The Project Gutenberg eBook, Gedichte, by Friederike Kempner
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Friederike Kempner.
Gedichte
von
Friederike Kempner.
Sechste vermehrte Auflage.
Berlin 1891.
Verlag von Karl Siegismund.
Mauerstraße 68.
Meiner verewigten Mutter,
der Frau Rittergutsbesitzer
Marie Kempner
geb. Aschkenasy.
Das waren Tage des Glückes, als ich diese Gedichte einzeln schrieb, und jedes derselben, noch kaum entstanden, ihr vorlas.
Ist’s möglich, daß solch reine Wonne gleich einem Schatten vorüberziehen, oder gleich dem Untergange der Sonne nichts als ein in Gluth getauchtes Roth — die Spur ihres leuchtenden Weges — zurücklassen kann? —
Doch auch die Sonne geht nicht wirklich unter, und auch ihr reines Bild lebt hinter dem Vorhange unsrer Zeitlichkeit, und lächelt am Ufer dem noch auf den Wellen Spielenden....
Die Verfasserin.
[Vorwort zur 2. Auflage.]
Wenn ich der zweiten Auflage meiner Gedichte einige Worte voranschicken soll, so sind es Worte des Dankes an die liebe Lesewelt, welche der ersten Auflage ein so reges Interesse entgegenbrachte, daß nach so kurzer Zeit eine zweite nothwendig geworden ist.
Es freute mich unbeschreiblich, daß aus allen Gegenden Deutschlands, von nah und fern, Anfragen und das Verlangen nach diesen Gedichten an mich schriftlich ausgesprochen wurden. Ich bin stolz darauf und ganz besonders davon gerührt, daß alle Farben und Parteien dabei vertreten waren; scheint es doch, als wenn Jeder im Innern fühlte, daß es Aufgabe und Ziel der Poesie ist: die Wahrheit für Alle zu veranschaulichen, — und durch ihren Sieg dereinst Alle zu versöhnen.
Friederikenhof, 1882.
Die Verfasserin.
[Vorwort zur 3. Auflage.]
Der dritten Auflage meiner Gedichte, denen ich viele neue hinzugefügt, schicke ich einige Worte des freudigsten Dankes voraus: Dank der liebenswürdigen Lesewelt, welche die 2. Auflage — 1882 erschienen — schon im Mai 1883 vergriffen hatte!
Möge dieser dritten dieselbe Gunst zu Theil werden, eine Gunst, die das Glück und den Trost der Verfasserin ausmacht.
Breslau, im April 1884.
Die Verfasserin.
[Vorwort zur 4. Auflage.]
Nachdem die dritte Auflage dieser Gedichte, denen ich eine Anzahl neue zur vierten Auflage beifüge, in etwa vier Monaten vergriffen, kann ich nur meinen lebhaftesten Dank wiederholen und nochmals sagen, daß dieses Wohlwollen und diese Sympathie mich rührt und wahrhaft beglückt. Ja, das Bewußtsein, meine Gedanken getheilt zu wissen, erhebt mich zu der freudigen Erwartung, daß auch meine humanen Bestrebungen sich in die Herzen der Menschen immer mehr Bahn brechen und den Sieg über Inhumanität und Unverstand davon tragen werden.
Berlin, im November 1884.
Die Verfasserin.
[Vorwort zur 5. Auflage]
Ich habe bei dieser fünften Ausgabe meiner Gedichte wiederum für das überreiche Wohlwollen, welches der vierten Auflage zu Theil geworden ist, nur zu danken. Es fehlte freilich auch nicht an anonymer Feindschaft, ja an Haß und Verfolgung niedrigster und widrigster Art, und wie mancher Beherrscher von Rußland, sah ich mich fast täglich von anonymen Briefen heimgesucht, eine Ehre, die ich gar nicht erwartet hätte, die ich aber zu würdigen wußte. Denn giebt es in der That ein einziges Streben oder eine einzige Schrift, welche Etwas will und nicht angefeindet worden wäre?
Und so kam ich zu der Ueberzeugung, daß denn doch hie und da ein vorurtheilsloses, harmloses Gedicht, ein humaner Gedanke, objektiv zur Anschauung gebracht, frei von aller Parteilichkeit, gezündet, d. h. manchen Bösewicht aufgestachelt haben müsse, so daß er zu Dynamit und Gift greifen wollte. Aber Dynamit und Gift sind schlechte Waffen, die sich überlebt haben, und die unparteiische Wahrheit trifft Beides nicht, und so hat denn das liebenswürdige Publikum diese gemeinen Angriffe kaum seiner Entrüstung gewürdigt und in seiner reichen Gunst sind die Gedichte ein bleibendes Buch geworden.
Friederikenhof, den 12. Oktober 1887.
Die Verfasserin.
[Zur sechsten Auflage.]
Mit regem Dankgefühl
Send’ ich euch wiedermal
Euch Blätter ohne Zahl
Ins menschliche Gewühl;
Bringt meinen Gruß der Welt
Und habt ihr ihn bestellt,
Verfolget euer Ziel
Und — gleichsam wie im Spiel. —
Verkündet allzumal:
Auf Bergen und im Thal,
In Hütte und Königssaal,
Der Schönheit Ideal
Der Wahrheit Erz und Stahl
Der Tugend Götterstrahl!
Friederikenhof, im Januar 1891.
Die Verfasserin.
[Inhalt.]
| Seite | |
| Abdel-Kaders Traum | [2] |
| Ach, meine Mutter, fänd ich Dich wieder | [156] |
| Ach, Sternlein dort | [207] |
| Alles grünt und alles blüht | [103] |
| Alles Träumen | [100] |
| Als ich heut so bitterlich | [99] |
| Als Jemand beim Anblick einer armen Frau den Kopf wegwendete | [176] |
| Am Rhein | [42] |
| Am Scheidewege | [70] |
| Amerika | [56] |
| An den Kaiser Friedrich | [87] |
| An denselben | [89] |
| An der Tugend nur genippet | [141] |
| An diejenige, welche immer das Böse von mir abwehrte | [200] |
| An einen Müßiggänger | [144] |
| An L. zu P. | [91] |
| An meine Mutter | [151], [152] |
| Ansicht | [126] |
| Antibrüderlichkeit | [3] |
| Antwort | [104] |
| Arglos und harmlos | [85] |
| Atheismus | [61] |
| Auch Goethe war nicht unfehlbar | [139] |
| Auf allerlei Hetzen | [143] |
| Auf der Höhe stehen Bäume | [142] |
| Auf des Lebens Ocean | [183] |
| Auf das Zimmer meines Vaters | [172] |
| Auf meinem Gesicht | [187] |
| Auf meinen dahingegangenen Papagei | [240] |
| An denselben | [241] |
| Auf und nieder steigt die Welle | [10] |
| August Böckh | [171] |
| Ausdauer | [84] |
| Aus dem Dunkel bricht das Licht | [226] |
| Barde, der | [41] |
| Beim Anblick eines prachtvoll gewesenen Bouquets | [195] |
| Besessen ist die Welt | [196] |
| Bitterböse ist das Leben | [186] |
| Bittrer als der Tod ist Leben | [230] |
| Blümlein, das rothe | [51] |
| Blümlein auf der Au | [95] |
| Brüderlich, brüderlich | [138] |
| Burschenlied, das | [217] |
| Daktylen, Jamben, Trochäen | [174] |
| Das Paradies verschwand | [85] |
| Daß die Sterne blässer werden | [122] |
| Dem Kaiser Wilhelm I. | [86] |
| Dem kleinen Prinzen B. von C. zum Geburtstage | [96] |
| Dem Priester-Philanthropen Franz Marson | [173] |
| Den Studenten | [200] |
| Der Dichter lebt im Traume | [110] |
| Der Himmel ist hell | [197] |
| Der Himmel so blau | [124] |
| Der Lorbeer sprießt! | [114] |
| Der Mond erscheint | [179] |
| Der müde Wandrer sitzet am Steg | [132] |
| Der Tag so kurz, der Tag so lang | [214] |
| Der Traum der Poesie | [187] |
| Des Abends letztes Gold | [203] |
| Deutsche Bildung, deutsche Sitte | [192] |
| Die Aerzte Philosophen gleichen | [147] |
| Die Fenster sind gefroren | [140] |
| Die Nachtigall schlägt | [190] |
| Die Nemesis, sie waltet | [132] |
| Die Sonne geht strahlend unter | [145] |
| Die weiße Rose am längsten blüht | [143] |
| Die Wolken sich thürmen | [182] |
| Dieselben Bäume hier wie dort | [144] |
| Dorten aus der grünen Hecke | [147] |
| Dorten winkt ein neuer Morgen | [105] |
| Drei Schlagworte | [22] |
| Droschkau | [165] |
| Du siehst das Vöglein in den Lüften fliegen | [113] |
| Dunkle Veilchen, weiße Blüthen | [104] |
| Du willst verbinden, was sich ewig flieht | [139] |
| Edelweiß | [129] |
| Egoist, der | [178] |
| Ein leeres Bauer, ein leeres Haus | [136] |
| Ein Meer von Balsam ist die Zeit | [226] |
| Ein purpurnes Röslein auf grüner Au | [98] |
| Ein Reiter auf der Haide | [178] |
| Eine Blume ist gebrochen | [242] |
| Eine Blüthe seh’ ich prangen | [156] |
| Eine Mitternacht in Tyrol | [208] |
| Einen Vers soll ich Dir machen | [199] |
| Eingebung, die | [127] |
| Elisabeth | [234] |
| Es eilt der Fluß | [198] |
| Es flammet das herrlichste Sonnengold | [111] |
| Es geht die Zeit den sichern Gang | [137] |
| Es grünen die Bäume des Waldes | [107] |
| Es hat uns Gott gegeben | [215] |
| Es ist mir so federleicht ums Herz | [93] |
| Es ringt der Regen mit dem Winde | [127] |
| Es scheint der Mond in’s Zimmer | [121] |
| Es scheint der Mond so helle | [113] |
| Es schläft die Welt | [195] |
| Es schwebt mir auf der Zung’ ein Lied | [116] |
| Es sprechen nur noch die Affen | [134] |
| Es stimmen meines Herzens Saiten | [119] |
| Es stürmt so viel auf mich herein | [144] |
| Es wankt der Boden | [131] |
| Fanatismus und Geld | [19] |
| Feldarbeit | [178] |
| Fernweh | [37] |
| Fest-Romanze | [60] |
| Frage | [104] |
| Franzensbad | [160] |
| Frauenbild | [63] |
| Freundlich gucken meine Blicke | [143] |
| Frühlingslüfte wehen leise | [101] |
| Für Ferdinand Freiligrath | [163] |
| Für die Ostpreußen | [83] |
| Ganz gebrochen ist die Kraft | [125] |
| Gebet | [206] |
| Gedicht ohne r | [237] |
| Gefangenen, die | [130] |
| Gegen den Selbstmord | [189] |
| Gegen die Einzelhaft | [11] |
| Gegen die Vivisektion | [66] |
| Gehabt euch wohl, Gott segne euch | [147] |
| Gemälde | [95] |
| Geschichte | [12] |
| Giebt’s ein Glück | [197] |
| Ginge es nach meinem Herzen | [196] |
| Goldfischer, der | [246] |
| Goldner Sonnenschein | [189] |
| Gott ist groß | [140] |
| Gott segne die Armen | [146] |
| Gretchen | [227] |
| Grüne Saaten, grüne Blätter | [177] |
| Grüne Zweige, goldne Frucht | [114] |
| Hab’ ich Dich bisher geleitet | [99] |
| Habt ihr mir es gar verleidet | [102] |
| Hannah Thorsch | [161] |
| Hast Du darum mich verstoßen | [225] |
| Heimchen, die | [40] |
| Heinrich, der stolze, | [134] |
| Heinrich Heine | [162] |
| Heiße Thränen fließen, rauschen, | [101] |
| Herzog Georg Bernhard | [149] |
| Hoch auf der Berge Gipfel | [106] |
| Hoffnungsschimmer | [77] |
| Holden Träume, ging’t verloren | [176] |
| Holdes Blümlein, du willst nützen | [9] |
| Hundegebell im Fleischerladen | [194] |
| Ja, ja, es kommt noch nach | [229] |
| Jagd, die | [54] |
| Ich lehn’ am Fensterkreuze | [109] |
| Ich meint es rechtschaffen und ehrlich | [226] |
| Ich ritt auf einem Pferde | [224] |
| Ich träumte schön und träumte viel | [123] |
| Ich träumte tausend Lieder | [213] |
| Ich weiß eine große Geschichte | [190] |
| Ideelle, das | [112] |
| Jetzt | [154] |
| Ihr wißt schon, wen ich meine | [165] |
| Im Traume sah ich die Mutter heut | [199] |
| Immergrün | [20] |
| In der Schweiz | [105] |
| In die Wolken möcht ich fliegen | [140] |
| Innere Stimme | [75] |
| Invalide, der | [5] |
| Ist die Weihe denn gewichen | [98] |
| Ist’s der Dichtung Loos | [142] |
| Judenkirsche, die | [43] |
| Kanarienvögleins Traum | [65] |
| Kalt ist’s, eine trockene Kälte | [212] |
| Kälte | [177] |
| Kannst Du zweifeln, kannst Du zagen | [107] |
| Kennst Du das Land | [59] |
| Kennst Du nicht das Licht des Lebens | [106] |
| Kennst Du vielleicht ein Land | [185] |
| Kennt ihr sie nicht die böse bunte Schlange | [201] |
| Kind, das scheintodte | [44] |
| Klara Wuras | [158] |
| Kleine Blüthen, Röselein | [92] |
| Knaben, die | [17] |
| Kontrast, der | [13] |
| Kränk Dich nicht | [194] |
| Laßt mich in die Wüste eilen | [109] |
| Laßt mich schlafen, schlafen | [125] |
| Lauter Zank, ’s ist eine Zeit des Leidens | [141] |
| Lawinenmasse | [103] |
| Leben, das | [159] |
| Leipziger Lerchen | [164] |
| Leuchtthurm, der | [68] |
| Lied | [108], [184] |
| Lied der braven Frau | [170] |
| Logik | [46] |
| Lord Byron | [181] |
| Mädchen an der Donau | [49] |
| Mädchen vom See | [203] |
| Mägdelein, das | [205] |
| Man sagt, die Liebe wäre blind | [175] |
| Meiner Mutter lichtes Bild | [155] |
| Meiner Schwester Luise zum Geburtstage | [168] |
| Meine Thränen fließen | [124] |
| Menschliche Hilfe ist bald kaput | [186] |
| Mich greift die Langeweile | [185] |
| Mir träumte, daß ich stund | [232] |
| Misanthrop, der | [35] |
| Motto | [4] |
| Mütterlein, das | [18] |
| Nach dem Gesetz über die Pensionirung der Arbeiter | [243] |
| Nach der Aufführung „Rudolfs II.“ in Berlin | [136] |
| Nach Sedan, an den Kaiser Wilhelm I. | [135] |
| Nachtigall und die Katze | [215] |
| Natur und Mensch | [47] |
| Nero | [145] |
| Nero’s Angedenken | [133] |
| Nicht bei der Leidenschaft trübem Feuer | [78] |
| Nicht Farbe und nicht Glaube | [139] |
| Nicht im Reichthum wohnt das Glück | [176] |
| Nicht mehr sprechen die Sterne | [133] |
| Nur allein kann ich erstarken | [75] |
| O erkläret mir das Räthsel | [67] |
| O Faust, Du Bild des Menschen | [139] |
| O gieb mir Laut und Stimme | [117] |
| O Gott, Du weißt am besten | [197] |
| O ist’s denn ganz unmöglich | [144] |
| O mag ein Engel Dir die Schrift diktiren | [115] |
| O Mensch, Du trittst mit Füßen | [79] |
| O sieh, wie sich’s thürmt | [93] |
| O wißt ihr, was ich denke | [136] |
| Oft ist verhaßt | [175] |
| Parteilichkeit, Parteienhaß | [196] |
| Phantasie | [79] |
| Poesie, die | [90] |
| Poesie ist Leben | [92] |
| Polterabend, der | [26] |
| Poniatowsky | [48] |
| Prall nicht an, prall nicht an | [244] |
| Purpurn glänzt die Abendröthe | [102] |
| Rhoswitha | [26] |
| Rosenbüsche, dunkle Haine | [228] |
| Röselein, das | [23] |
| Sag’, was hängst Du so daran | [115] |
| Scheintodte, der | [140] |
| Schöner Stern, hab’ Dich gern | [146] |
| Schwarze Wolken, graue Wolken | [117] |
| Seh’ ich Euch wieder, goldne Sterne | [215] |
| Sei Dir Alles gleich, mein Kind | [230] |
| Sei ein Held, ertrag die Leiden | [200] |
| Selbst noch eine Menschenblüthe | [74] |
| Sieg des Geistes | [233] |
| Siehst Du nicht die grünen Matten | [123] |
| Sinn der Ferne | [81] |
| ’S ist ja Alles nur ein Träumen | [112] |
| Sonnenuntergang und Aufgang | [234] |
| Sperrt euch ein in große Städte | [177] |
| Spitzen-Klöpplerin im Harz | [204] |
| Stimmung | [62], [187] |
| Sympathie und Antipathie | [43] |
| Tausend Mücken tanzen in der Sonne | [82] |
| Thierbändiger, der | [219] |
| Thräne, die stille | [191] |
| Tribun, der deutsche | [53] |
| Tröstend senkt die Poesie | [122] |
| Tscherkessen, die | [30] |
| Ufergemälde | [37] |
| Und der Himmel lacht mir wieder | [141] |
| Und hätte ich nicht im Herzen | [121] |
| Unnütz lyrisches Gesinge | [142] |
| Unter den Linden | [128] |
| Unter mir die tausend Plagen | [116] |
| Untergeh’nde Sonne, sprich | [138] |
| Verschiedenheit ist nöthig | [201] |
| Versunken ist das Glück | [195] |
| Vogelin-Prinzeß | [72] |
| Vöglein, das | [1] |
| Vöglein auf den grünen Zweigen | [97] |
| Von Moral ist keine Spur | [194] |
| Vor der Mutter Bild | [157] |
| Vor Hermann Bödekers Bildniß | [166] |
| Vor meiner Mutter Bild | [188] |
| Vor demselben Bilde | [188] |
| Vor Nees von Esenbecks Bildniß | [148] |
| Vor Schillers Denkmal in Berlin | [145] |
| Wahrheit | [202] |
| Wanderlied | [245] |
| Wäldchen, das | [57] |
| Wär ich ein Vögelein | [175] |
| Was ich Hohes je geträumt | [105] |
| Was ist das Beste? | [58] |
| Was nützen alle Lieder | [126] |
| Wehmüthig, demüthig | [138] |
| Weiße Blüthen, grüne Zweige | [228] |
| Weißt Du was, ich will Dir sagen | [138] |
| Welch’ Schreckenstille herrschet hier | [243] |
| Welten-Chaos, Menschen-Chaos | [67] |
| Wenn man die Mütter | [157] |
| Wer die Bangigkeit | [110] |
| Wer einsam kam zu trüber Höhe | [214] |
| Wer Niemand über sich zum Richter | [148] |
| Wie ist das deutsche Vaterland | [21] |
| Wie niedrig lächelt die Dirne | [141] |
| Willst Du nach den Sternen fragen | [77] |
| Wintergemälde | [193] |
| Wirklichkeit | [36] |
| Wo sich Epheu schlingt | [155] |
| Wollte Gott | [58] |
| Wunderlieb, das | [24] |
| Zanket nicht, hetzet nicht | [137] |
| Zertrümmert das Leben | [180] |
| Zu allem Guten sage ja | [143] |
| Zu des Orkus finsteren Gewalten | [97] |
| Zu einem Gemälde Kaiser Friedrich des Dritten | [90] |
| Zugvögel, die | [69] |
| Zum 9. Juli, dem Todestage meiner Mutter | [153] |
| Zum 70jährig. Geburtstage eines Onkels | [174] |
| Zur Erinnerung | [72] |
| Zustand der Gesellschaft | [28] |
| Zwecklos scheint mein Leben | [130] |
| Zwei Blümlein blühen am Aronstab | [156] |
[Das Vöglein.]
Vöglein, Vöglein mit den Schwingen,
Mit den Aeuglein schwarz und klein,
Laß uns mit einander singen,
Laß uns liebe Freunde sein!
Vöglein hüpfte auf den Bäumen,
Endlich es mit Sang begann:
Du kannst nur von Freiheit träumen,
Dich seh’ ich als Fremdling an!
Mensch, auch Du hast Deine Schwingen,
Aeuglein hell und klar und rein,
Könntest Freiheit Dir erringen,
Dann erst laß uns Freunde sein!
[Abdel-Kaders Traum.]
Wolkenloses himmlisches Gewölbe,
Unter grünen Palmen Purpur-Zelt
Eine Reiter-Karavane hält,
Auf dem Boden Wüstensand, der gelbe.
Krachend unterirdisches Gewölbe,
Fünfzehnhundert Leichen, tief entstellt,
Jede Leiche war ein wackrer Held,
Speit die Flamme rasselnd aus, die gelbe.
Solch’ ein Traumbild Abdel-Kader grüßte,
Trunken er der Heimath Boden küßte:
„Allah, Allah“ ruft er, „meine Wüste!“
„Pellipssier, Dein fürchterlicher Brand!“ —
Plötzlich sich der Held im Traum ermannt,
Seine Blicke trafen Kerkerswand! —
[Antibrüderlichkeit.]
Sterne, könnt ihr freundlich glänzen,
Wenn das Unerhörteste geschehen,
Könnt ihr gleichgültig herniedersehen,
Wenn das Böse sie bekränzen?
Wenn ein Funke in euch sprühet,
Sterne lodert auf in helle Flammen,
Nur mit Flammen könnet ihr verdammen,
Was auf Erden hier geschiehet!
Und Du Erde, stille, kalte,
Birgst in Tiefen Du nicht Feuerschlünde?
Hast Du keine für die ärgste Sünde?
Rüttle Dich, Du kräft’ge Alte!
Spei sie aus mit einem Zuge,
Unterwelt und heil’ges Himmelsfeuer,
Schlag’ zusammen über Ungeheuer,
Und geheuer wird’s im Fluge!
[Motto.]
Sei ein Mensch, hab ein Herz
Unter Millionen,
Wie ein Fels, wie ein Stern,
Stehe fest, leuchte fern,
Setz’ die Welt in Staunen!
Sei ein Mensch, hab’ ein Herz
Für die Millionen,
Wenn’s der Thor auch Wahnsinn nennt,
Weil er keine Weisheit kennt,
Kannst Du drüber staunen?
Sei ein Geist, schür’ die Gluth
Unter Millionen,
Selber heiß, selber glüh’,
Fürchte nie, raste nie,
Setz’ die Kraft in Staunen.
Sei ein Geist, schür die Gluth
Unter Millionen,
Laß auf Erden eine Spur,
Ahne sie und lächle nur,
Es giebt sichre Kronen.
Sei ein Geist, schür’ die Gluth
Unter Millionen,
Wie am Himmel still ein Stern,
Wirke lächelnd, scheide gern,
Alles wird sich lohnen!
[Der Invalide.]
Ein alter Mann mit grauen Haaren,
Tiefbraun von Hand und Angesicht,
Aus dem, so stark die Glieder waren,
Hohnfrei ein stilles Lächeln spricht.
Mit blauen Augen, sanft, voll Leben,
Wie mancher friedlich deutsche Strom,
Und wie die Heil’gen sie erheben
Im stolzen Vatikan zu Rom.
Es spielt auf off’nem Markt die Leier,
Der arme, alte Invalid’,
Von trüber Zeit, von alter, neuer,
Singt er dazu ein hübsches Lied:
„Oed’ und verlassen
Nah’ ich dem Grab,
Spielet ihr Lüfte,
Sanft mich hinab!
„Viel hab’ ich gelitten,
Gekämpft und gestrebt,
Für Deutschland gestritten,
Für Deutschland gelebt.
„Und eifrig that lieben
Ich Menschen und Gott,
Die Menschen, sie blieben
Mir fern in der Noth!
„Oed’ und verlassen
Nah’ ich dem Grab,
Spielet ihr Lüfte,
Sanft mich hinab! —“
Viel’ Leute gehn an ihm vorüber,
Die meisten sehen gar nicht auf,
Sein sanfter Blick wird trüb und trüber,
Doch spielt er immer wacker auf.
Der Abend naht, die Sonne sinket,
Der Alte packt die Leier ein,
Im Auge eine Thräne blinket,
Er seufzt: „man soll zufrieden sein.
„Ich dachte heute nicht zu fasten,
Und hofft’ auf frisches Lagerstroh!
Komm’, alter, lieber Leierkasten,
Man denkt, doch geht’s nicht immer so!
„Es waren freilich kühne Pläne,
Doch niemand hat mich angeschaut,
Man zahlt nun nicht mehr solche Töne:
Was fang’ ich an in meiner Noth?
„Und,“ spricht er stockend und verlegen,
„Ich weiß nicht, red’ ich Jemand an?
Es ist an mir nicht viel gelegen,
Doch ganz man nicht verhungern kann!
„Herr,“ fleht er endlich einen Reichen,
„Sie borgen wohl acht Pfenn’ge mir?“
„Mein Freund, man borgt nicht eures Gleichen,
Und Bettlern geben selten wir.“ —
„Als Bettler ward ich nicht geboren,
Ein Bettler wird man erst alsdann —
Lehrt sanft der Greis den tauben Ohren,
Wenn man sich nicht mehr helfen kann!“
Ein Knabe zieht die Straß’ herunter,
Mit Rosenbüscheln zum Verkauf,
Der kleine Proletarier, munter,
Horcht bei des Alten Stimme auf.
„Herr“, spricht der Knabe sehr verlegen,
„Ich hab’ den Greis zwar nie gekannt,
Doch, wenn sie einen Argwohn hegen,
So bleib’ ich Ihnen gern zum Pfand! —
„Der arme Mann“, fleht er mit Beben,
„Er spielt den ganzen Tag schon hier,
Und kann die Arme kaum mehr heben.
Etwas verdient er schon dafür!
„Erbarmen Sie sich seines Lebens,
Er bringt das Geld schon morgen her,“ —
So fleht der Knabe, ach vergebens,
Der harte Reiche hört nichts mehr.
„Hört“, spricht zum Invalid der Knabe,
„Ich bind’ ein Sträußchen für euch los,
’s Ist freilich eine kleine Gabe,
Doch dies allein besitz ich bloß!“
Es wankt der Greis in seine Wohnung,
Wirft matt sich auf das faule Stroh,
„Ach“, — seufzt er bitter — „ohne Schonung
Behandelt man den Armen so?“
Die Nacht ging langsam ihm vorüber,
Es auf dem kalten Boden graut,
Da leuchtet wunderbar herüber
Ein herrlich lichtes Morgenroth.
Die Leier lag zu seinen Füßen,
Und dicht das Sträußchen rosenroth,
Der schöne Kopf auf grobem Kissen:
Der brave Invalid war todt. —
Holdes Blümlein, Du willst nützen?
Auf der weiten grünen Au?
Sieh’, die Sonne scheint so golden,
Und der Himmel, er ist blau!
Hohe Pläne, kühne Pläne
Werden Dir das Blut erhitzen,
Holdes Blümlein, um Dich schau:
Pläne werden meistens grau.
Röselein sich tiefer bückte:
Was das kleine Herz entzückte,
Kalter Zweifel will’s ihm rauben!
„An das Schöne will ich glauben“
— Sprach es — „ob auch Blättlein sich entlauben!“ —
Und dem Röslein Alles glückte.
Auf und nieder steigt die Welle,
Auf und nieder steigt die Nacht,
Und der Sterne Glanz und Pracht
Wechseln mit des Tages Helle.
Ew’ger Wechsel, Nacht und Helle,
Grüne Matten, dunkler Schacht,
Sprich, was siehst Du auf der Wacht?
Steigend auf die festen Wälle?
Moder, aus den Grüften,
Blumendüfte in den Lüften,
Manchen Geist, ach, schwergeprüften.
Eine Welt, die Alles preist,
Was da Glanz und Schimmer heißt,
Und das Böse vorwärts reißt! —
[Gegen die Einzelhaft.]
Allein, allein — doch nicht auf freier Erde,
In einer Zelle düst’rem Raum allein —
Dämonen steigen auf im engen Schrein,
Als Ton ein Schrei, — als Bild wahnsinnige Geberde.
Nacht — Tag — Nichts — Nichts; die Zeit, sie stehet stille,
Das Herz steht gleichfalls still — im Innern lebt’s,
Von Außen Eis und Tod, im Innern bebt’s
Im Innern kocht und bäumet sich des Menschen Wille!
Des Menschen Wille! Groß und Furien ähnlich,
Kleinmüthig, schwach! Barmherzigkeit, ich fleh’:
Werft mich hinab in schäumend wilde See,
Nach raschem Tod, nicht nach lebend’gem Grab begehr’ ich sehnlich!
Vom schroffen Fels stoßt mich mit Menschenhand hinunter!
Laßt mich dabei ein einzig Menschenantlitz seh’n, —
Ertödtet nicht den Blick — die Sonne bleibt am Himmel stehn,
Die Sinne, die gemordet, gehn für immer unter!
[Geschichte.]
Tiefe Nacht und lange Schatten
Ueber Land und über Meer,
Auf Europa’s sumpf’gen Matten
Tanzt das Irrlicht hin und her.
Kohlengluthen auf dem Heerde,
Gluthen in des Menschen Herz,
Der mit gleichgült’ger Geberde,
Schmiedet seiner Ketten Erz.
Finst’re Nacht und lange Schatten,
Thrän’n und Blut auf jedem Steg,
Auf Europa’s düstern Matten
Geht die Schlange ihren Weg.
Und es steigen aus den Tiefen,
Mit dem greisen Haupt und Haar,
Ungeheuer, die sonst schliefen,
Lautlos naht die Schreckensschaar.
Flammen zischen, Ströme brausen,
Tritt aus Deinem Ufer aus,
Meer, verwüste und mit Grausen,
Unsrer Erde grünes Haus! —
[Der Kontrast.]
Im feinen weißen Spitzenkleide,
Im braunen Haar Kamelienkranz,
Steht heut Madam’, ’ne Augenweide
Macht Toilett’ beim Kerzenglanz.
Vier Hände sind bemüht zu schmücken
Ihr selig lächelnd Angesicht,
Ihr Dies und Jenes recht zu rücken,
Und auch die ihrigen ruhen nicht.
Sie geht zum Ball, und dreist ich sage,
Die Frau ist reizend, wunderschön,
Daß sie gefällt ist keine Frage,
Das muß ihr selbst der Neid gesteh’n!
Wenn auch nicht eingehüllt in Flimmer,
So spielt doch fast dieselbe Scen’
Ihr Herr Gemahl im Nebenzimmer,
Der freilich etwas minder schön.
Sehr fein ist seine Toilette,
Reich glänzt der Ring an seiner Hand,
Er putzt die goldene Lorgnette,
Steckt seine Cigarre in Brand.
Er ist schon fertig, spricht mit Würde:
„Der Wagen steht für uns bereit,
Du bist sehr schön, genug der Zierde,
Mein Kind, es ist die höchste Zeit!“
„Wie glücklich bin ich“, ruft sie leise,
„Auch ich,“ sagt lauter ihr Gemahl,
„Es macht mich Deine Art und Weise
Sehr stolz auf meine gute Wahl!“
„Komm“ — spricht er, froh an Faro denkend, —
„Dir Alles, Alles herrlich steht,“ —
Und seinen Kopf bedenklich senkend —
„Wir kommen wahrlich heut zu spät!“
Nur noch das Halsband mit Demanten,
Nur noch die Broche mit dem Opal,
Das Taschentuch mit den Brabanten,
Den Blüthenstrauß und dann den Shawl!
Zu End’ ist nun die Toilette,
In Wahrheit ein possierlich Bild,
Solch Thorheitseifer um die Wette,
Stets aus beschränktem Geiste quillt.
So jung, so schön, so voller Freuden,
So voller Anmuth und so reich,
Eilen hinunter nun die Beiden,
An Eleganz sich selber gleich.
Die reichen Menschenkindchen träumen
In dem Moment von Unglück nicht,
Da sieh, sich scheu die Rosse bäumen
Vor eines Mannes Angesicht.
Ein armer Mann, die Stirn voll Falten,
Mit stierem Aug’ und hohler Wang’,
Mit Lippen, dünnen, bleichen, kalten,
Die schon vertrocknet schienen lang;
Stand an des heitern Hauses Schwelle,
Verhungert und erstarret fast,
Der Mond beschien an jener Stelle
Das Elend unter seiner Last.
„Ich fleh’“ — spricht er — „um ein Almosen,“
Und küßt der schönen Frau die Hand,
Sein schwacher Kuß drückte die Rosen,
Die an des theuren Handschuhs Rand.
„Mein Freund“, sagt sie mit kalten Mienen,
Erzürnt durch diese Frevelthat,
„Ich habe keine Zeit zu Ihnen,
Ob Robert etwa Kleingeld hat?“
Robert zieht nun den vollen Beutel,
Wie herrlich glänzt darin das Gold,
Doch all sein Suchen war nur eitel,
Denn Wen’ges war’s, was er gewollt.
„Halt, halt, gieb etwas jenem Armen,“
Herrscht nun der Herr den Kutscher an,
Des Letzteren Blick fällt voll Erbarmen
Und Grauen auf den armen Mann.
Er greift hinein in seine Taschen,
Zwei- und Viergroschen sind darin.
Schnell sucht er beide zu erhaschen,
Und wirft sie rasch dem Armen hin.
„Hier Bruder, sind sechs Groschenstücke,
’s ist Alles, was ich geben kann“
„Und“ — sagt er sanft mit feuchtem Blicke —
„Fragt manchmal dort im Giebel an!“
Jetzt rollte fort der rasche Wagen,
Der Kutscher wischt ein Aug’ sich ab:
Er denkt an all die großen Fragen,
Die solch’ Kontrast zu lösen gab.
[Die Knaben.]
Wie Du so viel Thränen weinst!
Ziehest fort, Du lieber Freund,
Seh’n wir uns auch wieder einst?
Weit zieh’ ich, weit übers Meer,
Und ob wir uns wiederseh’n:
Zweifle, zweifle ich gar sehr! —
In die Länder ziehst Du hin,
Wo’s so schön und schwül soll sein?
Kennst Du auch die Kinder drin?
Nach Amerika geht’s hin,
Drückend heiß soll es dort sein,
Und ein Fremdling dort ich bin!
Mach’ das Herz mir nicht so schwer,
Einstens seh’n wir uns noch, ja:
Einstens kommst Du wieder her!
Laß mich schau’n Dir ins Gesicht,
Denn wenn wir uns wiedersehn:
Kinder sind wir dann doch nicht! —
[Das Mütterlein.]
Was siehst Du, Kind, im Mondenschein?
Ein Mütterlein am Wegestein,
Viel Tausend Falten auf Stirn und Wang’!
Ihr scheinet, ach, so weh, so bang!
Viel Tausend Zähren sie leise verschluckt,
Das matte Haupt zur Erde gebuckt.
O, weine nicht, armes Mütterlein,
Es blinkt so hell der Mondenschein!
Die gold’nen Aehren auf Berg und Thal,
Sie bücken und grüßen Dich allzumal!
Und bis auf das kleine Goldkäferlein,
Kann Alles nicht schöner und prächtiger sein.
Wohl blinket so silbern der Mondenschein,
Doch düster und eng ist mein Kämmerlein,
Für mich wächst nichts auf dem grünen Feld,
Dem meine Hände den Acker bestellt!
Ach freilich konnt’ es nicht anders sein,
So seufzet das arme Mütterlein.
Was sieh’st Du, Kind, im Mondenschein?
Ich seh’ die grünen Hügelreih’n,
Die goldnen Aehren auf Berg und Thal,
Sie grüßen und laden die Alte zum Mahl!
Die Stirne in Händen sie mächtig sinnt,
Und Thräne auf Thräne zur Erde rinnt.
[Fanatismus und Geld.]
Auf der Kette wohlverschlung’ner Berge
Steh’n zwei Gnomen, stolz und mächtig groß,
Tausend Riesen knien vor jedem Zwerge,
Ihre Arme müßig bei dem eignen Loos;
Nur wenn jene Gnomen es gebieten,
Eilt die Arbeit, daß die Funken sprühten. —
Jedem Zwerg ist unterthan die Erde,
Krüppelhaft gestaltet sich die Welt,
Riesen wurden eine staub’ge Heerde,
Vor den Gnomen: Fanatismus, Geld!
Geist’gen Arme schüttelt eure Kette,
Und der Gnome wird zur Brandesstätte.
[Immergrün.]
Immergrün trotz Zeit und Wetter,
Pflänzchen zart und fest und schön,
Smaragdfarben Deine Blätter,
Könntest bei den schönsten stehn!
Denn der Freieste von Allen,
Dessen Blick man nie bestach,
Rousseau fand an Dir Gefallen,
Ward gerührt, wenn er Dich brach.
Wenn er Deinen zarten Stengel
Selten froh in Händen nahm,
Zagend, forschend, suchend Mängel,
Und zum Vorschein keiner kam!
Pflänzchen, liebstes mir von Allen,
Ewig bleibst Du theuer mir:
Rousseau konntest Du gefallen,
Dank für seine Freuden Dir!
[Wie ist das deutsche Vaterland?]
Sieh, das Haus ward mir zu enge,
Und es trieb mich in die Welt,
In des Thales dunkle Gänge,
Wo sich’s wie im Traum verhält.
Rebenhügel, Tannenwälder,
Mitten hin des Stromes Band,
Schmucke Auen, Weizenfelder,
Schönes deutsches Vaterland!
Zu den blankgeputzten Hütten
Droben auf der Bergeshöh’,
Zog es mich mit raschen Schritten
Und verwundert still ich steh’.
Eine Stimme ruft von innen,
Eine Stimme klar und hell:
„Guter Jüngling, geh’ von hinnen,
Schreit’ nicht über diese Schwell’!
Steig’ auf Burgen, steig’ auf Zinnen,
Sieh’ von außen an das Land,
Was Du sehen kannst da drinnen,
Es verwirrt Dir den Verstand.
Unsrer Hütten trübe Weise
Paßt nicht zu der schmucken Au,
Guter Jüngling, wirst zum Greise,
Und Dein Lockenhaar wird grau.“
Blümlein ranken um die Mauer,
Schön bepflanzt von welker Hand,
Und benetzt von Thränenschauer
Grünt das deutsche Vaterland!
[Drei Schlagworte.]
Wie heißt das Wort, das in der halben Welt
Man gleichbedeutend mit dem Gelde hält,
Doch mit dem Geld, das stets im Säckel bleibt,
Und schon von selbst die besten Zinsen treibt?
Es ist, es heißt, die, die, die, die,
Die theure Bourgeoisie!
Wie heißt das Wort, das in der halben Welt
Man gleichbedeutend mit dem Elend hält,
Doch mit dem Elend, das mit wack’rem Muth
Die schwere große Arbeit thut?
Es ist, es heißt, der, der, der, der,
Es heißet: Proletarier!
Wie heißt das Wort, das in der halben Welt
Man gleichbedeutend mit Utopien hält,
Doch mit Utopien, ähnlich Morgenlicht,
Das hell und warm zu jedem Herzen spricht?
Es ist, es ist mein Ideal,
Das große Wort, es heißt: social.
[Das Röselein.]
Grüß Dich Gott, mein Röselein,
Schön und klein und sanft Du bist:
Wie sie so anmuthig ist!
Röselein, gern seh ich Dich!
Bleib so still und lieb und rein:
Bleib so ewig jung und mein!
Röslein mein, o denk an mich!
Purpurroth und grün Dein Stiel:
Geist und Anmuth hat sie viel!
Röslein, Dich, Dich liebe ich!
Zart drück’ ich Dich an den Mund:
Nehme Abschied, bleib gesund!
Blättlein klein, o bleibet frisch,
Ihres Zweiges dunkelgrün:
Ach, ich muß von dannen zieh’n!
Röslein, nein, es war nur Scherz:
Ewig, ewig bleib ich Dein!
Ewig bleibst Du lieb und fein!
Röselein, o grüß Dich Gott,
Schön und frisch und mein Du bist:
Voll mein Herz vor Freuden ist! —
[Das Wunderlieb oder die Bucht in Wöckelsdorf.]
Tief unten zwischen Bergen
Da liegt ein Fischerkahn,
Den lenkt das Wundermädchen,
Die ’s Vielen angethan.
Ihr Aug’ so blau und stürmisch,
Wie aufgeregte Fluth,
Halb traurig und halb schaurig
Still auf der Gegend ruht.
Der braunen Flechten Länge,
So groß wie Schilf im Fluß,
Drauf, sagt man, drückt die Nixe
Allnächtlich einen Kuß.
Den Strohhut auf den Haaren,
Das Ruder in der Hand,
So fährt sie auf und nieder
Doch niemals bis an’s Land.
Die Thränen in den Augen
Der Jungfrau sind erstarrt,
Und ihre weißen Arme
Sind Marmor, kalt und hart.
Den Jüngling faßt Entsetzen:
Das Wunderliebchen sein,
Der Nachen samt dem Ruder
Und alles ist von Stein.
Es dunkelt auf den Bergen,
Des Fischerkahns Gestalt
Samt Jüngling und samt Jungfrau
Umschlingt die Tiefe bald.
Das schöne Wundermädchen
Samt Ruder und samt Boot
Sind noch in Stein zu sehen, —
Den Jüngling fand man todt.
[Rhoswitha.]
In stiller Klosterzelle saß
Ein ernstes Frauenbild,
Tief eifrig schrieb und dacht’ und las
Rhoswitha, sanft und mild.
Ein dunkel härenes Gewand
Bis an den Hals sie trägt,
Ein großes Buch von Pergament
Liegt vor ihr aufgelegt.
[Der Polterabend.]
Herab von seiner stolzen Feste
Lehnt sich ein Rittersmann,
Tief unten aus dem Felsengrunde
Schwingt’s lautlos sich hinan.
Schwarzbraune Locken auf dem Nacken,
Rothsammtnes Prachtgewand,
Den erznen Panzer um die Hüfte,
Das Visir in der Hand,
So lehnt er an dem Erkerfenster
Im hochzeitlichen Schmuck,
Was stierst Du, Ritter, in die Tiefe
Das Irrlicht zeigt nur Trug!
Ruht Laura nicht im stillen Grabe?
Kein Schatten kehrt zurück,
Vergiß die Schuld, zum Hochzeitsmahle
Ruft bald Dein froh Geschick!
Ha, immer stiert er noch herunter,
Den feur’gen Blick hinab,
Das Irrlicht steht an jener Stelle,
Wo sie den Tod sich gab.
Sein Grund ist leer, o weh, der Schrecken!
Was singt dort am Gestein?
Was schwingt sich hoch von Fels zu Felsen
Im weißen Heil’genschein?
„Noch grauet nicht Dein Hochzeitsmorgen,
Noch schaust Du nicht Dein Glück,
O, harter Ritter, schau’ lieb’ Laura,
Ihr Schatten kehrt zurück!“ —
Den stolzen Mann erfaßt ein Grausen,
Als er das Lied gehört,
Von Geisterarmen fortgerissen
Er in den Abgrund fährt.
Horch, da ein namenloses Poltern
Im felsigten Gestein,
Als wenn auf einmal tausend Donner
In’s Burgthor schlügen ein.
Drum soll am Abend vor der Hochzeit
Ein Polterabend sein
Denn, heißt es, wo viel Licht und Freude
Wagt sich kein Geist hinein.
[Der Zustand der Gesellschaft.]
Die Erde bebt, groß und gewaltig wird ihr inn’res Wüthen,
Und schwarz und finster war’s und keine Sonnen glühten.
Ach, keine Blüten, und kein Rauschen, und kein Frühlingswehen
Die große Nacht war düster, schauerlich mit anzusehen.
Da erschallt des Donners Stimme und erweckt die stumme Nacht.
Des Blitzes Schein erhellt die Erde, die Menschheit, sie erwacht.
Sie öffnet halb das müde Auge, vom Schein zurückgeschreckt,
Und schläfrig bleibt die Wimper liegen, die ihr das Licht versteckt.
Doch durch die zarten, kleinen Härchen, der große Lichtstrahl dringt.
Und golden es dem langen Schläfer ins trübe Auge blinkt.
Es folgt ein Blitz dem ersten Strahle, mit voller Blitzeskraft,
Die ganze Welt, sie steht in Flammen, und hat sich aufgerafft.
Die Menschheit mit den edlen Zügen, sie sieht den jungen Tag,
Und macht sich auf vom finstern Lager, wo sie im Schlafe lag.
Noch fühlt sie nicht den Rausch der Wonne, sie schreckt die Gegenwart,
Sie fühlt sich schwach, denn sie ist feige, und ahnt, was ihrer harrt:
Sie konnt’ das Finst’re ja nicht schauen, was that es ihr zu Leid? —
Jetzt sieht sie es, vom Licht erhellet, und sieht es weit und breit!
„Ich soll die Finsterniß verscheuchen,“ so ruft der Mensch und weint,
Die Finsterniß wird groß und größer, je näher sie erscheint; —
„Ich will ihr nicht ins Auge sehen, der schwarzen Höllenbraut,
In diesen Abgrund, der verzehret, wenn man hinunter schaut!“ —
Die Menschheit möchte wieder schlafen, und drückt ein Auge zu,
Doch auch im Herzen brennt die Flamme; und ihr wird keine Ruh’.
[Die Tscherkessen.]
Sieh, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachroth, auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.
Schwarz und golden, herrlich flimmert’s,
Wie sie blitzschnell eilen,
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen.
Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.
Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!
Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.
Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!
Endlich sieh’ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen,
Brück und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.
In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten:
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!
Sie entfloh’n aus tiefem Reußen,
Heldenmut im Blute, —
So tönt’s in des Volks Geflüster —
„Wie den’ auch zu Muthe?“
Vor des Preuß’schen Rathhaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.
Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.
Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträthselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.
„Wir Cirkassien’s freie Söhne
In der Sklaven-Ferne
Hörten rühmen eure Freiheit,
Dienten Freien gerne!
„Durch des großen Gottes Fügung
Nun auf freier Erde,
Flehen wir zum freien Preußen,
Daß uns Hilfe werde!
„Dreimal vier und zwanzig Stunden
Ohne Rast geflohen,
Bieten wir uns, uns’re Schwerter
Euch an voll Vertrauen!
„Dreimal vier und zwanzig Stunden
Ohne Rast geritten,
Wir um edle, große, deutsche
Gastlichkeit nun bitten! —“
Also klangen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.
Selbe Nacht noch, sieh’, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.
Horch, zwei preußische Schwadrone,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.
Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufen sprühen,
Brück’ und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.
Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Oeffnung
Russen mit dem Kopfe.
Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, ungeschwächten,
Und man übergiebt die Helden
Den Kosakenknechten!
Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetterleuchten ferne:
Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Thränen rollen:
Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die Russische Salve,
Daß die Erde dröhnte!
[Der Misanthrop.]
O Einsamkeit, Du stilles Land,
Der Träume und des Friedens Du,
Die Dankbarkeit mich Dir verband,
Dir dank’ ich meine süße Ruh’!
Du gabst mir wieder alles das,
Was ich verloren hielt,
Die Liebe, die ich schon als Haß
In meiner Brust gefühlt.
All das, was Edles ich geglaubt,
Dir dank’ ich’s nun allein,
Den Glauben mir nun keiner raubt,
Denn einsam will ich sein!
Wer weiß, ob nicht in jener Welt
Ein Geist wird einsam sein,
Ob jedem Geist nicht eine Welt
Beschieden auch wird sein.
Es lebe stille Einsamkeit!
Du gabst mir süße Ruh!
Ich weihe mich der Dankbarkeit,
Mein einziger Freund sei’st Du.
[Wirklichkeit.]
Grüne Matten, Staub und Asche,
Menschenauge, schön und groß,
Ist es wahr, daß solchem Glanze
Drohet der Vernichtung Loos? —
O verwesen und vernichten!
Doch Vernichtung ist es nicht
Nur verpuppen wie die Raupe
Soll der Mensch sein Angesicht.
Sag’, was ist Dir, süßes Kindchen,
Und was widert jetzt Dich an?
Macht’s die Aehnlichkeit der Raupe,
Daß Dir geht ein Ekel an?
Süßes Kindchen, Menschenräupchen,
Mach kein bitterbös Gesicht,
Und verbitt’re drum das Leben
Deinen Mite-Raupen nicht. —
[Fernweh.]
Gold’ne Sonne mit den Strahlen,
Komm und nimm mich an Dein Herz
Und von Deinem Licht getragen,
Steige mit mir himmelwärts!
Zeige mir dort Deine Wesen,
Deinen großen Wunderraum,
Und damit ich’s nicht verrathe,
Laß mich’s schauen wie im Traum!
Oder nimm mich in die Höhe
Nur ein tausend Meilen mit,
Daß von dort aus ich es sehe,
Wie die Erde klein aussieht!
[Ufergemälde.]
Es heulet der Sturm,
Es tobet die See,
Es peitschet der Wind
Die See in die Höh.
Es steuert ein Fahrzeug
Am seegrünen Strand,
Es steiget die Mannschaft
Mit Beben ans Land.
Ein Weib ist dazwischen,
Das Kind auf dem Arm,
Drückt’s fester und flehet:
Daß Gott sich erbarm’!
Gerettet, bewahret
Von göttlicher Hand,
Bewahrt vor dem Abgrund,
Der Tiefe Gestrand.
Am Ufer ich bete,
Mit Blumen geschmückt,
Mein Kind ist kalt,
Mein Haupt ist gebückt.
Sie sagen, ’s wär todt,
O Vater, o nein,
Du lässest nicht halb nur
Gerettet uns sein!
Im Schrecken nur schloß es
Die Aeugelein zu,
O rettender Gott
Gelobet seist Du!
Belebe mein Kindlein,
Mein Herz und mein Blut,
Sonst wollte ich lieber
Hinab in die Fluth;
Zurück in die Tiefe,
In Wassers Gewalt,
Wo unser Nothschuß
In Klüften verhallt’.
Das Auge sie hebet
Zum Himmel empor,
Da schlaget, horch plötzlich
Ein Schrei an ihr Ohr.
Ei, sieh’ da, das Kindlein,
Das Kind ist erwacht,
Sein Mund hat geschrieen.
Sein Aug’ hat gelacht!
Es sinkt in die Kniee
Die Mutter am Strand
Und rufet ganz trunken!
O sehet doch Gottes Hand!
Die Männer, sie wenden
Verwundert sich um
Und geben das Kindlein
In die Runde herum.
Sie heißen es Jeder
Willkommen am Land!
Und murmeln dazwischen
O sehet doch Gottes Hand!
[Die Heimchen.]
Hörst Du, wie die Heimchen zirpen?
Wird es Dir nicht heimlich so?
Ist es nicht, als wenn Dir riefen
Freundesstimmen irgendwo?
Düst’re Nacht im Krankenzimmer,
Stürme draußen, Stürme drin,
Feuersbrunst am dunklen Himmel,
Heiße Gluth um Herz und Sinn.
Sehnend mich nach neuer Schöpfung,
Mich nach ros’gem Morgenlicht,
Saß ich still beim Lampenscheine,
Kummer in dem Angesicht.
Horch da, plötzlich Heimchen sangen,
Traulich, heimlich ward es so,
Als wenn Freundesstimmen riefen,
Tröstend, hoffend irgendwo!
Heimchentöne, Heimchenworte,
Klangvoll fing’s zu sprechen an:
Wer die Kehlchen singen lehrte,
Der auch Heilung schaffen kann! —
[Der Barde.]
Für eine Dame schön und hold,
Für Minnetreu und Minnesold,
Des Barden höchstes Gut,
Verspritzen wir das Blut.
Der Barde liebet Ehr’ und Recht,
Er ist der Erste im Gefecht,
Für Mortimer von Lewellyn[1]
Bis in den Tod die Barden ziehn.
Für Wales, unser Vaterland,
Gesegnet schön von Gottes Hand
Für seine Berge und grüne Seen
Die Barden Alle für Einen stehn.
Anmerkung
[1] Der letzte der selbstständig regierenden Fürsten von Wales.
[Am Rhein.]
Auf Bergeshöh’
Den Pfad entlang,
Auf off’ner See
Beim Harfenklang.
Im Frührothschein,
Bei blauer Luft,
Am Rhein, am Rhein
Beim Kräuterduft.
Im Himmelsraum
Den Vögelschwarm,
Im Hirn den Traum,
Ganz sonder Harm.
Im Abendroth
Das Thal hinab,
Und dann, dann todt,
Allein, im Grab.