Fritz Brehmer
Nebel der Andromeda

Nebel der Andromeda

Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen.

Von
Fritz Brehmer

Sechstes bis zehntes Tausend

L. Staackmann Verlag / Leipzig / 1920

Alle Rechte vorbehalten
Für Amerika: Copyright 1920 by L. Staackmann, Leipzig

Druck von C. Grumbach in Leipzig

„Es ist zwar ein befremdlicher und dem Anscheine nach ungereimter Anschlag, nach einer Idee, wie der Weltlauf gehen müßte, wenn er gewissen vernünftigen Zwecken angemessen sein sollte, eine Geschichte abfassen zu wollen; es scheint, in einer solchen Absicht könne nur ein Roman zustande kommen. Wenn man indessen annehmen darf, das die Natur selbst im Spiele der menschlichen Freiheit nicht ohne Plan und Endabsicht verfahre, so könnte diese Idee doch wohl brauchbar werden; und ob wir gleich zu kurzsichtig sind, den geheimen Mechanism ihrer Veranstaltung durchzuschauen, so dürfte diese Idee uns doch zum Leitfaden dienen, ein sonst planloses Aggregat menschlicher Handlungen, wenigstens im großen, als ein System darzustellen.“

Imm. Kant: „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“.

Ein Kapitän, der einige Jahre in den westindischen Gewässern kreuzte, traf dort, und zwar in Venezuela, mit einem Manne zusammen, dessen Erlebnisse zu dem Sonderbarsten zählen, von dem man gehört haben dürfte, und der auch sonst in seiner Persönlichkeit weit ab von den Bezirken des Alltäglichen stand.

Eine Verkettung von Umständen ließ den Kapitän in den Besitz der merkwürdigen schriftlichen Hinterlassenschaft des Mannes gelangen, und gab damit die Lösung eines geheimnisvollen Rätsels, über das hier berichtet werden soll, in seine Hände. –

Nachdem der Kapitän schon einige Male den venezolanischen Hafenplatz Porto Cabello angelaufen hatte, kam ihn dort eines Tages der Wunsch an, eine Wanderung in die Vorberge zu unternehmen, aus welchen der den Hafen bildende Fluß in einem Tale fließt, dessen wildromantische Schönheit sowohl wie seine Fruchtbarkeit sehr gerühmt werden.

Zwar befand sich das Land gerade wieder mitten in einer der dort üblichen Revolutionen, und ein Dutzend Meilen landeinwärts, beim Flecken San Felipe, war einige Tage zuvor gar eine Art von Schlacht geschlagen worden. Aber um den Hafen herum sollte noch alles ruhig sein.

Es empfahl sich also die Zeit zu nutzen, ehe die Kämpfe auch hierher übersprangen und das Spazierengehen in den Bergen unmöglich machten. –

Der Weg hat seine eigne Schönheit. Nach einer etwa einstündigen, recht heißen Wanderung durch die leichtansteigende Ebene gelangt man in den Taleingang, der von einem hochgelegenen, noch aus spanischer Kolonialzeit stammenden Bergfort bewacht wird.

Bald nachdem man in das Tal eingetreten ist, ziehen sich die Berge zu beiden Seiten enger zusammen. Der Fluß, der bisher dem Wanderer als ein träger, recht langweiliger und versandeter Wassergreis entgegengeschlichen kam, zeigt sich hier in dem Übermut tollender Jugend.

Mit sichtlicher Freude am Turnerischen springt er von Steinstufe zu Steinstufe, teilt sich gelegentlich vor widerborstig sich entgegenstemmenden mürrischen Felsen gewandt in mehrere Teile, vereinigt sich hinter den Verdutzten wieder mit gurgelndem Lachen zu verdoppelter Sprühkraft, spielt darauf in einem stillen, buchtartigen und tiefblauen Wasserbecken den Harmlosen, um sich gleich darauf wieder mit gewaltigem Satze brausend in eine Tiefe zu stürzen, friedliche Steine und allerlei ob der Störung verärgertes Geröll mit sich reißend.

Lustige Schlingels von Bächen springen ihm gelegentlich aus der Nachbarschaft zu, werfen sich sprühend und zischend in seinen Lauf und beteiligen sich an dem übermütigen Treiben. Sie kommen aus Nebentälern, in denen Kakaoplantagen ihre kostbaren Produkte gedeihen lassen oder in dunklen Orangenwäldern die goldenen Äpfel reifen. Im zerklüfteten Tale des Flusses stehen hohe Bäume, Bananen wachsen überall, und auf den Höhen ragen die Kokospalmen.

Ein reiches, überreiches Land, geschaffen für ein Leben in Glück und Friede, wenn seine Bewohner eben nicht – Menschen wären.

Am Flusse entlang ist von Fischern und Plantagenarbeitern ein Pfad ausgetreten und gelegentlich auch in den Felsen eingehauen, den jetzt langsam hinanzusteigen dem solcher Freuden entwöhnten Kapitän eine Wohltat war.

Nachdem er so, sich an der wechselnden Szenerie erfreuend, ein Stündchen einsam emporgeklommen war, bemerkte er, daß jetzt ein anderer Mann vor ihm schritt, den er wohl eingeholt haben mochte.

Allmählich näher kommend, stellte er fest, daß dieser ein Weißer war, ein hochgewachsener, fast riesenhafter Mann von ungewöhnlich schönem, ebenmäßigem Körperbau. Er schritt, sich auf einen hohen Stock stützend, langsam vorwärts. Sein Gang war elastisch, und bei jedem Schritte spielten seine nicht massigen, aber sichtlich stahlharten Muskeln.

Der Mann trug außer einer kurzen leinenen Hose und dem Korkhelm keinerlei Kleidung. Sein Gesicht war nicht zu sehen.

Da man in dieser Gegend außerhalb der Städte selten Weiße zu treffen pflegt, so bedeutete das Auftreten des Mannes ein Ereignis. Der nackte Mann, der wohl gemerkt haben mußte, daß ihm jemand folge, begann jetzt mit seinen langen sehnigen Beinen auszuschreiten, und nun war für den Kapitän nicht mehr daran zu denken, ihn einzuholen.

Dennoch wurde sein Wunsch erfüllt: Weit vorne über einem Grat sah man jetzt zwischen den sich teilenden Bäumen die Silhouette eines Reiters. Vorsichtig und anscheinend müde stieg sein Maultier bergab. Der Reiter schien nicht fest darauf zu sitzen. Er hing stark vornüber.

Als der nackte weiße Mann mit ihm zusammentraf, hielten beide an, und dann war zu sehen, wie der Reiter mit Hilfe des anderen mühsam vom Tiere stieg.

Der Kapitän, an die Gruppe herankommend, sah bald, daß der Reiter, der nur mit einer Hose, hohen braunen Stiefeln und einem kokardengeschmückten Filzhut bekleidet war, am Oberkörper schwere blutende Wunden trug und einen stark geschwächten Eindruck machte.

Der weiße Riese sprach mit ihm in dem verdorbenen Spanisch jenes Landes, das aber trotz zahlreicher indianischer Beimischungen leidlich verständlich ist.

Es handelte sich um einen Revolutionär, Halbindianer, gleich der Mehrzahl der übrigen Landesbewohner Mischblut der alten spanischen Kolonisten und der Ureinwohner dieser Berge. Er war in der Schlacht bei San Felipe verwundet von seinem Trupp abgekommen, hatte sich in den Bergen verirrt und war überdies durch Raub während des Schlafes seines Gepäcks, seiner Waffen und seiner Oberkleidung verlustig gegangen. Jetzt suchte er nach Porto Cabello zu gelangen. Seine Kräfte waren indessen schon derartig erschöpft, daß man ihn unmöglich allein weiterziehen lassen konnte.

Mit offensichtlicher Sachkenntnis untersuchte der weiße Mann die Wunden des armen, jämmerlich stöhnenden Kerls. Dabei stellte sich heraus, daß ein Geschoß den Brustkasten durchschlagen und, da sich auch Bluthusten zeigte, offenbar die Lunge verletzt hatte.

Es war dringend nötig, die Wunden zu verbinden, zumal sich schon Insekten darin festsetzten. Da aber natürlich kein Verbandzeug zur Hand war, entledigte sich der Kapitän kurzerhand seines leinenen Hemdes und zerschnitt es mit Hilfe des anderen in lange Streifen, aus denen dieser mit bemerkenswerter Geschicklichkeit einen Notverband herstellte. Gesprochen wurde dabei kein Wort.

Als die Prozedur des Verbindens beendet war, sank der Verwundete ohnmächtig zusammen, konnte aber durch einen Schluck aus der Flasche des Kapitäns wenigstens wieder so weit zu Kräften gebracht werden, daß man ihn auf sein Tier zu heben vermochte.

Der nackte Mann wandte sich nun zu dem Kapitän und fragte ihn mit wohltönender, tiefer Stimme in reinem Spanisch, ob er helfen wolle, den Verwundeten in seine, des Fragenden, unferne Wohnung zu bringen. Die Zustimmung verstand sich von selber.

So schritten sie, den armen Teufel von Revolutionär stützend, links und rechts neben dem Maultier bergan.

Der Kapitän konnte jetzt in Ruhe die Züge des sonderbaren Samariters betrachten, da dieser sich oft besorgt dem Verwundeten zukehrte, um dessen Zustand zu beobachten.

Der Mann war offenbar germanischer Herkunft. Man hätte ihn etwa für einen Nordländer halten können, jedenfalls ließ das schmale, bartlose Gesicht mit stark herausgearbeiteten Zügen eine solche Vermutung zu. Mund und Nase waren kräftig entwickelt, und das Antlitz trotz reichlich großer, aber gesunder Oberzähne von auffallendem Ebenmaß. Als er einmal den Korkhelm abnahm, erwies es sich, daß sein weiches volles Haar schon ergraut war.

Das Bemerkenswerteste an dem Gesicht waren die großen, wasserklaren, blauen Augen, die mit beinahe unheimlich langem Blicke die Dinge faßten.

Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen: Er mochte ebensogut ein früh ergrauter Dreißiger wie ein jugendlicher Fünfziger sein.

Ein Gespräch, das der Kapiteln einige Male anzuknüpfen versuchte, verlief jedesmal im Sande. Der Riese ging zwar höflich darauf ein, antwortete jedoch mit derart knappen Worten, daß der andere es vorzog, weiterhin zu schweigen.

Nach einer kleinen halben Stunde beschwerlichen Weges an dem Flusse entlang war man am Ziele angekommen.

An einer Stelle, wo der Fluß ein stilles bewaldetes Becken bildete, mit kleinen Felseninseln darin, stand auf hohem Ufer, halb in den Fels hineingebaut, ein niedriges steinernes Haus. Zwischen den vorderen Ecken des Daches und zwei eingerammten Pfählen war ein altes Schiffssegel als Sonnendach ausgespannt, das die Tür und die beiden einzigen Fenster überschattete.

Unter dem Sonnensegel stand ein steinerner Tisch, und neben diesem ein bequemer großer Korbsessel, wie er in den Tropen benutzt wird.

Unweit des Hauses, von dem aus man einen freien Blick über das Becken und den unteren, mit einem Wasserfall beginnenden Flußlauf hatte, lag ein kleiner, dichter Orangenhain, symmetrisch angelegt, und bemerkenswerterweise von einem niedrigen, sauberen, festgezimmerten Holzzaune mit einer verschlossenen Tür umgeben. Rechts und links neben der Tür standen zwei hohe Zypressen. Die Anlage machte, zumal in dieser Umgebung, einen sonderbar ernsten und fast feierlichen Eindruck.

Der nackte Mann zog den Mulo unter das Sonnensegel und band ihn an einen der Pfähle. Gemeinsam hob man den verwundeten Revolutionsmann, dessen Zustand immer bedenklicher zu werden schien, herab, und führte ihn in den Korbstuhl.

Auf dem Tische standen die Reste eines Morgenmahles und daneben lag ein aufgeschlagenes Buch.

Der Herr dieses kleinen Anwesens lud den Kapitän mit einer wortlosen Gebärde ein, auf einem anderen Stuhle, den er aus dem Hause geholt, Platz zu nehmen. Dann ging er hinein und kam nach einigen Minuten wieder heraus. Währenddessen hatte der Gast das Buch aufgenommen und zu seinem Erstaunen es als Goethes „Dichtung und Wahrheit“, und zwar in der Sprache des Dichters, erkannt.

Nun trug man gemeinsam den Verletzten in das Häuschen, das nur einen einzigen Raum enthielt, dessen Wände, wie der Kapitän zu seinem Erstaunen feststellte, zum größten Teil mit Büchern bestanden waren.

Man legte den armen Menschen auf das große eiserne Bett, dessen Moskitonetz schon zurückgeschlagen war. Der Hauseigentümer brachte Wasser herbei, goß ein Glas voll, drückte eine Zitrone hinein, süßte es mit Zucker und gab es dem Verwundeten, der es gierig austrank und dann matt zurückfiel.

Der große Mann beugte sich über die Brust des Kranken und legte sein Ohr daran, drehte ihn dann behutsam auf die Seite, behorchte den Rücken und sagte, indem er sich achselzuckend aufrichtete, leise auf Spanisch: „Es geht zu Ende.“

Der Gast schlug vor, einen Arzt aus Porto Cabello zu holen. Der Nackte lehnte geringschätzig ab: Es seien Pfuscher. Als der andere aber erklärte, daß er der Führer eines im Hafen liegenden Kriegsschiffes sei, das einen Arzt an Bord habe, stimmte er zu, schlug jedoch vor, noch eine Stunde den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten. Vielleicht wäre es überhaupt zwecklos, den Arzt kommen zu lassen, der ohnehin kaum vor fünf Stunden oben sein könne. Vorderhand sei es das Richtigste, dem Kranken, der schon ein Sterbender wäre, Ruhe zu gönnen. Dies sagte er mit solcher Sicherheit, als sei ihm die Hilfeleistung in derartigen Fällen nichts Fremdes.

Darauf ging man hinaus und schickte sich an, indem man an dem Steintische Platz nahm, die verabredete Stunde zu warten.

Der Wirt ging ins Haus zurück, zog sich einen weißen Anzug an, brachte Wein, Weißbrot und Früchte heran, bot alles wortlos aber freundlich an, setzte sich dann und blickte in die Ferne.

Auch der Gast schwieg lange, vermochte aber doch seine Begierde, näheres über den merkwürdigen Einsiedler zu erfahren, auf die Dauer nicht zu unterdrücken. Nach einiger Zeit nahm er den aufgeschlagenen Band in die Hand und sagte in der Sprache Goethes: „Ein seltener Vogel in diesen Bergen!“

Der Wirt erwiderte, die Sprache aufnehmend: „Wohl möglich. Ein Singvogel. Die hiesigen singen nicht.“

Der Kapitän ließ nun nicht wieder locker, aber er belästigte seinen Wirt nicht mit Fragen, sondern begann über den neutralen Goethe zu sprechen, vorsichtig, wortknapp und wohlüberlegt.

Dem Wirte schien diese Art Unterhaltung, wohl des Gegenstandes wegen, nicht mißzubehagen. Er fand kurze, treffsichere Antworten, die eine gute Unterrichtung bewiesen.

Bald war man mitten in einem Literaturgespräch, zu welchem der tropische Wasserfall befremdet herüberbrummte.

Als der Kapitän nebenbei auf die große Zahl der Bücher im Hause hinwies, sagte der Wirt, sie seien vorzugsweise naturwissenschaftlicher und astronomischer Art. Im übrigen habe er in seinem Vaterlande Medizin studiert und auch die Staatsprüfung dort bestanden, ohne allerdings lange als Arzt beruflich tätig gewesen zu sein. Im weiteren Gespräch erfuhr der Gast noch, daß der Einsiedler auch Naturwissenschaften und Philosophie studiert habe. Über seine sonstigen Umstände aber schwieg er durchaus.

Das Gespräch war durch das Stöhnen und Husten des armen Teufels, der die Ursache dieser literarischen Zusammenkunft geworden war, öfters gestört worden. Der Wirt mußte mehrfach zu ihm hineingehen, und bedauerte, kein Morphium zur Hand zu haben, um ihm den Todeskampf zu erleichtern. Es sei schwer für ihn, seltenere Medikamente zu bekommen.

In der Tat währte es nicht mehr lange, bis der bedauernswerte Bursche zu Ende gelitten hatte. Wirt und Gast standen bei ihm in seinem letzten Augenblicke, und der erstere sprach, während er ihm die gebrochenen Augen zudrückte, ein ernstes und gütiges Wort über das arme, verirrte Menschlein, das hier sein junges Leben hingegeben habe für das Phantom einer neuen Freiheit, die doch nichts anderes sei, als eine neue Knechtschaft unter jene zahlreichen körperlichen und seelischen Tyrannen, die der Mensch zu eigener Qual sich selber zu schaffen nicht unterlassen könne.

Man ratschlagte, was jetzt zu tun sei, und kam zu dem Ergebnis, daß der Kapitän nach Porto Cabello zurückkehren, dort die Behörde benachrichtigen und sie veranlassen solle, den Toten am nächsten Tage in der Frühe abzuholen.

Weil es aber der tropischen Temperatur wegen nicht angängig war, die Leiche im Hause zu behalten, und der Wirt sein Bett ja auch selber brauchte, mußte der Tote dieses jetzt räumen, wozu der Gast seine Hilfe anbot.

Der Wirt schien zu überlegen, an welchen Ort er den toten Mann betten solle, faßte aber schnell einen Entschluß, nahm einen Schlüssel von der Wand, holte ein weißes Laken, und sie hoben nun miteinander den Toten auf. Der Wirt schritt führend voran.

An der Zauntür des kleinen umfriedeten Orangenhaines machte er Halt und legte seine traurige Last nieder, um mit dem Schlüssel die Tür zu öffnen. Darauf schritt der kleine Kondukt weiter, einen schmalen, zwischen den Orangenbäumen verborgenen, kurzen Fußpfad entlang, der in das Innere des kleinen Haines führte, das von Bäumen frei und mit Gras bestanden war.

Inmitten dieses fast hallenartigen Plätzchens, in dessen vier Ecken abermals Zypressen gepflanzt waren, lag in feierlichem Halbdunkel ein einzelnes, sorgfältig gepflegtes Grab. Ein kleines Stück Fels stand darauf, dessen Vorderseite glatt gehauen war. Hier war von ungeübter Hand, aber deutlich lesbar, ein einziges Wort eingegraben: IRID. Diesem oder dieser Irid gaben sie den toten Mann als traurigen Schlafgenossen, bedeckten ihn sorgfältig mit dem Laken gegen die Insekten, und gingen schweigend von dannen.

Wieder vor dem Hause angelangt, verabschiedete sich der Gast von dem Einsiedler. Dieser sagte dabei fast schüchtern und ohne Betonung: „Es würde mich freuen, wenn Sie wiederkämen.“


Die Persönlichkeit des einsamen Mannes hatte den Kapitän ungemein gefesselt, und zwar nicht nur der merkwürdigen Umstände wegen, unter denen er lebte. Noch nie war er einem Menschen begegnet, der, trotz herber Verschlossenheit, in solchem Maße anzuziehen vermochte. Eine Art innerer Kraft schien von ihm auszugehen, wie sie Leuten zu eigen ist, die später als Religionsstifter oder Heilige verehrt werden.

So geschah es, daß auf dem Rückwege zum Hafen die Gedanken des Kapitäns sich ausschließlich mit dem sonderbaren Einsiedler beschäftigten und des ernsten und eindrucksvollen Ereignisses des sterbenden Revolutionärs fast ganz vergaßen.

In Porto Cabello angekommen, verständigte er sofort den Konsul, der sogleich das Weitere veranlaßte.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr der Kapitän, daß die Persönlichkeit des einsamen Mannes wohl bekannt war. Man erzählte von ihm das Folgende:

Er wohne schon seit längeren Jahren dort oben, führe ein vollkommen abgeschlossenes Leben und sei als merkwürdiger Sonderling verschrien, im übrigen aber ein nicht nur durchaus gutartiger, sondern auch stets hilfsbereiter Mensch.

Offenbar sei er früher in seiner Heimat Arzt gewesen, und er praktiziere auch jetzt als solcher oben in den Bergen. Eine Konzession der Regierung habe er allerdings nie nachgesucht, und würde sie auch der Hintertreibung der venezolanischen Ärzte wegen, die mit Recht seine Konkurrenz fürchteten, schwerlich erhalten haben.

Man dulde ihn stillschweigend, und zwar besonders der eingeborenen Bevölkerung wegen, die große Stücke auf ihn hielte, und ihn als eine Art Heiligen verehre, obwohl er nach allem, was der Konsul darüber in Erfahrung bringen konnte, niemals irgendwelche Wunderkuren oder Charlatanerien vollführe, sondern im Gegenteile höchst sachgemäß vorginge.

Allerdings bediene er sich in starkem Maße der Suggestion, und man sagte, daß er durch diese in der Tat gelegentlich ganz außerordentliche und fast rätselhafte Erfolge erziele. Niemand, der mit ihm zusammenkomme, auch der Konsul nicht, könne sich einer starken suggestiven Wirkung entziehen, die der Mann, sichtlich ohne es zu wollen, und bestimmt, ohne einen bösartigen Gebrauch davon zu machen, ausübe.

Man erzählte, daß er die Gewohnheit habe, in seiner Einsamkeit fast nackt zu gehen. In seinen Lebensbedürfnissen sei er ungemein anspruchslos. Seine Einkünfte bestanden ausschließlich aus Naturalien, die ihm die Eingeborenen, denen er auch außerhalb seiner ärztlichen Tätigkeit viel mit Rat und Tat beistehe, zutrügen.

Er habe einen regelrechten und wenn auch etwas eigenartigen, so doch sehr erfolgreichen Schulunterricht in seiner Behausung eingerichtet. Ferner fertige er fast die gesamten schriftlichen Arbeiten für die Eingeborenen des Distriktes der Vorberge an: Eingaben an die Regierung, Steuerangelegenheiten, Rechtsberatung und ähnliches. Bei Streitigkeiten untereinander pflegten die Bergbewohner seinen Schiedsspruch anzurufen, dem sie sich dann ohne Murren beugten.

Diese Tätigkeit übe er derartig verständig, klug und versöhnlich aus, daß der Distrikt hinsichtlich der Verwaltung als der bequemste der ganzen Provinz gälte. Alle bisherigen Provinzialregierungen hatten den Fremden daher nicht nur gern geduldet, sondern ihm sogar verschiedentlich Geldzuwendungen angeboten, die er annahm, aber nur in der Form von Büchern, welche die Behörden ihm auf seinen Wunsch durch Vermittlung des Konsuls beschaffen mußten.

Irgendeine andere Beziehung zu den Behörden, dem Konsul oder überhaupt zu einem Europäer oder Gebildeten, lehne er nachdrücklich, wenn auch nicht gerade verletzend ab. Es sei denn, daß jemand seinen ärztlichen Rat erbäte, den er dann aber stets ohne jedes Entgelt erteile. –

Diese Erzählungen allein hätten genügt, das schon geweckte Interesse des Kapitäns an dem seltsamen Manne zu erhöhen, der, wie der Kapitän erfuhr, Markus Geander hieß, von den Eingeborenen aber gerne heimlich „San Marco“ oder „el santo desnudo“, „der nackte Heilige“, genannt wurde, Namen, über die er aber sehr ungehalten sein sollte, da er sich gelegentlich als ein höchst unkirchlicher Mann und als ein ausgesprochener Atheist erwiesen hatte, wenngleich er die Eingeborenen auch in ihren kirchlichen Angelegenheiten in durchaus versöhnlichem Sinne beriet. Mehr aber noch als diese berichteten Dinge machte den Einsiedler ein tiefes und rätselvolles Geheimnis, das über seiner Herkunft lag, zum Gegenstande eines fast übersinnlich erregten Staunens.

Man berichtete darüber dem Kapitän das Nachfolgende:

Die Fischer der Bergflußgegend, in der er noch heute wohnte, hatten ihn, von dem damals noch nie jemand ein Wort gehört, eines Morgens bei Sonnenaufgang bewußtlos auf dem Felsen des Flusses, halb im Wasser liegend, gefunden. In seinen Armen hatte er ein, wie die Leute versichern, über alle menschlichen Begriffe schönes, gleich ihm vollkommen nacktes und bewußtloses junges Weib gehalten, dessen blonde Zöpfe fest um des Mannes Hals gebunden waren. Beide lebten noch. Er selbst hatte sofort nach dem Auffinden die Augen aufgeschlagen und offenbar für Sekunden das Bewußtsein wiedererlangt, um es dann aber sofort wieder zu verlieren.

Das junge Weib war gleich darauf, ohne die Augen geöffnet zu haben, gestorben, und man hatte sie begraben müssen, ehe der Mann aufs Neue zur Besinnung kam.

Als dieser, den eine Fischerfamilie bei sich aufgenommen hatte, nach Monaten von schweren inneren Verletzungen genas, hatte er den Wunsch geäußert, an dem Orte zu bleiben, wo man ihn und sein Weib gefunden und dieses begraben habe. Die Fischer und Plantagenarbeiter der Gegend, denen er sich während seiner langsamen Genesung anschloß, hatten ihm geholfen, das Häuschen zu errichten, das er jetzt bewohne.

Für die Wahrheit dieser Erzählungen, die gewiß merkwürdig klangen, verbürgten sich zuverlässige Augenzeugen: Die Fischerfamilie, die ihn damals aufnahm, lebte, jedenfalls in ihrer jüngeren Generation, noch heute. Die Leute waren durchaus intelligent, verständig und in ihren Aussagen glaubwürdig. Auch wurde der Vorfall von zahlreichen anderen Eingeborenen der Gegend bestätigt.

Es blieb nun ein undurchsichtiges und geradezu unheimliches Rätsel, wie der auffallende Mann, und noch dazu mit einer Frau, ohne von einem Menschen des Küstenstriches gesehen zu sein, in die einsame Berggegend gekommen war.

Wenn auch der Umstand der um den Hals des Mannes geknüpften Zöpfe auf die Absicht eines gemeinsamen Selbstmordes schließen ließ, so erhöhte die Tatsache, daß man nicht die geringste Spur irgendeiner Kleidung, nicht einmal Ringe an den Fingern gefunden hatte, die Rätselhaftigkeit des Falles noch bedeutend. Die Annahme einer Beraubung war bei der Ehrlichkeit der Indianer gänzlich ausgeschlossen.

Der Mann, von dessen Anwesenheit die Behörden übrigens erst erfuhren, als dieser schon mit der Bevölkerung ganz zusammengewachsen war, erklärte dann auf dringendes Befragen, nur seinen Namen sagen, über alles andere aber, solange er lebe, nie einem Menschen Auskunft geben zu wollen. Dabei war er bis heute geblieben.

Im übrigen hatte er zugesagt, die Gesetze des Landes zwar befolgen, sie aber nicht anerkennen zu wollen, da er außerhalb seiner selbst keinerlei Gesetz oder Überordnung irgendwelcher Art als bestehend ansähe. Er betrachte sich als den Mittelpunkt seiner Welt.

Man hielt ihn damals für geistesgestört, wenn auch gutgeartet, und sah das vermeintliche Leiden als Folge seiner rätselhaften Vergangenheit an, eine Ansicht, an der man in Porto Cabello noch heute festzuhalten schien, die der Kapitän aber nicht zu der seinen zu machen vermochte.

Als der Kapitän von der Einladung des seltsamen Mannes erzählte, war man allerseits verwundert. Es hatte zwar nie an Wissensdurstigen gefehlt, die immer und immer wieder versucht hatten, sich auf alle Art dem Sonderling zu nähern, um sein Vertrauen zu gewinnen, und dann vielleicht das Geheimnis zu enträtseln, aber auch die taktvollsten Anbahnungsversuche hatte er stets sofort als solche erkannt und ihnen die bündige Erklärung entgegengesetzt, er hege den Wunsch, ganz für sich allein zu leben. –

Es kostete den Kapitän nach diesen Eröffnungen einige Überwindung, seinem dringenden Wunsche, den Einsamen wiederzusehen, nachzugeben, aber die Überlegung, daß die Einladung ja, wenn auch nicht sehr nachdrücklich, so doch ganz freiwillig erfolgt war, und daß er sich im übrigen ja sofort wieder entfernen könne, sobald er etwa die Empfindung habe, dem Manne lästig zu fallen, veranlaßte ihn doch, an einem der nächsten Tage abermals den Weg das Flußtal hinauf zu machen. –

Der Einsiedler war, als der Kapitän anlangte, gerade dabei, etwa zehn oder zwölf Indianerkindern Unterricht zu erteilen. Gegen das Sträuben des Gastes bestand er darauf, seine Beschäftigung abzubrechen und erklärte überdies, daß es des Sonnenbrandes wegen unmöglich sei, vor Abend wieder in die Ebene hinabzusteigen.

Als die Kinder sich entfernt hatten, begrüßte er den Ankömmling noch einmal herzlich, aber doch mit einiger im Kontrast zu seiner sonstigen Sicherheit stehenden Befangenheit. Des Umganges mit Menschen seiner Bildungsstufe seit vielen Jahren entwöhnt, bedurfte es für ihn offenbar einiger Übung, sich wieder zurecht zu finden.

Der Kapitän rechnet den Tag, den er mit dem weltflüchtigen Manne dort oben verlebte, zu den reichsten und eindruckvollsten seines Lebens. Von Stunde zu Stunde gewann er den Ernsten, Rätselhaften lieber, der in seiner körperlichen Größe und Schönheit und vermöge seiner starken, wenn auch zurückhaltenden Suggestivkraft in der Tat dem Bilde zu gleichen schien, das man sich von einem Heiligen machen könnte.

Die Unterhaltungen drehten sich ausschließlich um Kunst, Literatur und Naturwissenschaften. In den beiden ersten Gebieten fragte der Wirt viel, als wolle er sich belehren lassen, obwohl er erheblich über das Mittelmaß europäischer Durchschnittsbildung hinaus unterrichtet war. Mindestens zeigte er, auch wo ihm fachliches Wissen etwa mangelte, einen sicheren Instinkt, und vermochte klar das Echte vom Gemachten zu unterscheiden.

In naturwissenschaftlichen Dingen aber, die er von einem hohen philosophischen Standpunkte aus behandelte, war er uneingeschränkt der Führer der Unterhaltung. Dem Gaste dünkte es ein seltener Gewinn, ihm da zuzuhören. Die Erscheinungen der organischen Welt waren dem Einsiedler nur das Material, aus welchem er seine Gedanken über Vergangenheit und Zukunft aufbaute.

Von der Technik hielt er nichts. Die riesenhafte Entwicklung der technischen Welt, von der er sehr wohl zu wissen schien, und die er übrigens einen Anfang nannte, interessierte ihn nur insofern, als sie naturwissenschaftliche Entdeckungen betraf. Die sinnvolle Anwendung aber dieser Entdeckungen schätzte er nicht als einen Gewinn für die Menschheit ein. Er sagte darüber etwa: Was nütze es, daß man heute in fünf Tagen von Paris nach New York fahren könne. Der Konkurrent kann es gleichfalls. Es dient letzten Endes nur der Übervölkerung, auf welche soziologische Erscheinung er überhaupt schlecht zu sprechen war. Und was nütze es, daß man bei strahlendem Lichte sitze? Kant habe bei einer Öllampe geschrieben, Shakespeare, Rembrandt und Cervantes wohl gar bei einem Kienspan, und Homer sei vielleicht gleich ihm, dem Einsiedler, mit Beginn der Dunkelheit zu Bett gegangen.

Die Technik der Nachrichtenübermittlung, die seit seiner europäischen Jugendzeit gewaltige Fortschritte gemacht hatte, verachtete er tief, und erklärte sie für einen der schlimmsten Feinde der Menschheit.

Es gäbe für ihn, so führte er aus, außerhalb der philosophischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis nur ein einziges Gebiet, auf dem unser Zeitalter Fortschritte gemacht habe: die Gesundheitslehre. Und auch hier wäre nur ein Anfang.

Alles dies äußerte er aber keineswegs mit Anmaßung, sondern in Form und Inhalt bescheiden, und lediglich als Resultat seines Denkens.

Als das Gespräch einmal auf das Gebiet psychologischer Forschungen kam, lenkte er merkwürdig schnell ab. Ebenso vor kosmischen und astronomischen Fragen, für die der Gast als Seemann eine besondere Vorliebe hegte. Auffallend war dabei der Umstand, daß gerade auf diesen drei Gebieten eine besonders große Zahl von Büchern, und zwar ausschließlich gut und mit Sachkenntnis ausgewählte, vorhanden war.

Als der Gast sich nach reichem Tage am Abend verabschieden wollte, erklärte der Wirt, ihn bis zum Talausgang begleiten zu wollen. Es sei schwer, in der Dunkelheit den Weg zu finden.

So schritten die beiden noch stundenlang in die sinkende Nacht hinein. Obwohl dabei des schmalen beschwerlichen Pfades und der zahlreichen lärmenden Wasserfälle und Stromschnellen wegen nur wenig gesprochen wurde, so schien es dem Kapitän doch, als ob gerade die zweisame stumme Wanderung nach dem im geistigen Austausche verbrachten Tage das Hin- und Herfließen des sympathisierenden Fluidums zwischen ihm und seinem neuen sonderbaren Freunde merkbar verstärke.


Der Kapitän besuchte von nun an im Verlaufe seiner westindischen Kreuzfahrten, während derer die Umstände ihn noch mehrere Male veranlaßten, den Hafen von Porto Cabello anzulaufen, den Santo Desnudo, sooft er konnte.

Diese Besuche gehörten zu den schönsten Freuden seiner mittelamerikanischen Lebensepoche. Es bildete sich ein Verhältnis zwischen den ungleichen Männern heraus, dem das Kriterium wirklicher Freundschaft innewohnte, insofern als jeder der beiden Beteiligten im Geben und Empfangen gleich innige Freude empfand.

Niemals aber ward auch nur mit einem Worte das persönliche Schicksal des Einsamen erwähnt.

In der letzten Stunde aber, da der Kapitän, im Begriffe, nach Europa zurückzukehren, Abschied nahm, begann der Einsame in kurzen allgemeinen Sätzen von einem gewaltigen Erlebnis seiner Vergangenheit zu sprechen, dessen Inhalt er zu Papier gebracht habe. Die Niederschrift wolle er dem scheidenden Freunde als Vermächtnis überantworten.

Er übergab ihm dabei ein versiegeltes Bündel. Die Siegel waren mit einem groben, offenbar selbst geschnittenen Petschaft hergestellt.

An die Übergabe knüpfte er die Bitte, das Bündel nicht zu öffnen, bis die Nachricht seines Todes, für deren Übermittlung er Sorge tragen würde, bei dem Freunde eingetroffen sei. Dann aber könne dieser, wenn er es für richtig halte, den Inhalt der Öffentlichkeit preisgeben.

Vor einiger Zeit nun erhielt der Kapitän auf Umwegen ein amtliches Schreiben des jetzigen Konsuls aus Porto Cabello, in welchem dieser von dem Ableben eines gewissen Markus Geander Nachricht gibt. Der Verstorbene habe in dem Amtsbezirke des Konsulates gewohnt und sei an jener epidemischen Krankheit, die kürzlich die ganze Erde überzog, zugrunde gegangen. In seinem Nachlasse habe sich die Bitte an das Konsulat um Übermittlung dieser Nachricht gefunden.

Und somit läßt der Kapitän das Vermächtnis des einsamen Freundes hinausgehen, des merkwürdigen Mannes, der einen Blick in die Geheimnisse der Zukunft tat und dafür mit ewiger Traurigkeit bezahlen mußte.

Das Vermächtnis des Santo Desnudo.

In Einsamkeit und Schweigen versinken meine Tage.

Wenn aber der Tod die Qual des Lebens von mir genommen haben wird, dann soll der Mund des Mannes nicht mehr stumm bleiben, der einen doppelten Himmel sah, den Himmel des ewigen Kosmos und den Himmel der ewigen Liebe.

Darum schreibe ich in der Stille meiner Abende diese Blätter, deren Inhalt doch nicht mehr sein kann, als ein armseliger Faden durch den Reichtum des wundersamen Labyrinthes meines Erlebens.

Mein Bericht nennt nie gehörte Geschehnisse. Wer aber an seiner Wahrheit zweifeln sollte, den frage ich gleich Pilatus: Was ist Wahrheit?

Du armer, winziger Mensch, du dürftiges Glied einer kleinen Menschheit, die in den Jahrmillionen des Erdenlebens für wenige hundert Jahrtausende haften darf an diesem eifrig kreisenden und in all seiner Wichtigtuerei nichts bedeutenden Mitläufer einer jener Sonnen, denen das Weltall ist wie den Tropfen der Ozean, du weniger als mikrokosmisches Wesen, wie darfst du dich ermessen zu fragen, was Wahrheit sei!

Alle Erkenntnis ist dir nur eine Vorstellung. Aus Vorstellungen baust du das Kartenhaus deines Wissens. Vorgestellt vor die Wahrheit, gleich einem bemalten Wandschirme, bleibt stets das Bild, wie es allein deinen beschränkten Erkenntnisorganen zu erscheinen vermag. Nur das Bild auf dem Wandschirme siehst du.

Ereifere dich darum nicht zu sehr. Beschaue das Bild. Irgend etwas daran ähnelt immer der Wahrheit, die für alle Ewigkeit dahinter verborgen bleibt.

Ich entsinne mich deutlich, schon in meiner frühesten Jugend einen angeborenen Respekt vor dem Willen des Menschen empfunden zu haben.

Als der bedeutendste und jedenfalls wesentlichste Mensch erschien mir mein Vater, und ich glaubte fest, daß alles geschehen könne, was er wolle. Er brauche nur zu wollen, dann gäbe es keine Hindernisse. In der Tat hatte ich oft genug Gelegenheit, festzustellen, daß von seinem Willen das ganze Erdenrund meiner Kinderwelt beherrscht wurde.

Meine Mutter nannte mich eigensinnig. Heute weiß ich, daß dieser Eigensinn nichts anderes gewesen ist, als embryonale Willenskraft. Ich wage es heute allen Müttern zu raten, sich des Eigensinns ihrer Buben zu freuen. Die Güte des Himmels, die ja dafür sorgt, daß immer nur wenigen Auserwählten ein Besonderes beschieden sei, wird diese Buben vor solch’ ungewöhnlichen Folgen der Willenskraft bewahren, wie sie mir zuteil geworden sind.

Später, nachdem ich meine Studien beendet und die Nase in die Welt gesteckt hatte, ward ich mir mehr und mehr der Bedeutung der Willenskraft bewußt. Ich begann mich, auch außer meiner selbst, mit ihr planmäßig wissenschaftlich zu beschäftigen.

Dabei kam ich auf außergewöhnliche Wege: der Okkultismus, die Xenologie, winkte mit gefährlichen Lockungen. Doch blieb ich mit den Füßen auf dem Boden, und stellte fest, daß die greifbaren Beweise mancher scheinbar übersinnlichen Kräfte und Erscheinungen nichts sind als das Resultat eines auf einem ganz bestimmten Wege geführten, ungewöhnlichen Willens. Die unerhörten Dinge, die etwa über indische Fakire glaubhaft berichtet werden, erklärten sich mir auf diese Weise.

Überhaupt begann ich immer mehr und mehr zu erkennen, daß zu allen Zeiten und in allen Lebensbezirken gewisse erstaunliche Geschehnisse, die sich auf Erden zutragen und zugetragen haben, der Ausfluß entweder der Willenskraft oder ihres Erlahmens zu sein pflegen.

Die Menschheitsgeschichte bekam unter dieser Betrachtungsweise für mich ein eigenes, persönliches Aussehen. Ich sah willensstarke und willensschwache Völker. Ich sah das Wachsen und das Erlahmen der Willenskraft. Ich sah Werden und Vergehen. Ich skizzierte den Plan zu einer Geschichte der Menschheit als Subjekt und Objekt der Willenskraft.

Und dann erstand mir Giordano Bruno, der scholastischer Wertung des trockenen Intellekts die Kraft des Willens entgegenhielt gleich einer lodernden Fackel.

Giordano Bruno! Herrlichstes Menschentum in seiner gloriosen Synthese von Verstand und Geist, von Wissen und Ahnen, von physikalischem Denken und geniehafter Intuition! Hand in Hand mit jenem Lionardo aus Vinci schreitest du lächelnd durch die Haine der Ewigkeit. In weiter Ferne verglimmt das Feuer des Scheiterhaufens, auf dem man deinen armen Leib vernichtete, im ersten Jahre des Jahrhunderts, in welchem sie einen Shakespeare begruben, und selig zu preisende Mütter einem Rembrandt van Rhyn und einem Johann Sebastian Bach das Leben gaben. –

Um der Wahrheit willen aber muß ich berichten, daß mich bei meinen Beobachtungen über die Willenskraft bald nicht mehr so sehr die ethische Betrachtungsweise, die allein Giordano Brunos würdig gewesen wäre, anzog, als vielmehr die ungewöhnlichen Erscheinungen des physischen Willens. Ich dachte nicht etwa daran, meine Erkenntnisse zu nutzen, um das Niveau meines eigenen Ich zu heben, oder um meine Seelenkraft zu stärken für den Betrieb des Lebens, sondern ich beobachtete wissenschaftlich an mir selbst die Tatsache, daß die geübte Willenskraft imstande ist, rein physisch die unerhörtesten Leistungen zu vollbringen, ja, daß sie es sogar vermag, die scheinbar granitenen Fundamentsätze der Physik zu zerbrechen.

Der erste Versuch, der mir gelang, war folgender: Neben meinem Papier lag der Bleistift. Ich hielt die geöffnete Hand in einigem Abstande senkrecht über ihn, betrachtete ihn scharf und konzentrierte meine ganze, schon sehr geschulte Kraft auf die Forderung, daß der Bleistift sich in meine Hand bewegen solle. Nach einer gewissen Zeit erhob sich dieser in der Tat und flog, entgegen den Regeln der Schwerkraft, fast blitzartig gegen meine Handfläche. Allerdings, da ich zu überrascht war, um die Finger sofort zu schließen, fiel er gleich wieder auf den Tisch zurück. Erst später gelang es mir, ihn festzuhalten.

Ähnliche Experimente glückten mir immer mehr und mehr, so daß ich in meiner Vermutung vom Vorhandensein einer großen, außerhalb aller physikalischen Grenzen liegenden, für unsere Erkenntnis neuen Kraft immer mehr bestärkt wurde, einer Kraft, die lediglich durch ein für unsere Sinne unfaßbares geistiges Fluidum wirkt, und die in seinen Dienst zu zwingen der Mensch dadurch vermag, daß er sich gewissermaßen in die Schwingungen dieses geistigen Fluidums einschaltet, und zwar vermittels einer uns noch unbekannten Gehirnfunktion, die erregt werden kann, wenn der Wille aufs äußerste angestrengt wird. Diese Anstrengung, in Schwingungen umgesetzt, muß in einem bestimmten Augenblicke der Wellenlänge der unbekannten neuen Kraft gleichkommen. In diesem bestimmten Augenblicke ist die Einschaltung vollzogen und die Kraft steht im Dienste des Eingeschalteten.

Welche Zeitspanne ich jedesmal gebrauchte, um mit Hilfe meiner Willenskraft jenen Zustand zu erreichen, vermag ich nicht zu sagen, da die allergeringste Ablenkung von der Konzentration, wie etwa ein Blick auf die Uhr, das Gelingen des Experimentes unmöglich machte.

Von kleinen Versuchen ging ich allmählich zu größeren und schwierigeren über: Ich zwang andere Menschen, nach meinem Willen ungewöhnliche Handlungen zu verrichten, über die sie sich, ohne die Ursache zu ahnen, selber wunderten. Ich erreichte es, schwerere Gegenstände, wie etwa Möbelstücke, lediglich vermöge meines Willens vom Flecke zu bewegen. Ich ließ einen großen Hund sich in die Höhe heben, so daß er höchst verwundert und ängstlich winselnd haushoch in der Luft schwebte.

Ja, es gelang mir sogar, mich selber, der ich im Garten lag, so hoch zum Schweben zu bringen, daß meine Hände die Äste einer Linde erreichen konnten. Die Schwerkraft bot mir keine Hindernisse mehr. Mein Wille hatte sie überwunden!

Ich hielt diese Versuche und Beobachtungen streng geheim vor jedermann, und zwar einmal, weil ich fürchtete, daß mich fürs erste das Mitwissen anderer noch an der nötigen Willenszusammenfassung hindern würde, ferner aber auch des Entschlusses halber, erst dann damit hervorzutreten, wenn ich die Elemente meiner Entdeckungen wissenschaftlich ergründet haben würde und, gegen jeden Zweifel gewaffnet, fest in der Hand hielte. –

Ich muß gestehen, daß mich die Jahre dieser geheimen Tätigkeit nicht glücklich gemacht haben, wenn ich auch, meinem Ehrgeize nachgebend, hohe Hoffnungen auf die Zukunft setzte. Meine Nervenverfassung litt ungemein unter den häufigen Willensüberanstrengungen. Trotzdem ich mich des Besitzes außergewöhnlicher Körperkräfte erfreute, ward ich krank, ohne allerdings meine Umgebung dies wissen zu lassen.

Da in gleichem Schritte mit der Überanstrengung der Nerven auch die Forderungen meiner Sinne wuchsen, so fand ich mich oft dazu verführt, mittels der mir innewohnenden merkwürdigen Kraft auf Frauen zu wirken um sie für mich zu gewinnen.

Dieser letzte Umstand trug mir zwar manche vorübergehend glückliche Stunde ein, aber auch eine Fülle von Unbequemlichkeiten und ernsten Verlegenheiten, zumal wenn ich, was sich einige Male einstellte, seelisch beteiligt war.

In solchem Falle ward mir meine geheime Kraft zum Ekel. Mein Mannesstolz mußte erwarten, daß ich um meiner selbst willen geliebt wurde, das Bewußtsein aber, daß vielleicht nur mein eigener Wille die geliebte Frau in meine Arme führte, fraß als böser, giftiger Zweifel in mir und vergällte mir das wenige Glück, dessen ich genießen durfte.

Zwar glaube ich heute, daß einige Frauen mich redlich liebten, aber gerade die eine – Erna Maria – der meine heiße Leidenschaftlichkeit sich zuwandte, entzog sich mir kühl, als ich – um die Echtheit ihrer Gefühle auf die Probe zu stellen – einmal nur einige Stunden lang meine geheime Kraft ihr gegenüber unterdrückte.

Tief enttäuscht, körperlich und seelisch elender denn je, floh ich hinauf in die hohen Berge, zu einem alten Freunde, dem Förster.

Er wohnt im Tal. Aber hoch oben, an der Grenze der Vegetation, steht seine Diensthütte, mit Herd und Bett leidlich behaglich hergerichtet. Neben der Hauswand gurgelt aus einer Röhre ein kleiner Brunnen.

Eines Morgens stieg ich dort hinauf, wo nur Gemsen meine Nachbarn wurden, und gelegentlich ein neugieriger Hirsch mein Besucher. –

Die Tage auf dem Berge blieben sonnig und warm, und die Nächte sternenklar und lind. In der dritten Nacht erwachte ich aus irgendeinem bösen Traume in Schweiß gebadet und stellte fest, daß die Luft in meiner Hütte drückend, und daß es besser sei, im Freien zu liegen. Also nahm ich Matratze, Kissen und Decke, und bettete mich auf einem moosbewachsenen Felsvorsprung oberhalb meines Häuschens.

Dies Lager empfand ich in solchem Maße köstlich, daß ich nicht wieder zu schlafen vermochte. Ich lag regungslos ausgestreckt und meine Gedanken ballten sich zu plastischer Figürlichkeit. Das Rauschen der Föhren unter mir, das Gurgeln des Brunnens und all das melodische Geräusch der Bergeinsamkeit unter dem unbeschreiblich klaren, glitzernden Sternenhimmel wirkten auf mich mit fast zauberhafter Kraft.

Das Bild des deutschen Hirtenknaben Nikolaus von Cues trat vor meine empfangsbereite Seele. Im Purpur des Kardinals zu Rom stand er vor mir. Zweitausend Jahre nach Aristarchs Tode rief er in die geistige Enge des Mittelalters das Wort vom gewaltigsten Begriffe aller Zeiten: Unendlichkeit!

Und Giordano Bruno aus Nola zertrümmerte mit kühnem Schlage die letzte der gläsernen Sphären, die noch die Planetenharmonie des Kopernikus umgab, jenen Überrest des gigantischen Irrtums ptolomäischen Denkens, und stieß der Menschheit die Tore auf, hinter denen der Kusaner den freien Ausblick auf die Unendlichkeit verhießen hatte.

Nie im Leben hatte ich das Wesen der Unendlichkeit in solcher alles überwältigenden Größe gefühlt, wie in dieser köstlichen Bergnacht.

Ich sah das unübersehbare Firmament schimmernder Lichtpunkte über mir, und wußte, daß es ein Gewebe ist aus Sonnen, und wohl jeder einzelne Stern der Mittelpunkt eines gewaltigen Planetensystems, ähnlich dem, in welchem die Erde kreist.

Und da ich, versunken in dem göttlichen Gefühl des Zusammenfließens von Ewigkeit und Unendlichkeit, mich dem Kosmos nahe zu wähnen begann, erkannten meine geübten Augen an jener dunkeln Stelle des Himmels die winzige Spirale des Nebelschleiers im Sternbilde der Andromeda, und ein leises Erschauern zitterte durch meinen gemarterten Körper: das Schweben einer andern Welt!

Einer Welt, der die Fülle der Sonnen, die als Sternenzelt, als Milchstraße den Himmel unserer Erde bedeckt, nichts anderes gilt, als ein zarter, kaum erkennbarer Nebelhauch.

O irdische Erde, armes Sandkorn am Strande der Unendlichkeit, die kleinste Welle spült dich hinweg und läßt dich versinken im Ozean des Alls! Wer es vermöchte, dich zu verlassen und sich aufzuschwingen durch die Rätselhaftigkeiten des Äthers, zu jenen über jedes Begreifen fernen Bezirken, von wo die ganze getürmte körperliche Furchtbarkeit eines neuen Kosmos als nur ein winziges Wolkenflöckchen herüberdämmert!

Eine Nacht lang lag ich starr ausgestreckt, und meine Seele senkte sich tief in diesen schauervollen Wunsch.

Alles Körperliche fiel von mir ab. Ferne Melodien erklangen, und stundenlang lag mein zitternder Leib in der Wollust einer einzigen großen Empfängnis.

Meine Augen wichen nicht von jenem weltenfernen weißen Hauch, dem Andromeda ihren Namen gab. Ein anderer Perseus, war alles, was ich an Sehnsucht aufzubringen vermochte, und alle die Regungen der geheimnisvollen Kraft, die mir dienstbar geworden war, auf jene himmlische Andromeda gerichtet.

Meine Augenlider erstarrten im Krampf des Zwanges zum Geöffnetsein, und die ungeheure Konzentration meiner Seele ließ mich nicht erkennen, daß der Morgen dämmerte hinter den östlichen Bergnachbarn, und der erste Strahl der Sonne emporzuckte über den Felskuppen.

Da fühlte ich, wie aus der Ferne, mehr ahnungsvoll als körperlich, eine fremdartige Veränderung meines Zustandes: eine unbegreifliche Leichtigkeit kam über mich. Leib und Glieder schienen körperlos geworden, in luftiger Form zerflossen, zum Geistigen gewandelt.

Mir war, als schwebe ich frei über meinem Lager. Deutlich fühlte ich, wie ich mich mit langsam wachsender Geschwindigkeit zu heben begann. Ein frischer Luftzug strich über meine Wangen und Hände, ein leises Summen in meinen Ohren wuchs an zu mächtigem Brausen, und in einer heroischen Symphonie von Geigenklingen, Harfenschwirren, Orgelton und hohen Knabenchören, und in einem unbeschreiblich köstlichen Gefühle von Seligkeit schwanden mir die Sinne.

Mein Erwachen war schreckartig.

Kaltes Wasser schlug mir über dem Kopfe zusammen, drang in Mund und Nase und ließ meinen sich öffnenden Augen nichts als blaugrün-gläserne Undurchdringlichkeit.

Ich breitete die Arme aus, um nicht tiefer zu sinken, und fühlte, daß ich wieder stieg. Meine Glieder begannen zu arbeiten.

Ich sah deutlich den Wasserspiegel über mir, und ehe mir der Atem ausging, tauchte ich aus der Flut auf.

Als meine Augen frei wurden, sah ich, daß ich in einem klaren See von mäßiger Größe schwamm.

Um die nahen Ufer standen mächtige dunkle Laubbäume. Unweit der Stelle aber, an der ich auftauchte, war das Walddunkel gelichtet. Eine hellgrüne Wiese breitete sich ansteigend aus. In deren Mitte, in einiger Entfernung vom Wasser, stand ein kleines weißes Haus von kubischer Form mit einem lichtblauen Dache.

Dieser Wiese strebte ich zu. Die Arme zum Schwimmen breitend und die Beine von mir stoßend fühlte ich eine überraschende Kraft. Ein Gefühl von Jugend und Stärke war in mir, als sei eine Erneuerung des Fleisches vorgegangen.

Mein Geist aber widersetzte sich der körperlichen Umwelt. Ich fühlte nicht die Möglichkeit, über meine Lage und meinen Zustand nachzudenken. Den kleinen Ausschnitt des Weltbildes, das mich umgab, vermochte ich nicht mit meinem Denkvermögen in Einklang zu bringen.

Über der Wiese, unweit des weißen Häuschens, ging, strahlend im Frühglanze, die Sonne auf.

Als ich dem Ufer nahe kam, gewahrte ich, was mir die Blendung der morgendlichen Lichtflut bisher verborgen hatte, ein Bild von tiefer Einprägsamkeit.

Am Wasser stand hochaufgerichtet ein Weib. Die Sonne wob aus lichtblondem Haar eine Gloriole um sein Antlitz, und ließ durch das leichte Gewand die Silhouette des schlanken, edelgeformten Körpers erscheinen.

Das Weib breitete wie ekstatisch die Arme aus. Gleich einem lichtumflossenen Kreuz stand die Gestalt vor der Sonne.

Meine Füße fühlten jetzt Grund. In wenigen Augenblicken war ich am Strande, zitternd vor Kälte und Erregung.

Da ließ das Weib die Arme sinken, kniete nieder und senkte tief das Haupt.

Die seltsame Schönheit des Augenblicks ergriff mich tief. Ich kniete neben dem Weibe und nahm seine Hände in die meinen. Da hob es den Kopf, und es war schöner, als ich je ein Weib gesehen hatte.

Wie ich aber fühlte, daß sein Blick an mir emporglitt, sah ich, daß ich nackt war, und ich schämte mich.

Ich wandte mich ab, gab die Hände meiner Gefangenen frei und trat aufstehend hinter ihren Rücken, eine Möglichkeit suchend, mich zu verbergen.

Aber auch sie erhob sich, wandte sich zu mir und sah wortlos lange und tief in meine Augen.

Die ihrigen waren blau und dunkel zugleich, und mich deuchte, es gäbe nichts Köstlicheres auf der Welt als diese Augen.

Ich fühlte körperlich, wie ihr Blick fragend in mein Inneres drang, und empfand einen starken unbequemen Zwang.

Die tiefe Ruhe des Weibes, das dringende, wortlose Fragen und die peinliche Hilflosigkeit meiner Lage irritierten mich ungemein, und in einem aufkommenden Gefühl von Trotz stellte ich meine oft erprobte Suggestivkraft auf die Fremde ein.

Die Wirkung erhöhte meine Verlegenheit nur: Eine Weile hielt sie, meinem Blicke begegnend, stand, dann aber begann sie hell und fröhlich zu lachen und schüttelte mit einer bestimmten Gebärde nachdrücklich den Kopf.

Ich hatte keine Macht über sie. Da sie sah, daß ich hilflos und, ein zweiter Odysseus, mich körperlich schämend, abgewendet vor ihr stand, entledigte sie sich eines leichten Obergewandes, gab es mir lächelnd und half mir mit ruhigen Händen und ohne Scheu es um meine Hüften zu befestigen.

Welch ein hohes Maß von innerer Sicherheit muß dies Weib haben, dachte ich, und schickte mich an, woran mich die süße Fremdartigkeit der Lage bisher gehindert hatte, mit einigen gestammelten Worten um Vergebung zu bitten und zu fragen, was ich beginnen solle.

Das junge Weib sah mir einen Augenblick merkwürdig erschrocken in die Augen, wieder mit jenem tiefen, durchdringenden Blicke, dann legte sie ihre Fingerspitzen auf meine Lippen und deutete auf das weiße Häuschen. Schweigend schritten wir nebeneinander den sanften Abhang hinauf.

Ich wagte nicht, den Kopf zu heben, so sehr verschüchterte mich die Verlegenheit meiner Lage. Ich sah die Gräser und Blumen der Wiese im Morgentau, von meiner Begleiterin aber sah ich nur die Füße. Sie waren bloß, gleich den meinen, und so schön, als habe Praxiteles sie geformt.

Wir traten in das Häuschen ein.

Das untere Stockwerk enthielt nur einen einzigen Raum. Weiche Bastmatten bedeckten den Boden, einige niedere Ruhebetten, gleichfalls mit Bastmatten überzogen, standen an den Wänden. Nur weniges Gerät sah ich. Es erschien mir fremdartig, aber jedes einzelne war edel in der Form und offenbar von gutem Material.

Meine Gastfreundin führte mich durch den Raum. Im Hintergrunde ging eine kleine Treppe in die Höhe. Wir stiegen hinauf, wo im oberen Stockwerk einige nur mit hellen Vorhängen verschlossene Türen auf einen gemeinsamen Vorraum führten.

Sie schob den Vorhang einer der Türen beiseite und lud mich mit einer Handbewegung zum Eintreten, und mit einer anderen zum Platznehmen auf einem sauberen Bette ein.

Dann holte sie von anderer Stelle eine große wollene Decke, eine Schüssel mit köstlich ausschauenden fremdartigen Früchten, einen Teller mit feinem weißen Brot und ein Glas mit Honig. Endlich trug sie eine hohe kristallene Karaffe goldfarbigen Weines und ein schön geschliffenes Glas herein.

Das kleine Mahl richtete sie auf einem neben dem Bette stehenden niederen Tische her.

Ich saß währenddessen regungslos und sah ergriffen der Anmut ihrer Hantierungen zu. In heiterer Gelassenheit schritt sie ein und aus, einer jugendlichen Königin gleich. Alles an ihr leuchtete in Schönheit, Reinheit und Harmonie. Wie ihre über alle Begriffe vornehmen Hände die Gegenstände anfaßten, war reinster Gleichklang.

Als sie alles beieinander hatte, breitete sie beide Hände aus, machte lächelnd eine kleine Verbeugung und ging stumm hinaus. Ich war dankend aufgestanden.

In der Tür aber besann sie sich, kehrte noch einmal zurück, trat vor mich hin und sah mir abermals mit ihrem fragevollen tiefen Blicke in die Augen. Dann schüttelte sie leise den Kopf, als verstünde sie etwas nicht, und sprach ein einziges kleines Wort, das gleich einer winzigen Melodie erklang, mir aber unverständlich blieb.

Ich zuckte höflich bedauernd die Schultern. Sie lachte fröhlich, zeigte mit beiden Händen auf sich, verneigte sich ein wenig und wiederholte: „Irid“. Dann wies sie fragend mit dem Finger auf mich.

Ich verstand. Es war ihr Name. Und sie wollte den meinen wissen. Ich nannte ihn und kopierte dazu ihre Bewegungen: „Markus“.

Ich mußte das Wort noch einmal wiederholen. Dann sprach sie es mit ihrer melodienreichen Stimme lachend nach, nickte mir zu und ging, den Vorhang hinter sich schließend, hinaus. –

Nun ich allein war, begann ich mich in meiner traumhaften Lage einzurichten. Ich hüllte mich in das weite Tuch, stellte beim Betrachten der appetitlichen Mahlzeit fest, daß ich erheblichen Hunger verspüre, und griff wacker zu.

Der goldene Wein erwies sich als süß und schwer. Er tat meinem abgekühlten Körper ungemein wohl.

Ich wurde warm, lauschte den leisen Geräuschen, die gelegentlich von unten herauf tönten, und sehnte mich nach meiner Wirtin.

Irid! Fremd und sonderbar klingt dein Name. Ich muß ihn laut aussprechen. Irid. Er tönt meinem Ohre wohl.

Spräche ich deine Sprache, ich wollte dir sagen, daß ich dich liebe, Irid! Ich liebe auch deinen Namen, Irid!

Erna Maria sei vergessen und versunken!

Erna Maria? Ich tat zum ersten Male seit dem Erwachen im See, was ich längst hätte tun sollen: ich dachte nach.

Was war geschehen? Wo war ich? Vor Erna Maria war ich geflohen. Vor der Erkenntnis, daß meine Liebe diese Frau kalt ließ, sobald meine suggestive Willenskraft nicht auf sie wirkte.

Beim Förster auf dem Berge hatte ich geschlafen. Halt! Da war es: die Nebelspirale der Andromeda!

Mein Wunsch, auf einen Planeten jener Andromedawelt zu gelangen, meine gewaltige Willensanstrengung und meine Transfiguration, deren Beginn ich noch mit wachen Sinnen erlebt hatte!

Es war gelungen. Es gab keinen Zweifel: ich befand mich auf einem Planeten irgendeines Sonnensystems im Nebel der Andromeda!

Meine Gedanken begannen sich ob der Furchtbarkeit dieser Erkenntnis aufzulösen. Der süße Wein und der verwirrende Eindruck des unbeschreiblich köstlichen Empfanges – Irid! Irid! – taten das Ihre. Chaotisch türmten und überstürzten sich die Dinge in meinem Hirn und ich geriet in einen ekstatisch-fieberhaften Zustand, von dem eine Schilderung zu geben meiner Erinnerung heute wohl nur dürftig gelingen wird:

Ich prüfte mich ratlos und voll Unruhe, ob ich wache oder etwa träume. Ich kniff mir in die Glieder, ich sprang auf, ging umher, ich aß hastig, ich trank, ich trank sogar ziemlich viel, aber ohne Zweifel: nie bin ich mehr wach gewesen als jetzt!

Ich delirierte weiter: Zwar glaube ich meine Natur so weit zu kennen, daß ich sagen kann: ich bin wach. Aber ist nicht all unser Naturerkennen nur das Surrogat einer Erklärung?

Und dennoch: sehe ich nicht hier die Umwelt, wie ich sie schon immer sah: durch die Brille all der tausend Begriffe und Deutungen, die ich ererbt und erworben habe? Ich sehe sie wie immer: von meinem eigenen, erfahrenen Ich aus. Nur in ungewöhnlichen Formen.

Nicht etwa wie im Traume, wo ich, erlöst von dem durch unzählige Vererbungsreihen und gehäufte eigene Erfahrung pedantisch gewordenen Arbeiten meiner Psyche, die Dinge sehe, wie sie wirklich sind, bunt, reich, ungeheuer, vielgestaltig, freigemacht von den unwirklichen Zweckmäßigkeitsbegriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, losgelöst von dem willkürlichen Begriffe des Raumes!

Oder sollte ich dennoch träumen? Sollten die Regulierungs- und Hemmungsvorrichtungen meiner brav gedrillten Psyche einmal, einmal, wie im Traume, den Dingen in ihr wahres, wirkliches Gesicht schauen? So also wäre die Welt? Darauf trinke ich!

Also wäre der Satz nicht wahr, daß unser Glück von unserer Unwissenheit abhängt? Sollte ich nun wissend sein und – wie mich deucht – glücklich zugleich?

Sehe ich jetzt das „Ding an sich“, von dem ich glaubte, daß es immer im undurchsichtigen Dunkel bliebe?

Sind dieser köstliche, goldbraune Wein, dieses im doppelten und schönsten Sinne des Wortes himmlische Weib das „Ding an sich?“ Dann will ich es preisen mit Zimbeln und Schalmeien!

Aber bin ich überhaupt mit meinen Gedanken in der Gegenwart? Wer ist solches je?!

Und was ist Gegenwart? Ach was! Ich achte sie nicht mehr, diese grobe Zerhackung alles Geschehens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Ich bin ich! Wo ich bin, sind alle drei in eins! – Wein her! – Schulbegriffe! Fächer eines Konferenzzimmer-Regals! Aristoteles war ein Registrator! Auf dein Wohl, Giordano Bruno aus Nola! Dieses Glas der Unendlichkeit!

Und nun kling an mit mir, Nolenser, auf den alten Aristarch, der schon Jahrhunderte vor der Geburt des Menschensohnes aus Bethlehem die Erde um die Sonne kreisen ließ, und der den Begriff der Unendlichkeit an der Wurzel packte. Wißt ihr heute, Menschen, was das heißt?! Preis und Lob sei ihm in Ewigkeit, Amen!

Man hat ihm nicht geglaubt, dem wackeren Manne aus Samos, wo auch ein heißer Wein wächst gleich diesem. Der Schwindel des Aristoteles ist durch die Jahrtausende gezogen.

Laßt uns auch auf Kopernikus anstoßen. Zwar wähnte er noch eine letzte gläserne Käseglocke über den Kosmos gestülpt, aber dennoch: Kopernikus!

Sagen Sie, Herr Kopernikus, warum sollte ich nicht auf einen Andromeda-Planeten gelangen? Bitte: warum nicht? Der Wille vermag, was er will. Daher hat er seinen Namen.

Wozu in aller Welt gibt es denn eine Atomisierung?

Entfernung? Was heißt „Entfernung“? Was heißt „Zeit“? Raum und Zeit sind von der Wirklichkeit unverbürgte Anschauungsformen! Mehr nicht! Zählen nicht mehr mit, wenn es um große Dinge geht! Ich höre da immer nur Worte.

Worte sind Rechenpfennige, gut für Kartenspiel. Große Geschäfte macht man nicht mit Rechenpfennigen. Gebt mir andere Zwischenwerte als Worte, meine Gedanken umzusetzen!

Irid, dein Wein ist reif und süß, wie der Duft deiner Brüste!

Andromeda-Nebel! Vor zwei Jahrhunderten hat dich ein wackerer Mann zuerst gesehen, der Simon Marius hieß. In einer eiskalten Nacht um Weihnachten, als ihm die Hände fast erfroren an seinem Teleskop, entdeckte er ihn, und dann schrieb er in sein Buch, er habe einen Stern gefunden, wie er noch keinen sah, der sähe aus wie eine ferne Lichtflamme hinter der Hornscheibe einer Stallaterne. Alter scharfsichtiger Simon Marius! Dein Name klingt weise! Ich will dich nicht auslachen, weil, ehe du ein Hofmathematikus wurdest, du der Musikus Mayer aus Gunzenhausen gewesen bist. Auch Astronomen sind nur Musikanten! Die Harmonie des Kosmos ist ihre Musik! Als du neun Tage vor dem großen Galilei die Jupitersmonde entdeckt hattest, holtest du deine Geige in die Fernrohr-Kuppel und hast in der stillen Nacht so schön darauf gespielt, daß, wie du endetest, vom ganzen Rund des Himmels ein leiser, ferner Applaus ertönte. Bravo, Simon Marius! Da capo! Und mir hast du die Andromeda geschenkt! Den Nebelschleier der Andromeda – –

Mein Gott, ich hätte mich ja auch auf einen andern Planeten atomisieren lassen können! Ich hatte ja die freie Wahl. Aber es muß wohl hier auf diesem Ball jemand gewesen sein, der mich anzog. Irid? Ich will mit ihr darüber sprechen.

Noch einer? Wer ist das? Ach ja, natürlich! Herr Scheiner aus Potsdam! Auch ein wackerer Astronaut dieser Herr Scheiner! Hat zuerst der Erde im Andromeda-Nebel eine andere Welt gezeigt. Eine andere Welt!

Und die Erde hat nicht gebebt bei dieser Entdeckung!

Die Erde ist dumm! Wer kennt Herrn Scheiner unter den Menschen der Erde?

Dumme Menschen! Lernen in der Schule von Kolumbus die abgeschmacktesten Eiergeschichten, aber von Scheiner, der eine andere Welt rekognosziert hat, haben sie nie gehört! Prosit, Herr Scheiner! Was ist Amerika gegen eine Welt voll Sonnen?! Wenn ich mal nach Potsdam komme – –

Aber nein doch! Ich bin jetzt eine halbe Million Lichtjahre von Potsdam entfernt.

Wein! Mich schwindelt!

Aber was sagt da Epikur, der die feine kluge Atomlehre des Demokrit – Aristoteles, Ruhe! – zu Ende gedacht hat?

Dieser Epikur, der ein Erz-Epikureer war und den Wein nicht verachtete! Da trink, Epikur!

Was sagtest du doch? „Die Zeit, in der sich Atome im leeren Raume bewegen, ist unmeßbar und unfaßbar klein.“ Na also! Gegen Atome sind Lichtstrahlen altersschwache Schnecken! Für Atome gibt es nur ein Schnelligkeitsmaß: der Wille! Wer sagt da noch etwas? Aristoteles? Du? Geh’ raus mit deinem Sphärenschwindel!

Ich war eben atomisiert, und mein Wille hat die Atome meines Körpers in Minuten durch den Weltenraum geschleudert. Das ist doch wissenschaftlich ganz klar!

Am Zielpunkte meines Willens war die Atomisierung beendet und mein Körper setzte sich neu zusammen.

Sehr erfrischt hat mich diese Auflösung. Man sollte so etwas öfters machen! Alle Krankheitskeime sind, so darf ich wohl hoffen, dabei ebenso zum Teufel gegangen, wie meine Kleider. Sieh’ da! Sogar der goldene Ring an meinem Finger mitsamt dem Stein ist fortgeschmolzen! Aber kein Haar scheint mir zu fehlen.

Dafür ist meine Haut frisch und straff, und die Nägel meiner Hände und Füße sind rosig wie die eines Mägdleins.

Irid! Irid! Nie sah ich Füße wie die deinen! Auf dein Wohl, Irid! Den letzten Tropfen dieses Weines auf dein Wohl! Ich will jetzt schlafen. Ich bin müde. Irid – – –

Ich mußte lange und tief geschlafen haben. Als ich erwachte, bedurfte es geraumer Zeit, bis ich mich in der Situation zurechtfand.

Es war warm geworden, und die Sonne stand schon kurz vor dem Untergehen.

Ich rieb mir die Augen. Was mochte die Uhr sein? Hatte dieser Globus überhaupt dieselbe Umlaufszeit, wie unsere Erde? Die Größe der Sonne da draußen allerdings schien der unsern gleich zu sein.

Überhaupt, welche Merkwürdigkeit: Alles, was ich bisher sah, erschien mir zwar fremd, aber doch in Form und Materie dem Irdischen durchaus ähnlich.

Vor allem Irid! Fremd und merkwürdig zwar scheint sie, aber ein Weib wie alle, die mich bisher gelockt hatten. Doch eine veredelte Blume gegen jene!

Sie mußte, während ich schlief, bei mir gewesen sein: die Reste meines Mahles waren fortgeräumt. Auch die leergetrunkene Flasche.

Der Wein ist reichlich schwer gewesen für meinen frisch atomisierten Körper, dem alle Giftstoffe entzogen waren. Trotzdem war mir sehr wohl, und ich reckte meine neugeborenen Glieder in bewußtem Kraftgefühl.

Als ich mich im Zimmer umschaute, fand ich zu meiner freudigen Überraschung Kleider und alles, dessen man sonst bedarf, um unter Menschen zu erscheinen. O kluge Irid! Oder ist ein Mann im Hause? Das wäre des Teufels!

Jedenfalls begann ich die Kleider anzulegen, eine Arbeit, die mir einige Mühe verursachte, da der Schnitt, wie ja alles in dieser neuen Welt, ungewöhnlich war.

Die Kleider zeigten eine entfernte Ähnlichkeit mit den griechischen Gewändern und waren gleich diesen buntfarbig, doch hielt ich sie für knapper anliegend. Auch glaube ich nicht, daß die Griechen Taschen in ihren Gewändern trugen.

Zuletzt blieben nur noch die Sandalen übrig, deren Anlegen mir erst nach einigen Mißerfolgen gelang.

Alles paßte glücklicherweise gut, und ich fand mich in einem Spiegel ganz stattlich und leidlich repräsentabel ausschauend.

So verließ ich denn mein Zimmer und trat zögernd auf die Treppe zu dem unteren großen Raume.

Da saß Irid an einem Fenster. Wieder schien die Sonne durch ihr lichtes, ungewöhnlich reiches Haar und schuf einen goldig-zarten Nimbus um ihren schönen Kopf.

Sie hatte ein großes Buch auf den Knien und war derartig vertieft in ihr Lesen, daß sie erst aufblickte, wie ich schon mitten im Raume stand. Solches Versunkensein eines jungen Weibes! Fast schien es, als habe sie geschlafen. Dem aber war nicht so.

Sie legte lächelnd ihr Buch beiseite, erhob sich, breitete die Hände ein wenig aus und machte eine leichte Verbeugung. Ich tat desgleichen.

Ein großer schöner Hund, der neben ihr gelegen hatte, kam auf mich zu, beschnupperte mich und sah mich mit klugen Augen an. Alles schien hier zu fragen. Irid rief ihn mit einem kurzen volltönenden Worte zu sich und lud mich zum Sitzen ein.

Und nun begann wieder dies seltsame, wortlose Fragen, das mir recht unbequem war und mich in Verlegenheit setzte. Fast schien es mir, als ob das junge Weib besondere innere Kräfte besitze, den meinen weit überlegen.

Einige Male schien sie Unbegreifliches in mir zu finden. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf.

Ich kam mir vor, wie in einem stummen Examen und wußte nicht, was alles dies zu bedeuten habe.

Dann aber stand sie auf, nahm mich bei der Hand und führte mich an einen kleinen hübsch gedeckten Tisch, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Alles Geschirr darauf war dem unsern ähnlich, nur schien es leichter und von einfachen, edelsten Formen.

Als Irid nun eine kleine Glocke in Bewegung setzte, öffnete sich bald eine Tür neben der Treppe. Ein zweites menschliches Wesen trat ein.

Gespannt betrachtete ich es. Es war ein Weib, nur wenig älter als Irid, gleichfalls groß und gut gebaut, aber starkknochiger und nicht von dem Adel der Herrin. Die Kleidung war von derselben einfachen, losen und wenig verbergenden Art, wie sie Irid trug, aber dunkler. Das schöne, gleichmäßige Gesicht und die Ruhe der Bewegungen schienen kaum einer Dienerin eigen. Sie sprach kein Wort und nahm keine Notiz von meiner Anwesenheit.

Die Dienerin trug ein Mahl auf aus schönen, aber fleischlosen Speisen, denen nicht nur ich, sondern auch Irid kräftig zusprach. Ich freute mich der Feststellung, daß dies überirdische Geschöpf einen ganz menschlichen und, wie mir schien, durchaus irdischen Hunger zeigte.

Als sie einen leichten roten Wein einschenkte und ich, ihr zutrinkend, mein Glas gegen sie hob, lächelte sie fragend. Die Gewohnheit war ihr fremd. Aber gleich verstand sie den Sinn und ahmte nach, was ich ihr vormachte. Als unsere Gläser aneinander klangen, lachte sie belustigt auf.

Nachdem das stumme, aber freundliche Mahl beendet war, erhoben wir uns. Irid nahm mich bei der Hand und führte mich in ihrem Hause umher. Der schöne Hund, den sie Turu nannte, folgte uns.

Wenn auch, wie ich schon sagte, sich nur die nötigsten Gegenstände und Geräte vorfanden, und zwar ohne allen äußeren Schmuck, so schufen doch die edeln Proportionen und die wohl erwogenen Farben aller Dinge umher eine solche Harmonie, daß schönes Behagen und tiefe Ruhe die Wirkung des Gesamtbildes war.

Die geräumige Küche und die hübsche Wohnung der Dienerin lagen mit einigen Wirtschaftsräumen in einem besonderen Häuschen hinter dem Haupthause, mit diesem durch einen kurzen gedeckten Gang verbunden.

Außerdem war noch ein zweckmäßiges Badehäuschen mit einem kleinen Schwimmbade da.

Das obere Stockwerk enthielt außer meinem Zimmer, das mir ein Gastzimmer zu sein schien, nur noch zwei Räume: Irids Schlafzimmer und, mit diesem verbunden, eine Bibliothek.

Also schlief Irid neben mir! Ohne Türen, nur durch Vorhänge getrennt. Ein befremdlicher aber anmutiger Gedanke!

Wer ist dieses junge Weib? Ist es ein Mädchen? Eine Witwe? In welcher Einsamkeit lebt sie! Ich sah nichts von Nachbarn. Nur die ewig stumme Dienerin. Das Haus stand einzeln in einem kleinen Garten am Rande der auf drei Seiten von hohem Walde umgebenen Seewiese. Eine abgeschlossene Welt. Eine Welt des Rätsels und des süßesten Wunders!

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Irid führte mich jetzt hinaus auf die Wiese und hinunter zum Waldsee. An der Stelle, auf der ich sie heute früh begrüßt hatte, hielt sie inne, lagerte sich im Grase und hieß mich desgleichen tun. Der Hund Turu war mit uns.

In der friedlichen Stille des Sommerabends lagen wir zu dritt nebeneinander, wortlos wie immer, Irid mit ihren stummen Fragen, ich voll der buntesten Gedanken und in tausend Zweifeln über meine Lage, wohl die merkwürdigste, in der sich je ein Mensch befunden hat, und Turu, der Hund, die Schnauze auf den Pfoten, behaglich träumend.

Die Gedanken jagten sich in mir. Läge nicht dies jugendschöne Weib neben mir, duftend in der reifen Sinnlichkeit ihres Körpers, Ängste hätten mich überfallen.

Ihre weißen Füße waren mir nahe, und ich konnte nicht unterlassen, mit der Hand darüber zu streicheln. Sie ließ mich gewähren, auch als ich begann die zarte Haut ihres schlanken Beines zu liebkosen.

Dann aber nahm sie meine Hände in die ihren, hielt sie lange fest, sah mir ernst in die Augen und gab sie mir zurück.

Ich fühlte, daß ich, trotz des halben Gewährenlassens und des körperlichen Naheseins, keine Berechtigung hatte, von Irid mehr zu fordern als sie freiwillig gab. Die Grenze lag einzig und allein in ihrer Hand. Sie war die Stärkere.

Ich begann eine Art Gefühl vor ihr zu bekommen, wie ein Kind vor der Mutter. Mir war, als wisse und verstehe sie alles in mir, und als leitete sie mich mit ihren überlegenen Gedanken.

Dieses Gefühl erweckte in mir, der ich unter Frauen immer der Herr gewesen war, einen Zustand der Unsicherheit und Abhängigkeit, wie er mir bisher fremd geblieben war.

Dennoch lag eine eigentümliche Süße in dem Bewußtsein, der Hörige dieser herrlichen Frau zu sein.

Als wir ein Weilchen gesessen hatten, sprach Irid einige Worte zu ihrem Hunde, der mit klugen Augen zuhörte, sich dann erhob, dem Hause zutrottete und nach einiger Zeit zurückkehrte, zu meiner Überraschung auf dem Rücken, gleich einem Sattel, eine große Decke tragend, die Irid ihm abnahm und, da die Wiese feucht zu werden begann, für uns ausbreitete. Auch der Hund bekam seinen Platz darauf.

Dies alles ereignete sich mit solcher Selbstverständlichkeit, als ob eine derartige Hilfe des Hundes das durchaus Alltägliche sei. Kein Zweifel: das Tier verstand die Sprache seiner Herrin!

Aber auch nur zu dem Hunde hatte diese bisher gesprochen, und zu mir. Mit der Dienerin war kein Wort gewechselt worden.

Rätselvolles Haus des Schweigens! Mir soll es recht sein. Ich liebe wortkarge Menschen.

Allmählich wurden die Sterne sichtbar, und ich begann darin zu suchen. Kein Sternbild war gleich dem unseres Erdenhimmels. Eine Milchstraße jedoch, ähnlich der uns von Kindheit an vertrauten, wölbte sich von Horizont zu Horizont.

Wo in dem kosmischen Gewimmel mochte meine Erdensonne sein?