Anmerkungen zur Transkription:
Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend übernommen. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert; Wörter, die in voneinander abweichenden Schreibweisen auftraten, wurden an die in überwiegender Mehrheit verwendete Schreibweise angeglichen. Eine [Liste vorgenommener Korrekturen] befindet sich am Ende des Textes. Die Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt; davon abweichende, in Antiqua gedruckte Textstellen sind hier kursiv wiedergegeben. Gesperrt gedruckte Textstellen sind auf Ebook-Betrachtern fett wiedergegeben. Das Titelbild für Ebook-Betrachter wurde vom Bearbeiter erzeugt und in die Public Domain eingestellt.
Die Mumie von Rotterdam.
Novelle
in zwei Theilen
von
Georg Döring.
Erster Theil.
Frankfurt am Main.
Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer.
1829.
Friedrich Mosengeil
der Verfasser.
Ich habe Dich gefunden
Im stillen Friedensthal:
Wir waren längst verbunden,
Wir wurden’s noch einmal.
So fügt sich Ring dem Ringe
Zur Blumenkette an,
Daß sie uns sanft umschlinge
Und unsern Lebenskahn.
Er zieht den Strom danieder —
Wann ruft der Schiffer: Land?
Wir reichen uns dann wieder
Am Ufer dort die Hand.
Die Mumie von Rotterdam.
Erster Theil.
1.
Am Haven von Rotterdam herrschte ein buntes Gewimmel von Geschäftigen und Müßiggängern. Einige von jenen, mit schweren Lasten beladen, schoben langsam aber nachdrücklich diese, die eitle Neugierde oder Langeweile hierher geführt hatte, zur Seite; andere, Papiere in der Hand tragend, Schiffsconsignationen oder Frachtbriefe, drängten sich rasch und lebendig durch die Menge, um die Zeit der Ankerlichtung irgend eines Fahrzeuges nicht zu versäumen.
Eben stimmten die Glockenspiele der Stadt ein Liedchen an, das die sechste Abendstunde bezeichnete, als zwei Männer, denen die Meisten der Anwesenden mit allen Beweisen von Hochachtung und Ehrfurcht auswichen, am Ufer der Maas erschienen. Es waren die zwei Handelsherrn Tobias van Vlieten und Jan van Daalen. Beide wurden für die reichsten Leute der Stadt gehalten, beide wußten das und fanden deshalb nicht für nöthig, die zahlreichen, an sie gerichteten Begrüßungen zu erwiedern. Am Starrsten und Unbeweglichsten schritt Herr Tobias van Vlieten durch die Raum gebende Menge hin. Seine hagere Gestalt ragte fast um Kopfeshöhe über die Nebenstehenden empor und sein braungelbes Angesicht, mit der scharf hervorstehenden Nase und den großen, todten grauen Augen, bot, unter der umfangreichen, weißgepuderten Perücke, einen abschreckenden Anblick. Er trug einen langen, zimmetfarbenen Tuchrock, der trotz des sehr warmen Abends vom Kopf bis auf die Füße zugeknöpft war. Die Knöpfe aber bestanden aus Doppelducaten und erregten, indem sie im Abendsonnenstrahle weithin glänzten, die Begehrlichkeit manches armen Taglöhners, der hier mit schwerer Arbeit wenige Stüber erwarb.
Herr Tobias hatte viele Jahre seines Lebens in Ostindien zugebracht. Aber diese Zeit war für ihn keine verlorene gewesen. In dem Handel mit feinen Spezereien hatte er Millionen gewonnen und während die ungesunde Luft Batavia’s seine besten Kräfte aufzehrte und ihn zu einer lebendigen Mumie ausdörrte, vermehrte sich die Zahl seiner Geldsäcke im wohlverwahrten Gewölbe auf das Ansehnlichste, stiegen von Posttag zu Posttag die Summen, die er nach dem Vaterlande übermachte, daß sie dort sicher und gute Zinsen tragend, angelegt würden. Er hatte auch in Batavia geliebt und in einem kurzen Ehestande gelebt. Die Liebe überschlich ihn, als er vernahm, daß die bleiche alternde Jungfrau Cypriana Hoogendöbel, welche ihm in einer Theegesellschaft gegenüber saß, seit gestern die Erbin von hunderttausend Stück Dukaten geworden sey und ganz allein und verlassen in der Welt stehe, ohne Brüder und Schwestern, ohne Vettern und Basen, die an dem reichen Erbe mitzehren könnten.
Es war ihm zu Muthe, als habe er von der berauschenden Wurzel Bang gegessen, da er dieses vernahm. »Cypriana Hoogendöbel muß die Meine werden!« gelobte er sich selbst mit heißem Schwure. Er näherte sich; er wurde freundlich angesehen und aufgenommen. Besaß denn Tobias nicht auch schon ein Vermögen von mehr als hunderttausend Dukaten? Und hatte denn Cypriana seit gestern nicht das Ansehen und die Bedeutung, welche ein solcher Besitz gab, gehörig schätzen und würdigen gelernt? Der Wunsch, sie nach dem Theeschmause in seinem Wagen nach ihrer Wohnung zu bringen, wurde dem glücklichen Tobias gewährt. Auf diesem Wege sprengte die neu erwachte Leidenschaft ihre Fesseln. Er erklärte sich und ward verstanden, er warb um Cypriana’s diamantenfunkelnde Hand und sie ward ihm gewährt. Wie nun Herr Tobias van Vlieten einen jahrelangen, glücklichen Ehestand mit seiner Hausfrau verlebt, indem er während dieser Zeit fast immer auf Handelsreisen von ihr fern gewesen, das sey hier nur flüchtig berührt. Am Ende dieses Jahres schenkte ihm Cypriana ein Töchterlein; sie selbst aber starb wenige Tage nach der Geburt des Kindes. Ganz Batavia bewunderte die Standhaftigkeit des jungen Wittwers bei diesem Trauerfalle. Niemand sah ihn eine Thräne vergießen. Er verbarg den Gram so tief in seiner Brust, daß seine Freunde ihn nicht einmal ahneten, er besaß Selbstbeherrschung genug, statt der Falten des Kummers, eine zufriedene Heiterkeit auf seiner Stirne zu zeigen. Nur sein schwarzer Anzug, die Trauerflöre, mit denen er reichlich umhangen war, verriethen sein Leid. Die Neugeborene ward nach dem Willen der verewigten Cypriana, die in den letzten Monaten ihres Lebens einige nach Ostindien verirrte französische Schäferromane mit großem Interesse gelesen hatte, Clelia genannt. Clelia hatte eben das achte Jahr zurückgelegt, als ihr Vater, den das Clima zu einer Leiche auszudörren drohete, sich entschloß, nach Europa zurückzukehren. Die liebe Geburtsstadt Rotterdam, mit dem buntbemalten Standbilde des Erasmus auf dem großen Markte, stieg plötzlich in einem Zauberglanze in der sonst öden Phantasie des Herrn van Vlieten empor. Er sah sich selbst, der als ein armer Jüngling die Heimath verlassen, nun als den reichsten ihrer Bürger in den breiten Straßen der Buitenstad auf- und niederwandeln, im vornehmen Dukaten-beknöpften Rocke, mit stattlichem spanischem Rohre, begrüßt und geehrt von jedermänniglich; er sah sich am Nieuwe- und Leuwen-Haven, am Blaak und am Boompjes, am Wynkracht und am Haringvliet, und an allen Orten flüsterte es um ihn: »Seht, das ist Myn Heer Tobias van Vlieten, der dickste Mann von Rotterdam!« Und wie er es prophetisch vorausgesehen im Geist, so geschah es auch. Er wandelte nun schon seit acht Jahren in den Straßen und in den Havenplätzen der Heimathstadt in derselben Weise, die ihm die Ahnung gezeigt, auf seinen Wegen blieben die Leute stehen und raunten denjenigen, die es noch nicht wußten, mit wichtiger Gebehrde ins Ohr, dieses sey der dickste — nämlich der reichste — Mann der Stadt. Wenn dann ein Fremder, dem es unbekannt war, wie bei den Holländern dick mit reich gleichbedeutend sey, die Mumiengestalt des Herrn Tobias van Vlieten mit erstaunten Blicken maß und ungläubig lächelnd den Kopf schüttelte, so konnte wohl sein von Natur phlegmatischer holländischer Freund in Feuer gerathen und Hab und Gut zur Wette anbieten: daß dieses die Wahrheit sey. So war es denn nach und nach gekommen, daß man Herrn Tobias nur schlechtweg und vorzugsweise den Dicksten nannte. Sein Töchterlein Clelia war indessen zu einer anmuthigen und begehrenswerthen Jungfrau herangewachsen.
Der Mann, in dessen Geleit uns Herr van Vlieten zum erstenmale am Ufer der Maas begegnet, war in seinem ganzen Aeußeren der lebendigste Gegensatz zu dem Wesen des erstern. Herr Jan van Daalen maß wenig über vier Fuß, hatte durch die sorglichste Pflege seines Leibes nach und nach einen körperlichen Umfang gewonnen, der ihm, nächst seinen Geldsäcken einen doppelten Anspruch auf die Ehrenbenennung eines Dicken gab, und sah aus dem immer lächelnden runden, weißen und rothen Antlitze jeden mit den nichtssagenden Blicken der gläsernen Augen so geringschätzig an, als seyen alle übrigen Menschen Nullen, er aber und sein Begleiter vielleicht nur allein Zähler in der Seelenliste der Einwohnerschaft von Rotterdam. Seine Kleidung war schlichter und geschmackvoller, als die des Herrn van Vlieten; aber das ächte spanische Rohr, mit dem großen porzellanenen Knopfe oben, prangte auch in seiner Rechten und die stattliche Perücke umgab, wie eine Wolke, die obere Hälfte seiner gedrängten Gestalt. Sein Fuß hatte nie das Weichbild von Rotterdam überschritten. Er hatte das ansehnliche Vermögen, das er von seinem Vater ererbt, durch kluge, wenn gleich geheimnißvolle Speculationen, so bedeutend vermehrt, daß er unter den dicken Leuten der Generalstaaten einen der ersten Plätze einnahm. Immer aber blieb die Art, wie er dazu gekommen, jedermann ein Räthsel. Er hielt keine Schreibstube und keine Gehülfen. Alle Schreibereien machte er selbst hinter verschlossenen Thüren ab. Niemand, sein einziger Sohn Cornelius nicht ausgenommen, durfte sein Schreibgemach betreten. Nur ein alter Buchhalter, den Herr van Daalen als ein Erbstück mit von seinem Vater übernommen hatte und der schon seit vierzig Jahren in die Geschäfte des Hauses eingeweiht war, schien das Vertrauen seines Prinzipals zu besitzen. Der alte Herr Hoontschoten war aber fast immer abwesend, niemand wußte, wo? Oft ließ er sich in Jahresfrist und manchmal auch in noch größeren Zwischenräumen in Rotterdam nicht sehen. Erschien er dann endlich, so strahlte Herrn Jan’s Antlitz in unverkennbarer Freude und immer wurden, wenige Tage nach seiner Ankunft, große und gewichtige Geldsäcke in das van Daalensche Haus geschafft. An seinem Sohne Cornelius hatte der alte Herr bisher wenig Freude erlebt. Statt frühe die Feder zu gebrauchen, um im Rechnen und Copieren sich zu dem höheren Wirken im Handelstreiben vorzubereiten, hatte Cornelius das Schwerdt ergriffen und war, allen Abmahnungen des Vaters zum Trotz, unter König Wilhelm gegen die Franzosen zu Felde gezogen. Herr Jan zürnte ihm lange und wollte nichts von ihm wissen. Als er aber einige Jahre nach dem geschlossenen Frieden in das väterliche Haus trat, zu einem kräftigen, blühenden Manne geworden, bekleidet mit der Würde eines Hauptmannes, da erfreuete sich doch des Vaters Auge an ihm; als er aber gar nach einiger Zeit erklärte, daß er dem Kriegshandwerk gänzlich entsagen, um als ein guter Ehemann und Hausvater daheim zu leben, und daß die holdselige Jungfrau Clelia van Vlieten es sey, die er zum Gattengespons erwählet, da schloß ihn Herr Jan gerührt in die Vaterarme und meinte in seinem Innern, der Apfel falle doch nicht weit vom Stamme und die Speculation auf das liebliche Töchterlein des Dicksten sey in der That eines van Daalen würdig. Cornelius konnte versichern, daß Clelia ihn mit Blicken betrachte, die keinesweges gleichgültig zu nennen waren. Er verschwieg, daß er bei günstiger Gelegenheit schon das Geständniß seiner Liebe gegen sie gewagt habe, daß dieses nicht allein gütig aufgenommen, sondern sogar mit jungfräulicher Schüchternheit erwiedert worden sey. Die Aussicht, das ungeheuere Vermögen des Herrn Tobias mit dem seinigen zu vereinen, den Vater Clelias vielleicht zu einer Compagniehandlung zu bewegen, war für den alten van Daalen schon höchst lockend; die Hoffnung aber, daß nun Cornelius auch Neigung zu kaufmännischen Geschäften fassen und dereinst auf dem geheimnißvollen Wege, den er mit Glück gewandelt, weiter schreiten werde, erfreuete ihn fast eben so sehr. Er äußerte das auch seinem Sohne. Dieser aber versicherte ihn ganz trocken: daran denke er nicht, es sey ihm im Gegentheile nichts in einem so hohen Grade zuwider, als Schreiberei und Handelschaft und er trage nichts anders im Sinne, als mit seiner künftigen Ehefrau Clelia dermaleinst in Fülle und Wohlleben von den Zinsen der Capitale zu leben, die ja die beiden Väter in Ueberfluß für ihre Kinder zusammengebracht und gespart. Herr Jan sah ihn auf diese Rede mit den gläsernen Augen starr und schweigend wohl eine Viertelstunde lang an; dann wandte er sich mit einem schweren Seufzer von ihm ab und begab sich zu Herrn van Vlieten, um mit diesem die Freierei-Unterhandlungen zu eröffnen, die nun mit aller Bedächtlichkeit und Vorsicht, welche zwei so kundigen Geschäftsmännern zugetraut werden konnten, betrieben wurden.
Dieses war der Stand der zwischen den beiden Handelsherrn obwaltenden Angelegenheiten, als wir sie zum erstenmale stolz und im Bewußtseyn ihres Metallwerthes durch die treibende Menge im Haven von Rotterdam hinschreiten sahen.
»Ihr wißt meinen Entschluß, Myn Heer van Daalen,« sagte Herr Tobias in einem herben und strengen Tone, indem er bedeutungsvolle Blicke auf einige ihm zugehörende, in der Maas ankernde Schiffe warf und dann ebenso bedeutungsvoll auf einige andere zurücksah, die im Canale, zunächst seiner Wohnung, lagen. »Fünfmalhunderttausend Stück Dukaten ist ein artiges Sümmchen, aber siebenmalhunderttausend ist noch artiger. Wir sind beide dick, aber Ihr seyd nicht der dickste! Nur gleich und gleich gesellt sich gut und erst, wenn Euer Cornelius so schwer geworden, wie meine Clelia, so können die Glockenspiele der Binnen- und Buytenstad ein lustiges Stückchen zu ihrer Hochzeit aufspielen. Schade, daß wir nicht in Batavia sind! Da hat mich’s bei solcherlei Festen am Meisten ergötzt, die schwarzen Sklaven und Sklavinnen, Abends, wenn sie des Tages Last und Arbeit hinter sich hatten, einen lustigen Tanz aufführen zu lassen. Sanken sie dann wohl vor Müdigkeit oder Trägheit zu Boden, so war gleich des Aufsehers Peitsche bei der Hand, die sie wieder in die Höhe zum Tanzen trieb und der Hauptspaß war es nun, sie mit verzerrten Gesichtern, heulend und schreiend, springen und hüpfen zu sehen. Dergleichen Vergnügungen giebt es nicht in Europa, Myn Heer van Daalen!«
In diesem Augenblicke hemmte Tobias plötzlich seinen Schritt. Seine Blicke waren starr auf einen Punkt gerichtet. Es schien, als mache irgend ein Gegenstand ihn stutzig, als sey er über irgend eine sonderbare Begegnung betroffen und unwillig.
Zwei junge Leute in Studententracht waren aus einer landenden Barke ans Ufer gesprungen. Ihre ersten Blicke fielen auf die hagere und ausgetrocknete Gestalt des Herrn Tobias van Vlieten, der in seinem canelfarbigen Rocke und mit dem zusammengedörrten bräunlichen Antlitz, laut und lachend von ihnen der ungeheuerste Zimmetstengel genannt wurde, der jemals aus Ostindien herübergekommen sey. Ganz im Gegensatze zu ihnen stand ein ältlicher Mann, der zwischen beide getreten war, dessen Blicke mit einem Ausdrucke der Verzückung auf Herrn van Vlieten ruheten und der nun mit hohem Ernst in seinen Mienen, mit schnarrender Stimme und in der die Worte abwägenden Weise eines Pedanten rief:
»Ruhig, meine Söhne! Ruhig, ihr Kindlein der Musen! Habt Ihr je ein so herrliches Exemplar einer egyptischen Mumie gesehen, wie das hier im zimmetfarbenem Rocke und mit spanischem Rohre umherwandelnde? Schweigt von Eurem schnöden Zimmetstengel! Ein Sproße aus pharaonischem Geschlechte, ein königlicher Bewohner der Pyramiden zeigt sich Euerm erstaunten Blicke. Er wandelt hier am Ufer der Maas, er schnupft Tabak und trägt Dukaten auf dem Rocke! O wie köstlich, wenn wir ihn hätten im theatro anatomico zu Leyden, schön eingepackt im egyptischen Sarge, den wunderdeutsamen Ibis zu seinen Füßen, ihn selbst eingehüllet in balsamische Stoffe, hieroglyphisch übermalet — o Isis und Osiris! die Begeisterung reißt mich fort und verleitet mich, würdige Handelsherrn der Gegenwart für Gestalten einer heiligen Vorzeit zu halten! Verzeihet, Myn Heer,« wandte er sich nun zu dem immer finsterer blickenden Tobias, »wenn Euch diese junge Leute durch unziemlichen Scherz beleidigt! Meine Bewunderung wird Euch hoffentlich zu einigem Ersatz dienen und solltet ihr jemals nach Leyden kommen, so seyd höflich eingeladen, in dem Hause des Professor Eobanus Hazenbrook einzusprechen.«
Mit diesen Worten nahm der Professor seine zwei jungen Leute, die nun etwas ernster geworden, unter den Arm und schlenderte ruhig weiter, indem er jedoch dann und wann einen gleichsam verliebten Blick nach Herrn van Vlieten zurücksandte.
Dieser murmelte einige unverständliche Laute für sich hin, welche eben nicht die freundlichste Begrüßung aussprechen mochten. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Herrn Van Daalen, der von dem Professor und seinen Zöglingen nichts gewahr geworden war und schon ein Weilchen ohne Antwort zu erhalten, auf seinen Begleiter eingeredet hatte.
»Alles wird sich zu Euerer Zufriedenheit ausgleichen,« fuhr Herr Jan fort, »und ich kann Euch die feste Zusicherung geben, daß vielleicht schon morgen oder übermorgen mein Cornelius so schwer oder auch noch schwerer ist, wie Euere Clelia. Heute schreiben wir den achtundzwanzigsten Oktober 1702. Jeder Augenblick kann mir die frohe Nachricht bringen. Wo ich gehe und stehe ist es mir, als hätte ich glühende Kohlen unter den Füßen und denke ich einmal zu ruhen im gemächlichen Großvatersessel, so treibt mich’s in die Höhe, als prickelten mich tausend Stecknadeln. O Myn Heer, Ihr seyd glücklich mit Euern Speculationen auf Zucker und Caffee! Aber unser eins — die Sorgen — die ängstlichen Nachtwachen — die Zweifel — die Erwartungen.« —
»Was treibt Ihr denn eigentlich?« unterbrach ihn neugierig sein Begleiter, indem er stehen blieb und die todten grauen Augen forschend auf Herrn van Daalen heftete. »Ihr seyd reich geworden, man weiß nicht wie, Ihr vermehrt Euere Capitalien von Jahr zu Jahr, man weiß nicht woher! Myn Heer, es gehen allerlei seltsame Gerüchte von Euch, denen ich keinen Glauben beimessen mag. Viele sprechen, Ihr hättet einen Bund mit dem Bösen, der Euch das liebe Geld und Gut zutrüge in der Sylvesternacht, aber darüber lache ich, denn ich bin aufgeklärt. Andere meinen wieder, Ihr säßet Nachts im geheimen Kämmerlein und kochtet Gold, wie Ihr es aus einem zufälliger Weise aufgefundenen Recepte des berühmten Paracelsus erlernt, doch auch das scheint mir nicht glaubwürdig, denn hätte der berühmte Paracelsus die Goldmacherkunst verstanden, so wäre er nicht elend und jämmerlich durch vieler Herrn Länder gezogen, als ein Pillendoctor und Wurmsamenhändler. Was aber, Myn Heer van Daalen, möchte wohl von den Gedanken derjenigen zu halten seyn, bei denen Ihr in dem Verdachte steht, Ihr wäret ein allzu guter Freund der Feinde Eures Vaterlandes, Ihr wüßtet denjenigen, die es bekriegen, den Franzosen und Spaniern, auf geheimen Wegen Pulver und Blei, Waffen und Mundvorrath zuzuführen? He! Myn Heer, was sagt Ihr dazu?«
Herr Tobias hatte bei diesen Worten die dürren Knochenfinger seiner Rechten um den Arm des Herrn van Daalen gekrallt. Dieser konnte während der bedeutungsvollen Rede seines Nebenmannes seine Verlegenheit nur schlecht verbergen. Er hielt den Porzellanknopf des spanischen Rohres bald gedankenbrütend an die Nase, bald versuchte er, gleichsam um die innere Angst zu bewältigen, die Knöpfe seines Kleides zu zählen, bald lachte er dumm und nichtssagend den Herrn van Vlieten an.
»Schufte und Neider sind es,« brach er endlich mit mühsam errungener Fassung los, »die mir so niederträchtige Dinge nachsagen! Ich bin ein so guter Patriot, wie Hugo Grotius, und würde gegen die Feinde ebensowohl zu Felde ziehn, wie Oranien und Horn, wenn ich anders die Courage dazu hätte. Wenn Ihr dermaleinst meinen Handel kennen lernt, Myn Heer, und das sollt Ihr, sobald das Geschäft mit der Heirath zu Stande gebracht worden — dann werdet Ihr sagen, der Jan van Daalen ist ein schlauer Kauz und ein Vaterlandsfreund, wie es wenige gibt. Ihr werdet bekennen müssen, daß er vom Feinde, wenn auch keine Schlachten und Festungen, dennoch werthvolle Dinge genommen, daß er ihm Abbruch in seinem Besten gethan und die Grundfesten seines ganzen Staatsbaues erschüttert hat.«
»Große Worte, schöne Sentenzen!« erwiederte ungläubig Herr van Vlieten. »Ueber die Sache müssen wir im Reinen seyn, ehe wir weiter etwas abschließen. Gebt mir ein vernünftiges Journal, ein aufrichtiges Cassabuch in Händen: das ist mir lieber, als die wohlklingendste Redensart! Ich muß wissen, was Euer Cornelius in Handelsdingen von Euch zu erwarten hat, ehe ich nur ein Härchen von dem Haupte meiner Clelia in die Heirathslotterie mit ihm setze. Ich will Euch in meine Keller und Gewölbe führen. Ihr sollt die Menge von Zuckerhüten und Caffeeballen, die Hügel von feinen Gewürzen, die wundersamen Gebäude von Theekisten dort bewundern. Dann will ich Euch die Geheimnisse meines Comptoirs erschließen, Ihr sollt sehen, was in Cassa befindlich und was auf gute Zinsen ausgeliehen ist, Ihr sollt Euch aus den Büchern, die ich vertrauungsvoll vor Euch aufschlagen werde, überzeugen, daß ich meine Zeit in Europa und Asia wohl angewandt habe. Aber Alles unter der Bedingung, daß Ihr Tags darauf ein Gleiches thut, ohne allen Vorbehalt und Hinterlist!«
Herr Jan van Daalen hätte in diesem Augenblicke lieber an jedem andern Orte der Welt, als in Rotterdam, an der Seite des Dicksten und daher angesehensten Mannes daselbst, seyn mögen. Er bewegte unruhig die Füße, er warf das spanische Rohr bald unter den rechten, bald unter den linken Arm, er steckte beide Hände in die Taschen, er wußte nicht was er sagen sollte.
Da erschien zu seinem großen Troste ein Befreier aus dieser Bedrängniß in der Person des Leydenschen Professors, Eobanus Hazenbrook. Dieser trat, sich verlegen die Hände reibend, wiederum gerade auf Herrn Tobias zu. Die beiden Studenten folgten ihm in einiger Entfernung, kicherten und flüsterten unter einander.
»O Myn Heer,« schnarrte der Professor, »ich muß Euch anreden im Namen der Musen und als ein Vormund der Wissenschaften in den vereinigten Niederlanden. Freilich werde ich Euch von Dingen sprechen, die gewöhnlichen Menschen nicht angenehm sind, aber Ihr, Myn Heer, seyd kein gewöhnlicher Mensch, Ihr tragt das Gepräge des Außerordentlichen in Euerm Antlitze, wie in Euerer Figura, und deshalb darf ich schon wagen, zum Nutzen und Frommen der Wissenschaft eine Frage an Euch zu richten. Habt Ihr bereits Euer Testament gemacht, Myn Heer?«
Tobias blickte den seltsamen Frager mit einer Mischung von Zorn und Erstaunen an. Mechanisch hob sich das spanische Rohr in seiner Hand und es gewann für einige Augenblicke das Ansehn, als sey Herr van Vlieten gesonnen, die Antwort auf eine so unverschämte Frage, auf eine nachdrücklichere Weise, als die gebräuchliche, zu erwiedern. Da naheten sich aber mit drohender Miene die zwei Begleiter des Professors, Herrn Tobias Rohr neigte sich zur Erde und er begnügte sich, in einem heftigen Tone zu antworten:
»Ihr seyd ein Unverschämter oder ein Wahnsinniger! Für beide Fälle rathe ich Euch, diesen Platz schleunigen Schrittes zu verlassen. Es giebt hier der Leute genug, die auf einen Wink von mir, Euch packen und Euere Unverschämtheit im kalten Bade der Maas von Euch abwaschen oder, wie ich es ihnen gebiete, Euch, wohl gebunden und bewacht, in’s Narrenhaus abführen. Trollt Euch Euerer Wege und reizt mich nicht ferner! Ihr müßt wissen: ich bin Heer Tobias van Vlieten, der dickste Mann in Rotterdam!«
Die beiden Studenten, junge Franzosen, die auf der damals weitberühmten Universität Leyden den Wissenschaften oblagen, schlugen ein schallendes Gelächter auf.
»Que dites vous de cet embonpoint?« fragte der eine den andern, indem er mit einer spöttischen Gebehrde sein Schnupftuch zur Hand nahm und Miene machte, den Umfang des Herrn van Vlieten zu messen.
»Morgué!« erwiederte der andere; »il l’a volé à une squelette et il tâche à le vendre. C’est pour cela qu’il s’en vante.«
Der Professor aber trat dem zurückweichenden Tobias noch einige Schritte näher, und sagte mit großer Kaltblütigkeit:
»Ich könnte Euch injuriarum belangen, Myn Heer, darüber, daß Ihr Euch ermesset, einen professorem ordinarium der illustern Academie von Leyden als einen unverschämten Gesellen oder gar als einen sinnverwirrten Menschen zu erklären. Aber Ihr habt mir mein Herz gestohlen durch Euere absonderliche Liebenswürdigkeit und eine Sehnsucht in meiner Brust erweckt, die jahrelang darin geschlummert. Ja, Myn Heer, ich liebe Euch! Und wenn das ein junger Fant mit tausend Schwüren seiner Liebsten versichert, so will das bei Weitem nicht soviel heißen, als mein einfaches, unumwundenes Geständniß. Ich liebe Euch wissenschaftlich. Und deshalb wünschte ich: Ihr machtet Euer Testament!«
Den Herrn Tobias van Vlieten überflog es bald heiß, bald kalt. Es war menschenleer auf dem Platze geworden und er sah sich vergebens nach einigen Leuten in der Nähe um, die ihn aus den Händen des Wahnsinnigen, für den er jetzt im Ernst den Professor zu halten begann, hätten befreien können. Von Herrn Jan durfte er wenig Beistand erwarten, denn dieser sah sich auch bereits nach der Flucht um und hatte nicht den Muth, ein Wörtchen zu verlieren, das den zwei jungen Franzosen, die sich trotzig auf ihre langen Stoßdegen stützten, hätte unangenehm seyn können. Er wagte einen großen Schritt um sich aus der Nähe des Professors zu entfernen, aber dieser folgte ihm mit einem noch weit größern und die Studenten vertraten ihm den Weg.
»Hört mich doch nur an!« begann auf’s Neue Eobanus Hazenbrook. »Ich will Euch weder kränken, noch beleidigen; ich will Euch nur einen Vorschlag machen, den Ihr als ein Mann von Einsicht, als ein Verehrer der Musen, gewißlich eingehen werdet. Ich, der hier vor Euch stehende Eobanus Hazenbrook, bin von den edlen großmögenden Heern schon vor vielen Jahren als Professor historiae naturalis und Custos theatri anatomici der erlauchten Lugduner Academie ernannt und bestallt worden. Was könnt Ihr Uebles fürchten von einem Manne in solchem Amte? Von einem Manne, dem irgend ein anderer nur unter einem wissenschaftlichen Rapporte wichtig seyn kann? Doch tretet einige Augenblicke mit mir zur Seite! Das was ich Euch zu sagen habe, muß Euch erfreuen, da es Euch eine höhere Achtung von Euch selbst einflöst, aber nur vier Ohren dürfen es hören und nur unter der dichten Hülle des Geheimnisses kann dieses Werk zum Ruhme der Universität — was sage ich? zur Glorie gesammter Generalstaaten gelingen!«
Tobias gewann bei dieser milden und schmeichelhaften Rede des Professors einigen Muth. Er überließ ihm ruhig seine Rechte, nach der jener gegriffen, und folgte ihm einige Schritte zur Seite.
»Wenn ich Euch, Myn Heer, ersuchte, Euer Testament zu machen,« hob nun der Professor in einem leisen, sehr freundlichen Ton an, »so sollte das nur eine Einleitung zu dem eigentlichen Gegenstande meiner Bitte seyn. Diese besteht nämlich darin: Ihr möchtet der illustern Universität Leyden und namentlich dem theatro anatomico daselbst ein Legat vermachen, das einem längst schmerzlich empfundenen Mangel abhelfen dürfte. Dieses Legat ist aber kein anderes, als das Euerer eigenen, hochwerthen Person!«
Wüthend wollte sich Herr van Vlieten von dem Professor losreißen, dieser aber hielt ihn fest und sah mit mildem Lächeln in das verzerrte Antlitz.
»Wie,« zürnte Tobias, dem die heftige Aufwallung des Unwillens die Sprache zu ersticken drohete, so daß er, statt zu schreien, wie er gern gewollt hätte, nur mit gepreßter Stimme reden konnte, »Ihr wagt es, mir dergleichen vorzuschlagen? Mir, der dem Doctor jährlich hundert Dukaten zahlt, daß er ihn durch Purganzen, Mixturen und Elixire noch lange am Leben erhält, sprecht Ihr von Testament und Tod? Wißt Ihr, daß dergleichen Redensarten ein Gift sind, das sich auf die edelsten Theile wirft und so den wirklichen, leibhaftigen Tod herbeiführen kann? Und dann — Ihr Schinder und Leichendieb untersteht Euch, mich für Euere Sägen und Messer zu verlangen, um mich nach meinem, will’s Gott! noch weit entfernten Hintritte, zu zerschneiden und zu zerarbeiten, wie einen Selbstmörder oder armen Sünder, mich, einen Mann, der im Rathe von Indien gesessen hat und Euresgleichen durch ein einziges Wort an den Galgen bringen konnte. Euch soll ja —«
»Ihr ereifert Euch umsonst, Myn Heer!« unterbrach mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit Eobanus Hazenbrook den Zürnenden. »Ihr befindet Euch in einem böslichen Irrthum und legt mir Absichten unter, die ich keinesweges hege. Man merkt Euch aber an, daß Ihr kein großer Philosophus seyd! Hättet Ihr dem Sprüchlein des alten Weisen: kenne dich selbst! Eingang in Euere Seele verstattet und danach Euere Gedanken geregelt, so müßte es Euch klar seyn, daß eine Figura, wie die Eurige, bei einer in usum juventutis unternommenen Section eine gar erbärmliche Rolle spielen würde. Nein, Myn Heer! Wir wollen höher mit Euch hinaus. Wir wollen Euch nicht zerstören, wir wollen Euch erhalten auf Jahrhunderte — was sage ich? — auf Jahrtausende hinaus!«
Tobias machte große Augen. Er schloß sich wieder enger an den Professor, eine schöne Hoffnung senkte sich in seine Brust, er lächelte freundlich und sagte im gefälligsten Tone:
»Wenn ich Euch jetzt recht verstehe, so habe ich Euch früher entsetzlich mißverstanden. Ihr hättet Gutes mit mir im Sinne, Ihr wolltet mich erhalten in saecula saeculorum, wie ihr Lateiner sagt? O, Myn Heer! Es kommt mir auf eine Metze voll Dukaten nicht an, wenn es ein so theueres Gut, wie das Leben gilt! Besäßet Ihr wirklich den Stein der Weisen, das Lebenselixir, das gegen den Tod stich-, hieb-, schuß- und krankheitsfest macht?«
»Allerdings,« versetzte sehr ernsthaft Eobanus, »besitze ich die Wissenschaft, Euern Körper vor den gewöhnlichen Zerstörungen, welche im Gange der Natur liegen, zu bewahren; doch erst nachdem der verehrungswürdige Geist die schlechte Hülle verlassen und sich in höhere Regionen aufgeschwungen hat. Sehet nicht finster drein, Myn Heer! Es ist auch etwas Seltenes, fortzuleben rein leiblich auf Erden, zur Bewunderung der Nachwelt. Diesen Vorzug will Euch Eobanus Hazenbrook bereiten. Höret mich noch einen Augenblick geduldig an und Alles soll Euch klar seyn. Unser museum rerum naturalium zu Leyden, dessen Custos ich zu seyn die Ehre habe, ist in allen Dingen wohl versehen und kann den ersten Sammlungen dieser Art in ganz Europa an die Seite gestellt werden. Es ist mein Alles, dieses Museum: meine Frau, mein Kind, mein Vater und Mutter, mein eigenes Ich! Nun denkt Euch meinen Schmerz, edler Herr, als vor einigen Jahren ein fremder Doctor darin erscheint, über Alles vornehm und wegwerfend hinblickt und zuletzt mit verächtlichem Tone erklärt: es sey doch Alles nur jämmerliche Rumpelwaare, da sich nicht einmal eine egyptische Mumie darunter befinde. Ich hätte dem Bösewichte einen vergifteten Pfeil von der Insel Java, den ich gerade in Händen hielt, ins Herz stoßen mögen. Aber ich bewältigte meinen Zorn, ich verschloß meinen Schmerz in diese Brust. Er hatte leider nur zu wahr gesprochen! Schon längst hatte ich den schmachvollen Mangel erkannt, aber ich gestand ihn nie und bemühete mich selbst, jeden Gedanken daran zu verbannen. Das war nun vorbei! Die Sehnsucht nach einer egyptischen Mumie nagte mir fort und fort am Herzen, ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe und verzehrte mich, wie einen schwächlichen Jüngling die erste, unerwiederte Liebe. O, Myn Heer, was liegt nicht Alles in einer egyptischen Mumie: Poesie und Geschichte in der wunderbarsten Hieroglyphik, Naturkunde einer fernen Vorzeit in köstlichen Spezereien und Balsamen, Wissenschaftslehre in deren chimischer Vereinigung und künstlicher Anwendung, Industrie eines fernen Jahrtausends in den umwickelten Webestoffen und noch so vieles Andere, das hier anzuführen die Zeit nicht erlaubt! Doch dieses Wenige, was ich hier angeführt, wird hinreichen, Euch mit hoher Achtung vor einer solchen Mumie zu erfüllen und Euch den Schmerz zu erklären, den ich empfinden mußte, als der malitiose Doctor bemerkte, ohne ein Mumienexemplar sey mein Museum eine Rumpelkammer. Mein ganzes Tichten und Trachten ging nun dahin, die gerügte, schmähliche Lücke auszufüllen. Ich schrieb Briefe, ich gab Aufträge, ich verschwendete Geld über Geld, ich schickte sogar einen eigenen Reisenden nach Egypten, daß er mir eine Mumie aus den Pyramiden verschaffen, im schlimmsten Falle stehlen sollte. Alles vergebens! Die Aufträge blieben unerfüllt, der Reisende wurde von räuberischen Arabern aufgefangen, ausgeplündert, mit Gewalt zum Islam bekehrt und dann in die Wüste geschleppt. Ich war der Verzweiflung nahe. Trostlos ging ich an den ersten Merkwürdigkeiten meines Musei vorüber, deren Anblick mich sonst in Entzücken versetzt hatte, ohne sie einer Beachtung zu würdigen. Die herrliche boa constrictor, die ich einst als meine theuerste Freundin, im süßen Wonnetaumel ans Herz gedrückt, das liebenswürdige Nilkrokodill, das ich oft durch Freudenthränen angelächelt hatte, waren jetzt für mich nicht mehr vorhanden. Ich trug nur eine Liebe, eine Sehnsucht im Herzen: die zu einer egyptischen Mumie. Da kam mir eines Abends, als ich traurig und sinnend auf dem Fußgestelle eines mir ehedem auch sehr werthen Elephantenskelett’s saß, der Gedanke, daß es wohl möglich sey, eine solche egyptische Mumie in vollkommener Aehnlichkeit, den Kennern selbst zur Täuschung, nachzumachen. Mein Herz flammte empor in neuer hoffnungsvoller Liebesgluth! Von den Flügeln der Sehnsucht und Hoffnung getragen eilte ich ins theatrum anatomicum. Hier hatte ich gerade einige der reizendsten Cadaver vorräthig, die noch je unter die Hände eines Prosectors gerathen. Ich ging ans Werk. Ich arbeitete viele Tage und Nächte, ich brachte endlich im tiefsten Geheimnisse eine Mumie zu Stande, die man keck aus dem Geschlechte der Pharaonen herdatiren konnte. Wer war glücklicher, als ich! Mit Begeisterung sah ich auf das gelungene Werk meines Fleißes. Mein Hoffen war erfüllt, mein Sehnen gestillt, das Ideal meiner Liebe war Wirklichkeit geworden. Aber, o Jammer! Nur wenige Tage währte mein süßer Traum, nur zu schnell verflog mein seliger Liebesrausch! Wie es schöne Weiber gibt, die unter der anmuthstrahlenden Hülle ein falsches, tückisches Innere verbergen, so war es auch mit meiner Geliebten der Fall. Noch entzückte mich die holdselige Gestalt, als schon die Furien von ihrem Innern Besitz genommen hatten. Die Theuere wurde mir ungetreu: sie gab sich der Verwesung hin. Ich beweinte sie lange und schmerzlich; aber ich verlor den Muth nicht. Bald erstand unter meinen Händen eine zweite Geliebte; doch ach! sie hatte dasselbe Schicksal, wie die frühere. Neue Versuche, neues Mißgeschick! Zuletzt erkannte ich mit bitterm Schmerze, daß das Wohlleben in unserm Lande, daß das Clima und noch viele andere Ursachen sich feindlich und zerstörend meinem Liebesglücke entgegensetzten. Jene heißen Winde, die in Egypten wehen, die Mäßigkeit der Einwohner, tausend andere Umstände, welche dort die Menschen schon als halbe Mumien sterben lassen, begünstigen das hohe Werk der Leibeserhaltung auf Jahrtausende hinaus. Nun sah ich mich allenthalben nach einem Menschenexemplare um, das alle Eigenschaften, alle Ansprüche, sterbend den uralten egyptischen Königsthron zu besteigen, besäße. Mein Streben, mein Wünschen, mein Sehnen waren bis heute vergebens. Aber, Myn Heer, wie wurde mir, als ich dieses gesegnete Ufer betrat, als Ihr der erste Gegenstand waret, den mein Auge traf, als ich in Euch Alles fand, was meinem liebebestürmten Herzen den alten Frieden wieder geben könnte? Per aspera ad astra! Ja, Myn Heer, Ihr seyd berufen, ein Enkel der Pharaonen zu werden und deshalb sollt Ihr Euch als Legat der illustern Lugduner Academie vermachen, daß Ihr durch meine Liebe, durch meine Kunst noch Jahrhunderte hindurch ein Gegenstand der Bewunderung und Verehrung seyd, nicht unter dem schnöden Namen eines Tobias van Vlieten, nein! unter einem erhabenen, welthistorischen, den Ihr selbst nach Belieben wählen könnt, Amenophis etwa, Tethmosis, Pherun, Cheops, Amasis, oder gar Sesostris« —
»Hol Euch der Teufel mit Euern Muhmen und Königen!« brach jetzt Tobias in überschäumender Wuth aus, indem er gewaltsam seine Hand der des Professors entriß. »Jetzt habe ich genug Eueres wahnwitzigen Geschwätzes, Euerer tolldreisten Zudringlichkeit und unverschämten Anträge. Ward dergleichen je erlebt in Europa, Asia, Africa oder in der neuen Welt? Ein Mann wie ich, ein Rath aus Indien, ein Bewindhebber in Rotterdam soll einem tollen Professor zu gefallen, nach seinem Tode eine egyptische Muhme werden? Jetzt trollt Euch Eueres Weges, Myn Heer Eobanus Hazenbrook, und wagt es nicht, Euch ferner freventlich an mich zu drängen! Dort kommt die Havenwacht und die soll mich von Euerer Gegenwart befreien, so wahr ich meinen ehrlichen Namen van Vlieten gegen keinen Amenophel, Seestritz oder Theemops vertausche!«
In der That nahete jetzt die Havenwache, die hier ein lautes Gespräch vernahm, mit schnellen Schritten. Der Professor fand nicht für gut, ihre Ankunft abzuwarten. Mit einem schweren Seufzer und den Worten:
»So lebe denn wohl, Grausamer, der ein liebevolles Herz so unempfindlich zurück stößt!« verschwand er, von seinen zwei Begleitern gefolgt, raschen Schrittes in die Abenddämmerung, die sich während seiner verunglückten Unterhandlung auf Stadt und Haven gesenkt hatte. In seinem Innern aber kam der Vorsatz zur Reife, den ersehnten Tobias immer unter geheimer Aufsicht zu halten und im erwünschten Falle seines etwaigen Ablebens, um jeden Preis und auf jeglichem Wege in seine Gewalt zu bringen.
Herr Tobias war erschöpft von dem unerwarteten, seltsamen Angriffe auf seine Person. Er nahm den Arm des Herrn van Daalen, welcher nur die Rolle eines stummen, aber verwunderungsvollen Zeugen gespielt hatte, um sich auf ihn zu stützen.
»Wenn das nicht mein Tod ist,« sagte er matt, »so bin ich von Stahl und Eisen. Ich verabschiede jeden Dienstboten, dem einmal durch Unvorsichtigkeit das Wörtchen »sterben« über die Lippe geht und wo ich einem Leichenbegängniß begegne, mache ich, wenn es seyn muß, einen halbstündigen Umweg, um nicht in seine Nähe zu kommen. O, Myn Heer van Daalen, Geld und Gut hat nur die Erde, das Himmelreich ist der Armen, wie in der Schrift steht, und in Armuth mag ich nun und nimmermehr verfallen! Führet mich nach Haus, Myn Heer! Zum erstenmale seit vielen Jahren kann ich heute die Abendgesellschaft im Prinzencollegium nicht besuchen. Was wird man dort denken von mir? Sie werden mich für krank oder gar für — schon gestorben halten!« Er sprach diese Worte mit wehmüthigem, weinerlichem Tone. Dann fügte er hinzu: »ja, kommt mit mir! Wir wollen daheim eine Schale Thee selbander trinken. Meine Clelia soll ihn bereiten. Das wird mich beruhigen, das wird mir meine Kräfte wiedergeben.«
Langsam und schweigend entfernten sich die beiden Handelsherrn vom Ufer der Maas. Herr van Vlieten mußte öfters stehen bleiben, um sich zur Fortsetzung des Weges zu stärken. So langten sie erst nach einer halben Stunde vor seiner Wohnung an, obschon diese nur in einer kleinen Entfernung vom Haven lag.
2.
In der stattlichen Wohnstube des van Vlieten’schen Hauses saß Jungfrau van Vlieten allein und suchte sich, wie es gehen wollte, die Langeweile zu vertreiben. Sie zählte bald die Fensterscheiben, sie ließ einen flüchtigen Blick über die tausendmal gesehenen Figuren des chinesischen Wandgetäfels hingleiten, sie betrachtete dann auch wohl einige Momente lang die beiden Pagoden, die nickend in den Ecken des Zimmers standen, oder das große, seltsam gestaltete ostindische Götzenbild, das ihr Vater, aus einer besonderen Liebhaberei, aus Asien mitgebracht und im Hintergrunde des Gemaches aufgestellt hatte. Es begann ihr unheimlich zu werden in der wunderlichen Umgebung. Sie glaubte, das Dämmerlicht der wenigen Kerzen, die in dem Zimmer brannten, ließ ihr heute besonders die sonst gewohnten Gegenstände in neuer beunruhigender Weise erscheinen. Sie zündete noch mehr Kerzen an, sie umstellte das Götzenbild, das ihr so grauenhaft noch nie vorgekommen war, mit vielen brennenden Lichtern, sie zwang sich zu dem Muthe, in das Innere des hohlen Bildes hineinzuleuchten, um sich zu überzeugen, daß hier niemand verborgen sey. Aber weder die vermehrte Erhellung, noch die erkünstelte Verwegenheit, reichten hin, sie nur auf die kurze Dauer einer Viertelstunde gegen die furchterweckenden Eindrücke der einmal bedeutungsvoll gewordenen Gegenstände zu wappnen. Die gläsernen Augen des Schiwa oder Brama schienen drohend aus dem widrigen Menschenhaupte, das auf einem Thierrumpfe saß, auf sie herabzublicken; der Götze schien die erhabenen Arme mit den kralligen Tatzen nach ihr auszustrecken. Clelia mußte die Blicke von ihm abwenden. Zitternd schwankte sie ans Fenster und sah in den dämmernden Abend hinaus. Ein Seufzer hob ihre schöne Brust. Sie war nicht groß, aber schlank und zart gewachsen. Sie besaß eine Leichtigkeit der Bewegungen, die in einem Lande, wo sie beim schönen Geschlechte ebenso selten ist, wie beim starken, um so mehr auffallen mußte. Ihr Angesicht war regelmäßig und fein gebildet, ihre Augen waren groß und schmachtend, ihr Haar von seltener Schönheit und die rothen Rosen auf den südlich dunkeln Wangen gaben ihr einen ganz eigenthümlichen Reiz.
Sie schien jemand zu erwarten: Bei jedem Geräusche, das auf den Gängen vor dem Zimmer entstand, horchte sie aufmerksam hin. Oft wurde ihre Erwartung getäuscht. Dann zeigte sich neben dem Ausdrucke der Furcht, noch der des Unmuths in den Zügen des lieblichen Antlitzes. Endlich nahm sie ihren Platz vor dem zierlich aus Rosenholz gearbeiteten Spinnrade ein, einem Werkzeuge, das in jener Zeit, statt der bisher gebräuchlichen Spindel, bei den Damen sehr in Aufnahme gekommen war und durch sein tacktmäßiges Schnurren in der That die etwa lästig erregte Aufmerksamkeit zerstreuen und die Gedankenlosigkeit befördern konnte. Aber aus dem Angesichte der schönen Clelia wollte ein Zug, der Unruhe und Verlegenheit ausdrückte, nicht verschwinden. Sie lauschte noch immer unter dem Spinnen auf, sie schrack bei einem kleinen Geräusche zusammen, sie sah sich ängstlich um.
Da hörte sie mit einemmale einen leisen aber raschen Fußtritt auf dem Gange. Sie ließ die Hand sinken, sie blickte voll Spannung nach der Thüre. Die Rosen auf ihren Wangen wurden so glühend, daß ihr Roth das ganze Antlitz einnahm; das ungestümer schlagende Herz hob in unruhigen Bewegungen die jugendliche Brust. Der Kommende mußte mit Hoffen und Zagen, mit Wünschen und Bangen erwartet worden seyn!
»Clelia!« flüsterte eine gedämpfte Stimme durch die Thürspalte. »Darf ich eintreten?«
Das Mädchen war nicht im Stande zu antworten. Sie that schwankend einige Schritte nach der Thüre hin, ein tiefer Seufzer entrang sich der beengten Brust. Ihre Augen hafteten ängstlich an dem Eingange, in welchem jetzt mit leisem schwebendem Schritte und vorsichtig spähendem Blicke, ein schlank gewachsener junger Mann erschien, der so geschmackvoll und anständig gekleidet war, als es sich nur mit der Sitte der damaligen Zeit vertragen wollte.
»Herr Cornelius,« hatte jetzt Clelia Kraft zu stammeln. »Ihr wagt es dennoch — trotz meiner Bitte — wenn der Vater —«
»Beruhigt Euch, theuere Jungfrau,« erwiederte schnellzüngig der junge van Daalen, indem er mit einer leichten und anmuthigen Bewegung vor ihr stand. »Der werthe Vater steigt in diesem Augenblicke mit dem meinigen am Haven umher und höchst wahrscheinlich sind beide in sehr tiefsinnige Gespräche, die unser beiderseitiges Glück betreffen, verflochten. Von da spazieren die zwei wohlmögenden Handelsheern, wie es ihre auf viele Jahre hin gestellte Lebensuhr will, in’s Prinzencollegium, um dort bei einem Dutzend oder noch mehr Tassen Thee, die Franzosen zu Land und die Spanier zur See zu schlagen. Mögen Sie es thun! Mögen sie tausend Kanonen und hundert Linienschiffe erobern, ohne einen Tropfen Blutes zu vergießen, ich entsage gern dem wilden Waffenwerke, der Fahne des unruhigen Kriegsgottes, um mich zu beugen unter die Macht Amors, des freundlichen Liebesgottes. Ja, holdselige Clelia! Als ich zum erstenmale Eure anmuthige Gestalt sah, da hatte ich in einem Augenblicke alle Gedanken an Waffenruhm, an Ehre im Felde, an Lust und Jubel im Kriegslager rein vergessen. Wenn ich sonst nur immer von erschlagenen Franzosen, von angesehenen Gefangenen, von Lobeserhebungen meiner Vorgesetzten träumte, so sah ich jetzt im Traume nur Euer liebliches Bild, nur Euch, wie ich Euch aus der Kirche heimführte, als meine wohlleibliche Ehefrau, ich hörte nur Euere Stimme, die mich mit süßen, wohlklingenden Namen nannte. Aber, Ihr sagt nichts, mein theueres Bräutlein? Keine Silbe geht über Eueren Purpurmund und ich hoffe und harre vergebens eines freundlichen Grußes, eines gütigen Willkommen!«
»Kann man denn zu Wort kommen vor Euch, Herr Cornelius?« versetzte lächelnd, aber dennoch schüchtern Clelia. »Und überdem bin ich auch böse auf Euch, denn Ihr habt meinem Wunsche, nicht hierher zu kommen zu dieser Stunde, entgegen gehandelt.«
»Bei allem Glücke Oraniens!« rief mit Lebhaftigkeit der junge Mann. »Ich verehre Euch zu sehr, um selbst Euerer Rede zu trauen, wenn sie in derselben Viertelstunde das zurücknehmen will, was sie kurz zuvor gestattet. Nein, verehrte Jungfrau! Ihr könnt nicht von sträflichem Wankelmuth, von unbeständigem Leichtsinn regiert werden. Ihr sprecht wenig, aber Ihr denkt desto mehr und was Ihr einmal bedacht und überlegt habt, das ist gewißlich das Rechte und ich leiste ihm Folge, ob auch tausend Gegenbefehle kämen! Wer flüsterte mir ein trauliches Ja zu, als ich Sonntags Nachmittag an der Kirchthüre um die Erlaubniß zu diesem Besuche bat? Ihr waret es, Holdseligste! Was Ihr später, als ich Euch einige Schritte weit begleitete, gesagt habt, mag ich gar nicht gehört haben und lasse es in der Nacht der Vergessenheit begraben seyn. Ich habe mir nur einen Vorwurf zu machen. Es ist der, zu spät gekommen zu seyn. Aber da muß mein böses Schicksal, gerade als ich das Haus verlassen will, unsern Buchhalter, den alten Hoontschoten, von weiter Reise zurückführen, da nimmt mich der alte Mensch beim Kragen, jammert und heult mir Dinge vor, von denen ich kein Wort begreife, bis ich ihm endlich verständlich mache, daß mein Vater im Prinzencollegium ist, daß er dorthin gehn und seinen Jammer anbringen soll, wo er ohne Zweifel mehr Aufmerksamkeit und Begriffähigkeit dafür finden würde. Der seltsame Kauz war ganz außer sich. Ich habe ihn noch nie so gesehen und ich fürchte sehr, er wird mit seinen Litaneyen meinem Vater den beliebten Thee in betrübten Wermuthtrank verwandeln. Ach, Clelia,« fuhr der Gesprächige mit einem Seufzer fort, der ernsthaft seyn sollte, aber, indem er seinen Ursprung aus einem heitern Character nicht verleugnen konnte, eher komisch ausfiel: »welche Leiden hat doch die Liebe in ihrem Gefolge! Da ist die gespenstige Eifersucht, da ist Zweifelsucht, da ist die übele Nachrede anderer. Ja, liebwertheste Jungfrau, es giebt Leute, welche behaupten, wir paßten nicht für einander, weil Ihr viel denkt und wenig sprecht, und ich gerade das Gegentheil von diesen beiden Dingen thue. Welche Thorheit, oder gar welche Bosheit aus schwarzem Neide entsproßen! Eben um dieser Ursachen willen sind wir ganz für einander geboren. Ihr denkt für mich und ich spreche für Euch. So wandeln wir vereinigt durch’s Leben und jeder sorgt und handelt für den andern, lebt nur in diesem, vergißt sich selbst und ist so in der einzigen und wahren Liebe, welche allein die Sterblichen beglücken kann! Ach, wie viele unglückliche Ehen gäbe es weniger in der Welt, wenn jedermann in der Wahl des zu liebenden Gegenstandes so vernünftig zu Werke ginge, wie wir!«
Langsam und unter dem Scheine der Unabsichtlichkeit war indessen Clelia mit ihrem Verehrer zu der Fensternische geschritten, in der zwei Sessel standen, auf denen sie nun einander gegenüber Platz nahmen.
»Es ist wahr, Herr Cornelius,« begann jetzt Clelia in einem ruhigen und gemessenen Tone, »daß mein Vater von der Möglichkeit einer Verbindung zwischen uns beiden mit mir gesprochen hat, aber er hat mir auch nicht verhehlt, daß erst gewisse Bedingungen, die er mir nicht nennen wollte, erfüllt seyn müßten, ehe er sein Jawort in einer bestimmten Weise geben könne. Ich bin Euch von Herzen gewogen, Ihr habt ein gutes Herz, ein treues und offenes Gemüth. Ich glaube, daß ich glücklich mit Euch werden kann. Aber Ihr müßt immer bedenken, daß wir noch nicht am Ziele stehen, daß Alles noch sehr ungewiß ist. Deshalb müßt Ihr auch meinen Ruf schonen, nicht so oft an unserm Hause vorübergehn und heraufschauen, mich nicht an der Kirchthüre erwarten, auf der Straße mir nicht auflauern und geheimnißvoll zu mir flüstern. Euch recht dringend darum zu ersuchen, war allein die Ursache, daß ich Euere Gegenwart verlangte, was ich gleich nachher bereuete, da es doch auch zu übelm Leumund Anlaß geben kann. Aber ich bitte Euch recht sehr Herr Cornelius, bedenkt was ich Euch gesagt habe!«
»O, das abscheuliche Denken!« rief Cornelius, indem er sich mit einer Gebehrde des Unmuths durch das krause Lockenhaar fuhr. »Fordert Alles von mir, vieltheuere Clelia, nur das nicht! Soll ich Euch irgend einen französischen Oberoffizier mitten aus seinen Leuten herausholen, mit Roß und Waffen? Bei dem Glücke Oraniens, Ihr sollt ihn haben! Befehlt sonst ein Wagstück, ein Unternehmen, bei dem es Blut und Leben gilt: Cornelius van Daalen, gewesener Hauptmann König Wilhelms, wird keinen Augenblick zaudern. Aber Denken? Das scheint mir gerade so schwer, wie Sprechen leicht! Auch ist es sicherlich in den weisen Einrichtungen der Natur nicht so begründet, wie das Sprechen. Gibt es doch unvernünftige Vögel, welche zum Sprechen abgerichtet werden können, ohne daß es noch je möglich gewesen wäre, sie auf einen gescheidten Gedanken zu bringen. Wenn ich mir einmal ein Herz fasse und mich bemühe zu denken, dann geht’s mir, wie den Krebsen, und ich schreite mit meinen Gedanken rückwärts in die Vergangenheit, statt vorwärts in die Zukunft hinein, in die ich eigentlich wollte. Dann fallen mir tausend dumme Streiche ein, die ich begangen habe, und noch mehr übereilte, zu denen ich mich in der Gutmüthigkeit meines Herzens hinreißen ließ und die meinen Vater Geld genug kosten. Dann ärgere ich mich und verschwöre das Denken auf lange hin. Glaubt mir, sehr theuere Jungfrau, es ist höchst weise von unsern Vätern gethan, daß sie für uns Geld und Gut in Fülle zusammengescharrt und gespart haben; denn, wenn wir von dem zehren sollten, was ich durch Denken und Speculiren aufzubringen vermöchte, als ein wohl ehrsamer Handels-Patron, so würde nicht allein das Salz auf dem Brode, sondern auch das Brod unter dem Salze fehlen. Aber Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich mich, Euerm Wunsche zu Folge, in meinem Betragen ändern werde, bis die gestrengen Väter das Facit des Rechenexempels, das sie mit uns beiden anstellen, gezogen haben. Ihr werdet mich nicht mehr in der Kirchenthüre sehn, sondern in der Kirche selbst, wohin mich die christliche Pflicht ruft; ich werde Euch nicht mehr auf offener Straße anreden, sondern höchstens in einem verborgenen Gäßchen; ich werde bei der Fensterpromenade nicht mehr gerade zu Euern Fenstern hinaufschauen, sondern höchstens nur etwas Weniges hinaufblinzeln.«
»Eine schöne Besserung!« lächelte Clelia. »Ich aber werde dazuthun, sie zu einer wirklichen zu machen. In der Kirche gibt es auch vergitterte Betstühle, verborgene Gäßchen werde ich zu vermeiden wissen, und meinen Sitz am Fenster werde ich in die Mitte des Zimmers verlegen.«
»Welche strafbare Vorsätze!« rief Cornelius, indem er von seinem Sitze aufsprang. »Insubordination und Rebellion! Bei dem Degen des großen Marlborough! indem Ihr Euch zu meiner Liebsten bekannt, habt Ihr zu meiner Fahne geschworen und der dürft Ihr nicht untreu werden durch kaltes Zurückziehn, listige Winkelzüge und muthlose Flucht. Ich werde nach Kriegsgebrauch mit Euch verfahren. Ich werde Euch vor ein Gericht stellen, dessen Präsident, Beisitzer und Ankläger ich in einer Person seyn werde. Alles geht rasch nach Kriegsmanier. Ihr werdet verurtheilt, arquebusirt zu werden und das geschähe ohne Gnade und Barmherzigkeit, wenn ich mich nicht im letzten Augenblicke, da Ihr schon auf dem Sandhügel knieet, um den tödlichen Schuß zu empfangen, bereit erklärte, Euch zu heirathen, was bekanntlich ebenfalls nach einem alten Soldatenherkommen, den armen Sünder von der Todesstrafe retten kann. Doch Holland und Oranien! was höre ich?« unterbrach er plötzlich aufhorchend sich selbst. »Das ist Eueres Vaters Stimme, das ist die des meinigen, oder ich habe nie Pulver gerochen! Sie sind schon auf der Treppe, gleich wird sich die Thüre öffnen und wir werden die wohlmögenden Heern erscheinen sehen.«
Während Cornelius noch sprach, waren seine Blicke im Zimmer nach einem Verstecke umhergeflogen. Clelia war keines Wortes mächtig, sie zitterte und mußte sich an der Fensterbank halten. Schon scharrte es vor der Zimmerthüre, schon wurde die Klinke ergriffen und man vernahm deutlich die beiden Herren, wie einer den andern zum Voranschreiten nöthigte. Es war kein Augenblick zu verlieren. Mit einem raschen Sprunge flog jetzt Cornelius zu dem Götzenbilde; indem die Thüre aufging und die kleine, runde Gestalt des Herrn van Daalen sich hereinschob, schlüpfte dessen liebe- und lebenslustiger Sohn in das Innere des indischen Heiligthums.
Herr Jan ließ einige forschende und befremdete Blicke im Zimmer umherschweifen. Er besaß ein sehr scharfes Gehör und hatte vor der Thüre deutlich die Stimme seines Sohnes im Innern des Gemaches vernommen. Er kannte ihn hinlänglich, um ihm den verwegenen Versuch eines Stelldicheins mit Jungfrau Clelia van Vlieten zuzutrauen. Er sah auf das Mädchen, er gewahrte ihre Verlegenheit, er war seiner Sache gewiß. Aber wo war Cornelius hingekommen? Das Zimmer besaß nur die eine Thüre, durch welche die Väter es betreten hatten. Nirgends war ein Behältniß, eine verhängte Stelle zu bemerken, wo Cornelius ein Versteck gefunden haben konnte. Da fielen Herrn Jan’s Blicke auf das Götzenbild, da sah er hinter dessen gläsernen Augen etwas Bewegliches und nun wußte er auch, welche Kriegslist der theuere Cornelius angewandt habe, sich dem unerwarteten Rencontre mit dem Gegner zu entziehn.
Bedeutungsvoll lächelnd näherte sich der alte Herr van Daalen der zagenden Jungfrau, bedauerte sehr, wenn sein, zu dieser Stunde ungewöhnlicher Besuch sie in irgend einer angenehmen Beschäftigung gestört habe und sprach die Hoffnung aus, daß sie wohl Zeit und Gelegenheit finden werde, solche verlorene Augenblicke wieder einzuholen. Clelia erröthete über und über. Sie sah sich verrathen; sie vermochte kein Wort zu erwiedern.
Mit einem sehr jammervollen Gesichte trat jetzt ihr Vater zu ihr heran.
»Clötje,« — so pflegte Herr Tobias den Namen Clelia zu verniedlichen — sagte er weinerlich, »besorge uns Thee: viel und stark! Thue auch Zimmet und Gewürznelken hinein, damit er mich erwärme, denn es schüttelt ein Fieberfrost meine Glieder und eine wunderliche Sehnsucht, wie ich noch nie empfunden, wandelt mich an, um die Mittagsstunde in heißer Sonnenhitze auf dem Plätzchen vor meiner Plantage am Fluße Jakkatarg, wo ich ungehorsame Sklaven oft zur Strafe den glühenden Mittagsstrahlen preißgab, zu liegen, ohne ein schattendes Obdach, einschlürfend und gierig einsaugend jeden senkrecht niederfallenden Sonnenstrahl.«
Langsam entfernte sich die Tochter. Es war ihr lieb, sich unter einem guten Vorwande der drückenden Gegenwart der beiden Männer entziehen zu können, aber sie fühlte sich auch zugleich von Besorgnissen um den versteckten Cornelius, den leicht ein Zufall verrathen konnte, bewegt. Sie warf, als sie schon an der Thüre stand, einen ängstlichen Blick auf das Götzenbild. Da lächelte ihr Herr van Daalen freundlich zu und machte, während der Vater seine Augen nachdenklich zu Boden geschlagen hatte, eine beruhigende Bewegung mit der Rechten, die dem Mädchen sagte: daß er mit im Einverständnisse sey und schon sorgen wolle für eine sichere Bewahrung des Geheimnisses. Dennoch verließ sie mit schwerem Herzen das Gemach.
»Dieser entsetzliche Professor Eobanus Hazenbrook!« hob Herr van Vlieten in einem sehr wehemüthigen Tone an, nachdem er sich mit seinem alten Freunde an einem chinesischen Tischchen in der Mitte des Zimmers niedergelassen hatte. »Womit habe ich ihn gekränkt, daß er Gift und Galle in mein Herz schüttet, daß er mit boshaften, tückischen Worten mich an das schauderhafte Ende alles Zeitlichen mahnt und mit einemmale alle Standhaftigkeit meiner Seele niederwirft und da, wo Aufklärung und Muth herrschten, Grauen und Furcht säet? Ach, Myn Heer van Daalen, seit vielen Jahren habe ich kein Wörtchen von Tod und Sterben gehört, ich habe jeden Gedanken daran sorglich fern gehalten, und war in den schönen Traum eingewiegt, ich könne gar nie sterben und würde mich ewiglich des Lebens und seiner Güter erfreuen! Dies herrliche Gebäude der leiblichen Unsterblichkeit ist nun wie weggeblasen durch den mörderischen Odem des schauderhaften Hazenbrook. Er hat mir es angethan, ich bin wie umgewandelt, Todesfurcht liegt mir in allen Gliedern und wohin ich sehe, erblicke ich Gespenster. Ach, Myn Heer und Freund, habt die Gefälligkeit und nehmt meinen Platz ein! Ich kann es nicht ertragen, wie mich das häßliche Götzenbild, mir gerade gegenüber, mit starren Blicken anglotzt. Das ist das erstemal in meinem Leben, daß ich mich davor fürchte, aber es ist auch heute, als stäke etwas Besonderes drin und manchmal dünkt es mich, als gewönnen die Glasaugen Leben und schleuderten Blitze in mein bebendes Herz herab!«
Herr van Daalen war gleich erbötig, mit Tobias den Platz zu wechseln. Er hatte schon Anfangs, als sie sich niederließen, sich bemüht an diese Stelle zu kommen, damit das Versteck des Sohnes nicht zu sehr den Blicken des Herrn van Vlieten ausgesetzt sey; aber der alte Herr hatte so fest Posto gefaßt, daß es jenem nicht gelang, ihn vom Flecke zu mannoeuvriren. Jetzt änderte sich Alles von selbst, wie Herr Jan es wünschte, und von seinem Vater hatte der verborgene Bewohner des Bildes nichts zu fürchten.
»Schon oft,« sagte Tobias jetzt in dem kleinlauten Tone, zu dem ihn der Antrag des Professors herabgestimmt hatte, »sind mir von dem Domine unseres Kirchsprengels Vorwürfe gemacht worden, daß ich, als ein christlicher Kauf- und Handelsheer, den heidnischen Brama, Schiwa, Vischnu, oder wie sonst die Teufelsfratze heißen mag, innerhalb meiner vier Wände aufgestellt habe. Ich lachte darüber und versicherte den Domine, ich sähe das seltsame Götzenbildniß nicht anders an, als eine Curiosität, wie etwa die chinesischen Pagoden dort im Winkel, oder ein Gemälde von einem unserer berühmten Maler, welche die Kirmessen so getreulich dargestellt haben. Ich achtete nicht auf das Kopfschütteln des geistlichen Heern, was er sagte, schien mir eitel Thorheit und Aberglaube. Aber Uebermuth bestraft sich selbst! Ich sehe die Sache jetzt ganz anders an, wie früher. Man soll den Bösen nicht an die Wand malen! Daß ich dem ehrenwerthen Domine so schnöde begegnen konnte, war sicherlich schon eine Eingebung des Satans mit den glotzenden Glasaugen, der dort hinten auf dem Piedestale steht. Wißt Ihr was, Myn Heer van Daalen? Ich habe große Lust, meinen Gewissensbissen wegen dieser Sache mit einemmale ein Ende zu machen. Ich werde meinen Leuten rufen, daß sie den Vischnu in tausend Stücke zerhauen und ihn ökonomisch verwenden auf dem Heerde, um eine christliche Suppe daran zu kochen.«
Er war schon im Begriff aufzustehen, als Herr van Daalen, rasch den kurzen Arm über den Tisch streckend, ihn zurückhielt.
»Um Gotteswillen, thut das nicht!« rief dieser mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. »Wer weiß, ob so ein Ding, aus Zorn über ein solches Unterfangen, die Macht, die es in Indien exerciert, dann nicht einmal auch hier üben möchte, so daß Euch und Euerem Hause entsetzliches Unglück daraus entstünde. Wahrhaftig! mir kommt es schon vor, als verdrehe es die Augen und richte sie mit drohendem Ausdrucke auf uns. Myn Heer van Vlieten, gebt der Vernunft Gehör! Laßt heute das garstige Bild in Ruhe. Ein anderes Mal, wenn der Domine dabei ist, um durch geistliches Wort und Gebet den Höllenhund zu bändigen, mögt Ihr’s versuchen; uns zwei armen Sündern, die immer mehr dem Weltlichen, wie dem Geistlichen ergeben gewesen, dürfte er übermächtig seyn. Er ist ein häßlicher Kerl, der Schiwa oder wie Ihr ihn nennt. Er verdreht schon wieder die Augen, er bewegt den Mund —«
In diesem Augenblicke ließ sich in der That ein tiefer Seufzer aus dem Innern des Götzenbildes vernehmen. Cornelius fühlte seine Brust beklemmt in dem engen Behältnisse; es ward ihm schwer, Odem zu schöpfen. Die Anstrengung, welche er hierzu verwenden mußte, brachte jenen Ton hervor, den sein Vater bemerkte und der Herrn Tobias schnell von seinem Sitze auf und in einem weiten Sprunge nach der Thüre hintrieb.
»Der Teufel ist los und wird uns gleich am Kragen haben!« schrie er entsetzt. »Gleich steigt er herab von seinem Postamente, auf das ich Unglücklicher ihn erhoben habe. Ich sehe ihn schon durch das Zimmer schreiten, ich höre sein furchtbares Trappeln hinter mir her, Trepp’ auf, Trepp’ ab, durch alle Gänge des Hauses, wenn ich ihm zu entrinnen suche — ich bin ein verlorener Mann, denn er hat mich! Der Domine muß herbei, der allein kann helfen.«
Cornelius erstickte beinahe vor unterdrücktem Lachen in seiner dunkeln Verborgenheit. Er konnte nicht so sehr Herr seiner einmal erregten Lachlust werden, daß nicht wiederum sein Kichern vernommen worden wäre. Herr Tobias glaubte in diesen Tönen die Vorboten von dem ausbrechenden Zorne des Heidengötzen zu erkennen. Er achtete nicht auf Herrn van Daalen, der mit beruhigender Gebehrde ihm nachschritt, er sah nicht das Lächeln, das sich wider dessen Willen, auf seinem runden Angesichte zeigte. »Fort, fort!« war der einzige Gedanke, dessen er fähig war. Er riß die Thüre auf, er wollte hinausstürzen; da stürmte ihm von außen herein eine fremde Gestalt entgegen, von neuem Entsetzen ergriffen prallte er zurück, in die Arme des hinter ihm stehenden Handelsherrn.
»Der Satan hat Genossen!« stammelte er. »Der Rückzug ist uns abgeschnitten.«
Aber Herr Jan wurde in diesem Augenblicke bleicher, als Tobias. Seine Augen starrten mit Blicken des Schreckens und der ängstlichsten Erwartung den Hereintretenden an. Jeder Zug des heimlichen Spottes, jedes Lächeln war aus seinem Antlitze verschwunden. Angst, Verzweiflung und Entsetzen sprachen aus seinem ganzen Aeußeren. Er hatte den sogenannten Genossen des Satans erkannt: es war sein alter Buchhalter, Jeremias Hoontschoten, der mit dem kläglichsten Jammergesichte von der Welt vor ihm stand.
»Ich bin da, gestrenger Patron!« wimmerte Jeremias. »Aber meine werthe Person und die wenigen Fetzen, welche ich auf dem Leibe trage, sind auch Alles, was ich mitbringe aus Mexiko. Die reichste Silberflotte, die je über den Ocean gekommen, ist gekapert worden im Haven von Vigos und zweimalhunderttausend Stück Dukaten, die meinem hochedeln Heern angehört, sind in die schmutzigen Hände der Matrosen gefallen. Sie fanden ebenso guten Cours bei den Engländern, wie bei unsern eigenen Leuten und wenn ich diesen versicherte, sie seyen das Eigenthum meines wohlmögenden Prinzipals, des Herrn Jan van Daalen in Rotterdam, so behaupteten sie dagegen mit einem wahrhaft teuflischen Gelächter: das sey erlogen, die Dukaten gehörten ihnen und wenn der Herr van Daalen sie haben wolle, so solle er sie nur von ihnen abfordern. O, mein hochedler Patron, ich habe mich ihnen zu Füßen geworfen, ich habe geheult, wie ein altes Weib, für die Dukaten! Aber die Tigerherzen waren nicht zu rühren. Sie spotteten meiner und schimpften mich einen spanischen Holländer, den man von Rechtswegen aufknüpfen müsse.«
Herr Jan blieb stumm. Er konnte die Größe der Schreckenspost, die ihm gebracht wurde, nicht fassen. Tobias war dagegen ganz Ohr geworden. Bei dem Blicke, den er mit einemmale in das Handelsgeheimniß des Herrn van Daalen warf, hatte er den Domine, den Götzen sammt dem Gottseybeiuns vergessen. So war denn endlich entschleiert, was der geheimnißvolle Patron im Stillen getrieben, so wußte man denn nun, nach so vielem vergeblichen Sinnen und Rathen, wodurch er Geld und Gut gewonnen! Er war, wie viele andere niederländische Kaufleute, bei den spanischen Gold- und Silberflotten interessirt gewesen, indessen war der Krieg zwischen Spanien und Holland ausgebrochen, die vereinigten Holländer und Engländer nahmen die spanischen Schiffe, wo sie sie fanden, und durch einen besonders glücklichen Zufall gerieth ihnen auch die im Haven von Vigos liegende reich beladene Flotte in die Hände.
»Also von dort her erwartetet Ihr die zweimalhunderttausend Dukaten, welche die Differenz in der Mitgift ausgleichen sollten?« sagte jetzt mit finsterem Angesichte und in einem sehr gedehnten Tone Herr van Vlieten. »Und sie sind nun hin und fort und werden eingehen am Nimmerstage, wo alle insolvente Gläubiger ihre Wechsel bezahlen? Lasset zu Euch reden, Myn Heer van Daalen, wie es mir ums Herz ist in dieser Sache! Euere ganze Handelschaft ist eitel Schwindelwesen und Ihr habt mehr Glück als Verstand gehabt, daß Ihr nicht schon längst zu Grunde gegangen seyd. Zucker und Kaffee, das ist solid, aber Schmuggelei mit dem spanischen Erbfeinde kann nicht Segen haben auf die Dauer! Freilich ist es Euch noch gut genug gegangen, daß Ihr durch die Kriegsjahre und Kriegstroublen glücklich hindurch gesegelt seyd mit Euern Silberschiffen; allein der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht, und Ihr gemahnt mich jetzt gerade, wie so ein zerbrochener Krug, der keinen Henkel mehr hat, an dem ihn unsereins anfassen mag, und dem der Boden ausgefallen ist, auf dem der Inhalt geruhet.«
Der Handelsherr, an welchen diese Worte gerichtet waren, hatte indessen einigermaßen die verlorene Fassung wiedergewonnen. Er sah ein, daß er noch ohne die zweimalhunderttausend Stück Dukaten ein reicher Mann blieb, er ahnete aber auch zugleich, daß diese unausgefüllte Lücke in seiner Casse eine Kluft bilden könnte, welche sich störend zwischen die Verbindung der Häuser van Vlieten und van Daalen drängen dürfte. In dieser schlimmen Ahnung wurde er durch die Reden des Herrn Tobias noch bestärkt. Er warf einen zornigen Blick auf den Buchhalter:
»Hoontschoten, Er ist ein Esel!« sagte er ingrimmig. »Wäre Er nicht so alt, daß Ihm die Natur bald den Abschied aus dem Leben geben dürfte, so gäb ich Ihm den Abschied aus dem Dienste.«
»Mein Gott und Heer!« versetzte bebend Jeremias: »worin habe ich denn gefehlt? Gebot es nicht Pflicht und Gewissen, meinen wohlmögenden Patron sogleich in Kenntniß zu setzen von einem solchen Unglücksfalle? Und darin habe ich nicht gesäumt, nach den schwachen Kräften, welche mir mein Alter vergönnt. Ich habe Euch gesucht wie eine Stecknadel, im Hause und am Haven, im Prinzencollegium und am Boompjes, bis mich endlich ein scharmanter Herr, ein Professor aus Leyden, dem ich Euere und Herrn van Vlietens Personen weitläuftig beschreiben mußte, hierher verwieß.«
»Verdammter Hazenbrook!« schalt Herr Tobias für sich hin, und die große Ader auf seiner Stirn schwoll in zorniger Erinnerung höher an: »Das Gespenst des verruchten Professors verfolgt mich allenthalben und wenn ich mir ihn einmal aus dem Sinne geschlagen habe, so bringt ihn mir ein verwünschter Zufall wieder in den Wurf.«
»Ich hätte Ihn nicht für so dumm gehalten, Hoontschoten!« zürnte indessen der alte van Daalen zu seinem Untergebenen. »Er meint noch Wunder wie gut er’s gemacht hat und wäre am Ende im Stande gewesen, die Sache auf dem großen Markte auszuschreien! Myn Heer van Vlieten,« wandte er sich jetzt gänzlich umgewandelt, mit sanfter Stimme und lächelndem Angesichte, zu diesem: »der Verlust einer solchen Kleinigkeit wird keinen Einfluß auf Euere gütigen Gesinnungen für mich und meinen Cornelius haben, wir bleiben die besten Freunde, wie bisher, und Clötje wird meine Tochter und Cornel Euer Sohn.«
»Prosit!« versetzte mit einem herben Gesichte Herr Tobias. »Aus der Heirath kann ein für allemal nichts werden, wenn die Gelder nicht bis auf einen Deut al pari stehen, und dazu ist, unter den gegenwärtigen Auspicien, auf lange hin kein Anschein. Lebt wohl, Myn Heer van Daalen! Siebenmalhunderttausend ist das Wort. Ohne das geht die Braut nicht fort. Da habt Ihr in Reimen meine Meinung. Gott befohlen, Heer Jan! Ich kann meinen Thee allein trinken. Besucht mich über’s Jahr wieder!«
»Wie?« rief der Fortgewiesene mit einer Miene, in der sich Staunen und Unwille aussprachen: »Ihr wollt das alte Freundschaftsband zerreißen; Ihr könntet um des lumpigen Geldes Willen die edlern Gefühle des Herzens verleugnen? Thut das nicht, Myn Heer Tobias! Fürchtet die Rache Schiwa’s, unter dessen Augen Ihr diesen Frevel begeht!«
In seiner Herzensangst griff Herr van Daalen zu diesem letzten Mittel, die Furcht des Widerwilligen auf’s Neue zu erregen und sie zum Hülfsweg bei dem Sturme auf Tobias Herz anzuwenden. Dieser aber hatte, unter den neu eingetretenen Umständen, das Entsetzen, welches ihm der Götze früher eingeflößt, rein vergessen und rief im Fortgehen:
»Was Schiwa, was Brama! Geld ist die Bank. Morgen brennt der Schiwa im Ofen und auf dem Herde und der Kaffee, der an dem Satan gekocht wird, soll mir wohl schmecken. Trag den Thee in mein Zimmer, Clötje!« herrschte er der entgegentretenden Tochter zu, die mit großem Schrecken den Zorn des Vaters wahrnahm und im ersten Augenblicke sich und den Geliebten verrathen glaubte. »Herr van Daalen wird uns ein anderes Mal die Ehre schenken, heute trinke ich allein.«
Er schritt so rasch nach seinem Zimmer, daß ihm die gehorchende Clelia kaum folgen konnte. Herrn van Daalens Geduld war nun auch erschöpft. Ohne weiter des Sohnes im Schiwa zu gedenken, stürmte er die Treppe hinab und zum Hause hinaus. Aengstlich und sehr gedrückt trippelte der Buchhalter hinter ihm her.
»Er ist an Allem schuld, Tölpel!« schrie ihn noch auf der Straße Herr Jan an. »Warum hat Er erstlich die entsetzliche Dummheit begangen, sich die zweimalhunderttausend Dukaten nehmen zu lassen, warum begeht Er zweitens die noch entsetzlichere, die ganze Geschichte im Beiseyn des unersättlichen van Vlieten auszuplaudern?«
Jetzt erst ging dem armen Jeremias Hoontschoten ein Licht auf. Er hatte bisher nicht einmal geahnt, warum sein hochedler Prinzipal ihm zürne. Nun sah er es ein und es kam auch zugleich eine solche Reue über ihn, daß er anfing zu weinen und laut zu schluchzen. Er machte sich selbst im jämmerlichsten Tone die heftigsten Vorwürfe über seine unzeitige Schwatzhaftigkeit. Er gerieth nach und nach in eine so verzweiflungsvolle Stimmung, daß Herr van Daalen, der im Grunde ein sehr gutes Herz besaß, bald sehr gerührt wurde und in der Furcht, der alte Mann könne sich ein Leid thun, ihn zu trösten begann. Es fruchtete aber Alles nichts. Jeremias gebehrdete sich immer kläglicher, das mitfühlende Herz seines Patrons wurde immer weicher, er mußte am Ende auch weinen und als Beiden der Hausknecht die Thüre des van Daalenschen Hauses auf ihr Klopfen öffnete, war dieser nicht wenig erstaunt, seinen Gebieter und den alten Buchhalter in Thränen auf der Straße zu finden.
3.
Clelia van Vlieten war ein Mädchen von einigem Verstand und einiger Ueberlegungskraft, aber nur für die gewöhnlichen Fälle ihrer sehr beschränkten Lebensweise. Wenn Junker Cornelius ihr darüber etwas Schmeichelhaftes sagte, so lag der Grund dazu theils in seiner eigenen, einem liebenden Herzen entsprossenen Ueberzeugung, theils in dem allgemeinen Glauben der Rotterdammer, des reichen van Vlietens Clötje müsse, so wie ein Wunder an Schönheit, auch eins an Verstand seyn. Clelia hatte selbst, da man sie sehr oft in dieser Beziehung ins Gesicht gelobt und niemand in ihrem Hause und in dem Kreise ihrer Bekanntinnen ihr entgegenstand, den sie übersehen hätte, eine nicht geringe Meinung von ihren geistigen Fähigkeiten in sich aufgenommen. Diese reichten auch völlig für die häuslichen Geschäfte, für den Umgang mit dem Vater und den Freundinnen aus; trug sich aber etwas Außerordentliches zu, wurde sie von einem unerwarteten Ereignisse beängstigender oder erschreckender Art überrascht, so war es in einem Augenblicke vorbei mit ihrer Gedankenfähigkeit, sie war dann willenlos, Alles wurde ihr zu einem Gegenstande unklarer Besorgniß und sie folgte dann, ohne nachsinnen, ohne überlegen zu können, jedem Rathe, der ihr eben gegeben wurde und den sie vielleicht in einer andern ruhigen Stunde unbedingt verworfen haben würde. Die Ursache dieses Mangels an Selbstständigkeit war ohne Zweifel ihre beschränkte Erziehung und der einförmige Gang ihres Lebens, in dem ein Tag wie der andere, ohne die mindeste Abweichung von der einmal eingeführten Ordnung, verstrich. Der lebhafte Cornelius zeichnete sich durch seine körperlichen Vorzüge und durch die Gewandtheit seines Betragens zu sehr von den wenigen übrigen jungen Männern ihrer Bekanntschaft aus, um nicht, da er ihr auch sonst in Hinsicht auf die Glücksumstände seines Vaters am Nächsten stand, von ihr mit günstigen Blicken betrachtet zu werden. Die kecke Art und Weise, mit der er sich ihr näherte, seine heitere Laune und die leichte, aber doch zarte Anknüpfung eines innigeren Verhältnisses von seiner Seite, hatten ihr ganz und gar nicht mißfallen. Nur als er nach und nach anfing sich zu vergessen, als er länger bei ihr auf der Straße und in der Kirchthüre verweilte, als früher, und sein trauliches Flüstern zu van Vlietens Clötje’n die Aufmerksamkeit der Leute erregte, da begann das Mädchen nachzudenken und zu überlegen, und kam zu jenem Resultate, das den leichtgestimmten und auch ziemlich leichtsinnigen Cornelius in die chinesische Stube ihres Vaterhauses, in den Leib des Schiwa führte und sie selbst in eine Bestürzung brachte, die von dem eben beschriebenen Zustande der Gedankenunfähigkeit begleitet war.
Sie saß wie auf Kohlen ihrem Vater gegenüber im kleinen Gemache, das fern von dem Zimmer war, in dem sie den Geliebten zurückgelassen hatte. Ihre Hand zitterte, als sie dem alten Herrn den Thee kredenzte. Sie hatte den Zucker vergessen und er trank in seiner Aufgeregtheit den Thee hinunter, ohne das zu bemerken. Clelia sah bei aller Betretenheit wohl ein, daß ihr Vater einen gewaltigen Groll gegen die van Daalen im Herzen berge, aber sie wußte die Ursache nicht und vermochte jetzt auch nicht darüber nachzusinnen. Einzelne Ausrufungen, die er unter dem Theetrinken ausstieß, gaben ebensowenig einen weitern Aufschluß. Dieser Ausrufungen waren ohnehin nur drei, und so kräftig sie sich vernehmen ließen, so wenig klärten sie die Sache selbst auf. Als Herr Tobias die erste Tasse getrunken hatte, stieß er die chinesische Porzellanschale klirrend auf den Tisch und sagte im Tone heftiger Erbitterung: »Der Windmacher!« Bei der zweiten rief er ingrimmig: »Der Schwindelkrämer!« Die dritte ließ er unberührt stehn, indem er wild schrie: »Der Lump!« und dann hastig, ohne Clelia die gewöhnliche gute Nacht zu wünschen, in sein Schlafzimmer eilte, das er hinter sich verschloß.
In dumpfer, unklarer Erstarrung sah die Tochter ihm nach. Das hatte sie noch nie erlebt. Um zweier Tassen Thee willen, hatte es ihr Vater noch nie der Mühe werth gefunden, sich niederzusetzen; nur wenn er sein volles Dutzend genossen, bedurfte es einiger Ueberredung, ihn noch zu etlichen Schalen zu bewegen. Selten aber widerstand er einer solchen Ueberredung, oft wartete er sie kaum ab. Heute war das nun ganz anders gewesen, heute hatte Herr van Vlieten, zum erstenmale seit der Tochter Gedenken, das Prinzencollegium versäumt, nur wenigen Thee getrunken und seiner Clötje keine gute Nacht gegeben! Schreckliche Dinge mußten vorgegangen seyn, die den pünktlichen Mann aus seinem gewöhnlichen Lebensgleise rissen! Schreckliches erwartete gewiß die Tochter, wenn Tobias erst zur Besonnenheit, zu einem Entschlusse gekommen war!
Sie schlich schwankend aus dem Zimmer, wo die unterbrochene Theepartie statt gefunden hatte. In den Gängen des Hauses war es still und einsam. Das Gesinde befand sich in den Gemächern des Erdgeschosses. Wenn Herr Tobias sich einmal in seine Zimmer zurückgezogen hatte, so durften in der Regel die Diener keine Störung von seiner Seite mehr erwarten. Clelia war in einer Sinnenbetäubung, in der sie nur mit Mühe einen Gedanken, den an den versteckten Cornelius, festhalten konnte. Das Licht, das sie in der Hand trug, erschien ihr wie ein ferner, dämmernder Schein. Die Schläge ihres Herzens waren so stark, daß sie ihre Brust beengten und das geängstigte Mädchen einigemale stehen bleiben mußte, um Odem zu schöpfen. Endlich hatte sie die Thüre des großen Gemaches, das mit dem Schiwa und den chinesischen Wackelköpfen auch den gewesenen Kriegshauptmann Cornelius mit seinem unbesonnenen Feuerkopfe beherrbergte, erreicht. Ihre Hand fiel mechanisch auf den Griff der Thüre und diese öffnete sich.
Da zeigte sich ihrem ersten Blicke, der besorgt in das kerzenerhellte Zimmer fiel, der stillgeliebte Freund ihrer Seele. Er saß in einer sehr tiefsinnigen Haltung auf dem Postamente des Götzenbildes, mit untergeschlagenen Armen, mit niedergesenktem Haupte. Bei dem Eintritte Clelia’s machte er eine geringe Bewegung, die aber nur andeutete, daß er sie bemerkt habe. Er ließ die Zitternde auf sich losschreiten, er sagte kein Wort und verließ seinen Platz nicht. Als sie endlich mit dem blaßen, zerstörten Antlitze vor ihm stand, sah er die schweigende Jungfrau ebenfalls schweigend einige Augenblicke lang an, schüttelte dann mit dem Haupte und ließ aus tiefster Brust einen laut durch das Gemach klagenden Seufzer vernehmen. Sein Angesicht war dabei in ernste Falten verzogen, eine Wolke des Unmuths schwebte auf seiner Stirne, seine Augen, seine ganze Gebehrde, strebten Kummer und Wehmuth auszusprechen; allein ein anderer, der nicht so befangen und fassungslos, wie Clelia, gewesen wäre, hätte dieses ganze Aeußere als eine Larve und den Schalk hinter ihr erkannt.
»Um Gott, was fehlt Euch, Junker Cornelius?« fragte zitternd und zagend das Mädchen. »Wenn unsereins seufzt, so geschieht es gar vielemale nur zum Zeitvertreibe, wenn Ihr aber anfangt, so jämmerlich zu thun und zu stöhnen, so muß der Welt Untergang nahe seyn!«
»Er ist nahe;« versetzte dumpf und eintönig der junge Mann. »Ist unsere Liebe nicht unsere Welt? Bei dem Marschallsstabe des Prinzen Eugenius! so ist es und man hat unserer Liebe den Untergang geschworen. Ohne Liebe kann die Welt nicht bestehen. Sie geht unter: die Sonne erlischt, die Sterne sind ausgebrannt, die Erde fällt in Stücken.«
Er hatte diese letzten Worte mit einem mächtigen Pathos ausgesprochen und beobachtete nun die Wirkung, welche sie auf Clelia hervorbrachten. Sie war noch bleicher geworden, sie zitterte noch mehr. Cornelius sah ein, daß sie sich jetzt in jenem Zustand befand, wo sie keiner Ueberlegung fähig sey und den er zur Ausführung eines unbesonnen und leichtsinnig von ihm entworfenen Planes gerade geeignet fand.
»Ja, theuere Clelia,« fuhr er in einem Tone der Rührung und Weichheit fort, der ihm sehr schwer fiel, »man will uns trennen. Nicht für Tage, für Monden, für Jahre, nein! für das ganze Leben. Und um welcher nichtswürdigen Ursachen willen? Um welches elenden Dinges willen, das nicht einmal wagt, sich am Lichte des Tages zu zeigen, das mit Gewalt erst aus seiner dunkeln Verborgenheit hervorgerissen, gewaschen und geschlagen, zur Ehrlichkeit geprägt und gestempelt werden muß, damit es in der honetten Welt erscheinen kann? O, Gold, Gold, wie kann doch deine Macht die edelsten Herzen tirannisch und hart machen, die trefflichsten Gemüther, wahre Lammesnaturen, in grausame Tigerseelen verwandeln! Ja, Clelia, wir sollen getrennt werden. Als ich verborgen stand im Leibe des Schiwa, als ich durch seine großen Glasaugen, wie durch Fenster hinabsah in dieses Gemach, als ich unsere Väter hier erblickte, als der alte würdige Jeremias Hoontschoten zu ihnen getreten war, um ihnen eine Hiobspost zu verkündigen, als da im Ueberdrange der Leidenschaften ihre Seelen auf ihre Lippen traten — da, Clelia, liebwertheste Jungfrau — da habe ich schauderhafte Dinge gehört!«
Hier machte Cornelius wiederum eine Effectpause, die ganz seiner Absicht entsprach. Clelia sank wie erschöpft in einen Sessel. Dumpf lag es in ihrem Kopfe, ihre Erkenntniß war unklar, sie glaubte jetzt Alles, womit Cornelius drohen konnte, sie empfand nur die Furcht vor den schrecklichen Eröffnungen, die sie von ihrem Freunde zu erwarten hatte.
»Sagt mir Alles!« bebte es endlich über ihre Lippen. »Wenn der Vater sich von mir oder gar gegen mich wendet, so habe ich ja keinen andern Beistand auf der Welt, als Euch!«
»Leider ist es so;« versetzte mit großem Ernste, zu dem der schalkhafte Ausdruck der Augen gar nicht einstimmen wollte, der junge van Daalen. »Aber was auch geschehe, was auch Euch Schweres auferlegt werde, verlaßt Euch auf meine Hülfe, auf meine Liebe! Ja, wenn es selbst Euer grausamer Vater so weit triebe, seine entsetzliche Drohung wahr zu machen, Euch von der Gemeinschaft derjenigen zu entfernen, mit denen Ihr einen und denselben beruhigenden Glauben getheilt, wenn er Euch hinter Mauern, hinter Riegel, hinter Eisenstäbe verwahrt hielte, selbst dann soll mein Beistand Euch nicht fern bleiben. Ich werde Eueren Kerker aufzufinden wissen, und wäre er in der ödesten Einsamkeit, wohin nie eines Menschenfuß sich verirrt, ich werde die Mauern stürzen, die Riegel zertrümmern, die Eisenstäbe brechen und Euch als Preis, als überschwenglichen Lohn meiner thätigen, unerschrocknen Liebe davon tragen!«
»Aber, mein Gott!« fragte in der höchsten Beängstigung, und die schreckenvollen Blicke auf Cornelius heftend, das Mädchen: »Trägt denn der Vater wirklich so Arges gegen mich im Sinne? Will er mich einsperren in ein gräßliches Gefängniß, wo ich verlassen und ganz allein bin mit meinem Jammer und meiner Verzweiflung? Was habe ich denn verbrochen, das eine so entsetzliche Strafe verdiente?«
»Fragt danach die Tirannei?« deklamirte pathetisch Cornelius. Dann stieg er von seinem erhabenen Platze herab, setzte sich neben Clelia nieder und fuhr im zärtlichsten Tone fort. »Theure Clelia! der einzige Freund, den Du auf Erden besitzest, spricht jetzt zu Dir und wird Dir ein Geheimniß entdecken, das Dich geistig und leiblich mit einem Verderben bedroht, dem Du nur durch ein Mittel, auf einem Wege entgehn kannst. Du liebst Deinen Vater, Du achtest ihn, aber — erschrick nicht — er ist ein geheimer Catholik.«
»Entsetzlich!« rief van Vlietens Tochter, die in diesen Augenblicken die Leichtgläubigkeit selbst war. »Und davon habe ich nie etwas bemerkt, nie etwas geahnt.«
»Er wußte es klug zu verbergen;« sagte Cornelius mit einiger Verlegenheit. »Aber oft, meine Geliebte, warest Du doch Zeuge, wenn der ehrwürdige Domine unserer Gemeinde ihn ermahnte, nicht von der rechten Lehre abzuweichen, wenn er in leichtverständlichen Andeutungen ihm Lauheit und Gleichgültigkeit vorwarf. Glaube mir: der Mann hat einen scharfen Blick und sah durch das Geheimniß. Ich weiß es erst seit diesem Abende. Während seines Aufenthaltes in Indien muß Dein Vater in irgend einer portugiesischen Niederlassung, vielleicht in Goa, seinen Uebertritt bewerkstelligt haben. Er verrieth sich, als Hoontschoten die Unglücksnachricht brachte, daß mein Vater ein Paar tausend Dukaten weniger in seiner Casse zähle, als Heer Tobias. Zum größten Unglück schien er auch mich in meinem Verstecke wahrzunehmen. Da brach er los in unbändiger Wuth. Er schwur, daß Du nimmer die Meinige werden solltest, daß er Mittel in Händen habe, unsere Hoffnungen für immer zu vereiteln, daß er beim heiligen Franz von Assisi — merke wohl auf, Theuerste, er schwor bei einem katholischen Heiligen — Dich nach Brabant bringen, dort Dich zwingen wolle, ebenfalls katholisch zu werden, damit er Dich in ein Kloster stecken könne, wo Du dann in einem langen, einsamen und von allen Weltfreuden abgeschlossenen Leben von meinen Zudringlichkeiten nichts mehr zu befürchten haben würdest. So sprach der Schreckliche! Eine Nonne sollst Du werden, Holdseligste. Eine Nonne! Bedenke wohl, was alles Entsetzliches in der Bedeutung dieses Wortes liegt!«
»Es ist nicht möglich!« stöhnte Clelia, starr vor sich hin brütend. »O mein Kopf, mein armer Kopf! Das ist Alles so wild und verwirrt auf mich eingestürmt, daß ich ganz betäubt, ganz wüst im Gehirn bin. Ich kann nicht bedenken, warum diese Dinge so sind, ich höre nur das Entsetzliche und ich muß es glauben, ich muß es in mich aufnehmen, ich muß es schrecklich empfinden, ohne es prüfen, ohne ihm einen Widerstand entgegensetzen zu können. Verlaßt mich nicht, Junker Cornelius! Gebt mir Rath, leistet mir Beistand. Eher den Tod, als von meinem Glauben lassen! Meinem Vater habe ich Pflichten, aber meinem Schöpfer auch, und, wo es das bessere himmlische Theil gilt, da muß das irdische nachstehn.«
»Das ist auch meine Meinung;« stimmte der junge Mann in einem unsichern Tone ein. Er fühlte sich durch Clelias Zustand gerührt. Er machte sich Vorwürfe über den Leichtsinn, mit dem er an ein in der That strafbares Unternehmen gegangen war, er war nahe daran, sich zu verrathen. Da aber führte die Einbildungskraft ihm ein lockendes Gemälde der Zukunft vor: er sah sich als den Gatten des geliebten Mädchens im beglückten Hausstande, in dem Fluge eines Augenblickes gingen alle Reize, alles Wünschenswerthe des Gattenlebens mit Clelia an seiner Seele vorüber, und — jetzt sank mit einemmale dieses schöne Bild, das allein der wohlausgesonnene Plan verwirklichen konnte, in seine Nichtigkeit zurück, wie ein grausam täuschender Traum, und er mußte des geldgierigen Tobias gedenken, der dem minder Reichen nimmer die Tochter vergönnen, sie vielleicht dem ersten besten Bewindhebber aus Amsterdam oder einem nach Indien gehenden Rathe hingeboten würde! Alle Zweifel, alle Bedenklichkeiten verschwanden. Er beschloß, das einmal begonnene Unternehmen standhaft zu Ende zu bringen und fuhr nun, indem er die Larve des Mitleidens und der liebevollen Theilnahme fester vornahm, zu Clelia herabgebeugt fort: »Du befindest Dich in einer entsetzlichen Lage, Theuerste, aber sie ist doch nicht so verzweifelt, daß wir ringsum forschten und kein Rettungsmittel erspähen könnten. Bei dem Seeruhme Ruyter’s und de Tromp’s! Cornelius van Daalen ist der Mann, der hier zu helfen weiß und helfen wird. Im Hause Deines Vaters darfst Du nicht bleiben. Er selbst hat Dir Thüre und Thore geöffnet mit seinem Abfalle vom rechten Glauben, mit seiner mehr als schrecklichen Drohung, Dich zu einer Nonne zu machen. Deine Pflicht erfordert, daß Du Dein Seelenheil rettest. Hier ist nichts zu bedenken, nichts zu überlegen. Nur eins thut noth: Entziehung aus tyrannischer Gewalt. Höre meinen Plan, Geliebte! Höre was Dein Cornelius ersonnen hat, Dir zu helfen! Nahe bei der guten Stadt Mastricht wohnt die einzige noch lebende Verwandte Deines Vaters, Deine Muhme, die ehrenwerthe Jungfrau Jacobea van Vlieten. Ich lag bei ihr im Quartiere in Kriegszeiten. Sie ist ein vortreffliches Frauenzimmer, von den festesten Religionsbegriffen, und wie sehr sie Dich liebt, wie sehr sie wünscht, Dich zum Besuche bei sich zu sehen, das weißt Du am Besten aus ihren Briefen. Zu ihr lasse Dich führen von mir. Hier droht Dir geistiges und leibliches Verderben, dort wartet Dein himmlischer und irdischer Friede. Die Barke eines meiner Freunde liegt gerüstet und segelfertig im Haven. Mit dem ersten Strahle der Sonne ist sie bestimmt, nach Antwerpen abzugehn. Er nimmt uns freudig auf, ein günstiger Wind führt uns an ein Ufer, wo Du nichts mehr von der Grausamkeit eines Mannes zu befürchten hast, der den von seinen Vätern ererbten heiligen Glauben verleugnen konnte und auch Dir die Seligkeit rauben will, die er für sich selbst nicht mehr hoffen darf.«
Clelia begriff von Allem, was Cornelius sagte, Nichts, als daß die Reise zu der Muhme sie von dem schrecklichen, gefürchteten Abfalle von der rechten Lehre erretten, vor dem ihr durch tausend schauderhafte Erzählungen furchtbar gemachten Klosterzwange schützen solle. Sie dachte nicht an Cornelius, nicht an ihre Liebe. Sie war in der strengsten Gottesfurcht, in der beschränktesten Ansicht der Religion, wie sie damals in den Niederlanden nach den schärfsten Grundsätzen der reformirten Lehre geübt wurde, auferzogen. Ihr Glaube galt ihr mehr, als ihr Leben, mehr als Vater und Geliebter.
»Ja, ich muß fort, ich muß zu der Muhme!« stammelte sie, indem sie beide Hände des jungen Mannes, wie ein Schiffbrüchiger das letzte Rettungswerkzeug, ergriff. »Ich will Euch für meinen guten Engel ansehen, wenn Ihr mich dorthin führt, Junker Cornelius. Aber allein — nein! ich darf nicht allein gehn. Philippintje, die Hausjungfer, muß mit. Sie ist eine gute, gottesfürchtige Person und ging mir zu Liebe, wer weiß, wohin! Kommt, lieber Junker! Wir wollen Philippintje aufsuchen.«
Das war nun freilich eine Aenderung in dem Plane des jungen Mannes, auf die er nicht gerechnet hatte. Dennoch hoffte er, daß auch die Verflechtung dieser dritten Person in das unbesonnene Unternehmen glücklich von statten gehen werde. Philippintje war eine alte Jungfer, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte. Jedesmal wenn sie in das Zimmer trat, wo das Götzenbild stand, gerieth sie in einen heiligen Eifer. Sie disputirte heftig mit Herrn Tobias, sie verlangte, daß das unchristliche Bild fortgeschafft würde aus dem christlichen Hause, aber Herr Tobias steigerte dann gewöhnlich noch ihren Zorn, indem er sie auslachte und um, wie es früher seine Lust war, sich recht aufgeklärt zu zeigen, die Meinung aussprach: alle Religionen seyen gut und der Anbeter des Brama wie der des Mahomet, käme so gut in seinen Himmel, wie der Christ in den seinigen, wenn er es anders verdiene. Diese oft aufgestellte Behauptung hatte zuletzt die starkgläubige Wallonin erbittert, sie sagte gar nichts mehr über den Schiwa, aber sie lebte nun in der festen Ueberzeugung, daß, was Religionsangelegenheiten betreffe, Herr van Vlieten, zu Allem fähig sey.
Clelia zog den etwas bedenklich gewordenen Cornelius mit sich nach dem Schlafzimmer Philippintje’s fort. Der Weg führte sie durch das Gemach, wo früher Clelia ihrem Vater den Thee kredenzt hatte, wo noch dessen dritte Tasse unberührt auf dem Tische stand. Das Mädchen riß sich mit einem Seufzer von ihrem Führer los. Sie schwankte an die Thüre des väterlichen Schlafzimmers, sie lauschte, sie vernahm die Odemzüge des Schlafenden.
»Er kann schlafen und trägt so arge Gedanken im Herzen!« stöhnte Clelia.
Da erklang des Vaters Stimme im Nebengemache und er sprach mit dumpfem Tone im Traume:
»Ja, ja, er soll und muß verbrannt werden, der Störer meines Hausfriedens! Wie will ich mich ergötzen, wenn ich ihn aufflammen sehe in lichter Lohe!«
»Im Traume ist Wahrheit;« flüsterte Cornelius, der hinter Clelia getreten war, dieser zu. »Er spricht von mir. Mir gilt die Drohung mit dem entsetzlichen Autodafé. Er möchte gern die Inquisition in unserm Lande eingeführt wissen. Das muß Euch die Wahrheit meiner Behauptung verbürgen.«
Der junge Mann hielt für gut die Sprache der Leidenschaft, in der er bisher die betäubte Clelia bestürmt, jetzt, da er sie für seine Absicht gewonnen, herabzustimmen und zugleich das vertrauliche Du wieder in das ehrerbietigere Ihr zu verwandeln. Er fürchtete Philippintje’s Scharfblick. Sie hätte leicht entdecken können, daß die Liebe mehr Theil an seinen Rathschlägen und seinem Verfahren habe, als Noth thue, und dann wäre sie wohl auch ebenso leicht auf die Vermuthung gekommen, das Ganze sey nur eine eitle Vorspieglung gewesen, um ihre jugendliche Gebieterin dem väterlichen Hause zu entführen. Zeigte er sich aber immer innerhalb den Schranken der Ehrerbietung, brachte er nur seinen Abscheu vor der schrecklichen Glaubensverläugnung, vor der beabsichtigten Gewaltthat des Vaters gegen die Tochter in Anschlag; so konnte er überzeugt seyn, in Philippintje eine ebenso treue Helferin zu finden, als sie ein gutes und strengrechtgläubiges Mitglied der reformirten Kirche war.
Philippintje hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben, als ihr liebes Clötje, bleich und mit allen Zeichen großer Beängstigung, zu ihr in das Schlafgemach trat. Vor der Thüre harrte Cornelius mit pochendem Herzen auf den Erfolg der gewiß überraschenden Mittheilung. Von diesem Augenblicke hing Alles ab. Sah Philippintje hell genug, um sein dreistes Lügengewebe zu durchdringen, wurde sie nicht gleich Anfangs durch die Entdeckung, daß sie bisher einem heimlichen Katholiken ihre Dienste gewidmet, in ihren reizbarsten Empfindungen berührt und mit Blindheit geschlagen, so war nicht allein Alles vergebens gewesen, so mußte Cornelius selbst fürchten, seiner unbesonnenen Täuschung wegen, Clelia’s Gunst für immer verscherzt zu haben und nie wieder auf eine Hand Anspruch machen zu dürfen, deren Besitz, hätte sie auch nicht einen Goldschatz von siebenmalhunderttausend Dukaten gehalten, ihm den höchsten Zweck seines Lebens galt.
»Bei dem letzten Kanonenschusse, der einst in der Welt gethan werden wird!« sagte er, indem er sein Ohr zum Schlüßelloche neigte. »Ich will lieber vor einer geöffneten Batterie stehen, als in einer solchen Lage vor der Schlafkammerthüre einer alten Jungfer. Was ist es doch für eine schöne Sache um ein gutes Gewissen! Stehe ich nicht hier, wie ein armer Sünder, der den Beilschlag von Meister Kopfab erwartet auf dem Hochgerichte? Und woher kommt das ganze Unglück? Vom Denken, vom verwünschten bösartigen Denken! Da vergeß ich unglücklicherweise nur einen Augenblick meiner guten Gewohnheit, auch wenn ich allein bin, mir nur vorzuschwatzen, und das fatale Denken erwischt mich beim Kragen und flüstert mir tolles Zeug ein und treibt es zur Ausführung, ich mag wollen oder nicht. Und nun steht mir eben das Denken wieder als mein schlimmster Feind gegenüber, denn wenn die holdselige Philippintje anfängt zu denken, so ist’s aus mit meinen schönen Entwürfen, und meine blühenden Hoffnungen sterben ab im Nachtfroste.«
Aber in diesem Augenblicke erhob sich im Innern des Schlafgemachs heftig und schneidend die Stimme der Hausjungfer:
»Der Nebukadnezar, der Antichrist, der Rebell gegen Gottes Wort! O ich habe es längst gewußt, daß er den rechten Glauben abgeschworen hat, denn er zählt Sonntags lieber die Zuckerhüte, die im Gewölbe liegen, als die Zuckersprüche, die der hochwürdige Domine spendet! Hast Du es je erlebt, daß er zur Kirche gegangen wäre, meine Clötje? Hält er christliche Betstunde Abends im Hause, wie es sich geziemt für einen rechtgläubigen Patron und Handelsmann? Aber ich glaubte immer, er sey nur ein Heide, ein Götzenanbeter, so ein Chinese oder Kamschadale, nun ist er gar das Allerschlimmste, ein Römischer, ein Belialskind, der Antichrist selbst! Keinen Augenblick bleibe ich länger in dem verruchten Hause. Und du, Clötje, du bist sein Kind nicht mehr. Er hat sich losgesagt von dir, als er sich der entsetzlichen Babel hingegeben, er ist dein ärgster Feind geworden, da er im Sinne trägt, dich zu verderben an deinem himmlischen Seelenheil. Eine Nonne! Kind, weißt du, was das sagen will? Nein, du kannst es nicht wissen, aber ich sage dir, die Qualen, welche die Verdammten in der Hölle leiden, sind köstlich, wie Zucker und Milchcaffee, gegen das Leben im Kloster.«
Jetzt sprach wieder Clelia mit ihrer furchtsamen und weichen Stimme. Cornelius konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber es dauerte nicht lange, so wurde Philippintje’s Redeton wieder hörbar, und der Lauscher vernahm Alles so deutlich, als wenn er der ehrbaren Jungfrau gegenüberstünde:
»Wie, verbrennen will er den Junker Cornelius, den schmucken, braven Menschen, der mir jeden Sonntag in der Kirchthüre den freundlichsten und höflichsten Gruß bietet, wie ihn ein sittsames Mädchen annehmen darf? Dafür wollen wir thun. Gewiß trägt der Pontius Pilatus im Sinn, ihn in das hintere Magazin zu verlocken, wo Pech und Schwefel in Haufen liegt, dann heimlich die ganze Geschichte in Brand zu setzen und den lieben Jungen, der an nichts Arges denkt, einzusperren und so seinem Höllenglauben zum Opfer zu bringen! Ja, mein Clötje, du hast an Junker Cornelius einen wahren Freund! Er hat dir gut, er hat dir recht gerathen. Wir wollen fort, wir wollen zur frommen Muhme in die Fremde! Besser, daß der sterbliche Leib in Gefahren und Beschwerden komme, als die unsterbliche Seele! Gehe, mein Clötje, mit dem guten Junker! Ich will indessen das Nothwendigste einpacken: Erbstücke von deiner Mutter selig und meine geringe Habe. Am Haven finde ich euch wieder. Der Judas Ischarioth soll dich nicht verrathen, mein Herzenskind, und den schmucken Cornelius! Wir wollen auch nichts mitnehmen von seinem Eigenthum. Es soll ihm Alles verbleiben — dem Belial!«
Cornelius richtete sich schnell auf aus seiner lauschenden Stellung, denn in jedem Augenblicke konnte jetzt die ehrbare Jungfrau Philippintje hervortreten. Er hörte weinen. Clelia war es, der die Trennung aus dem väterlichen Hause Thränen erpreßte. Sie hatte ihr Angesicht an die Brust der treuen Alten gelegt, die sie noch als Kind gekannt und liebevoll verpflegt. Philippintje aber tröstete sie mit frommen Bibelsprüchen, meinte, es sey einmal nicht anders und sie müsse nun den lieben Gott als Vater annehmen, da Herr Tobias sich dem Bösen verschrieben habe. Sie trieb dann das geängstigte Mädchen zum Fortgehen und öffnete selbst rasch die Thüre, vor der, mit einer tiefen Verbeugung ihr zugewandt, der junge van Daalen stand.
»Da habt Ihr sie, hochedler Junker!« redete ihn Philippintje an. »Gott hat Euch wunderbar zu ihrem Schutzengel erwählt. Führet sie aus dem Hause der Sünde an Bord der Arche Noah, welche die Auserwählten trägt. In wenigen Augenblicken folge ich Euch nach. Mein Himmel, wer hätte das gedacht, daß wir einmal bei Nacht und Nebel aus dem väterlichen Hause, aus der guten Stadt Rotterdam entfliehen müßten!«
Nachdem Philippintje noch ein Weilchen mit Jammern und Schelten ihr Herz erleichtert hatte, hüllte sie ihr liebes Clötje in einen warmen Mantel und brachte die beiden jungen Leute vorsichtig und leise an eine Hinterthüre des Hauses, die sie mit dem Hauptschlüssel öffnete. Hier wurden die nöthigen Verabredungen genommen, Philippintje erfuhr den Namen des Schiffes und Cornelius erklärte ihr auf’s Genaueste, wo es liege.
»Ich will Euch schon finden!« sagte sie. »Hat sich doch Alles so wunderbar und sichtlich unter der Führung des Himmels gefügt, daß wir in kleinen Dingen nicht furchtsam seyn dürfen. Wir ziehen aus Egypten in’s Land Gosen. Unser Pharao aber ist mit Blindheit geschlagen und es bedarf der Zeichen und Wunder nicht, ihn zu bändigen. Sei getrost, mein Clötje! hebe dein Haupt empor, mit dem lieblichen Antlitze, dessen du dich nicht zu schämen brauchst. Es wird Alles gut gehen. Die wohledle Jacobea ist fromm und gottesfürchtig. Sie ist deine nahe Blutsverwandte, ihr Haus und ihre Arme stehen dir offen. Weine nicht, zittre nicht und suche dich zu erheitern. Da, hochverehrter Junker, leihet Ihr Euern Arm, unterstützt sie hülfreich, damit ihr in ihrer gegenwärtigen Schwäche der Rettungsgang nicht so schwer falle.«
»Ach, Philippintje,« seufzte Clelia, »ich vermag jetzt nichts zu denken und über nichts nachzusinnen! Aber wenn auch meine Religion mich forttreibt aus der Heimathsstätte und es fest in mir steht, daß ich meinem Herrgott nicht untreu werden darf in irgend einer Weise, so schießt oft wie ein Blitz ein Gefühl in mein Herz, als begehe ich ein großes Unrecht in dieser Stunde!«
»Behüte, behüte!« versicherte, zu des betroffenen Cornelius großer Beruhigung, Philippintje. »Tritt in Frieden und Ruhe den Weg zur Rettung deiner Seele an. Du weißt, Herzenskind, wie gut ich’s mit dir meine. Sind wir erst bei der Muhme, dann wollen wir dem Baalspriester schon die Bedingungen stellen, unter denen wir wieder zurückkehren. Dann muß der Schiwa aus dem Hause und der Domine muß jeden Mittag mit uns essen und christliche Gebete halten zur Besserung des alten Heiden. Fort, nur fort, mein Kind! Die Bösen haben keine Ruhe im Gewissen, Tag und Nacht. Wer weiß, ob ihn nicht der innere Unfriede hertreibt und dann ist die Nonnenschaft gewiß und das Brandopfer in Pech und Schwefel.«
Cornelius war in seinem Leichtsinne nahe daran, sich durch ein kaum unterdrücktes Kichern zu verrathen. Fast mit Gewalt von Philippintje fortgedrängt, die sogleich die Hausthüre hinter den Beiden verschloß, schwankte Clelia, auf den Arm des Geliebten gestützt, durch die einsame, dunkle Straße. Das Glockenspiel vom nahen Thurme zeigte die Mitternachtsstunde an. Ein Schauer ergriff das Mädchen und sie schloß sich näher an ihren Begleiter, der so rasch als möglich sie mit sich fortführte. Vom Himmel leuchteten weder Mond noch Sterne. Ein dichter Nebel, wie diese in Holland häufig sind, umgab die nächtlichen Wanderer. Cornelius hielt sich immer nah an den Häusern, denn auf der andern Seite befand sich der Canal, der dem Unvorsichtigen gefährlich werden konnte. Als er vernahm, wie Clelia leise weinte und mehreremale das Wort: »Vater,« in wehmüthigem, bebenden Tone über ihre Lippen ging, da wollte sich Reue in seiner Seele regen und er mußte sich wieder alle Bedrängniß der Gegenwart, alle süßen Träume der Zukunft verlebendigen, um standhaft zu bleiben und nicht in die offenbarenden Worte auszubrechen: »Es ist Alles nicht wahr, Geliebte, sondern erdichtet und erlogen. Ich habe eine tolle, unsinnige Geschichte erfunden, um dich in Furcht zu setzen und aus dem Vaterhause zu locken in meine Gewalt und du hast sie geglaubt, weil du sehr betreten und deiner Sinne nicht mächtig warest. Kehre wieder zurück in die alte Wohnung. Dein Vater ist gegen nichts aufgebracht, als gegen den Manco von zweimalhunderttausend Dukaten und gegen den Schiwa, an dem er Caffee kochen will, aber nicht an mir, deinem Cornelius, Theuere!« So ungefähr würde der ehemalige Kriegsheld gesprochen haben, wenn er dem augenblicklichen Sturme der Empfindungen erlegen wäre. Er wußte sich aber gegen diesen Sturm zu vertheidigen und als er sich nun am Ausgange des Canals im Haven befand und das Licht der befreundeten Barke durch den Nebel herüberschimmern sah, da erwachte sein ganzer Muth und der letzte Versuch, den die heranstürmenden Gefühle machten, wurde ganz und gar zurückgeschlagen.
Er gab mit leisem, zischendem Pfeifen ein Zeichen nach der Barke hin, das nach einigen Augenblicken beantwortet wurde. Der Capitän der Barke war einer seiner Jugendfreunde, der seinen Besuch zu jeder Stunde des Tages und der Nacht erwarten konnte und mit dem er für einen solchen Fall ein besonderes Zeichen verabredet hatte. Clelia sah in ängstlicher Erwartung nach dem Lichte, das am Bord des Fahrzeuges schimmerte. Sie standen hart am Canale, in dessen Mitte die Barke lag. Jetzt wurde von dieser herüber ein Brett auf das Ufer geschoben und durch den Nebel bewegte sich rasch eine Mannsgestalt heran, mit einer Leuchte in der Hand zur Erhellung des schmalen Steges, den die Nachtwanderer zu betreten hatten.
»Ich werde Euch für meine Schwester ausgeben!« flüsterte Cornelius dem Mädchen zu. »Die Muhme Jacobea kann für unsere beiderseitige Verwandte gelten, zu der wir reisen, um ihrer dringenden Einladung zu genügen. In der Frau des Capitäns, meines wackern Freundes Jansen von Harlem, werdet Ihr ein gutmüthiges, heiteres Wesen kennen lernen, das Euch sicherlich gefällt.«
Clelia konnte nichts antworten. Sie war zu sehr in den Schmerz vertieft, den die grausame Täuschung, in der sie sich befand, mit sich führen mußte. Sie starrte den Geliebten an, ohne ihn zu sehen, sie machte eine bejahende Bewegung, ohne es zu wissen. Der Mann von der Barke war indessen näher getreten und erwartete Cornelius Befehle. Mit seiner Hülfe brachte der unbesonnene Jüngling, der jetzt bei der zunehmenden Schwäche, die sich in Clelia’s ganzem Wesen an den Tag legte, von der größten Besorgniß ergriffen wurde, die fast Besinnungslose an Bord. Sie hatten kaum die abgesonderte Cajüte erreicht, in der Capitän Jansens Frau den unerwarteten Besuch mit einiger Befremdung empfing, als Clelia, von Allem, was ihr am Abende und in der Nacht begegnet war, im tief Innersten bedrängt und gedrückt, auf ein Ruhebett niedersank und von einer schweren Ohnmacht ergriffen, alles Bewußtseyn verlor.
4.
Es war sieben Uhr Morgens. Von allen Kirchthürmen der reichen Havenstadt Rotterdam vereinigten sich die Glockenspiele zu einem musikalischen Durcheinander, das in der That nur für die Ohren der damit vertrauten Einwohner nicht beleidigend seyn konnte. Der Nebel, welcher während der Nacht auf Stadt und Haven gelegen hatte, war verschwunden und die Morgensonne spiegelte sich freundlich im Fluße, in den Canälen und an den glänzenden Fensterscheiben der Häuser. Die Reinlichkeit, die allenthalben herrschte, an den Außenseiten der Gebäude, in den Straßen und an den Fahrzeugen, welche in den Canälen lagen, machte das freundliche Bild noch freundlicher und das jetzt sich entspinnende rege Leben auf den Schiffen, Barken und Booten, auf den Plätzen und Straßen, gab ihm erst seine Bedeutung, indem es die Handelswichtigkeit des Ortes, den Reichthum und die Thätigkeit seiner Einwohner an das Licht stellte. Hier wurden Schiffe, die am vorigen Abende noch spät eingelaufen waren, ausgeladen, die Matrosen lachten, lärmten und schimpften, während sie die Fässer und Ballen in die geöffneten Gewölbe schleppten, in deren Eingang mit hochwichtiger Miene der Handelsherr stand, der den Gegenstand so vieler Sorgen, die Ursache so mancher schlaflosen Nächte nun endlich glücklich in seinem Besitze sah. Dort wurden andere Schiffe zum Auslaufen gerüstet. Die lebendigste Thätigkeit zeigte sich auf den Verdecken. Ein günstiger Wind erhob sich, das »Halli, halloh!« der Bootsleute ertönte, in einem Augenblicke waren die Taue mit kletternden Jungen und Matrosen angefüllt, die Segel wurden aufgehißt, sie schwollen an und das Schiff zog stolz, wie ein Besieger der Wogen, über die Wasserfläche hin, seiner unbekannten Bestimmung entgegen. An einem andern Orte lagen zierliche, offene Barken, in denen reinlich gekleidete und oft auch recht anmuthig gebildete Landmädchen die Gartenerzeugnisse des Landes feil hielten, die damals in der reichen Ueppigkeit, wie sie hier den Augen begegnete, nur von der kunstverständigen Betriebsamkeit der holländischen Gärtner hervorgebracht werden konnte. Aehnliche Fahrzeuge schwebten, im bunten Gewühle mit andern, über die Spiegelfläche der Canäle hin, gelenkt von den gewandten Mädchen, die an den Hausthüren ihrer täglichen Kunden den bestellten Bedarf absetzten. Näher am Haven befanden sich die Marktboote der aus der Ferne zurückkehrenden Schiffe, mit glänzenden Südfrüchten, Orangen und Sina-Aepfeln, beladen; ihnen gegenüber die flachen Fahrzeuge mit gedörrten und gesalzenen Fischen.
Auf dieses regsame Treiben sah aus einem Fenster des berühmten Gasthofes zum Wappen von Rotterdam, mit einem sehr ernsthaften Gesichte, der Professor Eobanus Hazenbrook herab. Es hatte ihm vom gestrigen, reich aufgetragenen und köstlichen Nachtessen kein Bissen munden wollen, die ganze Nacht hindurch hatte der Schlaf sein Lager gemieden und das treffliche Frühstück, aus Fleischschnitten, gedörrtem Lachse, Edamer Käse und dunkelbraunem Thee bestehend, war noch unberührt auf dem Tische an seiner Seite zu erblicken. Er hatte keinen andern Gedanken, als nur an den halsstarrigen Tobias van Vlieten, der, allen Sinn für die Erweiterung der Kunst und Wissenschaft, für den Ruhm seines Vaterlandes verleugnend, sich nicht zur Mumie machen lassen wollte. Immer stand die hagere, ausgedörrte Gestalt des Handelsherrn, die für ihn alle ersinnlichen Reize besaß, vor seinen Augen. Je mehr seine Phantasie sich damit beschäftigte, von um so höherer Sehnsucht nach dem geliebten Gegenstande wurde er ergriffen. Er hatte mehrere vergebliche Versuche gemacht, die Sache, die ja doch unerreichbar schien, sich aus dem Sinne zu schlagen. Er war schon in aller Frühe zu einem Antiquarius gegangen, um bei diesem durch den Anblick von allerlei Curiositäten zerstreut zu werden; aber eine elfenbeinerne, zum Stockknopfe sehr zierlich gearbeitete Sphinx, welche ihm der Mann zum Verkaufe antrug, führte seine Gedanken sogleich wieder nach Egypten, zu den Pyramiden und dem unseligen Gegenstande seiner hoffnungslosen Liebe, zu der Mumie. Er entfernte sich seufzend aus dem Laden des kopfschüttelnden Antiquarius, der da bei sich selbst meinte: der Professor Eobanus Hazenbrook sey nun endlich wirklich übergeschnappt, was man seiner tiefsinnigen Studien wegen schon längst befürchtet. Eobanus schritt indessen trauerig weiter dem Haven zu. Er mochte sonst wohl sein Auge gern ergötzen an den füllereichen Gestalten der Obstverkäuferinnen, die in den anliegenden Nachen aus dem rothwangigen Antlitze mit schalkhaften Blicken die Vorübergehenden zum Kaufe anlockten. Er stellte sich auch heute in gespreizter Haltung vor die Reihe der untereinander kichernden Mädchen, er richtete seine Augen auf sie, aber er sah nicht die apfelrunden Gesichter, die blitzenden Augen, die wohlgefälligen Gestalten; denn immer schwebte, von dem sehnsüchtigen Gemüthe hervorgerufen, vor seinen Blicken das unter den Sonnenstrahlen Indiens zusammengedörrte Antlitz des Herrn Tobias van Vlieten und dessen eckige Knochengestalt, dem Professor jetzt anlockender und reizender erscheinend, als der vatikanische Apoll oder die Mediceische Venus, von denen ihm reisende Künstler so vieles erzählt. An sich und seinem Glückssterne verzweifelnd floh Eobanus in das Gasthaus zurück. Er bestellte das beste Frühstück von der Welt. Die alten Wunderkräfte aber hatten ihren Zauber auf ihn verloren. Wir fanden ihn, noch immer grübelnd, noch immer sehnend neben dem unberührten Frühstücke.
Jetzt tobten seine Begleiter, die zwei jungen Franzosen herein. Sie hatten kaum den wohlbesetzten Tisch erblickt, als sie sich daran niederwarfen und mit einem wahren Löwenhunger über die aufgetragenen Speisen herfielen. Die Fleischschnitten verschwanden bald bis auf wenige, der Edammer drohete in’s Nichts zurückzukehren. Dieser Anblick brach die harte Rinde der Verzweiflung, die sich um das Herz des Professors gelegt hatte. Wie ein Strom, der gewaltsam zurückgehalten, endlich seine Dämme niederstürzt, so schleuderte jetzt der mächtig erwachende Appetit die Gestalt des Herrn van Vlieten aus der Erinnerung des Eobanus hinweg, und nur die Gegenwart behauptete ihr Recht durch die zauberische Gewalt des Edammer und der Fleischschnitten. Eine Bärin stürzt zur Vertheidigung ihrer Jungen nicht so wüthend herbei, wie Eobanus, um sich die Ueberbleibsel des Frühmahls zu sichern. Die jungen Leute sahen ihn erstaunt an. Er aber sprach mit vollen Backen und arbeitenden Kinnladen:
»Entartete Musenkindlein! Muß das Euer ehrwürdiger Lehrer, der weltberühmte Hazenbrook, an Euch erleben, daß Ihr seinen gerechten Schmerz mißbraucht, um ihn Hungers sterben zu lassen? Habe ich nicht Euch ernähret mit dem Honig der Kunst, mit der Kraftbrühe der Wissenschaft? O, Ihr Undankbaren! Wer erschloß Euch das Mysterium der Natur, wer ließ Euch in die Tiefen der Schöpfung blicken, wer führte Euch in das Innere des menschlichen Leibes, daß Ihr Euch dort lustiglich umschautet, und fröhlicher Dinge die Wunder seines Baues erkanntet? Ist das nun das Honorarium, welches Ihr mir spendet, daß Ihr mir Alles wegspeiset vor dem Munde und einen meuchelmörderischen Anschlag schmiedet auf mein Leben durch die grausamste Todesart?«
Während der Professor auf diese Weise, halb im Scherze, halb im Ernste zürnte und ganz entsetzlich drauf loskauete, verschwanden unter seiner Thätigkeit sämtliche Reste von Speisen, die sich noch auf dem Tische vorgefunden hatten, so wunderbar geschwind, als wenn sie der geschickteste Taschenspieler hinweggezaubert hätte. Dann nahm er ruhig einen Platz zwischen den beiden Jünglingen ein und fuhr, indem er nach der japanischen Theekanne griff, mit milder Stimme fort:
»Wo kommt man her? Wie hat man die Morgenstunden zugebracht? Ist das Sprüchlein: aurora musis amica, nicht gänzlich außer Acht gelassen worden? Die Pflicht gebeut mir, auf Euere Handlungen und Gänge ein wachsames Auge zu haben, damit Ihr mir in moribus nicht dahinten bleibt, während Ihr in literis vorschreitet.«
»Wir suchten Euch bei den schönen Obstverkäuferinnen,« versetzte mit einem schalkhaften Lächeln der eine der beiden jungen Leute. »Wir wissen, daß Ihr Euch ein Lieblingsgeschäft daraus macht, an diesen wohlgebaueten Demoisellen die Muskellehre zu studiren.«
»Recte dixisti!« erwiederte der Professor, indem er das rechte Auge schloß und mit dem linken blinzelnd nach dem Studenten hinsah. »Dem Reinen ist Alles rein!« fuhr er fort. »Und Euch, mein lieber Monsieur, wäre zu wünschen, daß Ihr immer auch nur in einer solchen wissenschaftlichen Absicht das weibliche Geschlecht anschauen möchtet.«
»Ich lege mich stark drauf,« versicherte der junge Mann. »Euer Beispiel spornt mich an.«
»Das kann ich ihm bezeugen;« fügte der andere hinzu. »Morgué! Er hat auch hier schon in dieser Beziehung das Terrain recognoscirt, wie es uns Franzosen im Feindeslande geziemt —«
»Still, still!« unterbrach ihn bedeutungsvoll der Professor, indem er auf die übrigen, im Hintergrunde des Theezimmers versammelten Gäste deutete. »In diesen bedenklichen Kriegszeiten werdet Ihr wohlthun, Euch nicht allzulaut als Feinde der hochmögenden Heern Generalstaaten zu bekennen. Was Franzosen? Ihr seyd wallonische Musenkindlein und als solche inscribirt in das große Buch der Academie.«
»Ich bin ein Franzos und sage es laut!« rief jener und schlug, kühn um sich schauend, mit der geballten Faust auf den Tisch, daß das japanische Porcellan zusammenklirrte. »Meint Ihr, ich heiße umsonst Le Vaillant und sey aus der herrlichen Gascogne in Euer miserables Land gekommen, um mein Vaterland und meinen Namen zu verleugnen? Cadédis! Se. Majestät, der allerchristlichste König, wird dieses Krämervolk nach seiner Pfeife tanzen lehren, wie es ihm gefällt!«
Er warf einen trotzigen Blick auf die Bürgersleute und Seemänner, die nur durch das laute Wesen des vorwitzigen Jünglings aufmerksam gemacht wurden, aber zu seinem Glücke seine Sprache nicht verstanden. Man war gewohnt, an öffentlichen Orten französisch reden zu hören, ohne gleich deshalb die Anwesenheit von Franzosen anzunehmen, da ja auch die befreundeten Flammländer, Brabançons und Wallonen sich meistens dieser Sprache bedienten.
»Wenn du deinen kriegerischen Namen Le Vaillant geltend machen willst,« nahm jetzt der andere Student das Wort, »so werde ich nicht minder das Ansehen des meinigen zu behaupten suchen. La Paix klingt wenigstens eben so gut wie Le Vaillant, und ist sicher im Allgemeinen mehr beliebt. Ich bin der Balsam auf die Wunden, die Du schlägst. Du bist der Dorn und ich die Rose, und wenn ich meine Stimme gebieterisch erhebe, so müssen deinesgleichen schweigen und vom Schauplatze abtreten. Doch genug der Scherze! Ich sehe Du willst dich ereifern, mein theuerer Le Vaillant, und aller Eifer ist meiner friedfertigen Natur zuwider. Wir haben wichtigere Dinge zu machen, als läppische Namenwitze. Wir haben die wissenschaftlichen Anstrengungen unseres ehrwürdigen Lehrers zu unterstützen, als Söhne der erlauchten Lugduner Academia müssen wir der herrlichen Mutter zu Allem behülflich seyn, was ihren Glanz erheben kann?«
Der Professor war ganz Ohr geworden. Er vernahm nur die lieblich lautenden Worte, er sah nicht den Schalk, der in dem Auge des muthwilligen La Paix lauerte.
»Was meinst du, Söhnlein?« schmunzelte er über den Tisch herüber. »Hast Du ein seltsames Thier aufgefunden, ein Curiosum, vielleicht gar irgend ein liebenswürdiges Monstrum, das noch in unserm museo rerum naturalium nicht vorhanden?«
»Noch weit mehr, als das;« erwiederte mit großer Ernsthaftigkeit La Paix. »Wir haben den Dicksten wiedergesehen, und haben seine Wohnung ausfindig gemacht.«
»Wie?« rief Eobanus in neu erwachender Begeisterung. »Meine Mumie, meinen Amenophis, den grausamen, unbeugsamen Pharao Egyptens —«
»Ihn selbst;« versetzte der junge Mann. »Man hat uns auch allerlei erzählt von ihm auf unsere Erkundigungen. Seine Tochter Clelia, die er schnöder Weise Clötje nennt, soll das schönste Mädchen in Rotterdam seyn. Er selbst mag wunderliche Grillen im Kopfe tragen, denn die Leute sagen, er spotte des Christenthums und verehrte ein heidnisches Götzenbild des Schiwa oder Brama, das in seinem Staatszimmer auf einem hohen Piedestal stehe.«
»Brama und Schiwa, Osiris und Serapis!« jauchzte der Professor, einer Verzückung nahe. »Welche Verwandtschaft, welche Analogie! O Gott! Der Mann ist zur Mumie geboren und hat den verbrecherischen Eigensinn, seine Bestimmung verleugnen zu wollen.«
»Sandis!« hob jetzt verdrießlich Le Vaillant an, und schlug bei diesen Worten ein Schnippchen. »Ich gebe nicht so Viel für das Mumientalent des dünnen Dicken. Aber die schöne Tochter entflammt mich, und ihr zu Gefallen habe ich Fensterwanderung gemacht vor seinem Hause.«
»Paix!« rief La Paix sich selbst aus und warf seinem Gefährten einen bedeutungsvollen, verweisenden Blick zu. »Ich leugne nicht, daß die Grazien auch für mich ihre Annehmlichkeit haben, allein wo die Uebermacht der Musen erscheint, da müssen sie billig in’s Dunkel treten. Wie können sich diese eines Zaubers rühmen, wie jene ihn geltend machen? Es ist keine Kunst schön zu erscheinen, wenn man es ist. Aber die Wundermacht der Wissenschaft verleiht auch solchen Körpern unwiderstehliche Reize, die deren gar keine besitzen. Sie kann eine Kreuzspinne zum Gegenstande inniger Liebe, eine Kröte zu dem der tiefsten Verehrung machen und in der That, ist denn nicht jene Sage von der Spinne, die sie nach hundert Jahren zu einem Demant verhärten läßt, nicht fast gleich mit dem egyptischen Glauben von der Lotosblume, hat nicht die tausendjährige Kröte, die im Innern eines Steins gefunden wird —«
Länger konnte sich der Professor nicht halten. Er fiel zur großen Befremdung aller Anwesenden dem Jüngling um den Hals und sagte:
»Herzenssöhnlein! Laß Dich küssen. Du mußt dermaleinst meinen Lehrstuhl besteigen, wenn ich diese hieroglyphische Unterwelt verlassen habe, aber dann mußt Du mir versprechen, mich einzubalsamiren, nach der Art und Kunst, die ich in meinem Testamente berichten werde. Aber fahre fort, Du mein successor in spe! Was hast Du Weiteres zu erzählen von unserer Mumie, die noch in der chaotischen Verwirrung des Lebens der Stunde ihrer Wiedergeburt, der beglückenden Rückkehr in die egyptische Vergangenheit harret?«
Der lebhafte Le Vaillant rückte ungeduldig auf seinem Sitze hin und her. La Paix aber gab ihm aufs Neue einen Wink, der ihn wiederum zur Uebung einiger Selbstbeherrschung veranlaßte. Dann befriedigte jener das Verlangen des Professors, indem er antwortete:
»Euer Gedanke, hochverehrter Lehrer, den dicksten Mann der guten Stadt Rotterdam für die Nachwelt einzumachen, indem ihr ihn zugleich der Vorwelt als eines ihrer wunderbarsten Geheimnisse in den Schooß legen wollt, hatte so viel Reizendes, ich kann sagen, Begeisterungsvolles für mich, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Schon in der ersten Frühe des Tages machte ich mich mit Le Vaillant auf den Weg, zog Erkundigungen über den wohlmögenden Herrn Tobias van Vlieten ein und ließ mir sein Haus zeigen. Dann begaben wir uns zu diesem. Noch war Alles verschlossen. Wir hatten aber nur wenige Minuten davor gestanden und das stattliche Gebäude aufmerksam betrachtet, als plötzlich dessen Thüre aufgerissen wurde und der Gegenstand Euerer Freude, Euerer Hoffnung und Euerer Sehnsucht darin erschien. Aber — Cadédis würde Le Vaillant ausrufen: wie war der Mann entstellt! das anmuthige Braun seines Angesichtes, das Euch so sehr entzückte, als Ihr ihn zum erstenmale sahet, hatte sich in ein dunkles Roth verwandelt, seine Blicke schossen Blitze, seine langen Arme fuhren wild in der Luft umher. Irgend etwas Ungeheures mußte ihm begegnet seyn! Er schrie und tobte mit dem hintenstehenden Hausgesinde, er that mit einemmale einen gewaltigen Sprung mitten in die Straße, sah sich nach allen Seiten forschend um, und fuhr eben so schnell wieder in’s Haus zurück. Die entsetzliche Alteration muß eine unglückliche Folge für ihn haben. Ich wette darauf: der Schlag rührt ihn noch heute und er fährt hin, ohne ein Testament gemacht zu haben.«
»Das kann, das darf er nicht!« rief entschlossen Hazenbrook und sprang von seinem Sitze auf. »Ich nehme die Obrigkeit zu Hülfe, ich appellire im Namen der Universität, er muß, will er nicht im Guten, mit Gewalt genöthigt werden, seinen schätzbaren Leichnam unserer Musenstätte zu testiren. Auf, Ihr Jünger der Wissenschaft! Wir wollen hin, wir wollen in das Innere seines Domicil’s dringen. Ich muß ihm noch einmal in’s Gewissen reden. Ist die schöne Hoffnung, daß er bald das Zeitliche mit dem Ewigen wechselt, keine grausame Täuschung, könnte ein schnell Ruhe bringender Schlagfluß der von ihm schmählich beleidigten Wissenschaft zu Hülfe kommen, dann soll und muß er vorher sein Testament machen, wie ich es wünsche, oder ich — halt! Was ich sonst im Sinne trage, will ich nicht verrathen. Erst Frieden, dann Krieg auf List und Gewalt!«
Die beiden jungen Leute hatten keine andere Absicht gehabt, als ihren Mentor zu einem neuen Versuche auf Herrn Tobias van Vlieten zu bewegen, indem sie hofften bei einem Besuche in dessen Hause, die gerühmte Schönheit der Tochter bewundern zu können. Während sie dem Professor auf die Straße folgten, gaben sie sich hinter seinem Rücken allerlei Zeichen, die ihre Zufriedenheit über die gelungene List aussprachen.
Eobanus ging mit großen Schritten vorwärts. Er trug seine amtliche Kleidung, die in einem weiten, schwarzen Talar und einem rothen Barette bestand. Die Bürger, welche ihm begegneten, grüßten ihn ehrerbietig. Es fiel ihm ein, daß es nicht wohl gethan seyn würde, den Herrn van Vlieten gleich wieder mit dem Verlangen zu bestürmen, das dieser gestern mit so großem Unwillen zurückgewiesen hatte. Er beschloß, auf Umwegen sich dem Ziele zu nähern, um so mehr, da dem Gegner in seiner eigenen Wohnung hinlängliche Mittel zu Gebote standen, die etwa überlästigen Gäste zu entfernen. Er legte sein Gesicht in die freundlichsten Falten, er besann sich auf anmuthige und gewinnende Redensarten, die den Handelsherrn kirren möchten, er rechnete Viel auf die Wirkung seiner Amtstracht, die ihm, wie er glaubte, ein ehrwürdigeres Ansehen gab, als das schlichte Reisekleid am gestrigen Abend. Als seine Begleiter ihm in der Ferne das van Vlietensche Haus zeigten, ermahnte er sie, in aller geziemenden Höflichkeit einzutreten und während des Besuches sich im Allgemeinen ganz nach seinem Beispiele zu richten. Je mehr er sich dem Hause näherte, desto heiterer wurde seine Miene, sein Schritt wurde hüpfend und mit höflich vorgebogenem Oberleibe stand er endlich vor dem Eingange.
Dieser war gegen die herrschende Sitte weit geöffnet. Man sah im Hintergrunde des geräumigen Vorplatzes mehrere Leute ängstlich hin- und herrennen. Die Thüren der Schreibstuben standen offen. Eine große Verwirrung schien zu herrschen. Aus dem obern Stocke herab vernahmen die drei Eintretenden eine scharfe belfernde Stimme, in der Hazenbrook die des Gegenstandes seiner Wünsche und seines Sehnens zu erkennen glaubte. Er schritt kühn die Treppe hinauf, ihm folgte, nach allen Seiten mit scharfen Blicken die schöne Clelia suchend, das Studentenpaar. Sie hatten ungefähr die Hälfte der Stufen zurückgelegt, als ihnen von oben herab ein Mann rasch entgegenkam, der eine Art Uniform trug und sich durch den weißen Stab in seiner Hand als einen Gerichtsdiener der guten Stadt Rotterdam auswies. Er warf argwöhnische Blicke auf die Besuchenden. Der Trotz aber, mit welchem Le Vaillant ihn ansah und ins Besondere die stattliche Professortracht Hazenbrooks flös’ten ihm Respect ein, so daß er ehrerbietig bei Seite trat und den Hut abzog.
Sie hatten jetzt einen Gang im obern Stocke des Hauses erreicht. Durch eine offenstehnde Thüre überblickten sie einen Theil des vor ihnen liegenden Zimmers. Da sahen sie das scheußliche Fratzenbild des Götzen und die wackelnden Pagoden; aus einem Winkel des Gemaches aber, der ihren Blicken verborgen lag, ertönte eine klagende Stimme:
»O Clötje, Clötje, warum hast du mir das gethan? Was hat dich herausgetrieben aus dem Hause des Ueberflusses in eine Welt der Entbehrung, wo du jedes Loth Thee unmäßig bezahlen, den Zucker dir sparsam zumessen, den kleinsten Zimmetstengel mit Gold aufwiegen mußt? Hattest du denn nicht den Schlüssel zu den Gewölben in jeder Stunde des Tages, daß du Rosinen und Mandeln naschen konntest nach Belieben? War dir der Keller, wo der kostbare Muscat- und Canariensect liegt, jemals verschlossen? O Clötje, du brichst mir das Herz und, ich glaube, ich sterbe noch in diesem Augenblicke!«
»Das wollen wir uns verbeten haben!« sprach Eobanus hastig in sich hinein und schritt mit Eil in das Zimmer. In diesem befand sich niemand als Herr Tobias van Vlieten. Er saß in einer Fenstervertiefung auf einem niedern Sessel, die Ellenbogen auf die Kniee, den Kopf in die Hände gestützt. Er schien das Geräusch gar nicht wahrzunehmen, das der Eintritt des Professors und seiner Begleiter verursachte. Wie diese gemeldet hatten, war in der That die dem Eobanus so wohlgefällige, braungelbe Farbe seines Angesichtes in ein dunkles Roth übergegangen, die Adern an der Stirn waren mächtig angeschwollen und sein Kopf war in einer beständigen zitternden Bewegung.
»Ja!« sagte Hazenbrook, als er ihn erblickte, leise für sich hin. »Er ist ein Candidatus mortis. Der Schlagfluß rückt heran. Wir müssen sanft und freundlich mit ihm zu Werke gehen, um den kritischen Moment hinzuhalten, bis er testirt hat.«
Erst als der Professor dicht vor ihm stand und durch ein halblautes Räuspern sich bemerkbar zu machen suchte, blickte Tobias auf. Die Anwesenheit der Fremden schien ihm nicht unangenehm zu seyn. Im Gegentheile erheiterte sich sein Angesicht und er begrüßte, indem er sich erhob, den Eobanus mit einer ehrerbietigen Verbeugung.
»Wie, hochmögender Herr Bürgermeister,« hob er, von einer Täuschung befangen, an, die des Professors stattliche und ihn unkenntlich machende Amtstracht veranlaßte, »Ihr selbst habt die Gewogenheit, Euch zu mir zu bemühen, um mir Trost und Beruhigung zu bringen in meinem großen Kummer, um mir Hülfe und Unterstützung zuzusichern für eine Angelegenheit, die jeden ehrsamen Bürger von Rotterdam, der eine mannbare Tochter im Hause hat, mit Angst und Besorgniß erfüllen muß? Ja, verehrungswürdiger Vorstand unserer guten Stadt, meine Clötje ist mir geraubt worden nächtlicher Weile und mit ihr die tugendsame Jungfrau Philippintje! Niemand anders ist der Räuber als der Sohn des verrätherischen van Daalen, der seine Seele den Spaniern verkauft für schnödes Gold, aber von dem gerechten Schicksal geprellt worden ist um den Sündenlohn. Hochmögender, ich klage den gewesenen Kriegshauptmann Cornelius van Daalen des Verbrechens einer doppelten Jungfrauenentführung an, ich verlange, daß die alte Strafe des Säckens wieder erneuert und auf ihn angewendet werde. Schon hat sich der Polizeimeister in das Haus des Verbrechers begeben, um Alles genau zu durchsuchen, um das corpus delicti, wie die Gelehrten sagen und welches bei dieser Gelegenheit leider meine eigene eheleibliche Tochter ist, aufzufinden. Lasset, Myn hochmögender Heer, in dieser Sache allein das Recht walten und nicht die Gnade, lasset das Schwerdt der Strafe niederfallen auf das Haupt des Verbrechers, wie er es verdient. O, daß mir Dieses nicht in Batavia begegnet ist, als ich noch daselbst im hohen Rathe von Indien saß! Da hätte ich nach eigenem Urtheilsspruche den Majestätsbeleidiger spießen, rösten oder von Elephanten zertrampeln lassen können. Hier aber — ach! ich fürchte sehr, daß ich es nicht einmal bis zum Säcken bringe.«
Der Professor wußte nicht, wie er sich bei dieser seltsamen Verwechslung benehmen sollte. Er stand noch immer mit tief gebeugtem Haupte, so daß dem Herrn van Vlieten sein Angesicht verborgen war. Während er darüber nachsann, wie er der Sache eine andere Wendung geben könne, ohne den Handelsherrn zu sehr zu alteriren und die tödliche Catastrophe zu beschleunigen, theilten sich flüsternd die beiden Studenten ihre Bemerkungen über das Gehörte mit, aus dem sie erkannten, daß der Anblick der schönen Clelia ihnen für diesesmal entzogen bleiben würde. Das Abentheuerliche ihres Verschwindens erregte die ganze Theilnahme der jungen Leute. Die Entführung eines Mädchens war in ihren Augen eine Heldenthat, der sie nur eine vorziehen konnten, nämlich die, dem Entführer die Entführte wieder abzujagen. Sie brannten vor Begierde, Näheres zu erfahren, sie waren im Drange der Erwartung dicht hinter den Professor getreten! Dieser hatte indessen einen Plan gemacht, von dem er sich für seine wissenschaftliche Herzensangelegenheit den günstigsten Erfolg versprach. Eben wollte er sich demaskiren, eben wollte er die nöthigen Einleitungen zu seinem Vorschlage, bei dessen Verwirklichung er viel auf den Unternehmungsgeist seiner zwei jungen Freunde rechnete, anspinnen, als sich plötzlich die Szene veränderte und aus dem bisherigen Frieden in einen tumultuarischen Zustand überging.
Es trappelte auf der Treppe, es stürmte herauf in wilder Eile und mit verwirrtem Getöse. Mehrere Stimmen wurden laut, aber man konnte nicht unterscheiden, was sie sprachen. Der Professor und die Studenten traten zur Seite, Tobias schritt bebend vor.
»Sie bringen meine Clötje,« stammelte er kaum vernehmlich. »Man hat sie gefunden, man führt sie her: sie und Philippintje und den schändlichen Jungfrauenräuber!«
Aller Blicke waren nach dem Eingange gerichtet; aber nicht die reizende Clelia, nicht die ehrbare Philippintje, nicht Junker Cornelius, der kecke Kriegsmann, traten herein, sondern vielmehr Herr van Daalen selbst, von einem ganzen Häuflein Polizeitrabanten begleitet, und in heftiger zorniger Bewegung. Das fette Antlitz des kleinen Mannes wetteiferte mit dem hagern des Herrn Tobias in dunkelglühender Röthe, die gläsernen Augen funkelten mächtig und das spanische Rohr war hoch in der Rechten erhoben, wie zum Angriffe und Ausschlagen.
»Gebt mir meinen Cornelius heraus;« brüllte er mit Löwenstimme, »schafft ihn sogleich herbei, Ihr Menschendieb und Seelenkooper, oder man wird Euch peinlich befragen, was Ihr mit dem edeln Jungen angefangen habt?«
Einige Polizeitrabanten hatten sogleich den Eingang besetzt, andere näherten sich dem Götzenbilde und umzingelten dieses. Herr van Vlieten starrte einige Augenblicke lang den frechen Eindringling und seine Begleiter in verstummendem Erstaunen an. Dann brach er los:
»Ist denn der Bösewicht nicht durchgegangen in dieser Nacht mit meiner Clötje und hat noch die tugendbelobte Philippintje als Dreingabe mitgenommen, wer weiß wohin? Und seyd Ihr nicht der Hehler dieses Verbrechens, das zu gelinde noch mit einfacher Säckung bestraft werden wird?«
Da erschallte aus dem Munde des Herrn van Daalen, der jetzt den Zusammenhang des Ganzen einzusehn begann, ein unauslöschliches Gelächter. Er winkte die Polizeimänner zu sich heran, er ließ den Stock sinken, er nahm den Hut ab, den er bisher aufbehalten hatte.
»Nun wenn es so ist, so ist Alles gut!« sagte er in einem Tone, den das fortdauernde Lachen zu ersticken drohete. »Auf und davon also sind die Kinder, der tolle Cornelius und Euer liebliches Clötje? Lasset keine Sorge in Euerm Gemüthe erwachen deshalb: er thut ihr nichts zu Leid und der ehrbaren Jungfrau Philippintje ebenso wenig, wenn ich ihn recht kenne. Aber, Herzensfreund, nun sind ja plötzlich alle Differenzen verschwunden! Was wir Jahrelang in süßer Hoffnung auf unsere Kinder verhandelt, ist mit einemmale geschlichtet: sie sind ein Paar geworden und es kommt auf die zweimalhunderttausend Dukaten mehr oder weniger nicht an. Gebt mir die Hand und laßt uns treu zusammenhalten als freundliche Schwäher!«
Zitternd und mit einer gewaltsamen Bewegung stieß Herr van Vlieten die dargebotene Rechte des Herrn Jan zurück.
»Nimmermehr!« rief er aus. »Ihr meint, Ihr habet mich gefangen und geprellt und ich müsse nun des Schimpfs halber meine Einwilligung geben zum schmählichen Ehebündniß! Aber, prosit! Noch gibt es Gesetze gegen Jungfrauenraub und Betrug. Die ungehorsame Tochter werde ich zu bestrafen wissen und auch Euch, den Mitwisser des schändlichen Frevels, den Handlanger des verruchten Sohnes, wird das Gericht ereilen.«
»Pah!« erwiederte ruhig der Bedrohete, indem er seinen Hut wieder aufsetzte. »Ich weiß von der ganzen Sache weiter nichts, als daß mein Cornelius gestern Abend bei Euerer Clötje war zum Stelldichein und daß er dort im Schiwa steckte, als der alberne Hoontschoten seinen Unglücksbericht brachte. Ihr hättet das ebenso gut sehen können wie ich, wenn Euch nicht die abergläubische Furcht verblendet gehalten oder wenn Ihr den Muth gehabt hättet, die Augen aufzuschlagen. Hat nicht das Götzenbild ein Paar fenstergroße Glasaugen und flackerte nicht hinter diesen der orangefarbene Kragen von meines Sohnes Kriegsrocke immer hin und her, so daß man bei der hellen Beleuchtung, die Nähte daran erkennen konnte? Und dann Euerer Tochter Verlegenheit bei unserem Eintritte? Bei dem Degen des Herzogs von Marlborough! wie mein Cornelius zu sagen pflegt, es war keine Kunst, die Sache zu entdecken, aber daß der tolle Bursche einen so klugen Streich machen würde, hätte ich ihm nimmer zugetraut. Ergebt Euch drein, Myn Heer van Vlieten! Denkt, daß es einmal so ist, und nicht anders. Sucht Euere Seele zum Frieden geneigt zu machen. Nachmittags komme ich wieder vor und hoffe dann das Geschäft in aller Eintracht mit Euch abzuschließen.«
Nach diesen Worten entfernte er sich, und die Polizeitrabanten, deren Anführer er Einiges zuflüsterte, folgten ihm auf dem Fuße. Herr Tobias war nicht im Stande, ihm noch vor seinem Abgange eine Antwort zu geben, denn die immer mehr im Innern aufkochende Wuth erstickte seine Stimme. Er mußte sich auf einen Stuhl stützen, der in seiner Nähe stand. Erst als sein Gegner schon die Hausthüre hinter sich haben mochte, erholte er sich einigermaßen und gewann die Sprache wieder. Rasch wendete er sich gegen den Professor, den er noch immer für den Bürgermeister hielt und sagte:
»Ihr habt es vernommen, hochmögender Heer! Er selbst hat gestanden, daß er mit im Complott war —«
Da sah Tobias plötzlich in das Antlitz Hazenbrooks, der sich in diesem Augenblicke lang aufrichtete, da erkannte er den gefürchteten Mumien-Professor, da erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Aber Eobanus grinsete ihn freundlich an, haschte nach seiner Hand und sprach:
»Pax vobiscum! Wir kommen im Frieden und nicht zum Streite. Die Lage der Dinge hat sich wunderbarlich verändert und wir könnten uns wohl zu einem Vergleiche vereinigen, der beiden Partheien, der illustern Lugdunenser Musenstadt und dem wohlmögenden Handelspatron, Herrn Tobias van Vlieten, zum Nutzen und Frommen gereichte. Ihr sehnt Euch nach einem Töchterlein, wir sehnen uns nach einer Mumie. Euch ist das Töchterlein verloren gegangen; denselben Possen hat uns schon manche Egyptierin aus meiner Fabrik gespielt. Gleiches Leid, gleiche Wünsche! Erinnert Euch ohne Groll meines Vorschlags vom gestrigen Abende. Jetzt kann ich Euch einen Tausch bieten. Wir haben viele Bekanntschaften, weitläufige Verbindungen, allenthalben unsere Commissionare und Agenten. Wir verschaffen Euch das Töchterlein wieder, Ihr dagegen testiret Eueren schätzbaren Körper, nachdem solchem das innenwohnende Leben entflohen, mir zur eigenmächtigen Verfügung. Bedenket, edler Myn Heer, daß der Vortheil ganz auf Euerer Seite ist. Eine reizende, blühende Jungfrau, voll Geist und Leben, im Schmucke der Jugend, ein Wesen, in dessen Adern Euer eigenes Blut rinnt — und was ist der Preis dieses Meisterstückes der Schöpfung, das jeder fühlenden Seele wünschenswerth erscheinen muß? Ein Gegenstand, der aus den Wohnungen der Menschen mit Abscheu hinweggewiesen wird, ein leeres Gefäß, dem der geistige Gehalt entflohen, ein Ding, das den Würmern zur Speise dient, wenn es eigensinnig die Wissenschaft zurückweis’t, die es auf den Thron der Pharaonen erheben will. O Myn Heer, wie könnt Ihr nur zaudern, wie könnt Ihr den glücklichen Moment Euch entgehen lassen? Eheu fugaces —«
Aber schon hatte die Beredsamkeit Hazenbrooks, von dem Drange der Umstände unterstützt, gesiegt.
»Es sey!« sagte der Handelsherr mit entschlossener Stimme. »Ich wage mich dran, um mein Clötje wieder zu haben, um den schändlichen Cornelius seines Frevels überführen zu können, damit ihm die wohlverdiente Säckung werde im Armensünder-Canale und dem alten Bösewicht obendrein, der ihn im Schiwa gesehen, ohne mir’s zu offenbaren. — Kommt her, Myn Heer Professor, wir wollen es schriftlich miteinander machen und die Scheine austauschen, wie es sich unter rechtlichen Geschäftsmännern geziemt!«
Nichts konnte dem Professor erwünschter seyn, als diese Aufforderung. Auf dem Fußgestelle des Götzenbildes befand sich Papier und Schreibzeug. Nach wenigen Augenblicken hatte Eobanus die Contracte aufgesetzt, sie wurden unterzeichnet und ausgewechselt.
Hazenbrook betrachtete seinen künftigen Egyptier mit Blicken der Freude und Liebe. Es fiel ihm schwer, sich von dem Gegenstande seiner Hoffnungen zu trennen, aber er mußte sich dem Gebote der Nothwendigkeit unterwerfen.
»Lebt wohl, theuerer Myn Heer!« sagte er, indem er van Vlietens Hand nahm und unbemerkt den Schlag des Pulses untersuchte. »Seyd heiter und guter Dinge! Lasset Euch nichts abgehn an leiblicher Ergötzlichkeit. Ihr habt eine gute Natur, die schon ein Gläschen Canariensect mehr vertragen kann, wie eine andere. Ich wünsche Euch Methusalems Alter, denn Gott behüte! daß ich selbst um der heiligen Wissenschaft Willen eines Menschen Tod ersehnen möchte. Solltet Ihr aber dennoch wider Verhoffen in eine schwere Krankheit verfallen, so bitte ich, mich sogleich davon zu benachrichtigen. Jetzt geht’s der Tochter nach! Finden wir sie, so wird sie Euch und Ihr werdet mir; finden wir sie nicht, so haben wir alle beide nichts. Cura ut valeas, amice dilectissime!«
Er ließ ihn los, er wandte sich zur Thüre. Ehe er aber diese erreichte, kam er, von einem glücklichen Gedanken ergriffen, noch einmal zurück.
»Noch Eins, Amice!« sagte er. »Zwei oder drei Zeilen an die Tochter, streng, ermahnend, väterlich! Ein Beglaubigungsschreiben für mich oder meine Commissarii!«
Der Alte sah sogleich ein, daß dieses Verlangen nicht anders, als billig und vernünftig sey. Er schrieb und übergab dem Professor den Zettel, in welchem er der Tochter mit Fluch und Enterbung drohete, wenn sie nicht sogleich zurückkehre in das väterliche Haus.
Kaum hatte Hazenbrook das Papier in Händen, so verließ er in großer Eile das Gemach, in dem Herr Tobias, von Zorn und Betrübniß erfüllt, zurück blieb. La Paix und Le Vaillant folgten dem Professor, während sie über diese Wendung der Angelegenheit, die sie zu Rittern und Beschützern der schönen Clelia zu bestimmen schien, einander ihre Freude und ihre vorläufig gefaßten Vorsätze mittheilten.
»Kinder!« sagte der Professor, als er mit ihnen unter den Bäumen am Canal hinstürmte, und jetzt eine der schönen, weißbemalten Zugbrücken überschritt: »wir müssen uns trennen. Ihr müßt der Jungfrau Clötje, oder wie sie sonst heißt, nachsetzen, sie schleunig inhaftiren und zur Stelle bringen. Der Alte macht es nicht lange mehr. Sein Puls trommelt zum Abmarsche und ich muß das Frauenbild beibringen, ehe er abfährt. Im Nothfall aber habe ich auch dafür Rath, doch darf ich nicht weichen noch wanken vom Platze und muß ihn bewachen mit Argusaugen. Ihr aber müßt seyn, wie die heilige Isis, als sie den verlorenen Gatten Osiris suchte; klug, wachsam, forschend und muthig. Gehet hin, Kindlein, Ihr Stützen der Wissenschaft! Wohl sollet Ihr die Musen lieben und ihnen dienen, aber hütet Euch, alle Weiber für Musen anzusehen. Da ist das Creditiv von Myn Heer van Vlieten! Geld tragt Ihr hinlänglich im Sack, denn Ihr habt erst gestern die Quartalwechsel erhoben. Fort, Söhne! Erobert Troja und bringt die Prinzessin Helena nach Griechenland zurück!«
»Sandis!« erwiederte Le Vaillant, indem er auf seinen langen Raufdegen schlug. »Das soll ein Seelengaudium seyn für unser einen und den Sire Cornelius wollen wir schon coramiren.«
»Alles in Höflichkeit und Frieden,« fügte La Paix sanft hinzu, »aber wir bringen Euch das Mädchen oder Ihr sollt uns nicht für würdig halten, dereinst den Doctorhut der Weltweisheit zu tragen, die ja auch mit der Weltklugheit nahe verwandt ist.«
Die Jünglinge flogen dem Haven zu. Hazenbrook eilte in den Gasthof zum Wappen von Rotterdam zurück, verließ ihn aber, in einen weiten Mantel verhüllt, nach kurzer Zeit wieder, um still und verborgen eine neue Wohnung in einer kleinen Matrosenherberge zu beziehen, die dem Hause des Herrn van Vlieten in schräger Richtung gegenüber lag.
5.
Es war ein sehr heiterer Herbstmorgen, an welchem die zierliche Syrene, Capitän Jansen, die Maas hinauffuhr. Der Wind wehete so günstig, daß die aufgesetzten Segel schon hinreichten, das leichte Fahrzeug, selbst den Wellen entgegen, rasch fortzubringen und deshalb der gewöhnliche Vorspann von Pferden entbehrt werden konnte. Die Barke selbst bot jedem, der solchen Dingen gern seine Aufmerksamkeit schenkt, besonders den Seemännern und Schiffbauleuten, einen sehr erfreulichen Anblick. Ihre Seitenwände von starkem Eichenholze waren lichtbraun lakirt und von den sorglichen Matrosen in einer Sauberkeit erhalten, die ihnen den Glanz eines Spiegels gab. An dem weißen, mit einer Malerei von grünem Laube gezierten Vordertheile, prangte in kunstvoller Bildhauerarbeit die Syrene, von der das Fahrzeug den Namen hatte, und sie glich so einem weiblichen Wesen, das eben im Begriff ist, mit dem Oberleib aus einem grünenden Gesträuche sich emporzurichten. Die niedlichen Fenster der Cajüten waren mit grünseidenen Vorhängen geziert. Der schlanke Mast warf in seiner glänzenden Politur die Strahlen der Morgensonne tausendfältig zurück, und auf den frisch gebleichten Segeln war kein Fleckchen zu sehen. Auch für die Sicherheit des Fahrzeuges, die in diesen kriegerischen Zeiten leicht gefährdet werden konnte, war gesorgt, denn auf dem Verdecke standen mehrere nicht unansehnliche Böller und in einigen offenstehenden Kisten waren Schießgewehre und Säbel aufgeschichtet.
Schon vor einigen Stunden hatte das Schiff die Anker gelichtet, und noch immer war dem jungen van Daalen, der die bald nach ihm und Clelien eintreffende Philippintje bei dem ohnmächtigen Mädchen zur Pflege zurückgelassen, keine Nachricht von dem Zustande der Letzteren geworden. Er selbst war mehreremale hinabgeschlichen, um sich Kunde zu verschaffen, aber er hatte die Thüre der Cajüte von Innen verschlossen gefunden. Er hatte gelauscht, aber nichts vernommen. Er hatte leise Philippintje bei Namen gerufen; Alles war still und stumm geblieben. Er stand jetzt auf dem Vordertheile des Schiffes, lehnte sich nachlässig an das Geländer und hatte den Arm um den schlanken Leib der Syrene geschlungen. Aber nicht lange blieb er in dieser Stellung. Die Unruhe seines Innern trieb ihn fort. Er war besorgt um die Geliebte, dann regte sich auch wohl von Zeit zu Zeit in ihm das böse Gewissen, mehr aber bei seinem Leichtsinne die Furcht, wie Clelia das Geschehene aufnehmen werde, wenn sie erst wieder zur völligen Besonnenheit gekommen sey. Hätte er nur Philippintje sprechen können! Sie besaß einen großen Einfluß auf das Mädchen, und mit ihrer Hülfe durft er hoffen, dem drohend heranziehenden Unwetter eher zu entgehen.
Er war, solchen beunruhigenden Gedanken hingegeben, bis zu der Schiffsöffnung fortgeschritten, durch die er jetzt in das Innere der Küche blicken konnte, in der seines Freundes Jansen junge Frau mit Zubereitung der Mittagsmahlzeit beschäftigt war. Der Glanz des Feuers röthete das runde Angesicht der artigen Frau auf eine anmuthige Weise, ihre ganze füllereiche Gestalt, so wie alle Gegenstände in der kleinen, höchst reinlichen Küche zeigten sich in einer so zauberischen Beleuchtung, daß Cornelius einige Augenblicke lang versucht war zu glauben, er sehe eins jener Gemälde von Schalkens vor sich, die sich durch eine unübertreffliche Anwendung des Helldunkels auszeichnen. Bald aber wurde er durch die Stimme der heraufblickenden jungen Frau, die ihn bemerkte, in diesem Wahne gestört.
»Ei, Junker,« sagte sie lachend, »wo habt Ihr denn die Topfguckerei gelernt? Waret Ihr etwa, da Ihr im Felde standet gegen die Franzosen, mehr bei den Kasserollen und den Bratspießen beschäftigt, als bei den Kanonen und dem Blutvergießen, mehr bei den Feldhühnern als bei den Feldstücken, mehr beim Trinken und Kauen, als beim Stoßen und Hauen —«
Frau Jansens Zünglein war im guten Zuge; Cornelius aber unterbrach den Strom ihrer Beredsamkeit, indem er mit kläglicher Stimme einfiel:
»Ach, Frau Beckje,« — so wurde die junge Frau gewöhnlich statt Rebekka genannt — »ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt! Ein andermal stehe ich Eueren Angriffen gern zu Dienst mit billiger Erwiederung. Sagt mir lieber, wie es meinem Schwesterlein geht? Ich hör’ und sehe nichts von ihr und habe sie doch in einem gar beunruhigenden Zustande verlassen.«
»Thut der Mensch doch um das Schwesterlein, als wenn es ein Bräutlein wäre!« versetzte etwas schnippisch die Capitänsfrau. »Unterbricht mich da in meiner besten Rede, aus der er ohnehin, wenn er nicht seinen ganzen Verstand in meine Kochtöpfe versenkt hat, schon abnehmen muß, daß Alles rein und gut steht auf der Syrene, daß kein Kranker an Bord ist und über dem Fahrzeuge das Fähnlein der Gesundheit lustig flattert und flaggt! Ihr seyd mir ein rechter Kriegsheld, bei dem die Courage theuere Waare wird, wenn er ein Frauenbild in Ohnmacht fallen sieht! Da müßt Ihr Euch an ganz andere Dinge gewöhnen, wenn Ihr einmal heirathet.«
»Die Schwäche ist also vorüber und sie befindet sich wohl?« fragte hastig Cornelius. »Sie ist wieder bei Besinnung und hat wohl schon nach mir gefragt?«
»Keins von Beiden!« antwortete Frau Jansen, indem sie sich bückte und das Feuer anblies. Der junge Mann wurde von heftiger Ungeduld ergriffen, aber er mußte warten, bis das dringende Geschäft gethan war und die sorgsame Schiffsherrin fortfuhr. »Aus der Ohnmacht ist ein gesunder Schlaf geworden und die Jungfrau liegt auf dem Ruhebette mit zwei rothen Bäcklein, so frisch und gesund, wie Granatäpfel. Sie athmet sanft und leicht und Alles zeigt an, daß sie bald neu belebt und gestärkt an Leib und Seele erwachen wird!«
»Nassau und Oranien!« sagte der junge Mann leise zu sich selbst. »Wie wird’s mir dann ergehen, wenn sie wieder bei lichten Sinnen ist und mit ihrem verzweifelten Nachdenken mein ganzes schönes Luftgebäude von Autodafé und Klosterzwang über den Haufen stößt? Ade, fein’s Liebchen, Ade, wird’s heißen, wie im deutschen Liede, aber man wird mir kein goldenes Ringlein schenken auf den Weg, sondern manches Scheltwort auf den Rücken. Frau Beckje,« wandte er sich entschlossen zu der Capitänsfrau, »ich muß Philippintje sprechen, ehe meine Schwester erwacht. Sucht es einzurichten, wie Ihr wollt, aber verschafft mir einige Augenblicke ungestörter Unterredung mit der Alten! Mein Glück hängt davon ab, und Ihr als meine Freundin werdet mir nicht entgegen seyn in einer wichtigen Sache!«
»Hört, junger Herr!« sagte die Frau und erhob drohend den Zeigefinger der rechten Hand. »Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß es mit der Schwesterschaft nicht ganz richtig ist und daß allerlei Kriegslisten dahinter stecken. Bei Nacht und Nebel braucht man keine Schwester an Bord zu bringen; das kann bei hellem Tage geschehen. Aber ich weiß recht wohl, daß Jugend nicht Tugend hat und Ihr am allerwenigsten. Ich drücke ein Auge zu, allein das andere bleibt desto weiter offen und siehet um so schärfer darauf, daß Alles in Ehren zugeht auf der Syrene. Das laßt Euch gesagt seyn ein für allemal. Ihr seyd ein guter Freund zu meinem Manne, aber Recht geht über Freundschaft. Sonst diene ich Euch gern, und da bei der verlangten Zusammenkunft mit der holdseligen Philippintje,« fügte sie lachend hinzu, »hoffentlich nur die tugendhaftesten Absichten zum Grunde liegen, so will ich Euch das Kind heraufschicken. Ihr müßt aber, während ich sie rufe, meinen Platz am Heerde einnehmen, das Backobst fleißig umschütteln, daß es nicht anbrennt, und das Feuer unter dem Pökelfleisch unterhalten. Kommt herab, daß ich sehe, wie Euch der Küchenschürz ansteht!«
Cornelius ging gern auf einen Scherz ein, der für seine mißliche und verwickelte Angelegenheit eine günstige Wendung herbeiführen konnte. Mit einem kühnen Sprunge war er unten bei Frau Beckje. Das muntere Weibchen band ihm lachend und schäkernd eine blendend weiße Schürze vor, gab ihm den Kochlöffel in die Hand und sagte:
»Da habt ihr Eueren Commandostab! Haltet Ihr gute Ordnung in meinem Feldlager, so werde ich’s zu rühmen wissen, denn das zeigt von guter Anlage zum Ehemanne und Hausvater. Zerfällt mir aber das Fleisch, wird das Backobst schwarz und rauchig, so müßt Ihr eben ein Junggeselle bleiben Euer Lebelang, denn es fehlt Euch an der nothwendigsten Sache für den Hausstand, an der lieben Ordnung.«
Beckje legte rasch ihr Küchencostüm ab und sprang die kleine Treppe hinauf, um sich nach der Cajüte zu begeben, in der Clelia mit Philippintje eingeschlossen war. Indessen wachte der gewesene Kriegshauptmann Cornelius so aufmerksam und sorgfältig bei den Kochtöpfen, wie er früher als Soldat auf nächtlichen Posten dem Feinde gegenüber gewacht hatte. Er hielt den Kochlöffel mit militärischem Anstande in der Rechten, als wäre es der Degen, mit dem er eben das Zeichen zum Angriffe geben wolle. Sein Auge beobachtete mit ängstlicher Aufmerksamkeit die Flamme, als aber die Fleischbrühe plötzlich überkochte und zischend in die Gluth floß, so daß diese zu verlöschen drohete, da wußte er weder Rath noch Hülfe, sondern brach in den Schreckensruf: »Frau Beckje, Frau Beckje!« aus. Wer aber nicht hörte, war Frau Beckje.
»Potz Raa und Backbord!« ließ sich dagegen Capitän Jansens Stimme von oben herab vernehmen. »Was fällt dir ein, Cornelius, daß du meine Frau vorstellen willst am Heerde und die Suppe ins Feuer anrichtest, statt auf den Tisch? Du solltest dich nur sehen und das arme Sündergesicht, das du schneidest in diesem Augenblicke und du müßtest laut auflachen über dich selbst! Komm herauf! Der Schiffsjunge mag so lange die Töpfe hüten, bis Beckje wiederkommt. Der versteht das Ding besser, als du.«
Der muntere Knabe, der auf des Capitäns Wink herbei sprang, war auch gleich unten und hatte rasch und umsichtig das von Cornelius angestiftete Unglück bald wieder gut gemacht. Dieser warf ihm ein Paar Stüber zu und erschien nun mit einem verdrießlichen Gesichte auf dem Verdeck. Das Lachen, in welches Capitän Jansen, gleich nachdem er jene Worte gesprochen, ausgebrochen war, wurde jetzt lautschallend und unmäßig. Er deutete auf Cornelius Antlitz, er wies auf den Küchenschürz, den dieser noch nicht abgelegt hatte. Den Schürz schleuderte der junge Mann ärgerlich hinweg, als ihm aber sein Freund erklärte: Die Kochtöpfe hätten schwarze Spuren seiner Vertraulichkeit mit ihnen auf Nase und Wange zurückgelassen und diese gäben ihm ein so furchtbar komisches Ansehen, daß keiner, der ihn sähe, sich des Lachens erwehren könne, trat er kaltblütig an das Wasserbecken und sagte, indem er sich reinigte, mit großer Ruhe:
»Das kommt nicht von den Kochtöpfen, lieber Jansen! Das kommt von Deiner lieben Frau, die mich herzend und küssend empfangen, als ich ihr Besuch abstattete im unterirdischen Reich.«
»Da müßte sie einen schlechten Geschmack haben!« erwiederte selbstgefällig der Capitän, und dehnte die mächtigen Glieder seiner riesigen Gestalt. Er war um Kopfshöhe größer, als der Junker van Daalen, und sah in diesem Augenblicke auf ihn herab, wie auf ein Kind. Bei seiner Größe gab ihm die fleischige Fülle seines Körpers ein wahrhaft herkulisches Ansehen. Sein wohlgebildetes Antlitz trug den Ausdruck der Offenheit, der frohen Laune und einer kräftigen Derbheit. Seine Bewegungen waren langsam und nachlässig, wie man sie oft bei sehr starken Menschen findet, denen sich in Unternehmungen, welche Körperkraft erheischen, selten anreizende und zu rascher Thätigkeit auffordernde Hindernisse in den Weg stellen. »Was sollte sie mit einem Knäbchen anfangen, wie du bist? Sie ist einmal geboren eines Schiffcapitäns Frau zu seyn und du magst wohl zur Noth mit dem Messer, das du an der Seite trägst, handthieren können, wenn es aber darauf ankommt, ein Schiff lufwärts oder leewärts zu halten, das Raasegel aufzuhißen, den Anker zur rechten Zeit schießen zu lassen und die tollen Jungen, die beim Sturm in den Tauen herumtanzen, wieder nach der Commandopfeife tanzen zu lassen, da bist du ein verlorener Mann, da hat dein Compaß die Richtung verloren, da steuerst du frisch auf die Sandbank los, bis du strandest und dein leckes Boot untergeht mit Mann und Maus. Dort blick hin aufs Backbord! Da steht eine in einer Takellage, die für dich paßt. Das ist ein Schätzlein für meinen Cornelius, das ihm auch so leicht keiner abspenstig macht.«
Bei diesen Worten ergriff er seinen jungen Freund bei den Schultern und drehete ihn rasch um, so daß Cornelius nun die Aussicht nach dem vordern Theile des Schiffes hatte. Da fielen seine Blicke sogleich auf Jungfrau Philippintje, die vor der Syrene stand und ihn mit heftigen Bewegungen zu sich heranwinkte. Er gönnte seinem Freunde kein weiteres Wort, er ließ ihn stehen und war in drei Sprüngen bei der Alten. Jansen schickte ihm ein schallendes Gelächter nach, er aber überhörte es und sprach mit ungemeiner Freundlichkeit zu der Jungfrau:
»Wie geht es Euerer schönen Schutzbefohlenen? Gewißlich recht gut, denn unter einer solchen mütterlichen Pflege kann die zarte Pflanze nur gedeihen und in frischer Gesundheit emporblühen!«
»Ja, mein hochwerther Junker,« versetzte Philippintje, die sich sehr geschmeichelt fühlte, »das muß wahr seyn, ich bin dem Mädchen immer gut gewesen, wie eine leibliche Mutter und ohne mich, die sie stets auf dem Wege zum wahren Christenthume gehalten, wäre sie nach dem Beispiele des sündigen Vaters, eine Heidin geworden und so eine Schiwa-Verehrerin, die ein Stück Holz für den lieben Herrgott ansieht. Aber da habe ich sie seit ihrem siebenten Jahre täglich zum Domine geführt in die Glaubenslehre, wenn der Patron in der Schreibstube oder den Gewölben sein Wesen trieb, da habe ich sie Abends bei mir im still heimlichen Kämmerlein wiederholen lassen, was sie in Sprüchen und biblischen Erzählungen bei dem Domine gelernt, und deshalb ist sie fromm und schön geworden, denn wer dem Herrn mit wahrhaftiger Liebe zugethan, den schmückt er auch mit lieblicher Gestalt und freundlichem Wesen. Alles, was sie ist, hat sie mir zu danken, die Clötje: das gute Gemüth und die Schönheit, und das lasse ich mir nicht bestreiten.«
»Wer wollte auch das thun?« fiel Cornelius ein, der Mühe hatte seine Ungeduld zu bewältigen. Die Lust an dem Weihrauche, den Philippintje sich selbst streuete, hatte sie ganz von der Beantwortung seiner Frage abgeführt. Er wiederholte sie jetzt dringender und fügte hinzu, er fürchte sehr für Clelias Gesundheit, der doch leicht der Schreck, wie die feuchte Nachtluft, nachtheilig gewesen seyn könne.
»Nichts von allen Dem!« entgegnete kopfschüttelnd die Hausjungfer. »Sie liegt im besten Schlafe von der Welt und ihre Wänglein blühen, wie die schönsten Tulipanen in Heern van Vlietens Blumengarten, wie der Duc van Doll, oder der Admiral Enkhuysen. Wer ein gutes Gewissen hat, dem kann der Böse nicht so leicht etwas anhaben in Weh und Krankheit! Ich freue mich nur darauf, wenn sie ausgeschlafen hat und sich nun frei sieht in der weiten Gotteswelt, der schrecklichen Gefahr, ihrem Glauben entsagen und eine Nonne werden zu müssen, entgangen.«
Herr Cornelius van Daalen konnte diese Freude nicht theilen. Vor seinen Geist trat in diesem Augenblicke Alles, was er bei Clelias Erwachen zu erwarten, was er von ihrer wiederkehrenden Besinnung und Erkenntniß zu fürchten hatte. Vorwürfe, einige Kälte und etwas Jammer nach dem Vater — auf diese Dinge war er gefaßt. Wenn aber Clelia ihm vielleicht ihre Liebe entziehn, wenn sie seine Unbesonnenheit so entsetzlich bestrafen wollte, ihn aus ihrem Angesichte zu verbannen, dann war das Aergste geschehen, dann blieb er ewiger Reue über ein Unternehmen hingegeben, das statt ihm die Geliebte zu sichern, sie ihm geraubt hatte. Philippintje näher mit sich zu verbinden, schien ihm durchaus nothwendig. Er nahm einen gehenkelten Doppeldukaten aus seinem wohlgefüllten Ledergürtel, hielt ihn zwischen zwei Fingern, so daß er lockend im Sonnenlichte erglänzte, und sagte im schmeichelhaftesten Tone, den er aufzubringen vermochte:
»Wir Beide sind vom Schicksale erkoren, über die Lebenspfade der lieben Clelia zu wachen. Wir müssen gleich seyn in Gesinnungen und Handlungen, aber auch sonst im Aeußeren vor den Leuten. Deshalb verlange ich es als eine Gunst von Euch, daß Ihr dieses Goldstück annehmet und in Antwerpen, wo Ihr dergleichen leicht haben könnt, Euch mit einem stattlichen Reiseanzug bekleidet. Nicht wahr, gute Philippintje, Ihr schlagt es mir nicht ab?«
»Behüte Gott!« antwortete Philippintje, indem sie mit großer Gelassenheit den Doppeldukaten annahm und rasch in ihren ansehnlichen Tragsack gleiten ließ. »Soll ich Clötje’s Mutter vorstellen und Clötje Euere Schwester, so seyd Ihr ja nichts anders, als mein leiblicher Sohn, und von dem kann ich dergleichen wohl annehmen. Es ist mir auch daran gelegen, daß ich vor der Muhme Jacobea nach Stand und Würden erscheine: das gibt Euch und der ganzen Sache ein Ansehn. Aber, junger Herr,« fuhr sie mit einem verschmitzten Blicke fort, »Ihr habt mir noch ein Räthsel zu lösen, das mir schon lange Nachdenken macht. Wie kamet Ihr denn in den Schiwa und überhaupt, durch welche Veranstaltung gelang es Euch, Eingang in das verschlossene Haus zu finden?«
»Ach!« entgegnete Cornelius und nahm mit einer schwermüthigen Miene auch einen sehr schwermüthigen Ton an: »kennt Ihr die Macht der Liebe nicht, Jungfrau Philippintje? Sie, welche auf dem Throne herrscht, wie in der Hütte des Armen, sie, die den Bettelstab zum Zauberstabe Fortunens macht, die den Hülflosen auf einmal auf den Gipfel des Reichthums und der Freuden erhebt, und den Mächtigen und Reichen niederwirft zu den Füßen der Niedrigkeit und Armuth? Beim Waffenruhme des Prinzen Eugenius! Ihr hättet mehr als zwanzig Jahre hinter Euch und die Liebe wäre Euch unbekannt geblieben?«
»Nein, nein!« sagte fast weinend Philippintje. »Ich kenne sie nur zu gut. Sie hat mich glücklich und unglücklich gemacht, sie hat mir Freuden gegeben, wie sonst nichts mehr, aber auch Leiden, wie sonst nichts mehr! O mein Balthasar, mein Balthasar! Es war gerade in der Zeit, wo die Gebrüder De Witt ermordet wurden, als ich ihn zum erstenmale sah, es mag nun schon ein Paar Jährchen her seyn —«
»Verzeiht, edle Jungfrau,« unterbrach sie mit schonungslosem Muthwillen Cornelius, »seit jener Zeit sind nun schon über dreißig Jahre vergangen. Aber das thut nichts zur Sache. Ich glaube Euch Alles gern, was Ihr gesagt habt und noch sagen wollt; aber hört nun auch mich an. Vernehmt ein Geständniß, das Euch nicht befremden kann, da Euch die Liebe nicht fremd, sondern im Gegentheile nur zu gut bekannt ist. Ich liebe Euch, holdselige Philippintje.«
»Wie, mich?« rief Philippintje im Tone der außerordentlichsten Verwunderung aus und trat einen Schritt zurück. »Ich hoffe, in allen Ehren!« fügte sie, als sie keinen Zug des Scherzes oder Spottes in Cornelius Zügen zu entdecken glaubte, hinzu.
»Freilich!« versicherte dieser. »So sehr in allen Ehren, daß ich auch nicht die mindesten Absichten auf Euch habe. Ueberhaupt werdet Ihr die Ehrlichkeit meiner Gesinnung schon daraus erkennen, wenn ich Euch offenbare, daß ich Euch nur als die Erzieherin und Freundin Clelia’s liebe, die ich zu meinem eigentlichen Herzensgespons erkoren habe.«
»Ah, so meint Ihr es!« erwiederte gedehnt das ältliche Mädchen. »Ihr müßt nur nicht glauben, daß Ihr mir da etwas Neues sagt,« fuhr sie, indem die Spur eines Unwillens über getäuschte Erwartung im Tone der Rede und in ihrem Antlitze zurückblieb, fort: »ich habe Euere Fensterpromenaden am Canale auf und nieder, die verliebten Blicke, die Ihr nach Clötje’s Fenster schicktet, wohl bemerkt. Aber was hat das mit Euerm Logement im Schiwa gemein, was mit Euerm Eindringen in des Patrons Haus?«
»Herzliebste Philippintje,« lenkte Cornelius mit möglichster Freundlichkeit wieder ein, »Ihr habt ja auch schon der Beispiele erlebt, daß Frauenzimmer sich in diejenigen wieder verliebt haben, die ihnen durch Fensterpromenaden und dergleichen Dinge ihre Neigung bezeigt. So ist es auch der liebenswürdigen Clelia mit meiner geringen Person ergangen.«
Er fuhr nun fort, ziemlich der Wahrheit gemäß, zu berichten, was beide Väter oft von einer Verbindung der Kinder gesprochen, wie diese dann erst beim Kirchgang und andern Gelegenheiten sich einander genähert, wie endlich am gestrigen Abende, auf sein vielfaches Zureden, Clelia ihm den heimlichen Eintritt in das Haus bewilligt und verschafft, wie er, durch des Herrn Tobias unerwartete Rückkehr, nothgedrungen in den Leib des Schiwa kriechen müssen und dort, ohne es zu wollen, Zeuge der Entzweiung beider Väter geworden und die schrecklichen Anschläge vernommen, welche der alte van Vlieten gegen ihn und die Tochter im Sinne trage, indem dieser zugleich seines geheimen Uebertrittes zu einem andern Religionsglauben gedacht. Bei dieser Abweichung von der Wahrheit zur Lüge mußte Cornelius zu seinem großen Erstaunen und zu seinem noch größern Verdrusse die Bemerkung machen, daß Philippintje mit einem ungläubigen Lächeln zu ihm aufsah, eine sehr listig seyn sollende Miene annahm und bedenklich den Kopf schüttelte. Das kam ihm durchaus unerwartet. Der Eifer, den die Hausjungfer bei der ersten Entdeckung an den Tag gelegt hatte, schien ihm ein hinlänglicher Bürge ihrer Leichtgläubigkeit zu seyn; aber, wie es jetzt das Ansehn gewann, hatte er sich getäuscht und wurde von ihr in seinem, freilich nicht allzu fein angelegten Betruge durchschaut. Er war nun bemüht, sie von weitern Gedanken und Ueberlegungen, die diesen Punkt betrafen, abzuziehn. Er sprach von seiner großen Liebe zu Clelia, von der gerechten Verzweiflung, die ihn ergriffen, da er Herrn Tobias plötzlich entstandenen Widerwillen gegen die schon so gut als abgeschlossene Verbindung erkannt, von dem beispiellosen Glücke, das er Clelien als zärtlicher Gatte zu bereiten gedenke, von seiner Dankbarkeit gegen Philippintje, die ein solches Kleinod gebildet, und von den reichen Geschenken, von der Hochachtung bis ins späteste Alter, mit denen er jene Dankbarkeit bethätigen wolle.
»Hochedler Junker,« sagte Philippintje, nachdem er geendigt und zwischen beiden Personen eine erwartungsvolle Stille geherrscht hatte, bedächtig, »es gibt Dinge, die ich am Tage anders ansehe, als in der Nacht. So geht es mir mit Euerer Geschichte von des Patrons Glaubensveränderung, von Clötjes Nonnenschaft, von Euerer Verbrennung; sie kommt mir vor wie ein Traum, und: Träume sind Schäume, sagt ein altes Sprüchwort. Ich habe schwer und böse geträumt, aber ich bin nun erwacht. Der alte Tobias mag wohl ein schlechter Christ seyn und mehr am heidnischen Schiwa, als an der christlichen Liebe hängen, aber so arg treibt er’s doch nicht, daß er ein Catholik geworden wäre und den Herzog von Alba wieder aus dem Grabe erwecken möchte, sammt der Inquisition und ihren Blutgräueln. Davon hat mir mein Balthasar selig erzählt, der die Geschichte auf ein Haar wußte. Nein! der gestrenge Patron verabscheut vielmehr die Spagnolen, schon des Zuckers und Caffees, der Muskaten und des Caneels halber, mit denen sie gern allein handeln wollen. Ihr habt uns diese Nacht in der ersten Bestürzung einen mächtigen Bären aufgebunden, mir und meiner Clötje: so groß, daß sie ihn gleich erkennen wird, wenn sie nur ihre Aeuglein aufthut!«
»Holland und England!« fuhr Cornelius unbedacht heraus. »Das ist ja mein einziger Kummer. Glaubt Ihr, ich kenne Clelia nicht genug, um das vorauszusehn?«
»Sündenlohn ist der Sünden Schuld!« versetzte das Mädchen, indem sie mit großer Selbstzufriedenheit über den bewiesenen Scharfsinn den Kopf mit der langgeöhrten Spitzenhaube hin und herwiegte. »Ihr hättet Euch auch selbst verrathen, wenn ich Euch nicht errathen hätte. Ihr könnt dergleichen Streiche im ersten Augenblick wohl unternehmen, aber Ihr seyd nicht schlimm genug, sie durchzuführen. Ich war eine rechte Thörin, Euren Spiegelfechtereien Glauben beizumessen; allein es reuet mich nicht, denn es ist schon seit lange einer meiner innigsten Wünsche, einmal in der Welt herumzufahren, und allerlei Schicksale und Begebenheiten zu erleben. Aber Clötje? Die denkt nicht so, die wird ein andres Stücklein anstimmen, das Euch widrig in die Ohren gellen und Euer Müthchen gewaltig herabstimmen dürfte!«
»Unvergleichliches Philippintje, da müßt Ihr helfen!« bat dringend Cornelius. »Euch verdankt sie das edle Gemüth, die Schönheit und den Verstand. Ihr vermögt Alles über sie. Sucht sie bei dem Glauben an Herrn Tobias tyrannische Absicht zu erhalten, malt ihr das Nonnenleben noch weit entsetzlicher, als Ihr schon gethan habt, stellt ihr die Qual der Verdammniß vor —«
»Das thue ich nicht!« entgegnete mit einem bösen Gesichte und entschlossener Stimme Philippintje. »Ueberhaupt, wenn Ihr auf dem Lügenpfade fortschreiten wollt, so dürft Ihr nicht darauf rechnen, mich zur Reisegefährtin zu besitzen.«
»Nicht böse, Engels-Philippintje, nicht böse!« versetzte höchst kläglich der muthlos werdende Kriegsmann. »Wenn Ihr mich verlaßt, so bin ich ja von Allem verlassen, selbst von dem letzten Troste des armen Sünders, von der Hoffnung. Helft mir und rathet mir in dieser Sache und ich schwöre Euch, wenn Ihr es dahin bringt, daß Clelia die meinige wird, so soll es Euch nie fehlen an irgend Etwas Euer Lebelang, wir wollen Euch hegen und pflegen, wie eine Mutter und Ihr sollt jährlich hundert Dukaten blos für Euere Nebenausgaben haben.«
Das war eine starke Versuchung für Philippintje. Sie hatte im Hause des Herrn Tobias Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß der geizige Herr, seitdem sie in die Jahre getreten, wo ihr die häuslichen Geschäfte nicht mehr so flink von der Hand gingen, wie früher, sie mit scheelem Auge ansah, oft um Geringfügigkeiten Willen Ursache zum Streit mit ihr suchte und sie in einer Weise ausschalt, aus der sie ersah, daß sie ihm lästig falle, sie hatte sogar aus seinem Munde hören müssen, daß, wer nicht arbeite, auch nicht des Brodes werth sey, das er esse. Diese Hartherzigkeit, diese Undankbarkeit des alten van Vlieten erbitterte sie auf’s Aeußerste; sie sah von diesem Augenblicke Alles, was er that, in einem schwarzen Lichte an. Seine Abgeneigtheit, den Domine zu bewirthen, galt ihr für Mangel an Christenthum, seine Liebhaberei am Schiwa war ihr ein Beweis, daß er im Heidenlande, wie sie Ostindien nannte, auch heidnische Gesinnungen angenommen habe. Sie war in ihrer durch Tobias selbst fortgenährten Erbitterung geneigt geworden, das Entsetzlichste von ihm zu glauben. Deshalb ging sie so leicht in die von Cornelius gestellte Falle, deshalb wirkte sie übereilt zu einem Unternehmen mit, dessen Bewegungsgründe ihr, sobald ihr Gemüth Zeit zu Ruhe und Nachdenken fand, als Täuschungen, als Ausgeburten der Unbesonnenheit und des Leichtsinnes erscheinen mußten. Sie durfte nicht hoffen, bei einer etwaigen Rückkehr in Cleliens Vaterhaus, von dem Prinzipal entschuldigt und wieder in Gnaden angenommen zu werden. Im Gegentheile stand zu erwarten, daß Herr Tobias in ihr die Verbündete des Junkers Cornelius sehen, seinem langgenährten Grolle Luft machen und ihr den oft in unzweideutigen Ausdrücken gedroheten Abschied ertheilen würde. Nun kam des jungen van Daalen, gegen jede Noth des Alters schützender Antrag und mit ihm eine Gelegenheit, deren Frauenzimmer in Philippintje’s Jahren sich so gern bemächtigen, nämlich die, eine Heirath stiften zu können, und dabei noch die Aussicht, an dem filzigen Tobias Rache zu nehmen — Philippintje widerstand nicht länger, aber sicher wollte sie sich setzen und nicht einem bloßen Versprechen das Glück ihrer Zukunft, das vielleicht nie wieder so lockend sich bieten würde anheimstellen.
»Was Ihr mir da sagt, ist wohl recht schön und gut, hochedler Junker!« hob sie mit angenommener Gleichgültigkeit an, »aber nehmt mir’s nicht übel, wer kann Euch trauen? Habt Ihr Euch kein Gewissen daraus gemacht, mich und auch gar Euere Herzliebste bei Nacht hinter der Wahrheit herumzuführen, so werdet Ihr es bei Tage ebensowenig thun. Ich weiß recht gut, Ihr seyd ein reicher Erbe, Euer Vater ist ein dicker Herr in der guten Stadt Rotterdam und es wird dermaleinst nicht viel für Euch seyn, jährlich einhundert Dukaten einem armen Mädchen hinzuwerfen, das sie wohl durch vielfache Sorgen und Nachtwachen bei dem lieben Clötje verdient hat. Aber wer verbürgt mir Euer Wort? Wißt Ihr was, Herr Cornelius, gebt mir’s schriftlich und dann will ich sehn, was ich bei Clötje thun kann. Mit einem solchen Papier in der Tasche hat man gleich mehr Muth, der Verstand schärft sich und man weiß für jeden Nothfall eine gute Aushülfe!«
»Nassau und Oranien, Ihr traut meinem Worte nicht?« entgegnete mit einiger Heftigkeit Cornelius. Dann aber fuhr er lachend und indem er sich eines Gefühles von Beschämung nicht ganz erwehren konnte, fort. »Aber ich kann es Euch nicht verdenken. Ich habe es danach getrieben, daß Ihr mich mehr für einen Wortmacher, als einen Worthalter ansehn müßt. Ich will Euere gute Meinung wieder gewinnen. Gleich stelle ich Euch die Schrift aus, die Ihr verlangt, aber, sowahr ich Clelia mehr als Alles liebe, für diesen Fall hättet Ihr keiner anderen Versicherung bedurft, als meines Wortes.«
»Besser ist besser!« sagte Philippintje mit zweifelhaftem Kopfschütteln für sich, während Cornelius hastig nach dem Tische des Steuermannes schritt, auf dem sich Papier und Schreibzeug befand. Von diesem Augenblicke sah die Hausjungfer des jungen Mannes Angelegenheit für ihre eigene an. Sie überlegte hin und her, auf welchem Wege sie am besten ihr Clötje zu milden Gesinnungen für den unbesonnenen Kriegsmann aus dem Unwillen überleiten könne, der das liebe Kind sicherlich beim Erwachen ergreifen würde, wie sie die Besänftigte dann weiter zur Fortsetzung der Reise, zu dem Besuche bei der Muhme Jacobea bewegen möge, damit der alte Tobias nicht, noch etwa vor dem geschlossenen Bunde, seine scheidende Vaterhand zwischen den Junker und Clötje hinstrecken könne. Eben als Cornelius herbeitrat und ihr das gewünschte Papier überreichte, glaubte sie die rechte Art und Weise gefunden zu haben.
»Laßt mich nur machen!« sprach sie in dem Tone des nun herrschenden traulichen Einverständnisses. »Der alte Heide Tobias soll Euern Herzenswünschen nicht entgegentreten und Clötje selbst wird gern ja sagen, wenn ich mit ihr geredet habe. Hütet Euch nur vor ihr Angesicht zu treten, bis ich Euch einen Wink gebe. Beruhigt Euch: Es wird Alles gut gehn.«
Philippintje verbarg die erhaltene Verschreibung im tiefsten Grunde der großen Ledertasche, die sie unter der Schürze, an ihrem Leibe trug. Dann trippelte sie fort, die kleine Treppe hinab, welche zu Cleliens Aufenthalte führte.
Die Ufer des Flußes, den die Syrene, von schwellenden Segeln rasch fortbewegt, hinauffuhr, erweiterten sich. Die zierlichen, roth und weiß gemalten Landhäuser mit den freundlichen, hellgrünen Laden und Thüren, wurden seltener und sahen nur noch aus der Ferne herüber. Man näherte sich der Gegend, wo die Maas, mit einem Arme der Schelde und mehrern andern Gewässern vereinigt, eine Art von See bildet, in dessen Mittelpunkt man, wie auf offenem Meere, keine Küste mehr erblickt. Die Barke kam jetzt, obgleich die Zugpferde ausgespannt wurden, noch schneller vorwärts, als bisher, da der Richtung ihres Laufes die eintretenden Strömungen anderer Gewässer Hülfe leisteten. Die Schiffenden sahen bald den weiten Spiegel vor sich liegen. Viele Segel waren in der Nähe und Ferne zu erblicken.
Da trat mit einer ernstern Miene, als gewöhnlich, der Capitän zu seinem Freunde:
»Höre einmal, Landläufer,« sagte er, »du hast oft genug zu thun gehabt mit den Franzosen auf festem Grunde und Boden, jetzt kann dir desgleichen mit ihnen oder den Spagnolen auf dem beweglichen Wasser begegnen. Die welschen Seehunde sind frech und übermüthig geworden. Sie wagen sich in Schaluppen und selbst in Schoonern in die Flußmündungen hinein, um im Innern des Landes den Handel zu stören und Beute zu machen. Ich stehe dir nicht dafür, daß so ein naseweiser Franzose oder ein hochmüthiger Don uns nicht in den Weg kommt und wir einen Strauß mit ihm auszufechten haben, den man hören wird von Dortrecht bis Antwerpen. Dafür ist meine sonst friedfertige Syrene mit Böllern gerüstet, mit Schießgewehr und Pulver wohl versehen. Sie sollen nur kommen! Capitän Jansen hat nicht umsonst unter Ruyter und de Witte seine Lehrjahre gemacht.«
»Mein Degen soll an den Galgen gehängt werden, wenn er ihnen nicht die Wege weist auf gut oranisch!« rief sehr lebhaft Cornelius, indem die Aussicht auf ein kriegerisches Unternehmen ihn einige Augenblicke die Sorge für Clelien vergessen ließ. Gleich darauf setzte er jedoch bedächtig hinzu, »aber meine Schwester — wie wird es ihr ergehen, welche Lage für das Mädchen —«
»Pah!« fiel Jansen mit einem rauhen Gelächter ein. »Wenn du besorgt bist um ihretwillen, so wirst du nur desto besser fechten, und was sie betrifft, so mag sie’s mit meiner Frau halten, die bei solchen Tänzen nicht auf dem Verdeck fehlt und ihren Böller so schußgerecht abfeuert, wie ein gelernter Canonier. Potz Bramsegel und Fockmast! Es ist nicht das erstemal, daß sie dabei ist. Du solltest sie nur sehen, mit welcher Geschwindigkeit sie ladet, zielt, die Lunte einschlägt und immer dem Schiff in die Weichen trifft, daß es eine Freude ist. Ja, sie ist geboren zu eines Seemanns Frau, die Beckje! Und wie es auch drunter und drüber geht, wie die Kugeln über das Schiff schwirren und die Enterhaken der Feinde durch den Dampf herüberglänzen, so schweigt keinen Augenblick ihr Spottlied:
»Die Geusen wollen jagen
Auf den hispan’schen Don,
Doch wo sie nach ihm fragen,
Lief er schon längst davon!«
»Das ist ganz vortrefflich von der Beckje,« erwiederte gedehnt der Junker van Daalen, »und es würde mir allerdings eine große Freude seyn, sie in ihrer kriegerischen Thätigkeit zu bewundern, aber meiner Schwester wegen, die keine solche Heldin ist, wäre es mir doch lieber, du setztest uns in Dortrecht oder, wo es sich sonst gut thun läßt, an’s Land!«
»Ich glaube gar, du fürchtest dich?« versetzte mit einem Anfluge von Spott der Schiffscapitän. »Du mußt aber nun schon aushalten, bis wir in den Haven von Antwerpen einlaufen, denn gerade an den Küsten wimmelt es von feindlichen Kreuzern in einer Menge, der ich nicht gewachsen bin. Halte dich nur ruhig im untern Raum, wenn’s drauf und dran geht, Beckje wird dich schützen.«
»Hölle und Marlborough!« fuhr Cornelius wild auf und eine dunkele Gluth überzog sein Antlitz. »Hätte mir ein anderer, als du das gesagt, Jansen, so müßte er den Schandflecken mit seinem Blute mir abwaschen. So aber weiß ich, daß du nur scherzest, denn du kennst recht wohl die Bedeutung dieser goldenen Ehrenkette, die mir der ruhmwürdige König Wilhelm eigenhändig angelegt. Ich habe die Sache nun auch schon besser überlegt und denke nicht mehr daran, mich mit den Weibern auszuschiffen. Laß sie nur kommen und du sollst sehen, daß ein Landläufer, wie du mich zu nennen beliebst, mit Geschoß und Degen so gut umzugehen versteht, wie eine Wassermaus!«
Jansen schüttelte lächelnd seinem Freunde die Hand.
»Nimm’s nicht übel, Bruderherz!« sagte er gutmüthig. »Aber, du mußt uns Seeleuten schon die Eigenheit hingehen lassen, daß wir gern Euch Landhelden ein Wenig aufziehn. Die Geusen haben Holland frei gemacht und deshalb steht ihnen auch wohl eher ein Wort frei, als andern. Unsere Tromp, Ruyter und de Witte beherrschten das weite Weltmeer, während ihr Mühe hattet, die Grenze zu behaupten.«
»Freilich,« entgegnete Cornelius in einem angenommenen Tone eben solcher Gutmüthigkeit, »haben die Wilhelme und Moritz von Oranien nichts gethan, dem alten Ouwerkerk ist der Degen in der Scheide festgefroren und ihr habt den Franzosen Jean de Baert allenthalben geschlagen, wo er euch aufgestoßen.«
Der letzte Scherz war zu beißend, als daß Jansen ihn ruhig ertragen konnte. Er schleuderte die Hand des Freundes, die er ergriffen hatte, fort und ging, ein Wort des Unwillens in sich hineinmurmelnd, nach dem hintern Verdeck.
Die Barke schwebte jetzt zwischen zwei der Inseln hin, die da, wo Maas und Waal unter dem Namen der Merwe vereinigt fließen, sich bilden. Die Ufer der Inseln bestanden aus hohen Bollwerken von Pfählen und Zweiggeflechten, die den sandigen Boden gegen den Andrang der Wellen schützten. Fernher sah aus Wiesen und Gebüschen ein freundliches Bauernhaus oder eine strohbedeckte Fischerhütte. Noch einmal stieg in Cornelius Seele der Gedanke auf, ob nicht Pflicht und Gewissen von ihm forderten, die Tochter des Herrn van Vlieten zu einem Orte zu führen, wo sie den Beunruhigungen des Krieges nicht ausgesetzt war, aber auch nur zu leicht wieder sich aus seiner Nähe entfernen und ins Vaterhaus zurückkehren konnte. »Nein, nein!« rief da mit Allgewalt die Stimme der Leidenschaft in der Brust des jungen Abentheurers. »So verliere ich sie gewiß, und auf dem Wege, der durch Kampf und Gefahren führt, kann ich sie mir gewinnen. Wenn sie mich als Sieger, als den Retter ihres Lebens vor sich sieht, wenn sie erkennt, daß niemand sie treuer und muthiger zu schützen vermag ihr Lebelang, als Cornelius van Daalen; dann muß sie mir die thörigte Uebereilung verzeihen, dann muß sie die Meinige werden, dann wird sie auch der fürsprechenden Philippintje nicht widerstehn!«
Seine ganze Phantasie erfüllte sich jetzt mit Bildern des Kriegs und blutiger Kämpfe. Er schritt das Verdeck auf und nieder, musterte die vorhandenen Waffen und den Munitionsvorrath. Die Barke war ungewöhnlich stark bemannt, wahrscheinlich um den drohenden Kriegsgefahren im Nothfalle begegnen zu können! Cornelius zählte an zwanzig Männer, alle von kräftigem Körperbau, mit verwegenen Gesichtern, die da sagten, daß sie nicht allein mit Segel- und Tauwerk, sondern auch, wenn es gelte, mit Feuergewehr und Säbel, mit Enterbeil und Enterhaken umzugehen verständen. Viele von ihnen trugen in tiefen, vernarbten Einschnitten die Bilder von Galgen und Rad auf dem gebräunten Antlitze, Spuren von Zwistigkeiten, die sie mit ihren Cameraden gehabt hatten und die, nach der unter dem holländischen gemeinen Volke beliebten Weise mit der Spitze des Messers ausgemacht worden waren. Dennoch herrschte unter dem rohen Haufen die größte Ruhe und Ordnung, der strengste Gehorsam. Jansens riesenkräftige Gestalt, die Bestimmtheit und der Ernst, mit denen er seine Befehle ertheilte, schienen den besten Eindruck zu machen und jeden Ausbruch roher Heftigkeit in den nöthigen Schranken zu halten.
Indessen war Philippintje voll zweifelhafter Erwartung auf den Ausgang des Unternehmens, dessen Mitgenossin sie geworden, in das Innere der Cajüte getreten. Hier saß Clelia schon erwacht und aufrecht auf dem Ruhebette, sie sah still und ernst vor sich hin, sie schien in einer wichtigen Ueberlegung begriffen.
»Philippintje,« redete sie die Eintretende mit größerer Fassung an, als diese vermuthete, »wir sind beide grausam getäuscht worden. Man hat meine Unerfahrenheit, man hat eine Schwachheit von mir benutzt, mich zu einem großen Vergehen gegen meinen Vater zu verleiten. Als ich erwachte, wußte ich nicht, wo ich mich befand und es war mir Alles wie im Traume. Jetzt aber ist meine Besinnung zurückgekehrt, ich kenne die Schlingen, in welche man dich und mich verlockt hat, und die kindliche Pflicht erfordert von mir, mich ihnen zu entreißen.«
»Gewißlich sind wir übel daran,« erwiederte die Hausjungfer, welche für diese Anrede schon ihre Antwort in Bereitschaft hatte, »aber was können wir Anderes, was können wir Besseres thun, als uns vor der Hand in unser Schicksal ergeben und die Muhme Jacobea besuchen, wo wir Rath, Hülfe und Fürsprache bei dem Vater hoffen dürfen?«
»Nimmermehr!« versetzte eifrig Clelia. »Wir müssen umkehren mit der ersten Gelegenheit, wir müssen in’s Vaterhaus zurück, dort Alles gestehen und die Verzeihung des schwer beleidigten Mannes erflehen. Oder, Philippintje, ahnest du vielleicht noch nicht einmal, welches ruchlose Spiel man mit uns getrieben hat, muß ich dir erst Alles erzählen und erklären, meine eigene Thorheit und unglückliche Geistesschwachheit —«
»Nein, nein!« unterbrach sie im kläglichen Tone Philippintje. »Ich weiß Alles, der unglückliche junge Mann hat mir Alles entdeckt. Ach, es steht übel mit ihm! Er ist sehr zu beklagen. Ich fürchte für sein Leben, für sein irdisches und sein himmlisches Heil.«
Diese räthselhaften, auf irgend ein dem Junker van Daalen bevorstehendes Unglück deutenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Clelia erblaßte. Die Liebe, die sie für den unbesonnenen Jüngling empfand, überwog in diesem Augenblicke ihren Unwillen. Sie war in Verlegenheit, sie wußte nicht, wie sie, ohne ihre gütigeren Gesinnungen zu verrathen, eine weitere Erkundigung einleiten sollte. Endlich, nach einer ziemlich langen Pause, die Philippintje ruhig abwartete, sagte sie mit erkünstelter Kälte:
»Von wem sprichst du, Philippintje? Wer ist der Unglückliche, für dessen Leben du fürchtest?«