SLAVISCHE VOLKFORSCHUNGEN

Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Vorwiegend auf Grund eigener Erhebungen
von
Dr. Friedrich S. Krauss.

Verlag von Wilhelm Heims
Leipzig 1908.

Alle Rechte vorbehalten.

Herrn
Prof. Dr. KARL von den STEINEN
zugeeignet
von
KRAUSS.

STEGLITZ-berlin,
1 Friedrichstraße,
31. August 07.

Sehr verehrter Herr Krauss!

Sie wollen einem Ethnologen, und zwar einem »Amerika- und Südseereisenden«, der sich bei den nackten und wilden Kindern der Tropen am wohlsten gefühlt hat, Ihre »Slavischen Volkforschungen« widmen? seinen Namen in ehrender Form mit dem Werk über ein Gebiet verknüpfen, auf welchem Sie der anerkannte Meister sind und er in völliger Unwissenheit befangen ist? Ich könnte mich dabei beruhigen, daß symbolische Handlungen unter Kulturmenschen sinnlos sein dürfen. Aber glücklicherweise ist das Trennende zwischen unseren Berufen nur Schein — zumal in Anbetracht der Entstehungsgeschichte dieses Buches. Die prächtigen Guslarenlieder und ein großer Teil der Aufzeichnungen, die jetzt endlich in einem gewichtigen Bande herausgegeben werden sollen, stellen Sammlungen dar, die Sie als junger, gänzlich mittelloser Mann mit unglaublich zäher Arbeit und unter den schwierigsten äußeren Bedingungen geborgen haben: Sie haben bei dem Wandern unter Ihren Südslaven nach Lage der Dinge damals keine geringeren materiellen Entbehrungen erlitten und sind zweifellos von keinem geringeren wissenschaftlichen Idealismus getragen worden als der vortrefflichste Forschungsreisende in irgend einem fremden Erdteil! Auch in dem einen kennzeichnenden Punkt halten Sie den Vergleich mit den echten Pfadsuchern unbekannter Länderstriche aus, daß Sie sich Ihre Aufgabe selber geschaffen haben: Sie erkannten den hohen Wert eindringlichster volkskundlicher Erhebungen im Dunstkreis der europäischen Kultur zu einer Zeit, als die berufenen Würdenträger der südslavischen Gelehrsamkeit noch keine Ahnung hatten von den Schätzen, die sie umgaben.

Aber die wichtigere Übereinstimmung, die ich gegenüber Ihrem Anerbieten empfinde, liegt in dem Objekt der Forschung. Wie Vieles ist in dem letzten Vierteljahrhundert, seit Sie den Klängen der Guslen nachgingen, zur Klarheit gediehen! Was von führenden Geistern theoretisch bereits formuliert war, was aber durch induktive Beweise erhärtet werden mußte und durch Beweise in endloser Fülle mit immer neuen Überraschungen von allen Ecken und Enden der Welt erst in dieser Periode erhärtet worden ist, die Wesensgleichheit der Volkskunde und der Völkerkunde — sie ist heute ein selbstverständlicher Satz geworden. Das psychologische Verständnis von Sitte und Brauch und aller sozialen Tradition fließt aus denselben überreichen Quellen auf den Höhen und in den Niederungen der Menschheit. Die künstliche Scheidewand zwischen geschichtlichen und geschichtlosen Völkern ist nicht mehr zu halten. Ja, ich gestehe, nicht ohne Neid und Furcht betrachte ich den wachsenden Aufschwung folkloristischer und verwandter Untersuchungen. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die mit so vielen feineren und zuverlässigeren Mitteln der sprachlichen und historischen Analyse ausgestattete Wissenschaft, die von unseren komplizierten Formen aus rückschließend die Anfänge zu erkennen strebt, in der Erklärung selbst des primitiven Denkens einst noch einmal die Ethnologie überflügelt, die heute leider immer und immer noch vor dem Problem versagt, ob ein einfaches Erzeugnis mit Sicherheit — und an der Sicherheit hängt alles! — den Ursprung oder die Verarmung bedeutet. Vorläufig aber wollen wir uns freuen, daß wir uns als enge Fachgenossen fühlen, mögen wir nun hier bei unseren Kulturnationen in die tieferen Schichten graben oder fern bei einem Wildstamm den gegenwärtigen Horizont festlegen. Dieselben Gesetze, dieselben Phänomene, und, trotz Bastian, vielleicht auch die Kontinuität, gegen die wir uns noch sträuben! In diesem Sinne kann ich die Patenschaft annehmen und danke ich Ihnen herzlichst.

Ihr ergebener

Karl von den Steinen.

Inhalt.

Seite
I.[Zur Einführung]. Ansätze zu einemmoslimisch-slavischen Schrifttum. — Einflüsse destürkischen auf das slavische Volktum. — Probestücke ausder handschriftlichen Literatur bosnischer Moslimen1
[I.Abteilung].
II.[Hexen]31
III.[Die unheimlichsten Waldfrauen]87
IV.[Rückkehrende Seelen]110
V.[Der Vampir]124
VI.[Der Werwolf]137
VII.[Die Mar]145
VIII.[Menschenfleischessen]155
IX.[Liebezauber]164
[II.Abteilung].
X.[Guslarenlieder. Zur Einführung]177
XI.[Vom wunderbaren Guslarengedächtnis]183
XII.[Džanüms Heerzug]190
XIII.[Rákóczy’s Fall]225
XIV.[Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden]252
XV.[Die Russen vor Wien]277
XVI.[Die Mutter der Jugović]287
XVII.[Novak der Heldengreis]292
XVIII.[Die Milchbrüder]306
XIX.[Wolf Feuerdrache]332
XX.[Der Yoga-Schlaf]335
XXI.[Die Menschwerdung des hl. Panteleimon]349
XXII.[Echte und unechte Vilenkinder]352
XXIII.[Ein Heldengemetzel]361
XXIV.[Von einer Vila Zöllnerin]365
XXV.[Vilenpfeile (Drei Guslarenlieder)]371
XXVI.[Das Heldenfräulein und die Blockhausvilen]384
XXVII.[Wie Vilen Ibrâhim Nukić heilten]394
[Schlagwörterverzeichnis]405

Zur Einführung.

Ansätze zu einem moslimisch-slavischen Schrifttum. — Einflüsse des türkischen auf das slavische Volktum. — Probestücke aus der handschriftlichen Literatur bosnischer Moslimen.

Wir wollen einige merkwürdige Proben des orientalisch-slavischen Schrifttums vorlegen, das sich in Bosnien und dem Herzoglande bei den moslimischen Slaven entwickelt hat. Es sind dies Erzeugnisse einer gar bescheiden auftretenden Kunstdichtung, wo die Kunst keine besondere Dichtung und die Dichtung keine erhebliche Kunst zeigt. Die Kunstdichtung gehört eigentlich nicht zur Ethnographie, sondern, wie es sich von selbst versteht, hauptsächlich zur schöngeistigen Literatur und will vornehmlich vom Standpunkte des Ästhetikers aus betrachtet werden. Das gilt aber im allgemeinen von jeder literarischen Schöpfung, im einzelnen können doch noch immer andere Gesichtpunkte zur Geltung kommen. So muss z. B. gegebenenfalls der Ethnograph die allerersten Ansätze zu einer Kunstliteratur, wo noch immer die Individualität des schaffenden Dichters soferne unter der Menge verschwindet, als sein geistiges Eigentum als blosser Ausdruck des Fühlens und Denkens der breiten Menge angesehen werden kann, ganz gewiss in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Ein literarisch gebildeter Dichter kann ins Volk hinabsteigen oder das Volk zu sich emporheben, je nachdem er die Gabe besitzt, auf die Menge nachhaltig einzuwirken. Erst die für einen beschränkteren Kreis des Volkes berechnete literarische Produktion, die, um verstanden zu werden, beim Zuhörer oder Leser eine nicht ganz alltägliche Auffassung und Bildung zur Voraussetzung hat, soll man füglich der Kunstdichtung beizählen.

So legt die Kunstdichtung mittelbar dafür Zeugnis ab, dass in gewissen gesellschaftlich bevorzugten Kreisen die lebendige Volküberlieferung nicht mehr ausreiche, um das erwachte Bedürfnis nach geistiger Nahrung zu befriedigen. Die Kunstdichtung mag, z. B. wie bei den Hebräern des Altertums und den Hellenen, auf heimatlichem Boden unter günstigen Umständen in Anlehnung an die Volküberlieferungen der illiteraten Menge entstanden oder als ein Reisschössling aus der Fremde importiert worden sein. Im ersteren Falle muss auch der Kunstliteratur ein ungleich höherer, ethnographisch relativer Wert innewohnen, als im letzteren, denn sie wird ihm mitunter wohl recht schätzbare Aufschlüsse über das Volktum bieten. Die aus der Fremde verpflanzte Literatur verleugnet dagegen höchst selten ganz ihren ursprünglichen fremden Charakter; sie zu durchforschen wird für den Ethnographen nur soweit von Belang sein, als er aus solchem Schrifttum beiläufig entnehmen kann, in welcher Form und in welcher Art ein Volkgeist dem anderen sich anbequemt, wie ein Volk die Gedanken eines anderen Volkes geistig zu verarbeiten vermocht hat.

Die Kunstliteratur der moslimischen Slaven Bosniens und des Herzoglandes besteht vorwiegend aus importierten und in slavischer Sprache nachgebildeten türkischen und arabischen Geisterzeugnissen. Es ist gewiss nicht wenig anregend, den Grundursachen nachzuspüren, die die Entwicklung einer orientalisch-slavischen Literatur bei den Südslaven begünstigt haben. Die Erscheinung ist ethnographisch um so auffälliger und bemerkenswerter, als die Südslaven sich nicht bloss einer alten klösterlichen Literatur, sondern auch einer überaus reichhaltigen, sagen wir gleich, einer wunderbar herrlichen epischen Volküberlieferung, der Guslarenlieder, berühmen können.

Kurz mag man die Frage so stellen: Wiefern sind die Südslaven, die älteren Bewohner des Balkans, in ihrer geistigen Entwicklung von den späteren Nachkömmlingen, von ihren Herren, den Türken, bestimmt worden?

Über vierhundert Jahre lang herrschte der Halbmond über das weit ausgedehnte, von Natur aus so eigentümlich gestaltete Gebiet der Balkan-Halbinsel. Hier suchten die Türken festen Fuss zu fassen, weil sie vom Balkan aus die vitalen Interessen ihres Reiches Westeuropa gegenüber am erfolgreichsten verteidigen konnten. Der innige Kontakt zwischen so verschieden gearteten Völkerschaften, wie die Türken und Slaven, musste einen Verschmelzungprozess hervorrufen. Es fällt nicht leicht, einen klaren Einblick darein zu gewinnen, weil es noch an einschlägigen Vorarbeiten sehr gebricht.

Zur Zeit als die ersten türkischen Kriegerscharen die kleinasiatischen Besitzungen des oströmischen Kaiserreiches zu bedrängen anfingen, war der bulgarische Staat innerlich zerfallen, das serbische Reich stand erschöpft und geschwächt da, das bosnische lag, durch jahrhundertelange heftige Religionkriege aufgerieben, förmlich in den letzten Zügen, das halbmythische chrowotische endlich war schon längst zum Anhängsel Ungarns geworden.

Unter dem Drucke einer unproduktiven, geistertötenden spätgriechischen Kultur, hart bedrängt von der griechisch-orientalischen und von der römischen Kirche, hatte sich der südslavische Grund- und Lehenadel zumeist zum Bogomilentum geflüchtet. Es scheint, als ob die Lehre Bogomils ihren Anhängern die meisten persönlichen Freiheiten gewährt habe. Die Ursprünge dieser Sekte dürften im Arianismus zu suchen sein. Sehr häufig standen in Religionstreitigkeiten und Angelegenheiten Adel und König in einander entgegengesetzten Lagern. Das Bogomilentum hatte die jungen südslavischen Staatenbildungen in ihren Grundvesten zerfugt, indem es die breite Menge des Volkes in wahnwitzvolle Religionhetzen hineingetrieben. Delirant reges, plectuntur Achivi. Kriege mit auswärtigen Feinden haben fast immer zur kräftigeren Ausbildung der Individualität des obsiegenden Volkes beigetragen; mitunter haben selbst erlittene Niederlagen ein Volk zur höchsten Ausnützung und Betätigung der in ihm schlummernden Kräfte genötigt; die Flamme von Bürgerkriegen aber, zumal derjenigen, die religiöser Fanatismus auflodern lässt, die zehrt Mark und Bein des Volkes auf. Der grösste Sieg bleibt stets ein Pyrrhussieg.

Solcher düsterer Siege hatte das vortürkische Südslaventum an allen Ecken und Enden, am meisten in Bosnien, aufzuweisen. So mochte den Bošnjaken der Türke als ein ersehnter Befreier und Erlöser aus unleidlichen gesellschaftlichen Verhältnissen erscheinen. Auf eine andere Weise kann man sich füglich die eine Tatsache nicht erklären, wie die Türken mit verschwindend geringen Opfern an Blut, nahezu ohne Schwertstreich, über Bosnien Herren geworden. Fast der ganze Adel und ein grosser Teil des Volkes hatte sich vom König losgesagt und freiwillig zum Islam geschworen. Feigheit war gewiss nicht der Beweggrund, und die Habsucht, um die ererbten Güter weiter im Besitz zu behalten, wohl auch nicht, helle Verzweiflung war es, die den stolzen Adel zu diesem Schritt getrieben.

Der Übertritt zum Islam dürfte den Bošnjaken nicht besonders schwer gefallen sein, denn Adel und Volk hatten im Religionwechseln schon förmlich eine Übung erlangt. Von den Türken aus wurde in dieser Hinsicht auf die Bošnjaken kaum ein besonderer Zwang ausgeübt. Das muss wohl auch der erbittertste Türkenhasser den Türken wahrheitgemäss zu ihrem Lobe nachsagen: sie waren in Europa weder in religiöser noch in nationaler Beziehung Proselytenmacher. Der Türke blickte mit viel zu viel Geringschätzung auf den Slaven herab, als dass er es für wünschenswert gehalten hätte, ihn zum Islam zu bekehren. Tatsächlich hatte sich der bosnische Adel durch seinen Übertritt nicht viel genützt. In den ersten zwei Jahrhunderten der Okkupation durch die Türken spielt der moslimische Slave eine durchwegs höchst untergeordnete Rolle im politischen Leben; und die moslimischen Slaven, die sich später als Helden hohen Ruhm erwarben, die Mujo Hrnjica, Siv sokol Alile, Ćejvan aga dedo, dedo Varićak, Pandžić Huso, Tale Orašjanin, Džanan sarajlija und so viele andere waren ausnahmlos homines novi, Männer aus der Schichte der Ackerbauer, die ihre Stellung und ihre Macht lediglich ihrer persönlichen Tapferkeit und ihrem Mute zu verdanken hatten.

Immer wieder muss sich der südslavische Ethnograph, angesichts solcher mächtigen Wandlungen im Volkleben, die Frage zu beantworten suchen, wie war es denn mit dem südslavischen Volktum in den Zeiten vor der türkischen Invasion beschaffen?

Über die ethnographischen und kulturellen Verhältnisse der Südslaven in den der türkischen Herrschaft vorausgegangenen Jahrhunderten sind wir leider äusserst mangelhaft unterrichtet. Was uns von der altsüdslavischen Literatur überkommen, sind trümmerhafte Petrefakte einer slavisierten spätbyzantinischen Literaturströmung. Einige magere, gedankenarme Chroniken über kriegerische Ereignisse, zweifelhafte Geschichten von Duodezkönigen, einige Bändchen königlich oder »kaiserlich« serbischer Gesetze und diplomatischer Korrespondenzen sind, abgesehen von zahlreichen sachlich und sprachlich minderwertigen Evangelien-Übersetzungen, Homilien und ungemein naiven Heiligenlegenden, fast die einzigen, freilich sehr dürftigen literarischen Quellen unseres Wissens vom Kulturleben der Südslaven in vortürkischen Zeiten. Man hat zwar ein Sammelwerk aller südslavischen Steininschriften in Angriff genommen. Den Hauptvorteil dürfte aus dieser Sammlung vorzugweise der Philolog als Grammatiker ziehen; wie denn im allgemeinen die altslavischen Texte, die dem Süden entstammen, immer die sorgfältigste Beachtung der Linguisten verdienen.

In die verknöcherte byzantinische Schablone, die den Südslaven aufgenötigt wurde, liess sich unter den damals obwaltenden Verhältnissen unmöglich originelles, individuelles Wesen einfügen. Der byzantinische Geist musste, wie er schon einmal war, entweder vollinhaltlich aufgenommen oder zurückgewiesen werden. Den Südslaven ist der Byzantinismus hauptsächlich durch die griechisch-orientalische Kirche vermittelt worden, die keine Kompromisse zuliess. Die illiteraten Südslaven hatten wohl damals, in der Periode ihrer ersten Staatenbildungen, keine eigene, widerstandfähige Kultur der eindringenden byzantinischen als Wehr entgegenzustellen. Auch wetteiferten die Fürstenhöfe und der Adel in der Nachahmung byzantinischer Vorbilder. Byzanz war der erste und bedeutendste Lehrmeister der Balkan-Slaven. Andererseits drang zu den Südslaven vom Südwesten italienische, vom Nordwesten deutsche Kultur ein.

Den weitaus überlegenen Kulturen ihrer sprachstammverwandten Brüder, den Griechen, Italienern und Deutschen gegenüber, konnten sich die Südslaven doch nur stets aufnehmend verhalten. Es ist nicht leicht annehmbar, das südslavische Volktum hätte unter diesem Einstürmen dem slavischen Vorstellungkreise durchaus nicht abartiger Elemente noch Raum zu einer freien und gedeihlichen Entwicklung gefunden. Das echtslavische, aus den nördlichen Heimatstätten mitgebrachte Volktum blieb jedoch fast ausserhalb der Berührung mit der Literatur und Kultur, die von Mönchen und Adeligen aus dem Auslande mitgebracht wurde. Man sah mit Gleichmut, wo nicht mit Verachtung auf das ungebildete Volk herab und bekümmerte sich um sein inneres Leben und Weben so gut wie gar nicht. Wie lässt es sich denn anders erklären, dass uns die gesamte altsüdslavische Literatur nicht einmal die blossen Namen der altsüdslavischen vorchristlichen Gottheiten oder ihrer Kultusstätten, geschweige erst Nachrichten über Sitten und Gebräuche oder zum mindesten ein einziges episches oder vielleicht lyrisches Lied aufbewahrt hat? Die alten slavischen religiösen und gesellschaftlichen Anschauungen bildeten eben keinen Faktor, mit dem die Missionare des östlichen und westlichen Christentums hätten rechnen müssen.

Bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts bedrohte die Südslaven Gräzisierung im Osten, Romanisierung und Germanisierung im Westen. Als aber die Türken Glied für Glied dem byzantinischen Reiche in Asien ausrissen, behob sich auch rasch das politische Alpdrücken der Balkan-Slaven; da streckte und reckte sich das Serbenreich, von Byzanz frei geworden, gar mächtig aus, östlich fast über ganz Bulgarien und südlich bis tief nach Griechenland hinab. Es gewann für einen Augenblick den Anschein, als sollte sich unter dem Szepter der serbischen Eroberer ein grosses Reich bilden, das alle Südslaven vom Schwarzen Meer und der Donau-Mündung angefangen bis zu den blauen Fluten der Adria zu einem Staate vereinigen wird.

Der Bošnjak verlegt das goldene Zeitalter seines bosnischen Stammes unter die Regierung des halbmythischen bosnischen Fürsten Kulinban, noch mehr feiert der Serbe seinen Car Dušan. Der eine wie der andere hatten es verstanden, die Präponderanz der Pleme-Oberhäupter zu Gunsten der Krone bedeutend zu schwächen und die kleinen Spaltungen unter den Phylen (plemena) und Phratrien (bractva) auszugleichen. Beider Politik rüttelte das Volkbewusstsein auf. Das eigentliche Erwachen zur Erkenntnis ihrer Volkkraft verdanken die Südslaven im allgemeinen, insbesondere aber die Serben, mittelbar dem Ansturm der Türken gegen das byzantinische Reich. Die serbischen, Byzanz tributären Herrscher wurden zu Bundgenossen Byzanz’ gegen die Türken. Damals mochte der poetisch veranlagte serbische Streiter, heimgekehrt aus siegreichem Kampfe in weiter Ferne, an langen Winterabenden seinen um das Herdfeuer lagernden Plemegenossen in rhythmischem Singsang, begeistert von den Erinnerungen, Kunde tun von Kampfmühen und herber Not, von kühnen, abenteuerlichen Zügen durchs schauerliche Dunkel der Urwaldbestände des Balkans, von reissenden Gebirgströmen und von endlos weiten weizenspendenden Gefilden, von gleissenden Gewaffen und stahlbepanzerten fremden Kriegerscharen, von der stolzen Pracht und Herrlichkeit der Tempel und Paläste in Kaiser Konstantins weissen Stadt am Meere. Und gerne flocht er mit das Lob der holdseligen, liebreichen Frauengestalten am Hofe der Komnênen ein.

Begierig lauschte Jung und Alt solchen seltsamen Mären. Eine ungeahnte Welt voll verlockender Zauberdinge hielt ihren Einzug in das bäuerliche Gemüt des Serben. Unter dem bezwingenden Eindruck solcher Schilderungen regte sich im Bauer ritterlicher Sinn, Tatendrang und die Lust an waghalsigen Abenteuern. Das war wie nach langem Winterschlafe ein sonniges Frühlingauferstehen der südslavischen Volksdichtung.

Noch gegenwärtig, volle fünf Jahrhunderte nach jenen Ereignissen, weiss der illiterate serbische Guslar in Bosnien und dem Herzogtum davon zu singen und zu sagen. Und selbst wenn er ein Geschehnis späterer Zeit, aus der Epoche der Türkenherrschaft besingt, so schmückt er seine Darstellung mit dem überkommenen Vorrat von stereotypen Wendungen und Gleichnissen aus jener ersten grossen Periode der epischen Volksdichtung aus.

In der Schlacht am Leitenfelde (Kosovo polje), am 13. Juni 1389, unterlagen die vereinigten serbischen Kriegscharen der türkischen Übermacht. Einige Jahrzehnte nachher kam auch Bosnien und bald darauf das Herzogtum unter türkische Botmässigkeit.

Die Türken hatten den Balkan nur politisch, nicht auch sozial erobert. Ein beträchtlicher Teil der Südslaven serbischen Stammes flüchtete nach Dalmatien, ins Küstenland, nach Chrowotien und Istrien und auf die Inselwelt der Adria. So wuchs allmählich ein Damm an gegen die Romanisierung Dalmatiens und gegen die Germanisierung Chrowotiens. Selbst die Slovenen in Krain und Kärnten wurden durch die neuen Zuzüge aus dem Süden, besonders aus Bosnien, gegen die Verdeutschung widerstandfähiger. Andererseits begann nach und nach die chrowotische Mundart in der lebenskräftigeren, volltönenderen serbischen aufzugehen und ist schliesslich in ihr so gut wie ganz aufgegangen. Wenn man heutigen Tages von einer chrowotisch-serbischen oder serbisch-chrowotischen Sprache und Literatur spricht, so ist darunter die slavische Mundart des Serbenstammes und das in dieser Mundart verfasste Schrifttum zu verstehen.

Vom Gesichtpunkte des Ethnographen aus betrachtet, sind die Chrowoten und Serben trotz ihrer nahen Verwandtschaft doch zwei selbständige eigenartige Typen der slavischen Völkerfamilie. Genaue, rein sachliche Untersuchungen wären aufzustellen, um klarzulegen, wie viel die Serben und Chrowoten einander in ethnographischer Hinsicht zu verdanken haben. Die serbischen Flüchtlinge verpflanzten unter die Chrowoten die Epen, die von der Leitenfelder Schlacht, vom Car Lazar, von den Helden Obilić Miloš, Relja Krilatica, Starina Novak, dijete Grujica, von den beiden Kosančić und vielen anderen, am meisten verhältnismässig vom Prinzen Marko erzählen. Die Jahrhunderte hindurch gebräuchlichen kleinen Raub- und Plünderzüge der Magyaren, Chrowoten[1] und Serben ins türkische, und der Türken oder der moslimischen Slaven ins ungarische und venezische Gebiet wanden immer neue Episoden in das schier endlose Epengeranke der Südslaven ein.

Einen neuen mächtigen Impuls, den zweitkräftigsten, seitdem der serbische Volkstamm in der Geschichte aufgetreten, erhielt die epische Volkdichtung in den letzten Dezennien vor der Verdrängung der Türken aus Ungarn. Die ritterlichen moslimisch-slavischen Grenzwächter (serhatlije od ćenara), die beiläufig dreissigtausend[2] Mann auserlesener Truppen ins Feld stellen konnten, hatten einen gar schweren Stand, die weithin ausgedehnten Marken des türkischen Reiches im Westen gegen die fortwährenden Anstürme venezischer, deutscher und magyarisch-chrowotischer Kriegscharen zu verteidigen. Die gewaltigen Kriegzüge gegen Österreich boten den Moslimen serbischer Zunge und serbischen Stammes weitaus reichere und für sie erfreulichere Motive für eine epische Volkdichtung dar, als solche in der älteren Überlieferung vorhanden waren. Meine grossen Sammlungen moslimisch-slavischer Epen[3] legen ein glänzendes Zeugnis dafür ab, dass das südslavische Volktum in diesen Schöpfungen seinen höchsten und künstlerisch vollendetsten Ausdruck gefunden. Nur die altgriechischen Epen Homers sind den moslimisch-slavischen ebenbürtig, sonst hat kein Volk unter den sog. Indogermanen so gediegenen Reichtum an Volkepen »aus tiefen Furchen seiner Brust« gezogen.

In der Crnagora, in Bosnien, im eigentlichen Serbien und in Bulgarien entfaltete sich vom 15. Jahrhundert ab unter den slavischen Nichtmoslimen eine Hajduken-Epik, die stofflich und in der Ausführung auf ein Haar den neugriechischen und den albanesischen Klephten-Epen gleicht. Die dicht bewaldeten Höhenzüge der Balkan-Gebirge und die höhlenreichen Karstgebiete sind die wahren Heimstätten der Hajduken gewesen, von denen der Guslar singt:

mač i puška i otac i majka Seine Flinte heisst er »Mutter!« und sein Schwert »lieb Väterchen!«
dvije male bratac i sekuna Zwei Pistolen in dem Gürtel »Brüderchen und Schwesterchen:«
oštra ćorda vijernica ljuba An dem Gurt ein scharf Gewaffen ist sein »trautes Ehgemahl!«
tvrda st’jena mekano uzglavje Und der harte Felsen dient ihm nachts als weiches Polsterpfühl;
5 kabanica kuća do vijeka. Und sein Heim, das ist sein Mantel bis zur letzten Lebensstund.

Merkwürdig ist die Erscheinung, dass bei den Bulgaren sowohl die epischen Lieder aus der älteren Periode als die Hajduken-Epen vorwiegend auf Anlehnung an serbische Originale oder auf unmittelbare Entlehnung aus dem Serbischen hindeuten. Dafür haben die Bulgaren die Sagen, Märchen und Legenden mehr ausgebildet. Die Stoffe sind vielfach orientalischen Ursprungs. Bulgarien hatte es unter türkischer Herrschaft verhältnismässig weitaus besser als die Bewohner der übrigen Provinzen. Bei den Bulgaren entwickelte sich frühzeitig ein beträchtlicher Gewerbefleiss, dessen Erzeugnissen leicht alle Märkte des Orients zugänglich waren. Der regere Handelverkehr und der aufsteigende Volkwohlstand beanspruchten den Bulgaren derart, dass er den Sinn und das politische Verständnis für seine Volkindividualität verloren zu haben schien und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts gar keine grösseren Anstrengungen machte, die Türkenherrschaft abzuschütteln. Fanden sich ja erst vor zweihundert Jahren die Rhodopebulgaren sogar bewogen, samt und sonders den Islam anzunehmen.[4]

Im allgemeinen hat sich der Islam als nicht geeignet erwiesen, die Abendländer für seine Prinzipien zu gewinnen. Die Serben und die Bulgaren, sowie ein Teil der Balkan-Zigeuner, machten in dieser Hinsicht die alleinige Ausnahme unter den Völkern Europas. Dagegen bewährte sich der Islam unter den turanischen und semitischen Völkerschaften in Asien und unter den Negern in Afrika als höchst wirksames Förderung- und Bindemittel der Kultur.

Die oft aufgetischten Redensarten von den barbarischen, wilden Türkenhorden haben nur bedingt eine Berechtigung. Länder und Völker werden nicht erobert und nicht bezwungen durch zierlich gedrechselte Komplimente von Salonhelden ebenso wenig, als durch gelahrte Doktordissertationen. Der Krieg rast dahin auf ehernem Wagen. Den Weg, den er gewandelt, bezeichnen geknickte Menschenblüten, bleichendes Gebein und zu Trümmerhaufen umgewandelte Behausungen der Menschen. Ein grosser Krieg kommt seinen Folgen nach einem schrecklichen Naturereignis gleich, etwa einem Erdbeben, wie das von Krakataua, oder einer verheerenden Sintflut. Nach der Katastrophe erblüht auf Ruinen wieder neues Leben.

In weiteren Kreisen, besonders unter den Südslaven, hat sich wie ein verrotteter Aberglaube eine grosse Geringschätzung, wo nicht Verachtung, der orientalischen Kultur eingewurzelt, soweit letztere durch die Türken repräsentiert wird. Wenngleich die Türken auch keine grosse selbständige Kultur geschaffen, so war ihnen doch als den Erben arabischer und persischer und mittelbar selbst altägyptischer Kultur eine höchst wichtige Maklerrolle zwischen Orient und Okzident zugefallen.

Das Türkentum hat also auf die Südslaven in zwei Beziehungen einen segenreichen Einfluss ausgeübt, indem es einmal die Südslaven zu einem besonderen Kampf ums Dasein nötigte, das andere Mal dadurch, dass es ihnen die Bekanntschaft mit arabischer und persischer Industrie und Kunstfertigkeit vermittelt hat. Sowohl durch diese Reibungen und Konkurrenzen, als infolge der mannigfaltigen Kreuzungen, steigerte sich die durchschnittliche Intelligenz der Südslaven um ein Beträchtliches, die Art wurde verbessert und veredelt. Soweit ich Angehörige der verschiedenen slavischen Völker im persönlichen Umgang kennen gelernt, sind mir die Südslaven, namentlich die Serben und Bulgaren, als die schönsten an Wuchs und Gestalt erschienen. Ich will noch hinzufügen, dass sie geistig ausgezeichnet veranlagt sind und in dieser Hinsicht weder den Polen noch den Čechen im geringsten nachstehen, nur fehlt ihnen im Durchschnitt jene rastlose Beharrlichkeit und Schaffensfreude, die man getrost als charakteristische Merkmale der Čechen im Verhältnis zu den übrigen Slaven betrachten darf.

Die Südslaven lernten von ihren Herren, den Türken, die Fabrikation von Tüchern und Teppichen, von Sattelzeug und Waffen, von Hausgerätschaften und von noch unzähligen kleinen und grossen Dingen.[5] In der Baukunst ragten die türkischen Meister besonders durch kunstvolle Brücken und Festungbauten hervor.

Die Zähmung der Falken zur Jagd und auch zur Briefpost gehörte zur Türkenzeit bei den bosnisch-herzögischen Edelleuten zu den gewöhnlichen Beschäftigungen. Den Gebrauch der Jagdfalken finden wir öfter in Guslarenliedern besprochen, aber meines Wissens nur dreimal den Falken als Briefboten. Brieftauben scheint man nicht benutzt zu haben, zum mindesten nicht bei Moslimen. In einem Guslarenliede wird erzählt, wie Muškić Stjepan (Stefan der Moskauer) seinen Brief nach Udbina bestellt:

er rief darauf herbei den grauen Falken

und band ihm um den Hals das Briefchen fest,

und gab auf griechisch ihm sodann die Weisung:

— »Verweil mir nirgends und an keinem Orte

5eh’ du zur Burg des Burgherrn hingekommen,—

dann lass dich ihm aufs Fenstergitter nieder:«

Der Falke flog zum Himmel unter Wolken

und liess im türk’schen Udbina sich nieder

auf Osmanagas weissgetünchter Warte

10und von der Warte schoss er hin ans Fenster.

Als ihn ersah der Burgherr Osmanaga,

da sprach er wohl auf griechisch an den Falken:

— »Komm her zu mir graugrüner Vogel Falke!«

Der Falke fiel ihm auf den weissen Schoss,

15da löst’ er ihm den Brief vom Halse los

und legte sich den Brief auf seine Kniee

und brach das Siegel von dem Schreiben auf.

Bei den Türken stand die Falkenbeize seit jeher in grösstem Ansehen. (»Falknerklee«, drei ungedruckte türkische Werke über die Falknerei, eines der ältesten Denkmäler der türkischen Literatur, übersetzte Josef von Hammer. Pesth 1840.) Die türkischen Sultane waren fast ausnahmlos Freunde der Falkenjagd. Am meisten widmeten sich ihr Bajesid, der Wetterstrahl, und Mohammed IV. Nach der Schlacht bei Nikopolis (28. September 1396) gab S. Bajesid den ausgelösten deutschen, ungarischen und französischen Kriegern eine Falkenjagd zum besten und setzte sie durch die Pracht seines Jagdstaates, der aus 7000 Falkenjägern und 6000 Hundewärtern bestand, in Erstaunen. Die Falkeniere bildeten die Masse der sultanischen Jägerei, welche aus den vier Klassen der Falkenjäger, der Weihejäger, der Geierjäger und der Sperberjäger bestand, während die Hundewärter, in der Folge den Janitscharen einverleibt, 33 Regimenter bildeten. Ihre höheren Offiziere wurden durch Benennungen der Jagd nach den ältesten Begriffen des Morgenlandes geadelt, weil die Lebensmittel der Nerv des Krieges und die Jagd dessen edelstes Vorspiel ist.[6]

In dieser Schule lernten auch die bosnisch-herzögischen Spahis und Zaimbege die Falknerei kennen und verpflanzten sie von dort in ihre Heimat, wo sie sich hie und da bis auf den heutigen Tag noch behauptet hat. Der verdienstvolle und sehr strebsame Herausgeber des »Glasnik« in Sarajevo, Herr K. Hörmann, liess durch den Maler Ewald Arndt aus Deutschland darüber in Bosnien Ermittelungen anstellen und veröffentlichte in seinem Organe die mit Hülfe des Bezirkvorstandes Jordan und des Oberförsters Elleder gewonnenen Nachrichten.[7]

Noch vor 15 bis 20 Jahren jagten allgemein die Begen in Nordbosnien (Krajina) und im Savelande mit Falken, gegenwärtig aber ist die Falkenjagd nur noch üblich in den Edelsippen Uzeirbegović in Maglaj und den Širbegović und Smailbegović in Tešanj. Die Begen erklären bestimmt, die Falknerei sei nach der Unterwerfung des Landes durch die Osmanen eingeführt worden. Einen Jagdfalken zu überwintern, verstehen die Begen nicht mehr, wahrscheinlich, weil sie die zweckmässige Fütterung des Vogels verlernt haben, früher richtete man den Wanderfalken (falco peregrinus) ab, in unserer Zeit dagegen so gut wie ausnahmlos nur jene Art, die man »atmadža« nennt (atmadža oder akmadža bedeutet aber türkisch einen Sperber!). Zuweilen nimmt man auch einen gewöhnlichen Sperber, doch hat man von ihm nur geringen Vorteil.

Den Falken fängt man mit Netzen. Zwei beiläufig zwei Meter hohe und ebenso breite Netze werden sehr schwach in einem spitzen Winkel an Stangen befestigt. Von der Aussenseite verdeckt man die Netze mit dünnem Gezweige und grünen Dornen. In der Mitte zwischen den Netzflügeln bindet man eine lebendige Dohle an, worauf sich der Jäger in einem Gebüsch in der Nähe verbirgt. Um sich zu befreien, fängt die Dohle zu flattern und zu krächzen an, worauf sich leicht ein einjähriger noch unerfahrener Falke auf die Beute stürzt. Es entspinnt sich ein heftiger Kampf, bei dem das Netz über den Kämpfern zusammenfällt. Zur Abrichtung wählt man lieber ein Weibchen als das schwächere und kleiner gebaute Männchen. Die Freunde der Falkenjagd wissen genau, aus welchen Nestern sie die tauglichsten Falken erhalten können; alle Falken sind nämlich nicht gleich gelehrig. Im Ozren-Walde zählt man 20 Falkenhorste, doch nur an drei Stellen findet man die verwendbaren Falken.

Die Falkenbeize erheischt viele Mühen. Vorerst muss man den Falken daran gewöhnen, geduldig den Riemen am Bein zu tragen. Der Sitz des Falken muss stets in schaukelnder Bewegung erhalten bleiben und von Zeit zu Zeit hat man den Falken mit Wasser zu bespritzen, damit er nicht einschlafe. Auch muss er lernen, ruhig auf des Jägers Hand zu sitzen, die mit dicken aus Schaffell angefertigten Handschuhen bekleidet ist. Diese Abrichtung währt 15 bis 20 Tage. Mit dem gefügigen Falken auf der Hand begibt sich der Jäger in Begleitung seines Jagdhundes aufs Feld. Sobald der Hund eine Wachtel aufgestöbert, wirft der Jäger den Falken in der Flugrichtung der Wachtel auf, und der Falke schiesst auf seine Beute mit Blitzschnelle los. Ein gut geschulter Falke in Händen eines tüchtigen Jägers kann des Tags 10 bis 15 Wachteln fangen. Im Herbste, wenn die Wachteln nach dem Süden wandern, kann ein flinker Falke 60 bis 80, ja sogar 100 Wachteln einfangen oder erbeuten. Der Gebrauch eines Federspiels oder Luders bei der Falkenbeize scheint den bosnischen Waidmännern unbekannt zu sein.

Fast alle Musikinstrumente, die vielgedachten Guslen, das Symbol des Südslaventums, die auf asiatischen Ursprung hindeuten, haben die Südslaven den Türken zu danken. Mit der Šargija, der Bugarija, den Čemane und der Tamburica, Instrumenten von der Art der Mandoline, die gleichfalls dem Oriente entstammt, brachte der asiatische Osten dem Südslaven eine phantasievolle, blumenreiche, herzinnig-zarte, sinnige Lyrik von auserlesenstem Reichtum an Motiven und geistvoll zugespitzten Pointen. Nicht leicht hat mehr eines slavischen Knaben Wunderhorn solche Diademe und kostbare Perlenschnüre, wie das südslavische Schatzkästlein der Volklyrik, aufzuweisen. Nur dem Spanier war es beschieden, in ähnlicher Weise aus dem unversieglichen Jungbrunnen orientalischer Dichtung liebetrunken zu nippen.

Das lyrische Volklied der Südslaven verleugnet im allgemeinen auch äusserlich seinen orientalischen Charakter nicht. Die köstlichsten Stücke rühren aber in der Lyrik nicht minder als in der Epik von den moslimischen Slaven her. In dieser Lyrik kommt stürmische Glut gesunder Sinnlichkeit, gelangt der Liebe Lust und Leid voll und farbenprächtig zum Ausdruck, während die Liebelieder der südslavischen Nichtmoslimen besonders in jenen Gegenden, wo die Türken nie festen Fuss gefasst hatten, vielfach das Gepräge schrankenloser Sinnlichkeit und dabei oft eine nicht leicht näher zu bestimmende Nüchternheit, die zuweilen an Plattheit grenzt, aufweisen.

Der rege Verkehr zwischen den Slaven und Türken übte auf den beiderseitigen Sprachschatz eine nachhaltige Wirkung aus. Die gegenwärtige türkische Sprache hat eine Menge slavischer Elemente in sich aufgenommen, die serbische und bulgarische aber noch weit mehr türkische oder turzisierte arabische und persische Ausdrücke. Es lag ja in der Natur des gesellschaftlichen Verhältnisses, dass die Slaven mehr nehmen mussten, als sie zu geben hatten.

Die serbische und bulgarische Sprache hat zusammen wohl über zehntausend dem türkischen Wortvorrat entlehnter Wörter noch zur Zeit in allen den verschiedenen Gegenden im Gebrauche behalten. Vor allem tragen 70 Prozent der gewerblichen und landwirtschaftlichen Geräte und Werkzeuge und Verrichtungen, die Kleidungstücke und mannigfache Verhältnisse des Lebens lauter Fremdnamen. Eine recht fleissig ausgearbeitete, für die praktischen Bedürfnisse des Alltaglebens berechnete lexikalische Zusammenstellung türkischer und anderer orientalischer Worte in der serbischen Sprache hat im Jahre 1884 der Serbe Gjorgje Popović in Belgrad veröffentlicht. (»Turske i druge istočanske reči u našem jeziku. Gragja za veliki srpski rečnik.« gr. 8o. p. 275.) Auf Vollständigkeit erhebt Popovićs Arbeit noch lange keinen Anspruch.[8]

Es ist klar, dass dort, wo die Berührung zwischen Türken und Slaven am intensivsten stattfand, die Volksprache davon ausreichendes Zeugnis ablegt. Das ist der Fall in denjenigen bosnischen und herzogländischen Bezirken, die vorwiegend von Moslimen bewohnt werden. In den sonnigen Lehnen der Treskavica planina liegen z. B. lauter moslimische Ortschaften, wo die serbische Mundart nahezu schon den Charakter einer türkisch-slavischen Mischsprache erlangt hat. Dort habe ich viele tausende Verse epischer Lieder aufgezeichnet, von denen mancher Vers lauter Fremdworte enthält, z. B.:

Vlasi Muje bastisali kulu. Die Christen zerstörten Mustapha’s Burg,

oder zum mindesten unter vier Worten drei fremde, z. B.:

eto aga dženliva hajvana! hier ist, o Herr, das rasende Geschöpf!
Poljeće bakrena džemija Es flog dahin die kupferne Galeere
pro deniza i kara limana. übers Meer und über die schwarze Buchtung.

Ein Epos von der Eroberung Ofens hebt also an:

Razbolje se sultan Sulejmane Es erkrankte Sultan Sulejman
u Stambolu gradu bijelome in Stambol, der weissen Stadt,
na svom tâchtu u svome devletu auf seinem Throne in seinem Reiche,
treći danak šechli ramazana. am dritten Tag des Monats Ramaddăn.

Von den zwölf Substantiven und Adjektiven dieser vier Zeilen sind sieben Fremdwörter. Das ist eine Probe der allergewöhnlichsten Volksprache. Natürlich sind in den Erzeugnissen der moslimisch-slavischen Kunstdichtung die Fremdwörter noch stärker vertreten, denn die Verfasser setzten bei ihren Lesern eine höhere Kenntnis des Türkischen voraus.

Eine Sprache ändert ihren Charakter durch Aufnahme von Fremdwörtern solange nicht, als sie die Eindringlinge durch Vor- und Nachsilben der neuen Umgebung vollkommen anzupassen vermag. So verfügt unsere liebe deutsche Sprache, wie dies aus Heyse’s grossem Fremdwörterbuch ersichtlich ist, über die hübsche Kleinigkeit von 70 000 Fremdwörtern; hat demnach siebenmal mehr als die Südslaven geborgt, ohne sich mit dem fremden Gemengsel den Magen zu verderben. Diese Fremdworte bergen in sich ein grosses Stück der Geschichte von der geistigen Entwicklung des deutschen Volkes. Ich meine, der Deutsche hat sich seiner Fremdwörter nicht nur nicht zu schämen, sondern mag sich ihrer getrost berühmen, sofern sie für ihn zeugen, dass er sich in der ganzen Welt umgetan hat, um überall das Beste zu lernen.

Freilich gehören sieben Zehntel der Fremdwörter im Deutschen nur der konventionellen Ausdruckweise verschiedener Stände und Berufklassen an, während bei den Südslaven alle 10 000 Fremdworte im illiteraten Volke selbst gebräuchlich sind. Selbstverständlich kennen die Bewohner eines Dorfes nur einen winzigen Bruchteil der Fremdworte, wie sie ja auch nicht den gesamten Sprachschatz beherrschen. Den hat kein Einzelner, und mag es der gelehrteste seines Volkes sein, jemals ganz inne.

Eine Mischsprache beginnt sich erst dann zu entwickeln, wenn die eine Sprache durch eine andere auch in der Flexion und der Satzfügung wesentliche Änderungen erleidet, nachdem sie sich schon einen schweren Bruchteil an Fremdworten einverleibt hat. Das Bulgarische hat die Kasusendungen bis auf schwache, vereinzelt erhaltene stereotype Ausnahmen und den Infinitiv verloren, hat sehr viel Wörter aus dem Türkischen herübergenommen, aber noch immer nicht genug, um als Mischsprache zu gelten. Die Satzfügung ist trotz aller Veränderungen, die die bulgarische Sprache im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte erlitten, im Grunde genommen slavisch geblieben.

Obwohl die serbische Mundart der moslimischen Slaven von Herzeg-Bosna die Kasusendungen und den Infinitiv noch besitzt, scheint es mir doch, dass sie wenigstens in den Erzeugnissen ihrer Kunstliteratur eher das Bild einer Mischsprache darbietet als das bulgarische, und zwar darum, weil sie in syntaktischer Beziehung eine bedeutende Beeinflussung durch das türkische Zeitwort etmek (itdim perf. sing.), d. h. tun, machen, erfahren hat. Das Zeitwort selbst ist nicht mit eingedrungen in die slavische Sprache, sondern nur die im Türkischen mit diesem Zeitwort übliche Konstruktionweise; für verabsäumen (zanemariti) wird z. B. terk (arabisches Wort) činiti (machen, slavisches Wort), d. h. »Verabsäumung machen«, gesagt, für erwähnen (spominjati) sikri činiti (Erwähnung machen; Erwähnung tun), für sich bedanken oder dankbar sein (zahvaliti se, zahvalan biti) Dankbarkeit machen: šućur činiti. Der Bulgare setzt für das etmek am häufigsten činim (ich mache), aber nicht selten pravim (ich fertige an) oder storim (ich schaffe) ein. In der Regel verrät sich die entlehnte Konstruktion schon dadurch, dass das Substantivum fremd ist, indessen hat das Serbische, dem natürlichen der Sprache innewohnenden Abstossungdrange folgend, sehr häufig die fremden Substantive durch gut slavische ersetzt, so z. B. (bei Bogoljub Petranović: Srpske narodne pjesme iz Bosne, Sarajevo 1867):

Kakav li je grijeh učinio? (S. 27. Nr. 25.) Was hat er für Sünde begangen (getan);
grijeh učiniti für zgriješiti, Korrekt slavisch müsste man fragen: kako li je oder u čem li je zgriješio.

veliku radost učiniše (S. 37. Nr. 30), sie machten eine grosse Freude,
radost učiniti für obradovati se, korrekt wäre: veoma se obradovaše.

Bei L. Marjanović (Hrvatske, d. h. bosnische nar. pj. Agram 1867) liest man auf S. 57. V. 15:

na Udbinu zatrke čineći. Ins Udbinaer Gebiet Einfälle machend,
zatrke činiti ist für zatrkivati se; korrekt wäre: zatrkivajući se.

Im Bulgarischen bei Miladinovci S. 116, Nr. 84 (Bolgarski narodni pesni, Agram 1861): svadba činit, für svatuet (er feiert Hochzeit); S. 452, Nr. 488: mome se pišman storilo (das Mädchen hat Reue gemacht, d. h. sie hat ihr Jawort zurückgenommen), wofür der Serbe sagen würde: moma se pišman učinila oder popišmanila se; pišman ist persisch pešiman. Gut slavisch wäre: moma riječ svoju pokajala (sie hat ihr Wort bereut) oder, wie die Bauern in Slavonien sagen, cura se predomislila (das Mädchen hat sich eines anderen besonnen). Bei Vladimir Kačanovskij (im Sbornik bolgarski pesen, St. Petersb. 1882), liest man auf S. 502, Nr. 200, V. 322: nemu se poklon napravil (er hat sich vor ihm verbeugt), der Serbe sagt dafür poklon činiti, so z. B. bei Petranović a. a. O. S. 38, Nr. 30: poklon čini prečistoj gospoži (er verbeugt sich vor der erlauchtesten Frau).

Diese Hinweise mögen hier genügen. Ich habe solcher Beispiele bei sechshundert bisher vorgemerkt und gedenke einmal, bis meine Sammlungen südslavischer Volküberlieferungen gedruckt sein werden, diese und noch eine Reihe verwandter Erscheinungen der südslavischen Sprachentwicklung eingehend zu behandeln.

Ich wiederhole es, dass nach meinem Dafürhalten die serbische Mundart der bosnisch-herzogländischen moslimischen Schriftdenkmäler bei weitem mehr den Charakter einer Mischsprache als das Bulgarische an sich trägt. Sie ist nicht zufällig entstanden, sondern durch die Bedürfnisse im Laufe der Zeiten geschaffen worden. So musste die Hülle sich umarten, in der die türkische Auffassung zu dem Südslaven sprechen konnte. Es ist gleichsam das Lallen und Stammeln des Kindes, das mit dem Ausdruck ringt, um seinen Wahrnehmungen und Beobachtungen Geltung zu verschaffen. Das Kind empfängt viel zu viel auf einmal und vermag sich nicht aus dem Gewirre herauszuhelfen. Der wirkliche Kunstdichter unter den slavischen Moslimen befand sich in einer ähnlichen Lage. Auf ihn drängte seine slavische Muttersprache und zugleich die türkische ein. Er bediente sich beider, um seine Gedanken am klarsten auszudrücken. Er borgte der fremden nur das ab, was ihm in der seinigen nicht genug bestimmt gefasst zu werden möglich schien.

Unstreitig zeichnet sich eine derartige Mischsprache durch einen Reichtum von Wendungen aus und kann in hohem Grade ausgebildet werden. Ich gedenke beispielweise der deutsch-slavisch-hebräischen Mundart der polnischen Juden, die um ihrer Sprache willen nur zu oft ungerechtfertigten Angriffen ausgesetzt sind. Die polnischen Juden sind von alterher grösstenteils deutsche Einwanderer; darnach ist der Grundzug ihrer Mundart formell deutsch geblieben, die Syntax aber eine slavische geworden und der Sprachschatz hat sich durch unzählige hebräische Worte aus der Bibel und dem Talmud und durch eine stattliche Anzahl romanischer Elemente aus den von französischen, italienischen und spanischen Juden verfassten Kommentaren zum Talmud bereichert. In dieser Mischsprache, die in Südrussland, Polen, in Galizien, in Ungarn und Nordamerika von 8 000 000 Menschen verstanden und gesprochen wird, halten Talmudgelehrte geistreiche und verzwickte Vorträge und Streitereien ab über die spitzfindigsten Glaubenssätze des Judentums und über Thesen der alexandrinischen Philosophenschule, ja in New York besteht sogar ein grösseres Theater, in welchem klassische Dramen, wie z. B. Shakespeares »Hamlet« in dieser Mischsprache von der Bühne herab vorgetragen werden.

Nicht minder ausbildungfähig scheint mir die Mundart der slavischen Moslimen zu sein. Selbstverständlich sprechen die gegenwärtigen politischen Verhältnisse gegen die Wahrscheinlichkeit, dass die Mischsprache der slavischen Moslimen je eine Stufe der Vollendung wie das sogenannte Jüdisch-Deutsch erlangen werde. Es wäre im Interesse der Südslaven auch gar nicht wünschenswert, wenn ihrer jungen serbischen Literatur daheim eine so überflüssige und die allgemeine Literaturentwicklung hemmende Konkurrenz grossgezogen würde.[9]

Die Volkepik und Volklyrik mit den übrigen mündlichen Überlieferungen reichten bei der illiteraten Menge vollkommen aus, die Bedürfnisse nach anregender Unterhaltung und Belehrung über die Vergangenheit zu befriedigen. Die Kunstliteratur der moslimischen Slaven in Herceg-Bosna verfolgt aber, mit geringer Ausnahme, der Hauptsache nach paraenetisch-didaktische Zwecke. Ein grosser Teil dieser Literatur besteht aus Wörterbüchern und Sammlungen von Redensarten behufs Erlernung der arabischen und türkischen Sprache.

Die Kunstschriftsteller der moslimischen Slaven scheinen gar keine Kenntnis weder von der älteren noch von der gleichzeitigen südslavischen Literatur gehabt zu haben, sonst hätte der erste bekannte Vertreter dieser Richtung Potur Uskufî (der ungenannte Renegat aus Dolnje Skoplje) in dem Einleitungpoem zu seiner Liedersammlung im Jahre 1630 die unrichtige Behauptung wohl nicht ausgesprochen:

Zwar schrieb schon mancher manches schöne Wort

Gleich Edelsteinen alle, schmuckster Sorte;

Allein auf Bosnisch ward noch nichts geschrieben;

Prosa wie Dichtung sind da Null geblieben.

Derselbe hat einige scherzhafte poetische Episteln, mehrere Liebelieder und viele Sprüche in Vierzeilen verfasst. Unter den moslimischen Slaven in Bosnien ist sprichwörtlich sein Ausspruch:

Uči piši, radi vrlo, da ne budeš ĭzločest.[10] Lerne, schreib’ und arbeit’ emsig, sonst wirst du ein Taugenichts.

Dr. Otto Blau, in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts preussischer Konsul zu Sarajevo, hat die Lieder Uskufîs und noch einiger anderer Dichter dieser Art, mit Übersetzung und sprachlichen Erläuterungen einbegleitet, im V. Band der Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes (herausgegeben von der morgenländischen Gesellschaft) publiziert. In der Wertschätzung dieser Erzeugnisse scheint mir Blau viel zu hoch ausgeholt zu haben. Die eigentlich schönen Lieder sind direkt türkisch und nur durch slavische Zeilen versetzt; sie sind auch nicht in der Mischsprache verfasst. Ähnliche Gemengsel von Versen in verschiedenen Sprachen, z. B. der deutschen und der lateinischen, der polnischen und lateinischen oder der polnischen und deutschen, sind auch bei uns wohl bekannt. Oskar Kolberg bietet in seinem monumental-klassischen Sammelwerke polnischer Volküberlieferungen eine stattliche Reihe derartiger Dichtungen[11] dar.

Recht hübsch ist wohl die Liebeklage El-Abd-Mustafas, des Bošnjaken, die in Blaus Nachdichtung also lautet:

Wo bist du geblieben, mein trautestes Lieb?

Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!

Bei Gott, du bist mehr als das Leben mir lieb!

Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!

5Lang schmacht’ ich, o Herz, dich einmal zu umfahn,

Ich seufze, seit dich meine Augen nicht sahn;

Mein Herz sehnt nach dir sich, o glaube daran!

Lang schon ist’s her, und ich küsste dich nicht!

Ich sag’s dir: o du meine Seele und Wonne,

10Du bist wie ein Sträusslein von Rosen so schön.

O fleuch nicht vor mir, meine strahlende Sonne!

Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!

Dem Blatte gleich, welk’ ich, mein Herzblatt, um dich.

Mein Auge weint Ströme von Zähren um dich.

15O Herrin, vor Kummer verzehre ich mich!

Lang schon ist’s her, und ich herzte dich nicht!

Die Wange dein blüht wie ein Waldröslein rot.

Schwarzdrossel zum Schmuck ihren Frohsinn dir bot.

Wer dich liebt, dem tät eine Schlinge wohl not.

20Lang schon ist’s her, und ich umschlang dich nicht.

Verbirg dich vor mir nicht, o komm doch heraus!

Sonst hauch’ ich mein Leben noch ohne dich aus:

Wo bist du, mein Schatz! sprich, wo hältst du jetzt Haus?

Lang schon ist’s her, und ich küsste dich nicht.

25Du merkst nicht, o Freundin, die Tränen so schwer,

Wenn trauernd ob Deiner ich irre umher

Und klage Weh, wenn ich dich sehe nicht mehr.

Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht.

Bei Gott! ich bin dein, wie’s ein Waisenkind ist!

30Verdirb es, verwirb es, wie Dir es erspriesst!

Schlag, Nachtigall, schlage, wo immer du bist!

Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht.

Solcher Liedchen enthält Blaus Sammlung mehrere; das sind aber auch die besten Stücke des moslimisch-slavischen Kunstschrifttums, soweit ich es kennen gelernt habe. Auf meiner ethnographischen Forschungreise in Bosnien und dem Herzogtum habe ich dieser Literatur nebenbei einige Aufmerksamkeit gewidmet und an 24 Handschriften gesammelt, die zu dieser Literatur gehören. Alle sind mit arabischen Buchstaben geschrieben. Mit solchen Schriftzeichen sind vor 45 Jahren zu Konstantinopel zwei Broschüren für die moslimischen Slaven Herceg-Bosnas gedruckt worden.[12]

Uskufî ist der bekannteste von den Kunstdichtern unter seinen Glaubensgenossen. Man zeigte mir zu Skoplje an dem Vrbasflüsschen sein ehemaliges Heim und auf der Ruine von Prusac sein Lieblingplätzchen, von wo aus man einen herrlichen Ausblick auf das tiefe und breite Tal und auf die Höhen der Čardak Planina geniesst.

Am meisten verbreitet sind im Volke die sogenannten Avdijen, das sind Ratschläge eines Vaters an seinen Sohn Avdija. Darnach nennt der slavische Moslim solche Gedichte kurzweg Avdije, ohne Rücksicht darauf, ob sie den Namen Avdija enthalten. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Avdijen als blosse Übersetzungen, vielleicht Umarbeitungen türkischer oder vielmehr arabischer Vorlagen sind.[13]

Jeder Moslim lernt in Bosnien und im Herzogtum vom Gemeindelehrer, vom Chodscha (hodža) türkisch lesen und schreiben und die unumgänglich notwendigen Suren des Koran; überdies muss er eine Avdija auswendig kennen. Auch Mädchen haben die Avdija inne. Ein kleines, fünfjähriges Töchterchen eines Beg (Edelmannes) in Maglaj an der Bosna sang mir in näselndem Tone eine Avdija vor. Sie hatte sich mit kreuzweis unterschlagenen Beinen auf dem Boden niedergekauert und wiegte rhythmisch den Oberkörper nach rechts und links.

Erwachsene näseln gleichfalls recht monoton die Avdija herab, nur ist’s Gebeutel krampfhafter; dabei rollt der Rezitator mit den Augen hin und her und schneidet Grimassen, als handelte es sich um Sein oder Nichtsein. Der Orientale kennt überhaupt das ruhige Erzählen nicht wie wir, er singelt immer nach gewissen Rhythmen und hält viel auf Pathos. Jeder Blick und jedes absichtliche, wenn auch noch so leise Zucken mit den Brauen oder dem Munde, alles hat seinen besonderen tiefen Sinn und Wert. In die geringfügigste Kleinigkeit weiss der Orientale etwas hineinzugeheimnissen. Seine Mimik dient zur plastischen Hervorhebung seiner Rede. Er spricht nicht bloss, um zu sprechen, er will den Zuhörer auch gleich durchdringend überzeugen. Er spricht nicht bloss mit dem Munde, er spricht zugleich mit dem ganzen Körper. Die Mimik wird zum Kommentar der Worte.

Aus diesem Grunde ist eine Avdija für den slavischen Moslim von weitaus höherer Bedeutung, als sie uns erscheinen mag, die wir leicht geneigt sind, eine Avdija als eine Reihe zusammenhangloser, zum Teil recht einfältiger Aussprüche zu betrachten. Lehrsätze dieser Art kennt übrigens auch der nichtmoslimische Slave in Herceg-Bosna. Er legt sie den Waldfräulein, den Vilen, in den Mund. Jede Sentenz hebt also an:

Govorila vila sa zelene st’jene. Es sprach die Vila von der grünen Felswand herab.

Ein Spruch lautet z. B.:

ne prelazi na četir noge mosta. Auf vier Füssen überschreite keine Brücke.

d. h. der Reiter soll vom Pferde absteigen und das Pferd am Zügel führend über die Brücke gehen. Die Brücke kann ja morsch sein. Darum ist Vorsicht notwendig. Unter anderen lehrt einmal die Vila gleich der Pseudosybille: μὴ προβάδην ἰὼν οὐρήσῃς. Auch vom Sattel herab soll man es nicht tun.

Das zweite Stück, das wir hier mitteilen, hat einen gewissen Edhem ćatib (Schreiber) oder Imam (Vorbeter in der Moschee), wie er dies am Schluss des Gedichtes selber anführt, zum Verfasser. Wann und wo er gelebt, darüber habe ich nichts in Erfahrung bringen können. Sein Aufenthaltsort dürfte wenigstens zeitweilig zu Zenica in Bosnien gewesen sein, da er sein Gedicht an die Edelfrauen von Zenica richtet. Wohl hat er das Lied in einer Zeit geschrieben, als sich die moslimischen Edelleute von Zenica durch bedeutenderen Reichtum auszeichneten, so dass sich ihre Frauen der Putzsucht ergeben konnten.

Sowohl die Avdijen als Edhems Gedicht haben durch die Randbemerkungen, die von Abschreibern in den Text aufgenommen wurden, stark gelitten. Öfters sind auch die Verse kunterbunt durcheinandergemengt. Konjekturalkritik an diesen Texten zu üben, ist kaum statthaft; man muss sie eben hinnehmen wie sie sind.

Mit der Verskunst der moslimisch-slavischen Kunstdichter ist es nicht weit her. Die Maasse sind der arabischen und türkischen Verstechnik entlehnt. In unseren Proben herrscht der achtsilbige trochäische Vers vor. Je drei Verse enden auf gleichen Reim. Übrigens sind ein gleichmässig durchgeführtes Metrum, reiner Reim, Korrespondenz der Strophen und dergleichen Forderungen der Metrik unseren Dichtern ziemlich Nebensache. Vielleicht fällt ein Teil der Schuld auch auf die Abschreiber. Potur Uskufî hat wohl am meisten gute Verse aufzuweisen. In der Prosa befleissigten sich unsere Moslimen der Nachbildung arabischer Makamen, ohne aber die Vorbilder auch nur annähernd zu erreichen. Es sind eben schüchterne Versuche.

Dr. Blau hat seinen Uskufî und die anderen Dichter in versifizierter deutscher Übersetzung wiedergegeben, freilich auf Unkosten der Genauigkeit. Wir übersetzten Edhem des Imams Ermahnungen an die Frauen von Zenica gleichfalls in Versen und teilen hier die ersten drei Strophen als Probe mit:

Horcht, ich werd’ euch etwas sagen,

Werde keine Lügen sagen.

Lasst euch jetzt von mir beraten,

Ich erzähl’ von euren Taten.

5Achtet auf des Gatten Rede,

(Seid ihr wahrhaft Edelfraun)

Stellt euch Frauen niemals blöde,

Tut zur Unzeit niemals spröde,

(Gott und eurem Mann ergeben)

10So gewinnt ihr ’s Himmelreich.

Jede Frau hat’s Ohr verpicht

Folgt sie ihrem Manne nicht,

Satan spuckt ihr ins Gesicht.

Merkt euch’s wohl, o Edelfraun!

Wir wollen unsere Vorlagen doch lieber in guter Prosa darbieten, schon um der getreueren Verdeutschung willen. Es widerstrebt auch unserem Formgefühl, so schlechte deutsche Verse, wie es die slavischen der Originale sind, zu machen. Bessere darf ja füglich der Übersetzer nicht substituieren, denn das wäre in gewissem Sinne auch eine Entstellung des ursprünglichen Bildes. Sollten die Diktion und die Wendungen der Originale in der Übertragung ganz getreu sich abspiegeln, so müssten für die slavischen Fremdworte auch im Deutschen fremde, beispielsweise französische, Ausdrücke eingesetzt werden. Das wäre aber zu viel des Guten.

Wir beschränken uns hier auf die Wiedergabe zweier sowohl sprachlich, als inhaltlich für die ganze moslimisch-slavische paraenetische Literatur besonders charakteristischer Texte, die sich auch durch Kürze auszeichnen: auf das Gedicht Edhems und die Avdija: oh drvišu otvor oči.

Die Avdija ist für den südslavischen Ethnographen eigentlich belanglos. Es ist ein moslimisches Lehrgedicht in überwiegend slavischen Worten, weiter nichts. Die darin enthaltenen religiösen Vorschriften sind freilich zum grossen Teil allgemeiner Natur, sofern als sie Grundzüge der Moral enthalten, die den Ariern und den Semiten, den Arabern nämlich, gemeinsam sind.

Weitaus bedeutsamer ist Edhems Gedicht, das einen Zuchtspiegel der Frauen vorstellen soll. Ich habe die soziale Stellung des Weibes bei den Südslaven schon öfters beleuchtet, z. B. in meinem Buche »Sitte und Brauch der Südslaven«, Wien 1885, S. 482—529, dieses hochwichtige Kapitel ist aber noch lange nicht zu Ende geschrieben. Sowohl bei den Südslaven als bei den Orientalen (den Türken und Arabern) hat das Weib seit den ältesten Zeiten einen sehr untergeordneten Rang eingenommen. Die orientalischen Anschauungen klangen in dieser Beziehung dem Serben gar nicht besonders fremdartig. Sie sagten ihm beinahe noch mehr zu wegen ihrer grösseren Strenge und Rücksichtslosigkeit. Wenn bei den Serben, dem Bauernvolke in Serbien, Bosnien, im Herzogtum, in Slavonien und teilweise selbst in Chrowotien die Frauen mit den Männern gemeinschaftlich an einem Tische nicht essen, wenn sich die Frauen vor Fremden nicht zeigen dürfen, wenn sie des Mannes geringe Dienerinnen und Lastträgerinnen sind, so mögen die Südslaven in dieser sozialen Einrichtung von den Türken nur noch bestärkt worden sein. Manche Härte im Brauche der Südslaven mag das Türkentum und Arabertum verschuldet haben. Den stattgefundenen Einfluss können wir derzeit noch nicht genauer bestimmen. Uns liegt es vorderhand ob, die Erscheinungen und Tatsachen aufs gewissenhafteste zu fixieren. Soviel aber darf man getrost sagen, dass die nüchternen Strafreden und Zurechtweisungen, die Edhem an Frauen, und noch dazu an Edelfrauen (Kadune) richtet, in dieser rohen, witzlosen Art kein Seitenstück weder in der christlich- noch moslim-slavischen Volksliteratur des Serbenstammes finden. Edhem verrät sich als das pedantische Schulmeisterlein mit der Schmitzrute als dem unfehlbaren Attribut; nur lässt er diesmal seine gestrenge Gesinnung zur Abwechslung einmal die hochgestellten Frauen fühlen. Er hat das Bedürfnis, als Sittenverbesserer sich recht bemerkbar zu machen. Um auf jeden Fall sicher zu gehen, borgt er seine Weisheit türkisch-arabischen Autoritäten ab. In der Meinung, dass er etwas besonders Gediegenes zu stande gebracht, fordert er zum Schluss seiner Ermahnungen die Frauen noch auf, sie möchten seiner, des »liebwerten« Edhem, gedenken.

Vergleicht man die Erzeugnisse der Kunstliteratur der moslimischen Slaven mit ihrer Volkliteratur, so muss man wohl eingestehen, dass die erstere mit der letzteren gar keinen Vergleich verträgt.

Die Avdija lautet im Texte (die Fremdworte sind hier kursiv gedruckt):

Oh drvišu otvor oči, batiluka ti ne uči tefhit srcom pravo uči; sevap hoćeš, nefsa muči. O Derwisch, öffne die Augen, lehre keine Schlechtigkeiten, lehre vom Herzen recht die Einheit Gottes. Wenn du Belohnung willst, quäle die Seele.
5Krivo nikom ti ne čini, haka na hak ti ne čini, hair što je ono čini, dunjaluka mejl ne čini, zićir boga puno čini. Tue niemandem Unrecht an, tue kein Unrecht (unter dem Scheine von Recht). Was Segen bringt, das sollst du tun. Hege keine Neigung für weltliche Dinge. Ruf oft Gott an.
10Allah, allah aškila jahu. Rizaluka puno čini i za zićir misô podaj, selameta duši gledaj, allah (etc.). Übe viele gottgefällige Werke aus und richte deine Gedanken auf die Anrufung Gottes, sei besorgt für dein Seelenheil.
šučur čini kad je kolaj, 15sabur čini kad je belaj zalaleta ti ne gledaj, tahret nefsu dobro podaj, zulum nefsa dizgin ne daj, amel čini, sunet gledaj, 20gaflet digni ter pogledaj. Fars štogod je ono čini, kazajeta sve naklanjaj. Erweis dich dankbar, so oft es nur möglich ist; drückt dich die Not, sei geduldig. Geh nicht auf Irrwege, verleihe wohl der Seele Reinheit, lass der herrschsüchtigen (ungerechten) Seele die Zügel nicht schiessen (amet čini?), beobachte die Überlieferung. Behebe die Sorglosigkeit und öffne die Augen; halt das Zeremoniell ein; neig dich immer der Gerechtigkeit zu; halt dich an die gute Sinnart und hüte dich stets vor gemeiner Gesinnung.
Ti se drži l’jepe huje, sve se čuvaj murdar huje. 25Nehi što je ono bježi, već se prava puta drži. Laf ne čini i ne laži jer sirrija laži ne će. U elifu sirra traži, allah (etc.). Fliehe vor dem Verbotenen, vielmehr halt dich stets an den geraden Weg. Schwätz kein leer Gewäsch und lüge nicht, denn Sirrija verabscheut (mag nicht) die Lügen. Im Genossen suche Sirrija usw.
30U pamet se ti obuj, terk učini alčak huju, dragom bogu ti robuj. Ti nikoga ne muči, svoje srce poturči 35hevhit srcem sve uči. Sve nek ti je ašk’ ullah a na srcu fićr’ ullah na jeziku zićr’ ullah, allah (etc.). Hüll dich in Verstand ein, und gib auf die tölpelhafte Sinnart. Diene dem lieben Gott. Du sollst niemand quälen. Dein Herz bekehre zum Türkentum. Lehre fortwährend mit dem Herzen die Einheit Gottes. Immer sei dir Allah lieb; auf dem Herzen soll dir der Gedanken an Gott, auf der Zunge der Name Gottes liegen.
U gafletu ne budi 40brez avdesta ne hodi srcu jezik ugodi. Nemoj biti bi nemaz, vaktom hajde na nemaz, bogu ćini sve niaz. Gib dich der Sorglosigkeit nicht hin; geh nicht ohne Waschung einher, passe die Zunge dem Herzen an; sei nicht ohne Gebet (ohne gebetet zu haben), geh pünktlich zum Gebet und bezeuge Gott immerfort Verehrung.
45Ovi svijet kilu kal, ašk ne čini ti na mal već nauči ilmi hal, allah (etc.). Diese Welt ist ein leeres Gewäsch. Hege keine Liebe zu weltlichen Gütern, sondern lerne den Katechismus (die Glaubenssatzungen) auswendig usw.
Gr’jehovâ se pokajati, šerijata sve gledati 50od insana u kraj bježati. Die Sünden sollst du bereuen und immerdar das göttliche Gesetz beachten, (und) den Menschen aus dem Wege gehen.
šućur ćini daima i za muke lastima srce nek ti je daima, allah (etc.). Sei immer dankbar und besonders hege dein Herz für die Mühen Dankbarkeit. Allah usw.
Ako hoćeš mumin biti 55valja srce očistiti boga zićir učiniti, grihovâ se pohajati šerijata sve gledati na grijeh se ne varati 60dragom bogu robovati. Willst du ein Gläubiger sein, so musst du dein Herz reinigen und Gottes gedenken; die Sünden bereuen, das göttliche Gesetz beobachten, auf die Sünde sich nicht betrügen (sich durch die Sünde nicht verführen lassen) und dem lieben Gott dienstergeben sein.
Vi slušajte amr’ ullah a na srcu sve činite zićir allah. Ovi svijet sve će proć po dušu će meleć doć 65već je nama do pomoć, allah (etc.). Ihr sollt dem Befehl Gottes gehorchen und im Herzen allezeit den Gedanken an Allah hegen. Diese Welt wird samt und sonders vergehen, der Engel wird kommen um die Seele (abzuholen); wir stehen auf Hilfe an, Allah usw.
Nut pogledaj sirrije sve turčine miluje, i dan i noć kazuje allah (etc.).[14] Nun schau dir an den Sirrija, der tut fortwährend den Türken schön und spricht so bei Tag als bei Nacht: Allah, Allah aškila jahu.

»Edhems Ermahnungen.« Sie sind in einem von Fremdwörtern reineren Slavisch als die Avdija gehalten und für die Frauen leichter verständlich, während die Avdija manchen Ausdruck darbietet, den der Lehrer in der Schule erst erklären muss. Vom V. 27–29 ist der Text verderbt. V. 28 muss wohl lauten: slušajte vi svoje majke. V. 29: o kadune na vijeke (Befolgt o Edelfrauen die Ratschläge eurer Mütter bis in Ewigkeit).

Slušajte što ću vam ja kazat, ne ću vam laži ja kazat; nasihet vi uzmite od mene pa ćete mlogo čut od sebe. Hört, was ich Euch sagen werde. Ich werde Euch keine Lügen sagen. Nehmt Rat an von mir, und Ihr werdet viel von Euch zu hören bekommen.
5Muža dobro slušajte; ako ste vi kadune ikolko a vi lude ne bu(d’)te mužu ugodne bu(d’)te, bogu robinje i svom mužu 10ter u dženet uho(d’)te. Hört wohl auf des Mannes (Gatten) Wort. Seid Ihr auch nur ein wenig Edelfrauen (= habt Ihr etwas vom Adel in Euch) so seid nicht närrisch; seid dem Gatten angenehm, Dienerinnen Gott und Eurem Manne: und fürwahr, Ihr kommt ins Paradies.
Svaka žena zagluša koja čojka ne sluša, šejtan njome brukuša neka znate kadune. Jedes Weib ist törisch (= schwerhörig), welche ihrem Mann nicht Folge leistet. Der Satan treibt sein (frevelhaft) Spiel mit ihr; wissen sollt Ihr’s Edelfrauen!
15što muž reče ne radite već se š njime inadite mužu hator sve kvarite, ružno po vas kadune. Was der Mann sagt, das mögt Ihr nicht tun, vielmehr zankt (hadert) Ihr mit ihm; Ihr verderbt dem Manne jede Lust. Das ist schimpflich für Euch, o Edelfrauen!
Mužu hizmet činite, 20l’jepo š njime živite; dobroga se bojite ružnom smrti ne mrite. Seid dem Manne dienstbar (bedient ihn), lebt gut mit ihm. Fürchtet Euch vor dem Guten, (damit) Ihr nicht eines garstigen Todes sterbet.
Koja muža imade hak muževlji ne znade 25u džehennem ona ide, odveće je udavana. Die einen Mann besitzt und von Mannesrechten nichts wissen will, die geht zur Hölle, die ist zum Überfluss verheiratet (= besser wäre es, sie wäre nicht verheiratet).
Ako će biti i mati kad vas na zlo navrati ne valja poslušati 30neka znate kadune. Und wäre es selbst die Mutter, wenn sie Euch zum Bösen lenkt, sollt Ihr nicht folgen. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen!
Kogod ima pameti (p) a ako će bit za vratim valja njega slušati, neka znate kadune! Wer immer Verstand hat (den Verständigen), und mag er selbst hinter der Türe (wie ein Bettler) stehen, so muss man seinem (Rate) Folge leisten. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen!
35Pamet berte u glavu ter vi ho(d)te u pravu ter ne ho(d)te tamo amo â moje l’jepe kadune! Verstand sammelt in den Kopf und geht den geraden Weg: und lungert nicht hin und her herum, o meine schönen (braven) Edelfrauen!
U džennet igjite za rana 40poslušajte korana čuvajte vi imana moje drage kadune! In den Himmel geht Ihr frühzeitig ein, (wenn Ihr) den Koran befolgt; den Glauben bewahrt, meine lieben Edelfrauen!
čuvajte dobro mene vi, u dobro se zabavi, 45ne ljutite muža vi oj Zeničke kadune! Achtet wohl (gut) auf mich; beschäftigt Euch mit Gutem, ärgert den Mann nicht, o Ihr Edelfrauen von Zenica!
Brez izuna kad hodi lanet na nju dohodi u džehennem odhodi. Wenn sie ohne Erlaubnis ausgeht, kommt der Fluch auf sie, und sie fährt in die Hölle hinab.
50Ona žena nesretna koja čojka namuči vrag je na zlo nauči, doće joj šejtan na oči kadno stane mrijeti. Jenes Weib ist unglücklich, welches den Mann satt quält, der Teufel lehrt sie Böses (tun) an. Es wird ihr in der Todstunde der Teufel vor die Augen treten.
55Koja čojka rasipa nije ona žena lipa ona gora nego slipa ružna puno do vika. Die ihres Mannes (Habe) verschwendet, das Weib kann nimmer schön sein, sie ist ärger (unglückseliger), als wäre sie blind; sie ist viel garstig bis an ihr Ende.
Koja čojka ne će obuć 60u srcu joj pukla žuć tako dila kano lugj.[15] Die ihren Mann nicht ankleiden[16] will, der soll im Herzen die Galle zerplatzen, sie handelt wie ein Verrückter.
Lajk je žena kaduna! kad se gizdaš dukatim zakat valja davati 65od onijeh dukati sve od groša po paru. Es ziemt sich (ist ihrer würdig) für eine Edelfrau, wann Du Dich mit Dukaten schmückst, musst Du auch Almosen spenden, von jedem Dukaten, auf jeden Piaster eine Para.
Sve zine uiše i vlah krstu uiše i azap doiše 70bojte se boga kadune! Alles liebt Kostbarkeiten, und auch der Christ liebt das Kreuz (als Schmuck zu tragen), fürchtet Gott o Edelfrauen!
Ne spavajte po svu noć bu(d)te mužu od pomoć uč’te buni u ponoć Umisli se ti u dragog Edhem ćatib’ jal imama. Schlaft nicht die ganze Nacht. Seid dem Manne eine Hilfe. Lernet dieses um Mitternacht. Vertief dich in Gedanken an den liebwerten »Edhem den Schreiber oder Imam«.

Es erübrigt noch, einige sachliche Bemerkungen über das Sprachmaterial dieser eigenartigen Literatur zu bieten, was um so eher gerechtfertigt erscheint, als der bosnisch-türkische Dialekt bisher nur in zwei oder drei Abhandlungen wissenschaftlich erörtert wurde. Dem grossen Kreise der Gebildeten blieb er aber sozusagen unbekannt. Und doch könnte niemand in Abrede stellen, dass eine eingehende Bearbeitung dieses Sprachmaterials in zweifacher Hinsicht nutzbringend ausfallen müsste. Denn wir haben es hier mit der seltenen Erscheinung zu tun, dass zwei ganz fremde Elemente — Zweige des indogermanischen und des turanischen Sprachstammes nämlich — zusammentreffen, teilweise ineinander verschmelzen und übergehen. Man hat daher Gelegenheit, die Gesetze der Lautwandlungen an einem ursprünglichen Beispiele beobachten zu können. Weiters aber wird sich ein unmittelbarer praktischer Nutzen für die türkische Lexikographie herausstellen, wie auch manche in anderen slavischen Sprachen anzutreffenden Ausdrücke, über deren Provenienz bisher gewagte Hypothesen aufgestellt wurden, nunmehr in anderem Lichte erscheinen müssen. Besonders der mit Rücksicht auf die noch unfertige türkische Lexikographie zu erwartende Fortschritt kann bedeutend werden, indem nicht nur eine mässige Bereicherung des türkischen Wortschatzes zu erhoffen ist, sondern auch eine Richtigstellung der vorhandenen Wörterbücher. Es ist in der Tat auffallend, dass Bianchi, Jenker u. a. Verfasser türkischer Wörterbücher für Ausdrücke unzweifelhafter slavischer Abstammung das Polnische als Quelle annehmen, während es doch notorisch ist, dass die Osmanen niemals in dauernder intimer Berührung mit dem Polenreiche standen. Schon Blau hat auf diesen Umstand hingewiesen, der sicherlich Beachtung verdient; und eine aufmerksame Vergleichung der gangbaren Lexika mit dem bisher gesammelten bosnisch-türkischen Wortschatze wird zu dankenswerten Korrekturen Anlass geben.

Die Anführung der aus der Beobachtung des Übergangs türkischer Ausdrücke oder Stämme auf slavischen Sprachboden gewonnenen Regeln und Gesetze gehört schon aus dem Grunde nicht hieher, weil sie bei dem Leser die Kenntnis beider Sprachen voraussetzt. Ebensowenig können wir hier eine Bereicherung des Wortschatzes anstreben, da eine solche Arbeit nur dann wissenschaftliche Berechtigung beanspruchen könnte, wenn sie in möglichster Vollständigkeit geboten würde.

Die bosnischen Moslimen, die sich nur durch den verschiedenen Glauben von ihren christlichen Landsleuten unterscheiden, bedienen sich — wie schon früher bemerkt — bei ihren Aufzeichnungen der arabischen Schriftzeichen. Einerseits mag die aus dem Koranstudium sich ergebende Notwendigkeit, das arabische Alphabet zu kennen, und anderseits der Wunsch, sich vor ihren geringgeschätzten andersgläubigen Mitbürgern in jeder Hinsicht auszuzeichnen, diesen Brauch gezeitigt haben, der als eine der Hauptursachen für die Entstehung der bosnisch-türkischen Mischsprache angesehen werden kann. Denn es ist unzweifelhaft, dass hier mehr oder weniger bewusste Absichtlichkeit vorliegt. Es galt vor allem, die Sittenlehren des Islam unter den neuen Gläubigen zu verbreiten, und hiezu musste eine Form zweckmässig erscheinen, die — indem sie die schwer übersetzbaren, wichtigen Ausdrücke in ihrer ursprünglichen türkischen oder arabischen Form übernahm, — sie doch kommentierend dem Alltagverstand zugänglich machte. Wir sehen auch, dass nahezu alle auf Religion, Moral, Seelenleben bezüglichen Ausdrücke dieses Dialektes türkisch sind. Um aber zu verhüten, dass die ursprüngliche Bedeutung der wichtigen Ausdrücke in der Übersetzung verloren gehe, hat man das ihnen eigene arabische Gewand beibehalten, und so war die Grundlage gegeben, auf der sich diese Literatur in orientalischem Gewande entwickeln konnte.

Nun ist aber zu bedenken, dass die arabische Schrift der türkischen Sprache selbst durchaus fremd ist und dass sie sich nur widerwillig dem ihr auferlegten Zwange fügt. Bekanntlich reicht das arabische Schriftsystem zur Vokalbezeichnung nicht aus, und gerade die türkische Sprache mit ihrer hoch entwickelten Euphonie und ihren vielen Vokallauten bedarf einer genauen Unterscheidung. Eine Folge dieses Umstandes ist die sehr mangelhafte türkische Orthographie, für die gangbare feste Regeln aufzustellen viele Männer — aber leider! bisher vergeblich — sich abmühten. Auch die Araber fühlen das Unzulängliche ihrer Schriftmethode, und in neuerer Zeit sind Bestrebungen zu verzeichnen, die unter Beibehaltung des arabischen Alphabets doch eine genauere Orthographie und vor allem bessere Bezeichnung der Selbstlaute zum Zwecke haben. In diesen mangelhaften, von vornherein unzulänglichen Apparat wurde nun eine slavische Sprache hineingezwängt, die bei ihrem grossen Vokalreichtume hiezu ganz und gar ungeeignet ist. Unmittelbare Folge war eine unbeschreibliche Verwirrung der Orthographie, die das Lesen und das Verständnis der Texte erschwert, ja letzteres stellenweise unmöglich macht. In den vorhandenen sechs Manuskripten des mit »Hajd Avdija ti na vaz« beginnenden Lehrgedichtes kommen in jedem Vers, in jeder Zeile so viel orthographische Varianten vor, dass man — um eine Vergleichung zu ermöglichen — alle sechs Texte vollinhaltlich hersetzen müsste.

Der hier benützte Text ist der deutlichste von allen und beweist durch eine gewisse Stetigkeit der Orthographie, dass der Schreiber ein gebildeterer Mann gewesen. Zu erwähnen ist noch, dass die von mir gesammelten bosnisch-türkischen Handschriften vielleicht alle aus der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts stammen und daher in ihrer argen Unbeholfenheit ein Bild eines halbverflossenen bosnischen Schrifttums gewähren.

Dass diese bilingue Literatur nie tiefere Wurzeln im Volke zu fassen vermochte und stets nur ein bestimmten Zwecken dienendes Kunstprodukt blieb, ist klar. Die nur wenigen verständlichen Texte erschwerten die Verbreitung der einzelnen Gedichte und waren auch Ursache, dass sie — mit zunehmender Verbreitung — immer mehr von der ursprünglichen Form abweichen. So kommt es, dass die vorhandenen Gestaltungen eines und desselben Gedichtes starke Abweichungen zeigen, indem in einzelnen ganz neue Verse und Strophen auftauchen, in anderen wieder der Wortlaut nicht übereinstimmt. Diese Abweichungen sind indes nicht ausschliesslich auf Rechnung der Kopisten zu setzen, denn auch die nach unmittelbarer mündlicher Überlieferung niedergeschriebenen Texte ergeben, dass so viele Rezitatoren, so viele individuelle Varianten vorkommen. Unter solchen Umständen, wo der stoffliche Inhalt allein massgebend ist, muss freilich die poetische Form allen Wert verlieren; jedenfalls kann man nicht erwarten, dass sich eine gesunde Kunstpoesie auf solchem Boden entwickle.

Fassen wir kurz zusammen. Die bosnisch-türkische Mischsprache weist zwar schon die Merkmale eines Dialekts auf, ist aber doch nicht so tief in das Geistesleben des Volkes eingedrungen, dass man sie als die hervorragend charakteristische Eigenschaft der ganzen bosnischen Volkindividualität betrachten müsste. Ihre Berechtigung datiert von dem Augenblicke an, als sich die Bošnjaken aus Nützlichkeitrücksichten dem türkischen Wesen anzupassen begannen, und hört mit dem Augenblicke auf, seitdem die türkische Herrschaft nur noch der Geschichte angehört. Vollends der Gebrauch der arabischen Schriftzeichen ist schädlich, da er als Hindernis gegen die Verbreitung der Literatur wirkt. Vom praktisch-zivilisatorischen Standpunkte aus verdienen daher alle auf Erhaltung und Pflege dieser eigenartigen Literatur gerichteten Bestrebungen keine Förderung. In neuerer Zeit nennen sich die bosnischen und herzogländischen Moslimen unter dem Einfluss der Schulbildung bald Serben, bald Chrowoten und bedienen sich sowohl der cyrillischen als der lateinischen Schrift. Es gibt auch unter ihnen schon Kunstdichter, die es mit ihren Brüdern auf den Agramer und Belgrader Parnassen in der Anstrudelung unerweichlich grausamer Huldinnen erfolgreich aufnehmen. Nur am übermässigen Gebrauch türkischer Lehnwörter halten sie noch fest. Das unterscheidet sie von den anderen, die man auch nicht liest und vom Guslaren, der in der Volksprache singt und überall dankbare Zuhörerschaften findet.


[1] Die moslimisch-slavische Epik kennt weder die Chrowoten (Chorwoten) noch ein Chrowotien. Die Gegner heissen im Volkliede entweder Magjari (tanak magjarin = der schlanke Magyar; ständiges Beiwort) oder Nijemci (Deutsche, njemadia = deutsche Truppen) oder Latini (Lateiner, Venezier, Italiener).

[2] Diese Zahl geben die Epen an. Man darf solchen Daten grosses Vertrauen entgegenbringen, denn die moslimisch-slavischen Epen zeichnen sich überhaupt durch verhältnismässig zuverlässliche Angaben aus. Übrigens wird die gedachte Zahl des Grenzmilitärs auch durch offizielle türkische Dokumente aus jener Zeit beglaubigt. Vgl. das vortreffliche Werk von Franz Salamon: »Ungarn im Zeitalter der Türkenherrschaft.« Ins Deutsche übertragen von Gustav Jurány. Leipz. 1887. S. 112.

[3] In Buchform erschien unter anderen: »Smailagić Meho. Pjesan naših muhamedovacâ, zabilježio« Dr. Friedrich S. Krauss. Ragusa 1886. Davon gab Carl Gröber eine gute Verdeutschung heraus: Mehmeds Brautfahrt. Wien 1890. 130 S. in 8o. S. XVI + 192. Dieses Epos umfasst 2160 Verse.

[4] Vrgl. die wichtige Schrift »životŭtŭ na Bulgaritje vŭ srjednja Rodopa; napisalŭ S. N. S. Plovdiv 1886.« S. 44. Der Übertritt geschah in den Jahren 1657–1667.

[5] Für vollste nationale Ursprünglichkeit tritt Frau Jelica Belović-Bernadzikovska ein (Srpski narodni vez i tekstilna ornamentika. Neusatz 1907. S. 254.) Sie spricht wie eine Prophetin, die gläubige Anhänger wirbt.

[6] J. v. Hammer, Geschichte des osmanischen Reiches. Zweite Ausgabe, Bd. I. Pesth 1834. S. 201.

[7] Glasnik zemaljskog muzeja u Bosni i Hercegovini, 1890, Heft 2, S. 228–233.

[8] Diese Arbeit ging teilweise in Dr. F. Miklosichs, Die türkischen Elemente in den Südost- und Osteuropäischen Sprachen. Wien 1888. gr. 4o. 194 S. auf. Das ist eine recht minderwertige lexikographische Schleuderleistung.

[9] Drei der besten serbischen Erzähler, Ćorović, Ilijć und Nušić, bedienen sich absichtlich in einer Reihe ihrer schönsten Novellen der Mischsprache. Sie hängen aber ihren Sammlungen auch Worterklärungen und Wörterbücher an.

[10] In ĭzločest ist das i prosthetisch. Auch hier zeigt sich der Einfluss des Türkischen, das Konsonantenanhäufungen meidet.

[11] Lud. Jego zwyczaje, sposób źycia, mova, podania, przysłowia, obrzędy, gusła, zabawy, pieśny, muzyka i tańce, przedstawil Oskar Kolberg, Ser. VI. Krakau 1873. S. 322:

Ale semper do dom wczas lepiéj zawsze ire,

Antequam pijanice erunt insanire

Quia musisz cum illis choreas inire

Oportet choćbyś nierad tam saltare ire.

Ebd. S. 355: Dać kazal brandwein und kafalka brot by essen sobie das ist frisztik gut; a klopa szpicbub na drin ze mnie zwozi, etc.

Eine Probe deutschfranzösischer Verse:

Ecoute, cuisinier! Von meinen Kameraden

Hab’ ich zwei oder drei zum déjeuner geladen.

Mach nur ein gut Potage, mit all’ Appartenance

Wie man es à la Cour zu dressieren pflegt en France.

[12] Die grössere Broschüre führt den Titel: »Ovo je ćitap na bosanski jezik« (dieses ist das Religionbuch in bosnischer Sprache). Der Verfasser nennt sich Mustafa Efendi aus Brod (an der Save). Er lebte damals als Softa in Konstantinopel. Der Text hebt also an: »Jes li mumin? Ja sam hakka, el hamdu lillah ala din el islam. Imam je mojsifet. Što je mumin? Mumin je oni čovjek, štono srcem vjeruje a jezikom ikrar čini, etc.«

[13] Man vergl. N. A. Balhassan-Oglu: Un texte ouïgour du XII-ième siècle. Revue Orientale pour les études ouralo-altaïques. Budapest 1906, p. 257–279.

[14] V. 3 srcom, dagegen V. 35: srcem. V. 48 und 49 hat der Schreiber in V. 57 f. wiederholt. Das scheint uns dafür zu zeugen, dass dem Schreiber jemand diese Avdija aus dem Gedächtnis in die Feder diktiert habe. In V. 48 gr’jehova, in V. 57 grihovâ. Beide Laute sind richtig und werden nebeneinander gebraucht. Die serbische Sprache wird von den Schulgrammatikern in drei Hauptmundarten eingeteilt, je nachdem der altslavische Laut durch je, i oder e vorwiegend in der modernen Volksprache wiedergegeben wird. Ich habe auf meinen Reisen unter den Südslaven die Überzeugung gewonnen, dass dieser schablonenhaften Einteilung in Jekavci, Ikavci und Ekavci (Je-Leute, I-Leute, E-Leute) gar kein wissenschaftlicher Wert zukomme, weil dasselbe Individuum ohne irgend einen besonderen Grund bald den einen, bald den anderen Laut anwendet; so sagt z. B. einer moja djevojka je lipa, dann ein anderes Mal m. divojka je lijepa oder devojka je lepa.

[15] für ludi = ludj (= ludy). Eine derartige Wortverunstaltung ist sonst wohl äusserst selten.

[16] Bezieht sich auf die Fussbekleidung obuća. Die Frau muss dem Manne vor dem Schlafenlegen die Schuhe ausziehen und morgens wieder anziehen.

I. Abteilung.

Hexen.

I. Der Name.

Der eigentliche slavische Name für Hexe ist vještica, bulg. vješčirica, für den Hexenmeister viještac. Die Etymologie des Wortes ist klar. Es bedeutete ursprünglich die Wissende, der Wissende, die Kundige und hat in Nebenformen noch in der gegenwärtigen Sprache diese Bedeutung beibehalten; veda slovenisch: das Wissen; neveda ein Unwissender; vedavica Kartenaufschlägerin (Russ. vēdma die Hexe); vedovin fatidicus, vijest Wissen, Nachricht, Bewusstsein; vijestnik der eine Nachricht bringt, Bote; vještina peritia, Findigkeit; vještak peritus, ein Kundiger, ein Wissender = viještac, diese Nebenform für Hexenmeister, sowie viještka und vještica zur Bezeichnung einer Hexe dient; nago-viještati zu erraten suchen; izvjedjavati in Erfahrung zu bringen suchen, auskundschaften; vještati zaubern, hexen. Vještica bezeichnete ursprüngliche eine weise Frau. (Vgl. über diese Benennung Grimm, D. M. 987.) In vielen Gegenden, namentlich ist dies für Dalmatien bezeugt, scheut man in Gegenwart von Kindern vještica zu sagen und gebraucht dafür die Euphemismen krstača oder rogulja (auch roguša)[1]. Krst bedeutet Kreuz[2] und Krstača (von χριστός) ist wohl die mit einem Kreuz Gezeichnete, die Hexe[3]. Rogulja nennt man eine Hexe zweifelohne deshalb, weil man sie sich zuweilen, wohl anknüpfend an die Vorstellung vom gehörnten Teufel der christlichen Kirche, gehörnt denkt. In Slavonien hörte ich öfters Kühe, die recht grosse Hörner hatten, mit dem Namen »Rogulje« rufen. Im chrowotischen Küstenlande scheint das Wort vještica vollständig von dem italienischen Lehnworte štriga verdrängt worden zu sein[4]. Unter den Slovenen und den Kaj-Chrowoten hat das deutsche Wort Zauberin in der verhunzten Form copernica (masc. coprnjak, inf. coprat, zacoprat, partic. zacopren) volles Bürgerrecht erlangt. Man gebraucht das Wort auch in Slavonien, doch ganz in dem Sinne wie in Deutschland. In Bosnien, dem Herzogtum, in Serbien und Bulgarien ist es unbekannt. Die Ausdrücke coprati, coprija, copernik und coprnica finden sich schon in den ältesten slovenischen und provinzialchrowotischen Wörterbüchern und Texten (Bjelostijenec, Jambrešić, bei Glavinić, vrgl. die Worte bei Daničić srps. ili hrv. riečnik Agr. 1882). Daraus ergibt sich, dass sie frühzeitig, wohl schon im Mittelalter, dem Deutschen entlehnt wurden. Im allgemeinen scheuen sich die Chrowoten und Slovenen coprnica für Hexe zu sagen, sondern gebrauchen dafür in mildem Tone die Bezeichnung ‘hmana žena’ (gemeines Weib); hmana ist das deutsche gemein; »Man nimmt Anstand, sich des Wortes ‘coprnica’ zu bedienen, weil sonst die Hexen darüber so sehr in Zorn geraten, dass sie den Betreffenden nächtlicherweile heimsuchen, ihn in vier Stücke reissen, jedes Stück nach einer anderen Weltgegend schleudern und hierauf alle Zuchtschweine, Kühe und Pferde aus dem Hause forttragen.« In Dalmatien bis tief noch in Serbien hinein wendet man häufig an zur Bezeichnung einer Zaubererin den Ausdruck maćionica, eines Zauberers: maćionik, einer Zauberei: maćija. Man erkennt auf den ersten Blick das italienische magia, die Magie. Zlokobnica (etwa: böse Begegnerin) heisst jedes alte Weib, dem man in aller Frühe, wenn man das Haus verlässt, begegnet, ehe man einen anderen Menschen noch gesehen. Eine klassische Stelle[5], die hier im Wortlaute angeführt zu werden verdient, gibt eine nähere Beschreibung der Hauptmerkmale, an denen man eine vještica, maćionica und zlokobnica ohne weiteres voneinander unterscheiden kann: »Slušao sam od starih adžija i kadija, da svaka vlahinja kad pregje 40 godina preda se nečastivome te postane vještica ili dajbudi zlokobnica ili maćionica. Prava vještica ima krst pod nos[6], svaka zlokobnica po nekolko brčnih dlaka[7], a maćionica namrskana čela i krvave pečate po obrazu.« (Ich habe von alten Hodžen und Kadis öfters gehört, dass sich jede Walachin, sobald sie das 40. Lebensjahr überschritten, dem Gottseibeiuns (nečastivomu) überliefert und eine Hexe (vještica), oder zum mindesten eine zlokobnica oder maćionica wird. Eine echte Hexe trägt ein Kreuzzeichen unter der Nase, jede zlokobnica hat einige Barthaare und eine maćionica hat die Stirne voll finsterer Falten und Blutflecken im Gesichte.)

Die vještica hat auch den Namen »mora« (die Mar oder Trut), je nachdem sie als solche auftritt.[8]

Für Zaubern ist der Ausdruck čarati am gebräuchlichsten.[9]

Snkrt. kar machen, tun; lit. kėrėti, kirti (zaubern); ahd. karawan, ags. gearvjan. čarati für hexen und zaubern (incantare, ueneficium facere) kommt schon in den ältesten südslav. Wörterbüchern vor. Im Volksprichwort: čarala baba da ne bude mraza a s jutra snijeg do koljena. (Das alte Mütterchen hexte, damit kein Frost eintrete, in der Früh aber lag der Schnee knietief.) Načarati verzaubern; začarati jemand durch Zauberei verblenden. čâr, incantatio; čara strigamento, Zauberei; pl. čari, Zaubermittel; čarnik Zauberer, čarnica Zaubererin; čarovnik magus; čarobija magia; čaralija, čarolija Zauberei als Begriff, čarka Zauberei in einem besonderen Falle, der vorliegt, etwa Verzauberung (čaratan und čarataonik Zauberer, čaratanija Hexerei, sind Lehnworte aus dem Italienischen ciarlatano, frz. charlatan). Nicht minder häufig gebraucht man für zaubern činiti. Der Grundbegriff ist derselbe wie in čarati, der des Tuns, Machens, Snskst. či, sammeln. Opčiniti, počiniti, učiniti bezaubern; učiniti se sich in etwas verzaubern, verwandeln; začiniti incantare; čîn, počin, Zauberei, Verzauberung, pl. čini. Tun, machen bedeutete ursprünglich auch vračati (vrgl. griech. Γεργ) hexen, wahrsagen, heilen, vračiti, medicari, izvračiti herstellen, gesund machen; vrač Wahrsager, Hexenmeister; noch vor hundert und fünfzig Jahren allgemein in der Bedeutung medicus; die Neuslovenen gebrauchen noch gegenwärtig für Arzt den Ausdruck vračar; vračlja, mulier, quae sanat, im Wtb. bei Stulić; vračilja sanatrix i. W. bei Habdelič; vračitelj medicus bei Belost. vračnik medicus. Stul. vračara, vračarica, Wahrsagerin; eine Frau, die Krankheiten zu heilen versteht. Vračba, vračtvo medicina, Heilmittel; adj. vračan; vračljiv medicabilis; nevračljiv immedicabilis. Von derselben Wurzel auch vrag der Teufel, eigentlich der Arbeitende (vrgl. d. Werk). Die Vorstellung von einem Höllenteufel kam den Südslaven, sowie den Slaven überhaupt erst durch die christliche Lehre; vražati so viel als čarati, ueneficia adhibere, magicam artem exercere, vražalac, vražalica, vraževnik Zauberer, fascinator; vragoduh malo genio agitatus; vragometan a daemone obsessus.

Für Zaubern gibt es eine ganze Reihe von Ausdrücken; am gebräuchlichsten ist bajati (Sskst. bha sprechen, griech. φα, vrgl. φάναι lat. fama); izbajati durch Zauberei bewirken; obajati behexen; zabajati incantare; bajiti einen Kranken pflegen; bajac, bajač Zauberer, incantator; basma, Zauberspruch. Daneben basna Zauberspruch, Fabel, bajka fabella; bahati colere artem magicam; bahalica maga; bahoriti fascinum depellere; bahoriti se sich heilen, curieren; bahor, bahorac, bahorica, bahornik, bahornica Beschwörer und Beschwörerin; bahorija, bahorstvo Beschwörung.

Für Amulet ist der echtslavische Ausdruck zapis, das Verschriebene. Skst. pis ritzen, kratzen; hamalija, das gleichfalls Amulet bedeutet und weit gewöhnlicher als das W. zapis gebraucht wird, ist ein Lehnwort aus dem Italienischen ammaliamento, lat. amuletum, frz. amulette. Alle in der Sprache vorkommenden Ausdrücke für Zaubern ergeben, dass ursprünglich diesen Bezeichnungen an und für sich durchaus keine schlimme, sondern vielmehr eine gute Bedeutung zukam. Die Wandlung erfolgte erst durch den Einfluss des Abendlandes.

II. Hexen (Vještice) und Waldfrauen (Vile.)[10]

Je tiefere Wurzeln ein geläutertes Christentum und abendländische Kultur unter den Südslaven schlagen, desto mehr wird der alte Volksglaube verdrängt, er gerät allmählich in Vergessenheit; die alten Glaubenvorstellungen verblassen oder es tritt eine Verwirrung ein, die es dem Forscher zuweilen recht erschwert, die ursprüngliche Fassung herauszufinden. In unserem Falle ist dies indessen noch nicht eingetreten. Wir können noch ganz deutlich den Weg verfolgen, auf dem der alte Glaube an die »Vile«, die südslavischen Waldfrauen, zu bösen Dämonen umgewandelt wurde. Die Vilen stellt man sich vor, wie es aus den älteren Volksliedern ersichtlich ist, als den Inbegriff aller Frauenschönheit und Vollendung. Sie sind die segenspendenden Huldinnen der Fluren und Berge, sie sind die Genien der Helden, denen sie mit Rat und Tat jederzeit beistehen, sie lehren die Kleinen Gottesfurcht und fromme Sitte und sind frei von jeder Arglist und Tücke.[11] Sie sind aber unversöhnlich, wenn man ein Gelübde, das man ihnen gelobt hat, nicht erfüllt[12] und wissen diejenigen hart zu bestrafen, die frech ihren Reigen, den sie in hellen Sommernächten im Mondenschein aufführen, zu stören wagen, oder die sie belauschen. So entstand die Redensart:

»Naišo je na vilinsko kolo«Er traf auf einen Vilenreigen,

wodurch man sich die plötzliche Erkrankung eines gesunden Menschen zu erklären sucht. Gewöhnlich wird solch sträflicher Vorwitz durch dauernde Brachlegung der Verstandkräfte bestraft, mitunter begnügen sich aber die Vilen, den Betroffenen gehörig durchzubläuen. Von dieser Auffassung ist nur ein kleiner Schritt zu der Umwandlung der Vilen in Plagegeister. Ein Hirte war so unglücklich, eine Vila zur Unzeit zu überraschen und musste für das unglückselige Ungefähr jahrelang büssen.

Es war einmal ein Hirte, der verstand so ausgezeichnet auf der einfachen und doppelten Hirtenflöte zu spielen, wie kein Zweiter nah und fern. Eines Abends, als es zu dämmern anfing, ging er seiner Herde voran nach Haus. Er flötete so süss und mild, so hoch und so tief auf seiner kleinen Flöte, wie ein Schwälblein in der Lenzsonne nur singen kann. Eben tönte aus dem Dorfe der Glocke Ava Maria-Geläute zu ihm herüber, doch Stanko betete nicht mit, sondern blies auf seiner Flöte das Ave Maria-Gebet her. Gerade als er damit fertig geworden, erreichte er auch den Zaunsteg vor dem Dorfe, und siehe da! Auf dem Zaune sitzt da ein Frauenzimmer, ganz in Weiss gehüllt, eine Vila. Stanko nähert sich dem Zaunstege, die Vila stösst einen feinen, markdurchdringenden Schrei aus, ganz nach Vilenart, und fährt auf in die Höhe. Ein heisser Windhauch umweht Stanko, er sinkt auf die Erde nieder, das Trittbrett auf dem Stege springt entzwei. Er rafft sich auf, eilt nach Hause, die Vila immer hinterdrein, er setzt sich zum Tische, um zu nachtmahlen, die Vila setzt sich an seine Seite neben seinem Knie nieder, er ins Bett, die Vila zu ihm ins Bett, er aus dem Bett, sie gleichfalls, er zur Arbeit, sie folgt ihm auf Schritt und Tritt.

Als nun Stanko merkte, dass die Vila durchaus von ihm nicht weichen will, beklagte er sich bei seinen Hausleuten und der ganzen Sippe. Man berief Zauberer und Zaubererinnen, Beschwörerinnen und Wahrsagerinnen — alle Mühe verloren, die Vila liess von Stanko nicht ab; der war überdies kein Recke, sondern ein schwächliches Männchen. So währte dies volle drei Jahre und während dieser Zeit trübte sich allmählich Stankos Geist, Stanko wurde verrückt. Oft brach er in ein Geschrei und Gejammer, in ein wüstes Lärmen und Toben aus, als ob ihm jemand die Haut zu einem Weinschlauche abzöge; er warf sich auf die Erde, als schleuderte ihn jemand zu Boden, und gleich darauf zeigten sich auf seinem Körper blaue Striemen, als hätte ihn einer mit einem Stock durchgebläut. Fragte man ihn: »Was fehlt dir, Stanko?«, so antwortete er, dass ihn Vilen deshalb prügeln, weil er sich weigere, mit ihnen durch die Welt zu ziehen. Oft fand man ihn in der Früh gefesselt, kreuzweis mit Bastwinden gebunden, und wieder erzählte er, dass es die Vilen getan, weil er sich ihnen nicht füge und ihre Worte nicht beachten mag. Eines Morgens erblickte man Stanko auf dem Wipfel einer Weisspappel in der Nähe seines Meierhofes. Keine lebende Seele vermochte ohne ausserordentliche Zu- und Ausrüstungen auf den hohen Stamm der Pappel hinaufgelangen. »Wer hat dich, Stanko, auf die Pappel hinaufgeschafft?« fragte man ihn, und er rief hinab: »Die Vilen«. Die Leute sahen sich genötigt, lange Nägel in den Stamm einzuschlagen, und so klommen sie zu Stanko hinauf, der oben an der Spitze im Geäste mit Lindenbast angebunden war. Mit Müh und Not hat man ihn losgelöst, denn so fest war er angebunden; dann liess man ihn mittels eines Seiles hinab.

Mehr als fünfzehn Jahre lang ertrug Stanko derartige Qualen durch die Vilen, bis man ihn schlieslich eines Morgens in der Nähe der Hütte in einer Grube fand, in der er im Kote erstickt war.[13]

Nun begreift man leicht den Übergang der Vilen zu vještice oder copernice.

Die übliche, ziemlich junge Dreiteilung der Vilenarten wird fast ganz auf die Hexen übertragen.

Es gibt drei Arten von Hexen. Zur ersten Art gehören die Lufthexen (sonst »zračne vile«).[14] Diese sind von sehr böser Gemütart; sie sind den Menschen feindlich gesinnt, jagen ihnen Schreck und Entsetzen ein und stellen ihnen auf Weg und Steg überall nach. Nächtlicher Weile pflegen sie dem Menschen aufzupassen, und ihn so zu verwirren, dass er das klare Bewusstsein vollständig verlieren muss. Zur zweiten Art gehören die Erdhexen (sonst »pozemne vile«). Diese sind von einschmeichelndem, edlem und zugänglichem Wesen und pflegen dem Menschen weise Ratschläge zu erteilen, damit er dieses tun und jenes lassen möge. Am liebsten weiden sie Herden. Die dritte Art bilden die Wasserhexen (sonst »povodne vile«), die höchst bösartig sind, doch, wenn sie frei auf dem Lande herumgehen, mit den ihnen begegnenden Menschen sogar gut verfahren, Wehe und Ach aber demjenigen, den sie im Wasser oder in der Nähe erreichen; denn sie ziehen und wirbeln ihn so lange im Wasser herum, oder reiten ihn der Reihe nach so lange, bis er jämmerlich ertrinken muss. (Aus Vidovec, Chrowotien.)

Nun ist uns auch die Entstehung folgender Redensarten verständlich geworden, durch die man böse Weiber kurz und treffend zu bezeichnen sucht: »To je vila« (das ist eine Vila), oder: »To je vila ljutica« (das ist eine ingrimmige, eine bissige Vila, d. h. ein böses, heimtückisches und rachsüchtiges Weibsstück), oder man sagt zu einem Frauenzimmer, das man nicht gerne um sich sieht: »Idi vilo!« (Troll’ dich, Vila) ganz in der Bedeutung von: arge Hexe.

III. Die Hexe im Sprichwort.

Ako i je baba, nije vještica.Wenn sie auch ein altes Weib ist, so ist sie doch keine Hexe,

sagt wohl ein Mann in launiger Stimmung von seiner Alten, gewissermassen, um sie wegen ihres Alters, das leicht den Verdacht der Hexenkunst erwecken könnte, zu entschuldigen, worauf in der Regel das Weib in demselben Tone entgegnet:

Svaka baba vještica a djed viještac.Jedes alte Mütterchen ist eine Hexe und (jeder) Alte ein Hexenmeister.
Biži ko vištica od biloga luka.Sie eilt davon wie eine Hexe vor weissem Lauch.

Mit Knoblauch vertreibt man Hexen.

Uskostrešila se ko vištica.Ihre Haare sind wirr und zerzaust wie bei einer Hexe.
Izgleda kao da su ga coprnice donijele sa Ivanjščice.[15]Er sieht aus, als hätten ihn die Hexen von der Ivanjščica hergebracht.
Svaka vračara s vražje strane.Jede Hexe ist von des Teufels Partie,

d. h. sie hat ihre Seele dem Teufel verschrieben und steht mit ihm im Bunde.

Kud će vještica do u svoj rod?Wohin wendet sich eine Hexe, als zu ihrer Sippschaft?
Jaše ga vještice.Es reiten ihn Hexen.

Das ist die Hexe als Alp. (Er leidet an nächtlichen Samenergüssen.)

Vračarice, coprnjice, kuko ljeskova!Zauberin, Hexe, Haselstockhacken![16]

Eine Beschimpfung für ein Frauenzimmer, das auf Zauberei und Hexerei viel hält und sich damit abgibt.

Nebenbei mag noch der Verwünschung »izjele te vještice!« (Hexen sollen dich ausfressen) Erwähnung geschehen.

IV. Versammlungorte der Hexen.

Regelmässig versammeln sich die Hexen in der St. Johannis- und der St. Georgnacht[17], Weihnachten und zu Pfingsten auf Pusten (weiten Ebenen), an Kreuzwegen und brauen dort ihre Zaubertränklein.

In der vorchristlichen Zeit fielen auf die genannten Tage die Hauptfeste des Volkes. Jung und alt zog zu Georgi, zu Pfingsten und am Johannistage hinaus in Wald und Flur, brachte bei Tanz und Spiel Opfer dar und feierte das Fest der erwachenden und blühenden Natur. Wie vor tausend Jahren, so feiert noch jetzt der südslavische Landbewohner diese Feste, die nun ein christliches Gepräge erhalten haben, nebenher geht aber noch eine Unzahl altheidnischer Gebräuche mit. Warum gerade an diesen Tagen den Hexen eine grosse Rolle zufällt, erklärt sich einfach daraus, dass man vor Zeiten an diesen Tagen Opferzüge leitete und mancherlei »Zaubereien«, zum Wohle aller und einzelner veranstaltete. Bei einem einfachen Volke, wie die Südslaven, das sich vorzugweise mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigte und noch beschäftigt, brachte man selbstverständlich die meisten Opfer dar, um für das liebe Vieh und die Felder den Segen der Geisterwelt zu erwerben. Zu ihren Ehren schmückte man die Wohnungen der Menschen und die Nutztiere mit Blumen und Kränzen. Die weisen Frauen, die die Aufsicht über die Festzüge führten, trugen besondere Zweige in der Hand, beräucherten Menschen und Tiere und sprachen dazu ihre Segen. Die neue christliche Lehre musste, um sich behaupten zu können, teilweise die alten Bräuche zu den ihrigen machen, diejenigen aber, die sich mit ihrem Geiste nicht vertrugen, als das Gaukelspiel böser Geister hinstellen. So wurden die alten Priesterinnen, die wohl mancherlei Kenntnis von heilkräftigen Kräutern besassen, böse Hexen, die dem lieben Vieh nachstellen und den Menschen nur Schaden bereiten. Infolge dieser Wandlung in der Volkanschauung fing man an, den nicht mehr verstandenen Brauch des Bekränzens und Schmückens der Nutztiere als Abwehrmittel gegen den Einfluss der Hexen auszulegen. Die Vorstellung von dieser Art von Hexen hat mit jener von den Vilen nichts gemein als den Namen, so ferne man in manchen Gegenden die Bezeichnungen vještica (coprnica) und vila nicht mehr auseinanderhält.

Am Georgtage schmücken im ganzen slavischen Süden die Hirten mit Blumenkränzen die Hörner der Kühe, um jeden Hexenzauber fernzuhalten. In den Blumen und Zweigen heimen gütige Baumseelen. Die unbekränzten Kühe sind den Hexen preisgegeben. Die Kränze befestigt man abends an der Stalltüre, wo sie das ganze Jahr über hängen bleiben. Wenn es ein Hirte unterlässt, eine Kuh zu bekränzen, so erhält er vom Eigentümer der Kuh nicht nur nicht das übliche Trinkgeld, sondern setzt sich noch der Gefahr aus, durchgebläut zu werden. Die Zeugnisse für den angeführten Brauch sind sehr zahlreich. (Vrgl. über diesen Brauch bei a. Völkern. Mannh., Bk. S. 295.)

Am Georgtage früh, wenn der Hirte die Kühe aus dem Stalle lässt, nimmt die Schaffnerin in die eine Hand Salz, in die andere einen Scherben mit Feuerbrand. Das Salz reicht sie der Kuh, die nun über die Glut hinwegschreitet. In dem Feuer brennen allerlei Rosenarten. Dadurch bricht man die Macht der Hexen über die Kuh. (Aus Warasdin). In der Umgegend von Karlstadt begnügen sich die Hausfrauen, morgens beim Austreiben der Kühe bloss ein Kreuz über sie zu schlagen, um die Hexen fernzuhalten. (V. Lorković, Arkiv, 1863, VII, S. 239.) (Über die Bedeutung dieser Bräuche vrgl. Mannh. Bk. Kap. VI, Vegetationgeister, Sonnenzauber S. 497–566.)

Am Vorabend von Georgi, an manchen Orten am Georgtage frühmorgens, schneiden alte Weiber Distelzweige ab und bringen sie an den Türen des Gehöftes an; ferner machen sie Kreuze aus Kuhdreck sowohl an den Hof- als an den Stalltüren, damit die Hexen den Kühen keinen Schaden antun können. (Aus Warasdin.) Manche schlagen aus demselben Grunde grosse Nägel in die Stalltüre ein, doch glaubt man, dass diese kein so zuverlässiges Abwehrmittel gegen Hexenzauber wie Distelzweige bilden. In Vinica und dessen Umgebung schneidet man vor Sonnenaufgang die Distelzweige ab. Man legt sie einander auf den Kopf, ferner legt man solche Zweige auf die Umzäunung des Gehöftes, die Fenster und Türen des Hauses und ebenso in Kranzform den Kühen um den Nacken, damit die Hexen dieses Jahr über Mensch, Tier und Haus keine Macht erlangen können. Gelingt es einer Hexe trotz alledem durchs Hinterhaus über den Gartenzaun in den Stall zu dringen, so verendet das ganze Vieh in dem Hause.

Es war einmal ein Mann, der wollte keine Disteln an der Stalltüre anbringen, ja er verspottete sogar die Leute, die es taten. Dafür kamen aber das ganze Jahr allabendlich Hexen zu ihm und molken seine Kühe aus. Er dachte sich: »Ich muss doch aufpassen, wer denn das ist, der regelmässig meine Kühe ausmilkt.« Er verbarg sich im Heu, lauschte und hielt scharfe Wache. Auf einmal, es war um die elfte Stunde, erschien ein Melkkübel und die Kuh fing an ganz von selbst die Milch in diesen Kübel hineinrinnen zu lassen. Er fährt rasch aus seinem Versteck hervor, ergreift den Kübel und schlägt ihn mit aller Kraft zur Erde. Der Kübel aber verwandelt sich in eine grosse Kröte, und eben diese Kröte macht Miene, auf ihn zu springen. Er hurtig fort und ins Haus hinein. Das war sein Glück. Eine Woche darauf war Georgi. Am Vorabende befestigte er an der Stalltüre Distelzweige und die Kuh gab fortan reichlich Milch. (Aus dem Dörfchen Vidovec bei Warasdin.)

Am Georgtage kann man die Hexen leicht erkennen und ihr Treiben beobachten, nur muss man folgendes tun: Zeitlich morgens vor Sonnenaufgang begibt man sich auf die Weideplätze der Kühe, zieht sich vollständig aus, wendet seine Kleider ganz um und legt sie so an. Dann muss man ein Stück grünen Rasens herausschneiden und sich auf den Kopf legen. (Aus Warasdin.) Als Beleg für die Wahrheit erzählt man sich die Geschichte von den zwei Schmiedelehrjungen und ihrer Meisterfrau, die nächtlich auf einem der Burschen, nachdem sie ihn in ein Pferd verwandelt, zur Hexenversammlung reitet. Es wird dies als eine Strafe für seinen Vorwitz hingestellt. Die Hexe wird schliesslich auf dem Kapuzinerplatz in Warasdin verbrannt.

Die Hexen kann man ferner am Georgtage beobachten. Man stellt sich in der Frühe, wann die Kühe ausgetrieben werden, mit einem Rasenstück auf dem Kopfe hinter die Stalltüre, oder duckt sich daselbst nieder. Dadurch wird man für die Hexen unsichtbar, denn sie glauben, man befinde sich unter der Erde. (Aus Warasdin.)

Am Georgtage in aller Früh vor Sonnenaufgang steigen die Hexen in den Kirchturm hinauf, um Schmierfette[18] von den Glockenarmen und ein Stück vom Glockenstrick sich zu holen; denn dieser Gegenstände bedürfen sie zum Hexen.

In der Johannisnacht schleicht die Hexe auf den geflochtenen Zaun hinauf, der das Gehöft umschliesst und spricht: »Zu mir der Käse, zu mir das Schmalz, zu mir die Butter, zu mir die Milch, euch aber (geb’ ich) die Kuhhaut.« (K meni sir, k meni maslo, k meni puter, k meni mleko a vam pak kravsku kožu.) Da wird nämlich die Kuh verenden, das Fleisch wird man vergraben, die Haut verkaufen müssen. Um solchen Zauber zu nichte zu machen, geht man zeitlich früh am Johannistage auf die Wiese, sammelt in einen Mantel Morgentau und trägt ihn heim. Zu Hause angelangt, bindet man die Melkkuh an den Stützbalken (tram) an und wäscht die Kuh mit dem eingesammelten Morgentau; sodann stellt man den Melkkübel unter ihre Euter und melkt die Kuh. Tut man so, so kann man mindestens vier volle Kübel Milch melken. (Aus St. Elisabeth [Jalžabeta].)

Zur Abwehr gegen die Entziehung der Milch durch Hexen bedient man sich auch des Wacholders. Folgende zwei Angaben sind aus Toplice. »Will man es verhindern, dass Hexen zu den Kühen kommen, so nimmt man in der Weihnacht einen Wacholderzweig und warte im Stalle, bis die Hexen kommen, um die Kühe zu melken. Sobald sie zu melken anfangen, tritt hin zur Kuh und versetz der Hexe drei Streiche. Das musst du schweigend tun und ebenso schweigend dich sogleich entfernen.« Das zweite Mittel lautet: »Will man die Hexen von den Kühen vertreiben, so geh’ zu Weihnachten um die Mitternachtstunde hin, gib Wacholder in einen Topf (in welchem Glutkohlen liegen) und räuchere damit dreimal deine Kühe, dann wird das ganze Jahr keine Hexe zu ihnen kommen. Dies musst du aber an jedem Weihnachtabend tun, wenn du willst, dass niemals Hexen zu dir kommen sollen und deine Kühe ausmelken.[19]«

Nicht geringe Schwierigkeit bietet die Erklärung des Glaubens an die Kerstniki (bei den Slovenen), die in der Johannisnacht mit den Hexen kämpfen. Die Etymologie des Wortes Krstnik ist unzweifelhaft. Es ist ein altes Lehnwort aus dem Griechischen. Im Bulgarischen und Slovenischen bedeutet Krstnik so viel als Täufling, der Getaufte (Kumče, wie man serbisch sagt). Wie lässt sich das Wort in dieser Bedeutung in unserem Falle rechtfertigen? Sehen wir uns vor allem die wenigen gedruckten Angaben an, aus welchen man etwas Näheres über die Kerstniki erfährt. Die älteste Nachricht datiert aus dem Jahre 1854.

»In der Johannisnacht, so glauben die Slovenen um Görz, führen die Hexen mit den Kerstniki einen heftigen Kampf. Die Kerstniki sind zwölf Brüder. Wenn sich in einer Familie zwölf Söhne von einem Vater befinden, so ist der zwölfte unter ihnen ein Kerstnik. In der Johannisnacht schweben diese Kerstniki in grosser Gefahr, denn sie werden da von den Hexen mit Überresten von Steckpfählen und Stumpfen überfallen. Gerade deshalb gräbt man im Herbste die Steckpfähle und die Stumpfen, die in der Erde zurückbleiben, sorgfältig aus und schafft sie heim, damit die Hexen keine Waffen haben sollen, um mit den Kerstniki zu kämpfen. Diejenigen Stücke, die sich nicht leicht herausziehen lassen, rammt man noch fester in die Erde ein.«

Den Widerspruch, der darin liegt, dass zuerst alle zwölf Brüder Krstniki genannt werden und dann trotzdem der zwölfte erst Krstnik sein soll, fand der Erzähler nicht heraus. Man merkt es diesem Bericht gleich an, dass die mythische Zwölfzahl nur herangezogen wird, um etwas notdürftig zu erklären, was man nicht mehr versteht.

Nicht viel mehr als den blossen Namen bietet eine andere Erzählung. »Die Krstnici beschützen zumeist die Welt vor Hexen.« Einen sicheren Anhaltpunkt zur Deutung der Gestalt des Krstnik gewinnt man erst durch eine Notiz: »Krstnik, človek kterega vile obljubiju.« »Krstnik ist ein Mann, den die Vile liebgewonnen.« Diese dritte Nachricht rührt aus dem Jahre 1860 her (Veglia glasn. II. 8).

Die Klasse von Geistern, zu der man die Vilen zählen muss, liebt es, wie es die Mythen aller Völker erzählen, mit dem Menschen in die vertrauteste Verbindung zu treten. Wenngleich die Vila ein geisterhaftes Wesen ist, sucht sie doch den Umgang des Menschen. In der Heidenzeit betrachtete man es als eine aussergewöhnliche glückliche Auszeichnung für einen Sterblichen, wenn er von einer Waldfrau geliebt wurde, in christlicher Zeit verschoben sich die Anschauungen. Die Waldfrau erscheint mitunter als ein armes, verlassenes Wesen, das des ewigen Heils unmittelbar nicht teilhaftig werden kann und wenigstens mittelbar durch die Berührung mit Getauften Erleichterung erhofft und findet. Eine Sage (Sdsl. S. u. M. Stück 90, S. 413) erzählt, dass Vilen an einem Jüngling solches Wohlgefallen fanden, »dass sie ihn zu sich in die Baumhöhle mitnahmen und drum waren sie in ihn verliebt, weil sie durch ihn nach der Taufe dufteten« (»da su po krstu dišale«). Vilen entführen auch Kinder, die schon getauft sind und ziehen sie gross.[20] Solche Auserwählten darf man im Gegensatze zu den nichtgetauften Vile, als die Getauften, d. h. Krstniki κατ’ ἐξοχήν benennen. Die Günstlinge der Vilen konnten wohl auch als Fürsprecher für ihre Mitmenschen gelten; diese Auffassung wird durch eine ganze Reihe Vilensagen bekräftigt. Die Krstniki erscheinen demnach im Volksglauben als die Beschützer der Menschen. Man war aber gewohnt, die Krstniki immer in einem nahen Verhältnisse zu den Vilen zu denken. Sobald sich nun die Vilen zu coprnice wandelten, musste notwendigerweise das alte freundliche Verhältnis in ein feindliches verändern. Die Krstniki beschützen nicht mehr die Welt durch ihre Fürsprache, sondern durch offenen Kampf, den sie mit den Vilen (= copernice) auszufechten haben. — Nach dieser Deutung ist die erste Sage, sehr jungen Ursprungs, und es fragt sich, ob das Ausreissen der Stoppeln und Stümpfe, die nach der Ernte im Boden zurückgeblieben, in irgend einen Zusammenhang mit den Krstniki überhaupt gebracht werden darf, oder ob wir nicht vielmehr einen traditionellen Zug vor uns haben, der auf einen alten Bodenzauber hinweist. Dies dürfte man aber nur dann annehmen, wenn die Stoppeln verbrannt würden. Es ist sonderbar, dass nur die Slovenen um Görz, nicht aber auch die übrigen Südslaven diesen Brauch üben, auch scheut sich der Südslave zufolge eines allgemeinen Glaubens, selbst eine abgestorbene Pflanze mit der Wurzel auszureissen, denn man reisst dadurch, glaubt man, seiner verstorbenen Mutter oder Grossmutter im Grabe die Haare aus. In Maisfeldern werden z. B. im Savelande nach der Ernte die Stöcke, sobald sie vollständig getrocknet sind, unten an der Wurzel abgeschnitten; (man benützt die trockenen Stangen zur Feuerung.) Wer den Charakter des südslavischen Bauernvolkes kennt, der weiss auch, dass der Bauer nur so viel arbeitet, als er muss, um nicht mit den Seinigen zu verhungern. Zu solchen überflüssigen Arbeiten, wie das Ausziehen der Stoppeln und Stumpfen, kann ihn nicht einmal die Furcht vor Hölle und Teufel bewegen.

Ausser bei den erwähnten Gelegenheiten versammeln sich die Hexen noch regelmässig in hellen Mondnächten auf Kreuzwegen, um dort zu spinnen.[21] Nie aber ist es ratsam, zur Nachtzeit dort vorüber zu gehen, denn die Hexen behexen einen und senken über ihn einen tiefen Schlaf. Ihre Zusammenkünfte finden auf Bäumen, besonders auf Ahorn-, Eschen-,[22] Nuss- und Lindenbäumen statt, deren Äste folgender Art verwachsen sind:

Aufenthaltorte der Hexen sind nebst dichten Wäldern und Schluchten noch Düngerhaufen, Lauge- und Ascheablagerungen, Gestrüpp und dichtes Gehölz. Sobald die Sonne untergegangen ist, versammeln sich die Hexen in Zwetschkengärten und alten Ruinen; in Sommernächten treiben sie ihr Unwesen in Scheunen, alten hohlen Bäumen, dunklen Hainen und unterirdischen Höhlen. (Lonja in Chrowotien.) Die Hexen werden ferner als wohnhaft gedacht in der Grotte Kleinhäusel (u velki jami pod malim gradom) bei Postojna in Krain, ferner tanzen sie auf zwei grossen Felsen in der Nähe der Grotte. Die Hexen haben Affenköpfe mit roten Mützen darauf. Der Bauer hütet sich sorgfältig, in der Dämmerung an einem Düngerhaufen vorüberzugehen, oder gar darüber zu schreiten, namentlich tät er dies nicht barhaupt; denn man ist vollkommen überzeugt, dass einen die Hexen, die auf dem Düngerhaufen hausen, auf der Stelle durchbohren würden. Mein Gewährmann erzählte eine Geschichte, um diesen Glauben zu belegen, und gesteht freimütig ein, dass er früher wohl an der Existenz von Hexen gezweifelt habe, doch angesichts der sich so oft wiederholenden Tatsache nicht umhin könne, seinen Unglauben zu bereuen. »Ich sah«, berichtet er, »einen Handwerker (der Mann lebte noch 1863), der verliess um Mitternacht das Wirtshaus, wurde von den Hexen überfallen und dreimal furchtbar im Dorngestrüpp zu Boden geschleudert. Zuletzt, nachdem sie ihn derart zugerichtet, versetzten sie ihm einen so wuchtigen Hieb in den Brustkorb, dass man noch jetzt, also mehrere Jahre nach diesem Ereignisse, ein faustgrosses Loch an der betreffenden Stelle sehen kann. Der Ärmste erzählte mir selber, dass er wohl sterben, aber niemals der alten Bara, seines Nachbars Weibe, verzeihen werde; denn sie habe er ganz deutlich von Angesicht im Mondlicht erkannt.«

Wenn ein heftiger Wind weht, da lieben es die Hexen, zu tanzen. Vor Vergnügen drehen sie sich im Wirbel, und lagern an Orten, wo Menschen gerne verweilen und ruhen, ihren Schweiss vom Tanze ab. Wer an einen solchen Ort gerät, mit dem ist’s schlimm bestellt; er verliert die Sprache, oder wird an Hand oder Fuss gelähmt. Man glaubt auch, dass wenn einer eine Lungenentzündung bekommt, oder es rührt ihn der Schlag, dass er auf Hexenschweiss getreten sei.

Man muss sich hüten, den Ort zu betreten, wo sich eine Hexe aufgehalten, denn man verfiele sogleich in Wahnsinn und bliebe daselbst so lange liegen, bis man vom Hunger heimgetrieben würde. Man erkennt eine solche Stelle ohne weiters an den Fussabdrücken im Staub oder Sand. Eine Hexe hat nämlich bloss vier Zehen am Fusse, die wohl nicht anders aussehen als bei jedem Menschen, nur fehlt die grosse Zehe (der Daumen). (Aus Warasdin.) Die rätselhaften vier Zehen, deren Eindrücke im Boden den Gläubigen in Schrecken versetzen, rühren wohl von Wildgänsen, Schwänen oder Wildenten her. Der Bauer kennt freilich die Spuren dieser Tiere, doch er glaubt auch, dass Hexen ihre Gestalt annehmen. Auch die ruhelosen Seelen von Kindern, die vor der Taufe gestorben, treiben nächtlicher Weile ihren Spuk in Gestalt von Gänsen auf Weideplätzen. Das sind die Móvje klr. moviči (vor der Wz. mar).

Stösst der Mensch durch Zufall auf eine Hexenversammlung, so muss er rasch den Kopf bedecken, ein Kreuz schlagen, drei Schritte nach rückwärts treten, dann einen vierten Schritt nach vorwärts machen, denn sonst tritt er den Hexen in die Schüssel hinein. Beobachtet er dies, so können ihm die Hexen gar nichts antun. (Aus Vinica.)

Wenn einer an seinem Gartenzaun irgend etwas wahrnimmt, was ihm eine Hexe hingelegt hat, so darf er das Ding um keinen Preis in die Hand nehmen, denn er würde im selben Jahre schwer erkranken, und wenn er gar mit dem Dinge spielte, so müsste er gewiss sterben. (Aus Warasdin.)

Hexen halten sich auch in Gewässern auf. In einem solchen Wasser muss man sich hüten zu baden, denn man ertränke unfehlbar darin. Auch fänden die Leute niemals den Leichnam des Ertrunkenen. Einen solchen verdächtigen Ort erkennt man leicht daran, dass auf der Oberfläche des Wassers ein toter Kater schwimmt. Zuweilen ist an solchen Stellen das Wasser von einer sehr bedeutenden Tiefe, trotzdem aber von einer solchen Klarheit und Durchsichtigkeit, dass man bis auf den Grund hinab sieht. Häufig ist ein Wasser, das zum Aufenthalt der Hexen dient, ein sehr trübes stehendes Gewässer, dem man nicht näher als bis auf sieben Schritte kommen darf, weil der Mensch schon am blossen Dunst ersticken müsste.

Drei Sagen zur weiteren Erläuterung. Die erste ist aus Bednje, die zweite aus Biškupec, die dritte aus Warasdin in Chrowotien.

I.

Es war einmal ein junger Mann, der sich in ein Mädchen verliebte, das eine Hexe war. Es fiel ihm öfters auf, dass sich das Mädchen immer zu gewisser Zeit zu entfernen pflegte, ohne jemand mitzuteilen, wohin; darum befragte er sie, wohin sie gehe, und sie gab ihm zur Antwort: »Mein Liebster, ich gehe auf einen gar schönen Ort; komm Du auch mit, Du wirst die Freude in vollen Zügen geniessen.« — Er willigte ein und sie führte ihn auf einem ihm bis dahin unbekanntem Wege, bis sie an einen Kreuzweg gelangten, wo sie zu mehreren solcher Mädchen und Frauen stiessen. Mit diesen zusammen traten sie sodann in eine wunderherrliche Burg, die sie urplötzlich herhexten, darin glänzte aber alles in lauterem Golde und eine grosse Tafel war mit köstlichen Speisen vollbedeckt. Man fing an, die mannigfaltigsten Speisen zu essen, wie ihrer der Jüngling nicht einmal im Traume je welche gesehen. Wie es überall zu sein pflegt, so geschah es auch hier; der Wein erhitzte die Gemüter der Gäste und der Jüngling ergriff lusterfüllt seinen Pokal und brachte einen Trunk zu Ehren des heiligen Geistes aus. Da schien es ihm auf einmal dunkel um die Augen zu werden, und er ergriff, als wenn er untersänke, schnell etwas über sich. Wie er die Augen öffnete, sah er sich auf einem Lindenbaume und mit der Hand hielt er sich an einem Aste fest.

II.

Es war einmal eine Hexe, die ging zum Dorfpfarrer zur Beichte; der Pfarrer aber wusste, dass er eine Hexe vor sich habe und bat sie, sie möge ihm den Ort ihrer Zusammenkünfte zeigen. Die Hexe erwiderte: »Ich will Ihren Wunsch, Herr Pfarrer, erfüllen und Ihnen den Ort zeigen. Kommen Sie mit mir auf den Düngerhaufen.« — Als sie auf den Düngerhaufen kamen, hiess die Hexe den Pfarrer ihr auf den Fuss treten. Kaum trat er ihr auf den Fuss, flogen beide hoch in die Luft und gelangten in einen wundervoll schönen Palast, wo Hexenmeister mit Hexen im vollsten Sinnentaumel herumtanzten und sich mit Speise und Trank ergötzten. Auf einmal erschien in ihrer Mitte der Teufel selber in Gestalt eines Kalbes, das Feuer aus dem Maule spie. Nun gingen die Hexen der Reihe nach dem Kalbe den Hintern küssen, und so kam die Reihe auch an den Pfarrer, der ohne weiteres das Beispiel der Hexen nachahmen wollte, doch der Teufel herrschte ihn an: »Was hast Du Stinktier vor? — Willst Du in unsere Genossenschaft aufgenommen werden, so musst Du Deinen Namen mit eigenem Blute in dieses schwarze Buch einschreiben!« — Der Pfarrer forderte ihn auf, ihm das Buch vorzulegen, er sei bereit, sich zu unterzeichnen. Der Teufel reicht ihm das Buch und der Pfarrer schreibt ein den süssen Jesunamen. Im selben Augenblicke erdröhnte der Palast und zerfiel in Trümmer, Teufel und Hexen verschwanden und der Pfarrer sah sich auf dem Gipfel der uralten Linde vor der Kirche und zitterte vor Entsetzen am ganzen Leibe. Als in der Früh der Messner läuten kam, rief ihm der Pfarrer von der Linde herab zu: »Heda, nimm mich herab!« und der Messner entgegnete kopfschüttelnd: »Der Teufel selbst muss Sie da hinauf gesetzt haben«, stieg auf den Baum, holte den Pfarrer herab und trug ihn in den Pfarrhof zurück.

III.

Ein Bauer ging mit einem Sacke Frucht in die Mühle und der Weg führte ihn an einem grossen Baume vorüber, wo er schon früher zu hundert Malen vorübergegangen war. In der Mühle sah er sich genötigt bis zur Dämmerung zu warten, ehe an ihn die Reihe kam, und als die Frucht gemahlen war, trat er den Heimweg an. Wie erstaunte er aber, als er an der Stelle, wo der Baum stand, einen grossartig schönen, drei Stockwerke hohen Palast erblickte, aus dem ihm ein Jubel entgegenscholl, als wenn hundert Paare daselbst Hochzeit feierten. Verwundert legte er den Sack ab, setzte sich darauf und sann nach, wo er sich befände und wieso er hieher gelangt sei. Auf einmal traten aus diesem Palaste über goldene Stufen zwei schöne Frauen heraus, fassten ihn jede an einer Hand und führten ihn in den Palast hinauf. Oben traf er Leute aller Art, unter denen eine unaussprechlich grosse Lustbarkeit herrschte. Man bot ihm sogleich Speise und Trank an und schliesslich tanzte er in bester Stimmung mit ihnen mit. Als er sich endlich verabschiedete, um zu den Seinen zurückzukehren, reichte ihm die eine ein grosses Stück Braten und die andere ein herrliches Kopftuch mit den Worten: »Dein Weib wird es mit grossem Vergnügen tragen.« — Er sprach ihnen seinen Dank dafür aus, worauf sie ihn wieder an der Hand hinabgeleiteten. Unten angelangt, lud er wiederum seinen Sack auf den Rücken auf und schlug den Heimweg ein. Zu Hause rief er vor Freude seinem Weibe zu: »Errat’ mal Weib, was ich Dir Neues und Schönes mitbringe?« — Noch etwas benebelt und in vergnügtester Laune griff er in seine Ledertasche nach dem Fleische und zog heraus — einen Pferdehuf. »Ich habe noch etwas, für Dich, Du«, sagte er, griff in die Tasche nach dem Kopftuch und brachte einen — schmierigen Abwaschfetzen zum Vorschein. Beide gerieten darüber in Verwunderung, und der Bauer suchte schnurstracks den Pfarrer auf und teilte ihm das sonderbare Abenteuer mit, aber der Pfarrer lachte ihn nur aus. Nun kam bald wiederum der Zeitpunkt, wo die Hexen ihre Versammlung abzuhalten und der Freude sich hinzugeben pflegten, und da schickten sie zum Pfarrer, der eben an diesem Tage zwei Paare traute, eine vergoldete Kutsche mit vier Rossen, einem Kutscher und zwei Herren mit der ergebenen Einladung, er möge sie beim Festmahl mit seiner Gegenwart beehren. Der Pfarrer nahm wirklich die Einladung an, stieg in die Kutsche und schnell wie der Donner ging es zu jenem Palaste hin. Die ganze lustige Gesellschaft kam ihm unter Musikbegleitung entgegen und führte ihn über die goldenen Stufen hinauf in den Saal. Sogleich räumte man ihm den Ehrenplatz oben an der Tafel ein. Doch die Freude war von kurzer Dauer, wenngleich sie sehr gross war; alles trank der Reihe nach und zuletzt kam der Pfarrer dran, der in Gottes Namen den Pokal ansetzte; kaum war aber dieses Wort über seine Lippen gekommen, verschwand alle Herrlichkeit um ihn herum und er sah sich auf einem schwachen Aste auf dem Gipfel jenes Baumes sitzen, von dem ich zuvor gesprochen. Die ganze Nacht bis zum hellichten Tag sass er da oben auf der schwachen Rute und getraute sich nicht, sich zu mucksen, vor Furcht, hinabzufallen und sich das Genick zu brechen, bis ihn endlich vorüberziehende Leute aus seiner peinlichen Lage befreiten. Diesen Streich spielten ihm die Hexen nur deshalb, weil er an sie nicht glaubte.

Als Hauptversammlungort der Hexen von Syrmien wird ein alter Nussbaum[23] bei dem Dorfe Molovina bezeichnet. Auch in einem sicilianischen Zauberspruch (vrgl. Ausland 1875, St. 3) ist von den Geistern des Nussbaumes die Rede. Sie heissen diavuli di nuci. »Die neapolitanischen streghe versammeln sich unter einem Nussbaum bei Benevent: das Volk nennt es die Beneventsche Hochzeit; gerade an diesem Ort stand ein heiliger Baum der Longobarden.« (Grimm. D. M. S. 1005.) Die älteste Nachricht über diesen Glauben bei den Südslaven findet sich bei dem Ragusäer Dichter I. Gundulić (1588–1638). Im II. Gesange seines Epos »Osman« (zuerst erschienen 1621) sucht der Vezir Dilaver den jungen türkischen Kaiser Osman zu überreden, er soll die Mutter seines vom Throne gestürzten Vorgängers, eine gefährliche alte Hexe, die ihm, Osman, nach dem Leben trachtet, baldigst aus dem Wege räumen. Der Dichter schildert das Treiben der Hexe nicht getreu nach dem südslavischen Volkglauben, denn aus Strophe 36 und 37 geht hervor, dass er mit dem abendländischen, oder genauer italienischen Hexenglauben wohl vertraut ist. In der ersteren Strophe ist der Zug, dass die Hexe nachts auf einem Bock durch die Lüfte reitet, dem südslavischen Volkglauben ganz und gar fremd. Die Stelle lautet (Strophe 38 und 39, »Osman«, II. Aufl. Agr. 1854, S. 20 f.):

»Glas je, da ona od djetinje Mlječne puti pomas kuha, I na ovnu prjeko sinje Noći leti vragoduha, »Man sagt sich, dass sie eine Salbe aus zartem (wörtlich: milchigem) Kinderfleisch koche und vom Teufel besessen auf einem Bocke durch die schwarze Nacht dahinfliege.«
5Na kom leti svegj bez straha K planinskomu vilozmaju, Gdje vještice podno oraha Na gozbe se strašne staju.« »Auf welchem (nämlich Bocke) sie ohne Scheu allezeit zum vilenartigen Drachen der Hochalpe reitet, wo sich Hexen unterhalb eines Nussbaumes zu grausigen Mahlzeiten ein Stelldichein geben.«

Weitere Belege aus Dalmatien im Arkiv za pov. jugosl. V. S. 332. Der Zauberspruch der Hexen, die im Begriff fortzufliegen sind, lautet: »Nach Neapel unter die Nussbäume« (u Pulju pod oraje).

In einer Sage (Arkiv, VII, S. 218) zerreissen Hexen ein Mädchen unter einem Nussbaume und sieden es in Öl ab.

Dagegen finden sich die Hexen von Chrowotien auf dem Berge Klek bei Ogulin zusammen. (Vuk, a. a. O.) M. Kombola, Pfarrer in Selac im Küstenlande, berichtet über diesen Volkglauben im Arkiv des Kukuljević VII, 328. Zweifelohne war auf dem Klek eine vorchristliche Kultstätte. Kombola ergänzt seine Nachricht mit der Bemerkung: »Wüsste der hl. Elias, wann sein Tag sei, er würde sie (die Hexen) alle vernichten und umbringen.« Unser Gewährmann nimmt auf eine allgemein verbreitete Sage Bezug, die an den Heiligen anknüpft. Wie wir in der Anmerkung hervorheben, ist der hl. Elias an Stelle des Donnergottes der vorchristlichen Zeit getreten, der sich in einem gewissen Sinne mit der neuen Ordnung abfand, doch immer noch hofft, dass er wieder einmal die Herrschaft erlangen werde. Dieser Zeitpunkt ist herangenaht, sobald sein alter Kult wieder vollkommen hergestellt sein wird, oder, wie es in der Sage heisst, sobald er erfährt, wann man sein Fest feiert. Es wird aber alljährlich begangen, nur weiss er den Tag nie bestimmt. Fragt er Gott, so erhält er immer zur Antwort, der Tag sei schon vorüber, oder er werde erst kommen. Der hl. Elias verschläft nämlich immer sein Fest. Wenn er aber einmal wachbleiben wird, dann geht die ganze Welt zu Grunde. (Das erzählte mir ein Bauer aus Kamensko bei Požega in Slavonien. Die Vorfahren des Erzählers sind Einwanderer aus dem Herzogtum. Eine Variante dazu in einer der ersten Nummern des Ragusäer Slovinac.)

Die Hexen reiten auf Menschen, die sie mittels einer Zauberhalfter in Pferde verwandeln. Auf ihrem Versammlungorte wird herumgetanzt. Die heiteren Festtänze beim alten Opferkult, die frohe Sitte, die sich noch bis in die Gegenwart erhalten hat, dass sich das Volk an Festtagen vor der Kirche versammelt und Tänze aufführt, wurden mit der Zeit durch den Einfluss der Geistlichkeit zu greulichen Hexentänzen gestempelt, die unter Aufsicht des Teufels ausgeführt werden. Der Teufel wird übrigens höchst selten in unmittelbarer Verbindung mit Hexen gedacht. Seine Gestalt ist dem südslavischen Volkglauben ursprünglich ganz fremd. Weist doch auch schon der Umstand darauf hin, dass die Sprache keine besondere Bezeichnung für Teufel aufweist (gjavol [diabolus], sotona [Satan] sind Fremdworte, vrag bedeutet den Verderber überhaupt). An ihren Versammlungorten vergnügen sich die Hexen nicht bloss mit Tanz, sondern auch mit Mahlzeiten. Ihre Gefässe sind Pferdehufe und Eierschalen. Pferde brachte man beim alten Kult gewöhnlich als Opfer dar. Noch heutigen Tags befestigt so mancher südslavische Bauer am First seines Hauses einen Pferdekopf zur Abwehr von Zauber. Eier als Sinnbilder des Werdens in der Natur opferte man gleichfalls den Geistern. Wie es bei Hexenmahlen zugeht, darüber geben uns die Sagen vielfachen Aufschluss. Hier mögen vor allem zwei angeführt werden. Die erstere ist aus Kreuz in Chrowotien, die letztere, eine Variante zur ersteren, aus Slovenisch-Feistritz.

I.

Am Abhange des Klek lebte ein reicher Wirt mit seiner Frau, der Wirtin. Der Wirt war hager und mager, die Wirtin aber gut genährt, wie ein Mastschwein. Kam eine Zigeunerin zum Wirt, um ihm wahrzusagen. »Hör’ mal, Du gutmütiger Tropf« (more), sprach die Zigeunerin, »weisst Du, weshalb Dein Weib so dick und Du so abgezehrt bist?« — »Weiss es nicht!« — »Mein guter Freund, Dein Weib ist eine Hexe. An jedem Freitag im Neumond (mladi petak) reitet sie auf Dir auf den Klek hinauf zum Teufelreigen« (Vražje kolo). — »Wie denn das?!« — »Ganz einfach. Sobald Du einschläfst, schleicht sie zu Dir hin, wirft Dir eine Zauberhalfter über den Kopf, Du verwandelst Dich augenblicklich in ein Pferd und sie reitet dann auf Dir fort. Geh, gib mal ein bisschen acht am nächsten Neumondfreitag.«

Am nächsten Freitag abend tat der Wirt, als schliefe er. Näherte sich ihm die Wirtin mit den Halftern in der Hand. Sprang der Wirt vom Lager auf und warf ihr die Halfter über den Kopf. Sie stand im selben Augenblicke vor ihm als Stute, er bestieg sie und im Nu befanden sie sich oben auf dem Klek. Dort band er (der Wirt) die Stute an einen Baum und schaute dem Teufelreigen zu. Zuerst tanzten die Hexen alle zusammen im Reigen, dann jede allein um ihren Topf herum. Diese Töpfe aber waren nichts anderes als Eierschalen. Kam zum Wirt herangeflogen eine alte Hexe, diese war seine alte Godin. »Was suchst Du da?« — »Ich habe diese meine Stute bestiegen und sie trug mich hieher auf den Klek.« — »Weh, flieh von hier, so schnell Du kannst. Wenn Deiner die Hexen gewahr werden, dann ist’s um Dich geschehen. Wisse, dass wir noch auf eine warten (auf sein Weib nämlich), ohne die wir eigentlich gar nichts anfangen können.« Da hat sich freilich der Wirt aus dem Staub gemacht, kam nach Haus, stellte die Stute im Stalle ein und legte sich schlafen. Fragten ihn die Diener in der Frühe: »Was ist das für eine Stute?« »Mir gehört sie«, antwortete der Wirt, liess dann einen Schmied kommen und die Stute an allen vier Hufen beschlagen. Hierauf ging er fort, um eine gerichtliche Kommission zu holen. Diese kam, er erzählte den Herren ganz genau, was er gesehen, nahm dann von der Stute die Zügel ab und sie verwandelte sich wieder in das Weib von ehedem zurück; doch war sie an Händen und Füssen beschlagen. Fing sie an zu jammern. Die Richter verstanden aber keinen Spass. Sie liessen sie in eine Grube voll ungelöschten Kalks werfen und dort musste sie elendiglich verbrennen. (Aus Chrowotien.)

Seit dieser Zeit zerbröckelt das Volk immer die Eierschalen, damit die Hexen daraus keine Töpfe verfertigen können.

In Slavonien begnügt man sich mit dem Zerbröckeln der Eierschalen allein nicht, sondern man wirft sie, ebenso wie Nägelabschnitzel und ausgekämmtes Haar, sogleich ins Feuer, um jede Hexerei mit diesen Dingen unmöglich zu machen. Wenn die Hexen übers Meer fahren, benützen sie Eierschalen als Fahrzeuge. Derselbe Volkglaube findet sich noch gegenwärtig in Deutschland. A. Wuttke berichtet darüber: »Wenn man gekochte Eier gegessen hat, muss man die Schalen zerdrücken oder verbrennen, sonst legen die Hühner nicht mehr, oder sonst kommen die Hexen über sie«.[24] Genau stimmt mit dem Zuge in der mitgeteilten Sage die Nachricht überein, die sich bei J. W. Wolf in den »Niederländischen Sagen« (Leipz. 1843) St. 248, 515 und 572 findet: »Wenn man Eier gegessen, muss man die Schalen zerbrechen, damit sie von den Hexen nicht als Böte gebraucht werden.« Nach Choice (Notes from Notes and Queries. London 1859, S. 7) herrscht in Holland der Glaube, dass die Hexen in Eierschalen nach England zu fahren pflegen. Der berührte Volkglaube ist auch auf der Pyrenäischen Halbinsel heimisch. Darüber findet sich nebst den angeführten eine weitere Nachricht bei Felix Liebrecht (Zur Volkskunde. Heilbronn 1879, S. 375), der aus Leitão Garret’s Schrift »Donna Branca ou a Conquista do Algarve (Paris, 1826) folgendes entnimmt: »Auf dem Lande ist es ein gewöhnlicher Aberglaube, die Schalen der genossenen Eier zu zerdrücken, aus Furcht, dass die Hexen sich ihrer bedienen möchten, um darin durch die Luft nach Indien oder andern fernen Ländern zu schiffen, woselbst sie das Blut ungetaufter Kinder auszusaugen oder einen andern ihrer gewöhnlichen Streiche auszuführen pflegen. Jedoch ist es unerlässlich, dass sie rasch und vor dem Krähen des schwarzen Hahnes (d. h. vor Mitternacht) nach Hause zurückkehren; zu dieser Stunde nämlich geht ihre Zauberkraft zu Ende und daher sind schon viele in jenen Meeren ertrunken.«

Sagen über Hexenfahrten übers Meer können sich selbstverständlich bei Völkern, die an Meerküsten wohnen und besonders Handel und Schiffahrt betreiben, reich entwickeln. »Wenn die Hexen übers Meer fahren wollen«, sagt P. Kadčić Peke (Arkiv B. V. S. 333), »so lösen sie das erstbeste Schiff vom Anker und schiffen sich ein. Mit jedem Stoss legen sie ihre hundert Meilen zurück.« Es ist die Windbraut, die in rasender Wut dahinstürmende Bora, wenn sie das Meer von unterst zu oberst aufwühlt, Schiffe vom Anker federleicht losreisst und sie mit Blitzschnelle in die weite See, weiter als das Auge reicht, hinausschleudert, die der verzagende Mensch als die Hexe auf der Meerfahrt betrachtet.[25]