Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.
Copyright 1919 by Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg.

Druck von H. Carly, Hamburg.

Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe

Grete Meisel-Heß:

Die Stimme

Roman in Blättern

6.-8. Tausend

Gebrüder Enoch
Hamburg :: Verlagsbuchhandlung :: Leipzig
1919

Die Hauptwerke von
Grete Meisel-Heß
erschienen bei Eugen Diederichs, Jena.

Es sind dies die Werke über das Sexualproblem:

I. Teil: Die sexuelle Krise
1. Bd. erschienen 1909, 5. Tausend, brosch. 5,50 Mk., geb. 6,50 Mk.

II. Teil: Das Wesen der Geschlechtlichkeit
2 Bde., 700 Seiten, erschienen 1916, 5. Tausend
Preis brosch. 10,– Mk., geb. 13,– Mk.

Das Werk erhielt 1917 den Ehrenpreis der
Dr. August Specht-Stiftung in Gotha.

III. Teil: Die Bedeutung der Monogamie
1. Bd. erschienen 1917, 4. Tausend, brosch. 5,– Mk., geb. 6,50 Mk.

 Jeder Teil ist ein unabhängiges Ganzes für sich. 

Vorher erschienen von der Verfasserin:

Die Intellektuellen, Roman
6. Aufl. Verlag Oesterheld & Co., Berlin W. 15.

Betrachtungen zur Frauenfrage
Verlagsgesellschaft Prometheus, Berlin W. 80.

Geister, Novellen
Verlag Dr. S. Rabinowitz, Leipzig.

Weiberhaß und Weiberverachtung
Erwiderung auf Weininger. Verlag Moritz Perles, Wien I.


Urteile der Presse am Schluß des Buches.

Die Stimme.

»Was bedeutet diese Entfremdung des innersten Wesens, dieses Versagen der melodischen Kraft? Wem gehört sie an? Dem Vogel? oder wer leiht sie ihm nur? Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die Melodie.«

Richard Wagner.
(Briefe an Mathilde Wesendonk.)

»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand etwas.«

Goethe. (Sprüche.)

Vorwort
zur ersten Ausgabe 1907 Berlin.

Ich wollte dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlichen, der Rat meiner Freunde war dagegen. Ich sollte nicht den Schein auf mich laden, als ob ich mich verbergen wollte. Und das wollte ich nicht. Ich beabsichtigte nur, mich vor Identifizierung meiner Person mit dem hier in Ichform geschilderten Frauenschicksal zu schützen, – ein Bedenken, das selbst Goethe nicht außer acht ließ, als er unter den Roman »Aus meinem Leben« die Bezeichnung »Dichtung und Wahrheit« setzte. Das Lachen und Weinen dieser Blätter wurde nicht nur »erlebt«, sondern auch geschaut, gehört, geträumt. Und jeder, der den Schicksalen solch eines Träumerlebens jemals nachging, weiß, daß die Vision da beginnt, wo das Leben uns im Stich läßt.

Dezember 1906.

G. M.-H.

Vorwort
zur zweiten, neubearbeiteten Ausgabe.

Dieses Buch dankt sein Entstehen der schöpferischen und sehnsüchtigen Phantasie, auf künstlerischem und erotischem Gebiet. »Die Stimme« ist die innerste Seelengewalt eines Menschen, die nach Ausdruck ringt und ihre Melodie zu finden sucht. Ich habe sie symbolisch als Gesangstimme erfaßt.

Die erste Ausgabe des Buches erschien 1907 Berlin. Nach zwölf Jahren hat es, mitten in Kriegsgetöse und Papiernot, seine Auferstehung erlebt. Die Neuauflage ist verbessert und gekürzt.

Berlin-Friedenau
Oktober 1918.

G. M.-H.

Inhalt.

[I. Teil: Präludium.]
      Kindheit.
Rudi, Yussuf, Dimitri.
Probleme.
[II. Teil: Motiv.]
Johannes.
Ekstatica.
Melancholica.
Anima.

Erster Teil.

Sollt mir nicht das Lachen schelten,
Und das Weinen, laßt es gelten!
Was mir wollte trüb erscheinen,
Mußt ich mir herunterweinen.
Was mich wollte tanzen machen,
Mußt ich mir herunterlachen.
Lachen, mit den nassen Augen,
Solches Lachen, laßt es taugen!
Weinen, mit dem frohen Mund,
Wer es kann, weint sich gesund.
Drum das Lachen wie das Weinen
Mußt ich in der Stimme einen,
Und die wollt es nimmer halten,
Stärker waren die Gewalten:
Aus der Stimme wollte springen
Hell ein Lied, – ich ließ es klingen!

Das Leben ist keine Geschichte, mit Anfang, Mitte, Schluß, Vorbedacht und Absicht. Das Leben ist – ja was ist es?

Der Tag hält das Individuum. Und so wie es Tage gibt, die uns hoch emporheben, über unser Menschenmaß zuweilen, so gibt es andere, die uns schleifen.

Und die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne Buchblätter fallen sie aufeinander, zerfliegen und zerstieben oder – werden zusammengefaßt, von einer stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein Schicksal, wie eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden Blättern ein Buch.

»Geschichten« mit Vorsatz und Absicht verfälschen das Leben. Blätter sind es, aus denen ein Schicksal wird.


Lange, lange habe ich die Melodie gesucht, das Motiv dieses Vielklangs. Nun aber ist mir, als höre ich aus der Musik, die mir von dir kommt, immer wieder einen einzigen Grundton, diesen Grundton, der nicht nur der deiner Musik, sondern der deiner selbst ist, und in mich hineindringt, zwingend und doch milde, mit jener sanften Gewalt, die mir in deiner ganzen Person verkörpert erscheint.

Und dieser Grundton ist wie die Dominante auf alle meine eigenen Töne, das Einzelne, das Verstreute, das Mannigfaltige wird mir durch ihn in Akkorde gebracht, und ich höre Harmonie. Dissonanzen entwirren sich mir, das Motiv wird mir deutlich, dunkle Stimmen sinken mir in die Tiefe, wie Baßbegleitung zur Melodie, und die Paraphrasen und Variationen meines Themas scheinen mir nicht mehr sinnlos, sondern notwendig. Das hast du getan, du guter Musiker! Die Stimme, die Singstimme, die sich mir aus der Kehle verloren hatte, hast du mir wiedergeholt, sie herausgerufen mit deiner Musik von da, wo sie sich verborgen hielt. Wo war es denn? Und jene – andere Stimme, mit der ich mich rufen soll, in diesen Blättern, sie kommt mir vielleicht mit ihr. Stimme, Hauch und Seele: die Alten hatten dafür nur ein Wort: anima.

Und »Entfremdung des innersten Wesens« und »Versagen der melodischen Kraft«, es ist ein und dasselbe!

Habe Dank du, der du die Erstickte mir wieder belebtest!

Und mit dieser Stimme, dieser einen Stimme, denn es ist ja nur eine, mit dieser Stimme, die du so gerne singen hörst, die du so zärtlich heil gepflegt hast, da sie mir in meiner Kehle rauh geworden und zersprungen war, mit ihr will ich dir erzählen alle meine Schicksale, die zugleich die ihren sind.

Du weißt ja schon alles. Aber mich soll ich erlösen davon, so willst du, und sie damit ganz befreien. Niedergelegt soll es sein, geopfert.

Geopfert – wem? Den Göttern? Werden sie gnädigst als Opferdampf in die Höhe entführen, was aus diesen irdischen, allzu irdischen Flammen emporsteigt?

Aber diese irdischen Flammen selbst, stammen sie denn nicht von ihrem eigenen Herd?


Wenn ich nun mein Leben schreibe für dich, wie du es willst, so wird das ja dann wohl ein »Buch«? Wenn es denn schon ein Buch werden soll, so wünschte ich, es würde eines wie das, von dem Flaubert träumte: »– ein Buch, ohne jeden äußeren Rückhalt, das sich durch sich selber halten würde, aus der inneren Kraft seines Stils, wie die Erde in der Luft schwebt, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast keinen Stoff hätte, oder in dem der Stoff fast unsichtbar wäre, wenn das möglich ist.«

Wenn das möglich ist. Möglich aber ist es, so will mir scheinen, nur dann, wenn es notwendig ist. Wenn es nicht anders geschehen konnte, denn eben so. Wenn der Stoff sich unter den Händen von selbst auflöste in lauter – Stimme. Also ein Buch der Stimme, ein Stimmungsbuch. Stimmung, die der »Handlung« nicht entbehrt, sie aber in sich aufgenommen und aufgelöst hat. Gewöhnlich ist's umgekehrt: Stimmung ist eingewoben in Handlung. Dies Buch, von dem Flaubert träumt, müßte seinen materiellen Stoff aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme, Seele, Hauch, – anima.

Solche Bücher aber werden nicht vorsätzlich geschrieben. Sie werden diktiert. Von irgendwoher. Und wie von selbst entstehen sie unter diesen wie zu Medien gewordenen Händen. Eine Melodie klingt auf und nimmt ihren Weg. »Wem gehört sie an – dem Vogel? Oder wer leiht sie ihm nur?« Und welch ein Zustand, der sie ausklingen und entströmen macht?

Dieser Zustand – nicht selbst schon Stoff? Stoff, nicht vom Staube geboren und zum Staube gehend: Aus dem Geiste geboren und zum Geiste gehend. Und der Staubgeborene, über den er kommt, dieser Zustand, ist dann außer dem Staube, außer sich, – ekstatisch.

Wie es über mich kommt, will ich schreiben. In kurzen oder langen Zusammenhängen, in wehenden wirbelnden Blättern oder in treulich geführter Chronik. Wie es über mich kommt. Wie es mir – diktiert wird. Vorsatzlos will ich bleiben.


Kindheit – Sehnsucht danach? Was ist dies? Ausgeliefert an alles und alle, unwissend und doch schon ahnend, wieviel es zu wissen gäbe, wieviel erfahren werden müsse, bevor das Chaos Welt seine Gestalt offenbare. O diese verzweifelte Sehnsucht im kleinen Kinderherzen nach dem Trauten, dem Ähnlichen, und dabei nicht wissend, ob es dieses Ähnliche gäbe, oder ob nicht dieses eigene kleine Ich (das da zu reflektieren beginnt) ein großer Irrtum sei, der sich nach dem andern, dem Umgebenden, korrigieren müsse!

Ach, was ist das für ein Grauen, wenn ein kleines Mädchen einsam ist.

Ich erinnere mich, daß ich im Prater war, beim Riesen Wilkins. Mutterseelenallein machte ich Ausflüge, mit zehn Jahren (Giorgio, mein Bruder, war im Pensionat). Und ich – allein, allein. Denn mir war irgendwie nicht wohl, mit den allermeisten Leuten.

Meine Mädchenjahre – studieren, singen, tanzen – ohne Ahnung, was daraus werden sollte. Der Tag regulierte mein Leben. Ich tat, was ich tun konnte.

Eines Tages sagte mir Rudi Neudorfer: »Sie müßten mit Ihrem Temperament zum Theater gehen. Auch haben Sie Stimme.«

Zum Theater? Ja, manchmal riß es mich hin, das Theater. Tanzen, singen, springen, lachen, weinen, jubeln – das konnte man ja auf jenen Brettern.

Rudi Neudorfer war Sohn seines Papas und Literat dazu. Sein Papa gab ihm Essen, Wohnung und Taschengeld, und Rudi schrieb Feuilletons »leichteren Genres« für Wiener Tagesblätter. Die meiste Zeit verbrachte er im Café. Dort kam er in Stimmung. Ein junger Herr war er, den ich in Gesellschaft kennen gelernt hatte. Er machte mir den Hof. Aber nicht auf so gewöhnliche Art wie andere Leute. Er sagte mir »Wahrheiten« über mich selbst. Oft waren es Grobheiten. Trotzdem deutete er mir an, daß er mich liebe.

Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen. Sein bartloses Gesicht war nicht uninteressant. Eine gewisse schwermütige Müdigkeit war in der leicht vornüber gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er pflegte sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung aufzurichten, daß seine schwarzen Locken, die ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und dann schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer.

Unaufhörlich beschäftigte er sich mit meiner »Entwicklung«. Besonders die Stimme schien ihm interessant.


Eines Tages stand ich mit ihm in einem Theaterbureau. Ich wurde examiniert. Resultat: Talent, Chance, Ausbildung.

Ich will kurz sein. Es kamen Liebesgedichte von Rudi. Schwermütige und doch seltsam anmutige Verse. Und Rudi sprach mir von den Reizen eines freieren Lebens. Als seine Frau könne ich »mein Leben leben«.

Er hatte augenblicklich nichts, aber er erhoffte eine literarische Zukunft. Er arbeitete an einem Librettotext.

Rudi Neudorfer kam eines Tages atemlos. Sein Libretto war angenommen. Und der Theaterdirektor wollte mich hören.

Ich sang und sprang zwei Stunden vor dem Theaterdirektor. Ich war in glänzender Laune. Der Direktor war überrascht. Er bot mir ein Engagement »vom Fleck weg«.

Meine Gefühle gegen Rudi waren die besten. Hatte sich je ein Mensch um mich gekümmert wie er? Der Mann machte ja meine Zukunft. Und dabei war man zu Hause empört, daß ich mit einem Menschen mich »einließ«, »der nichts ist und nichts hat«.

An diesem Tage verlobte ich mich mit Rudi.


Mein Vater würde nie erlauben, daß ich zum Theater ginge. Ich war minderjährig. Als Rudis Frau war ich frei, zu machen, was mir beliebte.

Bei jedem anderen Mann war ich wieder unfrei. Auch war niemand da, der mir auch nur einigermaßen gefiel, zu dem ich irgend etwas wie eine Zuneigung gefühlt, in dessen Gegenwart ich mich als Weib empfunden hätte, bei dem ich gerne unfrei geworden wäre.

Mit Rudi plauderte ich gern. Und dann, es war doch etwas, was von ihm zu mir ging, was ich fühlte. Anders fühlte, als wenn ich mit meinen Freundinnen war. Aber was, was war eigentlich mein Weg? Was war das mit dieser Stimme? Sollte sie beachtet werden? Und wohin mit ihr?

An Rudis Seite wollte ich darüber nachdenken.


Unsere Verlobung hielten wir vorläufig geheim. Dennoch kam die Sache auf. Meine Eltern wollten von dieser Verbindung nichts wissen. Aber unser Wille war entfesselt durch den Widerstand der Umgebung.

Die Aufführung seiner Operette kam heran. Rudis Name stand noch öfter in den Zeitungen. Das nutzte aber alles nichts.

Rudi brachte mir das Buch. Den Klavierauszug der Operette samt Text. Ein junger, begabter Komponist hatte ihn vertont.

Rudis Libretto! Ich fand es stumpfsinnig zum Heulen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie man am Schreibtisch saß und diese Worte, diese Sätze, diese Strophen »dichtete«. Diese »Schlager« erdachte. Und einen »Bau« herausbekam aus diesem Dr...-stoff. Ich verschwieg ihm auch nicht meine Meinung.

»Das muß so sein,« sagte er, »sonst wird's nicht genommen.« (Und da hatte er recht.) »Literarisch leb' ich mich ja anderweitig aus!«

»Wo denn?«

»Die – Gedichte?!«

Ja, die waren literarisch, die! Ja, hier allein durfte er »sich ausleben«, hier bei mir. Anderwärts mußte er sich verleugnen! O, der Arme!

»Und wem zuliebe tu ich das? Wem zuliebe will ich Geld verdienen?«

Ich war tief beschämt und bat ihn um Verzeihung.

Die Operette erlebte über fünfzig Aufführungen. Rudis Name als Literat war gemacht. Er verdiente auch einen Haufen Geld damit. Man konnte nun doch nicht mehr von ihm sagen: »ein Bursch', der nix ist und nix hat«.


Das nützte aber alles nichts. Es blieb dabei, ich dürfe ihn nie und nimmer heiraten. Man berichtete mir schlimme Dinge von ihm. Ich lachte darüber. Ich fühlte mich wie vor etwas Unausweichlichem. Sei es, wie es sei, ich mußte zu ihm, über ihn, vielleicht. Wie ein Verhängnis kam es mir selbst vor.

Aber ich konnte mir nicht denken, wohin mein Leben steuern sollte, wenn ich von diesem Plane abließe.

Mit einem Mann zu gehen, hatte ich geträumt, wie jede Frau. Rudi war nicht dieser »Mann«. Aber ich kannte ja überhaupt keinen, der diesem Bild entsprach. Es war wohl ein phantastischer Traum. Konnte ich warten, warten ins Blinde? Steuerlos mit all meinen Plänen? Mit dieser Stimme, die heraus wollte und nicht wußte wohin?


Wir sahen ein, daß wir gütlich zu keinem Ziele kämen. Ich verließ eines Tages das Elternhaus und war drei Tage unauffindbar. Auch Rudi wußte nicht, wo ich wohnte. Ich traf ihn nur im Café. Wir hatten das so arrangiert, damit er jederzeit beeiden könne, er wisse nicht, wo ich wohne, falls man etwas gegen ihn unternehmen sollte.

Wir hatten uns nicht getäuscht.

Am zweiten Tage wartete ich vergeblich. Ich telephonierte zu seinem Papa und erfuhr, daß Rudi wegen Entführung verhaftet sei und im Landesgericht sitze.

Entführung einer Minderjährigen, das ist kein Spaß in Österreich. Der Augenblick, aus meinem Versteck hervorzukommen, war also schon da. Bei Gericht traf ich meine Mutter, der Vater war verreist. Sie sprach an diesem Tage nicht mit mir. Rudi wurde natürlich wegen mangelnden Tatbestandes sofort enthaftet.

»Jetzt darfst du ihn heiraten, und mußt es«, sagte meine Mutter mit finsterer Miene.

»Muß ich, wirklich?« das machte mich ganz nachdenklich. Ihn heiraten zu müssen, daran hatte ich nie gedacht. Unter diesem Gesichtspunkt wäre er mir vielleicht ganz anders erschienen als unter dem, ihn durchaus nicht heiraten zu dürfen!

»Muß ich wirklich? Es ist ja nichts – geschehen«, sagte ich kleinlaut.

»Einerlei«, sagte meine Mutter. »Das kann man glauben und auch nicht, jetzt mußt du ihn heiraten, als anständiges Mädchen, die Suppe ausessen, die du dir eingebrockt hast.«

Nur weil meine Mutter in ihrem zärtlichen Herzen mir damals wahrhaft böse war, hat sie mich damals nicht geschlagen. Wäre sie weniger versteint, weniger erbittert gewesen, es hätte gute, solide Ohrfeigen gesetzt!

Und es war wirklich nichts geschehen!


Wenn Kinder durchaus wollen, ist Nachgiebigkeit der Eltern das Weiseste, was ihnen übrigbleibt!

»Gott segne und behüte euch, er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig!« floß es vom Chor herunter.

Und eine Braut, die zu schluchzen begann, immer wilder, immer fassungsloser.

»Er lasse sein Angesicht leuchten über euch« –

O, über diese gierigen, törichten, wollenden Kinderhände? Arme, arme Kinderhände! Wie müssen sie erst blutig zerfetzt werden, ehe sie aufhören, mitten ins Gestrüppe hineinzugreifen, weil die Kinderaugen da Sterne durchleuchten sehen, und die Hände nun durch das Gestrüppe nach diesen Sternen greifen und glauben, sie bekommen zu müssen, unbedingt – zum Spielen!


Und dann, dann an meinem Hochzeitstag, unmittelbar nach meiner Trauung, laß mich sprechen von dem, was du ja weißt, laß es mich hier niederlegen, wie alles andere.

Wir fuhren aus der Kirche zurück in die Wohnung der Eltern. Ein kleiner Kreis war da versammelt, Freunde und Bekannte, Gratulationsgäste. Ich ging auf mein Zimmer, legte den Hochzeitsstaat ab und kam im Reisekleid in den Salon. Ich begrüßte meine Bekannten. Daneben in dem kleinen Wohnzimmer, wo mein Klavier stand, waren noch einige Leute. Ich trat da ein und sah einen Fremden. Ein Verwandter von mir, ein Musiker, Mitglied des Opernorchesters, sagte mir, bevor er mir ihn vorstellte: »Das ist der Komponist, dessen Symphonie die Philharmoniker vorgestern hier aufgeführt haben. Er ist Professor an der Musikhochschule in B.«

»Wer ist dieser Mann?« sagte ich.

»Du hörst ja«, sagte er. »Und ich habe mir erlaubt, ihn hierher mitzubringen, weil er mit dem Nachmittag nichts anzufangen wußte. Er reist abends wieder nach B. ab. Du siehst, er ist im Reiseanzug. Entschuldige das, bitte. Aber ich dachte auch, er würde dich interessieren!«

Und dann führte er dich zu mir und nannte deinen Namen.


Wir sprachen und sprachen. Ich ging nicht mehr in den Salon zurück. »Sie sind die Braut«, sagtest du. »Ja, das heißt, jetzt bin ich wohl eine Frau.« Und wir sprachen von Musik und Gesang und auch von meiner Stimme.

»Wer ist Ihr Mann?« sagtest du. Und ich zeigte dir ihn. »Und Sie reisen?« »Ja, wir reisen.«

»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie die Braut sind.«

»Dann will ich es Ihnen beweisen.« Und ich ging in mein Zimmer und kam wieder mit einem Stückchen Myrte und einem weißen Tüllfetzen, der vom Schleier gerissen war.

»Darf ich das behalten, – zur Erinnerung an meinen Einbruch hier im fremden Haus?«

Und dann kam ich im Hut mit der umgehängten Reisetasche.

»Die Ringe, die Sie an der Tasche haben, taugen nichts. Sehen Sie, sie öffnen sich ja. Sie werden sie verlieren. Es müßten Schlüsselringe sein, en miniature

»Ja, ich habe sie so gekauft, die Tasche. Die Ringe werden wohl halten.«

»Nehmen Sie die Ringe von mir,« sagtest du, »denn sonst verlieren Sie die Tasche. Ich reise erst nachts und kann mir bis dahin noch andere besorgen.« Und du löstest von deiner Reisetasche die Ringe, an denen der Riemen hängt, und befestigtest sie an der meinen. Es waren das feste Stahlringe, mehrfach gewunden, wie Schlüsselringe, daß das, was sie zusammenhalten sollen, nicht verloren werden konnte.

Der Wagen kam.

»Adieu, Herr Professor. Ich muß jetzt – reisen. Und ich danke Ihnen für die Ringe.«

»Leben Sie wohl. Ich danke Ihnen für die Myrte.«

Deine Hand hielt die meine. Die goldenen glatten Ringe, die deine wie meine Hand trug, berührten einander einen Augenblick lang klirrend. Wie kam das? Zitterten denn die Hände?

Und dann mußte ich reisen, – hochzeitsreisen mit Rudi Neudorfer!

Ja, ich mußte.


Die Alten pflegten, in Epochen der Degeneration, die Entjungferung eines Weibes als eine schlechte, schmutzige Sache zu betrachten! Eine Sklavenarbeit, eine widerliche! Und ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen germanischen Herrenrecht auf die erste Nacht (welches das Weib vielleicht viel deutlicher noch zur Benützten machte als jene antike Degenerationserscheinung) trieben sie die Jungfrauen, die stolzen, die schönen, die starken, hinunter an den Strand und ließen sie von derben Sklaven oder von phönikischen Seeräubern, die da anlegten, zu Weibern machen. Erst dann kamen sie zur Wahl als Gattinnen in Betracht.

Der syrische Astartedienst, der asische Mylittakult, was ist er anderes als eine Fluchtstätte der degenerierten Mannheit?

Nur weil die Heroen ausgestorben waren, konnte es geschehen, daß die Schlechten, die Sklaven, an die Jungfrauen, die stolzen, die starken, die schönen, herankommen konnten, herankommen mußten.


Altenberg führt uns in seinem Buch »Prodromos« vor Augen:

Zu Brünhild dringt ein geringer Mann. Sie erwartet ihn, Siegfried!

Es kommt ein anderer, ein Geringer.

»Wer drang zu mir – wer drang zu mir?«

Sie war noch nicht, meine Hochzeitsnacht, – die Nacht der Hingabe, in heller, seliger Bewußtheit, mit dem hellen, seligen Willen zu empfangen.

Nun war ich also Frau Neudorfer. Nein: Frau Neudorfer-Hertz. So wollte es mein mich managender Mann. Mein Engagement verpflichtete mich von Beginn der neuen Herbstsaison, also wenige Wochen nach meiner Heirat.

Im grünsamtenen Direktoirekostüm, ein zylinderartiges Hütchen auf dem Kopfe, ein weißes Stöckchen keck durch die Luft wippend, kam ich in meiner ersten Szene mit meinen Hofdamen, welche im Gänsemarsch hinter mir schritten. Wir marschierten unter den Klängen einer Polka graziös im Bogen bis an die Rampe. Dort blieb ich mit einem Ruck stehen und sang »mit reizender Schalkhaftigkeit« zu der Polkamelodie:

»Die klu–gee – Frau
Die weiß – gee–nau,
Wie der Mann zu fassen ist,
Wie man ihn am besten küßt!
Die klu–gee – Frau – –«

Ich hatte einen grand succès!

Rudi strahlte.


Die materielle Basis unserer Menage war trotz unserer leichtsinnigen Sorglosigkeit vor der Eheschließung keine üble. Ich hatte von meinen Eltern eine Rente und eine kleine Gage beim Theater, er eine sehr anständige Zulage, die ihm sein Papa anläßlich der vollzogenen Tatsache unserer Vermählung ausgesetzt hatte. Ferner arbeitete er als Feuilletonist, auch brachte die erste Operette noch immer Geld ein, und ein zweites Libretto hatte er »unter der Feder«.

Diesbezüglich wäre also alles gut gegangen.

Man legte uns auch von keiner Seite mehr etwas in den Weg, im Gegenteil, das »interessante« junge Paar, das eine glühende Liebesehe geschlossen hatte, erfreute sich allseitiger Sympathie.

Sonderbar war nur, daß man meinen Mann so wenig mit mir sah. Auch mich wunderte das schließlich. Aber andererseits, – mußte er nicht in seinem Gehen und Bleiben wirklich unabhängig sein und so handeln, wie es die »Stimmung« mit sich brachte? Ohne »Stimmung« konnte er ja nicht arbeiten.

Wenn er nun sagte, daß ihm seine gewohnten Fußtouren bei Nacht durch die menschenleeren Straßen der Hauptstadt oder die noch einsameren Alleen des Praters unentbehrlich waren, hatte ich ein Recht, ihn daran zu hindern?

Und ich sagte nichts, auch wenn er um 4 Uhr früh nach Hause kam. Bis Mitternacht, – während ich im Theater war, – hatte er zu Hause gearbeitet, sagte er mir. War so vertieft gewesen, daß er sich verspätete. Dann lief er schnell zum Theater, um mich abzuholen, ich aber war natürlich schon fortgefahren, – nun und dann war er eben ein paar Stunden herumgebummelt.

Ich bat ihn, sich überhaupt nicht an das Abholen zu binden. Und gewöhnte mich, allein nach Hause zu fahren.

Er war auch manchmal im Theater. Er hatte dann galante Ideen. Ließ mir z. B. ein Bukett aus den Soffitten werfen. Dann kam er im Zwischenakt, steckte mir eine Nelke daraus ins Haar und sagte: »Du bist entzückend, Carmencita.«


Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die eigentliche Sopranheldin (ich war ein Alt und gab die edleren Seelen), die Schöne Helena des Theaters. Ja, in ihrer Garderobe war er eigentlich öfters zu finden, als in der meinen. Sie war eine pikante kleine Französin, verheiratet mit einem österreichischen Aristokraten. Wir sprachen manchmal zusammen, auch so – nun, wie junge Frauen eben zu sprechen pflegen. Neugierige Fragen – mehr oder minder verblümte Antworten. Daß sie keine Kinder hatte, erklärte sie mir auf sonderbare Art. Ein gesetzlich verbotener Vorgang sei die einzige Möglichkeit, keine zu bekommen. »On ne peut pas éviter, vous savez!«

Und sie gestand mir, daß sie sich auf dieses Verfahren bei einer geeigneten Person – abonniert hatte! Dadurch käme es billiger. Die ersten Male sei sie fürchterlich ausgebeutet worden. Aber nun komme sie besser heraus.

Sie hatte sich abonniert darauf!

Ein Motiv für Frank Wedekind, wenn er noch lebte!

Man begann mir sonderbare Geschichten von Rudi zu erzählen. Mit Choristinnen und Statistinnen unseres Theaters hätte man ihn da und dort gesehen. Ich fragte ihn danach. Er leugnete rundweg, änderte aber nicht seine Lebensweise.

Volle Freiheit war zwar (wie es sich unter richtigen Übermenschen gehört!) gegenseitig ausgemacht worden. Aber ich hatte nie auch nur im entferntesten daran gedacht, daß man sie anders benützen könnte, als ich.

Das – das fing doch an, mir über den grünen Klee zu gehen.

Eigentlich glaubte ich diesen Klatsch nicht. Ich wußte nur nicht mehr recht, was und wie. Ich glaubte es deswegen nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß man eine Frau, um deren Besitz man sich so sehr bemüht hatte, gleich nach der Hochzeit betrügen würde. Und so betrügen. Eine Leidenschaft für eine andere Frau hätte ich jederzeit begriffen. Die Ehe kann zu keinem Gefühl verpflichten. Ich hätte mich dann ganz friedlich von ihm getrennt und ihm seine Freiheit auch formell wiedergegeben. Ohne Groll, ohne Feindschaft.

Aber daß er wahllos mit allen möglichen Mädchen herumziehen sollte, war eine andere Sache. Ich glaubte es nicht. Warum hätte er ihre Gesellschaft der meinen vorziehen sollen? Warum, wieso? Ich war verwirrt. Wer war eigentlich dieser Mensch? Was für ein Leben führte er eigentlich? War die Vertraulichkeit seinerseits – erlogen? Gab es denn Menschen, die so etwas fingieren konnten?

Ich wußte nichts, glaubte nichts, zweifelte an allem.

Eine Angst fiel in mein Herz. Eine unerklärbare Angst vor – ich weiß nicht was.

Ich hatte dem Menschen vertraut, als ich ihn heiratete.

Und wie stand ich nun da, in den Augen aller Welt, wenn sich die Sache, für die ich mich so sehr eingesetzt hatte, als unhaltbar erwies?

Anfangs war dieses Gefühl sehr stark in mir. Später, als es notwendig wurde, war der Gedanke an die Meinung aller Welt wie fortgeblasen.


Das Schlimmste waren fortwährende Geldkalamitäten, trotz unserer sehr anständigen Einkünfte. Ich bemerkte mit einem Gefühl, das beinahe an Grauen grenzte, daß er dem Geld gegenüber von einer Art Zwangsidee beherrscht wurde. Was immer er hatte und erraffen konnte, er mußte es ausgeben. Von einer Einteilung des Budgets war keine Rede. Rechnungen, die ich längst bezahlt glaubte, wurden zwei-, dreimal präsentiert. Unordnung in Geldsachen war mir immer ein Greuel. In diesem Punkt war meine Mutter von fast philiströser Korrektheit und ihr Entsetzen vor Schulden, Überschreitungen des Budgets und ähnlichen Ungehörigkeiten war auf mich übergegangen.

Und nun traten diese schmutzigen Geschichten unaufhörlich an mich heran. Was machte er mit dem Gelde? Wieso war er immer ohne Mittel? Hatte besonders nie etwas für mich, für unsere gemeinsamen Ausgaben?

Er, – er brauchte es eben! Ja, er wüßte eigentlich nicht, wo es ihm hinkäme! Es zerschmölze ihm unter den Händen, er wüßte nicht wie.

Später erfuhr ich, wohin es zerschmolz. Die süßen Mädeln, aber die richtigen, die ganz »süaßen«, halfen ihm, unser Geld durchzubringen.

Ein sonderbares Ereignis fiel wie ein Blitz in das unheimliche Dunkel der Situation. Ein Blitz, der mir mit einem Schlage erhellte, was mir an dem Menschen dunkel war. Der einschlug, erhellte und zerschmetterte, was an guten Gefühlen, die besonders nach der Hochzeit fast zärtlich geworden waren, – wie begreiflich, – für ihn in mir dagewesen war.

Ein Band Gedichte kam heraus: »Aus dem Nachlaß eines Toten«. Der Dichter hatte durch Selbstmord geendet. Unglückliche Liebe und materielle Not waren das Motiv der Tat gewesen. Der Band wurde jetzt von einem Freund veröffentlicht. Mich interessierte es, von dem Manne zu hören, weil mir Rudi den Namen öfters genannt hatte. Er war mit ihm eine Zeitlang in der Redaktion einer Wiener Wochenschrift gewesen, die dann einging. Damals hatte sich der Poet erschossen. Der Band Gedichte war nun plötzlich in allen Auslagen zu sehen.

Ich interessierte mich immer für Lyrik. Rudis Liebesgedichte hatten einen starken Eindruck auf mich gemacht. Ich bedauerte es sehr, daß er außer dieser Fülle von Liebesliedern nie wieder ein Gedicht gemacht hatte.

Eines Tages trat ich in eine Buchhandlung und kaufte mir das Buch des Verstorbenen. Noch in der Tramway begann ich darin zu lesen. Ich las und las. –

Rudis Liebesgedichte, mit denen er mich »erobert« hatte, – ich fand sie hier, im Nachlaß eines Toten.

Als ich zu Hause eintrat, saß Rudi bei Tisch und wartete auf mich mit dem Mittagessen. Er sah das Buch in meiner Hand und wurde weiß wie das Tuch auf dem Tisch.

Ich legte es neben meinen Teller. Wir aßen und sprachen kein Wort. Als er sich nach Tisch erhob, sah ich einen schamlosen Zug in seinem Gesicht. Da warf ich ihm das Buch vor die Füße: »Leichenräuber!«

»Exaltierte Person!«


Nun hatte ich den »Schlüssel« zu dem, was jener Mensch war. Wie eine Fabel, wie ein Märchen, wie ein Symbol erscheint mir nun diese Begebenheit. Wie ein Symbol, das bei der Definition seines Wesens den Kern trifft: er war ein Lügner.


Es geschah – nichts. Ich war unfähig, irgendeinen Entschluß zu fassen. Was hätte ich auch tun sollen? Was hätte ich wollen sollen? Berechtigte mich diese Erkenntnis seines Wesens, die Ehe zu lösen? Sollte ich sie lösen? Mir war, als müßte ich abwarten, bis irgend etwas geschähe, ich wußte selbst nicht was, was mich sozusagen der Initiative überhob und von selbst wirkte und entschied. In diesem Punkt bin ich Fatalistin. Aber mein Fatalismus ist eigentlich ein Rationalismus: ich glaube an die Logik jeder Situation als das in ihr wirkende Prinzip.

Die Ehe blieb also weiter bestehen, nur formell natürlich. In Wahrheit bestand keine Intimität mehr.

Es kamen nun Monate eines widerwärtigen Kampfes. Es hieß, sich gegen etwas wie eine Verführung wehren. Es gibt nichts, was geeigneter wäre, Blut und Seele einer Frau mehr zu verderben, als eine solche Situation. Um das Gefühl des Zornes, der Enttäuschung, des Ekels niederzuschlagen, kommt ein schlimmes Gelüste über sie. Das Gelüste, sich einem Abenteuer in die Arme zu stürzen, nur, um mit einem Gefühl, das sie ausreißen will, fertig zu werden.

Wäre es an mich herangetreten, wer weiß, was geschehen wäre. Aber an eine in »glühender Liebesehe« jung verheiratete Frau wagte sich niemand.

Ein Mann war allerdings an unserem gesellschaftlichen Horizont aufgetaucht, der mehr Interesse für mich an den Tag legte, als es sich einer Jungvermählten gegenüber geziemt. Und dieser Mann interessierte mich selbst. Oft hatte ich etwas wie Furcht vor ihm. Aber seine feste Formenzucht gab mir immer wieder meine Unbefangenheit. Es war ein Maler, holländischer Abstammung. Er führte den klassischen Namen Orest. Orest van Haer. Er lebte seit mehreren Jahren in Wien und hatte sich als Porträtist einen großen Ruf geschaffen. Sein Kopf war wie in Stein gehauen. Wie man sich den Kopf eines römischen Kaisers denkt. Undurchdringlich schienen diese Züge. Die Augen aber glühten und führten ihr eigenes Leben. Seine Umgangsart mit Menschen war korrekt und liebenswürdig, soweit Liebenswürdigkeit korrekt ist. Was ihm einen besonderen »Nimbus« in den Augen der Wiener Gesellschaft gab, war der Glanz seiner Millionen. Er hatte ein Palais inmitten eines großen alten Parks erworben und gab da von Zeit zu Zeit Feste. Sein Atelier war eine Stätte, zu der zahlreiche offizielle »Kunstwanderungen« veranstaltet wurden. Er hatte früher, wie es hieß, auf Reisen gelebt, meist in Schottland.

Alles das machte Herrn van Haer natürlich zu einer »interessanten« Persönlichkeit. Auf seine Bitte sollte ich ihm zu einem Bilde sitzen. Das erstemal war ich in Begleitung Rudis erschienen. Ein zweites Mal hatte er mich allein hingehen lassen! An diesem Tag blieb ich, da ich theaterfrei war, länger als die Sitzung dauerte, da ich Gefallen daran fand, mit van Haer zu plaudern. Ich blieb bei ihm zum Tee. Wir sprachen fast unausgesetzt von seinen Reisen. Unser Privatleben, weder seines noch meines, wurde nicht berührt.

Als ich abends von ihm nach Hause fuhr, dachte ich mir wohl einen Augenblick, – es wird ihn befremden, daß ich seiner Einladung, zu bleiben, nachgegeben habe. Es wird ihn vielleicht irreführen über mich (Als Brettldiva nahm mich sonderbarerweise niemand. Man belächelte meine Beschäftigung bei der Operette als eine Kaprice. Zugehörig dahin schien ich niemandem.)

Aber die Ödigkeit dieser Ehe begann schon damals schwer auf mir zu lasten. Da mein Mann immer andere Wege ging als ich, mußte ich auf eigene Gefahr hin meine Geselligkeit suchen. Es war ein fast ekles Gleichgültigkeitsgefühl in mir, während ich damals im Wagen van Haers nach Hause fuhr. Mochte jener denken, was er wollte.


Eines Abends, als ich von der Vorstellung kam, – das Singen und Springen auf jenen Brettln war mir längst ein Greuel geworden, und ich schleppte an dieser Verpflichtung so schwer wie an meiner Ehe, – war Rudi wie gewöhnlich nicht zu Hause. Er schien in Eile fortgegangen zu sein. Sein Hausrock lag auf einem Sessel, daneben eine Krawatte. Ich nahm die Sachen, um sie aus dem Weg zu räumen. Bei dieser Gelegenheit glitt aus der Tasche seines Rockes seine Brieftasche. Er hatte sie offenbar darin vergessen.

Ich weiß, daß ich gar nicht überlegte, ob ich sie öffnen sollte. Im Augenblick lag ihr Inhalt vor mir. Ich wußte, daß ich irgend etwas Entscheidendes durch diese Brieftasche erfahren würde. Denn schon längst erschien er mir im Licht eines sehr einfältigen Betrügers, fern von jeder Umsicht im Verbergen seiner Machinationen.

Diese Brieftasche enthielt eine Menge weiblicher Adressen. Ich nahm mir gar nicht die Mühe, sie abzuschreiben, nahm einfach die Zettel an mich.

Ein beinahe humoristisches Gefühl überkam mich. Sollte er mit all diesen Weiblichkeiten leben? Ich beschloß, das zu erfahren.


Am anderen Tag leistete ich mir einen Wagen und fuhr von Adresse zu Adresse. Es waren nette kleine Mädchen, denen ich gegenüberstand. »Süße Mädeln«. Ich gab ihnen Geld und gute Worte, dafür erzählten sie mir hübsche Dinge von Rudi. Einige besaßen seine Photographie. Alle kannten ihn unter falschem Namen. Im übrigen leugneten sie eine Intimität. Er hätte sie nur immer zum Souper geführt.

Am Nachmittag erhielt Herr Rudi Neudorfer in sein Stammcafé die telephonische Mitteilung von seinem Papa, er, Rudi, wohne im Hotel Soundso, sein gesamtes Gepäck sei bereits dahin geschafft. Das Nähere erfahre er beim Advokaten Soundso.


»Einverständlich« – oder ein Prozeß lautete meine Devise. Er verbiß sich nun in mich wie ein wütendes Tier. Nein und nein. Er kam in meine Wohnung und zog den geladenen Revolver aus der Tasche. Vor meinen Augen würde er sich erschießen, wenn usw. Ich ersuchte ihn, meinen Teppich zu schonen. Darauf stürzte er ab, sich in der Donau zu ertränken.

Er behauptete, mir »eigentlich« – treu geblieben zu sein. Möglich. Vielleicht lebte er nicht, vielleicht lumpte er nur mit diesen Mädchen!

Und wenn er sich auch wirklich erhängt und ertränkt hätte, – ich wäre von ihm fort. Und wenn ich auch Kinder mit ihm gehabt hätte, ich wäre von ihm fort. Und wenn ich kein Dach und keine Schwelle mein Eigen genannt hätte, ich wäre von ihm fort. Denn er ekelte mich bis in die tiefste Seele, bis in jeden Blutstropfen hinein!

Das Grausigste war, daß ich nie von ihm dachte: – »der Schuft, der Lump«. Nein, ich dachte immer nur: »Der Lügner, der Lügner!« Dieses war das Hassenswerte. Dieses war mein Erzfeind.

Während diese Angelegenheit ihren Gang ging, erhielt ich eine schriftliche Nachricht van Haers. Die Sitzungen waren unterbrochen worden, im Wust dieser Affäre hatte ich sie abgesagt. Er fragte an, ob wir, mein Mann und ich, geneigt wären, den Silvesterabend als seine Gäste auf dem Semmering zu verbringen. Er hätte eine kleine Gesellschaft, deren Teilnehmer genannt waren, geladen. (Daß wir eben in Scheidung lagen, wußte er natürlich nicht, so wenig wie sonst jemand.) Nach kurzem Nachdenken entschloß ich mich, anzunehmen. Für mich allein natürlich.

Ich verbrachte den Weihnachtsabend trübselig genug im Hause fremder Leute und freute mich um so mehr auf den Ausflug zu Silvester.


Ich weiß, daß an dem Abend eine Stimmung mich ergriff, die sich meiner Beherrschung entzog. Es war eine wilde Verzweiflung in mir, die sich in Form einer ziemlich »degagierten« Lustigkeit entlud. Die Champagnergläser wurden immer wieder gefüllt und immer wieder geleert. Van Haer selbst trank nicht. Wir waren etwa vierzig Personen, von denen ich mit den meisten bekannt war. Das Fehlen meines Mannes hatte ich oberflächlich entschuldigt.

Nach Zwölf, als der Ball begann, schlug mir van Haer einen Spaziergang vor. Niemand würde unsere Abwesenheit bemerken. Draußen ruhte der Wald im Schnee und Frieden. Er holte mir einen Pelz, und ich folgte ihm.

Die Luft befreite mich von meinem Champagnerschwips. Er hatte mir den Arm geboten und nahm meine Hand in seine. Ich ließ es geschehen. Er fragte nach meinem Mann. Ich gebrauchte eine Ausflucht.

Wir blieben nicht lange fort. Als wir wiederkamen, tanzte ich ein paar Runden und zog mich dann auf mein Zimmer zurück.

Als ich in dieses Zimmer eintrat, fand ich eine Tür, die ich auch früher bemerkt hatte, und die zu einem Nebenzimmer führte, geöffnet und angelehnt. Der Schlüssel fehlte.

Angesichts dieser Tatsache fand ich meine Kaltblütigkeit wieder. Also so dachte er sich das.

Ich vertauschte mein Ballkleid mit einem Schlafrock und legte mich merkwürdig unbesorgt aufs Sofa.


Es dauerte nicht lange, als es klopfte. Van Haer trat ein. Meine Frage nach dem Schlüssel und nach der Bedeutung dieser Vorgänge blieb mir in der Kehle stecken. Verdutzt sah ich ihn an: er hatte sich in ein sonderbares Gewand geworfen. Es war eine Art Toga, aber von bunten, orientalischen Geweben mit Seidenstickereien und Edelsteinen geschmückt. Meine Spannung entlud sich in einem Gelächter: »Sie hätten mich auf elegantere Weise verführen müssen, Herr van Haer.«

Und ich lachte und lachte.

Er war dunkelrot geworden.

Endlich sagte ich: »Und nun erklären Sie mir, bitte, die Situation. Sollte man sich, als man mein Gepäck hier heraufbrachte, geirrt haben? Gehört dieses Zimmer noch zu Ihren Appartements?«

»Nein,« sagte er, »es ist Ihr Zimmer. Ich habe den Schlüssel an mich genommen. Gestatten Sie, daß ich ihn hole.«

Er entfernte sich.

Ich war ernst und traurig geworden. Was berechtigte diesen Mann zu dieser Handlungsweise? Ohne Zweifel irgend etwas, was aus mir selbst gekommen war. Wahrscheinlich hatte er die Tatsache, daß ich die Einladung nur für mich allein annahm, in diesem Sinne gedeutet.

Und dann, diese schlimme Lust, die über mich gekommen war durch das Unheil meiner Ehe, sie hatte wohl irgendwie aus meinem Wesen gesprochen.

Er kam wieder und überreichte mir den Schlüssel. Sein Gesicht war noch immer gerötet, und er sah mich fast feindselig an. Er war jetzt im Jagdkostüm, das er während der Fahrt herauf getragen hatte.

»Sehen Sie, jetzt sehen Sie viel netter aus«, sagte ich, und ich weiß, daß es so weich und freundlich klang, als müsse ich ihn um Verzeihung bitten. Und plötzlich brach ich in Tränen aus.

»Verzeihung – Verzeihung. Um Gottes willen, verzeihen Sie mir!«

Und er bat und bat, während ich still weinte.

Und dann begann ich, wie um mich zu rechtfertigen für das, was ihn verführt hatte, mich zu beleidigen, ihm alles zu erzählen. Er hörte mit innigem Interesse.

Und als wollte er sein Unrecht sühnen, begann er, mir dann von sich zu erzählen. Und das Geheimnis, das ihn umgab, lüftete sich mir. Bis in die Wurzeln seiner Existenz ließ er mich blicken. Er hatte etwas wie einen Glauben. Eine »Lehre« beherrschte ihn.

Er zeigte mir ein Bild. Das der Frau, die er liebte. Eine überschlanke Erscheinung mit fast harten Zügen; unnahbar, unbeugsam, fanatisch war der Ausdruck dieses Gesichtes. Sie war die Tochter eines schottischen Edelmanns, Familienverhältnisse trennten sie von ihm. Am Tage ihrer Großjährigkeit wollte sie das Elternhaus verlassen, um zu ihm zu kommen.

Indem er mir dies Bild zeigte und von der Frau seiner Liebe sprach, gestand er die volle Größe des Unrechtes, das er an mir hatte begehen wollen. In diesem Bekenntnis lag aber auch die Abbitte.

Wir trennten uns versöhnt, nachdem es über unserem so vertraulichen Geplauder fast Morgen geworden war.


Er war ein Mystiker. Aber ein heidnischer. Kein christlicher. Ein Magier war er. Während der Sitzungen bei ihm, in denen er mein Bild vollendete, erfuhr ich von dieser Lehre, soviel er mir offenbaren »durfte«. Das Bild selbst war damals wenig ähnlich. Aber das Interessante daran war dieses: es zeigte mich so, wie ich nicht damals, aber ungefähr drei Jahre später aussah, in meiner eigentlichen sogenannten »Blüte«. Ich habe mich sehr verändert in diesen drei Jahren, Bekannte von früher erkannten mich oft nicht.

Dies Bild van Haers war ein »Gesicht«.

Er wollte es mir schenken, aber ich nahm die kostbare Gabe nicht, behielt nur die Skizze. Ein schottischer Earl, den er im Hause jener Dame kennen gelernt hatte und der ihn in Wien besuchte, hat es angekauft.

Später verlor ich van Haer aus den Augen. Er ging von Wien fort, auf Reisen, und man wußte lange nicht, wo er sich aufhielte. Dann hörte ich wieder von ihm, von dritter Seite. Er hat schwere, schwere Schicksale gehabt. Ob er an ihnen – Christ geworden ist?


Wir schieden dennoch, – genau so, wie wir geheiratet hatten: ohne »Einwilligung«.

Bei der Operette wollte ich um keinen Preis bleiben. Hier schien mir meine Zeit greulich vergeudet. Auch verschlangen die Toilettenkosten die Gage, so daß materiell nur dann etwas »herausgeschaut« hätte, wenn ich das Toilettebudget – anderweitig hätte decken lassen. Aus dieser Stimme konnte ich eben, außer ein paar Unterrichtsstunden, die ich gab, und der zeitweiligen Mitwirkung bei Akademien, Konzertabenden und ähnlichen Gelegenheiten noch keinen materiellen Gewinn schlagen. Ich wollte ja noch werden lassen! Kunst überhaupt ist eine Sparanlage, in die man lange, lange einlegen muß, bevor man von den Zinsen, die sie schließlich trägt, leben kann!

Unselige Schmach so vieler Frauen, dieser Alpdruck: was wird mit mir? Wie soll ich mich allein fortbringen?

Traurige Frage, traurige, schmachvolle Frage so vieler Frauen! Nicht ihre Schmach, freilich! Anders, anders wird das einmal alles sein.

Und viele Frauen sind dieser traurigen Schmach preisgegeben, ohne irgendein Talent, irgendeine »Stimme« zu besitzen, die sie – vielleicht – doch schließlich einmal frei macht.

Gouvernante werden???

Wie habe ich geächzt, wie habe ich gebangt, wie habe ich gezittert!

Frei, frei werden, um Gottes willen, – frei!

O daß mich meine Kunst einmal frei machte, meine Stimme! Ganz frei! Klinge mir voll auf, meine Stimme, und bringe mir sie, diese heißersehnte, heißerflehte Freiheit! Diese Lebenssicherheit, die ich brauche, um singen zu können, um atmen zu können! Dankbar werde ich sein, dankbar und helfend, wenn ich sie errungen haben werde, mit meiner Stimme, diese Sicherheit, die einzig die Freiheit ist!

Ich besaß, um mein kleines Heim zu erhalten, meine elterliche Rente als Grundlage meines Einkommens. Auch half mir meine Mutter, so sehr sie konnte. Endlich gab ich einige gutbezahlte Gesangstunden und wirkte während der Saison in Konzerten, Akademien und künstlerischen Veranstaltungen in privaten Kreisen mit.

Diese öffentliche Betätigung begann mir freundliche Erfolge zu bringen. Diese Stimme interessierte, so unfertig sie auch war. Vom ersten Piepser an, den sie von sich gab, wurde sie beachtet. Und es wurde nicht zurückgehalten mit dieser Kritik, und sie ermunterte und ermutigte mich, wenn ich mich stimmlos fühlte und an mir verzagen und an ihr, der Stimme, verzweifeln wollte.

Im allgemeinen kam ich viel in Gesellschaft. Und obwohl die Menschen meist inkognito leben, bemühte ich mich, hinter ihre Fiktionen zu blicken. Brennend interessierte mich immer der Mensch. Besonders in dem Punkt, wo sich sein Dasein mit einem andern verbindet. Die Ehe interessierte mich. Eine Einrichtung, ersonnen vom Menschen für den Menschen und vom selben Menschen immer wieder verstümpert.


Was es mit dieser Stimme eigentlich werden sollte, wußte ich nicht. Mein Leben selbst erschien mir nur wie ein Provisorium. Wo war sein Schwerpunkt, sein »Sinn«?

Kraft brauchte ich, das wußte ich wohl, um diesen Sinn aufzufinden und ihm gemäß, meiner gemäß zu leben. Kraft des Leibes und der Seele.

Nie war ich glücklicher, als wenn ich morgens, beim Erwachen schon, Kraft fühlte für den neuen Tag! Kraft in Hand und Blut und – Stimme! O das fühlt man, gleich morgens schon!

Und wenn ich matt erwachte – ach, wie so oft, matt wie eine Fliege, müde, kampfmüde, von Bangigkeiten belastet! – wenn ich so erwachte, ich weinte darüber in den Morgen hinein!

Denn wie sollte ich ihn bewältigen, den neuen Tag?!


Von Zeit zu Zeit mußte ich fort. Ich hielt's nie länger als zwei bis drei Monate freiwillig in Wien aus. Warum saß ich gerade hier? Das »Karma« hatte mich offenbar hierher gesetzt. Aber es hatte wohl auch diese flügelschlagende Unruhe in mich hineingelegt, meine Wanderlust. Fort, wenn es nur irgend ging!

Meine Mutter bedauerte die armen Koffer, die nie zur Ruhe kämen. Sie konnten kein Moos ansetzen, diese rollenden Koffer, – so wenig wie das Moos an ihrer Herrin hängen bleiben wollte.

Das Karma setzte oder stellte mich da oder dorthin, ich wußte nie recht warum. So stand ich einmal in St. Gallen auf einer staubigen Landstraße, im Mittagssonnenbrand an eine Telegraphenstange gelehnt, vor mir auf der Erde, im Staub, fünf Kolli Handgepäck. Warum? Ja, ich glaube, der Gepäckträger hatte mich da stehen lassen. Da stand ich, ahnungslos, wie ich je wieder weiterkäme, weit und breit kein Mensch, nur die staubige Landstraße, in der Nähe von St. Gallen. Ich stand da und haderte mit der Vorsehung: Warum, warum bin ich hier? Aber ein Narr wartet auf Antwort.

Ich muß aber doch irgendwie weitergekommen sein, denn am nächsten Tage promenierte ich unterm Rheinfall von Schaffhausen, im Gummimäntelchen, mutterseelenallein und doch vergnügt. Karma!


Und ich lernte die Verlassenheit kennen in den sonderbarsten Verkleidungen: an der Table d'hôte saß sie, unter hundert Personen, im Glanz der elektrischen Flammen. Auf der Promenade erwartete sie mich, wenn ich in Gesellschaft, die mir gestern der Zufall an die Seite gewirbelt hatte, zur Stunde des Kurkonzertes da erschien. In langen Stunden, die ich einsam im Hotelzimmer verbrachte, aus dem Fenster hinausblickend in eine fremde Gegend, ohne Ahnung, warum ich mich hier befände, das Kursbuch auf dem Tisch, um schon wieder die Stunde der Abfahrt zu bestimmen, war sie da.

Aber manchmal erschien sie mir auch in holder Gestalt. Auf einer Alpenwiese lag sie neben mir im Mittagssonnenglanz. Am Meer ging sie mit mir, wenn ich in langer Wanderung an seinem Ufer schritt und mich dem Sturm überließ in wilder Freude. Dann war sie, die Begleiterin, nicht mehr Verlassenheit, – Einsamkeit war sie dann geworden.


Ich war an der Riviera. In einem jener kleinen Nester zu Füßen der Seealpen, in der Nähe der vornehmen Badeorte der azurenen Küste. Villenkolonien, die wie Vororte jener Städte sind und von den Ruheliebenderen ihrer Bewohner und Besucher zum Aufenthalt gewählt werden.

Der Karneval war vorübergerast. Die Zeit der eigentlichen Erholung kam heran, und dem Pseudofrühling, der der Winter hier ist, sollte der wirkliche folgen. Die Regen, die hier so selten sind, leiteten ihn ein. Die Regen, les pluis. Sie dauerten nun schon einige Tage. Man konnte nicht viel anfangen.

Ich trat in ein Café, setzte mich in einen Winkel und las die Zeitungen, die gerade bei der Hand waren. Es war sehr voll, das Café. Kaum ein Plätzchen zu haben. Alle Welt flüchtete da herein. Ein Herr bat um Erlaubnis, an meinem Tisch Platz nehmen zu dürfen, es war kein Platz sonst frei. Ich erteilte sie, ohne von meiner Lektüre aufzusehen. Nach einiger Zeit traten Bekannte in das Café, Freunde aus Deutschland, mit denen ich hier zusammengetroffen war und viel verkehrte. Ein junges Ehepaar. Sie sahen mich und kamen auf mich zu. Ich rückte auf meiner roten Sammetbank beiseite. Es war gerade an jenem Ort der azurenen Küste wenig Deutsch zu hören. Die Sprache der Einwohner war italienisch. Die Fremden waren meist Russen, Franzosen, Engländer. Meine Freunde gingen zum Theater, ich blieb.

Ich hatte meine Zeitungen ausgelesen und blickte mich nach neuen um.

Der Herr, der an meinem Tisch Platz genommen hatte, schien das zu bemerken. Er reichte mir über den Tisch die Zeitung, die er in der Hand hielt, und fragte in italienischer Sprache, ob ich sie wünsche. Ich verneinte dankend, weil es ein italienisches Blatt war und ich zu mangelhaft italienisch verstehe.

Ich sah dabei eine Hand von edler Art. Allzu gepflegt vielleicht und allzu geschont. Aber von edlem Bau. Ich sah diese Hand und darauf auch diesen Herrn, der mir da seit drei Stunden gegenübersaß, ohne daß ich es bemerkt hatte.

Die Barttracht verlieh diesem Gesicht etwas Fremdartiges. Der Bart, rund um das Kinn, lief mit dem Schnurrbart zusammen. Wo trug man nur solche Bärte? Ein schöner Männerkopf im allgemeinen. Die Stirn vielleicht zu weiß, die Haare sorgfältig gescheitelt, lebhafte Augen, die die meinen suchten, und ein Mund mit überkräftigen Lippen, die sich fromm im Bart verbargen. Sehr kultiviert, und doch, sonderbarerweise dachte ich plötzlich französisch, – ich dachte das Wort: féroce.


Dieser Herr warf die Schlinge der Konversation mit großer Gewandtheit über mich. Er hatte dabei eine so respektvolle Art, daß ein Zurückweichen unmöglich war. Er sprach weltmännische Dinge, solche, die der Stimmung angepaßt waren, brachte sie gewandt und beinahe feurig und dabei ernsthaft vor. Nach einem Geplänkel von zehn Minuten, an dem ich viel Gefallen gefunden hatte, überreichte er mir seine Karte. Darauf waren Lettern zu sehen, die mir fremd waren, darunter stand in französischer Sprache:

Yussuff Hilmi Pascha Excellence
Ministre plénipotentiaire de Sa Majesté le Sultan.


Diese Bekanntschaft blieb keine flüchtige. Hilmi Pascha ließ mich nicht mehr aus den Augen. Um mich durch seine Gesellschaft nicht zu kompromittieren, führte er mich in seinen Kreis ein. Seine mütterliche Freundin – er nannte sie »ma seconde mére« – Madame Barozzi, die Gattin eines Balkandiplomaten, nahm mich unter ihren besonderen Schutz. Eine andere Freundin, Gräfin Etelka, eine junge italienische Consulesse génerale, ungarischer Abstammung, kam mir nicht minder liebenswürdig entgegen. Jeden Tag gab's Ausflüge oder Einladungen, Picknicks im Grünen oder elegante Tees. Und ich sang in diesen Salons und ließ mir Liebenswürdigkeiten sagen.


Hilmi Pascha hatte Paris und Petersburg hinter sich. Zuletzt war er Botschaftsrat gewesen, dann zum bevollmächtigten Minister vorgerückt und nun seit kurzem hier ansässig stationiert. Er stammte aus einer alten, christlichen, arabischen Adelsfamilie. Seine Vorfahren waren souverän gewesen bis zu ihrer Unterwerfung durch die Türken. Man hatte nun an leitender Stelle die Tendenz, die Nachkommen dieser Geschlechter Karriere machen zu lassen und ihre Interessen mit denen der Dynastie zu verknüpfen. Hilmi Paschas Laufbahn war für einen Mann von kaum dreißig Jahren eine ungewöhnliche.

Sein Interesse für mich brachte es mit sich, daß ich ihm meine »Geschichte« und meine Verhältnisse so unverhohlen mitteilte, als er mir die seinen.

Seine Aufmerksamkeit war unermüdlich. Sein Wagen stand mir immer zur Verfügung und seinen braunen Diener Abdullah hatte er mir »geschenkt.« Abdullah saß auf dem Bock, wenn wir ausfuhren, und verstand es ausgezeichnet, mitten in den Pinienwäldern der Corniche mit großer Gewandtheit ein Tischleindeckdich aus dem Boden zu stampfen. Dann saßen wir da oben, über uns die breiten, grünen Baumkronen, tief unten, funkelnd und unbeweglich das Mittelmeer. Ein orientalisches Frühstück wurde aus geheimnisvollen Körben mit Blitzeseile serviert, und wenn Hilmi Pascha sah, wie ich an den fremdartigen Leckereien herumknabberte, dann freute er sich, wie er sagte: »plus que jamais«.


Er sann darüber nach, was es wohl sei, das ihn so ganz und gar »gefangen« genommen habe. »Je suis votre prisonnier, chére madame.« Und er empfahl sich meiner Gnade. Ich verbot ihm das Thema. Aber er kam immer wieder darauf zurück. Der »coup de foudre« wurde mir beschrieben, der ihn damals im Café getroffen, bevor ich noch ein einziges Wort mit ihm gesprochen hatte. Als ich mit dem deutschen Ehepaar sprach (also in einer Sprache, die er nicht einmal verstand), war's geschehen. Was es gewesen sei, wisse er nicht. »Le sourire? Le regard? Le son de la voix? Ah, cette voix, cette voix!«

Und Yussuff Hilmi Pascha umklammerte mit seiner fürstlichen Hand die meine und flüsterte: »Le regard? Le sourire? La voix? Le sais-je, le sais-je?«


Ich sah, daß er einen Kampf kämpfte. Ich zog mich zurück. Er wußte mich zu finden. Und je mehr ich zurückwich, desto hartnäckiger folgte er mir.