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Herrn Dames Aufzeichnungen


Von F. Gräfin zu Reventlow
sind in unserem Verlag erschienen

Ellen Olestjerne, Roman
Von Paul zu Pedro, Amouresken


F. Gräfin zu Reventlow

Herrn Dames Aufzeichnungen

oder

Begebenheiten aus einem
merkwürdigen Stadtteil

Albert Langen, München


Copyright 1913 by Albert Langen, Munich


1

Verehrter Freund und Gönner!

Sie wissen ja – Sie wissen genug darüber, wer »Wir« sind – womit wir uns unterhalten, und mit welchem Inhalt wir die uns zugemessenen Erdentage zu erfüllen suchen. Sie wissen auch, wie wir das Dasein je nachdem als ernste und schwerwiegende Sache – als heiteren Zeitvertreib, als absoluten Stumpfsinn oder auch als recht schlechten Scherz hinzunehmen, aufzufassen und zu gestalten pflegen.

Sie waren es, der von jeher das richtige Verständnis für unseren Plural hatte – für die große Vereinfachung und anderseits die ungeheure Bereicherung des Lebens, die wir ihm verdanken. Wie armselig, wie vereinzelt, wie prätentiös und peinlich unterstrichen steht das erzählende oder erlebende »Ich« da – wie reich und stark dagegen das »Wir«.

Wir können in dem, was um uns ist, irgendwie aufgehen, untergehen – harmonisch damit verschmelzen. – Ich springt immer wieder heraus, schnell wieder empor, wie die kleinen Teufel in Holzschachteln, die man auf dem Jahrmarkt kauft. Immer strebt es nach Zusammenhängen – und findet sie nicht. – Wir brauchen keinen Zusammenhang, – wir sind selbst einer.

Die Sendung, die wir heute unserem Briefe beifügen, oder, richtiger, der Inhalt eben dieser Sendung, ist wieder ein neuer Beweis dafür.

Denn dies alles, teurer Freund, den wir insgesamt gleich schätzen und verehren, gilt nur als Vorrede einer Vorrede, die jetzt beginnen und Ihnen zur Erläuterung beifolgender Dokumente dienen soll, – das heißt zur Erläuterung des Umstandes, daß wir eben diese Dokumente in Ihre Hände legen und von Ihnen die Lösung manches Rätsels erhoffen.

Mit den Papieren hat es nun folgende Bewandtnis:

Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein, daß wir gelegentlich einer Seereise einen jungen Menschen kennen lernten. Wir fanden ihn sehr liebenswürdig und unterhielten uns gerne mit ihm. Es dauerte allerdings einige Zeit, bis es so weit kam, denn er war zu Anfang ungemein zurückhaltend und schien schwere seelische Erschütterungen durchgemacht zu haben – aber davon später.

Der junge Mann hieß mit dem Nachnamen: Dame – also Herr Dame – dieser Umstand mochte wohl einiges zu seiner reservierten Haltung beitragen und gehörte zu den vielen Hemmungen, über die er sich beklagte. Wenn er sich vorstellte oder vorstellen ließ, wurde er stets etwas unsicher und fügte jedesmal hinzu: – »Dame, ja – ich heiße nämlich Dame«.

Wir fragten ihn einmal, weshalb er das täte – der Name sei doch nicht auffallender als viele andere, und er mache auf diese Weise eigentlich die Leute selbst erst aufmerksam, daß sich eine Seltsamkeit, sozusagen eine Art Naturspiel daraus konstruieren lasse.

Er entgegnete trübe: Ja, das wisse er wohl, aber er könne nicht anders, und es gehöre nun einmal zu seiner Biographie. (Diese Bemerkung lernten wir erst später bei der Lektüre seiner Aufzeichnungen verstehen.) Herr Dame war seinem Äußeren und seinem Wesen nach durchaus der Typus: junger Mann aus guter Familie und von sorgfältiger Erziehung, mit einer Beimischung von mattem Lebemannstum – sehr matt und sehr äußerlich. Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalte auf die Straße gegangen, auch wenn ihm das Herz noch so weh tat – und das Herz muß ihm wohl oft sehr weh getan haben. Die Grundnote seines Wesens war überhaupt eine gewisse betrübte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trübsal, aber daneben liebte er Parfüms und schöne Taschentücher.

Als wir ihn kennen lernten, war er schweigsam und verstört; allmählich, besonders, wenn wir in den warmen Nächten an Deck saßen, ging ihm immer das Herz auf, und er erzählte von sich selbst und von seiner Biographie – wie er längere Zeit unter eigentümlichen Menschen gelebt und eigentümliche Dinge mitangesehen und auch miterlebt habe. Schon von Haus aus habe er einen dunklen Trieb in sich gefühlt, das Leben zu begreifen, und da habe man ihn an jene Menschen gewiesen. Leider vergeblich, denn er konnte es nun erst recht nicht begreifen, sondern sei völlig verwirrt geworden und eben jetzt auf dem Wege, in fernen Ländern Heilung und Genesen zu suchen.

Den Ort, wo sich das alles begeben hat, wollte er nicht gerne näher bezeichnen – er sagte nur, es sei nicht eigentlich eine Stadt, sondern vielmehr ein Stadtteil gewesen – der auch in seinen Papieren oft und viel genannt wird. Wir konnten uns das nicht recht vorstellen.

Er erzählte uns denn auch, daß er damals allerhand niedergeschrieben habe, in der Absicht, vielleicht später einen Roman oder ein Memoirenwerk daraus zu gestalten, und wir interessierten uns lebhaft dafür.

So kam die Zeit heran, wo wir uns trennen mußten, denn die Reise ging zu Ende. An einem der letzten Tage stieg Herr Dame müden Schrittes in seine Kabine hinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebener Hefte wieder, dann sagte er: wenn es uns Freude mache, sei er gerne bereit, uns seine Aufzeichnungen zu überlassen. Er wolle sie auch nicht wieder haben, denn das alles sei für ihn abgetan und läge hinter ihm, und er habe wenig Platz in seinen Koffern. Was damit geschehe, sei ihm ganz gleichgültig, wir möchten es je nachdem weitergeben, verschenken, vernichten oder veröffentlichen. Er selbst würde schwerlich wieder nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurückkehren. Dann nahmen wir recht bewegt Abschied und wünschten ihm alles Gute. Es sollte leider nicht in Erfüllung gehen, denn der Zug, mit dem er weiterfuhr, fiel einer Katastrophe zum Opfer, und in der Liste der Geretteten war sein Name nicht genannt, – so ist wohl leider anzunehmen, daß er mitverunglückte. Wir haben denn auch nichts mehr von ihm gehört.


Die Aufzeichnungen haben wir gelesen – es war das erste, was wir damit taten; aber, wie schon anfangs erwähnt, vieles darin ist uns ziemlich dunkel geblieben. Nach unserer Ansicht handelt es sich, wie ja auch Herr Dame selbst meinte, um recht eigentümliche Menschen, Begebnisse und Anschauungen. – Unter anderem interessiert es uns lebhaft, wo jener Stadtteil zu finden ist, in dem sich das alles begeben. Wir leben, wie Sie wissen, schon so lange in der Fremde, daß es viel zu anstrengend wäre, die Kulturströmungen einzelner Stadtteile genauer zu verfolgen.

Vor allem wünschen wir Ihre Ansicht darüber zu erfahren, ob die vorliegenden Dokumente wohl die Bedeutung eines »document humain« haben und sich zur Veröffentlichung eignen würden. Meinen Sie nicht auch, daß es dann vielleicht ein schöner Akt der Pietät wäre, dem anscheinend Frühverblichenen auf diese Weise einen Grabstein zu setzen?

Wenn Sie es für geboten erachten, würden wir Sie bitten, einen Kommentar dazu zu schreiben – uns fehlt leider die nötige Sachkenntnis, und so haben wir uns auf einige bescheidene und mehr sachliche Anmerkungen beschränkt – aber vielleicht ist es auch überflüssig.


Kurzum – ja, wirklich kurzum, denn wir lieben die Kürze auch dann noch, wenn wir ausführlich sein müssen – lieben sie um so mehr, wenn wir gerade ausführlich gewesen sind –, wir legen diese Papiere und alles Weitere vertrauensvoll in Ihre Hände …

Dezember

Langweilig – diese Wintertage – – –

Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche gemacht. Man nahm mich überall liebenswürdig auf und stellte die obligaten Fragen, – wo ich wohne, wie ich mir mein Leben einzurichten gedenke und was ich studiere. Der alte Hofrat schien es etwas bedenklich zu finden, daß ich kein bestimmtes Studium ergreifen will und so wenig fixierte Interessen habe, – ich solle mich vorsehen, nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten. – Das war sicher sehr wohlgemeint, aber es fällt mir auf die Nerven, wenn die Leute glauben, ich sei nur hier, um mir »die Hörner abzulaufen« und mich nebenbei auf irgendeinen Beruf vorzubereiten.

Es war eine Erholung, nachher Dr. Gerhard im Café zu treffen. Ich erzählte ihm von meinen Familienbesuchen, er räusperte sich ein paarmal und sah mich prüfend an. Dann meinte er, das mit dem Hörnerablaufen sei wohl eine veraltete studentische Schablone, aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute, die sich »gärenshalber« hier aufhielten, und zu diesen würde wohl auch ich zu rechnen sein.

Eine sonderbare Definition – »gärenshalber« – aber der Doktor drückt sich gerne etwas gewunden aus – das scheint überhaupt hier üblich zu sein.

Wenn man darüber nachdenkt, hat er eigentlich nicht ganz unrecht. Vielleicht ist etwas Wahres daran – es kommt mir ganz plausibel vor, daß mein Stiefvater mich gärenshalber hergeschickt hat. Nur paßt es wohl gerade auf mich nicht recht. Ich habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen danach – überhaupt nicht viel eigne Initiative – ich werde einfach zu irgend etwas verurteilt, und das geschieht dann mit mir. Mein Stiefvater meint es sehr gut und hat viel Verständnis für meine Veranlagung; so pflege ich im großen und ganzen auch immer zu tun, was er über mich verhängt.

Verhängt – ja, das ist wohl das richtige Wort. Schon allein die äußeren Umstände bringen es mit sich, daß immer alles eine Art Verhängnis für mich wird. Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Väter. Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt – er soll sehr unsympathisch gewesen sein – und nur den Namen von ihm bekommen. Mein Stiefvater hat einen normalen, unauffälligen Namen und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie hätte ihn ebensogut gleich heiraten können, und alles wäre vermieden worden. Es wurde aber nicht vermieden, denn es war über mich verhängt, diesen Namen zu bekommen und mein Leben lang mit ihm herumzulaufen.

Dame – Herr Dame – wie kann man Herr Dame heißen? so fragen die anderen, und so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort fand: Ich bin eben dazu verurteilt, und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen – zum Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung – einem matten, neutralen Auftreten, das mich irgendwie motiviert. Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen, und das Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur. Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen gelernt.

Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlich gesprochen, er schien es auch zu verstehen, und es interessierte ihn. Der »Verurteilte« sei wohl ein Typus, meinte er, mit derselben Berechtigung wie »der Verschwender«, »der Don Juan«, »der Abenteurer« und so weiter als feststehende Typen betrachtet würden. Dann hat er gesagt, jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie, der er nachleben müsse. Es käme nur darauf an, das richtig zu verstehen – man müsse selbst fühlen, was in die Biographie hineingehört und sich ihr anpaßt – alles andere solle man ja beiseite lassen oder vermeiden.

7. Dezember

Darüber habe ich dieser Tage viel nachgedacht. Heute hätte ich gerne wieder Dr. Gerhard getroffen und das neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt. Aber es saß diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch. Unangenehm, daß man beim Vorstellen nie die Namen versteht – das heißt, meinen haben sie natürlich alle verstanden – mein Verhängnis – er ist so deutlich und bleibt haften, weil man sich über ihn wundert. Ich habe diese junge Frau beneidet, die neben Gerhard saß, weil man sie nur Susanna oder gnädige Frau anredete.

Du lieber Gott, ich werde ja nicht einmal heiraten können, wenn ich gerne wollte. Wie könnte man einem Mädchen zumuten, Frau Dame zu heißen – –? Und dann daneben zu sitzen, das mitanzuhören und selbst – nein, diese Reihe von Unmöglichkeiten ist nicht auszudenken.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich dieser Susanna oder gnädigen Frau – wie ich sie natürlich anreden mußte, meine quälenden Vorstellungen anvertraute. Sie hat nicht einmal gelacht – doch – sie hat schon etwas gelacht, aber sie begriff auch die elende Tragik.

Es kam später noch ein Herr an den Tisch, den man mir als Doktor Sendt vorstellte. Er ist Philosoph und macht einen äußerst intelligenten Eindruck. Mir schien auch, daß er eine gewisse Sympathie für mich fühlte.

Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten – ich konnte manchmal nicht recht folgen – Doktor Sendt merkte es jedesmal, zog dann die Augenbrauen in die Höhe, sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augen an und erklärte mir in klarer, pointierter Ausdrucksweise, um was es sich handle.

Ich möchte gerne mehr mit ihm verkehren; mir ist, als könnte ich viel von ihm lernen. Und eben das scheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit.

Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise, um den es etwas ganz Besonderes sein muß. Dabei entspannen sich starke Meinungsverschiedenheiten. Bei diesem Gespräch hörte ich nur zu, ich mochte nicht immer wieder Fragen stellen, um so mehr, weil allerhand Persönliches berührt wurde und ich nicht gerne indiskret erscheinen wollte.

Übrigens genierte ich mich auch etwas, weil der Dichter, der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll, mir ziemlich unbekannt war. Seinen Namen kannte ich wohl, aber von seinen Werken so gut wie nichts.

Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren, auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte, die auf ungewöhnliche, aber immerhin ganz geschmackvolle Art geschlungen war. (Frau Susanna stieß den Philosophen an und raunte ihm zu, es sei wohl eine »kultliche« Krawatte – und der antwortete: Violett – natürlich ist das kultlich.) Dieser junge Mensch also bezeichnete ihn ausschließlich als den Meister. Ich hatte bisher nur gehört, daß man in Bayreuth so redet, und es befremdete mich ein wenig. Überhaupt redete er mit einem Pathos, das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen »Meister« unangenehm berühren würde, wenn er es zufällig hörte – und war sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren, besonders des Philosophen, der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus äußerte.

Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache – eine ältere Dame erzählte: man (anscheinend Mitglieder jenes Kreises) wäre bei einer Art Wahrsager – einem sogenannten Psychometer – gewesen, und es sei unbegreiflich, wie dieser Mann durch bloßes Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer Besitzer zu erkennen wisse – ja, bei Verstorbenen sogar die Todesart.

»Es ist ganz ausgeschlossen,« so sagte sie, »daß er über irgend etwas Persönliches im voraus orientiert sein konnte und – –« »Aber Sie müssen doch zugeben, daß er manchmal versagt,« fiel der Dichter mit der violetten Krawatte ihr ins Wort – – »in bezug auf den Meister hat er sich schwer geirrt. Und gerade das ist sehr interessant und bedeutungsvoll, denn es zeigte deutlich, daß er die Substanz des Meisters wohl fühlte, nicht aber beurteilen konnte – –«

»Wieso?« fragte einer von den Herrn, der nicht dabei gewesen war. Der Dichter maß ihn mit einem überlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame, die zuerst gesprochen hatte:

»Sie haben es ja selbst gehört – er bezeichnete sie als unecht und theatralisch – und weshalb – weil er eben nicht ahnte, um wen es sich hier handelt – weil er sich die hier verwirklichte Größe aus seinem engen Gesichtskreis heraus nicht vorstellen konnte. So half er sich mit der These des Theatralischen darüber hinweg. – Für uns nur wieder eine neue Bestätigung, wie wenige der Erkenntnis des einzig und wahrhaft Großen würdig sind.«

Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und hörte mit leuchtendem Blick zu:

»Ja, ja, so ist's, wir fühlten es ja auch alle – aber wie klar und schön Sie es jetzt ausgelegt haben.«

»Es ist so klar, daß es kaum noch einer Auslegung bedurfte – zudem hatte der Meister den bewußten Ring erst seit einem Jahr getragen, und seine Substanz war zweifellos noch mit fremden früheren Substanzen gemischt – das mußte die Beurteilung bedeutend erschweren.«

Darauf entstand eine Pause, und dann sagte die Dame sehr nachdenklich:

»Hören Sie, vielleicht liegt es noch einfacher – ich habe diesen Mann schon lange im Verdacht, daß er schwarze Magie treibt, und dann läge es wohl nahe, daß er alles wirklich Große und Schöne hassen – innerlich ablehnen muß. Und wiederum – daß der Meister nach jener Äußerung die Gesellschaft verließ, beweist doch stärker wie alles andere, daß er sich mit etwas Unlauterem in Berührung fühlte und sich dem entziehen mußte.«

»O, ich glaube,« warf Sendt spöttisch ein, »auch wenn man ihm von völlig lauterer Seite derartige Dinge sagte, würde er sich zurückziehen.«

»Das soll wohl wieder eine von Ihren logischen Spitzfindigkeiten sein,« erwiderte die Dame gereizt, »– aber die Sache trifft es nicht. Allerdings hätte er sich mit vollem Recht zurückgezogen – aber diese Dinge sind überhaupt nicht wesenhaft und gehören nicht zur Mitte.«

»Warum beschäftigt man sich denn immer wieder mit ihnen? Ich meine, vor kurzem noch gehört zu haben, daß die Beschränkung auf die weiße Magie nicht gebilligt wurde?«

»Gegen die schwarze sind von jeher schwere Bedenken erhoben,« antwortete die Dame etwas strafend.

»Besonders seit jener böse Magier die Substanz des Meisters so verkannte,« bemerkte Sendt, während er ihr in den Mantel half, denn sie hatte sich inzwischen erhoben, um zu gehen.

»Allerdings,« murmelte sie vor sich hin, und es klang sehr überzeugt. Dann brach sie auf und mit ihr der größere Teil der Gesellschaft. Nur Doktor Sendt und Susanna blieben noch.

Der Philosoph sah sie an, lächelte und sagte: »Mirobuk!« Ich hatte das Wort noch nie gehört, und was es bedeuten sollte, war mir nicht klar, aber Susanna lachte und sagte:

»Achten Sie nur darauf – Herr – Herr Dame, wenn Sendt Mirobuk sagt, so hat es meistens eine gewisse Berechtigung.«

Ich faßte Mut und fragte, was denn um Gottes willen das mit der Magie bedeute, die Dame sprach ja wie ein erfahrener alter Hexenmeister. – Schwarze und weiße Magie – was versteht man überhaupt darunter? Ich dachte, so etwas käme nur in Märchenbüchern oder im Mittelalter vor. »O nein,« sagte mir Sendt, »die Dame huldigt nur wie viele andere dem Spiritismus, und Sie müssen wissen, daß dieser von seinen Anhängern als weiße Magie proklamiert wird, weil man sich nur an die guten und sympathischen Geister wendet und mit ihnen Beziehungen anknüpft. Die schwarze Magie aber beschäftigt sich gerne mit den Geistern von Verbrechern und Bösewichtern, die sich noch nicht ganz von der Erde befreit haben. – Sie besitzen deshalb auch noch irdische Kräfte und rächen sich gelegentlich an dem, der sie beherrscht. Und der Magier, von dem hier die Rede war, hat sich eben so schlecht benommen, daß man ihm alles mögliche zutraut und sich in Zukunft vor ihm hüten wird.«

Ich war ihm recht dankbar für diese Aufklärung, nur kam es mir befremdlich vor – nein, befremdlich ist nicht das rechte Wort – aber jener junge Mann und die Dame hatten eine so verwirrende Art sich dunkel und geheimnisvoll auszudrücken und dabei, als ob von ganz realen Dingen die Rede sei, daß ich selbst etwas unsicher geworden war. Wie sie von dem Meister als von einem ganz übernatürlichen Wesen sprachen – von seinem Ring und seiner »Substanz« – am Ende ist er auch ein Magier – ein Zauberer – ein Nekromant oder dergleichen – –


Ich war Susanna im Grunde recht dankbar, daß sie mich auslachte und sagte, es sei leicht zu merken, daß ich mich noch nicht lange hier aufhalte.


2

8. Dezember

Heute wollte ich nicht ins Café, aber ich ging doch hin und fand wieder eine ungünstige Konstellation vor; der Philosoph saß mit der lebhaften älteren Dame von neulich zusammen. Ich mochte nicht aufdringlich erscheinen, so setzte ich mich an den Nebentisch, den einzigen, der noch frei war, und las Zeitungen. Sie sprachen aber so laut, besonders die Dame, daß ich nicht umhin konnte, zuzuhören, und hinter der Zeitung mein Notizbuch vornahm, denn es schien mir wieder sehr bemerkenswert, was sie da redeten. Die Dame erzählte von einem Professor Hofmann, dessen Name neulich schon verschiedentlich erwähnt wurde – er habe ihr gesagt, sie sähe ausgesprochen »kappadozisch« aus.

Kappadozien kommt, so viel ich weiß, in der Bibel vor, aber ich begriff nicht recht, wieso jemand »kappadozisch« aussehen kann, und warum sie das mit solcher Wärme erzählte. Woher will man denn wissen, wie die Kappadozier ausgesehen haben? Der Philosoph lächelte auch.

Nun kam einiges, was ich nicht recht verstand, und dann das, was ich mir notiert habe.

»Nein, es sollten die Posaunen von Jericho sein – hören Sie nur: sie waren alle bei mir auf dem Atelier –«

»War er auch dabei?« fragte der Philosoph, und die Dame warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Aber ich bitte Sie, wenn Sie spotten wollen –«

»Nein, nein, ich dachte nur – aber bitte, fahren Sie fort.«

»Also der Professor, seine Frau und einige von den jungen Dichtern. Einer von ihnen ging gleich an meinen Flügel, betrachtete ihn von allen Seiten und sagte irgend etwas. Dann fragte die Frau Professor ihren Mann:

›Wollen wir es jetzt sagen?‹, und er nickte. Dieses Nicken sehe ich noch deutlich vor mir, aber ich kann es nicht beschreiben, es lag etwas ganz Besonderes darin. Dann war plötzlich ein Paket da, es wurde ausgewickelt, und ein Kästchen mit einem Schlauch daran kam zum Vorschein – es sah etwa aus wie ein photographischer Apparat. Und Frau Hofmann sagte lebhaft, dieses Kästchen habe ein Freund ihres Mannes aus dem Orient mitgebracht, es gäbe auf der ganzen Welt nur noch ein ebensolches, und das gehöre dem Oberrabbi von Damaskus. Wenn man es an ein Klavier anschraube, innerlich erhitze und dann hineinbliese, so gäbe es genau denselben Ton, wie die Posaunen von Jericho.«

»Hatten Sie nicht Angst, daß auch bei Ihnen die Mauern einfallen könnten?« fragte der Philosoph.

»Nein, von den Mauern war gar nicht die Rede – ich weiß nur, daß ich dann nach Spiritus suchte, um das Kästchen zu füllen, und ihn nicht finden konnte, aber mit einem Mal war er doch da, und das Kästchen war auch schon am Klavier angebracht. Der Professor blies in den Schlauch und es gab einen dumpfen Ton – aber dann muß der Spiritus ausgelaufen sein, und plötzlich stand alles in Flammen. Niemand kümmerte sich darum, und ich dachte an meinen Perserteppich, der unter dem Flügel liegt. Sie wissen ja, ich bin etwas eigen mit meinen Sachen. Aber der Professor sagte, es sei gar kein Perser, es sei ein ›Beludschistan‹, und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge, – ist das nicht merkwürdig? Ja, und nun kam noch etwas ganz Triviales, ich meinte, der Flügel würde sicher auch anbrennen, und in diesem Moment stand der Professor in seiner ganzen Größe vor mir und sagte:

›Wenn Fräulein H… mir ihren Verlust genau beziffert, soll alles ersetzt werden.‹«

»Und dann?« fragte der Philosoph.

»Das weiß ich selbst nicht mehr, es war ganz verschwommen, – aber sagen Sie selbst, liebster Doktor, ist es nicht wirklich seltsam? Meinen Sie nicht, daß es kosmische Bedeutung hat?«

Damit brach das Gespräch ab, denn Gerhard kam, und die Dame ging bald darauf fort. Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt, was denn das für eine rätselhafte Geschichte sei, ich hätte leider nicht vermeiden können, sie mitanzuhören. Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, daß man hierzulande Zauberei treibt.

»Haben Sie denn nicht gemerkt, daß die Dame mir einen Traum erzählte?«

»Nein – darauf bin ich gar nicht gekommen.«

»Lieber Dame,« sagte Gerhard, und es klang beinah wehmütig – er hat überhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton – »Sie machen Fortschritte. Schon können Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Das geht uns allen hier wohl manchmal so – nicht wahr, cher philosophe

»Traum oder nicht Traum,« antwortete der Philosoph nervös, »was sie mir da auftischte, war wieder einmal eine Wahnmochingerei, wie sie im Buch steht.«

»Wahnmochingerei – was ist das?«

»Nun, was Sie da eben mitangehört haben.«

Doktor Gerhard wollte wissen, was für ein Traum es gewesen sei.

»Natürlich ein kosmischer,« sagte der Philosoph, »sie hoffte es wenigstens und wollte von mir wissen, ob es stimmt. Sonst traut sie sich nicht ihn bei Hofmanns zu erzählen.«

Ich hätte gerne noch gewußt, was eine »Wahnmochingerei« ist und »kosmische Träume«. – Aber der Philosoph schien mir nicht gut aufgelegt, und ich kann doch nicht immer fragen und fragen wie ein vierjähriges Kind.


3

14. Dezember

Ein komischer Zufall, daß ich Heinz Kellermann hier treffe. Wir haben uns seit dem Gymnasium nicht mehr gesehen. Er behauptet zwar, es gebe nichts Zufälliges, sondern was wir Zufall nennen und als solchen empfinden, sei gerade das Gegenteil davon, nämlich ein durch innere Notwendigkeit bedingtes Geschehen. Man sei nur im allgemeinen zu blind, um diese inneren Notwendigkeiten zu sehen.

Trotzdem schien er ebenso verwundert wie ich und fragte mit der gedehnten und erstaunten Betonung, die ich so gut an ihm kannte:

»Wie kommst du denn hierher?«

Ich konnte diese Frage nur zurückgeben, und dann sagte er etwas überlegen: O, man könne nur hier leben und hier lerne man wirklich verstehen, was Leben überhaupt bedeute. Ich habe ihm erzählt, daß das auch mein sehnlichster Wunsch sei, und wie ich mich mit meiner Biographie herumquäle – na Gott ja, – daß ich eben ein Verurteilter bin und nicht recht weiß, was ich mit mir und dem Leben anfangen soll.

Daraufhin ist er gleich viel wärmer geworden und lud mich für den Abend in seine Wohnung ein, – es kämen noch einige Freunde von ihm, auf die er mich sehr neugierig machte.

Ich ging hin, und es war auch wirklich der Mühe wert. Aber ich werde jetzt wieder ein paar Tage daheim bleiben und mich sammeln. Es sind zu viel neue und verwirrende Eindrücke von allen Seiten. Wohin ich komme und wen ich kennen lerne – alles ist so seltsam, wie in einer ganz anderen Welt, und ich tappe noch so unsicher darin herum. – Ob das nun Zufall ist oder innere Notwendigkeit, daß ich hierher kam und gerade diese Menschen kennen lerne? Aber es lockt mich, ich kann dem allen nicht mehr entfliehen – ich bin wohl dazu verurteilt, und der Gedanke gibt mir meine innere Ruhe etwas wieder.

Doktor Gerhard rät mir ja immer wieder, ich solle etwas schreiben – jeder Mensch habe einiges zu sagen und müsse, was er erlebt, in irgendeiner Form nach außen hin gestalten. – Wenn es auch nur wäre, um meinem Stiefvater Vergnügen zu machen, er hat ja schon immer gemeint, ich hätte ein gewisses Talent dazu. – Und er ist gewiß aufrichtig, denn er hält sonst nicht übermäßig viel von meiner Begabung.

Ich weiß nicht recht – einstweilen mache ich mir Aufzeichnungen und Notizen, besonders wenn ich mit dem Philosophen zusammen bin.


Da war der Abend mit Heinz Kellermann und seinen Freunden. Der eine mit dem scharfen Gesicht sah fast wie ein Indianer aus. Als ich das sagte, wurde Heinz ganz ärgerlich und behauptete, er sei doch blond, dunkelblond wenigstens und ein absolut germanischer Typus. Es gab eine förmliche Diskussion darüber, aus der ich entnahm, daß sie die blonden Menschen mehr ästimieren als die dunklen, und daß das irgendeine besondere Bedeutung hat.

Es war auch ein junges Mädchen dabei – eine Malerin –, das übrigens ausgesprochen schwarzes Haar hatte, aber ich wagte keine Bemerkung darüber, denn mir schien, daß sie der Unterhaltung etwas deprimiert zuhörte, und ich muß gestehen, ich freute mich zum erstenmal darüber, daß ich blond bin.

Im ganzen hatte ich aber wieder das Gefühl, nicht recht mitzukönnen. Ich weiß nicht, ob man diese Ausdrucksweise eigentlich »geschraubt« nennen kann, aber sie kommt einem manchmal so vor, und man muß sich erst daran gewöhnen.

Was meinen sie zum Beispiel damit: man müsse einen Menschen erst »erleben«, um ihn zu verstehen?

Heinz machte manchmal ganz treffende Bemerkungen – das kann er überhaupt sehr gut –, und dann hieß es:

»Heinz, Sie sind enorm.«

Nach dem Tee setzte man sich auf den Boden, das heißt auf Teppiche und Kissen. Heinz machte die Lampe aus und zündete in einer Kupferschale Spiritus an – warum auch nicht –, es gab eine schöne blaugrünliche Flamme. Aber dann stand die Malerin auf und hielt ihre Hände darüber, man sah nur die schwarze Gestalt und die Hände über der Spiritusflamme, die in dieser Beleuchtung ganz grünlich aussahen.

Und nun waren alle ganz begeistert und sagten wieder, das sei »enorm«. Um auch irgend etwas zu sagen und mich gegen das junge Mädchen höflich zu zeigen, meinte ich, dieses offene Feuer in der Schale habe etwas von einem alt-heidnischen Brauch. Das war nur so hingesagt, weil mir nichts anderes einfiel, aber sie sahen sich bedeutungsvoll an, als ob ich einen großen Ausspruch getan hätte, und Heinz sagte zu dem Indianer: »Sehen Sie – und er weiß gar nicht, was er damit gesagt hat.« – »Das ist es ja gerade,« antwortete der, »er muß das Heidnische ganz unbewußt erlebt haben.«

Ich wollte fragen, was er meinte, da klingelte es, und dann kam der Professor Hofmann – der mit dem Kreis – der aus dem Traum – ich dachte mir gleich, daß er es wäre. Er war ungemein gesprächig und liebenswürdig, bewunderte das Feuer in der Schale und nannte es fabelhaft, ebenso die grünlichen Hände der Malerin und sagte, es sei ganz unglaublich schön, wie sie dastände. – Ich mußte dabei an die Geschichte neulich im Café denken – die »Wahnmochingerei«, wie der Philosoph es nannte.

Dann ging die Flamme aus, und die Lampe wurde wieder angezündet. Da niemand an Vorstellen zu denken schien, tat ich es selbst. Der Professor sah mich plötzlich verwirrt und ganz entgeistert an, ich dachte, er hätte mich nicht verstanden, wiederholte meinen Namen und setzte hinzu:

»Ich heiße nämlich Dame.«

Er schüttelte mir nun mit großer Lebhaftigkeit die Hand und sagte, es freue ihn unendlich, mich kennen zu lernen.

Dann unterhielt man sich über dieses und jenes. Der Professor ging dabei mit etwas stürmischen Schritten auf und ab, nahm jeden Augenblick einen Gegenstand in die Hand, betrachtete ihn ganz genau und stellte ihn wieder hin. Im Laufe des Gespräches fragte er mich, ob ich auch in »Wahnmoching« wohnte. Ich fragte wieso und hielt es für einen Witz – »ich wohne in der K…straße«. Darüber brachen sie alle in Gelächter aus und fanden es enorm, daß ich nicht wüßte, was »Wahnmoching« sei.

Man erklärte mir, daß der ganze Stadtteil von dem großen Tor an so heiße. Wie sollte ich das wissen, ich habe mich gar nicht darum gekümmert, wie der Stadtteil heißt, in dem ich wohne. In Berlin weiß man es, aber hier doch nicht. Ich begriff wirklich nicht, was daran »enorm« sein sollte. Ja, sagten sie, das sei es ja eben, – ich wäre in allem so unbewußt.

Sonst bin ich wirklich ein geduldiger Mensch, aber ich hatte allmählich den Eindruck, als ob man mich mystifizieren wollte, und sagte, den Ausdruck »Wahnmochingerei« hätte ich schon gehört. Der Professor wurde stutzig und fragte, von wem denn?

»Von Doktor Sendt, dem Philosophen.«

»Ah – Sie kennen Doktor Sendt?« es klang beinah, als ob ihn das verstimmte. Aber dann wurde er wieder sehr herzlich und lud mich ein, ihn zu besuchen und zu seinem Jour zu kommen.

den 18. …

Nachts um ein Uhr den Philosophen auf der Straße getroffen – wir gehen noch lange auf und ab, ich erzähle ihm von dem Abend bei Heinz und bitte um einige Aufklärungen.

Warum es »enorm« ist, wenn man Spiritus in Kupferschalen verbrennt und jemand die Hände darüber hält – ich kann immer noch nicht vergessen, wie grünlich das ganze Mädchen aussah –, warum geraten sie darüber in solches Entzücken? oder wenn man von einem heidnischen Brauch spricht?

»Junger Mann,« sagt Sendt, »enorm ist einfach ein Superlativ, der Superlativ aller Superlative. Sie werden überhaupt mit der Zeit bemerken, daß man unter echten Wahnmochingern einen ganz besonderen Jargon redet, und Sie müssen lernen, diesen Jargon zu beherrschen, sonst kommen Sie nicht mit. Man sagt beispielsweise nicht ein Ding, eine Sache, eine Frau sei schön, reizend, anmutig – sondern sie ist fabelhaft, unglaublich – enorm. Das heißt – enorm wird mehr in übertragener Bedeutung angewandt und bedeutet den höchsten Grad der Vollendung. Speziell in dem Kreise, dem Ihr Freund Heinz angehört.«

»Schon wieder ein Kreis?« – frage ich.

»Ja, aber die Kreise berühren sich, – dieser besteht nur aus wenigen und dreht sich etwas anders. Man beschäftigt sich dort damit, den Spuren des alten Heidentums nachzugehen – daher die Freude über Ihre harmlose Bemerkung. Und das grünliche Mädchen hatte wohl irgendeine symbolische Bedeutung.«

Der Philosoph hielt plötzlich inne – hinter uns klangen rasche Schritte, und es kamen ein paar Herren an uns vorbei. Zwei von ihnen waren indifferent aussehende junge Leute – der dritte, der zwischen ihnen ging, ein knapp mittelgroßer Mann mit niedrigem schwarzem Hut und einem dunklen Mantel, den er wie eine Art Toga umgeschlagen hatte, – man konnte ihn auf den ersten Blick fast für einen Geistlichen halten. Er schien über irgend etwas sehr erregt und sprach eifrig auf seine Begleiter ein, – in einem ganz eigentümlichen, monoton singenden Tonfall. Gerade als sie uns überholten, hörten wir ihn sagen:

»Ja – bis vor drei Jahren konnte man sie noch für zwei Mark auf jeder Dult finden – aber jetzt haben die Juden alle aufgekauft, und unter zehn Mark sind überhaupt keine mehr zu haben.«

Gegen Ende des Satzes ging seine Stimme allmählich mehr in die Höhe, und zum Schluß kam ein kurzes, schrilles Auflachen. Als er uns sah, machte er eine halbe Wendung seitwärts und grüßte den Philosophen. Deutlich sah ich in diesem Moment sein breites, glattrasiertes Gesicht mit auffallend hellen, leuchtenden Augen, das aber trotzdem etwas absolut Unbewegliches, beinah Starres hatte. Beim Grüßen verzog er den Mund zu einem äußerst konventionellen Lächeln, in der nächsten Sekunde aber nahm er wieder einen steinernen und völlig ablehnenden Ausdruck an und ging rasch mit kurzen, eiligen Schritten seines Weges.

Der Philosoph schien sich an dieser Begegnung und der aufgefangenen Bemerkung ungemein zu freuen:

»Lupus in fabula,« sagte er – »Sie haben wirklich Glück, Herr Dame – dieser Herr, der mich eben grüßte, ist – nun man könnte ihn wohl den geistigen Vater des Wahnmochinger Heidentums nennen – nein, nein – das ist in diesem Falle nicht richtig – er würde es sehr übel nehmen, wenn man ihn als Vater von irgend etwas bezeichnen wollte – denn gerade er ist der Hauptverfechter des matriarchalischen Prinzips.«

»Liebster Philosoph,« bat ich, »nun wird es mir schon wieder zu hoch.«

Übrigens dachte ich mir gleich, daß jener Herr ein gewisser Delius sein müßte, von dem Heinz mir viel erzählte.

Ja, es stimmte, und ich fand, es sei wirklich wieder ein sonderbares Spiel des Zufalls, daß wir ihm gerade bei diesem Gespräch begegneten, aber Sendt sagte, man träfe ihn sehr oft um diese Stunde, er liebe die Nacht und alles Dunkle.

»Dieser Delius – nun, er ist wohl eine sonderbare Erscheinung,« fuhr er dann fort, »die heutige Zeit, auf die wir alle mehr oder minder angewiesen sind, gilt ihm nichts, er ignoriert sie oder begegnet ihr wenigstens nur rein konventionell – etwa so, wie er mich vorhin grüßte. Sein eigentliches Leben spielt sich in längst versunkenen Daseinsformen ab – mit denen er sich und andere identifiziert. – Passen Sie einmal gut auf, Herr Dame – wissen Sie ungefähr, was man sich unter Seelensubstanzen vorzustellen hat?«

Ich sagte, daß ich es mir wohl vorstellen könnte – es war ja neulich im Café schon davon die Rede.

»Schön – also Delius denkt sich nun diese Seelensubstanzen von den ältesten Zeiten her wie Gesteinschichten übereinander gelagert, etwa zuunterst die der alten Ägypter, Babylonier, Perser – dann die der Griechen, Römer, Germanen und so weiter. Man nennt das biotische Schichten. – Seit der Völkerwanderung, meint er nun, habe sich alles verschoben, die Substanzen sind durcheinandergemischt und dadurch verdorben worden. Infolgedessen wirken bei den jetzigen Menschen lauter verschiedene Elemente gegeneinander, und es kommt nichts Gutes dabei heraus. Nur bei wenigen (und das sind natürlich die Auserlesenen) hat sich eine oder die andere Substanz in überwiegendem Maße erhalten – zum Beispiel bei ihm selbst die römische – er fühlt und empfindet durchaus als antiker Römer und würde Sie höchst befremdet anschauen, wenn Sie ihm sagten, er lebe doch im zwanzigsten Jahrhundert und sei in der Pfalz geboren. Denn seine Substanz ist eben römisch. Bei Heinz Kellermann und dessen Freunden dagegen herrscht die altgermanische vor, – daher auch die stark betonte Vorliebe für Blonde und Langschädel.«

»Aber lieber Doktor, sagen Sie mir nur noch das eine: – was hat das alles damit zu tun, daß dieser Stadtteil Wahnmoching heißt?«

»Herr Dame – denn Sie heißen ja wirklich so,« sagte der Philosoph, und ich konnte es ihm in diesem Augenblick nicht übelnehmen – »Wahnmoching heißt wohl ein Stadtteil – eben dieser Stadtteil, aber das ist nur ein zufälliger Umstand. Er könnte auch anders heißen oder umgetauft werden, – Wahnmoching würde dennoch Wahnmoching bleiben. Wahnmoching im bildlichen Sinne geht weit über den Rahmen eines Stadtteils hinaus. Wahnmoching ist eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen – Wahnmoching ist noch vieles, vieles andere, und das werden Sie erst allmählich begreifen lernen. – Aber für heute sei es des Guten genug, sonst möchte noch die aufgehende Sonne uns hier im Zwiegespräch überraschen.«

Damit trennten wir uns.


4

20. …

Mir fehlte etwas der Mut, zu diesem Jour zu gehen, aber Doktor Gerhard nahm mich mit. Ziemlich viele Leute, die sich in mehreren Räumen verteilten, die Frau des Hauses an einem gemütlichen Eckplatz hinter der Teemaschine, um die herum eine Anzahl junger Leute und Damen. Als wir eintraten, schwieg alles ein paar Minuten lang, – ich merkte später, daß es jedesmal so war, wenn jemand Neues kam. Gerhard stellte mich vor und fügte statt meiner hinzu:

»Gnädige Frau, mein junger Freund heißt nämlich so.«

Frau Hofmann empfing mich sehr liebenswürdig – ihr Mann habe ihr schon von mir erzählt. Dann wandte sie sich an die anderen:

»Denken Sie nur, Herr Dame wußte bis vor kurzem nicht, daß er in Wahnmoching wohnte.«

Man betrachtete mich, wie mir schien, mit verwundertem Wohlgefallen, und ich war durch diese Bemerkung gewissermaßen eingeführt. Ich langweilte mich etwas, denn da ich niemand kannte, mußte ich vorläufig auf meinem Platz sitzen bleiben und Tee trinken. Gerhard machte vor einem jungen Mädchen halt – neben ihr auf einem Tischchen stand ein grüner Frosch aus Porzellan oder Majolika – und sagte etwas wehmütig:

»Gnädiges Fräulein – Sie sollten eigentlich immer einen grünen Frosch neben sich sitzen haben.«

Dann ging er weiter von einer Gruppe zur anderen und sagte wahrscheinlich ähnliche Dinge, denn wo er hinkam, wurde es gleich etwas belebter.

Ich beneidete ihn im stillen um diese Gabe, denn ich konnte mich nicht recht in die Konversation hineinfinden.

Es war die Rede von Menschen im allgemeinen, von ihrem Wesen, und worauf es dabei ankäme. Der Professor sagte etwas überstürzt und definitiv:

»Auf die Geste kommt es an.« – Die jungen Herren, es waren zwei oder drei – nickten bedeutungsvoll zustimmend, und die ältere Dame aus dem Café – die kappadozische – die ich gleich wiedererkannt hatte – sagte lebhaft:

»Ich hätte gedacht – in erster Linie auf die Echtheit des Empfindens.«

»Empfinden ist immer echt,« bemerkte Hofmann wieder sehr definitiv, so daß man nicht anders konnte als ihm beistimmen. Aber Gerhard, der jetzt wieder neben dem Tisch stand und ein Bild betrachtete, warf milde ein:

»Nun, das kann man doch nicht so ohne weiteres hinstellen, – es gibt wohl auch leere und bedeutungslose Gesten, die durch das Empfinden nicht gerechtfertigt werden. Und ich meine, man darf nicht so schlechthin von der Geste sprechen.«

Worauf die Frau des Hauses förmlich triumphierend meinte:

»Nun, worauf es ankommt, ist eben der Stil.«

»Gewiß, aber nicht jeder,« korrigierte ihr Mann und sah etwas beleidigt aus. – »Die Geste ist überhaupt die geistleibliche Urform alles Lebens, und der Rhythmus der Geste ist der Stil.«

Die anderen hörten ganz begeistert zu, und die Kappadozische äußerte:

»Das haben Sie wieder ganz wunderbar gesagt.«

Gerhard räusperte sich ein paarmal, als ob er nicht ganz einverstanden wäre, dann brach er auf, und ich schloß mich ihm an. Zum Herrn des Hauses sagte er noch:

»Lieber Professor, ich hoffe, mein junger Freund wird noch öfter Gelegenheit finden, mit Ihnen zusammenzukommen.«

Der Professor schüttelte mir wiederholt die Hand und sah mich ganz zerstreut an. Als wir hinausgingen, sagte er halblaut zu Gerhard:

»Ihr Freund ist ein wundervoller Mensch.«

Warum wohl – ich hatte den ganzen Abend kaum zehn Worte gesagt und das meiste, was sie sprachen, nicht verstanden, zudem, wie Gerhard mir nachher sagte, einen schweren Fauxpas begangen, indem ich der Frau Professor sagte: ich sei sehr begierig, den Meister kennen zu lernen. – So etwas dürfe man nicht tun, – es wäre eine Art Gotteslästerung. Er pflege sich im dritten Zimmer aufzuhalten, und nur, wer würdig befunden sei, würde ihm vorgestellt; zum Beispiel jener verklärte Jüngling, der vorhin leise mit der Hausfrau sprach und dann plötzlich verschwand. – Das gehöre eben auch zur »Geste«.


Geste – Geste – was soll man darunter verstehen – wie war es noch? – die geistleibliche Urform alles Lebens. Hier wird ja überhaupt so viel vom »Leben« gesprochen, und immer so, als ob es durchaus nichts Selbstverständliches wäre, sondern gerade das Gegenteil. Aber gerade darin liegt wohl etwas, was reizt und anzieht – ich möchte ja selbst endlich einmal dahinter kommen, was es eigentlich mit dem Leben auf sich hat – ob es etwas ganz Selbstverständliches oder etwas ungeheuer Kompliziertes ist.

Heinz zum Beispiel tut ja, als ob er hier in diesem sonderbaren Stadtteil den Stein der Weisen gefunden hätte. Und mir ist, seit ich hier bin, zumut, als ob ich nur in Rätseln sprechen höre und mich zwischen lauter Rätseln bewege. Ich fühle mich ziemlich unglücklich, und in meinem Kopf ist es wirr und dunkel.

– – – – – – – – – – – –

Anmerkung

Hier sind mehrere Seiten herausgerissen, und statt dessen findet sich eine Anzahl fast unleserlicher Zettel mit Bleistiftnotizen. Dann folgt quer über die Seiten hingeschrieben ein Eintrag von Frauenhand:

– ich habe dieses Heft – Ihr Tagebuch, wie es scheint, offen auf dem Tisch gefunden und war so indiskret, etwas darin zu lesen. – Ja, Sie sind entschieden ein »wundervoller Mensch«.

Chamotte hat mich hereingelassen – sicher hat er es auch gelesen, denn er ist beunruhigt um Sie und beklagt sich, daß Sie in der letzten Zeit so sonderbar wären. – Ich habe es auch gemerkt und fange an es zu begreifen. Aber – du wirst mit deinem Singen – doch nicht zum Himmel dringen.

Gehen Sie deshalb lieber nicht wieder zum Jour, sondern kommen Sie morgen mit mir auf die Elenden-Kirchweih. (Das ist ein Fest.) – Tout – Wahnmoching wird sicher auch dort sein.

Halt – ich kann mich im Moment nicht besinnen, ob Sie einen Schnurrbart haben – ich glaube, nein, er paßt entschieden nicht zu Ihrer Biographie. Aber wenn ja, so lassen Sie ihn vorher beseitigen – er geht nicht zum Kostüm.

Also 7 Uhr abends im Eckhaus. (Chamotte weiß den Weg) – dreimal klingeln – –

Susanna.

Ach, diese Frau – es ist wirklich nicht ganz diskret, in meinen Sachen zu stöbern, wenn ich nicht zu Hause bin, und mir da mitten hineinzuschreiben. Ich bin so ordentlich, daß es an Pedanterie grenzt, und so etwas stört mich.

Ich habe Chamotte zur Rede gestellt – Chamotte ist mein kleiner Diener. Susanna hat ihn so getauft, weil sie seinen Namen nicht behalten konnte und fand, er sähe aus, als ob er Chamotte hieße. Er fühlte sich dadurch geehrt, er schwärmt für Susanna und verteidigt sich – na, es ist eine Schande –, aber er macht mir alles nach, und wenn mir etwas nicht paßt, behauptet er einfach, er wäre dazu verurteilt gewesen, es so zu machen. Aber der Bengel ist erst sechzehn Jahre alt und wird dabei nie unverschämt. Und mir tut es manchmal wohl, so eine Art zweites Ich zu haben, das intelligent und bescheiden auf das erste reagiert – und das man hinausschicken kann, wenn man will.

Chamotte spricht jetzt auch von »unserer« Biographie und findet, wir müssen unbedingt zu dem Fest gehen, ich soll ihn als meinen Sklaven mitnehmen, – das hat Susanna ihm heute früh in den Kopf gesetzt.


5

10. Januar.

Ich werde doch wohl anfangen einen Roman zu schreiben. Als erstes Kapitel könnte ich gleich den gestrigen Abend nehmen.

Der junge Mann im Pelzmantel ist Herr Dame. Etwas müde und nachdenklich geht er durch die Straßen. Chamotte, sein Diener, folgt ihm, mit Maskenkostümen beladen. Er ist verurteilt, heute abend auf ein Fest zu gehen – eine Frau hat ihn dazu verurteilt.

Große Schneeflocken fallen vom Himmel – der heimliche Traum seines Lebens ist, einmal, nur einmal der Frau zu begegnen, die ihn – ach Gott, wie soll man das sagen – die ihn mit Liebe und zur Liebe verurteilt – gütig und doch. – Nein, das geht nicht, das muß noch anders gesagt werden.

Sie kommen in eine Nebenstraße, an der Ecke steht ein altes Haus mit großem grünem Tor und einer altmodischen Glocke. Chamotte zieht die Glocke – dreimal – denn nur auf dieses Zeichen wird man eingelassen. Man geht durch einen Laubengang und über einen gepflasterten Hof, – wieder eine Tür und wieder dasselbe Glockenzeichen. Die Tür wird von innen aufgerissen. Der Herr im Pelzmantel fährt zurück – Chamotte schreit laut auf, – vor ihnen im Schein einer trüben Laterne steht ein Henkersknecht aus dem Mittelalter – oder Gott weiß woher. Er trägt ein eisernes Schuppenhemd, eine verrostete Sturmhaube, unter der die Augen unheimlich hervorblicken, im Ledergürtel steckt ein langes, handbreites Dolchmesser, baumelt geraubtes Altargerät. Quer über die Stirn läuft eine blutrote Narbe.

Die unheimliche Gestalt verbeugt sich in tiefem Ernst:

»von Orlonski« – »Dame – Dame – ja, ich heiße so«.

»Freut mich sehr, Susanna wartet schon.«

Der Henker mit seiner Laterne geht voran, – durch einen dunklen Flur, eine Treppe hinauf, in einen großen hellerleuchteten Raum, – eine Art Küche, wie man sie in Bauernhäusern findet. In der einen Ecke ist der Herd, in der anderen ein gewaltiger Tisch mit ledergepolsterten Bänken und Stühlen – an den Wänden altes Kupferzeug und Fayencegeschirr, – ein ganzes Museum.

Susanna steht am Tisch in einem weißen Gewand und schminkt einen untersetzten jungen Herrn, der mit runden schwarzen Augen gefühlvoll zu ihr aufblickt. Ein zweiter, mit dem Zwicker auf der Nase, hält die Lampe, spricht und gestikuliert aufs lebhafteste. Dazwischen läuft ein fünf- bis sechsjähriges Kind herum. Begrüßung – Vorstellung, – der Fremde, in dieser Umgebung wieder völlig Fremde, küßt ihr die Hand. Der Henker stürzt an den Herd und rührt in einem Gericht, das anzubrennen droht – Chamotte reißt Augen und Mund auf und steht wie verzückt.

»Wir haben Eile, Eile,« sagte Susanna – »Haben Sie Ihr Kostüm? – Chamotte, mach' das Paket auf – und Ihr Schnurrbart?«

Sie sieht mir ins Gesicht – –

Anmerkung

Herr Dame geht manchmal unvermittelt in die erste Person über – aber falls er seinen Roman wirklich jemals geschrieben hätte, würde er es sicher korrigiert haben.

»Ach Susanna, ich habe nie einen Schnurrbart getragen.«

Der Herr mit dem Zwicker fixiert erst mich und dann Susanna. Damit ist die Frage vorläufig erledigt.

»Also rasch, ziehen Sie sich an, Herr Dame.«

»Hier?« Ich sehe mich hilflos um.

»Aber Susja,« ruft der Henker schokiert vom Herd herüber, »ist zum erstenmal hier Herr – Herr – Dame –«

(Susja, – das klang so hübsch und ermahnend, – ich fasse Sympathie für den Henker.)

»Ach Willy, wir tun ihn in Ihr Schlafzimmer –« sagt sie zu dem mit den runden Augen und schiebt mich in einen anstoßenden Raum.

Auch dort ist Licht, und von einem Diwan fährt erschrocken ein Mädchen mit offenen blonden Haaren empor.

»Was machen Sie denn, Susanna?« schreit Willy, und sie schiebt mich rasch noch ein Zimmer weiter.

»Ich wußte wirklich nicht, daß du hier bist, Maria,« sagte sie dann zu der Blonden, Erschrockenen.

»O, ich war so müde, und Willy sagte, ich könne hier etwas schlafen – ich bin schon seit fünf Uhr da.«

»Kind, dann eil dich jetzt und hilf diesem jungen Mann hier, wenn er mit seinem Kostüm nicht zurecht kommt. Ach so,« sie stellte uns durch die halboffene Tür einander vor.

»Chamotte kann mir ja helfen.«

»Chamotte?« fragt die Blonde dazwischen, »um Gottes willen, wer ist das?«

»Nein, Chamotte, den müssen wir jetzt herrichten, ich weiß noch gar nicht, was wir ihm anziehen.«

Und fort war sie.

Herr Dame bemüht sich, der Situation gerecht zu werden, zu der er sich verurteilt sieht, er unterhält sich mit dem jungen Mädchen nebenan, läßt sich dann auch von ihr helfen, denn er kann durchaus nicht mit seinem Kostüm zurechtkommen. Sie tut es mit großem Ernst – sie scheint noch halbverschlafen und etwas melancholisch.

Dann möchte er sich etwas über die verschiedenen Persönlichkeiten orientieren. Der Henkersknecht ist von polnischem Adel und ohne ausgesprochenen Beruf – der mit dem Zwicker ein strebsamer Schriftsteller, namens Adrian, und der dritte ist Willy, – man nennt ihn niemals anders.

»Wir haben alle so langweilige Nachnamen,« fügte sie hinzu, »und es ist auch bequemer, sie einfach zu kassieren.«

»Wollte Gott,« sagt Herr Dame mit einem tiefen Seufzer, »wollte Gott, man könnte seinen Nachnamen für alle Zeiten kassieren –«

»Ich habe Ihren vorhin gar nicht verstanden –«

»Ich heiße Dame, gnädiges Fräulein – hören Sie wie das klingt.«

»Dame?«

»Ja, Dame – Herr Dame – stellen Sie sich vor – wenn ich nun einmal die Frau finden würde –«

Sie hat sich auf dem Sofa niedergelassen, von dem sie vorhin so erschrocken emporfuhr – er setzt sich neben sie. In ihren Augen liegt so viel wirkliche Güte; er spricht von seiner Biographie, sagt ihr, daß er ein Verurteilter ist – sie hört zu und scheint tief nachzudenken, die blonden Haare fallen ihr ins Gesicht – Nebenan wird es immer lauter. »Dame!« ruft Susanna und schaut zur Tür herein, »Herr Dame, bitte kommen Sie –« Er zuckt zusammen. »Ach Susanna –«

Sie gehen in die Küche hinüber – da steht Chamotte auf einem Tisch, nur mit einer roten Badehose bekleidet, und der Henker ist damit beschäftigt, ihn von oben bis unten schwarz anzustreichen. Nur das eine Bein ist noch weiß, der arme Junge bietet einen merkwürdigen Anblick und wird etwas verlegen, als er seinen Gebieter sieht.

»Wenn ihm nur die Farbe nicht schadet« – meint Susanna mütterlich besorgt – »wir haben ihm ein anderes Kostüm vorgeschlagen, aber er wollte durchaus ein richtiger Sklave sein.«

»Das ist meine Biographie,« bemerkt Chamotte bescheiden.

»O Chamotte, du bist zum Wahnmochinger geboren,« sagt Susanna.

»Adrian, – Sie schauen ihn so verzückt an, als ob Sie ein Gedicht machen wollten, – vielleicht das Gedicht, das Ihnen endlich den Eintritt zum Tempel verschafft.«

Adrian, der Herr mit dem Zwicker, der sich in eine Toga hüllt und trotzdem aussieht, als ob er eigentlich in den Frack gehörte – lächelt arrogant und beginnt sofort in feierlich getragenem Ton zu improvisieren:

Der schwarze Sklave, der den Becher trug,
Empfing die Farbe aus des Henkers Hand;
Er hieß Chamotte – – –

Das Weitere habe ich nicht behalten – man erzählte mir, daß Adrian an einem Gedichtband arbeitet und danach strebt, unter die Auserwählten des Hoffmannschen Kreises aufgenommen zu werden. Aber bisher habe er sich seine Chancen immer wieder durch irgendeine Unvorsichtigkeit verdorben.

Ich fand ihn sehr liebenswürdig – munter und gesprächig – und er hat wohl auch Herz. Auf dem Wege zum Fest saß ich mit ihm und Maria im Fiaker. Sie dachte noch über meinen Namen nach, und wir sprachen darüber. Ich sagte, daß ich Chamotte beneide – wie fröhlich und selbstverständlich kann einer durch die Welt gehen, wenn er so gerufen wird; er tut sich leicht mit seiner Biographie. Chamotte, – das klingt so, als ob ihm die reifen Früchte von selbst aus den Bäumen herabfallen müßten – und obendrein ist es nicht einmal sein wirklicher Name.

Adrian nahm den Zwicker ab und sann nach, dann schlug er vor mich »Monsieur Dame« zu nennen. Er selbst wolle den Anfang machen, und es würde sich dann gewiß rasch einbürgern. – Wir schüttelten uns herzlich die Hände.

An dem Abend allerdings nützte es nicht viel, denn wir gerieten unter lauter Bekannte, und die kappadozische Dame, die sich meiner vom Jour her erinnert, fing gleich an zu fragen. Ich machte ihr rasch einige Komplimente über ihr kappadozisches Aussehen, und dann ließ sie mich gar nicht mehr los – ob ich das auch fände – und wie ich darauf käme – es sei wirklich wunderbar.

Ach Gott, was geht mich die kappadozische Dame an – ich möchte meinen Roman schreiben, und es ist doch nicht so einfach, wie ich dachte. Das bunte Treiben im Eckhaus – der Kreis – die Enormen – aber mir fehlt einstweilen noch der Faden, die durchgehende Handlung, oder wie man das nennt. – Und ob es angeht einen ganzen Roman so zu schreiben, wie ich das erste Kapitel angefangen habe – ich fürchte, es gibt ein zu rasches Tempo. Man müßte wohl für jede Gruppe einen besonderen Stil anwenden – darüber werde ich Doktor Gerhard oder Adrian noch zu Rate ziehen. Und vieles wird mir der Philosoph erklären müssen.


Das Fest an sich wäre wohl besonders schwierig zu schildern, denn für mich war es ein unbeschreibliches Durcheinander von Menschen, Kostümen, Musik, Lärm, einzelnen Vorfällen, Gesprächen und so weiter. Ich bin auch kein Karnevalmensch, wie man hier sagt. Ich trinke wenig, tanze nicht und bin froh, wenn man mich möglichst in Ruhe läßt.

Durch die kappadozische Dame kam ich an den Hofmannschen Tisch. Ab und zu erschien Susanna und setzte sich neben mich. Das war mir ein Trost, – ich hätte mich sonst wieder recht ratlos gefühlt. Ich dachte, man würde sich gemessen und weihevoll benehmen, und es machte mich stutzig, daß der Professor als Teufel verkleidet war und in wilden Sprüngen tanzte. – Gott, das ist wohl begreiflich, ich hatte noch nie einen Professor in rotem Trikot gesehen. Eine Anzahl Jünglinge bildeten einen Kreis um ihn – ich glaube, es würde ein Walzer gespielt, aber niemand kümmerte sich darum, sie sprangen auf ihre eigene Weise, und die kappadozische Dame war ganz entzückt und sagte, das sei dionysisch. Adrian teilte ihre Begeisterung und erklärte, er würde nächstens auf seinem Atelier eine Satansmesse veranstalten, ob ich nicht auch kommen wollte, – ich meinte etwas kleinlaut, daß ich noch nicht genug von Magie verstände – –

»O, ich kann Ihnen ein Buch darüber leihen. – Ja – übrigens weiß ich doch nicht recht – ob eine Satansmesse das Richtige wäre, aber eine Orgie – eine panerotische Orgie – was meinen Sie dazu, gnädiges Fräulein?«

Susanna trat mich so energisch auf den Fuß, daß ich unwillkürlich stöhnte – ich hatte nur Sandalen an. Und Adrian wandte sich rasch nach mir um:

»Sie scheinen das nicht recht zu billigen, Monsieur Dame – aber warum nicht? Sind wir nicht ebenso berechtigt, Orgien zu feiern, wie die alten Römer und Griechen? Ich dachte, gerade Sie mit ihrem jungen Sklaven müßten Sinn dafür haben« – dabei warf er mir einen verständnisvollen Blick zu, über dessen Bedeutung ich mir nicht recht klar war. (Chamotte stand den ganzen Abend hinter mir oder Susanna und bediente uns.)

Wieder trat Susanna mich auf den Fuß und sagte:

»Der Meister ist auch da – sehen Sie, dort geht er mit einem seiner Adoranten; daß er auf ein Fest geht, ist ein Ereignis.«

Sie hatte leise gesprochen, aber Frau Hofmann mußte es doch aufgefangen haben, denn sie sagte lächelnd:

»Liebe Susanna, Sie irren sich – er ist nicht hier. Der Herr, den Sie meinen, hat nur seine Maske gemacht – aber wirklich täuschend, nicht wahr?«

»Frau Professor,« antwortete Susanna, und ich bewunderte ihren Mut, »ich bin beim Theater gewesen und gehe jede Wette ein, daß es keine Maske ist –«

»Ach, was ist Theater?« beharrte Frau Hofmann immer noch lächelnd, aber wie Märtyrer unter Foltern lächeln – »ich kann Sie versichern, daß er es nicht ist.«

Der so Umstrittene befand sich ziemlich in unserer Nähe, und ich mußte Susanna recht geben – das konnte keine Maske sein. Und es lag etwas in seiner Erscheinung, was mir großen Eindruck machte.

»Warum will man denn nicht zugeben, daß er es ist?« fragte ich nachher, als wir eine Weile allein saßen.

»Weil gewöhnliche Sterbliche nicht wissen dürfen, daß er wirklich vorhanden ist.«

Der Professor kam mit einer Dame, zog sie auf einen Stuhl nieder und sagte bewundernd:

»Ist sie nicht unglaublich schön?«

Susanna flüsterte ihm ins Ohr: »Um Gottes willen – sie ist furchtbar –«

Er erschrack, betrachtete sie von der Seite und fragte leise zurück: »Wirklich?«

Das wiederholte sich noch ein paarmal im Laufe des Abends – er brachte immer neue Wesen und wollte, daß man sie schön fände. (Manchmal waren sie auch ganz nett.) Später mischte ich mich in das Gewühl, ich traf Willy, der nach Maria suchte. Schließlich sahen wir sie mit Heinz und seinen Freunden.

»Ja, dann ist es umsonst,« sagte Willy betrübt. »Die Enormen geben sie nicht her – sehen Sie, der dort ist Hallwig, – er ist entschieden ein ungewöhnlicher Mensch; ich möchte ihn schon lange kennen lernen, aber er hält sich vollständig zurück und verkehrt nicht mit belanglosen Leuten, wie ich und Sie – nehmen Sie es nicht übel, Herr Dame – –«

»O gewiß nicht, und Maria?«

»Maria ist eben ›enorm‹ – sie ist heidnisch, und Götter wohnen in ihrer Brust. – Damit haben Sie ganz recht, und wir finden es ja auch, aber man kann sich nicht darüber verständigen. Maria liebt die Enormen, und sie liebt uns – sie liebt überhaupt alles, aber man sieht es nicht gerne, daß sie so universell ist und vor allem ihren Verkehr im Eckhaus – wir ziehen sie herunter, wir sind Schmarotzer und Vampire an ihrer Seele.«

Er war ganz traurig. Ich betrachtete den genannten Hallwig genauer – ich hatte ja auch schon gemerkt, daß Heinz es vermeidet, mich mit ihm bekannt zu machen. (Woher wissen sie denn so genau daß ich »belanglos« bin?) – Ein auffallend schöner Mensch, und Maria scheint ihn sehr zu lieben. Vielleicht war sie deshalb heute abend im Eckhaus so melancholisch und verstand mich so gut.

»Und wer ist der kleine Brünette, der so zärtlich den Arm um sie legt?«

»Das ist Konstantin, der Sonnenknabe, er ist auch enorm, und deshalb darf er alles – er darf sogar Maria lieben. Bei ihm ist es eben das Enorme, daß er alle Frauen liebt, auch wenn er sie eigentlich gar nicht mag – dann läßt er sich wenigstens lieben – die Mädchen sind alle hinter ihm her – Sehen Sie, lieber Dame, ich habe gar nichts gegen die Enormen, ich verehre sie sogar aus der Ferne, und ziemlich hoffnungslos – denn sie schätzen meine Rasse nicht – sie lassen nur blonde Langschädel gelten, und ich sehe so äthiopisch aus – aber wenn sie die Mädchen gegen uns beeinflussen – –«

Ich sagte ihm, daß ich das wieder nicht verstände: »Überall sind mysteriöse Gemeinschaften, man hört von Satansmessen, Orgien, Magie und Heidentum sprechen wie von ganz alltäglichen Dingen, dann wird wieder getanzt und Tee getrunken, aber selbst beim Tee gibt es Geheimnisse und verschlossene Türen, hinter denen vielleicht ein Magier sein Wesen treibt.«

»Ja, so ist es wohl,« seufzte Willy, »und es gab eine Zeit, wo auch ich gerne Zauberlehrling werden wollte, man hatte mich schon halb und halb akzeptiert. – Aber schauen Sie einmal dorthin!«

Wir sahen, wie Orlonski, der Henker, Maria mit Gewalt zum Tanzen fortzog, – den Sonnenknaben schob er einfach beiseite, und der schien es auch gar nicht übelzunehmen. Aber der Henker war sichtlich gereizt, und als dann beim Tanzen irgendein junger Mensch aus der Menge Maria ansprach, ließ er sie stehen und warf ihn buchstäblich an die Wand, fuhr dabei mit der Hand in sein eigenes Dolchmesser, das offen am Gürtel hing, und verletzte sich ziemlich erheblich. Nun gab es erregte Auseinandersetzungen – dieser Orlonski scheint ein rabiater Herr zu sein. – Plötzlich stand auch der Indianer daneben – Orlonski und er maßen sich nur mit den Blicken, dann folgte Maria dem Indianer, und Susanna beschwichtigte Orlonski mit Zärtlichkeit. Man sah sie nachher beständig zusammen. Am Hofmannschen Tisch wurde noch viel über diese Szene gesprochen. Es lag sicher wieder eine mysteriöse Bedeutung darin, die ich nicht durchschauen konnte. Adrian wollte den Henker zu seiner Orgie einladen, und die kappadozische Dame fragte:

»Haben Sie gesehen, wie seltsam er sich benahm«, – sie meinte den Indianer.

»Nein – wieso?«

»Er sagte kein Wort, aber er erbleichte, als er Blut fließen sah – Sie wissen doch, Blut –«

Nun wurde es mir zuviel, ich stand auf und irrte verlassen durch die festliche Menge. Wie eine unaussprechliche Erleichterung empfand ich es, als der Philosoph neben mir auftauchte.

»Wie geht es Ihnen, Herr Dame? Wozu hat man Sie heute verurteilt?«

»Ich fürchte zum Wahnsinn – cher philosophe – ich weiß nicht, was in diesem rätselhaften Stadtteil aus mir werden soll, und doch läßt es mir keine Ruhe, dahinter zu kommen.«