Anmerkungen zur Transkription

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Der Musterknabe

Der Musterknabe

Ein Roman aus Masuren

von

Fritz Skowronnek

Otto Janke / Verlag / Berlin

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1924 by Otto Janke, Berlin

1. Kapitel

Langsam senkte sich der Abend hernieder. Die Sonne stand tief im Westen, von starken Dunstmassen so verschleiert, daß man ungeblendet in die große, brandrote Scheibe blicken konnte. Von Osten her war ein schwacher Wind aufgesprungen, der etwas Kühlung brachte. Seine Kraft reichte jedoch kaum hin, die Oberfläche des Sees zu kräuseln. Strichweise nur liefen winzige Wellen, vom Volksmund „Katzenpfoten“ genannt, über den glatten Spiegel. Dazwischen lagen weite Strecken des mächtigen Sees so glatt da, als hätte sich Öl über seine Oberfläche gebreitet.

Zahllose kleine Kreise, die fortwährend aufsprangen und spurlos verzitterten, wenn sie die Größe eines Tellers erreicht hatten, zeigten, welch’ reiches Leben das Gewässer barg. Myriaden kleiner Fischlein schossen blitzschnell dicht unter der Oberfläche durch das klare Wasser und schnappten nach den langbeinigen Mücken, die sorglos im Abendsonnenschein tanzten. Ab und zu schoß ein Raubfisch von unten zwischen die Menge. Dann sprangen die Geängstigten zu Hunderten mit einem jähen Ruck aus dem Wasser empor, um dem Verderben zu entrinnen.

In dem dichten Schilf, das im Windhauch hin und her wogte, stand ein kleiner Kahn. Nur seine Spitze ragte in das freie Wasser hinaus. Darin saß ein großer, starker Mann, der fleißig die Angelruten handhabte. Ein breitrandiger Basthut saß auf dem vollen, leichtergrauten Haar. In dem freundlichen Gesicht blitzten lustig die klugen Augen, die unablässig von einer Angel zur anderen wanderten. Da — — jetzt versank langsam einer der Korkschwimmer. „Das Raubzeug ist heute gefräßig,“ murmelte der Angler vor sich hin, „aber mein Vorrat an Würmern neigt sich zum Ende, ihr werdet fortan, wie ich euch kenne, auch mit kleineren Happen vorlieb nehmen.“ Mit starkem Ruck zog er die Angel in die Höhe, der Fisch saß am haken, ein starker Barsch, der sich heftig im Wasser sträubte, bis er an den Kahn gezogen und mit dem Käscher hineingehoben wurde.

Vom Dorf her kam schwatzend und lachend eine ganze Schar kleiner Knaben und Mädchen. Im Nu hatten sie ihre Kleidung, die bei manchem nur aus einem Hemdchen bestand, abgeworfen und sprangen in das laue Wasser, bespritzten sich und lachten unbändig, wenn ein Ungeschickter bei dem Kampf vornüber ins Wasser schoß. Jetzt hörten sie den Wurf der Angel und horchten auf. „Der Herr Pfarrer angelt“, flüsterten sie sich zu. Dann riefen sie im Chor: „Guten Abend, Herr Pfarrer.“ Die kleinen Mädchen knixten dabei.

„Guten Abend, Kinder.“

„Onkel Uwis,“ rief ein kleiner, blonder Krauskopf mit lebhaften Augen, „verjagen wir dir nicht die Fische?“

„Nein, mein Junge, die kümmern sich nicht um euch.“

„Fängst du viel heute?“

„Ich danke, mein Sohn, für gütige Nachfrage. Es geht.“

Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann watete er mutig durch das Röhricht, dem Kahn zu. Das Wasser stieg ihm fast bis an die Nase, als er das hintere Ende des Kahnes erreichte. Ein Griff, ein kurzer Schwung, jetzt saß er drin. „Oho, Onkel, du sagst: ‚es geht‘.“ Er wies auf einen Hecht, der in einem ganzen Haufen gefangener Barsche lag.

Der Angler nickte vergnügt. „Es hat sich heute gut gefangen. Doch nun muß ich aufhören, die Würmer sind zu Ende.“

„Ich hole gleich einen ganzen Topf voll.“

„Laß nur, mein Kerlchen, man muß des Guten nicht zuviel genießen. Für heute habe ich auch genug.“ Er wickelte sorgfältig die Angeln auf. „Wie geht es dir in der Schule, Franz?“

„Sehr gut, Onkel“, antwortete der Kleine eifrig. „Der Herr Lehrer hat gesagt, ich werde ein schöner Schreiber werden.“

„Das ist erfreulich, denn er meinte wohl: Schönschreiber. Aber lernst du auch fleißig?“

„Lernen, Onkel? Nein, das brauche ich nicht. Ich weiß ja alles, was der Herr Lehrer vorerzählt, auswendig. Auch das Einmaleins. Und Liederverse, die lese ich mir nur einmal durch.“

„Dann lies sie künftig zweimal, mein Junge. Doch nun pascholl aus dem Kahn! Beeil’ dich und lauf hinauf zu Tante, sie möchte Dora mit einem Korb an den See schicken. Noch eins: sag’ Vater und Mutter, ich käme heut Abend nach dem Essen auf ein Plauderstündchen zu euch.“

Wie ein Pfeil schoß der Junge neben ihm aus dem Kahn kopfüber in die dunkle Flut. Im nächsten Moment tauchte er empor, schüttelte das Wasser aus den krausen Haaren und schwamm am Rohr entlang, bis er durch eine Lücke das Ufer gewann. Eine Minute später sprang er mit hellem Jauchzen das Ufer empor dem Dorf zu.

Vater Rosumek, der Dorfschulze, rüstete sich gerade zum Gang in den Dorfkrug, wo er nach des heißen Tages Arbeit einen kühlen Trunk zu gewinnen dachte, als sein Junge den Besuch ankündigte. Erfreut ließ er sofort den Tisch in der großen Laube am Giebel des Hauses mit weißen Linnen decken und schickte die flinke Jette mit einem Korb nach Bier.

Pfarrer Uwis ließ nicht lange auf sich warten. Würdevoll kam er in langem schwarzen Rock die Dorfstraße angewandelt, seine rundliche Gattin am Arm. Hier und dort blieb er vor einem Hoftor stehen und sprach freundliche Worte zu den Leuten, die in der Abendkühle für die müden Glieder Erfrischung suchten. Vergnügt dankte er den Männern, die sich nach dem Erfolg seiner Angelfahrt erkundigten.

Der Schulze erwartete das Ehepaar am Hoftor, um es nach der Laube zu geleiten, aus der ein heller Lampenschein durch die dichten Ranken des wilden Weins strahlte. „Ein behagliches Plätzchen“, lobte der Pfarrer, während er sich niederließ. „Ich fürchte nur, Vetter Christoph, wir werden Mühe haben, die kleinen Blutsauger zu scheuchen. Meine Hausehre habe ich mitgebracht, sie hat mich schon den ganzen Nachmittag entbehrt, weil ich den Räubern im See nachstellte.“

„Den Erfolg deiner Fahrt habe ich schon gesehen, meine Frau ist noch dabei, die schönen Barsche zu schuppen, die Dora uns gebracht. Schönen Dank dafür!“

„Keine Ursache, Freund, wir hätten die Menge allein nicht bezwungen.“

Behaglich ging das Gespräch hin und her, über das Wetter, über die Ernteaussichten und die Neuigkeiten des Dorfes, bis Frau Rosumek erschien und die Gäste herzlich begrüßte.

Nach dieser Unterbrechung begann der Pfarrer: „Vetter Christoph und liebe Frau Minna, ich habe heute etwas Besonderes auf dem Herzen, was euch beide angeht. Ich möchte mit euch über den Jungen, den Franz, sprechen. Es ist nichts Schlimmes,“ fuhr er lächelnd fort, als er die gespannten Mienen der Eltern sah, „im Gegenteil etwas Gutes. Grigo hat mir schon mehrmals gesagt, der Junge wäre ganz außerordentlich begabt und es wäre nicht recht, solch ein Pfund zu vergraben, anstatt damit zu wuchern. Der Meinung bin ich auch. Ein heller Kopf ist ein Geschenk Gottes, das darf man nicht verkümmern lassen. Drum mache ich dir den Vorschlag: gib ihn auf’s Gymnasium und schlägt er ein, dann laß ihn studieren. Die Mittel dazu habt ihr.“

Frau Rosumek sah den Pfarrer freundlich und dankbar an. „Mir hat es der Lehrer auch schon gesagt. Ach, es wäre das größte Glück für mich, wenn ich meinen Franzel auf der Kanzel sehen könnte.“

Der Vater schien, nach seiner Miene zu urteilen, mit dem Vorschlag des Pfarrers nicht ganz einverstanden zu sein. Er antwortete bedächtig: „Pastor, du meinst es gut mit dem Jungen, das wissen wir. Aber bedenk’: es ist mein Einziger außer dem Mädel, der Emma. Und der Schulzenhof ist seit Jahrhunderten in meiner Familie immer vom Vater auf den Sohn vererbt. Soll ich der Letzte in der Reihe sein? Nein, das geht nicht, lieber Pastor, daß nach mir sich ein Fremder hier hineinsetzt.“

„Das ist ein Grund, der sich hören läßt, Christoph. Es ist was Schönes, wenn Familien in ihrem Besitz dauern. Doch ich wiederhole trotzdem meinen Rat. Denn immer von Neuem müssen frische Kräfte unter die geistigen Führer des Volkes emporsteigen. Frisches Blut muß gerade aus dem Bauernstande den oberen Kreisen zugeführt werden.“

„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja, Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr, ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“

„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, bei Kindern von ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig — nimm mir das Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele Mütter, — meine hat ihn ja auch gehabt — aber wenn die Kinder groß werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen .... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin bestärken. Wenn nicht — so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg allein gehen lassen.“

Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm. „Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden, die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des Gymnasiums.“

Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache, Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“

Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung bist?“

„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen, die aus solch einem Rat entspringen kann. Wenn zum Beispiel der Junge auf der Hochschule verbummelt?“

Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln? Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau, aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist, habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt, mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“

2. Kapitel

Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat, Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet.

„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen Eroberer die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo die Burg des letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s, mi fili, wenn wir morgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach Skomenten unternähmen? Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause zurück. Der Tag soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als überzeugungstreue Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende Gespräche kürzen.“

Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl, ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde; ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an, mi fili! Du bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an ihnen abschleifst.“

„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah, daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt, nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“

Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Bei gutem Wetter im Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte.

Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde.

Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren Sommermorgens umfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in Nichts zerrannen.

Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn zurückscheuchte.

„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte, du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“

„Weshalb bist du nicht Förster geworden, Onkel?“ fragte der Knabe. „Davon hast du mir noch nichts erzählt.“

„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“

Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme, aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dann bin ich die Nacht vom Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter bist.“

Er schwieg, und der Knabe war feinfühlig genug, seinen väterlichen Freund nicht durch eine Frage in seinem Sinnen zu stören. Erst, als sie von freier Höhe Umschau hielten und ihr Blick freudig über die im Sonnenschein lachende Flur, die dunklen Wälder und die blinkenden Spiegel in die Ferne schweifte, kam eine andere Stimmung über beide. Der Pfarrer nahm die leichte Sommermütze ab und sprach mit bewegter Stimme:

„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner Schöpfung noch einmal denkt.“

Und dann rief er mit heiterem Mut: „Laß uns unser Heimatlied anstimmen!“ Mit kräftigem Baß setzte er ein:

„Thal, Hügel und Hain!

Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,

Möcht immer da sein,

Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!

Hold lächelt auf Seen und Höhen

Des Himmel Blau!

Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,

Masovia lebe, mein Vaterland!“

„Das war ein prächtiger Mann, der Professor Dewischeit, der dies Lied gedichtet hat,“ sprach er im Weitergehen, „ein vorzüglicher Lehrer, dem allein ich es verdanke, daß ich nicht ein Taugenichts geworden bin.“

Sie hatten den Skomentener See umwandert, waren auf den Berg gestiegen, auf dem vor Zeiten die Burg des Skomand stand und hatten die Gräben, die von Gestrüpp überwucherten Steintrümmer überklettert, eifrig bemüht, sich ein Bild der Veste zusammenzustellen. Jetzt lagen sie unter der mächtigen Eiche, die einsam die spitze Bergkuppe krönt und schauten über den See hinüber nach dem Dorfe Skomenten, dessen schmucke Häuser aus freundlichem Grün hervorlugten. Sie hatten dem Mundvorrat wacker zugesprochen, jetzt war ein behagliches Sinnen über sie gekommen, bis Franz ganz unvermittelt fragte: „Onkel, was soll ich werden?“

Mit jähem Ruck richtete sich der Pastor empor: „Mein Kind, denkst du schon an solche Dinge?“

Der Junge nickte nachdenklich. „Ich weiß, die Mutter will, daß ich Pfarrer werden soll, der Vater möchte am liebsten, daß ich den Hof übernehme, bloß was du willst, weiß ich noch nicht recht; Naturforscher oder Arzt? Was meinst du, Onkel?“

„Merkwürdig,“ brummte der Pastor, „daß solche Dinge dem Kinde zufliegen, wie ein Lufthauch, von dem man nicht weiß, von wannen er kommt.“ Lauter fuhr er fort: „Habe ich dir schon mit einem Worte davon gesprochen, was du werden sollst?“

„Nein, Onkel.“

„Wie kommst du denn zu deiner Annahme?“

Über das Gesicht des Knaben huschte ein Lächeln. „Ja, sieh mal, Onkel, wir haben so viel von Naturbeschreibung und Botanik gelernt, viel mehr als die Gymnasiasten in der Stadt.“

„Na und?“

„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins von beiden studiere.“

„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp. Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch mal doräwer.“

Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf. „Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte, aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du werden willst ....“

„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich weiß es schon, ich will studieren, alles lernen, was es bloß zu lernen gibt.“

„Und dann?“

„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“

Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie, was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen, wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig ein.

3. Kapitel

Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten. Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk, den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor — der Name Sefczyk bedeutet verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt worden — hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung. Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte, gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor, den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor, den vierten beim Pfarrer usw. War die Woche zu Ende, dann begann er seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu liefern brauchten.

Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“ er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie studiere.

Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..

Franz machte eine rühmliche Ausnahme.

Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne sank.

Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein Freund und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.

Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot, erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus Jahr ein Versuche anstellte.

So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen Knaben war ein flotter Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und seiner Mitschüler. Damals — heute soll es ja anders sein — gab es ein Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor, ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern, daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.

So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber, denn ich möchte gern sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da gefragt werden kann, weiß ich alles.“

Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu, die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners abholen.

Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern, schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich. Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie mechanisch an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen. Da — oben — wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.

Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde von sich geben.

„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze — — Alle standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“

Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten. Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare, unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis. Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde, mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.

Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt. Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!

Es war ein anstrengender Tag für Franz, für Vater Rosumek und Pastor Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett, daß sein erster Blick darauffallen mußte.

Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er in die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.

Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging. Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die Bauernfrauen.

Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in der Stadt war. Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“

Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam, streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten etwas zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine contradictio in adjecto, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie behauptet, daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht widersprechen können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern etwas stark dem alten Heiden Bacchus geopfert.“

Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „Mi fili, mein Herz ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen in die weite Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder hat uns der liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans Herz gewachsen .... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“ Er faßte ihn unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und bewacht ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde ihrer Auferstehung entgegenschlummern.“

4. Kapitel

Der Herbst hatte seine bunten Farben über den Wald gestreut. In allen Schattierungen von gelb und rot leuchteten die Laubhölzer und Sträucher zwischen dem dunklen Grün der Fichten und den fahlen Stämmen der Kiefern.

Die Stare hatten sich bereits zu großen Gesellschaften vereinigt, bald brausten sie zu einer Wolke geballt durch die Luft und übten Flugkünste für die weite Fahrt nach dem Süden, bald saßen sie schwatzend und lärmend in den Rohrkampen des Flusses. Die Sonne lachte dazu vom wolkenlosen Himmel. Lange weiße Fäden segelten mit dem schwachen Winde über die Erde, hafteten an Baum und Strauch und wehten wie Wimpel vom Mast der Schiffe. Ab und zu stieg eine Lerche vom Stoppelfeld empor, um nach kurzem Sang wieder herunterzugleiten.

Es lag wie ein Abschiednehmen auf der Flur, aber nicht die Wehmut einer Trennung für immer, nein, bei diesem Abschied klang daneben schon das hoffnungsfreudige „Auf Wiedersehn“, „Auf baldiges Wiedersehn“.

Vom Walde her kam ein Grünrock dahergeschritten, das Bild eines kernigen deutschen Weidmanns, groß gewachsen, breitschultrig, mit langwallendem Bart, in dessen Dunkel das herannahende Alter schon die ersten weißen Fäden gewebt hatte. Sein scharfes Auge hatte bereits den Trupp Reiter entdeckt, der im behaglichen Schritt herangeritten kam. Keine Waffe blitzte, keine Farben strahlten, denn die bunte Pracht der Uniform war einem stumpfen Grau gewichen. Nur die strenge Ordnung der Reiter verriet, daß es eine Abteilung Dragoner aus der nahen Kreisstadt war. Der Forstmeister hob schon von weitem grüßend und winkend die Hand, als er die an der Spitze reitenden Offiziere erkannte. Es waren ihm liebe Freunde, die schon oft an seinem gastlichen Tisch gesessen. Der Major Aldenhoven verhielt den Gaul. „Guten Tag, Herr Forstmeister, können wir ein Stündchen bei Ihnen rasten?“

„Ich bitte darum, Herr Major.“

Er trat an den Reiter heran und reichte ihm die Hand. „Das schöne Wetter hat wohl die Herren zu einem Spazierritt verführt?“

Der Major lachte: „Stimmt auffällig, Herr Forstmeister, nur verbinden wir damit einen kleinen Nebenzweck. Ich will meinen Offizieren und Mannschaften das Gelände bis zur Grenze einprägen.“

Auf dem geräumigen Hof der Oberförsterei stiegen die Dragoner ab. Die Offiziere folgten dem Grünrock in das Haus, wo die freundliche Hausfrau mit zauberhafter Schnelligkeit ein kräftiges Frühstück auftragen ließ. Als die Gläser zu dem ostpreußischen Nationalgetränk auf den Tisch gestellt wurden, rief der Major lachend: „Aber, lieber Forstmeister, es stehen heute wirklich keine Grogzeichen am Himmel.“

„Die haben wir nur für Fremdlinge erfunden, lieber Major, wir Eingeborenen brauchen diesen Vorwand zum Grogtrinken nicht“, erwiderte der Grünrock lachend. „Sind Sie schon auf dem Heimwege?“

„Ach nein, so leicht nehmen wir den königlich-preußischen Dienst nicht, wir reiten nachher noch Ihre Forst ab und kehren erst gegen Abend heim.“

„Glauben Sie denn ...., daß es bald losgeht?“

„Wir erwarten und hoffen es ....“

„Und Sie meinen, daß die Kämpfe sich hier abspielen werden?“

„In den ersten Tagen sicherlich. Dann werden wir von den Russen mit gewaltiger Übermacht zurückgedrängt.“ Er führte mit der geballten Faust einen Hieb durch die Luft: „Es ist ein Jammer, und eine Schande, daß man Ostpreußen so schutzlos läßt.“

„Ja,“ warf der Forstmeister ein, „die Regierung dürfte sich mit der Ablehnung der zwei Armeekorps nicht zufrieden geben, sondern den Reichstag zum Deuwel jagen.“

„Vor allem hätte sie auf den geforderten sechs Kavallerieregimentern bestehen müssen! Wissen Sie, was wir meinen? Daß Ostpreußen bis zur Weichsel aufgegeben werden soll.“

„Das ist doch aber nicht möglich, eine ganze große, blühende Provinz kampflos dem Feind überlassen“, rief der Grünrock heftig.

Der Major zuckte die Achseln. „Es wird wahrscheinlich notwendig sein. Ich kann es ja wohl hier im vertrauten Kreise aussprechen, daß wir bestimmt mit einem Krieg nach zwei Fronten zu rechnen haben, und der Plan des Generalstabes soll dahin gehen, nicht unsere Kräfte zu teilen, sondern erst die Franzosen mit gewaltiger Übermacht schnell zu erdrücken, um uns dann mit allen Kräften gegen die Russen zu werfen.“

„Ach, unser armes Ostpreußen“, warf der Forstmeister ein.

„Ja,“ sagte der Rittmeister von Kobylinski mit grimmiger Stimme, „die Herren in Berlin spielen wie auf einem Schachbrett, aber was unsere Heimat zu tragen haben wird, wieviel Werte und Menschenleben verloren gehen!“

„Wann erwarten Sie denn den Krieg, Herr Major“, fragte die freundliche Gattin des Hausherrn, nachdem sie die Herren zu Tisch gebeten und die Gläser gefüllt hatte.

„Das ist schwer zu sagen, gnädige Frau. Es kann noch ein paar Jahre dauern, es kann aber auch heute oder morgen losgehen. Die Russen häufen immer mehr Truppen an unserer Grenze an ....“

„Sind wir darüber so genau unterrichtet?“

„Das kann wohl nicht verborgen bleiben, gnädige Frau. Aber so genau, wie es wünschenswert wäre, sind wir leider nicht unterrichtet.“

„Ich wüßte eine Quelle, aus der Sie so manches erfahren könnten.“

„Ach, das wäre ja famos,“ rief der Major, „darf ich erfahren ....?“

„Gewiß,“ fiel der Forstmeister ein, „wir haben hier einen Mann, der drüben in Rußland sehr gut Bescheid weiß. Es ist noch ein Schulkamerad von mir. Ich glaube, er hat sich bis zur Obertertia hinaufgesessen und wurde nach längerem Aufenthalt in jeder Klasse ‚propter barbam et staturam‘ versetzt, dann mußte er abgehen, weil sein Vater starb und die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ. Er trat bei einem Fleischermeister in die Lehre, später verlor ich ihn aus dem Auge. Im vorigen Herbst, als der Bahnbau hier beginnen sollte, erschien er bei mir. Er wollte die Kantine für die Bahnarbeiter übernehmen. Dabei erzählte er mir, daß er sich lange Jahre in Russisch-Polen als Aufkäufer und Viehtreiber herumgetrieben und sich dabei etwas Geld zurückgelegt hätte, mit dem er nun ein seßhaftes Leben beginnen wollte. Ich verschaffte ihm die Genehmigung und überließ ihm einen Platz im Walde, wo er sich eine Bretterbude aufbaute.“

„Ach, das ist ja der Grinda in der Waldschänke“, rief der Major aus. „Glauben Sie wirklich, daß der Mann Bescheid weiß?“

„Sie werden staunen. Ich werde Sie mit ihm, sobald wir hier fertig sind, bekanntmachen. Er pflegt sonst sehr zurückhaltend zu sein.“

Eine halbe Stunde später brachen die Offiziere zu der nicht weit entfernten Waldschenke auf. Es war ein schmuckloser Bretterbau, der vorn einen kleinen Ausschank und daneben eine etwas größere Gaststube enthielt. Bei ihrem Eintritt sprang ein junges Mädchen auf und eilte aus der Tür. Von dem stark versessenen Ledersofa erhob sich ein junger Mann.

„Mein Sohn Walter, stud. jur.“, stellte der Forstmeister ihn vor. Eine Wolke des Unmuts lag auf seiner Stirn. „Ruf uns mal den Grinda her, ich habe mit ihm zu sprechen.“

Der junge Mann verschwand.

Bald darauf trat der Gastwirt ein und begrüßte seine Gäste durch eine leichte Verbeugung. „Was steht zu Diensten?“

Der Forstmeister reichte ihm die Hand. „Erst sorg’ man für Grog, für dich auch einen, und dann setz’ dich zu uns. Ich möchte dir etwas von deinen Künsten abfragen.“

Der Krugwirt, ein starker Mann mit glattrasiertem Gesicht, kniff verschmitzt lachend ein Auge zu. „Das wird dir wohl nicht gelingen, Forstmeister.“

„Weshalb denn nicht?“

„Es sind mir zuviel Ohren da.“

„Würden Sie mir und dem Herrn Forstmeister Auskunft geben“, fiel der Major ein.

Grinda hob die Hand und rieb den Daumen am Zeigefinger.

„Das soll kein Hindernis sein“, antwortete der Major kühl auf die Handbewegung. Auf seinen Wink verließen die anderen Offiziere das Zimmer. Draußen zwischen den Bäumen standen einige Tische, und bei dem warmen Sonnenschein konnte man bei einem Glas Grog auch im Freien sitzen. Bald darauf trat die Nichte Grindas mit den Gläsern ein. Ein zierliches Mädel mit blanken Augen und schwarzem Wuschelhaar. Sie grüßte mit einem tiefen Knicks und entfernte sich.

„Ihr Sohn hat einen guten Geschmack“, meinte der Major lächelnd.

Der Forstmeister runzelte die Stirn. „Leider!“

„Aber, lieber Freund, es ist doch merkwürdig, daß die Väter ihren heranwachsenden Söhnen gegenüber immer so tun, als wenn sie die eigene Jugend vergessen hätten. Ein kleines lyrisches Intermezzo während der Ferien ....“

Der Grünrock kam nicht zur Antwort, denn Grinda trat ein.

„Also, Herr Grinda, wir möchten von Ihnen erfahren, was sie über die Standorte der russischen Truppen wissen und was sie für ihre Mitteilungen beanspruchen.“

Der Gastwirt ließ sich am Tisch nieder und rührte in seinem Glas.

„Zuerst muß ich einen Irrtum berichtigen, Herr Major. Das Daumenwackeln war nur ein Scherz von mir. Ich beanspruche selbstverständlich nichts für meine Mitteilungen. Meine Nachrichten sind überdies reichlich ein Jahr alt. Während der Zeit kann sich vieles verändert haben. Aber nehmen Sie Ihr Notizbuch zur Hand und schreiben Sie ....“

„Gleich hinter Kibarty liegen zwei Regimenter Kubankosaken in einem Barackenlager in voller Kriegsstärke ... haben Sie? Bei Suwalky steht das 1. Finnländische Dragonerregiment.“

„Donnerwetter,“ fuhr der Major auf, „irren Sie sich auch nicht, Grinda?“

„Im vorigen Herbst standen sie da, Herr Major. Ich beanspruche volles Vertrauen.“

„Das hast du, lieber Grinda“, fiel der Forstmeister ein.

Nun gab es keine Unterbrechung mehr, nur manchmal schüttelte der Major den Kopf.

Wie am Schnürchen zählte Grinda die Orte und die darin stehenden russischen Truppen auf. Ja, noch mehr, er wußte auch, wo die Stäbe lagen.

In deutlicher Erregung reichte ihm der Major, als er nichts mehr anzugeben wußte, die Hand.

„Herr Grinda, Sie haben dem Vaterland einen sehr großen Dienst geleistet. Ich berichte das heute noch nach Berlin. Ihr Name bleibt selbstverständlich völlig aus dem Spiel. Und nun eine Frage: würden Sie sich bereitfinden lassen, jetzt nochmal nach Rußland hineinzufahren, um neuere Nachrichten zu holen?“

„Herr Major, Sie wissen, was ich dabei riskiere! Und ich kann hier meine Nichte nicht allein im Geschäft lassen.“

„Es muß sich machen lassen“, rief der Major laut. „Ich will mich dafür einsetzen, daß Sie nach dieser Fahrt sorgenlos einen behaglichen Lebensabend genießen können.“

„Wenn ich einen Stellvertreter für mich hier finde, will ich es nochmal wagen.“

Als die Herren nach einer längeren Unterhaltung über Ziel und Zweck der Reise aus der Schänke traten, fanden sie die jüngeren Offiziere mit dem Sohn des Forstmeisters in angeregter Unterhaltung. Er beendete eben eine Jagdschnurre, deren Spitze stürmische Heiterkeit hervorrief.

„Ihr Sohn scheint Ihr Talent geerbt zu haben“, meinte der Major lachend.

„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte der Grünrock brummig.

Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten Generalstab zu verfassen.

Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter, die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein lockeres Leben geführt.

Auf der Hochschule geriet er ganz außer Rand und Band. In der ersten Zeit hatte er noch in der Burschenschaft, in die er eintrat, etwas Halt gefunden. Nachdem er sich von hier getrennt, was nicht ganz freiwillig geschah, geriet er in eine Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane, machte die Nacht zum Tage, jeute und machte Schulden. Der Vater zweifelte daran, daß Walter auch nur ein Kolleg besucht und überhaupt etwas gearbeitet hatte. Dabei besaß der Schlingel Eigenschaften, die ihn überall beliebt machten. Er war trotz seines Bummellebens ein flotter Jüngling, gewandt in allen Leibesübungen, ein flotter Tänzer und zu Hause in den Ferien ein unermüdlicher Jäger und sicherer Schütze.

Die Mutter hielt ihm dem Vater gegenüber immer noch die Stange. Sie hatte für den einzigen Sohn immer die Sprichwörter in Bereitschaft, die der Jugend das Recht zusprechen, sich auszutoben, und von dem gärenden Most einen guten Wein erhoffen. Der Vater sah tiefer. Er wußte, daß sein Sohn schon jeden Halt verloren hatte, daß er ohne jede Hemmung sich in Gesellschaften unwürdiger Gesellen, die in jeder Beziehung unter ihm standen, betrank. Das hatte er noch vor kurzem eines Abends in der Waldschänke mit dem verkommenen Gesindel, das an der Eisenbahn arbeitete, getan.

Sein häufiger Besuch dort galt natürlich in erster Linie der hübschen Olga. Sie hielt sich unter den jungen Männern, die dort nur ihretwegen verkehrten, als Blümlein „Rührmichnichtan“. Jawohl, es konnte nur ein lyrisches Intermezzo für Walter sein. Aber ebensogut konnte er an dem Mädel hängen bleiben, wenn es darauf ausging, den flotten Jüngling dingfest zu machen.

Mit großem Geschick spielte Walter vor dem alten Herrn den zerknirschten, reuigen Sünder und gelobte Besserung. Er werde im nächsten Semester sich schon zum Examen einpauken lassen und den Referendar machen. Mit der Olga sei es eine kleine unschuldige Tändelei. Das Mädel sei übrigens hoch achtbar und ließe sich von keinem ihrer zahlreichen Verehrer zu nahe treten.

Ein paar Stunden später, als der Vater weggefahren war, saß Walter wieder in der Waldschenke. Er war der einzige Gast, auch der Onkel war nicht zu Hause. Das lyrische Intermezzo zwischen den beiden sah ganz nach einem ernsthaften Liebesverhältnis aus. Mitten zwischen Kosen und Scherzen erzählte ihm Olga von dem Gespräch zwischen ihrem Onkel und dem Major, das sie durch die dünne Bretterwand belauscht hatte. Ihr Onkel werde demnächst als Spion nach Rußland fahren und damit schweres Geld verdienen. Walter zeigte dafür kein Interesse. Ihm war das Kosen mit dem süßen Mädel, das in seinem Arm erglüht war, wichtiger.

Am nächsten Abend war der Forstmeister nicht zu Hause. Walter schmeichelte der Mutter Geld ab und fuhr zu Rad in die Stadt. Die moderne Zeit hatte auch in die kleine masurische Stadt schon ihren Einzug gehalten. Es gab dort seit dem letzten Winter ein Caféhaus, in dem die sogenannte gute Gesellschaft und auch die Offiziere der beiden dort liegenden Regimenter verkehrten, um bei einer Tasse Mocca oder anderen Getränken leichte Unterhaltungsmusik zu genießen. Für Walter hatte das am Tage so ehrbare Lokal noch eine andere Anziehungskraft. Wenn der Abend vorrückte, fand sich in zwei verschwiegenen Hinterzimmern, an runden, grünbezogenen Tischen, eine recht gemischte Gesellschaft ein, die sich mit Mauscheln, Pokern, Bak und ähnlichen Unterhaltungsspielen die Zeit vertrieb, bei der die Mehrzahl derjenigen, die nicht alle werden, von einer kleinen Minderheit gerupft wird.

Walter fand bei seinem Eintritt einen großen Tisch von jüngeren Offizieren besetzt, die ihm zum Teil bekannt waren. Er wurde herangerufen und bestellte sich ein Glas Pilsener. Als die Musik um zehn Uhr schwieg, verließen die Familien das Lokal. Auch an dem Tisch der Offiziere wurde es leerer. Die Zurückbleibenden rückten enger zusammen. Die Unterhaltung hatte sich militärischen Dingen zugewandt. Es waren fast alles jüngere Leute, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis die Aussichten eines Krieges mit Rußland, der wie eine drohende Wolke am Himmel stand, erörterten. Allgemein herrschte die Ansicht vor, daß man wenigstens in der ersten Zeit zu einem Abwehrkrieg genötigt sein werde. Es war nur die Frage, ob Ostpreußen bis zur Weichsel preisgegeben werden müßte, oder ob man den Russen an der Masurischen Seenkette und ihrer Fortsetzung nach Norden, an der Angeraplinie, würde Widerstand leisten können.

Der Oberkellner, ein schlanker, nicht mehr ganz junger Mann mit ungewöhnlich feingeschnittenem Gesicht und scharfen Augen, bediente die Offiziere selbst. Es fiel niemand auf, daß er beim Auswechseln der geleerten und vollen Gläser sich wenig beeilte. Er hatte schon bei Eröffnung des Cafés seine Stelle angetreten und war allgemein beliebt, weil er seine zahlreichen Gäste mit großer Gewandtheit und Aufmerksamkeit bediente. Ja, er hatte vertrauenswürdigen Kunden selbst das Stichwort gegeben, mit dem sie unauffällig ihre Zeche schuldig bleiben konnten. Das war die Geschichte von den zehn polnischen Königen. Sie lautete: „Zehn polnische Könige saßen unter einem Palmbaum und tranken Tee. Da kam eine Klapperschlange, glatt wie Öl. Darüber erschraken die Könige, stülpten ihre Kronen auf das Haupt und riefen: ‚Kellner, wir zahlen morgen.‘“

Man brauchte ihn nur an diese Geschichte zu erinnern, dann lächelte er verbindlich und verbeugte sich.

Als die Offiziere gegangen waren, verfügte sich Walter in das Spielzimmer. Das Glück, das er in der Liebe entwickelte, war entschieden seinem Erfolg beim Spiel hinderlich. In einer Stunde hatte er seinen Barvorrat verloren. Möglichst unauffällig ging er dem Ober, der mit leeren Gläsern das Zimmer verließ, an das Büfett nach, um ihn anzupumpen. Mit verbindlicher Miene griff der Ober in die Tasche und legte ihm zehn Doppelkronen auf den Tisch. Nun hielt er sich mit wechselndem Glück zwei Stunden über Wasser, bis der Ober zum Aufbruch mahnte. Walter hatte viel getrunken, aber er hatte noch keine Lust, nach Hause zu fahren. Er lud den Ober zu einer guten Flasche Rotwein ein. Lächelnd nahm der Mann die Einladung an und brachte nicht nur die Flasche Rotwein, sondern auch zwei große Kognaks, zu denen er einlud.

„Ist es Ihnen nicht schwer, Ober,“ begann Walter das Gespräch, „so enthaltsam zwischen all den trinkenden Gästen zu stehen?“

„Nicht im geringsten, Herr Studiosus, ich habe so viel zu tun, daß ich einen klaren Kopf behalten muß.“

„Ja, da bewundere ich Sie“, erwiderte Walter mit dem Bestreben, ihm etwas Angenehmes zu sagen. „Und die vielen Gespräche, die Sie umschwirren.“

Der Ober lächelte: „Die stören mich nicht, man hört ja nur Bruchstücke, die nicht interessieren können. An ihrem Tisch hätte ich heute allerdings gern zugehört, es wurde, wie ich glaube, über einen Krieg mit Rußland gesprochen. Sind die Herren Offiziere wirklich der Ansicht, daß es bald losgeht?“

„Unter allen Umständen,“ erwiderte Walter, „es kann heute oder morgen schon zum Klappen kommen.“

„Dann müßte man sich beizeiten nach einer anderen Stelle umsehen, denn hier an der Grenze wird die Geschichte wohl brenzlich werden.“

„Wahrscheinlich,“ bestätigte Walter, „die Offiziere meinen sogar, wir werden Ostpreußen bis zur Weichsel aufgeben müssen, um erst Frankreich niederzuschlagen.“

„Ach wo, das wäre doch ein Jammer. Die Herren sprachen doch von der masurischen Seenkette, die gehalten werden soll.“

„Das wurde nur als Möglichkeit besprochen, denn es ist wenig wahrscheinlich, daß wir genug Truppen haben werden, um noch eine lange Linie zu besetzen.“

Ahnungslos ließ Walter aus sich alles herausholen, was er von den Offizieren gehört hatte. Der schwere Rotwein und noch einige Kognaks, die der Ober aus freien Stücken spendete, übten auf ihn ihre Wirkung. Mit schwankendem Gleichgewicht bestieg er sein Rad und fuhr nach Hause. Als er gegen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, kam ihm erst zum Bewußtsein, daß er heute wieder die Mutter um einige hundert Mark erleichtern müßte, um seine Schuld zu tilgen. Der Vater, der eine Dienstreise zu mehreren vereinzelt gelegenen Revieren angetreten hatte, kam sicher heute nicht nach Hause. Er umschmeichelte die Mutter und bat sie um Geld. Sie schlug es ihm rundweg ab. Sie habe ihm einen vergnügten Abend in der Stadt gegönnt und das wolle sie vor dem Vater wohl vertreten, aber wenn er heute noch nach Hause käme und er sei nicht da, dann gäbe es ein Donnerwetter, und lügen könne sie nicht.

In jämmerlicher Stimmung wanderte er zur Waldschänke. Olga kam ihm bei der Begrüßung mit einer Handvoll Papiergeld entgegen. Wie ein Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, sie anzupumpen.

„Schatzel, kannst du mir mit 500 Mark aushelfen? Wenn mich der Alte nach Königsberg ausrüstet, gebe ich es dir wieder.“

Sie warf lachend die Scheine auf den Tisch und zählte die Summe ab.

„Der Onkel ist schon heute früh über die Grenze gefahren.“ Sie sah ihn zärtlich besorgt an. „Was ist denn mit dir, du siehst ja so blaß aus, hast du einen Brummschädel?“

„Ja“, erwiderte er mit einem tiefen Aufatmen. Das Gespräch mit dem Ober war ihm plötzlich eingefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgestiegen, aber der erschien ihm so ungeheuerlich ....

5. Kapitel

Über die Gipfel der Lindenbäume war der Mond emporgestiegen und schaute verwundert auf die beiden, die untergefaßt das große Rasenstück in der Mitte des Gartens umwandelten. Der kühle Trunk, der Greise jung macht, hatte ihre Lebensgeister erfrischt. Sie hatten gescherzt und gelacht, bis Tante Uwis, die gegen Abendkühle etwas empfindlich war, sich in den Schutz des Hauses zurückgezogen hatte. Dann hatte der Pastor seinen jungen Freund unter den Arm genommen. „Komm, mein Junge, wir wollen nach alter Gewohnheit auf und ab spazieren. Dabei erzählt es sich besser. Vor Jahren einmal habe ich dir versprochen, von meinen Studentenjahren zu erzählen. Heute will ich das Versprechen einlösen.“ Er sah zum Mond empor. „Hast du jemals schon empfunden, wenn Goethe sagt:

„Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Nebelglanz,

Lösest endlich auch einmal

Meine Seele ganz.“

„Du weißt, mein Junge, ich bin ein einsamer Mensch. Alle Jubeljahre komme ich mit meinen Amtsbrüdern zusammen und hier im Dorfe ist dein Vater der einzige, mit dem ich näheren Umgang pflege. Aber die Gedanken, die mir durch das Labyrinth der Brust wandern, habe ich zu keinem Menschen aussprechen können. Manches, aber nicht alles, habe ich zu dir gesprochen. Jetzt bin ich glücklich, denn du bist unter meinen Händen herangewachsen zu einem verständigen Jüngling, der fortan mein Freund sein soll. Junge, — du kannst das Lob vertragen —, ich freue mich über dich. Du bist kein Duckmäuser und kein Bücherwurm, und das schreibe ich mir als Verdienst zu. Ich habe es nie verstehen können, wie man gegen eine gesunde Lebensfreude eifern kann. Wenn unser Herrgott nur an Kopfhängerei und Weltschmerz Gefallen fände, dann hätte er den Menschen und den Vögeln nicht die Kehle zum Singen gegeben, dann hätte er die Natur nicht mit leuchtenden Farben geschmückt. Das ist meine Lebensphilosophie. Sie mag sehr primitiv sein, aber sie ist für den Durchschnittsmenschen die beste. Und sie ist uns schon von der Bibel als Weisheit Salomonis überliefert. Dein Religionslehrer hat sie so treffend in wenige kurze Sätze gefaßt. Weißt du sie auswendig?“

„Alles Irdische ist eitel. Drum ist Lebensgenuß zu empfehlen. Doch mache man den Lebensgenuß unschädlich durch Weisheit. Die höchste Weisheit aber ist die Furcht Gottes.“

„Das ist’s, was ich meine! Frisch und froh sich regen, ringen, kämpfen und die Freuden des Lebens genießen, aber dabei vor sich und Gott ein anständiger Kerl bleiben, das ist der beste Spruch, den ich dir auf deinen Lebensweg mitgeben kann.“

Er blieb stehen und streckte Franz die Hand hin:

„Schlag ein, Junge!“

Hand in Hand traten sie an den Tisch und stießen mit vollen Gläsern an. Dann nahmen sie wieder ihre Wanderung auf.

„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von Muli nach der Stadt der reinen Vernunft beförderte. In der kleinen Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte, wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen. Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr, daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem Forsthause. Ein Wort gab das andere, — — was soll ich dir sagen, er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich ausgeflaggt.

Mein Protektor, — du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren, die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler. Im Korps hatte ich anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch, der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“

Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der Luft den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, fratercule, war ich ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine zweite Mensur und noch vor Schluß des Semesters wurde ich allein von den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so sein ....“

Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“

„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“

Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und Anleitung findet.

Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen, dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß. Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir interessant schienen.

Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich nicht. Aber desto mehr die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund geworden war, disputierte ich fast täglich darüber.

Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“

Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer, nicht abzuspringen. Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg.

Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon, so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte.

Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten entschwunden wären. Aber der Refrain lautete: „Junge, stoß dich nicht an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt, an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen, wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim Disputieren die Köpfe erhitzen .....“

Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn? Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“

Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen. Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“

„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt! Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen, wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“ Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube, der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden.

Jetzt wandle heimwärts, amice, und überschlaf meinen Vorschlag. Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Onkel.“

*

Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter.

Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von ihnen.

Franz blieb stehen und faßte den Alten um.

„Vater, ich möchte dich um etwas bitten.“

„Was soll’s sein, mein Sohn?“

„Ich möchte auf einem großen Gut als Eleve eintreten.“

Im ersten Augenblick schien der Schulze etwas überrascht, dann schloß er den Sohn in die Arme:

„Mein Franz, du willst mir den größten Wunsch meines Lebens erfüllen? Das hatte ich kaum noch gehofft.“

„Ich will es wenigstens ehrlich versuchen. Finde ich aber trotz meines guten Willens keine Befriedigung in dem Beruf des Landwirts, dann werde ich’s dir offen sagen. Willst du mich dann studieren lassen?“

„Gewiß, mein Junge, gewiß! Du gehst nur zur Probe ein Jahr in die Wirtschaft. Damit muß sich auch Mutter zufrieden geben. Sie hofft ja noch sehr stark, dich doch noch einmal im Talar zu sehen.“

6. Kapitel

Vater Rosumek hatte seiner Frau noch nichts davon erzählt, daß sein Sohn ihm seinen Wunsch erfüllen wollte. Als Franz zum Frühstück herunterkam, empfing ihn die Mutter mit strahlendem Gesicht und legte ihm eine mit Goldfüchsen gefüllte Börse hin.

„Der Vater ist schon in die Stadt gefahren, er läßt dir sagen, du möchtest von dem Geld einen guten Gebrauch machen.“

Fragend sah Franz die Mutter an. „Wie meint er das?“

„Er sprach von einer Reise, die du unternehmen solltest, nach Königsberg und an die Ostsee, das soll eine sehr schöne Gegend sein.“

Hastig nahm Franz das Frühstück zu sich, dann lief er schnell ins Pfarrhaus.

„Heda, junger Freund, was beflügelt deinen Fuß?“ rief ihm der Pastor über den Gartenzaun entgegen.

Mit kühnem Schwung hob sich Franz über die Staketen.

„Denk dir, Onkel, der Vater hat mir viel Geld zu einer großen Reise geschenkt, willst du mir die Freude bereiten und mitkommen?“

Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Nun ist dein Vater mir zuvorgekommen. Ich habe gestern abend noch nachgedacht, wie du diese Übergangszeit bis zum Eintritt in deinen Beruf noch genießen und gut anwenden könntest, und war zu dem Entschluß gekommen, dich zu einer Fußwanderung durch unsere schöne, liebe Heimatprovinz aufzufordern. Ich habe mich auch bereits durch die moderne Erfindung, den sprechenden Draht, mit meinem Superus in Verbindung gesetzt und mir einen Urlaub erwirkt, der mir gewährt wurde, da ich, außer bei amtlichen Anlässen, noch nie Ferien gemacht habe. Aber diesmal will ich es tun.“

„Hast du auch schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefaßt?“

„Jawohl, mein Sohn, ich dachte schon gestern, — wir wandern doch natürlich zu Fuß, wie wir es so oft getan haben, — auf Umwegen nach Kerschken und Bodschwinken zu wandern, um dort die Sedanschlacht mitzumachen.“

Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte.

„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt. Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt, daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“

Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer unternommen hätten ....“

„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht, nachdem die ersten Versuche, aus einem Eichenstamm eine Kanone herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin eine greuliche Verwüstung an.“

„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“

„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“

„Ist das wirklich wahr, Onkel?“

„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll, wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen bei Donchery.“

„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“

„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den Rummel anzusehen?“

„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“

„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“

Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz den Vater treffen und mit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz mit ihm befreundet war.

Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer, unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heran und brachen sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand.

Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen abhielten.

„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“

Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden; es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen konnte. „Dreist und gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein und stellte ihnen einen Freipaß aus.

Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften.

Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit und breit kein Haus zu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch gälte.

„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht erwarten.“

„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd. „Mein Haus steht Ihnen offen.“

„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund. Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“

„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“

Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen, die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen.

Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß. Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee, spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer.

Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter, ostpreußischer Landedelmann eine Sammlung der höchsten Kunstwerke des griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und Nachbildungen zusammengebracht.

Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß.

Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit Musik an der Spitze.

In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken. Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt. Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt. Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er veranlaßte jedoch einen Freund, sie zur Nacht mit sich auf sein Gut zu nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen.

Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“, „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen.

Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr- und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte.

Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor dem Weberhäuschen in Donchery das patriotische Gefühl übergelaufen. Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge.

Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach, so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen.

Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich an den Kragen nahm und verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem Dorf den Rücken.

Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte. Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte.

Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf jüngeren Schwestern, die zur Feier des Tages in Weiß gekleidet, wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie und herzte sie.

Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel, das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten. Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen. Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“

„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu.

Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichen Vorbild. Dasselbe konnte man von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde.

Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst französisch, dann deutsch.

Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte. Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz Deutschland erfaßt war.

Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon gestört. Er hatte in seiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen lebenden Bilder dargestellt werden.

Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle Genüsse auskosten zu lassen.

Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen. Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und immer wieder forderten die Kleinen eine Wiederholung der Fahrt und Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez halsbrecherische Kunststücke ausführten.

Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie zwei gute Freunde.

Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend anlangten.

7. Kapitel

Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um. „Mutter, bist du böse auf mich?“

Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen. „Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“

„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften oder Medizin studieren.“