Mitteilungen
aus dem germanischen Nationalmuseum.
Jahrgang 1896.
Nürnberg, 1896.
Verlagseigentum des germanischen Museums.
Mitteilungen
aus dem
Germanischen Nationalmuseum
herausgegeben
vom Directorium.
JAHRGANG 1896.
MIT ABBILDUNGEN.
NÜRNBERG, 1896.
VERLAGSEIGENTUM DES GERMANISCHEN MUSEUMS.
Register zum Jahrgang 1896
der
Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum.
| Ein vergessener Schüler Albrecht Dürers, von Dr. Alfred Bauch | [3] |
| Aus der Plakettensammlung des germanischen Nationalmuseums, von Dr. F. Fuhse. I. II. | [15] u. [97] |
| Oswald und Kaspar Krell, von Dr. Th. Hampe | [23] |
| Zu Baldungs Madonna mit der Meerkatze, von Dr. Edm. Braun | [28] |
| Der Meister der Nürnberger Madonna, von Gustav von Bezold | [29] |
| Das Gedenkbuch des Georg Friedrich Bezold, Pfarrers zu Wildenthierbach im Rothenburgischen, von Dr. Th. Hampe | [32] |
| Die letzten Tage des Malers Georg Pentz, von Dr. Alfred Bauch | [43] |
| Initialen in Holzschnitt von dem Rechenmeister Paulus Frank (um 1600), von Dr. Th. Hampe | [49] |
| Albrecht Dürer und der Rahmen des Allerheiligenbildes, von Karl Schaefer | [53] |
| Deutsche Pilgerfahrten nach Santiago de Compostella und das Reisetagebuch des Sebald Oertel (1521-22), von Dr. Th. Hampe | [61] |
| Über ein Prosatraktätlein des Hans Folzens von der Pestilenz, v. Dr. Th. Hampe | [83] |
| Eine Nürnberger Labyrinthdarstellung aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts, von Dr. Edmund Braun. I. | [91] |
| Notiz über Dürer aus den Nürnberger Ratsprotokollen, von Dr. Th. Hampe | [96] |
| Das Nürnberger Münzkabinet des Freiherrn Joh. Christ. Sigm. von Kreß, von Dr. K. Schaefer | [108] |
| Friesische Häuser auf den Halligen, von Dr. Eugen Traeger | [112] |
| Dürer. Kleine Mitteilungen, von Dr. F. Fuhse | [120] |
| Das schleswig-holsteinische Frontale im germanischen Museum, von Gustav Brandt | [121] |
| Geschnitzte friesische Thüren im germanischen Museum, von Dr. Eugen Traeger | [130] |
| Das Bildnis des Hans Perckmeister, von Dr. Hans Stegmann | [134] |
Ein vergessener Schüler Albrecht Dürers[1].
In der Gemäldegallerie des Germanischen Nationalmuseums befindet sich unter Nr. 273 ein Bildnisdiptychon, das, wie aus dem rückseits angebrachten Familienwappen zu entnehmen ist, den Nürnberger Bürger Hans Straub und seine Gattin Barbara Pirkheimer darstellt[2].
Die Straube waren eine Kaufmannsfamilie, deren Ahnherr Bernhard Straub im Jahre 1495 in Nürnberg das Bürgerrecht erwarb[3] und später Genannter des größeren Rats wurde[4], womit seine Familie in den Kreis der Nürnberger ehrbaren Geschlechter eintrat. Einer seiner Söhne, der obengenannte Hans Straub vermählte sich am 8. Februar 1518 mit Barbara, der jüngsten Tochter des Nürnberger Staatsmanns und Gelehrten Wilibald Pirkheimer und dessen Gemahlin Crescentia Rieter[5]. Die Pirkheimer führten eine Birke, die Rieter ein Meerweib im Wappenschilde. In der goldenen Halskette, mit der Barbara auf dem Bildnis geschmückt ist, wechseln diese Wappenfiguren mit einander ab; die Kette war also sicher ein Familienerbstück, das Barbara aus dem Nachlasse ihrer (1504) verstorbenen Mutter zugefallen war.
Wie die Aufschriften des Diptychons besagen, wurde es im Jahre 1525 gemalt. Das Monogramm des Künstlers fehlt. Die Porträts rühren aber zweifellos von einem Maler her, der sich an Dürer gebildet hatte; sie wurden daher der Schule Dürers und insbesonders dem Maler Georg Pentz zugewiesen[6].
Von bekannten Nürnberger Malern aus Dürers Schule kämen außer Pentz noch die beiden Brüder Hans Sebald und Barthel Beham in Frage; allein im Jahre 1525, wo die Bildnisse entstanden sind, können die drei Maler überhaupt nur verschwindend kurze Zeit in Nürnberg thätig gewesen sein. Im Winter 1524 auf 1525 hatte es der Nürnberger Rat mit einer gefahrdrohenden Bewegung religiöser und sozialistischer Natur zu thun. Unter den Aufwieglern befanden sich auch Pentz und die beiden Beham, die sogenannten »drei gottlosen Maler«. Sie wurden Anfang Januar 1525 gefänglich eingezogen und dann zur Strafe aus der Stadt gewiesen[7]. Die Verbannung wurde wahrscheinlich in der üblichen Weise gegen sie ausgesprochen, daß sie nur in einer Entfernung von einer bestimmten Anzahl Meilen sich niederlassen durften. Nachdem die drei Maler hierauf wiederholt vergebens um Erlaß der Strafe gebeten hatten, wurde zunächst dem Maler Pentz vom Nürnberger Rate gestattet, in der Stadt Windsheim, die von Nürnberg zwölf Stunden entfernt ist, seinen Wohnsitz zu nehmen[8]. Schließlich aber erhielten alle drei Maler auf Fürbitte Melchior Pfinzings, des Probstes von St. Sebald, Verzeihung: es wurde ihnen durch Ratsbeschluß vom 16. November 1525 erlaubt, wieder zurückzukehren[9]. Hiernach können also die Maler kaum vor dem 19. oder 20. November nach Nürnberg zurückgekommen sein; und da nach damaliger Rechnung das Kalenderjahr mit dem 24. Dezember abschloß[10] so ist es an sich schon wenig wahrscheinlich, daß gerade in dieser kurzen Zeit am Ende des Jahres 1525 beide Porträts von der Hand eines dieser Maler geschaffen sind.
Doch noch ein weiterer Umstand spricht gegen die Autorschaft eines der genannten drei Maler: weder bei Pentz, noch den beiden Beham lassen sich irgendwelche Beziehungen zu der Familie Straub oder Pirkheimer feststellen.
Wohl aber ist dies der Fall bei einem anderen Maler, der nicht bloß wie Pentz und die Brüder Beham wegen der Malweise der Schule Dürers beizuzählen ist, sondern auch dokumentarisch sich als Schüler Dürers nachweisen läßt[11]. Wir meinen den Maler, dessen in einem Verlaß des Nürnberger Rats vom 8. Oktober (sabbato post Francisci) 1524 mit den Worten Erwähnung geschieht:
»Albrecht Durers Knecht Jergen, der sein Mayd zur Ehe genommen, um 2 Guldin Werung zu Burger auffnemen.
H. Volkamer.«
Unter diesem Knechte wurde bisher Georg Pentz verstanden[12]. Pentz aber hatte bereits am 8. August 1523 und zwar gegen eine Aufnahmegebühr von vier Gulden in Nürnberg das Bürgerrecht erworben[13], und seine Frau hieß Margareta, während doch Dürers Magd, wie bekannt, den Vornamen Susanna führte[14]. Demnach kann Pentz unmöglich mit diesem Knecht Georg identisch sein.
Den Familiennamen des Knechtes Georg erfahren wir aus dem Bürgerbuche, wo unter anderen neu aufgenommenen und vereideten Bürgern zum selben Tage, sabbato post Francisci 1524, aufgeführt ist[15]:
»Gorg Schlenck, Maler, dedit ... 2 fl. werung.«
Wir haben es also hier mit einem bisher völlig unbekannten Schüler Albrecht Dürers zu thun; und wenn er auch als Künstler keinen Ruhm erlangt hat, so sind doch seine Schicksale deshalb von ganz besonderem Interesse, weil sie, im Zusammenhang mit anderen Erscheinungen aus Nürnbergs Kunstwelt betrachtet, es erst erklärlich machen, warum in Nürnberg der Malerei nur eine so kurze Blütezeit beschieden war.
Es dürfte sich daher wohl verlohnen, eine biographische Skizze dieses Mannes zu entwerfen.
Wir begegnen ihm zum ersten Male gelegentlich seiner Verheiratung mit Susanna. Sie hatte schon längere Zeit in Dürers Hause als Magd gedient, muß aber bei der Eheschließung noch jung gewesen sein, weil sie im Jahre 1520 noch als Mägdlein bezeichnet wird[16]. Bei dem Ehepaar Dürer, das sich keiner Nachkommenschaft erfreute[17], wurde sie wie zur Familie gehörig behandelt; sie machte 1520 und 1521 mit Dürer und seiner Frau Agnes die Reise in die Niederlande mit und wurde dort sogar zu Festlichkeiten mit eingeladen, die man zu Ehren ihres Herrn veranstaltete.
Als Schlenk das Bürgerrecht erwarb, gewährte ihm der Rat einen Nachlaß an der Aufnahmegebühr[18]; er hatte nur zwei Gulden zu zahlen, während sonst die Mindestgebühr vier Gulden betrug. Vier Gulden wurden von denen gefordert, deren Gesamtvermögen nicht über 100 Gulden an Wert geschätzt wurde. Er war also von Haus aus arm, und seine Dürftigkeit wird ihn daher bewogen haben, noch weiterhin bei Dürer zu arbeiten; wenigstens wird noch im Jahre 1526 ein »Diener« Albrecht Dürers erwähnt[19].
Über Schlenks Thätigkeit als Maler ist wenig zu sagen. Mit einiger Gewißheit wird man ihm nur die bereits oben besprochenen Porträts des Nürnberger Kaufmanns Hans Straub und dessen Gattin Barbara, der jüngsten Tochter Willibald Pirkheimers, zuweisen können.
Zwischen den Familien Pirkheimer und Dürer herrschten die freundschaftlichsten Beziehungen. Auch Barbara stand bei Dürer in besonderer Gunst: er gedachte ihrer auch auf seiner Reise in die Niederlande und brachte ihr von dort Geschenke mit[20]. Dann war Dürer aber auch der Berater seines Freundes Pirkheimer in Kunstsachen und lieferte ihm im Jahre 1525, also gerade in der Zeit, wo die oben erwähnten Bildnisse entstanden sind, mehrere Zeichnungen zu einer Ausgabe des Ptolomaeus[21]. So waren also bei diesem intimen Verkehr viele Anknüpfungspunkte zwischen den Gliedern der Familie Pirkheimer und Dürers Hausgenossen, d. h. seinem Gehilfen Georg Schlenk und dessen Frau Susanna, vorhanden.
Ebenso sicher ist, daß die Porträts von einem Maler aus Dürers Schule herrühren. Da aber, wie schon dargethan wurde, Pentz und die beiden Beham nicht wohl in Frage kommen können, so wird man sein Augenmerk auf einen andern Schüler Dürers richten müssen.
Schlenk hatte im Herbst 1524, also kurze Zeit, bevor die Porträts gemalt wurden, sich einen eigenen Hausstand gegründet. Er war von Haus aus unbemittelt; um so eher werden ihm seine Gönner einen Verdienst zugewendet haben.
Daß es Schlenk außerdem nicht an Talent gefehlt hat, um die Porträts zur Zufriedenheit auszuführen, dafür ist Beweis, daß ihn ein Dürer in seiner Werkstätte heranbildete. Ein Meister wie Dürer würde sicher keinen Stümper um sich geduldet haben.
Nach alledem wird man kaum fehlgehen, in Georg Schlenk den Maler des Bildnisdiptychons zu suchen.
Der Tod Dürers beraubte Schlenk seiner Stütze. Dürer starb am 6. April 1528. Nicht lange darauf finden wir Schlenk in einer ganz unerwarteten Lage: er bewarb sich im März 1529 um eine Anstellung als städtischer Aufdinger[22]. Die Aufdinger waren die Auf- und Ablader der Kaufmannsgüter, die in Nürnberg zur Verzollung kamen. Sie wurden nach den Haupthandelsstraßen bezeichnet: es gab Aufdinger auf der polnischen Straße, dann Aufdinger auf den Straßen nach Sachsen, Franken, Schwaben, Bayern und Ungarn[23]. Das Ämtchen als Aufdinger muß, allerdings wohl zumeist wegen der Trinkgelder, ein recht einträgliches gewesen sein; denn es war immer ein großer Zudrang dazu, und wiederholt mußte der Rat einschreiten und fremden Eindringlingen, die keine Bestallung hierzu hatten, das Aufdingen bei Strafe verbieten[24]. Als Schlenk um einen Aufdingerposten anhielt, ließ der Rat Erkundigungen einziehen, ob er sich dazu eigne. Sei es nun, daß er für so eine schwere Arbeit körperlich zu schwach war, oder daß keine Vakanz bestand, er erreichte seinen Wunsch nicht und versuchte es das Jahr darauf, wenn auch wiederum vergebens, als Nürnberger Landbote eine Stelle zu erlangen[25]. Endlich aber glückte es ihm doch, in städtische Dienste zu kommen: er wurde im April 1532 zum Zöllner am Vestnerthor ernannt und noch im selben Jahre ans Tiergärtnerthor versetzt. Vorher aber hatte er zusammen mit seiner Frau Susanna sich eine Zeitlang seinen Unterhalt als Inhaber einer Garküche erworben[26]. Das Geschäft, dessen Seele jedenfalls seine in der Kochkunst bewanderte Ehegattin gewesen sein wird, muß aber doch wohl ihren Erwartungen nicht entsprochen haben, und der Posten eines städtischen Thorzöllners muß Schlenk erwünschter gewesen sein.
Im ersten Augenblick will es kaum glaublich erscheinen, daß ein Schüler Albrecht Dürers als Zöllner sein Fortkommen suchte. Allein es war nichts Ungewöhnliches, daß Handwerker, denen ihr Gewerbe keinen genügenden Unterhalt gewährte, sich nach einem Nebenverdienst umschauten; so finden sich gleichzeitig ein Rotschmied und ein Nadler unter den Zöllnern. Zu den Handwerkern zählten aber damals auch noch die Maler: es war noch keine Scheidung eingetreten zwischen Kunst- und handwerksmäßiger Malerei. Ja, nach damaliger sozialer Auffassung wurde ein Maler noch nicht einmal einem Handwerker gleich geachtet; denn die Malerei war noch eine freie Kunst, die jeder ausüben konnte, der den Beruf dazu in sich fühlte. Die freie Kunst aber galt erst als Vorstufe des Handwerks, hatten ja doch die meisten freien Künste sich erst allmälich zu organisierten Handwerken mit vorgeschriebenen Lehr- und Gesellenjahren, mit Meisterstücken und festen Gesetzen und Ordnungen entwickelt. Es ist daher erklärlich, daß die Nürnberger Maler immer und immer wiederum, auch zu Dürers Zeit, und zwar nicht bloß, um unliebsame Konkurrenz fern zu halten, sondern auch um ihren Stand sozial zu heben, an den Rat die Bitte stellten, aus ihrer freien Kunst ein Handwerk zu machen.
Das Bestreben durch ein städtisches Ämtlein sich ein gesichertes Nebeneinkommen und so eine bessere Existenz zu verschaffen, muß einen großen Umfang angenommen haben: so beschwerten sich einmal die Tüncher, daß Handwerksgenossen, die ein Amt von der Stadt hatten, auch noch das Meisterrecht ausübten; doch der Rat wies sie barsch ab und drohte ihnen: falls sie bei ihrem Anliegen beharrten, werde er ihre Gesetze wieder aufheben und ihr Gewerbe wieder zu einer freien Kunst erklären[27]. Doch gehen wir zu Beispielen aus der Malerwelt über. Im Jahre 1510 erhielt Sebald Baumhauer, der nach dem Zeugnisse Neudörfers selbst von Dürer als Maler hochgeschätzt wurde, den Posten eines Kirchners bei St. Sebald[28]. Ferner wurde im Jahre 1531 der Maler Lienhard Schürstab Knecht in der Wage[29], und doch kann er als Maler nicht ganz unbedeutend gewesen sein, da ihm einmal für ein Tafelbild 53 Gulden ausgezahlt wurden[30]. Endlich rückte im Jahre 1532 der Maler Sebald in die Stelle eines Stadtpfeifers ein[31]. Nürnberg war überhaupt kein günstiger Nährboden für die Malerei. Kein Geringerer als Albrecht Dürer, der noch dazu nicht bloß von seiner Kunst, sondern auch vom Kunsthandel lebte, ist hierfür ein klassischer Zeuge. In einem Briefe an den Nürnberger Rat vom Jahre 1524 äußert er sich mit Bitterkeit[32]: »Hab auch, wie ich mit Wahrheit schreiben mag, die dreißig Jahr, so ich zu Haus gesessen bin, in dieser Stadt nit um fünfhundert Gulden Arbeit, das ja ein Geringes und Schimpfliches und dannacht von demselben nit ein Fünfteil Gewinnung ist, gemacht, sunder alle mein Armut, die mir, weiß Gott, sauer ist worden, um Fürschten, Herrn und ander frembde Personen verdient und erarnt, also daß ich allein dieselben mein Gewinnung von den Fremden in dieser Stadt verzehr.« Und Georg Pentz, der zweitgrößte Maler, den Nürnberg in seiner Blütezeit hervorgebracht, kam nie aus Geldnöten heraus und nahm ein unrühmliches Ende. Auch die beiden hoch begabten Maler Hans Sebald und Barthel Beham, die gleich groß als Maler, Zeichner und Kupferstecher waren, fanden in Nürnberg kein lohnendes Feld für ihre Thätigkeit. Hans Sebald Beham wanderte nach Frankfurt aus, und sein Bruder Barthel, der einst wegen seines religiösen Radikalismus von sich hatte reden gemacht, zog an den kunstliebenden Hof der streng katholischen Herzoge von Bayern in München. Vermochten also schon so bedeutende und vielseitige Maler in Nürnberg keine ausreichende Existenz zu erringen, so wird man sich nicht mehr wundern, daß Schlenk, der ohnehin von Haus aus unbemittelt war und also in verdienstloser Zeit nichts zuzusetzen hatte, nach dem Beispiele anderer seine Hand nach einem kleinen Ämtlein ausstreckte, um sich und seine anwachsende Familie vor Not zu schützen.[33]
Aber er scheint auch nicht den Mut besessen zu haben, als Maler den Kampf ums Dasein aufzunehmen; es fehlte ihm an festem Charakter: wir finden etwas Unstätes und Haltloses bei ihm wie bei seinen Kindern.
Ueber seinen gleichnamigen Sohn Georg[34] ist nur Ungünstiges zu berichten. Er heiratete 1546 in erster Ehe eine Tochter des Nürnberger Gerichtsprokurators Georg Selnecker, mit der er vorher unerlaubten Umgang gepflogen. Nach der Geburt des achten Kindes mißhandelte er sie derart im Wochenbett, daß man ihren Tod ihm zur Last legte[35]. Sein Lebtag brachte er es zu keiner ruhigen und sicheren Existenz. Bald finden wir ihn als Hilfsschreiber bei den Amtleuten des Sebalder und Lorenzer Waldes, bald als Profoßschreiber in der Kriegsstube, bald als Schreiber des Heuwägers. Seine Bitte aber um eine feste Anstellung wird abgelehnt, und der Rat giebt den Auftrag, nach einem andern geschickten Schreiber zu trachten, »daraus kunftig ein Canzleyschreiber zu machen und zu Mererm zuprauchen sein möcht.« Nunmehr verschwindet er eine Zeitlang vor seinen zahlreichen Gläubigern aus der Stadt. Nach seiner Rückkehr bittet er um Zulassung als Prokurator vor Gericht, erhält aber eine kategorische Abweisung. Gleichwohl muß er nachher doch vorübergehend als Prokurator aufgetreten sein; denn der Rat ließ die Verfügung ergehen: »Jörgen Schlenken seiner Leichtfertigkeit halben hinfuro zu kainer Curation, noch dergleichen Sachen mehr am Gericht zuzulassen.« Was er aber offen nicht thun konnte und durfte, trieb er im Geheimen: er wurde Winkeladvokat, befaßte sich aber mit so unsauberen Sachen, daß ihm 1565, weil er »sich solcher bosen Hendel vielfeltig beflissen«, die Stadt Nürnberg und ihr Gebiet »10 Meil hinden« sein Lebenlang verboten wurde; doch gewährte ihm der Rat einen Strafaufschub von vier Wochen, und in dieser Zwischenzeit wußte er sich einflußreiche Fürsprache zu verschaffen: er wurde auf Bitten des Grafen Konrad von Castell und dessen Gemahlin wieder begnadigt. Er besserte sich aber nicht. Zwei Jahre darauf forderte er von neuem den Zorn des Rats gegen sich heraus durch eine jedenfalls sehr unziemlich abgefaßte Supplikation, die er für einen Petzensteiner, »der sich Jakob Neunburger genannt«, aufgesetzt hatte. Nunmehr wurde er auf fünf Jahre aus der Stadt Nürnberg verbannt und richtete von Neuenmarkt aus Bettelbriefe an den obersten Landpflegschreiber der Stadt Nürnberg Bonifatius Nöttele und die beiden Landpflegschreiber Johann Leikauf und Lorenz Nützel[36] mit dem Anliegen, ihm mit einem Zehrpfennig zu helfen, um sein und seiner Kinderlein Notdurft anderswo zu suchen. Sie spendeten ihm zwei Gulden, aber mit dem Vermerken, das Geld nicht seiner alten Gewohnheit nach unnützlich zu verschwenden. Durch den Erfolg ermutigt, ersuchte er sie dann noch um ein »Fürlehen von einem Thaler zu einer Zehrung nach Würzburg«, da ihm mitleidige Personen »im Lande zu Franken Conditiones fürgeschlagen«[37]. Doch schon im Jahre 1569 ist er wieder in Nürnberg zu finden und hat die Kühnheit, den Rat nochmals um eine Anstellung in städtischen Diensten zu bitten, erhält aber zur Antwort: »meine Herren wüßten kein Ampt, das für ihn wehr ledig, darumb möcht er sich an andern Orten umthun«. Seit dieser Zeit läßt er sich nicht mehr nachweisen und ist jedenfalls auswärts gestorben und verdorben.
Georg Schlenk des älteren anderer Sohn Michel widmete sich wie sein Vater erst der Malerei und wurde hierauf ebenfalls städtischer Thorzöllner[38]. Im Jahre 1549, wo er sich — in erster Ehe — verheiratete[39], finden wir ihn zunächst als Zöllner am Vestnerthor[40] und dann seit August 1557 am Spittlerthor[41]. Hier gab er später (1565) aus unbekannten Gründen den Zöllnerposten ganz auf[42] und zog schließlich, Weib und Kind verlassend, als Soldat nach Italien, wo er (1576) unter den Besatztruppen der Stadt Genua erwähnt wird[43]. Von dort ist er nicht zurückgekehrt, und seine Frau, die außer für ihre eigenen Kinder auch noch für Stiefkinder zu sorgen hatte[44], mußte schlecht und recht bis an ihr Lebensende sich als Hebamme durch die Welt bringen[45].
Doch kehren wir nunmehr zu Georg Schlenk dem älteren zurück. Vom Tiergärtnerthor wurde er 1533 ans Frauenthor versetzt[46]. Hier führte er bis zu seinem Tode das Leben eines Zöllners. Die Thorzöllner standen unter dem obersten Zöllner, dem höchsten Zollbeamten der Reichsstadt Nürnberg. Soweit die Zölle, insbesondere für feinere Waren, nicht vom obersten Zöllner oder dessen Gegenschreiber eingenommen wurden, geschah dies durch die Thorzöllner, die außerdem auch noch den Wegzoll zu erheben hatten. Unter den Gegenständen, die bei den Thorzöllnern nach einem festen Tarif, den jeder Zöllner, auf Pergament geschrieben, bei sich hatte, zu verzollen waren, finden sich z. B. Tierfelle, Werkholz, Eisen, Kupfer, Blei, Zinn, Salz, Pech, Harz, Hopfen, Wein, Rüben, Kraut, Heu, Knoblauch, Zwiebeln, dann aber auch Gläser, Teller, irdene Gefäße (Häfen) und Krausen. Der Zoll wurde teils in Geld, teils in natura erhoben: so von einem Sack Zwiebeln vier Stück Zwiebeln und von einem Wagen oder Karren, der mit Gläsern oder Tellern das Thor passierte, je zwei oder eins von diesen Gegenständen. Von den in natura eingehenden Zöllen erhielt der Thorzöllner den dritten Teil und von den in Geld anfallenden den achten Teil oder, wie es heißt, den achten Pfennig. Neben diesen wechselnden und mehr zufälligen Einkünften bezogen die Thorzöllner noch eine feststehende Besoldung, die jedoch nur sehr mäßig war[47]. Außerdem gab es aber auch noch einigen Nebenerwerb: so war ihnen gestattet, an Vorübergehende, aber nicht an sitzende Gäste Branntwein auszuschenken[48]; und daß sie manches auch auf unerlaubte Weise sich zu verschaffen wußten, das beweist das immer und immer wieder ihnen eingeschärfte Verbot, den hereinfahrenden Holzbauern keine Holzscheite wegzunehmen oder abzunötigen[49].
Bei dieser Art der Besoldung war also der einzelne Zöllner umso besser gestellt, je lebhafter der Verkehr war. Zu den verkehrsreichsten Thoren gehörte aber schon damals das Frauenthor; daher war der Zöllnerposten an diesem Thor, wie das die Bewerbungen bei Vakanzen erkennen lassen, wegen seiner höheren Einnahmen auch immer viel begehrter als z. B. der Posten am Tiergärtner- oder Spittlerthor.
Georg Schlenk, der innerhalb zweier Jahre vom verkehrsarmen Vestnerthor über das Tiergärtnerthor ans Frauenthor gekommen war, hatte also sein rasches Aufsteigen einem glücklichen Zufall oder, was wahrscheinlicher ist, einer besonderen Vergünstigung zu verdanken.
Allein die Gunst hatte keinen Bestand. Zum ersten Male (1538) forderte er die Unzufriedenheit des Rats heraus durch eine Überschreitung beim Branntweinausschank und wurde gestraft[50]. Weiterhin (1546) wurde er zur Rede gestellt wegen Unschicklichkeiten, die er sich gegen Bauern des Patriziers Grundherr erlaubt hatte. Dann (1547) nahm er, was streng verboten war, Juden bei sich in Herberge und erhielt deshalb vom Rat einen sehr scharfen Verweis: man werde ihn vom Amte urlauben, wo er dergleichen mehr übe. Endlich (1554) fiel er nochmals wegen einer Ungehörigkeit in Strafe. So hatte er also schon öfter den Unwillen des Rats sich zugezogen, da traf ihn ein weiteres Mißgeschick. In der Nacht vom 14. zum 15. Februar 1556 kam die äußere Mauer beim Frauenthor ins Wanken; sie stürzte in den Stadtgraben mitsamt dem Zollhäuslein und »allem dem, das im Zollhäuslein gewest außerhalb den Menschen, die Gott genediklich und wunderbarlich daraus pracht und errett hat«. Schlenk erhielt als Schadenersatz 40 Gulden vom Rat geschenkt, und das Zollhäuslein wurde rasch wieder aufgebaut; aber verschiedene Wünsche, die er hierbei aussprach, fanden kein Gehör. Seine Bitte, ihm einen Keller einzurichten und ein Höflein zum Zollhäuslein zu erbauen, wurde barsch abgeschlagen: wenn er der Fliegen halber nicht bleiben könne, und wenn ihm das Haus zu eng sei, werde man nach einem andern Zöllner trachten.
Nicht lange mehr sollte er im neuen Zollhäuslein wohnen: er starb Ende September 1557[51]. Um seine Stelle bewarb sich sein Sohn Michel; sie wurde aber nicht ihm, sondern der Ordnung nach dem bisherigen Zöllner am Spittlerthor, Hans Eschenbach, als dem ältesten Zöllner, zugesprochen[52].
Es ist nunmehr noch die Frage aufzuwerfen, ob keine Anzeichen dafür sprechen, daß Georg Schlenk auch in der Zeit, wo er Garkoch oder Zöllner war, noch nebenbei sich mit der Malkunst beschäftigt habe. Zieht man in Betracht, daß das Geschäft eines Garkochs nur wenig Muße übrig ließ, daß ihm als Zöllner bei dem überaus starken Verkehr, wie er sich durch das Stadtthor bewegte, noch viel weniger freie Zeit blieb, auch wenn er ab und zu von seiner Ehefrau vertreten wurde, daß ferner die Lichtverhältnisse in den kleinen niedrigen Zollhäuslein nicht günstig und die Räumlichkeiten zumal bei anwachsender Familie überaus beengt waren, so hätte unter solchen Umständen schon ein sehr energischer und strebsamer Charakter, wie ihn allem Anschein nach Schlenk nicht besaß, dazu gehört, um nebenbei noch hervorragende Kunstwerke zu schaffen. Man kann sich daher nicht wundern, daß von Georg Schlenk, obwohl er ein Schüler und Gehilfe Albrecht Dürers gewesen, nichts weiter als Künstler hervorgebracht wurde, das seinen Namen ruhmgekrönt auf die Nachwelt gebracht hätte. Immerhin scheint er aber der Malerei nicht ganz untreu geworden zu sein, da seine Witwe Susanna, die ihn noch fünf Jahre überlebte, bei ihrem Tode ausdrücklich als »Malerin, gewesene Zollnerin am Frauenthor« bezeichnet wird[53].
Nürnberg.
Dr. Alfred Bauch.
Aus der Plakettensammlung des germanischen Nationalmuseums.
Unter dem Namen »Plaketten« faßt man die kleineren, meist gegossenen Metallreliefs zusammen, die entweder als Schmuckgegenstände oder als Teile kunstgewerblicher Arbeiten direkte Verwendung fanden, oder aber den Goldschmieden vornehmlich, den Hafnern, Bildhauern und Erzgießern als Modelle dienten. Bisweilen benutzte man sie auch, unverändert oder vergoldet, mit Holz- oder Metallrahmen versehen, als willkommenen Wandschmuck. — Das Geburtsland der Plaketten ist Italien, von dort fanden sie, in ausgedehnterem Maße wohl erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts, Eingang in Deutschland. —
Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Plaketten stellt sich als Bleiguß dar, und diese Thatsache erklärt sich vielleicht, abgesehen von der größeren Billigkeit, aus dem Umstande, daß sie besonders als Vorbilder für Treibarbeit dienten. Denn für den Guß bietet ein Modell aus härterem Metall, das die einzelnen Linien, die Details, schärfer und deutlicher hält und wiedergibt, weit größeren Vorteil, während bei einem zum Treiben dienenden Vorbilde die Hand des nachschaffenden Künstlers selbständig ergänzt, was bei einem mechanischen Reproduktionsverfahren verloren gehen würde.
Die Plaketten des germanischen Museums stammen zum größeren Teile aus der Sammlung der Freiherrn C. J. W. C. J. Haller von Hallerstein, die im Jahre 1840 vom Handelsgerichtsassessor Joh. Jak. Hertel zu Nürnberg ersteigert wurde und später in den Besitz des Kaufmanns Arnold daselbst überging. Von diesem, der die Sammlung noch bedeutend vermehrt hatte, erwarb sie das germanische Museum. Eine andere Kollektion ging dem Museum als Geschenk von der mittelalterlichen Sammlung zu Basel zu. Sie entstammt indessen nicht, wie im Katalog der Originalskulpturen S. 57 irrtümlich angegeben ist, einer Modellsammlung, die »1881 in Basel gefunden wurde«. Herr Professor Heyne hatte die Güte, über ihre Provenienz folgende Mitteilung zu machen: »Es ist gar kein Fund einer Goldschmiedewerkstatt zu Basel 1881 gemacht worden; sondern das wird verwechselt mit einem Fund, der gegen diese Zeit in der Seine zu Paris unter der alten Goldschmiedebrücke zu Tage kam, der an Händler verzettelt wurde und von dem Bossard in Luzern manches erwarb; von diesem kam wieder einiges an die mittelalterliche Sammlung in Basel. Den Hauptbestandteil der dortigen Kollektion, von dem ich, so viel ich mich erinnere, auch Doubletten an Essenwein für das germanische Museum abgegeben habe, bildet aber nicht dieser Fund, sondern Stücke, die ich sonst, namentlich auch von Bossard erworben habe, und über deren Provenienz nichts ermittelt werden konnte.«
Unsre Sammlung ist besonders reich an deutschen Plaketten, unter denen die Arbeiten Flötners den hervorragendsten Platz behaupten. Auf einen Teil derselben hat Domanig im Jahrbuch des allerh. Kaiserhauses Bd. XVI, S. 1 ff. bereits hingewiesen, vollständige Veröffentlichung werden sie demnächst erfahren durch eine umfassende Arbeit über Flötner von Lange. Daneben aber hebt sich noch eine große Reihe künstlerischer Arbeiten heraus, die der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts angehören und mehr oder minder stark durch die flötnersche Art beeinflußt sind. Besondere Gruppen lassen sich mit Sicherheit ausscheiden, wenn es auch kaum gelingen dürfte, die Namen der einzelnen Meister, die hauptsächlich Nürnberger gewesen zu sein scheinen, zu ermitteln. Eine dieser Gruppen bietet uns wenigstens die Anfangsbuchstaben, das Monogramm des Künstlers: H. G. mit den Jahreszahlen 1569 und 1570. Aus der Bemerkung Naglers, Monogramm. III, Nr. 974 geht hervor, daß er ein Goldschmied gewesen sei. Die starke Beeinflussung seiner Technik durch Flötner, die Verwandtschaft seiner Kompositionen mit Virgil Solis, der Umstand endlich, daß gerade Nürnberg im 16. Jahrhundert die meisten und vorzüglichsten Goldschmiede in Deutschland aufzuweisen hatte, berechtigt zu der Vermutung, H. G. sei Nürnberger Künstler gewesen. Stockbauer führt Bayerische Gewerbe-Zeitung 1893 Nr. 12, Beilage S. 6 in der Liste der Goldschmiede unter dem Jahre 1560 einen Heinrich Garn auf, der also eventuell in Frage kommen könnte. Mir ist indessen in Nürnberger Urkunden niemals eine Goldschmiedsfamilie Garn, sehr häufig dagegen die der Gar begegnet, die bei Stockbauer sich überhaupt nicht findet. Da die von ihm abgedruckte Liste erst 1652 zusammengestellt wurde, so ist es möglich, daß ein Irrtum vorliegt, daß aus H. Gar — Heinrich Garn gemacht wurde. Die Gar waren verwandt mit Veit Stoß. Sebald Gar, Goldschmied, war vermählt mit Ursula, der Enkelin Stoß’ (Nürnb. Stadtarchiv. Cons. 47 fol. 108). Er ist mir begegnet 1534 (a. a. O. Cons. 46 fol. 91 u. fol. 67) 1536 (Cons. 47 fol. 108), 1546 (Cons. 62 fol. 1486), 1549 (Cons. 69 fol. 87). Unter dem letzten Jahre werden seine Kinder aufgeführt (cf. auch Cons. 57 fol. 125): Jorg, Barbara, Kungund, Cunrad, Hanns und Steffan. Letzterer ist damals noch unmündig. Conrad Gar wird als Goldschmied genannt in einer Urkunde vom 16. Juli 1573 (Cons. 118 fol. 109b). Es wäre also nicht unmöglich, daß der von Stockbauer aufgeführte Heinrich Garn identisch ist mit Hans Gar, dem Urenkel Veit Stoß’, dem jüngeren Bruder Conrad Gars, daß wir in diesem Hans Gar den Monogrammisten H. G. zu erkennen hätten.
Wir finden in den Werken des H. G. alle jene Stoffe behandelt, die die Kleinmeister in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bevorzugten: Darstellungen aus der klassischen Götter- und Sagenwelt, biblische Scenen, symbolische Vorwürfe und Jagdstücke. Die mit kurzem verständlichem Text begleiteten Emblemata, die Neuwen Figuren, Biblische, Ovidische, Livische etc. »allen Künstlern, als Malern, Goldschmieden, Bildhauwern, Steinmetzen, Schreinern etc. fast dienstlich vnd nützlich«, gaben neben den größeren illustrierten Werken und den zahllosen Einzelblättern auch dem weniger Gebildeten reichlich Gelegenheit und Anregung zur Behandlung derartiger Stoffe. Das Gewissen der Kleinmeister, selbst der vermögendsten, war nach modernen Begriffen sehr weit: wenn sie sich auch meist eine gewisse Originalität in der Art der Behandlung des Stoffes wahren, den Gedanken, einzelne Teile des Ganzen eignen sie sich ohne Bedenken an[54]. Auch bei dem Meister H. G., der sicherlich den besten seiner Zeit zuzugesellen ist, können wir diese Erfahrung machen. Die Art und Weise, wie er seine figürlichen Scenen in tiefe, abwechslungsreiche Landschaften hineinkomponiert, die Behandlung der Bäume, besonders auch der Baumstämme, der blumen- und grasbedeckte Untergrund, die fadenartige Wiedergabe des Rauches, weisen unbedingt auf Flötner als sein Vorbild hin, nur daß uns Alles überladener, manirierter entgegentritt. In dem Wasser, das selten seinen Landschaften fehlt, schlagen Delphine, Schiffe und Kähne schwimmen darauf, Inseln und Gestade sind bedeckt mit teilweise phantastischen Gebäuden. Von den Blumen, mit denen der Boden übersät ist, bevorzugt er eine stilisierte Tulpenart mit weit hervortretendem Stempel oder große Anemonen. Die Baumstämme sind häufig stark gebogen, wie vom Sturme gepeitscht. Besonders charakteristisch aber sind seine Wolken, die, in der Weise des Moderno, aus einzelnen Teilchen bestehen, deren jedes aussieht, wie ein auf einen Spieß gesteckter Darm. Das Relief seiner Figuren ist durchschnittlich höher, als bei Flötner. Die Personen, in antiker Gewandung, die Männer meist bärtig, sind schlank und muskulös, elegant in Haltung und Bewegung, die Gestikulation der Hände von dramatischer Bewegtheit, ohne daß ein störend unruhiger Eindruck hervorgerufen würde. Die Tiere, die meist gallopierend dargestellt werden, sind ebenmäßig und natürlich gebaut. Bei dem Anblicke der Werke des H. G., die sich ausnahmslos durch vorzügliche Komposition und Perspektive auszeichnen, wird man sich des Eindruckes nicht erwehren können, daß man es mit einem hervorragenden Künstler zu thun hat.
Taf. I.
Aus der Plakettensammlung (I.).
Unsere Sammlung besitzt von H. G. nachfolgende Stücke vgl. Taf. I:
1) Scylla und Minos. K. P. 203. Katal. 528 (dort irrtümlich Aeneas und Dido bezeichnet). Rund. Durchm. 0,182 m. Bleiguß.
In der Mitte der Platte Minos, nach links gallopierend, mit Helm bedeckt, in der Linken den Feldherrnstab haltend, den er auf die Hüfte stützt. Links von ihm ein barhäuptiger Mann in begrüßender Stellung, rechts ein Krieger mit Helm und Lanze. Im Vordergrunde zwei sitzende Krieger, den Rücken dem Beschauer zugewandt. Weiter im Hintergründe sieht man rechts die Krieger des Minos, links drei Frauen der Scylla. Letztere ist zweimal vertreten: wie sie von einem Turme aus Minos zuwinkt und wie sie, von einer Frau begleitet, ihrem Geliebten das Lebenshaar ihres Vaters Nisos zuträgt. Sämtliche Personen in antiker Gewandung. Im Hintergrunde Meer mit Delphinen und Schiffen, Architektur etc. Vorn unten auf der Platte befindet sich ein Baumstumpf mit der Inschrift: 1569 H G. Geflechtartige Umrahmung.
Das Vorbild zu dieser Darstellung finden wir in Johan. Posthii Germershemii tetrasticha in Ovidii metamor. lib. XV. quibus accesserunt Vergilii Solis figurae elegantiss. & iam primum in lucem editae. Frankfurt, Feyerabent. 1563. 8. S. 91. Die Scenerie ist hier allerdings bedeutend einfacher, da Solis den Gegenstand in zwei Holzschnitten behandelt. Solis ist aber auch nicht der Erfinder, sondern er hat fast sämtliche Abbildungen zu den Metamorphosen aus La vita et metamorfoseo d’Ovidio, Figurato & abbreuiato in forma d’epigrammi da M. Gabriello Symeoni. A Lione per Giouanni di Tornes, 1559. 8. übernommen[55].
Für die weitere Verbreitung und Benutzung der Plakette stehen mir zwei Beispiele zu Gebote. Erstens besitzt unsere Kupferstichsammlung unter Nr. 4015 eine Punzenarbeit (siehe die verkleinerte Abbild, im Text), die von einer nicht sehr geschickten Hand nach der Plakette gearbeitet wurde. Der Stich erscheint natürlich gegenseitig, die Perspektive mangelhaft, auffallend schlecht besonders in der Gruppe der Krieger, an die Stelle von Gräsern und Büschen hat der Copist häufig einfach Steine treten lassen. Monogramm und Jahreszahl auf dem Baumstumpf fehlen. Solcher Punzenarbeiten sind uns eine große Anzahl erhalten. Sie entstammen den Goldschmiedewerkstätten und dienten als Vorlagen für Treibarbeiten. Die Zeichnung wird auf die Kupferplatte übertragen und die Umrißlinien mit Punzen eingeschlagen. Die Linien bestehen daher aus einzelnen Punkten, und, um dem Treiber anzugeben, welche Partien höher und welche flacher im Relief gehalten worden sollen, werden die Punkte je nachdem tiefer oder flacher, dichter an einander, oder weiter von einander abstehend eingetrieben. Schattengebung ist für die Zwecke der Punzenarbeiten überflüssig, und erst, als auch diese Gattung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. sich zu selbständigen Kunstwerken ausgestaltete, finden wir auch den Schatten beigefügt. Bei unserem Stich, der nach der Art seiner Behandlung lediglich den Zweck einer Vorlage gehabt hat, ist auffallend die Ursache seines Entstehens. Wozu war ein Stich nötig, nachdem das Vorbild in Form einer Plakette, also eines brauchbareren und praktischeren Modells schon gegeben war? Es mag wohl der Grund darin zu suchen sein, daß mit der Vervielfältigung einer Plakette immerhin manche Umständlichkeiten verknüpft waren, daß ihre Aufbewahrung größere Sorgfalt verlangte, wenn die Einzelheiten, Baumschlag, Gesichtszüge etc., nicht, wie wir es an vielen Beispielen in unsern modernen Sammlungen noch sehen können, gedrückt, abgerieben und unkenntlich gemacht werden sollten. Wir müssen annehmen, daß die Goldschmiede der damaligen Zeit ausnahmslos gewandte Zeichner und geschickte Techniker waren, die Umsetzung einer Plakette in eine Zeichnung ging ihnen leicht von der Hand und das Arbeiten nach einem Stich bereitete ihnen keine Schwierigkeit. Es tritt uns häufig die Erscheinung entgegen, daß plastische Arbeiten nach einer Plakette im Gegensinne erscheinen. Ich glaube, daß wir in solchem Falle stets einen Stich als Zwischenglied anzunehmen haben. Auch nach unserer Plakette existiert eine Goldschmiedearbeit im Gegensinne, zu der aber nicht die angeführte Punzenarbeit unserer Kupferstichsammlung die Vermittelung gewesen sein kann, sondern zu der wir einen anderen Stich als Vorlage voraussetzen müssen. Die Arbeit, eine silber-vergoldete Schale, befand sich im Besitze Spitzers, und ist abgebildet in »La collection Spitzer« III, orfèvrerie civile Pl. VIII. Die Beschreibung lautet dort (S. 25 Nr. 66): «A I’intérieur de la coupe est figurée la légende de Scylla. Nisus (?), vêtu en guerrier antique, monté sur un cheval au galop, occupe le centre de la composition. A droite et à gauche, des groupes de guerriers (!). Au fond, on aperçoit Scylla tenant à la main la mèche de cheveux qu’elle a coupée a son père; on la voit encore sur le haut d’une tour qui fait partie de l’enceinte d’une ville, au dernier plan: fond de paysage et de fabriques. Sur le bord de la coupe, à l’intérieur, est gravée l’inscription suivante qui explique le sujet: Quid non cogit amor testis Niseia virgo | ausa in purpurea regna pater[56] coma | fatali tondere manu quid moenibus hostem | arces, hoste magis nata timenda tibi est. Heu quanto stetit unius tonsura capilli Scylla tibi en tecum patria versa tua est nil agis at vobis male sit nox somne cupido quorum opera tantum suscipere ausa scelus. (?)
Sur le bord de la coupe, à l’intérieur, un poinçon: un écusson chargé d’un V.
In Bezug auf die Landschaft ist der Meister dieser Arbeit sehr selbstständig vorgegangen, sie hat durch seine vereinfachende Behandlungsweise eher gewonnen, als verloren. Die manirierten Wolken sind verschwunden, die Architekturteile aber sind sehr mäßig ausgefallen. Der linke Eckturm der Stadt im Vordergrunde ist völlig mißraten. Scylla hat, in näherer Anlehnung an Solis, einen großen Busch Haare in der Rechten, damit an der Bedeutung ihrer Person kein Zweifel sein kann. Der Baumstumpf mit dem Monogramm und der Jahreszahl fehlt.
2) Verkleinerter Ausschnitt aus der unter 1) angeführten Darstellung von Scylla und Ninos. Copie. K. P. 888. Kat. 531. 0,05 × 0,45 m. Bleiguß.
3) Eberjagd. K. P. 461. Kat. 530. Rund. Durchm. 0,17 m. Arabeskenartige Umrahmung. Bleiguß.
Ein nach links gallopierender Reiter in antiker Gewandung, mit Federhut, in der Linken einen Jagdspeer schwingend und ein Jäger mit der Saufeder dringen auf einen von 4 Hunden angefallenen Eber ein. Im Vordergrunde rechts auf einem Baumstumpf 1570 H. G.
4) Tod des Adonis. Von Jagdscenen umgeben. K. P. 204. Kat. 605. Rund. Durchm. 0,159 m. Bleiguß.
Adonis, nackt, liegt nach rechts im Schoße der bekleideten Venus, von links beugt sich Amor zu ihm nieder, im Vordergrunde Schild, Horn, Jagdspeer und Mantel. Im Hintergrunde sieht man nach rechts den Eber enteilen. Durchm. des Mittelstücks incl. des umrahmenden Kranzes 0,065 m. Der Rand ist in einer Breite von 0,042 m von Jagdscenen bedeckt, unter denen sich die bei 3) aufgeführte mit geringen Änderungen rechts oberhalb der Venus wiederholt. Der Jäger steht nicht links, sondern rechts vom Eber und hat die Saufeder bereits dem Wild in die Seite gestoßen. Den Reiter sehen wir, etwas verändert, links von der Gruppe.
5) Der Angler. K. P. 205. Kat. 529. Durchm. 0,17 m. Umrahmung wie bei 1). Bleiguß.
Im Vordergrunde links sitzt ein nach rechts gewandter Mann am Ufer eines Flusses und angelt. Ein Korb hängt über einem Zweige im Wasser, ein zweiter steht am Ufer. Der Fluß ist belebt durch Vögel, Fische und Kähne. In der reichausgestatteten Landschaft bemerkt man rechts eine Mühle, links antike Gebäudeteile. Rechts dem Angler gegenüber befindet sich auf einem Baumstumpf die Inschrift: 1570. H. G.
6) Vulcan und 3 Cyclopen mit schmieden beschäftigt. K. P. 202. Kat. 602. Rund. Durchm. 0,17 m. Kranzartige Umrahmung. Bleiguß.
Vulcan, vor einem Ambos in offener Landschaft sitzend, und 3 stehende Cyclopen schmieden. Links die Feueresse, rechts Venus, die ihre rechte Hand auf Amors Haupt gelegt hat. Sämtliche Personen sind nackt.
7) Das Urteil Salomonis. K. P. 208. Kat. 603. Rund. Durchm. 0,17 m. Umrahmung ähnlich wie bei 3). Bleiguß.
Salomo, bartlos, sitzend in freier Landschaft, mit Scepter in der Rechten, vor ihm ein Scherge, der in der linken Hand das lebende Kind am Bein, in der Rechten das Schwert hält. Im Vordergrunde die beiden klagenden Weiber, zwischen ihnen noch einmal das Kind, liegend. Im Hintergrunde zwei bärtige Männer, deren einer das Liktorenbeil trägt. Rechts turmartiges Gebäude, von dessen Brüstung, ähnlich wie bei 1), ein Weib herunterschaut. Aus der Thüre, von der eine Treppe zum Erdboden führt, tritt eine Person mit einem Korbe in der Hand.
Schuchardt. Goethes Kunsts. II. S. 26 Nr. 74.
8) u. 9) Hirsch- und Eberjagd in der Art des H. G. K. P. 254 u. 253. Kat. 548. 549. 0,022 × 0,093 m. Bleiguß.
Ein Hirsch, nach links entfliehend, wird von Jägern und Hunden verfolgt. Ein Reiter mit Jagdhorn. Im Vordergrunde links ein Kreuz.
In der Mitte ein Reiter mit Jagdspeer, rechts ein von Hunden angefallener Eber, links laufender Mann mit zwei Hunden.
Nagler, Monogr. III. Nr. 974 erwähnt: »In der fürstlichen Sammlung zu Wallerstein befindet sich ein Pulverhorn mit einer runden getriebenen und vergoldeten Platte, welche den Saturnus vorstellt, wie er die nackte Wahrheit der aufgehenden Sonne entgegenführt. Ein düsterer Dämon sucht sie vergebens wieder niederzuhalten, denn schon schwebt die Friedenstaube über dem Lande. Die Umschrift besagt: Abstrusum Tenebris Tempus Me Educit In Auras. — H. G. 1570.«
Leider konnte mir eine Abbildung oder nähere Beschreibung dieses Pulverhorns nach gütiger Mitteilung des Herrn Bibliothekar Dr. Grupp augenblicklich nicht zur Verfügung gestellt werden, wohl aber ist mir durch die Liebenswürdigkeit der Verwaltung der archaeologischen Abteilung des Darmstädter Museums der Abguß einer Plakette zugegangen, die zweifellos das Modell zu der Platte des Pulverhorns darstellt. Die Plakette, rund, hat einen Durchmesser von 0,083 m., ohne den mit der Inschrift versehenen Rand 0,063 m. Die Darstellung entspricht genau der Beschreibung Naglers. Aber das erste Wort der Umschrift lautet nicht Abstrusum, sondern ABSTRVSAM, außerdem steht noch in der inneren Plakette mit kleineren Buchstaben: VERITAS· FILIA· TEMPORIS· Wenn Nagler also richtig zitiert, so hätten wir hier einen Beweis dafür, daß die Plakette nicht als Andenken von einer ausgeführten Treibarbeit abgegossen ist, sondern daß der Meister zunächst die Plakette herstellte, um nach ihr zu arbeiten, dann aber bei der Platte für das Pulverhorn den Fehler des Modells nicht nachahmte, sondern korrigierte. Ein zweites Exemplar dieser Plakette, weit besser erhalten als das Darmstädter, aber ohne Rand, also auch ohne das Monogramm, befindet sich in Kassel. Eine Photographie davon verdanke ich Herrn Prof. Dr. K. Lange. Es gehört dieses Stück zu den besten Arbeiten des Meisters H. G.
Von den Nachfolgern Flötners steht unserem Plakettisten in der Behandlung von figürlichen Darstellungen der durch eine große Reihe von Punzenarbeiten bekannte Meister J. S. am nächsten. Was A. Winkler im Jahrbuch der kgl. preuß. Kunstsammlungen Bd. XIII, S. 100 von diesem schreibt:
Besonders charakteristisch ist die Behandlung der Landschaft, zumeist eine Verbindung deutscher Fluß-, Dorf- und Städtelandschaft mit antik-römischen Reminiscenzen paßt ebenso auf Flötner und H. G. Auch die Wassermühle, die übrigens auch Jost Amman gern verwendet, ist ein bevorzugtes Motiv beider. Endlich erinnere ich noch an die Ähnlichkeit der Wolkenbehandlung zwischen H. G. und I. S. Lauter ähnliche Motive, die doch von jedem einzelnen Meister in origineller Weise wieder durchgebildet sind, die aber auf eine gemeinsame Schule schließen lassen, welche von Flötner ausgegangen ist.
Nürnberg.
Dr. F. Fuhse.
Oswald und Kaspar Krell.
(Vergl. Dürers Porträt Oswalds in der Münchener Alten Pinakothek.)
Wie bei jedem Kunstwerk das Verständnis des Gegenstandes, des Inhalts, dessen, was der Künstler hat ausdrücken wollen, eine der Hauptbedingungen des künstlerischen Genusses ist, so auch beim Porträt: richtig beurteilen und voll würdigen können wir eine Leistung auf diesem Gebiete erst, wenn wir mit dem Gegenstande — hier also der Persönlichkeit des Dargestellten — bekannt gemacht sind. Aus diesem Grunde werden auch einige Aufschlüsse über Oswald Krell, die sich mir bei Gelegenheit anderer Studien in den hiesigen Archiven ergeben haben, vielleicht um so mehr willkommen sein, als bisher über diesen Mann nichts weiter bekannt war, als daß Dürer im Jahre 1499 sein Bildnis gemalt hat[57]. Wohl mit Recht vermutet Thausing (Dürer I, 193), daß es das erste Porträt war, das von dem jugendlichen Meister auf ausdrückliche Bestellung gemalt wurde, denn schon das Aussehen des Mannes ist nicht der Art, daß man sich dadurch hätte angezogen fühlen können. »Es ist keine einnehmende Persönlichkeit«, sagt Thausing, »die hier in aller Herbigkeit ihrer Erscheinung dargestellt ist. Der knochige, bartlose Kopf des jungen Mannes ist etwas nach links gewandt, und ernst, fast mürrisch, blicken die Augen aus den äußersten Winkeln heraus.« Diese von dem in der königl. Pinakothek zu München befindlichen Bilde abgelesene kurze Charakteristik wird durch einen Blick auf die Thatsachen, die wir aus dem Leben Oswald Krells und über seine Familienverhältnisse beibringen können, im wesentlichen bestätigt — gewiß ein Zeichen für die hohe Kunststufe, welche Dürer als Porträtist bereits zu Ausgang des 15. Jahrhunderts erreicht hatte.
Das Geschlecht der Krell oder Kreel gehört zu den Nürnberger Ehrbaren Familien. In einer Urkunde vom 16. August 1490 kommt ein Franz Krell mit dem Zusatz der «Erbar» als Mitglied des größeren Rates vor[58]. Oswald erscheint in den im Kreisarchiv Nürnberg verwahrten Ratsprotokollen zuerst im Jahre 1497, wo über ihn und Wolf Ketzel vom Rat eine Strafe verhängt wird, weil sie einen ehrsamen Bürger[59], den Hans Zamasser, in einem Fastnachtsspiel als Narren verhöhnt haben. Sie sollen dafür einen Monat »auf einen versperrten Turm« wandern, es wird ihnen aber freigestellt, sich von der Hälfte dieser Strafe mit Geld loszukaufen. Alles bittliche Ansuchen hilft dagegen nichts, nur ein Aufschub der Strafe, d. h. ihrer Abbüßung, wird den beiden Übelthätern endlich gewährt[60]. Freilich kommt in den Notizen, die sich auf diesen Fall beziehen, der Name Krell überhaupt nicht vor. Es heißt nur »Oswald, der Gesellschaft von Ravensburg Diener«; da aber nach einer ziemlich gleichzeitigen Urkunde im Nürnberger Stadtarchiv Oswald Krell damals in der That »ein diener vnd handler (an anderer Stelle heißt es: »factor vnd handler«) der gesellschafft zu Rauenspurg« war, so ist an seiner Identität mit jenem losen Spötter nicht zu zweifeln[61].
Viele Jahre hören wir nichts mehr von ihm. Dann taucht sein Name plötzlich wieder auf; aber inzwischen ist aus dem Handlungsdiener, der die Interessen einer fremden kaufmännischen Gesellschaft[62] wahrzunehmen hatte, ein selbständiger Mann, wie es scheint ein angesehener Kaufherr zu Lindau im Bodensee[63] geworden, dessen Bürgschaft in einer Kriminalsache von dem Rat zu Nürnberg gewünscht wird. Wiederum ist es keineswegs ein sauberer und für seine Familie ehrenvoller Handel, in den Oswald hineingezogen wird, wenn diesmal auch nicht er, sondern sein Bruder Kaspar Krell der Schuldige war. Der ziemlich abenteuerliche Hergang dieser Angelegenheit bietet manches sittengeschichtlich Interessante, und so will ich ihn hier in Kürze erzählen, obgleich dabei für das Verständnis des Dürerschen Gemäldes, von dem unsere Betrachtung ausging, nicht mehr viel zu gewinnen ist.
Im Februar des Jahres 1511 wurde Kaspar Krell von Lindau wegen mancherlei Diebereien plötzlich festgenommen und unter Androhung der Folter verhört. Welcher Art seine Diebstähle gewesen sind, geht aus den Ratsprotokollen nicht mit Sicherheit hervor. Er gestand sie aber ein und würde auf dem für ihn angesetzten »ernstlichen Rechtstag« vermutlich zum Tode durch den Strang verurteilt worden sein, wenn sich nicht hochgestellte Persönlichkeiten: der Bischof von Regensburg, Kurfürst Friedrich von Sachsen, die kaiserliche Majestät selbst für ihn verwendet hätten. Die Wichtigkeit, welche der Sache beigelegt worden zu sein scheint, dann der Umstand, daß wir Kaspar Krell einmal im Verein mit einer ganzen Anzahl anderer Häftlinge erwähnt finden, läßt vermuten, daß wir es in ihm mit keinem gewöhnlichen Diebe, sondern eher mit einem Strauchritter, sogenanntem Placker, oder etwas Ähnlichem zu thun haben, der sich vielleicht guter Beziehungen zu den verschiedenen fürstlichen Höfen erfreute. Kaiser Maximilian befürwortete sogar seine Freilassung. Darauf aber konnte sich der Rat nicht einlassen. Er sicherte ihm zwar auf das Drängen der Fürsten das Leben zu, ließ aber Kaspar Krell bis auf Weiteres im Loch liegen. Der Probst von St. Sebald wurde beauftragt, der kaiserlichen Majestät die Gründe für dieses Verhalten des Rates auseinander zu setzen und sein Schreiben gleich so einzurichten, daß »Ir Mt an ainen Rate ainich weitter Mandata nit außgeen lass, denselben Caspar frey ledig zu geben, in ansehung was sich ain Rate bey Ime besorgen müß.« Aber im Grunde wäre man doch — gegen die nötige Sicherheit — des gefährlichen Menschen gern ledig gewesen, zumal man nicht recht wußte, was man nun mit ihm anfangen sollte. Man ließ ihn Urfehde schwören, glaubte sich aber dadurch noch keineswegs genügend gegen neue Schädigung und Anfeindung von seiner Seite gedeckt und trat daher gleichzeitig in Unterhandlungen mit den von Kaspar Krell selbst vorgeschlagenen Bürgen. Seiner »Freundschaft«, die sich wohl gleichzeitig für ihn verwendet hatte, ward angesagt, man sei geneigt, falls außer ihnen noch Kaspars Eltern, sowie sein Bruder Oswald Krell in Lindau zur Stellung der nötigen Sicherheit zu bewegen sein würden, solche Bürgschaft gelten zu lassen. Das aber machte Schwierigkeiten. Die Krellen in Lindau konnten sich mit dem Rat nicht so bald über die als Bürgschaft zu zahlende Summe einigen, und während die Verhandlungen noch schwebten, geschah etwas, das eine wesentliche Verschlechterung der Lage Kaspars im Gefolge haben sollte. Die Maid des alten Lochhüters — gemeint ist wohl seine Tochter — hatte sich in den Gefangenen verliebt, und mit ihrer Hilfe machte Kaspar einen Fluchtversuch, der aber mißlang. Gebunden ward er in das Loch zurückgeschafft, dort in Ketten gelegt und aufs Neue mit der Folter bedroht. Vielleicht hat man sie ihm auch zu kosten gegeben, doch reichte wahrscheinlich die Beschaffenheit des Lochgefängnisses allein hin, auch einen starken Mann mürbe und den gesundesten krank zu machen; das können wir aus einigen Andeutungen schließen.
Inzwischen war es wieder Winter geworden. Zu Anfang des neuen Jahres 1512 bat der Gefangene, beichten und das heilige Sakrament empfangen zu dürfen. Beides wurde ihm gewährt und außerdem zugelassen, daß er alle Samstag ein Licht in seinem Kerker brennen möge, ein Gnadengesuch seiner Geliebten jedoch, von der es hieß, daß Kaspar sie im Loch zur Ehe genommen habe, abschlägig beschieden. Zugleich ließ der Rat unter der Hand und durch allerlei Mittelspersonen erneute Versuche machen, namentlich Oswald Krell zu den gewünschten, volle Sicherheit verbürgenden Zugeständnissen zu bewegen. Sogar dem Lochhüter ward einmal ein Wink gegeben, Gelegenheit zu bieten und zu verstatten, daß Kaspar Krell wieder an seine Freundschaft schreibe. Aber Oswald blieb hart. Im September erkrankte Kaspar; so dürfen wir wohl aus der Mitteilung schließen, daß ihm eine Hauptwaschung und Aderlaß erlaubt wurde. Ein Schermesser, besagte die Verordnung, dürfe aber nicht an ihn kommen. Vermutlich wollte man ihn in recht verwahrlostem, bejammernswürdigem Zustand seinen Verwandten gegenübertreten lassen, deren Ankunft man erwartete. Aber noch bis zum November blieben diese aus. Dann erst, als die Brüder Kaspars — ob Oswald darunter war, wird nicht gesagt — eingetroffen waren und im Beisein Nikolaus Hallers eine Unterredung mit ihrem elenden Bruder gehabt hatten, kamen endlich die Unterhandlungen über die zu leistende Bürgschaft in rascheren Fluß. Die nächste Folge davon war, daß Kaspar aus dem Loch in »das obere Stübchen« umquartiert wurde; doch blieb er auch hier noch mit einer Kette an die Wand geschlossen. Immerhin fehlte nicht viel und es wäre unter vergeblichen Hin- und Herschreibereien zwischen Nürnberg und Lindau auch dieses Jahr zu Ende gegangen. Da kam kurz vor Jahresschluß die Befreiung. Auf Grund welcher Vereinbarung sich der Rat dazu verstand, ist uns nicht überliefert. Wir hören nur, daß am 29. Dezember dem Kaspar Krell sein Geld und seine Kleider, die ihm bei seiner Einlieferung ins Gefängnis abgenommen worden waren, wieder ausgehändigt wurden. Nur ein Becher, der vermutlich zu den ehemals geraubten Gegenständen gehörte, verblieb zunächst in den Händen des Rats, »ob sich vielleicht jemand finde, dem er zustehe.« Das ist die letzte Notiz über Kaspar Krell, und auch Oswalds Name kommt seitdem in den Nürnberger Ratsprotokollen nicht wieder vor[64].
Th. Hampe.
Zu Baldungs »Madonna mit der Meerkatze«.
Herr Dr. Stiassny hatte die Liebenswürdigkeit mich darauf aufmerksam zu machen, daß das neue Bild des germanischen Museums, welches ich im letzten Hefte des vorigen Jahrgangs Hans Baldung zuwies, bereits in der Litteratur erwähnt ist. Es ist dies von Seiten Scheiblers (Repertorium X, 28) und Stiassnys (Wiener Kunstchronik XI. Nr. 28, S. 721) geschehen, aber allerdings in so wenig detaillierenden Ausdrücken, daß eine Identifikation unmöglich war, zumal in Anbetracht der unzähligen Bilder einer »Madonna mit Kind aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts«. Ich hatte mir allerdings schon längere Zeit diese »Madonna bei Postrat Beisch in Stuttgart« auf Grund dieser Zitate notiert, aber da von Seiten des Verkäufers s. Zt. keine Angaben gemacht wurden, so war die Identität der Beisch’schen Madonna mit unserem Bilde in der That absolut unersichtlich. Ich habe nun unser Bild vor ganz kurzer Zeit nochmals mit Hauptwerken des Meisters in Freiburg und Frankfurt verglichen, ferner mit den Handzeichnungen, Stichen und Holzschnitten und muß auf meiner Ansicht beharren: das Bild ist meines Erachtens sicher in Baldungs Atelier entstanden und höchstwahrscheinlich ein Werk seiner eigenen Hand.
Nürnberg.
Dr. Edmund Braun.
Der Meister der nürnberger Madonna[65].
Treten wir vor ein bedeutendes Kunstwerk, so ist eine der ersten Fragen, die sich uns aufdrängen, wer hat es gemacht. Die Frage ist begreiflich und gerechtfertigt, nicht nur vom Standpunkte des Historikers aus, sondern für jeden verständnisvollen Beschauer. Was uns interessiert, was uns anzieht oder abstößt, ist nicht nur das Kunstwerk als solches, sondern auch die Individualität des Künstlers, welche aus ihm spricht. So viele Irrtümer unvermeidlich unterlaufen, wenn Künstlernamen einzig aus stilistischen Kriterien bestimmt werden, man wird da, wo schriftliche Nachrichten oder gute Traditionen fehlen, immer wieder auf diese Bestimmungsweise geführt werden.
Unter den plastischen Werken der beginnenden deutschen Renaissance wird die nürnberger Madonna (G. M. 314, Städtische Kunstsammlung Plastik 5) stets in erster Linie genannt. Vielfach wird sie als das bedeutendste Werk der deutschen Plastik des frühen 16. Jahrhunderts bezeichnet, oft ist sie besprochen, in Abgüssen und Abbildungen ist sie allgemein verbreitet und bewundert.
Die Bezeichnung eines Kunstwerkes als bedeutendstes ist stets eine relative, insbesondere besteht zwischen Kunstwerken, bei welchen in erster Linie der intensive Ausdruck der Empfindung angestrebt wird und solchen, welche mehr die formal harmonische Schönheit der Erscheinung betonen, eine ästhetische Antinomie. Erstere haben eine höhere individuelle, letztere eine mehr typische Bedeutung, und unvermeidlich muss bei ihnen der Ausdruck der Gemütsbewegungen um einige Grade herabgestimmt werden. Und doch können zwei Werke dieser beiden Gattungen die gleiche Vollendung besitzen und bezüglich der Gattungen selbst sind wir nicht berechtigt, die eine der anderen überzuordnen. Wohl aber sind wir darüber klar, daß erstere mehr dem malerischen, letztere mehr dem plastischen Ideal entspricht. Die nürnberger Madonna, welche wohl mit Recht als Teil einer Kreuzigungsgruppe betrachtet wird, gehört zu letzterer Gattung. Die Figur ist das Werk eines großen Künstlers, welcher an formaler Begabung, an reinem Schönheitssinn alle seine Zeitgenossen überragt. Eine so ungewöhnliche Sicherheit des plastischen Könnens ist Niemanden angeboren, sie wird nur allmählig in ernster Arbeit erworben. Es ist ganz ausgeschlossen, daß der Meister nur diese eine oder nur wenige Arbeiten geschaffen habe. Solche sind aber bis jetzt nicht bekannt geworden. Ob ihm die Pietà in der S. Jakobskirche in Nürnberg zugewiesen werden darf, ist zum mindesten fraglich.
Daß aber das ganze Werk eines so großen Meisters bis auf eine Figur zu Grunde gegangen sei, ist höchst unwahrscheinlich.
Nürnberger Madonna.
Halten wir daran fest, daß die Figur eine nürnberger Arbeit ist, und es ist kein ausreichender Grund vorhanden, sie einer anderen oberdeutschen Schule zuzuweisen, so ist längst erkannt, daß sie weder von Veit Stoß, noch von Adam Kraft sein kann. Beide Künstler halten an dem spätgotischen, plastisch malerischen Stile des 15. Jahrhunderts fest, ihre Arbeiten sind von starker und tiefer Empfindung durchweht, welche selbst vor gewaltsamen Stellungen nicht zurückschreckt. Von einer Zuweisung der Madonna an einen von ihnen kann keine Rede sein. Anders stellt sich ein Vergleich mit den Arbeiten Peter Vischers, ein Vergleich, der bis jetzt nicht angestellt wurde. Peter Vischer ist seit den großen Meistern des 13. Jahrhunderts der erste deutsche Bildhauer, in dem die strengsten Stilgesetze der Plastik lebendig sind. Es ist etwas Objektives in seiner Kunst, seine Figuren haben gattungsmäßige, typische Bedeutung. Gegenüber den scharf individualisierten Persönlichkeiten Krafts oder gar Dürers haben seine Menschen etwas Allgemeines. Er individualisiert nicht mehr, als sich mit der harmonisch linearen Schönheit der Gesamterscheinung vereinigen läßt, auf welche sein Absehen in erster Linie gerichtet ist. Demgemäß sind auch die Bewegungen maßvoll und die Gewandung ist von klassischer Einfachheit, die Körperform mehr hebend als verhüllend. Von den untersetzten Verhältnissen der Apostelfiguren am Grabmale des Erzbischofs Ernst von Magdeburg geht er später zu schlanken Proportionen über. Die Apostel am Sebaldusgrab haben sieben und mehr Kopflängen.
Die charakteristischen Merkmale von Peter Vischers statuarischen Arbeiten, namentlich von den Aposteln des Sebaldusgrabes finden sich wieder an der Nürnberger Madonna. Die plastischen Motive und der Fluß der Linien sind von einer Harmonie und Klarheit, wie sie die deutsche Schnitzkunst vorher nie erreicht hatte. Das Bewegungsmotiv ist von oben bis unten einheitlich durchgeführt, hier stören keine Verrenkungen und Härten wie bei anderen Schnitzwerken der gleichen Zeit. Eine milde Stimmung beherrscht das ganze Werk.
Nun sind diese übereinstimmenden Momente an und für sich noch kein Beweis für Vischers Autorschaft, sie gewinnen aber dadurch erheblich an Gewicht, daß Vischer mit seiner plastischen Auffassung in seiner Zeit ganz allein steht. Beobachtungen von Einzelheiten kommen hinzu. Vischer liebt in der Gewandbehandlung lang gezogene Falten, der Fall der Obergewänder ist breit, zuweilen etwas schwer. Auch an der Madonna ist der Faltenwurf ähnlich behandelt. Man vergleiche den Fall des Mantels in beistehender Skizze mit dem der Schwester des Lazarus vom Epithaph der Margareta Tucher. Von der Knitterigkeit, von den barock gebauschten Rändern der Gewänder, wie sie noch Veit Stoß liebt, ist hier keine Spur mehr zu sehen. Auch die Behandlung der Hände und das rund vorspringende Kinn hat in anderen Werken Vischers seine Analoga.
Tucher’sches Epitaph.
Nürnberger Madonna.
Endlich aber ist die Figur — worauf schon Dr. Stegmann aufmerksam gemacht hat — überhaupt nicht im Holzstil, sondern im Metallstil gedacht und ausgeführt.
Die unruhigen, knitterigen und gebauschten Falten der Holzfiguren zielen auf eine malerische Wirkung ab, welche Polychromie und Vergoldung zur Voraussetzung hat; bei unserer Figur ist eine Steigerung der Wirkung durch farbige Behandlung kaum denkbar. Schon die Verteilung von Ober- und Unterkleid ist eine solche, daß durch ein Auseinanderhalten mittels Farbe nur eckige und unschöne Überschneidungen entstünden, welche der plastischen Erscheinung nicht zum Vorteil gereichen würden. Die großen Flächen des Mantels würden in anderer als der dermaligen grünlichen Farbe eben auch nicht viel anders erscheinen als jetzt.
Wohl aber würde die ganze Gewandung bei einer Ausführung in Bronze durch die Glanzlichter auf den Höhen und die dunkeln Schatten in den Tiefen der Falten sehr wesentlich belebt werden.
Es sei noch darauf hingewiesen, daß der grünliche Anstrich der Figur nicht modern, sondern alt und mehrmals erneuert ist.
Mit dem Gesagten ist eine ziemliche Wahrscheinlichkeit für Peter Vischers Autorschaft gewonnen. Es darf indes nicht verschwiegen werden, daß zur Gewißheit manches fehlt.
Wenn auch Vischer von den kurzen Verhältnissen der magdeburger Figuren später zu schlankern übergeht, so überschlanke Figuren, wie die nürnberger Madonna sind von ihm doch nicht bekannt. Und die Ausführung ist sorgfältiger, als wir es sonst von Vischer gewöhnt sind.
Man möchte vielleicht, wenn man die Autorschaft Peter Vischers bezweifelt, an einen seiner Söhne denken, allein solange wir deren künstlerische Individualität nicht genauer kennen, wird sich auch nicht entscheiden lassen, ob etwa statt des Vaters, einer der Söhne, als Meister der Figur in Frage kommt.
Nürnberg.
Gustav von Bezold.
Das Gedenkbuch des Georg Friedrich Bezold, Pfarrers zu Wildenthierbach im Rothenburgischen.
Durch Schenkung seitens des Herrn Direktors von Bezold ist das germanische Museum letzthin in den Besitz einer Handschrift gelangt, die, wie eine kurze Charakterisierung des Inhalts zeigen wird, manchen willkommenen Beitrag zur Kenntnis insbesondere der Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts liefert. Viele Eintragungen freilich können nur ein beschränktes, lokalgeschichtliches Interesse erwecken, andere dagegen verdienen auch in weiteren Kreisen ohne Zweifel Beachtung. Diese Doppelnatur unseres (mit Ausschluß des Registers und eines später hinzugebundenen Heftes von 41 Seiten mit allerlei biblischen Zitaten und Nachweisen) 658 nummerierte Quartseiten zählenden Manuskripts erklärt sich leicht aus der Lebensstellung und Sinnesart des Sammlers und Schreibers.
Es ist der reichsstädtisch rothenburgische Pfarrer Georg Friedrich Bezold, welcher den Codex um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, aber gewiß im Laufe mancher Jahre zusammengeschrieben hat. Seine Familie, die seit dem 15. Jahrhundert in Rothenburg nachweisbar ist, gehörte zu den ratsfähigen Geschlechtern und sein Oheim Georg Christoph Bezold stand noch zu Ende des 17. Jahrhunderts dem Rate der freien Reichsstadt als Consul d. h. Bürgermeister vor. Er selbst aber (geb. 1710) hatte, wie sein Vater Johann Albert, der Pfarrer an der Kirche zum heiligen Geist gewesen war, die Theologie zum Lebensberuf erwählt und die Tochter des Pfarrers Johann Michael Stock zur Frau genommen, dessen Geschlecht bereits seit mehreren Menschenaltern der kleinen evangelischen Gemeinde von Wildenthierbach — auch einfach Thierbach genannt — ihre Seelsorger gegeben hatte. 1734 starb der alte Pfarrherr, wie es in den genealogischen Notizen auf S. 67 des Gedenkbuches, aus denen wir unsere Kenntnis schöpfen, heißt: »ex improviso bombardae ictu militis Würzburgensis«, und im Amte folgte ihm sein Schwiegersohn, der die Pfarrei bis zu seinem im Jahre 1771 erfolgten Tode bekleidet zu haben scheint. Wenigstens folgte ihm, wie eine spätere Eintragung a. a. O. ergibt, in diesem Jahre als Pfarrer von Wildenthierbach sein Sohn Ernst Albert Bezold.
Von seinem stillen Erdenwinkel aus hat der Schreiber unserer Handschrift Jahrzehnte lang dem Treiben der Welt zugesehen. An beschaulicher Muße wird es ihm wohl nicht gefehlt haben, sonst würde er schwerlich große Abschnitte seines Gedenkbuches in zierlicher Druckschrift ausgeführt und, wo etwa seine Vorlagen größere oder kleinere Vignetten und Zierleisten aufwiesen, auch diese mit sorgfältiger Feder wiedergegeben haben. Bewunderungswürdig ist in der That die Ausdauer und Hingabe, mit der er selbst umfänglichere Flugschriften bis auf die Form der Buchstaben getreu kopiert hat.
Von ihm selbst rührt in dem Codex nur wenig her. Es sind da vor Allem Aufzeichnungen über Wind und Wetter, Beobachtungen, wie sie dem Landgeistlichen besonders nahe liegen mußten, zu nennen. Die Einkleidung ist zuweilen originell genug und verrät uns bereits die ausgesprochene Vorliebe des Pfarrers für absonderliche, »curieuse« Gegenstände und Geschichten. So zählt er auf Seite 85 in seinen »Anmerkungen über das 1766ste Jahr« »der Nachwelt zum unvergeßlichen Angedenken« acht »Merkwürdigkeiten« des Winters 1766 auf 67, die sich alle lediglich auf die Witterung beziehen, auf. Daß er aber zugleich mit feinem Sinn für Witz und Humor begabt war, zeigen sogar seine »Dicta quaedam breviter explicata« (S. 377 ff.), teils eigene teils fremde Auslegungen von Bibelstellen, in welchen ein schalkhafter Humor nicht selten das theologische Element überwiegt. Da notiert er sich beispielsweise:
»1. Tim. VI, 9: Denn die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und in Viele thörigte und Schädliche Begierden, welche die Menschen Versenken ins Verderben und Verdammniß; den der Geitz sey eine Wurtzel alles Übels, und durchstechen sich selbst mit Vielen todes Schmertzen«
und bemerkt dazu:
»Aus diesem Dicto hat eine nachsinnende Feder, Von denen See-Würmern in Holland und deren Vermuthender ursach folgende courieuxe Observation gezogen: .... Der heil. Geist Brauche durch den Apostel das Wort »Schädliche«, und dieses Wort heiße nach dem Grund Text βλαβερὸς, deßen derivation von βλίπτω oder ἐάπτω und ἴπτω, noceo, ich schade, DaVon dan herkomme ἴψ, ἰπὸς vermis cornua corrodens, ein Wurm der Hörner durchnaget, mit Hörnern armiret. — Weilen nun in Holland in sonderheit die Geldgierigkeit und Begierde reich zu werden durch die Handlung zu waßer und zu land, wie bekandt herschet, so hat Gott zur straffe, wie sie selbst bekennen, .... diese schädliche Würmer ... gesandt, welche ihre hornharte Pfähle an den Teichen durch-Brechen und das Land in äußerste Gefahr der überschwemmung und des Verderbens setzen.«
Man hört förmlich bei dieser an den Haaren herbeigezogenen, umständlichen Erklärung den wackeren Pfarrherrn von Wildenthierbach hinter seinem Buche leise lachen.
Im Übrigen besteht der Inhalt so gut wie ausschließlich in Abschriften, deren Vorlagen nicht immer leicht festzustellen sind. Es wurde bereits erwähnt, daß ihm mehrfach Flugblätter und Flugschriften als solche gedient haben, die heute teilweise zu den Seltenheiten zählen. Vieles auch entnahm er der »Frankfurter gelehrten Zeitung«, die er sich gehalten zu haben scheint, oder der »Erlanger Realzeitung«, der »Berliner Zeitung« etc., anderes ist aus Chroniken zusammengetragen, aus den Werken gleichzeitiger Dichter, wie Gellert, Gleim, Gottsched u. a. abgeschrieben. Es verrät keinen besonders entwickelten historisch-wissenschaftlichen Sinn, daß Angaben über das Woher den einzelnen Abschnitten und Gedichten nur selten hinzugefügt sind.
Gleich der erste umfängliche Eintrag in sein Gedenkbuch (S. 1 ff.) zeigt ihn zwar als guten Rothenburger Patrioten und überzeugten, glaubenseifrigen Protestanten, aber als schlechten Historiker, denn zu einer Sammlung von Nachrichten »von der geseegneten Reformation allhier in Rotenburg hätten ihm wohl bessere Quellen zu Gebote gestanden als die ziemlich wertlose Kompilation Albrechts[66] aus der er seine Weisheit geschöpft hat. In einer anderen ähnlichen »Sammlung allerhand merkwürdiger Sachen«, die sich auf Franken, insbesondere aber wieder auf Rothenburg beziehen (S. 397 ff.), wird ein Lobgedicht auf Rothenburg angeführt, welches folgendermaßen beginnt:
»Rotenburg die Edel Berühmte Stadt
Von Schloß und Burg den Nahmen hat.«
Ich kenne dies Gedicht auch aus einem dem 16. und 17. Jahrhundert angehörenden Sammelbande, Ms. 153 fol. der großherzogl. Hofbibliothek zu Darmstadt, wo es auf Bl. 39 f. jedoch in sehr veränderter und bedeutend erweiterter Fassung erscheint und sich für ein Werk Hans Sachsens ausgibt, der in den Schlußversen als Dichter genannt wird. (»Dz wunscht von Nurmberg Hans Sachs, Gott geb dz sein kirch darinnen wachs«). Wenn nun auch das Gedicht in der Form, wie es uns heute vorliegt, alle Zeichen des Apokryphen an sich trägt und keine Spur von dem Geist des Nürnberger Dichters erkennen läßt, so wäre doch immerhin möglich, daß es in Erinnerung und unter Zugrundelegung eines verloren gegangenen Hans Sachsischen Poems entstanden wäre. Und selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, wäre das in der Darmstädter Handschrift enthaltene Gedicht als eine frühe Unterschiebung — die Hand, welche es schrieb, gehört der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an — nicht uninteressant und ein Gegenstück zu dem bekannteren Lobspruch auf die Stadt Rostock, der gleichfalls Hans Sachs fälschlicherweise zugeschrieben ist[67].
Doch zurück zu dem Gedenkbuch des G. F. Bezold! Was dasselbe sonst über Ereignisse und Verhältnisse im Rothenburger Ländchen enthält, ist von keinem besonderen Belang. Allenfalls dürfte die Aufzählung sämtlicher Landpfarrer der Rothenburger Diöcese von den Zeiten der Reformation bis zu Lebzeiten des Schreibers (S. 45 ff.) für die Rothenburger Lokalgeschichte hin und wieder als Quelle benutzt werden können. Zuweilen wird auch ein Gelegenheitsgedicht oder ein Spottlied, wie das auf den bestraften Nachtigallenfänger und deutschen Schulmeister Vester in Rothenburg (S. 35 f.) wiedergegeben, aber von dem eigentlichen Leben und Treiben in und um Rothenburg oder von der Politik der freien Reichsstadt während des 18. Jahrhunderts erfahren wir nichts. Wir wissen freilich zur Genüge aus Bensens vortrefflicher Schilderung (a. a. O. S. 383 ff.), wie traurig es in dieser Beziehung seit lange, ja eigentlich seit dem Ausgang des Mittelalters, um das Rothenburger Gemeinwesen bestellt war, wo sich im Kleinen wiederholt, was zur selben Zeit auch größere Reichsstädte allmählich in eine ganz unhaltbare Lage geraten ließ: rücksichtslose Interessenpolitik, Protektionswesen und finanzieller Verfall im Innern, kraftlose, feige Nachgiebigkeit nach außen. Man erinnere sich nur an die Geschichte von dem preußischen Lieutenant Stirzenbecher aus dem Jahre 1762, die Bensen erzählt, oder an jene andere Episode von 1800. Siebzehn französische Soldaten waren damals auf einem Beutezuge in die Stadt eingedrungen und verlangten eine Brandschatzung von 40,000 fl. Bereits saßen die geängstigten Räte beieinander, um über die Aufbringung der Summe zu beraten, als eine kleine Anzahl beherzter Bürger, über solche Schmach erbittert, sich erhob und die Franzosen mit Heugabeln aus der Stadt hinaustrieb[68]. Zwei Jahre später wurde bekanntlich die Stadt vom Reichstage dem Kurfürsten von Bayern übergeben.
Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Umständen die Blicke der Nachdenklicheren, tiefer Angelegten über die engen Grenzen ihres kleinen in Verfall geratenen Freistaates hinüberschweiften, die großen Weltereignisse mit Spannung und lebhaftestem Anteil verfolgend, als könne fremde Größe ihnen einen Ersatz bieten für die Ärmlichkeit der kleinlichen Verhältnisse, welche sie umgaben.
Zu starkem eigenen Denken freilich oder auch nur zu überlegtem, verstandesmäßigem Politisieren konnte man sich schwer erheben, und so ist es denn auch hier wieder in erster Linie der Treppenwitz der Weltgeschichte, das Anekdotenhafte und Absonderliche an den großen Ereignissen und Persönlichkeiten der Zeit, das den Schreiber unseres Codex interessiert. Kleine Charakterzüge, satirische und witzige Exkurse aller Art finden sich in Menge in sein Gedenkbuch eingezeichnet, und da es sich dabei großenteils um Dinge von allgemeinerem Interesse handelt, so mögen einige Proben solcher Eintragungen hier folgen:
»Alß der König von Preußen Zu Ende des 1756sten Jahrs an einem Sonntag in Dreßden den Herrn D. am Ende in der Evangelische Kirche mit Vergnügen predigen hören, auch in der Catholische Schloß Capelle der Music bey einer halben Stunde zugehört und darauf in die Reformirte Kirche gieng, wo H. Dietrich prediger war, und besagter Dietrich Bey dem Königl. Eintritt, mitten unter Rede anfieng: »Halber Gott! großer Friedrich!« sprach der König von Verdruß über diese übertriebene Rede aus dem Steg Reif Zu ihm, laut: »Gantzer Narr, kleiner Dietrich!« und gieng sogleich mit seinem Gefolge wieder aus der Kirche.
S. 507 liest man:
»Teutschland als ein kranckes Frauenzimmer Vorgestellt
in einem Gemählde, von P:P. aus dem Englischen 1757.
Teutschland sitzet unter der Gestalt eines prächtig gekleideten, und mit allerhand Kleinodien ausgezierten Frauenzimmers, auf einem Stuhl, in der rechten Hand hält sie den Scepter, in der Lincken den Reichsapffel. Sie gleichet einer krancken Person, die in eine ohnmacht zu sincken beginnt, und den Kopff über den Stuhl hangen läßt, aus ihrem Mund gehen die worte: »Ihr Kinder helfft mich doch!«
Eine Menge umstehender Personen Zeigen sich in geschäftiger Stellung
1) der Kayser, in steiffer Kleidung, nimmt ihr mit beeden Händen den Scepter und den Reichsapffel aus den Ihrigen, mit diesen worten: Ich will dich leichter machen!
2) der König von Franckreich trennt mit einer Hand die breiten Treßen von ihrem Rock und läßt mit der andern ihre Armbänder Von den Händen und spricht: wozu dienet der viele Schmuck an einer krancken Person, er Beschweret sie nur.
3) der König von Preußen in einem fürchterlichen Harnisch dringet hiezu, reißet ihr das Halsband vom Hals, hält ihr den Säbel an die Kehle, mit denen Worten: Machet Platz, ihr Herren! Ihr müßet Lufft machen wann es angehen will.
4) der Churfürst von der Pfaltz und der Landgraf von Hessen Caßel stehen dem Kayser zur Seiten, und schüttet ein jeder ein Brech-Pulver in den Löffel mit den Worten: wir wollen ihr was zu brechen geben.
5) der König Von Engelland hält ein Gläßgen Gold Tinctur in Händen und zeiget sie der krancken Person von weitem, und spricht mit den worten: das wäre wohl die beste Panace!
6 die Republic Holland als ein Apotheker Gesell gekleidet, stehet hinter der Krancken ihren Stuhl, hält in der Hand einen großen bündel Recepte, und in der andern Hand eine Clistir Spritze, aus seinem Mund gehen die Worte: Ich kan nicht darzu kommen, und wer weiß ob meine Artzney bezahlet wird?
7) Der Churfürst von Sachsen langet mit der Hand über die Vorstehende hinweg, und reibet dem Patienten Balsan unter die Nase, mit den worten: Ich helffe so gut ich kan, ich kan mir selber nicht helffen.
8) die Kayserin von Rußland stehet von ferne u. siehet mit einem Perspectiv oder fern Glaß auf die krancke Person und spricht: Sie erholt sich wieder!
9) der Türckische Kayser stehet in der Thür des Zimmers, und schüttet einen Löffel Voll Magentropffen in den Hals, über ihm stehen die worte: ich brauche meine Medicin selber!
10) Ein österreicher läßt ihr am lincken Fuß, Ein Ungar aber am rechten Fuß Zur ader, über ihm stehen die Worte: in desparaten Kranckheiten muß man desparate Mittel brauchen.
Auf der andern Seite siehet man Teutschland mit Vielen Wunden getödet, auf der Erde in seinem eigenen blute liegen, mit der überschrifft: also muß man heutzutag die Patienten curiren!«
Ob es sich bei vorstehender Beschreibung in der That um einen Kupferstich, bezw. ein Flugblatt mit einem solchen, oder ob es sich nur um eine Fiktion handelt, vermag ich im Augenblick nicht zu sagen[69]. Freuen wir uns vor Allem, daß unser Vaterland die lange zum Spott und zum Vorteil der Nachbarn gespielte Rolle der »kranken Person« seit dem Anbruch des neuen deutschen Reiches und hoffentlich für immer ausgespielt hat.
S. 277 bietet eine satirische Kleinigkeit von ähnlicher Tendenz, die sich in erweiterter Fassung auch auf S. 588 f. wiederfindet:
»Friedens-Congreß
d. 15ten Jan. 1761
Die letztern Briefe von Pariß verkündigen einen nahen allgemeinen Frieden, und daß der Congreß wird hier gehalten werden.
Man hat Quartiere gemietet, nemlich
1) Vor den Kayser .... zur Gnade, in der Gaße von Bourbon.
2) vor die Kayserin .... zur bösen Allianz, in der Invaliden Gaße.
3) vor den König von Engelland .... zum Glück, auf dem Sieges-Platz.
4) vor den König von Preussen .... zu den 4 Winden, in der Fuchs-Gasse.
5) vor den König in Pohlen .... zum Opfer Abrahams, nahe bey den Unschuldigen.
6) vor den König in Schweden .... zur Chimäre, nahe bey der Strasse der lebendigen Bären-Häute(r).
7) Vor die Kayserin von Rußland .... zum Berg Vesuvius, in der Höllen-Gaßen.
8) vor die Fürsten des H. R. Reichs .... zur Brille, nahe bey den Unheilbaren.
9) Vor die Holländer .... zur Waage, nahe bey der Stern-Warte.
10) Vor den Marschall de Broglio .... zum hölzernen Degen, in der Gaße, Hochmuths-Berg.
11) Vor die Madame de Pompadour .... zur Magdalene, in der Salpeter-Sieders-Gaße, welche nach Rochelle gehet.«
Es ist bei der Abfassungszeit des Codex fast selbstverständlich und ergibt sich auch schon aus den mitgeteilten Proben, daß der siebenjährige Krieg durchaus im Vordergrunde des Interesses steht. Bald sind es mehr oder minder witzige Auslassungen der angedeuteten Art, nicht selten auch Chronogramme, etwa eine Friedensweissagung enthaltend (z. B. S. 270), am häufigsten aber politische Gedichte, vornehmlich Kriegs- und Siegeslieder, die wir mit bekannter Sorgfalt in das Buch eingetragen finden. Eben diese politischen Dichtungen — auch die meisten der oben erwähnten Flugschriften gehören hierher — scheinen mir den eigentlichen Wert der merkwürdigen Sammlung auszumachen und ihr eine allgemeinere Bedeutung zu gewährleisten. Wenig bekannte Volkslieder, die in neueren Sammlungen solcher Gedichte nicht zu finden sind, wechseln hier mit den Oden und Gesängen gefeierter Poeten, und deutsches Wesen, deutsches Fühlen durchdringt sie fast ohne Ausnahme und läßt auch einen verklärenden Schimmer auf die Persönlichkeit des Schreibers, auf den schlichten Pfarrer in jenem kleinen Dorf im Rothenburgischen fallen. In der Brust Georg Friedrich Bezolds fanden alle großen Ereignisse den lebhaftesten Wiederhall, in dem stillen Pfarrhause zu Wildenthierbach wurden alle Schlachten und Siege noch einmal geschlagen und gesiegt, wenn auch nur auf dem Papier und in den zierlichsten geschriebenen Lettern von der Welt. Ganz unverkennbar ist seine hohe Bewunderung für den großen Preußenkönig, die er mit den meisten seiner süddeutschen Amtsbrüder teilte. Es geht aus zahlreichen Eintragungen deutlich hervor, daß man Friedrich in diesen Kreisen als den Verfechter der protestantischen Sache ansah, seine Siege als Triumphe des Protestantismus über den Katholizismus feierte. Aber der Pfarrer von Wildenthierbach ist doch nicht so sehr Politiker oder Fanatiker, daß er nicht auch in den Reihen der Gegnerpartei entstandene Lieder in sein Gedenkbuch aufgenommen hätte, wenn sie sich auch freilich in der Minderzahl befinden. Aus der großen Masse des vorhandenen Materials können wieder nur einige wenige Stücke probeweise hervorgehoben werden:
S. 264:
Herr Pfarr M...r
in H—ch
auf
den König in Preußen
Sinn’t, Zeiten, auf ein Wort, daran man Friedrich kennt;
Nicht Groß, nicht Menschen Lust, nicht Sieger nicht den Weisen,
So mag ein Theil von Ihm, in kleinen Fürsten heißen
Nennt Ihn den Einzigen, dann ist er gantz genennt.
S. 233:
Helden-Lob
Friedrichs des Großen
Königs von Preussen.
Vor diesem war, wann ein Poëte sang,
Ihm jeder Held gedoppelt groß und lang,
Und sicherlich, je größer und je länger,
Dem Held er log, je besser war der Sänger;
Offt war der Held, mit samt des Helds Verrichtung,
Im Grunde nichts, als seines Dichters Dichtung.
Der brave Hector, Ajax und Achill,
Sind nicht so brav, als der Poët es will.
Æneas hätt an keine Schlacht gedacht,
Wann nicht Virgil ein Buch davon gemacht
Printz Satan selbst ist nur ein Funffzen huth [?],
Mahlt Milton ihn gleich voller Trotz und Wuth;
Ja mancher spricht die Existenz ihm ab,
Und die mit Recht, wie sie ihm Milton gab.
Doch posito: es wären alle Gaben,
Die in dem Reim, auch ohn ihn, Beyfall haben,
Vereint in ein und nemlicher Person,
Sagt, welche wohl fehlt Preußens großen Sohn?
Solch Treffen hat, wie Er aufs neu gewonnen,
Kein Alter nicht, kein Neuer nicht ersonnen!
Drum folgt mir nur, packt euren Kram hier ein,
Poëten Volck! Laßt Friedrich, Friedrich seyn!
Ihm wird, Trotz Epico, Trotz Lyrico,
Die Wahrheit selbst zum Panegyrico.
S. 443:
Harte Ausdrücke
Wieder
Friederich, den König von Preußen
communic. von Mons. Böttcher, Fourier, unter dem Platz. Regim.
d. 18t Aug. 1758.
Als Feldherr, Rechts-Gelehrt, und Zierde der Poëten,
Gab Dich, O Friederich! die Fama anzubeten;
Allein, o Wunder Ding! da Coccejus gestorben,
So war zugleich an Dir der Doctor schon verdorben.
Du bist auch kein Poët, seit dem Voltair entwichen;
Kein Feldherr von der Stund, als Dein Schwerin erblichen.
Wilst Du, o Friederich! durch das, was Du gethan,
Der Alten Helden-Lob in diesem Krieg erreichen?
Der Alten Helden Lob? Diß geht so leicht nicht an.
Doch bistu ihnen noch in etwas zu vergleichen.
Denn als Du den August aus seinem Land gejagt,
Da warstu Pharao, der Israël geplagt.
Als Broun das vor’ge Jahr die Völcker commandirte,
Da warstu Hannibal, und Broun war Fabius.
Und als letzthin nächst Prag der Daun das Kriegs-Heer führte,
Da warstu Attila, und Daun war Ætius.
Und endlich wirstu auch (stimmt Gott mei’m Wünschen ein)
Der durch die Tamyris besiegte Cyrus seyn.
S. 263:
Auf
Die Bataille bey Hoch-Kirchen
d. 14. Oct. 1758.
In finstrer Nacht zu überfallen,
Wo nicht einmahl Trompeten schallen,
Das ist für Dich kein Ruhm, o Daun!
Im Finstern sich den Sieg zu stehlen,
Und doch den Zweck noch zu verfehlen,
Das wird Dir kein Trophaeum bau’n.
Wann Friedrich kommt, kommt Er am Tage,
Wann Friedrich schlägt, kommt mit dem Schlage
Zugleich die Sonne und der Sieg.
Die NachtEul [Randbemerkung: »Graff Daun führt eine NachtEule«] sucht nur Finsternißen;
Der Adler [Randbemerkung: »Preußen führt einen schwartzen Adler«] will die Sonne wißen;
Und dieser ist der Friederich.
Mein Friedrich kommt der Tag bricht an,
Merck doch, o Schlesien! die Stunden,
Was jüngst die dunckle Nacht gethan,
Das hastu nun beym Licht empfunden.
Was denckt wohl Daun von Tag und Nacht?
Er denckt, das hätt ich nicht gedacht,
Daß Zeit und Stunden also wandern!
Ja wohl, das zeiget eben euch,
Er sey dem größten Helden gleich,
Pompejen, Caesarn, Alexandern.
[Randbemerkung am Schluß: »Der Verfaßer davon ist Herr Wolzhofer, Pro-Decanus und brandenburgischer Pfarr zu Roßstall.«]
S. 265:
Probe
vom Catholischen Witz!
GeneraLIs DaVn CœpIt FrIngILLaM!
Der Finck, auf seiner Locke, gieng, Lerchen aufzufangen,
Und wolt’ auf RebenTisch mit diesen Braten prangen,
Doch Wunsch gieng nicht Wunsch, die Lerchen hielten Stich,
Und nahmen Rebentisch, Wunsch und den Lock mit sich.
Nun sitzt im Garn der Finck, und muß den Lerchen singen,
Er pfeiffet: stinck, stinck, stinck! weils ihm nicht wolt gelingen.
Hingegen schwingen sich die Lerchen mit Gesanger:
Es lebe unser Nest! Es leb der Finken Fanger!
Gerechter Eyfer
über
das elende Cathol. Deutsch.
Wer mit solchem tollen G’sanger
Sich des Feindes Unglück freyt,
Der gehört mit Recht an Pranger,
Der wird billig angespeyt.
Antwort eines Preußen
auf die Spöttereyen eines Oestreichers
über
Finckens Gefangen Nehmung
Der Preusich Adler wird noch manchen Lerchen fangen,
Obwohl es dißmahl schlecht und nicht nach Wunsch gegangen.
Gold Fincken haben wir unzählig große Hauffen,
Wofür sich Lerchen gnug und Hahnen lassen kauffen.
Um einen Fincken will man so viel Lermen machen,
Und soll die gantze Welt hierum mit Oestreich lachen!
Das Lerchen-Nest wird doch von Hahnen noch besch...n;
Der einfach Adler wird dem Dopplen helffen müßen,
Daß dieser Federloß nicht endlich gar verfriere,
Und sich der stolze Hahn mit seinen Federn ziere.
Schaden-Freude
über
den Preusichen Verlust.
Der schönste Vogel-Heerd im gantzen Lande Sachsen,
Ist auf dem Marmor Berg, ohnweit vom Dorffe Maxen.
Da fieng auf einen Zug, Graf Daun zum Spott der Preußen,
8 Gimpel und ein’ Finck, nebst 15m Meisen.
Parodie.
Gedult, mein lieber Freund, man fängt noch länger Vögel,
Und Friedrich lauert nur auf die gelegne Zeit.
Was gilts! Er fängt vielleicht noch manchen solchen Flegel,
Der so, wie Ihr, mein Herr, sich seines Unglücks freut.
S. 276
Auf
Den König in Preußen.
Fritze! schämstu dich nicht deiner?
Alle Tage wirstu kleiner;
Aendre deinen stolzen Sinn,
Wirf die stolzen Waffen hin.
Deine große Enacks-Kinder
Stehen hier wie arme Sünder;
Schaaren-weise fängt man sie,