wand hängt ein Kruzifix, schwarz, schmutzig, von Spinnengeweben umzogen, vom Holzwurme angefressen.

's ist Frühlingsabend. Die scheidende Sonne hat ihren Glanz in ungezählte Lichter gebrochen, welche auf dem jungen zarten Grün der Buchen und auf dem dunkeln Boden des Waldes ihren Abendreigen in feenhaftem Tanze feiern. Auch an dem alten Hause zieht scheidend ein rosiger Strahl vorüber, ein warmer Kuß, auf Leichenlippen gehaucht, und stirbt dann in dem Schatten der Waldesnacht.

Kein Vogelsang mehr! Die kleinen Flöten sind müde geworden und träumen von neuen Liedern für den morgigen Tag. Nur die Eule ächzt wie das Gewissen eines schlaflosen Sünders durch die tiefe Stille des Abends.

Gott grüß euch, ihr Sterne! Warum soll ich euch denken als riesige Körper in endlos weiten Fernen, an denen des Menschen forschender Geist Zirkel und Zahl versucht? Nein, ihr seid mir liebe Engelsaugen, die freundlich auf Flur und Wald und in fromme Menschenherzen niedergrüßen.

Ein greller Pfiff, darauf ein rohes Lachen. Dort teilt sich des Niederwaldes dichtes Geäste und wilde, verwetterte Gestalten treten heraus. Sie schreiten dem alten Hause zu und lagern sich vor demselben ins schwellende Gras.

»Heda, Zuckerwastl!« ruft ein kleiner, dicker Geselle, den breiten Schlapphut fest auf den Kopf gedrückt; »heda, wirf deinen zusammengestohlenen Kram ins Gras! Bist nicht halb mehr der Spitzbube, wenn du die Ware vom Rücken nimmst.«

Der Angeredete streifte stechenden Auges den Dickwanst. Erst löste er die Lederbänder seiner Kraxe, stellte diese beiseite und reckte Arme und Beine; dann fuhr er mit dem Ärmel über sein wettergebräuntes Gesicht, um sich den Schweiß abzutrocknen, und strich endlich mit stolzem Selbstbewußtsein über das abgeschlissene Sammetwams, über dem um den dürren Hals eine Messingkette hing.

»Bist der schmuckste Junker im Frankenlande,« spottete der Dicke weiter; »gehst in Sammet und Seide gleich einem Grafen. Nur schade, daß der ganze Plunder sowenig wert ist als der, der ihn trägt.«

»Pappenheimer,« gab trocken der Zuckerwastl zurück, »stecke deine rote Nase nicht zu tief in meinen Topf, es möchte dir sonst übel ergehen!«

Mit diesen Worten wandte er sich von dem Dicken ab und seinen anderen Gesellen zu.

»Du mein Gott!« lachte er, einem mürrischen Alten vertraulich auf die Schultern schlagend, »wie wirst du grau und schwach, zerbrochener Paulus! Hab' dich auch einst in besseren Zeiten gesehen, ehe sie dir in München im Falkenturme die Glieder gestreckt haben. Ja, ja, Spitzbubenleben macht noch schneller alt als Herrenleben; es geht eben gar zuviel Ungewitter über einen richtigen Schelmenkopf!«

»Dir hat es doch nicht übel bekommen,« gab der zerbrochene Paulus, ein hinkender Alter, halb verdrossen, halb neidig zurück.

»Glaub's wohl,« lachte der Neunaugen, ein widerlicher Kerl mit dünner Stimme und schielenden Augen; »es versteht sich nicht jeder so gut auf sein edles Handwerk wie der Junker Zuckerwastl! So einer solch weisen Kopf zwischen seinen Schultern sitzen hat, mögen ihm die hochgelahrten Herren mit den hänfenen Halskrausen und dem peinlichen Rechte nicht beikommen.«

Der Zuckerwastl nickte dankend für das gespendete Lob, pfiff ein Lied und schritt nach dem Hausflure, um dort den Schenkwirt aufzusuchen. —

Wir haben hier eine Gesellschaft vor uns, wie sie sich in einem alten Gerichtsakte gezeichnet findet, Gauner vom reinsten Wasser, echte Erzeugnisse jener wilden Zeit des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts, wo die unteren Volksschichten fast ohne Bildung waren und eine ganz erbärmliche Justiz den letzten Rechtsbegriff in der Menge zerstörte.

Der Zuckerwastl war eine lange, hagere Gestalt mit stechenden Augen und dünnen schwarzen Haaren; jenen Namen trug er, weil er stets einen kleinen Kram mit sich trug, der aus Zucker, Gewürz, Hutschnüren, Schamlot und Hosenbändern bestand; diese Gegenstände aber sollten ihm nicht zu redlichem Erwerbe dienen, sondern vielmehr ein Mittel sein, sich als fahrender Händler in die Häuser einzuführen, die Gelegenheit zum Stehlen auszukundschaften und dann mit seinen Gesellen nach Lust und Möglichkeit zu rauben, oder, wenn es nicht anders ging, wohl auch zu morden. Er gehörte zu jenen Landfahrern, welche von wandernden Eltern stammen, ohne Heim und bleibende Stätte, dem Wandertriebe folgend von der Wiege bis zum Galgen oder, wenn er unter einem guten Sterne geboren war, bis zu einer Grube draußen im Walde; ohne Aufblick nach oben, ohne Verständnis des Diesseits, ohne Hoffen und Sehnen nach einem besseren Jenseits. Die wenigen Begriffe von Gott und Religion fanden sich in solchen Menschen nur im Zustande greulichster Verzerrung, daher auch jene mehr dämonische als bloß abergläubische Auffassung vom Wesen und der Gewalt des Satans. Ja, diese Gattung Leute betrachtete sich im Bewußtsein der eigenen Verworfenheit und in dem Gefühle der Verachtung, mit der ihnen jede über ihnen stehende Schichte der Gesellschaft begegnete, als bereits bei lebendigem Leibe dem Teufel zu eigen verfallen und fand, dadurch mit dem Gifte des Hasses erfüllt, eine satte Befriedigung darin, wenn möglich durch Hilfe des Satans Rache an jenen zu üben, die, sei es durch Tugend oder Geistesbildung oder Glücksgüter, hoch über ihnen standen.

Wie die Neuzeit trotz ihrer teils wirklichen, teils vermeintlichen Aufklärung sich einem epidemischen Wahnsinne im Tischklopfen, Somnambulismus und Magnetismus hingegeben und damit, bewußt oder unbewußt, einen Dämonenkult getrieben hat, und wie diese Abirrung ihren Grund in einer verrückten Anschauung aller göttlichen und irdischen Ordnung und in einer krankhaften sozialen Auffassung hatte: so auch jene Erscheinungen voll beschämender Verirrungen, die uns im Hexen- und Zauberwahne entgegentreten. Sie waren nichts anderes als eine häßliche soziale Krankheit, großgezogen durch religiöse Unbildung und unverstanden von jenen, deren heiligste Pflicht und schönste Aufgabe es gewesen wäre, hier rettend, heilend, versöhnend dazwischenzutreten. Die rohe Gewalt des Scheiterhaufens war dem geistig kranken Volke kein Gegenbeweis seines Irrtums, sondern vielmehr eine unumstößliche Bestätigung seines Wahnglaubens. —

Der Zuckerwastl war so ganz ein Produkt seiner Zeit: keck, verwegen, auf einen Gott nicht hoffend, aber dem Teufel vertrauend, ein Fremdling auf der weiten Welt und doch überall zu Hause, wo Gelegenheit oder Verbrechen ihm den Tisch deckten, jeden hassend und sich selbst nicht liebend, dagegen Rad und Galgen als sicheren Schlußstein eines trost- und friedelosen Lebens stets vor Augen.

Eine dunkle, gestaltlose Ahnung erzählte ihm noch von Eltern. Als Bube streunte er bettelnd und stehlend Land auf und ab, sah keine Schule, hörte kein Gotteswort, kniete in keinem Beichtstuhle, verstand kein Gebet, ward Jüngling und Mann und Verbrecher, und berechnete als solcher sein Leben nicht nach Tagen und guten Werken, sondern nur mehr nach Übeltaten und rohen Genüssen.

Die Gesellschaft, die sich in buntem Wechsel um ihn als ihren Kernpunkt kristallisierte, war nicht besser als er selbst. Dort sehen wir unter dem langen Abendschatten des einsamen Waldhauses den Pappenheimer und den zerbrochenen Paulus, beide Kesselflicker aus der Passauer Gegend, Meister in der Zunft der Diebe, Räuber und Brandstifter. Dann noch den Neunaugen, einen ehemaligen Dorfschmied, der sich wegen eines Mordes aus seiner Heimat geflüchtet hatte, unterwegs eine sechzehnjährige, ihren Eltern entlaufene, umherstreunende Dirne aufgriff und zum Weibe nahm, obwohl er zu Hause Weib und Kinder im tiefsten Elende zurückgelassen. —


Der zerbrochene Paulus hatte sich neben dem Neunaugen ins Gras gelegt und stierte unverwandten Blickes nach dem abendlichen Himmel empor, an dem ein Stern nach dem andern in mildem Lichte aufleuchtete.

»Bist gewaltig ernst und nachdenklich,« brach der Neunaugen das Schweigen; »willst vielleicht in den Sternen lesen, wann für dich Galgen und Rad gezimmert werden?«

»Nein!«

»Nun, was guckst du denn dann?«

»Verstehst es doch nicht, wenn ich es dir auch sagen wollte, windischer Kopf!«

»Meinst du? Käme erst auf eine Probe an. Wollt' ich doch meine Seligkeit an einen Krug Wein verwetten, ich wäre klüger geworden als mancher Ratsherr, wenn ich nicht zwischen den Stauden der Heide aufgewachsen wäre.«

»Mag sein! Weil dein Verstand nicht ganz gestorben zu sein scheint, so will ich dir also sagen, was ich gucke und mir dabei denke. Siehst du die Sterne?«

»Ei wohl!«

»Denkst du dir auch etwas über diesen Sternen?«

»Man sagt gewöhnlich, der Herrgott wohne dort.«

»Gut. Ich denke mir das auch. Nun sage mir, alter Sünder, hoffest du dort auch einmal hinaufzukommen?«

Der Neunaugen richtete sich in hellem Erstaunen aus dem taufeuchten Grase auf und schaute seinen Nachbar mit einem langen, fragenden Blicke an.

»Ich — in den Himmel? Nein!«

Das stieß er heftig, fast schmerzlich heraus.

»Und warum nicht?« fragte der andere mit steigendem Ernste.

»Das will ich dir sagen, denn ich weiß es. Ein Teil Menschen gehört unserem Herrgott, der andere dem Teufel. Und wir armen Teufel — nun, wir gehören eben dem Teufel.«

Dazu stieß er ein häßliches, heiseres Lachen aus.

»Ich will dir etwas sagen,« fuhr der Neunaugen ruhiger fort und rückte näher an die Seite des zerbrochenen Paulus. »Ich weiß eigentlich gar nicht, wozu unsereiner auf der Welt ist. In einem Stadel oder unter einem Waldbaume zur Welt gekommen, sind wir gleich dem Wilde, das aus einem Jagdbogen in den andern läuft, bis ihm der Jäger das tötende Blei ins arme Herz schießt. Ja,« fuhr er fort und ballte die Rechte, »die drinnen in den Städten, die sattgemästeten Bürger und die stolzen, übermütigen Junker, die dicken Ratsherren und erst gar die Priester und Mönche, diese alle können leicht auf unseren Herrgott hoffen, ihnen ist Zeit und Ewigkeit wie auf das Butterbrot gestrichen — aber wir? Was fangen wir an? Weißt du,« flüsterte er und stieß seinen Nachbar mit dem Ellenbogen an, »für uns ist es immerhin das beste, wir verschreiben uns kurzweg dem Satan!«

»Was nützt uns der?« gab der zerbrochene Paulus verdrossen zurück. »Ist er doch ein Schelm gleich uns!«

»Magst nur zu sehr recht haben. Aber er kann uns armen Tropfen doch manchen Nutzen schaffen. Du, glaube ich, wärest der letzte, der es verschmähte, wenn ihm der Teufel die Gewalt gäbe, aus glühenden Kohlen Gold zu machen, verborgene Schätze zu heben und unterschiedlichen Zauberspuk zu treiben.«

»Ja, wenn es nur so wäre!« seufzte Paulus auf und schaute wieder nach den Sternen. —

— Drinnen im Hause sitzt der Zuckerwastl in einer dunkeln Ecke und führt mit dem Wirte flüsterndes Zwiegespräch.

»Nun, alter Diebsvater, weißt du nirgend einen fetten Bissen, der auf unsere langen hungerigen Finger wartet?«

Der Schenkwirt, ein alter Mann, dessen linkes Auge ausgeronnen ist, und über dessen kahlen Scheitel sich eine breite Schramme zieht, scheint diese Frage nicht zu beachten. Er sitzt mit überschlagenen Beinen auf seiner Holzbank und heftet den Blick auf den roten, ausgetretenen Ziegelboden.

»Ich war jüngst in Würzburg unten,« begann er in halblautem Selbstgespräche. »Die herrliche Stadt ist häßlich geworden; wohin immer du gehst, riecht es nach Blut. Da drinnen reitet der Satan die Herren bei lebendigem Leibe! Du glaubst nicht, alter Freund, wie sie da drunten morden und brennen! Lauter echtes Hexenfleisch! Jetzt ist dort alles und jegliches Hexe und verhext! Möchte nicht wetten, ob sich die klugen Herren am Gerichte in ihrer großen Weisheit nicht selbst zuletzt noch für Zauberer und vom Teufel Besessene halten. Wenn die Herren nicht so dumm wären, so wäre dies ein gar kluger Gedanke für sie. Denn wenn doch einmal alles des Teufels sein muß, dann sind sie wahrlich dazu die besten. Aber höre, Alter, dazwischen klingt etwas wie Wundermäre! Bei den Jesuitern ist ein junger Pater, ich habe ihn selbst gesehen, dieser nimmt sich mit brennender Liebe der armen Hexen an, als wären es seine eigenen Schwestern. Er schwört bei allem Heiligen, es geschehe den Ärmsten allen unrecht, denn es gebe keine Hexen —«

»Was?« fuhr der Zuckerwastl dazwischen. »Solches sagt er?«

»Jawohl, das sagt er!« bestätigte der Wirt mit großem Ernste. »Und noch mehr! Er tut das mit eigener großer Gefahr, denn alle die Hochweisen am Gerichte behaupten steif und fest, solches sei helle Ketzerei, und man dürfe sowenig Hexen und Unholde leugnen als unseren Herrgott selbst, und es liefen der Hexen wohl hundert und tausend durch das Land und suchten Menschen und Vieh und alle Erdenfrucht zu verderben. Die Gestrengen sind dem Pater schon hart angelegen, er solle doch endlich Vernunft annehmen und auch wie jeder klar denkende Mensch an Hexen glauben; hätten ihn doch seine Ordensobern ebendarum vom Rheine herauf nach Würzburg gesendet, um den armen Wesen, die ganz vom Teufel besessen sind, in der letzten Stunde tröstend und erlösend beizustehen; aber der Spee ist wie aus Eisen, er biegt und beugt sich nicht; es gibt keine Hexen — das ist sein tägliches Wort, und das sagt er so sicher und fest, als sagte er einen Ausspruch aus Gottes Mund, und mit alledem steht der Pater ganz allein, niemand hilft ihm, niemand steht auf seiner Seite!«

Der Zuckerwastl machte große Augen und wiegte nachdenklich das Haupt.

»Es soll dem Manne keine Schande sein, wenn ein Kerl, wie ich einer bin, ihn lobt. Aber meinst du auch, er setzt seinen Kopf durch?«

»Ich kann es schier nicht glauben; es sind zu viele gegen ihn, und darunter alle Großen. Und diese können und wollen das Rädern, Martern und Verbrennen nicht mehr lassen. Sie sind es gewohnt, wie du das Stehlen; und sowenig du dich deines Schelmenhandwerks schämst, sowenig schämen sich die Herren ihrer Grausamkeit. Weißt du, sie haben für ihre Dummheit ein gar heiliges Pflaster, sie sagen: sie dienen Gott!«

»Sei mir stille, alter Schwätzer, und lasse mich denken! Ich bin nur ein armer, windflüchtiger Geselle, den es Mühe kostet, an einen Gott zu glauben, den er nicht schaut, den es aber noch mehr Überwindung kostet, an die Liebe der Menschen zu glauben, die er nicht sieht. Der Spee ist ein seltener Mensch; er setzt sich aller Gefahr und Feindschaft aus, nur um solcher willen, denen jeder andere aus dem Wege geht, die alle hassen und verachten. Das kann ihm nicht Geld und nicht Ehre und auch nicht Frieden einbringen; sag' mir, alter Zigeuner, warum tut er das wohl?«

»Ich weiß es nicht,« versetzte der Wirt. »Mir ist der Mann ein heiliges Rätsel. Drunten in der Stadt sagen die einen, Spee tue dies alles aus fester Überzeugung und reiner Menschenliebe; andere nennen ihn einen verrückten Kopf, und wieder andere flüstern sich in die Ohren, er stehe selbst mit dem Satan im Bunde und nehme sich der Hexen und Unholde nur darum an, damit diese desto ungestörter Land und Leute verderben könnten.«[A]

»Dumme Menschen!« lachte der Zuckerwastl. »Der Pater selbst ein Unhold — der Blödsinn sieht der Ratsherrnweisheit so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Aber,« fuhr er, plötzlich ernster werdend, weiter, »meinst du wirklich, der Jesuit ergreife wohl aus reiner Menschenliebe für die Hexen Partei? Sieh, ich verstehe das nicht, aber es kommt mir wie Sonnenschein über meine alte schmutzige Seele, wenn ich denke, daß es doch noch ein Menschenherz gibt, das auch die Verdammten liebt; denn verdammt sind sie ja doch alle, die Hexen und Zauberer.«

»Habe mir auch schon oft so meine eigenen Gedanken darüber gemacht,« antwortete der Schenkwirt; »klar bin ich mir aber über den Mann nicht geworden. Aber was ich seit meinen jungen Jahren nicht mehr verspürt habe, das habe ich gegen den Pater empfunden: Liebe, ehrliche, aufrichtige Liebe. Schau, Alter, wenn der Spee recht hätte und machte mit seinem hellen Verstande und mit seiner scharfen Zunge und noch mehr mit seiner großen Menschenliebe dem Morden ein Ende: ich glaube, ich gäbe selbst noch in meinen alten Tagen mein längstgewohntes Schelmenleben auf und ginge unter die ehrlichen Leute!« —

— Treten wir in einen niedern, gewölbten Raum. Auf dem Herde brennt ein knatterndes Feuer und wirft seinen rötlichen Schein auf die rußigen Mauern der Küche. Auf dem Fenstergesimse sitzt ein dicker, schwarzer Kater und schnurrt; dort am Herde steht die Schenkwirtin, eine dürre Alte; die grauen, ungekämmten Haare hängen ihr unter der Haube hervor, die Augen sind unruhig und stechend, Nase und Kinn langgezogen und spitzig; dünne, schmale Lippen bedecken den zahnlosen Mund. Der Widerschein des Feuers gibt dem aschfahlen Gesichte eine eigene, unheimliche Färbung.

In ihrer Nähe kauert auf einem Schemel ein junges Weib, das des Neunaugen. Ihre Züge wären hübsch, wenn sie nicht in einer widerlichen Roheit erstarrt zu sein schienen. Die Kleidung ist zigeunerhaft; buntfarbige Fetzen und Lappen, schmutzig und zerrissen. Die Miene ist zornig und trotzschwer.

»Nun, so laufe ihm davon, Helena,« meinte die Alte, »wenn dein Mann dich gar so hart und schlecht hält! Solche Gauner, wie der deine einer ist, wachsen an jedem Baume; brauchst nur zu schütteln; am billigsten sind sie draußen am Galgen zu haben.«

»Mag nicht!« gab die Angeredete kurz zurück. »Nach den Schlägen, die er mir gibt, frage ich wenig; bin das Prügeln ja von Kindheit auf gewöhnt. Aber daß er schwelgt und das ergaunerte Geld verspielt, indes ich darben und hungern muß, das verzeihe ich ihm nicht! Oder meint er, weil er mich auf der Straße aufgelesen hat, sei ich nicht besser als ein Hund?«

»Mach' dir selbst Geld, windische Hopfin!« warf die Alte achselzuckend hin. »Die Dummheit der Menschen ist nicht ausgestorben, brauchst sie nur zu Silber zu machen.«

»Was meint Ihr damit?«

»Wie du einfältig bist!« höhnte die Alte. »Mache den Leuten ein bißchen Hokuspokus vor, tue dergleichen, als könntest du mehr denn Suppe essen und Äpfel von den Bäumen brocken, nimm ein geheimnisvolles Wesen an, und hundert gegen eins, die Bauernweiber geben dir Staupet und Pezen genug und machen noch dazu den Reuport weit auf.«

»Was ist das?«

»Ah, du verstehst nicht rotwelsch!« lachte die Wirtin. »Staupet und Pezen sind Mehl und Eier, und der Reuport ist der Geldsäckel. Nun gib acht! Du nimmst ein junges Birkenreis; das hängst du denen, die an den Augen leiden — gleichviel, ist's Vieh oder Mensch — um; dazu murmelst du einen Spruch, den niemand versteht, auch du selbst nicht, und du wirst sehen, immer hilft es — dir. Dann nimm ein Büchslein voll Salbe; kann Schweinefett oder sonst Talg sein; tue aber gar geheimnisvoll damit und sage, es sei Fett von ausgegrabenen Leichen, und mit dieser Salbe könnest du alle Schäden heilen. Die Esel zahlen es dir mit schwerem Gelde, wenn du ihnen ihre kranke Haut damit einschmierst. Aber vergiß auch dabei auf den Spruch nicht, denn dieser ist hier die Hauptsache! Dann, wenn du in ein Haus kommst, wo die Leute mit dem Nachbar in Feindschaft leben, so gib ihnen Stup und sage, sie sollten ihn dem andern nur getrost unter die Füße streuen, dann sterbe dieser in kurzer Zeit eines schnellen Todes; oder das Pulver kann auch dem Vieh untergestreut werden, dann fällt es davon um und verendet.«

Helena hatte der Rede der Alten aufmerksam zugehört. »Dank' Euch,« sprach sie, »Euer Rat gefällt mir gar wohl!«

»Und groß Unrecht ist auch nicht dabei,« fiel die Wirtin dazwischen.

»Ei was, Recht oder Unrecht, danach frage ich just gar nichts; das gilt mir alles gleich!«

»So gefällst du mir,« lobte die Alte, und aus ihren Augen zuckten blitzende Lichter. »Recht hast du, hilf, was helfen mag, und wäre es der Teufel selber!«

Die flüsternd geführte Unterhaltung stockte eine Weile. Das junge Weib sah nachdenklich vor sich nieder und schielte zuweilen mit fragendem Blicke nach der Alten, die sich mit Bereitung des Hirsebreies zu schaffen machte.

»Wirtin, ich möchte Euch was fragen.«

»Und das wäre?«

»'s ist wegen der Hexen. Ihr könnt doch schweigen? Ich tat zuvor dergleichen, als wüßte ich nichts von Zauberei; aber da Ihr mich selbst darauf verwiesen habt, mag ich wohl offen reden.«

»Ei, sieh einer das junge Ding an!« grinste die Alte, »also auch schon von der Zunft?«

»Meine Mutter hat mir gar verschiedenes von Zaubereien und Hexenkünsten erzählt, so daß mir oft mein junger, dummer Kopf darüber ganz heiß und wirr geworden ist. Wenn ich nun so hinter meinem Manne Land auf und ab gezogen bin und habe mir jene Reden überlegt, da hatte ich gar oft das Verlangen, auch eine Hexe zu werden; aber dann packte mich wieder eisigkalte Furcht, und ich suchte den Gedanken wieder loszuwerden. Bin auch keine Hexe,« fuhr sie aufgeregten Tones fort; »aber eines möchte ich doch wissen —«

»Und was denn?«

»Nun ja, wegen des Bündnisses mit dem Satan!« gab Helena kurz zur Antwort.

Die Alte sah dem Weibe scharf ins Auge. »Warum fragst du mich das?« fuhr sie zornig heraus. »Meinst du, ich wisse alles? Und wenn ich es wüßte, meinst du, ich wollte es dir sagen? Ich weiß gar nichts, ich schwör's bei meiner Seele, gar nichts! Wenn du aber ein Hexlein werden willst, so weiß ich dir guten Rat. Geh' du nur nach Würzburg hinein und frage nach der schielenden Ammfrau, die alte Bernin heißt sie, die kann dir mehr sagen, als deinem Kopfe gut ist. Ich aber weiß nichts.«

»Dank' Euch! Geh' nicht zu ihr,« warf Helena entschieden hin; »aber warum seid Ihr auf einmal so böse?«

»Bin nicht böse, bei Gott, nein! Hast mich nur mit der dummen Frage erschreckt. Ich warne dich, die Wände haben Ohren! Rede nicht laut vom Bündnis mit dem Bösen! Die Herren in Würzburg drinnen haben ein gar fein Gehör. Möchte deinetwegen nicht mit dem Henker noch Scheiterhaufen Bekanntschaft machen.«

»Ei, wo denkt Ihr hin?« lachte Helena und ging aus der Küche. Die Alte aber sah ihr mit giftigem Auge nach. »Das Weibsbild wäre dumm genug, dich aufs Hexengericht zu plaudern!« murmelte sie, und bange Angst starrte aus ihren Zügen. — —

Die Männer hatten sich unterdessen um den Tisch in dem Hausflur gelagert und spielten. Gierig folgten die dunklen, glänzenden Augen dem Rollen der Würfel, und mancher derbe Fluch begleitete das Klappern derselben.

»Doppelter Satz!« polterte der Zuckerwastl, einen kleinen Taler aus dem ledernen Zugbeutel herausholend und auf den Tisch werfend.

»Vielleicht Kirchengeld?« fragte nicht ohne scharfe Betonung der zerbrochene Paulus.

Der Zuckerwastl sah ihn grimmig an. »Und wenn, was geht's dich an?«

»Hab' nur gemeint,« gab jener trocken zurück. »Weiß auch den Opferstock, den du um diesen Taler und anderes Geld leichter gemacht hast. Ja, ja, der Junker Zuckerwastl geht gerne zur Kirche. Ist ein gar frommer Geselle!«

»Nun ist's genug!« brüllte der Gehöhnte und schlug den Spötter mit kräftigem Arme über die Bank hinunter.

Der zerbrochene Paulus erhob sich mühsam vom Boden. Das rechte Auge war blutunterlaufen und stierte wie tot aus der verschwollenen Höhlung. Das linke aber warf einen Blick unversöhnlichen Hasses nach dem Gegner. Eine Weile standen sich beide gegenüber, sich zornig messend, dann drückte der zerbrochene Paulus seinen Hut fester auf den Kopf und hinkte hastig aus dem Hause.


2. Kapitel: In stiller Zelle

Es war ein frischer Sonntagsmorgen. Vom wolkenlosen Himmel flutete weiches, mildes Sonnenlicht herab auf die herrliche Frankenstadt am Main und vergoldete all die Zacken und Zinnen, die Türme und Türmlein mit goldenem Glanze. Und wie das Lichtmeer den feingegliederten Turm der herrlichen Marienkapelle umfloß und dann die alten gemalten Fenster mit den frommen Schildereien durchglühte, daß die Farben wie Smaragde und Rubinen brannten! Und dort der Dom in seiner stillen Majestät, ein zu Stein gewordenes Gebet voll heiliger Gedanken!

Ein herrliches, farbenprächtiges Bild! Die langgedehnte Domstraße mit ihren alten stolzen Häusern, dran gar trauliche Erker, aus deren Fenstern frische Rosen auf all das frohe Leben niedergrüßen, das da unten wogt. Um so finsterer schaut das Rathaus: wuchtig, ohne Schmuck und ohne Zier, hart und kalt wie ein Richterspruch auf Rad und Tod. Man sieht's ihm an, nicht froher Bürgermut hat dieses Haus gebaut und seinen Reichtum dem Steinmetz und Künstler anvertraut; mürrisch, wie ein lebensmüder Alter, lehnt es sich an den Grafeneckartsturm, nur hie und da zeigt ein zartgewundenes Säulchen, daß auch Kunst im Rathaus gerne eingezogen wäre, wenn nicht die kecke Bürgerschaft Zeit und Geld zu Meutereien gegen ihre Bischöfe verbraucht hätte. Dort ist der grüne Baum angemalt — ein lustig Wahrzeichen, das dem jungen Volk vom Kilanstanze und Adauktusjubel frohe Märe flüstert.

Und nun zur Brücke! Da unten der milde, mächtige Main, belebt von Hunderten von Schiffen mit schwerer Fracht und leichtem Volke. Und rings die Ufer! Hier noch finsteres Mauerwerk, sich keck und trotzig an die kühle Wasserstraße drängend, dort weiter hinaus der Reben grüne Flut, von sanften Hügeln nach dem Strome fließend und mit ihm kosend wie ein eitel Kind mit seinem goldenen Spiegel. Und drüber schmucke Dörfer, Burgen und Kapellen.

Doch wieder zurück zur Stadt. Am Brückenkopfe steht ein altes, niederes Haus. Aus dem halbgeöffneten Fenster grinst ein häßliches altes Weib. 's ist wahrlich schade um den Sonnenschein, der auf diesem starren Menschenantlitz zittert!

Rechts hinein in enge Gassen, wo das Leben ruhiger ist und die Schatten länger sind. Hei, welche Mauern, tot und kalt wie Grabeswände! Und wie die Menschen hier so nüchtern schauen und so schlicht gewandet sind, nicht Gold und Sammet und strahlendes Geschmeide.

Dort um die Ecke steht ein mächtiger Bau in hochgereckten, langgestreckten Massen. 's ist eigener Glast, der aus diesen Fenstern strahlt; 's ist eigene Luft, die um diese Mauern streicht. Alles still! Doch nein, dort singen frische Knabenstimmen:

O Jesu! ego amo te, Non quia tu amasti me....

Ein Kloster!

Ja, gottlob ein Kloster! 's ist wie ein frommes Feldkreuz, das zum Beten mahnt, wenn mitten in der Städte hastendem Gewirre ein Kloster aufsteigt, dem Monde gleich über giftigen Nebeln, den Sternen gleich über Erdennacht.

Am Ende eines langen, kühlen Korridors ist eine Türe und an ihr ein Schild mit der einfachen Aufschrift: P. Fridericus de Spee S. J.

Treten wir ein.

Die Zelle ist geräumig, weiß getüncht und mit einem ganz einfachen Hausrate versehen. Nichts, wohin unser Auge schaut, was auch nur eine Linie über den notwendigsten Bedarf des Lebens hinausginge, nichts, was der Annehmlichkeit oder dem Überflusse diente. Durch das geöffnete Fenster zieht die Frühlingssonne ihre goldenen Fäden über das Bild klösterlicher Armut und küßt mit glücklichen Lippen dieses Heim des Friedens. An einem Tische, auf dem sich ein großes Kruzifix und einige Bücher befinden, sitzt ein Priester, angetan mit dem Kleide der Jesuiten. Sein Antlitz zeigt neben unendlicher Milde einen unverkennbaren Zug tiefen Seelenleidens. Der kurze Bart sowie das Haupthaar sind fast ganz gebleicht, ein rätselhafter Gegensatz zu dem frischen, blühenden Aussehen des Paters und dessen hochaufgerichteter Gestalt.

An seiner Seite sehen wir einen andern jungen Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren mit einem schön geschnittenen Angesichte, aus dem eine große Seele leuchtet. Das sanftglühende Auge schaut mit liebender Begeisterung auf den Pater, im jungen Manne paart sich edles Blut mit edlem Geiste. Es ist der Kanonikus Johann Philipp von Schönborn, der sich als nachmaliger Bischof von Würzburg und späterer Kurfürst von Mainz ein goldenes Blatt in der Geschichte als Wohltäter der Menschheit und wahrer Aufklärer erworben hat. Von ihm sagt eine alte Inschrift: »Er streute das lautere göttliche Wort aus, und was in diesem Worte gesagt wird, das tut er selbst

Ein schönes Lob für einen Kirchenfürsten, so schlicht die Sprache auch ist, in die es gekleidet ist.

Während draußen auf dem bunten Markte des Lebens sich große Pläne und Torheiten um die Zukunft stritten; während die Gerichtshöfe, wie die Schenken und innersten Räume des Familienlebens — nun verurteilend, erbarmungslos, von blutigem Wahne angestachelt, nun zitternd und bange flüsternd — nur von Hexen widerhallen, und der Sturmflut gleich, die alles mit sich reißt, sich all die Kerker mit den Opfern jenes Wahnes füllten; und während Vogt und Räte um so stolzer durch die Gassen gingen, je mehr sie Henker und den Scheiterhaufen in Bewegung setzten: ist's eine einsame Klosterzelle, wo in einem Priesterherzen das Mitleid mit den armen Hexen zur Morgenröte einer besseren Zukunft wird.

P. Spee ließ die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten und schaute lächelnd zu seinem Freunde hinüber.

»Nicht doch, mein lieber Schönborn. Ich möchte dich gar nicht in unserem Kloster wissen. Nicht, daß ich dich nicht mit freudigem Herzen Bruder nennte, nicht, daß ich dir den Frieden vorenthalten wollte, der in diesen Mauern lebt; dein Platz ist da, wo du bist. Dorthin hat dich Gott gestellt, und damit sei du zufrieden. Und was das innere Glück betrifft, so findet das mein teurer Philipp auch, umrauscht vom Weltgetümmel, in seinem guten Herzen und seiner edlen Gesinnung.«

»Immer zu gut, immer zu nachsichtig,« antwortete kopfschüttelnd der Kanonikus. »Der Schönborn möchte gerne gut sein; aber er ist es nicht.«

»Er ist es,« entgegnete Spee mit fester Stimme. »Er ist es; und ich sage das mit heißem Danke gegen Gott. Denn je mehr die Geister der Menschen einer unheilvollen Verblendung anheimfallen; je mehr die dreifache Lust an Glaube, Zucht und Sitte rüttelt; je dichtere Nebel eitler Menschenwahn vor Gottes wahres Bildnis breitet: desto notwendiger sind in dem großen Wirrsale Menschen von hellem Kopf und treuem, goldigreinem Herzen, wie mein Schönborn ist.«

»Mein teurer Spee, heute bist du böse. Du solltest mich die Demut lehren und machtest mich so leicht hochmütig, wenn ich nicht wüßte, daß deine Worte mehr gut gemeint, als auf mich passend wären.«

Spee antwortete nicht. Seine erst so milden Züge sanken plötzlich wieder in jene tiefschmerzlichen Linien, die seit einiger Zeit fast beständig auf seinem Antlitze lagen. »Hier ist wieder ein großes Stück Sorge,« sprach er, auf einen Stoß Papiere zeigend. »Wahn, schrecklicher Wahn — und Blut.«

»Schon wieder ein Hexenprozeß?« fragte schüchtern Schönborn und streifte mit bangem Blicke die verhängnisvollen Blätter.

»Ja, immer das alte, schreckliche Thema,« bestätigte der Jesuit.

»Aber, mein lieber Pater,« wendete Schönborn ein, »du nimmst dir diese Angelegenheit auch gar zu tief zu Herzen. Können wir wenden und ändern, was wir schmerzlich beklagen? Ist's unsere Schuld, daß solches Elend an dem Herzen der Christenheit frißt?«

»Ja, wenigstens zum Teile!« gab der Jesuit mit steigender Wärme zurück. »Auch wir tragen einen Teil der Schuld an diesen Greueln, die zum Himmel schreien. Warum sind wir keine Paulus, die mit des Wortes zündender Gewalt gegen dieses Brennen, Rädern und Morden eifern; warum sind wir keine Johannes, die mutig vor Thron und Richterstuhl hintreten und sagen: Es ist dir nicht erlaubt! Warum gehen wir nicht durch die Gassen und über alle Wege, warum nicht in die entlegensten Schlupfwinkel und predigen wieder und wieder Christum den Gekreuzigten, der die Sünde und den Satan besiegt hat? Freilich, man würde uns an vielen Orten mit halbem Ohre anhören, mit halbem Herzen glauben. Wie der Löwe, nachdem er Blut gerochen, mit heißen Nüstern nach neuer Beute spürt, nicht Rast und Ruhe kennend, bis die lechzende Zunge sich wieder am Blute satt geleckt hat, so spürt auch das, was man jetzt Gerechtigkeit nennt, nach neuen Opfern, deren eines die Gier nach einem andern weckt. Ist nicht die Welt zum großen Irrenhause geworden, wo Wut und Wahn die Geister rastlos peitschen und die Vernunft zum Aschenbrödel erniedrigt ist? Philipp, diesen Scheitel deckten jüngst noch dunkle Haare. Nun sind sie greisenhaft geworden. Das hat das Leid getan, das tiefe Leid um jene armen Wesen, die unter unfaßbaren Qualen den Hexenstempel sich auf die Seele drücken lassen müssen, stumpf geworden unter Henkers Hand, im Geist umnachtet durch des Kerkers Nacht, nur einen Gedanken noch mit heilen Sinnen denkend, den der Unschuld, nur eine Sehnsucht in dem todgehetzten Herzen tragend — Erlösung!«

»Schrecklich, schrecklich, lieber Pater!« rief mit bebender Stimme der junge Kanonikus. »Das Bild, das du entwirfst, erfaßt die Seele mit namenlosem Grauen und tränkt sie mit unnennbarem Schmerze.«

»Dich faßt eisigkalt mein armes Wort,« sprach der Jesuit; »wie erst, wenn dein Auge in den Kerkern jenen Jammer schauen müßte, den dort die wahnwitzig gewordene Gerechtigkeit aufhäuft! Wahrlich, man müßte ein Herz von Stein in seinem Busen tragen, um nicht aufzubranden in wildem Schmerze gleich der sturmgepeitschten See. Und doch, so tiefe Nacht, der Greuel voll, auch jetzt sich auf der Menschheit niederläßt, du, Herr am Kreuz, du Gott im Himmel droben, siegst auch hier! O sei gegrüßt, spes unica!«

Bei diesen Worten nahm Spee das Kruzifix von seinem Tische und küßte es mit heiliger Inbrunst.

Und wie wenn plötzlich sich die Wetterwolken teilen und zwischen ihrem unheilvollen Dunkel milde Sonnenstrahlen leuchten, so ward auch unseres Paters Antlitz immer weicher — milder, je länger er den Blick dem Kreuze zugewendet hielt.

»Mein lieber Schönborn,« fuhr er fort, dem jungen Manne die Rechte reichend, »in dir schlägt ein Herz, das stets der Wahrheit dient. Mag dich Gott hohe Wege führen, mag dein Leben still und unbemerkt verfließen, das eine sei dein Vorsatz — mit Wort und Tat gegen den Wahn Krieg zu führen und ein wahrer Freund aller derer zu sein, die, sei's aus Schuld, sei's ohne Schuld, mit Leiden ringen. Das Gute, das wir tun im Alltagsleben, reicht nicht zum Himmel aus, wenn nicht der Armen gestillter Schmerz, ihre in Trost gekehrten Tränen, wenn nicht das goldene Werk der Nächstenliebe die schönsten Stufen baut.«

»Es sei! Solch einem Worte kann ein Schönborn nicht sein Herz verschließen,« rief begeistert der junge Priester aus. »Es ist ein beneidenswerter Weg, der meinem Geistesauge sich erschließt. Schmal, steil, voll spitziger Dornen zwar für das spröde Körperauge, doch voll des Friedens für die Seele. Gleich dem guten Hirten heilt der Mensch, was rechts und links an seinem Lebenswege krank und bittend die Hände hilfesuchend breitet, und wo die Macht zu helfen und zu heilen fehlt, da mag ein Wort der Liebe die Dornen in Rosen verwandeln und dem Leide die Ergebung als Trösterin beigesellen.«

»Und welche Zeit wäre geeigneter,« sprach Spee mit einem dankbaren Blick nach dem jungen Priester, »als die unsere? Was ist es, was die Scheiterhaufen aufrichtet und ihre mordenden Flammen durch das Land verbreitet? Ist es nicht des Volkes Unwissenheit und Aberglaube, was die Hexen schafft? Ziehen dunkle Wetterwolken übers Firmament und senden Wolkenbrüche, Verderben nieder, verwüstet Hagelschlag des Feldes Segen, unterwühlen Mäuse rings die Äcker, bricht ein Sterben unter Menschen oder Tieren aus, ja, weicht eine Krankheit der Kunst des Arztes nicht: so ist's dem Volke nicht des Himmels Strafe, nicht ein Werk der zürnenden Gottheit, — nein, die Hexen und der Satan sind es, welche die Natur auf böse Bahnen gezwungen. Mit der Unwissenheit ist gepaart der Neid. Dem Nachbar geht es wohl, ein reicher Gottessegen füllt sein Haus. Da neigt der Neid sein grinsendes, giftiges Angesicht zum Menschenherzen und flüstert ihm zu: Warum dort Glück und Wohlstand und warum nicht bei dir? Weißt du warum? Jener dankt es dem Bösen, dem er seine Seele verkaufte für irdisches Glück. — Er betet doch und ist fromm? — Gerade dieses ist ein sicheres Zeichen, daß er es mit dem Bösen hält. — Mußt' ich doch kürzlich von angesehenen Männern den Ausspruch hören, daß, wenn sich einer als frommer Sohn der Kirche zeigt, sich öfters mit Weihwasser besprengt, in den Kirchen fleißig betet und besonderer Andacht pflegt, er sogleich dem Verdachte der Zauberei verfalle. Denn, so urteilen die verblendeten Menschen: jene müssen einer besonderen Frömmigkeit sich befleißen, sonst haben sie vor dem Satan keine Ruhe. Welch ein Urteil! Und so gräßlich töricht und vermessen auch dasselbe ist, so übte es doch bereits solche Macht über die Menschen aus, daß jedermann sich scheut, seine Frömmigkeit nach außen kundzugeben, ja, daß selbst Priester, die sonst täglich Messe lasen, dies nun schon lange unterlassen, oder wenn sie das heilige Opfer darbringen, es im geheimen tun, damit das Volk nicht ihre Namen mit dem Verdachte der Zauberei befleckt.[B] Wohin, um der Barmherzigkeit Gottes willen, soll es führen, wenn das, was heute Recht und Gerechtigkeit genannt wird, solche Früchte zeitigt! Müssen wir nicht immer mehr der Gottlosigkeit, ja dem nackten Unglauben verfallen, wenn Gottesliebe und Gottesdienst die Zeichen frevler Zauberei sind und über Schmach und Qual und Schande nach dem Scheiterhaufen führen! Steht nicht die Welt an ihrer Neige, wenn das Herz nicht mehr sich frei zum Schöpfer erheben darf, ohne daß ein frommes Gebet den Richter zürnen macht und ihn in blindem Wahne Gott mit dem Satan, Gottesdienst mit Gottesmord verwechseln heißt!«

Schönborn sah dem Pater mit wehmütiger Bewunderung ins flammende Gesicht.

»Dem Wahne Krieg und Haß,« sprach er, seinen Arm auf Spees Schulter legend. »Es ist Wind und Sonne nicht gleich geteilt unter den Kämpfenden, wenn wir beide gegen eine Welt in Waffen stehen. Aber Gott ist mit uns, die Wahrheit unser Schild, die Gerechtigkeit unsere Liebe und die Liebe unsere Macht!«

Die Freunde schieden.

Spee trat an das Fenster seiner Zelle und lauschte dem kunstlosen Gesange eines Vögleins, das sich im Schatten einer Fliederstaude wiegte. Die Züge des Mönches gewannen wieder jene schmerzliche Weichheit, die ein Widerschein einer in rastloser Liebe ringenden, schaffenden Seele war.

Ein Lächeln glitt, einem flüchtigen Sonnenblicke gleich, über sein Antlitz. »Hab' Dank, du kleiner, gefiederter Gottessänger! Du hast mir Friede gesungen.«

Dann kehrte er an seinen Tisch zurück, betete mit Inbrunst, zog ein Heft Papiere aus dem Schiebfache und schrieb eifrig, mit dem Herzblute seiner Liebe, jenes unsterbliche Werk: Die Cautio criminalis.[C]


3. Kapitel: Jahrmarkt

Es ist Sonntag und Jahrmarkt in Heidingsfeld, einem gewerbsamen Orte, eine Stunde oberhalb Würzburg gelegen. Der Weg dahin führt zwischen Weinbergen, die sich eben mit dem ersten Laube schmücken, und dem Maine, der sich hier hart an die staubige Straße drängt.

Rings buntes, fröhliches Leben, das sich auf Straße und Fluß singend und lachend fortwälzt. Lustiges Studentenvolk, Arm in Arm und kecken Lebensmut im frischen, klaren Auge. Dralle Dirnen, stolz im Sonntagsrocke, flüsternd, kichernd, nach den Jungen schielend und dann wieder züchtig schmollend. Handwerksgesellen, derb in Wort und Lied, das Wams vorne aufgenestelt, um mit der ganzen Brust zu atmen; ihr Sang ist keck, ihr Lachen kräftig, wie die Faust, die sonst den Hammer oder Hobel führt. Nun ehrenfeste Meister mit bärtigen Gesichtern, die zufrieden schauen, wuchtig schreitend, jede Linie Bürgerstolz. Das Tuch ist fein und tadellos die Krause, echt das Geschmeide wie der Stein im Ringe. Und erst die Frauen, die an ihrer Seite gehen, züchtig, freundlich, reich geschmückt in Sammet und Spitzen! Und gar die minnereichen Töchterlein, des Vaters und der Mutter Stolz! Wie sie die Augen senken und heben, je nachdem sie von Jünglingen gegrüßt werden oder in Neugier da und dorthin schauen! Dann ehrentapfere Herren vom Rate, gnädig grüßend, langsam schreitend, alles helle Würde und Erhabenheit. Nun Junker, tänzelnd, fein vom Bärtchen bis zur Degenspitze, jeder Dirne dreist ins Antlitz schauend, den Bürgergruß kaum gnädig achtend, blitzend in Geschmeide — und endlich Landsknechte, in festem, gleichem Schritte die Straße stampfend, brüllend, lachend, mit den Dirnen schäkernd.

Und über all dem bunten Wogen und Drängen helle Sonnenflut und von den Bäumen her und rings aus allen Büschen Vogelsang und Frühlingsgruß.

Am Marktplatze von Heidingsfeld floß all dies wogende Leben, wie im Meere die Ströme, zusammen und staute sich. Rings um die wetterschwarze Kirche standen schlechte Buden, aus Brettern leicht gezimmert. Dort pries der Krämer wie der Jude seine Ware feil und lockte die Dirnen und die Frauen, daß sie lüstern nach dem Taffet und den Ringlein schielten. »Zum Brautschmuck,« schmeichelt süß der Jude und fängt mit solchem Worte ein Maidlein um das andere in seinem Netze. Und wie sie glücklich sind, die guten Dirnen, daß ein goldener Ring nun an ihrem Finger glänzt! 's ist helle Pracht!

Die Bürger schreiten stolz vorüber. »Ist schlechte Ware; und wollt ihr gute, kauft bei mir. Das Judenpack und das fahrende Krämervolk betrügen euch nur!« Und ob die Hausfrau auch zuweilen meint, 's ist gute Ware, und just dies und das tät' dem Haushalt not — der Alte brummet: »Nein; 's ist Lumpenware.«

Doch sieht der Meister den Schild zum »grünen Drachen«, so blickt er minder strenge. 's ist gute Herberg, die dort winkt, der Wein so goldig blinkend und so blumig duftend.

In der großen Stube mit den schweren Eichentischen herrscht lautes Leben! Becherklirren, froher Sang und ernstes Wort. Das Naß ist wonnig gut. Siehst du, wie oben auf dem flüssigen Golde der Kobold froher Laune, heitern Scherzes sich schaukelt; und weiter unten sitzt der Minnebub und spitzt die Pfeile, und auf dem Grunde liegt ein wüster Geselle, das ist der Rausch!

»He, Meister Rimphold, tapfern Gruß und Trunk! Ich bring' es Euch und Euerer werten Hausfrau!« ruft ein dicker Zecher, neue Ankömmlinge mit dem Becher grüßend.

»Dank' Euch, Meister Brinhard. Euer Wohl!«

»Ei, nehmt hier Platz; viel Schaf' in einem Schafstall,« lachte er, gegen die Ecke rückend.

»Wie wohl es tut, die frische Luft zu trinken, statt der Stadtluft,« sprach Meister Rimphold.

»Trink lieber Wein!«

»Ist auch nicht schlechte Wahl!«

»Was wißt Ihr neue Zeitung?«

»Just nichts Gutes. Das arme Würzburg!«

»Was meint Ihr damit?«

»Nun, was denn sonst, als jenes leidige Hexenverbrennen.«

»Ah,« rief Brinhard und stemmte seine Arme auf den Tisch, »das nennt Ihr leidig? Bei Gott, ich nicht! Seht, Rimphold, wenn ich Vogt oder Ratsherr wäre, ich ginge noch viel schärfer drein. 's ist ausgemacht und so gewiß, als über uns die Sonne scheint, daß Hexen, Zauberer und Unholde in ganz schrecklicher Menge Luft und Brunnen, Mensch und Vieh und Feld und Frucht verderben. Da ist's doch wahrlich gute Pflicht, dies Satansvolk zu verbrennen.«

»Woher wißt Ihr, daß es Hexen gibt?«

»Sagen's nicht die Richter und die weisen Räte?« gab dieser stolz zurück. »Also muß es wahr sein. Erlaubt, daß ich Euch das Ding genau erkläre. So ist die Sache. So eine eine Hexe werden will, ruft sie den Teufel. Der kommt, als Jäger meistens, macht den Handel ab, verlangt die Seele und einen Pakt, mit Blut geschrieben, und gibt dafür Gewalt, an Mensch und Vieh zu schaden. So ist's.«

»Glaub's nicht. Wo bliebe da unser Herrgott?«

»Was schiert ihn das? Will er es nicht hindern, daß ich ihn durch die Sünde verleugne, warum soll er mich hindern, daß ich des Teufels werde?«

»Hört, werter Meister, tut mir den Gefallen, und lasset den Gottseibeiuns aus unserer Rede! Mir ist's, als röch' ich Schwefel und atmete siedendheiße Luft.«

»Wir Ihr wollt. Aber das müßt Ihr mir zugeben, daß in unserer schönen Stadt schon lange kein so verdienstliches Werk geschehen als nun in unseren Tagen, da die Herren mit dem Hexenvolke kurzen Handel machen.«

Meister Rimphold schüttelte den Kopf und schaute trüben Blickes in seinen Weinbecher.

»Begreif' Euch wohl,« fuhr Brinhard eifrig fort. »Ihr seid gar weich gemütet, da tut Euch solches Morden weh. Aber gut und recht ist's doch, ich kann's Euch sagen. Es muß das schlimme Volk mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, sonst ist die ganze Welt verloren. So ist's!« Und trank den Becher leer.

»Hört mal die Kunde, die aus dem Bambergischen kam!« fuhr er wieder fort. »Da haben sie in Zeil in kurzer Zeit mehr denn hundert Menschen, darunter acht vom Rate, wegen Hexerei verbrannt. Item: Zwei Metzger — denkt euch solche Bosheit! — haben die Weide um Bamberg vergiftet, daß das Vieh elendiglich umkam. Dann haben sie der Leute Augen verblendet, daß sie das tot in die Stadt geschleppte Vieh für lebend hielten, haben das Fleisch verkauft und nicht wenig Menschen dadurch um Leben und Gesundheit gebracht. Was sagt Ihr jetzt zu solcher Kunde?«

»Erklärt mir erst, wie jene die Weide vergiftet haben und wie sie der Leute Augen blenden konnten?« warf Rimphold zweifelnd ein.

»Das ist ganz klar,« gab jener schnell zurück, »das taten sie durch Satanskunst.«

»Das ist, verzeiht mir, fades Gerede!«

»Sind aber doch justifiziert worden!«

»Das ist erst gar kein Beweis für solche Schuld.«

»Hört, Meister Rimphold, Ihr seid ganz schrecklich ungläubig!«

»Ich halte es mit dem Pater Spee.«

»Weiß schon, weiß schon,« eiferte Brinhard, »der junge Jesuiter meint, er wüßte allein, was Wahrheit ist. Will Euch was sagen. Mag sie alle nicht, sind ein gar stolzes Volk, die Jesuiter! Die hätten wohl aus unserem Würzburg wegbleiben können.«

»Wie mögt Ihr solches reden!« tadelte Rimphold.

»Sag's ich allein? Gewiß nicht! Ihr wißt nicht, was ich weiß. Die Räte und die Herren am Gerichte maulen schon ziemlich laut, man soll die Jesuiten weiterjagen. Stecken ihre Nase in alles, was sie nichts angeht, sogar ins Hexenwesen. Als ob sie davon nur ein Tüpfelchen verstünden! Gott steh' mir bei! Hätten wir nicht so kluge Räte und Richter, es wäre längst um uns geschehen.« — —

— — Hinter den Häusern ist eine große Wiese, deren östliche Seite von einem sanft ansteigenden Hügel begrenzt wird. Hier hat der Jahrmarkt seine Genüsse für das tanzlustige und gaffende Volk ausgebreitet.

Einige zigeunerhafte Gestalten vollbringen eine schrille, quiekende Musik, zu der die Dirnen und die Burschen sich in wildem Tanze drehen. Dort raufen stramme Handwerksgesellen mit übermütigen Soldaten, bis der Büttel Ordnung schafft. In einem Winkel, überschattet von dem jungen Grün einer Buche, sitzt ein altes Weib. Vor ihr steht ein kleiner Tisch, und auf diesem liegt ein Pack grober Zettel.

»Kommt, Jungferchen,« ruft sie mit kreischender Stimme, »kauft Euch einen Zettel! So Ihr den im Hause habt, geschieht Euch alles, was Ihr wünscht, wär's noch so viel.«

Die Dirne schaut verlegen bald auf die Alte, bald auf die Zettel.

»Zeigt mir 'mal!«

Die Alte breitete ein Stück Papier aus. Auf demselben stehen folgende Buchstaben:

I. C. H. G.
D.
W.
S.
M. S. P.

»Und was soll dies heißen?« fragte das Mädchen.

»Das heißt, merk' fein auf,« mahnte die Alte und fingerte an den Buchstaben, »das heißt also: Ich Christus Heiße Geschehen Dies Wunder Sei Sehend. Und hier M. P. das bedeutet, daß unser Herr den Zettel selbst geschrieben hat. Wird also wohl ein wertvolles Schreiben sein!«[D]

»Ei freilich!« stammelte die Dirne. »Ist aber der Zettel auch geweiht?«

»Dummes Ding,« schmähte die Alte; »was braucht es hier noch Weihe! Untersteh' dich nicht, den Zettel einem Priester zu zeigen! Hast du gehört?«

»Hab' schon gehört! Und was kostet denn dies kostbare Papier?«

»Einen Batzen.« — — —


»He, Alte,« ruft ein Landsknecht, »kannst du auch wahrsagen?«

»Vielleicht mehr als Euch lieb ist,« gab diese kurz zurück.

»Hoho, wüste Krähe,« lachte der Soldat, »nur nicht so patzig! Laß 'mal hören!«

»Was wollt Ihr wissen?«

»Ja, was denn nur? Sag' meinetwegen, ob's nicht bald ein lustig Krieglein gibt? Aber so du mich anlügest, klopf' ich dir dein altes Fell!«

»Ihr Herren seid doch immer ungeschlacht!« zürnte die Alte, ein Brett mit bunten Zeichen auf den Tisch legend. »Ihr könnt leicht übermütig sein; euch ist fürs Tagedieben ein besserer Tisch gedeckt als dem Bürger für die Arbeit.«

»Nimm guten Rat an und schweige!« mahnte der Landsknecht. »Soldatengeduld reißt leichter als dünner Zwirn.«

»Seht hier das Horoskopium. Die Frage ist, ob Krieg. Nun hört: Weil

als der Herr des Horoskopes des Fragenden Bedeuter und das Gefragte ist, und

darüber steht und zwar quer von

, so wird's bald großen Krieg geben, absonderlich, da

das VII. Haus über sich hat, selbes mit einem

ansieht und damit in glücklichem Fortgange steht, in

sich befindet und wachsend ist, und dabei

im VIII. Hause die

mit einem

aus

günstig anschaut.«[E]

»So,« sagte der Landsknecht, spreizte die Beine und stemmte die Arme in die Hüften. »Wo hast du denn den unsinnigen Hokuspokus gelernt? Hahaha, das Ding ist dir wie Rotwelsch aus dem Maul gegangen!«

Und lachend wandte er sich zum Gehen.

»Einen Sechsbätzner!« herrschte die Alte.

Der Landsknecht drehte den Kopf nach ihr. »Einen Sechsbätzner?« höhnte er. »Den zahle ich nach dem Kriege.«

Die Alte murmelte einen Fluch zwischen den Lippen, nahm das Horoskop und wickelte es wieder sorgfältig in ein Tuch. — —

— — — Hinter einer Ecke abseits dem Tummelplatze kauerten drei Gestalten, zwei Männer und ein Weib. Ihre Rede ist flüsternd, ihr Auge streift zuweilen forschend, lauernd durch das Dickicht.

»Heute nacht ist's passende Zeit.«

»Du oder ich?«

»Das Feuer leg' ich.«

»Und ich plündere?«

»Ja. Helena muß aber erst auskundschaften.«

»Wo treffen wir uns wieder?«

»Hier!«

»Wann?«

»Um zwölf Uhr.«

»Daß du mir nüchtern bleibst!« mahnte der Zuckerwastl.

»Sei ohne Sorge. Morgen ist bessere Zeit zum Trinken,« gab der Neunaugen zurück. — —

— — Eine Schaubude. Vier Stämme sind in die Erde gesteckt und mit Brettern umzogen. Vor dem Eingange steht ein widerlicher Kerl und schreit mit heiserer Stimme: »Wer das größte Wunder sehen will, der komme hieher. Ein leibhaftiger Alrunn, vor hundert Jahren schon ganz ausgewachsen.«

Das Volk gaffte, zögerte und trat ein. Da lag auf einem Tische eine gespaltene Mandragorawurzel,[F] die Gestalt eines verstümmelten Menschen im Dämmerlichte einigermaßen wiedergebend.

»Bst!« mahnte der Gaukler die langgestreckten Hälse. »Geht zurück und seid stille! Ihr seht ja, daß der Alrunn schläft, und wenn er erwacht, dann ist er so gewaltig böse, daß er alles zerreißt. Nehmt euch in acht!«

Noch ein schneller, scheuer Blick, und hinaus drängt sich das verblüffte Volk.

— — An einer anderen Stelle steht auf einer Tribüne ein großer, starker Mann. Er weiß sich mit großer Würde zu tragen und sieht auf die dichtgedrängte Menge mit unverkennbarer Geringschätzung herab. Er ist ein sogenannter Wasserspritzer und Feueresser, eine für jene Zeit ganz unheimliche Erscheinung.

Nachdem er einen Augenblick hinter einen Vorhang, der ihn den Blicken der Zuschauer entzog, getreten war, kehrte er wieder auf die offene Bühne zurück, ließ sich acht Gläser frischen Brunnenwassers geben und trank dieses. Dann gab er es in einzelne Gläser wieder von sich, aber nicht als Wasser, sondern als Wein von jeder Färbung, vom dunkelsten schwärzlichen Neapolitaner angefangen bis zum hellgoldigen Würzburger Landwein herab. Dann ließ er wohlriechende Wasserstrahlen aus seinem Munde ausgehen, oder er schoß Wasser wie ein Röhrenbrunnen aus seinem Magen in die Luft.[G]

Die verblüffte Menge ward starr vor Erstaunen, als sie dies alles sah. »Der hat den Teufel im Leibe,« flüsterten die Leute untereinander; »ein gewöhnlicher Mensch kann solche Wunder niemals tun.«

Unterdessen hatte sich der Gaukler ein Becken glühender Kohlen bringen lassen. Davon nahm er etwelche in den Mund, zerkaute und aß sie. Dann zündete er einen Klumpen Schwefel und Pech an und verschluckte ihn mit der blau brennenden Lohe. Ein glühendes Eisen leckte er mit der Zunge, daß es zischte, und ein anderes nahm er zwischen die Zähne und trug es eine gute Weile im Munde umher.[H]

»Nun sag' mir einer, daß es nicht Zauberei und Hexenkünste gebe,« rief Meister Brinhard, der unter der Menge stand, händeringend aus. »Wer von uns begreift solch arge Kunst? Da gibt es nur einen Schlüssel, das ist der leidige Satan. Hätte der Mann da aber nicht Gemeinschaft mit dem Bösen, nimmer könnte er Feuer essen; aber der Teufel hat ihn fest gemacht. Liebe Leute, 's war großes Unrecht, daß wir ihm zugesehen haben, und eine richtige Obrigkeit sollte solch ein Höllenspiel gar nicht dulden. Mich reut der Anblick, verzeih' mir Gott die Sünde!«

»Ja, ja, 's ist Teufelsspuk,« murmelten die Männer kopfnickend nach, die Weiber aber schlugen Kreuze und liefen weit davon.

— — Am nördlichen Ende von Heidingsfeld steht ein großer Hof. Hohe Mauern umschließen ihn und gewähren nur durch das Tor von der Straße her den Eingang in das Innere. Rechts im Hofraume stehen lange Ställe, links Getreidekästen, in der Mitte mehr nach rückwärts befindet sich das stattliche Wohnhaus.

Die Abendschatten liegen bereits in langen Dämmerstreifen über dem stillen Gehöfte. Die Bewohner sind alle nach dem Markte gegangen, um an dem frohen Treiben, muntern Zechen sich die Laune neu zu beleben; nur in der Küche steht ein junges Weib, damit beschäftigt, über hellflackerndem Feuer aus brodelndem Schmalze jene starkduftigen Kücheln zu backen, die auf dem deutschen Bauerntische der willkommene Markstein festlicher Zeit sind. Der Hausstand muß wohl zahlreich sein; denn trotz der Berge von goldbraunem Gebäcke fährt die Hausfrau emsig fort, neuen Teig in das heiße Schmalz zu legen.

Das Anschlagen des Hofhundes stört sie aus ihrer geschäftigen Ruhe. Durch das nach dem Hofraume gehende Fenster sieht sie ein scheu um sich blickendes Weib dort eintreten, das bald vor ihr unter der offenen Küchentüre steht. Die demütige Miene paßt schlecht zu dem rohen Gesichte, das unter den halbgeöffneten Lidern hervorlauernde Auge schlecht zu der bittenden Rede.

Die Bäuerin hatte nach etwas Kupfermünze gesucht, um die Bettlerin damit zu beschenken.

»Vergelt's Euch Gott und Unsere Liebe Frau!« dankte die Landstreicherin. »Stoßt mich nicht von Eurer Schwelle, bin ein armes fahrendes Weib, das kein Heim hat. Gönnt mir einen Augenblick Rast in Euerem Hause; Gott möge es Euch an Eueren Kindern lohnen!«

»Hab' keine Kinder,« gab das Weib kurz zurück. »Kommt in die Küche, da mögt Ihr rasten, solange es Euch gefällt.«

Helene folgte schüchtern der Einladung und setzte sich in einen Winkel, wo sie die ihr geschenkten Speisen verzehrte. Dabei ließ sie ihre Augen bald nach allen Seiten rollen, bald schlug sie dieselben nieder, als wäre sie ein Bild von Zucht und guter Sitte.

»Ihr sagtet vordem, Ihr hättet keine Kinder. Habt Ihr wohl Feinde, die Euch solches Leid angetan haben?«

»Kann man denn das?« fragte die Bäuerin nicht ohne Schrecken.

»Ei freilich; durch böse Kunst, durch Hexen, Zauberer wird solches leicht bewirkt.«

»Wißt Ihr das gewiß?«

»Gott sei's geklagt!« seufzte die Landfahrerin. »Ihr ahnet nicht, was böse Menschen alles können.«

»Ihr seid wohl reich?« fuhr Helena nach einer Pause weiter. »Da fällt Euch solch Entbehren doppelt hart. Dem Armen ist's oft Wohltat, wenn er Not und Hunger nicht mit einem Kinde zu teilen braucht. Aber der Reiche, der dem Kinde ein sorgloses Dasein schenken könnte, ist wahrlich arm bei allem Reichtume, wenn ihm der Kindersegen fehlt.«

»Ist wahr; hab' Geld und Gut genug, um zehne zu ernähren. Gäb' all das Silber im Kasten oben gerne her, hätt' ich ein Kind dafür. Will's aber unser Herrgott nicht, so murre ich auch nicht.«

»Ich hätte wohl ein sicheres Mittel gegen Euren Kummer. Soll ich Euch helfen?« fragte Helena nach einer Weile.

Die Bäuerin sah sie lange mit ihren klugen Augen an. »Ich meine, wenn Ihr hier Rat und Hilfe wüßtet, so brauchet Ihr nicht betteln gehen. Da gäb' es Gold genug. Dank' Euch für Eueren Willen.«

»Wie's Euch beliebt,« sprach Helena in weniger demütigem Tone. »Laßt Euch bedankt sein für Speise und für Rast. Behüt' Gott!«

Sie erhob sich und ging, als bände Müdigkeit noch ihre Glieder, schleppend aus dem Hause, spähend, in alle Winkel lugend. Doch kaum aus dem Hoftore getreten, ward ihr Wesen wieder keck und fest. Mit einem trotzigen Blicke schaute sie über die Mauer nach dem Dache des Gehöftes, über welchem eben die ersten Mondlichter zitterten. —

Der Abend war zur Nacht geworden. Die Fiedeln in den Schenken wurden stille, das Lärmen, Johlen, Singen war zu Ende. Ein Licht ums andere erlosch und immer dichter ward die Nacht. Wetterwolken zogen ihren düsteren Schleier über Mond und Sterne und der Sturmwind heulte klagend, pfeifend, zürnend durch die Gassen.

Es ist Mitternacht. Zwölf dumpfe Schläge, die der Sturm sich aus den Glocken bricht und mit sich fortträgt über die nächtige Flur!

Was glüht dort durch die Nacht? — Nun schwache Röte gleich dem Dämmerlichte im Nebel, nun plötzlich wachsend bis zur Flammenflut, den schwarzen Mantel der Nacht mit rotem Glaste überströmend!

Hilf Gott im Himmel, welch ein Feuer! Und wie die Glocken wimmern, Menschen klagen, Tiere brüllen! — Ein schreckliches Bild!


4. Kapitel: Eine Hexe