Beduinen der syrischen Wüste.
Nach einem Aquarell von John Sargent, R. A.

Durch die
Wüsten und Kulturstätten
Syriens

Reiseschilderungen

von

G. L. Bell

Mit einem Farbendruckbild nach einem Aquarell von
John Sargent, R. A.,
161 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen,
sowie einer Karte von Syrien

Leipzig
Verlag von Otto Spamer
1908

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig

Ihm dünkt die unbekannte Ferne der liebste Freund; er wandelt,
wo über ihm die Mutter all der Myriaden von Sternen ihre Bahn zieht.
Ta'abata Sharran.


Vorwort.

Wer es heutzutage als Nichtgelehrter und Nichtpolitiker wagt, zu der ungeheuer umfangreichen Reiseliteratur einen neuen Band hinzuzufügen, muß mindestens mit einer Entschuldigung ausgerüstet sein. Die meinige ist bereit und ist, wie ich hoffe, auch so überzeugend und glaubhaft, wie solche Dinge sein müssen. Ich wollte weniger eine Reisebeschreibung liefern als vielmehr eine Schilderung der Leute, denen ich begegnet bin, oder die mich auf meinen Wegen begleitet haben, wollte berichten, in was für einer Welt sie leben und mit welchem Auge sie dieselbe betrachten. Und da ich es für besser hielt, die Leute soviel als möglich selbst reden zu lassen, habe ich ihre Worte in meine Wanderungen eingeflochten, habe getreulich wiederholt, was ich gehört: die Erzählungen, womit der Hirt sowie der Bewaffnete die Stunden des Marsches kürzten, die Unterhaltungen, die am Lagerfeuer, im schwarzen Zelt der Araber und im Gastgemach der Drusen von Mund zu Mund gingen, sowie die vorsichtigeren Äußerungen der türkischen und syrischen Beamten. Ihre Politik beschränkt sich auf Vermutungen — oft sind sie scharfsinnig genug — über die Resultate, die das Zusammenwirken unbekannter Kräfte, deren Stärke und Zweck meist nur undeutlich erfaßt werden, ergeben könnte; sie schöpfen ihr Wissen aus so ganz anderen Informationsquellen, legen bei ihren Vergleichen einen so ganz anderen Maßstab an als wir, und treten an die ihnen vorgelegten Probleme mit einem von dem unseren ganz verschiedenen Anschauungskreis heran. Der Orientale ist ein altes Kind. Mancher Wissenszweig, der uns von elementarster Notwendigkeit erscheint, ist ihm unbekannt; meist, nicht immer, bereitet ihm auch die Pflicht, sich solches Wissen anzueignen, wenig genug Sorge, und er kümmert sich kaum um das, was wir praktischen Nutzen nennen. Nach unsrer Auffassung des Wortes praktisch ist er nicht praktischer als ein Kind, und sein Begriff von Nutzen weicht sehr von dem unseren ab. Andrerseits wieder wird sein Tun und Lassen durch überlieferte Sitten- und Umgangsgesetze geregelt, die bis auf den Beginn der Zivilisation zurückdatieren, Gesetze, die bis jetzt noch durch keinen Wechsel der Lebensweise, der sie entsprungen sind und auf die sie sich beziehen, eine größere Veränderung zu erfahren brauchten. Abgesehen davon ist der Orientale ganz wie wir auch; die menschliche Natur verändert sich jenseits des Suezkanals nicht vollständig, auch ist es nicht etwa unmöglich, sich mit den Bewohnern jener Himmelsstriche auf freundlichen, ja freundschaftlichen Fuß zu stellen. Ja, in gewisser Beziehung ist es sogar leichter als in Europa. Ist doch die Verkehrsweise des Ostens weit weniger durch künstliche Fesseln eingeengt, herrscht doch infolge der größeren Verschiedenheit auch eine viel weitgehendere Duldsamkeit. Kasten, Stämme und Sekten teilen die Gesellschaft in zahllose Gruppen, deren jede ihrem eignen Gesetz folgt, und mag dieses Gesetz unsrer Meinung nach noch so phantastisch sein, dem Orientalen ist es eine ausreichende Erklärung für jede Sonderbarkeit. Ob ein Mann sich bis an die Augen in Schleier gehüllt zeigt, oder ob es ihm gefällt, nur mit einem Gürtel bekleidet zu erscheinen — es wird keine Bemerkung über ihn fallen. Warum auch? Gehorcht er doch, wie ein jeder, lediglich seinem eignen Gesetz. So kann auch der Europäer die weltfremdesten Orte bereisen, ohne großer Kritik, ja auch nur Neugier zu begegnen. Man wird die Neuigkeiten, die er bringt, voll Interesse, seine Ansichten voll Aufmerksamkeit anhören, aber niemand wird ihn für sonderbar oder närrisch oder auch nur für im Irrtum befangen halten, weil seine Gewohnheiten und seine Anschauungsweise von denen des Volkes abweichen, in dem er sich gerade aufhält. »Adat-hu«: es ist so Brauch bei ihm. Der Ausländer handelt deshalb auch am klügsten, wenn er gar nicht versucht, sich bei den Orientalen dadurch einzuschmeicheln, daß er ihre Gewohnheiten nachäfft, außer wenn er es geschickt genug tut, um für einen der Ihrigen gelten zu können. Im allgemeinen mag er den Bräuchen andrer achtungsvoll begegnen, sich selbst aber genau an seine eignen halten — das wird ihm die größte Achtung sichern. Die Beachtung dieser Regel ist vor allem für Frauen von höchster Wichtigkeit, denn eine Frau kann nie ganz sich selbst verleugnen. Daß sie einer großen und geachteten Nation angehört, deren Sitten unantastbar sind, wird für sie die beste Gewähr für allgemeine Rücksichtnahme sein.

Keins der Länder, die ich besucht habe, ist dem Reisenden jungfräuliches Land, wenn auch manche dieser Gegenden bisher nur selten aufgesucht und nur in teuren und meist schwer erhältlichen Werken beschrieben worden sind. Von solchen Orten habe ich einen kurzen Bericht gegeben und alle die Photographien hinzugefügt, die mir von Interesse zu sein schienen. Bei den Städten Nordsyriens habe ich auch jener historischen Überreste Erwähnung getan, die dem gelegentlichen Beobachter ins Auge fallen. Es gibt in Syrien und am Rande der Wüste noch viel Forscherarbeit zu tun, noch manches schwierige Problem zu lösen. De Vogüé, Wetzstein, Brünnow, Sachau, Dussaud, Puchstein und seine Kollegen, die Glieder der Princetonschen Expedition u. a. m. haben das Werk mit gutem Erfolg begonnen, und auf ihre Schriften verweise ich alle diejenigen, denen daran liegt zu erfahren, wie unermeßlich reich das Land an architektonischen Monumenten und schriftlichen Überresten einer weit zurückliegenden Geschichte ist.

Meine Reise endete nicht in Alexandretta, wie dieser Bericht hier. In Kleinasien habe ich mich jedoch hauptsächlich mit Archäologie beschäftigt; die Resultate meiner dortigen Forschung sind in einer Serie von Artikeln in der »Revue Archéologique« veröffentlicht worden, wo sie dank der Güte Monsieur Salomon Reinachs, des Herausgebers, einen weit günstigeren Platz gefunden haben, als ihnen die Seiten dieses Buches bieten konnten.

Ich kenne weder die Leute noch die Sprache Kleinasiens gut genug, um in engere Fühlung mit dem Lande zu kommen, aber selbst auf meine spärliche Bekanntschaft hin bin ich bereit, dem türkischen Bauer ein ehrenvolles Zeugnis auszustellen. Ihn zeichnen viele Tugenden aus, unter denen die Gastfreundschaft obenansteht.

Ich habe mich bemüht, auch die politische Stellung unwichtiger Personen zu schildern. Sie erscheinen denen, die in ihrer Mitte leben, gar nicht so nebensächlich, und ich meinesteils bin immer denen dankbar gewesen, die mir über ihre gegenseitigen Beziehungen Aufschluß gegeben haben. Aber es kommt mir nicht zu, die Regierung des Türken zu rechtfertigen oder zu verdammen. Ich habe lange genug in Syrien gelebt, um einzusehen, daß seine Verwaltung weit davon entfernt ist, eine ideale zu sein, habe aber auch die unruhigen Elemente genügend kennen gelernt, die er mehr oder weniger gut im Zaum hält, um zu wissen, daß seine Stellung eine schwierige ist. Ich glaube nicht, daß irgend eine andre Regierung allgemeine Zufriedenheit ernten würde: gibt es doch wenige, die selbst in geeinigteren Ländern dieses ersehnte Ziel zu erreichen imstande sind.

Aber diese Erwägungen liegen außerhalb des Rahmens unsres Buches. Ich schließe mein Vorwort wohl am besten damit, womit jeder orientalische Verfasser es begonnen haben würde: Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Gnädigen.

Moschee Omar.

Erstes Kapitel.

Dem Angehörigen höherer Stände bieten sich selten Momente freudigerer Erwartung, als wenn er an der Schwelle einer Reise in ferne Länder steht. Die Pforten der Enge öffnen sich ihm; es fällt die Kette vor dem Eingang ins Heiligtum, mit unsicherem Blick nach rechts und links schreitet er vorwärts und blickt — ins Unermeßliche. In die Welt der Abenteuer und großen Taten, die Welt voll schwarzer Wetter und lockenden Sonnenscheins, die in jeder ihrer Falten eine unbeantwortete Frage, einen unlösbaren Zweifel bringt. Du mußt allein hineinschreiten, mußt dich absondern von den Scharen deiner Freunde, die die Rosengärten aufsuchen, mußt den Purpur und das feine Linnen zurücklassen, die den kämpfenden Arm hindern, — freudlos, heimat- und besitzlos will sie dich haben, diese Welt der Wunder. Statt der überredenden Worte deiner Ratgeber wirst du das Rauschen des Windes hören, Regenschauer und scharfer Frost werden dir ein stärkerer Ansporn sein als Lob und Tadel, und die Not wird ein entschiedeneres Muß sprechen als die armselige Stimme der Einsicht, die wir Menschen ganz nach Belieben zu befolgen oder zu mißachten pflegen. Du verläßt dein schützendes Heim und fühlst, sobald du den Pfad betrittst, der über die gerundeten Schultern der Erde dahinführt, gleich dem Manne im Märchen; die Reifen lösen sich, die dein Herz gefesselt halten.

Es war ein stürmischer Morgen, der 5. Februar. Der Westwind erhob sich aus dem Mittelmeer, fegte über die Erde dahin, wo die Kanaaniter Krieg führten mit den hartköpfigen Bergbewohnern Judäas, übersprang die gewaltige Gebirgsmauer, die die Könige von Assyrien und Ägypten vergebens zu überwinden versucht, schrie nach Jerusalem die Kunde von kommendem Regen hinein, jagte weiter über die öden Osthänge hinab, setzte mit einem Sprung über das tiefeingeschnittene Bett des Jordans und verschwand jenseits der hohen moabitischen Höhen in der Wüste. Und die ganze Meute des Sturmes jagte ihm nach, ein kläffendes Rudel, ostwärts jagend und sich des tollen Tanzes freuend.

Die heilige Grabeskirche.

Wer, mit frischem Leben in den Adern, möchte wohl an einem solchen Tage zu Hause bleiben? Für mich gab es überhaupt keine Wahl. Schon im grauen Dämmern waren die Maultiere mit all meinen Habseligkeiten ausgezogen. Zwei Zelte, ein Lebensmittelwagen mit so wenig luxuriösen Vorräten für einen Monat, daß selbst der abgehärtetste Reisende sich nicht mit weniger begnügen kann, zwei kleine Maultierkörbe voll photographischer Artikel, einige wenige Bücher und ein stattliches Paket Landkarten — das war alles. Mit den aus Beirut mitgebrachten Maultieren und ihren drei Führern war ich zufrieden und beabsichtigte, dieselben auch auf der Weiterreise mitzunehmen. Die Männer stammten alle aus dem Libanon, zwei, Vater und Sohn, beide Christen, aus einem Dorfe nördlich von Beirut. Der Vater — Ibrahim mit Namen — ein altes, zahnloses Individuum, saß rittlings über den Maultierkörben und murmelte fromme Worte, Segenssprüche und Beteuerungen seiner Ergebenheit gegen seinen gnädigsten Auftraggeber, ohne sich jedoch bewogen zu sehen, weitere Anstrengungen zum Wohle der Gesellschaft zu machen. Der Sohn, Habīb, zählte zwei- oder dreiundzwanzig Jahre, war dunkel, stämmig, breitschulterig, mit kühnem Blick unter schwarzen Brauen hervor, und einem Profil, das ein Grieche ihm hätte neiden können. Treiber Nummer drei war ein Druse, ein großer, schlottriger, unverbesserlich träger Mensch, ein Schurke im kleinen, der freilich meinen gerechten Unwillen hinsichtlich gestohlenen Zuckers und fehlender Piaster stets durch einen bittenden Blick aus seinen glänzenden Hundeaugen wieder zu bannen wußte. Er zeigte sich gefräßig und stumpfsinnig, Fehler, die bei einer Kost von trocknem Brot, Reis und ranziger Butter freilich wohl schwer vermeidlich sind, aber selbst mitten unter seine Todfeinde gestellt, leierte er seine Arbeit weiter und schlurfte mit derselben Miene blöder Gleichgültigkeit hinter seinen Maultieren und seinem Esel her, die er in den Straßen von Beirut zeigte. Er hieß Mohammed.

Straße in Jerusalem.

Das letzte Glied unserer Karawane war Michaïl, der Koch, ein Jerusalemer und Christ, dem die Religion freilich nicht viel Kopfzerbrechen machte. Er hatte Mr. Mark Sykes auf Reisen begleitet und von ihm folgendes Zeugnis erhalten: »Mit Ausnahme dessen, was er bei mir gelernt hat, versteht er nicht viel vom Kochen, aber er macht sich keinen Strohhalm daraus, ob er lebt oder getötet wird.« Als ich Michaïl diese Worte vorlas, lachte er immer wieder in sich hinein, und ich engagierte ihn auf der Stelle. Es war freilich ein ungenügender Grund, aber ebenso gut, wie mancher andere. Seinen Fähigkeiten entsprechend, diente er mir gut, aber er war ein empfindliches, hitziges Männchen, das mit einer Einbildungskraft, deren Größe ich selbst in unserer dreimonatigen Bekanntschaft nicht ganz ergründet habe, überall und in allem eine beabsichtigte Beleidigung witterte. Unglücklicherweise hatte Michaïl in den Jahren, die seit seinem Schiffbruch auf dem See Wan mit Mr. Sykes verflossen waren, außer dem Kochen auch noch einiges andere gelernt. Es ist typisch für ihn, daß er sich nie die Mühe gab, mir jenes Abenteuer zu schildern, obwohl er einmal, als ich es erwähnte, kopfnickend bemerkte: »Wir waren damals dem Tode so nahe, wie ein Bettler der Armut, aber Exzellenz weiß ja, daß der Mensch nur einmal sterben kann.« Dagegen traktierte er meine Ohren beständig mit Geschichten von Reisenden, die da behauptet hatten, ohne Michaïls kulinarische Künste nicht in Syrien reisen zu können und zu wollen. Die Arrakflasche war die Schwäche, die ihm verhängnisvoll werden sollte, und nachdem ich alle Maßregeln, von überredender Schmeichelei bis zur Jagdpeitsche, angewendet hatte, entließ ich ihn an der cilicischen Küste mit anderm Bedauern als der Sehnsucht nach zähen Ragouts und kalten Pfannkuchen.

St. Stephanstor in Jerusalem.

Ich hegte den Wunsch, den einsamen Weg nach Jericho ganz allein hinabzureiten, wie ich schon zuvor getan hatte, als mein Antlitz auch der Wüste zugewendet war, aber Michaïl war der Meinung, daß sich das mit meiner Würde nicht vertrüge, und ich hegte die Überzeugung, daß selbst seine schwatzhafte Gegenwart diesen Weg nicht der Einsamkeit entkleiden konnte. Um neun Uhr saßen wir im Sattel, ritten um die Mauern von Jerusalem in das Tal des Kidron hinab, vorbei an dem Schmerzensgarten von Gethsemane, und den Ölberg hinan.

Mohammedanische Prozession zieht durch die Gärten des Ölberges.

Hier hielt ich inne, um mich wieder dem Eindruck hinzugeben, den keine Vertrautheit mit der Gegend abschwächen kann, dem Eindruck der mauerumgürteten Stadt, die unter einem bleiernen Himmel grau inmitten der grauen Landschaft liegt, und doch vergoldet wird von der Hoffnung und dem unauslöschbaren Sehnen aller Pilger. Menschliches Hoffen, das blinde Tasten der gefesselten Seele nach einem Ziel, das jedem Wunsche Erfüllung, jedem müden Herzen Frieden geben wird, — das ist es, was die Stadt gleich einem halb lichten, halb wehmütigen Glorienschein umgibt, den so manche Zähre benetzt, manche Enttäuschung befleckt hat. Der West wandte mein Pferd, und vorwärts galoppierten wir über den Gipfel des Hügels und die Straße hinab, die sich durch die judäische Wüste hinzieht.

Russische Pilger.

Am Fuße des ersten Abstieges liegt eine Quelle, »Ain esh Shems«, d. i. »Sonnenquell«, von den Arabern genannt, während die christlichen Pilger ihr den Namen »Apostelbrunnen« beigelegt haben. Selten wird man hier während des Winters vorüberkommen, ohne russische Bauern zu finden, die auf ihrem beschwerlichen Wege vom Jordan herauf hier rasten. Tausende überschwemmen alljährlich das Land, alte Männer und Frauen zumeist, die ein Menschenalter lang gedarbt und gespart haben, um die etwa 150 Rubel zu erübrigen, die sie nach Jerusalem bringen sollen. Von den fernsten Grenzen des russischen Reiches kommen sie zu Fuß nach dem Schwarzen Meere, wo sie sich als Deckpassagiere auf den kleinen schmutzigen russischen Dampfern einschiffen. Als einziger Kajütenpassagier habe ich einst mit 300 dieser Pilger die Überfahrt von Smyrna nach Jaffa gemacht. Es war tiefer Winter, stürmisch und kalt für den an Deck Schlafenden, selbst wenn er mit Schafpelz und gefütterten Schaftstiefeln ausgerüstet war. Meine Reisegefährten hatten aus Sparsamkeit ihre Lebensmittel selbst mitgebracht: ein Laib Brot, etliche Oliven, eine rohe Zwiebel waren ihre tägliche Nahrung. Am Morgen und am Abend vereinigten sie sich um ein in der Schiffsküche hängendes Muttergottesbild zum Gebet, und das Summen ihrer Litaneien vereinigte sich auf seinem Wege himmelan mit dem Stampfen der Schraube und dem Plätschern der aufgewühlten Flut. Die Pilgrime erreichen Jerusalem gegen Weihnachten und verweilen bis nach Ostern, damit sie noch ihre Kerzen an der heiligen Flamme entzünden können, die am Auferstehungsmorgen aus dem Grabe Christi hervorbricht. Zu Fuß wandern sie an alle die heiligen Stätten, Obdach in den großen Unterkunftshäusern findend, die die russische Regierung für sie erbaut hat. Viele sterben infolge von Mangel, Ermüdung und den Unbilden eines unvertrauten Klimas; aber in Palästina sterben, ist ja die höchste Gunst, die die göttliche Hand verleihen kann: ruhen doch die Gebeine friedlich im Heiligen Lande, während die Seele unmittelbar ins Paradies eilt. Man kann diesen kindlich einfältigen Reisenden auf jeder Landstraße begegnen; im heimischen Pelz pilgern sie durch Sommerglut und Winterregen dahin, gestützt auf den Stab, den die eigne Hand am steilen Jordanufer geschnitten. Sie verleihen der von so schwermütiger Poesie erfüllten Landschaft einen noch ernsteren Charakter. In Jerusalem wurde mir einst eine Geschichte erzählt, die das Wesen der russischen Pilger besser beleuchtet, als es seitenlange Schilderungen vermögen. Ein Einbrecher war überführt und nach Sibirien geschickt worden, wo er viele Jahre als Sträfling verbrachte. Als seine Zeit um war, kehrte er gebessert zu seiner alten Mutter zurück, und die beiden brachen nach dem Heiligen Lande auf, wo er für seine Sünden Buße tun wollte. Nun versammelt sich um die Zeit, wo die Pilger dort weilen, der ganze Abschaum von Syrien in Jerusalem, um zu betteln und die arglosen Wallfahrer zu betrügen. Einer dieser Vagabunden ging den russischen Büßer um ein Almosen an, als dieser gerade selbst nichts hatte. Durch die Zurückweisung erbittert, schlug der Syrier den andern zu Boden und verletzte ihn so schwer, daß er drei Monate im Hospital liegen mußte. Nach seiner Genesung kam der russische Konsul zu ihm und sprach: »Wir haben den Burschen, der dich fast getötet hat; du mußt Zeugnis ablegen gegen ihn, ehe du fortgehst.« Der Pilgrim aber versetzte: »Nein, lassen Sie ihn laufen. Ich bin auch ein Verbrecher.«

Pilger werden im Jordan getauft.

Jenseits des Quells lag die Straße menschenleer, und obgleich sie mir schon bekannt war, überraschte mich doch diese tiefe Einsamkeit aufs neue. Kein lebendes Wesen, keine Blume, die kahlen Stengel der vorjährigen Disteln nur, die nackten Höhen, der steinige Weg. Und doch hat die Wüste von Judäa so manchem Feuergeiste das Leben gegeben. Grimme Propheten sind aus ihr hervorgegangen, die eine Welt mit Gottes Zorn bedrohten, an der sie selbst keinen Teil hatten, die sie nicht verstanden; die Täler sind voll von Höhlen, die jene Männer beherbergten; ja bis zum heutigen Tage sind einige von hungernden, abgemagerten Asketen bevölkert, die an einer überlieferten Religionsausübung festhalten, der selbst unser nüchterner Verstand nur schwer die Berechtigung absprechen kann. Bevor es Mittag war, erreichten wir die Karawanserei, die halbwegs nach Jericho und zwar an der Stelle liegt, wo der Legende nach der barmherzige Samariter den unter die Mörder Gefallenen fand. Ich ging hinein, um geschützt vor dem kalten Wind zu frühstücken. Drei deutsche Handlungsreisende schrieben Ansichtspostkarten im Gastzimmer und handelten mit dem Wirt um imitierte Beduinenmesser. Ich saß und horchte auf ihr Geschwätz — es waren die letzten Worte, die ich auf Wochen hinaus in einer europäischen Sprache hören sollte, aber ich fand keine Ursache, der Zivilisation nachzutrauern, die ich hinter mir ließ. Ostwärts von der Karawanserei senkt sich der Weg und kreuzt ein trocknes Flußbett, das mancher Greueltat zum Schauplatz gedient hat. An den Ufern verborgen, pflegten die Beduinen den vorüberziehenden Pilgern aufzulauern, sie auszuplündern und zu morden. Denn noch vor 15 Jahren war die Straße ebenso wenig vom Auge des Gesetzes behütet, wie jetzt das Ostjordanland; im letzten Jahrzehnt hat sich die öffentliche Sicherheit ein paar Meilen weiter ostwärts ausgedehnt. Endlich erreichten wir den Gipfel des letzten Hügels und blickten in das Tal des Jordans, auf das Tote Meer und die verschleierten moabitischen Berge im Hintergrund — die Grenze der Wüste. Zu unsern Füßen Jericho, ein unromantischer Haufen baufälliger Gasthäuser und Hütten, in denen die einzigen Araber hausen, die der Tourist zu Gesicht bekommt, ein Mischgesindel von Beduinen und Negersklaven. Ich ließ mein Pferd bei den Maultiertreibern oben am Hang, — »Der Herr schenke Ihnen Gedeihen!« — »Gelobt sei Gott!« — »Wenn es Eurer Exzellenz gut geht, sind wir zufrieden!« — und lief bergab in das Dorf. Aber Jericho genügte mir nicht für diesen herrlichen ersten Reisetag; ich sehnte mich danach, Touristen, Hotels und Ansichtspostkarten hinter mir zu lassen. Zwei weitere Stunden würden uns an das Jordanufer bringen, und dort, an der hölzernen Brücke, die West und Ost verbindet, konnten wir an einem geschützten Platz zwischen den Erdhügeln, im Dickicht von Rohr und Tamarisken unsre Zelte aufschlagen. Ein kurzer Halt, um Futter für die Pferde und Maultiere zu kaufen, und weiter ging es über den schmalen Streifen Ackerland, der Jericho umgibt, dem Ghor, dem Tale des Jordan, zu.

Kloster Kurutul oberhalb Jerichos.

Ist die Straße nach Jericho schon öde genug, so bietet das Jordantal einen Anblick fast unheimlicher Unwirtlichkeit. Hätten die Propheten des Alten Testamentes ihren Fluch über diese Gegend geschleudert, ebenso wie sie es über Babylon oder Tyrus taten, es könnte keinen besseren Beweis für die Wahrheit ihrer Prophezeiungen geben; aber sie schwiegen, und unsre Einbildungskraft muß auf die Flammen von Sodom und Gomorrha zurückgreifen, auf jenes legendenhafte Strafgericht, das in unsrer eignen Kindheit ebenso spukte, wie es in den Kindheitstagen der semitischen Rasse gespukt hat. Eine schwere, schwüle Atmosphäre lastete über diesem tiefstgelegenen Teile der Erdoberfläche; über unsern Häuptern, oben auf den Gipfeln der Hügel, wo der Mensch die freie Gottesluft atmet, raste der Wind dahin, im Tale aber war alles leb- und bewegungslos wie in der Tiefe des Meeres. Wir bahnten uns einen Weg durch das niedrige Buschwerk des dornigen Sidrbaumes, des Christusdornes, aus dessen Zweigen angeblich Christi Dornenkrone geflochten war. Man kennt zwei Arten des Christusdorns, die Araber nennen sie Zakūm und Dōm. Aus dem Zakūm ziehen sie ein medizinisches Öl, der Dōm aber trägt kleine, dem Holzapfel ähnelnde Früchte, die zur Zeit der Reife eine rötlichbraune, einladende Farbe aufweisen. Sie sind das wahre Abbild des Toten Meeres, verlockend anzusehen, auf den Lippen aber eine sandige Bitterkeit zurücklassend. Das Sidrgestrüpp lichtete sich und blieb hinter uns; wir befanden uns auf einer trocknen Schlammdecke, die nichts Grünes trägt. Sie ist von gelber Farbe und hier und da mit grauweißem, giftigem Salze bestreut, dessen Lebensfeindlichkeit sich dem Auge ganz unbewußt von selbst aufdrängt. Während wir so dahinritten, überfiel uns plötzlich ein schwerer Regenschauer. Die Maultiertreiber schauten besorgt drein, selbst Michaïls Gesicht zog sich lang: lagen doch vor uns die Schlammhänge von Genesis, die Pferd und Maultier nur bei vollständiger Trockenheit überschreiten können. Der Regen währte zwar nur sehr wenige Minuten, genügte aber, um den harten Schlamm in der Ebene in eine butterähnliche Masse zu verwandeln. Die Pferde versanken darin bis zu den Fesseln, und mein Hund Kurt winselte, als er seine Pfoten aus dem gelben Leime zog. So kamen wir an die Schlammhänge, die größte Seltsamkeit dieses unwirtlichen Landes. Eine Viertelmeile westwärts vom Jordan — auf dem Ostufer des Stromes ist dieser Streifen viel schmäler — verwandelte sich die platte Ebene plötzlich in eine Kette steiler, durch tiefe Einschnitte getrennter Schlammbänke. Sie sind nicht hoch, höchstens 30 bis 40 Fuß, aber die Gipfel sind so spitz, die Seiten so steil abfallend, daß der Reisende sich seinen Weg über und um dieselben mit der größten Sorgfalt bahnen muß. Der Regen hatte die Abhänge glatt wie Glas gemacht; selbst für den Fußgänger war es fast unmöglich, sich aufrecht zu halten. Mein Pferd stürzte, als ich es darüber führte, da wir uns aber glücklicherweise auf einem kleinen Grat befanden, gelang es dem Tiere, sich durch die erstaunlichsten gymnastischen Anstrengungen wieder emporzuarbeiten. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, als meine kleine Karawane aus dem Bereich der Schlammhänge war; bei anhaltendem Regen wären wir möglicherweise zu stundenlangem Warten verurteilt worden, denn wenn der Reiter in eine der schlammigen Vertiefungen stürzt, muß er darin warten, bis der Boden wieder trocken ist.

Zug durch das Ghor.

Am Flußufer war Leben. Der Boden war mit jungem Gras und gelben Gänseblümchen bedeckt, das rostfarbene Gezweig der Tamarisken zeigte die ersten Spuren des Frühlings. Ich sprengte auf die große Brücke mit dem Balkendach und den Seiten aus Gitterwerk zu — auf dieses Tor zur Wüste, das dem Reisenden einen tiefen Eindruck hinterläßt. Da lag der freie, mit kurzem Gras bewachsene, von den Schlammbänken begrenzte große Platz, den ich so gut in der Erinnerung hatte, und — dem Himmel sei Dank — er war leer. Wir hatten Ursache zur Besorgnis in dieser Hinsicht gehabt. Die türkische Regierung zog in dieser Zeit alle verfügbaren Truppen zusammen, um den Aufstand in Jemen zu unterdrücken. Die Regimenter des südlichen Syriens zogen über die Brücke nach 'Ammān, von wo sie mit der Bahn auf der Mekkalinie bis zu der damaligen Endstation Ma'ān, in der Nahe von Petra, befördert wurden. Von Ma'ān aus führte sie ein schrecklicher Marsch durch eine Sandwüste an die Spitze des Golfes von 'Akaba. Viel hundert Mann, viel tausend Kamele kamen um, ehe das Ziel erreicht war, denn auf dem ganzen Wege gibt es (so sagen die Araber) nur drei Brunnen, von denen der eine ungefähr zwei Meilen abseits der Heerstraße liegt und allen denen unauffindbar ist, die nicht mit dem Lande vertraut sind.

Jordanbrücke.

Wir errichteten unsere Zelte, pflöckten die Pferde an und entzündeten ein mächtiges Feuer aus Weiden- und Tamariskenholz. Es war eine ruhige, trübe Nacht, auf den Bergen regnete es, — bei uns nicht. Die jährliche Regenmenge beläuft sich auf nur wenige Zoll im Jordantal. Wir waren nicht allein. Die türkische Regierung erhebt nämlich von allen Brückenpassanten einen kleinen Zoll und hat zu diesem Zweck einen Wächter dort stationiert. Er wohnt in einer Lattenhütte neben dem Brückentor, und zwei oder drei zerlumpte Araber aus el Ghor teilen seine Einsamkeit. Einer derselben, ein grauhaariger Neger, sammelte Feuerholz für uns und durfte zur Belohnung die Nacht bei uns verbringen. Er war eine vergnügte Seele, dieser Mabūk. Unbekümmert darum, daß ihn die Natur mit einer außergewöhnlich häßlichen Mißgestalt bedacht hatte, tanzte er munter um das Lagerfeuer. Er erzählte gern von den Soldaten, den armen Burschen, die schon auf ihrer ersten Tagereise zerlumpt, mit zerfetzten Schuhen, dazu halb verhungert bei der Brücke ankamen. Am selben Morgen war ein Tābūr (900 Mann) durchgezogen, andere wurden morgen erwartet — wir hatten sie gerade verfehlt. »Mascha'llah!« sagte Michaïl, »Euer Exzellenz haben Glück. Erst entrinnen Sie den Schlammhängen und nun den Redīfs.« — »Gelobt sei Gott!« murmelte Mabūk, und von dem Tage galt es für besiegelt, daß ich unter einem glücklichen Stern reiste. Mabūk brachte uns auch die erste Kunde aus der Wüste. Unaufhörlich sprach er von Ibn er Raschīd, dem jungen Häuptling der Schammār, dem sein mächtiger Onkel Mohammed einen so unsicheren Landbesitz in Zentral-Arabien als Erbe hinterlassen. Zwei Jahre lang hatte ich nichts von Nedjd gehört — und was machte Ibn Sa'oud, der Beherrscher von Rīad und Ibn er Raschīds Nebenbuhler? Wie stand der Krieg zwischen ihnen? Mabūk hatte allerlei gehört, es hieß, Ibn er Raschīd sei in die Enge getrieben; vielleicht zogen die Redīfs gar nach Nedjd und nicht nach Jemen, — wer weiß? Hatten wir auch schon gehört, daß die 'Ajārmeh einen Scheich der Suchūr ermordet hatten, gerade als der Stamm aus dem östlichen Weideland zurückkehrte? So lief das übliche Gespräch; die Themen der Wüste — blutige Fehde und Kameldiebstahl — alle wurden sie erörtert, ich hätte vor Freude weinen mögen, als ich ihnen wieder lauschte. Ein wahres Babel von arabischen Dialekten herrschte an diesem Abend um mein Feuer: Michaïl sprach das gewöhnlich klingende, jeder Vornehmheit entbehrende Jerusalemisch, Habīb drückte sich, außerordentlich schnellsprechend, im Dialekt des Libanon aus, und Mohammed hatte den langgezogenen, monoton beirutischen Akzent, während die Lippen des Negers ein der schönen, kraftvollen Beduinensprache ähnelndes Idiom formulierten. Selbst den Männern fiel die Verschiedenartigkeit der Dialekte auf, und sie wandten sich an mich mit der Frage, welches der richtige sei. Ich konnte nur erwidern: »Das weiß Gott allein, denn er ist allwissend!« eine Antwort, die mit Lachen aufgenommen wurde, obgleich ich gestehen muß, daß ich sie nur zaghaft äußerte.

Kloster Mar Saba in der Wüste von Judäa.

Grau und windstill brach der Morgen herein. Vom Augenblick meines Erwachens an bis zum Aufbruch waren 1½ Stunden für Vorbereitungen festgesetzt; manchmal kamen wir zehn Minuten früher fort, manchmal leider auch später. Die Wartezeit verplauderte ich mit dem Brückenwärter, einem Jerusalemer Kind. Er vertraute meinem mitleidigen Ohr all seine Kümmernisse, die Streiche, die ihm die Ottomanische Regierung zu spielen pflegte, und die Schwere des Daseins in den heißen Sommermonaten. Und dann das Gehalt! ein reines Nichts! Sein Einkommen war jedoch größer, als er einzugestehen beliebte, denn ich entdeckte in der Folge, daß er für jedes meiner sieben Tiere drei statt zwei Piaster gefordert hatte. Es ist sehr leicht, sich gut mit den Orientalen zu stellen, und wenn sie ein Entgelt für ihre Freundschaft verlangen, so ist es gewöhnlich sehr bescheiden. Wir überschritten den Rubikon für drei Piaster pro Kopf und schlugen den nordwärts nach Salt führenden Weg ein. Der südliche geht nach Mādeba in Moab, der mittlere aber nach Heschbān, wo der schurkische Sultan ibn 'Ali id Diāb ul 'Adwān, der große Scheich aller Belkaaraber, wohnt. Die Ostseite des Jordantales ist viel fruchtbarer als das Westufer. Liefern doch die schönen Höhen von Ajlun Wasser genug, um die ganze Ebene in einen Garten zu verwandeln, aber das kostbare Naß wird nicht aufgespeichert, und die Araber vom Stamme 'Adwān begnügen sich damit, ein wenig Korn zu erbauen. Noch war die Zeit des Blühens nicht gekommen. Ende März aber ist das Ghor ein einziger Teppich aus den verschiedenartigsten lieblichen Blüten, die alle freilich nur einen Monat lang die sengende Hitze des Tales ertragen können, ja, dieser einzige Monat sieht die Pflanzen knospen, blühen und reifen Samen tragen. Ein armseliger Araber zeigte uns den Weg. Er war gekommen, um sich den Redīfs zuzugesellen, da ein wohlhabender Einwohner von Salt ihn gegen ein Entgelt von 50 Lire als Ersatzmann gedungen hatte. Aber er kam zu spät; als er die Brücke erreichte, war sein Regiment schon vor zwei Tagen durchmarschiert. Es tat ihm leid, denn gern wäre er dem Krieg entgegengezogen, — überdies mußte er auch wahrscheinlich die 50 Lire zurückerstatten — aber seine Tochter würde sich freuen, denn sie hatte beim Abschied geweint. Er stand still, um seinen Lederpantoffel aus dem Schlamm zu ziehen.

»Nächstes Jahr,« sprach er, nachdem er mich wieder eingeholt, »werde ich, so Gott will, nach Amerika gehen.«

Verwundert betrachtete ich die halbnackte Gestalt, die bloßen Füße in den zerrissenen Schuhen, den zerlumpten, von den Schultern gleitenden Rock, den Wüstenturban aus einem Tuch und Schnüren von Kamelshaar hergestellt.

»Kannst du Englisch?« fragte ich.

»Nein,« erwiderte er gelassen, »aber ich werde dann das Reisegeld erspart haben. Hier ist bei Gott kein Vorwärtskommen möglich.«

Ich fragte, was er in den Vereinigten Staaten zu tun gedenke.

»Handeln,« lautete die Antwort, »und wenn ich 200 Lire zusammen habe, komme ich wieder.«

Dieselbe Geschichte kann man durch ganz Syrien hören. Hunderte wandern alljährlich aus und finden, wohin sie auch kommen, mitleidige Landsleute, die ihnen eine helfende Hand reichen. Sie bieten billige Waren auf den Straßen feil, schlafen unter Brücken und leben von einer Kost, die kein freier Bürger auch nur eines Blickes würdigen würde, und kehren, haben sie ihre 200 Lire erworben, in die Heimat zurück, reiche Leute in den Augen ihres Dorfes. Im Ostjordanland sind die Auswanderungsgelüste nicht so groß, aber als ich einst im Gebirge von Haurān einen Drusen nach dem Weg fragte, gab er mir im reinsten Yankeeenglisch Bescheid. Ich hielt mein Pferd an, hörte seine Geschichte und fragte schließlich, ob er wieder nach Amerika wolle. Er wandte sich um nach den Steinhütten seines Dorfes, das knietief in Schlamm und schmelzendem Schnee eingebettet lag, »Gibt's nicht!« erwiderte er, und als ich schon weiterritt, klang noch ein fröhliches »Mein Lebtag nicht!« hinter mir her.

Die Klagemauer in Jerusalem.

Ein zweistündiger Ritt brachte uns an das Gebirge, das wir durch ein gewundenes Tal betraten. Mein Freund nannte es Wād el Hassanīyyeh, nach dem Stamme gleiches Namens. Es war voll Anemonen, weißem Ginster (rattam nennen ihn die Araber), Cyclamen, Hyazinthen und wilden Mandelbäumen. Für nutzlose Pflanzen, mögen sie noch so schön sein, hat der Araber keine Namen, sie heißen alle haschīsch, Gras, während das kleinste Gewächs, das von irgend welchem Nutzen ist, in seiner Sprache bekannt und bezeichnet ist. Der Weg, ein bloßer Saumpfad, stieg allmählich bergan. Gerade, ehe wir in die Nebelschicht eintraten, die den Gipfel des Berges einhüllte, sahen wir unter uns, nach Süden hin, das Tote Meer wie eine riesige Milchglasscheibe unter dem bleiernen Himmel daliegen. Bei richtigem Gebirgswetter, einem feuchten, dahinjagenden Nebel, erreichten wir gegen 4 Uhr Salt. Dank dem Regen, der in der vergangenen Nacht über uns weggezogen und hier niedergefallen war, hatte sich die ganze Umgebung des Dorfes in einen Sumpf verwandelt. In der Hoffnung auf ein trockneres Unterkommen zögerte ich, die Zelte aufschlagen zu lassen. Es war mein erstes Bemühen, die Wohnung Habīb Effendi Fāris' ausfindig zu machen, um dessentwillen ich nach Salt gekommen war, obgleich ich ihn nicht kannte. Auf seiner Hilfe allein beruhte die Möglichkeit, meine Reise fortzusetzen. Ich hatte nur insofern Anrecht auf seinen Beistand, als er mit der Tochter eines eingebornen Priesters in Haifa, eines würdigen alten Mannes und guten Freundes von mir, verheiratet war. Urfa am Euphrat war der Stammplatz der Familie, aber Abu Namrūd hatte lange in Salt gelebt und kannte die Wüste. Die Stunden, in denen er mich Grammatik lehren sollte, verbrachten wir größtenteils damit, den Erzählungen der Araber und seines Sohnes Namrūd zu lauschen, der mit Habīb Fāris zusammen arbeitete, und dessen Name jedem Belkaaraber bekannt war.

Juden aus Buchara.

»Wenn Sie je in die Wüste wollen, so müssen Sie zu Namrūd gehen,« sagte Abu Namrūd. Und darum war ich jetzt hier.

Nach kurzem Fragen fand ich die Wohnung Habīb Fāris'. Ich wurde freundlich aufgenommen; Habīb war ausgegangen, Namrūd auswärts (verließ mich mein guter Stern?), aber wollte ich nicht hereinkommen und ausruhen? Das Haus war klein und voller Kinder, und noch erwog ich bei mir die Frage, ob nicht der feuchte Erdboden draußen eine bessere Ruhestatt darbieten möchte, als plötzlich ein schöner, alter, ganz arabisch gekleideter Mann erschien mit der Erklärung, daß er und kein anderer mich beherbergen würde, mein Pferd am Zügel nahm und mich mit sich führte. Das Tier wurde in der Karawanserei eingestellt, ich stieg eine hohe, schlüpfrige Treppe hinauf und betrat einen steingepflasterten Hof. Jūsef Effendi eilte voraus und öffnete die Tür seines Gastzimmers. Fußboden und Diwan waren mit dicken Teppichen belegt, die Fenster blitzten, wenn sie auch viele zerbrochene Scheiben aufwiesen, eine europäische Chiffonniere stand an der Wand: ich sah mich in meinen Erwartungen weit übertroffen. Einen Augenblick später war ich ganz heimisch, trank Jūsefs Kaffee und aß meinen eignen Kuchen dazu.

Abessinische Priester.

Jūsef Effendi Sukkar (Friede sei mit ihm!) ist Christ und einer der reichsten Bewohner von Salt. Er ist ein sehr lakonischer Mann, sucht aber als Wirt seinesgleichen. Er tischte mir ein ausgezeichnetes Abendessen auf, dessen Reste Michaïl vorgesetzt wurden, nachdem ich mich gütlich getan hatte. So sorgte er zwar für meine leiblichen Bedürfnisse, konnte oder wollte aber nichts tun, um meine Besorgnisse bezüglich der Weiterreise zu zerstreuen. Glücklicherweise erschienen in diesem Augenblick Habīb Fāris und seine Schwägerin Pauline, eine alte Bekannte von mir, sowie mehrere andere Personen, die sich alle die Ehre geben wollten, den Abend mit mir zu verplaudern. (»Behüte, die Ehre ist ganz auf meiner Seite!«) Wir ließen uns nieder zu Kaffee, dem bitteren, schwarzen Kaffee der Araber, der jeden Nektar übertrifft. Die Tasse wird dir gereicht mit einem »Geruhe anzunehmen!«, leer gibst du sie zurück und murmelst dabei »Langes Leben dir!« Während du trinkst, ruft dir eins zu »Gesundheit!«, und du erwiderst »Deinem Herzen!« Als die Tassen ein- oder zweimal herumgegeben und alle erforderlichen Höflichkeitsbezeigungen ausgetauscht waren, brachte ich die Rede auf das Geschäftliche. Wie konnte ich das drusische Gebirge erreichen? Die Regierung würde mir wahrscheinlich die Erlaubnis verweigern, bei 'Ammān stand ein Militärposten am Eingang zur Wüste, und in Bosra kannte man mich, denn dort war ich ihnen vor fünf Jahren durch die Finger geschlüpft, ein Kunststück, das mir zum zweitenmal schwerlich gelingen würde. Habīb dachte nach, und schließlich schmiedeten wir einen Plan. Er wollte mich am andern Morgen nach Tneib, am Rande der Wüste, schicken, wo seine Kornfelder lagen, und wo ich Namrūd finden würde. Der mochte einen der großen Stämme benachrichtigen, unter dessen Schutz und Geleit konnte ich dann völlig sicher in die Berge reisen. Jūsefs zwei Söhnchen hörten mit erstaunten Augen zu und brachten mir am Schlusse der Unterhaltung ein Stück Zeitung mit einer Karte von Amerika. Darauf zeigte ich ihnen meine Landkarten und erzählte ihnen, wie groß und schön die Welt sei, bis die Gesellschaft gegen zehn Uhr aufbrach, und mein Wirt Decken für meine Lagerstatt auszubreiten begann. Erst jetzt bekam ich meine Wirtin zu sehen. Sie war eine außerordentlich schöne Frau, groß und bleich, mit einem ovalen Gesicht und großen, sternengleichen Augen. Sie trug sich arabisch: ein enges, dunkelblaues Gewand schlug beim Gehen um ihre bloßen Knöchel, ein dunkelblauer Schleier war mit einem roten Tuch um die Stirn befestigt und fiel lang über ihren Rücken hinunter, bis fast auf die Erde. Nach der Weise der Beduinenfrauen waren ihr auf Kinn und Hals zierliche Muster in Indigofarbe tätowiert. Sie brachte Wasser und goß es mir über die Hände; ihre große, stattliche Gestalt bewegte sich schweigend im Zimmer und verschwand, nachdem alle Obliegenheiten erfüllt waren, ebenso ruhig wieder, wie sie gekommen. Ich sah sie nicht noch einmal. »Sie trat herein und grüßte mich,« sprach jener Dichter, der in Mekka gefangen lag, »dann erhob sie sich, um Abschied zu nehmen, und als sie meinen Blicken entschwand, folgte ihr meine Seele.« Niemand darf Jūsefs Weib sehen. Obgleich er ein Christ ist, hält er sie doch in strengerer Abgeschlossenheit, als die Muselmänner ihre Frauen, — und vielleicht tut er recht daran.

An meine Fenster schlug der Regen; während ich mich auf mein Lager streckte, klang mir Michaïls Ausruf in den Ohren: »Mascha'llah! Ew. Exzellenz haben Glück!«


Zweites Kapitel.

Salt ist eine wohlhabende Gemeinde von über 10000 Einwohnern, die zur Hälfte Christen sind. Es liegt in einer reichen, um ihrer Trauben und Pfirsiche willen bekannten Gegend; schon im 14. Jahrhundert tut der Geograph Abu'l Fīda seiner Gärten Erwähnung. Auf dem Hügel liegt über den dichtgedrängten Dächern ein zerfallenes Kastell, welcher Zeit entstammend, weiß ich nicht. Die Bewohner glauben an ein sehr hohes Alter der Stadt, ja die Christen behaupten, in Salt sei eine der ersten Gläubigengemeinden gewesen; es geht sogar die Sage, daß Christus selbst hier das Evangelium gepredigt habe. Obgleich die Aprikosenbäume noch nichts weiter als ihre kahlen Zweige zeigten, trug doch das ganze Tal den Stempel freundlicher Wohlhabenheit, als ich mit Habīb Fāris durchritt, der sein Pferd bestiegen hatte, um mich auf den rechten Weg zu bringen. Er hatte auch seinen Anteil an den Weinbergen und Aprikosengärten und schmunzelte geschmeichelt, als ich mich lobend über sie aussprach. Wer hätte auch an einem solchen Morgen nicht schmunzeln sollen? Die Sonne schien, blitzender Frost lag auf der Erde, und die Luft zeigte jene durchsichtige Klarheit, die nur an hellen Wintertagen nach einem Regen zu beobachten ist. Aber es war nicht nur ein allgemeines Gefühl des Wohlwollens, dem meine anerkennenden Worte entsprangen: die Bewohner von Salt und Mādeba sind ein kluges, fleißiges Völkchen, das jedes Lob verdient. In den fünf Jahren, wo ich die Gegend nicht besucht, hatten sie die Grenze des Ackerlandes um die Breite eines zweistündigen Rittes nach Osten hin vorgeschoben und den Wert des Bodens so unbestreitbar bewiesen, daß nach der Eröffnung der Haddjbahn der Sultan einen großen, im Süden bis Ma'ān reichenden Landstrich für sich reserviert hat, den er in eine Königliche Farm umzuwandeln gedenkt. Er und seine Pächter werden Reichtümer ernten, denn wenn auch nur ein mäßig guter Regent, so ist der Sultan doch ein vorzüglicher Landwirt.

Eine halbe Stunde hinter Salt verabschiedete sich Habīb und überließ mich der Obhut seines Knechtes Jūsef, eines kräftigen Menschen, der mit seiner Holzkeule (Gunwā nennen sie die Araber) über der Schulter neben mir dahinschritt. Wir zogen durch die weiten, baumlosen, unbewohnten, ja fast unbebauten Täler, die die Belkaebene umgeben, und vorbei an der Öffnung des Wādi Sīr, durch welches man, immer durch die schönsten Eichenwälder reitend, bis in das Jordantal hinabgelangen kann. Auch die Berge würden hier Bäume tragen, wenn die Kohlenbrenner sie nur wachsen ließen — wir fanden manches Eichen- und Schwarzdorndickicht auf unserm Wege —, aber ich möchte gar nichts geändert haben an dem herrlichen Ostjordanland. Zwei Menschenalter später wird es im Schmucke der Kornfelder stehen und mit Dörfern übersät sein; die Wasser des Wādi Sīr werden Mühlräder treiben, und man wird selbst Chausseen bauen, aber — dem Himmel sei Dank — ich werde das alles nicht sehen müssen. Solang ich lebe, wird das Hochland bleiben, als was es Omar Khayyām besingt: »Verstreuten Grüns ein schmales Band, trennt es die Wüste von dem Ackerland.« Öde und menschenleer wird es auch ferner sein; nur hie und da wird ein einzelner Hirt, auf die langläufige Flinte gelehnt, mitten in seiner Herde stehen, und wenn ich den Reitersmann, der so selten nur sein Roß durch die Berge lenkt, frage, woher er kommt, wird er noch immer antworten: »Möge dir die Welt noch Raum genug bieten! Von den Arabern komme ich.«

Ein Adwānaraber als Feldhüter.

Und hin zu den Arabern führte uns unsere Reise. In der Wüste gibt es weder Beduinen — alle Zeltbewohner heißen Araber (mit einem kräftigen Rollen des Gutturallautes) — noch auch Zelte, sondern nur Häuser, manchmal auch »Haarhäuser«, wenn eine nähere Bestimmung nötig ist, sonst schlechthin »Häuser«, eine Bezeichnung, die nur die äußerste Verachtung alles dessen erfinden konnte, was zu einem Haus gehört; denn mit einem solchen haben diese Zelte nichts gemeinsam als höchstens das Dach aus schwarzen Ziegenhaaren. Man kann Araber sein, auch wenn man zwischen Mauern wohnt. Die Leute von Salt zählen samt den Abādeh, den Da'dja und den Hassaniyyeh und mehreren anderen die große Schar der 'Adwān bildenden Arabern, zu den Belkastämmen. Zwei mächtige Stämme streiten um die Oberherrschaft in der Syrischen Wüste, die Beni Sachr und die 'Anazeh. Es besteht eine traditionelle, jetzt freilich durch bedauerliche Vorkommnisse getrübte Freundschaft zwischen den Suchūr und den Belkaarabern, und wahrscheinlich deshalb wurde mir hier erzählt, daß die 'Anazeh zwar die an Zahl überlegenere, an Mut aber die bei weitem untergeordnetere der beiden Parteien sei. Mit einem Sohne Talāl ul Fāiz', des Beherrschers aller Beni Sachr, verknüpft mich sozusagen eine Grußbekanntschaft. Vor fünf Jahren, aber einen Monat später, also gerade zu der Zeit, wo der ganze Stamm die heißen östlichen Weideländer verläßt und jordanwärts zieht, stieß ich gerade in dieser Gegend auf ihn. In Begleitung eines zirkassischen Polizeisoldaten ritt ich von Mādeba nach Mschitta — es war, ehe die Deutschen die mit Steinbildwerk versehene Fassade von dem prächtigen Gebäude ablösten. Als wir die mit den Herden und schwarzen Zelten der Suchūr bedeckte Ebene kreuzten, kamen drei bis an die Zähne bewaffnete Reiter mit finsteren Brauen und drohenden Mienen auf uns zu, um uns den Weg abzuschneiden. Aus der Ferne schon riefen sie uns ihren Gruß zu, wandten aber um und ritten langsam zurück, sobald sie des Soldaten ansichtig wurden. Der Zirkassier lachte: »Das war Scheich Fāiz,« sagte er, »Talāls Sohn. Wie die Schafe, wāllah! Wie die Schafe laufen sie, wenn sie einen von uns erblicken!« Ich kenne die 'Anazeh nicht, da ihre Winterwohnplätze mehr nach dem Euphrat zu liegen, aber unbeschadet meiner sonstigen Hochachtung für die Suchūr, glaube ich, daß jene, ihre Nebenbuhler, die wahren Aristokraten der Wüste sind. Ihr Herrscherhaus, die Beni Scha'alān, trägt den stolzesten Namen, und ihre Pferde sind die besten in ganz Arabien; sogar die Schammār, Ibn er Raschīds Leute, kaufen sie gern, um ihre eigne Zucht damit aufzubessern.

Lager in der Nähe des Toten Meeres.

Aus dem tief eingeschnittenen, das Jordantal überragenden Gebirge kamen wir in ein flaches Hügelland, in dem zahlreiche verfallene Plätze liegen. Eine Viertelstunde vor den an der Quelle des Wādi Sīr befindlichen Ruinen stießen wir auf eine ansehnliche Menge Mauerwerk und eine Zisterne, welche die Araber Birket Umm el 'Amūd (Brunnen der Mutter der Säule) nennen. Jūsef berichtete, daß dieser Name von einer Säule herrühre, die früher inmitten des Wassers gestanden; ein Araber schoß nach ihr und zerstörte sie, und nun liegen ihre Trümmer auf dem Grunde der Zisterne. Der Hügel (oder Tell, um ihm dem heimischen Namen zu geben) von Amēreh ist ganz mit Ruinen bedeckt, und weiterhin, in Jadūdeh, findet man Felsengräber und Sarkophage am Rande der Brunnen. Der ganze Saum der Wüste ist mit ähnlichen Zeugen einer vergangenen Bevölkerung übersät; wir finden Dörfer aus dem 5. und 6. Jahrhundert, der Zeit, wo Mādeba eine reiche, blühende Christenstadt war, ja einige entstammen zweifellos einer noch früheren, vielleicht vorrömischen Periode.

In Jadūdeh hat ein Christ aus Salt, der größte Kornproduzent der Gegend, seinen Wohnsitz aufgeschlagen; er bewohnt ein einfaches Landhaus auf der Spitze des Hügels. Man rechnet ihn zu den energischen Bahnbrechern, die bemüht sind, die Grenzen der Kultur immer weiter hinauszuschieben. Bei Jadūdeh verließen wir das Hügelland und betraten die endlose, mit spärlichem Grün bewachsene Ebene. Hie und da ein kegeliger Hügel oder ein niedriger Höhenzug, dann wieder weite, unbegrenzte Ebene. Ruhevoll dem Auge und doch nie monoton liegt sie, in die magische Glut des winterlichen Sonnenuntergangs getaucht; auf den sanft gewölbten Erhöhungen rastet noch das Licht, die leichten Bodensenkungen bergen schon die Schatten der Nacht, und über dem allen breitet sich der weite Himmelsdom aus, der Wüste und Meer gleichermaßen überwölbt. Die erste größere Erhebung ist der Tneib. Wir erreichten ihn nach einem neunstündigen Marsch um ½6 Uhr, gerade als die Sonne sank, und schlugen unsere Zelte an der südlichen Berglehne auf. Der ganze Abhang war voller Ruinen: niedrige Mauern aus rohbehauenen Steinen ohne Mörtel, in Felsen gehauene Zisternen, deren einige ursprünglich jedenfalls weniger zu Wasser- als zu Kornbehältern benutzt worden, welchem Zweck sie auch jetzt noch dienen. Namrūd war zum Besuch eines benachbarten Landwirtes geritten, einer seiner Männer aber eilte sofort, ihn von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und gegen 10 Uhr abends erschien er im Glanze der frostblitzenden Sterne mit vielen Freudenbezeigungen und der Versicherung, daß meine Wünsche leicht zu erfüllen seien. So legte ich mich zur Ruhe, eingehüllt in das kalte Schweigen der Wüste, und erwachte am andern Morgen zu einem Tage voll Sonnenschein und guter Aussichten.

Das Theater 'Ammān.

Zunächst mußte nun zu den Arabern geschickt werden. Nach einer Beratung entschieden wir uns für die Da'dja, einen Stamm der Belkaaraber, als für die nächsten und wahrscheinlich geeignetsten, und ein Bote wurde in ihr Lager entsandt. Wir verbrachten den Morgen mit Besichtigung der Ruinen und Betrachtung einer Menge Kupfermünzen, die Namrūds Pflugschar zu Tage gefördert. Lauter römische; eine zeigte undeutlich die Züge Konstantins, andre waren älter, keine entstammte der jüngeren byzantinischen Periode oder der Zeit der Kreuzzüge. Soweit die Münzfunde Zeugnis ablegen können, liegt Tneib seit dem Eindringen der Araber verödet. Namrūd hat die Totenstadt entdeckt, die Gräber aber leer gefunden; wahrscheinlich wurden sie schon vor Jahrhunderten ausgeplündert. Sie waren zisternenartig und in die Felsen gehauen. Zwischen zwei massigen Steinsäulen ein schmaler Eingang dicht über dem Erdboden, einige wenige Vorsprünge zum Hinabsteigen in den Seitenwänden, im unteren Raume Nischen, die in übereinander liegenden Reihen rund um die Mauern liefen. Fast am Fuße des Südabhanges sahen wir die Grundmauern eines Gebäudes, das eine Kirche gewesen sein mochte. Aber das alles war nur ein zu armseliges Ergebnis für die Forschung eines ganzen Tages; wir machten deshalb am goldenen Nachmittag einen zweistündigen Ritt nordwärts in ein breites, zwischen niederen Hängen liegendes Tal. Um den ganzen Rand desselben lagen in Zwischenräumen Ruinen, und nach Osten zu standen verfallene Mauern auch in der Mitte des Tales, — Namrūd nannte die Stelle Kuseir es Sahl, die kleine Wüstenburg. Unser Ziel aber war eine kleine Gruppe von Gebirgen am Westende, Chureibet es Suk. Zunächst kamen wir an ein kleines, halb im Sand begrabenes Bauwerk (41 Fuß zu 39 Fuß 8 Zoll, größte Ausdehnung von Ost nach West). Zwei Sarkophage zeigten an, daß es ein Mausoleum gewesen. In der Westwand war ein bogengeschmücktes Tor; den Pfeilerbogen krönte ein flaches Gesims. In der Höhe des Bogens verschmälerten sich die Mauern um einen kleinen Vorsprung, und etwas höher lief eine geschweifte Kranzleiste. Ein paar Hundert Meter westwärts von dem Kasr oder der Burg (die Araber benennen die meisten Ruinen Burg oder Kloster) liegt ein zerfallener Tempel, der augenscheinlich in irgend einer Zeit einem anderen Zwecke gedient hat, als dem ihm von der Natur zukommenden, denn er zeigte eingestürzte Mauern um die beiden Reihen von je sieben Säulen und unerklärliche Querwände an der westlichen Seite des Säulenganges. Dahinter schien ein doppelter Hof gelegen zu haben, und noch weiter nach Westen hin befand sich ein ganzer Komplex von zerfallenem Mauerwerk. Das Tor sah nach Osten hin, seine Pfeiler zeigten feine Steinmeißelungen: ein Band, eine Palmette, ein zweites glattes Band, eine Weinranke, eine Haspel und Weife, einen Pfeil und eine zweite Palmette auf der oberen Leiste. Das Ganze ähnelte außerordentlich den Kunstwerken in Palmyra — es konnte kaum den Vergleich aushalten mit dem Steinbildwerk in Mahitta, war überhaupt nüchterner und den klassischen Mustern näher verwandt als jene Architektur. Nördlich vom Tempel stand auf einer kleinen Reihenerhebung noch eine Ruine, ein zweites Mausoleum. Es war ein längliches Rechteck aus großen, sorgsam ohne Mörtel gefügten Steinen. An der südöstlichen Ecke führte eine Treppe in eine Art Vorzimmer, das dank dem abfallenden Abhang in gleicher Höhe mit der Ostseite lag. An der Außenwand dieses Vorraums standen Säulenstümpfe, vermutlich die Überreste eines schmalen Säulenganges, der die Ostfassade geschmückt. Sechs Sarkophage standen längs der noch vorhandenen Mauern, je zwei an der Nord-, Süd- und Westwand. Über der Basis der zu beiden Seiten der Treppe befindlichen Säulen lief ein Fries, der einen kühnen Torus zwischen beiden Wänden aufwies, und dasselbe Motiv wiederholte sich auf der Innenseite der Sarkophage. Die Stützmauer auf der Südseite zeigte zwei Vorsprünge, im übrigen war das Gebäude ganz einfach, nur einige der umherliegenden Fragmente schmückte ein lockeres Weinrankenmuster. Dieses Mausoleum erinnert an das Pyramidengrab, das in Nordsyrien vielfach vorkommt, wenn ich auch kein zweites so weit südlich gesehen habe. Es mag vielleicht einst dem schönen Denkmal mit der Säulenfassade geähnelt haben, das eine der Sehenswürdigkeiten des südlichen Dāna ist, und die Fragmente von Weinrebenskulptur waren vielleicht Teile der Krönung.

Torweg 'Ammān.

Als ich kurz vor Sonnenuntergang zu meinen Zelten zurückkehrte, erfuhr ich, daß der Bote, den wir am Morgen abgesandt, sich unterwegs aufgehalten hatte und, erschreckt durch die vorgerückte Stunde, umgekehrt war, ohne seinen Auftrag auszurichten. Das war ärgerlich genug, war aber nichts im Vergleich zum Betragen des Wetters am nächsten Morgen. Ich erwachte, um die ganze Gegend in Nebel und Regen getaucht zu sehen, den ganzen Tag jagte der Südwind einher, und der Regen schlug an unsre Zeltwände. Am Abend brachte Namrūd die Kunde, daß Gäste bei ihm eingekehrt seien. Es befanden sich nämlich ein oder zwei Meilen entfernt einige Suchūrzelte (das Gros des Stammes hielt sich noch weit im Osten auf, wo das Winterklima weniger rauh ist), und der lange Regentag war für die männlichen Bewohner zu viel geworden. Sie hatten ihre Rosse bestiegen und waren nach Tneib geritten, mochten die Frauen und Kinder sehen, wie sie durch die Nacht kamen. Ein Plauderstündchen nach dem langen, feuchten Tag war verlockend, ich schloß mich der Gesellschaft an.

Namrūds Höhle läuft weit in die Erde hinein; sie muß sich bis in die Mitte des Tneibberges erstrecken. Mit Ausnahme der niedrigen Schlafstellen und der Krippen für das Vieh, die in die Wände eingehauen sind, ist der erste Raum augenscheinlich natürlichen Ursprungs. Ein enger, durch die Felsen gebrochener Gang führt in ein kleines Gelaß, hinter welchem noch mehrere andere liegen, die ich aber auf Treu und Glauben hinnahm, da die schwüle, eingeschlossene Luft und die zahllosen Fliegen mich von weiterer Besichtigung abhielten. An diesem Abend bot die Höhle ein so urwüchsiges, wildes Bild, daß selbst der abenteuerlichste Geist davon befriedigt sein mußte. In rote Lederstiefel und gestreifte, regendurchweichte Mäntel gehüllt, saßen zehn bis zwölf Araber in der Mitte um das Reisigfeuer, in dessen Asche die drei Kaffeetöpfe standen, die von der Wüstengastlichkeit untrennbar sind. Hinter ihnen kochte eine Frau Reis über einem helleren Feuer, das flackernde Lichter in die Tiefen der Höhle und auf Namrūds Vieh warf, das, an seinen Felsenkrippen stehend, gemächlich seinen Häcksel zermalmte. Nachdem man mir einen verhältnismäßig sauberen Platz im Kreise eingeräumt und eine Tasse Kaffee gereicht hatte, ging die Unterhaltung weiter, solange als ein Mann seine arabische Pfeife fünfmal rauchen konnte. Sie drehte sich hauptsächlich um die Schandtaten der Regierung. Der Arm des Gesetzes, oder vielmehr die gepanzerte Faust der Ungerechtigkeit ist ein beständig drohender Schrecken am Saum der Wüste. Dieses Jahr war sie, infolge der Anforderungen des Krieges, zu unheimlicher Tätigkeit veranlaßt worden.

Tempel, Chureibet es Suk.

Ohne jede Aussicht auf Entschädigung in Geld oder Naturalien waren Kamele und Pferde in Menge längs des Randes der Wüste wegkommandiert worden. Die Araber hatten alles gesammelt, was ihnen noch von Vieh übrig blieb und es fünf bis sechs Tagereisen landeinwärts gesandt, wohin die Soldaten nicht vorzudringen wagten, und Namrūd war ihrem Beispiel gefolgt, indem er nur soviel Tiere zurückbehielt, als für die Feldarbeit nötig waren. Meine Mitgäste ergriffen einer nach dem anderen das Wort: ihre harte Sprache mit den Gutturallauten erfüllte die Höhle. Bei Gott und Mohammed riefen wir so viele Flüche auf die zirkassische Reiterei herab, daß die kräftigen Männer in ihren Sätteln hätten wanken mögen. Von Zeit zu Zeit beugte sich eins der turbanumwundenen Häupter, dem die schwarzen Haarsträhne unter dem gestreiften Tuch hervor um die Wangen hingen, nach einer glühenden Kohle für die Pfeife, eine Hand streckte sich nach der Kaffeetasse aus, oder das Kochfeuer flammte unter dem frischaufgelegten Reisig hoch auf, und in der plötzlichen Helle summten die Fliegen, bewegten sich die Kühe unruhig. Namrūd war nicht gerade entzückt, daß sein eben gesammeltes Feuerholz so schnell zusammenschmolz, und seine Kaffeebohnen händeweise im Mörser verschwanden. (»Wāllah, sie essen wenig, wenn es vom eignen geht, aber viel, wenn sie Gäste sind, sie und ihre Pferde. Und das Korn ist knapp so spät im Jahre!«)

Mausoleum, Chureibet es Suk.

Aber das Wort »Gast« ist geheiligt vom Jordan bis zum Euphrat, und Namrūd wußte wohl, daß er seine Stellung und seine Sicherheit vornehmlich der Gastfreundschaft verdankte, die er auf jeden erstreckte, mochte er noch so ungelegen kommen. Ich steuerte auch einen Beitrag zu dem Gelage bei, indem ich ein Kistchen Zigaretten verteilte, und ehe ich mich zurückzog, waren freundschaftliche Beziehungen zwischen mir und den Beni Sachr hergestellt.

Belkaaraber.

Der folgende Tag versprach ebensowenig, wie sein Vorgänger. Die Maultiertreiber zeigten sich nicht geneigt, die schützenden Höhen zu verlassen und ihre Tiere einem solchen Regen in der offnen Wüste auszusetzen; widerwillig nur schob ich die Reise auf und schickte die Männer nach dem drei Stunden entfernten Mādeba nach Hafer für die Pferde, schärfte ihnen aber ein, nicht zu verraten, wer sie geschickt. Am Nachmittag klärte es sich etwas auf, und ich ritt in südlicher Richtung durch die Wüste nach Kastal, einem auf einer Erhöhung liegenden, befestigten römischen Lager.

Diese Art Fort war an der Ostgrenze des Kaiserreichs nicht ungewöhnlich und wurde von den Ghassaniden nachgeahmt, als sie sich in der syrischen Wüste niederließen; nimmt man doch an, daß auch Mschitta nur ein besonders schönes Beispiel dieser Art Gebäude war. Kastal hat eine starke Befestigungsmauer, die nur durch ein einziges, nach Osten gehendes Tor und durch runde Bastionen an den Ecken und den Seiten entlang, unterbrochen wird. Im Innern befindet sich eine Reihe parallellaufender gewölbeartiger Räume, die in der Mitte einen Hof freilassen — es ist dies mit kleinen Veränderungen der Plan von Kal'at el Beida in der Safa und von den modernen Karawansereien[1]. Nach Norden zu liegt ein gesondertes Gebäude, wahrscheinlich das Prätorium, die Wohnung des Festungskommandanten. Es besteht aus einem riesigen gewölbten Raum mit einem mauerumgebenen Hof davor und einem runden Turm in der südwestlichen Ecke. Der Turm hat innen eine Wendeltreppe, außen aber einen Fries, der oben Laubwerk und unten gekehlte Triglyphen, dazwischen aber leere Metopen zeigt. Die Maurerarbeit ist ungewöhnlich gut, und die Mauern von bedeutender Stärke; mit solchen Verteidigungswerken selbst an den fernsten Grenzen des Reiches konnten die Römer des Nachts in guter Ruh schlafen.

[1] Vorzügliche Pläne und Photographien des Forts sind von Brünnow und Domaszewski in Band 11 ihres großen Werkes »Die Provincia Arabia« veröffentlicht worden. Bei meinem Besuch des Kastals war dieser Band noch nicht erschienen.

Ruinen einer Kirche, Mādeba.

Als ich vor fünf Jahren Kastal besuchte, war es unbewohnt, und das Land unbebaut, aber jetzt hatten sich ein paar Bauernfamilien unter den zerbröckelnden Gewölben angesiedelt, und junges Korn sproßte zwischen den Mauern, — lauter Dinge, die wohl das Herz eines Menschenfreundes erwärmen, dem Archäologen aber einen kalten Schauer durch die Brust jagen müssen. Kein größerer Vernichter als der Pflug, kein schlimmerer Zerstörer als der Bauer, der nach behauenen Steinen zum Bau seiner Hütte Ausschau hält. Ich bemerkte noch ein anderes Zeichen der sich ausbreitenden Zivilisation, zwei ausgehungerte Soldaten nämlich, die Wärter der nächsten Haltestelle der Haddjbahn, die nach der einige Meilen weiter westwärts gelegenen Ruine den Namen Zīza erhalten hat. Veranlassung zu ihrem Besuch war die magere Henne, die einer der beiden Soldaten in der Hand trug. Er hatte sie aus der Mitte ihrer noch dürftigeren Gefährtinnen im Festungshof gerissen — gegen welchen Preis, wollen wir lieber nicht erforschen, denn der Hungrige kennt kein Gesetz. Es lag mir nicht besonders viel daran, den Behörden in 'Ammān meine Anwesenheit im Grenzgebiet merken zu lassen, deshalb brach ich schnell auf und ritt ostwärts nach Zīza.

Das Fort von Zīza.

Der Regen hatte die Wasserläufe der Wüste gefüllt, nur selten sind sie so tief und fließen so schnell, wie der eine, den wir an jenem Nachmittag durchkreuzen mußten. Auch die große Römerzisterne von Zīza war bis zum Rande gefüllt, so daß die Suchūr den ganzen kommenden Sommer hindurch Wasser genug haben würden. Die Ruinen von Zīza sind viel zahlreicher als in Kastal; es muß hier eine große Stadt gestanden haben, denn ein weiter Raum ist mit den Mauerwerken zerfallener Häuser bedeckt. Vermutlich war Kastal das jene Stadt schützende Fort und teilte den Namen Zīza. Hier befindet sich auch ein sarazenisches Kal'ah, ein Fort, welches Soktan, ein Scheich der Suchūr — so erzählte Namrūd — wiederherstellen und mit einer in der Wüste ganz unbekannten Pracht ausstatten ließ. Aber da es in dem Gebiet liegt, auf dem das neue Landgut erstehen soll, ist es in Besitz des Sultans gekommen und geht nun wieder dem Verfall entgegen. Die Erhebungen dahinter sind mit Mauerwerk bedeckt, darunter die Überreste einer Moschee, deren Kuppel noch nach Süden zu sichtbar ist. Zīza war zu Ibrahim Paschas Zeit noch ägyptische Garnison, und es waren vornehmlich seine Soldaten, die die Zerstörung der alten Bauten vollendeten. Ehe sie kamen, standen viele Baudenkmäler, so z. B. mehrere christliche Kirchen, noch vollständig gut erhalten, wie die Araber erzählen. Unser Heimweg führte uns längs des Eisenbahndammes hin, und die Unterhaltung drehte sich um die möglichen Vorteile, die dem Lande aus eben dieser Bahnlinie erwachsen konnten. Namrūd hegte Zweifel in dieser Hinsicht. Er sah scheel auf alle Beamten und Soldaten; hatte er doch wirklich mehr Grund, diese offiziellen Räuber zu fürchten, deren Habgier nicht durch Gastfreundschaft entwaffnet werden konnte, als die Araber, die ihm zu sehr verpflichtet waren, um ihm großen Schaden zuzufügen. Er hatte im vergangenen Jahre einige Wagenladungen Korn nach Damaskus geschickt; ja, es war ein billigeres und schnelleres Transportmittel als die Kamele, solange die Waren überhaupt ankamen, aber gewöhnlich waren die Kornsäcke bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt soviel leichter geworden, daß der Vorteil dadurch wieder aufgehoben wurde. Das würde später vielleicht besser werden, später, wenn man auch Lampen, Kissen und die übrigen Ausstattungsstücke der Wüstenbahn an dem Platz belassen würde, für den sie gekauft und bestimmt waren. Wir sprachen auch von Aberglauben und von Furcht, die das Herz bei Nacht befallen. Es gibt gewisse Orte, erzählte Namrūd, an die kein Araber im Dunkel zu gehen wagt — unheimliche Brunnen, denen sich der Durstige nicht nähert, Ruinen, wo der Müde nicht Obdach sucht, Höhlen, die dem Einsamen verhängnisvolle Ruhestatt bieten würden. Was fürchten sie? Ja, wer weiß, wovor die Menschen sich fürchten? Er selbst hatte einst einen Araber um den Verstand gebracht, als er im Zwielicht nackt vor ihm aus einem einsamen Wassertümpel hervorsprang. Der Mann rannte entsetzt nach seinen Zelten, versicherte, einen Djenn gesehen zu haben und beschwor seine Leute, die Herden nicht zur Tränke an das Wasser zu führen, in dem der Djenn wohnte, bis endlich Namrūd kam, ihn auslachte und die Sache aufklärte.

Wir kehrten nicht unmittelbar zu den Zelten zurück. Ich war diesen Abend zu Scheich Nahār von den Beni Sachr geladen, demselben, der die Nacht vorher in Namrūds Höhle verbracht hatte, und nach einer Beratung hatten wir uns dahin entschieden, daß selbst eine Person von meiner hohen Würde eine solche Einladung recht wohl annehmen könnte, ohne sich dadurch etwas zu vergeben.

Christliches Zeltlager.

»Im allgemeinen,« fügte Namrūd hinzu, »sollten Sie nur die Zelte großer Scheichs besuchen, sonst könnten Sie Leuten in die Hände fallen, die Sie nur um des Geschenkes willen einladen, das Sie spenden. Nahār gut; er ist ein ehrlicher Mann, obgleich Meskin,« — eine Bezeichnung, die alle Formen leiser Verachtung in sich schließt, mag diese sich nun erstrecken auf unverschuldete Armut, Dummheit oder die ersten Stufen des Lasters.

Der Meskin empfing mich mit der Würde eines Fürsten und geleitete mich an den Ehrenplatz auf dem zerlumpten Teppich zwischen dem viereckigen als Feuerstelle dienenden Loch im Fußboden und der Scheidewand, die das Frauengelaß von dem der Männer trennt. Wir hatten unsre Pferde an die langen Zelttaue gebunden, die dem schwachen Gebäude eine so wunderbare Festigkeit verleihen, und unsre Augen schweiften von unserm Sitzplatz aus nach Osten hin über die Landschaft — Wellenberg und Wellental — sie hob und senkte sich, als atme die Wüste leise und ruhig in der hereinbrechenden Nacht. Die dem Winde abgekehrte Seite eines Araberzeltes ist stets offen; dreht sich der Wind, so nehmen die Weiber die Zeltwand ab und drehen es nach einer anderen Himmelsrichtung; in einem Augenblick ist die Lage verändert, und die Wohnung blickt nach der günstigsten Seite hin. Das Häuschen der Araber ist so klein und leicht, und doch so fest verankert, daß der Sturm ihm wenig anhaben kann. Das grobe Gewebe aus Ziegenhaar quillt in der Feuchtigkeit auf und filzt so zusammen, daß nur fortgesetzter, vom Sturm heftig gepeitschter Regen in die Wohnstätte eindringen kann.

Die Kaffeebohnen waren geröstet und gestoßen, und die Kaffeetöpfe summten am Feuer, als von Osten her drei Reiter kamen und vor dem offnen Zelt hielten. Es waren untersetzte, breitschulterige Männer mit auffallend unregelmäßigen Gesichtern und vorstehenden Zähnen. Während Platz im Kreis um das Feuer gemacht wurde, und die frierenden, durchweichten Männer ihre Hände über die Glut streckten, ging die Unterhaltung ununterbrochen weiter, denn es waren ja nur Scherarātmänner, die herab nach Moab gekommen waren, um Korn zu kaufen, und die Scherarāt sind zwar einer der größten und mächtigsten Stämme und die berühmtesten Kamelzüchter, sind aber von unreinem Blut, und kein Belkaaraber würde in ihren Stamm hineinheiraten. Sie haben keine bestimmten Weideplätze; selbst zur Zeit der großen Sommerdürre durchstreifen sie nur die innere Wüste, unbesorgt darum, daß sie oft tagelang kein Wasser finden. Die Unterhaltung an Nahārs Feuer drehte sich um meine Reise. Ein Suchūrneger, ein kräftiger Mann mit klugem Gesicht, wollte mich sehr gern als Führer in das drusische Gebirge begleiten, gestand aber, daß er sicherlich würde umkehren und fliehen müssen, sobald er das Gebiet jener tapferen Bergbewohner erreichte, denn es besteht unaufhörlich Fehde zwischen den Drusen und den Beni Sachr. Die Negersklaven der Suchūr werden von ihren Herren, die ihren Wert kennen, gut behandelt und genießen, da ein Abglanz von dem Ruhme des großen Stammes, dem sie dienen, auch auf sie fällt, einen gewissen Ruf in der Wüste. Schon war ich halb geneigt, trotz der Aussicht, meinen Neger im ersten Drusendorf möglicherweise als Leiche vor mir zu sehen, sein Anerbieten anzunehmen, als meine Gedanken durch die Ankunft eines neuen Gastes in eine neue Bahn gelenkt wurden. Es war ein großer, junger Mann mit feinem, hübschem Gesicht, ziemlich heller Gesichtsfarbe und langen, fast braunen Locken. Schon bei seiner Annäherung erhoben sich Nahār und die anderen Suchūrscheiche und küßten ihn, noch ehe er das Zelt betrat, jeder auf beide Wangen. Namrūd stand ebenfalls auf und rief ihm entgegen:

»Alles gut? Geb's Gott! Wer ist bei dir?«

Der junge Mann erhob die Hand und erwiderte:

»Gott.«

Er war allein.

Herden der Suchūr.

Ohne die übrige Gesellschaft anscheinend der Beachtung zu würdigen, haftete sein Auge auf den drei Scherarātscheichs, die am Eingang sitzend, Hammelfleisch und Quark aßen, und auf die fremde Frau am Feuer. Mit einem gemurmelten Gruß schritt er in den Hintergrund des Zeltes und schlug die ihm von Nahār dargebotene Speise aus. Es war Gablān, aus der Herrscherfamilie der Da'dja, und zwar ein Vetter des regierenden Scheichs. Wie ich in der Folge herausfand, hatte er erfahren — Neuigkeiten reisen schnell in der Wüste — daß Namrūd einen Führer für einen Fremdling brauchte, und war gekommen, um mich nach seines Onkels Zelten zu geleiten. Es waren nicht mehr als fünf Minuten seit seiner Ankunft vergangen, als Nahār Namrūd etwas ins Ohr flüsterte, worauf der letztere, sich mir zuwendend, vorschlug, daß wir nun, da das Essen vorüber, aufbrechen und Gablān mit uns nehmen wollten. Es überraschte mich, die Abendunterhaltung so kurzerhand abgebrochen zu sehen, aber ich hütete mich, Einwendungen zu machen, und als wir dann über Namrūds Ackerland und den Tneib hinaufsprengten, hörte ich den Grund. Es war Blutfehde zwischen den Da'dja und den Scherarāt. Auf den ersten Blick hatte Gablān die Abkunft der drei Männer erkannt und sich deshalb schweigend in die Tiefe des Zeltes begeben. Er wollte seine Hand nicht mit ihnen in dieselbe Hammelschüssel tauchen. Nahār kannte — wer wollte auch nicht? — die Schwierigkeit der Sachlage, und da er nicht wußte, wie die Scherarāt sich verhalten würden, hatte er uns, aus Furcht vor irgendwelchem Unfall, eilends weggeschickt. Aber am andern Morgen hatte sich die Luft geklärt (bildlich gesprochen, nicht in Wirklichkeit), und der lange Regentag sah die Todfeinde freundschaftlich um Namrūds Kaffeetöpfe in der Höhle sitzen.

Dieser dritte Regentag war mehr, als menschliche Geduld zu ertragen vermochte. Ich hatte mittlerweile ganz vergessen, was es heißt, nicht regenfeucht zu sein, warme Füße und trockne Betten zu haben. Gablān weilte am Morgen eine Stunde bei mir, um zu hören, was ich von ihm wollte. Ich erklärte ihm, daß ich vollständig befriedigt sein würde, wenn er mich so durch die Wüste und bis an den Fuß des Gebirges bringen könnte, daß ich keinen Militärposten zu Gesicht bekäme. Gablān dachte einen Augenblick nach.

»O meine Dame,« sagte er, »glauben Sie, daß Sie mit den Polizeisoldaten in Konflikt kommen könnten? Da will ich meine Flinte mitnehmen.«

Ich erwiderte, daß ich nicht beabsichtigte, der ganzen Soldateska des Sultans den Krieg zu erklären, und daß ich hoffte, mit etwas Vorsicht einen Zusammenstoß vermeiden zu können. Gablān aber meinte, Kriegslist wäre mit einer Kugel beflügelt wirksamer, und beschloß, seine Flinte doch lieber mitzunehmen.

Da ich am Nachmittag nichts Besseres zu tun hatte, sah ich zu, wie die Scherarāt Korn von Namrūd einhandelten. Einen Zeitraum von einigen Tausend Jahren und meine anachronistische Persönlichkeit abgerechnet, hätten es Jakobs Söhne sein können, die nach Ägypten hinabkamen, mit ihrem Bruder Joseph um das Gewicht der Säcke zu feilschen.

Das Korn wurde in einem tiefen, trocknen Felsenloch aufbewahrt und, goldenem Wasser gleich, eimerweise heraufgezogen. Es war zur besseren Konservierung in Spreu aufbewahrt worden und mußte nun zuvörderst am Brunnenrande gesiebt werden, eine Arbeit, die nicht ohne viel und ärgerliches Geschrei vor sich ging. Nicht einmal die Kamele waren ruhig, sondern mischten sich mit Grunzen und Blöken in den Streit, als die Araber sie mit den vollen Säcken beluden. Die Scheichs der Suchūr und der Scherarāt saßen in dem feinen Sprühregen ringsum auf Steinen und murmelten bisweilen: »Gott! Gott!« Dann riefen sie wieder: »Er ist gnädig und barmherzig!« Nicht selten wurde auch das reine Korn wieder unter das ungesiebte geschüttet; dann pflegte sich ungefähr folgende Szene zu entspinnen:

Namrūd: »O du! o du! Knabe! Möge deine Wohnstatt zerstört werden! Mögen deine Tage dir Unheil bringen!«

Römischer Meilenstein.

Beni Sachr: »Bei dem Angesicht des Propheten Gottes! Er sei gebenedeit!«

Die Scherarāt im Chor murmelnd: »Gott! Und Mohammed, der Prophet Gottes! Friede sei mit ihm!«

Eine Person im Schafsfell und in bloßen Füßen: »Kalt, kalt! Wāllah! Regen und Kälte!«

Namrūd: »Still, o Bruder! Steige hinab und ziehe Korn herauf! Es ist warm unten!«

Beni Sachr: »Lob sei Gott, dem Allmächtigen!«

Chor der Kamele: »B-b-b-b-b-dd! G-r-r-o-o-a-a-!«

Kameltreiber: »Still, ihr Verdammten! Möget ihr in den Schmutz gleiten! Gottes Zorn komme über euch!«

Chor der Suchūr: »Gott! Gott! Beim Lichte seines Angesichtes!«

In der Dämmerung ging ich in das Dienerschaftszelt und fand Namrūd, der bei dem Feuer, an dem mein Essen kochte, mit leiser Stimme Geschichten von Mord und Raub erzählte.

»In den Tagen meiner Kindheit,« sagte er (und diese Tage lagen noch nicht weit zurück), »konnte man nicht einmal das Ghor in Ruhe überschreiten. Aber ich hatte ein Pferd, das ging! — Wāllah! wie es ging! Zwischen Sonnenaufgang und -untergang trug es mich von Mezerīb nach Salt, ohne seinen Schritt zu wechseln. Überdies war ich allen Ghawārny (Eingeborenen des Ghor) bekannt. Und eines Nachts mußte ich nach Jerusalem reiten — ich mußte, ob ich wollte oder nicht. Der Jordan hatte wenig Wasser, und ich überschritt ihn an der Furt, denn es gab damals noch keine Brücke. Und als ich an das andere Ufer kam, hörte ich Schreien und das Aufklatschen von Kugeln. Über eine Stunde hielt ich mich in dem Tamariskengebüsch verborgen, bis der Mond unter war; dann ritt ich vorsichtig weiter. Am Anfang der Schlammhänge machte mein Pferd plötzlich einen Seitensprung; ich sah hinunter und erblickte den Körper eines Menschen — nackt und mit Messerstichen bedeckt. Er war ganz tot. Und als ich noch hinabstarrte, sprangen sie hinter den Schlammhängen hervor, zehn Reiter, und ich nur einer. Ich retirierte nach dem Dickicht zu und feuerte meine Pistole zweimal ab, aber sie umringten mich, zogen mich vom Pferde und banden mich. Danach wurde ich wieder hinaufgesetzt und fortgeführt. Und als sie an ihren Rastort kamen, berieten sie, ob sie mich töten sollten, und einer sprach: »Wāllah! macht doch ein Ende!« Er kam heran und sah mir ins Gesicht. Es dämmerte. »Es ist Namrūd,« sprach er, denn er kannte mich, und ich war ihm einmal zu Hilfe gekommen. Da machten sie mich los und ließen mich gehen, und ich ritt nach Jerusalem.«

Die Maultiertreiber und ich lauschten mit atemloser Aufmerksamkeit einer Erzählung nach der anderen.

»Es herrschen gute und schlechte Gebräuche unter den Arabern,« sagte Namrūd, »aber der guten sind viele. Wenn eine Blutfehde zu Ende gebracht werden soll, begeben sich die beiden Feinde zusammen in das Zelt des Klägers. Der Herr des Zeltes entblößt sein Schwert, wendet sich nach Süden zu und zieht, unter Anrufung des Namens Gottes, einen Kreis auf den Fußboden. Dann nimmt er einen Streifen von der Zeltwand sowie eine Hand voll Asche vom Herde, wirft beides in den Kreis und schlägt siebenmal mit dem bloßen Schwerte auf den Strich. Nun springt der Angeklagte in den Kreis, und einer der Anverwandten seines Widersachers ruft mit lauter Stimme: »Ich nehme den Mord, den er verübt, auf mich!« Damit ist der Friede hergestellt. O meine Dame, die Frauen dieses Stammes erfreuen sich großer Macht, und die Mädchen sind sehr angesehen. Denn wenn eines sagt: ‚Ich möchte den und den zum Gatten haben,’ so muß er sie heiraten, will er nicht Schande auf sich laden. Und hat er schon vier Frauen, so soll er sich lieber von einer scheiden lassen und an ihrer Stelle die heiraten, die seiner begehrt. Denn so verlangt es die Sitte bei den Arabern.«

Danach wandte sich Namrūd zu meinem drusischen Maultiertreiber und fuhr fort:

»O Mohammed, hüte dich! Die Zelte der Suchūr sind nahe, und es herrschte nie Friede zwischen den Beni Sachr und den Drusen. Kennten sie dich, sie würden dich sicherlich töten — nein, nicht nur töten, sondern dich lebendig verbrennen, ohne daß die Dame oder auch ich dich schützen könnten.«

Das warf kein günstiges Licht auf den Charakter meines Freundes Nahār, der gegen ein Tuch Gastfreundschaft mit mir ausgetauscht hatte, und die kleine Gruppe am Feuer war denn auch infolge dieser Mitteilung etwas gedrückt. Aber Michaïl war der Situation gewachsen.

»Lassen sich Ew. Exzellenz nicht beunruhigen,« sagte er, sein gedünstetes Gemüse zierlich anrichtend, »bis wir das Drusengebirge erreichen, soll er ein Christ sein und nicht Mohammed, sondern Tarif heißen, welches ein bei den Christen üblicher Name ist.«

So bekehrten und tauften wir den erstaunten Mohammed, noch ehe die Kottelets aus der Pfanne genommen werden konnten.


Drittes Kapitel.

Am Morgen des 12. Februar, es war ein Sonntag, stürmte es noch immer, doch beschloß ich trotzdem weiterzureisen. Die in Tneib verbrachten Tage waren zwar nicht verloren, findet man doch nicht oft Gelegenheit, das Leben auf diesen in die Wüste vorgeschobenen Farmen stündlich zu beobachten. Aber meine Gedanken waren bereits vorausgeeilt, und ich sehnte mich, ihnen auf dem Pfade zu folgen, den sie eingeschlagen. Ich glaubte sie einzuholen, als die Hufe unserer Pferde auf den Schienen der Haddjbahn erklangen, und wir unser Antlitz der Wüste zuwandten. In nordöstlicher Richtung vorwärts eilend, ließen wir Mschitta etwas südlich liegen. Obgleich niemand, der diese Ruine in all ihrer Lieblichkeit gekannt hat, auf den Gedanken kommen wird, den jetzt so entstellten Mauern einen zweiten Besuch abzustatten, will ich doch nicht unterlassen, hier etwas über den Vandalismus zu sagen, mit dem sie ihrer Schönheit beraubt worden sind. Hätte man dieses herrliche Baudenkmal, das länger als tausend Jahre von aller Zerstörungswut, den Einfluß der Winterstürme ausgenommen, verschont geblieben war, nicht auch noch weiter unberührt in dieser Hügellandschaft stehen lassen können, der sie in ihrer phantastischen Schönheit einen so romantischen Reiz verlieh? Aber da ist die Eisenbahn erbaut worden, die Ebene füllt sich, und weder der syrische Bauer noch der türkische Soldat sind geneigt, Mauern zu verschonen, die ihnen von praktischem Nutzen sein können. Mögen deshalb alle, die die Ruine in ihrem ursprünglichen Zustande sahen, sich dankbar und ohne zu großes Bedauern der schönen Erinnerung freuen.

Mschitta.

Namrūd und Gablān plauderten unaufhörlich. In der vergangenen Nacht waren noch spät zwei Soldaten an der Höhlentür erschienen und hatten, nachdem ihnen Einlaß gewährt worden, eine seltsame Geschichte erzählt. Sie hatten, so behaupteten sie, den Truppen angehört, die der Sultan aus Bagdad abgesandt hatte, um Ibn er Raschīd gegen Ibn Sa'oud zu Hilfe zu kommen. Sie erzählten, daß der letztere sie Schritt für Schritt bis an die Tore von Haīl, Ibn er Raschīds Hauptstadt zurückgetrieben, und daß Ibn Sa'oud, während die beiden Heere einander gegenüber lagen, mit nur wenig Begleitern vor seines Feindes Zelt geritten sei und seine Hand auf die Zeltstange gelegt habe, so daß der Fürst der Schammār ihn wohl oder übel eintreten lassen mußte. Und hier war ein Übereinkommen getroffen worden. Ibn er Raschīd erkannte Sa'ouds Herrschaft über Rīad und die dazugehörigen ausgedehnten Lehnsgüter an und trat seinen ganzen Landbesitz bis auf ungefähr eine Meile vor Haīl ab, behielt aber diese Stadt und das nördlich davon gelegene Land. Die beiden Soldaten hatten sich so gut wie möglich westwärts durch die Wüste geschlagen, denn, wie sie sagten, waren die meisten ihrer Waffenbrüder getötet worden, die übrigen aber entflohen.

Mschitta, Fassade.

Es war dies die bei weitem authentischste Nachricht, die ich von Nedjd erhalten konnte, und ich habe auch Grund anzunehmen, daß sie im wesentlichen richtig war[2]. Ich habe viele Araber hinsichtlich Ibn er Raschīds Charakter gefragt: die Antwort war fast immer dieselbe. »Schatīr djiddan,« d. h. »er ist sehr klug«, einen Augenblick später aber pflegten sie hinzuzufügen: »madjnun« (aber verrückt). Ich halte ihn für einen rücksichtslosen, leidenschaftlichen Menschen von rastlosem Geist und wenig Urteilskraft, der nicht energisch, vielleicht auch nicht grausam genug ist, seine Autorität den aufsässigen Stämmen gegenüber geltend zu machen, die sein Onkel Mohammed mit der Eisenfaust Furcht niederhielt (der Krieg war nichts als eine lange Reihe von Verrätereien seitens seiner eignen Verbündeten), vielleicht auch zu stolz, sich den Bedingungen des gegenwärtigen Friedens zu unterwerfen. Er ist überzeugt, daß die englische Regierung Ibn Sa'oud gegen ihn bewaffnet hat, und stützt sich bei dieser Annahme auf die Tatsache, daß der Scheich von Kweit, der für unseren Verbündeten gilt, in der Hoffnung, den Einfluß des Sultans an den Grenzen von Kweit abzuschwächen, jenen heimatlosen Verbannten mit den Mitteln ausgerüstet hat, in dem Lande, wo seine Väter geherrscht, wieder festen Fuß zu fassen. Der Beginn des ganzen Unheils lag vielmehr in der Freundschaft, die sich der Welt dadurch kundtat, daß Schammārische Pferde in Konstantinopel, und zirkassische Mädchen in Haīl erschienen, was aber das Ende anbetrifft, so hat der Krieg kein Ende in der Wüste, und jeder Unfriede kommt wieder dem Ungestüm irgend eines jungen Scheichs zu statten.

[2] Seit den oben erwähnten Ereignissen ist Ibn Sa'oud, nach einem vergeblichen Appell an einen mächtigen Bundesgenossen, glaube ich, zu einem Einvernehmen mit dem Sultan gekommen, und Ibn er Raschīd soll bemüht sein, die türkische Besatzung auszutreiben, die eigentlich zu seiner Hilfe gekommen war. Ganz kürzlich hat sich das Gerücht vom Tode Ibn er Raschīds verbreitet.

Mschitta, die inneren Hallen.

Obgleich wir Ebenen durchritten, die ganz wüste und für den oberflächlichen Beschauer fast ganz ohne charakteristische Züge waren, reisten wir doch selten länger als eine Meile, ohne eine Stelle zu erreichen, die einen Namen trug. Der Araber verfügt in seiner Rede über ein erstaunliches Ortsregister. Frage ihn, wo der oder jener Scheich sein Lager aufgeschlagen hat, und er wird dich sofort aufs genauste berichten. Du findest auf der Karte einen leeren Fleck und auch die Gegend, wo das Lager sich befindet, zeigt solche Leere. Dem Auge des Nomaden genügen eben die unbedeutendsten Kennzeichen, eine Bodenerhebung, ein großer Stein, die Spur einer Ruine, ja jede Vertiefung, die zur Winter- oder Sommerzeit voll Wasser steht.

Belkaaraber.

Reite mit einem Araber, wenn du wissen willst, warum die vormohammedanische Poesie so reich an Ortsnamen ist, du wirst auch sehen, wie nutzlos es bei den meisten Orten sein würde, sie an einer bestimmten Stelle zu suchen, denn derselbe Name kehrt wohl hundertmal wieder. Wir gelangten jetzt an einen kleinen Hügel, den Gablān Theleleth el Hirschah nannte, und später an einen etwas kleineren, Theleleh. Hier hielt Gablān an, deutete auf ein paar rauchgeschwärzte Steine am Boden und sagte:

»Hier stand mein Herd. Hier hatte ich vor fünf Jahren mein Lager. Mein Vater hatte sein Zelt dort drüben aufgeschlagen, mein Onkel das seinige unter der Böschung.«

Ich hätte mit Imr ul Kais oder mit irgend einem anderen großen Sänger aus dem Zeitalter der Naturdichtung reisen können, wo der Ode hoher Flug sich demselben Thema zuwandte, dem ewig gleichen Thema vom Wechsel des Lebens in der Wüste.

Die Wolken lösten sich in Regen auf, als wir Theleleh den Rücken kehrten und ostwärts schritten — kommt doch der reisende Araber selten schneller vorwärts als im Schritt. Namrūd schlug seiner Gewohnheit nach die Zeit tot, indem er Geschichten erzählte.

»Meine Dame,« sagte er, »ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, die unter den Arabern sehr bekannt ist; Gablān kennt sie gewiß. Es war einmal ein Mann — er ist jetzt tot, aber seine Söhne leben noch, — der lag in Blutfehde, und in der Nacht überfiel ihn sein Feind mit vielen Reitern; sie trieben seine Herden, seine Kamele und Pferde weg und nahmen ihm die Zelte und alles, was er hatte. So sah sich der Mann, der erst reich und geachtet war, in der größten Not. Da zog er aus und kam an das Zelt eines Stammes, der mit seinem eignen weder in Freundschaft noch in Fehde war. Er legte seine Hand auf die Stange des Zeltes, das dem Scheich gehörte, und sagte: »O Scheich, ich bin dein Gast.« (‚Ana dachīlak’, sagt einer, der Gastfreundschaft und Schutz erheischt.) Der Scheich erhob sich, führte ihn hinein, setzte ihn an den Herd und war gütig gegen ihn. Er gab ihm auch Schafe und etliche Kamele und Zeug zu einem Zelt. Darauf ging der Mann hinweg, und es glückte ihm so, daß er nach zwei Jahren wieder so reich war, wie zuvor. Nach abermals zehn Jahren begab es sich, daß der Scheich, sein Gastfreund, Unglück hatte und seinerseits alles verlor, was er besaß. Und er sprach: »Ich werde nach den Zelten von dem und dem gehen, der ist jetzt reich und wird mir tun, wie ich ihm getan habe.« Als er an die Zelte kam, war der Mann nicht da, aber sein Sohn war darin. Und der Scheich legte seine Hand auf die Stange und sprach: »'Ana dachīlak«. Der Sohn antwortete: »Ich kenne dich nicht, aber da du unsre Hilfe anrufst, so komme herein, meine Mutter wird dir Kaffee kochen«. Da trat der Scheich ein, und die Frau hieß ihn sich an den Herd setzen und kochte ihm Kaffee. Es gilt aber für eine Beschimpfung bei den Arabern, wenn die Frau den Kaffee kocht. Und während er noch beim Kaffee saß, kehrte der Herr des Zeltes zurück. Da ging sein Sohn hinaus und erzählte ihm, daß der Scheich da wäre. Und sein Vater sprach: »Wir wollen ihn die Nacht dabehalten, da er unser Gast ist, aber beim Dämmern schicken wir ihn fort, damit uns seine Feinde nicht über den Hals kommen.« Und sie ließen den Scheich sich in eine Ecke des Zeltes legen und gaben ihm nur Brot und Kaffee, und am nächsten Tage hießen sie ihn gehen. Und sie gaben ihm als Bedeckung zwei Reiter mit auf eine Tagesreise, denn das pflegen die Araber zu tun mit einem, der ihren Schutz begehrt hat und in Gefahr seines Lebens ist, aber dann überließen sie es ihm zu verhungern oder in die Hände seiner Feinde zu fallen. Aber solche Undankbarkeit kommt selten vor — gelobt sei Gott! Und daher wird diese Geschichte auch nicht vergessen werden!«

Fellāh ul 'Isa ad Da'dja.

Wir näherten uns jetzt einigen Abhängen, die beinahe mit dem Namen Hügel beehrt werden konnten. Sie bildeten einen großen, südwärts sich erstreckenden Halbkreis, in dessen innerer Seite Fellāh ul 'Isa seine Zelte aufgeschlagen hatte. Zur Zeit meines Besuchs dort hielten die Da'dja die ganze Ebene besetzt, sowohl den Fuß des stufenförmig aufsteigenden Djebel el 'Alya, wie auch den nordwestlichen Landstrich zwischen den Hügeln und dem Fluß Zerka. Mudjemir, der junge Scheich, wohnte nordwärts; seine beiden Onkel, Fellāh ul 'Isa und Hamūd, der Vater Gablāns, gemeinsam in der nach Süden gelegenen Ebene. Ich traf Hamūd nicht an, da er gerade fortgeritten war, um einige seiner Herden zu inspizieren. Gablān sprengte voraus, um uns anzumelden, und als wir selbst uns dem Zelte des großen Scheich näherten, trat ein weißhaariger Mann heraus, uns zu bewillkommnen. Das war mein Wirt, Fellāh ul 'Isa, ein in ganz Belka wegen seiner Weisheit berühmter Scheich mit weit größerem Ansehen, als sonst ein alter Mann aus einem Herrscherhause über seinen Stamm besitzt.

Vor einem halben Jahre war er als hochgeachteter Gast bei den Drusen gewesen, die eigentlich mit arabischen Scheichs nicht auf freundschaftlichem Fuße stehen, und das war der Grund, warum Namrūd gerade ihn als den besten Ratgeber in meinen Reiseangelegenheiten erachtet hatte. Wir mußten in seinem Zelte sitzen, bis der Kaffee bereitet war, welche Zeremonie eine geschlagene Stunde in Anspruch nahm und unter feierlichem Schweigen vor sich ging. Nichts war hörbar als das Geräusch der die Bohnen zermalmenden Mörserkeule, Töne, die, von kundiger Hand geleitet, dem Wüstenwanderer wie liebliche Musik dünken. Als der Genuß vorüber — die Sonne war inzwischen durchgebrochen—, ritt ich mit Gablān und Namrūd die Hügel nordwärts vom Lager hinan, um einige Ruinen zu besichtigen, von denen die Araber berichtet hatten.

Kapitäl Muwaggar.

Djebel el 'Alya erwies sich als ein welliges Hochland, das sich in einer Ausdehnung von vielen Meilen nach Norden und Nordosten hin sanft abdachte. Die Hauptrichtung der unvermittelt aus der Ebene aufsteigenden Bergkette ist von West nach Südost; ihr Kamm ist mit einer Reihe Ruinen gekrönt, deren ich zwei sah. Es mögen wohl Forts zum Schutze einer Grenze gewesen sein, vermutlich der Ghassanidischen. Inschriften sind nicht vorhanden. Das erste der verfallenen Gebäude lag direkt über Fellāh ul 'Isas Lager — meiner Ansicht nach ist es der auf der Karte von Palästina nahe an der Haddjbahn eingezeichnete Kasr el Ahla. Der Name ist den Da'dja unbekannt. Sollte es an dem sein, so liegt die Ruine vier oder fünf Meilen weiter nach Osten, als von den Kartographen eingezeichnet, und der Name sollte Kasr el 'Alya heißen. Es war ein mäßiger Komplex, ringsum von Mauerwerk umgeben, das eine unentwirrbare Menge Ruinen umschloß. Nachdem wir drei oder vier Meilen weiter ostwärts geritten waren, fanden wir auf der Nordseite des Djebel el 'Alya, am Eingange eines Tales, eine große Zisterne, die, ungefähr 40 zu 50 Meter groß, sorgsam aus behauenen Steinen erbaut und halb voll Erde war. Weiter oben, der Spitze des Hügels zu, war eine Gruppe Ruinen, von den Arabern El Muwaggar benannt[3]. Hier hat sich vermutlich eine militärische Station befunden, denn die wenigen Überreste kleinerer Wohnstätten legen den Gedanken an eine Stadt nahe. Nach Osten zu aber lag ein Gebäude, das die Araber für einen einstigen Stall erklären. Es war gleich einer Kirche in drei parallele Schiffe geteilt. Bogengänge trennten das Mittelschiff von den Seitenflügeln; die sechs auf jeder Seite befindlichen runden Bogen ruhen auf gemauerten Säulen, auf deren Innenseite Löcher zum Durchleiten der Spannseile angebracht sind. Wahrscheinlich wurden vorzeiten Pferde zwischen die Bogen eingestellt. Eine faßbogenförmige Decke wölbt sich über den drei Abteilungen, Gemäuer sowohl als Wölbung bestehen aus kleinen, durch spröden, zerbröckelnden Mörtel verbundenen Steinen. Einige hundert Meter nach Nordwesten fanden wir eine große, unbedeckte, leere Zisterne mit ausgemauerten Wänden und einer Treppe in der einen Ecke. Die größte Ruine lag noch weiter westwärts, fast auf der Spitze des Hügels. Bei den Arabern heißt sie Kasr; vermutlich war es eine Festung oder Baracken. Der Haupteingang fand sich nach Osten zu, und da sich der Boden hier senkte, wurde die Front durch einen Unterbau von acht Gewölben getragen, über denen Spuren von drei oder vier Toren sichtbar waren, die nur vermittels Treppen zugängig gewesen sein können. Zu beiden Seiten des Einganges hatten kannelierte Säulen gestanden — einige waren noch vorhanden —, und die Fassade war mit Säulen und mit einer Nische geschmückt gewesen. Fragmente bedeckten noch den Boden; daneben lagen verschiedene Kapitäle, alle im korinthischen Stil, obgleich manche von ihrem Urbild beträchtlich abwichen. Etliche Kannelierungen zeigten sehr einfache Motive, wie ein Kleeblatt an jedem Außenbogen eines gewundenen Stengels; andre wiederum waren torusförmig und mit dem Palmstammmuster überdeckt. Die Fassade maß 40 Schritt; hinter ihr lag ein Vorraum, der durch eine Kreuzmauer von einem quadratischen Hof getrennt war. Ob dieser Hof früher von Gemächern umgeben gewesen, konnte ich nicht feststellen, da er von Trümmern überdeckt und mit Rasen bewachsen war. Zu beiden Seiten der parallel laufenden Gewölbe befand sich noch je ein anderer gewölbter Raum, also zehn im ganzen, aber die beiden angefügten Gewölbe schienen keinerlei Oberbau getragen zu haben, da die massiven Seitenwände des Vorraums auf den Außenmauern der acht innern Gewölbe ruhten. Das Gewölbe bestand aus viereckigen Steinen und Geröll, durch Mörtel verbunden.

[3] El Muwakker geschrieben, aber die Beduinen ändern das harte k in ein hartes g. Beschreibung des Ortes in »Die Provincia Arabia«, 11. Band.

Kapitäl Muwaggar.

Wir ritten nun direkt den Hügel hinab und über die sich anschließende Ebene, wobei wir auf ein anderes, Nedjēreh genanntes, verfallenes Bauwerk stießen. Dergleichen Aufhäufungen behauener Steine tragen bei den Arabern den Namen »rudjm«; es wäre interessant zu wissen, wie weit nach Osten hin sie zu finden sind, wie weit die Steppe von einer seßhaften Bevölkerung bewohnt gewesen ist. Eine Tagereise von 'Alya — sagte Gablān — liegt ein zweites Fort, Charāneh, und ein drittes, Um er Resās, nicht weit davon. Und noch mehr gibt es, einige mit Bildwerken; zur Winterzeit, wo die westlichen Weideplätze fast leer sind, kann man sie wohl besuchen[4]. Während wir dahinritten, lehrte mich Gablān, die Wüste zu lesen, auf die aus großen Steinen gelegten viereckigen Lagerstätten der arabischen Diener zu achten, und auf die halbkreisförmigen Erdlöcher, die die Kamelmütter für ihre Jungen aushöhlen. Dann lehrte er mich auch die Pflanzen am Boden kennen, und ich fand, daß die Flora in der Wüste wohl spärlich vertreten, aber doch sehr verschiedenartig ist, und daß fast jede Gattung von den Arabern nutzbar gemacht wird. So würzen sie mit dem Blatt des Utrufān ihre Butter, bereiten einen trefflichen Salat aus dem stacheligen Kursa'aneh, füttern ihre Kamele mit den dürren Stengeln des Billān, die Schafe mit denen des Schīh, und die Asche des Gāli wird beim Seifesieden benützt. Gablān gefiel sich in seiner Lehrerrolle sehr wohl, und wenn wir von einem graublauen, stacheligen Fleck an einen anderen, ganz ähnlichen kamen, pflegte er zu sagen: »Nun, meine Dame, was ist das?« Und er lächelte befriedigt, wenn die Antwort richtig kam.

[4] Mehrere dieser Ruinen wurden von Musil aufgesucht, aber sein Werk ist noch nicht veröffentlicht.

Kapitäl Muwaggar.

Ich sollte diesen Abend in Fellāh ul 'Isas Zelt speisen und wurde von Gablān abgeholt, als das letzte Abendrot den westlichen Himmel säumte. Das kleine Zeltlager hallte bereits von dem Konzert der Töne wider, die der Wüste zur Nachtzeit eigen sind: die Kamele grunzten und ächzten, Schafe und Ziegen blökten, und unaufhörlich bellten die Hunde. Das Zelt des Scheichs war nur durch den Schein des Herdfeuers erhellt, und mein mir gegenübersitzender Wirt verschwand bald in einer Wolke beißenden Rauchs, bald erstrahlte er im Lichte einer glänzenden Flamme. So oft sich ein angesehener Gast einstellt, muß ein Schaf ihm zu Ehren geschlachtet werden, und so geschah es, daß wir mit unseren Fingern ein üppiges Mahl aus Hammelfleisch, Quark und riesigen Stücken Brot verzehrten. Aber der Araber ißt selbst bei festlichen Gelegenheiten erstaunlich wenig, ja viel weniger, als eine mit gutem Appetit gesegnete Europäerin, und hat man keinen Gast, so begnügt man sich mit Brot und einer Schale Kamelmilch. Freilich pflegen diese Leute auch den größten Teil des Tages zu verplaudern oder zu verschlafen, aber ich habe die 'Agēl bei keiner besseren Kost auch einen Marsch von vier Monaten machen sehen. Meiner Meinung nach müßte der Beduine, obgleich er mit so wenig auskommt, immer hungrig sein; er ist so auffallend spärlich und hager, und wenn der Stamm von Krankheit aufgesucht wird, erheischt sie gewöhnlich viele Opfer. Auch meine Dienerschaft tat sich gütlich, und da Mohammed, oder vielmehr jetzt Tarif, der Christ, zum Schutz unsrer Zelte hatte zurückbleiben müssen, wurde ein Holznapf mit Essen gefüllt und »für den Gast, der zurückbleiben mußte«, hinaus geschickt.

Beim Kaffee entspann sich zwischen Fellāh ul 'Isa und Namrūd ein lebhaftes Gespräch, das die Lage der Belkastämme scharf beleuchtete. Sie werden von der heranrückenden Zivilisation hart bedrängt. Syrische Bauern setzen sich mehr und mehr in ihren Sommerquartieren fest, und was noch schlimmer ist, ihre Tränken werden jetzt von zirkassischen Kolonisten benützt, die vom Sultan Ostsyrien als Wohnsitz angewiesen bekamen, nachdem die Russen sie von Haus und Hof im Kaukasus vertrieben hatten. Keine angenehme Leute, diese Zirkassier! Mürrisch und zänkisch sind sie, aber allerdings auch fleißig und unternehmend; aus ihren steten Streitigkeiten mit den Arabern gehen sie regelmäßig als Sieger hervor. Haben sie doch neuerdings das Entnehmen von Wasser aus dem Zerka, auf den die Beduinen den ganzen Sommer über angewiesen sind, zum casus belli erhoben, und es wird nahezu unmöglich, nach 'Ammān, dem zirkassischen Hauptquartier, hinabzugehen, um die wenigen Bedürfnisse eines arabischen Lebens, wie Kaffee, Zucker und Tabak, einzuhandeln. Nach Namrūds Ansicht müßten die Belkastämme die Regierung angehen, einen Kāimakām zum Schutze ihrer Interessen über ihren Distrikt zu setzen, aber Fellāh ul 'Isa zauderte, den Storchenkönig hereinzurufen, denn er fürchtete die Besatzung, die dieser schicken würde, auch das zwangsweise Registrieren des Viehs und andre schlimme Streiche. Ja, die Tage der Belkaaraber sind gezählt. Die Ruinen deuten auf dieselbe Möglichkeit hin, die schon in vergangenen Jahrhunderten bestand: es kann sich eine seßhafte Bevölkerung über ihr ganzes Gebiet ausbreiten, und ihnen selbst bleibt die Wahl, entweder Dörfer zu gründen und den Boden zu bebauen, oder nach Osten zurückzuweichen, wo Wasser im Sommer fast nicht zu haben, und die Hitze unerträglich ist.

Namrūd wendete sich von diesem unliebsamen Thema ab und begann, die Herrschaft der Engländer in Ägypten zu preisen. Freilich war er nie dort gewesen, aber einer seiner Vettern, ein Schreiber in Alexandrien, hatte ihm erzählt, daß die Bauern dort reich würden, und daß es in der Wüste ebenso friedlich herging, wie in den Städten.

»Blutfehde gibt's nicht mehr,« sagte er, »auch keinen Raub. Wenn jemand einem anderen seine Kamele stiehlt, wißt ihr, was da geschieht? Der Herr der Kamele geht zu dem nächsten Konak (Richter) und beschwert sich; dann reitet ein Zaptieh (Polizeisoldat) ganz allein durch die Wüste, bis er das Zelt des Räubers erreicht. Da entbietet er seinen Gruß und tritt ein. Und der Herr des Zeltes? Der macht Kaffee und versucht, den Zaptieh als einen Gast zu behandeln. Aber jetzt hat der Soldat seinen Kaffee getrunken, er legt Geld auf den Herd und sagt: ‚Nimm diesen Piaster.’ So bezahlt er für alles, was er ißt und trinkt und nimmt nichts an. Am Morgen geht er wieder, nachdem er noch Bescheid hinterlassen hat, daß nach soundsoviel Tagen die Kamele wieder beim Richter sein müssen. Da fürchtet sich der Räuber, holt die Kamele zusammen und schickt sie hin. Vielleicht fehlt eins an der Zahl. Da sagt der Richter zu dem Herrn der Kamele: ‚Sind alle Tiere hier?’ und er erwidert: ‚Eins fehlt.’ So sagt er: ‚Was ist es wert?’ und er antwortet: ‚Acht lira.’ Wāllah! er bezahlt.«

Melken der Schafe.

Fellāh ul 'Isa äußerte keine direkte Billigung dieses Systems, aber er lauschte mit Interesse, als ich, soweit ich sie selbst verstand, die Grundsätze der Fellahīn-Bank erläuterte, und erkundigte sich endlich, ob Lord Cromer nicht geneigt sein würde, seine Herrschaft bis Syrien auszudehnen — eine Einladung, die, in seinem Namen anzunehmen, ich mich nicht erkühnen mochte. Es war vor fünf Jahren, im Haurāngebirge, wo mir eine ähnliche Frage vorgelegt wurde, und ihre Beantwortung war eine harte Nuß für meine Diplomatie gewesen. Da hatten sich die drusischen Scheichs von Kanawāt im Schutze der Nacht in meinem Zelte eingefunden, und nach manch vorsichtigem Umschweifen und vielen Versicherungen meinerseits, daß kein Lauscher nahe, hatten sie mich gefragt, ob die Drusen, falls die Türken abermals ihren Vertrag brechen sollten, wohl bei Lord Cromer in Ägypten Schutz suchen dürften. Und ob ich ihm vielleicht eine Botschaft überbringen würde? Ich gab mir den Anschein, den Vorschlag nach allen Seiten hin zu erwägen und erwiderte dann, die Drusen wären doch Bergbewohner und eine Ebene, wie Ägypten, würde ihnen daher schwerlich zusagen. Da sah der Scheich el Balad den Scheich ed Dīn an, und ein Land ohne Berge, in die man flüchten, ohne Bergpfade, die man leicht verteidigen kann, muß ihnen wohl wie ein furchtbares Gespenst erschienen sein, denn sie erwiderten, die Sache wolle allerdings wohl überlegt sein, und ich hörte nichts wieder davon. Trotzdem liegt die Moral offen da. Sobald ein Mann in ganz Syrien, ja selbst in der Wüste unter der Ungerechtigkeit andrer oder seiner eignen Unfähigkeit zu leiden hat, wünscht er von jener Hand regiert zu werden, die Ägyptens Wohlstand begründet hat, und die Besetzung dieses Landes durch die Engländer, die uns anfangs die Sympathie der Mohammedaner zu rauben drohte, ist schließlich doch die wirksamste Reklame für das englische Regierungssystem geworden[5].

[5] Die jetzigen Unruhen in Ägypten mögen die obigen Behauptungen zweifelhaft erscheinen lassen, aber ich glaube, mit Unrecht. Während die Ägypter das Elend vergessen haben, aus dem unsere Verwaltung sie befreite, schmachten die Syrier wie die Bewohner der Wüste noch darunter; in ihren Augen verbringen ihre Nachbarn die Tage in ungetrübtem, beneidenswertem Wohlleben. Aber sobald der Wolf von der Tür verjagt ist, pflegen die Beschränkungen, die der unbeugsame Arm des Gesetzes auferlegt, eine unruhige, unstete Bevölkerung zur Auflehnung zu reizen. Sie sehnen die vielen unverdienten Vorteile zurück, die ihnen früher aus der schlechten, wankelmütigen Regierung erwuchsen. Justiz ist ein treffliches Ding, wenn sie deine berechtigten Ansprüche wahrt, aber abscheulich, wenn man in die Rechte anderer gern einen Griff tun möchte. Fellāh ul 'Isa und seine Genossen würden ihre Schattenseiten bald genug kennen lernen.

Als ich dem Gespräch lauschte und in die sternenhelle Nacht hinaussah, da nahm mein Geist den Faden wieder auf, den er vorher gesponnen, jenes Thema, das Gablān eröffnet hatte, als er stillstehend auf die Spuren seines früheren Lagers gewiesen, und ich sagte:

»In dem Zeitalter vor dem großen Propheten redeten eure Väter wie ihr jetzt, auch in derselben Sprache; uns aber, die wir eure Bräuche nicht kennen, ist die Bedeutung ihrer Worte entschwunden. Sagt mir doch, was bedeutet dieses Wort?«

Die Männer am Herd neigten sich vorwärts, und eine emporzüngelnde Flamme beleuchtete ihre dunklen, gespannten Gesichter.

»Bei Gott,« sagten sie, »sprach man so vor des Propheten Zeit?«

»Mascha'llah! wir gebrauchen das Wort noch. Es ist das Zeichen auf dem Boden, wo das Zelt errichtet wurde.«

So ermutigt, zitierte ich die Strophe Imr el Kais', die Gablāns Bemerkung in mir wachgerufen:

»Wandrer, steh still! Laß uns beweinen die Geliebte an ihrem Ruheplatz im rinnenden Sand zwischen ēd Dudjēl und Haumal.«

Da erhob Gablān an der Zeltstange sein Haupt und rief aus: »Mascha'llah! das ist 'Antara!«

Denn der unbelesene Araber schreibt jedwede Dichtung 'Antara zu, er kennt keinen anderen Namen in der Literatur.

Ich aber entgegnete: »Nein; 'Antara sprach anders. Er sagte: Haben die Sänger der Vorzeit mir etwas Neues zu singen gelassen? oder kommt dir ihr Haus zurück, wenn du seine Stätte betrachtest? Lebīd aber sprach am weisesten, als er sagte: Was ist der Mensch, als ein Zelt und sein Bewohner? Der Tag kommt, wo sie gehen, und die Stätte ist verlassen.«

Gablān machte eine zustimmende Bewegung und bemerkte:

»Bei Gott! Die Ebene ist mit Stätten bedeckt, an denen ich rastete!«

Gablān ibn Hamud ad Da'dja.

Damit hatte er den Ton angeschlagen. Ich schaute hinaus in die Nacht und schaute die Wüste mit seinen Augen; sie war nicht mehr öde, sondern dichter mit Erinnerungen an menschliche Wesen besetzt, als irgendwelche Stadt. Jeder Streifen gewann Bedeutung, jeder einzelne Stein ließ das Bild eines Herdes auferstehen, an dem das warmpulsierende arabische Leben kaum erkaltet war, mochte auch das Feuer selbst vor Jahrhunderten erloschen sein. In schattenhaften Umrissen erstand eine Stadt; ihre Linien schoben sich ineinander, sie wogten und wechselten; aus Elementen, die alt sind, wie die Zeit selbst, entstand Neues, nicht war das Neue vom Alten, nicht das Alte vom Neuen zu unterscheiden.

Die Araber sprechen nicht von einer Wüste oder Wildnis, wie wir. Warum auch? Ihnen ist es eben keine Wüste, keine Wildnis, vielmehr ein Land, das sie bis ins kleinste kennen, ein Mutterland, dessen geringste Produkte ihnen von Nutzen sind. Sie verstehen es, an den unendlichen Flächen Freude zu haben, sie ehren das Rauschen des Sturmes, — verstanden es wenigstens in jenen Tagen, als sie ihre Gedanken zu unvergessenen Versen gestalteten. Sie besangen in mancher Strophe die Lieblichkeit der bewässerten Stellen, sangen von der Fliege, die dort brummt, wie von einem Mann, der in Weinlaune Lieder summt, seinem eignen Ohr zum Genuß, von den Regentümpeln, die gleich Silber glitzern oder, wenn der Wind sie kräuselt, wie der Panzer eines Kriegers schimmern. Wenn sie die trocknen Wasserläufe kreuzten, merkten sie auf die geheimnisvollen Wunder der Nacht, wo die Sterne an das Himmelsgewölbe geschmiedet schienen, als wollte die Dämmerung für immer säumen. Imr ul Kais hatte die Plejaden gleich Juwelen in dem Netzwerk eines Gürtels hängen sehen, hatte mit dem Wolf, der im Finstern heulte, Kameradschaft geschlossen: »Du und ich, wir sind verwandt; sieh, die Furche, die du ziehst, wird mit der meinen die gleiche Ernte geben.« Tag oder Nacht, sie kannten kein Entsetzen, das sie lähmte, keine leere Furcht, keinen Feind, der unbesiegbar war. Jene Sänger riefen weder Mensch noch Gott um Hilfe an; drohte Gefahr, so dachten sie an ihr Schwert, ihr Roß, an die großen Taten ihres Stammes, und ihre Rechte allein genügte zu ihrer Rettung. Dann frohlockten sie als Menschen, deren Blut heiß in den Adern rollt, und dankten keinem, der es nicht wert war.

Die Haddjstraße.

Die Gesänge aus dieser Periode der Naturdichtung gehören zu den schönsten, die je aus menschlichem Munde kamen. Sie berühren jede Seite des arabischen Lebens, sie atmen die innigsten Gefühle. Gibt es doch kaum schönere Verse als die, in denen Lebīd den Wert des Lebens preist; jede einzelne der 14 Strophen atmet einen über alles Lob erhabenen Ernst. Er schaut der Sorge, dem Alter, dem Tod ins Auge und schließt, an die enggezogenen Grenzen des menschlichen Wissens erinnernd: »O du, dessen Auge dem Fluge der Vögel folgt und dem Wege des Kiesels, der deiner Hand entflohen, wie kannst du wissen, was Gott vorhat?« Und die warnende Stimme ist nie die Stimme des Zornes, und so oft sie sich auch von neuem erheben muß, der kühne Mut des Sängers erlahmt nicht. »Der Tod wählt nicht!« singt Tārafa, »er schlingt sein Seil um den flüchtigen Fuß des Geizhalses wie um den des Verschwenders.« Aber er fügt hinzu: »Was fürchtest du dich? Das Heute ist dein.« Und der furchtlose Zuhair kleidet seine Lebensweisheit in die Worte: »Das Heute, das Gestern und die verronnenen Tage kenne ich, aber in die Zukunft blickt mein Auge nicht. Denn ich habe gesehen, wie das Verhängnis, einem blinden Kamel gleich, im Finstern schlich; wen es traf, der fiel, wen es verschonte, dem blühte langes Leben.« Der Hauch der Begeisterung kam über alle, über alt und jung, Männer und Frauen, und zu dem Schönsten, was uns die Wüste geschenkt hat, zählt der Grabgesang einer Schwester für ihren toten Bruder. Er ist als historisches Dokument ebenso wertvoll, wie als Zeugnis der herzlichsten Gefühle. Dem Gedicht liegt folgende Tatsache zugrunde. Nach der Schlacht von Bedr wurde ein gewisser Nadr Ibn el Hārith von Mohammed in Uthail gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Aus Kutailas Versen ersieht man den Sturm der Gefühle, den des Propheten Verfügung bei seinen Zeitgenossen hervorrief, die sich ihr nicht unterwerfen wollten, und doch drücken sie gleichzeitig die einem Mann gebührende Achtung aus, dessen Stamm dem ihren an Rang gleichkam.

Und in noch stärkerer Sprache erhebt sich der freie Geist der Wüste bei jenem Manne, der in Mekka gefangen lag. Der Ausdruck seiner Todesangst, der visionäre Besuch seiner Geliebten in der Zelle des Gefängnisses, dann die herrliche Beteurung, daß kein Elend seinen Mut brechen könne, und das furchtlose Erinnern des starken Mannes an die Leidenschaft, die wohl sein Leben verwirkt, die Seele aber freigelassen hatte, den Tod zu überwinden — welch Fülle edler Gefühle! Auf der Steppe geboren und ausgewachsen, haben die Sänger aus der Zeit der Wüstendichtung ein Gedenkblatt hinterlassen, in dem reichere und gebildetere Nationen sie schwerlich übertreffen können.


Viertes Kapitel.

Ein arabisches Sprichwort sagt: »Hayyeh rubda wa la daif mudha« — weder aschgraue Schlange noch Mittagsgast. Wir hüteten uns, durch zu langes Bleiben gegen die gute Sitte zu verstoßen, es wurde noch vor Tagesanbruch in unserm Lager lebendig. Es ist als befände man sich inmitten eines Opals, wenn man zur Zeit der Morgendämmerung in der Wüste erwacht. Durch die aus den Bodensenkungen emporsteigenden Nebel und den Tau, der in gespenstigen Formen von den schwarzen Zelten niederrieselte, schoß der erste schwache Schimmer des östlichen Himmels, dem bald die tiefgelben Strahlen der aufgehenden Sonne folgten. Ich schickte Fellāh ul 'Isa ein purpurfarbenes, silbergesticktes Tuch »für den kleinen Sohn«, der so ernsthaft am Herde gespielt hatte, verabschiedete mich dankend von Namrūd, trank eine Tasse Kaffee, und während der alte Scheich mir den Bügel hielt, stieg ich auf und ritt mit Gablān davon. Wir erklommen den Djebel el 'Alya und kreuzten den Kamm des Gebirgszugs. Die Landschaft ähnelte der unsrer englischen Grenzlande, aber sie war großartiger, die Windungen größer, die Entfernungen weiter. Die klare, kalte Luft regte die Sinne an und ließ das Blut rascher pulsieren. Bei mir würde das alte Wort vom Golf von Neapel anders lauten: »Die Wüste an einem schönen Morgen sehen — und sterben — wenn du es vermagst.« Selbst die blöden Maultiere spürten einen Hauch davon und eilten über den schwammigen Boden (»Verrückt, ihr Verwünschten!«), bis ihre Körbe sich überschlugen und sie zu Fall brachten. Zweimal mußten wir halten, um sie auf die Beine zu bringen und wieder zu beladen. Das »Kleine Herz«, der höchste Gipfel des Djebel Druz (Drusengebirges), sah heiter auf uns nieder; sein Schneegewand leuchtete weit in den Norden hinauf.

Araber, Mardūf reitend.

Am Fuße des Nordabhangs der 'Alyaberge betraten wir eine weite wellige Ebene, ähnlich der, die wir bereits im Süden hinter uns gelassen. Wir passierten viele jener geheimnisvollen Ruinen, aus denen unsre Phantasie Schlüsse auf die Geschichte des Landes zu ziehen versucht, und endlich wurden wir der verstreuten Lagerplätze der Hassaniyyeh ansichtig, die mit den Da'dja befreundet sind und derselben Gruppe von Araberstämmen angehören. Hier sahen wir plötzlich zwei Reiter über die Wüste kommen. Gablān ritt ihnen entgegen, sprach eine Weile mit ihnen und kehrte dann mit ernstem Gesicht zurück. Gerade am Tage vorher, während wir friedlich von Tneib herüberritten, hatten 400 in böser Absicht verbündete Reiter der Suchūr und der Howeitāt die Ebene überschwemmt, eine vorgeschobene Zeltgruppe der Beni Hassan überfallen und die Zelte sowie 2000 Stück Vieh hinweggeführt. Ich meinte, es sei fast schade, daß wir einen Tag zu spät gekommen, Gablān aber sah bei dieser meiner Äußerung noch ernster drein und erklärte, daß er dann an dem Kampfe hätte teilnehmen, ja mich verlassen müssen, obgleich ich seinem Schutz anvertraut sei, denn die Da'dja wären verpflichtet, den Beni Hassan gegen die Suchūr beizustehen. Und vielleicht würde der gestrige Vorfall genügen, um den kaum geschlossenen Waffenstillstand zwischen diesem mächtigen Stamme und den Verbündeten der 'Anazeh zu brechen und die Wüste wieder mit Krieg zu überziehen. Es herrschte Kummer in den Zelten der Kinder Hassans. Das Haupt in den Händen verborgen, saß ein Mann weinend an seiner Zeltstange; es war ihm alles genommen worden, was er sein eigen genannt. Das Besitztum des Arabers ist ebensoviel Wechselfällen unterworfen, wie das des Spekulanten an der Börse. Heute noch ist er der reichste Mann der Wüste, und schon morgen hat er vielleicht nicht ein einziges Kamel mehr zu eigen. Er lebt in beständigem Kriegszustand. Hat er auch mit den Nachbarstämmen die heiligsten Treuschwüre ausgetauscht, so ist er doch nicht sicher, daß nicht eine Hunderte von Meilen entfernt wohnende Räuberbande nachts in sein Lager einbrechen wird. So verließ vor zwei Jahren ein in Syrien ganz unbekannter Stamm, die Beni Awadjēh, seinen Wohnsitz hinter Bagdad oben, durchquerte Mardūf reitend (zwei auf einem Kamel) 300 Meilen Wüste und fiel in das Land östlich von Aleppo, wo sie ungezählte Menschen töteten und alles Vieh wegführten. Wie viele Jahrtausende dieser Zustand schon dauert, können uns die erzählen, die die ältesten Berichte aus der inneren Wüste gelesen haben, denn er geht bis in die fernste Zeit zurück; aber in all den Jahrhunderten hat die Erfahrung den Araber keine Weisheit gelehrt. Nie ist er sicher und lebt doch in der größten Sorglosigkeit. Er schlägt sein kleines, aus zehn bis fünfzehn Zelten bestehendes Lager in einer weiten, ungeschützten, ja nicht einmal zu schützenden Ebene auf, zu weit von seinen Gefährten, um sie zu Hilfe zu rufen, zu weit auch, um die Reiter zu sammeln und den Räubern zu folgen, deren Rückzug infolge der geraubten Herden natürlich ein so langsamer ist, daß eine schnelle Verfolgung zuversichtlich von Erfolg begleitet sein würde. Hat der Araber so all sein Hab und Gut verloren, so durchzieht er bettelnd die Wüste; der eine gibt ihm ein oder zwei Streifen Ziegenhaartuch, der andere einen Kaffeetopf; hier bekommt er ein Kamel, dort ein paar Schafe, bis er wieder ein Dach über sich hat und genug Vieh, um mit den Seinen vor Hunger geschützt zu sein. Es gibt lobenswerte Gebräuche unter den Arabern, wie Namrūd sagte. So wartet er monate-, ja jahrelang die rechte Zeit ab, bis sich endlich eine Gelegenheit bietet; dann machen sich die Berittenen seines Stammes mit ihren Verbündeten auf, reiten aus, rauben die gestohlenen Herden zurück und noch mehr dazu, und die Fehde tritt in ein neues Stadium. In der Tat ist Raub das einzige Gewerbe und das einzige Glücksspiel der Wüste. Als Gewerbe betrachtet, scheint es uns auf einer falschen Auslegung der Angebot und Nachfrage betreffenden Gesetze zu beruhen, als Glücksspiel aufgefaßt aber, läßt sich viel zu seinen Gunsten sagen. Die Abenteuerlust findet weitesten Spielraum. Da ist die Aufregung des nächtlichen Rittes durch die Wüste, das Vorwärtsstürmen der Pferde zum Angriff, das majestätische (und doch verhältnismäßig harmlose) Knallen der Flinten und schließlich die Freude, sich für einen prächtigen Burschen halten zu können, wenn der Zug sich beutebeladen wieder heimwärts wendet. Es ist die beste Art fantasīa, wie sie in der Wüste sagen, denn es ist mit einem Körnchen Gefahr gewürzt. Nicht daß die Gefahr beängstigend groß ist: der Araber kann sich ein gut Teil Vergnügen ohne viel Blutvergießen verschaffen, meist liegt ihm auch gar nichts am Töten. Nie erhebt er die Hand gegen Frauen und Kinder, und wenn hier und da ein Mann fällt, so geschieht es mehr durch Zufall. Denn wer kann schließlich das Endziel einer Kugel voraussagen, die einmal ihren Flug durch die Lüfte angetreten hat? So denkt der Araber über den Ghazu (Raub); der Druse hat eine andere Meinung. Ihm ist er blutiger Krieg. Er behandelt das Spiel nicht als Spiel, sondern geht aus, um zu morden, und verschont keinen. Solange er noch ein Korn Pulver im Horn und die Kraft hat, den Hahn zu spannen, schießt er alles nieder, was ihm in den Weg kommt — Mann, Frau und Kind.

Da ich die Unabhängigkeit der arabischen Frauen kannte und die Leichtigkeit, mit der Ehen zwischen verschiedenen Stämmen gleicher Stellung geschlossen werden, sah ich manches romantische, aus Liebe mit Haß gemischte Verhältnis zwischen den Montecchi und Capuletti voraus. »Lo, auf einmal liebte ich sie,« sagt 'Antara, »obgleich ich ihren Verwandten erschlagen habe.« Gablān erwiderte, daß dergleichen schwierige Fälle vorkamen und oftmals als Tragödie endeten, aber wenn die Liebenden sich zum Warten bequemten, so käme nicht selten ein Vergleich zustande, oder sie könnten während eines Waffenstillstandes heiraten, der zwar immer nur kurz ist, aber doch häufig vorkommt. Wahre Tragik aber entsteht erst, wenn Blutfehde innerhalb des Stammes selbst ausbricht, und ein Mann, der einen seines eignen Volkes ermordet hat, ausgestoßen wird und als heimat- und freundloser Verbannter Schutz bei Fremden oder gar bei Feinden suchen muß. So ruft Imr ul Kais, der verlassene Geächtete, der Nacht zu: »Oh, lange Nacht, wann wirst du der Dämmerung weichen? Doch ist auch der Tag nicht besser als du.«

Lager der Agēl auf der Wanderschaft.

Wüstenbrunnen.

Einige Meilen weiter nördlich hatte man in den Hassaniyyehlagern noch nichts von dem Unglück des gestrigen Tages gehört, und uns blieb der Vorzug, Überbringer der bösen Kunde zu sein. Gablān ritt zu jeder Gruppe, die wir passierten, und erleichterte sein Herz. Die 400 Räuber vervielfältigten sich im Weiterreiten, und ich habe vielleicht gleich zu Anfang unrecht getan, an die mir berichteten 400 zu glauben, denn in den 24 Stunden, die zwischen ihrem Weggange und unsrer Ankunft lagen, hatten sie bereits Zeit gehabt, sich zu vermehren. In allen Zelten wurden Vorbereitungen getroffen nicht zum Krieg, sondern zu einem Fest. Fiel doch auf den morgenden Tag das große Fest des mohammedanischen Jahres, die Opferfeier, wo die Pilgrime in Mekka ihr Opfer schlachteten, und die Gläubigen in der Heimat ihrem Beispiel folgen. Vor jedem Zelte war ein ungeheurer Reisighaufen aufgetürmt, an dem am nächsten Tage das Kamel oder Schaf gebraten werden sollte, und draußen in der Sonne lagen die Hemden des Stammes nach einer Wäsche, die — ich habe triftigen Grund es anzunehmen — nur einmal im Jahre stattfindet, zum Trocknen ausgebreitet. Um Sonnenuntergang erreichten wir eine große Niederlassung der Beni Hassan, wo Gablān die Nacht zu verbringen gedachte. Ein schmutziger Tümpel in der Nähe lieferte Wasser, und über der Bodensenkung, in der die Araber lagen, fanden wir auch einen günstigen Platz für unsre Zelte. Keiner der großen Scheichs war im Lager anwesend, und Namrūds Warnung eingedenk, schlug ich alle Einladungen aus und verbrachte den Abend zu Hause. Ich beobachtete den Sonnenuntergang, das Anzünden der Kochfeuer und den blauen Rauch, der sich im Zwielicht verlor. Das phantastisch geschmückte Opfertier weidete unter meinen Maultieren, und nach Anbruch der Dunkelheit wurde das Fest durch langandauerndes Schießen feierlich eingeleitet. Gablān saß schweigend am Lagerfeuer; seine Gedanken weilten bei den Lustbarkeiten, die zu Hause vor sich gingen. Es ging ihm sehr gegen den Strich, an einem solchen Tage fernbleiben zu müssen. »Wieviel Reiter,« sprach er, »werden morgen vor meines Vaters Zelt absteigen! und ich werde nicht da sein, sie zu bewillkommnen oder meinem kleinen Sohne ein gesegnetes Fest zu wünschen.«

Wasserlauf in der Steppe.

Noch ehe die Festlichkeiten begannen, brachen wir auf. Es lockte mich nicht, der Todesstunde des Kamels beizuwohnen, überdies hatten wir auch eine lange Tagereise durch eine nicht besonders sichere Gegend vor uns. Für meine Karawane zwar war die Gefahr nicht groß. Trug ich doch in meiner Tasche einen Brief von Fellāh ul 'Isa an Nasīb el Atrasch, den Scheich von Salchad im Djebel Druz (Drusengebirge). »An den berühmten und gelehrten Scheich Nasīb el Atrasch,« lautete er — ich hatte gehört, wie mein Wirt ihn Namrūd diktierte, und zugesehen, wie er ihn mit seinem Siegel verschloß — »den Hochverehrten, Gott schenke ihm langes Leben! Wir senden Euch Grüße, Dir, dem ganzen Volke von Salchad, Deinem Bruder Djad'allah, dem Sohne Deines Onkels Mohammed el Atrasch in Umm er Rummān und unsern Freunden in Imtain. Und weiter: es reist eine sehr hohe englische Dame von uns zu Euch. Und wir grüßen Mohammed und unsre Freunde ... usw. (hier folgt eine weitere Liste von Namen), und das ist alles Nötige, und Friede sei mit Euch.« Außer diesem Briefe schützte mich auch meine Nationalität, denn die Drusen haben unsre Einmischung zu ihren Gunsten im Jahre 1860 noch nicht vergessen. Überdies war ich auch mit mehreren Scheichs des Hauses Turschān bekannt, zu welcher mächtigen Familie auch Nasīb gehörte. Mit Gablān freilich war es etwas anderes, und er war sich der Unsicherheit seiner Lage sehr wohl bewußt. Trotz seines Onkels Besuch in den Bergen konnte er nicht wissen, wie die Drusen ihn aufnehmen würden; er verließ die letzten Vorposten seiner Verbündeten und betrat ein von jeher feindliches Grenzland (er selbst kannte es ja nur von den gelegentlichen Raubzügen her, die er dorthin unternommen), und selbst wenn er unter den Drusen keine Feinde fand, konnte er doch leicht einem umherstreifenden Trupp der Haseneh oder ihresgleichen in die Hände fallen, die östlich von den Hügeln wohnen und die erbittertsten Feinde der Da'dja sind.

Kamele der Haseneh.

Nach ein oder zwei weiteren Stunden veränderte sich der Charakter der Landschaft gänzlich: der weiche Wüstenboden wich den vulkanischen Felsen des Haurān. Nachdem wir eine Weile an einem Lavabett hingeritten waren und die letzten Zelte der Hassaniyyeh in einer kleinen Talmulde hinter uns gelassen hatten, befanden wir uns am Rande einer Ebene, die sich in ununterbrochener Fläche bis an den Djebel Druz erstreckte. Sie war verödet, fast aller Vegetation bar und mit schwarzen vulkanischen Steinen bedeckt. Jemand hat gesagt, daß der Saum der Wüste einem felsigen Strand gliche, an dem der Seefahrer, der das tiefe Wasser glücklich durchschifft hat, immer noch scheitern kann, wenn er sein Schiff in den Hafen zu bringen versucht. Und diese Landung stand uns jetzt bevor. Irgendwo zwischen uns und dem Gebirge lagen die Ruinen von Umm ed Djimāl, wo ich auf die Drusen zu stoßen hoffte; aber da das Land vor uns ziemlich viel Hebung und Senkung zeigte, war es uns ganz unmöglich zu sagen, wo diese Ruinen sich befanden. Umm ed Djimāl steht in schlechtem Rufe — ich glaube, das meinige war eins der ersten europäischen Lager, die je dort ausgeschlagen wurden; vor mir war eine Gesellschaft amerikanischer Archäologen dagewesen, die den Ort 14 Tage vor meiner Ankunft verließ. Gablāns augenscheinliche Angst ließ die Gefahr nur um so größer erscheinen. Zweimal wandte er sich mit der Frage an mich, ob wir wirklich dort lagern müßten. Ich hielt ihm entgegen, daß er es unternommen habe, mich nach Umm ed Djimāl zu führen, und daß ich mich zweifellos auch dorthin begeben würde, und begründete das zweite Mal meine Hartnäckigkeit mit dem Hinweis, daß wir Wasser für unsre Tiere brauchten und es sicher nirgend anders als in den Zisternen des verfallnen Dorfes finden würden. Darauf zog ich meine Karte heraus, versuchte zu erraten, an welchem Punkte des leeren weißen Blattes wir uns augenblicklich befanden, und ließ dann meine Karawane etwas westwärts auf eine niedrige Anhöhe zu gehen, die uns den Ausblick auf unsern Bestimmungsort versprach. Gablān fügte sich dieser meiner Entscheidung gutwillig und drückte sein Bedauern aus, uns keine besseren Führerdienste leisten zu können. Er war in seinem Leben nur einmal in Umm ed Djimāl gewesen und zwar bei einem Raubzuge in der Tiefe der Nacht. Er und seine Gesellschaft hatten hier eine halbe Stunde gerastet, um ihre Pferde zu tränken, waren dann ostwärts weiter gezogen und hatten für die Rückkehr einen anderen Weg gewählt. Ja, dem Himmel sei Dank, es war ein erfolgreicher Beutezug gewesen und noch dazu einer der ersten, an dem er teilgenommen. Michaïl begegnete unsern Entschließungen mit Gleichgültigkeit, und die Maultiertreiber wurden nicht befragt, Habīb aber steckte, als wir weiterritten, seinen Revolver etwas lockerer in den Gürtel.

Umm ed Djimāl.

Wir eilten vorwärts. Wir hielten Umschau nach dem Rasīf, der gepflasterten Römerstraße, die die Kal'at ez Zerkā direkt mit Bosra verbindet, und ich ging gleichzeitig mit mir zu rate, wie ich im Falle der Not den Freund und Führer schützen könnte, dessen angenehme Gesellschaft unsre Reise belebt hatte, und der sicherlich nicht zu Schaden kommen sollte, solange er bei uns weilte. Als wir uns der Bodenerhebung näherten, sahen wir Schafhürden oben stehen und beobachteten, wie Männer die Herden sammelten und sie mit einer Eile, die ihre Besorgnis verriet, hinter die schwarzen Mauern trieben. Aus einer zur Linken gelegenen Vertiefung aber näherten sich uns mehrere Gestalten — ob sie zu Fuß oder beritten waren, konnten wir nicht feststellen — und einige Augenblicke später stiegen zwei Rauchwölkchen vor ihnen auf, und wir hörten den Knall der Gewehre.

Schnell kehrte sich Gablān nach mir um.

»Darabūna!« sagte er, »sie haben auf uns geschossen.«

Laut sprach ich: »Sie haben Angst!« zu mir selbst aber: »Jetzt geht's los!«

Gablān erhob sich in den Steigbügeln, zog seinen pelzgefütterten Mantel von den Schultern, schlang ihn sich um den linken Arm und schwenkte ihn, während wir beide, er und ich, ganz langsam vorwärtsritten, über seinem Kopfe. Es fielen noch ein paar Schüsse, wir ritten weiter unter unsrer Friedensfahne. Das Schießen hörte auf; schließlich war es weiter nichts gewesen als die übliche, freilich mit dem bekannten Leichtsinn der Barbaren vollzogene Begrüßung eines Fremden. Unsre Angreifer erwiesen sich als zwei Neger, die von einem Ohr zum andern grinsten und gleich bereit waren, Freundschaft mit uns zu schließen und uns den Weg nach Umm ed Djimāl zu zeigen, sobald sie nur überzeugt waren, daß wir nicht auf Schafstehlen ausgingen. Nachdem wir den Hügel umritten hatten, sahen wir die Ruinen vor uns liegen. Beim Anblick ihrer schwarzen Türme und Mauern, die so kühn aus der Wüste aufragten, wurde es uns schwer zu glauben, daß der Ort bereits seit 1300 Jahren verödet und verfallen liegt. Erst als wir ganz nahe waren, wurden die Sprünge und Spalten in den Tuffsteinmauern und die Breschen in der Stadtmauer sichtbar. Vorwärts eilend wäre ich mitten in das Herz der Stadt hineingeritten, hätte Gablān nicht die Hand auf meinen Zügel gelegt und mich aufgehalten.

»Ich werde vorangehen!« sprach er, »o meine Dame, Sie sind meiner Obhut anvertraut.«

Dieser Entschluß mußte ihm hoch angerechnet werden, denn Gablān war die einzige Person, die irgendwelche Gefahr lief, und er war sich dieser Tatsache wohl bewußt.

Wir klapperten über die zerfallene Stadtmauer, umritten den viereckigen Klosterturm, das Hauptmerkmal der »Mutter der Kamele« (dies ist die Bedeutung des arabischen Namens), und kamen auf einen freien, von gänzlich verlassenen Straßen umgebenen Platz. Nichts Furchterweckendes zeigte sich, ja wir sahen kein anderes Lebenszeichen als zwei kleine schwarze Zelte, deren Bewohner uns mit Enthusiasmus begrüßten und uns in der liebenswürdigsten Weise Milch und Eier zum Verkauf boten. Die am Fuße des Haurāngebirges wohnenden Araber heißen Djebeliyyeh, Bergaraber, und kommen nicht weiter in Betracht, da sie nur Diener und Hirten der Drusen sind. Während sie im Winter die in die Ebene herniedergesandten Herden weiden, dürfen sie im Sommer ihr eigenes Vieh auf die unbebauten Abhänge treiben.

Tränken der Kamele.

Ich verbrachte die noch verbleibende helle Stunde mit Besichtigung der prächtigen Grabstätten außerhalb der Mauer. Mr. Dussaud hat die Erforschung derselben vor ungefähr fünf Jahren begonnen, und Monsieur Butler und Dr. Littmann, deren Besuch dem meinen unmittelbar voranging, werden zeigen, mit welchem Eifer sie die Arbeit fortgesetzt haben, sobald ihre nächsten Bände erscheinen. Nachdem ich die von ihnen geöffneten Gräber betrachtet und einige Hügel bemerkt hatte, die auf weitere Grabstätten hinweisen, entließ ich meine Gefährten und durchwanderte in der Dämmerung die wüsten Straßen der Stadt; ich betrat große öde Räume und verfallene Treppen, bis mich endlich Gablān zurückrief. Wenn die Leute eine Person im Pelzmantel zur Nachtzeit an diesem unheimlichen Ort umherwandeln sähen, meinte er, würden sie die Erscheinung für einen Geist halten und niederschießen. Überdies wollte er mich fragen, ob er nicht nach Tneib zurückkehren dürfte. Da einer der Araber uns morgen recht gut nach dem ersten Drusendorf führen könnte, wollte er sich lieber dem Gebirge nicht weiter nähern. Ich willigte gern ein; war es mir doch eine Erleichterung, nicht mehr die Verantwortung für seine Sicherheit zu tragen. Er bekam drei Napoleon für seine Mühe und einen warmen Dankesbrief an Fellāh ul 'Isa, und wir schieden mit vielen Versicherungen, daß wir gern wieder zusammen reisen würden, wenn Gott es so fügte.

Der steinige Fuß des Djebel Haurān ist mit Dörfern bestreut, die seit der mohammedanischen Einwanderung im 7. Jahrhundert verödet liegen. Ich besuchte zwei, die nicht allzu abseits von meinem Wege lagen, Schabha und Schabhiyyeh, und fand sie ganz desselben Charakters, wie Umm ed Djimāl. Von weitem gleichen sie gutgebauten Städten mit viereckigen Türmen und dreistöckigen Häusern. Wo die Mauern eingestürzt sind, da liegen sie noch, keine Hand hat sich gerührt, die Trümmer zu beseitigen. Monsieur de Vogüé hat als erster die Architektur des Haurān beschrieben; noch jetzt ist sein Werk das hauptsächlichste Quellenbuch. Die Wohnhäuser sind um einen Hof gebaut, von welchem aus gewöhnlich eine Außentreppe in das obere Stockwerk führt. Es ist kein Holz zu den Bauten verwendet, selbst die Türen bestehen aus schwerem Stein und bewegen sich in steinernen Angeln, und die Fenster werden durch dünne Steinplatten mit Durchbruchmuster ersetzt. Bisweilen findet man auch Spuren eines säulenflankierten Tores, oder durch die Mauer ist ein gekoppeltes Fenster gebrochen, dessen Bogen von kleinen Säulen mit groben, ganz einfachen Kapitälen getragen werden. Hin und wieder findet man auch die Querbalken der Türen mit Kreuzen oder den Initialen Christi geziert, im allgemeinen aber ist wenig Schmuck vorhanden. Die Zimmerdecken sind mit Steinplatten getäfelt, die auf querlaufenden Bogen ruhen. Soweit man mit Sicherheit annehmen kann, sind Nabathäische Gräber und Inschriften die ältesten geschichtlichen Denkmäler dieses Distrikts; ihnen folgen zahlreiche Überreste aus der heidnischen Römerzeit, die wahre Blüteperiode aber scheint die christliche Ära gewesen zu sein. Nach der Besitzergreifung durch die Mohammedaner, die dem Wohlstande des Hügellandes von Haurān ein Ende bereitete, wurden nur wenige Dörfer wieder bewohnt, und als vor ungefähr 150 Jahren die Drusen einwanderten, fanden sie keine eigentliche Bevölkerung vor. Sie eigneten sich das Gebirge an, zerstörten die alten Stätten vollständig, indem sie sie wieder aufbauten, und dehnten ihre Herrschaft auch über das südliche Flachland aus, ohne sich jedoch in den Ortschaften dieses umstrittenen Gebiets festzusetzen, das dem Archäologen ein dankbares Feld für seine Forschungen verblieben ist. Die amerikanische Expedition wird einen guten Gebrauch von dem hier ruhenden ungeheuren Material machen, und da ich wußte, daß berufenere Hände hier bereits die Arbeit getan hatten, rollte ich mein Metermaß auf und faltete den Zollstab zusammen. Aber ich konnte mir nicht versagen, Inschriften zu kopieren, und die wenigen (sie waren wirklich außerordentlich gering an Zahl), die Dr. Littmanns wachsamem Auge entgangen, zufällig aber zu meiner Kenntnis gelangt waren, habe ich ihm übermittelt, als wir uns in Damaskus trafen.

Abbrechen des Lagers.

Unserm neuen Führer, Fendi, fiel die Aufgabe zu, mich über alle Neuigkeiten im Gebirge zu unterrichten. Der Tod hatte in den letzten fünf Jahren tüchtig unter der großen Familie der Turschān aufgeräumt. Faīz el Atrasch, der Scheich von Kreyeh, war tot — vergiftet, wie man sagte, und ein oder zwei Wochen vor meiner Ankunft war auch der berühmteste aller Drusenführer, Schibly Beg el Atrasch, an einer geheimnisvollen, langwierigen Krankheit gestorben — wieder Gift, hieß es. Hier war Krieg, dort drohte er, ein schrecklicher Raubzug der Araber aus dem Wādi Sirhan mußte gerächt, eine Rechnung mit den Suchūr beglichen werden, im allgemeinen aber herrschte Wohlstand und Friede, soviel die Drusen sich nur wünschten. Zur Abwechselung schossen wir ein wenig nach Kaninchen, die schlafend in der Sonne lagen, was zwar kein besonders vornehmer Sport war, aber doch dazu beitrug, unsre Töpfe zu füllen und Mannigfaltigkeit in unser Menü zu bringen. Später ließ ich Fendi und die Maultiere den Weg allein fortsetzen und machte, nur von Michaïl begleitet, einen langen Umweg nach einigen Ruinen. Weit entfernt von dem übrigen Teil meiner Gesellschaft, beendeten wir gerade unser Frühstück am Fuße einer zerfallenen Mauer, als wir zwei Reiter über die Steppe und auf uns zukommen sahen. Schnell das Frühstück weggepackt und aufgestiegen, denn wir meinten, jede Begrüßung, die sie uns zugedacht, besser im Sattel entgegennehmen zu können. Sie hielten vor uns, und ihrem Gruß folgte ganz unmittelbar die Frage nach dem Ziel unsrer Reise. Ich antwortete: »Nach Salchad, zu Nasīb el Atrasch,« und sie ließen uns ohne weitere Bemerkung vorüber. Es waren keine Drusen, denn sie trugen nicht den bei diesem Volk üblichen Turban, sondern Christen aus Kreyeh, wo sich eine große Christengemeinde befindet. Sie ritten hinab nach Umm ed Djimāl, um den Winterquartieren ihrer Herden einen Besuch abzustatten, berichtete Fendi, dem sie eine Meile vor uns begegnet waren. Einige Stunden bevor wir die gegenwärtigen Grenzen der Kultur erreichten, sahen wir die Spuren ehemaligen Ackerbaus, und zwar in Gestalt langer, parallel laufender Steinlinien, die zur Seite der einst fruchtbaren Erde aufgehäuft waren. Sie sahen wie die Raine und Gräben einer riesigen Wiese aus, und sie scheinen fast unvergänglich zu sein, diese Zeichen eines menschlichen Fleißes, der doch seit der Zeit der arabischen Einwanderung geruht haben muß.

Am Fuße des ersten Ausläufers des Gebirges, des Tell es Schih (er ist nach der grauweißen Schihpflanze genannt, die das beste Schaffutter gibt), verließen wir die unfruchtbare Wüste und betraten die Region des Ackerbaus — verließen aber auch die langen, sauberen Flächen und versanken knöcheltief in den Schmutz eines syrischen Weges. Er führte uns bergauf, an den Rand des niedrigsten Plateaus des Djebel Druz (Drusengebirges); hier liegt Umm er Rummān, die Mutter der Granatäpfel, ein so unwirtlicher, unsauberer kleiner Ort, wie man sich ihn nur denken kann. Am Eingang des Dorfes machte ich Halt und fragte eine Gruppe Drusen nach einem Lagerplatz. Sie wiesen mich an einen höchst schmutzigen Ort in der Nähe des Friedhofes mit der Bemerkung, dies sei der einzige Ort, wo ich weder der Saat noch dem Gras Schaden zufügen könnte, und dabei ruhte, weiß der Himmel, die Saat noch im Schoße der Erde, und das Gras bestand aus wenigen braunen Stengeln, die aus der schmelzenden Schneedecke hervorsahen. Ich dachte nicht daran, meine Zelte so nahe bei den Gräbern aufzuschlagen und verlangte, die Wohnung Mohammed el Atraschs, des Scheichs von Umm er Rummān zu wissen. Dieser Fürst der Turschān saß auf seinem Dache und leitete gewisse Feldarbeiten, die unten im Moraste vorgenommen wurden. Die Zahl der Jahre hatte ihm eine unförmliche Gestalt verliehen, die durch die Menge der Kleidungsstücke, in die er der Winterkälte wegen seinen fetten, alten Körper gehüllt hatte, nur noch grotesker geworden. Ich näherte mich ihm, soweit es der Schmutz erlaubte, und rief hinauf:

»Friede sei mit dir, o Scheich!«

»Und mit Dir!« kreischte er zur Antwort.

»Wo in Eurem Dorfe finde ich einen trocknen Platz zum Lagern?«

Der Scheich beriet sich in den höchsten Tönen mit seinen Leuten unten im Morast und erwiderte endlich, daß er es nicht wüßte, bei Gott nicht. Noch immer wußte ich nicht, wohin meine Schritte lenken, da nahte ein Druse und kündigte mir an, daß er mir einen Ort außerhalb der Stadt zeigen könne. Sehr froh, der Verantwortung ledig zu sein, hieß mich der Scheich mit lauter Stimme in Frieden gehen und nahm seine Beschäftigung wieder auf.

Mohammed el Atrasch.

Mein Führer war ein junger Mann mit den scharfgeschnittenen Zügen und dem klugen Gesichtsausdruck seines Volkes. Wie alle seine Stammesbrüder war auch er mit einer lebhaften Neugier begabt und lockte, während er von einer Seite der Straße auf die andere hüpfte, um dem Schlamm und Schneewasser zu entrinnen, meine ganze Geschichte aus mir heraus, das Woher und Wohin, den Namen meines Vaters und meiner Freunde im Djebel Druz. Dieses Ausfragen ist sehr verschieden von der Sitte der Araber, bei denen es ein Haupterfordernis guter Erziehung ist, niemand mehr zu fragen, als er mitzuteilen für angemessen hält. In At Tabaris Geschichte finden wir eine hübsche Erzählung von einem Manne, der bei einem arabischen Scheich Schutz suchte. Er blieb bei ihm. Der Scheich starb, und sein Sohn, der an seiner Stelle regierte, wurde ebenfalls alt. Endlich kam der Enkel jenes ersten Wirtes zu seinem Vater und sprach: »Wer ist der Mann, der bei uns wohnt?« Und der Vater erwiderte: »Mein Sohn, er kam zu meines Vaters Zeiten zu uns, mein Vater wurde grau und starb, und er blieb unter meinem Schutz. Nun bin auch ich alt geworden, aber in all den Jahren haben wir ihn weder gefragt, wie er heißt, noch was er bei uns will. Und auch du sollst es nicht tun.« Doch freute ich mich, wieder im Bereich des scharfen Witzes und der forschenden Schwarzaugen der Gebirgsbewohner zu sein, wo jede Frage eine schnelle Antwort oder eine scharfe Zurückweisung erheischt. Und als mein Partner gar zu wißbegierig wurde, brauchte ich nur zu sagen:

»Höre, mein Freund, ich bin nicht ‚du’, sondern Eure Exzellenz«. Da lachte er, verstand und nahm sich den Verweis zu Herzen.

Man findet viele Inschriften in Umm er Rummān, einige nabathäischen und die anderen cufischen Ursprungs, ein Beweis, daß die Stadt auf dem Hochplateau oben eine alte Niederlassung war, die von Arabern nach ihrer Einwanderung wieder bewohnt wurde. Eine sehr vergnügte Schar kleiner Knaben folgte mir von Haus zu Haus; voll Eifer, mir einen beschriebenen Stein in der Mauer oder im Pflaster um die Feuerstelle zu zeigen, stürzten die kleinen Burschen immer einer über den andern. In einem Hause hielt mich eine Frau am Ärmel fest und beschwor mich, ihren Mann zu heilen. Das Gesicht in schmutzige Binden gehüllt, lag derselbe in einem dunklen Winkel des fensterlosen Raumes, und als die Lappen entfernt waren, sah ich eine schreckliche Wunde, das Werk einer Kugel, die durch den Backen gedrungen war und die Kinnlade zerschmettert hatte. Ich empfahl der Frau, die Wunde zu waschen und die Binden rein zu halten, und gab ihr ein antiseptisches Mittel, jedoch nicht ohne die Warnung, den Mann die Medizin ja nicht trinken zu lassen, obgleich ich wußte, daß es wenig ausmachte, ob er sie äußerlich oder innerlich nahm, da der Tod ihn sich bereits zur Beute ersehen. Das war der erste von einer langen Reihe Elender, die jedem, der unzivilisierte Länder bereist, vor Augen kommen und verzweiflungsvoll um sein Mitleid flehen. Männer und Frauen mit Krebs und schrecklichen Geschwüren, mit Fieber und Rheumatismus, Kinder, die von Geburt an verkrüppelt sind, Blinde und Alte — sie alle hoffen, daß die unendliche Weisheit des Westens ein Heilmittel für sie in Bereitschaft habe. Du schauderst über all das menschliche Elend und deine eigene Ohnmacht.

Mein Forschungsgang brachte mich endlich bis an die Tür des Scheichs und ich trat ein, um ihm einen offiziellen Besuch abzustatten. Nun die Tagesgeschäfte erledigt waren, spielte er den aufmerksamen Wirt. Wir saßen im Besuchszimmer (Mak'ad), einem dunklen, schmutzigen Nebengebäude mit einem eisernen Ofen in der Mitte, sprachen über den Krieg in Japan, über Wüstenraub (Ghazu) und andere Dinge, während des Scheichs Sohn, Selmān, ein hübscher, sechzehnjähriger Junge, uns Kaffee kochte. Mohammed ist der Schwager von Schibly und von Yahya Beg el Atrasch. Vor fünf Jahren war ich des letzteren Gast in seinem Dorfe 'Areh gewesen, wohin ich mich vor dem türkischen Mudīr in Bosra geflüchtet hatte. Selmān ist der einzige Sohn seines bejahrten Vaters und der einzige Sproß des berühmten turschānischen Hauses 'Areh, denn Schibly und Yahya sind kinderlos. Auf meinem Heimwege begleitete mich der muntere, aufgeweckte Knabe; leichtfüßig stieg er durch den Morast; über der ganzen Gestalt lag ein Hauch von Vornehmheit, das Kennzeichen eines edlen Geschlechts. Er hatte keine Schule besucht, obgleich sich eine große drusische Schule in dem 15 Meilen entfernten Kreyeh befindet, die von einem ziemlich gebildeten Christ geleitet wird.

»Mein Vater schätzt mich so hoch, daß er mich nicht von sich lassen will,« erklärte er.

»Aber Selmān,« hob ich an.

»O Gott!« erwiderte er, wie es üblich ist, wenn man beim Namen genannt wird.

»Der Geist der Drusen gleicht edlem Stahl, aber was ist Stahl, ehe er zu einem Schwert geschmiedet worden ist?«

Selmān entgegnete: »Mein Onkel Schibly konnte weder lesen noch schreiben.«

»Die Zeiten sind andere geworden,« sagte ich. »Das Haus Turschān wird geschulter Köpfe bedürfen, wenn es wie in alten Zeiten die Bewohner der Berge anführen soll.«

Mit dieser Führerrolle ist es freilich für immer vorbei, denn Schibly ist tot und Yahya kinderlos, Mohammed alt und Selmān unerzogen. Nun hat Faiz zwar vier Söhne hinterlassen, sie stehen aber nicht in Ansehen; Nasīb ist schlau aber ungebildet, Mustafa zu Imtain gilt für einen braven, wenig intelligenten Mann, und Hamūd von Sueda hat weiter nichts als seinen Reichtum. Der fähigste der Drusen ist ohne Zweifel Abu Tellāl von Schahba, und der scharfsinnigste Scheich Mohammed en Nassār.

Wir hatten eine bitterkalte Nacht. Der Kältegrad konnte zwar nicht genau festgestellt werden, denn mein Thermometer war zerbrochen, aber bis wir Damaskus erreichten, war das Wasser im Glase neben meinem Bett jeden Morgen ausgefroren, und in der einen Nacht war sogar der kleine tosende Fluß vor dem Lager still, weil hart gefroren. Gewöhnlich wurden Vieh und Maultiere in einem Khan (Karawanserei) untergebracht, solange der Frost anhielt. Kaum war unser Zelt aufgestellt worden, so verschwand Mohammed, der Druse (er war nun zu seinem eigentlichen Namen und Glauben zurückgekehrt), um sich während der Nacht der Gastfreundschaft seiner Sippe zu erfreuen. »Hm,« kommentierte Michaïl sarkastisch, »bei dem ist jeder, von dem er seine Mahlzeit erwischen kann, der Sohn seines Onkels.«

Ich mußte meinen morgigen Aufbruch verschieben, weil der Scheich mich zu einer sehr dehnbaren Zeit zum Frühstück geladen hatte. »Zwei Stunden nach Sonnenaufgang« — war gesagt worden, aber wer kann denn sagen, wann es dem Tagesgestirn beliebt, sich zu erheben? Es war eine angenehme Sitzung. Wir besprachen den Krieg in Jemen nach allen Seiten hin (im Grunde war ich die einzige Person, die irgendwelche Kunde davon hatte, und die meinige entstammte einer einige Monate alten Weekly Times), dann wollte Mohammed wissen, warum die Europäer so eifrig nach Inschriften forschten.

Flora und Fauna in der Wüste.

»Ich kann mir's ja denken,« fügte er hinzu, »sie werden wahrscheinlich das Land seinen früheren Besitzern zurückgeben wollen.«

Und als ich ihm versicherte, daß die letzten Sprossen der ehemaligen Herren des Haurān an die tausend Jahre tot wären, hörte er höflich zu und ging mit der unsicheren Miene eines Mannes, der um eine Antwort verlegen ist, auf ein anderes Thema über.

Der junge Mann, der uns unsern Lagerplatz angewiesen hatte, ritt mit uns bis Salchad, weil er, wie er sagte, dort Geschäfte hatte und lieber in Gesellschaft den Weg zurücklegte. Einer geistlichen Familie entstammend, ist Saleh, wie er hieß, im Lesen und Schreiben bewandert. Nun zerfallen die Drusen in Geweihte und Ungeweihte, und ich hatte die Kühnheit, ihn zu fragen, ob er zu den ersteren ('akil) gehöre. Mit dem gesellschaftlichen Rang hat diese Bezeichnung zwar nichts zu tun, denn die meisten Turschānen sind Ungeweihte, aber er warf mir doch einen scharfen Blick zu, und seine Gegenfrage:

»Was glauben Sie denn?« machte mir meinem Verstoß klar, so daß ich das Thema fallen ließ.

Saleh war nicht einer, der sich die Gelegenheit, etwas zu lernen, entschlüpfen ließ. Er forschte gehörig nach unsern Bräuchen, auch nach unsern Gesetzen über Ehe und Scheidung. Zu besonderer Heiterkeit reizte ihn die Sitte der englischen Väter, einen Mann dafür zu bezahlen, daß er seine Tochter heiratet. So deutete wenigstens Saleh das Wesen einer Mitgift, und wir lachten beide über ein derartiges sonderbares Übereinkommen. Auch war er begierig, die Ansichten der Abendländer über die Schöpfung der Welt und den Ursprung der Dinge zu hören, und die mancherlei heterodoxen Auffassungen, mit denen ich ihm den Willen tat, erfuhren weit schärfere Beleuchtung, als ihnen meinerseits entgegengebracht wurde. Wir verbrachten trotz des Schmutzes und Gerölles einen angenehmen Morgen. Ein kleiner purpurner Krokus hatte es eilig, am Rande einer Schneewehe zu blühen, und auch der weiße Stern einer Knoblauchpflanze. Das Gebirge ist reich an Frühlingsblüten. Reizvoll war die Aussicht nach Süden zu über die große Ebene, die wir überschritten hatten, nordwärts erhoben sich die mit dickem Schnee bedeckten Hügel, und Kuleib, das Kleine Herz, sah mit seinem eisigen, halb von Nebel verhüllten Gipfel ordentlich alpin aus. Zwei Stunden nach Mittag sahen wir Salchad, unser erstes Reiseziel.


Fünftes Kapitel.

Salchad, der Wohnsitz von King Og in Baschan, muß von Anbeginn an ein befestigter Ort gewesen sein. Das neuere Dorf gruppiert sich um den Fuß eines kleinen Vulkans, auf seiner Spitze und direkt in den Krater hineingebaut liegt die verfallene Festung. Sie und ihre Vorgänger im Krater bildeten die Vorposten des Haurāngebirges nach der Steppe hin, waren die Vorposten der frühesten Zivilisation gegen die ersten Marodeure. Das Terrain fällt nach Süden und Osten zu steil ab und ebnet, nur ganz im Anfang von ein oder zwei vulkanischen Erhebungen unterbrochen, in die lange, bis zum Euphrat reichende Fläche aus; schnurgerade, wie der Pfeil, der den Bogen verläßt, läuft die Römerstraße von Salchad in die Wüste hinein, keiner der neueren Reisenden ist ihr über zwei oder drei Stationen gefolgt. Hier nimmt der Karawanenweg nach Nedjd seinen Anfang; er führt über Kāf und Ethreh am Wādi Sirhan entlang nach Djof und Haïl und wurde, so gefährlich er ist, von den Blunts und später von Euting bereist. Eutings Beschreibung ist, mit der Gelehrsamkeit und gründlichen Beobachtung der Deutschen verfaßt, die beste, die wir haben. Direkt südlich von Salchad liegt ein interessantes zerstörtes Fort, Kal'at el Azrak. Das Dickicht der Oase birgt eine Menge wilder Bären. Dussaud, der diesen Teil besuchte, hat zwar eine prächtige Reisebeschreibung geliefert, aber ohne Zweifel läßt sich noch viel mehr des Neuen auffinden, birgt die Wüste noch manches Geheimnis, und jene große Ebene lockt so verführerisch, daß der Fuß in Salchad nur widerstrebend die Weiterreise nach Süden aufgibt.

Burg, Salchad.

Mein erster Weg war nach dem Hause von Nasīb el Atrasch, um Fellāh ul 'Isas Brief zu überbringen. Nasīb ist siebenundzwanzig, obgleich er wohl zehn Jahre älter erscheint; er ist von kurzer Statur, glatthaarig, und seine Gesichtszüge, die mehr schlau als angenehm sind, tragen ausgeprägten drusischen Typus. Er empfing mich in seinem Mak'ad, wo er mit seinem Bruder Djadallah saß, letzterer ein schlanker junger Mann mit hübschem, aber ziemlich einfältigem Gesicht. Nachdem er mich mit »bon jour« begrüßt, verfiel er in Schweigen, weil er mit seinem Französisch zu Ende war. Und wie er sich eine einzige Redensart aus einer europäischen Sprache geborgt hatte, so auch ein einziges Kleidungsstück aus einer europäischen Garderobe: einen enormen hochstehenden Halskragen, der zu seiner arabischen Tracht ganz wunderlich paßte. Außerdem befanden sich noch einige kaffeetrinkende Drusen in dem Raume, und noch jemand, den ich sofort aus einen Fremdling schätzte. Er entpuppte sich als der Mudīr el Māl von der türkischen Regierung. Seine eigentlichen amtlichen Funktionen sind mir zwar unbekannt, aber der Titel weist auf einen Angestellten der Schatzkammer hin. Salchad ist eins der drei Dörfer im Djebel Druz (die anderen heißen Sueda und 'Areh), wo der Sultan einen Kāimakām sowie ein Telegraphenamt hat. Jūsef Effendi, der Kāimakām, und Milhēm Iliān, der Mudīr el Māl, waren nicht wenig überrascht, als ich ohne irgend einen Avis oder eine Erlaubnis aus der Wüste auftauchte; täglich gingen drei Telegramme von ihnen mit Berichten über alles, was ich sagte oder tat, an den Vāli von Damaskus ab, und wenn ich auch auf besten Fuße mit beiden stand (Milhēm erwies sich als der intelligenteste und angenehmste Mann im Dorfe), habe ich ihnen wohl leider viel innere Unruhe geschafft. Und hier lassen Sie mich einschalten, daß ich auf Grund meiner Erfahrungen die türkischen Beamten zu den höflichsten und gefälligsten Männern rechnen muß. Komme zu ihnen mit den gehörigen Ausweisungen, und sie werden alles in ihrer Macht tun, um dir beizustehen. Und gesetzt auch, sie sind dir hinderlich, so geschieht es nur, weil sie höherem Gebot gehorchen müssen. Ja, selbst wenn du, wie es hin und wieder notgedrungen geschehen muß, ihre stets in ausgesucht höflicher Sprache gegebenen Weigerungen nicht beachtest, verbergen sie doch ihren gerechtfertigten Verdruß und tragen dir die Mühe nicht nach, die du ihnen verursachst. Die Regierungsbeamten in Salchad haben eine schwierige Stellung. In den letzten fünf Jahren ist es zwar im Gebirgsland friedlich hergegangen, aber die Drusen sind ein wetterwendisches Volk und leicht gereizt. Milhēm wußte sie wohl zu nehmen, und seine Ernennung zu dem neuen Posten in Salchad beweist Vālis aufrichtigen Wunsch, in der Zukunft Reibereien zu vermeiden. Milhēm war früher viele Jahre in Sueda gewesen, und als Christ lag zwischen ihm und den Drusen nicht jene unüberbrückbare Scheidewand des Hasses, die die letzteren vom Islam trennt; überdies sagt er sich auch, daß im Interesse der türkischen Regierung im Djebel Haurān nur wenig von einem Volk gefordert werden darf, das dem Namen nach untertan, in Wirklichkeit aber unabhängig ist. Jūsef Effendi stimmte mit ihm in dieser Überzeugung ziemlich überein, und er wußte gewiß am besten, wie schattenhaft seine Autorität war: gibt es doch nicht mehr als 200 türkische Soldaten im ganzen Bergland; der Rest der ottomanischen Macht besteht aus drusischen Zaptiehs, die sich zwar die Dienstuniform wohl gefallen lassen und den Sold einstecken, der selten genug bis zu ihnen gelangt, im übrigen aber kaum als zuverlässiger Schutz gelten können, wenn ernste Streitigkeiten zwischen ihrem eignen Volke und dem Sultan entstehen. Wie es den Anschein hatte, lebten Nasīb und sein Bruder mit dem Kāimakām im besten Einvernehmen: sie saßen fortwährend in seinem Mak'ad und tranken seinen Kaffee, aber als wir einst zufällig allein waren, bemerkte Jūsef Effendi pathetisch in seinem hochtrabenden Türkisch-Arabisch: »Ich weiß nie, was sie vorhaben, sie betrachten mich als Feind. Und wenn sie den Befehlen aus Damaskus nicht folgen wollen, so zerschneiden sie den Telegraphendraht und tun, was ihnen gefällt. Welche Macht habe ich, sie zu hindern?«

Nasīb el Atrasch.

Indes sind Anzeichen vorhanden, daß das unruhige Volk der Bergbewohner sein Interesse jetzt anderen Dingen zuwendet als dem Kriege mit den Osmanen, vor allem den Dampfwerken, die das Getreide für Salchad und einige andre Ortschaften mahlen. Wer eine Dampfmühle sein eigen nennt, ist gebunden, die bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten. Er, der sie mit beträchtlichen Kosten erbaut hat, wird nicht wünschen, sie von einer eindringenden türkischen Armee zerstört und sein Kapital vernichtet zu sehen; er hofft im Gegenteil, Geld daraus zu schlagen, und so erhält seine rastlose Energie eine neue, einträgliche Betätigung in dieser Weise. Ich habe den Eindruck, daß der Friede jetzt auf einer viel solideren Basis ruht als vor fünf Jahren, und daß die türkische Regierung nicht gesäumt hat, sich die Lektion des letzten Krieges zu Herzen zu nehmen. Hätte nur der Vāli von Damaskus gewußt, welch guten Eindruck seine wohlbedachten Maßnahmen auf die »ränkevolle Engländerin« machen — er hätte seinen Telegraphenbeamten ein gut Teil Arbeit ersparen können.

Eine Gruppe Drusen.

Es kann kaum ein besseres Beispiel geben für die Ungezwungenheit, mit der die Drusen ihre eignen Angelegenheiten erledigen, als ein Vorkommnis, welches sich am Abend meiner Ankunft zutrug. Es waren bereits Andeutungen über die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Zusammenstöße zwischen den Bergbewohnern und der Wüste gefallen, und kaum hatten wir einen Nachmittag in Salchad verlebt, so war uns auch schon klar, daß der große, vor einigen Monaten ausgeführte Raubzug Nasīb und seinen Bruder besonders beschäftigte. Wenn sie auch nicht mit uns davon sprachen, so lauschten sie doch aufmerksam, sobald wir die gegen die Hassaniyyeh verübten Räubereien erwähnten und die Rolle, die die Suchūr dabei gespielt hatten. Sie lockten auch alles heraus, was wir über die jetzige Stellung der letzteren wußten oder vermuteten, wie weit die Räuber gekommen waren, in welcher Richtung sie den Rückzug angetreten. Die Maultiertreiber hatten Männer an den Straßenecken flüstern hören und zwar von Vorbereitungen zum Krieg. Die Gruppen um Michaïls Feuer, von jeher ein Zentrum sozialer Tätigkeit, sprachen von Vergehungen, die nicht unbemerkt bleiben durften, und einer der vielen Söhne von Mohammeds Onkel hatte den ausgehungerten Beirutern ein Frühstück serviert, das mit mancherlei dunklen Winken über ein zwischen den Wādi Sirhan und den Beni Sachr bestehendes Bündnis gewürzt war, welches im Keime erstickt werden müsse, ehe es beunruhigende Dimensionen annehmen könne. Der Raubzug würde sich kaum bis Salchad erstrecken, aber das Unheil brauchte auch gar nicht bis zu diesem Punkte zu warten, besonders nicht im Winter, wo alle Vierfüßler, außer den notwendigen Reitpferden, weit entfernt auf der südlichen Ebene sind.

Mein Lager befand sich außerhalb der Stadt, auf einem Felde am Fuße des Burghügels. Nach Norden zu waren die Hänge bis zu den verfallenen Festungsmauern hinauf dick mit Schnee bedeckt, und auch wo wir lagerten, befanden sich einzelne Schneewehen, die im Vollmondschein glitzerten. Eben ging ich nach beendeter Mahlzeit mit mir zu rate, ob es wohl zu kalt wäre, mein Tagebuch zu schreiben, als wilder Gesang die Stille der Nacht unterbrach, und eine mächtige Flamme von den obersten Mauern des Kastells zum Himmel emporloderte. Es war ein Leuchtfeuer, welches den zahlreichen drusischen Dörfern in der Ebene unten die Annäherung des Raubzuges verkünden sollte, der Gesang aber rief zu den Waffen. Der drusische Zaptieh, der an meinem Lagerfeuer saß, sprang auf und starrte erst auf mich und dann auf die rote Glut über uns.

»Wird es mir gestattet sein, hinaufzugehen?« fragte ich.

»Es liegt nichts dagegen vor. Beehren Sie uns.«