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Sprachbilder
nach
bestimmten Sprachregeln.
Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch
für den
deutschen Sprachunterricht in der Volksschule.
Für Lehrer und Schüler
gearbeitet von
Franz Wiedemann,
Oberlehrer an der vierten Bürgerschule in Dresden.
Erster Theil.
Zweite Auflage.
Leipzig,
Alfred Oehmigke’s Verlag
(Moritz Geißler).
Vorwort zur zweiten Auflage.
Wenn ich auch meinen Sprachbildern, als sie ihre Reise in die pädagogische Welt antraten, mit einem gewissen Vertrauen zu ihrer praktischen und darum lebensfähigen Natur nachsah, durfte ich mich doch der Hoffnung nicht hingeben, daß ich schon nach ca. einem Jahre in der Lage sein würde, von dem ersten Theile eine zweite Auflage folgen lassen zu müssen. Daß dies nun aber geschehen, sowie der Umstand, daß diese meine Sprachbilder (I. und II. Theil) von dem
Hohen Königlichen sächsischen Ministerio des Cultus und öffentlichen Unterrichts als zweckmäßig und praktisch anerkannt und den Schulinspectoren im Königreich Sachsen zur Einführung in die Schulen officiell empfohlen worden sind,
erfüllt mich mit ganz besonderer Freude!
Es sei mir gestattet, hier noch einmal kurz die charakteristischen Eigenschaften meines Werkchens niederzulegen:
1) Es basirt auf der neuesten und jedenfalls für die Volksschule zweckmäßigsten Methode, nach welcher der Sprachunterricht an Lesestücke anzulehnen ist.
2) Es belastet die Schüler nicht mit todtem Regelwerke.
3) Es enthält auf allen Klassenstufen ein bestimmtes Lehrziel.
4) Es zeichnet einen klaren, einfachen Lehrgang vor, der stricte auf dem Grundsatze ruht: „Vom Einfachen zum Zusammengesetzten“.
5) Es bietet eine reiche Auswahl von Lehrstoff (278 Artikel), sodaß dem Lehrer viel Spielraum gelassen ist.
6) Welche Lehrmethode ein Lehrer auch treibe oder triebe, unter allen Umständen werden ihm diese Sprachbilder „dienend“ zur Seite stehen.
7) Der bei weitem größte Theil der betreffenden Artikel dürfte sich ganz gut als Material zu stilischen Aufgaben eignen.
Mögen diese „Eigenheiten“ meines Werkchens in immer weiteren Kreisen gefunden und anerkannt werden. Wird mir dieser Wunsch erfüllt, dann wird es sich sicher so lange immer weitere Bahnen brechen, bis Einer kommt, der die Aufgabe, welche sich dieses Büchlein stellt, besser löst, als ich es vermocht habe.
Dresden, Ostern 1874.
Franz Wiedemann.
Ein Wort zu den Sprachbildern an die Lehrer.
Zu den vielen bereits vorhandenen Sprachbüchern und Sprachbüchelchen für die Hand des Lehrers und des Schülers der Volksschule — wohlgemerkt, der Volksschule — bringe auch ich noch eins herbei, aber ein anderes als die gewöhnlichen; wie ich vermeine, ein originelles und — täusche ich mich nicht — ein recht praktisches.
Gewiß zu Nutz und Frommen der Volksschule, und darum mit vollem Rechte, hat sich die größere Zahl der Volksschullehrer der Ansicht zugewendet, daß man den Sprachunterricht nicht nach todtem Regelwerke, nicht nach einer fast unabsehbaren Litanei von einander coordinirten oder subordinirten Sprachgesetzen, sondern auf Grund eines Lehrstückes, als eines fertigen Sprachgebildes, treibe. Dasselbe wird bekanntermaßen gelesen, dann zergliedert und bei dieser Operation werden die Regeln des Satzbaues, sowie die Bedeutung und die Stellung der Begriffs- und Formwörter entwickelt und gefunden.
Ganz ohne Regeln kommen wir natürlich bei dem Sprachunterrichte nicht weg, denn auf das blose Sprachgefühl können wir unsere Volksschüler ebenso wenig verweisen, als uns auf dasselbe verlassen.
Wo aber sind nun jene Lesestücke, an denen die wichtigsten Sprachregeln entwickelt werden sollen, herzunehmen? — Natürlich nirgends andersher, als aus den Lesebüchern, welche die Schüler in den Händen haben.
Die allermeisten dieser Lesestücke, wie wir sie in den bekannten zahlreichen Lesebüchern für Volksschulen finden, sind recht gut, viele musterhaft und wahre Meisterstücke des Sprachbaues; keins von allen aber wurde wol in der Absicht und zu dem Zwecke geschrieben, bestimmte Sprachregeln und Sprachgesetze darin zu veranschaulichen. Sie alle wurden des Stoffes und höchstens der Darstellungsformen (Schilderung, Beschreibung, Erzählung etc.) halber geschaffen.
Dieser Umstand aber wird für den Sprachlehrer zu einer Calamität und diese habe ich selbst eine Reihe von Jahren hindurch oft recht bitter empfunden. Wie so? — Nun ja, der Sprachlehrer will z. B. die verschiedenen Arten der Haupt-, Für- oder Zahlwörter, oder die Steigerung der Eigenschaftswörter, oder deren Stellung zum Hauptworte, oder die Bedeutung und Stellung der Umstandswörter, oder die verschiedenen Arten und Naturen der Verhältniß- und Zahlwörter, oder die mannichfachen Ergänzungen etc. etc. zur Anschauung und zur Besprechung bringen; wo aber findet er nun ein Lesestück, das für den vorliegenden Fall so recht geeignet ist, das die betreffende Wortgattung, die betreffende Regel möglichst allseitig repräsentirt?
Als ganz nebensächlich sei hier noch bemerkt, in welche Verlegenheit man in dieser Hinsicht gerathen kann, wenn es, beispielsweise bei einer öffentlichen Schulprüfung, einmal heißt: „Behandeln Sie die Umstände des Orts (oder die Verhältnißwörter, welche den dritten Fall bedingen, oder die Zahlwörter) auf Grund eines Lesestückes.“ Obgleich sich nun jeder nur einigermaßen gewandte Sprachlehrer auch in diesem Falle zu helfen wissen und einem Fiasco entgehen wird, ist doch immerhin dabei Holland mehr oder weniger in Nöthen, da sich eben ein für diesen Fall geeignetes Lesestück schwer oder gar nicht auffinden läßt. Doch das eben nur nebenbei.
Diesem Mangel an geeigneten Lesestücken speciell für den Unterricht in der deutschen Sprache wollte ich nun mit dem gegenwärtigen Büchlein abhelfen. Alle Stoffe und Materialien darin sind in allererster Linie eigens für den Sprachunterricht bearbeitet. Jeder einzelne Artikel darin ist für einen bestimmten Sprachunterrichtszweck, für eine ganz bestimmte Sprachregel geschrieben, wie die verschiedenen Ueberschriften des Näheren lehren. Das Ganze ist also durchaus kein Sammelwerk, sondern besteht aus lauter Originalartikeln. Ein Blick hinein wird Dir sagen, daß sowohl für die Wörterklassen als auch für den einfachen Satz des Stoffes hinreichend vorhanden ist. Und wieder ein Blick in die einzelnen Artikel wird Dich überzeugen, wie dieselben die betreffende Regel möglichst allseitig und erschöpfend veranschaulichen. Haben Lehrer und Schüler dieses Buch in der Hand, denke ich mir den Sprachunterricht für beide Theile als eine Lust!
Aber mit diesem Buche wollte ich auch noch einen andern Zweck erreichen. Für das Bedürfniß der Volksschule erscheint es mir geboten, den Schülern recht, recht anschaulich zu machen, wie sich ein Satz aufbauen und erweitern läßt und wie jedes neu hinzutretende Satzglied dem „Gedanken“ einen weiteren oder, nach Umständen, einen engeren Spielraum anweist. Ich bin daher in der Classification meiner Sprachstoffe für die Behandlung des einfachen Satzes vom allereinfachsten Satze ausgegangen, habe Schritt für Schritt eine neue, nähere Bestimmung hinzutreten lassen und so das Satzgebäude nach und nach bis an die möglichsten Grenzen erweitert. Diese ganze Art und Weise ist der Arbeit eines Maurers zu vergleichen, der eben auch einen Stein und ein Steinchen nach dem andern an- und beisetzt, bis endlich der Bau vollendet dasteht.
Wenn irgend in einem Unterrichtsfache der Volksschule, müssen wir vor allen Dingen im Sprachunterrichte dem alten Urgesetze alles Unterrichts „vom Einfachen zum Zusammengesetzten“ treu bleiben, unbekümmert um all die gelehrten und gekünstelten Unterrichtssysteme, welche „studirte“ Sprachforscher oder pädagogische Methodenjäger aufgestellt haben. Wir haben einmal gar keine Zeit und dann auch gar kein Publikum dazu, um uns auf die feineren Beziehungen und Deutungen in Bezug auf das reiche Material unseres Sprachschatzes einlassen zu können. Unsern guten Volksschulkindern haben wir vor allen Dingen einfache, aber feste und bestimmte Sprachgesetze zu geben. Das „Höhere“ und das „Tiefere“ ist Sache derjenigen Lehranstalten, welche über das Elementarschulwesen hinausliegen. O und wir haben vollauf, übervollauf zu thun, um unsere Volksschulkinder — und zu ihnen rechne ich getrost auch die Schüler der sogenannten höheren Bürger- und Privatschulen — in diese blosen Grundelemente der Sprache einzuführen. Wer diese Wahrheit vergißt oder bestreitet und meint, man könne die Kinder auch als Kinder schon in die „Kunst“ der Sprache einweihen, der kommt mir vor wie ein Maler, der einem schlichten Landmanne das Verständniß der Schönheit der Sixtinischen Madonna beibringen wollte.
Das Hinausgehen über die Marksteine, die uns die Kindesnatur setzt, wird in dem Sprachunterrichte zu einem Würgen und Quälen für Schüler und Lehrer, was sich recht deutlich in den Stilübungen zeigt. Bei diesen Arbeiten, will mich bedünken, wird überhaupt am allermeisten gesündigt. Was wird da nicht selten schon von einem zehn-, zwölf-, dreizehn-, vierzehnjährigen Knaben oder Mädchen verlangt! Aufsätze von sechs, acht Seiten und noch länger. Und was für Themen oft! Themen, deren Bearbeitung vielleicht dem Herrn Lehrer selbst, der doch erstens die deutsche Sprache bereits zwanzig oder dreißig und mehr Jahre gesprochen und geübt hat, während beispielsweise das dreizehnjährige Kind dieselbe kaum erst sieben Jahre mit Bewußtsein spricht; der zweitens ein oder so und so viel Jahrzehnte älter und darum viel, viel verstandesreifer ist als das Kind; der drittens an Anschauungen und Erfahrungen dem Kinde weit, weit überlegen sein muß; der viertens vier bis sechs Jahre eine höhere oder wol gar hohe Schule besucht; der fünftens im Laufe der Jahre so und so viel Zeitungen, Broschüren, Bücher und Werke gelesen und aus ihnen Stoff gesammelt hat — einiges Kopfzerbrechen gemacht hat. Die Hand aufs Herz, liebe Freunde!
Oder sollte Euch noch kein Lehrplan, namentlich der sogenannten höheren Bürger- oder Privatschulen, vorgekommen sein, der das Sprachziel (Grammatik und Stil) dermaßen hinaufschraubt, als ob auf den Schulbänken Seminaristen oder gar Studenten säßen?
Wie viel würde für die praktische sprachliche Ausbildung unserer Volksschüler gewonnen werden, wenn man dieselbe Kraft und Mühe, die man an die Erreichung jener überschwänglichen Ziele setzt, auf das wirklich Erreichbare verwendete!
Das Streben, auch in sprachlicher Hinsicht für die Volksschule Fortschritte zu erzielen, ist höchst ehrenvoll und lobenswerth, aber nur nicht zu viel verlangen und zu viel erwarten! Die Kindesnatur hat eben ihre Grenzen und ganz dieselben Grenzsteine werden auch nach tausend Jahren noch stehen.
Doch zurück zu meinem Büchlein!
Am Schlusse desselben habe ich ganz kurz angedeutet, wie man etwa zu verfahren hat, um die vorkommenden Sätze, namentlich die scheinbar sehr verschlungenen, sprachlich aufzulösen. Mit Absicht aber habe ich alle weitere Unterweisung über die Behandlung der einzelnen Sprachbilder unterlassen. Und warum?
1) Jedes einzelne Sprachbild sagt ja ganz klar und deutlich, welches Sprachobject darin vertreten, zu entwickeln und zu veranschaulichen ist.
2) Wer sich daher in einem solchen Artikel nicht selbst zurecht fände und nicht selbst wüßte, auf welche Weise er das darin vertretene Sprachobject zur Anschauung und zur sprachlichen Verwerthung zu bringen habe, der möge sich getrost aus der Liste der Sprachlehrer streichen lassen.
3) Um eine solche Anweisung erschöpfend zu behandeln, hätte ich, da doch jedes einzelne Sprachbild etwas Neues bietet, zu jedem derselben einen Commentar schreiben müssen. Das aber hätte ein dickes Buch gegeben und wäre dann kein Buch für die Hand des Schülers mehr gewesen.
4) Dergleichen Unterweisungen, wie ein Lehrstück sprachlich zu behandeln ist, existiren schon; ich erinnere nur an die „Praktische Anweisung zum deutschen Sprachunterricht“ von A. Berthelt. — Wozu sollte ich Bekanntes und Bewährtes wiederholen?
Mit Absicht habe ich auch keine Aufgaben für Schüler beigegeben, weil ich vermeine, daß der ebenfalls kein Lehrer der deutschen Sprache sein kann, der nicht verstünde, auf Grund der gepflogenen Besprechung eines solchen Lesestückes seinen Schülern irgend eine darauf bezügliche Aufgabe für ihren Privatfleiß zu ertheilen.
Nur bezüglich der Bildung der erweiterten einfachen Sätze folgt zum Schlusse ein kleiner Wink.
Daß der bei weitem größte Theil der vorliegenden Sprachbilder auch Stilstoffe sein und werden können, dürfte sich leicht erkennen lassen.
Wie Du nun, lieber College, mein Werkchen finden wirst, weiß ich nicht. Nur um Eins bitte ich Dich: Fälle Dein Urtheil nicht auf Grund eines blos flüchtigen Einblicks. Nein, willst Du über das Büchlein zu Gericht sitzen, so kürze die Voruntersuchung nicht zu sehr ab. Sieh Dir es genau an, damit Dir ganz klar wird, was und wie ich es will. Thust Du das, so hege ich die Hoffnung, daß Du meine Arbeit praktisch erfinden und in dem Büchlein ein Unterrichtsmittel entdecken wirst, das dem Lehrer und dem Schüler die Arbeit bequem und leicht macht. Das aber — und daraus ist ja kein Hehl zu machen — ist bei allen meinen kleinen pädagogischen Schriften meine Hauptabsicht. Wäre sie auch bei dem gegenwärtigen Büchlein erreicht, würde ich mich freuen und Du würdest darob nicht böse sein.
Zu dem Ende aber will ich nun noch als Kritiker meiner selbst auftreten, um Dir die Mühe zu ersparen.
Nr. 1. „Der Stil ist in einzelnen wenigen Fällen nicht ganz fließend.“
Weiß wohl, und ich hätte diesen Umstand leicht umgehen können, wenn mir nicht in Bezug auf die Wahl der Worte und Redetheile die Hände gebunden gewesen wären und gebunden sein sollten. Bei so aus Gründen gefesselter Hand würde es vielleicht selbst einem „Meister von der Feder“ nicht möglich gewesen sein, einen ganz vollendeten Stil zu schaffen. Mit drei Farben läßt sich natürlich kein solches Gemälde erzeugen, wie es mit zehn Farben möglich wird.
Nr. 2. „Es ist in einigen allerdings nur seltenen Fällen die eiserne Consequenz zu vermissen.“
Weiß wohl, was damit gesagt sein soll. Es kommt nämlich in einzelnen Fällen vor, daß ich irgend ein Formwörtchen mit in Anwendung gebracht habe, was, streng genommen, noch nicht auftreten durfte. Ich mußte indeß zu diesem Mittel greifen, wenn der Stil nicht hart und eckig werden sollte. Dergleichen Nothfälle aber, die nur ganz vereinzelt zu finden sind, können ja im Unterrichte mit leichter Mühe ignorirt werden.
Nr. 3. „Die letzten Wiederholungsnummern der Sprachbilder erscheinen fast schwülstig.“
Weiß wohl! Sie sollen auch keineswegs Stilmuster sein, sondern nur zeigen, wie sehr der einfache Satz ausgedehnt und erweitert werden kann. Es sind diese Sprachbilder gewissermaßen Knochen, an denen sich die Geisteszähne der Schüler schärfen sollen. So verschlungen auch ein solcher Satz für den ersten Augenblick erscheint, ist er doch immerhin nur ein einfacher, und es ist nicht allzuschwer für den Schüler, nachdem er alles Vorhergegangene begriffen, das „Gerippe“ herauszuschälen und dasselbe nun selbst wieder mit dem gegebenen Fleische und Blute nach und nach zu bekleiden.
Der zweite Theil dieses Werkchens, welcher, so Gott will, nächste Ostern nachfolgen soll, wird den zusammengezogenen, den zusammengesetzten und den gefügten Satz in ähnlicher Weise behandeln, wie im ersten Theile der erweiterte einfache Satz behandelt wurde.
Hast Du dann, lieber College, wenn Deine Schüler vierzehn Jahre zählen, auch diesen zweiten Theil mit ihnen durchgearbeitet, kannst Du sie getrost aus der Volksschule entlassen. Sie haben dann jedenfalls einen guten Grund gelegt, selbst auch für den Fall, daß der eine oder der andere sich einen Beruf erwählte, welcher noch ein eigentliches Studium der deutschen Sprache erheischte.
Zum Schlusse nur noch ein Wort über die Einführung dieser Sprachbilder. Es liegt im Wesen dieses Sprachbüchelchens, daß es jeder Schüler selbst zur Hand und vor Augen habe, also selbst besitze. Obgleich nun der Preis desselben auf das niedrigste gestellt ist, dürfte doch der oder jener College das Bedenken erheben, daß seine Schüler nicht im Stande sein würden, es sich anzuschaffen. Dieses Bedenken mag in vielen Fällen wohlbegründet sein. Ich meine indeß, da, wo die Eltern gehalten sind, ihren Kindern ein Spruchbuch oder einen Katechismus, ein Gesangbuch, eine Bibel und wol gar ein Lehrbuch der französischen und der englischen Sprache zu beschaffen, müßte doch wol auch die Einführung eines deutschen Sprachbuches zu erzielen sein. Oder sollte die schöne, theure Muttersprache vom Elternhause dieses kleinen Opfers nicht für werth erachtet werden? Wäre das, dann wäre es an uns, den betreffenden Vätern und Müttern klar zu legen, welch hohen Werth eine gute sprachliche Bildung für ihr Kind habe.
Nun, so nimm es denn hin, lieber College, dieses kleine Werkchen, mit dem ich — ich wiederhole es — Dir und Deinen Schülern wieder eine Arbeit leicht und bequem machen wollte. Möge diese meine Arbeit, die keine leichte war und ist, von Segen für die liebe lernende Kinderwelt begleitet sein!
Franz Wiedemann.
Inhalts-Verzeichniß.
Sprachobjecte. | Sprachbilder. | ||
Nr. | Seite | ||
Menschen. | Auf der Dresdner Brücke | 1 | |
Thiere. | Beim Onkel auf dem Lande | 2 | |
Thiere des Waldes. | Im Walde | 3 | |
Sachen. | Der Jahrmarkt | 4 | |
Stoffnamen. | Der Wißbegierige | 5 | |
Mengenamen. | Eine Festung im Kriege | 7 | |
Eigennamen. | Schulexamen | 8 | |
Gedankendinge. | Zweierlei Schüler | 9 | |
Ein- und Mehrzahl. | Freund Apfelbaum | 10 | |
Ohne Mehrzahl. | Getäuschte Hoffnungen | 11 | |
Doppelhauptwörter. | Gastfreundschaft | 12 | |
Nichthauptw. zu Hauptw. erhoben. | Eine musterhafte Schülerin | 13 | |
Wiederholung der Hauptwörter. | Belohnter Gehorsam | 14 | |
Formen und Gestalten. | Formen der Pflanzenwelt | 16 | |
Abstracte Eigenschaftswörter. | Der Frühling | 17 | |
Zusammengesetzte Eigenschaftsw. | Der Geizhals | 17 | |
Das Eigenschaftsw. vor d. Hauptw. | Der wohlthätige Bettler | 18 | |
Steigerung des Eigenschaftswortwortes. | Ein Gewitter | 20 | |
Eigenschaftswört. ohne Steigerung. | Ein Begräbniß | 21 | |
Declination d. Eigensch. ohne Art. | Die beste Apotheke | 22 | |
Wiederholung der Eigenschaftsw. | Ehrlichkeit | 24 | |
Der bestimmte. | Der Abend | 25 | |
Der unbestimmte. | Der Dachs | 26 | |
Bestimmter u. unbestimmter. | Der Liederliche | 27 | |
Desgleichen. | Ein Frühlingsmorgen | 27 | |
Declination der Artikel. | Ehre dem Tapfern | 28 | |
Desgleichen. | Die Rettung | 29 | |
Wiederholung. | Mißgunst | 30 | |
Bestimmte Zahlwörter. | Der Würfel | 31 | |
Ordnungszahlen. | Ordnung | 32 | |
Das unbestimmte Zahlwort. | Christbescheerung | 33 | |
Zahlwörter zu Hauptw. erhoben. | Die Feuersbrunst | 34 | |
Biegung des Zahlwortes. | In der Strafanstalt | 35 | |
Wiederholung des Zahlwortes. | Im Kriege | 36 | |
Persönliche Fürwörter. | Ein Brief | 36 | |
Besitz anzeigende Fürwörter. | Schönheit bringt Gefahr | 37 | |
Bezügliche Fürwörter. | Die Natur | 38 | |
Hinweisende Fürwörter. | Aberglaube | 39 | |
Fragende Fürwörter. | Räthselfragen | 40 | |
Unbestimmte Fürwörter. | Eine schreckliche Zeit | 41 | |
Wiederholung der Fürwörter. | Ein Brief | 41 | |
Bezügliche Zeitwörter. | Auf dem Lande | 42 | |
Unbezügliche Zeitwörter. | Nach der Schlacht | 44 | |
Bezüg. u. unbezüg. gebr. Zeitw. | Arbeitsstunde | 44 | |
Unpersönliche Zeitwörter. | Eine Angstnacht | 46 | |
Abwandlung d. Zeitw. n. d. Pers. | Auf dem Spielplatze | 47 | |
Abwandlung d. Zeitw. n. d. Zeit. | Ein Feriengespräch | 49 | |
Die Aussageweise. | Aus einem Tagebuche | 50 | |
Das Mittelwort der Gegenwart. | Ein Sommertag | 52 | |
„ „ „ Vergangenheit. | Unter dem Kreuze | 52 | |
„ „ „ Zukunft. | Ein Stück Kriegsarbeit | 53 | |
Leideform. | Das Brod | 54 | |
Wiederholung d. Formen d. Zeitw. | Die Berufswahl | 55 | |
Das Hilfszeitwort. | Ein Zwist | 57 | |
Umstandswörter des Ortes. | Die Verirrten | 58 | |
„ der Zeit. | Ein Brief | 59 | |
Desgleichen. | Der tolle Reiter | 60 | |
Umstandswörter der Weise. | Am Bache | 61 | |
„ „ Stärke. | Der Geizhals | 62 | |
„ „ Aussagew. | Die Landbewohner | 63 | |
„ „ Frage. | Die Staare | 64 | |
Wiederholung d. Umstandswörter. | Eine Wanderschaft | 66 | |
Verhältnißwörter des Ortes. | Das Vaterhaus | 67 | |
„ der Zeit. | Vor Paris | 69 | |
„ „ Weise. | Die Rückkehr der Helden | 69 | |
„ des Grundes. | Joachim | 70 | |
Wiederholung der Verhältnißw. | Die Mühle | 71 | |
Zusammenstellende Bindewörter. | Ungleiche Brüder | 72 | |
Entgegenstellende „ | Die goldene Freiheit | 74 | |
Begründende „ | Amerika | 75 | |
Wiederholung der „ | Treue Freundschaft | 77 | |
Empfindungswörter. | Ein Spaziergang | 78 | |
Alle Satzarten. | Das Gewitter | 80 | |
Desgleichen. | Ursache und Folge | 80 | |
Was das Subject sein kann. | Das Pferd | 81 | |
Was das Prädicat sein kann. | Gott | 82 | |
Desgleichen. | Die Rose | 82 | |
Beifügung vor dem Subject. | Das kranke Kind | 82 | |
„ nach „„ | Berlin | 84 | |
Die Beifügung ein Zeitwort in reiner Form. | Peter | 84 | |
Beifüg. vor und nach dem Subj. | Weihnacht | 85 | |
Zwei Beifüg. vor dem Subj. | Zigeunerkinder | 86 | |
Eine Doppelbeifüg. nach d. Subj. | Das Grab der Mutter | 87 | |
Zwei Doppelbeif. nach d. Subj. | Dämmerung | 88 | |
Alle Arten einfacher Beifügungen. | Der Schneemann | 89 | |
Alle möglichen Beifüg. vor und nach dem Subject. | Der junge Storch | 89 | |
Das Präd. ein Hauptw. m. Beif. | Wilhelm | 91 | |
„ „ „ „ mit mehreren Beifügungen. | Der Affe | 91 | |
Alle mögl. Erw. d. Subj. u. Präd. | Hochmuth | 92 | |
Im ersten Falle. | Der Schmetterling | 93 | |
Im zweiten Falle. | Ohne Glauben | 93 | |
„ dritten „ | Der echte Christ | 93 | |
„ vierten „ | Jakob | 94 | |
Rückbezügliche Zeitwörter. Vierter Fall. | Der Lügner | 95 | |
Alle vier Fälle. | Der Verschwender | 95 | |
Ergänzung durch Hauptwörter mit Verhältnißwörtern. | König und Volk | 96 | |
Die Ergänzung ein Zeitwort in reiner Form.. | Im Sturme | 97 | |
Einfache Ergänzung. Alle vier Fälle. | Die Wahrheit | 97 | |
Wiederholung aller Ergänzungen mit Verhältnißwörtern. | Die Eisenbahn | 97 | |
Hauptwiederholung. | Der Geburtstag | 98 | |
Vierter und zweiter Fall. | Der Thierquäler | 99 | |
Vierter und dritter Fall. | Oskar | 99 | |
Vierter und zweiter Fall. | Eine Verirrung | 100 | |
Vierter und vierter Fall. | Bestrafte Eitelkeit | 100 | |
Dritter und vierter Fall. | Großmuth | 101 | |
Wiederholung der Doppelergänz. | Der Geiz | 102 | |
Fortsetzung. | Michel | 102 | |
Alle Beifügungen und Ergänzungen. Hauptwiederholung. | Eine Jubelfeier | 103 | |
Im zweiten Fall. | Judas | 104 | |
Im dritten Fall. | Strenge Zucht | 105 | |
Im vierten Fall. | Die alte Linde | 106 | |
Durch ein Verhältnißwort. | Der Knochen | 106 | |
Wiederholung. | Der Löwenbändiger | 107 | |
Hauptwiederh. Beif. Ergänzung. | Der Dieb | 108 | |
Wo? Umstands- u. Verhältnißw. | Eine Stätte der Armuth | 109 | |
Wohin? „ „ „ | Sturax | 110 | |
Woher? „ „ „ | Treibjagd | 111 | |
Wiederholung. Wo? Wohin? Woher? | Die Elbe | 111 | |
Fortsetzung. | Die Luft | 112 | |
Hauptwiederh. Subj. Prädic. Ergänz. Ortsbest. | Die neue Gutsherrschaft | 113 | |
Wann? (Umstands- und Verhältnißwörter.) | Ein Brief | 114 | |
Wie lange? Seit wann? (Umstands- u. Verhältnißw.) | Der Gemsjäger | 115 | |
Wie oft? (Umstands- und Verhältnißw.) | Ein alter Krieger | 116 | |
Wiederholung. | Moses | 117 | |
Hauptwiederholung. Ergänzung. Ort. Zeit. | Jäger und Müller | 118 | |
Alle Fälle. | Mißgeschick | 120 | |
Desgleichen. | Ein Stier | 121 | |
Hauptw. Beif. Zeit. Ort. Weise. Erg. | Schulprüfung | 122 | |
Ursache oder Sachgrund. | Unverstand | 124 | |
Beweggrund. | Lohn der Wißbegierde | 124 | |
Erkenntnißgrund. | Der tolle Hund | 125 | |
Zweck und Stoff. | Jahrmarktsgeschenke | 125 | |
Wiederholung. | Heuchler | 126 | |
Wiederholung. | Der Wagehals | 126 | |
Hauptw. Beifüg. Zeit. Ort. Weise. Grund. Ergänz. | Ein Bombardement | 127 | |
Hauptw. Beif. Ergänz. Zeit. Ort. Weise. Grund. Stoff. | Zu Weihnacht | 129 | |
Hauptw. Beif. Erg. Zeit. Ort. Weise. Grund. Zahl. Stoff. | Ein trauriges Ende | 131 | |
Hauptw. Beif. Ergänz. Zeit. Ort. Weise. Grund. Zahl. Stoff. | Luxus | 131 | |
Wirklich. Möglich. Nothwendig. | Der Mensch | 133 | |
Gerade, umgekehrte. | Die Rose | 134 | |
Desgleichen. | Wiegenbau | 134 | |
Hauptwiederholung. | Verschiedene Sätze | 135 | |
Uebersicht. | Fragen nach den Satztheilen | 142 | |
Praktische Anwendung dies. Frag. | Für die Friedenszeit | 143 | |
Bilde Sätze auf folgende Fragen. | Eine Art von Aufgaben | 149 | |
A. Die Wortarten.
Hauptwörter.
1. Auf der Dresdner Brücke.
(Menschen.)
Otto war zum ersten Male in der Residenzstadt Dresden gewesen. Als er wieder nach Hause kam, saßen Vater und Mutter und seine Geschwister, Emil, Bertha und Louise, eben beim Abendbrode. Da mußte denn nun der kleine Reisende sogleich erzählen, was er alles gesehen habe.
„Ganz besondere Freude“, erzählte Otto unter Anderem, „hat mir ein Gang über die große, alte Elbbrücke gemacht. Nein, was man da doch binnen weniger Minuten für eine Menge Menschen sieht! Hier rasselt ein schöner, herrschaftlicher Wagen dahin, einen Kutscher und einen Bedienten auf dem Bocke. Darin sitzt ein feiner Herr oder auch eine vornehme Dame, zuweilen auch nur eine Kinderfrau oder eine Amme mit den Kindern eines Grafen oder eines Barons. Dort zieht eine Bauerfrau mit ihrer Tochter oder Magd einen Milchwagen. Hier knallt ein Droschkenkutscher auf seinen müden Gaul; dort bläst ein Postillon in sein Horn. Botenfrauen, Köchinnen, Dienstmänner und Dienstmädchen schleppen schwere Körbe und Paquete auf ihren Schultern dahin. Briefboten und Polizeidiener eilen hinüber und herüber. Greise und Kinder, Männer und Frauen, Fremde und Einheimische, reiche Leute und Bettler ziehen in buntem Gemisch dahin. Besonders viel Soldaten sind mir begegnet. Ich sah Generäle, Hauptleute, Feldwebel, Tamboure, Signalisten und Fahnenträger. Auch Schützen, Jäger, Grenadiere, Gardisten, Ulanen und Dragoner gingen an mir vorüber. Sogar der König mit der ältesten Prinzessin kam gefahren. Ein Vorreiter bahnte ihm den Weg und zwei Lakaien standen hinten auf seinem Wagen. Natürlich zogen alle Leute, vom reichsten Kaufmanne bis zum ärmsten Schusterjungen herab, die Hüte und Mützen, als der Landesvater vorüberfuhr.
Gewiß waren es an fünfhundert Personen, die ich auf diesem einzigen Gange über die Brücke gesehen habe.“
2. Beim Onkel auf dem Lande.
(Thiere.)
Robert war einen Tag auf dem Lande gewesen. Er hatte seinen Onkel besucht, der eine große Oekonomie besaß.
Als Robert am Abende nach Hause kam, sagte er zu seinen Geschwistern: „Heute habe ich aber so viel verschiedene Thiere gesehen, wie noch nie.“
„Nun, so erzähle uns doch“, baten die Geschwister, „was Du für Thiere gesehen hast.“
„Als ich an des Onkels Haus kam“, begann hierauf Robert, „bellten mich ein schwarzer Pudel und ein Affenpinscher an. In dem Hausflur kauerte eine graue Katze und verzehrte eben eine Maus, die fast so groß war, wie eine Ratte. Ich trat in die Stube ein. Hier saß ein Rothkehlchen auf dem Spiegelrahmen und verspeiste eine Fliege. Am Fenster hing ein großer Käfig, in welchem ein Zeisig, ein Stieglitz und ein Canarienvogel auf- und abhüpften. Unter dem Ofen spielte ein Meerschweinchen mit einem jungen Hunde.
Aber nun erst auf dem Hofe! Hier führte ein Hahn seine Hühner spazieren. Dort lockte eine alte Henne ihre Küchlein herbei, weil sie ein Würmchen gefunden hatte. Vor der Scheune stolzirte ein Pfau auf und ab. Ein schwarzer Truthahn zankte sich mit einem alten Gänseriche um ein Stückchen Brodrinde. Ein ganzes Heer Enten und Gänse watschelte zum Thore hinaus, dem nahen Teiche zu, wahrscheinlich, um dort Frösche, Eidechsen und kleine Fische zu fangen. Auf den Dächern zwitscherten Schwalben und Sperlinge um das Nest eines Storches. Nicht weit davon saßen eine Menge Tauben und spähten ängstlich in die Luft hinaus, ob sich etwa ein Falke oder Stößer oder ein andrer Raubvogel sehen lasse. Vor der Elster, die im Hofe umherhüpfte, schienen sie sich nicht zu fürchten.
Sogar im Wassertroge gab es Thiere. Hier schwammen Karpfen, Hechte, Aale und Schleien und auf dem Grunde krochen Krebse.
Im Pferdestalle standen zwei Schimmel, ein Fuchs und ein Rappe. Unter ihnen herum hüpften weiße und schwarze Kaninchen. Der Esel war nicht zu Hause, sondern in der Mühle.
Besondere Freude machte mir der Kuhstall. Hier brummte mich ein großer Ochse ganz mürrisch an. Gegen zwanzig Kühe fraßen eben ihr Heu. Zwischen ihnen lagen einige Kälber. Neben der Thür meckerten zwei Ziegenböcke und aus einem Winkel hervor grunzte ein altes Schwein mit sieben Ferkeln.
Alle diese Thiere sah ich an einem Tage und sie haben mir sehr viel Vergnügen bereitet.“
3. Im Walde.
(Thiere des Waldes.)
Welch ein fröhliches Leben ist doch im Frühlinge unter den Thieren des Waldes! Tausende von Würmern und Käfern kriechen unter dem Moose hervor. Große und kleine Ameisen laufen an den Baumstämmen hinauf. Bunte Schmetterlinge flattern von einem Haideblümchen zum andern. Die Eidechsen, Blindschleichen und Ottern erwachen und schlüpfen auf dem Boden dahin. In dem Gebüsche ertönen die Lieder der Nachtigall, Grasmücke, Meise und des Rothkehlchens. Auf den Gipfeln der Fichten und Tannen schlägt der Finke, pfeifen Amsel und Drossel, girrt die wilde Taube. Mitten hindurch ruft der Kukuk seinen Namen in die Welt hinein.
Hier hüpft ein Häslein schnell vorüber, weil es einen Fuchs wittert. Dort nagt ein Reh an einer jungen Birke. Zuweilen tritt auch wol ein Hirsch aus dem Dickicht hervor.
Ueber dem Waldbächlein spielen die Mücken und schweben die glänzenden Libellen. Blickt man in die klaren Wellen hinein, sieht man Schmerlen und Forellen in lustigem Tanze. An dem feuchten Ufer kriecht hier und da eine Schnecke und an dem Erlengebüsche blitzen goldene Laubkäfer im Sonnenscheine.
Was für ein Leben mag nun erst in den Wäldern der heißen Länder sein, wo die Löwen, Tiger, Panther und Leoparden brüllen, die Elephanten auf den Lichtungen grasen, Paviane, Schimpansen, Brüllaffen, Uistitis und Meerkatzen auf den schlanken Palmen sich wiegen, Papageien und Kakadus kreischen und riesige Schlangen auf Beute lauern.
4. Der Jahrmarkt.
(Sachen.)
Welch ein buntes Leben ist doch auf einem Jahrmarkte! Man hat nicht Augen genug, um all die Dinge, die hier zum Verkaufe ausgestellt sind, zu sehen. Links und rechts auf den Straßen und Plätzen stehen lange Reihen von Buden und Tischen. In der einen dieser kleinen Kaufhallen erblickt man z. B. Blechwaaren. Da gibt es Löffel, Reibeisen, Gießkannen, Lampen, Kohlenkästen und Leuchter. In einer andern sind Glasgegenstände ausgestellt. Da sieht man Gläser, Flaschen, Teller, Tintenfäßchen, Leuchter, Vasen und Perlen.
Hier steht eine Bude mit Drechslerarbeiten, als: Spazierstöcke, Tabakspfeifen, Zwirnweifen, Ellen, Zollstäbe, Dosen, Knöpfe u. dergl. An einem langen Tische verkauft ein Mann Streichhölzchen, Schwamm, Räucherkerzchen, Fleckseife, Putzpulver und Wetzsteine. In einem Hausflur hängen fertige Röcke mit Sammetkragen und blanken Knöpfen, Westen mit Schnüren, Hosen mit Borte, Ueberzieher, Hüte und Mützen.
Dort an der Straßenecke ruft ein Mann: „Kauft Tücher, Bänder, Spitzen, Cravatten und Handschuhe!“ Dicht neben dem Brunnen auf dem Markte befindet sich eine große Bude mit Galanteriewaaren. Da gibt es Geldbörsen, Broschen, Uhrketten, Tuchnadeln, Puppen, Porzellanköpfe, Taschenspiegel, Fingerhüte, Nadelbüchsen, Bleistifte, Schiefertafeln, Gummibälle u. s. w.
Und welche Menge von Gegenständen hat nun erst die Spielwaarenhandlung dort drüben an ihr Fenster gestellt: Zappelmänner, Baukästen, Armbrüste, Reifen, Drachen, Springseile, Trommeln, Flinten, Kanonen, Säbel, sogar eine Festung und ein Theater sind daselbst zu sehen.
Wie gern möchte man sich dies und jenes Spielzeug kaufen, wenn man nur Geld dazu hätte!
5. Der Wißbegierige.
(Stoffnamen.)
Arthur war zwar noch ein kleiner, aber schon sehr lernbegieriger Knabe. So oft er mit seinem Vater spazieren ging, mußte ihm dieser fortwährend Fragen beantworten. Da wollte Arthur wissen, wie die Dinge, die er sah, hießen; woraus und von wem sie gefertigt und wozu sie da wären.
Eines Tages gingen Vater und Sohn auch spazieren. Unterwegs fragte Arthur: „Vater, woraus sind denn die Häuser gebaut?“
„Die Mauern“, erwiderte der Vater, „sind aus Stein, Sand, Lehm, Kalk und Mörtel erbaut; das Dach, die Thüren, die Dielen und Fensterrahmen sind aus Holz, die Schlösser aus Eisen, die Dachrinnen aus Blech und die Fensterscheiben aus Glas gefertigt.“
Bald darauf kamen sie an dem Fenster eines Geldwechslers vorüber. Hier standen eine Menge Münzen zu Schau ausgestellt. „Woraus wird denn das Geld gemacht?“ fragte Arthur schnell.
„Die Pfennige, Dreier und Fünfpfenniger“, sagte der Vater, „werden aus Kupfer, die Groschen und Thaler aus Silber, die Dukaten aus Gold und die Kassenbillets aus Papier gefertigt.“
Später wollte Arthur wissen, woraus denn eigentlich die verschiedenen Kleidungsstücke gearbeitet würden. „O“, belehrte der Vater, „da gibt es der Stoffe eine große Zahl. Deine Mütze z. B. ist aus Tuch gefertigt, das Tuch aber wird aus Schafwolle gearbeitet. Dein Halstuch ist aus Seide gewebt. Deine Jacke besteht aus Leinwand, diese aber wird aus Flachs gewonnen. Die Knöpfe auf Deiner Jacke sind aus Horn, die an der Weste aus Perlmutter und die an den Hosen aus Zinn hergestellt. Die Schnalle an Deinem Gürtel ist aus Stahl geformt. Deine Stiefel hat der Schuhmacher aus Leder gefertigt; natürlich brauchte er noch Pech, Schwärze, Wachs, Wichse und Hanf zum Schuhdraht dazu. Deine Strümpfe wurden aus Garn gestrickt; das Garn aber besteht aus Baumwolle.“
Zuletzt fragte Arthur auch noch, woraus denn der Mensch bestehe und woraus er geworden sei. „Der menschliche Körper“, erwiderte der Vater, „besteht aus Fleisch und Blut, aus Fett und Schleim, aus Knochen, Knorpel und Mark; geschaffen aber hat ihn der liebe Gott aus Erde, wie Du in der Bibel lesen kannst.“
6. Eine Festung im Kriege.
(Mengenamen.)
Mitten in einem großen Flußgebiete lag eine ziemlich starke Festung. An ihrer nördlichen Seite zog sich ein bedeutendes Gebirge hin, sodaß die Besatzung von hier aus keinen Angriff zu befürchten hatte. Die Festung war in Vertheidigungsstand gesetzt worden. Der Wald ringsum lag gefällt, selbst das kleinste Gestrüpp hatte weichen müssen. Das Gemäuer, auf dem früher Gras wuchs, erblickte man ausgebessert und verstärkt. Das Gebälk der Festungsbrücke hatte man in die Luft gesprengt.
Da sich in der Stadt selbst viel Reichthum vorfand, konnte sich die Einwohnerschaft reichlich mit Vorräthen versehen. Es fehlte nirgends an Brod, Mehl, Salz und Gemüse. Sogar Wild, Geflügel und gesalzenes Fleisch war im Ueberflusse vorhanden. Auch an gutem Wasser konnte nicht leicht Mangel eintreten. Ebenso gut hatte sich das Heer, welches die Besatzung der Festung bildete, versehen. Für die Mannschaft lagen Lebensmittel und für das Vieh Heu, Hafer und Stroh in Menge aufgespeichert.
So glaubte man nun ruhig dem Feinde ins Auge sehen zu können. Ja, die Soldaten konnten den feindlichen Angriff kaum erwarten, denn sie waren von heißem Geblüt.
Endlich rückte die Schaar der Gegner an und die Beschießung begann. Die Nationen von fast ganz Europa richteten ihre Blicke auf diesen Kampf, während dessen die Bevölkerung der Festungsstadt sehr viele Verluste zu erleiden hatte.
Nach mehrwöchentlicher Belagerung entschied sich das Schicksal der Festung. Die feindlichen Geschosse legten ihre Wälle, Mauern und andere Befestigungen in Trümmer. Darauf folgte ein Sturmangriff und die Festung war verloren. Das Blut floß in Strömen. Durch das furchtbare Getöse des Kampfes drang das Gewimmer und das Gestöhne der Verwundeten.
Einen schrecklichen Anblick boten die Verwüstungen in der Stadt. Die schöne, große Bibliothek und die herrliche Bildergallerie waren verbrannt und die Heiligthümer der Kirchen durch die Geschosse zerstört. Mit Thränen in den Augen stand das Volk an den Trümmern seiner Habe, die zu einem großen Theile in Asche lag.
7. Schulexamen.
(Eigennamen.)
„Ei, Emilie“, rief Bernhard seiner Schwester zu, als er aus der Schule kam, „heute hieß es aber aufpassen. Unser Lehrer, Herr Schmelzer, wollte nämlich einmal sehen, ob wir von dem, was er uns gelehrt und erzählt habe, noch recht viel wüßten. Und so richtete er denn an einen jeden von uns eine Frage.“
Franz Dunker mußte die Geschichte von dem Moses, Hans Weinlich die vom Goliath und Emil Heinz die vom Daniel erzählen. Julius Bär mußte sagen, wann Luther, August der Starke und Napoleon I. geboren wären.
Heinrich Tümmler mußte angeben, wo Sachsen, Baiern, Würtemberg, Preußen und China lägen.
Wilhelm Borisch mußte die Einwohnerzahl von Paris, Wien, London, Berlin und Dresden nennen.
Alexander Miersch sollte sagen, wo man die Schlösser Wesenstein und Scharfenstein und die Dörfer Machern, Kesselsdorf und Hochkirch zu suchen habe. Er wußte es aber nicht.
Julius Neubert bekam die Frage, wie hoch der Brenner, der Simplon, der Schafberg, die Lausche und der Borsberg seien.
Theodor Wenzel hatte anzugeben, wo der Rhein, die Donau, die Weser und die Spree entspringen.
Der kleine Felix Brendel erhielt die leichteste Aufgabe. Er mußte Eigennamen von Hunden, Katzen, Pferden und Kühen angeben. Da sagte er denn, daß die Hunde Karo, Ammi, Schnacksel, Bello, Leo, Waldmann u. dergl. hießen; daß manche Katzen den Namen Peter, Schnurr oder Michel führten; daß man Pferde mit Rosa, Pollux, Hektor u. dergl. bename und einzelne Kühe Musel, Schecke, Brummkatharine, Mummel, „Stallmeister u. s. w. gerufen würden.“
8. Zweierlei Schüler.
(Gedankendinge.)
Emil war ein sehr braver Schüler. Er liebte die Pünktlichkeit und Reinlichkeit. Während des Unterrichts zeigte er die größte Aufmerksamkeit, um alles Gehörte im Gedächtnisse zu behalten. Wurde er gefragt, so gab er seine Antworten mit Ueberlegung und Anstand. Seine Schularbeiten fertigte er zu jeder Zeit mit Fleiß, Sorgfalt und der möglichsten Sauberkeit. Ueber jeden seiner Fortschritte bezeigte er Freude. Der leiseste Tadel bereitete ihm Schmerz.
Was aber trieb ihn zur Erfüllung seiner Pflichten? Die Liebe zu seinem Lehrer, die Dankbarkeit gegen seine Eltern und der Gedanke, daß Kindheit und Jugend schnell vergehen und daß man daher jede Gelegenheit benutzen müsse, sich Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen.
Ganz anders dagegen zeigte sich Bernhard. Er ging mit Unwillen und Verdruß in die Schule. Auf dem Schulwege trieb er allerhand Unarten und Dummheiten, ja sogar Rohheiten. Obgleich er sich dadurch oft Verweise, Züchtigungen, Schimpf und Schande zuzog, zeigte er doch keine Besserung.
Auch in der Schule selbst ließ er sich viele Fehler und Vergehungen zu Schulden kommen. Plaudereien, Neckereien und Kaupeleien waren seine Lieblingsbeschäftigung. In seinen Gesichtszügen lagen List, Verschmitztheit und Tücke. Kam eine Bestrafung vor, so leuchteten aus seinen Augen Schadenfreude, Hohn und Spott.
Das Lesen, Schreiben und Rechnen war ihm eine Last. Ueberhaupt betrieb er alles Lernen mit Nachlässigkeit und Flüchtigkeit. So konnte es denn auch nicht fehlen, daß er wegen Faulheit und Liederlichkeit heruntergesetzt und endlich der Letzte in der Klasse wurde. Aber auch das bereitete ihm weder Kummer, noch weckte es Reue in ihm. Er blieb für den Lehrer eine Plage und seinen Eltern ein Kind der Sorge und des Herzeleids.
9. Freund Apfelbaum.
(Ein- und Mehrzahl.)
Im Garten stand ein Apfelbaum. Er war der stärkste und höchste unter allen Bäumen in den Gärten ringsumher. Seine Aeste und Zweige breiteten sich weit aus und an jedem Aste hingen große, süße Aepfel. Sie waren so groß, daß sich ein Kind an einem einzigen solchen Apfel satt essen konnte. Deshalb waren denn auch die Kinder oft um ihn herum. Zuweilen legten sie sogar Hand an seinen Stamm, um ihn zu rütteln, damit eine Frucht herabfallen solle. Solche starke Stämme aber lassen sich nicht von so schwachen Händen bewegen.
Eines Tages saß Hermine auch unter dem schattigen Dache des alten Freundes und hatte einen großen Korb mit verschiedenem Spielzeuge vor sich. In einem kleinen Kasten lagen bunte Papierstreifen. Aus diesen flocht sie niedliche Körbchen. Da nun jeder Streif eine andere Farbe hatte, gaben diese verschiedenen Farben dem Körbchen ein schönes Aussehen. In andern Kästen befanden sich Perlen, Würfel, Buntstifte u. dergl.
Jetzt nahm Hermine einen Faden und reihte Perle um Perle daran. Als zwei Fäden gefüllt waren, band sie dieselben um ihren Hals. Darauf ergriff sie einen Buntstift und zeichnete einen Würfel mit seinen Kanten, Flächen und Punkten.
Nachdem sie eine Stunde gespielt hatte, zog sie Bücher aus dem Korbe hervor und las. In dem einen Buche standen mehrere Geschichten mit bunten Bildern, das andere enthielt blos eine Geschichte mit einem Bilde. Indem aber Hermine las, fiel ein großer Apfel herab und gerade auf das Buch, sodaß zwei Blätter beschädigt wurden. Das eine Blatt war mittendurch gerissen. Hermine erschrak, lachte aber bald darauf und sagte: „Ei, ei, alter Freund! Wie kannst du mich so erschrecken? Das sind mir schöne Freunde, die Einen mit Aepfeln bewerfen.“
10. Getäuschte Hoffnungen.
(Ohne Mehrzahl.)
Mitten in einem Urwalde Amerikas stand eine dürftige Hütte, aus brauner Erde, Lehm und Kalk erbaut. Das Gebälk war grob gezimmert. Da durch die kleinen Fenster wenig Licht eindrang, lag in dem niedern Wohnzimmer ein tiefes Dunkel, das bei trübem Wetter sogar zur Finsterniß wurde. Auf den Dielen erblickte man etwas Heu und Stroh, auf welchem die Bewohner, welche deutsche Einwanderer waren, ihre Nachtruhe hielten. Die Beschaffenheit der Nahrung der armen Leute grenzte an Dürftigkeit. Wasser war ihr einziger Trunk, wenn sie der Durst quälte. Milch und Kaffee bekamen sie nie zu Gesicht. Im Sommer litten sie viel durch die große Wärme, die sich bis zur fürchterlichsten Hitze steigerte. Im Winter trat die Kälte mit großer Strenge und Ausdauer auf, führte viel Schnee und Eis herbei und fügte ihnen viel Leid zu.
Die guten Leute hatten Deutschland, ihre Heimat, verlassen, um in Amerika ihr Glück zu machen. Sie hofften hier Gold und Silber zu finden, fanden aber nicht einmal Zinn und Blei. Das Eigenthum, das sie an baarem Gelde mitgebracht hatten, war bereits zu ihrem Unterhalte verbraucht. So trat zuletzt Hunger und Kummer, Noth und Elend an sie heran.
Mit Reue dachten sie an ihre Vergangenheit und an ihr einstiges Vaterland zurück, wo sie ein Leben in Wohlsein und ohne alle Trübsal geführt hatten. Die Sehnsucht nach dem alten Daheim ergriff sie, aber es fehlte ihnen am Besten, die Rückreise anzutreten. So sanken die armen Deutschen immer tiefer ins Unglück. Nirgends fanden sie Trost und Beistand. Sie mußten in ihrem kümmerlichen Dasein ausharren, bis sie der Tod von allem Jammer erlöste.
11. Gastfreundschaft.
(Doppelhauptwörter.)
An einem einsamen Waldrande lag eine Köhlerhütte. Das niedere Strohdach war vom Sturmwinde zerzaust und bedurfte der Ausbesserung. Wo aber sollte der arme Waldarbeiter Dachstroh hernehmen? Sein Tagelohn langte kaum zur Morgensuppe, zur Mittagsmahlzeit und zum Abendbrode für sich und seine Kinderschaar. Auch die dünnen Lehmwände der Köhlerwohnung zeigten Zerstörungsspuren. Regengüsse und Hagelwetter hatten sie gepeitscht, den Kalkbewurf abgespült und das Lehmwerk durchlöchert, sodaß zur Winterszeit die rauhen Nordweststürme ungehindert hindurchpfeifen konnten. Ein Hausthürverschluß war nicht mehr möglich, denn die Thürschloßfeder war zersprungen. Die Fensterscheiben vertrat hier und da ein Streifen von Kaffeedütenpapier oder ein Volkskalenderblatt.
An einem Herbstabende saß die Köhlerfamilie um den schmalen Holztisch und verzehrte ihre Abendmahlzeit. Da trat plötzlich ein vornehmer Jägersmann, einen schmucken Filzhut mit einer Birkhuhnfeder auf dem Kopfe, einen Hirschfänger mit Perlmuttergriff, ein Pulverhorn mit Silberquaste an der Seite und eine Schrotflinte auf dem Rücken, ein. Er erklärte, daß er von seinem Jagdgefolge abgekommen, auf verschiedene Kreuzwege gerathen sei und so sammt seinem Dachshunde und Windspiele den Hauptwaldpfad verloren habe. Schließlich bat der Waidmann um ein Nachtquartier und sei es auch nur ein Dachkammerraum mit einem Strohlager.
Die braven Köhlereheleute erklärten sich zu diesem Liebesdienste gern bereit und luden den vornehmen Stadtherrn ein, wenn er Hunger habe, mit ihnen Kartoffelsuppe und Butterbrodschnitte nebst Quarkkäse zu essen. Der Jägersmann dankte, da er kein Magenbedürfniß verspüre.
Während ihm nun das Nachtlager auf der breiten Ofenbank bereitet wurde, unterhielt er sich in scherzhafter Weise mit dem Kinderkreise. Er gab den Knaben Buchstabenräthsel und recht lange Hauptwörter zum Nachsprechen auf, um ihre Zungenfertigkeit und Sprachgewandtheit auf die Probe zu stellen. So mußten sie z. B. die Riesenhauptwörter nachsprechen: Dudelsackpfeifenmachergeselle, Schornsteinfegerknabenwassersuppentellerrand, Pulvermühlennachtwächterseitengewehrscheidenspitzenknopf.
Den Kindern machte diese Zungenarbeit viel Spaß. Als das Ofenbanklager fertig war, begaben sich der Fremde und auch die Köhlerfamilie zur Ruhe. Wie sehr aber erschrak und erstaunte der alte Hausvater am andern Morgen, als ihm der Nachtgast mit Sonnenaufgang fünf Kronenthaler in die harte Arbeitshand drückte und ihm beim Abschiedsgruße sagte, daß er dem Kronprinzen Gastfreundschaft gewährt habe.
12. Eine musterhafte Schülerin.
(Nichthauptwörter zu Hauptwörtern erhoben.)
Die reiche Kaufmannstochter Mathilde war ein Muster einer Schülerin. Das Aufmerken und Lernen gewährte ihr einen Genuß. Das Lesen hatte sie in drei Monaten erlernt. Auch das Schreiben hatte sie leicht begriffen, nur das kleine Err und das Eszett machten ihr Schwierigkeiten. Im Rechnen erwarb sie sich stets die erste Censur. Ebenso geschickt stellte sich Mathilde zum Zeichnen, Singen, Clavierspielen, Häkeln, Stricken, Sticken und Turnen an. Sie liebte alles Gute, Schöne und Nützliche und ihr Streben und Ringen darnach trug die schönsten Früchte.
Auch das Wunderbare und Erhabene der Natur beobachtete sie gern und oft. Das Großartige und Erhebende des Sternenhimmels erfüllte sie mit frommem Staunen. Nicht minder freute sie sich über das Niedliche und Zierliche der kleinen Blumen. Deshalb liebte sie auch das Freie, namentlich in seiner Morgenfrische. Das liebliche Grün und die traute Stille des Waldes machten ihr denselben zu einem Lieblingsaufenthalte.
So blieb ihr ganzes Denken und Fühlen auf das Edle gerichtet und deshalb schlug das Fromme und Gottesfürchtige immer tiefere Wurzel in ihrem Gemüthe.
Dieses fromme Empfinden erkannte man auch aus allen ihren stilistischen Arbeiten, in denen sie ebenfalls Vorzügliches leistete. Darin standen kein Und und kein Aber am falschen Platze und kein Satz enthielt irgend etwas Unrichtiges oder Ueberflüssiges.
Kurz, Mathilde war und blieb die Beste und Ausgezeichnetste ihrer Schule und dieses Brave und Gediegene bewahrte sie sich zu ihrem Glücke ihr Lebelang.
13. Belohnter Gehorsam.
(Wiederholung der Hauptwörter.)
Im lieben Sachsenlande liegt dicht an der Grenze von Böhmen ein Dörfchen mit Namen Wernsgrün. Am Ende desselben stand ein Hüttlein mit Strohdach und winzig kleinen Fenstern. Durch die schmalen, bleichen Scheiben konnte kaum ein Sonnenstrahl hindurchdringen.
In dieser Hütte wohnte der alte Kilian mit seinen beiden Kindern. Die Kinder hießen August und Ernst. August zählte sieben Lebensjahre, Ernst dagegen hatte zehn Sommer hinter sich. Ihre Kleidung bestand in Kitteln aus grober Leinwand.
Eines Tages saßen beide Brüder vor der Thür und spielten mit Sand, einigen Stäbchen Holz und drei Soldaten aus Zinn. Bald aber hatte Ernst das Spielen satt und sagte zu seinem Bruder: „Komm, laß uns ins Grüne gehen. Dort werden wir mehr Vergnügen finden.“
Der Jüngere gab seine Zustimmung. Kaum aber hatten sie am grünen Ufer des Wiesenbaches ihren Zeitvertreib begonnen, rief sie der Vater in das Haus zurück. Sie sollten jetzt wieder an ihre Arbeit gehen und Stroh flechten.
Die Knaben machten wahre Essiggesichter, denn das Haschen und Verstecken war ihnen natürlich lieber als das Stillsitzen und Arbeiten. Aber sie zeigten ohne Murren Gehorsam. Und ihre Folgsamkeit sollte noch dieselbe Stunde Belohnung finden.
Nach etwa zehn Minuten fiel draußen, in ziemlicher Nähe, ein Schuß. Vor Schreck fuhren die Kinder zusammen. Sie und ihr Vater und ihre Mutter eilten zur Hausthür. Und was erblickten ihre Augen? An der Stelle, wo die Knaben vor kurzer Zeit noch — kaum vor Ablauf von zehn Minuten — ohne alle Besorgniß allerlei Spiele gespielt hatten, hatte soeben ein Jäger, dicht an einem Erlenbaume, einen tollen Hund erschossen.
Wie freute sich nun das Geschwisterpaar ob seiner Folgsamkeit!
Eigenschaftswörter.
14. Formen der Pflanzenwelt.
Welch verschiedene Formen und Farben gibt es doch in der Pflanzenwelt! Da steht die Pappel, hoch und schlank; nicht weit davon ein tausendjähriger Eichbaum, niedrig zwar, aber stark und knorrig. Seine Aeste sind vielfach gekrümmt und gebogen, seine Wurzeln dick und runzlig. Seine Rinde ist fest, aber zerklüftet und zerrissen. Hier steigt eine Tanne schlank in die Luft empor. Ihr Stamm ist schnurgerade und ebenmäßig, unten stark, nach oben zu dünn und zuletzt ganz spitz.
An ihrem Fuße wuchert eine Birke empor. Sie ist jung und kräftig, ihre Krone dicht belaubt, ihre Schale blendend weiß, wie Silber.
Wie unterschiedlich sind selbst die Stengel der kleinsten Pflanzen! Der eine ist rund, der andere drei- oder vierkantig; der eine glatt, der andere behaart oder klebrig; der eine markig, ein anderer fleischig oder holzig. Einige sind hohl, andere voll; einige gegliedert, andere gedreht oder geschlängelt. Der eine Stengel ist steif, unbiegsam und spröde, ein anderer beweglich, weich und elastisch.
Betrachten wir nun erst die verschiedenen Blattformen. Da gibt es ovale, runde, herzförmige, schmale, breite, glattrandige, gezahnte, gezackte, getheilte, gefiederte u. s. w. Noch weit mehr verschiedene Formen aber zeigen uns die Blätter der Blumenkronen. Unter ihnen finden sich röhren-, trichter-, lippen-, rachen-, keilförmige u. dergl. Und wie überaus zart und reizend sind diese buntfarbigen Blumentheile! Wer auf alle diese Abwechselungen in der Pflanzenwelt genau achtet, muß eitel Lust haben an den Werken des Herrn.
15. Der Frühling.
(Abstrakte Eigenschaftswörter.)
Fröhlich ist das Herz, wenn der liebliche Frühling naht! Der Winter war kalt und rauh, jetzt wird die Luft lau und angenehm, zuweilen gar schon warm. Im Winter war es still und öde auf den Fluren; die Wälder erschienen todt, die Bächlein erstarrt. Jetzt werden die Haine lebendig, die Bächlein wieder wach und munter. Die Felder lagen kahl, jetzt sehen wir sie grün. Die Wiesen stehen geschmückt, wie mit einem bunten Blumenteppiche. Die eine Blume sieht roth, die andere weiß, die dritte gelb oder blau aus. Die Vögel zeigen sich eifrig im Gesange und emsig im Bau ihrer Nester. Wie ist der Schlag des Finken so lustig, das Lied der Nachtigall so süß, der Morgenpsalm des Staares so erhebend! Ein Herz, das fromm und rein, stimmt mit ein in die Lobgesänge und preist den allmächtigen Schöpfer, der im Frühlinge recht deutlich zeigt, wie weise und gütig er ist.
16. Der Geizhals.
(Zusammengesetzte Eigenschaftswörter.)
Andreas war ein steinreicher Bauer, aber dabei erzgeizig. Für ihn gab es in der wunderreichen Gotteswelt kein zaubervolleres Bild, als ein blitzblanker Thaler. Hielt er ein solches Geldstück in der sonnverbrannten, hufbesetzten Hand, erschien sein Auge überglücklich, ja glückselig. An ein Wiederausgeben eines solch werthvollen Kopfstückes war bei ihm nicht zu denken. Es wanderte in einen alten, aschgrauen, baumwollenen Strumpf, der im fast heckerklaren Strohe seines baufälligen Bettes stak. War ein solcher Strumpf gefüllt, versenkte er ihn in einen eisenbeschlagenen, diebesfest sein sollenden Koffer, vor dem ein riesenhaftes Schloß lag. Dieser centnerschwere Koffer stand unter seiner armseligen Lagerstatt. Ein doppelläufiges, scharfgeladenes Gewehr bildete seine Sicherheitswache, sowohl am sonnenhellen Tage, wie in tiefdunkler, grabesstiller Nacht.
Kein hilfsbedürftiger Freund erhielt von dem Geizhalse auch nur die allerkleinste Unterstützung. Keinem Wanderburschen, und war er noch so blutarm, reichte er einen Zehrpfennig. Das bleichwangige Bettelkind, das kleinlaut an seine dickeichene Thür klopfte, rührte nicht im mindesten sein liebeleeres Herz.
Er selbst führte ein wahrhaft jammervolles Leben. Sein Mittagsessen bestand meist in graubraunem, fast steinharten Brode und dickschaligen Kartoffeln, die er in wasserdünnen Schmalz tauchte. Ein Stück wohlschmeckendes Fleisch war ihm zu theuer. Nie kam ein Glas wenn auch nur dünngebrautes Bier oder gar ein Glas magenstärkender Wein auf seinen Tisch. Thür und Thor seines alterthümlichen Gehöftes schloß er regelmäßig mit Sonnenuntergang zu und ließ dann den alten, graubärtigen Kettenhund los.
Von jetzt an durfte kein Mensch mehr eingelassen werden. Aus übergroßer Besorgniß fürchtete er, es könne sich ein langfingeriger Fremdling einschleichen und seinem herzinniglieben Hausgotte mit den erzgespickten Strümpfen einen unliebsamen Besuch abstatten.
Trotz aller wohlberechneten Vorsicht aber hatte sich in einer rabenschwarzen Nacht doch Einer eingefunden, der kaltblütig und erbarmungslos den bedauernswerthen Geizhals von all seinen mühselig errungenen Schätzen trennte. Dieser Unbarmherzige war der — unerbittliche Tod.
17. Der wohlthätige Bettler.
(Das Eigenschaftswort vor dem Hauptworte.)
An einer belebten Straßenecke saß ein alter, blinder Bettelmann. Er hielt seinen durchlöcherten Hut in der welken, zitternden Hand und bat um eine kleine Gabe. Viele reiche Leute gingen an einem einzigen lieben langen Tage vorüber und gewiß trugen die meisten wohlgefüllte Börsen bei sich. Zeugte doch oft ihr kostbarer Anzug von großer Wohlhabenheit. Man sah da Damen mit langen Schleppen, seidenen Schärpen, sammtenen Mänteln, theuren Spitzen, beblumten Hüten und feinen Handschuhen. Herren stolzirten dahin mit goldenen Uhrketten, blitzenden Tuchnadeln, funkelnden Ringen und elfenbeinernen Spazierstöckchen.
Nicht alle freilich trugen zu diesem äußern auch einen innern Schmuck, ein theilnehmendes, mitleidiges Herz. Das bewiesen sie dem hülfsbedürftigten Alten gegenüber. Mit kalten Blicken und gleichgültigen Mienen gingen sie an ihm vorüber. Nur einzelne zeigten aufrichtige Theilnahme, sprachen einzelne freundliche Worte mit dem bedauernswerthen Bettler und legten dabei eine klingende Gabe in seinen abgeschabten Hut.
Eines heitern Sommertages hörte der gutmüthige Alte eine weinerliche Stimme in seiner nächsten Nähe. Die klagenden Töne kamen von einem sechsjährigen, blassen Mädchen. „Was fehlt Dir, liebes Kind?“ fragte der lauschende Bettler mit besorgter Stimme.
„Ach, mich hungert so sehr“, erwiderte das dürftig gekleidete Mädchen mit wehmüthigem Ausdrucke. „Meine gute Mutter ist krank und hat kein Brod mehr für mich.“
Diese Worte rührten den weichherzigen Greis. Schnell griff er in seinen schwarzgrauen Hut, befühlte mit der dürren Hand die verschiedenen Geldstücke und gab der hülfsbedürftigen Kleinen einen kupfernen Fünfpfenniger. „Hier, armes Kind“, sagte er mit bewegten Lippen, „hast Du eine kleine Gabe. Geh und kaufe Dir bei dem neuen Bäcker hier links in der engen Gasse etwas für Deinen hungrigen Magen.“
Das überglückliche Mädchen dankte mit aufrichtigem Herzen, eilte die schmale Gasse dahin und kaufte sich ein neugebackenes Dreierbrod. Die übrigen zwei Pfennige aber nahm es seiner kranken Mutter mit nach Hause.
18. Ein Gewitter.
(Steigerung des Eigenschaftswortes.)
Es war ein heißer Julitag. Schon der Vormittag war schwül. Gegen den Mittag hin wurde es immer schwüler. Am schwülsten aber erschien die Luft etwa um drei Uhr. Schon den Spaziergängern wurde es heiß; noch heißer mußte es den Arbeitern auf den Bauen, am heißesten aber den Landleuten auf dem Erntefelde werden. Das Thermometer, das schon immer hohe Hitzegrade gezeigt hatte, stieg höher, bis es endlich nach Tische den höchsten Grad erreicht hatte.
Da zeigte sich am Himmel eine schwarze Wolke, die sich aber mit jeder Minute schwärzer färbte. Am schwärzesten erblickte man sie nach Osten hin. Zu gleicher Zeit erhob sich auch ein ziemlich starker Wind. Auch er wurde von Sekunde zu Sekunde stärker, bis er endlich, als er am stärksten wüthete, die gewaltige Wolkenmasse in Bewegung setzte. Schnell erhob sie sich. Zusehends schneller und schneller stieg sie empor und überzog in ihrem schnellsten Fluge ein breites Thal, das nach Süden hin immer breiter wurde und mit seinem letzten, breitesten Theile an ein waldiges Gebirge stieß.
Düster lagen Berg und Thal. Noch düsterer erschien der riesige Nadelwald. Am düstersten aber sah es in den menschlichen Wohnungen aus. Feurige Blitze zuckten durch das Dunkel hindurch. Noch feuriger erschienen dieselben, wenn sie die dunkelsten Wolkenschichten zum Hintergrunde hatten. Am feurigsten jedoch kam ein solcher Blitz den Landleuten vor, wenn er in einen nahen Teich oder einen noch nähern Baum oder wohl gar in die nächste Hütte fuhr.
Heftig strömte jetzt auch der Regen herab. Immer heftiger schlugen die gewaltigen Tropfen an die Fenster. Am heftigsten brauste gegen vier Uhr die Wassermasse hernieder. Bald schossen kleine Bäche wild durch die Felder dahin. Wilder noch stürzten die Waldgewässer die Abhänge herab; am wildesten aber donnerte der angeschwollene Fluß das Thal entlang, die stärksten Bäume entwurzelnd und die festesten Mauern durchbrechend, ja sogar die kleineren Hütten mit fortreißend.
Da endlich hatte das Unwetter ausgetobt. Blitz und Donner wurden schwach, der Regen noch schwächer. Endlich glichen die schwächsten Blitze nur noch einem fernen Wetterleuchten. Entsetzlich sahen die zerrissenen Felder aus. Noch entsetzlicher aber waren die Verheerungen in den Dörfern jenes fruchtbarsten aller Thäler des Landes. Den entsetzlichsten Eindruck indeß machte das Jammern und Wehklagen der ärmeren Bewohner, von denen viele den größten Theil ihrer Habe verloren hatten.
Gut waren die Leute weggekommen, deren Häuser weit vom Flusse lagen, noch besser die, deren Hütten an den Berglehnen standen, und am besten diejenigen, die auf dem Kamme des Höhenzuges wohnten. Sie hatten zwar auch viel Schaden gehabt, die an den Berglehnen aber weit mehr und die Thalbewohner den meisten.
19. Ein Begräbniß.
(Eigenschaftswörter ohne Steigerung.)
Die ehernen Zungen der Kirchenglocken schwiegen. Der Leichenzug war auf dem umfriedigten Gottesacker, wo alle die ewige Ruhe finden, angekommen.
Der hölzerne Sarg wurde von der umkränzten Bahre abgesetzt. Acht Träger trugen ihn stumm einem offenen Grabe zu. Auf dem schwarzsammtenen Leichentuche standen mit goldenen Buchstaben die Worte in einem silbernen Kranze: „Er ist erlöst und geht in seine wahre Heimat zurück.“
Der Sargdeckel mit kupfernen Handhaben und zinnernen Verzierungen wurde jetzt noch einmal abgehoben. Da lag nun der Todte, bleich und regungslos, in der starren Hand einen frischgrünen Palmenzweig. Ein seidenes Gewand umhüllte den todten Leib. Ein damastenes Käppchen begrenzte die gefurchte Stirn.
Die Angehörigen standen um den Sarg her, aber nicht in der üblichen Trauerkleidung. Der Entschlafene hatte schriftlich die Bitte hinterlassen, daß man um seinetwillen nicht die tiefschwarzen Gewänder anlegen solle.
Jetzt trat der greise Geistliche herzu, die Weinenden zu trösten. „Unzählbar“, sagte er unter Anderem, „wie die Sterne des nächtlichen Himmels, sind die seligen Wohnungen, die der allmächtige Himmelsvater den erblichenen Erdenpilgern dort oben bereitet hat. Mag auch der irdische Leib zerfallen, mag der unüberwindliche Tod den Lebensfaden zerreißen, wir weinen nicht trostlos. Wir sind nicht blind für den auferstandenen Heiland, nicht taub für seine ewig wahren Verheißungen, sondern blicken glaubensvoll hinauf in das unvergängliche Reich, da es ein Wiedersehen gibt. Auch dieser Entschlummerte wird einst wieder wach und verklärt eingehen zur endlosen Himmelswonne.“
Die Sonne stand mit ihrer purpurnen Scheibe schon halb hinter den fernen, blauen Bergen, als der Sarg in die stockfinstere Gruft hinabgesenkt wurde. Noch ein lautloses Gebet, eine Hand voll Erde auf den Sarg und die Begräbnißfeierlichkeit war beendet.
20. Die beste Apotheke.
(Declination des Eigenschaftswortes ohne Artikel.)
Julius, der Sohn armer Eltern, war lange krank. Feuchtes Stroh diente ihm als Lager. Alte Röcke und zerfetzte Tücher waren seine Decke. Keine heilende Arznei und kein stärkender Thee konnte ihm gereicht werden, lebten doch seine Eltern in großer Armuth, in schrecklichem Elende. Mit bangen Sorgen erwachten sie des Morgens, unter schwerem Kummer gingen sie des Abends zur Ruhe. Mit beklommenem Herzen vernahm die Mutter oft in dunkler Nacht das leise Wimmern des ruhelosen Kranken. Er litt besonders an heftigen Kopfschmerzen, an krampfhaftem Zucken in den Gliedern und an fieberhaftem Frösteln.
Vier lange Wochen waren bereits dem Kranken unter unsäglichen Schmerzen vergangen. Mit abgezehrten, todtenblassen Wangen, trüben, hohlen Augen und mageren Gliedern lag er da als ein Bild gräßlichen Elends.
„Barmherziger Gott!“ flehte die Mutter oft in stillem, inbrünstigen Gebete, „schicke doch meinem Kinde einen gnädigen Retter oder, wenn es Dein unerforschlicher Rath ist, einen endlichen Erlöser!“
Eines Tages klopfte ein Wanderbursch an die Thür und bat um ein Stück Brod. Trüben Auges reichte ihm die Mutter eine kleine Gabe.
„Was fehlt Euch?“ fragte theilnehmenden Herzens der Wanderbursch. Mit stummer Handbewegung deutete die Mutter auf das Krankenlager. „O weh!“ versetzte der Wanderbursch, als er den Knaben mit schon halbgebrochenem Auge und erdfahlem Antlitze erblickte. „Wie und womit behandelt ihn der Arzt?“ — „Der Arzt?“ erwiderte die Mutter mit bewegter Stimme. „Womit sollten wir armen Leute einen Arzt bezahlen können?“ — „O“, versetzte der Wanderbursch mit tröstlichem Tone, „Ihr habt einen sehr billigen Arzt und eine noch billigere Apotheke in nächster Nähe. Es ist der Brunnen dort im Hofe. Keine bessere Arznei für Euer Kind als frisches Wasser. In ihm liegt wunderbare Heilkraft. Mein seliger Onkel war Arzt, daher weiß ich es. Nehmt also frisches Wasser, reicht es dem Kranken als kühlen Trank, veranstaltet kalte Abreibungen, dann schlagt ihn in kaltfeuchte Tücher ein und wickelt ihn darauf in warme Decken. Es wird hierauf sehr bald heftiges Schwitzen erfolgen. Nach Verlauf von zwei solch heißen Stunden wascht Ihr den Körper mit lauem Wasser ab und wiederholt diese Behandlung täglich vor- und nachmittags. Gewiß wird sich der Kranke bald ruhiger Nächte, gesegneten Schlafes und überhaupt sichtlicher Besserung erfreuen.“
Aufmerksamen Ohres hatte die Mutter zugehört. „O, wärest Du uns als rettender Engel gesandt“, sagte sie zu dem Wanderburschen, „dankbaren Herzens würden wir ewig Dein gedenken! Was Du gerathen hast, werde ich befolgen, noch heutigen Tages. Schütze Dich Gottes gnädige Hand auf fernerer Wanderung!“
Einige Monate später war Julius genesen. Mit dicken Backen und kräftigem Fuße schritt er wieder einher. Des Wassers wunderbarer Kraft dankte er das Glück neuer, dauernder Gesundheit.
21. Ehrlichkeit.
(Wiederholung der Eigenschaftswörter.)
Ein armer Köhlerknabe saß unter einer hohen Tanne, deren schwarzgrüne Aeste weit umher das frische Moos beschatteten. Aus den dunklen Augen des blassen Knaben rannen helle Thränen.
Da kam ein alter Herr den holprigen Waldweg daher. Er trug eine grüne Uniform und einen kurzen Hirschfänger an der Seite. Sein faltiges, aber noch frisches Gesicht umgrenzte ein schneeweißer Backenbart. Der jugendliche Alte war der bejahrte Oberförster.
„Warum weinest Du?“ fragte der freundliche Alte mit liebevoller Stimme den fremden Knaben.
„Ach“, erwiderte dieser mit kläglichem Tone, „meine gute Mutter liegt krank darnieder. Ihre Augen sind fast blind. Deshalb soll ich in die nahe Stadt gehen und eine heilsame Salbe für die schwachen Augen holen. Ich aber habe das Geld dazu sammt einem ledernen Beutel verloren.“
„Ist es etwa dieser?“ sagte der graubärtige Herr, indem er ein kleines Beutelchen aus der gestickten Jagdtasche zog.
„O nein“, sagte der ehrliche Knabe, „mein Beutel war schlecht und dünn und lange nicht so voll wie dieser.“
„Dann ist es vielleicht dieser?“ erwiderte der erfreute Oberförster, indem er ein anderes graues Beutelchen aus der tiefen Seitentasche seines grünen Rockes zog.
„Ja, ja, dieser ist es“, rief der überglückliche Knabe.
Der biedere Alte war von dieser seltenen Ehrlichkeit gerührt, gab dem armen Knaben den löcherichen Beutel zurück und sprach: „Weil Du so brav und ehrlich bist, schenke ich Dir noch diesen blanken Thaler. Geh und kaufe Deiner leidenden Mutter manchmal eine stärkende Erquickung dafür.“
Der Artikel.
22. Der Abend.
(Der bestimmte.)
Der Tag ging zu Ende. Die Sonne sank. Das Abendglöcklein läutete zum Feierabende. Der Landmann kehrte vom Felde heim. Die Heerde zog in ihren Stall zurück. Das Lerchenlied verstummte. Bald glänzten die Berge und die Hütten im Abendgolde und die Gräser funkelten im herrlichsten Thauschmucke. Die Blume schloß ihr Auge. Immer stiller und stiller ward der weite Schöpfungsraum. Die Natur sehnte sich nach Ruhe. Nur das Bächlein rauschte noch weiter und die Fledermaus kreiste noch pfeifend umher.
Auch die Hütten wurden still und stumm. Der Tag war heiß und die Arbeit um das liebe Brod sauer gewesen. Der Fuß und die Hand hatten das Tagewerk treu vollbracht. Das Nachtlager sollte nun die so nöthige Erholung bieten. Als daher die Sterne am Himmel glänzten und der Mond langsam emporstieg, lag das Dörflein bereits im tiefsten Schlafe. Die Engel Gottes aber schwebten über Reich und Arm und hielten treue Wacht.
23. Der Dachs.
(Der unbestimmte Artikel.)
Ein Jäger zog durch einen Wald. Eine schöne Doppelflinte hing auf seinem Rücken und ein Hirschfänger an seiner Seite. Ein Dachshund und ein Windspiel begleiteten ihn.
Ein herrlicher Herbsttag lag auf den Gipfeln der Tannen und Fichten. Ein sonniger Hauch wehte auf den bebuschten Hügeln. Da sprang eine Rehkuh auf. Ein solches Thier ist für jeden Menschen eine angenehme Erscheinung. Ein Jägerauge aber zuckt freudig auf, wenn es ein solches Wild erblickt. Auch diesen Waidmann durchzuckte eine freudige Aufregung. Kaum war eine Minute vergangen, knallte ein Schuß und eine Ladung Schrot saß dem Thiere in einem Hinterlaufe.
Jetzt aber gab es eine ergötzliche Scene. Ein Wink und beide Hunde begannen einen wahren Wettlauf nach dem Rehe. Dabei aber war ein tiefer Graben zu überspringen. Für den Windhund war dies ein Spaß, eine ganz leichte Mühe. Nicht so für einen kurzbeinigen Dachshund. Dieser nahm zwar einen gewaltigen Anlauf, aber für ihn war ein solcher Graben eine zu weite Kluft. Er schoß einen Purzelbaum und rollte wie eine Kugel ein großes Stück den einen Rand hinab in eine Pfütze. Ein helles Gelächter begleitete seinen Fall. Eine Anzahl Waldarbeiter hatten ihn nämlich aus einer kleinen Entfernung beobachtet. Unter ihnen fand sich auch bald eine hülfreiche Hand, die mit einer Stange zur Rettung herbeieilte.
„Siehst Du“, sagte der Jäger zum ganz durchnäßten Dachse, „so geht es einem Voreiligen. Nimm Dir aus diesem Falle eine Lehre: Wer ein Dachs ist, muß es einem Windspiele nicht gleichthun wollen.“
24. Der Liederliche.
(Bestimmter und unbestimmter Artikel.)
Bernhard war ein höchst unordentlicher Knabe. Dies zeigte ein einziger Blick in die Kinderstube, in der er sich aufhielt. Der Bücherranzen, der Stiefelknecht, der Ball und der Atlas lagen gewöhnlich beisammen unter der Ofenbank. Die Botanisirtrommel, die Mütze, die Federbüchse, die Schreibmappe und die Haarbürste erblickte man nicht selten in einem Winkel der Stube. Das Bibelbuch, das Tintenfaß, das Handtuch, das Wichszeug und das Vorhemdchen erhielten oft ihren Platz in einem Schubfache einer alten Kommode.
Der Vater und die Mutter, sowie auch das Stubenmädchen hielten dem Knaben deshalb oft eine Strafpredigt, aber all die Mahnungen und Warnungen fanden bei ihm ein taubes Ohr.
Auch der Lehrer hatte die größte Noth mit ihm. Namentlich bekundeten die Schreibebücher Bernhard’s die größte Liederlichkeit und einen hohen Grad von Leichtsinn. Die Umschläge waren zerrissen. Durchschnittlich das dritte Blatt enthielt einen Klecks. Die Schrift konnte man kaum lesen. Das Löschblatt glich einem Lappen.
Auch der Tadel und die Strafe des Lehrers besserten den Knaben nicht. Er blieb ein liederlicher Mensch sein Lebelang.
25. Ein Frühlingsmorgen.
(Desgleichen.)
Der Tag brach an. Die Sonne stieg im Osten empor. Das ferne Gebirge strahlte im Purpurgolde. Ein leichter Nebel stieg aus dem Thale auf. Eine Lerche flatterte aus dem Saatfelde empor und stimmte ein jubelndes Lied an. Die Gräser, Halme und Blumen blitzten im Perlenschmucke des Morgenthaues. Der Wald erwachte. Die Wiese belebte sich mit Schmetterlingen und Bienen. Das Wild lugte munter aus dem Gebüsche hervor. Bald zeigte sich auch das neuerwachte Leben in einem nahen Dörfchen, das eine lange Obstallee umgrenzte.
Der Hahn krähte. Die Tauben flatterten auf die Dächer. Das Ziegenböcklein meckerte im Stalle. Eine Menge Rauchsäulen stiegen aus den Schornsteinen empor. Der Knecht schirrte die Pferde ein, das Feld zu bestellen. Die Magd besorgte Futter für das Vieh. Es schien bereits darauf zu warten, denn die Kuh brummte, der Ochse brüllte, das Schwein grunzte, die Gans schnatterte und die Henne gackerte.
Bald darauf begann die Arbeit auf den Feldern. Hier zog ein Ochsenpaar einen schweren Pflug. Dort schleifte ein dicker Gaul eine Egge über ein knolliges Beet. Hier streute ein Landmann Korn auf einen wohlgedüngten Acker. Dort trieb ein Hirte eine wollige Heerde auf ein grasreiches Stoppelfeld.
So entwickelte sich von einer Viertelstunde zur andern ein immer regeres Leben, bis endlich der helle Tag die Menschen und die Thiere in voller Thätigkeit sah.
26. Ehre dem Tapferen.
(Declination der Artikel.)
Der Kasernenhof des vierten Reiterregiments war der Schauplatz einer großen Festlichkeit. Der Commandant des Reiterregiments übergab nämlich dem Wachtmeister der dritten Schwadron das eiserne Kreuz erster Klasse. Dieser brave Mann hatte dem Feinde vor dem Festungswalle eine Fahne entrissen. Die vielen Wundennarben des Tapferen zeigten noch von dem harten Kampfe um den Siegespreis. Die Stirn des Wachtmeisters war von einer feindlichen Kugel gestreift; an der Hand sah man einen Bajonettstich; in dem rechten Arme saß zur Zeit noch eine Kugel, die noch einen bedeutenden Schmerz verursachte.
Der Kasernenhof des Regiments war zu dieser Festlichkeit mit dem Laubwerke der Eiche geschmückt. An den Fenstern hingen Kränze. Ueber dem Haupteingange prangten des Königs Namenszug und das Wappen des Landes. Den Namenszug umflatterten eine Menge Fahnen. Vor dem Thorwege stand eine Art Ehrenpforte, deren Säulen bunte Blumenranken umspannen. Auf einem hohen Plumpenhäuschen, dem man ebenfalls ein festliches Gewand angelegt hatte, prangte die Fahne des Korps und wehte dem Helden ihre Grüße zu.
Das Musikchor spielte vor der Uebergabe der Auszeichnung den neuesten Sturmmarsch der Infanterie und nach der Feier einen Choral. Die Rede des Commandanten rühmte an dem Wachtmeister den großen Muth, die ausgezeichnete Tapferkeit und das treue Soldatenherz.
Der weite Kreis der Kameraden gönnte dem Braven den wohlverdienten Lohn. Eine solche Auszeichnung eines solchen Braven gab sogar einem Offiziere Veranlassung, bei Tische einen Toast auf ein so echtes Soldatenherz, wie der Wachtmeister besäße, auszubringen.
27. Die Rettung.
(Desgleichen.)
An dem Ufer eines Flusses spielten die Kinder eines armen Webers aus dem nahen Städtchen D. Sie ließen zuerst den Drachen steigen, den der ältere Knabe aus den Blättern des alten Hauskalenders gefertigt hatte. An dem Kopfe des Drachen sah man ein Gesicht mit einem schwarzen Barte. An dem Schwanzende flatterte ein Büschel bunter Federn. Da der Wind dem Spiele nicht günstig war und den Drachen nicht tragen wollte, schritten die Kinder zu einer anderen Unterhaltung. Sie suchten an dem Ufer des Flusses Muschelschalen und bunte Steine. Mit den Steinen wollten sie dann nach einem Stabe werfen, auf den sie einen alten Topf gestürzt hatten. Allein bei dem Suchen der Steine und der Muscheln glitt der kleine Paul von dem Ufer aus und fiel in den Fluß.
Sicher hätte das Kind des armen Webers den Tod in den Wellen gefunden, wäre nicht in dem nächsten Augenblicke ein Retter erschienen. Den Fluß daher kam nämlich der Diener eines Barons mit dem Pudel des Herrn. „Karo, apporte!“ rief der Diener dem Pudel zu und zeigte auf die Wellen und den mit dem Tode ringenden Knaben.
Das Thier stürzte sich sogleich in das Wasser, schwamm dem Kinde nach, packte es an den Kleidern und zog es glücklich dem Ufer und den übrigen Kindern zu. Welch eine Freude unter den Geschwistern! Sie küßten dem Diener aus Dankbarkeit die Hand und hätten am liebsten auch den Pudel geküßt.
Der kleine, ganz durchnäßte Knabe wurde nun sogleich der heimathlichen Hütte zugeführt, dort entkleidet, in ein wollenes Tuch eingeschlagen und in das Bette gebracht, in dem er sich noch im Laufe des Tages von seinem Schrecken wieder ganz erholte.
28. Mißgunst.
(Wiederholung.)
Ein Spitz und eine Katze zankten sich um ein Stück Fleisch. Der Spitz hielt es mit den Pfoten und die Katze mit dem Gebiß. Das Fleisch war gebraten und roch der Katze vortrefflich. Eben so sehr stach es dem Hunde in die Augen. Des Hundes Kraft war indeß stärker als das Gebiß der Katze und darüber ärgerte sich die letztere. Sie wehrte sich mit einer wahren Verzweiflung, denn sie wollte den Hund nicht Sieger sein lassen.
Eine Viertelstunde wol mochte der Kampf gewährt haben. Ein Pudel hatte schon eine geraume Zeit von einer kleinen Entfernung aus dem Kampfe zugesehen. Ein Entschluß war längst bei ihm gefaßt. Die Beute sollte ein Frühstück für ihn werden. Das Kampfspiel aber schien ihm eine gewisse Unterhaltung zu gewähren.
Jetzt indeß, nach Ablauf von etwa einer halben Viertelstunde, harrte er nur noch eines günstigen Augenblickes.
Die Augen der Katze leuchteten immer feuriger. Der Kamm des Spitzes schwoll immer höher. Da plötzlich sprang der schlaue Pudel dazwischen. Ein Ruck, ein Schluck und das Fleisch war verschwunden.
Einen Moment standen der Spitz und die Katze wie verblüfft. Bald aber zogen beide mit einem grimmigen Blicke auf den Räuber ab. Beide sahen jetzt ein, daß, da sie nur ein Stück Fleisch gehabt hatten, sie besser gethan hätten, eine friedliche Theilung vorzunehmen.
Das Zahlwort.
29. Der Würfel.
(Bestimmte Zahlwörter.)
Der Würfel ist ein ganz regelmäßiger Körper. Er hat sechs gleichgroße Flächen und zwölf gleichlange Kanten. Die Flächen enthalten vierundzwanzig rechte Winkel und bilden acht gleiche Ecken. Und hätten wir hundert oder auch tausend, ja eine Million verschiedene Würfel vor uns, wir würden an jedem ganz dieselben Verhältnisse entdecken.
Die Würfel, welche zum Spielen bestimmt sind, hat man auf jeder Seite mit Punkten versehen. Wir erblicken da einen Punkt, zwei, drei, vier, fünf und sechs Punkte. Man spielt mit zwei, drei, sechs, acht, auch zehn Würfeln und zählt dann diejenigen Punkte zusammen, welche die obenauf liegenden Seiten zeigen. So kann man bei zwei Würfeln zwölf, bei drei achtzehn, bei fünf dreißig, bei zehn sogar sechzig Punkte oder Augen gewürfelt haben. Die niedrigste Zahl würden bei zehn Würfeln zehn Punkte sein.
Das Spiel mit Würfeln ist nicht nur unterhaltend, sondern auch nützlich, indem man dabei eine Uebung im schnellen Zusammenzählen hat.
30. Ordnung.
(Ordnungszahlen.)
Der Lehrer Weizner hatte in seiner Klasse eine musterhafte Ordnung. Vom ersten bis zum letzten Schüler wußte jeder stets, was er zu thun hatte. Jeder Bankoberste hatte sein besonderes Aemtchen. So mußte z. B. der zweite Bankoberste die Schreibebücher, der dritte die Federn, der vierte die Rechenhefte, der fünfte die Bibeln austheilen. Der achte mußte für Reinlichkeit, der elfte für Lüftung des Zimmers sorgen. Dem zwölften lag das Abwischen der schwarzen Tafel ob. Kam der fünfundzwanzigste Tag des Monats, mußte der zehnte Bankoberste alle Censurbücher gesammelt haben. Diese aber durfte er nicht anders als wohlgeordnet übergeben. Es durfte z. B. das Censurbuch des fünfunddreißigsten Schülers nicht vor dem des vierunddreißigsten liegen.
Die Schreibefedern wurden auf ein Bret gesteckt. Jede trug eine Nummer am Halter. Auch auf diesem Federbehälter mußte Ordnung herrschen. Neben der vierzehnten Feder mußte die fünfzehnte, neben der vierzigsten die einundvierzigste stecken, sodaß beim Austheilen kein Irrthum entstehen konnte und z. B. der neunzehnte Schüler auch die neunzehnte Feder bekam.
Dieselbe eiserne Ordnung herrschte auch in Bezug auf die häuslichen Arbeiten. Jeden 15. oder 16. des Monats mußten die Aufsätze, jeden 10., 20. und 28. die Rechenbücher, jeden 12. und 24. die Geographiehefte eingegeben werden. In der 2. Stunde jedes 3. Wochentages wurden die gelernten Sprüche und Verse überhört.
So wohlgeordnet ging es fort Jahr aus, Jahr ein, vom 1. bis zum 365. Tage. „Und hätte ich es Euch schon zum tausendsten Male gesagt“, begann eines Tages der Lehrer, „muß ich es Euch doch immer wieder in Erinnerung bringen, daß es Euch äußerst heilsam ist, wenn Ihr Euch schon in Eurem ersten Schuljahre an strenge Ordnung gewöhnt. Ihr könnt es darin bis zu Eurem achten, also bis zu Eurem vierzehnten Lebensjahre, weit bringen. Und ich bin gewiß, Ihr werdet es in Eurem 60., 70. oder 80. meiner Strenge in diesem Punkte noch Dank wissen.“
31. Christbescheerung.
(Das unbestimmte Zahlwort.)
Es war kurz vor Weihnachten, als sich die Schüler einer Klasse vereinigten, einer armen Familie eine kleine Festfreude zu bereiten. Alle versprachen, irgend eine Gabe dazu mitzubringen. Mehrere Knaben, und darunter der Klassenoberste, wurden beauftragt, die Gaben in Empfang zu nehmen. Schon nach wenig Tagen ging das Sammeln sehr lebhaft. Einige Schüler brachten Kartoffeln, viele ganze Brode herbei. Etliche lieferten Stollen, manche Pfefferkuchen und Nüsse. Mehrere brachten abgesetzte Kleidungsstücke, die aber größtentheils noch sehr brauchbar waren. Einzelne schenkten Bücher und Bilder. Eine Anzahl hatte es auf Bleistifte, Federn und Schiefer abgesehen. Fast jeder spendete zudem einige Aepfel und Nüsse. Gab jeder auch nur wenige, wurde doch schließlich eine Unzahl daraus. Keiner auch hatte verabsäumt, in seine Sparbüchse zu greifen, um auch etwas klingende Münze beizulegen. Die meisten dieser Geldstücke bestanden in Groschen und Fünfgroschenstücken.
Daß die Geschenke so massenhaft eingehen würden, hatte sich keiner gedacht. Sämmtliche Schüler waren daher höchst erfreut, als sie am heiligen Abende in ihrer Schulstube die fast unzähligen Geschenke ausbreiten und ordnen konnten.
Unbeschreiblich glücklich aber war die arme Familie mit ihren zahlreichen Kindern, die alle diese Geschenke bescheert erhielt. Sie hatte jetzt nur allein an Lebensmitteln mehr, als sie in geraumen Wochen verzehren konnte. Wiederholt dankten die Armen warm und herzlich und mehrmals traten ihnen die Thränen in die Augen. Die Schaar der kleinen Wohlthäter aber feierte nun das Weihnachtsfest noch einmal so vergnügt.
32. Die Feuersbrunst.
(Zahlwörter zu Hauptwörtern erhoben.)
Es war der Letzte im Monat December, als in einem Dorfe, in welchem schon den Vierundzwanzigsten vorher ein Bauergut abbrannte, abermals Feuer ausbrach. Der Nachtwächter war der Erste, der es bemerkte und Lärm machte. Ein großes Haus, das dritte westlich von der Kirche, stand in hellen Flammen. Fürchterlich klang das Geschrei der armen Thiere, die noch in dem Stalle staken und nicht herauskonnten. Von den Hunderten, die zur Hilfe herbeigeeilt waren, wagte Keiner die rettende That und wenn man ihnen Tausende geboten hätte.
Da kamen zwei Wanderburschen des Weges daher. Diese Zwei, als sie das Gestöhne der Thiere vernahmen, entschlossen sich sofort, das Möglichste zur Rettung zu versuchen. Schleunigst warf jeder sein Bündel ab und gleich darauf sah man die kühnen Zwei auf allen Vieren zur Thür des brennenden Hauses hineinkriechen. Schon nach fünf Minuten waren die Thiere gerettet. „Wer sind diese Beiden?“ fragte man links und rechts. Es erfuhr indeß Niemand, wie sie hießen und wo sie her waren. Von Allen bewundert zogen die beiden Wanderburschen bald darauf ihres Weges weiter.
33. In der Strafanstalt.
(Biegung des Zahlwortes.)
Der Hauptmann von Lothardt war Direktor einer Strafanstalt. Er aber war durchaus kein Tyrann. Keinem seiner Sträflinge machte er das Leben absichtlich schwer. Jedes einzelnen Wohl lag ihm am Herzen. Was Andere in gleicher Stellung mit unzähligen Flüchen zu erreichen suchten, erreichte er mit wenigen, aber ernst mahnenden Worten.