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GRÖSSERES BILD

Auf Schneeschuhen durch Grönland.

Von

Dr. Fridtjof Nansen.

Autorisirte deutsche Uebersetzung von M. Mann.

Zweite Ausgabe.

Mit 159 Abbildungen und 4 Karten.

Erster Band.


Hamburg.

Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft
(vormals J. F. Richter).

1898.

Druck der Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft
(vormals J. F. Richter) in Hamburg.

Inhalt.

Seite

Kap. I.

Einleitung

[1]

II.

Ausrüstung

[30]

III.

Das Schneeschuhlaufen, die Entwickelung und die Geschichte dieser Kunst

[74]

IV.

Von Norwegen nach Island

[132]

V.

Reise von Island zum Klappmützenfang

[163]

VI.

Die Klappmütze (Cystophora Cristata)

[182]

VII.

An Bord des Jason

[200]

VIII.

Gegen Land. — Das Treiben im Eise

[225]

IX.

Wir treiben weiter durch das Eis

[244]

X.

Historische Uebersicht über frühere Versuche, den Eisgürtel auf Grönlands Ostküste zu durchdringen etc.

[267]

XI.

Nordwärts an der Ostküste entlang. Zusammentreffen mit Eskimos

[307]

XII.

Ein Eskimolager

[326]

XIII.

Weiter nordwärts an der Küste entlang

[358]

XIV.

Neues Zusammentreffen mit Eskimos. Zwischen Eisbergen

[379]

An der Ostküste Grönlands 1882.
(Nach einer Skizze des Verfassers gezeichnet von E. Nielsen.)

Kapitel I.
Einleitung.

s war im Sommer 1882, als ich an Bord des norwegischen Seehundfängers „Viking“ unter dem noch unbekannten Theil der grönländischen Ostküste (auf dem 66° 50′ N. B.) im Eise stecken blieb. 24 Tage lagen wir dort fest, und mit jedem Tage wurden wir zum Entsetzen der Besatzung der felsigen Küste näher getrieben. Die Berggipfel und Gletscher dort hinter dem Treibeise lagen am helllichten Tage da und glänzten. Am Abend und zur Nachtzeit, wenn die Sonne sie bei ihrem Rundgang berührte und den Horizont hinter ihnen in ein Feuermeer verwandelte, trat ihre wilde Schönheit noch mehr hervor. Daß das Fernrohr vom Großmast aus mehr als einmal am Tage gen Westen gerichtet wurde, und daß diese ganze unbekannte Welt meine junge Seele zu sich hin zog und lockte, ist wohl kaum zu verwundern. Unablässig grübelte ich darüber nach, wie diese Küste zu erreichen sei, die so Viele vergebens gesucht haben, und ich kam zu dem Resultat, daß sie zu erreichen sei, wenn nicht durch das Eis vermittels eines Schiffes — wie man das früher versucht hatte —, so doch über dasselbe, und zwar indem man Boote hinter sich herzog. Ich wollte sogar gleich einen Versuch machen und allein über das Eis an Land spazieren. Dies Vorhaben scheiterte jedoch an dem Kapitän, der es unter den obwaltenden Verhältnissen nicht verantworten zu können glaubte, daß irgend Jemand das Schiff auf längere Zeit verließ.

Nach meiner Heimkehr schrieb ich infolge einer Aufforderung einen Artikel in der „Geografisk Tidsskrift“ (7. Band, S. 76), in welchem ich meine Vermuthung aussprach, daß sich Grönlands Ostküste ohne Schwierigkeiten würde erreichen lassen, indem man mit einem norwegischen Seehundfänger so weit wie möglich vordränge, das Schiff dann verließe und sich über das Eis an Land begäbe. Daß mir schon damals der Gedanke vorschwebte, in das Innere des Landes vorzudringen, läßt sich also nicht leugnen, — dieser Gedanke gewann jedoch erst bei einer späteren Gelegenheit feste Gestalt.

Es war an einem Herbstabend im darauf folgenden Jahre — also 1883 —, ich erinnere mich dessen, als sei es gestern gewesen. Ich saß und hörte gleichgültig zu, wie aus den Zeitungen vorgelesen wurde. Da fesselte meine Aufmerksamkeit plötzlich ein Telegramm, welches berichtete, daß Nordenskjöld glücklich von seiner Expedition nach Grönlands Innerem zurückgekehrt sei, daß er keine Oasen, sondern nur endlose Schneefelder gefunden habe, auf welchen seine beiden Lappen in kurzer Zeit eine unglaubliche Strecke zurückgelegt und sich äußerst günstig über die Schneeschuhbahn geäußert haben sollten. Der Gedanke, Grönland auf Schneeschuhen von einer Küste bis zur anderen zu durchdringen, durchzuckte mich wie ein Blitz. Der Plan war fertig, so wie er später vorgelegt und ausgeführt wurde.

Mein Plan war in aller Kürze der folgende: Wenn man eine Expedition kräftiger Schneeschuhläufer auf zweckmäßige Art ausrüstete, so mußten diese im stande sein, Grönland zu durchqueren, falls sie von der richtigen Seite anfingen; dieser letzte Punkt aber war von großer Wichtigkeit.

Fing man, wie alle früheren Expeditionen, von der Westküste an, so konnte man sicher sein, nicht durchzudringen. Man würde in dem Falle die Fleischtöpfe Aegyptens hinter sich haben, während man vor sich nur die unbekannte Eiswüste und die Ostküste hatte, die nicht viel besser ist. Und selbst für den Fall, daß man durchdrang, hatte man einen ebenso langen Weg zurückzulegen, um wieder in die Heimath zu gelangen.

Der einzig sichere Weg war meiner Meinung nach, durch das Treibeis vorzudringen, an Grönlands öder, eisbedeckter Ostküste zu landen und sich von hier aus nach der bewohnten Westküste zu begeben. Auf diese Weise brach man alle Brücken hinter sich ab, man hatte nicht nöthig, die Mannschaft vorwärts zu treiben, — die Ostküste würde kaum einen Einzigen zur Umkehr verlocken, während vor uns die Westküste lag, die uns mit allen Annehmlichkeiten der Civilisation winkte und zu sich zog. Da war keine Wahl, — nur vorwärts! Die Parole würde lauten: Der Tod oder Grönlands Westküste.

Im folgenden Jahr setzte ich meinen Plan einem Bekannten in Dänemark brieflich auseinander und machte den Vorschlag, eine dänisch-norwegische Expedition nach der Ostküste Grönlands zu unternehmen. Die Dänen sollten die Ostküste untersuchen, während sich die Norweger auf Schneeschuhen über das Inlandseis nach der Westküste begaben.

Dieser Vorschlag führte jedoch zu keinem Resultat, und da ich anderweitig stark in Anspruch genommen war, ruhte die Sache während einiger Jahre. Erst im Herbst 1887 faßte ich den Entschluß, meinen Plan allen Ernstes wieder aufzunehmen. Meine ursprüngliche Absicht war es, die Expedition mit Privatmitteln auszuführen, als ich aber von verschiedenen Seiten dringend aufgefordert wurde, die norwegische Universität um die nöthigen Mittel zu ersuchen, um der Expedition dadurch ein öffentliches, nationales Gepräge zu verleihen, willigte ich ein und reichte ein Gesuch um 5000 Kronen zu der Ausführung einer Reise nach diesem Plan an die Universität ein.

Das Gesuch wurde auf das kräftigste von dem akademischen Kollegium unterstützt und der Regierung übersandt, damit diese die Sache in Erwägung ziehen und das Gesuch auf reguläre Weise als Regierungsvorschlag an das Storthing weiter befördern sollte. Von der Regierung erhielt ich indessen die Antwort, daß man nicht glaube, auf den Vorschlag eingehen zu können, und in den regierungsfreundlichen Organen hieß es sogar, daß man keinerlei Grund habe, das norwegische Volk die große Summe von 5000 Kronen bezahlen zu lassen, damit ein Privatmann eine Vergnügungsreise nach Grönland unternehmen könne. Die Meisten, die von meinem Plan hörten, hielten ihn für den reinsten Blödsinn, — ich müsse entweder nicht bei meinen fünf Sinnen oder doch mindestens lebensüberdrüssig sein, — was denn in Grönlands Innerem zu holen sei? Glücklicherweise war eine Unterstützung seitens der Regierung oder anderer keine Nothwendigkeit für mich, denn ich erhielt von einem Manne in Kopenhagen das Anerbieten, mir die Summe, um welche ich eingekommen war, auszubezahlen. Dieser Mann war der Etatsrath Augustin Gamél, der sich schon durch die Ausrüstung der Dijmphna-Expedition um die arktische Forschung verdient gemacht hatte. Dies Anerbieten von einem Ausländer und einem mir persönlich unbekannten Manne, zu einer Expedition beizutragen, welche von den Meisten für Wahnsinn erklärt wurde, erschien mir so edelmüthig, daß ich mich keinen Augenblick besinnen konnte, es anzunehmen.

Etatsrath Augustin Gamél.


GRÖSSERES BILD

Erst im Januar 1888 trat ich in einem Artikel in der norwegischen Zeitschrift „Naturen“, betitelt „Grönlands Inlandsis“, mit meinem Plan an die Oeffentlichkeit. Nachdem ich u. a. die zahlreichen früheren Versuche, in das Innere Grönlands vorzudringen, erwähnt hatte, sage ich:

„Mein Plan ist in aller Kürze der folgende: Mit drei bis vier der besten, ausdauerndsten Skiläufer, die aufzutreiben sind, beabsichtige ich, mich anfangs Juni mit einem der norwegischen Seehundsfangfahrzeuge von Island aus nach Grönlands Ostküste zu begeben und ungefähr beim 66° N. B. zu versuchen, mich so weit wie möglich der Küste zu nähern.[1]

Kann das Fahrzeug das Land nicht erreichen, was jedoch nach den von den Seehundsfängern gemachten Erfahrungen, die sich häufig dieser Küste genähert haben,[2] nicht unwahrscheinlich ist, — so verläßt die Expedition das Fahrzeug, sobald dies der Küste so nahe wie möglich gekommen ist, und begiebt sich über das Eis an Land. Um über das offene Wasser zu gelangen, das sich voraussichtlich in der Nähe der Küste befindet, zieht man ein leichtes Boot auf Schienen hinter sich her über das Eis. Daß eine solche Fahrt über das Treibeis möglich ist, glaube ich auf Grund früherer Bekanntschaft mit demselben annehmen zu können. Im Jahre 1882 machte ich nämlich mit dem Seehundsfänger „Viking“ aus Arendal eine Reise in diese Gegend, und wir saßen im Juni an der Ostküste von Grönland im Eise fest. 24 Tage hindurch trieben wir an der Küste, an welcher ich jetzt an Land zu gehen gedenke, entlang, und ich hatte während der Zeit auf meinen zahlreichen Wanderungen und Jagdausflügen reichliche Gelegenheit, Bekanntschaft mit der Beschaffenheit des Eises und den Schneeverhältnissen zu machen, wie wir auch auf unserer Reise häufig infolge plötzlicher Einklemmungen gezwungen waren, unsere Boote lange Strecken über die Eisschollen zu ziehen. — Auf diese Weise glaube ich also das Land erreichen zu können. Am liebsten würde ich es sehen, wenn dies ein wenig nordwärts von Kap Dan geschehen könnte, da die Küste hier noch nicht von Europäern bereist ist und schon an der Küste vielerlei von Interesse zu untersuchen sein würde. Weiter südwärts dagegen ist die Küste verhältnißmäßig bekannt, da die dänische Frauenboots-Expedition unter Kapitän Holms Leitung im Jahre 1884 bis zu einem etwas nördlich von Kap Dan gelegenen Punkt vordrang und in Angmagsalik, einer Kolonie heidnischer Eskimos, etwas südlich von dem genannten Vorgebirge, überwinterte. Nachdem wir die Untersuchungen an der Küste gemacht haben, die sich ohne große Zeitvergeudung ausführen lassen, treten wir sobald wie möglich die Wanderung über das Inlandseis an. Gelangt die Expedition nördlich von Kap Dan ans Land, so beginnen wir unsere Wanderung am Ende eines der dort belegenen Fjorde; landen wir dagegen südlicher, so müssen wir uns in den tiefen Sermilikfjord begeben, um von hier aus auf das Eis zu kommen.

Die Expedition versucht gleich so hoch wie möglich auf eisfreies Terrain zu gelangen, selbst wenn die Steigung hier bedeutend stärker sein sollte als auf den Gletschern; hierdurch hat man nämlich den Vortheil, daß man, wenn es sich endlich als nothwendig zeigt, auf das Eis zu gehen, voraussichtlich flacheres und ebeneres Eis finden und gleichzeitig das schlimmste Gletschereis vermeiden wird, das uns durch seine Unebenheiten und Spalten nicht geringe Gefahren und Hindernisse in den Weg legen kann. Auf das Eis gekommen, richtet die Expedition ihren Kurs auf Christianshaab an der Diskobucht, und sucht diesen Ort baldmöglichst zu erreichen. Indem man sich nach der Diskobucht begiebt, statt eine südlichere Richtung einzuschlagen, hat man auf der einen Seite den Vortheil, daß man auf dem nördlicheren Wege voraussichtlich eine bessere Schneeschuhbahn finden wird, und auf der anderen Seite den, daß man an der Diskobucht, wo keine tiefen Fjorde in das Land einschneiden, verhältnißmäßig leicht bewohnte Orte antreffen wird, da die vor der Küste belegene Diskoinsel mit ihren etagenförmigen Basaltklippen vom Inlandseise aus gesehen einen guten Wegweiser abgeben dürfte, um von dort mit Leichtigkeit nach einer der beiden Kolonien Jakobshafen oder Christianshaab zu gelangen, die ungefähr einen halben Grad voneinander entfernt an der Diskobucht liegen.

Die Entfernung von der Ostküste, wo ich zu landen gedenke, bis zu der Diskobucht beträgt ungefähr 670 km; wenn man nun rechnet, daß man täglich 20-30 km zurücklegen kann, was für Schneeschuhläufer sehr mäßig gerechnet ist, so wird die Reise nicht über einen Monat währen; nimmt man aber Proviant für die doppelte Zeit mit, so scheint alle Wahrscheinlichkeit für einen glücklichen Ausgang vorhanden zu sein.

Der Proviant muß auf Schlitten gezogen werden. Außer den gewöhnlichen Schneeschuhen (Ski) denke ich eine andere Art Schneeschuhe (Truger)[3] mitzunehmen, die dort, wo der Schnee weich und naß ist, zweckmäßiger sind.

Neben dem Proviant für ungefähr zwei Monate, sowie den verschiedenen Arten von Schneeschuhen sollen ferner die nothwendigen Instrumente zur Ortsbestimmung etc. etc. mitgenommen werden.“

Daß gegen einen Plan wie diesen auch in der Presse mehr oder weniger kräftige Einwendungen erhoben wurden, ist ja nicht zu verwundern; sie zeichneten sich jedoch durchgehend dadurch aus, daß sie auffallende Unkenntniß der Eis- und Schneeverhältnisse sowie der Passage über die Eis- und Schneefelder verriethen.

Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, hier einige kleine Auszüge aus einem Vortrag wiederzugeben, der von einem jungen dänischen Grönlandsfahrer in Kopenhagen gehalten und in der dänischen Zeitschrift „Neue Erde“ (Ny Jord) im Januar 1888 abgedruckt worden ist. Da heißt es u. a.:

„Andere Pläne sind nicht weiter als bis auf das Papier gelangt, so z. B. der Vorschlag in einem Ballon quer über das Inlandseis zu gehen, der schon Ende des vorigen Jahrhunderts gemacht wurde. Zu der letzten Klasse von Vorschlägen, die bis dahin nur bis auf das Papier gelangten, gehört auch derjenige, der von dem nordischen Zoologen, dem Konservator an dem Museum zu Bergen, Fridtjof Nansen gemacht ist.“ — — —

„Es ist sehr viel, was für den Grundgedanken in Nansens Expedition spricht, sowohl daß er sich von der Ostküste nach dem civilisirten Theil Grönlands hinüberzubegeben gedenkt (statt umgekehrt), als auch, daß er als tüchtiger Skiläufer Ski als Beförderungsmittel benutzen will. Aber mit dieser Anerkennung der Grundgedanken des Planes muß auch für Jeden, der etwas von den Verhältnissen kennt, die Anerkennung aufhören. Schon die Art und Weise, wie Nansen die Ostküste zu gewinnen gedenkt, indem er nämlich die sichere Schiffsplanke verlassen und gleich einem Eisbären von einer schaukelnden Eisscholle auf die andere wandern will, bis er das Ufer erreicht hat, ist ja so dummdreist, daß man nicht weiß, was man dazu sagen soll.

Jedoch den Fall gesetzt, das Glück wäre dem Kühnen hold und Nansen erreichte die Ostküste Grönlands, was will er dann anfangen, um das eigentliche, ebene Inlandseis zu erreichen, — mit anderen Worten, wie will er über den äußeren Rand des Inlandseises gelangen, wo Fels auf Fels aus der Eisdecke emporragt und diese aller Wahrscheinlichkeit nach an den meisten Stellen unpassirbar macht.“ — — —

Nansens Plan, gerade die steilen Küstenfelsen zu erklimmen und von dort auf das aufgedämmte hohe Eisfeld zu spazieren, verräth deshalb eine vollständige Unkenntniß der Verhältnisse.“ — —

— — „Mit dem, was man vom Außenlande sehen kann, hört meine Erfahrung auf, und ich kann deswegen nicht darauf eingehen, den Plan zu kritisiren, der darauf ausgeht, den inneren Theil des Inlandseises zu passiren, und eine genügende Menge Proviant mit sich zu führen, — ich glaube übrigens, daß sich dieser Plan möglicherweise ausführen ließe, falls Nansen wirklich über den ersten Rand des Eises gelangen könnte.

Auf etwas ganz anderes dagegen halte ich mich für verpflichtet und berechtigt in der vorliegenden Angelegenheit aufmerksam zu machen: nämlich, daß meiner Ansicht nach Niemand das moralische Recht hat, durch Wagnisse, die nur eine geringe Aussicht haben, zu irgend welchem Resultat zu führen, die Eskimo-Einwohner Ostgrönlands zu belästigen, indem man von ihnen verlangt, daß sie Einem aus der Klemme helfen, in die man sich selber ohne jeglichen Zweck hineinbegeben hat. Es kann nämlich für uns Wenige, die etwas von den Verhältnissen im dänischen Ostgrönland kennen, kein Zweifel darüber sein, daß man, — so wie Nansens Plan entworfen ist, falls nicht das Schiff die Küste erreicht und auf ihn wartet, bis er gezwungen ist, seinen Plan aufzugeben, — zehn gegen eins wetten kann, daß Nansen entweder sein Leben und vielleicht das Anderer, ohne allen Zweck aufs Spiel setzt oder auch, daß er von den Eskimos aufgenommen und von diesen an der Küste entlang bis zu den dänischen Stationen an der Westküste geführt wird. Niemand aber hat das Recht, die Ostgrönländer ohne Zweck zu einer langen und für sie verderblichen Reise zu veranlassen.“ — — —

Diese Artikel waren sicher in bester Absicht geschrieben, aber sie geben doch ein klares Beispiel, welche fast abergläubische Angst viele Menschen — und darunter selbst Sachverständige und Autoritäten — vor dem Inlandseise und vor einer Passage über die Schnee- und Eisfelder bis vor ganz kurzem empfunden haben müssen. Der Verfasser des [oben erwähnten Artikels] hatte sich selber mehrere Jahre lang am Rande des Inlandseises aufgehalten, aber niemals war ihm der Gedanke gekommen, einen kleinen Spaziergang über diesen Rand hinaus zu machen. Er würde sicher schon bei den ersten Schritten viele seiner groben Irrthümer eingesehen haben und sich darüber klar geworden sein, „was eine völlige Unkenntniß der Verhältnisse“ bedeute.

In einem anderen wenn möglich noch weniger sachkundigen Artikel hieß es, daß wenn Nansen selber so verrückt sein wolle, so etwas zu wagen, er doch sicher nicht einen einzigen Menschen mit sich bekommen würde, und allein könne er das Wagniß doch nicht unternehmen!

Auch in der englischen Presse erschienen mehrere Artikel gegen die Expedition.

Aber trotz aller dieser warnenden Stimmen und trotz der allgemeinen Ansicht, daß das Ganze eine Tollheit sei, fanden sich doch genug Menschen, die sich daran betheiligen wollten. Ich erhielt über 40 Gesuche von Leuten in den verschiedensten Stellungen. — Da waren Offiziere, Pharmaceuten, Kaufleute, Bauern, Seeleute, Studenten etc. etc. Und außerdem waren noch Viele da, die kein direktes Gesuch einreichten, die aber sagten, daß sie mehr als gerne mitwollten, und daß sie sich melden würden, wenn sie wüßten, daß es ihnen nützen könne. Es waren auch nicht allein Norweger, sondern aus Dänemark, Frankreich, Holland und England liefen gleichfalls Gesuche ein.

Ich konnte indessen nur Leute gebrauchen, die mit dem Schneeschuhlaufen vertraut und die als energische ausdauernde Menschen bekannt waren. Ich wählte folgende Norweger: Otto Sverdrup, früheren Schiffskapitän, Oluf Dietrichson, damals Premier-Lieutenant, jetzt Kapitän bei der norwegischen Infanterie, und Kristian Kristiansen Trana, einen norwegischen Bauernburschen. Da ich ursprünglich die Absicht hatte, Rennthiere mitzunehmen, und da ich glaubte, Nutzen aus dem angeborenen Ortssinn der Naturvölker, sowie ihrer Gabe, sich in alle möglichen Lagen des Lebens zu finden, ziehen zu können, so schrieb ich an ein paar mir empfohlener Männer in Finnmarken und fragte an, ob sie mir ein paar Berglappen verschaffen könnten, die geneigt seien mitzukommen. Ich fügte hinzu, daß es muthige Leute sein müßten, bekannt als besonders ausdauernd und geeignet, sich auf unbekanntem Terrain zurecht zu finden; auch müßten sie von vorneherein völlig über die gefahrvolle Natur des Vorhabens unterrichtet sein, es müsse ihnen eingeschärft werden, daß ebenso viel Aussicht vorhanden sei, daß sie nicht zurückkehrten, als daß sie ihre Heimath glücklich wieder erreichten, — ferner müßten es unverheirathete Leute in einem Alter zwischen 30 und 40 Jahren sein, da ich glaube, daß Körper wie Geist in dem Alter am widerstandfähigsten und geeignetsten für ein solches Unternehmen seien.

Es währte lange, ehe Antwort auf meine Vorfrage kam, — die Post gelangt nicht schnell zu den Bewohnern Finnmarkens, — nur alle vierzehn Tage kommt sie mittels einer Rennthierpost über das Gebirge zu ihnen. Endlich als die Zeit bereits drängte, erhielt ich die Antwort, ich könne zwei tüchtige Kerle aus Karasjok bekommen, wenn ich gut bezahlen wolle. Ich ging so ungefähr auf ihre Forderungen ein und telegraphirte, daß sie baldmöglichst kommen müßten. Dann erhielt ich die Nachricht, sie seien unterwegs und würden den und den Tag eintreffen, — ich war natürlich sehr gespannt darauf, sie zu sehen. An einem Sonnabend Abend wurden sie erwartet. Es waren Leute am Bahnhof, um sie in Empfang zu nehmen und sie in ihr Logis zu führen. Aber keine Lappen kamen. Auch am Sonntag kamen sie nicht. Niemand konnte begreifen, was aus ihnen geworden war; endlich am Montag hieß es, nun seien sie angekommen. Und wirklich, sie waren gekommen, — mit dem gemischten Güterzug statt mit dem Eilzug. Ich eilte nach ihrem Logis und kam in ihr Zimmer, — mitten in demselben stand ein junger, hübscher Mann mit einem beinahe mehr finnischen als lappländischen Aussehen, hinten in einer Ecke saß ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar, das ihm über die Schultern hing; er war klein von Wuchs, sah aber noch kleiner aus, wie er da zusammengekrochen auf einer Kiste saß. Er hatte ein stärkeres lappländisches Aeußere als der Junge. Auf ihn paßte völlig die Beschreibung, die Peder Daß (1685) von den Lappen giebt:

Das Volk, das ist von ganz eigner Natur,

Kurzbeinig im Wuchs und von kräft’ger Statur,

Es gleicht auf ein Haar den Zwergen.

— — — — — — — — — — — — — —

Mit klugem Aug, das gar scharf weiß zu schau’n,

Von Antlitzfarbe ganz gelblich und braun,

Spitzkinnig mit länglichen Kiefern.

Als ich eintrat, neigte er den Kopf und kreuzte die Arme auf morgenländische Weise, — der Junge grüßte auf ganz gewöhnliche Art. Der Alte konnte nur wenig Norwegisch, deshalb mußte ich mit dem Jungen sprechen. Ich fragte, ob sie sich wohl befänden, und weshalb sie mit dem langsamen Zuge gekommen seien. Ja, sie hätten es nicht besser gewußt, und dann sei es mit dem Zuge ein paar Kronen billiger gewesen.

„Wie alt seid Ihr denn?“ — „Ich bin 26 Jahre alt, und er dort, Ravna, ist 45 Jahre.“ Das war denn doch eine merkwürdige Geschichte! Ich hatte ausdrücklich betont, daß sie zwischen 30 und 40 Jahre alt sein sollten. „Ihr seid beide Berglappen?“ — „Nein, nur Ravna ist Berglappe, ich bin in Karasjok ansässig.“ — Noch schlimmer; ich hatte ausbedungen, daß es Berglappen sein sollten. „Aber seid Ihr denn gar nicht bange davor, die Reise zu unternehmen?“ — „Ja, wir ängstigen uns sehr, man hat uns unterwegs gesagt, die Expedition sei so gefährlich, daß wir wohl nicht lebendig wieder nach Hause kämen, und deshalb sind wir so bange geworden.“ — Aber das war denn doch zu arg! Sie waren nicht einmal von dem in Kenntniß gesetzt worden, worauf sie eingingen, die armen Menschen! Ich hatte die größte Lust, sie gleich wieder nach Hause zu schicken, aber jetzt war es zu spät, andere Leute zu verschreiben.

Ich mußte sie behalten, deshalb war es das Beste, sie zu trösten, so gut ich konnte und ihnen zu sagen, daß das, was die Leute redeten, Unsinn sei, — ihnen schon im voraus den Muth zu nehmen, hatte gar keinen Zweck, sie konnten ihn ohnedies schnell genug verlieren. Wenn sie auch nicht so stark und ausdauernd aussahen, wie ich es gewünscht hatte, so machten sie doch den Eindruck von herzensguten, zuverlässigen Menschen. Und daß sie das waren, haben sie in vollem Maße bewiesen, und in Hinsicht auf ihre Ausdauer ließen sie nichts zu wünschen übrig. Als Naturvolk betrachtet, hatte ich von ihnen übrigens bei weitem nicht den erwünschten Nutzen. So wurden sie beispielsweise zu Rekognoscirungen überall nicht verwendet.

In einer Schilderung,[4] welche Balto von der ganzen Fahrt gemacht hat, fährt er, nachdem er von seiner Reise von Finnmarken erzählt und wie ihnen die Leute unterwegs allen Muth genommen hätten, indem sie mich als einen ganz verrückten Menschen darstellten, folgendermaßen fort:

„Am 14. April reisten wir von Trondhjem und kamen am 16. April nach Kristiania. Nansen hatte einen Mann nach dem Bahnhofe geschickt, um uns in Empfang zu nehmen, nämlich Sverdrup; er kam zu uns und fragte: „Seid Ihr die beiden Männer, die mit Nansen wollen?“ — Wir antworteten, daß wir es seien. Sverdrup erzählte, daß auch er einer von denen sei, die mit Nansen wollten, und er erzählte, daß er ausgegangen sei, um uns zu empfangen. „Kommt jetzt mit mir!“ und wir gingen mit ihm, und er führte uns in ein Hotel, das in der Tolbodgade Nr. 30 liegt. Nach Verlauf einer Stunde kamen Nansen und Dietrichson, um uns zu begrüßen. Es war überaus herrlich und wunderbar, als wir diesen unsern fremden Herrn zu sehen bekamen, nämlich Nansen. Er war uns fremd, aber sein Antlitz schien uns entgegen, als sei es das Antlitz unserer zurückgebliebenen Eltern gewesen, so schön kam es mir vor, und so war auch sein an uns gerichteter Willkommgruß. Alle die fremden Leute in der Stadt waren sehr gut und freundschaftlich gegen uns Lappen während der ganzen Zeit, die wir in Kristiania waren; von der Zeit an wurden wir noch vergnügter, und das war sehr angenehm für uns.“

Da wir uns nun durch dies ganze Buch hindurch mit diesen fünf Menschen beschäftigen sollen, wäre es vielleicht ganz angebracht, sie einzeln vorzustellen. Wir wollen mit den Norwegern anfangen und sie dem Alter nach vorführen.

Otto Neumann Sverdrup wurde am 31. Oktober 1855 auf dem Hofe Haarstad in Bindalen auf Helgeland geboren. Sein Vater war der Wald- und Hofbesitzer Ulrik Sverdrup und seine Mutter war Petra Knoph.

In einer rauhen Natur geboren und von Kindheit an daran gewöhnt, sich in allen möglichen Beschäftigungen und in allem möglichen Wetter in Wäldern und auf Bergen umherzutreiben, lernte er früh für sich selbst sorgen und auf eigenen Füßen stehen. Er war noch ein kleiner Knabe, als er anfing auf Skischuhen zu laufen, und daß sich in einem so unkultivirten Distrikt wie in Bindalen die beste Gelegenheit findet, sich zu einem tüchtigen und unerschrockenen Skiläufer auszubilden, liegt auf der Hand. Mit zehn Jahren erhielt er eine Flinte, und von der Zeit an streifte er stets auf Jagdausflügen umher, im Winter auf Schneeschuhen, im Frühling auf der Auerhahn- und im Herbst auf der Bärenjagd. Er wurde nicht in die Stadt geschickt, um zur Schule zu gehen, sondern er hatte einen Hauslehrer. Eine besondere Vorliebe für Bücher scheint er jedoch niemals gehabt zu haben.

Mit 17 Jahren ging er zur See und reiste dann während vieler Jahre theils mit norwegischen, theils mit amerikanischen Schiffen.

Im Jahre 1878 machte er sein Steuermannsexamen in Kristiania und fuhr dann mehrere Jahre als Steuermann. Als solcher erlitt er vor einigen Jahren mit einem norwegischen Schoner an der Westküste von Schottland Schiffbruch. Bei dieser Gelegenheit zeigte er so recht, welcher Kern in ihm steckte, denn es ist hauptsächlich seiner Besonnenheit und Schneidigkeit zu verdanken, daß die Mannschaft gerettet wurde. Einen Schoner und ein Dampfschiff führte er als Kapitän, — ein Jahr lang lag er auch mit einem Fischkutter an der Nordlandsküste. Vor einer Reihe von Jahren geschah es, daß man in Göteborg einen Führer für Nordenfeldts unterseeisches Boot suchte, das über die Nordsee nach England geführt werden sollte. Man setzte eine Belohnung für Denjenigen aus, der dies gefahrvolle Amt übernehmen wolle, aber es fand sich Niemand, der es wagte. Da kam Sverdrup zufällig dorthin und erbot sich gleich dazu, er überredete einen Vetter, als Maschinist mitzugehen, und diese Beiden wollten es übernehmen, das unsichere Fahrzeug, das noch Niemand auf größere Entfernungen versucht hatte, nach England zu führen, ja, Sverdrup meinte, es sei ein wahrer Sport, aber dann, im letzten Augenblick, änderten die Unternehmer ihren Entschluß und ließen das Boot über die See bugsiren.

Schiffskapitän Otto Sverdrup.


GRÖSSERES BILD

Während der letzten Jahre hat sich Otto Sverdrup größtentheils auf dem Gute seines Vaters aufgehalten, der vor ungefähr 11 Jahren seinen Besitz in Bindalen verkauft und sich weiter südwärts auf Trana bei Stenkjär angesiedelt hatte. Hier beschäftigte er sich bald mit dem Einen, bald mit dem Andern, bald stand er dem Forstwesen, bald dem Flößen des Holzes vor, bald war er Schmied, bald ging er auf Fischfang aus, und überall war er der Erste. Sein liebster Zeitvertreib war es, in stürmischem Wetter in einem Nordlandsboot auszusegeln, wenn das Boot mit vierfach gerefften Segeln die schäumende Brandung durchschnitt, ganz so, wie es bei Peder Daß heißt:

„Gebt acht auf die Schote!

Schöpfkell in die Faust, das Auge im Wind,

Stemmt gegen das Seil, seid schnell und geschwind,“ —

da gefiel Sverdrup das Dasein.

Daß ein solcher Mann für eine Expedition wie geschaffen war, ist selbstverständlich. Durch sein bewegtes, vielseitiges Leben hatte er gelernt, sich in allen schwierigen Lagen zurechtzufinden. Stets war er ruhig, immer wußte er Rath. —

Oluf Christian Dietrichson wurde am 31. Mai 1856 in Skogn bei Levanger geboren. Sein Vater war der Kreisarzt Peder Wilhelm Krejdahl Dietrichson und seine Mutter Canuta Pauline Ditlevine Due. Er genoß eine strenge Erziehung und wurde früh zu männlicher Thätigkeit angehalten und an das Leben in freier Luft gewöhnt. Sein Schulweg bis Levanger, wo er bis 1873 die Schule besuchte, betrug fast eine deutsche Meile, später kam er ein Jahr auf Trondhjems Lateinschule und von dort nach Kristiania auf die Maribogadens-Schule, wo er bis 1876 blieb. Dann nahm er ein Jahr lang Privatstunden und wurde 1877 Kadett, als solcher kam er in die mittelste (die sogen. zweite) Klasse der damals aus fünf Klassen bestehenden Kriegsschule. Im Jahre 1880 wurde er zum Offizier, im Februar 1882 zum Seconde-Lieutenant und im Sommer 1890 zum Kapitän in der Trondhjemschen Brigade ernannt.

1886 wurde er Premier-Lieutenant in derselben Brigade.

In den Wintersemestern 1882-84 machte er die Centralturnschule in Kristiania durch und bildete sich zum Lehrer in der Gymnastik und Waffenführung aus; im Jahre 1887 wurde er als Hülfslehrer bei dieser Schule angestellt.

Dietrichson hat sich sein Leben lang auf das eifrigste mit allen körperlichen Uebungen beschäftigt. Von Natur hat er einen starken, wohl proportionirten Körper, der durch gute Erziehung stets abgehärtet und entwickelt worden ist.

In den späteren Jahren hat er jeden Winter lange Schneeschuhtouren durch die verschiedenen norwegischen Berggegenden gemacht; er hat auf seinen Schneeschuhen fast alle Thäler zwischen Skien und Trondhjem durchwandert, und es giebt wohl kaum Jemand, der so viel von Norwegen zur Winterszeit gesehen hat, wie er.

Kapitän O. C. Dietrichson


GRÖSSERES BILD

Auf der Expedition gereichten uns die Kenntnisse, die er durch seine militärische Ausbildung erworben hatte, zu großem Nutzen. Er übernahm fast ausschließlich die Führung des meteorologischen Tagebuches, wie auch die ausgeführten Landmessungen und die angefertigten Karten sein Verdienst sind. Mit Selbstaufopferung und großem Eifer unterzog er sich dieser Arbeit, die um so anerkennenswerther ist, wenn man bedenkt, unter welchen Verhältnissen er arbeitete. Vollauf kann das wohl nur Derjenige verstehen, der es versucht hat, bei einer Temperatur von unter -30, seine Beobachtungen zu machen, und sein meteorologisches Tagebuch genau und pünktlich wie gewöhnlich zu führen, selbst wenn man todtmüde ist, und wenn von allen Seiten der Untergang droht, oder zu schreiben, wenn die Finger so von Frost angeschwollen sind, daß man kaum einen Bleistift halten kann. Ja, dazu gehört wahrlich mehr als das gewöhnliche Maß von Energie und Charakter! —

Kristian Kristiansen Trana war nicht mehr als 24 Jahre alt, als er sich der Expedition anschloß. Dies ist freilich ein bedeutend geringeres Alter, als wie ich es zu dergleichen Strapazen für zweckmäßig halte, aber er war muthig und stark und hatte eine ganz außerordentliche Lust zu dem Unternehmen. Auf Sverdrups Empfehlung hin besann ich mich deswegen nicht, ihn mitzunehmen. Ich sollte es auch nicht bereuen, obgleich er sein kräftigstes Alter sicher noch nicht erreicht hatte. Er wurde am 16. Februar 1865 in dem Oertchen Grinna geboren, ein wenig südlich von Trana, dem jetzigen Sverdrupschen Besitz. In seiner Heimath hat er sich hauptsächlich an Forstarbeiten betheiligt, außerdem ist er mehrmals zur See gewesen und hat infolgedessen ein wenig von der Welt gesehen. Er war ein tüchtiger, zuverlässiger Bursche, und wenn Kristian versprochen hatte, irgend etwas auszuführen, so wußte ich stets, daß es gethan wurde. —

Kristian Kristiansen.

Samuel Johannesen Balto ist ein in Karasjok ansässiger Lappe, er war 27 Jahre alt, als er sich auf die Expedition begab. Er war von mittlerer Größe und hatte eigentlich nichts ausgeprägt Lappländisches in seinem Aeußern. Er gehört zu den sogenannten Flußlappen, die gewöhnlich größer von Wuchs sind und stark mit Kvänen (Finnen) vermischt zu sein pflegen. Die meiste Zeit hatte er mit Forstarbeiten verbracht, mehrere Jahre hindurch war er aber auch mit auf Fischfang ausgezogen. Eine Zeitlang hatte er bei den Berglappen gedient und war beim Hüten der Rennthiere behülflich gewesen.

So war er u. a. eine kurze Zeit hindurch Knecht bei Ravna gewesen. Er war ein lebhafter, aufgeweckter Bursche, eifrig bei allem, was er vornahm; er unterschied sich hierin wesentlich von seinem Kameraden Ravna. Dabei besaß er eine große Ausdauer und war stets bereit, bei allem zu helfen, wodurch er für uns von großem Nutzen wurde. Mit seiner fließenden Zunge und seinem gebrochenen Norwegisch war er auch im wesentlichen das erheiternde Element unserer Expedition. —

Samuel Balto. Ole Ravna.

Ole Nielsen Ravna ist ein Berglappe aus der Karasjokgegend und zählte 45 oder 46 Jahre, — er war dessen selber nicht ganz sicher. Sein ganzes Leben lang hat er als Nomade in seinem Zelt gelebt, mit seinen Rennthieren auf den finnmarkischen Feldern umherziehend. Seine Rennthierherde war vor seiner Reise nach Grönland nicht sonderlich groß, — sie zählte zwischen 200 und 300 Thiere. Er war der Einzige von der Expedition, der verheirathet war, — er verließ seine Frau und fünf Kinder. Wie bereits vorhin erwähnt, hatte ich keine Ahnung davon, — ich hatte als Bedingung aufgestellt, daß keiner der Theilnehmer verheirathet sein solle. Wie es die Berglappen in der Regel zu sein pflegen, war er bedeutend phlegmatischer als der jüngere Lappe, er sah es am liebsten, wenn wir uns nicht auf der Wanderschaft befanden, um mit gekreuzten Beinen still in einer Ecke des Zeltes sitzen zu können und nichts zu thun, nachdem er sich vorher gründlich vom Schnee gereinigt hatte. Selten sah man ihn etwas vornehmen, ohne daß er direkt dazu aufgefordert wurde. Er war sehr klein von Wuchs, aber überraschend stark und ausdauernd, obwohl er sich selbst und seine Kräfte stets zu schonen wußte. Er sprach, besonders zu Anfang der Reise, sehr wenig norwegisch, aber infolgedessen konnten seine Bemerkungen oft äußerst komisch klingen und große Heiterkeit hervorrufen. Er konnte nicht schreiben und hatte keinen Begriff von einer so modernen Einrichtung wie einer Uhr, lesen hingegen konnte er, und seine liebste Lektüre war das neue Testament in lappländischer Sprache, von dem er sich niemals trennen wollte.

Beide Lappen waren, wie sie selbst sagten, nur mitgegangen, um Geld zu verdienen, nicht aus Lust an dem Unternehmen oder an Abenteuern. Sie waren im Gegentheil äußerst bange vor dem Ganzen und ließen sich leicht einschüchtern, was ja kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie wenig sie von vorneherein über unsere Pläne unterrichtet waren. Daß sie nicht so unwissend zurückkehrten, kann man u. a. aus Baltos Aufzeichnungen ersehen, von denen auch späterhin einige mitgetheilt werden sollen.

Beide Lappen waren übrigens gutartige und liebenswürdige Menschen. Ihre Treue konnte oft etwas Rührendes haben, und ich habe sie mit der Zeit sehr lieb gewonnen.

[1] Am liebsten wollte ich bei dem unbekannten Scoresbyfjord weiter nordwärts landen. Dazu mußte man jedoch ein besonderes Fahrzeug miethen, und da es voraussichtlich Schwierigkeiten machen dürfte, die hierzu erforderlichen Geldmittel aufzutreiben, habe ich diesen Plan vorläufig aufgegeben.

[2] Als Beispiel kann angeführt werden, daß dort im Sommer 1884 sehr wenig Eis war und die Seehundsfänger die Klappmützen beinahe hart am Lande fingen.

[3] Diese „Truger“ sind aus einem ovalen Holzrahmen gebildet und mit einem Weidengeflecht überspannt. Sie werden in Norwegen viel angewendet, selbst für Pferde.

[4] Auf meine Aufforderung hin schrieb Balto nach unserer Rückkehr den folgenden [Bericht] in lappländischer Sprache. Prof. Fries hat freundlichst einige Theile davon übersetzt, und die Uebersetzung ist so wortgetreu wie möglich gehalten.

Kapitel II.
Die Ausrüstung.

ei Expeditionen von einer Natur, wie die, von welcher hier die Rede ist, hängt selbstverständlich ein glücklicher Ausfall im wesentlichen von der Ausrüstung ab; ja in diesem besonderen Fall würde das Leben der Theilnehmer aufs Spiel gesetzt, wenn die Ausrüstung nicht so war, wie sie sein sollte. Ein Nagel oder eine Fuge, die ihren Zweck nicht erfüllen, können die ganze Expedition aufhalten, ja die allerernstlichsten Folgen nach sich ziehen. Jede noch so kleine Einzelheit muß gewissenhaft geprüft werden, und man darf weder Veränderungen noch Umstände scheuen, bis alles so vollkommen wie möglich ist. Das Ganze erfordert die bedachtsame Ueberlegung einer langen Reihe von Bagatellen, von deren Summe aber der Erfolg abhängig ist; es kann schwerlich zu viel Gewicht darauf gelegt werden. Viele der früheren Expeditionen sind meiner Ansicht nach zu leicht über diesen Punkt hinweggegangen.

Wie bereits erwähnt, war es ursprünglich meine Absicht, falls dies ausführbar sei, Hunde oder Rennthiere zum Ziehen zu benutzen. Der hierdurch entstehende Vortheil ist begreiflicherweise kein geringer, sobald man die Thiere erst glücklich an der Stelle hat, von wo aus die Schlittenfahrt ihren Anfang nehmen soll. Es ist von vielen erfahrenen Männern gesagt worden, daß sich Zugthiere nicht zu langen Schlittenexpeditionen eignen, da die Thiere — sowohl Hunde wie Rennthiere — nur Proviant für sich selber in einem bestimmten Zeitraum ziehen können. Ich verstehe indessen dies Raisonnement nicht, — kann man die Thiere nicht den ganzen Weg benutzen, so steht man sich immerhin gut dabei, sie so lange wie möglich zu benutzen und dann zu schlachten.

Hat man eine genügende Anzahl Thiere — Rennthiere oder Hunde — und nimmt man so viel Proviant für sie mit, wie sie neben der übrigen Ausrüstung der Expedition ziehen können, so kann man mit ihrer Hülfe schnell vorwärts kommen, ohne sich wesentlich anzustrengen. Gleichzeitig hat man den Vortheil, daß man — indem man die Thiere nach und nach schlachtet — sich beständig frisches Fleisch zu verschaffen in der Lage ist. Auf diese Weise bedarf man auch keines so umfangreichen Proviants für sich selber, wie dies sonst nothwendig sein würde. Wenn man dann endlich gezwungen ist, die letzten Thiere zu schlachten, muß man voraussichtlich ein gutes Stück vorwärts gekommen sein, ohne an seinen eigenen Kräften zu zehren; nebenbei hat man den Vortheil, sich die ganze Zeit hindurch an frischem Fleisch satt essen zu können, was von großer Bedeutung ist, da man die Reise nun mit ungeschwächten Kräften fortzusetzen vermag. Mancher wird einwenden, daß dies nicht der Fall sein kann, wenn es sich um Hunde handelt, darauf kann ich aber nur antworten, daß ich aus Erfahrung weiß, welch guter Koch der Hunger ist, und daß Hundefleisch durchaus nicht unschmackhaft ist, — die Eskimos halten es sogar für einen Leckerbissen, — und daß Derjenige, der es unter Umständen wie den hier obwaltenden, nicht zu essen imstande ist, sich nicht als Theilnehmer einer Expedition dieser Art eignet.

Hätte ich gute Schlittenhunde auftreiben können, so würde ich sie unbedingt mitgenommen haben. Die Hunde haben nämlich den großen Vortheil vor den Rennthieren, daß sie bedeutend leichter zu transportiren und nicht schwer zu füttern sind, sie ernähren sich von demselben Proviant wie wir, während die Rennthiere ihren eigenen Proviant haben müssen, der im wesentlichen aus Rennthiermoos besteht, und umfangreich und schwer ist. Es war mir indessen nicht möglich, in der kurzen Zeit, die mir zugemessen war, brauchbare Hunde aufzutreiben, deswegen mußte ich den Gedanken aufgeben. Dann dachte ich an Rennthiere, schrieb deswegen nach Finnmarken, versah mich sogar in Röros mit Rennthiermoos. Aber dann stellte es sich heraus, daß mit ihrer Verfrachtung große Schwierigkeiten verbunden waren, und daß es noch größere Schwierigkeiten machen würde, sie in Grönland an Land zu schaffen. Ich gab deshalb auch die Rennthiere auf und hielt mich nun ausschließlich an die Menschen.

Wenn man jedes Stückchen Brot, welches man essen will, selbst ziehen muß, da ist es ganz natürlich, daß man alles so leicht wie möglich einzurichten sucht; der Proviant, die Geräthschaften, die Kleidung, alles muß auf das geringste Minimum reduzirt werden. Wenn man mit einer solchen Ausrüstung beschäftigt ist, so kommt man schließlich ganz unbewußt dazu, den Werth aller Dinge nach ihrem Mangel an Gewicht zu berechnen, ja selbst wenn es sich nur um ein Taschenmesser handelt, kommt es vor allem darauf an, daß es leicht ist. Man muß sich aber auch hüten, in der Jagd nach Leichtigkeit allzuweit zu gehen, — die Geräthschaften müssen stark sein, denn sie sollen manche harte Probe bestehen. Die Kleidung muß warm sein, Niemand weiß, wie kalt es wird, und der Proviant muß nahrhaft sein und aus verschiedenen Nahrungsmitteln in passendem Verhältniß bestehen, denn uns steht ein schweres Stück Arbeit bevor, weit schwerer als es sich wohl einer der Theilnehmer träumen läßt.

Aufbruch am Morgen auf dem Inlandseise.


GRÖSSERES BILD

Das Wichtigste bei einer Schlittenexpedition ist natürlich der Schlitten. Da im Laufe der Zeiten, besonders von England aus, so viele Schlittenexpeditionen nach den arktischen Regionen veranstaltet sind, so sollte man annehmen, daß der Schlitten auf Grund der auf diese Weise gewonnenen Erfahrungen einen hohen Grad der Entwickelung angenommen haben müsse. Das ist nun freilich nicht der Fall, und man kann sich nicht genug wundern, daß Expeditionen so neuen Datums, wie z. B. die zweite deutsche Nordpolexpedition 1869-70 (nach der Ostküste von Grönland), die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition 1872-74 (nach dem Franz Josef-Land) oder selbst die große englische Nordpolexpedition unter Nares 1875-76 (nach dem Smith Sund) mit so großen, klotzigen, unzweckmäßigen Schlitten ausgerüstet wurden, wie dies der Fall war. Weit besser stand es in dieser Beziehung mit den beiden letzten amerikanischen Expeditionen (1881-84) und derjenigen, die im Jahre 1884 unter Schley und Soleys Leitung zu Greelys Entsatz ausgesandt wurde.

Der gewöhnliche Fehler bei den Schlitten der verschiedenen Expeditionen bestand darin, daß sie zu schwer und zu klotzig gebaut und viel zu groß waren. Wenn man dazu in Betracht zieht, daß sie gewöhnlich viel zu schmale Schienen hatten, so wird es leicht zu verstehen sein, daß sie tief in den Schnee einsanken und oft nur mit größter Schwierigkeit vorwärts zu bewegen waren. Einzelne Expeditionen gebrauchten wohl die in Amerika üblichen toboggans, die aus einem einzigen, vorn erhöhten Brett bestehen. Sie sind gewöhnlich aus Birkenholz oder dergl. und haben eine Länge von 2,5 m und eine Breite von 46 cm oder mehr.

Wir finden diese Schlitten schon im Anfange unsres Jahrhunderts zu Expeditionen benutzt, — beispielsweise führte Franklin solche auf seiner ersten Expedition mit sich. Der englische Reisende Dr. Rae und nach ihm Greely wandten ähnliche, auf beiden Seiten mit ganz schmalen und niedrigen Schienen versehene Schlitten an. Es ist ganz selbstverständlich, daß diese Schlitten sich bei losem Schnee gut auf der Oberfläche halten und sich zu einer solchen Bahn vorzüglich eignen, wenn aber der Schnee ein wenig härter ist, geben sie doch eine zu starke Reibung und sind dann schwer zu ziehen.

Auf den Gedanken, die Schlitten auf breite Schienen zu stellen, sind merkwürdigerweise nur sehr wenige Expeditionen gekommen.

Payer sagt freilich in seinem Buch über die österreichisch-ungarische Expedition, „daß breite Schlittenschienen den Marsch durch tiefen Schnee sehr erleichtern“. Er meint damit Schienen von 2¾ Zoll Breite, — was für uns Norweger etwas ganz Natürliches ist, da wir von alten Zeiten her an die „Skikjälker“ gewöhnt sind. Es sind dies kleine Schlitten, die auf breiten, den Schneeschuhen (Ski) ähnlichen Schienen ruhen und in vielen Gegenden Norwegens von den Schneeschuhläufern sowohl im Walde wie im Gebirge angewendet werden, um Lasten wie Heu, Holz und dergl. zu befördern. Sie werden an einem Seil gezogen, aber durch eine an der Seite befestigte Stange gelenkt, was sehr wichtig ist, um die „Kjälker“ zu verhindern, die Schneeschuhläufer zu überfahren, wenn es in sausender Fahrt den Berg hinabgeht. Die „Skikjälker“ sind über Schweden und Finnland bis nach Sibirien hin verbreitet.[5]

Dieser Kjälke schwebte mir bei der Konstruktion des Schlittens vor, der von uns zur Anwendung gelangte. Derselbe verband die Eigenschaften, die bei einem Schlitten als die wichtigsten betrachtet werden müssen, — er war stark, leicht, hielt sich gut auf der Oberfläche und glitt leicht über den Schnee hin, gleichviel wie derselbe beschaffen war. Außer den norwegischen „Kjälkern“ hatte mir auch der Schlitten vorgeschwebt, der in der Greely-Expedition beschrieben war und dessen sich die Expedition bediente, welche ausging, um Greely zu suchen.[6]

In dem Tischler Christiansen, jetzt in Naes in Telemarken ansässig, fand ich einen tüchtigen und gewissenhaften Mann für die Anfertigung der Schlitten. Er sparte nichts, um meinen Wünschen nachzukommen und das ausgesuchteste Material zu verschaffen. Erst nach zahllosen Aenderungen und Versuchen, — u. a. auf einer Reise über das Gebirge von Bergen nach Kristiania, — entschloß ich mich für die Form, welche wir dann später benutzten.

Alles Holzwerk mit Ausnahme der Schienen war von Eschenholz und aus so zähen Stücken wie nur möglich. Da auserlesenes Eschenholz bekanntlich ein außerordentlich starkes Material ist, konnte das Obergestell der Schlitten sehr leicht und dünn angefertigt werden, ohne doch schwach zu werden.

Die Schienen waren an einigen Schlitten aus Ulmenholz verfertigt, an anderen aus Ahorn, — welche beide Holzarten sich vorzüglich durch ihre Glätte auf dem Schnee auszeichnen. In der Beziehung war es freilich einerlei, woraus sie gemacht waren, denn die Schienen waren mit dünnen Stahlplatten beschlagen, die ich abzunehmen dachte, sobald wir auf losen Schnee kämen, die jedoch mit einer einzigen Ausnahme während des ganzes Weges benutzt wurden.

Folgende [Zeichnung] giebt wohl eine so anschauliche Vorstellung von dem Bau der Schlitten, daß jede weitere Beschreibung überflüssig ist. Es waren gar keine Nägel verwendet worden, alles Zusammenfügen war vermittelst Sorring bewerkstelligt, was den Schlitten elastischer macht, so daß er bei Stößen u. dergl. nachgiebt, wo Nägel in der Regel herausfallen. Die Folge hiervon war auch, daß auf der ganzen Reise nicht das Geringste zerbrochen wurde. Die Länge der Schlitten betrug ungefähr 2,90 m und die Breite etwa 0,50 m. Maß man die Schienen an der Unterseite von einer Spitze zur anderen, so betrug ihre Länge 2,89 m, während die Breite 9,5 cm betrug. Daß sie sowohl hinten wie vorne in die Höhe gebogen waren, gab dem Schlitten eine größere Stärke und Elasticität, und gewährte gleichzeitig den Vortheil, daß man ihn, falls das Vordertheil auf irgend eine Weise beschädigt werden sollte, umwenden und das hintere Ende als Vordertheil benutzen konnte. Die in die Höhe stehende Rücklehne, die man auf der Zeichnung erblickt, war aus einer gebogenen, dünnen Eschenstange gemacht. Sie erwies sich sehr praktisch zum Lenken und Schieben des Schlittens auf schwierigem Terrain, wo eine Person nicht ausreichte, um einen Schlitten vorwärts zu bewegen.

Schlitten der Expedition.

Das Gewicht eines jeden Schlittens ohne die Stahlschienen betrug ungefähr 11,5 kg; mit den Stahlplatten unter den Schienen 13,75 kg. Außer diesen dünnen Stahlplatten war an der Mitte jeder Schiene auf der Innenseite eine schmale, viereckige Stahlstange angebracht, die als eine Art Kiel dienen und bei hart gefrorenem Boden die Schlitten steuern und sie am Schleudern verhindern sollte, welches Letzteres von großer Wichtigkeit ist, wenn man sich über Eisgletschern mit Spalten hinbewegt, wo ein Schlenkern des Schlittens leicht ein Verschwinden in der Tiefe zur Folge haben kann, — und in einem solchen Falle kann man froh sein, wenn man nicht mit in den Abgrund hinabgerissen wird.

Diese Stahlstangen leisteten uns, so lange sie festsaßen, vorzügliche Dienste, da sie aber bei den heftigen Bewegungen der Schlitten auf dem unebenen Terrain in der Nähe der Küste vielen Stößen ausgesetzt waren, wurden sie bald abgerissen, — besonders geschah letzteres, sobald wir in die Kälte hinaufkamen, wo der Stahl so zerbrechlich wurde wie Glas.

Bei künftigen Expeditionen wäre deshalb ein Kiel unter den Schienen, falls man einen solchen benutzen will, auf andere Weise anzubringen, als wir es gethan hatten. Am stärksten würden solche Kiele natürlich sein, wenn sie mit den Stahlplatten aus einem Stück gearbeitet wären, dadurch würden diese aber den Vorzug verlieren, den unsere hatten, nämlich daß sie abgenommen werden konnten, wenn man sich ihrer nicht bedienen wollte.

Wie es aus der Zeichnung hervorgeht, befand sich in der Mitte der Oberfläche der Schienen ein längslaufender Rücken, der ihnen, die des Gewichts halber natürlich dünn waren, die nöthige Steifigkeit und Elastizität gaben.

Die Schlitten waren darauf berechnet, je von einem Mann gezogen zu werden, da es aber bei schwierigem Terrain am richtigsten ist, einen Mann vorauszuschicken, um den besten Weg ausfindig zu machen, ohne daß die Expedition deswegen Halt zu machen braucht, und da es gleichzeitig am schwersten ist, im losen Schnee voranzugehen, so finde ich es am zweckmäßigsten, wenn der erste Schlitten von zwei Männern gezogen wird. Aus diesem Grunde hatten wir nur fünf Schlitten mitgenommen.

Welch ein Vortheil es ist, so viele kleinere Schlitten zu haben statt weniger großer, wie die meisten früheren Expeditionen, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Bei schlechtem Terrain, wo man nur mühselig vorwärts kommt, ist es schwer, die großen Schlitten mit ihrer schweren Last zu handhaben, ja bei unserer Expedition würde es oft geradezu eine Unmöglichkeit gewesen sein, ohne sie abzuladen und die Bagage zu tragen, während wir, wenn wir zu Zweien oder Dreien den Transport eines unserer kleinen Schlitten übernahmen, überall hindurch kommen konnten, ohne umzupacken oder abzuladen. Zuweilen waren wir gezwungen sie ganz und gar, so wie sie waren, zu tragen.

Das Verwandeln unserer Schlitten in Segelschlitten, was mehrmals geschah, ging ohne weiteres vor sich, indem wir zwei oder drei Schlitten nebeneinander stellten und vermittelst einiger Schneeschuhe oder Stäbe zusammenbanden und festschnürten, dann errichteten wir einige eigens dazu mitgebrachte Bambusrohre als Masten. Als Segel benutzten wir unsern Zeltfußboden oder zwei Persenninge. Wenn wir die Schlitten dann mit einer vorn angebrachten Steuerstange — ähnlich einer Wagendeichsel — von Bambusrohr lenkten, so konnten wir auf diese Weise ganz gut segeln. Wenn man bei einer Ausrüstung speciell diesen Punkt ins Auge fassen würde, konnte man sich natürlich noch bedeutend praktischer und zweckmäßiger einrichten, als wir es gethan hatten. Meiner Ansicht nach muß dieser Art und Weise der Beförderung — die auf dem grönlandischen Inlandseis zuerst von dem Amerikaner Peary angewandt wurde — bei künftigen Expeditionen weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als bisher. Besonders dürfte es für die Untersuchung des antarktischen Kontinents von Bedeutung werden.

Für eine Expedition wie die unsere ist selbstverständlich die Konstruktion der „Ski“ von ebenso großer Wichtigkeit wie die der Schlitten. Da ich aber im nächsten Kapitel unsere Ski eingehender besprechen werde, so will ich vorläufig nur darauf hinweisen. Außer den „Skiern“ führten wir auch indianische Schneeschuhe und norwegische Truger mit uns.

Die indianischen Schneeschuhe bestehen bekanntlich aus einem Flechtwerk von Thiersehnen (am häufigsten vom amerikanischen Elenthier), die in einen Rahmen von zähem Holz (Eschenholz oder dergl.) gespannt werden. Unsere Schneeschuhe hatten eine Länge von 1,06 m und eine Breite von 39 cm.

Die norwegischen Schneeschuhe oder, wie wir sie nennen, „Truger“ waren aus Weidenflechtwerk angefertigt und hatten eine Form, wie aus umstehender Zeichnung ersichtbar ist. Sie waren klein und hatten nur eine Länge von ungefähr 89 cm und eine Breite von ca. 26 cm.

Die Truger werden in einzelnen Gegenden Norwegens nicht selten im Winter wie im Frühling verwendet. Besonders sind sie bei Frühlingswetter besser zu gebrauchen, als die Ski. Die hauptsächliche Verwendung finden die Truger jedoch in vielen Gegenden des Landes für die Pferde. Diese Pferdetruger gleichen völlig den Menschentrugern, nur ist die Befestigung selbstverständlich ein wenig anders und der Form der Pferdehufe angepaßt. Unsere Fjordpferde lernen es sehr bald, auf Trugern zu gehen, und können infolgedessen mit großem Nutzen auf schneeigem Terrain verwendet werden, wo andere Pferde eine Unmöglichkeit sind.[7]

Norwegischer Truger oder Lappenschuh.

Schneeschuhe, sowohl indianische wie norwegische, stehen natürlich unter gewöhnlichen Verhältnissen weit hinter den Skiern zurück, d. h. falls ein Mann diese letzteren zu benutzen versteht. Wenn ich trotzdem Schneeschuhe mitnahm, so geschah das aus dem Grunde, weil ich glaubte, sie würden dort zweckmäßiger sein, wo es darauf ankam, die schweren Schlitten die Hügel hinauf zu ziehen. Hierzu wurden sie denn auch verwendet, — ich selber gab den indianischen den Vorzug, ebenso einzelne der anderen Norweger. Einer von ihnen konnte sich jedoch nicht mit ihnen aussöhnen. Es erfordert nämlich ein wenig Uebung, um sich ohne zu straucheln auf ihnen bewegen zu können. Er bediente sich dann der norwegischen Truger, mit denen er freilich bedeutend tiefer in den weichen Schnee hineinsank.

Lange fanden die Schneeschuhe überhaupt nicht Anwendung, bald schnallten wir die Ski an und fanden, daß diese, selbst wenn es bergan geht, vorzuziehen sind.

Das Boot der Expedition.

Einen Vorzug haben allerdings die Schneeschuhe vor den Skiern, falls unter diesen kein Fell ist, nämlich den, daß sie auch bei Thauwetter benutzt werden können, wenn der Schnee ballt und sich unter den Skiern festhängt. Ein zweiter Vorzug besteht darin, daß die Schneeschuhe bedeutend leichter zu tragen sind als die Skier.

Um ein zweckmäßiges Boot zu erhalten, das leicht genug war, um über das Meereis gezogen zu werden, und dabei doch stark genug, um die vielen Stöße aushalten zu können, denen es zwischen den launenhaften Treibeisschollen ausgesetzt sein würde, — ließ ich ein besonders für diesen Zweck berechnetes in Kristiania bauen.

Die ganze Länge des Bootes betrug 5,96 m, die größte Breite 1,88 m, die inwendige Tiefe 0,63 m. Die Vertäfelung des Bootes bestand aus einer doppelten Haut, von denen jede 10 mm dick war, und einer Zwischenlage von dünnem Segeltuch. Die innere Vertäfelung bestand aus Fichtenholz, die äußere aus norwegischem Eichenholz, beide auf das sorgfältigste zusammengefügt. Die Bänder oder Spanten waren aus gebogenem Eschenholz, 26 mm breit und 13 mm dick, mit einem Abstand von 15¹⁄₇ mm voneinander. Auf der unteren Seite befand sich zu beiden Seiten des Kieles je eine Schiene von Fichtenholz, die darauf berechnet waren, das Boot während des Transportes über das Eis zu stützen. Das Boot war sehr zweckmäßig gebaut, es war stark und dabei elastisch genug, um dem Druck der Eisschollen nachzugeben. Ich bin jedoch geneigt, eine einfache Vertäfelung der doppelten vorzuziehen, da das Boot dadurch leichter zu steuern ist und die doppelte Vertäfelung leicht Wasser aufnimmt und das Boot dadurch schwerer macht. Außerdem ist ein Boot ohne Schienen einerseits ebenso leicht über das Eis zu transportiren, während andrerseits bei einem Boot mit Schienen die letzteren leicht in die Klemme gerathen, wenn sich das Eis zusammenstaut, und dadurch das Boot zerstören.

Ein wichtiger Ausrüstungsgegenstand für alle arktischen Expeditionen ist der Schlafsack. Für eine Expedition wie die unsere war die Natur des Stoffes, aus welchem diese Säcke verfertigt werden sollten, natürlich von größter Wichtigkeit. Ein solcher Sack mußte so leicht wie möglich sein und dabei doch genügend Wärme gewähren. Auf früheren Expeditionen hat man theilweise Wolle oder Filz dazu verwendet, theilweise verschiedene Fellarten. Der wollene Stoff gewährt natürlich den Vortheil, den Schweiß besser hindurch zu lassen, als wie es bei Fellen der Fall ist; auf diese Weise kondensirt sich die Feuchtigkeit bei starker Kälte nicht in dem Grade, wie in einem aus Fellen bestehenden Sack, — auf der anderen Seite aber hat der Wollstoff den großen Fehler, daß er im Verhältniß zu seiner Wärme viel zu schwer ist. Ich ging eine Zeitlang mit dem Gedanken um, wollene Schlafsäcke zu versuchen, aber ich fand, daß sie zu wenig Wärme gaben, und ich fürchte, daß, wenn wir uns wirklich derselben bedient hätten, wir kaum die Westküste Grönlands lebendig erreicht haben würden.

Die halbe Expedition in ihrem Schlafsack.

Nach verschiedenen Versuchen entschied ich mich endlich für Schlafsäcke aus Rennthierfell, als das zweckmäßigste, was für den Augenblick aufzutreiben war. Das Rennthierfell ist im Verhältniß zu seinem Gewicht das wärmste aller mir bekannten Fellarten, besonders ist das Winterfell des Rennthierkalbes äußerst leicht und warm. Dies konnte ich jedoch leider nicht mehr rechtzeitig auftreiben, weshalb ich mich mit dem Fell von „Simlern“ (Rennthierkühen), das bedeutend schwerer ist, begnügen mußte. Eine Schattenseite bei den Rennthierfellen ist natürlich die, daß die Haare sich leicht abscheuern, wie es auch nicht viel Wasser verträgt, ohne daß die Haare ausfallen. In der Beziehung ist Hundefell weit besser und stärker, die Wärme des Rennthierfelles erreicht es freilich nicht. Noch besser als Hundefell ist Wolfsfell, das nur den einen Fehler hat, sehr kostbar zu sein. Das Fell unserer Schlafsäcke hielt während der ganzen Reise und auch den Winter auf der Westküste gut vor. Es war für unsern Zweck vom Kürschner Brandt in Bergen besonders präparirt und ich hatte allen Grund, damit zufrieden zu sein.

Wir hatten zwei Schlafsäcke, von denen jeder so eingerichtet war, daß er drei Mann fassen konnte. Dies ist sehr zweckmäßig, indem ein Sack für drei Mann natürlich bedeutend leichter ist, als drei „einschläfrige“ Säcke, und außerdem ist ein solcher viel wärmer, indem drei Männer in demselben Sack sich gegenseitig erwärmen.

Einen noch größeren Vortheil würde man in dieser Hinsicht durch einen Sack für die ganze Expedition erzielt haben. Dies mochte ich jedoch nicht wagen, denn wenn der Schlitten, auf welchem dieser eine Sack lag, in eine Eisspalte fiel, so würden wir ohne jeglichen Schutz gegen die Nachtfröste dastehen, während wir — falls einer der dreischläfrigen Säcke verloren ging — doch nicht rathlos waren, zur Noth konnten nämlich vier Mann in dem einen Sack schlafen; man hätte dann allerdings abwechseln müssen.

Nach oben zu waren die Säcke mit einem mützenartigen Deckel versehen, die vermittelst zweier Riemen zugezogen werden konnten. So lange die Kälte nicht allzu fühlbar war, pflegte es mit diesen geschlossenen Deckeln warm zu werden, sobald es aber kälter wurde, waren wir froh, soweit zuschnüren zu können, als die Riemen reichten.

Durch die Spalte, welche trotzdem blieb, hatten wir immerhin Ventilation genug. Von der kühlen Nachtluft, die in Grönlands Innerem weht, brauchte nicht viel in die Säcke zu dringen, um die Kälte empfindlich werden zu lassen. Um die Schlafsäcke gegen Feuchtigkeit zu schützen, hatte ich Bezüge aus dünnem Wachstuch anfertigen lassen, — sobald wir aber auf das Inlandseis kamen, wurden diese Bezüge kassirt.

Luftkissen aus Kautschuck als Unterlage für die Säcke hielt ich nicht für nothwendig, da die Säcke aus Rennthierfell waren; und da diese Luftkissen ziemlich schwer sind, ist es natürlich ein Vortheil, wenn man sie entbehren kann.

An Kleidungsstücken hatten wir, mit Ausnahme einiger Reservegegenstände, nicht viel mehr mit, als das, worin wir die ganze Zeit, seit wir Norwegen verlassen hatten, gingen und standen. Ausgenommen zwei „Päsker“ (Pelze) mit dazu gehörigen Beinkleidern aus Rennthierfell, welche die Lappen mithatten, und einer kleinen, mit Eichhornfell gefütterten Jacke, die ich mitnahm, freilich fast ohne Verwendung dafür zu haben, hatten wir keinerlei Pelzbekleidung mit, sondern waren von Kopf bis zu Fuß in Wolle gehüllt. Am bloßen Leibe trugen wir dünne, wollene Hemden und ebensolche Unterbeinkleider, dann kam eine dickere isländische wollene Unterjacke und darauf das Oberzeug, das aus einer Jacke für den Oberkörper, Kniebeinkleidern und Schneesocken für die Beine bestand und aus norwegischem Fries verfertigt war. Diese Bekleidung erwies sich als äußerst praktisch. Wollenes Zeug ist bei Strapazen, wie überall, das gesundeste, indem es der Transpiration freien Durchgang gewährt, wogegen Leinen, Baumwolle sowie Fellbekleidung dieselbe hemmen. Vor allen Dingen mußten wir es natürlich vermeiden zu schwitzen, da dies bei starker Kälte leicht eine Abkühlung mit nachfolgendem Erfrieren zur Folge haben kann. Wir mußten deshalb lieber allmählich, wenn wir warm wurden, von unsern Bekleidungsstücken ablegen, und so konnte es sich ereignen, daß die Mitglieder der Expedition bei einer Kälte von 20-30 Grad nur mit einer wollenen Unterjacke bekleidet waren und dabei schwitzten wie an einem Sommertage.

Bei Wind, sowie in Schnee- und Regenwetter pflegten wir über den wollenen Anzügen ein leichtes Kostüm von einer Art dünnem, braungefärbten Segeltuch oder ähnlichem Stoff zu tragen, das so imprägnirt sein sollte, daß es wasserdicht war, was übrigens keineswegs der Fall war. Bei Wind und in Schneewetter war dies Kostüm freilich ausgezeichnet, und wir benutzten es viel auf dem Inlandseise, es schützte vorzüglich gegen das feine Schneegestöber, das dem Staube gleicht und in alle Poren des wollenen Zeuges dringt, um es schließlich, wenn es schmilzt, völlig zu durchnässen.

An der Jacke dieses Segeltuch-Kostüms war eine Kapuze angebracht, die man über den Kopf ziehen konnte und die so groß war, daß man das ganze Gesicht damit bedecken und es auf diese Weise vortrefflich gegen den Wind schützen konnte, der bei der scharfen Kälte oft sehr beißend und durchaus nicht ungefährlich für Wangen und Nase war.

Durch unebenes Eis in der Nähe der Westküste. 23. September 1888.


GRÖSSERES BILD

Als Fußbekleidung benutzten wir außer gewöhnlichen Schuhen („Pechdrahtschuhen“) auch die in Norwegen allgemein bekannten „Lauparsko“, die aus rohen Häuten oder — wie die unseren — aus gegerbtem Leder verfertigt sind. Die Sohlen bestehen aus einem Stück weichen Leders, das an den Seiten in die Höhe gebogen und mit einem Stück Oberleder auf der Oberfläche des Fußes zusammengenäht ist, ungefähr auf dieselbe Weise, wie die Lappen und Finnen mit ihren „Komagern“ und die Eskimos mit ihren „Kamikern“ verfahren. Etwas Aehnliches habe ich übrigens auch auf Island gesehen, obwohl die Schuhe hier häßlicher und klotziger gemacht waren, als bei uns. In diesen „Lauparschuhen“ trugen wir ein Paar dicke, gewalkte wollene Strümpfe, sowie ein Paar dicke Ueberstrümpfe von Ziegenhaar, das außer dem Vorzug, daß es warm hält, auch, gleich dem Queckgras (carex vesicaria) der Lappen, die Eigenschaft besitzt, alle Feuchtigkeit an sich zu ziehen und die Füße trocken zu halten.

Lauparschuh.

Diese Lauparschuhe eignen sich vorzüglich als Fußbekleidung bei Benutzung von Ski und Truger. Sie sind stärker als „Hautschuhe“ (Hudsko[8]) und „Finnenschuhe“, haben aber den Nachtheil, nicht so warm zu sein wie diese. So konnte es z. B. vorkommen, daß wir am Abend Mühe hatten, die Schuhe von den Füßen zu ziehen, indem Strümpfe, Ueberstrümpfe und Schuhe fest aneinander gefroren waren. Die beiden Lappen hatten jeder zwei Paar Finnenschuhe mit und noch eines außerdem, welches von dem jüngsten Lappen zum Geschenk für mich bestimmt war. Diese Finnenschuhe sind, wenn sie gut sein sollen, aus der Haut der Beine des Rennthierochsen gemacht; die Fellstücken werden mit den Haaren möglichst 24 Stunden in eine starke Borkenlauge (von Birkenrinde oder dergl.) gelegt, oder auch mit Theerwasser gegerbt. Das Fell der Hinterbeine wird zu den Sohlen und Seiten verwendet, während aus dem Fell der Vorderbeine die Oberstücke verfertigt werden. Diese Fellstücken werden so zusammengenäht, daß die Haare nach außen wenden. Aehnliche Schuhe verfertigt man auch aus dem Stirn- und Kopffell der Rennthiere. Diese Schuhe, die gewöhnlich „Skaller“ genannt werden, sind wärmer, als die vorhin erwähnten, aber nicht so haltbar.

Diese Finnenschuhe, bei denen also die Haare nach außen stehen, sind sehr warm und eignen sich vorzüglich zum Skilauf. Die Lappen füllen sie mit Queckgras (carex vesicaria) und stecken ihre Füße nackt ohne Strümpfe hinein. Der Grund, weshalb ich nicht selber solche für die Mitglieder der Expedition mitgebracht hatte, lag in meiner Befürchtung, daß sie der Nässe zu sehr ausgesetzt sein würden, was sie nicht vertragen können. Die Finnenschuhe müssen in der Beziehung sehr sorgfältig behandelt werden, wenn sie nicht sehr bald ruinirt werden sollen. Von Feuchtigkeit merkten wir freilich nicht viel. Die Finnenschuhe, die ich von Balto erhielt, zog ich einige Meilen von der Ostküste entfernt an und benutzte sie fast den ganzen Weg bis zur Westküste, dann trug ich sie während des Winters viel, und selbst als ich sie nach Norwegen mit zurückbrachte, waren sie nicht verschlissen. Das ist sehr viel, wenn man in Betracht zieht, daß sie nicht neu waren, als ich sie erhielt, — Balto hatte sie schon während des vorhergehenden Winters benutzt. Ich überzeugte mich auf diese Weise zur Genüge von der Zweckmäßigkeit der Finnenschuhe auf Reisen wie der unsern und kann sie für solche Zwecke auf das wärmste empfehlen. Sie wiegen ganz verschwindend wenig, so daß man, ohne es zu merken, ein oder zwei Paar als Reserve mitnehmen kann. Wie bereits erwähnt, müssen sie freilich, wenn sie halten sollen, gut behandelt werden, — sind sie naß geworden, so soll man sie am liebsten vor dem Schlafengehen umwenden, so daß die Haarseite nach innen kommt, sie dann anziehen und die Nacht über damit liegen. Auf diese Weise trocknet die Fellseite, und das ist das wichtigste, um das Ausfallen der Haare zu vermeiden.

An den Händen trugen wir große wollene Fausthandschuhe, sogen. „Lovanter“, über diese pflegten wir bei starker Kälte oder bei Wind große Fausthandschuhe aus Hundefell, mit der rauhen Seite nach außen gekehrt, zu tragen. Die Lappen benutzten gewöhnliche „Lappevanter“ aus Rennthierfell mit der Haarseite nach außen. Wenn man diese Handschuhe mit Queckgras füllt, wie die Finnenschuhe, so sind sie sehr warm. Für die Benutzung und Behandlung von Instrumenten und Zeichengeräthschaften brachte ich wollene Fingerhandschuhe mit.

Auf den Köpfen hatten wir Mützen aus wollenem Stoff, die zum Herunterklappen über Ohren und Nacken eingerichtet waren. Außerdem hatten wir Kapuzen von Fries und die bereits oben [erwähnten Kapuzen] an unsern Segeltuchjacken. Wenn wir dies alles aufhatten, so war unser Kopf gegen die schärfste Kälte, ja, gegen den beißendsten Wind wohlverwahrt.

Von großer Bedeutung für eine Schlittenexpedition sind Schneebrillen, um einer Schneeerblindung vorzubeugen. Was es zu bedeuten hat, wenn man eine solche Kleinigkeit vergißt, davon giebt Majsejews Expedition nach Novaja Semlja im Jahre 1839 ein deutliches Beispiel, indem der Mangel an Schneebrillen die Ausführung der ganzen Expedition verhinderte. Wir wandten Brillen aus dunklem, rauchfarbigem Glas an, theils ohne, theils mit Körben von Drahtgeflecht an den Seiten, um gegen das von unten und von den Seiten eindringende Licht zu schützen. Ich selber benutzte hauptsächlich eine Brille von letzterer Form, die ich von Nordenskjöld erhalten hatte und die ich vorzüglich fand.

Unsere hölzerne Schneebrille.

Außer diesen Brillen mit dunklem Glas wurden auch Brillen von schwarzem Holz, die vor jedem Auge eine horizontale Spalte hatten, benutzt, ähnlich den Brillen, deren sich verschiedene Polarvölker bedienen. Diese Form von Brillen ist außerordentlich zweckmäßig und hat den Vorzug vor den anderen, daß sie keine Gläser haben, welche bei feuchter Luft beschlagen und den Augen hinderlich sind. Auf der anderen Seite dagegen haben sie den Nachtheil, daß sie den Gesichtskreis sehr beschränken. Besonders wenn man sich auf Schneeschuhen bewegt, hat es seine großen Schattenseiten, den Boden unter sich nicht sehen zu können. Diesem Uebelstande könnte vielleicht durch eine vertikale Spalte, die quer über die horizontale läuft, abgeholfen werden.

Unser Zelt, das Lieutenant Ryder in Kopenhagen mir freundlich verschafft hatte, ließ ich so einrichten, daß es in fünf Stücken voneinander genommen werden konnte, — es bestand aus zwei Seitenstücken, zwei Endstücken und dem Boden, der aus wasserdichtem Segeltuch verfertigt war. Bei dieser Einrichtung war ich darauf bedacht gewesen, alle Theile des Zeltes während einer Segelfahrt als Segel für unsere Schlitten benutzen zu können, aber die Seiten- und Endstücke des Zeltes waren von so dünnem, leichtem Baumwollstoff, daß ich fürchtete, der Wind könne sie zerreißen, und es würde, gelinde gesagt, unangenehm gewesen sein, auf die Weise das Zelt einzubüßen, obendrein bei einer solchen Kälte und einem solchen Schneegestöber, wie wir es hatten. Der Baumwollstoff, aus dem das Zelt bestand, leistete uns übrigens vorzügliche Dienste, sowohl gegen Regen als auch gegen Wind und Schnee, und da es nothwendig ist, daß das Zelt des Gewichtes halber aus so dünnem Stoff wie möglich angefertigt ist, so möchte ich künftigen Expeditionen den Rath geben, das ganze Zelt mit dem Fußboden, der freilich gleich dem unseren aus wasserdichtem Segeltuch bestehen muß, zu einem einzigen zusammenhängenden Stück zusammennähen zu lassen; dies erhält so die Form eines Sackes und hat nur eine einzige Oeffnung, nämlich die Zeltthür, und zwei Löcher im Boden für die Zeltstangen, welche durch diese hindurch in den Schnee festgerammt werden. Ist das Zelt auf diese Weise eingerichtet, so kann man den starken Segeltuchboden ebenso gut als Segel benutzen, indem man das übrige dünne Zelttuch zusammengebunden an der Vorderseite herabhängen läßt; hierdurch vermeidet man die Unannehmlichkeit, unter der wir litten, daß nämlich durch die Ritzen, welche infolge des Zusammenschnürens der verschiedenen Stücke entstehen, der Schnee ins Zelt hineindringt. Bei uns war das weniger praktisch eingerichtet, und es konnte bei Schneegestöber vorkommen, daß wir, wenn wir am Morgen die Köpfe aus den Schlafsäcken heraussteckten, diese vollständig mit Schnee bedeckt fanden. Der Raum in unserem Zelt war gerade groß genug, daß unsere beiden dreischläfrigen Schlafsäcke Platz auf dem Fußboden hatten, wenn sie so hingelegt wurden, daß die Oeffnung des einen nach derselben Richtung hin lag wie der Boden des anderen Sackes. Die Zeltstangen, drei an der Zahl, zwei aufrecht stehende und eine, welche längs des Firstes lag, waren aus Bambusrohr und erwiesen sich als sehr brauchbar, — die beiden kleineren wurden natürlich auch zu Skistäben verwendet. Die Pardunen wurden vermittels eiserner Haken befestigt, die eine breite blattförmige Klammer hatten, welche Widerstand gegen den Schnee leisten konnte. Das genaue Gewicht unseres Zeltes, nachdem ich es durch verschiedene Aenderungen bedeutend verringert hatte, ist mir leider entfallen. Ich entsinne mich jedoch, daß es mit Pardunen, Zelthaken und Stangen ein Gewicht von 8 Kilogramm nicht überstieg.

Es stand sehr fest im Schnee, bei stürmischem Wetter befürchteten wir freilich mehrfach, daß es springen würde, und ich möchte deswegen gute Sturmpardunen empfehlen, — wir hatten allerdings auch einige, aber ein paar davon sprangen oben beim Befestigungspunkt und waren nachher nicht wieder auszubessern.

Der Kochapparat spielt auf einer Schlittenexpedition eine äußerst wichtige Rolle, denn er soll uns, wenn alles gefroren ist, jeden Tropfen Trinkwasser liefern, den wir nicht vermittelst unserer Leibeswärme schmelzen können. Vor allen Dingen kommt es bei dem Kochapparat darauf an, daß er das Brennmaterial vollständig ausnützt, das heißt, daß es so vollständig wie möglich verbrennt und so die dadurch entwickelte Wärme bis aufs Aeußerste ausgenutzt wird. Das Gewicht eines der wichtigsten Theile der Bagage kann dadurch auf ein Minimum reducirt werden.

Als Brennmaterial steht zweifelsohne der reinste Spiritus unübertroffen da. Außer anderen Vorzügen wie Reinlichkeit etc. hat er den — wenigstens in der Praxis — im Verhältniß zu seinem Gewicht die größte Wärme zu geben. Zwei Schattenseiten sind jedoch damit verknüpft, einmal, daß er infolge seiner Eigenschaft als Flüssigkeit leicht verschüttet werden kann, was jedoch durch sichere Behälter und starke Hähne, sowie eine vorsichtige Behandlung zu vermeiden ist, — ferner daß er trinkbar ist und unter kritischen Verhältnissen zu einer großen Versuchung, selbst für den Besten werden kann. Dies läßt sich freilich verhindern, indem man ihn durch Zusatz von Methyl-Alkohol unschmackhaft macht, wie wir es thaten.

Kochapparat.

Die Idee zu unserem Kochapparat hatte ich ursprünglich demjenigen entnommen, der bei Greelys Expedition (s. seinen Bericht S. 207) angewandt wurde, und nach mehreren mit meinem Freund Kand. L. Schmelek in dessen chemischem Laboratorium angestellten Versuchen blieben wir bei dem in obenstehender [Figur] abgebildeten Apparat stehen. Die Einrichtung wird aus dieser Zeichnung hoffentlich leicht ersichtlich sein. Der unterste Raum enthält eine Spirituslampe mit sechs Dochten. Die Luft dringt durch im Boden befindliche Oeffnungen in solcher Menge ein, daß sie eine vollständige Verbrennung bewirkt, gleichzeitig muß sie durch die Flammen oder in der Nähe derselben passiren und wird auf diese Weise verbrannt oder erwärmt, so daß keine kalte Luft in den Apparat hinein kommen kann. Ist letzteres aber nothwendig, z. B. falls der Wärmeraum oder der Spiritusbehälter zu stark erhitzt wird, was leider oft bei uns der Fall war, so läßt sich durch Oeffnen von drei Löchern in den Seiten des Wärmeraums kalte Luft neben den Flammen zuführen. Das Kochgeschirr, das auf den Wärmeraum gesetzt wird, ist aus verzinntem Kupfer. Es ist hoch und cylinderförmig, durch die Mitte geht ein gleichfalls aus Kupfer bestehender Schornstein, durch den die erwärmte und verbrannte Luft aus dem Wärmeapparat bis unter den Boden eines breiten, flachen Kupfergeschirres aufsteigt, das auf dem Kochgeschirr steht und nur zum Schmelzen von Schnee dient. Nachdem die Luft jedenfalls einen großen Theil ihrer Wärme dem Schornstein im Kochapparat und dem Boden des Gefäßes, das darüber steht, mitgetheilt hat, entweicht sie dann wieder durch Löcher an den Seiten unter diesem Geschirr.

Der untere Kochtopf wie das obere Gefäß sind an den Seiten durch dicken Filz beschützt, das obere Gefäß ist außerdem mit einem Deckel bedeckt.

Bei Schnee von ungefähr -40° C. und einer Luft von ungefähr gleicher Temperatur bedurfte es etwa einer Stunde, bis ich das Kochgefäß mit kochender Schokolade und das obere Geschirr mit Wasser gefüllt hatte, dessen Temperatur ein wenig über dem Schmelzpunkt betrug. Ich hatte dann volle 5 Liter Schokolade und nicht ganz 4 Liter Wasser. Hierzu hatte ich, wenn ich vorsichtig war, ungefähr 0,35 Liter Spiritus oder ein wenig mehr verbraucht.

Bei einigen Versuchen, die von Professor Sophus Torup nach unserer Rückkehr auf dem physiologischen Laboratorium in Kristiania angestellt sind, hat es sich gezeigt, daß unser Kochapparat selbst unter günstigen Verhältnissen nur 52% von dem Brennwerth des verbrauchten Alkohols ausnutzt, — was eine sehr schlechte Ausnutzung des Brennmaterials bedeutet. Frühere Expeditionen sind doch in dieser Beziehung kaum günstiger gestellt gewesen.[9] Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Spiritusverbrauch durch fortgesetzte Verbesserungen in bedeutendem Grade verringert werden könnte.

Um auch die Körperwärme zum Schmelzen zu verwerthen, hatte jeder Mann eine Flasche von dünnem Eisenblech zum Füllen mit Schnee bei sich, die man infolge ihrer flachen, abgerundeten Form ohne alle Beschwerde auf der Brust tragen konnte.

Der Proviant einer Schlittenexpedition muß im wesentlichen aus getrockneten Nahrungsmitteln bestehen, da diese im Verhältniß zu ihrem Gewicht am nahrhaftesten sind. Hermetische Sachen sind zwar gesunder und leichter zu verdauen, haben aber ein zu großes Gewicht, so daß man sie nur in geringem Maßstabe verwenden kann.

Ich hatte im voraus berechnet, daß wir pro Tag ¼ kg oder etwas mehr gedörrtes Fleisch, ein eben solches Quantum Fett, sowie ein etwas größeres Quantum gedörrtes Brot gebrauchen würden, dazu kamen dann verschiedene andere Sachen wie Schokolade, Zucker, Fleischpepton, Erbsensuppe etc., so daß sich die Ration pro Kopf täglich auf ein Kilogramm oder ein wenig mehr feste Nahrung belaufen würde.

Unsere Tagesration pro Mann würde ungefähr folgendermaßen lauten: 200 gr Albuminstoff, 240 gr Fett, 230 gr Mehlstoff und Zucker. Nun berechnet man nach zahlreichen angestellten Versuchen, daß ein stark arbeitender Mann, z. B. ein preußischer Soldat bei strengem Dienst zu seiner Ernährung

191 gr Albuminstoff,
63 gr Fett,
607 gr Mehlstoff und Zucker

gebraucht.

Zieht man in Betracht, daß 100 gr Fett an Nährwerth 230 gr Mehlstoff oder Zucker entsprechen, so würde unsere Tagesration sich im Vergleich hiermit folgendermaßen gestellt haben:

200 gr Albuminstoff,
63 gr Fett,
637 gr Mehlstoff und Zucker

Da nun infolge der starken Kälte, der wir ausgesetzt waren, das Bedürfniß nach Kohlehydraten stieg, dürfte unbestritten bleiben, daß unsere Tagesrationen nicht als überreichlich angesehen werden können, doch glaube ich, daß sie trotzdem ausreichend gewesen wären, wenn wir nur die verschiedenen Stoffe in dem angegebenen Verhältniß gehabt hätten. Aber infolge eines Mißverständnisses schlich sich in unsere Verproviantirung ein Fehler in Form eines Mangels an Fettstoff ein, der uns auf höchst unangenehme Weise fühlbar werden sollte. Herr Beauvais in Kopenhagen, der uns unser Pemikan (gedörrtes Fleisch mit Fett vermischt) liefern sollte, hatte mir mitgetheilt, daß er Pemikan auf amerikanische Weise zubereite. Ich hatte keine Gelegenheit, mündlich mit ihm hierüber zu sprechen, da ich aber von der Voraussetzung ausging, daß sein Pemikan wie das gewöhnliche amerikanische zur Hälfte oder zum Dritttheil aus Fett und im übrigen aus gedörrtem Fleisch bestehe, so bestellte ich das berechnete Quantum bei ihm. Im letzten Augenblick auf der Durchreise durch Kopenhagen erfuhr ich indessen, daß sein Pemikan sorgfältig von allem Fett gesäubert sei. Dies war eine unangenehme Ueberraschung, da ich aber ein ziemliches Quantum Butter und Leberpastete mitgenommen hatte, so dachte ich, daß wir trotzdem fertig werden könnten. Das hielt jedoch ziemlich schwer, und so kam es denn, daß wir von einem förmlichen Heißhunger nach Fett verzehrt wurden, von dem sich Niemand, der es nicht durchgemacht hat, eine Vorstellung machen kann. Beauvais’ gedörrtes Fleisch war übrigens vorzüglich.

Auf Kapitän Hovgaards Rath machte ich einen Versuch mit Beauvais’ Leberpastete, die ich jedoch ganz unzweckmäßig für eine Schlittenreise fand, denn erstens ist sie im Verhältniß zu ihrem Nahrungswerth zu schwer, und zweitens enthält sie Wasser, welches friert und sie in der Kälte so hart macht, daß wir mehrere Messer daran zerbrachen und schließlich unsere Zuflucht zu der Axt nahmen, doch mußten wir dann herumlaufen, um die Stücken aufzusammeln, die weit über die Schneefläche hinsprangen.

Aeußerst zweckmäßig ist Rousseaus Fleischpulver-Schokolade, welche die beiden guten Eigenschaften, nahrhaft und schmackhaft zu sein, verbindet. Ich führte davon 20 Kilogramm mit mir, die bei dem Fabrikanten in Paris bestellt waren. Nach der angegebenen Analyse soll diese Schokolade nicht weniger als 20% Fleischpulver enthalten; wir verzehrten sie in kleinen Portionen während des Marsches, und sie wirkte außerordentlich belebend auf uns. Mit genügend Fett daneben müßte sie ausgezeichnet sein. Sie ist nach meiner Erfahrung sehr leicht verdaulich, was das Pemikan nicht ist. Dies hat sowohl seine Schattenseiten wie seine Vortheile. Ist ein Stoff zu leicht verdaulich, so wird er gleich in den Körper aufgenommen, und der Magen ist bald wieder leer, man hat das Gefühl wieder hungrig zu sein, deshalb muß man häufiger essen. Auf der anderen Seite ist ein Stoff wie das Pemikan sicher für manchen Magen zu schwer verdaulich, infolgedessen geht eine Menge Nahrung durch den Ernährungskanal, ohne ausgenutzt zu werden.

Im ganzen muß es als absoluter Vorzug für eine arktische Expedition betrachtet werden, daß die Nahrungsmittel so leicht verdaulich wie möglich sind, man muß daher bestrebt sein, sich solche in so ausgedehntem Maße wie möglich zu verschaffen. Der Nutzwerth der verdaulichen Stoffe ist im Verhältniß zu ihrem Gewicht weit größer als der von weniger leicht verdaulichen Stoffen.

Als Brot verwandten wir theils schwedisches „Knäkkebröd“, das sehr leicht ist und den Vorzug hat, nicht trocken zu schmecken und dadurch die Empfindung des Durstes zu erregen, theils Fleischkakes, die wir extra in England bestellen mußten, und die außer Mehl noch einen bestimmten Prozentsatz Fleischpulver enthalten. Diese Kakes sind wohlschmeckend und zugleich sehr nahrhaft.

Als warmes Getränk, was zwar keine Nothwendigkeit, aber doch eine große Annehmlichkeit ist, verwendeten wir des Morgens gewöhnlich Schokolade und des Abends Erbsensuppe. Die Schokolade wurde selbstverständlich nicht aus Fleischschokolade bereitet, die nur roh verzehrt wurde, sondern ausschließlich aus Vanilleschokolade. Zur Erbsensuppe benutzten wir die deutsche Erbswurst von A. Schörke & Co. in Görlitz. Auch Bohnenwurst und Linsenwurst benutzten wir. Diese Präparate enthalten außer gemahlenen Erbsen, Bohnen oder Linsen auch Speck und Schinken. Ich versuchte ein ähnliches Londoner Fabrikat, doch war es nicht wie das deutsche mit Fett gemischt, was dies so wohlschmeckend für uns machte.

Wir hatten ferner Kaffee und Thee mitgenommen, den ersteren in Form von Kaffeeextrakt in einem Quantum von ungefähr 1½ Liter. Nachdem wir uns desselben ein paarmal des Nachmittags und des Abends bedient und die Erfahrung gemacht hatten, daß man sich allerdings sehr wohl und neubelebt durch das Getränk fühlt, daß man aber die Nacht darauf desto schlechter oder garnicht schläft,[10] so beschränkte ich den Gebrauch des Kaffees auf einzelne Morgen, da er uns aber auch dann nicht sonderlich bekam, so wurde er zum Schreck und Kummer der Lappen völlig verbannt, bis wir in die Nähe der Westküste gekommen waren.

Thee ist nach meiner Erfahrung weit weniger schädlich als Kaffee, löscht außerdem den Durst bedeutend besser. Dünner Thee mit kondensirter Milch und Zucker wurde daher häufiger verwendet, besonders des Morgens, als unsere Schokolade verbraucht war.

Im ganzen geht meine Erfahrung völlig gegen den Gebrauch narkotischer Genußmittel, sei es Kaffee, Thee, Tabak oder spirituöser Getränke. Eine gesunde Lebensregel ist, daß man zu allen Zeiten so natürlich und einfach wie möglich leben soll, vor allem aber gilt dies, wo es sich um ein Leben mit starken Strapazen, besonders in einem kalten Klima handelt. Glaubt man etwas zu erreichen, indem man Körper und Seele durch künstliche Mittel stimulirt, so verräth man, meiner Meinung nach, außer einer Unkenntniß der einfachsten physiologischen Gesetze entweder einen Mangel an Erfahrung oder auch einen Mangel an Fähigkeit, seine Erfahrungen auszunutzen. Es scheint doch so einfach und selbstverständlich, daß man im Leben nichts erhält, ohne auf irgend eine Weise dafür bezahlen zu müssen, und daß infolgedessen künstliche Reizmittel, selbst wenn sie keine direkte schädliche Wirkung hätten, was zweifelsohne der Fall ist, doch keinen andern Zweck haben als ein zeitweiliges Aufflackern mit einer nachfolgenden Erschlaffung. Künstliche Reizmittel, mit Ausnahme von Schokolade, die nahrhaft und sanft stimulirend ist, führen dem Körper keine nennenswerthen Nährstoffe zu, und was man für den Augenblick an Kräften auf Vorschuß erhält, muß man im nächsten Moment mit entkräftender Erschlaffung bezahlen. Von Einzelnen wird sicher der Einwand erhoben werden, daß es Fälle giebt, wo es nur darauf ankommt, für einen kurzen Augenblick Kräfte zu haben; hierauf muß ich jedoch erwidern, daß ich nicht einsehen kann, auf welche Weise ein solcher Fall auf einer langen Schlittenexpedition eintreten sollte, wo es sich im Gegentheil um eine so regelmäßige und sichere Arbeit wie nur möglich handelt.

Dies Alles mag Vielen so selbstverständlich erscheinen, als bedürfe es der Erwähnung nicht, trotzdem aber sieht man bis in die neuesten Zeiten arktische Expeditionen, versehen mit großen Ladungen nicht allein von Tabak, sondern auch von schädlichen Reizmitteln wie spirituösen Getränken, ausziehen. Charakteristisch ist z. B. das Verzeichniß über die Getränke, welche die zweite deutsche Nordpolexpedition (siehe den Bericht derselben, Einleitung S. 44 und 46) auf den beiden Schiffen „Germania“ und „Hansa“ mit sich führte. Es ist traurig, wenn diese verkehrte Auffassungsweise solche Folgen nach sich zieht, wie dies bei der Greely-Expedition, der letzten großen Tragödie in der arktischen Entdeckungsgeschichte, der Fall war. Wenn man hier sieht, wie z. B. der kühne Sergeant Rice, ausgehungert, todtmüde und erfroren, sich durch ein Quantum Rum, dem er sogar noch Ammoniak, das Schlimmste, worauf er verfallen konnte, zufügt, retten zu können glaubt und wie er dann unmittelbar darauf in den Armen seines Freundes Friedericks stirbt, während sich dieser seiner Kleider bis auf das Hemd beraubt, um die erstarrenden Glieder seines Freundes zu erwärmen, — da kann man nicht umhin, sich eigenartig durch den Gedanken berührt zu fühlen, daß so viel Energie, so viel Muth und so viele edle Selbstaufopferung nutzlos verschwendet werden soll. Ich will nicht einmal der unheimlichen Bacchanale Erwähnung thun, welche die Theilnehmer jener Expedition in diesen ungastlichen Gegenden, vom Tode umringt, veranstalteten. Außer der erschlaffenden Wirkung, welche der Alkohol auf die Ausdauer ausübt, indem er durch ein Herabsetzen der Körpertemperatur und eine Verringerung der Verdauungsthätigkeit geradezu schädlich wirkt, — so schwächt er auch die Energie und die Unternehmungskraft, und zwar in erhöhtem Maße, wenn die Leute, wie es auf der Greely-Expedition der Fall war, ausgehungert und fast erfroren sind.

Was soll man aber sagen, wenn ein so erfahrener Polarreisender wie Julius Payer in seinem Buch über die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition (1872-74) sagt, daß eine tägliche geringe Ration Rum auf einer längeren Schlittenreise, besonders bei sehr niedriger Temperatur, fast unentbehrlich ist (s. S. 224), während doch Branntwein gerade bei einer niedrigen Temperatur am schädlichsten wirkt und bekanntlich eine Verringerung der Körperwärme statt eine Erhöhung derselben hervorbringt. Freilich sind sehr viele Menschen in diesem Irrthum befangen, weil sie nach dem Genuß von Branntwein fühlen, daß er „inwendig erwärmt“, und weil sie nach einem guten Mittag mit vielen starken Weinen warm werden.

Viele sind der Ansicht, daß man den Branntwein, selbst wenn man ihn nicht zu den täglichen Rationen benutzt, doch mitnehmen sollte, um ihn als Medizin zu verwenden. Ich würde dieser Auffassung beistimmen, wenn man mir einen einzigen Fall nachweisen könnte, wo der Genuß von Branntwein zweckmäßig ist, so lange dies aber nicht geschieht, beharre ich bei meiner Ansicht, daß selbst der Vorwand, Branntwein mitzunehmen, an und für sich schon verwerflich ist.

Es ist entschieden das Richtigste, den Alkohol als Getränk von den arktischen Expeditionen völlig auszuschließen.[11]

Weniger schädlich als spirituöse Getränke auf den Expeditionen ist der Tabak, aber auch er (sowohl der Rauch- wie der Kautabak) wirkt bei starken Anstrengungen in hohem Grade schädlich, selbstverständlich nicht am wenigsten auf Expeditionen, wo Speisen und Getränke nicht allzu reichlich vorhanden sind. Er hat nicht allein einen ungünstigen Einfluß auf das Verdauungssystem, sondern er erschlafft auch die Körperkräfte und verringert die Nervenkraft, die Ausdauer und Zähigkeit. Bei der völligen Ausschließung des Tabaks von den Expeditionen muß indessen ein Umstand in Betracht gezogen werden, der in Bezug auf den Alkohol wegfällt (da man wohl nicht in die Verlegenheit kommt, Trinker mitzunehmen), — nämlich der, daß die meisten Menschen so an den Tabak gewöhnt sind, daß sie ein völliges Entbehren desselben sehr schmerzlich empfinden würden. Aus diesem Grund ist es gewiß nicht rathsam, einen allzu krassen Uebergang zu machen, man soll lieber den Verbrauch des Tabaks successive vermindern. Auf der anderen Seite aber soll man es auch vermeiden, allzu starke Raucher oder Kauer mitzunehmen.

Vier von den Theilnehmern an unserer Expedition rauchten (der alte Lappe Ravna und ich selber waren Nichtraucher), aber unser Tabaksvorrath war nur klein. Auf der Wanderung durch Grönland wurde nur jeden Sonntag und außerdem bei feierlichen Veranlassungen eine Pfeife geleistet.

Außer dem oben erwähnten [Proviant] führten wir mit uns: Butter, gedörrte Scholle (Queite), die sehr fett ist und daher sehr geschätzt wurde, ein wenig Schweizerkäse, ein wenig „Myseost“, zwei Dosen Haferkakes, einige eingemachte Preißelbeeren, gedörrten Kerbel, ein wenig Fleischpepton, eine ganze Anzahl von Dosen mit kondensirter Milch etc.

Außerdem erhielten wir als Geschenk von der Hermetischen Fabrik in Stavanger eine ganze Reihe von Sachen, die mitgenommen wurden und uns während unseres Lebens im Treibeise und in den Böten an Grönlands Ostküste vorzüglich mundeten, und diesen extra hinzukommenden Leckerbissen hatten wir es zu verdanken, daß unser Proviant, der, wie aus meinem Plan (s. [S. 10]) ersichtlich ist, auf 2 Monate berechnet war, doch für die 2½ Monate ausreichte, die vergingen von dem Augenblick an, als wir den „Jason“ verließen, bis zu dem Tage, wo Sverdrup und ich Godthaab erreichten, — ja wir behielten sogar noch etwas Proviant, besonders gedörrtes Fleisch, übrig, wovon Mehrere von uns noch lange nachdem wir nach Godthaab gekommen waren, aßen. Selbst in der Weihnachtszeit verzehrten wir noch gedörrtes Fleisch, das die Reise über das Inlandseis gemacht hatte.

Als zu der Verproviantirung gehörig können auch zwei doppelläufige Gewehre mit Munition genannt werden. Jedes Gewehr hatte einen Büchsenlauf von 9 mm Durchmesser und einen Hagellauf (Kaliber 20).

Bei einem Kaliber von so geringer Dimension erzielt man, daß das Gewicht der erforderlichen Munition bedeutend reduzirt wird, und ich fand es völlig ausreichend, sowohl für Seehunde als für Seevögel. Sie genügen in den Händen eines sicheren Schützen auch für die Eisbärenjagd. Das Wichtigste ist hier wie überall das, was sich hinter dem Kolben befindet.

Der Zweck dieser Gewehre war ein doppelter — einmal wollten wir uns vermittelst derselben Proviant an der Ostküste verschaffen, besonders falls eine Ueberwinterung nothwendig sein sollte; aus dem Grunde beabsichtigte ich auch eine Büchse mit Munition an der Ostküste zu deponiren, — ferner wollten wir uns auf diese Weise mit frischem Proviant versehen, falls wir die Westküste erreichten, ohne gleich Menschen zu treffen, denn wenn man nur die Küste, eine Büchse und etwas Munition hat, so kann es nicht an Lebensmitteln fehlen.

An wissenschaftlichen Instrumenten führte die Expedition folgendes mit:

1 Theodolit, ein vorzügliches vom Instrumentenmacher Olsen in Kristiania angefertigtes Instrument. Es war jedoch ein wenig schwer (es wog ungefähr 3,2 kg) und hatte ein nicht viel leichteres Stativ, dafür gab es aber ausgezeichnete Observationen, sowohl terrestrische als astronomische. Für künftige Expeditionen möchte ich allerdings empfehlen, sowohl dies Instrument, als auch andere aus Aluminium anfertigen zu lassen. Das Gewicht würde sich dadurch bedeutend verringern lassen.

1 Sextanten mit künstlichem Horizont. Es war dies ein kleiner Taschensextant von Perken, Son & Rayment in London, ein feines kleines Instrument, das uns vorzügliche Dienste leistete. Zum Horizont verwendeten wir Quecksilber, — um die Mittagsstunde war es niemals so kalt, daß dies fror. Da Quecksilber sehr schwer ist, glaube ich, daß z. B. Oel zweckmäßiger für den Horizont zu verwenden wäre.

1 Peilscheibe mit drei Bussolen (Kompassen) zur Messung der Abweichung, sowie zu trigonometrischen Messungen.

5 Taschenkompasse.

3 Aneroidbarometer von Perken, Son & Rayment in London.

1 Hypsometer oder Kochbarometer mit zwei dazu gehörigen feinen Thermometern. Das Prinzip dieses Barometers beruht auf einer genauen Bestimmung von dem Siedepunkt des reinen Wassers, der sich ja bekanntlich mit dem Luftdruck verändert und infolgedessen auch mit der Höhe. Ich fand dies Barometer sehr bequem, und infolge seines unbedeutenden Gewichts eignet es sich ganz vorzüglich für eine Expedition wie die unsere, wo ein Quecksilber-Barometer selbstverständlich zu schwer und zu umständlich zu transportiren ist.

6 Schwingethermometer. Diese sind darauf eingerichtet, an eine Schnur gebunden und mit großer Schnelligkeit in der Luft herum geschwungen zu werden. Hierdurch kommt die Thermometerkugel mit so viel Luft in Berührung, daß die Einwirkung der Sonnenstrahlen auf sie verhältnißmäßig gering wird, und man so mit Leichtigkeit selbst mitten im Sonnenschein die Temperatur der Luft messen kann.

Bindet man einen ganz dünnen Stoff wie Gaze oder dergl. über die Kugel eines Schwingthermometers, so hat man, indem man diesen Stoff anfeuchtet, ein gutes Mittel, den Feuchtigkeitsgrad der Luft durch Vergleichung mit einem andern Thermometer zu messen.

1 Minimumthermometer und

1 Spiritusthermometer.

4 Ankeruhren, sog. Halbchronometer; gewöhnliche Taschenchronometer eignen sich kaum für derartige Expeditionen, da sie in gewissen Stellungen leicht stehen bleiben. Wir hatten übrigens ein merkwürdiges Unglück mit unseren Uhren, indem eine infolge eines Falles stehen blieb, — eine zweite ging, wahrscheinlich aus demselben Grunde, ein wenig unzuverlässig, — eine dritte, nämlich eine ältere, mir gehörige Uhr, blieb wahrscheinlich infolge von Schmutz stehen, — nur die vierte hielt sich die ganze Zeit hindurch gut und erwies sich als vorzügliche Uhr.

Ich glaube, daß die Expedition in betreff der Instrumente besonders gut ausgerüstet war, und dies hatten wir im wesentlichen Herrn Professor H. Mohn, dem Direktor des meteorologischen Instituts in Kristiania, zu verdanken. Mit unermüdlichem Eifer nahm er sich unserer wissenschaftlichen Ausrüstung an, und wenn wir werthvolle Observationen zu machen im stande waren, so haben wir ihm dafür zu danken.

Infolge einer Aufforderung von Professor Petterson in Stockholm nahm ich die nothwendigen Instrumente mit, um für ihn auf der Reise Luftproben zu sammeln. Diese Proben werden in einer Menge mittelgroßer Glascylinder genommen, die sorgfältig von Luft gereinigt und zugeschmolzen sind. Sobald sie geöffnet wurden, füllten sie sich natürlich sogleich mit Luft, und wenn man sie dann sorgfältig zuschmilzt, was vermittelst einer Spirituslampe und eines eigens dazu eingerichteten Blaserohrs leicht geschehen kann, so enthalten sie Luft, die man nun so weit man will transportiren kann.

Ein unentbehrlicher Artikel auf allen modernen Entdeckungsreisen ist ein Photographir-Apparat. Ich hatte einen kleinen Apparat mit zwei Rollkassetten für Papierrollen mit empfänglicher Gelatinfilm mitgenommen.[12]

Es wäre zu schwer und unpraktisch gewesen, wenn ich hätte Glasplatten transportiren wollen. Um die Papierrollen zu wechseln, führte ich auch zwei rothe Laternen mit, eine aus Papier und eine aus Glas. Hierzu nahm ich fünf Stearinlichte mit.

An weiteren Instrumenten, Geräthschaften etc. führten wir mit uns: 2 Aluminium-Fernröhre, 2 Podometer, 1 Axt, diverses kleineres Werkzeug wie Messer, Feile, Pfriem, Pechdraht etc., Nähnadeln, Kneifzange, Schraubenzieher, kleine Schrauben für die Stahlplatten unter den Schlittenschienen etc. Außerdem Gewichte zum Auswägen des Proviants, sog. Steigeisen aus Tyrol, Zacken, die in die Stiefelsohlen geschroben werden, Manilla-Alpenseile, diverse Reserveleinen für Schlitten etc., Eispickel mit Schäften aus Bambusrohr — diese wurden auch zu Skistäben verwendet —, einen Stahlspaten, der auf einen der Stäbe geschraubt werden konnte und der zum Schneeschaufeln benutzt werden sollte, hauptsächlich, um einen guten Zeltplatz zu schaffen oder um Schneehütten zu bauen, falls das Zelt vernichtet würde, mehrere Bambusstangen zu Masten und Steuerstangen während der Segelfahrt mit Schlitten wie mit Böten; ein starkes Ziehtau, um Boot und Schlitten über schwierige Stellen hinwegzuziehen, Zeichengeräthschaften, Skizzenbücher und Notizbücher, Logarithmentabellen, Seekalender für d. J. 1888 und 1889 etc. Ein großes Brennglas, Feuerstein, Stahl und Lunte, Zündhölzer, die zum Theil in luftdicht verschlossenen Blechdosen an verschiedenen Stellen der Bagage aufbewahrt waren, damit wir selbst, wenn einige verloren gingen, doch genug hätten. Drei 10literhaltige Spiritusfässer, Persennings, theils aus wasserdichtem Segeltuch, theils aus Oeltuch über jeden Schlitten zu breiten, große Tragsäcke, die im wesentlichen bestimmt waren, um bei schwierigem Terrain, wo man nicht ziehen konnte, benutzt zu werden, die indessen als Mantelsäcke für unsere Privatgarderobe Verwendung fanden. Verschiedene Bootsgeräthschaften, wie lange Bootshaken (aus Bambusrohr), kurze Bootshaken mit breiten Blättern versehen, so daß sie gleichzeitig zum Wricken benutzt werden konnten, was in engem Fahrwasser zwischen Treibeis, wo andere Ruder zu lang sind, sehr zweckmäßig ist, — ferner gewöhnliche Ruder, Reservedollen, Handpumpen mit Schläuchen, um das Boot auszupumpen, wenn es belastet ist u. dergl. m. Ferner hatten wir eine kleine Apotheke mitgenommen, in der sich Schienen und Bandagen zum Verbinden bei Arm- und Beinbrüchen befanden, — Chloroform, Kokainauflösung zur Linderung von Schmerzen bei Schneeerblindungen, Zahntropfen, Magenpillen, Vaselin etc. etc. Es ist selbstverständlich, daß dies alles auf ein Minimum reduzirt war.

Im April unternahmen wir eine kleine Probeexpedition nach einem Wald in der Nähe von Kristiania. Die Mitglieder der Expedition waren damals mit Ausnahme eines Einzigen versammelt. Diesen Ausflug schildert Balto folgendermaßen:

„Eines Abends zogen wir vor die Stadt in einen Wald, um dort die Nacht über zu bleiben und einen Versuch mit den Schlafsäcken zu machen, die aus Rennthierfell verfertigt waren. Am Abend, als wir in den Wald gelangten, wo wir die Nacht zubringen wollten, schlugen wir unser Zelt auf. Darauf mußten wir Kaffee mit einer Maschine kochen, die mit Spiritus kochen sollte. Der Maschinenkessel wurde mit Schnee gefüllt, und wir zündeten Feuer darunter an. Es brannte mehrere Stunden, kam aber nicht zum Kochen. Da mußten wir versuchen, von dem lauwarmen Wasser zu trinken, zu dem Kaffeeextrakt gegossen wurde. Es schmeckte aber nach nichts, denn es war fast kalt. Am Abend, als wir uns schlafen legen wollten, krochen die vier Norweger in Schlafsäcke. Nansen sagte, wir sollten uns auch in die Säcke legen, aber wir meinten, es würde uns zu heiß werden. Wir brauchten nicht in die Säcke zu kriechen, meinten wir, deshalb schliefen wir draußen. Am Morgen erwachte ich, als die Uhr wohl sechs war, und da sah ich, daß unsere Leute in ihren Säcken lagen und wie die Bären schliefen. Ich legte mich wieder hin und schlief bis um 9 Uhr. Da weckte ich sie, denn ich wußte, daß ein Wagen für uns um 10 Uhr bestellt war.“

Diese Schilderung bezeugt, daß einzelne Theile unserer Ausrüstung, wie z. B. der Kochapparat, noch nicht so gut waren, wie sie wohl sein konnten, aber wir hatten noch Zeit zu Verbesserungen. Diese wurden auch vorgenommen, und als wir endlich in den ersten Tagen des Mai auszogen, nachdem wir in der elften Stunde mehrere wichtige Dinge erhalten hatten, war wenigstens das Meiste in der erwünschten Ordnung, und was noch fehlte, das konnte während der Reise beschafft werden.

[5] Ueber die Skikjälker in Sibirien siehe u. a. Nicolaes Witsen „Nord en ost Tartarye.“ Amsterdam 1705 (Seite 820).

[6] Lieutenant Greely. Three Years of Artic Service. London 1886. Vol. I. S. 199.

[7] Aus Xenophons Anabasis ersieht man übrigens, daß schon 400 Jahre v. Chr. die Bewohner der armenischen Gebirge die Sitte kannten, den Pferden Truger oder etwas ähnliches unter die Hufe zu binden.

[8] Schuhe aus roh gegerbten oder auch ganz rohen Ochsenhäuten mit Haaren darauf. Sie werden ebenso wie die Finnenschuhe der Lappen in Norwegen ganz allgemein zum Skilaufen verwendet.

[9] Die von Greely angegebenen Daten über den Kochapparat, der auf der von ihm geleiteten Expedition in Anwendung kam, lauten ein wenig sonderbar und die angeführten Zahlen müssen unkorrekt sein; denn danach müßte man bei diesem Kochapparat 95% von dem Brennwerth des verbrauchten Alkohols ausnützen können, was eine Unmöglichkeit ist. Noch sonderbarer sind die von Payer mitgetheilten Daten; denn nach diesen sollte man mit dem Kochapparat auf der Tegethof-Expedition mehr als 100% von dem Brennwerth des Alkohols ausgenützt haben.

[10] Die Wirkung war bei Allen, selbst bei den Lappen, ganz auffallend und ist sicher auf die empyreumatischen Oele, Kafëon, zurückzuführen, deren starke giftige Wirkung bekannt ist. Wahrscheinlich enthält der Kaffeeextrakt infolge seiner Zubereitungsweise diese Stoffe in weit höherem Maße als der auf gewöhnliche Weise bereitete Kaffee, während gleichzeitig der Mangel des als beruhigendes Mittel wirkenden Kafëin ebenfalls durch die Zubereitungsweise verringert wird.

[11] Eine Reihe von Versuchen, die mit englischen Soldaten vorgenommen wurden, sind in dieser Beziehung sehr bezeichnend. Eine Abtheilung Soldaten erhielt den Befehl, eine bestimmte Strecke in möglichst kurzer Frist zu marschiren; einigen von ihnen wurde Cognac in verschiedenen Quantitäten mitgegeben, während Andere nur Wasser erhielten. Es stellte sich dann heraus, daß, je mehr Alkohol während des Marsches genossen war, desto mehr Zeit gebraucht wurde.

[12] Ich verwendete die sog. Eastman’s American Stripping Films.

Kapitel III.
Das Schneeschuhlaufen, die Entwickelung und die Geschichte dieser Kunst.

ie Expedition, welche wir hier zu schildern gedenken, hat ihre Entstehung einzig und allein dem norwegischen Schneeschuhlaufen zu verdanken. Der Verfasser selber ist von seinem vierten Jahr an mit den Schneeschuhen vertraut gewesen, wie auch jeder einzelne Theilnehmer ein geübter Schneeschuhläufer war, und die Ausführung der ganzen Expedition war auf der Ueberlegenheit der Schneeschuhe über jedes andere auf Schneeflächen in Anwendung kommende Beförderungsmittel begründet.

Da liegt es denn sehr nahe, mit einer kurzen Schilderung der Schneeschuhe zu beginnen, um so mehr, als nur wenige Menschen außerhalb der vereinzelten Länder, in denen die Schneeschuhe benutzt werden, eine Ahnung davon haben, was Schneeschuhlaufen ist, und ohne eine solche Kenntniß Mancherlei in dieser Reisebeschreibung schwerlich zu verstehen sein würde.

Schneeschuhläufer auf der Ebene.


GRÖSSERES BILD

Schon der Verfasser des Königsspiegels (Kongespeilet) hat vor ungefähr 640 Jahren darauf hingewiesen, daß es für Alle, die das Schneeschuhlaufen nicht gesehen haben, höchst wunderbar erscheinen muß, weil man auf zwei dazu eingerichteten Holzstücken so schnell über Schneefelder dahin gleiten kann. Er behandelt unter anderem die Frage über das Vorhandensein gezähmter Drachen in Indien und meint, daß dies freilich wunderbar genug klingen mag, daß es aber auch bei uns zu Lande Verhältnisse giebt, die den Völkern anderer Länder noch weit wunderbarer erscheinen müssen. Er sagt:

„Weit mehr Verwunderung aber wird das erzeugen, was von den Männern erzählt wird, die ein Holzstück oder dünne Bretter so zähmen können, daß ein Mann, der nicht schneller zu Fuß ist als Andere, wenn er nur Schuhe an den Füßen hat oder wenn er barfuß ist, — daß dieser Mann, sobald er 7-8 Ellen[13] lange dünne Bretter unter seine Füße bindet, Vögel im Fluge oder die schnellsten Windhunde und Rennthiere im Lauf überholt, welche letztere doch doppelt so schnell laufen wie ein Hirsch, denn es giebt eine ganze Anzahl von Männern, die ihre Schneeschuhe so gut zu gebrauchen wissen, daß sie im Lauf mit ihrem Spieß Rennthiere und noch mehr zu treffen vermögen. Nun wird diese Sache in allen den Ländern unglaublich, unwahrscheinlich und merkwürdig erscheinen, in denen man nicht weiß, mit welcher List oder Kunst es geschieht, daß dünne Bretter zu einer so großen Geschwindigkeit abgerichtet werden können, daß oben in den Bergen nichts, was sich auf der Erde bewegt, im schnellen Lauf dem Manne entgehen kann, der Bretter an den Füßen hat; sobald er diese aber abnimmt, ist er nicht geschwinder als andere Männer. In anderen Gegenden, wo die Leute nicht an so Etwas gewöhnt sind, wird sich kaum ein Mann finden, er mag noch so gewandt sein, der nicht alle Gewandtheit einbüßt, sobald solche Holzstücke an seine Füße gebunden werden. Wir verstehen diese Sache aus dem Grunde und haben im Winter, sobald Schnee liegt, Gelegenheit genug, Männer zu sehen, welche diese List oder Kunst verstehen.“[14]

Die Schneeschuhe werden aus Holz angefertigt und sind in Norwegen in der Regel 3-4 Zoll breit und ungefähr 8 Fuß lang, zuweilen länger, zuweilen kürzer. Sie sind flach und glatt auf der Unterseite. Nach vorne zu sind sie mehr oder weniger in die Höhe gebogen, zuweilen auch am hinteren Ende ein wenig. Sie werden vermittelst eines Zehen-Riemens befestigt, der ungefähr in der Mitte des Schneeschuhs angebracht ist, und in den man die Fußspitzen steckt. Für alle guten Schneeschuhläufer kommt dann ein Fersenband hinzu, das, von dem Zehenriemen ausgehend, um die Ferse läuft.

Auf diesen Schneeschuhen kommt man durch eine eigene gleitende Bewegung der Beine und des Unterkörpers vorwärts. Die Anfangsgründe sind eigentlich nicht schwer zu erlernen, aber die Fertigkeit kann zu einem hohen Grad von Vollkommenheit entwickelt werden. Man darf die Schneeschuhe nicht aufheben und durch den Schnee stampfen, wie man es oft von Stümpern sieht, — sie gehen, als wenn sie barfuß durch ein Moor wanderten. Es kommt im Gegentheil darauf an, die Füße gleitend über den Schnee zu führen. Man hält sie immer ein wenig vorwärts, indem der Körper elastisch und leicht der Bewegung folgt. Die Schneeschuhe werden in paralleler Richtung so nahe wie möglich aneinander vorbeigeführt, also nicht nach den Seiten wie die Schlittschuhe, was gewiß Viele glauben, die das Schneeschuhlaufen nie gesehen haben. Folglich bilden die Spuren, die ein tüchtiger Schneeschuhläufer im Schnee hinterläßt, zwei parallele Linien. In der Hand hält man gewöhnlich einen Stab, mit dem man sich während des Laufens hilft, und der in einzelnen Gegenden eine ungewöhnliche Länge erreicht. Bei diesem Vorwärtsgleiten kann ein guter Schneeschuhläufer auf der Ebene eine große Geschwindigkeit erlangen.

Bergauf und bergab.

Bergaufwärts geht es natürlich langsamer, aber auch hier wird ein tüchtiger Schneeschuhläufer jedem Anderen überlegen sein. Ist der Berg steil und hoch, so geht er nicht geradeaus, sondern nähert sich dem Gipfel Schritt für Schritt kreuzend, oder auch er erklimmt ihn seitwärts Schritt für Schritt und bildet so gleichsam eine Treppe im Schnee. Ist der Hügel niedriger, und sind die Schneeschuhe nicht zu lang, kann er auch auf die Weise, wie sie links auf umstehender Zeichnung ersichtbar ist, direkt bergauf gehen. Man wendet die Schneeschuhe auswärts, bis sie einen so großen Winkel gegeneinander bilden, wie es der Abfall des Berges erfordert, und führt sie so, daß das hintere Ende des einen in die Höhe gehoben und vor den anderen hingesetzt wird. Die Spur im Schnee hat viele Aehnlichkeit mit dem Hexenstich der Nähterinnen. Ein Hügel, den ein Schneeschuhläufer nicht erklimmen könnte, ohne die Schneeschuhe abzuschnallen, muß wunderbar aussehen. Schon Olaus Magni sagt i. J. 1555: „Es giebt keinen Berg, er mag noch so hoch sein, den er nicht auf listigen Umwegen zu erklimmen vermöchte.“

Bergabwärts geht es ganz von selber, denn die Schneeschuhe gleiten leicht über den Schnee dahin. Man muß sich nur auf denselben halten und die Herrschaft über sie bewahren, so daß man nicht gegen Bäume oder Steine läuft oder in einen Abgrund stürzt. Je steiler der Berg ist, desto geschwindere Fahrt hat man, und nicht ohne Grund heißt es im Königsspiegel, daß man auf Schneeschuhen den Vogel im Fluge überholt und nichts, was sich auf der Erde bewegt, dem Schneeschuhläufer entgehen kann.

Das Schneeschuhlaufen ist der nationalste aller nordischen Sports und ein herrlicher Sport ist es; — wenn irgend einer den Namen des Sports aller Sports verdient, so ist es dieser. Nichts stählt die Muskeln so sehr, nichts macht den Körper elastischer und geschmeidiger, nichts verleiht eine größere Umsicht und Gewandtheit, nichts stärkt den Willen mehr, nichts macht den Sinn so frisch wie das Schneeschuhlaufen. Kann man sich etwas Gesunderes oder Reineres denken, als an einem klaren Wintertag die Schneeschuhe unter die Füße zu schnallen und waldeinwärts zu laufen? Kann man sich etwas Feineres oder Edleres denken als unsere nordische Natur, wenn der Schnee ellenhoch über Wald und Berg liegt? Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten, während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten Hinderniß auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg stellen kann? Ist es nicht, als wenn das ganze Kulturleben auf einmal aus unseren Gedanken verwischt wird und mit der Stadtluft weit hinter uns zurückbleibt, — man verwächst gleichsam mit den Schneeschuhen und der Natur. Es entwickelt dies nicht allein den Körper, sondern auch die Seele, und hat eine tiefere Bedeutung für ein Volk als die Meisten ahnen.

Bergabwärts im Walde.

Wohl nirgends eignet sich die Natur besser für den Schneeschuhlauf als in Norwegen; Hügel giebt es dort zur Genüge, und auch der Schnee ist reichlich vorhanden. Von Kindesbeinen an werden wir an die Schneeschuhe gewöhnt — ein guter Haken krümmt sich bei Zeiten —, und die Natur selbst zwingt die Knaben, ja auch die Mädchen in manchen Gebirgsgegenden Norwegens, die Schneeschuhe zu gebrauchen, sobald sie gehen können. Tief und weich liegt der Schnee den ganzen Winter hindurch vor den Thüren der Häuser. Früh im Herbst kommt er, um erst spät im Frühling wieder zu verschwinden. Wege sind in manchen Gegenden nur sehr spärlich vorhanden, und Jeder — es sei Mann oder Frau —, der von einem Hof zum andern gelangen will, muß die Schneeschuhe anschnallen, denn ohne sie versinkt man bis über die Hüften im Schnee. Man wächst sozusagen mit den Schneeschuhen auf, — es ist nicht selten, daß man Mädchen und Knaben von 3-4 Jahren sich üben sieht. Von dem Alter an oder vielleicht ein wenig später, halten sich die Bauernknaben in steter Uebung. Berge haben sie in der Regel gerade vor dem Hause und überall zu beiden Seiten der engen Thäler, auf Schneeschuhen müssen sie ihren Schulweg zurücklegen und auf Schneeschuhen verbringen sie die freie Zeit zwischen den Unterrichtsstunden. Der Lehrer ist oft selbst mit dabei und stellt sich an die Spitze der kleinen Schar. Und dann des Sonntagsnachmittags, — welch ein Fest ist es nicht den ganzen Winter hindurch, wenn sich die ganze Dorfjugend, Kinder und Erwachsene, der Verabredung gemäß versammelt, um in edlem Wettstreit sich miteinander zu messen und sich zu amüsiren, solange das Tageslicht ausreicht. Und auch die Mädchen sind dabei, aber sie wollen den Burschen lieber zuschauen, obwohl auch sie die Schneeschuhe zu gebrauchen wissen und mancher gute Sport auf Schneeschuhen von norwegischen Mädchen betrieben wird, ohne daß viel Redens davon gemacht wird.

So gestaltet sich das Winterleben der Jugend in manchem norwegischen Dorf. Die Knaben zählen noch nicht viele Jahre, und sie wissen schon, welche Form ein guter Schneeschuh haben muß, wie das beste Holz für die Schneeschuhe aussieht und wie man eine Weide biegen muß, um sie zum Befestigen der Ski verwenden zu können; ein Jeder lernt es, ohne die Hülfe Anderer fertig zu werden, er wächst heran und wird ein Mann für sich selbst, wie sein Vater es war. — Möge sich dies erhalten, möge das Schneeschuhlaufen sich entwickeln und gedeihen, so lange es Männer und Frauen in den norwegischen Thälern giebt!

Eine absolute Nothwendigkeit sind die Schneeschuhe hier in Norwegen wie in ganz Nordeuropa und in Sibirien für die Winterjagd, auf der die tüchtigsten Schneeschuhläufer in den Gemeinden ihre Ausbildung erhalten haben.

Früher war es in Skandinavien ganz allgemein, daß man im Winter die größeren Thiere, Elen- und Rennthiere, auf den Schneeschuhen verfolgte. Wenn der Schnee tief ist, pflegt es für einen tüchtigen Schneeschuhläufer nicht schwierig zu sein, das Wild einzuholen und zu fällen, da es einsinkt und nur mit Mühe vorwärts kommen kann. Es war eine spannende Jagd, die sowohl Stärke, wie Ausdauer und Gewandtheit in der Benutzung der Schneeschuhe erforderte. Der Art und Weise, wie man Rennthiere fällte, geschah schon in dem früher mitgetheilten Bruchstück aus dem „Königspiegel“ Erwähnung.

Jetzt, wo diese Thiere im Winter geschont werden, hat damit diese Jagd ein Ende; doch wird sie gewiß noch von Wilddieben in vielen Theilen Skandinaviens, besonders in den flachen Walddistrikten Schwedens, wo sie am leichtesten ist, betrieben.

Die Jagd, zu welcher der norwegische Bauer jetzt hauptsächlich die Schneeschuhe benutzt, ist das Schneehuhnschießen und der Dohnenfang im Gebirge. Diese Jagd ist friedlicher und weniger anstrengend, aber auch sie hat ihre eigene Anziehungskraft. Das Umherstreifen in den Bergen im Winter, wenn das Weidendickicht von der Schneelast tief herabgedrückt liegt, wenn die Schneehühner, die so weiß sind, daß man sie nur mit Mühe von ihrer Umgebung unterscheiden kann, im Birkengestrüpp umherflattern und gackern, da kann Einem wohl der Sinn frei und leicht werden, während das Auge über die weiße Fläche schweift. Und wenn man dann mit der Büchse und dem Jagdnetz auf dem Rücken in sausender Fahrt die langen, offenen Abhänge hinabgleitet, da braust das Blut weit schneller durch die Adern!

Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich der norwegische Bauer auch auf der Hasenjagd der Schneeschuhe bedient, und es kommt auch wohl vor, daß er auf Schneeschuhen den Bären in seiner Höhle aufsucht, oder wenn der Schnee tief und lose ist, den Luchs, den Vielfraß oder einen einzelnen Bären verfolgt, der zufällig aufgeschreckt worden ist. Dem Lappen ist es etwas ganz Gewöhnliches, auf Schneeschuhen seinem ärgsten Feind, dem Wolf, nachzusetzen und ihn zu verfolgen, bis er ihn schießen oder mit dem Skistab todtschlagen kann. Die meisten sibirischen Völker betreiben ihre Winterjagd auf Schneeschuhen, und da der Winter den größten Theil des Jahres ausmacht, ist es sehr begreiflich, welche Nothwendigkeit, ja, man kann wohl sagen welche Lebensbedingung die Schneeschuhe für viele dieser Völker sind.

Das Schneeschuhlaufen ist alt in Norwegen, — wie alt ist nicht zu sagen, es geht weiter in die graue Urzeit zurück als unsere Aufzeichnungen reichen. In den Sagen von unserm Stammvater Nor heißt es sehr charakteristisch, daß er und seine Begleiter auf Schneeschuhen dahergezogen kamen. Sie warteten in Finnland, bis es gute Schneeschuhbahn wurde, und zogen dann gen Westen weiter um den Botnischen Meerbusen in das Land hinein. Diese Sagen sind jedoch verhältnißmäßig späten Datums.

Hauptsächlich durch Prof. Gustav Storm, der dieser Frage eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, erhielt ich einzelne werthvolle Mittheilungen über die Geschichte der Schneeschuhe in Norwegen, und ich will einiges davon hier wiedergeben. „Soweit ich es beurtheilen kann,“ — sagt Prof. Storm in einem Schreiben an mich — „müssen die Norweger und Schweden das Schneeschuhlaufen von den Lappen erlernt haben.“ Die ältesten historischen Nachrichten sind jedenfalls auf diese Richtung zurückzuführen. In der Mitte des 6. Jahrhunderts gaben zwei südeuropäische Schriftsteller, der Grieche Prokop und der Gothe Jordanis den Lappen einen Namen, welcher die Auffassung unserer ältesten Vorfahren verräth. Beide erwähnen den Stamm der Normannen, welcher auf dem 67°-68° n. Br. lebt, also die Nordländer, und der seine nomadischen Nachbarn als Skridfinnen bezeichnet. Die Nordländer haben also den Finnen oder Lappen den Beinamen Skrid gegeben, weil sie fanden, daß das „Skrida“ charakteristisch für sie war; aber dies „Skrida“ (gleiten) ist gerade in der alten Sprache der bezeichnende Ausdruck für das sich Fortbewegen auf Schneeschuhen („skrida á skidum“, — „Finnr skridr“.)

Der Name Skridfinnen wurde in Norwegen und Schweden bald vergessen; denn hier erlernte man gar bald die Kunst; der Name war aber südwärts gedrungen und wurde auch später von den Schriftstellern anderer germanischer Völker zur Bezeichnung der Lappen benutzt, so von Paulus Diaconus in seiner longobardischen Geschichte (ca. 790), vom englischen König Alfred (ca. 890), von Adam von Bremen (ca. 1070) und von Saxo Grammaticus (ca. 1200).

In ganz alten Zeiten betrachteten die Norweger und die Nordländer überhaupt die Lappen als die tüchtigsten Schneeschuhläufer und das Schneeschuhlaufen als für sie charakteristisch. So läßt Snorre Sturlassön die Königin Gunhild, die in Finnmarken von zwei Lappen (ca. 920) erzogen wurde, von diesen sagen, „daß sie so tüchtig auf Schneeschuhen sind, daß ihnen nichts entwischen kann, weder Mensch noch Thier, und worauf sie zielen, das treffen sie“. In Magnus Barfods Sage wird als altes Sprichwort angeführt: „Es sieht nach Schneewetter aus, Knaben, sagten die Finnen, sie hatten „Aandrer“ zu verkaufen.“ Also pflegten die Norweger damals (1006) ihre Schneeschuhe bei den Lappen zu kaufen, die nach Stephanius (Kommentar zum Saxo) noch im 17. Jahrhundert Meister im Verfertigen von Schneeschuhen sind. Die Historia Norwegiae (von ca. 1200) schildert die Lappen als tüchtige Jäger, die in Fellzelten wohnen. Wenn sie umziehen, nehmen sie diese auf den Rücken, befestigen glatte, hölzerne Stangen, „welche sie Aandrer nennen“, unter die Füße und eilen schneller als Vögel über den Schnee und die Berge dahin. Der ungefähr gleichzeitige Saxo sagt ebenfalls von den Lappen, „daß sie während der Jagd auf krumm gebogenen Hölzern über die schneebedeckten Berge dahin eilen“, — und als er die Sage von König Harald und Toke erzählen will, läßt er den König sich seiner Tüchtigkeit in der Kunst rühmen, „vermittels welcher die Finnen (Lappen) über schneebedeckte Abhänge dahin eilen“. In der isländischen Sage „Graagaasen“ (ca. 1250) heißt es u. a., daß der Geächtete so weit fortgetrieben werden soll „wie der Lappe auf seinen Schneeschuhen läuft, wie die Fichte wächst, wie der Adler an einem Frühlingstag fliegt, wenn er den Wind unter beiden Flügeln mit sich hat.“ Dies ist ganz zweifelsohne eine alte norwegische Gesetzformel, die nach Island hinübergekommen ist.

Es könnte aus unseren Sagen noch mehr in Bezug auf das Schneeschuhlaufen der Lappen angeführt werden, doch glaube ich, daß das hier Erwähnte genügen wird, um zu beweisen, daß das Schneeschuhlaufen in Norwegen von den Lappen eingeführt worden ist.

Wir verdanken es Storm, daß wir mit Sicherheit sagen können, daß das Schneeschuhlaufen schon im 10. Jahrhundert in Norwegen betrieben wurde, jedenfalls im Nordlande und wahrscheinlich auch überall in den nördlichen Berggegenden, wahrscheinlich auch in den „Oplanden“. In einer Reihe von Skaldengesängen aus dem 10. Jahrhundert werden „Skid“ und „Oendurr“ (mit Fell bezogene Schneeschuhe) in poetischen Bildern benutzt, die das Segeln des Schiffes über das Meer mit dem Dahingleiten der Schneeschuhe vergleichen. Guthorm Sindre zu Haakon des Guten Zeit nennt beispielsweise das Schiff „Svanevangens Ski“ (der Schneeschuh des Meeres). Dies zeigt ganz deutlich, daß die Anwendung von Schneeschuhen ganz allgemein gewesen sein muß, denn sonst würde das Bild nicht zu verstehen gewesen sein. Noch wichtiger ist es, daß der Schneeschuhsport seine Repräsentanten unter den Göttern hatte. Der Nordländer Eyvind Skaldespilder (aus Helgeland) nennt in einem Gedicht aus dem Jahre 990 Thasses Tochter Skade „Oendur-dís“ (d. h. Schneeschuhgöttin), und der Isländer Einar Skaaleglam, der ungefähr im Jahre 980 einen Lobgesang auf Haakon Jarl auf Lade dichtete, giebt Ullr den Beinamen „Aanderguden“, (Oendur-jálkr, eigentlich Aandrernes Odin). Zu bemerken ist noch, daß Skade vom Jotun-Stamme ist; wenn man nun bedenkt, daß für die Norweger häufig Lappen und Kobold gleichbedeutend waren, so liegt die Annahme nicht fern, daß Eyvind sie sich als von lappländischer Abstammung gedacht hat. Von Ullr ist zu bemerken, daß er in Dänemark nicht der Gott des Schneeschuhlaufens, sondern der Gott des Schlittschuhlaufens ist, denn Saxo sagt von „Ollerus“, daß er statt sich eines Schiffes zu bedienen, auf einem Bein über das Meer zu setzen pflegte, über das er Hexengesänge gesungen hatte, d. h. er ging auf „Islegger“, welches diejenige Form von Schlittschuhen ist, die unsere Vorfahren anwendeten und die auch, wie aus zahlreichen archäologischen Funden nachzuweisen ist, in Deutschland schon in sehr frühem Zeitalter ganz allgemein gewesen sind. Sowohl in Norwegen, wie in Deutschland finden sie zum Theil noch heute Verwendung.

Also wahrscheinlich erst im nördlichen Norwegen ist Ullr zum Schneeschuhgott geworden, während das Schneeschuhlaufen wohl niemals bis nach Dänemark gelangt ist, wo ja auch die Naturverhältnisse nicht sehr dazu ermuntern. Die Sage von dem dänischen König Harald Blauzahn und Toke, die vor dem Vorgebirge Kullen in Schoonen auf Schneeschuhen stehen mußten, hat in dieser Beziehung keine weitere Bedeutung, da sie zweifelsohne aus Norwegen stammt, wo genau dasselbe von einem König Harald und „Hemingen den ungje“ erzählt wird.

In den historischen Sagen wird u. a. erzählt, daß als Egil Skallagrimsön eines Winters (ca. 950) im Auftrag des norwegischen Königs nach Vermland ziehen sollte, die Sendboten des Königs ihn westlich von Eidskogen verließen, ihre Schneeschuhe nahmen, sie anschnallten und Tag und Nacht liefen, bis sie an die Oplande und nördlich von Doorefjeld bei dem König anlangten (Egils-Saga Kap. 71). Daß Schneeschuhe auch schon früh auf Romerike benutzt wurden, erscheint sehr wahrscheinlich, wenn wir hören, daß Harald Haardraade, der von seinem 15. bis zum 31. Jahr (1030-46) im Süden war, schon in seiner Jugend auf Ringerike das Schneeschuhlaufen erlernt hat.

Aus seiner Zeit stammt auch der Stoff zu den über das ganze Land verbreiteten Heldengesängen von Heming, dessen wunderbares Schneeschuhlaufen im Nordlande auch im Flatöbuche (ca. 1390) erwähnt wird. Der Refrain lautet: „Hemingen das junge Blut auf Schneeschuhen lief gar gut“, und dem Umstand, daß er eine so große Tüchtigkeit in dem Lieblingssport des Volkes besaß, hat er es wahrscheinlich zu verdanken, daß sein Name noch heute im Volksliede weiterlebt.

Später werden Schneeschuhe und Schneeschuhläufer an vielen Stellen in den nordischen Sagen erwähnt, und daraus ist deutlich zu ersehen, daß das Schneeschuhlaufen sich mit der Zeit zu einem allgemein in Norwegen betriebenen Sport entwickelte.

Es ist ganz selbstverständlich — sagt Storm —, daß das öffentliche Postwesen während des Winters, wenn keine Schlittenbahn war und man auch zu Pferd nicht durchzukommen vermochte, sich der Schneeschuhe bediente, — dies ist bereits aus Briefen von den Jahren 1525 und 1535 ersichtlich. Im letzteren heißt es, daß „der Bursche“ Anfang Dezember auf Schneeschuhen „über Doorefjeld und alle Wälder nördlich nach Throndhjem laufen mußte“.

Es liegt kein Grund vor zu der Annahme, daß die Norweger in früheren Zeiten eine größere Gewandtheit im Schneeschuhlaufen besessen haben, als dies jetzt der Fall ist, und wenn wir u. a. lesen, daß Arnljot Gelline (ca. 1000) zwei Männer hinter sich auf seinen Schneeschuhen stehen hatte und trotzdem so geschwind lief, als sei er los und ledig, da wird jeder Schneeschuhläufer wissen, daß dieser Bericht in das Reich der Phantasie zurückzuführen ist. Die Erzählung stammt von einem Isländer, Snorre, und ist eine isländische Tradition; wie wir später sehen werden, waren aber die Isländer durchaus nicht in der Kunst des Schneeschuhlaufens bewandert.

Heutzutage haben sich die Schneeschuhe in ganz Norwegen eingebürgert, vom Nordkap bis Lindesnäs, am wenigsten Verwendung hat man im Westlande für diesen Sport, da die Schneeverhältnisse an manchen Stellen nicht günstig dafür sind. Faßt man das ganze norwegische Volk zusammen, so giebt es wohl verhältnißmäßig wenig Männer oder Knaben, welche die Schneeschuhe nicht kennen und nicht auf ihren Gebrauch angewiesen sind. Auch ein nicht unwesentlicher Theil der weiblichen Bevölkerung versteht heutzutage die Führung der Schneeschuhe ebenso gut wie zu Olaus Magnis Zeiten (1555), „da man Frauen mit ebenso großer Gewandtheit — wenn nicht gar mit noch größerer — wie Männer auf Jagd gehen sah“. Zum Glück für die Nation ist der Schneeschuhlauf in steter Entwickelung begriffen.

Von Telemarken und Kristiania und Umgegend pflegen die tüchtigsten Schneeschuhläufer zu kommen, aber in Oesterdalen, in Oplandene, in Numedalen, Hallingdalen, Valders, Gudbrandsdalen, in der Gegend von Drontheim und in Nordland und Finnmarken findet man ebenfalls tüchtige Schneeschuhläufer.

In Schweden, wo die Schneeschuhe von den Lappen zwar zur selben Zeit wie in Norwegen eingeführt wurden, ist das Schneeschuhlaufen weit weniger entwickelt, — es ist ja auch ganz natürlich, daß Norwegen mit seinen zahlreichen Gebirgsdörfern bessere und zahlreichere Schneeschuhläufer hervorbringen mußte, als das weit flachere Schweden, wo die Schneeschuhe fast ausschließlich nur in den nördlichen Gegenden bis zu Helsingeland, Dalarne und dem nördlichen Vermland bekannt sind und benützt werden. Das Aufblühen dieses Sports in Norwegen während der letzten Jahre hat jedoch dazu beigetragen, daß man auch in südlicher gelegenen Städten mit Stockholm an der Spitze begonnen hat, den Schneeschuhsport einzuführen.

Norwegische Schneeschuhläuferin.

Von den Norwegern wurde das Schneeschuhlaufen schon in alten Zeiten in Island eingeführt, doch scheint es dort fast ganz wieder in Vergessenheit gerathen zu sein, denn nirgends wird es in den isländischen Sagen erwähnt, während die Isländer, die nach Norwegen kommen, häufig das Schneeschuhlaufen schildern. Im vorigen Jahrhundert war das Schneeschuhlaufen dort dermaßen in Verfall gerathen, daß eine königliche Resolution vom Jahr 1780 eine Prämie für einen einzigen norwegischen Mann, der die „Kunst besaß“, aussetzte, nämlich für den Handelsgehülfen Buch auf Husavik, damit er 3 andere darin unterweisen sollte. Das Schneeschuhlaufen wird dort oben jedoch niemals eine hohe Stufe erreichen, so z. B. pflegt man die Schneeschuhe dort nicht an den Füßen festzubinden, was ganz nothwendig ist, wenn man die volle Herrschaft über dieselben erlangen will. Man hat mir freilich gesagt, daß dort oben im Nordlande einzelne Isländer eine ziemliche Tüchtigkeit erlangt haben sollen, — ich möchte indessen nicht dafür einstehen, daß bei dieser Beurtheilung der norwegische Maßstab angelegt worden ist. Nach den Mittheilungen, die ich vom Kandidaten A. Hansen erhalten habe, der Island im Jahre 1882 bereiste, liegen in der Mitte der Insel Höfe, die den ganzen Winter von der Außenwelt abgeschnitten sind, weil die Leute die Benützung der Schneeschuhe nicht kennen.

In Grönland ist das Schneeschuhlaufen wahrscheinlich erst sehr spät von Norwegern eingeführt worden. Es scheint dort nirgends bekannt gewesen zu sein, als Egede im Jahre 1721 nach Grönland kam; aber seine gewandten Söhne, die ja aus dem Nordlande stammten, führten die Schneeschuhe bereits im Jahre 1722 ein. In Paul Egedes Tagebuch heißt es: „Die grönländische Jugend mochte uns gern zum Besten haben. Dagegen konnten wir uns rühmen, daß wir auf Schlittschuhen oder Schneeschuhen laufen konnten — — —“

Das Schneeschuhlaufen wird jetzt theils von den dort ansässigen Dänen, theils von den Eskimos betrieben, aber zu etwas besonderem hat es bis dahin Niemand gebracht. Die Schneeschuhe haben dort niemals festen Fuß gefaßt, sie werden mehr als Spielzeug zum Zeitvertreib in müßigen Stunden betrachtet. Nur selten werden sie während des Winters zur Jagd benutzt. Der Eskimo, der sich hauptsächlich auf der See aufhält, hat den großen Vortheil nicht begriffen, der ihm dadurch erwachsen kann, und es geschieht nur ganz ausnahmsweise, daß er ein Rennthier auf Schneeschuhen verfolgt; einigemale kam es allerdings vor, während ich mich in Grönland aufhielt.

In Amerika kannte man die Schneeschuhe ursprünglich nicht, in letzterer Zeit sind sie freilich von den Skandinaviern in mehreren Gegenden, besonders in den nördlichen, eingeführt worden. So erzählte mir der bekannte norwegische Reisende, Kapitän A. Jakobsen, daß „die Bevölkerung in einem Theil der Rocky-Mountains, wo im Winter viel Schnee fällt, und besonders die Bergleute, seit langer Zeit Schneeschuhe verwendet haben, hauptsächlich zur Beförderung der Post zwischen entlegenen Bergwerkscompagnien und Dörfern. Die meisten dieser Postboten sollen Skandinavier sein.“

In Wisconsin, Minnesota und den benachbarten Gegenden ist das Schneeschuhlaufen durch Norweger eingeführt, an manchen Orten werden sogar jährliche Wettrennen veranstaltet. In Kalifornien sind die Schneeschuhe jetzt ebenfalls bekannt und eingebürgert.

Auch für die Eisenbahnanlagen in den Cordilleras zwischen Argentinien und Chili suchte man vor kurzem norwegische Schneeschuhläufer.[15]

Im Kriege haben die Schneeschuhe in Skandinavien häufig Verwendung gefunden. Das ist ja auch ganz selbstverständlich, da die Schneeschuhe auf einem Winterfeldzug natürlich große Vortheile bieten müssen.

Olaus Magni stellt auf seiner berühmten Karte über den Norden aus dem Jahre 1539 die Finnen auf Schneeschuhen mit den Helsingern zu König Frodes Zeit kriegführend dar.

Der Erste, der sie bei der Kriegsführung verwandt hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach König Sverre, und es gereicht seinem Feldherrntalent sehr zur Ehre, daß er es verstanden hat, sie zu benutzen, ja daß er sogar unter den Bewohnern der Hochlande ein Schneeschuhläufercorps gebildet hat. In der Schlacht bei Oslo, im März 1200, befiehlt König Sverre bei der Musterung auf dem Eise Paul Belte und seiner Hochländerschar, ihre Schneeschuhe und Stäbe zu ergreifen, die Schneeschuhe zu besteigen und die Ryenberge hinaufzulaufen, um die Stärke des Feindes zu untersuchen. Aus den Worten geht deutlich hervor, daß diese Schar mit Schneeschuhen zum Kriegsgebrauch ausgerüstet gewesen ist. (Sverres-Saga Kap. 163.)

Seit jener Zeit sind die Schneeschuhe gewiß sehr häufig von den Skandinaviern während ihrer Kriegszüge benutzt worden. Aber auch hier tauchen die Lappen wieder auf; ich will nur an jenen Lappen aus Finnmarken erinnern, der vor ungefähr 400 Jahren — so lautet die Erzählung — gezwungen wurde, einer Abtheilung Russen als Wegweiser über das Gebirge zu dienen. Es war in der Nacht und er zog auf Schneeschuhen, die Fackel in der Hand, vor dem Feinde her, der in von Rennthieren gezogenen Schlitten hinter ihm her kam. In blitzschneller Fahrt eilte er in der Finsterniß der Nacht einem Abgrunde zu, die Rennthiere folgten ihm im vollen Galopp, und indem er selber voran ging und freiwillig den Todessprung that, zog er das ganze Gefolge nach sich in die Tiefe. Einer anderen Sage zufolge soll er am Rande des Abgrundes Halt gemacht und nur die Fackel hinab geworfen haben, worauf denn die Russen, die dem Fackelschein folgten, in der Tiefe verschwanden. Noch eine andere Sage berichtet, daß es keine Russen in Schlitten, sondern Schweden auf Schneeschuhen waren, die er in das Verderben führte. Diese Sage wird im Tysfjord in Nordland in die Zeit Friedrich III. (ca. 1650) verlegt, in Snaasen im Drontheimschen in die Kriege mit Karl XII. Auch aus Solör kennt man die Sage. Wie dem auch sein mag, — überall ist es ein Lappe auf Schneeschuhen, der in den verschiedenen Formen dieser Geschichte wiederkehrt.

Hieraus ist zu ersehen, daß die Lappen auch zu jener Zeit als Schneeschuhläufer großes Ansehen genossen.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden in Norwegen besondere Schneeschuhläufer-Compagnien errichtet, die jeden Winter ihre Uebungen abhielten, und die Erzählung von der Oesterdalschen Schneeschuhläufer-Compagnie wird sicher jedem Norweger bekannt sein.

Außer in Skandinavien sind die Schneeschuhe in Finnland seit den ältesten Zeiten gebräuchlich gewesen. Dies geht ganz deutlich aus dem dreizehnten Gesang in der alten finnischen Dichtung Kalevala hervor, wo Lemminkäinens Jagd auf Schneeschuhen auf den Hiisihirsch in sehr poetischer Weise geschildert wird. Der Anfang lautet:

„Jetzt mein Spieß ist scharf und zugespitzet,