Der Schäfer

Eine Geschichte aus der Stille

von
Franziska Mann

mit
Scherenschnitten
von
Alfred Thon

Axel Juncker Verlag
Berlin W 15

Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig.

Ich widme dieses Buch
meinem Freunde
Dr. Julius Mann.

Seelen gibt es, die an Sterne mahnen,
Unbemerkt auf sonn'gen Alltagsbahnen;
Dämmerung und Finsternis erst sagen
Euch, wieviel des Lichts sie in sich tragen.
Anastasius Grün.

Mutig ragt auf roter Heide eine Fichte in die Höhe. Mutig und einsam! Kein Nordwind konnte ihre Äste bisher verbiegen oder zerbrechen. Die leicht sich wiegenden Zweige bilden sich ein, daß sie immer aufwärts gestreckt von würzigen Wohlgerüchen umspielt sein werden. Ja, genau so hoffnungssicher ist diese Fichte, wie junge Menschen, die noch nichts von Wintersnot und Lebensschicksalen erfuhren. --

Durch die sonnige Stille klingt leises Krähen. Vergebens versuchen die frohen Äste sich abwärts zu neigen; denn gerade neben ihrem Stamm erhebt sich ein Stimmchen. Vogelsang, Sturmgebraus oder menschliches Lachen und Weinen vermögen sie nicht mit Sicherheit zu unterscheiden.

Über den Rand einer grob zusammengezimmerten Holzkiste, die hier verlassen stehen geblieben -- welches mag ihr früherer Inhalt gewesen sein? -- krallt sich ein rotes, winziges Fäustchen. Es kann nur einem Erdenbürger gehören, der noch nicht lange in der Welt Aufenthalt genommen hat.

Kinderwagen kosten Geld, aber eine alte Holzkiste und starker Bindfaden sind leicht gefunden, und kleine Mädchen sind gern auch öfter mal Pferd oder Kutscher. Ann-Gret hat zuerst fein behutsam gezogen. Nur Trin und Dortchen hätten nicht kommen dürfen. Im Staube liegt die Leine. --

Betrachtete jemand das krähende Geschöpfchen etwas genauer, so wüßte er, dies Bübchen ist nicht fürs Traurigsein geschaffen. Es lacht und hätte doch so manchen Grund zum Weinen: große Schweißperlen tropfen von seiner Stirn; ein Krüstchen Brot, an dem die roten Lippen mit Behagen gesaugt hatten, ist seinem Mündchen entglitten. Auf des Kindes Nase sitzt eine Fliege, die fast halb so groß ist wie die ganze kleine Nase. Ungemach genug für das Menschlein, und doch kräht Jachl vor Lust. Es bekümmert ihn wenig, daß Ann-Gret, die Wagenlenkerin, ihn schmählich hier verlassen hat.

Niemand ist in der Nähe. Nur ein Hase hockt auf der Heide und spitzt die Ohren. Er wagt sich nicht hervor, hat er doch hier, nicht weit entfernt, Furchtbares entdeckt. Wieder einmal sah er etwas Riesenhaftes, das die Menschen »Haus« nennen. Ein Haus ist für den bebenden Hasen fast so schlimm wie ein Gewehrlauf. Häusern darf man, wenn man seines Lebens froh bleiben will, nie zu nahe kommen. Dem Hasen erscheinen alle Gebäude in gleicher Weise gefährlich. Doch vor diesem Hüttchen -- Mutter Bohn haust in ihm -- brauchte er wahrlich nicht Reißaus zu nehmen. Das Häuschen steht nicht. So stolz ist es nicht. Es hat sich nur auf die Erde gekauert, bescheiden dicht an einen Heidehügel hingeduckt. Sonne umhuscht sein morsches Gemäuer; auf braune Balken hat sie schillernde Funken gestreut. Das gefällt den Menschen. Es tut ihnen wohl, wenn die karge Wirklichkeit ein bißchen trügerisch überflammt ist. Dann können sie vergessen, daß die Sonne untergehen muß, und daß Not und Sorge Alltagsgäste auf Erden sind. --

In dieser Stunde leuchtet alles im Umkreise in schimmerndem Reichtum. Auch der seichte Bach funkelt. Drei pausbäckige Dirnchen umspringen ihn. Ann-Gret tappt mit den Fußspitzen ins Wasser. Sie hat Mut: sogar an Baden denkt sie, an Kleiderausziehen und weit ins Wasser springen. Lustig, lustig ist alles auf Erden auch für Trin und Dortchen. Beide haschen vergeblich nach dem winzigen Getier im Tümpel, das so leicht zu fangen scheint, und das doch immer wieder behend davon schlüpft. Dann wieder bespritzen sich die Freundinnen gegenseitig und laufen voreinander davon. Keine denkt in ihrem Vergnügen an den, der unter der hochästigen Fichte kräht. --

Endlich sind die Kinder am Bache des Spielens müde; Hunger erinnert sie ans Nachhausegehen. Nun wird auch der Jachl in seiner Wagen-Kiste nicht vergessen. Ann-Gret fürchtet ihn nicht; sie kennt seine Langmut. Drei Mädchen, drei Pferdchen ziehen jubelnd die Leine.

Über Stock und Stein rast die Jagd mit dem Jungen, dem immer Vergnügten. Einmal nur, als das Gefährt umfällt, und Jachl sich eine tüchtige Beule schlägt, schreit er auf. Aber nur wenig Zureden ist nötig, und wieder strahlt Lachen auf seinem runden Gesichtchen. --

Scheltend steht Mutter Bohn vor ihrem Häuslein, als die lustige Gesellschaft angaloppiert kommt. Ein bißchen vorsichtiger hätte Ann-Gret wohl sein sollen. Ist der Jachl auch nur ein Bauernjunge, aus Eisen ist er deshalb doch nicht. Zärtlich streichelt ihn Mutter Bohn. Wieder und wieder summt sie: »Wo will di dat noch gahn?«

Kein anderes Lied paßt wie dieses für das Bübchen. Nur immer die eine Melodie kommt Mutter Bohn über die Lippen, für die ihr hochdeutsche Worte unmöglich erscheinen:

»Putt, putt, putt min Höhneken,
Wat deist in minen Hof
Und pflückst mi all min Blömeken?
Du makst mi dat to grow.
Un's Mudder schall di schilln (schelten),
Un's Vadder schall di slahn,
Putt, putt, putt min Höhneken,
Wo will di dat noch gahn?«

Hastig muß der Jachl (viel zu warm und viel zu schnell) seinen Mehlbrei schlucken. Sein Magen darf nicht empfindlich sein; er ist es auch nicht. Kaum hat er die Mahlzeit beendet, da fallen ihm schon die Augenlider zu. Trotz der Wärme wird er unter ein schweres Federbett gesteckt.

Mutter Bohn muß in den Stall. Neben Jachl wacht der alte Schäferhund. Nichts regt sich Stunde um Stunde. -- --


Tief seufzt Mutter Bohn bei ihrer Arbeit. Vor sechs Wochen ist ihr der Kleine ins Haus geschneit. Was blieb ihr übrig, als ihn hier zu behalten? Vor die Türe konnte sie ihn doch nicht setzen. Ihre Trude wußte nicht »wohin« mit ihm. Nur gut, daß der Ohm einverstanden war. Er murrte bloß: »Nich früh genug können se hier fort in die große Stadt, aber wenn se sich ›sowas‹ da geholt hab'n, find'n se mit'n Mal wieder 'n Weg ins Dorf zurück.« --

Gewundert hat sich niemand; solche Überraschungen kennen hier Eltern. Zum Glück hat Mutter Bohn nur ihre Eine; da ist das Unglück nicht so schlimm. Und als Schande betrachtet sie es überhaupt nicht, nur ist sie selber schon recht mürbe von mancherlei Lebens-Ungemach. Mit ihren verfurchten Zügen sieht sie zwanzig Jahre älter aus als sie ist. Längst mußte ihr Mann, unter dem von ihr als Braut gewebten Sarglaken, den Weg zum Friedhof geleitet werden. Schon als sie mit ihm nur »ging«, war er auf der Brust nicht fest. Nun haust sie mit dem Ohm, ihrem einzigen Anverwandten; beide mürbe, gelassen, arbeitssam, wenig gesprächig. --

Für den kleinen Joachim -- den Jachl -- hat niemand Zeit. Der Bauer muß auf die Heide oder in den Stall, und die Frau, die mitarbeitet, findet selten eine Viertelstunde, in der sie den kleinen Eindringling auf dem Arm tanzen lassen kann. Zum Herzen und Küssen kommt's fast nie; Zärtlichkeit ist in dem niederen Hüttchen nicht heimisch, wenigstens keine äußerlich sichtbare. Nur am Sonntag Nachmittag, da hat's auch der Jachl gut. Mutter Bohn hebt ihn, der sonst in irgendeinem Stubenwinkel herumkriecht, auf den Schoß, läßt ihn tanzen und springen und sich von ihm die dünnen, grauen Haare zerzausen.

»Die sind zu zählen, die hier im Dorf mit'n Myrtenkranz in die Kirche kommen,« tröstet sie sich, wenn ihr schwer ums Herz wird. Ihre Trude hat sich damals auch zu früh eingestellt, aber Bohn hat sie bei sich behalten und ihr einen ehrlichen Namen verschafft. Wer weiß dagegen, mit wem die Tochter in Berlin gegangen ist? Kein Wort hat sie vom Heiraten gesprochen, als sie den Jachl nach Hause brachte. Mutter Bohn dankt Gott, daß es bei ihr nur bei der Trude geblieben ist; mehr Kinder hätten ihr wohl leicht auch mehr solcher Überraschungen ins Haus geschleppt. Was kann man tun als stillehalten?

Wenn nur nicht alles so knapp wäre! Bis jetzt kostet der Jachl ja noch nicht viel, aber wenn er größer sein wird, wie soll ihm dann das hungrige Mäulchen gestopft werden?


Zwischen Mühsal und Dürftigkeit gedeiht der Kleine wie ein bestgehegtes Kind. Längst schon traben seine dicken Beinchen durch den Sand der Heide. Nicht einmal krumm sind sie, die doch so viel Entschuldigung hätten, nicht kerzengrade zu wachsen.

Immer ist der Jachl vor Tau und Tag draußen. Die hellen Haare stehen ihm stets zu Berge. Den Inhalt seines grauen Frühstücksbeutels stopft er, sobald er unterwegs, schleunigst in das rote Mäulchen. Eifrig sucht er, je nach der Jahreszeit, Blätter jeder Art und Heidekraut, violettes oder purpurgefärbtes oder silbergraues Moos. Die schönsten Kränze im Dorf winden seine dicken Finger. Stundenlang sitzt Jachl geduldig bei der Arbeit. Förmlich schwer wird ihm die Trennung von seinen Kunstgebilden. Das darf er aber nicht merken lassen, wenn der Händler, der wöchentlich einmal ins Dorf kommt, sie abholt. Mutter Bohn braucht Geld, und Jachl, der kleine Mitverdiener, weiß, daß er sich nicht zu oft an den Indianer- und Kriegsfahrten der anderen Jungen beteiligen darf. --

Heute ist er nicht allein bei der Arbeit. Neben ihm sitzt Lieschen, das große Lieschen. Zwei Jahre ist sie älter als er. Achtlos hat sie die Schultasche neben sich ins Gras geworfen. Auch sie versucht eifrig mit Bindfaden allerlei Heideblumen zum Kranz zusammen zu binden. -- Bis zur Schule muß sie eine Stunde laufen. Die kleinen, nackten Füße find mit Staub überweht; denn Lieschen trägt ihre festen Holzpantoffeln öfter in der Hand als auf den Füßen. Jene Staubschicht gehört zur Rotwangigen, wie die Uniform zum Soldaten. Zwar steckt ihre Mutter sie allabendlich ins große Regenfaß unter die Rinne, und auch mit Seife spart sie nicht, aber in der Frühe, mit dem ersten Schritt vor die Hütte, ist das kleine Mädchen gleich wieder wie in Sand und Staub getaucht. --

Während Lieschen sich an ihrem Kranze quält, reibt sie des öfteren mit einem derben, rotgewürfelten Taschentuch, das sie umständlich aus der Tasche ihres blauleinenen Röckchens holt, große Schweißtropfen von Stirn und Näschen. Manch wohlgepflegtes Stadtkind dürfte die kleine Dörflerin um ihre tiefschwarzen Haare, ihre blauen Augen, ihre frischen Farben beneiden, auch um die fein geformten Füße, die noch nie in beengendem Schuhwerk sich verstecken mußten.

Staunend folgt Lieschens Blick einem vorübersausenden Auto. So ein Wunderwagen kam ja nicht einmal in den Märchen vor, die ihr das Stadtfräulein erzählte, welches hier im Dorf gesund werden wollte. Ja, die! War die drollig! Bloß um Luft und Sonne war sie hergekommen? Luft und Sonne hat Lieschen doch immerfort, was soll denn das bedeuten? Alle haben sie die doch im Dorfe. Warme Luft und kalte Luft und Schnee, ach, wieviel Schnee und Eis und Schlittenfahren und eisigen Wind! Auch rote Nasen und halberstarrte Fingerspitzen, in denen man die Schulmappe gar nicht lange tragen kann. Man muß sie oft von einer Hand in die andere nehmen auf dem Wege zur Schule. --

Daß der Weg nicht kurz ist, bemerkt Lieschen gar nicht. Gewöhnlich gesellen sich ihr auf der Landstraße andere Kinder zu. Munter schreitet dann die kleine Schar vorwärts, heiter ohne beredt zu werden. Wortkargheit haftet fast allen Dorfkindern an, von der ihre Lebenslust aber nicht beeinträchtigt ist. Zu Haus, bei Vater und Mutter, hören sie selten viele Worte, daher kommt wohl auch ihre Einsilbigkeit. --

Heut eilt es Lieschen nicht mit dem Pünktlichkommen zur Schule, heut ist ganz etwas anderes im Schulhause »los«. Dem Herrn Kantor ist gestern die Frau gestorben. Für sie windet Lieschen den Kranz. Ihr will sie ihn schenken. Und vor allem: sie ist heute von Neugier erfüllt, sich die anzusehen, die sie jetzt »die Leiche« nennen. --

Lieschens Eltern sind von früh bis spät auf dem Acker beschäftigt. Um Kindererziehung sorgen sie sich trotz der wachsenden Zahl ihrer Schreihälse nicht. »Lieschen wird schon werden,« brummelt der Vater, wenn der oder jener über seine Kinder seufzt. Ihre Mutter denkt oft ebenso, während sie gebückt beim Bauern arbeitet. --

Der Kleinen Kranz ist fertig: Heidekraut, Kamillen und Blätter, viel grüne Blätter in buntem Gemisch, nicht kunstvoll gebunden, aber doch als Kranz erkenntlich. Hurtig schüttelt sie die Schürze ab. Geschwind läuft sie weiter. Manchmal bleibt sie stehen und guckt sich ringsum. Irgendwo muß ja Jachl stecken; er ist ihr eben davongelaufen; auf irgendeinem Baume wird er sitzen.

»Ju--hu, ju--hu!«

Vor die Füße ist er Lieschen gesprungen. Breitbeinig steht er da, die Hände in den Taschen seiner braunen Hose.

»Ju--hu, ju--hu!« Einen richtigen Jodler bringt Jachl nicht zustande, aber Fröhlichkeit klingt doch aus seinem Ju--hu. --

Auch Mutter Bohn gehört zu denen, die sich um Erziehung nicht sorgen. »Die Bäume wachsen ja von selbst, und mit kleinen Jungen wird es nicht anders sein«. -- Niemand hat eigentlich je für diese zwei Kinder Zeit. Aber beide merken es gar nicht. Sie entbehren weder väterliche noch mütterliche Fürsorge. --

Jachl bewundert zuerst nochmal Lieschens Kranz. »Och, is der aber schön.« Dann holt er wieder aus der Tasche die große Muschel hervor, die bereits seit vier Tagen Lieschens höchste Sehnsucht ist. Aber das Tauschgeschäft, das die zwei Kinder erörtern, führt zu keinem befriedigenden Endziel. Jachl gibt seinen kostbaren Fund nicht nur für drei Griffel her. Im Augenblick ist Lieschen auch nicht ordentlich bei der Sache, sie ist von ganz anderen Vorstellungen erfüllt; kaum sieht sie ordentlich hin, kaum hört sie wirklich Jachl's Versicherung, daß er »so dumm nich is wie sie denkt«. Ihr ganzes Verlangen richtet sich nur auf die Leiche. Wenn Jachl ihr doch ordentlich Bescheid sagen könnte, aber er hat nicht mehr Erfahrung mit dem Tode als seine Freundin. Ihre dürftigen Häuschen liegen vereinzelt abseits; so sind die Kleinen bisher weder mit Werden noch Vergehen auf Erden in enge Berührung gekommen. --

Sorglos marschieren sie bis ans Kantorhaus. Alle Fenster sind dort weit geöffnet. Viele Leute aus dem Dorfe strömen hinein. Lieschen möchte gern erst mal von draußen in die Stube sehen. Sie hebt sich auf Zehenspitzen, aber die Augen reichen nicht bis ins Fenster. Da nimmt Jachl sie ein wenig in die Höhe. Doch erschreckt stößt Lieschen einen leisen Schrei aus. So richtig gesehen hat sie eigentlich nichts, aber ängstliche Scheu hat sie gepackt. Zögernd bleibt sie mit ihrem Kranz auf dem Arm vor der Türe stehen. Ihre Holzpantoffeln hält sie in der andern Hand. --

Erwartungsvoll und bedrückt schieben sich endlich beide Kinder zwischen die Erwachsenen durch die Tür. Unbewußt haben sie einander zum ersten Male, seit sie sich kennen, fest an die Hand genommen. Kräftig halten sich die runden Fäustchen umschlossen. Immer weiter treten sie vor.

Auf die flackernden Kerzen, die zu Häupten der Toten brennen, richten sich zuerst Lieschens Blicke. Von diesen gleiten sie hernieder auf die Frau, welche sie frisch und beweglich täglich gesehen hat. Noch vorgestern ist ihr Lieschen im Schulgarten begegnet. Nun sieht sie ein Gesicht, bekannt und doch fremd, das rührt sich nicht und bewegt sich nicht, und die Hände liegen lang ausgestreckt auf einer weißen Decke und halten weiße und rote Astern.

Dem lustigen Lieschen drückt etwas in der Kehle. Sie möchte davon stürzen, aber ihre Füße zittern. Die Blumen, der starke Duft, das Licht, die Stille, die schwarzen Gestalten, das murmelnde Beten der andern und die Frau, die stumm und starr, und doch als ob sie lächle, ausgestreckt daliegt -- -- wie ein schaurig Schönes umfängt es die Kinder.

»Tot« -- denken sie -- »tot? Das ist tot?«

Lieschen hat ja öfter mal von Leuten reden hören, die gestorben sind, aber wirklich beschäftigt hat sie sich nie mit dem Tode. Wohl ist ihr Kätzchen gestorben, aber das war doch ganz anders.

Niemand beachtet die Kinder. Niemand führt die Kleinen liebevoll hinaus. Niemand empfindet das jähe Erschrecken der Seelen.


Jachl stößt Lieschen leise an. Auch ihm ist so seltsam. Gern liefe er davon, aber allein? Nein, das geht nicht. Doch, was tun? Lieschen steht wie angenagelt. Da zieht er scheu ein wenig an ihrem Rock, bald ein wenig mehr, ein wenig stärker. Noch hält Lieschen ihren Kranz auf dem Arm. Ihr fehlt der Mut ihn niederzulegen, ihn der Toten zu schenken; sie wagt sich nicht ganz nahe heran. --

»Lieschen,« hört sie es leise flüstern. »Lieschen, komm.« Gleichzeitig zieht der Junge sie -- zieht und zieht sie langsam bis zur Tür. Noch ein scheuer Blick fällt zurück auf die Tote, aber plötzlich jagen beide -- immer noch Hand in Hand -- durch die Tür, durchs Haus auf die Straße. Atemlos laufen sie, rasen durch die Heide, durchs Dorf, rasch, so rasch ihre Kräfte es zulassen, weiter, nur weiter. Jedes trägt in der freien Hand seine Pantoffel. Anfangs wagen sie gar nicht zurückzublicken. Sie müssen laufen; sie selbst wissen gar nicht weshalb. --

Zuerst dreht Jachl sich um. Nein, nichts jagt hinter ihnen her, wirklich, die Straße ist leer, nichts zu sehen, nur ein paar Hähne stolzieren über die Heide. Da guckt auch Lieschen zurück. »Nichts, gar nichts«, bestätigt sie. Allmählich verlangsamen die Flüchtenden ihren Lauf. Endlich bleiben sie erhitzt und staubbedeckt stehen.

»Och --«

»Ah --«

Tiefauf seufzen beide. --

Unter dem ersten Baum sinken sie förmlich atemlos zusammen. War das schrecklich! Sie fühlen sich wie befreit. Von Sterben und Tod und Leiche wagen sie gar nicht zu reden. Nie wieder wollen sie eine Leiche sehen -- nie -- nie wieder. -- -- --

Jachl holt einen vergessenen Apfel aus der Hosentasche. Lieschen fängt eifrig an ihr Frühstück zu verzehren. Schmausend sitzen sie nebeneinander; enger als sonst sind sie zusammengerückt.

Sonne und Helle und Vögel erheben ihre Stimmen.

Nur solange sie ihn sahen, war der Tod für Lieschen und Jachl auf Erden. Rasch trennt das frohe Leben die Kinder von ihrem großen Erlebnis. --

Zuerst fängt Jachl von etwas anderm an. Seine Gedanken sind schon wieder beim heut früh unterbrochenen Tauschhandel. Aber die kurze Zwischenzeit hat seine Forderungen sonderbar beeinflußt: am liebsten schenkte er Lieschen jetzt die schöne Muschel. Zwar schämt er sich dieser Dummheit (wie sollte er sich solche Weichheit erklären können?), dennoch legt er ihr sein Kleinod wortlos in den Schoß. Und merkwürdig, das kleine Lieschen, das beim Tauschen immer gern ein bißchen betrügt, hat längst freiwillig alle gelben Zigarrenbänder aus ihrer Tasche hervorgezogen, die Jachl zum Fuhrmannspielen so oft vergeblich erbettelt hat. --

Von der Gewalt des Todes haben die Kinder nichts begriffen. Vielleicht haben sie ihn vorübergehend, wie eine dunkle Macht geahnt, vor der ihnen in der Erinnerung grauen wird. Aber sie werden sich nicht oft erinnern. --

Drüben -- fern -- in der stillen Stube -- beim Kerzenschein -- dort, wo die stille Frau gelegen -- dort, ja dort war der Tod. Hier ist ganz etwas anderes, hier ist Bewegung, ist Leben. Nicht nur die Füßchen sind vor dem Tode davongerannt, rasch auch entfloh ihm die Kinderseele. --

Lieschen und Jachl sind aufgestanden. Am Graben entlang schlendern sie weiter; die Kleine voran und Jachl, wie immer, etliche Schritte hinterher. Vor des Jungen Hütte wird heute haltgemacht. Schnell holt er seinen Hund und spannt ihn vor das kleine Wägelchen, mit dem er öfter Gras heimholt. Jetzt soll Lieschen es gut haben! Ein Sprung, und die Kleine thront in der Karosse. Der halbwelke Kranz ist ihr auf die Schulter geflogen, das dunkellockige Köpfchen ist ganz von Blumen umgeben. Stolz schwenkt Jachl seine Peitsche mit den rasch angeknüpften gelben Bändern durch die Luft. Wie ein richtiger Fuhrmann schreitet er neben seinem Gespann dahin. »Hü -- hü -- Karo zieh an.« Lieschen lacht. Jachl streichelt den Hund. Von Staub umhüllt, von Sonne überstrahlt entschwinden beide Kinder dem Blick. --


Nur wenige Tage später und Jachl windet Kränze für eigenen Bedarf. Mutter Bohn ist gestorben. Der Junge wagt nicht wie sonst laut aufzutreten. Zwar lag Mutter Bohn wochenlang zu Bett, aber das war doch ganz, ganz anders. Jachl besorgte nach ihrer Anweisung die Wirtschaft. Jeden Augenblick rief sie seinen Namen. Zuletzt -- Jachl glaubte, sie schlafe -- sagte sie immer dieselben Worte: »Wo wart di dat noch gahn, wo wart die dat noch gahn.« Dann kamen der Herr Pastor und der Doktor. Jachl schlich aus der Stube. Er wußte gar nicht, wohin. Lieschen war in der Schule. Niemand dachte an ihn. Weit fort wollte er nicht laufen. Mutter Bohn würde ihn gewiß bald rufen. Aber sie rief ihn nicht. Da fing er an zu weinen, ohne zu wissen weshalb. --

Eingeschüchtert trat er ins Haus zurück, ans Bett der Großmutter.

Alle Nachbarn haben sich entfernt. Nur zwei dünne Lichte brennen in der engen Stube. Auf seinem großen, morschen Korbstuhl sitzt der Ohm. Er ruft den Kleinen zu sich heran und streichelt ihm mit der hagern, faltigen Hand über die hellen Haare. Jachl wagt kein Wort zu sprechen. Vielleicht hat er wieder ein bißchen Angst vor der Leiche. Nahe preßt er sich an den Alten, ein Verlassener an den andern. --

Ein Brief nach Berlin, der Herr Schulmeister hat ihn geschrieben, welcher Trude den Tod ihrer Mutter melden soll, kommt mit dem Vermerk zurück: »Unbekannt verzogen!«

Welch Glück für Mutter Bohn, daß sie dies »Unbekannt verzogen« nicht mehr miterlebt. Für sie diente Trude immer auf ihrer ersten Stelle. Die Harmlose hatte sehr unklare Vorstellungen von Berlin und seinen Gefahren. Von einem »Palais de danse« hörte sie nie, und wenn sie von ihm gehört hätte, dann stellte sie sich gewiß keine Autos vor und keine Füße, die in seidenen Strümpfen und feinen weißen Schuhen vom Trittbrett springen. Nein, es wäre unmöglich gewesen, daß sich Mutter Bohn ein Bild solchen Glanzes hätte machen können. Das Beste ihres Lebens war vielleicht ihre Ahnungslosigkeit bezüglich des Abgrundes, in dem ihre Trude längst untergegangen. Aber dieses Beste konnte sie ja nicht dankbar empfinden. Und niemand sonst liebt die Trude genug, um an ihrem: »Unbekannt verzogen« zu leiden.


Jachl, der noch nicht zur Schule geht, drückt sich beständig um den Ohm herum. Er folgt ihm überall hin wie ein Hündchen; ob's schneit oder ob die Sonne scheint, das macht den beiden keinen Unterschied.

In seiner arbeitsfreien Zeit spielt der Junge mit allem, was er in des Alten Nähe entdeckt. Und er findet beständig Neues und Schönes. Da stehen *z.~B. in der Stube, wie Soldaten aufmarschiert, viele Tabakspfeifen, ganz lange und ganz kurze. Schmauchen zu können wie der Ohm, das wäre fein. Jachl wird es auch lernen! Er muß es nur mal versuchen.

Vom Herde holt er Streichhölzer. Alles will er genau nachmachen.

Wahrhaftig! Die Pfeife brennt und das -- das ist ja richtiger Rauch und Dampf.

Stolz und strahlend geht der Jachl auf und ab in der engen Stube. Je mehr Qualm, desto stolzer wird er. Die Augen brennen ihm; er muß sie fest schließen. Er kann nicht sehen, daß nicht nur aus der Pfeife, sondern auch aus des Ohm Bett Qualm kommt. Ein Fünkchen nur ist aufs Stroh geflogen. Jachl zwinkert ein bißchen mit den Augen: Ist da nicht eine große, große Flamme?

Schnell reißt er die Tür auf und läuft davon. --

Auf demselben Heidefleck, der einst die Kiste mit dem ganz winzigen Jachl beherbergte, macht er halt. Ängstlich duckt er sich unter die Fichte. Schneelast und Stürme drückten deren Krone schon flacher. Sie recken sich nicht mehr ganz so grad und siegessicher in die Wolken, diese Äste, die meinen Jachl bereits kennen. -- --

Etwas Furchtbares muß er getan haben. Etwas, wofür sie ihn prügeln werden und schimpfen, wie niemals vorher. -- Nach einer Weile streckt er seinen schlanken Bubenhals in die Höhe und klettert auf einen hohen Steinhaufen. Aus des Ohm kleinem Häuschen sieht er große Flammen züngeln, und alle Leute laufen mit Wassereimern durch die Straßen. --

Jachls Herz klopft. Ganz kalt sind seine Finger. Er hört wie der Ohm und die Nachbarn ihn rufen: »Jachl -- Jachl!«

Soll er sich melden?

Je später sie ihn finden werden, desto besser für ihn. Das ahnt er. Aber immer lauter ruft die heisere Stimme, die er so genau kennt: »Jaachl -- Jaachl -- Ja -- achl!« --

Alle sind sie zusammengelaufen: der Gendarm und der Schullehrer und der Dorfschulze, die Bauern und die Knechte. Sie alle jammern: »Ist der Jachl verbrannt? Wo ist Jachl?« -- Der Ohm sorgt nicht um sein bißchen Hab und Gut; nur an den Jungen denkt er. --

»Ja--a--chl!«

Endlich macht sich Jachl auf den Rückweg. Ganz behutsam schleicht er heran --

Wenn sie ihn nur nicht gleich sehen! -- --

Es ist geschehen!

Des Müllers Knecht hatte die besten Augen. --

»Halloh -- halloh -- --«

Der Ohm weint, weint wie ein kleines Kind. Er hört gar nicht auf zu schluchzen. Den Stock haben nur die Nachbarn bei der Hand. »Der verfluchte Bengel!« hört sich Jachl nennen. »Brandstifter!« ruft eine andere Stimme. »Unglückswurm -- von Gott Verlassener!«

Jachl rührt sich nicht; er weiß nicht, was das ist: »Brandstifter« und »von Gott Verlassener«. Dicht zum Ohm hat er sich gestellt; vermutlich -- er ahnt es dunkel -- wird der es nicht erlauben, daß die andern zu toll losschlagen. Püffe und Stöße hageln aber doch reichlich auf ihn nieder. --

Endlich steht der Sünder schluchzend allein neben den Mauerresten im Rauch. Jachls Tränen gelten nicht so sehr den Püffen, als der verworrenen Ahnung des Unheils, das er angerichtet hat. Alles, was der Ohm und er besessen und lieb gehabt haben, sieht er verdorben. Das meiste ist verbrannt. --

Abend ist's geworden. Beide merken es kaum. Ohne sich erst noch nach einem anderen Asyl umzusehen, wenden sie sich dem verfallenen Ställchen zu, das ihre einzige Schnucke beherbergt. Platz genug werden sie finden, um sich auszustrecken. Jachl fegt mit einem dicken Strauchbesen die Schlafstelle sauber, bevor er ein paar alte Tücher, die Nachbarsleute herbeischleppten, auf den Boden wirft. Wenige Minuten nur und beide schlafen. Sie besitzen nichts, auch nicht Nerven, die sie ruhe- und schlaflos machen könnten.

Durch die kleine Luke fällt ein Mondstreifen. Friedlich schnarchen Ohm und Jachl. Sie scheinen zu lächeln: der Kleine vielleicht, weil er weiß, daß er einen Beschützer hat, und der Alte, weil er fühlt, daß er auf Erden noch jemandem nötig ist. --

Erst der nächste Morgen zeigt ihnen deutlich, was sie verloren haben. Wie in die Trümmer eines Palastes schauen sie auf ihre vernichtete Hütte.

Ohne langes Besinnen fängt Jachl an mit einem Beil zwischen dem Schutt zu rühren. Zu heiß ist er noch für seine Hände. Jeden Scherben, den er aus der glühenden Asche holt, begrüßt er glückselig. Behutsam legt er ein Stück auf das andere. Einen ganzen Berg schichtet er rasch auf; wie ein Schatzgräber jubelt er bei jedem Fund.

Im Dorf wundern sie sich sehr über soviel Schlechtigkeit. Sie wissen ja nichts von der Seele eines Kindes; auf so Kostbares verstehen sie sich nicht. Höchstens meint der eine oder der andere entschuldigend: »Er is ja noch zu klein«, oder: »Er weiß doch nicht, was er angerichtet hat«, oder: »Gott sei Dank, daß er nicht meiner is.«

Mittags, als der Ohm von der Arbeit heimkehrt, gräbt Jachl immer noch so eifrig, wie wenn er sich die schönste Burg baue. Trotz allen Bemühens bleiben die beiden aber von jetzt ab Stallbewohner. Zum Wiederaufbauen der kleinen Hütte langt des Alten Beutel nicht. So voll wird seine Kasse auch niemals werden. Der Ohm ist schon zufrieden, etwas Ähnliches wie eine Stube an den Stall geklebt zu haben. Eine Kochgelegenheit töpfert er auch zurecht.

Um den Jachl haben alle ein paar Tage einen weiten Bogen gemacht. Rasch ist der Bogen kleiner geworden. Seine Freunde wissen eine Weile nicht, ob sie ihn nun als Helden, Indianer oder Bösewicht behandeln sollen. Jedenfalls rufen sie den Stallbewohner nur noch neckend »Scheper«. Und weil sie wissen, daß dieser Schäfer nichts zu hüten hat, brüllen sie höhnend:

»Scheper, Scheper, dudeldei,
Lät de Schap in unse Wei (Weide).«

Jachl hat aber nicht lange Zeit, sich über ihr Gebrüll zu ärgern. Er wird in die Schule geschickt. Ein anderes Leben beginnt. --


Solche große Stube, wie die Klasse ist, hat Jachl noch nie betreten. Er berichtet dem Ohm, daß da alle stillsitzen müssen, und daß er nun »Joachim« heiße, ganz großartig: »Joachim«. Zuerst habe er, der doch der »Jachl« ist, gar nicht gewußt, daß er gerufen sei. Aber gefallen tue es ihm, und wehe dem, der ihn von jetzt ab anders nenne; bloß der Ohm, der darf, weil er doch schon so alt ist, weiter »Jachl« rufen.

Joachim malt in stiller Begeisterung Buchstaben. Niemand kümmert sich um seine Schularbeiten, wie sich niemand um seine Spiele bekümmert hat. Er buchstabiert eifrig; nicht, weil er fleißig zu sein für nötig hält, sondern weil er neugierig ist, »was kommt«. Bevor er ein halbes Jahr zur Schule geht, kennt er sein Lesebuch auswendig, jedes Gedicht und jede Geschichte. Immer hat er an dem Ohm einen geduldigen Zuhörer. »Verstehste auch, Ohm?« fragt er fortwährend. Jachl hat das nicht unbegründete Empfinden, daß das Nicken des Alten mehr der Gewohnheit, als dem Verständnis entspringe. Furchtbar laut muß er sprechen; der Ohm ist im Laufe der Jahre recht taub geworden. Sehen kann er auch schlecht. Daß man einen Arzt fragen könnte, fällt beiden nicht ein. Fürs »doktern« war der Alte nie. Auch nicht fürs Nachdenken. --

»Ohm, wo bleib' ich, wenn du tot bist?« fragt ihn der Junge.

»Ich leb' schon noch, Jachl.«

»Aber, wenn du sterbst?«

Ein bißchen Angst irrt manchmal durch Jachls Kopf; nur ein schwaches Ahnen, daß es Kinder besser haben könnten als er. Vielleicht nicht besser, nur anders. --

Wenn Freiheit wirklich immer eine köstliche Gabe wäre, so müßte Jachl zu den Großgrundbesitzern gezählt werden. Sicher ist, daß er sich solchen Besitzes nicht bewußt ist, und daß er zu jung ist, um nicht oft durch ihn gefährdet zu werden. --

Kein Auge ist da, für das sein Anzug zu schlecht oder zu dünn ist. Vor drei Jahren erbte Jachl seinen jetzigen von des Schulzen Sohn. Damals schlotterte er ihm um die hageren Glieder. Nun strecken sich schon lange seine Arme weit aus den kurzen Ärmeln hervor. Entgegen dem Brauch, daß zuerst die kurzen Hosen an die Reihe kommen und später die langen, hält's der Jachl umgekehrt. Nur noch bis knapp über die Knie lassen sich die Hosen, deren Farbe längst unergründlich geworden ist, ziehen. --

Jachl kennt kein Kranksein. Einmal hat er Zahnschmerzen gehabt. Der Ohm erbot sich sofort zum Ausziehen. Ohne lange Vorbereitung -- trotz unsicheren Erkennens -- riß der Alte wirklich den richtigen Missetäter heraus. Jachl brüllte eine Minute auf, aber er zweifelte nicht, daß das Ausziehen eines Zahnes immer so, nur so erledigt werden könne. --

Nach einer Keilerei auf der Dorfstraße kommt eines Tages der Achtjährige mit der Frage auf den Alten zugesprungen:

»Du, Ohm, wo is'n eijentlich mein Vater?«

»Weiß Gott, wo sich der in die Welt rumtreiben tut!«

»Un meine Mutta?«

»Weiß ich auch nich -- ›unbekannt verzogen‹!«

Die Hütte, in der die Beiden wohnen, hat allmählich einen sonderbaren Wandschmuck bekommen. Zu Beginn der Osterferien bringt Jachl immer ein großes, bedrucktes Blatt heim, auf dem von Rosen bekränzt die Worte zu lesen sind:

»Weil du von jeder bösen Sache
Dich ferne hieltst und sittsam bliebst
Und aufmerksam in jedem Fache
Dir möglichst alle Mühe gibst,
So nehme hier zum Angedenken
Dies Ehrenblatt als Zeichen an,
Daß du in allen Gegenständen
Nach Möglichkeit genug getan,
Und trag' es heim als Augenweide
Zu deiner Eltern Trost und Freude.«

Behutsam klebt Jachl seine Ehrenblätter an die Wand, eines und noch eines und wieder eines dazu. Längst kennt er die roten Tintenstriche, mit denen der Herr Lehrer durch das: »Zu deiner Eltern Trost und Freude« fährt, und die gleichmäßigen Buchstaben, die dafür seines Ohmes Trost und Freude verkünden. Ihm erscheint der schöne Vers deshalb nicht weniger schön. Nur -- Trost? Der Ohm hat gar keinen Trost nötig, und von zuviel Freude ist ihm beim Anschauen des Ehrenblattes auch nichts anzumerken.

Gar soviel Wissenschaften werden vom Herrn Lehrer nicht gefordert. Nur die nötigsten Fächer beschweren die Köpfe seiner Bauernjungen. Wieviel Jachl trotz guten Aufpassens nicht begreift, kommt in der Schule nie ans Tageslicht. Da ist in der Religionsstunde oft von sittlicher Kraft die Rede. Kraft zum Puffen und Stoßen, die ist den Jungen in der Schule nichts Unbekanntes, aber sittliche Kraft ist nur mangelhaft in ihren dicken Schädel zu bringen. Ohne Stocken hat Jachl in der Christenlehre die Worte aufgesagt: »Der Gottlosen Rotte beraubt mich, aber ich vergesse deines Gesetzes nicht.« Zwar weiß er nicht, wann der Gottlosen Rotte ihn beraubt hat, aber alles, was der Herr Lehrer aus der Bibel verkündet, das soll wohl stimmen. Also bemüht sich der Schuljunge auch an diese Beraubung zu glauben.


Je länger ich meinen Jachl kenne, je mehr neige ich der Vorstellung zu, man sollte ihn eigentlich zu den Glückskindern zählen. Immer nimmt er die Dinge, wie sie sind. Dahin haben ihn nicht Überwindung oder mühseliges Überlegen gebracht, sondern angeborene Veranlagung. Vielleicht ist's ein glücklicher Instinkt mit dem er gesegnet wurde; Rebellion steht nicht in seiner Lebensliste, und doch kann man ihn nicht temperamentlos nennen.

Wüßte ich nur, wer sein Vater gewesen! Ich wollte mich gern dem Jachl zulieb tief in alle Vererbungsmöglichkeiten versenken. -- Von seiner Mutter konnte ich auch nicht viel erforschen. Ich habe wohl ihr Kleid gesehen, aber nicht ihr Herz kennen gelernt.


Der Dreizehnjährige ist eigentlich schon der »Ernährer« der Familie. Winzig genug ist zwar ihr Verbrauch, trotzdem darf er sich vor keiner Arbeit scheuen, wenn sie immer satt werden wollen. Geld verdienen erscheint Jachl das Allererste, gleichgültig wie alt einer ist.

Die Schule erlaubt ihm nur Nebenbeschäftigungen. Ställe kann er bei den Bauern scheuern, Kühe melken, Schweine füttern. Jachl findet all diese Arbeiten wundervoll. Er kommt sich sehr wichtig vor. Die braunfleckige Kuh kennt ihn sicherlich, und jedes Schwein grunzt gerade ihn besonders liebevoll an. Der Ohm hat in den wenigen Augenblicken, die Jachl beim Essen neben ihm verbringt, immer nur zu nicken, wenn der Junge von all seinen wunderschönen Erlebnissen berichtet.

Was ist der Jachl doch für ein Seltsamer! Gar keine Anzeichen von »Verwahrlosung« sind an ihm. Wie ein Heidebusch kommt er mir vor, dem kein Wetter leicht Schaden antut. Er kennt es nicht anders, daß allerlei Ungemach über ihn dahingeht. »Was soll man dabei tun? Das ist doch so.« --

Die Heide mit allem, was auf ihr blüht und grünt und atmet, erfüllt beständig seine Gedanken. Zum Stehlen oder Betrügen läßt sie ihn gar nicht frei. Im Winter, im Sommer, immer ist viel Lebendiges auf ihr und gerade das Lebendige lockt Jachl. Er kennt in der Nähe jede krüpplige Fichte, jeden Heideweg, jeden schwarzen Machangelbusch, jeden Schnuckenstall und jeden Scheper. Vor den jungen Maibäumen steht er und betrachtet sie, als könne er sie wachsen sehen. Kein Naturgeschichtsbuch ist in seinem Besitz, aber er hat so gut aufgepaßt, wenn der Ohm und die Schäfer und die Knechte erzählen, daß er schon jetzt richtig mit Tier und Pflanzen umzugehen versteht.

Jachl rechnet seit Monaten die Tage nach, die noch vergehen müssen, bis ihm -- ihm ganz allein -- die Schnucken oder die Gänse oder die Kühe anvertraut werden. Er schwankt, welche Herde ihm die liebste sein würde. In Gedanken lebt er sich abwechselnd mit Schnucken, Gänsen und Kühen ein. Jede Art erfordert andern Verstand. Das weiß Jachl.

Über einen Beruf sich den Kopf zu zerbrechen, bleibt ihm erspart. Vor eine Wahl wird er nicht gestellt. Was sollte er wohl anders werden als Schäfer? Wär's nur schon Ostern! Bis dahin hat der Jachl noch viel Sorgen, aber nachher -- dann -- ja dann hört doch sicher alle Mühsal auf! Einem in der Heide umherwandernden Hütejungen kann doch wohl nichts mehr fehlen!?

Noch gehen dem Jachl aber in buntem, wirrem Durcheinander tausend Dinge durch den Kopf: Ein nicht vorhandener Einsegnungsanzug, dann der Konfirmationsspruch: »Auch wenn mein Vater und meine Mutter mich verlassen, nimmt der Herr mich auf«, dazu die Ermahnungen, die der Pfarrer an diesen Satz knüpft, ferner die Sorge, ob der Bauer auch keinen andern zum Hütejungen aussuchen wird, und die Frage, wann das Luftschiff, von dem der Urlauber Schulze gesprochen, wirklich und wahrhaftig im Sommer hier über Lüttersloh fliegen werde?

Augenblicklich steht Jachl tief nachdenklich vor des Ohms Sonntagshose. Der Alte kann sie entbehren; er hat sie ihm geschenkt. Wenn die schlechtesten Stellen herausgeschnitten würden? Sie könnte fein werden. Schneider Kiekebusch gibt sich aber bei der Arbeit gewiß keine Mühe. Jachl dreht die Hose hin und her. Ob er selbst sie zu ändern probiert? Zuerst fängt er an, sie mit Wasser und Seife zu reiben. Vor Eifer wird er feuerrot. Während der Schulstunden hängt er sie zum Trocknen auf eine Stange, die draußen vor dem Stall in die Erde gerammt ist.

An diesem Tage ist das Aufpassen in der Klasse sehr schwer. Wie wird er sein Kleinod wiedersehen? Unverändert speckig und fleckig oder schön rein? Im Galopp läuft er nach Schulschluß die Treppen herunter. Einige Minuten später zeigt er dem Ohm triumphierend seinen Schatz. Er findet die Hose fast so schön wie eine nagelneue. --

Abends spät quält sich Jachl sie enger zu machen. Das kann doch nicht so schwer sein. Zwei Nähnadeln sind aber bereits zerbrochen und noch ist nichts erreicht. Was tun? Mädchen verstehen so etwas besser. Welches sollte er bitten? Einem zu kleinen möchte er seine »schöne« Hose nun doch nicht anvertrauen, und an eine große wagt er sich nicht recht heran. -- Es muß aber wohl sein. Lieschen fällt ihm ein. Er hat sie jahrelang kaum gesprochen. Mit Mädchen hat ein Junge doch nichts zu reden. Gerade jetzt lernt sie nähen; zufällig erfuhr er es. Gräßliche Furcht hat er vorm Ausgelachtwerden. Wer weiß, wie Mädchen sind! Aber er faßt Mut. Es geht nicht anders. Marsch los! Am besten ist's, er versucht sofort sein Heil.

Leise schleicht er sich unters Fenster, um zu hören, ob die Maschine noch klappert. Ja, Lieschen näht. Sie scheint allein in der Stube zu sein. Jachl klopft ans Fenster.

»Was is?« ruft eine junge Stimme.

»Komm mal ans Fenster.«

Lieschen erhebt sich flink. Obgleich sie zwei Jahre älter als der Junge ist, überragt er sie bedeutend. Ginge jemand vorüber, er würde ein Stelldichein vermuten.

Stotternd bringt Jachl sein Anliegen vor. Noch nie hat er mit Mädchen wirklich zwanzig Worte gesprochen. Die Hose hält er Lieschen dicht vor die Augen, um recht genau erklären zu können, wo und wieviel sie abgenäht werden muß. Bereitwillig verspricht sie ihre Hilfe. »Wenn ich sie nur nicht verderbe,« setzt sie unsicher hinzu. Am nächsten Abend soll Jachl sein Eigentum wieder in Empfang nehmen. Klapp! Das Fenster ist zugeflogen. Erleichtert und beglückt springt er nach Hause. --

So nah hat Jachl Mädchen noch nie gesehen. Was sie bloß für Augen haben! Sie leuchten ja toller wie 'ne Stallatern'! --

Jachl, der keine Nacht bisher schlaflos verbrachte, wirft sich unruhig hin und her. »Wird sie sie verderben? Was für feine Hände hat Lieschen, und wie waren ihre Haare? Wahrhaftig, schwarz wie Kohle.«

In Jachls Kopf hat sich Lieschen hineingeschlichen! Ganz breit macht sie sich und treibt ihm alles andere aus der Brust. --

Am nächsten Morgen erhebt es ihn nicht so wie sonst, daß seine Anwesenheit im Stall für jede Kuh eine Freude ist. Er denkt nur an seine Hose und an den Abend. --

Gegen 9 Uhr klopft er an das Nachbarfenster. Strahlend hält ihm Lieschen ihr Werk hin, dabei fragt sie ihn besorgt: »Wo is denn dein Rock? Und hast du einen Hut zur Einsegnung?«

Ja, Rock und Hut und Stiefel! Jachl erzählt, daß ihm der Bauer einen Rock versprochen hat. Noch sehr gut soll er sein, bloß zu groß. Und einen Hut darf er sich neu kaufen, richtig ganz neu. Aber Stiefel? Von der Großmutter stehen noch zwei Paar da; gar nicht schlecht sind sie. Wenn Lieschen sie mal ansehen wollte?

Sie will. Gleich begleitet sie ihren neuen Freund in seine Kammer. Der Ohm schnarcht. Jachl probiert die Stiefel. Je, schon jetzt sind seine Füße größer, als die der Großmutter waren! Wenn er aber tüchtig zieht, bekommt er doch vielleicht die Stiefel an. Das Auftreten ist zuerst sehr schwer, aber nach ein paar Minuten tut's schon weniger weh. Und Stiefel »an« werden wohl nie ein Vergnügen sein.

Lieschen entscheidet: Jachl kann die Stiefel ruhig tragen. Niemand werde sie wieder erkennen.

Zum Hutkauf will sie auch mitgehen, und den Rock wollen sie, wie die Hose, gemeinsam herrichten. --

»Na, denn bis morgen, Jachl!«

In den nächsten Tagen lernt Jachl zum ersten Mal in seinem Leben Kranksein kennen. Er mag nicht essen, nicht schlafen, ein furchtbares Brennen in der Brust hat er und ganz lautes Herzklopfen. Seine Beine zittern manchmal, und alles tanzt ihm vor den Augen. Wenn er mit Lieschen etwas bespricht, ist die Krankheit am schlimmsten.

Von dem Ohm hat Jachl die Abneigung gegen die »Dokters« geerbt. Er versucht also allein mit seinem Leiden fertig zu werden. Furchtbar schwer ist's: Schweine zu füttern, Kühe zu melken, Ställe zu scheuern, Konfirmationsunterricht zu nehmen, Schularbeiten zu machen, Garderobennöte zu durchleiden und dabei noch eine Krankheit loswerden zu wollen!

Jachl kocht sich Tee; denselben Tee, welchen auch die Kuh bekommt, wenn sie zuviel brüllt. Ein bißchen hilft er, aber hat Jachl denn überhaupt Zeit krank zu sein? --

Während er neben Lieschen in die nächste kleine Stadt trabt, zittert er wohl noch, aber sie reden doch vergnügt von allem möglichen. Auf dem Heimweg wird er fast gesund. Seinen steifen Hut trägt er gut verpackt unterm Arm. Er hat ihn vor einem langen, breiten Spiegel aufprobiert, der nicht ein bißchen zerbrochen gewesen ist. Zum ersten Mal sieht Jachl sich selber. »Der hellhaarige, lachende, große Mensch -- bin ich der? Wahrhaftig?«

Eine Sekunde durchfährt ihn unbändige Freude.

»Wonach siehst du denn noch immer?« fragt Lieschen, »ein Hübscher bist du, daß du's weißt.«

Jachl hört noch lange: »Ein Hübscher bist du -- ein Hübscher bist du.«

Schneider Kiekebusch muß zur Umwandlung des Rockes doch hinzugezogen werden. Er ist nicht zu umgehen. Lieschen allein wagt sich nicht heran. Jachl bittet erst auch gar nicht lange, denn: »sicher ist sicher«. Hat er doch beim Anpassen der »schönen« Hose mit Schrecken bemerkt, daß Lieschen ein wenig zu viel abgenäht hat, und daß der Hose Straffheit durchaus nicht angenehm ist. -- Großartig paßt aber dann am Einsegnungstage nach Lieschens Urteil der ganze Anzug. Niemand weiß ja, wie sehr Jachl die Schuhe drücken, wie knapp er sich in die »schöne« Hose gepreßt hat, und daß die schwarzen Handschuhe (sie stammen auch noch von der Großmutter) schon die Krümmung eines Fingers zur Qual machen.

In der sicheren Voraussetzung, vom nächsten Tage ab »ein gemachter Mann« zu sein, überwindet Jachl alles Ungemach. --

Einige Minuten lang hat er gehofft, der liebe Gott, von dessen Güte er besonders viel in den letzten Wochen hörte, werde ihn vielleicht gerade an diesem Tage mit Vater oder Mutter überraschen. Es war aber nichts damit. --

Heute sind alle in Lüttersloh wie die Stadtherren angezogen. Jachl kommt sich auch furchtbar nobel vor.

Seine Gedanken sind aber nicht soviel, wie es vorgeschrieben ist, beim lieben Gott. Während des sehr feierlichen Augenblickes des Niederkniens, fällt ihm ein -- ach, es ist schändlich, -- ihm ein Regenschirm fehle, und daß gerade ein Schirm in der Hand einen gut angezogenen Burschen immer erst »komplett« mache. --

Am Nachmittag dieses Tages fühlt Jachl wieder sehr die Krankheit. Das kommt daher, weil er von Lieschen Abschied nehmen muß, die sich nach der Stadt vermietete.


In den Wochen ihrer Freundschaft hat Jachl möglichst oft die Nähe seiner einzigen Freundin gesucht. Einmal -- es ist zum Lachen -- als er sich derb gestoßen hatte, und Lieschen ihre Hand vorsichtig auf die blaugewordene Stelle legte, hat Jachl sich versprochen und »Mutter« zu ihr gesagt. Beide haben tüchtig gelacht! Mutter! Nie hat der Junge diesen Namen vorher so zärtlich über die Lippen gebracht. --

Also nach Lüneburg will Lieschen, dorthin, wo die Mädchen statt der Kappen Hüte über die dicken Haarflechten stülpen. In Jachls Vorstellung ist Lüneburg erschreckend groß: groß etwa wie Newyork oder London für erfahrene Reisende. So weit in die Welt wird er wohl nie kommen! Was sollte er auch in Lüneburg? Schäfer werden sie dort mehr haben als sie brauchen, und Jachls Sinnen und Trachten geht ja nur nach dem Schäferstand. --

Bis zur nächsten Bahnstation hilft er Lieschens Korb tragen. Jeder von ihnen hat einen der festen Seitengriffe gefaßt. Im Vergleich zu seinem eigenen Hab und Gut erscheint Jachl Lieschens Besitz an Kleidern und Wäsche riesengroß. Er weiß nicht, wie froh ihre Eltern sind, daß nun wieder eines aus der großen Kinderschar flügge wird und in die Fremde ziehen kann. --

Durch hohen Wacholder schreiten sie in erster Tagesfrühe. Vieles möchte Jachl noch sagen. In Lüneburg, in solch großer, großer Stadt, haben sie gewiß alle einen Schatz. Da stehen ja auch womöglich Soldaten! Diese Vorstellung macht Jachls Krankheit wieder viel schlimmer. Noch einsilbiger als sonst marschiert er weiter. Lieschen verspricht zu schreiben und Jachl zu antworten. Beim Gehen fangen sie zu singen an. Durch den feinsilbrigen Nebel, der sie umzieht, tönt es weniger schön als laut:

Wenn die Hoffnung nicht wär',
So lebt' ich nicht mehr;
Denn die Hoffnung allein
Kann lindern die Pein.
Und wie ging es denn hin,
Und wie ging es denn her --
Und wie ging es denn her -- --
Wenn die Hoffnung nicht wär'?!
Im Winter muß man
Große Kälte ausstahn; --
Und im Sommer da ist's
Eine grausige Hitz! -- --
Und wie ging es denn hin,
Und wie ging es denn her --
Und wie ging es denn her -- --
Wenn die Hoffnung nicht wär'?!

Zehn-, zwanzigmal wiederholen sie mechanisch die gleiche Weise:

Und wie ging es denn hin,
Und wie ging es denn her --
Und wie ging es denn her -- --
Wenn die Hoffnung nicht wär'?! -- --

Lieschen ist in Gedanken schon weit fort. Jeder Schritt bringt sie ja dem neuen Leben näher.

»Schade, daß der Jachl Trübsal bläst,« denkt sie. »Was hat er nur, warum starrt er mich heute immer so an? Er weiß doch, wie ich aussehe.«

Ja, weiß er es denn wirklich? Weiß er, daß er neben einem blitzsauberen Mädchen dahingeht? Ich glaube es nicht. In Lüttersloh haben sie alle rote Backen, lange Zöpfe und lachende Augen. Nur, daß Lieschens ein wenig anders sind als die der meisten, das fühlt er unklar. Aber, wenn sie auch nicht anders wären, der Jachl hätte sich doch mit all seiner unverbrauchten Zärtlichkeit an sie geklammert. Jemand, der für ihn Zeit hat! Jemand, den sein Wohl und Wehe mitberührt! Muß dieser Jemand nicht sein ganzes Herz in Aufruhr versetzen? --

Nur zu rasch taucht der kleine Bahnhof aus dem Nebel auf. Sie kommen eine Stunde zu früh. Solche Reisenden wie diese kommen immer wenigstens eine Stunde zu früh. --

Gemächlich dampft die Lokalbahn heran.

»Na, denn mach's gut,« ruft Lieschen beim Händeschütteln.

Jachl schiebt geschickt den Korb in die IV. Klasse, und Lieschen springt nach. Ehe er es noch recht begreift, steht er allein auf dem Steig. --

Jungen weinen bekanntlich nicht. Wenn Jungen weinen, ist es eine Blamage. Auf der ganzen Welt gilt das. Jachl holt nur sein buntes Taschentuch hervor, schneuzt sich laut und fährt bei der Gelegenheit über die Augen. Einmal und noch mehrmals. Dann stopft er das Tuch langsam wieder in die Tasche, dreht sich um und trabt den Weg zurück nach Lüttersloh. --


Viel Zeit zum Grämen bleibt ihm nicht. Auch er muß tags darauf in seinen Dienst. Nicht die Kühe, nicht die Gänse, sondern die Heidschnucken werden seiner Obhut übergeben. --

Der Ohm macht nicht erst viel Aufhebens von Jachls Amtsantritt. »Einer nach dem andern wird unbrauchbar, dann kommt der Nächste an die Reih'; heut ist Jachl dran -- wird auch nicht ewig dran bleiben« --

Wie es Brauch ist, zieht der Schäfer mit hinein in den geräumigen Stall. Nur ein Gitter trennt Hirt und Herde. Auf verlassener Steppe liegt der Stall; denn die Schnucken brauchen weite Flächen. Nicht rasch wächst das abgegraste Heidekraut nach. --

Nie hat Jachl zu den beredsamen Leuten gehört. »Maulfaul« schelten ihn seine Freunde. Wer es nicht besser versteht, der kann ihn wohl so nennen. Seine Gedanken sind aber um so fleißiger. Jetzt ist es wohl ein Glück, daß er nicht von vielen Worten ist, sonst liefe er spornstreichs zurück nach Lüttersloh. --

Viele der Gebräuche und der Vorschriften, die sein neuer Stand erfordert, sind ihm nichts Unbekanntes. Aus einem Ställchen ist er in einen Stall gezogen; das ist sein Wohnungswechsel. Den fünfjährigen Jachl lockte bereits jede glockenklingende Schnuckenherde. Leidenschaftlich hängt er an Tieren, und von jeher beneidete er die Hütejungen. Sehnsüchtig folgte ihnen sein Blick. --

Der ihm nun anvertraute Stall erscheint ihm besonders wertvoll. Uralte Eichen und hohe Fichten umrahmen ihn. Man sieht, wenn man flüchtig hinschaut, kaum mehr als ein struppiges, schwärzliches Dach, dessen Ränder fast den Boden berühren. Der Platz vor diesem niederen Dach ist kahl genagt und ganz zertreten. --

Erprobte alte Schäfer sind ein »rarer« Artikel. Schlechte richten leicht großen Schaden an. Manchmal können Geld und gute Worte keinen guten Schäfer verschaffen. Leichter ist ein Professor ersetzt als ein Schnuckenschäfer.

Jachl fühlt sich geradezu für dieses Amt geschaffen. Kein anderer Stand dünkt ihm so herrlich. Ein reeller Schäfer muß wohl ebensolche Gedanken haben, wie sie in seinem Kopf rumoren. Und solche Liebe für alles, was kreucht und fleucht. Und so wenig Neugier auf alles das, was sonst in der Welt vorgeht. --

Viele, viele tausend kleine, blaugraue Heideschafe sind in Jachls Stall im Laufe der Jahre eingepfercht gewesen. Ordentlich andächtig stimmt den Jungen diese Vorstellung. Wenn er die doch bloß alle gesehen hätte!

Wenige Schritte entfernt von Jachls Schnuckenstall ist ein Kreuz errichtet. Unzählige Male hat er die Mär gehört, wie einst ein alter Schäfer an eine Birke gelehnt, stehend eingeschlafen ist. Das Nicken des Schlummernden habe der Bock als Herausforderung zum Kampf betrachtet und sich so rasend auf den Schäfer gestürzt, daß der Unglückliche mit zerschmettertem Schädel zu Boden sank. Jachl wirft immer einen scheuen Blick auf das Kreuz, wenn er daran vorüber muß. --

Seine Einführung in den Dienst unterbricht er ziemlich respektlos sehr oft mit den Worten: »Weiß schon -- weiß schon.« An ihm soll es nicht liegen, wenn Krankheit in der Herde ausbricht, oder wenn ihr sonst ein Mißgeschick begegnet. Ihm wird nicht, wie er es nennt, »die Puste« ausgehen, muß er auch stundenlang hinter den Heidschnucken herlaufen. Er weiß, daß sie sich am liebsten Tag und Nacht, Winter und Sommer in unsteter Hast draußen bewegen. Vor naßkalter Nachtluft will er sie gewiß bewahren. Jedes Tier wird er wie seinen Augapfel hüten.

»Weiß schon -- weiß schon! Sogar im Winter rennen sie, die Köpfe gebeugt, gleitend und trippelnd durch den Schnee. Keine Furcht ist vonnöten! Jachl paßt auf, Jachl, der Schäfer.« --

Während der ersten Wochen ist er fast nur mit Zählen beschäftigt. Kaum hat er eine Schar richtig durchgezählt, so läuft sie plötzlich wirr durcheinander, und die Mühe des Zählens beginnt von neuem. Schnucken zu zählen ist nichts Leichtes. Allmählich lernt er's. Immer besser gelingt ihm die Übersicht. Verlaufene Tiere fängt er bald geschickt wieder ein.

Nach einigen Wochen schon darf er sich auch einmal ein wenig Ruhe gönnen ohne Angst, daß die Schnucken jede Minute etwas Furchtbares anstellen könnten. Sein Dienstherr läßt nicht mit sich spaßen. --

Zum ersten Mal, seitdem er Schäfer geworden ist, dehnt Jachl in der Mittagssonne faul die Glieder. Er versucht, ob er jodeln kann. Komische Töne werden hörbar. »Na, denn nicht,« denkt er.

Nein, ein Jodelkünstler ist mein Jachl nicht. Schadet nicht, es gibt vielerlei Schäferkünste. --

Heute sieht er über die weite Landschaft, die in sonnigem Licht ruht. In der Geschäftigkeit seines Kinderlebens hat er Kohl und Rüben genau kennen gelernt, aber von Schönheit und Glanz ist nie etwas bis in seine Seele gedrungen. Stets hastete er von der Arbeit zur Schule und von der Schule zur Arbeit. --

Heute ist es ja hier wie in der Kirche. Und solch Gotteshaus steht Jachl nun immer offen! Seltsame Empfindungen erwachen in seiner Brust. Bis hierher dringen nicht die derben Redensarten, die im Dorf üblich und selbstverständlich sind. Hier ist er nicht mehr nur ein Bauernjunge. Hier ist -- trotz Arbeit und Mühe -- immer sowas wie Ostern oder Weihnachten.

Vielleicht fühlt Jachl, während geheimnisvoller Mittagszauber ihn umleuchtet, zum ersten Mal, daß auch er ein Mensch ist. Geburtstag hat er und weiß es selbst nicht. -- --


Täglich liebt er die kleinen Heideschnucken zärtlicher. Ohne sie wäre er ja nie hierhergekommen. -- --

»Jachl!«

Dröhnend schallt es über die Heide: »Jaachl --« Hans Detel, der Landbriefträger, ruft's.

Jachl springt auf. Nicht fest wie sonst steht er auf den Beinen. Ein Brief aus Lüneburg! Hastig greift er nach dem ersten Schreiben, das im Leben an ihn gelangt. --

So fliegen einem also die Finger, wenn man einen Brief erhält! Er bekommt ihn so schwer auf, als erbräche er einen eisernen Kasten. Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Da endlich:

»Lieber Jachl!

Wie geht es Dir? Mir geht es sehr gut. Ich bin Stubenmädchen im Hotel, wo Fremde kommen, die sich unsere Heide ansehen wollen, wenn sie blüht. Wir haben sie doch immer gesehen, das lohnt ja gar nicht. Lüneburg ist sehr groß, es soll aber viel, viel größere Städte geben. Ich möchte gern dahin. Schreibe mir bald einen Schreibebrief. Bist Du gesund? Ich denke alle Abende an Dich.

Dein herzliches Lieschen.«

Da ist schon wieder Jachls Krankheit: Herzklopfen und komisches Gefühl, bei dem man nicht weiß, soll man laufen oder sich still hinsetzen oder lachen oder weinen.

Die Zeit auf der Heide hat die Krankheit gebessert, und nun ist sie doch wieder gekommen. Es ist beinahe, als habe der Brief sie gebracht. Jachl dreht ihn hin und her, und dabei muß er wieder denken, ob wohl Lieschen sich schon einen Schatz angeschafft hat.

»So ein Stückchen Papier,« sinnt er, »kommt von ganz weit her, nicht anders als ein Vogel angeflogen.« Und eben solchen Vogel wird er nun auch fliegen lassen. Schreiben war ja immer seine Lieblingsstunde. Davor hat er keine Angst. Der Lehrer lobte ihn dabei und sagte, die andern Jungens sollten es auch so propper machen. Ja -- ja -- das war aber nur Abgeschriebenes oder Diktat; etwas, was man sich allein ausdenken soll, das versuchte Jachl noch nie.

Schreibpapier hat er nicht; das müssen ja wohl Bogen sein. Aber auf der hellgelben, sauberen Düte, die er schön zusammengelegt bei sich hat, kann er's probieren. Zwischen tausend Krümeln und Gerätschaften findet er in der Hosentasche einen kleinen Blaustift. Gerade als er sich einen guten Platz zum Anfangen ausgesucht hat, bellen Pitt und Pott, die Hunde, heiser und wütend. »Was ist denn los?« Jachl stolpert über die am Boden sich lang hinwindenden Kiefern. Friedlich grast die Herde. Pitt und Pott scheinen Jachl das Briefschreiben nur nicht zu gönnen. »Na wartet, ihr -- --«

Von neuem bereitet er sich zum Anfang vor. Den Tisch ersetzt ein kurzer, glatter Baumstumpf. Ohne langes Überlegen malt er kauernd Buchstaben nach Buchstaben:

»Liebes Lieschen, ich weiß keinen Anfang. Er kommt aber doch. In der Schule konnte ich gut Rechtschreibung, aber ein Brief ist wohl ganz etwas anderes. Einmal hatten wir einen auf: Einen Ferientag beschreiben. Ich hatte sehr gut darunter. Ich wußte bloß zuerst nicht, an wem schreiben, da schrieb ich an meine liebe Mutter. Heute weiß ich doch gleich, an wem dieser Brief geht. Ich kann hier nur aufschreiben, was ich denke, sonst passiert hier nichts. Es ist doch nicht wie Lüneburg. Du bist da zwischen viele Leute, ich habe schon manchen Tag keinen gesehen wie Pitt und Pott und meine Schnucken. Das ärgert mich gar nicht, bloß nach Dir habe ich Heimweh, wenn mir mal so traurig zumute ist. Ich habe nicht mehr solche Arbeit wie früher. Mehr mit dem Kopf muß ich bedenken; das ist sehr schön, aber beschreiben kann man es nicht. Und denn die Heide, Lieschen. (Du kennst sie ja gar nicht, so wie ich sie jetzt immer um mich habe). Die Fremden sollen man ruhig herkommen, es ist viel zu sehen; ich sehe immer und immer was neues. Jeden Tag ist was anderes. Von hier weg möchte ich nicht; es ist, als müßte ich dabei eingehen. Hans Detel spricht, ich bin wie ein langer Stock. Und ebenso dünn. Und die Hosen sind wieder viel zu kurz geworden. Wenn sie doch auch mitwachsen könnten wie ich oder die Bäume; das sparte viel Geld. Ein Kuwerr hab' ich nicht, das bringt Hans Detel morgen und dazu richtige Bogen. Meine Schulbücher habe ich alle mit hergebracht, da lese ich drin und verstehe alles jetzt viel besser wie früher. In der Schule ist einer noch sehr dumm. Der Lehrer hat oft gesagt, wir sollen uns bilden, damit wir in der Welt weiterkommen, aber für die Welt hier bin ich gebildet genug, ich lese für mich, und damit Du mir nicht soweit vorkommst. Behalte Jachl lieb.

Dein treuer Freund Jachl.«

Nachschrift: Knütten tu ich nicht (Du nennst es ja wohl stricken?), das ist für alte Schäfer; ich sehe lieber mich ordentlich um, und dann horch ich, da ist auch viel bei zu lernen. Die Amsel pfeift und die Krähe quarrt, und sonst hör ich noch sehr viel, was Du in Lüneburg nicht zu hören bekommst. Nochmal Dein treuer Freund Jachl.«

Zum ersten Male quält Jachl an diesem Abend seine Einsamkeit. Bis zu ihm verlaufen sich seine Schulfreunde nur mal des Sonntags. Johann Peter lernt beim Schreiner und Hein Gird beim Schmied. Sie mögen es hier draußen nicht sehr. Wenn sie Sonntags kommen, bringen sie richtige Zigarren mit. Jachl soll sie durchaus probieren. Ihm wird gräßlich, aber sagen muß er: »Fein schmecken Zigarren!« Die Gäste brüllen vor Lachen, als sie sehen, wie grün Jachl wird: »Das is am Anfang immer so,« schwört Johann Peter. Sie prahlen furchtbar. Hein Gird sagt, er habe Trin Durt, seine Meistertochter, richtig laut geküßt. Johann Peter ruft: »Quatsch!« Er hat noch viel was Größeres vollbracht: Hans Joachim bei einer Keilerei unterbekommen. Noch heute hat Hans Joachim blaue Flecke. Ja, die hat er. --

Nicht keilen und nicht küssen kann Jachl, der Schäfer, das ist wahr.

Er bewirtet die Gäste mit Backbirnen und Buchweizenpfannkuchen. Zuerst sind ihm die Kuchen immer verbrannt. Fein bekommt er sie jetzt fertig, so fein, daß Johann Peter sagt: »Ich platze.« Vier Teller hochgehäuft voll hat der verschlungen. Nachher blieb er zwischen den warmen Kräutern vor dem Stall eine Stunde wie tot liegen, nicht rücken und rühren konnte er sich.

Erst wenn die Dunkelheit herabzufallen beginnt, greifen Hein Gird und Johann Peter nach ihren Spazierstöcken. Nach was für welchen! Jachl hat solche feinen Stöcke noch nie gesehen. Er besieht sie nicht ohne Neid; das Oben sieht ja beinahe wie echtes Silber aus. Und an ihren Uhren haben sie auch was Blankes hängen. --

Ein Stück Weges gibt er den Freunden das Geleit. Rasch verschwinden sie in den feuchten Schatten, welche über die Wiesen gleiten. --

Bei den Schnucken gefällt es Jachl besser wie bei den Freunden; das ist keine Schande. --

Abends holt er immer seinen Brief hervor und besieht ihn. Ihn zu lesen, das ist nicht nötig; längst kennt er ihn Wort für Wort auswendig. Manchmal sagt er ihn sich richtig wie ein Gedicht, das er in der Schule lernen mußte, auf.

Viermal ist noch so ein Briefvogel zu ihm geflogen. Nicht öfter. In Lüneburg kann eine wohl leicht Lüttersloh vergessen. Was soll Jachl dabei tun?

Sonntag Abend, wenn die Schnucken schlafen und Jachl allein ist, dann ist ihm immer »nicht ganz richtig«. Er weiß, daß um diese Zeit die Burschen auf dem Dorfplatz tanzen, und daß ihn seine Länge, wenn er auch noch jung ist, nicht mehr vom Hopsen und Springen ausschließt. Er kennt die heißen, vollgestopften Stuben, in denen sich Männer und Mädchen schweißtriefend drehen, und die heimlichen Winkel kennt er, in denen sie sich drücken und küssen. Bisher jagt ihn kein Verlangen, sich ihnen zuzugesellen. Manchmal nur kommt das Heimweh nach Lieschen, aber die Traurigkeit ist ganz anders wie die, welche er heut fühlt, als der Lehrer extra zu ihm kommt, um ihm mitzuteilen, daß der Ohm »eingegangen« ist. --


Jachl zieht stumm sein bestes Zeug an und wandert mit der Herde ins Dorf. Da er so rasch keinen Stellvertreter findet, ist es am besten, er nimmt die Schnucken mit.

Zwei Tage läuft er hin und her. Sein Kopf ist ganz wirr. Er ist doch der Erbe. Erbe sein ist nicht so leicht. Es ist nicht viel dabei zu beneiden. --

Jachl muß, während noch die Leiche dicht neben ihm liegt, kramen und räumen und sein Hab und Gut besehen, denn so rasch darf er nicht wieder vom Schnuckenstall fort. -- Mehrmals rollt seine Karre, die hochbeladen ist, durch die Heide, ehe er die Erbschaft draußen untergebracht hat. Vielerlei Gartengerät hat der Ohm noch besessen; dazu eine uralte Schwarzwälder Wanduhr, einen großen kupfernen Kessel, viele irdene Töpfe und Pfannen und Tiegel und eine große braune, tannene Truhe. Bis an den Rand ist die Truhe mit alten Bauernkleidern angefüllt. Obenauf liegt des Ohms Zipfelmütze. --

Nachdem Jachl den Leiterwagen, auf dem er den toten Ohm ins Kirchdorf gefahren hat, leer zurück kutschierte, hat er nichts mehr mit ihm zu tun. Er nimmt nur noch des Ohms Katze auf den Arm, ehe er sich auf den Heimweg macht. --

Mondschein erhellt die Heide. Der Schall der eigenen Tritte und das Zirpen von Heuschrecken einigen sich zu einer geheimnisvollen Musik, die den jetzt völlig Alleinstehenden auf seiner nächtlichen Wanderung begleitet. -- Nun der Ohm tot ist, merkt Jachl erst, wieviel es doch bedeutet, ein »Stückchen Anhang« zu haben. --

Das erste Heidejahr ist vorüber. Der Schäfer hat sich so an das schwärzliche Tiergewimmel neben sich gewöhnt, daß er sich das Leben gar nicht mehr anders vorstellen kann. Er begreift nicht, wie Leute sich wohl fühlen, die allein ihres Weges gehen ohne immerfort aufpassen zu müssen, die nicht pfeifen, nicht nachzählen, nicht He-He-Rufe ausstoßen, die also nichts zu hüten haben.

Er kennt jedes seiner zweihundert Tiere ganz genau. Von jedem könnte er, würde es gefordert, eine Biographie herausgeben: Dort das kleine, ganz dunkle Schaf ist sehr anfällig; jenem schaden Wind und Wetter nicht; das da gehorcht nie, rennt immer vor, und dies mit den dünnen Beinen, bleibt zurück. Ja, es ist nicht einfach, zweihundert »Individualitäten« zu erfassen, von denen die eine zu viel säuft, (wenn's auch nur Wasser ist), und die andere sich zu oft den Magen voll Gras stopft; Individualitäten, deren manche geduldig Pitt und Pott folgen, und von denen andere nur dann zu bändigen sind, wenn sie gejagt werden. -- Jede Schnucke hat »ihren Kopf für sich«, aber die Fremden, die manchmal an Jachl herantreten, um ihn ein bißchen auszuhorchen, merken das nicht. Sie denken, Tiere sind dumm und eines ist wie das andere. Das ist ganz falsch. Aber wozu Leute klug machen? Sie können ja Bücher auch durchstudieren wie er. --

Jachl lernt jetzt richtig von Grund auf Schäfer. Das ist nicht so leicht. Er merkt es erst, während er seitenlang auswendig lernt: »Was ein guter Schäfer wissen muß«. Oft genug brummt ihm der Schädel. Da steht zu lesen: »Ein verständiger Schäfer muß die verschiedenen Grün- und Winterfuttermittel hinsichtlich ihrer Nährfähigkeit, Zuträglichkeit oder Schädlichkeit für die Schafe kennen und muß nicht minder vertraut sein mit der Verderbnis derselben und deren nachteiligen Wirkungen auf die Schafe.«

So ähnlich geht es durch das ganze dicke Buch. Aber Schafmeister oder Oberschäfer kann einer nicht werden, ohne all die Gelehrsamkeit über: Paarungsmethoden, Wollbeschaffenheit, trächtige Mutterherde, sorgfältige Weideführung und über noch sehr, sehr viel mehr. Manches liest Jachl dreimal durch, aber verstehen tut er es auch dann nicht. Wirklich in Jachl »drin« ist das Buch: »Anforderungen an einen Schäfer« noch lange nicht, aber so nach und nach behält er doch vieles. --

Immer noch ist Lieschen seine einzige Bekanntschaft und -- wie es im Leben meist der Fall ist -- solch eine, die deshalb immer mehr gilt, weil sie nicht in der Nähe ist, und weil nichts anderes dazu und dazwischen kommt. Denn die Schnucken, so viele es auch sind, und so ganz sie Jachls Leben beherrschen, kommen doch erst nach Lieschen. --

Zu Weihnachten hat sie eine Photographie geschickt. Jachl mußte erst sehr lange hinsehen, bis er genau wußte, wer das sein sollte. Was hat sie bloß auf'm Kopf!? Und Handschuhe an! Wozu zieht sich der Mensch überhaupt Handschuhe an? Jachl läuft es noch kalt über den Rücken, wenn er an die schwarzen denkt von seiner Einsegnung her. Aber, na, Lieschens Augen sind ja doch mit auf dem Bild, deshalb kommt Jachl über den Hut weg, soviel lieber sie ihm in ihrer altgewohnten Kappe wäre. -- Zuerst nagelte Jachl das Bild im Schnuckenstall in einem Winkel an. Nach ein paar Tagen wickelte er es in viel Papier ein und vergrub es tief in die Hosentasche, ganz tief nach unten, weil die andern Sachen, die in seine Taschen gehören, es sonst wohl leicht schmutzig machen könnten. --

Johanni will Lieschen noch weiter in die Welt. Bis nach Hamburg will sie! Jachl begreift das nicht. Ist Lüneburg denn noch nicht groß genug, wenn eine durchaus die Welt sehen will?! Lange sitzt Lieschens Unternehmungslust quälend in seinem Kopf. Erst gegen das Frühjahr hin treibt die Sonne sie mehr fort. Jachl wirft seine Bücher weg; zum ordentlichen Schäfer wird einer nicht bloß mit studieren. Das weiß er. --


Durch hohe Schichten Fallaub traben wieder Hirt und Herde. Ihre Schritte zerbrechen knisternd zu Boden gesunkene morsche Äste. Sie zerstampfen auch viele unter der Eisdecke ertrunkene Frösche, die in Mengen auf den grauen Moosflächen jetzt herumliegen.

Schon die erste Märzsonne tut Wunder. Und dann der April! Aber erst der Mai! Jachl ist sicher, jede Schnucke freut sich wie er über die silbrigen Knospen der Kriechweiden und über die gelbleuchtenden Ginsterblüten. Jeder Monat dünkt ihm der allerbeste, mag er ihm Sand in die Augen fegen oder ihm mit Regen die Haut durchnässen. --

Julischwüle brütet über der Heide. Jachl meint heute wiedermal bestimmt, diese Juliglut sei ihm am liebsten, gerade sie. Winzige Tiere rennen über seine bloßen Füße. Nur vollständig trostlose Wetterverhältnisse zwingen ihm Stiefel auf. Strümpfe trägt er nie. Wer sollte sie ihm stopfen? Im März schleudert er stets endgültig für Monate die Stiefel in einen Winkel, dann springt er dreimal in die Höhe. Sein Sommer hat dann begonnen, was immer der Himmel auch noch in den nächsten Monaten herunterschütte. --

Heute aber ist er wirklich da, der Sommer. Die Menschen merken ihn, und Jachl genießt ihn auch. Durch dichte Brombeerranken drängt er sich, wilde Rosenbüsche schlagen ihm um die Stirn. Unbezwingliche Sommermüdigkeit überfällt ihn. Er will sich auf den Boden strecken; schon beugt er sich hernieder -- da -- was ist denn das? Welch nie vernommenes Rauschen in der Luft? Er sieht in die Höhe. Im Kreise dreht er sich. Nichts ist da als Himmel und Argusfalter, die blau durch die Luft schweben.

Einförmige Schläge einer Holzart schallen über die Heide. Jachls scharfem Gehör entgeht auch nicht das leise Rinnen einer Quelle, die in die Wiese hinab will. --

Hat er sich getäuscht? Rauscht es nur im welligen Heidekraut? In den Hängebirken?

Nein. Es kommt aus der Höhe. Bestimmt aus der Luft.

Da -- jetzt -- was schwebt da heran? Ein großer Vogel? -- -- Nein.

Jachl reißt die Augen auf, so weit als möglich, weil er glaubt, dadurch besser sehen zu können.

Schmal und lang ist das Unbekannte, mit Flügeln, die rennen wie Mühlräder, und die brausend immer näher heran kommen.

Feuerrot wird Jachl. Niemand ist da, der mit ihm das Wunder studieren könnte. Nur die Schnucken. Sie haben sich eng aneinander gepreßt; das Rauschen ist auch ihnen nicht geheuer. Aber schon durchzuckt es Jachl: Ein Luftschiff -- das muß ein Luftschiff sein! --

Zuerst bleibt er wie angenagelt stehen; dann fängt er an zu rennen. Ohne Überlegung läuft er in brennender Gluthitze dem Luftschiff stundenlang nach -- es muß ja noch wieder sichtbar werden, -- und mit ihm laufen all seine Schnucken wie von Furien verfolgt. --

Jachl ist wie von Sinnen. Es treibt ihn weiter, nur weiter. Er fühlt nicht die Hitze; er hört nicht Pitt und Pott bellen; er merkt nicht, daß er auf harte Stauden tritt, die ihm die Füße zerstechen. Kreuz und quer läuft er, immer mit den Augen das Wunder suchend, das rauschend dahinsegelte. Die Arme streckt er in die Höhe, als wolle er das Luftschiff vom Himmel reißen; dabei reckt er den Hals, der doch nicht zu einem Schwanenhals auszudehnen ist. -- -- --

Jachl, mein Jachl, steh still! Lauf nicht in die Weite so unklug! Was kümmert dich das Luftschiff? Du gehörst nicht zu den Fliegern -- du nicht. -- Aber du hörst meine Stimme nicht. Armer Jachl. --

In unstetem Zickzack läuft der Schäfer stundenlang. Vielleicht, daß er es nochmals erspähe! Rasch, immer noch rascher! Die Schnucken hat er vergessen. Er merkt nicht, daß Schweiß ihm und ihnen die Körper bedeckt. An Hitze ist der Jachl gewohnt; nachts ist er seit Monaten oft wie in Schweiß gebadet. --

Gegen Abend bricht er in einem Sandloch zusammen. Das macht nichts. Rasch will er sich erheben. Etwas Warmes quillt ihm aus dem Munde. Er faßt mit der Hand danach. Die Hand ist rot geworden. Ist das Blut? Ach ja, Blut. --

Jachl erschrickt nicht. Er will es abwischen, aber immer mehr, immer rascher fließt es ihm rot und warm über die Lippen. Die Augen fallen ihm zu: Heide, Luftschiff, Herde sind entschwunden. --

Eine Viertelstunde vergeht, da stößt etwas dem Jachl ans Bein. Noch kann er sich nicht bewegen. Seine Schnucken sind es, die über ihn dahinrennen, tripp -- tripp, hin und her, als gefalle es ihnen ganz besonders auf diesem unebenen Stück Heide. -- Wütend bellen Pitt und Pott. Ja, sie haben recht, sich über den Schäfer zu ärgern, der erst zu rasch lief, und der nun faul im Sande liegen bleibt. -- --

Endlich macht Jachl sich langsam auf den Weg. Wie weit ist er denn fort von seinem Stall? Er kann sich gar nicht zurecht finden. Recht hell ist es auch nicht mehr. Und auf den Beinen ist er ganz schwach. Er sucht Büsche und Stämme, an denen er sich halten kann. Immer wieder muß er verschnaufen. Den Schnucken fehlt ihr Stall nicht, aber heute fehlt er dem Hirten. Ausstrecken möchte der sich und sich warm zudecken und schlafen, nichts als schlafen. --

Nachtfalter taumeln durch die Luft. Fledermäuse huschen in den Wacholderbüschen. Sterne funkeln. Überall ist Licht und Lust trotz der Nachtzeit, die doch zum Schlafen vom lieben Herrgott eingerichtet ist, wie Jachl immer gemeint hat. Noch nie hat er draußen eine Nacht so ganz durchwacht. --

Langsam streicht im Osten Röte am Himmel empor. Jachl fällt auf einen Baumstumpf. Er muß eine Weile ausruhen; er kann nicht weiter.

Seine Gedanken sind ihm selbst fremd. Was wollen sie denn diese anderen Gedanken?

Erfahrene Leute nennen das Gefühl, welches dich, mein Jachl, in diesen Minuten beklemmt: Sehnsucht. Wie aber solltest du es kennen oder nennen?

Du fassest nur tief in deine inhaltsreiche Hosentasche und suchst, bis du etwas Eingewickeltes herausgefunden hast. Behutsam nimmst du ein Bild, siehst es an und versenkst es wieder zwischen Schlüsseln und Streichhölzern und Taschenmesser und Schere und Bindfaden und all den vielen andern Dingen, die du auch notwendig gebrauchst. --

Gegen 10 Uhr vormittags sieht Jachl endlich, endlich von weitem seinen Stall. In der Freude, wieder daheim zu sein, versinkt jedes andere Gefühl. Er ist sicher, daß das bißchen Bluten rasch vergessen sein wird, wenn er sich nur von dem wilden Lauf, warm zugedeckt, ausruhen kann. Das Zähneklappern kommt vom Frühwind und vom leeren Magen. Der Atem ist ihm ganz kurz geworden. --

Müde folgen die Schnucken den Hunden. Jachl lacht, wie eifrig manche von ihnen sich gleich wieder in die kleinen Kiefern vor dem Stall festbeißen. Wie sollen sie in die Höhe wachsen, die armen Kiefern, bei der Behandlung?

Rasch kocht er sich einen festen Buchweizenbrei; der tut gut! Dann wickelt er sich fest in seinen groben Schäfermantel. Einige Minuten später schallt lautes Schnarchen durch den Schnuckenstall. -- -- --


»Tee hilft immer«, hat der Ohm Jachl gelehrt. Bei schwacher Brust tut auch ausgebratenes Hundefett Wunder. Ob dies nun eigentlich »schwache Brust« ist? Jachl glaubt es. Zuerst versucht er eine Roggenbreikur. Der bräunliche Brei mit frischer Milch übergossen, ist nicht übel. Und »Fledersaft«, aus getrockneten Beeren des Flieders gepreßt, kann auch nicht von Schaden sein. --

»Bloß nich mit die Doktors anfangen.« So oft hat es der Jachl gehört, daß er »die Doktors« unmöglich Gelehrsamkeit zutrauen kann. --

Jagten die Schnucken ihren Schäfer nur nicht immer über Stock und Stein! Mit dem Laufen will's gar nicht wie früher werden. Auf sandverwehtem Heidewege kommt einer oft ins Stolpern, und gerade beim Stolpern sticht's dem Jachl immer in der Brust.

Geholfen haben ja Fliedersaft und Roggenbrei und Hundefett, ja, das haben sie, aber so recht ist dem Jachl doch noch nicht. --

Am liebsten hockt er und flicht Körbe, ja, sogar das bisher von ihm so verachtete »Knüttzeug« nimmt er zwischen die Finger. Lang sind die Finger und so weiß die Haut, als fühlten sie niemals die Sonne, die doch wahrlich genug auf ihnen gebrannt hat. -- -- --


Heide, du taufrische, braune Heide, die du melancholisch oder jubelnd dahinfließt, weißt du, daß du -- (ach, lächle nicht) Persönlichkeiten bildest? Du bist nicht ruhmgierig wie die große Stadt. Du biegst und zerrst nicht absichtlich an Tier und Pflanzen und Menschen. Du breitest nur deinen Himmel über sie -- unabsehbar weit; in deine große Stille nimmst du auf. In deine schimmernde Stille, und du lässest gewähren. Du mahnst ganz leise, daß es nicht lohnt (daß es vielleicht nur lächerlich ist) gewichtig auf etwas Großes loszustürmen, weil du weißt, wie klein auch das Große in der Nähe wird, wie es Farbe und Form verändert. Du prahlst nicht mit großen Zielen. Du verschwendest ganz einfach nur dich selbst, du einsame Schöne. Verschwendung ist deine Beredsamkeit, ist deine Bildnergabe, ist der Same, den du ausstreust.


Jachl, der nichts ist als der Scheper, als der Bauernjunge, ist dennoch vielleicht durch die Heide »auch einer« geworden! Nicht allein durch die Heide, aber mit ihrer Hilfe. Ja, das ist er! Ganz bestimmt! Er hat nicht nötig, sich vor einem Stadt-Lehrling oder vor einem Studenten oder vor einem Prinzen zu schämen, obwohl er doch nur eine blaugefärbte Leinenweste mit zwei Reihen blanker Knöpfe trägt und eine schirmlose Mütze, die aus der Haut eines jungen, schwarzen Schnuckenlammes genäht ist. Von Lackschuhen und gestickten Chemisetts und von all dem »Nötigen«, welches ja wohl ein junger Mann haben muß, ahnt er gar nichts. Aber -- nein -- verstecken braucht er sich doch nicht, mein Jachl. Besonders wegen seiner Gedanken, meine ich. Und Gedanken sind ja wohl die Hauptsache.

Woran Jachl eigentlich denkt? Nie an Großartiges, immer nur an Gewöhnliches; etwa an Vieh oder an Weide oder an Wollhandel oder an Torfstechen oder an Runkelrüben oder an Kleinknechte oder Großknechte und was dergleichen mehr ist, -- aber, ja, ein Aber ist dabei.

Welch ein Aber? Man muß es wohl fühlen, glaube ich. Zu erklären ist es kaum.

Gedanken haben auch ihren Schein und ihren Schimmer.

Vielleicht habe ich meinen Jachl nur so gern, weil ihm nie die Vorstellung kommt, daß es auf Erden Menschen gibt, die es viel, viel besser haben als er. Er läßt Dornen, Dornen sein und Rosen, Rosen; er sucht gar nicht immer nach den Bergen; er sieht viel Schönes auch im Tal. -- --


Lieschen hat in einem ihrer Briefe erklärt: »ein Schäfer, der immer nur auf der Heide rumsitzt, ist was Langweiliges«. Na, denn muß Jachl doch auch mal einen Sonntagstanz im nahen Kirchdorf probieren. Was sein muß, muß sein! Lieschen wird es wohl verstehen! Mädchen verstehen sich auf so was besser. -- Von Jachls mangelhafter Gesundheit weiß sie nichts. Wäre sie in seiner Nähe, so hätte sie ihn längst von sich und seinen Schnucken fortgelockt. Wie sang sie doch immer:

»Komm, tanz mit mir, tanz mit mir,
Ich hab' 'ne bunte Schürze für« -- --

und angesehen hat sie Jachl dabei immer! Nun sie fort ist, merkt er erst, was für eine Mordsdirn sie ist.

Frauensleute sind so schwer zu kennen wie Schnucken. Sie haben auch so was Unsicheres wie die. Man muß eigentlich auf beide den ganzen Tag aufpassen; plötzlich sind sie weg, wenn man auch noch so gut zu ihnen gewesen ist. Hat sich eine verlaufen, so weiß man auch nie, wie und wo man sie wieder zu sehen bekommt. --