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Siebeneichen
Siebeneichen
Roman
aus
dem Alt-Meißner Land
von
Gustav Hildebrand
Mit Federzeichnungen von Josef Windisch
Karl Voegels Verlag G. m. b. H., Berlin
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright by Karl Voegels Verlag G. m. b. H., Berlin 1912
Inhalt
| Kapitel | Seite | |
| 1. | Vor fünf Jahren | [7] |
| 2. | Das Wiedersehen | [21] |
| 3. | Frau Magdalena erlebt eine Überraschung | [33] |
| 4. | Eine stürmische Ratsversammlung | [39] |
| 5. | Der Amtmann im Urteil der Bürgerschaft | [53] |
| 6. | Unerwarteter Besuch im Rathaus | [63] |
| 7. | Eine große Enttäuschung | [75] |
| 8. | Zwei bewegte Unterredungen | [82] |
| 9. | Im Schatten des alten Markgrafenschlosses | [98] |
| 10. | Der neue Herr | [112] |
| 11. | Der Kurier des Herzogs | [120] |
| 12. | Benedikt Biertimpel | [128] |
| 13. | Drei Fragen | [136] |
| 14. | Nächtlicher Besuch im Dom | [155] |
| 15. | Die Sterne schweigen | [171] |
| 16. | Wider die Brüder des heiligen Franziskus | [178] |
| 17. | Das Geheimnis | [188] |
| 18. | Die beiden roten Rosen | [200] |
| 19. | Im »Gasthof zur Dürren Henne« | [206] |
| 20. | Das Schönste, was ihr der Spielmann gesungen | [221] |
| 21. | Rebbe Liebmann, der alte Jude | [229] |
| 22. | Die drei Getreuen | [234] |
| 23. | Der Ritt nach Dresden | [255] |
| 24. | Unter den sieben Eichen | [259] |
Erstes Kapitel
Vor fünf Jahren
Zu alten Zeiten bedeckte das heutige Sachsen dichter Wald. Näheres über seinen damaligen Zustand wissen wir nicht. Das Land ist viel später als der Westen Germaniens in die Geschichte eingetreten. Tacitus verwechselte die Elbe mit der Saale, indem er diese als Hauptstrom bezeichnete, während er die Elbe für einen Nebenstrom hielt. Der erste römische Feldherr, der vom Rhein her am tiefsten in das unwegsame Land der Germanen eindrang, war Drusus; er erblickte den mittleren Lauf der Elbe. Den Boden Sachsens aber werden die Legionen der Römer wohl niemals betreten haben.
Nach ihm näherte sich erst Germanicus wieder dem Herzen des Landes. Seine Abberufung vereitelte das weitere Vordringen. Die Hand der Geschichte zog sich schon wieder zurück, nachdem sie den Saum des Schleiers kaum berührt hatte, der über diese Gegend gebreitet war.
Jahrhunderte vergingen. Da kam die Völkerwanderung. Ihr Strom riß die an der oberen Elbe sitzenden germanischen Stämme südwestlich mit fort. Das freigewordene Land besetzte ein slawisches Volk, die Daleminzier. Ihrem weiteren Vordringen nach dem Westen trat das Germanentum hartnäckig entgegen und warf die Slawen über die Saale zurück. Zur Befestigung dieser Grenzscheide wurden längs des Stromes deutsche Burgen errichtet.
Unter Karl dem Großen begannen dann die erbitterten Kämpfe zur Wiedergewinnung des verlorenen Landes zwischen Saale und Elbe. Seine Nachfolger setzten den blutigen Streit mit immer geringeren Erfolgen fort. Zuletzt stockten die Kämpfe ganz. Streitigkeiten unter den deutschen Stämmen und Kriege gegen andere Feinde lenkten davon ab. Nur die der slawischen überlegene deutsche Kultur stritt friedlich weiter.
Da kam König Heinrich der Erste zur Regierung. Nach Unterwerfung seiner Feinde und Einigung aller deutschen Stämme trieb nunmehr dieser tatkräftige Fürst seine Reiterscharen siegreich gegen die Slawen vor. Der Entscheidungskampf brach an, als die Daleminzier alle Streitkräfte dicht vor der Elbe zusammenzogen und in ihre feste Burg Gana bei Lommatzsch im heutigen Sachsen warfen. Nach zwanzigtägiger Belagerung wurde die Feste unter großen Opfern erstürmt. Was an wehrfähiger Mannschaft vorhanden war, mußte über die Klinge springen. Der Rest des Slawenheeres wich über den Strom zurück. Das Land bis zur Elbe war wieder deutsch!
Nun befestigte König Heinrich die Stromlinie durch Anlage starker Burgen. So entstand im Jahre 928 die Burg Meißen, benannt nach dem vorbeifließenden Bache Misni. Ihr zu Füßen erblühte der Burgflecken gleichen Namens. An die Spitze der jungen Mark setzte König Heinrich einen Markgrafen. Zudem wurde Meißen Bischofsitz. Der Dom wurde etwa dreihundert Jahre danach errichtet. Arnold von Westfalen baute später das Schloß von Grund neu auf.
Die Albrechtsburg zu Meißen wurde als eine Hochwacht des Deutschtums gegen die andrängenden Slawen gebaut. Sie erzählt die Geschichte des Landes von den entfernten Zeiten an, in denen das Bandum am Wurfspieß des deutschen Häuptlings flog, bis herein in unsere Tage, wo die weißgrüne Flagge des sächsischen Volkes auf ihren Türmen weht.
Die Maiensonne schien warm auf den Marktplatz von Meißen herab.
Am Vormittag hatte hier geschäftiges Treiben geherrscht, denn es war Markttag gewesen. Wie von alters her waren die Landleute von Zehren, Meisa und Cölln hereingekommen, um Fleisch, Geflügel, Kraut und Obst feilzubieten. Neben ihnen hatten Händler ihre Stände errichtet, auf denen allerlei ausgebreitet war: Tuchballen, Schuhe von derbem Leder, wollene Hauben und bunte Tücher. Die Hausfrauen waren von einem zum andern gegangen, um das Gewebe der wollenen Waren sorgfältig zwischen Daumen und Zeigefinger zu prüfen oder nach dem Marktpreis der Lebensmittel zu fragen. Auch die liebe Jugend hatte sich wie immer beizeiten eingestellt, das Gewirr vermehrend und den Lärm, den die Ausrufenden und Feilschenden verursachten, durch ihr Geschrei erheblich steigernd. Denn der junge Nachwuchs hat es zu allen Zeiten verstanden, sich bei mancherlei Gelegenheit unnütz zu machen.
Neue Käufer hatten die mit beladenen Körben nach Hause zurückkehrenden ersetzt, bis die Fülle der Waren allmählich arg zusammengeschmolzen war. So war der Vormittag hingegangen. Und als gegen die Mittagstunde die am Rathaus ausgesteckt gewesene rote Fahne weggenommen wurde, das Zeichen, daß für die Verkäufer das Marktrecht erloschen war, hatten diese die zurückgebliebenen Vorräte eingepackt und die Stadt zu Fuß oder zu Wagen wieder verlassen.
Jetzt war der Marktplatz menschenleer.
An einem Hause zwischen Kirche und Burggasse lehnte ein junger Mann und sah mit versonnenen Blicken den schreienden Spatzen zu, die um die verstreuten Abfälle kämpften. Der Jüngling war schlank gewachsen wie eine Haselrute, und seine feinen Glieder steckten in einem zierlich gearbeiteten Gewand von rotem, lundischem Tuch. Das edel geschnittene Gesicht von blasser Farbe war nur wenig gebräunt. Das weiche, braune Haar, das bis auf den gestickten weißen Schulterkragen sich herabkräuselte, ließ erkennen, daß der Jüngling aus einem vornehmen Geschlecht stammen mußte. Ein schwarzsamtnes Barett, auf der linken Seite mit einem kurzen Reiherstutz verziert, vervollständigte seinen Anzug.
Gegenüber dem ehrwürdigen Rathaus in gotischem Stil, mit seinem mächtigen, spitzen Dach, stand auf der andern Seite des Marktes ein breites Haus mit reichverziertem, hohem Giebel. Es war eines der schönsten und stolzesten Gebäude der Stadt, und sein Besitzer mußte zu den angesehensten Bürgern Meißens gehören.
Auf diesem Hause hafteten wie gebannt die Augen des Jünglings. Er kannte die reiche Portalbekrönung unter der sich das Bogenprofil der kunstvoll geschnitzten Haustür etwas nach vorn neigte, verziert mit Blumen und Früchten, die eines Meisters Hand aus dem Elbsandstein herausgemeißelt hatte. Er kannte auch den Spruch, der um den runden Bogen lief:
»Wir haben nichts mit in die Welt gebracht,
Wir nehmen auch nichts mit hinaus!«
Die Erinnerung des Jünglings eilte um ein paar Jahre zurück.
Draußen vor dem Lommatzscher Tor war es gewesen! Und ein strahlender Sommertag, der ihn verlockt hatte, oben auf der Höhe zu lustwandeln. Ach, es war ja sein letzter Tag, bevor er auf Jahre hinauszog! Seine Augen hatten noch einmal in Wehmut an dem schönen Bilde gehangen, das dem Beschauenden von dieser Stelle wird: – den scharfen Umrissen der altersgrauen Markgrafenburg mit ihren kühnen Zinnen, und auf dem ehrwürdigen Dom mit seinen schlanken, himmelragenden Türmen, deren Hintergrund die rebenbedeckten Weinberge des Spaargebirges bilden. Just wie heute war die Luft ein unermeßliches Strahlenmeer gewesen. In der Ferne, wo die Bergesgipfel dichter Wald bedeckte, waren dessen Farben sanft in das helle, sonnendurchflimmerte Himmelsblau geflossen. Und tief unter seinen Füßen hatte der Elbstrom gerauscht. Diese Schönheit hatten seine Blicke durstig eingesogen, damit er Jahre hindurch von der Erinnerung zehren könne.
Da hatte das Ohr des Schauenden plötzlich leises Kichern vernommen. Und als er sich umgesehen, war ihm ein wunderlicher Anblick geworden: unter dicht belaubten alten Buchen und im hohen Grase halb verborgen, hatte ein junges Menschenkind gelegen, das ihn mit den lachenden Blicken eines Koboldes neugierig betrachtete.
Zögernd war er näher getreten. Doch hatte ihn die Erscheinung so überrascht, daß ihm anfänglich die Sprache versagte. Es war ein wahrhaftes Engelsantlitz mit großen, strahlenden Augen, in das er geschaut. Ein schwerer Kranz blonder Flechten, von denen ein sonniges Flimmern ausging, hatte die weiße Stirn umgeben.
Endlich hatte er gesagt:
»Wer bist du? – Bist du ein Mensch oder eine Waldfee?«
Da war das zierliche Wesen auf die Füße gesprungen, hatte vor Ausgelassenheit in die Hände geklatscht und hell aufgelacht, daß es geklungen, als wenn silberne Glöcklein angeschlagen würden.
»Also für eine Fee hältst du mich?« hatte sie endlich ausgerufen. »Du bist ein possierlicher Gesell! Wie heißt denn du?«
»Bernhard,« hatte er geantwortet und schüchtern hinzugefügt: »Und du?«
»Sonnhild!« hatte sie stolz erwidert.
»Sonnhild?« war es ihm leise entfahren. »Wie könntest du auch anders heißen als Sonnhild!«
Da hatte sie wieder gekichert. Und es war ihm noch einmal gewesen, als ob von ihrem goldfarbenen Haar flimmernde Funken aufsprühten.
»Aber ich will heimkehren,« hatte sie gesagt, »geh' mit mir.«
Nach Kinderart sich an den Händen fassend, waren sie unter den Bäumen dahingeschlendert. Das schöne Mädchen an seiner Seite hatte unermüdlich geplaudert. Ihren strahlenden Augen war nichts verborgen geblieben, was am Wege lag. Bald zeigte sie ihm einen Durchblick zwischen den dichten Baumkronen, wo man am andern Ufer die rebenbedeckten Hügel sah, bald wies sie auf schöne Blumen und bunte Gräser, die inmitten des üppigen Mooses standen. Oder sie machte ihn verstohlen auf einen scheuen Vogel aufmerksam, der unhörbar von Zweig zu Zweig hüpfte.
So hatten sie endlich die Stadtmauer erreicht. Als sie durch das Lommatzscher Tor schritten, war hinter dem Fenster das Gesicht des steinalten Torwarts erschienen. Alsdann waren sie durch den tief eingeschnittenen Hohlweg zwischen dem Sankt Afrafelsen und dem mächtigen Burgberg zur Stadt hinabgegangen. Und als endlich die Burggasse hinter ihnen lag und sie über den Markt gingen, hatte das Mädchen gesagt:
»Nun bin ich zu Hause. Willst du mitkommen?«
Eine Weile war er vor dem hohen Haustor mit seinem reichen Holzschnitzwerk und den kunstvollen, schmiedeeisernen Beschlägen in Bewunderung stehengeblieben und hatte andächtig den Spruch gelesen, dessen verschnörkelte Buchstaben tief in den Stein gegraben waren. Dann hatte ihn das Mädchen an der Hand in den Hausflur gezogen.
Der Hausgang stellte eine geräumige, steinerne Halle dar mit hoher Decke, die, wie der Jüngling heute wußte, ein mächtiges Kreuzgewölbe bildete. Die starken Bogen, die dieses gliederten, ruhten seitlich auf herrlich gemeißelten steinernen Konsolen.
Nun hatte sie ihn über die Treppen und durch alle Gemächer des großen Hauses geführt.
Zuerst kamen sie in die Prunkstuben im ersten Stockwerk. Hier waren die Wände bis zur Decke hinauf mit Holzwerk getäfelt oder mit kostbaren Tapeten geschmückt. Mannsgroße venetianische Spiegel standen in den Ecken, feingewebte Vorhänge waren an den Fenstern aufgehängt, und prachtvolle Teppiche schmückten die Fußböden und Wände. Auf dem schweren Hausgerät, mit kunstvollem Schnitzwerk versehen, standen allerlei wunderliche Kuriositäten, wie Waffen und bemalte Geräte fremder Völker, ein ausgeblasenes Straußenei, polierte Muscheln, kunstvoll geschnitzte Kirschkerne, Töpfe mit Bildern versehen und marmorne Gliedmaßen, die in Italien ausgegraben sein sollten.
Des Mädchens flinke Zunge war nicht müde geworden, die Herkunft jedes Gegenstandes zu erklären.
Hier wieder standen Becher aus gemasertem Ahornholz, daneben feine Gläser oder Tongefäße und vielerlei Gerät von Sinn, das schon damals den Stolz der Hausfrau bildete. Dort waren schwere Weinkannen und breite Obstschalen, Teller, worein Figuren gegraben, hohe und vielarmige Tischleuchter, kunstvoll verzierte Trinkgefäße und Salzfäßlein. Und von der Decke der Stuben herab hingen messingne Lichthalter mit sechs oder acht Dillen.
Dies alles war geschickt und sinnig aufgestellt gewesen, nach dem alten Bedürfnis der deutschen Frauen, auch das Leblose gemütlich herzurichten.
Das Mädchen hatte des Jünglings wachsendes Erstaunen beobachtet und sich heimlich daran gefreut.
»Ist es bei dir zu Hause nicht ebenso?« hatte sie gefragt.
»So sieht es wohl nur bei reichen Bürgern aus,« war seine Antwort gewesen.
»Ja, bist du denn kein Bürgerkind?« war es der Erstaunten entfahren.
Da hatte er gefühlt, wie zum erstenmal ein flüchtiges Lächeln auf sein ernstes Gesicht getreten war, als er kurz erwiderte:
»Nein, das bin ich nicht.«
Dann war ihm im nächsten Stockwerk auf dem Treppenabsatz eine Handspritze gezeigt worden, neben einem großen Wasserfaß, und eine Anzahl Feuereimer, die an der niedrigen Decke hingen, ferner eine alte Rüstung, gekrönt mit einem zerhauenen Streithelm. Auch eine mächtige Lade stand dort, über der ein Pirschrohr hing samt der Pulverflasche.
In einer der Schlafstuben war ihm ein übergroß, gelb Himmelbette aufgefallen, zu dem eine Trittleiter hinaufführte, und in der Küche glänzten an der Wand kupferne Kessel und Schüsseln, Bratspieße, Pfannen und Wärmflaschen.
Hier hatte eine alte Frau auf den Knien gelegen und den Fußboden gescheuert. Sie war dürr wie ein Zaunstecken, und in dem strengen Gesicht saß eine spitzige Nase.
»Was für ein fremdes Gesicht ist das?« hatte sie mürrisch gefragt.
Noch bevor er hatte antworten können, war das Mädchen der Frau auf den Rücken gesprungen und hatte ihr die Arme um den Hals geschlungen. Da war die Alte böse geworden und hatte versucht, das Kind abzuschütteln. Aber in der keifenden Stimme war soviel Zärtlichkeit gewesen, daß niemand die Entrüstung hätte ernst nehmen können. Bis endlich der Schelm von der Alten gelassen und ihn wieder aus der Küche gezogen hatte.
»Das ist unsere Hanne,« hatte sie erklärt.
Darauf waren sie durch Kammern gegangen, in denen Wolle hochgestapelt war.
»Dort ist die Werkstatt.« Mit diesen Worten hatte das Mädchen auf eine Tür gezeigt. Und als er sich umgeschaut, war in der offenen Tür die hohe Gestalt eines Mannes erschienen, der das Mädchen geliebkost und seinen Wildfang genannt hatte.
»Wie heißt du?« hatte ihn der Mann gefragt.
»Bernhard.«
»Und wer ist dein Vater?«
»Ernst von Miltitz!«
»Soso,« hatte da der Mann langsam erwidert, »also des Herzogs Hofmarschall ist dein Vater.«
Damit war die Tür zugefallen, und die beiden Kinder waren wieder allein gewesen.
»Wer war dieser Mann?« hatte er gefragt.
Da hatte sie gelächelt.
»Das weißt du nicht? Das war mein Vater, Georg Waltklinger, – der Burgemeister der Stadt!«
An uralten, geschnitzten Truhen vorbei, waren sie alsdann auf die hölzerne Galerie getreten, die in jedem Stockwerk rund um den Hof lief und Lustgänglein hieß. Hier saß eine Magd und schabte Möhren, und die alte Hanne hängte Wäsche auf die Leine.
Nun gingen sie wieder in das Haus zurück, und das Mädchen ergriff wie draußen im Wald seine Hand und lief mit ihm treppauf, treppab und durch vielerlei Gelasse, deren Decken von starken Balken getragen wurden.
Der Jüngling empfand noch heute den unauslöschlichen Eindruck, den das alte Haus mit seinen breiten Treppen, den Kreuzgewölben, den eisenbeschlagenen Türen und den geheimnisvollen, dunklen Winkeln und vergitterten Fenstern auf ihn gemacht.
In einer der Stuben war er plötzlich stehengeblieben und hatte das Kind gefragt:
»Was ist das für ein gemalet Bildnis dort über der Stubentür? Wer ist dieser Mann, der mit so klugen Augen herabschaut?«
Daraufhin hatte das Mädchen mit mitleidigen Blicken geantwortet:
»Die alte Hanne schilt mich oft unwissend. Ich glaube aber, Bernhard, du bist es noch mehr als ich. Dieses Bildnis ist das des Doktors Martin Luther!«
Da war er aufgefahren:
»Derselbe Mann, der von Wittenberg aus die abscheuliche Lehre verbreitet, so gerichtet ist wider die hohen Sakramente der heiligen Kirche?«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als das Mädchen mit funkelnden Augen dicht vor ihn getreten war.
»Du bist hier in einem gut lutherischen Hauses,« hatte sie schroff gesagt. »Und wenn wir Freunde bleiben wollen, darfst du niemals wieder so garstig sprechen!«
Darauf war er still gewesen, da er nicht wußte, was er hätte entgegnen sollen.
»Es ist Abend geworden, nun muß ich heimkehren,« sagte er endlich.
Da war sie bereit, ihn zu begleiten.
Die Sonne war mittlerweile tief hinabgesunken, und ihre Strahlen vergoldeten nur noch die obersten Simse und Fenster der alten Häuser am Markt. Auf den Gassen war es lebhafter geworden. In den Häusern bereiteten die Hausfrauen das Nachtmahl, und die Männer saßen nach vollbrachtem Tagewerk vor den Türen und plauderten mit den Vorübergehenden oder mit dem Nachbar drüben über der Gasse.
Er war mit dem Burgemeisterskind langsam die Fleischgasse hinabgeschritten, beim Hundewinkel vorbei und durch das Fleischtor ins Freie. Kaum daß ein Erwachsener ihrer sonderlich geachtet.
»Es ist bald Sonnenuntergang,« hatte das Mädchen draußen gesagt. »Daß ich nicht den Torschluß versäume!«
»Wie alt bist du?« hatte er sie gefragt.
»Zwölf Jahre. Und du?«
»Dreizehn.«
Mit einem Male war sie ihm entsprungen, nachdem sie noch den Letzten auf seine Schulter geschlagen. Aber im Nu war er hinterdrein gewesen und hatte sie gefangen und aus Übermut umschlungen. Und da sie sich lebhaft dagegen gewehrt, waren sie zusammen auf die Wiese gefallen, gerade am abschüssigen Uferrand der Triebisch. Zwar hatte er die Umarmung rasch gelöst, doch zu spät. Sie waren den Abhang hinabgekollert. Am Rande des Baches hatten sie sich aufgesetzt und über das kleine Abenteuer lustig gelacht. Bis das Mädchen plötzlich gemeint:
»Nun muß ich aber heimkehren. Wollen wir morgen wieder zusammen spielen?«
Aber er hatte wehmütig den Kopf geschüttelt und gesagt:
»Morgen in aller Frühe muß ich nach Dresden.«
»Kommst du bald wieder?« hatte sie gefragt.
»Nein,« war die Antwort gewesen, »ich bleibe dort auf Jahre.«
Und als sie ihn ungläubig angesehen, hatte er hinzugesetzt:
»Meine Eltern wohnen in Dresden. Ich bin nur für einige Wochen auf unserem Schlosse Siebeneichen gewesen. Ich werde an des Herzogs Hof erzogen.«
»O, du Armer!« hatte das Mädchen ausgerufen und ihn mitleidig angesehen. Aber schon war in ihrem Auge der Schalk wieder aufgeblitzt, und sie war eben im Begriff gewesen, ihn anzuschlagen und davon zu eilen, als er die Hände der neben ihm Sitzenden ergriffen und gefragt hatte:
»Ich habe heute deine Mutter ja nicht gesehen? Wo ist sie gewesen?«
Da hatte sie ihn ernst betrachtet.
»Hättest du sie gern gesehen?«
»Ja,« hatte er geantwortet, »du mußt eine recht gute Mutter haben.«
»Du bist ein lieber Junge, Bernhard,« hatte sie leise erwidert. »Habe Dank für deine freundlichen Worte. Meine Mutter ist seit vielen Jahren tot. Der Vater sagt, sie sei schon auf Erden ein Engel gewesen.«
Und wie sie das sprach, war ein schmerzlicher Zug in ihr liebliches Gesicht getreten. Doch hatte sie die Rührung bald niedergekämpft und ihn gefragt:
»Werden wir uns einmal wiedersehen?«
»Ganz bestimmt!« hatte er versichert.
Dabei war es ihm, als ob seine Augen feucht geworden. Beschämt hatte er sich abgewandt, als das Mädchen plötzlich die Arme um seinen Hals schlang und mit ihren Lippen flüchtig seinen Mund berührte. Alsdann war sie in Verwirrung aufgesprungen. Und als er neben ihr gestanden, hatte er gesehen, daß sie dunkelrot geworden war.
Da hatte er ihre Hand genommen und deutlich empfunden, wie auch ihm die helle Röte in die Schläfen schoß.
Endlich war es von seinen Lippen gekommen:
»Sonnhild – – ich werde dich nie vergessen!«
»Lebe wohl, Bernhard!« hatte sie gesagt.
»Lebe wohl, – Sonnhild!« hatte er erwidert und ihre Hand losgelassen.
Noch einen langen Blick, – dann war das Mädchen gegangen. Vor dem Stadttor war sie stehengeblieben und hatte sich noch einmal umgesehen. Ihre großen Augen waren voll Traurigkeit gewesen. Und die reichen Haarflechten, die das Kindergesicht einrahmten, hatten im Schein der untergehenden Sonne geleuchtet. Eine Sekunde später verschwand ihre lichte Gestalt in dem alten Tor.
Da hatte auch er sich umgewandt und war langsam nach Siebeneichen zurückgekehrt.
Zweites Kapitel
Das Wiedersehen
Der Jüngling sah noch immer mit träumenden Blicken über den sonnenbeschienenen Marktplatz. Wie oft hatte er nicht an dies alles gedacht! Aber so frisch wie heute waren die Farben des herrlichen Bildes nie gewesen, wenn es in seiner Erinnerung heraufgestiegen. Fünf Jahre waren darüber hingegangen. Heute mußte sie siebzehn zählen, und er war achtzehn. Wie tief dieses Erlebnis doch in seinem Herzen haftete!
Noch immer zankten sich die Sperlinge um die verstreuten Körner. Aus dem Ratskeller trat der behäbige Schenkwirt. In jeder Hand hielt er einen großen Biersterz, gefüllt mit Wasser. Er schwenkte die hölzernen Gefäße sorgfältig aus und verschwand alsdann wieder hinter der Tür.
Zur Rechten des Jünglings, dicht vor der Frauenkirche, befand sich auf dem Markt ein Brunnen. Den Rand des weiten Beckens zierten steinerne Figuren. In der Mitte stand auf einer Säule ein Löwe, aus dessen Rachen das Wasser in einem starken Strahl hervorschoß. Die Augen des Jünglings glitten an dem Brunnen vorbei und blieben wieder auf dem Bürgerhause haften.
Was mochte aus dem lieblichen Burgemeistertöchterlein geworden sein! Wie breit und ruhig das Haus doch dastand. Die vielen blanken Fenster, die vorgekragten Stockwerke, die schwindelnden Simse des hohen Giebels! Trotzig und herausfordernd sah es aus. Und stolz! Freilich, es gehörte doch auch einem der angesehensten Geschlechter der Stadt. Kein Geringerer als Georg Waltklinger, der reiche Tuchmacher und Burgemeister, war sein Besitzer.
Und das deutsche Handwerk – das wußte der Jüngling – mit seinen Innungen und Gilden, der deutsche Bürgerstand, befanden sich ja gerade gegenwärtig in ihrer glanzvollsten Zeit.
Der Jüngling wandte sich ab. Aber bald gingen seine Augen von neuem zu dem Hause zurück. Er betrachtete das breite Tor mit seinen großen, schmiedeeisernen Klopfern, und auf sein bleiches Gesicht stahl sich der alte träumerische Ausdruck.
Da lief plötzlich ein Zittern über des Jünglings Gestalt und mit einem Ruck richtete er sich straff auf. Dazu blickte er angestrengt nach der Tür hinüber. War ihm nicht gewesen, als wenn er durch den offenen Flügel in dem dunklen Hausgang etwas Helles hatte schimmern sehen? Vielleicht ein weißes Gewand? Mit verhaltenem Atem sah er hin. Da erschien eine Frauengestalt auf der Schwelle, die aber sogleich wieder in das Haus zurücktrat, wohl deshalb, um eine noch rechtzeitig entdeckte Unordnung an ihrem Kleide zu beseitigen.
Wie ein Wirbelwind war der Jüngling über den Platz hinweggeeilt und stand nun klopfenden Herzens vor der offenen Tür. Er schaute mit den geblendeten Augen unsicher in den dämmrigen Hausflur hinein. Da gewahrte er in der Mitte des weiten Raumes ein junges Mädchen von hoher Schönheit. Sie trug ein feines, schneeweißes Linnengewand, das ein ärmelloser Überrock von blauem Tuch, mit goldenen und kristallenen Knöpfen verziert, bedeckte. Der Hals war bloß, und unter dem Ausschnitt war ein breiter Rand der köstlichen Leinwand zu sehen.
Wie gebannt sah der Jüngling auf die lichte Gestalt. Da unterschied er die feinen Züge, ein Paar große, blaue Augen und eine überreiche Fülle leuchtenden Haares, das sich unter dem Hute vordrängte. »Sie ist es!« rief in ihm eine Stimme, und er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe drang. Sein Herz schlug stürmisch. Was er in diesen fünf Jahren geträumt und was er heiß ersehnt, hatte sich in dieser Stunde erfüllt. Er stand wieder vor ihr!
Heimliches Bangen und heller Jubel tönten in seiner Stimme, als er fragte:
»Sonnhild! – – – kennst du mich wieder?«
Darauf blieb es beklemmend still in dem steinernen Gewölbe der Hausflur. Die beiden jungen Menschen standen sich stumm gegenüber. Das Gesicht des Mädchens zeigte große Überraschung, die aber bald durch den Ausdruck lebhaften Unwillens verdrängt wurde. Wie konnte es dieser fremde Mann wagen, sich ihr so gegenüber zu stellen? Tiefe Entrüstung flammte in ihren Augen auf und in dem stolzen Zurückwerfen des feinen Kopfes lag eine strenge Zurechtweisung.
Die Augen des Jünglings hatten während dieser Zeit voll Spannung auf dem schönen Mädchen geruht. Jetzt empfand er, wie seine vertrauliche Begrüßung sie erzürnt hatte. War sie darüber entrüstet, daß er es wagte, sich ihr zu nähern, weil sie als Kinder einmal zusammen gescherzt hatten? Oder hatte sie ihn vergessen? Die Freude über das Wiedersehen hatte ihn fortgerissen, – unter dem zürnenden Blick des in seinem Stolze verletzten Mädchens erhielt er jedoch die verlorene Beherrschung rasch wieder.
Und so nahm er denn nach ritterlichem Brauch das Sammetbarett vom Kopfe, verneigte sich tief und mit feinem Anstand und sprach in ehrfurchtsvollem Tone:
»Mit Gunst, edle Jungfrau! Erinnert Ihr Euch meiner nicht mehr?«
Kaum hatte der Jüngling diese Worte gesprochen, als mit dem Mädchen eine rasche Veränderung vorging. Sie betrachtete sinnend seinen jetzt unbedeckten Kopf, als wenn sie in der Erinnerung ein Erlebnis aus früherer Zeit suche. Auch der Klang der Stimme schien ihr bekannt wie ein alter, lieber Freund. Der Jüngling sah, wie sich die Augen des Mädchens halb schlossen und wie sich ihr Kopf beim Nachdenken ein wenig neigte.
Da sah sie auf, und den Bangenden traf aus ihren großen Augen ein warmer Blick. Und er vermeinte, den süßen Klang der Stimme des jubelnden Kindes von einst wieder zu hören, als sie rief:
»Bernha…!«
Aber schon verstummte sie wieder, und auf ihr Gesicht trat der Ausdruck hoher Verlegenheit. Sie suchte sich zu fassen und sagte endlich, die Silben scharf trennend:
»Junker von Miltitz …«
Der aber trat an sie heran und fragte:
»So erinnert Ihr Euch meiner wirklich noch, Jungfrau?«
Das Mädchen neigte die feine Stirn.
»Daß Ihr so groß geworden, machte Euch mir fremd. Aber wie sollte ich Eurer vergessen, Junker?«
Da traf sein Auge das ihrige warm und innig, daß sich der Blick des Mädchens herabsenkte. Gleichzeitig schlug eine dunkle Röte in das liebliche Gesicht und färbte dieses bis unter die weichen Wellen des blonden Haares purpurn.
»Hier im Hausgang kann unseres Bleibens nicht länger sein,« sagte sie hastig. »Auch auf den Gassen darf man uns nicht beisammen sehen. Ihr wißt, Junker, – unsere Väter! Geht deshalb; ich folge Euch! Droben auf dem Plossenberg mögt Ihr meiner warten!«
Damit wandte sie sich um und ging tiefer in den Hausflur zurück. Der Jüngling aber trat ins Freie und schlug den Weg nach dem Fleischtor ein. Die grell scheinende Sonne blendete ihn anfänglich, daß er die Hand schützend über die Augen legen mußte.
Unwillkürlich sann er darüber nach, welcher Sinn in den letzten Worten des Mädchens gelegen hatte. Man dürfe sie nicht zusammen sehen! Nun ja, Bürger und Adel vertragen sich seit langem nicht. Und er wußte, daß gerade gegenwärtig die Spaltung zwischen ihnen größer war denn je. Besonders die Reichen unter den Bürgern waren voll Erbitterung. Ja, einzelne Geschlechter der Städte waren mit adligen Familien tödlich verfeindet.
Doch bald wurden diese Gedanken von freundlicheren verdrängt. Er hatte sie wiedergesehen! Die Sehnsucht fünf langer Jahre war erfüllt! Das Mädchen war sein schönster Traum gewesen!
Bernhard von Miltitz rief sich noch einmal zurück, wie er ihr vorhin gegenüber gestanden. Dieses leuchtende Auge! Das glänzende Haar! Das liebliche Gesicht! Und dazu der Jubel in der Stimme! – Alles wie einst! Und wie schön sie geworden war! Und mit wieviel Freundlichkeit sie sich seiner erinnerte … »Sonnhild!« flüsterte er.
Bald hatte er das Stadttor und den schmalen Steg über die Triebisch hinter sich. Dann ging er auf der Straße weiter, die durch Wiesen und Felder hinauf auf den Plossenberg führte. Oben angekommen, setzte er sich ins weiche Gras und lehnte den Rücken gegen den breiten Stamm einer mächtigen Birke, deren herabhängende, saftiggrüne Zweige ihn fast berührten. So richtete er den Blick die Straße hinab. Aber bald sah er nichts mehr von seiner Umgebung, sondern überließ sich willig den Träumereien, die ihn erfüllten.
Da wurde er von seinem Nachdenken aufgescheucht, eilende Tritte auf der Straße drangen an sein Ohr. Und wie er aufsah, erkannte er Sonnhild. Sie hatte ihn schon von weitem bemerkt und winkte ihm aus der Ferne zu.
Nach wenigen Minuten war sie bei ihm, und nun gingen sie langsam die Straße weiter. Anfänglich waren sie so beklommen, daß keines von ihnen ein Wort sprechen konnte.
Allmählich aber kamen sie ins Plaudern und sagten sich gegenseitig, wie sich jeder von ihnen doch so verändert habe. Fünf Jahre seien freilich hingegangen; eine lange Zeit, fünf Jahre! Und nun verlor Sonnhild die Befangenheit und erzählte von ihren Erlebnissen während dieser Zeit.
Bernhard von Miltitz ging in Entzücken versunken neben dem schönen Mädchen her. Ihre liebe Stimme hatte er, ach, wie viele Male, in der Erinnerung erklingen lassen. Jetzt hörte er sie wieder! Sie tönte ihm wie die Melodie eines alten Liedes aus den Tagen der Kindheit. Und wenn das Mädchen lachte, drang ihm der Wohllaut ihrer Stimme tief ins Herz.
»Nun, Junker,« rief Sonnhild, »berichtet Ihr einmal, wie es Euch in all den Jahren ergangen ist!«
Und er erzählte dem aufhorchenden Kinde von dem Leben in der herzoglichen Residenzstadt, von den glänzenden Festen bei Hofe und von seinen weiten Reisen, die er gemacht. Denn in Begleitung seines Vaters hatte er bereits Prag, Leipzig und Erfurt gesehen.
Dabei blickte er von Zeit zu Zeit verstohlen zu ihr auf. Das reine Profil ihres Gesichts, der entzückende Ansatz des in einer edlen Linie verlaufenden Halses, die feinen Nasenflügel und die niedlichen rosigen Ohren! Er konnte sich an all diesem Schönen nicht sattsehen. Und wenn er etwas Lustiges sprach, daß sie lachte, dann öffneten sich ihre roten, vollen Lippen, und die beiden Reihen herrlicher Zähne wurden sichtbar.
Plötzlich blieb Bernhard stehen.
»Hier führt ein lauschiger Weg durch den Wald nach Siebeneichen. Laßt uns ihn einschlagen, Jungfrau.«
Langsam und dicht nebeneinander verfolgten sie den schmalen Weg. Die Sonnenstrahlen drangen durch die Baumkronen und fingen sich in Sonnhilds Haar, von dem sie den Hut genommen hatte. Und es schien dem Jüngling, als wenn blitzende Funken daraus hervorsprängen.
Bernhard von Miltitz setzte seinen Bericht fort. Ab und zu warf das Mädchen eine klug gestellte Frage ein, den Jüngling dergestalt zum Weitersprechen ermunternd. Bernhard fand Gefallen an dem Interesse seiner lieblichen Zuhörerin. Er ging aus seiner natürlichen Zurückhaltung unwillkürlich heraus, und sein blasses Gesicht bekam den Anflug einer feinen Röte. Bis mit einem Male Sonnhild fragte:
»Junker, wie alt ist Eure Familie eigentlich?«
»Das Geschlecht der Miltitz,« antwortete der Jüngling, »wird im Jahre 1186 zum ersten Male genannt. Es ist also fast ebenso alt,« fuhr er mit bescheidenem Stolze fort, »wie die Wettiner als erbliche meißnische Fürsten. Die Geschichte meiner Vorfahren ist mit der ihres Landes eng verknüpft. Durch die Jahrhunderte haben sie den Markgrafen treu gedient und allzeit die höchsten Ämter verwaltet. Vor wenigen Jahren kaufte mein Vater unsern heutigen Stammsitz und ließ das Schloß Siebeneichen errichten. Nun steht es hoch auf dem Berge, nahe dem Elbstrom, und seine Mauern und Türme sind weithin sichtbar. Mögen die beiden Namen Miltitz und Siebeneichen fest miteinander verbunden bleiben, – so Gott will, für alle Zeiten!«
Sonnhild hatte diesen Worten mit Aufmerksamkeit gelauscht. Nun fragte sie:
»Sagt mir doch, Junker, woher kommt der Name Siebeneichen?«
»Die Eiche,« antwortete Bernhard, »durfte nach dem Baumkultus der Germanen nicht von jedem Markgenossen geschlagen werden. Sie stand unter den geheiligten Bäumen obenan. Unter ihr wurden Opfer gebracht und Gottesurteile gesprochen. Die sieben Urteiler saßen rund im Kreise unter den Bäumen; in ihrer Mitte thronte der Richter auf einem Stein oder Hügel. Eine solche Gerichtsstätte mag sich zu alten Zeiten auf unserm Berge befunden haben. Die noch heute vor dem Schlosse stehenden sieben Eichen verkünden dies.«
Hier schwieg der Jüngling und blieb stehen. Und als Sonnhild aufsah, bemerkte sie eine hohe Mauer, an der sich Efeu hinaufrankte.
»Wir haben Siebeneichen erreicht,« sagte Bernhard. »Möchtet Ihr in seinem weiten Schloßpark nicht einmal lustwandeln, edles Fräulein?«
Sonnhild sah ihn erfreut an.
»So Ihr es erlaubtet, Junker, tät ich es recht gern!«
Bernhard lächelte befriedigt.
»Dort ist das Tor,« sprach er, »treten wir ein.«
Der ausgedehnte Park prangte in der herrlichsten Frühlingspracht. Unter den hohen Bäumen führte ein Netz von Wegen an herrlichen Blumenbeeten vorüber bis in die entferntesten Teile. Weite Flächen saftiggrünen Rasens wechselten mit dichtbewachsenen Laubengängen, und hinten an der Mauer befanden sich, von fast undurchdringlichem Blattwerk umgeben, lauschige Winkel.
Sonnhild brach wiederholt in Ausrufe des Entzückens aus. Diese Schönheit hatte sie noch nicht gesehen! Und sie bedauerte, daß in der engen Stadt die Anlage selbst eines kleinen Gartens nicht möglich sei.
Jetzt dauerte es auch nicht mehr lange, bis das Mädchen die bisher bewahrte Zurückhaltung vergaß. Flüchtigen Fußes entlief sie ihm, daß der Jüngling Mühe hatte, sie zu fangen. Dann wieder war sie plötzlich verschwunden, und Bernhard von Miltitz sah ihr helles Kleid zwischen den grünen Laubengängen schimmern, bis sie ein gutes Versteck gefunden hatte. Nun ging er ans Suchen.
Obwohl er alle verschwiegenen Winkel des Parkes genau kannte, tat er doch so, als bereite es ihm Mühe, sie zu entdecken. Absichtlich lief er einige Male dicht an ihrem Versteck vorüber, selbst ihr leises Kichern überhörend. Und wenn er das verborgene Plätzchen endlich erreichte und die dicht verschlungenen Ranken auseinanderbog, dann sah er das Mädchen niedergeduckt auf dem Erdboden, und ihre lachenden Augen waren auf ihn gerichtet. Bis sie mit einem Freudenruf aufsprang und jubelte:
»Nein, Junker, wie schön es hier doch ist!«
So wiederholte sich das anmutige Spiel oft, ohne daß eines von ihnen merkte, wie rasch der Nachmittag verging.
Als aber die Schatten der Bäume immer länger wurden, erklärte Sonnhild, heimkehren zu müssen. Und Bernhard von Miltitz erkannte, wie sich die Freude des Mädchens dämpfte und leises Bedauern sie erfüllte.
»Ich bringe Euch bis zum Plossenberg zurück, Jungfrau,« sagte er tröstend. Damit führte er sie zum Park hinaus wieder auf den schmalen Waldweg den sie gekommen. Und da dieser Pfad eben recht eng war und sie doch zu zweien bleiben wollten, mußten sie dicht nebeneinander gehen. So kam es, daß sich ihre Hände wiederholt berührten. Bis mit einem Male Bernhard ihre weiche Hand ergriff und festhielt.
Bei dieser Berührung schreckte das Mädchen zusammen, und ihr sprudelndes Plaudern stockte für einen Augenblick. Doch sie entzog ihm die Hand nicht. Als sie aber nach einer kleinen Weile fühlte, wie sich der Arm des jungen Mannes leise in den ihrigen legte, schwieg sie plötzlich. Eine dunkle Röte flammte in dem lieblichen Gesicht der Jungfrau auf, und ein langer, flehender Blick aus ihren großen Augen traf ihn.
Da bemächtigte sich auch des Jünglings tiefe Verwirrung. Er preßte ihren Arm sanft an sich, und es klang wie eine Bitte, als er den Mund zu ihrem Ohre neigte und so leise flüsterte, als ob selbst die Vögel des Waldes es nicht hören sollten:
»Sonnhild!«
Das Mädchen schwieg. Und da auch Bernhard die Unterhaltung nicht wieder aufnahm, legten sie das letzte Stück Wegs stumm zurück. Die Verwirrung, die sie nicht verlassen wollte, spiegelte sich in den Gesichtszügen der beiden jungen Menschen ab.
Bevor sie aus dem Wald auf die Straße traten, zog Sonnhild ihren Arm sanft aus dem des Jünglings, strich mit den Händen ein paarmal über die schweren, glänzenden Zöpfe und setzte den Hut wieder auf.
»So,« sprach sie und blieb stehen, »nun müssen wir Abschied nehmen! Habt vielen Dank, Junker, für Eure freundliche Begleitung und für die kurzweilige Unterhaltung, die Ihr mir geboten.«
Bernhard von Miltitz wehrte ab.
»Sprecht nicht also, Jungfrau! Ihr gabt mir ebensoviel, wie Ihr meint, empfangen zu haben. Nehmt auch Ihr vielen Dank!«
Hierauf legte Sonnhild ihre weiße Hand für einen Augenblick in die seine und wandte sich zum Gehen.
»Wollen wir uns nicht wiedersehen, Jungfrau?« kam es bestürzt von Bernhards Lippen.
»Doch, Junker, wenn Ihr mögt …«
»Ob ich wollte? Könnt Ihr so fragen? Schon morgen am liebsten …«
»Nein,« entgegnete sie bestimmt, »nicht morgen. Aber nach drei Tagen, von heute an gerechnet, just um dieselbe Stunde.«
»Und wo?«
Sonnhild sann nach.
»Jungfrau, laßt uns wieder dahin gehen, wo ich einst wähnte, eine Waldfee zu erblicken.«
Sonnhild ließ leise ihr wohlklingendes Lachen hören.
»Sei es, Junker. Also, lebt wohl – bis dahin!«
»Auf fröhliches Wiedersehen, Jungfrau!«
Bernhard von Miltitz zog das Barett und verneigte sich. Dann schritt Sonnhild den Berg hinab, während der Jüngling den Waldweg wieder zurückging.
Drittes Kapitel
Frau Magdalena erlebt eine Überraschung
In dem Erker des Turmzimmers im Schlosse Siebeneichen saß Frau Magdalena von Miltitz. In ihrem Schoß lag ein Kleid von grauem Leinen, an dem sie eifrig nähte.
Die Schloßherrin von Siebeneichen war eine große, schöne Frau von noch nicht fünfzig Jahren. Ihre Gesichtsfarbe war ein blühendes Rot, und in das braune Haar hatte sich noch kein einziger Silberfaden gestohlen. Deshalb hielt man sie allgemein für jünger. Sie war eine kluge und entschlossene Frau, die ihre Pflichten im Hause vortrefflich ausübte und die von ihrem Gatten als eine verständige und liebevolle Ehegattin hoch geschätzt wurde.
Frau Magdalena war eine geborene Pflug. Ihr Vater war der angesehene Herr auf Zabeltitz, Heinrich Pflug. Derselbe, der einmal auf die Frage, warum er das Wörtchen »von« doch nie vor seinen Namen setze, geantwortet:
»Warum das? Die Pflugs gehören zu den vier Prinzipalgeschlechtern des meißnischen Heldenadels und wurden immer an erster Stelle genannt. Das weiß jedes Kind!«
Der Stolz des Vaters hatte sich auf die Tochter vererbt. Zwar war sie weit davon entfernt, hochmütig zu sein. Aber tief im Herzen fühlte sie die heimliche Freude, einem uralten, hochgeachteten Adelsgeschlecht zu entstammen.
Frau Magdalena ließ das Kleid sinken. Und während die fleißigen Hände einmal ruhten, schweifte ihr Blick zum Fenster hinaus. Tief unten rauschte die Elbe. Am jenseitigen Ufer stiegen hohe Weinberge empor, hinter denen sich das Land in einer weiten Ebene verlor. Ihre Augen glitten achtlos über das schöne Bild hinweg; sie dachte an ihren Sohn Bernhard. Seine älteren Brüder weilten draußen in der Welt, er, der Jüngste, war ihr verblieben. Dazu hatte er ihrem Mutterherzen heimlich immer am nächsten gestanden. Denn dieselben Eigenschaften, die sein Vater besaß, zeigten sich auch bei ihm recht deutlich.
Schon während seiner Kindheit war der hervorstechendste Zug ihres Jüngsten die Ritterlichkeit gewesen. Mit heimlicher Freude hatte sie immer beobachtet, wie der Knabe sich bemühte, gegen seine Mutter artig und zuvorkommend zu sein. Und als er noch nicht den Kinderschuhen entwachsen war, zeichnete er sich durch selbstbewußte Höflichkeit gegen Frauen vor allen Altersgenossen aus. Auch die vornehme Gesinnung des Vaters hatte er geerbt, und dessen ruhiges Wägen, bevor er handelte.
Freilich wußte Frau Magdalena, daß Bernhard auch die Schwächen seines Vaters besaß: den zuweilen aufflammenden Zorn und die trotzige Beharrlichkeit, die keine Strenge beugen konnte.
Da schreckte sie aus ihrem Nachdenken auf. Draußen hatten hastige Schritte geklungen. Und wie sie den Blick nach der Tür richtete, trat Bernhard ins Zimmer. Frau Magdalena erkannte alsbald, daß ihn etwas bewegte. Seine sonst blassen Wangen waren von einer leichten Röte verfärbt.
Bernhard von Miltitz besaß für seine jungen Jahre ein großes Maß von Beherrschung. Mit dem vollendeten Anstand eines Jünglings aus edlem Geschlecht begrüßte er seine Mutter. Als er sich jedoch zum gewohnten Handkuß vor ihr verneigen wollte, umschlang sie ihn, und er fühlte ihre Lippen auf seiner Stirn. Das machte ihn betroffen, denn er wußte, daß solche Beweise von Zärtlichkeit bei seiner Mutter selten waren.
Frau Magdalena hatte die Hände an des Sohnes Schläfen gelegt und sah ihm liebevoll ins Gesicht. Und bevor sie ihn freiließ, küßte sie ihn noch einmal.
Dieser Ausdruck von mütterlicher Liebe stimmte Bernhard weich, daß er plötzlich den Drang empfand, mit seiner Mutter von dem zu sprechen, was sein Herz erfüllte. Und so begann er denn mit stockenden Worten:
»Mutter, heute nachmittag bin ich mit einem fremden Fräulein in unserm Park gelustwandelt …«
Frau Magdalena horchte auf.
Da fuhr er schon im Sprechen fort. Aber jetzt kam der Redefluß leicht von seinen Lippen:
»Ein vornehmes Fräulein, lieblich, zierlich und anmutig zugleich. Keine, die ich je sah, glich ihr! Ihr Antlitz ist süß, wie das der heiligen Maria, und ihre Gestalt zart, wie die eines jungen Rehs. Und ihr Fuß, ihr kleiner, schmaler Fuß, liebe Mutter, ist so gewölbt, daß sich ein Vöglein darunter verstecken könnte …« Hier brach die Schilderung jäh ab, und eine dunkle Röte bedeckte das Gesicht des Sprechers.
Frau Magdalena war vor Überraschung sprachlos. War das ihr Sohn Bernhard, der jungfräuliche Reize so beredt schildern konnte? Ihr Jüngster von dem sie wußte, daß er es wohl verstand, Frauen ritterlich zu dienen, dessen junges Herz aber, wie sie wähnte, von kühler Gelassenheit beherrscht wurde?
»Du verstehst dich ja meisterlich darauf,« versetzte sie endlich, »die Schönheit junger Fräulein zu rühmen! Aber sag' mir doch vorerst, wer ist denn dieses Mädchen?«
Bernhard war an eines der hohen Erkerfenster getreten und sah, scheinbar gefesselt von dem Fernblick, hinaus. Er kämpfte sichtlich mit einer leichten Verlegenheit. Deshalb wandte er sich auch nicht um, als er antwortete:
»Sie ist ein Meißner Bürgerkind, Mutter.«
»Ich dachte es schon,« versetzte diese. »O ja,« fuhr sie nach kurzem Schweigen fort, »die Bürgersleute von Meißen sind sehr achtbar, und sie werden ihr Kind sicherlich ebenso vortrefflich erzogen haben, wie du es anmutig findest. Der Stolz der Bürger, solange er nicht zur Hoffart wird, ist wohlbegründet in ihrer Tüchtigkeit. Aber sieh, Bernhard, wir gehören nun einmal nicht zu ihnen, und sie mögen uns auch gar nicht zu den ihrigen zählen. Wie heute die Verhältnisse liegen, sollen Adel und Bürgertum hübsch voneinander bleiben. Und, lieber Sohn, der Frieden im Herzen einer Jungfrau ist sehr bald gestört. Hüte dich davor! Was du als ritterliche Aufmerksamkeit betrachtest, wird leicht anders gedeutet. Ein gesittetes Bürgermädchen aber mit schönen Worten zu betören, danach, mein lieber Bernhard, wird es dich nicht verlangen.«
Der Jüngling wandte sich hastig um.
»Nimmermehr!« rief er. »Ich bin ein Miltitz und werde immer nur das tun, was mein Gewissen gutheißt. Dürfte aber die Kluft zwischen Bürger und Adel ein Hindernis für die Vereinigung zweier Herzen sein? Verstieße solches, so man es verlangte, nicht gegen die göttlichen Gebote?«
Diesen mit edler Wärme gesprochenen Worten folgte tiefes Schweigen. Bis Bernhard in ruhigem Tone fortfuhr:
»Die Jungfrau, von der ich sprach, besitzt eine reine, herrliche Seele. Ihr Vater trägt einen hochangesehenen Namen, er ist der Burgemeister …«
»Waltklinger?« Frau Magdalena richtete sich steil auf.
Bernhard sah verwundert auf.
»Ja, liebe Mutter,« antwortete er, »Sonnhild ist die Tochter des Burgemeisters Georg Waltklinger.«
Frau von Miltitz schöpfte tief Atem. Dann sagte sie:
»Nein, Bernhard, der jahrhundertealte Zwist zwischen Adel und Bürgertum darf Herzen, wo sie sich nähern, nicht im Wege stehen. Aber wir können es ruhig denen überlassen, sich hierüber zu verständigen, die es angeht. Für dich mit deinen achtzehn Jahren ist dieses Gespräch zu ernst. Und ich will dir auch sagen, warum ich erschrak, als du vom Burgemeister sprachst. Du bist erst zu kurze Zeit wieder hier, daß du wissen könntest, wie zwischen deinem Vater und dem Rat der Stadt Meißen gegenwärtig eine starke Spannung besteht. Wie dir bekannt, ist vor einigen Jahren drüben im Kurfürstentum Sachsen die Reformation eingeführt worden, während sie bei uns herzoglichen Sachsen vergeblich um Einlaß angeklopft hat. Darüber ist die Bürgerschaft Meißens erbittert, weil sie die lutherische Lehre zur Staatsreligion erhoben sehen möchte. Aber unser Herzog Georg ist ein Feind des Wittenbergers. Deinem Vater fällt es nun als Amtmann von Meißen zu, die widerspenstige Einwohnerschaft in Schach zu halten, wofür er vom Herzog ausreichende Vollmacht erhalten hat. Das Haupt dieser Religionsbewegung ist in Meißen aber der Burgemeister Waltklinger. Dieser stolze und adelsfeindliche Mann betrachtet deinen Vater als einen böswilligen Widersacher und ist ihm bitter gram. Was müßte dein Vater nun empfinden, so er erführe, sein Sohn hofiere dem Burgemeistertöchterlein, und wie müßte das Mädchen leiden, wenn solches dem Waltklinger zugetragen würde. Denn der Jähzorn dieses Mannes soll schlimm sein.«
Frau Magdalena hatte sich bei den letzten Worten erhoben.
»Ich weiß, daß ich mich auf deine Klugheit und auf dein Zartgefühl verlassen kann. Du wirst nie vergessen, welches Maß von Rücksicht du dem Namen, den du trägst, und deinem Vater schuldig bist.«
Hier verließ Frau von Miltitz in mühsam verhehlter Erregung das Zimmer. Bernhard hatte ihre Rede stumm angehört. Jetzt sah er in starrer Haltung noch eine Weile auf die Tür, durch die seine Mutter ihn verlassen. Dann trat er in den Turmerker und schaute lange hinaus über das weite Land.
Viertes Kapitel
Eine stürmische Ratsversammlung
Der Burgemeister Georg Waltklinger trat aus seinem Haus auf den Marktplatz. Er warf einen kurzen Blick über die Zelte und Stände der Marktfieranten und schlug alsdann den Weg nach der Kirche ein; zwei Stadtknechte mit Spießen auf den Schultern folgten ihm mit respektvollem Abstand.
Georg Waltklinger war ein großer und stattlicher Mann. In seiner Jugend, das war bekannt, hatte er manches Liebesabenteuer gehabt, denn die Herzen der Jungfrauen waren dem schönen Georg, wo immer er erschien, zugeflogen. Dazu war er von bedeutendem Rang. Die Waltklingers zählten zu den ältesten Bürgerfamilien, die ratsfähig waren.
Die Angehörigen dieser Patrizierhäuser besaßen ein starkes Standesbewußtsein. Sie machten darauf Anspruch, als ebenso vornehm zu gelten, wie die angesehensten Familien des meißnischen Uradels. Die geachtesten Geschlechter der Stadt hätten den jungen Mann als Brautwerber mit offenen Armen empfangen. Deshalb war man ihm anfänglich ein wenig ungnädig gesinnt, als das Gerücht umlief, der schöne Georg habe in Dresden gefreit.
Kurz darauf führte er sein junges Weib heim. Sie hieß Maria und war die Tochter eines der reichsten Kaufherren der herzoglichen Residenzstadt. Ihre Schönheit und holdselige Anmut gewann aller Herzen. Dazu besaß sie ein wahrhaft edles Gemüt. Und keiner ging von der Schwelle ihres Hauses, ohne einen tiefen Eindruck von der Frau, die darin waltete, mitzunehmen. Selbst die übelste Zunge wagte sich an Maria Waltklinger nicht heran; so hoch stand der Ruf ihrer Weiblichkeit.
Deshalb verstanden es die Leute, daß Georg Waltklinger, als die Pest sein blühendes Weib nach wenigen Jahren dahinraffte, beinahe den Verstand verlor. Er tobte und schrie und verwünschte Himmel und Erde. Selbst sein liebliches Töchterchen von vier Jahren, das Ebenbild der Mutter, war ihm kein Trost. Ja, man durfte dem Vater das Kind anfangs nicht einmal unter die Augen bringen, da er ihm die Schuld beimaß, es habe der Mutter durch seine Geburt die Kraft genommen, siegreich wider die Krankheit zu streiten.
Maria Waltklinger war verblichen wie ein milder Stern, der in einsamer Nacht dem müden Wanderer freundlich geschimmert, wie eine zarte Blume, deren Schönheit und Duft ihrem Besitzer eine kurze Freude bereitet hat.
Georg Waltklinger aber war von da ab ein anderer Mensch. Er entsagte allen Zerstreuungen und richtete seine ganze Kraft nur auf sein Handwerk, worin er so Außerordentliches vollbrachte, daß nach wenigen Jahren die Erzeugnisse seines Hauses über des Herzogtums Grenzen hinaus gepriesen und begehrt wurden.
Da boten die Ratmannen dem noch in verhältnismäßig jungen Jahren Stehenden den freigewordenen Posten als Burgemeister der Stadt an. Der junge Meister sagte nach anfänglichem Schwanken zu und wurde Stadtoberhaupt. Und damit begann für Meißen eine Reihe segensreicher Jahre, denn Georg Waltklinger verstand es, sein Amt vortrefflich wahrzunehmen. Die gesamte Bürgerschaft gewann ihn lieb und brachte ihre Dankbarkeit dergestalt zum Ausdruck, daß sie sein Amt in jedem Jahre neu bestätigte.
Georg Waltklinger gewahrte mit heimlicher Befriedigung, daß auf seinem Wirken Segen ruhte. Aber diese Erkenntnis machte ihn nicht hoffärtig. Er blieb bei allen Ehrungen der einfache Mann, der jede Anerkennung zurückwies. Mit väterlicher Leutseligkeit sprach er in den schlichtesten Häusern vor, und die Rechtschaffenen unter den fahrenden Gesellen auf der Landstraße durften seiner Achtung ebenso gewiß sein, wie die Häupter der angesehensten Geschlechter der Stadt. Stolz kannte er nicht.
Und doch war Georg Waltklinger gewaltig stolz! Dann nämlich, wenn er mit Mitgliedern des Adels in Berührung trat. Bei solchen Anlässen hatte sein Stolz keine Grenzen! Er kannte genugsam die landläufige Geringschätzung, mit der der Adel auf das arbeitende Bürgertum herabsah. Und da er wußte, wie viel die Städte, besonders während der beiden letzten Jahrhunderte, zum Wohle des Landes beigetragen hatten, weil er von dem hohen Beruf des deutschen Handwerks, ohne sein Verdienst parteiisch zu überschätzen, tief durchdrungen war, setzte er der verächtlichen Haltung der Adligen den ganzen mannhaften Stolz eines freien Bürgers und Handwerkers entgegen. Deshalb war sein Gleichmut bald erschüttert, wenn er von einem Übergriff des Adels hörte. –
Der Burgemeister Georg Waltklinger, begleitet von den beiden Stadtknechten, ging an dem Marktbrunnen und der Kirche vorüber und betrat alsdann durch das neue, prächtige Tor den Kirchhof. Dieser hohe Sandsteinbogen war auf seine Anregung von der Innung der Tuchmacher kürzlich der Stadt gestiftet worden. Der Burgemeister machte heute seinen allwöchentlichen Rundgang durch die Stadt.
Am Frauensteg vorüber ging er den Markt entlang und die Burggasse hinauf. Jeder, der ihn sah, bot ihm den Gruß; und mancher mochte wohl beim Anblick des stattlich dahinschreitenden Stadtoberhauptes heimliche Freude empfinden.
Vor seinem Hause in der Burggasse stand der ehrsame Hans Krebs, der Ratsweinmeister, der sich der Freundschaft Waltklingers rühmen durfte. Beim Herankommen des Burgemeisters zog Krebs die runde, gestrickte Mütze von dem weißen Haar.
»Der Kranz hängt vor deinem Hause,« rief Georg Waltklinger schon in einiger Entfernung. »Du besitzest für diesen Monat die Braugerechtsame. Wie ist dein Bier?«
Hans Krebs verneigte sich ehrerbietig.
»Wein und Bier gleich gut! Heute stoße ich vom frischen Bräu den ersten Zapfen aus. Willst du probieren, Burgemeister?«
Dieser lachte.
»Nicht alsogleich,« versetzte er, »zum Dämmern erwarte mich, Weinmeister.«
Damit ging er weiter und sah auf das Stadtvieh, das heute verspätet durch den Hohlweg vor das Lommatzscher Tor getrieben wurde. Als Geißlbrecht, der Hirt, des Stadtgewaltigen ansichtig wurde, knickte er zusammen und zog demütig die Kappe. Aber der Burgemeister kannte die sonstige Verläßlichkeit des Weißkopfs. Deshalb ging das Ungewitter noch einmal an ihm vorbei.
Den Baderberg hinab, an der Laurentiuskapelle und dem danebenstehenden Hospital vorüberschreitend, betrat Georg Waltklinger nun den Jahrmarkt, auf dessen Mitte das Gewandhaus stand. Hier befanden sich die großen Herbergen der Stadt: die Sonne, der Stern und der Goldene Ring. Und da es just Sonnabend war, herrschte überall geschäftiges Leben.
Auch sah man da und dort einen Neugierigen, welcher vom Lande zum erstenmal in die Stadt gekommen war. Der staunte natürlich gewaltig! Gewiß hatte er schon den großen Eindruck schildern hören, den man beim Betreten Meißens bekomme. Dennoch sah er alles an wie Wunderdinge und fühlte tief den Zauber des Geldes. Dabei entging ihm doch noch das Sehenswerteste, das ja in den dunkeln Stuben und Gewölben der reichen Bürger in eisernen Truhen fest verschlossen gehalten wurde. Schaufenster, in denen die Gewürzzehntner und Handwerker ihre Waren hätten auslegen können, gab es damals freilich noch nicht. Nur der Goldschmied stellte bisweilen kleine Becherlein oder Ketten hinter die grünen Fensterrauten der Werkstatt. Aber mit Vorsicht und unter Bewachung, damit nicht ein fremder Strolch schleunig mit der Beute entlaufe.
Auf der Elbgasse war der Verkehr am stärksten. Vor dem herannahenden Burgemeister und den Stadtknechten wich alles respektvoll zurück, und selbst die Häupter der angesehensten Bürgerfamilien entblößten sich tief. Der freie Bürger wußte, daß er in seiner hohen Achtung vor dem Stadtoberhaupte sich selbst ehrte.
Auf dem ersten Pfeiler der hölzernen Elbbrücke blieb Georg Waltklinger stehen und warf einen kurzen Blick auf die zahlreichen Fischerboote, die großen böhmischen Kähne, die hier ausgeladen wurden, und die arbeitenden Schiffsmühlen. Dann ging er durch das Elbtor den Weg bis zum Naschmarkt zurück. Vor dem Goldenen Löwen stand eine Anzahl Pferde zum Verkauf, um die laut gefeilscht wurde.
Der Burgemeister ließ das alte Franziskanerkloster zur Linken und schaute über den anstoßenden Kirchhof hinweg, auf dem das Beinhaus stand, worin im Mittelalter die vielen menschlichen Gebeine aufgespeichert wurden, die man ausgraben mußte, um den später Heimgegangenen die letzte Ruhestatt in der Erde auf ein paar Jahre zu bereiten. Denn die Friedhöfe waren klein! So behalfen sich die Menschen eine lange Zeit, bis die Not siegte und man sich entschloß, den Gottesacker draußen vor der schirmenden Stadtmauer anzulegen.
Vor der Baderei auf dem Frauenmarkt blieb Georg Waltklinger wiederum stehen. Aus der großen Badestube drang Stimmengewirr. Hier badeten in geräumigen hölzernen Wannen die Menschen friedlich nebeneinander, gleichviel, welchen Geschlechts. Manche Bürger kamen täglich hierher – denn nur die Reichen besaßen ihr Badestüblein zu Hause –, und selbst dem Ärmsten verschaffte die Stadt allwöchentlich und ohne Entgelt die begehrte Gelegenheit zur Reinigung.
Da schlug die Uhr der Stadtkirche zehn. Der Burgemeister durchschritt rasch die Jüdengasse, und als er das Eckhaus erreicht hatte, worin der Apotheker Karl Leuschner seine Tränklein und Mixturen verhandelte, stand er wieder auf dem Markte. Hier war es vonnöten, daß die beiden Stadtknechte ihrem Gebieter voraufgingen, um ihm Raum zu bahnen, – so dicht war das Gewühl in den Gängen.
Jetzt betrat Georg Waltklinger die Tür des Rathauses, zu deren beiden Seiten die Stadtknechte sich aufstellten, die gewaltigen Spieße neben sich auf den Fußboden niederstoßend. Das war das Zeichen, daß der Burgemeister und die Ratmannen sich versammelt hatten.
In dem geräumigen Saal im ersten Stockwerk, dessen Decke von mächtigen Balken getragen wurde, saß die würdige Ratsversammlung an einem langen Tisch. Da erschien der Burgemeister. Er verneigte sich kurz vor den ihn Begrüßenden und nahm den Platz am oberen Ende des Tisches ein.
Die Namen der Männer, die hier vereinigt waren, hatten einen guten Klang. Da war der alte Niclas Anesorge, seines Zeichens gleichfalls Tuchmacher, Heinrich Faust und Hans Mortitz, Gewürzzehntner, der reiche Peter Sorgenfrei, des Burgemeisters Stellvertreter und vorsitzender Meister der Innung der Fleischhauer, Sigmund Badehorn, der Becherer, Christoph Pfluger, Bäcker, und die Meister Claus Haßbecher und Valentin Heide der Leinweberinnung.
Zur Linken des Burgemeisters saß Wolf Behr, der Stadtrichter, neben diesem der Stadtschreiber Valentin Schein.
Georg Waltklinger tat einen lauten Hammerschlag – die Sitzung war eröffnet. Er wandte sich an den Stadtschreiber.
»Sind die Torzölle und Abgaben in der verwichenen Woche befriedigend hoch gewesen?«
»Sie waren es.«
»Stadtrichter, hattet Ihr Frevler wider den Marktfrieden abzustrafen?«
Der Gefragte verneinte.
»Wie stand es um den gemeinen Frieden der Stadt?«
Der Stadtrichter zählte auf: einige Vergehen gegen das Gebot, mit dem Glockenschlage zehn am Abend das Licht zu verlöschen. Der Leinweber und Bortenwirker Heinrich Himmelreich hatte gegen die Zunftregel auf Vorrat gearbeitet, ferner lautes Rufen auf der Straße nächtlicherweile, Bierausschenken ohne die Braugerechtsame zu besitzen, Lärm und lästerliches Fluchen in den Schankstätten, Versuch der Übervorteilung beim Handel um eine Ferkelsau, ein Handwerksgeselle, der im Trunk die Achtung gegen seinen Meister vergaß … und weitere Fälle ähnlicher Art, die Wolf Behr, der Stadtrichter, berichtete.
Aber an der Ungeduld, die auf den ernsten Mienen der Umsitzenden lag, war leicht zu erkennen, daß noch ein weit wichtigerer Punkt zur Verhandlung stand.
»Ein fahrender Gesell hat die löbliche Sitte soweit verletzet, daß er in der Badestube mit einem Frauenzimmer schön tat, wobei beide an Kleidern nicht mehr auf Leib und Gliedmaßen trugen, als ein abgeschälter Stock an Rinde.«
Bei dieser Anklage kam einiges Leben in die bisher schweigsame Versammlung, und zürnende Worte klangen reichlich.
»Die Unsittlichkeit in den Badestuben nimmt überhand,« begann der Burgemeister. »Sorgen wir beizeiten für Abhilfe, auf daß unsere gute Stadt nicht in Verruf komme. Stadtrichter, es liegt Euch ob, eine Kundmachung zu überdenken, nach der Manns- und Weibspersonen die Badereien nur stubenweise getrennt besuchen dürfen!«
Ein beifälliges Murmeln, – die Worte des Burgemeisters waren gutgeheißen.
Wolf Behr fuhr fort:
»Die von der wohlweisen Ratsversammlung bereits ausgesprochene und vom Amtmann gutgeheißene Säckung der Anastasia Quetschlich – wegen der an ihren beiden Kindern verübten Mordtat durch Umdrehung derer Hälse – soll kommenden Dienstag und dergestalt vollzogen werden, daß die Schuldige mit glühendem Zangengriff in den Sack gestecket wird. Alsdann soll dieser Sack vom mittelsten Brückenjoch aus in die Elbe geworfen werden. Als Begleiter auf die letzte Reise möge ihr, wie üblich, bewilligt werden: ein Hund, eine Katze, ein Hahn und eine Schlange, die vor dem Zunähen des Sackes Aufnahme darin zu finden haben.«
»Es geschehe, was rechtens,« befahl der Burgemeister. »Verseht den Stockmeister mit Weisung. Berichtet weiter!«
Der Stadtrichter lehnte sich zurück:
»Mein Bericht ist für heute erschöpft.«
Waltklinger wandte sich wieder an den Stadtschreiber:
»Valentin Schein, was habt Ihr ansonsten!«
Der Stadtschreiber faltete ein Papier auseinander und las seinen Inhalt laut vor:
»Hoch- und Hoch- Wohl- Edle, Veste, Großachtbare, Hoch- und Wohlgelahrte, auch Hoch- und Wohl- Weise, Hochgeehrteste Herren!
Der in tiefster Demut und Niedrigkeit ersterbende Stuhlschreiber der guten Stadt Meißen hat seit mehr denn funfzehn Jahren bis anhero mit hoher Gunst die Stühle in der Kirche Unser lieben Frauen mit Fleiß bemalet und auch manch zierlich Gevatterbrieflein fein säuberlich ausgeführet, wasmaßen ihm Ihro Hoch- und Hoch- Wohl- Edle, Veste, Großachtbare, Hoch- …«
Der Burgemeister wurde ungeduldig.
»Was will der!« schnitt er dem Vorlesenden das Wort ab.
»Der Stuhlschreiber Schabenkese tut dar, daß sein Jahreslohn sich immer mehr verringert habe. So er mit seinem Eheweib und seinen acht Würmlein aber nicht bittere Not leiden soll, bittet er den hohen Rat …«
»In Meißen soll keiner hungern,« warf hier Peter Sorgenfrei, der reiche Fleischhauer, ein.
»So ist es, Sorgenfrei hat recht,« rief es mit mehreren Stimmen.
Der Burgemeister schickte sich zum Sprechen an, – da schwiegen alle.
»Stadtschreiber, weist die Kasse an, daß dem Schabenkese sein Jahreslohn um ein Viertel des Betrages erhöhet werde. Auch sollen ihm aus Mitteln der Stadt allmonatlich zwei Quart Mehl bewilliget werden. – Habt Ihr's?«
»Sehr wohl, Herr Burgemeister!«
Die Ratsversammlung stimmte bereitwillig zu.
Valentin Schein, der Stadtschreiber, klappte die große Mappe zu. Auch er war zu Ende.
Eine Bewegung ging durch die Ratsversammlung. Jeder wußte, daß jetzt der wichtigste Punkt der heutigen Tagesordnung an die Reihe kam. Die Männer setzten sich in den schweren Stühlen zurecht, und jeder blickte erwartungsvoll auf das Stadtoberhaupt.
Georg Waltklinger hatte unterdessen die große Papierrolle ausgebreitet, die er in der Hand gehalten, und von deren unterem Rande an einem goldenen Faden ein schweres Siegel herabhing. Dann ließ er die durchdringenden Augen über die Versammlung schweifen und begann:
»Lieben Freunde! Das Pergament das Ihr hier seht, ist unsere jüngste Bitte an des Herzogs Hoheit, er möge in Gnaden bewilligen, daß denjenigen Einwohnern unserer Stadt das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht werde, die sich als Anhänger der evangelischen Lehre bekennen. Der unselige Religionshader in unserem Lande will nicht aufhören, während sich drüben im Bruderstaate alles in Lieb' und Eintracht geschlichtet hat. Das sächsische Volk aber ist es nicht, das diesen Unfrieden schürt, es ist, Gott sei's geklagt – ein anderer! Aber die Stimme des Volkes wird nicht schweigen, und Herzog Georg mag es recht bedenken, ob es gut sei, wenn sich der Fürst solchergestalt in scharfen Widerspruch zu seinen Untertanen setzt. Wir werden es keinem zulassen, Zweifel an der Treue des sächsischen Herzogtums zu seinem Herrscher zu hegen. Kann man aber die betrübliche Wahrheit leugnen, daß in allen Teilen des Landes tiefe Erbitterung herrscht?«
Hier wurde Georg Waltklinger von Einwürfen der Zustimmung unterbrochen.
»Nun lieben Freunde,« fuhr der Burgemeister mit steigendem Unwillen fort, »auch in unserer fürstentreuen, alten Markgrafenstadt ist die Erbitterung in der Bürgerschaft hoch angewachsen. Es fehlt nur wenig, daß sie nunmehr verlangt, um was sie bis zum heutigen Tage erfolglos gebeten. Des Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! Und wenn dem Menschen verwehrt wird, so zu seinem Gott zu sprechen, wie sein Gewissen heischt, dann streut man die verhängnisvolle Saat des Unfriedens und der Empörung in sein Herz!«
Der Burgemeister schwieg eine kurze Weile, um alsbald mit erhobener Stimme weiterzusprechen:
»Ihr wißt, lieben Freunde, daß unsere ehrerbietig vorgebrachte Bitte abermals zurückgewiesen wurde. Das ist hart. Sehr hart! Aber unserer geradezu unwürdig ist es, wenn dieser Bescheid nicht von des Herzogs Hoheit, sondern von einem der schlimmsten Papisten gefället ward, die in unserem Lande ihr dunkles Handwerk betreiben. Denn der hochmütige Verfasser der kurzen Zurückweisung unseres Ansuchens auf dem Rande des Pergaments ist kein anderer als unser Amtmann – Ernst von Miltitz!«
Diese Rede erregte einen Sturm der Entrüstung unter den Versammelten. Harte Worte des Unwillens klangen durcheinander, und manch schwielige Faust fiel dröhnend auf den Tisch nieder. Der alte Niclas Anesorge war von seinem Sitze aufgesprungen und schrie seine Empörung über die Männer hin. Einer freien Bürgerschaft tat man dieses an? Soweit war es gekommen, daß nicht einmal der Landesfürst, sondern einer seiner Schranzen engherzig versagte, um was das tief bewegte Volk bat! Bat? Nein! Das war kein Bitten mehr, man flehte ja schon längst! Und die Zurückweisung gerade von dieser Stelle mußte wie ein Fußtritt empfunden werden.
Noch waren keine zwölf Monate verflossen, daß der langjährige Hofmarschall des Herzogs, Ernst von Miltitz, nach Meißen als Amtmann geschickt worden war. Hatte in diesem kurzen Jahr der Hader zwischen ihm und der Bürgerschaft schon einmal aufgehört? Was galt diesem adelsstolzen Mann die freie Bürgerschaft? Sie waren ja keine Schildbürtigen! Am liebsten hätte er der Stadt abgesagt. Aber Bürgerstolz gegen Adelstolz! Hatte nicht das Handwerk das Volk groß gemacht? Waren es nicht die Städte, die verhaßten Bürger, die von den Gutsherren geknechteten Bauern, die Land und Thron stützten? Oder taten dies etwa die verkommenen Edelleute – die Vollsäufer und Gotteslästerer?
Also sprachen die Erzürnten, und manch anderes Schlimme.
»Die herzogliche Verordnung, wonach der Amtmann Bescheide auf Gesuche in Religionssachen erlassen darf, ist schon im verwichenen Jahr an den Rat gelangt,« warf der Stadtschreiber bescheiden ein.
»Was da!« schrie Sigmund Badehorn, der Becherer, »wenn das Volk fragt, muß der Fürst antworten. Der Städter ist alleweil nur zum Geben gut. Aber beim Himmel, sie sollen spüren, was Bürgertrotz ist!«
Der Burgemeister hatte in den Tumult stumm hineingesehen. Auch er war tief erregt. Auf seiner breiten Stirn stand die bläulich geschwollene Zornesader. Aber er beherrschte sich. Er mußte Ruhe bewahren! Zudem wußten alle, daß Georg Waltklinger trotz seines heißen Blutes eiserne Selbstzucht besaß. Und diesen Ruf wollte er nicht zuschanden machen.
Heute konnte freilich nicht mehr verhandelt werden. Deshalb hörte der Burgemeister dem erregten Wortwechsel noch eine Weile zu und schloß endlich die Sitzung.
Fünftes Kapitel
Der Amtmann im Urteil der Bürgerschaft
Die Unterredung mit seiner Mutter hatte auf Bernhard von Miltitz einen tiefen Eindruck gemacht. Freilich war die Mutter im Recht! Bürger und Adel mieden sich am besten. Und sein grübelnder Verstand sagte ihm, daß die Abneigung dieser beiden großen Stände voreinander, der mancherorts bestehende Haß, nicht von heute zu morgen durch gütliche Vermittelung beseitigt werden konnten. Diese Zustände waren tief in den Zeitverhältnissen begründet; sie waren mit ihnen groß geworden. Der Adel konnte auf ein ruhmreiches Zeitalter zurückblicken. Aber seine Glanzzeit gehörte doch der Vergangenheit an. Damals zählte der Bürger freilich wenig. Allmählich hatten jedoch Adel und Bürgerschaft ihre Stellung im Staat vertauscht. Die großen Aufgaben des Rittertums waren längst erfüllt. Jetzt besaßen die Adligen zwar noch die vorherrschende Macht, aber ihre Bedeutung war beträchtlich gesunken.
Mit der Entwickelung der Städte und dem Aufblühen des Handwerks war die wirtschaftliche Überlegenheit bald auf die Seite des Bürgertums getreten. Aber auch der innere Wert des Bürgers war erheblich gestiegen. Die gediegenen Erzeugnisse des deutschen Handwerks hatten in kurzer Zeit die Aufmerksamkeit der andern Völker erregt. Allerorts fanden die Waren guten Absatz und taten sich durch ihre Güte vor allen Erzeugnissen hervor.
So war es gekommen, daß in der ganzen Welt das deutsche Handwerk gepriesen wurde und daß der deutsche Handel herrlich aufblühte. Eine große Anzahl von Städten tat sich zusammen und gründete den Hansabund, unter dessen kraftvollem Schutze die erzenen Kiele der mächtigen Segelschiffe die weiten Meere durchschnitten, um die Erzeugnisse deutschen Fleißes nach aller Herren Länder zu bringen.
Dieser glänzende Aufschwung erfüllte Handwerker und Kaufmann mit Befriedigung und Stolz und spornte sie an, emsig weiterzuarbeiten. Aber nicht nur deshalb, um große Vermögen anzusammeln – geschweige daß es dem Reichtum gelungen wäre, seine Erzeuger zu verweichlichen –, der deutsche Bürger setzte vielmehr sein alles daran, den guten Ruf seiner Arbeit stetig zu fördern. Und das gelang ihm.
Wohl kleidete man sich reicher als früher, und in den deutschen Landen fanden allerhand Genußmittel fremder Völker Eingang, die bis dahin unbekannt gewesen waren und Gaumen und Zunge schmeichelten. Der bisher einfache Tisch war reicher besetzt, und Gastmähler wurden gefeiert, bei denen die auserlesensten Speisen aufgetragen wurden und der köstlichste Wein in Strömen floß. Niemand verschmähte es mitzutun, die deutsche Gründlichkeit bewährte sich auch im Genießen.
Aber die Versuchungen, denen im Laufe der Weltgeschichte schon manches Volk erlegen, fanden ein aufrechtes, kraftvolles Geschlecht. Der Fleiß und die Beharrlichkeit des deutschen Handwerks erlitten dadurch keine Einbuße! Die sittlichen Werte des Volkes wuchsen immer mehr, es war sich der hohen Sendung bewußt, die es zu erfüllen hatte. Das Gemeinwesen wurde musterhaft, und die Städte entwickelten sich zu einer Macht, die der Herrlichkeit der Fürsten Glanz und Stütze war. Der Familiensinn vertiefte sich. Man war stolz darauf, von Vorfahren abzustammen, deren Namen seit Jahrhunderten mit Ehrfurcht genannt wurden.
Die Kinder wurden in wahrer Frömmigkeit und strenger Zucht erzogen. Die Achtung vor Gesetz und den Eltern vererbte sich vom Vater auf den Sohn.
So gab es im Handwerker- und Kaufmannsstande zahlreiche Familien, die, gestützt auf große Vermögen, nach außen viel Selbstbewußtsein bewahrten. Das Oberhaupt eines solchen Patriziergeschlechts fühlte sich in seinem Hause als ein Fürst. Hatten seine Vorfahren den Wohlstand und das Ansehen des Volkes nicht begründen und mehren helfen? Und was hatte dagegen seit aber hundert Jahren der Adel getan?
Das waren die Gedanken, die Bernhard von Miltitz jetzt unaufhörlich bestürmten. Er konnte zwar noch nicht in die Tiefen des verworrenen Zeitbildes blicken. Aber er war ein Grübler. Und wo sein Wissen nicht ausreichte, begann er, die Gedankenanfänge zu entwickeln. Bisher hatte er nur mit den Augen eines Abkömmlings aus adligem Geschlecht gesehen, denn die Kenntnis der wirklichen Verhältnisse war ihm nicht gelehrt worden. Seine Mutter war es gewesen, die ihn auf diese Anschauungen gebracht hatte. Und je öfter er nachsann, desto deutlicher enthüllte sich ihm die Wahrheit.
Sein junges Herz schlug laut für das entzückende Kind aus dem Bürgerstand. Ein seliges Gefühl überkam ihn, wenn er daran dachte, Sonnhilds Zuneigung zu besitzen. Zuneigung? Durfte er es so nennen? Nun, darüber mußte er sich Gewißheit verschaffen.
Am verabredeten Tage hatte sich Bernhard von Miltitz pünktlich auf der Höhe vor dem Lommatzscher Tor eingefunden. Es war derselbe Ort, an dem er Sonnhild zum erstenmal gesehen. Er konnte sich genau entsinnen: unter diesem hohen Baum hatte er gestanden, und dicht hinter ihm, wo jetzt ein Bündel Farren mit breiten Wedeln wuchs, hatte sie im Grase gelegen.
Dann trat er so weit vor, daß sein Blick ungehindert in die Weite schweifen konnte. Drüben auf dem andern Elbufer erhoben sich die Hügel, bedeckt von dem leuchtenden Grün der frischen Reben, und zu seiner Rechten, dicht vor der Stadt, ragten der Dom und die alte Markgrafenburg in das lichte Himmelsblau noch hinein. Auch heute lag leuchtender Sonnenschein über dem entzückenden Bild, und die Luft wehte weich und warm und spielte leise mit den Zweigen.
Bernhard war so in Gedanken versunken, daß er Sonnhild erst bemerkte, als das Mädchen neben ihm stand. Jetzt sah er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie trug ein enganliegendes weißes Kleid, das die schlanke Gestalt der aufblühenden Jungfrau deutlich erkennen ließ.
Der Jüngling war von Sonnhilds Schönheit aufs neue betroffen. Er sah eine kurze Weile stumm in das liebliche Gesicht, bis das Mädchen unter seinem Blick errötete und die Augen niederschlug. Da trat er rasch heran, und sie begrüßten sich.
Wie bei ihrem letzten Zusammensein brauchten sie erst eine Zeit lang, um ihre Verlegenheit zu überwinden. Dann aber drängten sich die Worte auf ihre Lippen und sie erinnerten sich beide daran, wie es vor fünf Jahren an dieser Stelle ausgesehen und was sie damals miteinander gesprochen.
So kamen sie ins Plaudern und gingen dabei tiefer in den Wald hinein, der sich neben der Landstraße auf der Anhöhe hinzog. Bernhard legte auch heute wieder seinen Arm behutsam in den der Jungfrau, ohne daß sie durch ein Zeichen peinliche Überraschung verraten hätte. War sie sich dessen im Eifer des Sprechens nicht bewußt geworden, oder erlaubte sie ihm diese Vertraulichkeit? Der Jüngling hoffte das letztere.
Dann pflückten sie die am Wege stehenden Waldblumen und banden sie zum Strauß. Bernhard ließ sich auf das Knie nieder und steckte den seinen in Sonnhilds Gürtel. Darauf trat das Mädchen heran und nestelte ihre Blumen an seinem Kragen fest. Dabei standen sie so eng beisammen, daß ihr Atem sein Gesicht streifte und er die feinen Härchen unterscheiden konnte, die Ohren und Wangen des Mädchens bedeckten. Als Sonnhild aber bei einer unwillkürlichen Bewegung mit der Stirn des Jünglings Wange leicht berührte, trat dieselbe dunkle Röte auf ihr Gesicht, die Bernhard schon wiederholt darin hatte aufsteigen sehen. Und ihre feinen Finger zitterten, bis es ihr gelang, die widerspenstigen Blumen zu befestigen.
Von da an blieb das Mädchen einsilbig, und wenn sie lachte, klang es nicht so natürlich wie sonst. Als Bernhard dies merkte, bemühte er sich, dem Mädchen die Beklemmung überwinden zu helfen, indem er harmlos weiterplauderte. Aber ihr Schweigen raubte ihm endlich die Unbefangenheit, und sein Redefluß versiegte.
Da sagte Sonnhild:
»Junker, ich weiß nicht, ob Euch hinlänglich bekannt ist, welch unseliger Zwist zwischen der Bürgerschaft und Eurem Vater besteht.«
Bernhard erschrak. Doch faßte er sich rasch und entgegnete, wie er wohl wisse, daß eine starke Bewegung zugunsten der Reformation in der Stadt sei. Seinem Vater liege es als Amtmann von Meißen ob, den Befehlen des Herzogs, der von der Einführung der Reformation im meißnischen Sachsen nichts wissen wolle, Geltung zu verschaffen. Und Bernhard fügte hinzu, das Volk würde die Wünsche seines Fürsten gewißlich achten und seine eigenen Wünsche fallen lassen.
Aber Sonnhild schüttelte den Kopf und versetzte mit wehmütigem Lächeln:
»Junker, Eure Harmlosigkeit von früher ist Euch verblieben. Wenn Ihr glaubt, daß die Bürgerschaft Meißens ihre Wünsche aufgäbe, weil der Herzog die Reformation nicht einführen will, dann täuscht Ihr Euch über die Gesinnung der Meißner. Die Gegensätze verschärfen sich mit jedem Tage. Und Euer Vater? Ich glaube bestimmt, daß er nichts anderes tut als seine Pflicht! Aber der ganze Groll der vielen unbefriedigten Menschen richtet sich zuerst doch nur gegen ihn.«
Hier sah Bernhard von Miltitz erstaunt auf.
»Gewiß, Junker, gegen Euern Vater! Der Herzog ist weiter entfernt, und er steht viel zu hoch, daß man es wagte, die gereizten Reden gegen ihn auszustoßen, mit denen die ergrimmte Bürgerschaft ihrem Herzen Luft macht.«
»Aber mein Vater ist doch nur ein Diener des Herzogs, und was er tut, tut er in seinem Namen,« warf Bernhard voll Eifer ein.
»Ich möchte Euch nicht wehtun, Junker,« entgegnete Sonnhild, »deshalb dürft Ihr auch nicht denken, die Worte, die ich jetzt spreche, seien meine eigene Überzeugung: die Bürgerschaft ist Eurem Vater bitter gram, weil sie meint, er schüre den Zwist zwischen ihr und dem Herzog, wo er nur könne, und bestärke diesen in seiner Abneigung gegen die Lutherische Lehre. Denn Euer Vater, Junker, gilt als ein fanatischer Papist.«
Diese Worte, so einfach sie gesprochen waren und obgleich ihnen jeder Ton des Vorwurfs fehlte, machten auf Bernhard einen tiefen Eindruck. Er erwiderte nichts und sah seitwärts in das Gebüsch. Da fühlte er eine weiche Hand, die sich leicht auf seinen Arm legte. Und wie er aufsah, blickte er in Sonnhilds große Augen, die traurig auf ihn gerichtet waren.
»Habe ich Euch doch eine Kränkung bereitet?« sagte sie leise. »Verzeiht, Junker, es war nicht bös gemeint!«
Bernhard war gerührt von dem weichen Ton in Sonnhilds Stimme und dem unaussprechlich lieblichen Ausdruck ihres Gesichts, das dem eines flehenden Kindes glich.
»Liebe Sonnhild,« sagte er herzlich, »was für ein edles Gemüt Ihr doch besitzt.«
Da nahm sie ihre Hand von seinem Arm. Und als sie sich abwandte, schlug ihr die Röte wieder ins Gesicht.
»Was Ihr da sagtet, Jungfrau,« begann Bernhard, »war eine Anklage gegen meinen Vater. Ich bin noch zu unerfahren, um urteilen zu können, ob mein Vater wirklich das tut, wessen man ihn bezichtigt. Wohl weiß ich, daß sein Einfluß auf den Herzog groß ist, und daß ihn dieser vor vielen anderen schätzt. Aber ich weiß auch, Jungfrau, daß mein Vater nicht nur nach Rang und Geburt ein Edelmann ist! Er ist streng, ja, das ist er! Er ist auch zuweilen – heftig. Das habe ich als Kind wiederholt fühlen müssen. Aber er ist auch gerecht! Und hinter seinem strengen Äußeren verbirgt sich ein mildes Herz! Schon als Knabe habe ich meinen Vater innig geliebt und tiefe Ehrfurcht vor ihm besessen. Jetzt aber, nachdem ich sein Inneres geblickt, ist es mein sehnlichster Wunsch, die Eigenschaften des väterlichen Charakters möchten sich auch in mir reich entwickeln.«
Sonnhild warf einen warmen Blick auf Bernhard, ohne daß dieser es bemerkte. Von dem Ernst seiner Rede ganz erfüllt, fuhr er fort:
»Mein Vater ist ein strenggläubiger Christ. Ob er der neuen Lehre feindlich gegenübersteht, weiß ich nicht.«
»Ich glaube Euern Worten, Junker,« versicherte Sonnhild. »Dieser unselige Zwist! Wieviel Tränen und Ärgernisse hat er nicht schon gekostet. Wenn doch nur der Herzog die evangelische Lehre freigeben wollte! Meint Ihr nicht auch, daß es Gott gleich gefällig ist, ob man ihm nun so oder so dient? Nicht die Form ist doch hier das Wertvolle, sondern der Inhalt.«
Bernhard wurde leicht verlegen. Es hätte ihn geschmerzt, dem Mädchen zu widersprechen. Deshalb sagte er nur:
»Ich kenne nichts anderes, als den alten Glauben. Aber wir wissen ja, daß es allein darauf ankommt, dem Höchsten mit ganzer Seele anzugehören.«
Damit war Sonnhild zufrieden.
»Für heute,« sprach sie, »ist es aber genug, Junker! So Ihr jedoch kommenden Samstag für ein Stündchen Zeit hättet …«
»Aber Jungfrau, wie mögt Ihr nur so fragen,« erwiderte Bernhard, indem er bemüht war, seiner Stimme einen Anflug von Vorwurf zu geben.
Sonnhild lächelte.
»Und wieder hier?« fragte sie neckend.
»Wieder hier,« antwortete er und drückte voll Wärme die Hand, die sie ihm reichte.
Dann sah er ihr lange nach, bis die jungfräuliche Gestalt seinen Blicken entschwand.
Langsam ging er darauf quer durch den Wald, bis zur Landstraße, die er stadtwärts verfolgte. Da holte ihn ein junges Mädchen ein, das ihn aufmerksam betrachtete und alsdann dicht in seiner Nähe blieb.
Bernhard fühlte, wie ihn die Unbekannte dreist ansah. Auch als er seinen Blick verweisend auf sie richtete, fuhr sie fort, ihn anzustarren.
Sie mochte zwanzig Jahre zählen. Ihr Körper war gut gewachsen und von leichter Fülle. Beim Gehen wiegten die Schultern ein wenig, und der wohlgerundete Busen schwebte auf und nieder. Ihr Gesicht war sehr bleich, fast durchsichtig. Unter den starken, schwarzen Brauen glänzten zwei herrliche Augen. Die schmale Nase besaß eine scharfe Krümmung. Das Mädchen war eine Jüdin.
Bernhard sah von ihr weg. Aber er empfand, daß sie kein Auge von ihm ließ. Ihrem abgenutzten Kleide nach stammte sie aus dem niederen Volke.
Nachdem beide ein Stück fast nebeneinander gegangen waren, sah er wieder zu ihr hin und blickte eine kurze Weile in ihre großen, blauen Augen.
Ein seltsames Gefühl überkam den Jüngling. Erinnerten ihn diese Augen nicht an Sonnhild? Er verwarf den Gedanken. Doch mußte er bald eingestehen, daß die Augen des Judenmädchens denen Sonnhilds glichen. Aber sie sahen ihn ganz anders an. Die Augen Sonnhilds leuchteten wie zwei Sterne am nächtlichen Himmel, die der Jüdin blickten starr und frech. Und verhaltene Glut blitzte in ihnen.
Da sah er zum drittenmal hinüber, und ihre Blicke trafen sich wieder. Eine magnetische Kraft schien von diesen Augen auszugehen.
Bernhard wurde ärgerlich, schwieg aber. So gingen sie bis zum Stadttor. Hier angekommen, blieb das Mädchen stehen, während er durch das Tor weiterging. Als er sich aber in geraumer Entfernung noch einmal umsah, bemerkte er die Jüdin unbeweglich neben dem Torhaus an die Stadtmauer gelehnt, ihm nachschauend.
Unwillig wandte er sich um. Aber lange hatte er das Gefühl, als ob die starren Augen noch immer auf ihn gerichtet seien.
Sechstes Kapitel
Unerwarteter Besuch im Rathaus
Der Unfrieden der Bürgerschaft bereitete Georg Waltklinger nicht wenig Sorge. Zudem hatte er in seinem Gewerbe fleißig zu schaffen. Vom frühen Morgen bis zum Abend war er mit den Gesellen bei der Arbeit. Das Tuch, das er anfertigte, stand bei den Kaufleuten in besonderem Ruf, und sie bestürmten ihn mit Wünschen und großen Aufträgen.
Nur wenn ihn die Pflicht als Stadtoberhaupt rief, war er nicht in der Werkstatt anzutreffen. Dann legte er die große Schürze ab, vertauschte das Arbeitsgewand mit dem Kleide des Burgemeisters und begab sich auf das Rathaus.
Zuweilen traf es sich, daß ein Bittender, um seinen Rat zu heischen, ihn bei der Arbeit aufsuchte. Dieser mußte sich neben ihn setzen und so sein Anliegen vortragen. Währenddem arbeitete Waltklinger schweigend weiter und warf nur ab und zu eine Frage ein.
Besonders der Tuchmacher und Ratmann Niclas Anesorge saß wiederholt bei ihm. Der alte Mann war ein Feuerkopf und ein eifriger Protestant. In der Werkstatt daheim schaffte sein Sohn, er selbst überwachte die Erfolge der evangelischen Lehre im ganzen Lande. Da er des jüngeren Waltklingers Verstand und Mäßigung hoch schätzte, ordnete er sich ihm willig unter.
Anesorge redete viel und heftig. Wenn er auf sein Lieblingsgespräch kam, konnte er ganz wild werden. Dann schrie er nicht selten seine Zuhörer an, daß es manchem bänglich zumute ward. In der Innungsstube und in den Schenken wurde es rasch lebhaft, wenn Anesorge eintrat. Natürlich bildete der Religionszwist seit langem den Mittelpunkt aller Unterhaltung. Deshalb war der Stoff schon abgebraucht. Fuhr aber Meister Anesorge irgendwo dazwischen, dann kam die Masse schnell in Fluß.
Seine drei größten Feinde waren der Bischof, der ihm, wie er sagte, den ganzen schönen Dom oben auf der Schloßfreiheit verleidete, ferner Ernst von Miltitz und Herzog Georg. Von diesen dreien sprach er am liebsten. Für jeden hatte er sich eine erkleckliche Anzahl liebevoller Kraftausdrücke zurechtgelegt, die er scharf voneinander unterschied. Wenn er lebhaft wurde, und dieses pflegte bald einzutreten, ließ er die Kernworte als Würze in seine Rede einfließen.
Dazu schlug er mit der Faust öfters auf den Tisch und begleitete seine Worte mit unvorsichtigen Handbewegungen. Dies rächte sich bisweilen, denn er warf damit seinen eigenen Wein und den anderer unterschiedslos um. Das machte ihn hitziger, als wenn er ihn getrunken hätte. Er verstieg sich zu gewagten Ausfällen und entkräftete Behauptungen, die niemand aufgestellt hatte. Ab und zu blickte er sich im Kreise um, als wenn er Widerspruch erwarte. Aber die Umsitzenden hüteten sich. Denn es war hinlänglich bekannt, daß der alte Anesorge mit demselben Nachdruck, mit dem er die evangelische Bewegung verteidigte, den leisesten Widerspruch gegen seine Ansichten ablehnte.
Wenn er endlich lange genug gewettert hatte, war die Last von seiner Brust für diesen Tag herunter. Die hellen Augen leuchteten jugendlich in dem vom Wein geröteten Gesicht, und mit sich selbst zufrieden, strich er über das kurze, weiße Haar. Traf er alsdann auf dem Nachhauseweg einen Handwerksburschen oder einen vagierenden Bettler, so gab er diesem reichlich.
Daheim erwartete ihn sein Weib, das jedesmal sagte:
»Ich seh' dir's schon wieder an. Geh ins Bett, Mann! Dich muß der Tod noch einmal besonders aufs Maul schlagen.«
Er aber kniff seine greise Ehehälfte zärtlich in die volle Backe und entgegnete:
»Laß es nur gut sein, Alte! Wir erleben es noch beide, daß die ganze schwarze Klerisei mit Sack und Pack – heidi – zum Stadttor hinauszieht!«
Eines Tages wurde dem Burgemeister und den Ratmannen eine große Überraschung. Sie waren wieder im Rathaus versammelt, als plötzlich einer der beiden Stadtknechte mit dem Spieß in der, Hand die Treppe heraufgestampft kam, die Tür zum großen Saal aufriß und hineinschrie:
»Seine Gnaden, der Herr Amtmann!«
Gleich darauf war zu aller höchlichstem Erstaunen Herr Ernst von Miltitz eingetreten. Der Burgemeister selbst war es gewesen, der sich als Erster erhoben, um den Vertreter des Herzogs zu begrüßen. Er tat dies mit eisiger Miene. Und wie er sich verbeugte, sah es aus, als wenn er des Stadtknechts Spieß verschluckt hätte.
Die Ratmannen, die ohne Ausnahme auf ihren Burgemeister guckten, taten ebenso steif wie er.
Dann lud Waltklinger Herrn Ernst von Miltitz ein, zu seiner Rechten am Tische Platz zu nehmen. Denn Gesetz und Recht forderten es, daß der Amtmann den Beratungen der Ratsversammlung anwohnen durfte.
Die lange Tagesordnung wurde weiter besprochen. Als sie zu Ende war, richtete sich Herr Ernst von Miltitz aus seiner zurückgelehnten Haltung auf und sprach:
»Es fügt sich heute zum erstenmal, daß ich bei einer Gemeindeversammlung gegenwärtig bin. Den Wunsch, dies einmal zu tun, habe ich schon seit langer Zeit gehegt. Doch haben mich meine zahlreichen Berufspflichten bisher daran gehindert. Ich habe mich nunmehr davon überzeugt, mit welcher Ordnung und strengen Sachlichkeit die Verhandlungen geführt werden. Darüber bin ich erfreut, aber nicht verwundert. Denn nur so konnte ich es vorfinden. Welch ersprießliche Tätigkeit der Burgemeister und die Ratmannen von Meißen entfalten, das lehrt auf den ersten Blick der Zustand der blühenden Gemeinde. Es ist weithin bekannt, wie die Stadt Meißen hierin unter den sächsischen Städten obenan steht. Dieser Rang gebührt ihr mit Recht! Auch Herzog Georg, unser allergnädigster Herr, weiß solches, und er freut sich seiner guten und treuen Stadt. Ich wünsche, daß die Bürgerschaft Meißens jederzeit genug solcher Männer findet, mit denen sie ihren Rat beschickt!«
Ernst von Miltitz hatte diese Worte ruhig und hier und da mit Nachdruck gesprochen. Der warme Ton ehrlicher Überzeugung hatte durchgeklungen. Selbst der leiseste Verdacht, daß er schmeicheln wolle, hätte in keinem der Zuhörer aufsteigen können.
Jetzt sah er sich im Kreise um, gleichsam als wollten die Augen bestätigen, was sein Mund gesprochen. Aber die Männer saßen stumm am Tische und hielten ihre Blicke gesenkt.
Über die ernsten Züge des Amtmanns lief ein Schatten. Er wartete noch eine kurze Weile, dann fuhr er fort:
»Wo man soviel ehrliches Wollen und gutes Vollbringen antrifft, soll freundliche Nachsicht Richter sein, wenn die Erreichung von Zielen angestrebt wird, die man sich besser nicht gesteckt hätte. Die Bürger kennen sattsam des Herzogs Entschlüsse in Sachen der Religion. Sie haben als treue Untertanen die Pflicht, sie zu achten und sich ihnen unterzuordnen. Wer seinen Fürsten liebt, beugt sich vor ihm! Ein braver Untertan tut nicht gut daran, über die Grenzen des Landes hinauszuschauen, damit er erblicke, was seine Unzufriedenheit erregt.
Die kurfürstlichen Sachsen beten im neuen Glauben, wie sie es nennen; wir herzoglichen feiern unsere Andachten im alten. Die Evangelischen beteuern, daß der Weg, den sie gingen, ebenso zur ewigen Seligkeit führe. Es ist nicht mein Beruf, diesem zu widersprechen. Aber damit erkennen sie an, daß auch die bisherige Straße dieses Ziel erreicht. Glauben ist Herzenssache! Wer aber zwei Möglichkeiten des Vollbringens sieht, kann die Ausführung wählen, die sich mit den Pflichten eines treuen Untertanen verträgt. Doch soll, was ich jetzt gesagt, nicht die lobende Anerkennung abschwächen, die ich vorhin ausgesprochen.«
Ernst und eindringlich, fast väterlich hatte diese Rede geklungen. Doch hatte sie keinen Eindruck hinterlassen, sie war wirkungslos verhallt. Die Männer hatten mit eisigem Schweigen zugehört, das auch jetzt noch anhielt.
Endlich räusperte sich der Burgemeister und erwiderte in achtungsvollem Ton:
»Es erfüllt uns mit Genugtuung, Herr Amtmann, aus Euerm Munde zu vernehmen, daß das Land und selbst des Herzogs Hoheit anerkennt, wie der Rat der Stadt Meißen seine Pflicht tut. Diese Anerkennung soll uns darin bestärken, wie bisher weiter zu wirken. Die Zustimmung zu unserem Tun aber als Lob zu betrachten, weist der Rat zu Meißen ab! Denn er tut eben nichts anderes als seine Pflicht!«
Zu diesen Worten erklang zum ersten Male ein beifälliges Murmeln.
»Was das andere betrifft, Herr Amtmann,« setzte Georg Waltklinger mit weiser Mäßigung hinzu, »so haben uns Eure Worte die erhoffte Befriedigung nicht gebracht. Glauben ist Herzenssache, sagtet Ihr. Nun, Herr Amtmann, unsere Herzen verlangt es eben nach jener hohen Befriedigung, die ihnen die Lehre des Doktors Luther gibt. Der alte Glaube aber kann dem keine Erbauung mehr spenden, der die köstliche Weihe empfunden, die das große Werk des Wittenbergers ausgießt. So Ihr der Bürgerschaft von Meißen einen Dienst tun möchtet, den sie Euch nie vergessen würde, dann geht hin zu unserm erlauchten Herrn und öffnet ihm die Augen darüber, wie hoch die Not gestiegen ist, die sein Volk im Innern leidet!«
Der Burgemeister hatte mit fließender Beredsamkeit und allen aus der Seele gesprochen. Die Männer fühlten die tiefe Wirkung der Worte ihres Oberhaupts. Kein Beifallszeichen ertönte, aber auf ihren Mienen stand das Einverständnis zu dem Gehörten. Doch Ernst von Miltitz machte eine abweisende Gebärde.
»Männer, die fest und wahr zu dem Herzog stehen, sprechen anders!«
Waltklinger richtete sich groß auf.
»Die zum Herzog stehen?« entgegnete er mit niedergehaltener Erregung. »Nicht weniger treu und fest, als Ihr, Herr Amtmann, bekennt sich der Rat und die Einwohnerschaft zu unserm gnädigen Herrn! Aber warum setzt sich der Herzog so scharf in Widerspruch mit seinen Untertanen? Warum gibt er die Kirchen für den lutherischen Glauben nicht frei? Warum erlaubt er nicht, daß uns das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht werde? Denkt er vielleicht, durch sein Sträuben für alle Zeiten das zu verhindern, was mit zwingender Notwendigkeit doch einmal eintreten muß? Treue und Anhänglichkeit zu der Person des Herzogs sind hohe Tugenden, Herr Amtmann. Und wir üben sie. Aber über Fürstendienst steht Gottesdienst!«
Da war es heraus! Nun wußte der Vertraute des Herzogs alles. Und er konnte es seinem Herrn berichten. Das waren unerschrockene Worte gewesen, die der Burgemeister gesagt hatte. Alle empfanden es! Die freimütige Haltung Waltklingers hatte sie begeistert.
Ernst von Miltitz war vom Stuhl aufgestanden, und mit ihm erhob sich die Versammlung.
»Herr Burgemeister,« sagte der Amtmann tief verstimmt, »ich habe das Äußerste versucht, Euch von Euern unausführbaren Plänen abzubringen. Es ist mir mißlungen. Ich bedaure es! Seid Ihr Euch aber auch bewußt, was Eure abweisende Haltung bedeutet?«
Wie zwei Gegner standen die beiden Männer einander gegenüber. Georg Waltklinger, der den Amtmann um eines Hauptes Länge überragte, stand hoch aufgerichtet mit zurückgeworfenem Kopf. Noch nie hatte er die Würde als Burgemeister so gefühlt, wie in dieser Minute, und noch nie war er so stolz gewesen, ein freier Handwerksmeister zu sein, wie gerade jetzt.
»Ja, Herr Amtmann,« kam es mit männlicher Festigkeit von seinen Lippen. »Ich weiß es, was diese Stunde bedeutet. Sie eröffnet den Kampf. Die Bürgerschaft von Meißen steht hinter mir, – ich werde ihn ausfechten!«
Ernst von Miltitz fühlte, wie er in den Augen der Männer als der Unterlegene erschien. Schon war er im Begriff, die Kühnheit des Burgemeisters scharf zurückzuweisen, um dergestalt die starke Wirkung seiner Rede abzuschwächen. Aber er verschmähte es. In vornehmer Haltung und mit einem stummen Gruß verließ er den Saal.
Jetzt brach das Schweigen. Die Mitglieder der Ratsversammlung priesen mit lauten Worten die Klugheit und den Freimut ihres Oberhaupts. Einer nach dem andern drängte sich an Waltklinger heran, damit er ihm die Hand drücke, als Zeichen des Einverständnisses zu seiner mannhaften Rede. Niclas Anesorges Gesicht strahlte. Er hatte immer eine hohe Meinung von der Tüchtigkeit Waltklingers gehabt. Heute war dieser aber über sich hinausgewachsen. Wie kraftvoll die Worte geklungen hatten – und wie stolz!
So gingen die Ratmannen auseinander und trugen die Kunde von dem bedeutsamen Vorfall hinaus. Sie flog von Gasse zu Gasse und huschte in jedes Haus. Die Einwohnerschaft der Stadt Meißen aber empfand große Befriedigung und war wieder einmal stolz auf ihren Burgemeister.
Nur einer legte seiner Freude kurze Zügel an – Georg Waltklinger. Nicht daß er die Gefahr scheute, die der heraufbeschworene Kampf ihm bringen mußte. Er kannte keine Furcht! Wer so wie er im innersten Herzen von der Rechtlichkeit seines Wollens überzeugt war, wer so gerade Wege ging, der konnte allem, was auch kam, ruhig entgegensehen.
Als er aber zu später Abendstunde beim Kerzenschein in seinem Zimmer saß, kamen ihm allerhand Gedanken und Zweifel, ob er recht gehandelt. Ernst von Miltitz, das fühlte er jetzt, war sicherlich als heimlicher Abgesandter seines Herrn erschienen. Herzog Georg liebte seine alte Markgrafenstadt und es war ihm daran gelegen, mit ihrer Bürgerschaft in Frieden zu leben. Wohl war es die Mehrzahl der sächsischen Städte, die unaufhörlich um die Reformation baten, aber von Meißen schallte dieser Ruf doch am stärksten. Deshalb hatte der Herzog seinem Vertrauten wohl auch die Weisung gegeben, den Rat unverfänglich und in Güte zu überreden, damit er seinen Einfluß auf die Bürger geltend mache. Und der Amtmann, das war nicht zu leugnen, hatte sich seines Auftrags mit Geschick entledigt.
Die hohen Herren waren jedoch, als sie den Plan schmiedeten, von der wirklichen Stimmung im Volke nicht unterrichtet gewesen. Der Bürger wollte nicht nachgeben, ja, er konnte es nicht mehr. Der Geist des Wittenbergers war schon zu tief in aller Seelen eingedrungen. Und wenn der Herzog selbst käme und es versuchte, und wenn er bäte! – man könnte ihm doch nur eine Antwort geben! Soweit also war Waltklinger beruhigt.
War es aber notwendig gewesen, dem Amtmann so scharf zu erwidern, wie er es getan? O, – persönlich empfand Georg Waltklinger lebhafte Befriedigung darüber. Denn den Amtseifer des neuen Herrn hatte die Stadt schon wiederholt wie Nadelstiche empfunden. Und dann! War nicht gerade Ernst von Miltitz einer von jenen Adligen, die auf die verhaßten Städter von oben herabsahen? Dem konnte es nicht schaden, daß ihm einmal ein freier Bürger und der erste Vertreter einer Stadt so unbeugsam entgegen getreten war!
Aber die Bürgerschaft! Konnten für sie nicht schwere Nachteile erwachsen? Der Amtmann würde sicherlich Gelegenheiten suchen, wo der Stadt etwas am Zeuge zu flicken war. Und finden würde er dabei etwas! Er konnte ihr überall Schwierigkeiten bereiten, wenigstens solche, die wirtschaftliche Einbußen bedeuteten. Doch man hatte ein ruhiges Gewissen; der Haushalt der Stadt war geordnet. Aber doch freute sich der Burgemeister im stillen, daß seine starke innere Erregung ihn nicht fortgerissen hatte, als er dem Amtmann gegenübergestanden.
Sorgen und Aufregung hatten ihm also die letzten Wochen zur Genüge gebracht.
Georg Waltklinger hielt den Kopf auf den Tisch gestützt, als eine Hand leise über sein Haar strich. Er wandte sich um.
»Ach, Sonnhild,« sagte er zerstreut, »bist du noch wach?«
»Ich habe darauf warten wollen, bis du mit deinem Grübeln zu Ende gekommen wärest. Aber du findest kein Ende.«
»Laß deinen Vater, Kind, du kannst seine Sorgen ja doch nicht teilen,« versetzte Waltklinger.
»Lieber Vater, du vergißt über deinen Geschäften alles, das ganze Haus und – auch mich!«
Der wehmütige Klang dieser Worte drang Waltklinger zum Herzen. Und er wurde sich bewußt, daß er seine Tochter wenig an den Zerstreuungen ihrer Altersgenossinnen teilnehmen ließ, sondern geflissentlich an das Haus bannte, damit die Zeit noch lange hinausgeschoben würde, zu der er ihre Liebe mit jemand anderem teilen mußte. Hatte er dann aber nicht auch die Pflicht, Sonnhild durch vieles Beisammensein mit ihr zu entschädigen? Tat er dies?
Georg Waltklinger fühlte, daß er darin gefehlt. Zärtlich schlang er den Arm um Sonnhild und zog sie auf seinen Schoß nieder.
»Mein Töchterchen,« sagte er tröstend, »die Zeiten werden auch wieder besser. Ich will mich fortan immer rechtzeitig daran erinnern, daß daheim mein Sonnenschein auf mich wartet.«
Dazu hob er ihren Kopf auf und sah in ihre bekümmerten Augen.
»Lieber Vater,« sprach Sonnhild, sich erhebend, »weißt du es nicht, welchen Tag wir heute schreiben?«
Georg Waltklinger horchte auf und sann nach. Da lief plötzlich eine dunkle Röte über sein Gesicht, daß er wie ein Schuldbewußter vor seinem Kinde saß.
»Verzeihe deinem Vater, Sonnhild!« sagte er in tiefer Rührung. »Es ist heute das erstemal, daß ich ihren Todestag ohne Feier habe vorübergehen lassen. Komm, laß uns das Versäumte nachholen.«
Und er nahm den doppelarmigen Leuchter von schwerem Silber und ging mit ihm voran in das erste Stockwerk. Als sie durch die Reihe der Prunkstuben hindurchschritten, schallten ihre Schritte dumpf von den Wänden zurück.
In dem hintersten Gemach angekommen, stellte Waltklinger den Leuchter nieder. Dann neigte er sich über einen kleinen Betstuhl, der noch von Urgroßvaters Zeiten stammte, und zog an einer niederhängenden Schnur, worauf sich ein grünseidener Vorhang teilte und eine in Öl gemalte Leinwand sichtbar wurde. Der dunkle Rahmen umschloß ein herrliches Frauenbildnis. Der Kopf war bedeckt mit einer schweren Last golden glänzenden Haares. Und das schmale Gesicht trug einen unaussprechlich lieblichen Ausdruck.
»Laß uns beten,« sagte Georg Waltklinger.
Da knieten Vater und Tochter nieder und beteten leise miteinander. In dem Gemach herrschte tiefe Stille. Nur der Wurm nagte leise in dem Getäfel der hohen Wände, und die seltsam geformten Schatten des flackernden Kerzenlichts huschten gespenstisch darüber hin.
Hierauf erhoben sie sich und sahen lange stumm in das engelschöne Gesicht an der Wand. Endlich wandte sich Waltklinger zu Sonnhild, legte ihr die Hände auf das Haupt und sprach mit Inbrunst:
»Bleibe ebenso gut und edel und rein, mein Kind, wie du bisher warst und wie deine Mutter es gewesen ist!«
Siebentes Kapitel
Eine große Enttäuschung
Bernhard von Miltitz sehnte voll Ungeduld die nächste Zusammenkunft mit Sonnhild herbei. Die Tage bis dahin vertrieb er sich damit, einsam durch Wald und Flur zu streifen. Sein einziger Gedanke war sie! Und sein Herz schlug vor Freude rascher, wenn er sich mit aller Lebendigkeit die Erinnerung daran zurückrief, wieviel freundliche Worte und Blicke Sonnhild für ihn besessen. Zuweilen fuhr er nachts aus dem Schlafe auf. Dann meinte er, das Mädchen müsse vor ihm stehen. So lebhaft hatte er von ihr geträumt.
Als endlich der Tag des Wiedersehens gekommen, machte sich der Jüngling schon lange vor der festgesetzten Zeit auf den Weg. Er hatte sich heute mit besonderer Sorgfalt gekleidet und das braune Haar fleißig gebürstet, daß es in zierlichen Wellen herabhing. Auch einen prächtigen Stickereikragen hatte er auf die Schultern gelegt und nagelneue, braune Knöchelschuhe angezogen.
So ging er leichten Schrittes durch die Gassen der Stadt. Manche Jungfrau, die dem vornehmen Junker begegnete, hätte ihn gar zu gern genauer betrachtet. Aber die gute Sitte verlangte, daß sie mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeiging. Nur die jungen Bürgerstöchter, die an den Fenstern hinter den blütenweißen Vorhängen standen und sich die Zeit damit vertrieben, auf die Vorübergehenden hinabzuschauen, verfolgten den Jüngling mit den Augen, so weit sie konnten. Sein feines, bleiches Gesicht – das nur ein wenig zu ernst war –, fesselte ihre Aufmerksamkeit in hohem Maße und seine Haltung entzückte sie.
Als Bernhard zum Lommatzscher Tor hinausschritt, mußte er unwillkürlich des Mädchens gedenken, dem er jüngst begegnet war. Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke gekommen, verschwand er wieder. Sonnhild stieg vor seinem Geiste herauf und hielt all seine Sinne im Bann.
Der Jüngling setzte sich neben der Straße auf einen Stein, um hier das Mädchen zu erwarten. Da schlug es vom Dom mit dumpfen Schlägen die vierte Stunde. Bernhard sprang auf. Sollte er Sonnhild verfehlt haben? Sie hatte heute gewiß einen andern Weg gewählt. Vielleicht war sie in großer Ungeduld noch früher hinausgegangen als er und erwartete ihn an der bekannten Stelle.
Mit eiligen Schritten lief Bernhard durch den Wald. Schon während des Nahens suchten seine Augen die weiße Gestalt unter den grünen Bäumen. Aber er konnte sie nicht entdecken. Endlich hatte er das Ziel erreicht, – Sonnhild war nicht zu sehen. Er eilte zu einigen anderen Punkten, wo er mit ihr schon einmal verweilt, suchte alles mit den Augen ab, rief »huhu!« und darauf wiederholt ihren Namen – umsonst. Seine Stimme verhallte im Walde.
Da kam das Gefühl einer großen Enttäuschung über ihn. Er warf sich auf das schwellende Moos, verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah starr auf das leise Spiel des Windes in den Blättern. Bald setzte er sich jedoch hastig wieder auf und sprang endlich in die Höhe. Das heimliche Angstgefühl hatte ihn gepackt, Sonnhild könne krank geworden oder ein Unglücksfall möchte ihr zugestoßen sein.
Unschlüssig, wie er sich hierüber Gewißheit verschaffe, trieb es ihn rastlos in die Kreuz und die Quere, bis er endlich wieder auf dem alten Fleck stand. Jetzt zwang sich Bernhard zum ruhigen Nachdenken. Es mußte doch nicht gerade Krankheit sein, was Sonnhild am Kommen verhindert hatte. Konnte nicht das Gespräch, welches sie gepflogen, die Ursache sein, daß Sonnhild ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm vermied? Der Zwist ihrer Väter und sein Bekennen zur katholischen Kirche – –.
»Dieser unselige Religionshader,« seufzte der Jüngling, »nun empfinde auch ich ihn.«
Traurig strich er ziellos durch den Wald, von Zeit zu Zeit nach dem Aussichtspunkt zurückkehrend mit der leisen Hoffnung, das Mädchen könne sich noch verspätet eingefunden haben. Er zermarterte seinen Kopf mit Plänen, wie es ihm wohl möglich sei, Sonnhild heimlich zu sprechen. Aber er gab einen Entschluß nach dem andern wieder auf. Mit ihrer Ausführung hätte er Sonnhild sicher nur geschadet.
Nun ging der Tag zur Rüste, und jede Hoffnung, das Mädchen noch zu sehen, entschwand. Bernhard schaute noch einmal hoch über den Strom hinweg, nach den Weinbergen, die im Widerschein des aufleuchtenden Abendrots in einen Schimmer von Purpur getaucht waren. Dann richtete er den Blick auf das herrliche Meisterwerk Konrads von Westfalen, das Markgrafenschloß, dessen zahlreiche Fenster rot glühten, als stehe hinter ihnen alles in Flammen, und auf den altehrwürdigen Dom. Die Strahlen der scheidenden Sonne umschmeichelten das goldene Kreuz in schwindelnder Höhe, als wenn das Himmelslicht die letzte Dulderstätte seines Herrn und Meisters, dieses irdische Symbol des höchsten Heils noch einmal küssen wolle.
Aber der Jüngling hatte heute für die überwältigende Schönheit dieses Anblicks kein Auge. Seine Sonne strahlte nicht! Und vor seinem bangen Blick zogen drohende Schatten herauf.
Müde begab er sich auf den Heimweg. Als er die Straße erreicht hatte, bemerkte er eine weibliche Gestalt, die seitwärts an einem Baum lehnte, als wenn sie ihn schon seit langem erwartet habe. Es war das Judenmädchen.
Sie stand in steifer Haltung und hielt die Augen unverrückt auf ihn gerichtet. Bernhard sah kurz hinüber. Und auch heute hatte er wieder das Empfinden, als wenn er Sonnhilds Augen sähe.
Ihrer nicht achtend, ging er vorüber. Da hörte er, wie sie ihren Platz verließ und ihm in kurzer Entfernung folgte. Bernhard verdroß dies. Er blieb stehen, um sie vorbeizulassen. Sobald sie jedoch seine Absicht erkannte, blieb sie ebenfalls stehen. Da warf er ihr einen strafenden Blick zu. Sie fing ihn gleichmütig auf, und Bernhard sah, wie ihre Augen verzehrend auf ihn gerichtet waren.
Er wandte sich wieder zum Gehen; sie folgte ihm. Er blieb stehen – sie auch. Nach einer Weile tat er es noch einmal, – das Spiel wiederholte sich.
Da ward der Jüngling zornig. Er trat auf das Mädchen zu und fuhr sie hart an. Aber es schien, als wenn sie seine barschen Worte nicht verstünde. In ihr marmorweißes Gesicht schoß ein schwaches Lächeln, und in den glutvollen Augen loderte es auf. Das Schweigen des Mädchens erbitterte Bernhard, daß er sie wütend schalt. Da wurde das Lächeln auf ihrem Gesicht stärker; es drückte die Befriedigung aus, die sie an seiner Gegenwart empfand.
Bernhard stand ratlos da. War sie erfreut, wenn er sie schalt? Er mußte es annehmen! Was für ein rätselvolles Mädchen war dies! Was wollte sie von ihm! Da schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Sie war sicherlich kein Kind des Landes, und seine Sprache war nicht die ihrige.
»Verstehst du, was ich zu dir spreche?« fragte er.
»Ich verstehe Euch,« klang es zurück.
Da sah Bernhard dem Mädchen verständnislos ins Gesicht. Dann wandte er sich ab und verfolgte den Weg weiter, sich nicht mehr daran kehrend, daß sie ihm wie sein Schatten folgte.
Als sie das Stadttor erreicht hatten, drängte sie sich an ihn heran und blickte ihm noch einmal ins Gesicht Dann blieb sie stehen. Da trat aus der Wohnung des Torhüters eine Frau von unverkennbar jüdischem Aussehen, deren Gesicht noch die Spuren einstiger hoher Schönheit trug. Die sagte zärtlich zu dem Mädchen:
»Mirjam, mein Seelchen, wo bist du so lange gewesen?«
Das Mädchen achtete aber nicht auf diese Frage, sondern fuhr die Frau an:
»Mutter, gib mir Geld auf ein Paar neue Schuhe!«
Während der hierauf folgenden Woche ging Bernhard täglich vor das Lommatzscher Tor hinaus, ohne jedoch Sonnhild wiederzusehen. Sein Gemüt umdüsterte sich, und er wurde tieftraurig. Jeden Morgen hoffte er von neuem, daß sie sich heute einstellen würde, und jeden Abend ging er mißmutig und enttäuscht nach Siebeneichen zurück.
Das Judenmädchen stand Tag für Tag wie eine Bildsäule unter dem Baum, seiner wartend. Wenn er vorbeigeschritten war, heftete sie sich lautlos an seine Fersen. Bernhard hatte noch einen letzten Versuch gemacht, sie davon zu jagen. Aber sie hatte seinen Zornausbruch teilnahmlos über sich ergehen lassen. Und als er die Hand erhoben, um sie zu schlagen, hatte sie gelächelt. Seitdem kümmerte er sich nicht mehr um sie und vergaß zuweilen völlig, daß sie in seiner Nähe war.
Nun waren sieben Tage vergangen, ohne daß Bernhard Sonnhild wiedergesehen hätte. Es war wieder Samstag. Bernhard lag an derselben Stelle, wo sie sich getroffen, im Grase und träumte mit offenen Augen von ihr. Das Herz war ihm schwer. Er wußte nicht, ob das Mädchen krank war, oder ob sie nichts mehr von ihm wissen wollte.
Endlich erhob er sich von dem weichen Moosteppich, mit dem Entschlusse, einen gewaltsamen Versuch zu wagen, Sonnhild wiederzusehen. Da fielen seine Augen auf die Jüdin. Sie stand unweit von ihm und blickte ihn an – flehentlich und verlangend. Bernhard fühlte sich gefesselt von diesen ausdrucksvollen Augen, und er empfand eine unerklärliche Unruhe. Das Blut drang ihm heiß in die Schläfen, und seine Pulse flogen.
Mit feinem Instinkt merkte das Mädchen blitzschnell diese Veränderung. Sie tat einen geschmeidigen Katzenschritt und stand nun dicht vor ihm. Bernhard sah ein frohlockendes Lächeln auf ihren halbgeöffneten Lippen und unterschied das heftige Wogen ihres Busens. Die Einsamkeit des Waldes und das verschwommene Licht steigerten die Wirkung, die das Mädchen auf den Jüngling ausübte. Sein ganzer Körper zitterte, und eine starke Macht, die er noch nie empfunden, drängte ihn zu der Jüdin hin. Schon fühlte er seinen Widerstand schwinden, – da raffte er noch einmal allen Willen zusammen.
Zurücktretend wandte er sich ab und ging langsam dahin. Wohl merkte er, wie der Sturm in seinem Innern noch tobte, aber er zwang sich zur Ruhe. Da erschien vor seiner Seele das leuchtende Bild Sonnhilds, und er sah ihre unschuldvollen Augen. In demselben Augenblick fiel alle Schwäche von ihm ab, und die kühle Besonnenheit stellte sich wieder ein.
Hinter sich hörte er die schleichenden Tritte des enttäuschten Mädchens, das zu früh frohlockt hatte. Schnell trat er den Heimweg an, damit die Versuchung weit hinter ihm bleibe.
Achtes Kapitel
Zwei bewegte Unterredungen
Der Abend dieses Tages war hereingebrochen. Mit dem Dunkelwerden waren die Gassen Meißens verödet. Jetzt lagen sie in tiefer Ruhe. Im Sommer pflegten viele Einwohner sich zu dieser Stunde zur Ruhe zu begeben. Überdies war ja morgen Sonntag, an dem sich bei schönem Wetter das Leben auf den Gassen schon frühzeitig entfaltete. Nur hier und da brannte hinter den Fenstern noch Licht zu der letzten Verrichtung der emsig schaffenden Hausfrau.
Dieser geringe Lichtschimmer bildete die einzige Beleuchtung der Gassen. Wenn auch diese schwachen Flämmlein erstarben, war es dunkel in der Stadt. Wer also zu später Stunde noch außer dem Hause war und nicht das Glück hatte, daß ihm der Mond freundlich sein bleiches Licht spendete, der mußte aufs Geratewohl seinen Weg zurücklegen. War aber die Finsternis dem Auge undurchdringlich, dann trug wohl der nächtlich Wandelnde eine Laterne in der Hand. Nur die reichen Bürger ließen sich von einer Magd heimleuchten, und die Vornehmsten in den großen Städten wurden von Dienern begleitet, die Pechfackeln vorauftrugen.
Tiefe Ruhe herrschte in der Stadt. Nur in den Schenkstuben war es noch lebendig. An Gesprächstoff mangelte es in dieser bewegten Zeit natürlich nicht. Aber selbst in stillen Zeiten hat Frau Politik, diese liebenswürdige Dame, für jeden Stammtisch auf dem Erdenrund, an dem wackre deutsche Männer sitzen, wenigstens ein Quentchen interessanter Neuigkeit freundlicherweise immer übrig gehabt.
Es war ein milder Frühlingsabend. Sonnhild saß auf dem Lustgänglein, um die herrliche Luft zu genießen. Vor ihr stand auf dem kleinen Tisch eine zinnerne Lampe, in deren mit Erdöl gefülltem Becken der brennende Docht lag. Das Mädchen hielt eine angefangene Stickereiarbeit in den Händen, die zu dem nahen Geburtstag des Vaters fertig sein sollte.
Sonnhild stichelte tapfer beim trüben Schein der Lampe. Da entsank die Arbeit den fleißigen Händen, und ihr Blick verlor sich. Sie dachte angestrengt nach. Ein wehmütiger Zug trat auf ihr Gesicht, und endlich lief eine feine Röte darüber hin. Das Mädchen erschrak und nahm die unterbrochene Arbeit wieder auf. Bald kamen aber die Träumereien von neuem, und sie vergaß gänzlich die Außenwelt.
Da fuhr sie auf. Hatte sie nicht auf dem Hof leises Geräusch vernommen? Sie horchte. Es war alles still. Der milde Abendwind spielte leise mit dem leinenen Vorhang, der ihren Platz von dem hinteren Teil der Galerie abschloß. Sie beruhigte sich und gab sich von neuem willig den Gedanken hin, die sie erfüllten.
Aber schon wieder war es ihr, als ob sie etwas Ungewöhnliches gehört habe. Doch schalt sie auf ihren törichten Argwohn, denn was sollte sie hier stören? Und abermals vergaß sie die Arbeit. Sie legte sich zurück und schloß die Augen. Es mußte eine freundliche Erinnerung sein, die in ihrer Seele heraufstieg! Denn ein glückliches Lächeln trat auf ihr Gesicht, und ihr Mund flüsterte leise einen Namen – einmal, zweimal.
Im nächsten Augenblick aber richtete sie sich auf und horchte angestrengt. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, daß sie einen fremden Laut vernommen hatte. Sollte etwa ein Fremder ins Haus gedrungen sein? Das Tor stand noch offen, der Vater verschloß es erst, wenn er aus der Innungsstube nach dem Nachttrunk heimkehrte.
Das Mädchen saß unbeweglich und strengte alle Sinne an. Da bemerkte sie, wie sich der Vorhang leise bewegte. Geängstigt sprang Sonnhild auf und trat bis an die Mauer zurück, die Augen starr auf die Falten der Leinwand gerichtet. Sie fühlte, daß dahinter ein Mensch stand. Ihre Glieder waren wie gelähmt, und von ihren Lippen kam ein unterdrückter Laut des Entsetzens.
Da teilte sich der Vorhang, und ein Mann trat in den Lichtkreis. Sonnhild stand mit vorgeneigtem Oberkörper und starrte auf den Eindringling Im nächsten Augenblick stieß sie geängstigt aus:
»Bernhard! …« und
»Sonnhild!« klang es fast gleichzeitig, und Bernhard flog ihr zu Füßen und haschte nach ihrer Hand und preßte sie lange an seine Lippen.
Sonnhild lehnte sich erschöpft an die Wand zurück; ihr Körper zitterte vor Aufregung.
»Verzeiht,« flüsterte der Jüngling zerknirscht, »daß ich Euch Angst bereitete. Ich bitte Euch tausendmal, mir zu verzeihen, edle Jungfrau …«
»Es ist nichts,« stammelte das Mädchen, sich sammelnd, »der Schrecken ist schon vorüber. Wie tollkühn Ihr doch seid! Wenn nun mein Vater zu Hause wäre!«
Bernhard erhob sich und betrachtete Sonnhilds verängstigtes Gesicht.
»Jungfrau,« sprach er, »wenn Ihr wüßtet, wie unsäglich ich in den letzten Tagen gelitten habe! Mir war ja so sehr bange um Euch!« Und der tiefe Ernst, der im Ton dieser Worte lag, bestätigte ihre Wahrheit.
»Auch mich, Junker, hat es nach dem Zusammensein mit Euch sehnlichst verlangt,« sagte das Mädchen blutrot und mit niedergeschlagenen Augen. »Und wie schwer ich es getragen habe, daß ich mein Versprechen nicht halten konnte! Ich durfte es nicht wagen, Euch zu begegnen. Mein Vater hat Verdacht geschöpft, oder ein mißgünstiger Aufpasser hat ihm etwas hinterbracht. Er bat mich, den Fuß so lange nicht vor die Stadtmauer zu setzen, bis er mir solches wieder erlaube. Und mein Vater ist ja so gut zu mir, Junker! Man sagt, er sei ein Eisenkopf. Aber wenn er mit mir spricht, ist er weich und liebevoll, wie eine Mutter zu ihrem kranken Kind. Junker, – ich durfte meinen Vater nicht betrügen!«
Bernhard sah Sonnhild voll Wärme an.
»Ihr tatet recht, Jungfrau,« sagte er leise, »Ihr dürft Eurem guten Vater nicht weh tun. Aber ich flehe Euch an, mir Eure Gegenwart noch einmal zu schenken. Von der Erinnerung an diese Stunde will ich dann so lange zehren, bis das Glück uns holder sein wird. Denn in meinem Herzen brennt eine Flamme, Jungfrau, die mich noch verzehrt!«
Sonnhild senkte den Kopf.
»Ihr sagtet Eurem Vater zu,« sprach der Jüngling weiter, »nicht vor die Tore der Stadt zu gehen. Dieses Versprechen sollt Ihr ihm halten! Deshalb sei der Ort unserer Begegnung der Schloßberg. Die dichten Bäume am Fuße der Burg werden neidische Blicke von uns fernhalten. O – edle Jungfrau, sagt nicht nein, ich flehe darum!«
Der Klang dieser Worte schlug dem Mädchen ans Herz. Und als sie in Bernhards bittende Augen sah, war ihr letzter Widerstand besiegt.
»Sei es darum,« flüsterte sie mit schmerzlichem Lächeln, »wie könnte ich Euch etwas abschlagen, wenn Ihr so bittet. Am Dienstag zur gewohnten Stunde wartet meiner oben im Schloßhof, ganz hinten an der Mauer auf der Elbseite.«
»O – wie gütig Ihr seid,« erwiderte der Jüngling, »ich danke es Euch viele Male!«
»Doch wie konntet Ihr nur hierherkommen?« fragte Sonnhild ängstlich, sich erst jetzt der großen Gefahr bewußt werdend, in der sie schwebten.
»Den Wächter am Jüdentor bestach ich mit einem reichlichen Weingeld. Er wird mir auch zum Austritt wieder öffnen. Euer Haus fand ich offen, und als ich den Lichtschein im Hofe sah, legte ich rasch die Leiter an und gewann so das Lustgänglein. Noch konnte ich Euch ja nicht sehen und zögerte deshalb. Da verriet mir der Schlag meines Herzens Eure Gegenwart. Und so fand ich Euch,« schloß der Jüngling treuherzig.
Das Mädchen antwortete nicht, ließ es aber geschehen, daß Bernhard ihr tief in die Augen sah. Plötzlich sagte sie hastig:
»Jetzt aber geht schnell! Die Uhr steht kurz vor zehn, – der Vater möchte uns andernfalls überraschen!«
Sie führte Bernhard die Treppe hinab und setzte die Lampe auf deren unterste Stufe, daß ihr Licht den großen Hausflur spärlich erhellte.
Ein letzter Blick und Händedruck – dann wandte sich Bernhard zum Gehen. Im nächsten Augenblick prallte er zurück: er sah im Rahmen der offenen Tür die hohe Gestalt eines Mannes stehen.
Der Jüngling war heftig erschrocken. Zudem bemerkte er noch, daß Sonnhild taumelte und die Augen schloß. Dann trat der Mann näher und richtete die Blicke durchbohrend zuerst auf Sonnhild, dann auf ihn selbst. Bernhard sah in das gerötete Gesicht des Mannes, das dessen hohe Erregung verriet. Eine Weile kämpfte dieser mit sich, bis er in rauhem Tone fragte:
»Wer seid Ihr?«
»Bernhard von Miltitz,« antwortete der Jüngling, sich blitzschnell des Tages erinnernd, an dem derselbe Mund die nämliche Frage an ihn gerichtet hatte.
Der Mann zuckte zusammen, und mit großer Anstrengung fragte er wieder:
»Und was führt Euch zu dieser Stunde, was überhaupt kann Euch in mein Haus führen?«
Der Jüngling schwieg.
Eine todesbange Minute verstrich. In dem dämmrig erhellten großen Hausflur klang kein Laut. Die drei Menschen standen regungslos, als ob sie von Stein wären.
Da schrie der Mann auf:
»Ein Miltitz! – in meinem Hause! – – – zur Nacht! –«
Hier schlug seine Stimme um. Und sich gegen Sonnhild wendend, kam es nur noch mit furchtbarer Anstrengung aus seinem keuchenden Munde:
»Du …! Du …!«
In diesem Augenblick stellte sich Bernhard vor dem Wutschäumenden und sagte mit fester Stimme:
»Herr Burgemeister, alle Schuld gebührt mir. Ich drang in Euer Haus ein; niemand rief mich!«
»Bube!« keuchte Waltklinger, und es schien, als wenn er sich auf den Jüngling stürzen wolle. »Mein Kind, mein reines Kind fordere ich von dir …!«
Da flammte es in Bernhards bleichem Gesicht auf. Die Seelenqual des verzweifelten Vaters erschütterte ihn. Von tiefster Bewegung erfüllt, erwiderte er:
»Auf Euerm Kind, Herr Burgemeister, haftet nicht der leiseste Makel!«
Aber der, dem diese Worte galten, war taub dafür. Seine sinnlose Wut gewährte der ruhigen Überlegung keinen Raum. Lange nach Worten ringend, stieß er endlich aus:
»Hinaus aus diesem reinen Hause – Gewürm! Miltitze – – wir rechnen noch miteinander ab!«
Eine Sekunde lang schwankte Bernhard, ob er nicht auf die schwere Beleidigung antworten sollte. Dann gewann das Bedauern mit dem Wütenden die Oberhand. Er warf einen raschen Blick auf Sonnhild. Bleich bis in die Lippen hinein, lehnte sie an der Mauer, und in ihren Augen lag ein herzzerreißendes Flehen. Das tilgte in des Jünglings Brust den letzten Zweifel. Er schritt langsam zur Tür und verließ das Haus.
Jetzt wandte sich Waltklinger zu Sonnhild. Aber noch bevor sein furchtbarer Zorn zum Ausbruch kam, trat aus dem Dunkel der Treppe eine Frau hervor, die sich mit ihrer hohen Gestalt schützend vor das Mädchen stellte. Es war Hanne, die alte Haushälterin des Burgemeisters.
»Nun ist es genug!« rief sie. »Eure Absage an den Junker durfte ich nicht stören. Dem Kinde aber werdet Ihr kein Haar krümmen! Ich habe die ganze Unterhaltung der beiden heimlich mit angehört. Es war nichts darin, was Euerm Namen, was Georg Waltklingers Tochter zur Unehre gereicht hätte. Gefehlt haben beide; die Schuld trägt der Jüngling. Euer maßloser Zorn hat sie gestraft, schwerer als sie es verdienen. – Und nun geh in deine Kammer, Sonnhild!«
Das Mädchen raffte sich zusammen und ging wie eine Nachtwandlerin die Treppe hinauf, indessen die alte Hanne die Haustür verschloß.
Aber die Wut Waltklingers hatten diese Worte nicht beschwichtigen können.
»Infame Buhlerin!« rief er.
Da richtete die Greisin ihren langen, dürren Leib hoch auf und trat vor ihren Beleidiger.
»Ihr glaubt mir nicht, Burgemeister?« sagte sie kalt. »Die Hanne dient dem Hause Waltklinger nun fünfundsechzig Jahre, und keiner hat sie je für unehrlich befunden. Aber ich gebe zu, leichtsinnig bin ich gewesen, – Jahre hindurch. Seht her, auf diesen alten Armen habe ich Euch einst getragen, denn es war seit Eurer Geburt keine Mutter mehr in diesem Hause. Ihr fandet an meinem Herzen das erste Lächeln, und Euer erstes Lallen galt mir. Dann lehrte ich Euch das Beten, und Euer Kummer und Euer Weinen erstarb, wenn Ihr die Arme um meinen Hals legtet. Mit meiner schwachen Kraft behütete ich Eure Seele, und ich wachte an Eurem Bett, wenn Ihr krank wart. So wuchst Ihr heran.
Dann kam die Zeit, wo ich fehlte, – aus Liebe zu Euch!«
Georg Waltklingers Zorn hatte sich bei den Worten der Greisin gedämpft. Jetzt machte er eine Gebärde.
»Nein,« fuhr die Alte mit schwächer werdender Stimme fort, »nein, Jörg, heute müssen wir zusammen Rechnung machen! Weißt du es nicht mehr, wie du zur Hanne betteltest und ihr schmeicheltest, daß sie deine Jünglingsstreiche vor dem gestrengen Vater verbergen sollte? Wie oft habe ich nicht die halbe Nacht aufgesessen und gelauscht, damit ich das leise Klopfen an der Haustür nicht überhörte, um dich auf den Strümpfen einzulassen! Und wie ich heucheln mußte deinem Vater gegenüber! Damals schlichst du auch in Bürgerhäuser hinein, mein Jörg! Aber ob du den Haustöchtern nur solche lauteren Worte gesagt hast, wie der Junker heute abend deiner Tochter, – das, Jörg, magst du dir selber beantworten! Also rase nicht gegen dein eigen Blut. Du weißt doch, mein Junge, – die Sünden der Väter …! Aber der gute Gott hat deinem Kinde den Geist seiner Mutter vererbt. Sonnhild gleicht mit jedem Tage immer mehr deiner Maria …«
Hier kehrte Georg Waltklinger der Greisin stumm den Rücken und stampfte die Treppe hinauf.
Und wie vor fünfzig Jahren der Kopf ihres Jörg, lag heute Nacht an der treuen Brust der alten Hanne das Haupt seines schluchzenden Kindes.
Am darauffolgenden Tage saßen Ernst von Miltitz und Frau Magdalena im Familienzimmer des Schlosses Siebeneichen in ernstem Gespräch. Da klopfte es an der Tür, und gleich darauf trat Bernhard ein.
»Du ließest mich rufen, Vater,« sagte er und kam ein paar Schritte näher.
Ernst von Miltitz betrachtete den Sohn streng, während Frau Magdalena vor sich niedersah.
»Heute vormittag ist ein Schreiben an mich gekommen, dessen Inhalt eine Anklage gegen dich bildet. Nun hat sich freilich der Absender, wie ich ihn kenne, großer Zurückhaltung beflissen. Aber daß gerade der Burgemeister Waltklinger es ist, der berechtigten Grund hat, sich über dich zu beklagen, ist mir überaus peinlich.
Erst vor kurzem habe ich dir geschildert, wie schwierig mir es zuweilen wird, meine Pflichten als Amtmann zu tun, und du weißt, daß Waltklinger mein schlimmster Gegner ist. Dennoch stellst du der Tochter dieses Mannes nach. Das ist eine Unklugheit und ein Mangel an Rücksicht gegen deinen Vater. Beides hätte ich nicht von dir erwartet.«
Bernhard nagte an der Unterlippe. Der Vater hatte recht, – von seinem Standpunkt aus. Aber er ahnte ja nicht, wie es in dem Herzen seines Sohnes aussah! Er betrachtete das als Spielerei, was ihm heiliges Empfinden war.
Da sollte es schon kommen. Ernst von Miltitz fuhr fort:
»Ich halte dich mit deinen achtzehn Jahren noch für zu jung, um schon eine Liebschaft anzuknüpfen. Gewiß könntest du sagen, daß du in Dresden bereits mancherlei gesehen hast, und daß junge Männer in deinem Alter es als Zeitvertreib betrachten, Jungfrauen heimlich den Hof zu machen. Aber das ist eine Unsitte! Sie verdirbt den Charakter, hält vom Studium der ernsten Pflichten ab, die uns auferlegt sind, und verdreht einem unschuldigen Mädchen den Kopf. Deine Erziehung, Bernhard, hat dich gelehrt, solches als ein freventliches Spiel zu unterlassen. Die Abkommen alter Familien müssen sich jederzeit der hohen Verpflichtung bewußt sein, die ihnen ihr Name auferlegt. Die hervorragende Stellung des Adels wird vom Bürgerstande genug angefeindet. Wenn wir noch dazu unsern Ruf der Makellosigkeit hingeben, dann haben unsere Widersacher recht, und wir verdienen es nicht, daß sich unsere Vorfahren durch die Jahrhunderte heiß bemühten, unserm Namen den hohen Klang zu bewahren. Nicht Stellung und Besitz – der Ruf, Bernhard, ist das höchste Gut des Mannes!«
Dem Jüngling waren die Worte aus der Seele gesprochen. Aber seine Empfindungen für Sonnhild waren ja ganz anderer Art, als der Vater glaubte. Und in diesem Augenblicke wurde sich Bernhard bewußt, daß seine Neigung zu dem Mädchen tiefe Liebe war. Der Lebensernst war frühzeitig in ihm wach geworden, er hatte ihn vom Vater geerbt. Und so jung er auch war, erkannte er doch unzweifelhaft die Echtheit seiner Leidenschaft.
»Vater,« erwiderte er jetzt, »es tut mir leid, wenn ich dich betrübt habe! Verzeihe mir. Du kennst mich als besonnen und weißt, daß mir gute Sitte und hohe Gesinnung unveräußerliche Güter sind. Während du zu mir sprachst, habe ich einen tiefen Blick in mein Inneres getan. Und ich weiß mich noch so rein, wie du mich immer befunden hast.«
Bernhard schöpfte tief Atem. Dann fügte er hinzu:
»Das Geschick ist gegen mich. Denn nicht nur, daß es mir seine Gunst zu dem, was ich begann, versagte, es zwingt mich auch, mit dem Bekennen meines Tuns, dich, lieber Vater, zu betrüben.«
Ernst von Miltitz hatte der Rede seines Sohnes beifällig zugehört. Bei den letzten Worten sah er gespannt auf.
»Die Tochter des Burgemeisters Waltklinger ist aufs sorgfältigste erzogen und eine Jungfrau von reinem und edlem Herzen. Ich liebe sie!«
Tiefe Stille herrschte in dem großen Zimmer. Ernst von Miltitz war von dem Geständnis seines Sohnes so überrascht worden, daß er eine Weile brauchte, ihm zu erwidern. Seine Stimme klang spöttisch, als er begann:
»Diese Rolle spielst du nicht gut, Bernhard! Gib sie auf! Denn was du da sprachst, waren die unbesonnenen Worte eines bis über die Ohren verschossenen Knaben. Aber man verliebt sich nicht in die Erstbeste.«
»Mein Vater,« erwiderte Bernhard bestimmt, »ich bin mir meines Handels völlig bewußt. Ich wiederhole, daß ich Sonnhild liebe!«
Aber Ernst von Miltitz lächelte frostig und schüttelte den Kopf.
»Zugegeben, daß es wahr wäre – im Grunde ist es aber nichts anderes als das Eintagsspiel unreifer Kinder –, und wenn es so wäre, sage ich, dann wüßtest du, was deine Pflicht ist.«
»Meine Pflicht kenne ich! Ich werde sie nie vergessen! Aber ihr Bereich endet hier vor meinem Herzen. Untugend zu begehren und Sittenlosem zu frönen, wäre meiner nicht würdig. Sonnhild aber ist eine Jungfrau von makellosem Ruf und reinem Gemüt, die als Gattin heimzuführen, sich kein Edelmann zu schämen brauchte!«
»Und vergißt du ganz, wer sie ist?« fragte Ernst von Miltitz mit niedergehaltenem Zorn.
»Nein,« versetzte Bernhard, »das vergaß ich nicht. Sie entstammt einer rechtschaffenen und sehr geachteten bürgerlichen Familie. Aber sollte mich dies hindern, dem Mädchen meine Liebe zu schenken? Nimmermehr! Denn welche Mutter aus adligem Geschlecht könnte feineren Adel in die Seele ihres Kindes pflanzen, als ihn Sonnhild besitzt! Wer sie kennt, wird mein Handeln verstehen; nur die herrschenden Anschauungen unserer Kreise sind gegen mich!«
Ernst von Miltitz stand vom Stuhl auf.
»Du bist noch zu jung, mein Sohn, um dich schon zu verlieben. Auch fehlt es dir noch am richtigen Empfinden, was man mit Rücksicht auf seinen Stand unterlassen muß. Meine väterliche Obrigkeit braucht aber mit dir hierüber nicht zu verhandeln. Ich habe mich umsonst an deinen Verstand gewandt, der ist dir verliebten Toren abhanden gekommen. Bernhard, ich untersage dir den Verkehr mit dem Mädchen! Du wirst sie vergessen!«
Der Jüngling blieb hierauf stumm. Dieses Schweigen reizte den erzürnten Vater.
»Du Tropf,« sagte er, »dein Herz wird nicht in Stücke gehen. Schon morgen betrachtest du, was du heute aufgibst, als eine Laune von gestern.«
Da klang es fest und ruhig von Bernhards Mund:
»Ich liebe Sonnhild aus tiefster Seele und werde nie anders können!«
Jetzt brauste Ernst von Miltitz auf:
»Widerspruch gegen mein Gebot? Weißt du jetzt selbst nicht mehr, daß die vornehmste Pflicht eines Kindes gegen die Eltern der Gehorsam ist? Wage es nicht, meinem Willen zu trotzen!«
Diese scharfe Zurechtweisung verletzte Bernhard tief. Aber die Hochachtung vor der väterlichen Macht verhinderte ihn, dies auszusprechen.
»Versprich mir,« versetzte Ernst von Miltitz, »daß du dich dem Mädchen nie wieder nähern wirst!«
Bernhard richtete den Blick fest auf den Zürnenden und antwortete:
»Vater, – das vermag ich nicht zu versprechen.«
Bis jetzt hatte Frau Magdalena an sich gehalten. Nun rang sie die Hände ineinander, und ihre Blicke suchten die Augen des Sohnes. Bernhard sah es, aber er zuckte nur stumm mit den Achseln.
Ernst von Miltitz' Zorn wuchs durch den Widerstand. Der Jüngling hatte seinen Vater noch nie so erregt gesehen, und er ahnte einen heftigen Ausbruch, den er mit großer Beherrschung über sich ergehen lassen wollte.
»Du kannst mir dein Wort nicht geben?« rief Ernst von Miltitz mit zornbebender Stimme. »Einfältiger Knabe! Begreifst du nicht, daß es dich nach etwas ganz anderem verlangt, als nach dem Herzen des Mädchens?«
Bernhard schwieg. Er empfand heimliche Befriedigung darüber, daß er seine Beherrschung behielt. Der ihn so verletzte, war sein Vater! Von ihm durfte er keine Rechenschaft fordern!
»Und das Mädchen,« klang des Zürnenden Stimme wieder, »es wird nicht so töricht sein wie du. Darf sie nicht die Braut eines Miltitz werden, so kann sie doch seine Geliebte sein …«
»Vater!« schrie Bernhard in diesem Augenblick schneidend auf und flog auf den Sprecher zu. Ernst von Miltitz stand unbeweglich. Aber sein Blick ging nach den Degen, die ihm zur Seite an der waffengeschmückten Wand hingen.
So standen sich Vater und Sohn gegenüber. Ernst von Miltitz mit gekünstelter Ruhe, Bernhard in leidenschaftlicher Erregung, mit totenbleichem Gesicht und funkelnden Augen. Doch währte es kaum eine Sekunde, dann war die Leidenschaft verflogen.
Bernhard fühlte tiefe Beschämung und ging mit gesenktem Kopf bis zur Tür zurück. Doch auch Ernst von Miltitz hatte angesichts der drohenden Haltung seines Sohnes die verlorene Beherrschung rasch wiedergefunden. Er wußte sich schuld an dem häßlichen Auftritt. Deshalb sprach er auch kein Wort mehr darüber, sondern trat an das Fenster und sah eine Weile schweigend hinaus.
Endlich wandte er sich um und sagte in scheinbar gleichgültigem Tone:
»Kaiser Karl weilt wieder einmal in Worms. Der Herzog beabsichtigt, Caspar von Carlowitz an das kaiserliche Hoflager zu senden, um der Majestät seine gleichbleibende Ergebenheit und seine Standhaftigkeit im alten Glauben von neuem zu versichern. Du wirst den herzoglichen Abgesandten als Junker dahin begleiten. Ich habe mit Vetter Carlowitz bereits alles verabredet. In drei Tagen gehst du nach Dresden und meldest dich in der Hofkanzlei, woselbst die Pässe und Vollmachten für Euch geschrieben werden. Vor deiner Abreise spreche ich dich noch!«
Bernhard vernahm dies alles wie im Traum. Das gestrige Erlebnis hatte ihn schon erschüttert, und nun der heutige Tag! – Er verneigte sich stumm und begab sich auf sein Zimmer.
Neuntes Kapitel
Im Schatten des alten Markgrafenschlosses
Auf der Ostseite des Markgrafenschlosses fällt der hohe Syenitfelsen in einer steilen Lehne ab. Diese mit Bäumen bewachsene Fläche hieß der Tiergarten. An dieser Stelle stand hinter einem Vorsprung der Grundmauer des Schlosses Sonnhild und schaute hinab.
Zwischen den Rebenstöcken drüben auf dem Ratsweinberg liefen Winzerinnen geschäftig hin und her, und die weißen Tücher, die sie um den Kopf geschlungen, tauchten in dem saftigen Grün abwechselnd auf, um nach einer Weile wieder zu verschwinden.
Auf der hölzernen Elbbrücke mit den beiden Torhäusern über den Brückenköpfen gingen und standen Menschlein, die von der Höhe aus so klein erschienen wie Finger. Den Strom zogen langsam schwerbeladene, mächtige Holzkähne hinunter. Sie kamen zum Teil aus Böhmen, zum andern Teil bargen sie Erzeugnisse der meißnischen Handwerkskunst und trugen diese nach den Seehäfen. Am Rande des Stroms klapperten lustig Getreide mahlende Schiffmühlen, die bei einer Belagerung der Stadt von der Mauer aus sorgfältig beschützt wurden, da man ihrer nicht entbehren konnte.
Am Fuße des Abhangs, gleichlaufend mit dem Strom, stand die Stadtmauer. Sie war aus schweren Granitblöcken gebaut und wurde von steinhartem Mörtel zusammengehalten. Ihre Höhe betrug an die zehn Ellen und zwei Ellen ihre Stärke. Stromabwärts, wo die Mauer nach der Nordseite zurücksprang, war das Wassertor, das wie alle andern Stadttore starke Flügel besaß, mit schweren Eisenbeschlägen, Schlössern und Ketten. Darüber erhob sich der mit Ziegeln abgedeckte, die Wohnung des Torwächters enthaltende Stadtturm.
Sonnhild sah dies alles, aber es machte keinen Eindruck auf sie. Nur stromaufwärts richtete sich zuweilen ihr Blick, dahin, wo sie hinter Bäumen verborgen Siebeneichen wußte.
Da hörte sie leichte Tritte, und gleich darauf trat Bernhard hinter der Mauerecke hervor. Bei Sonnhilds Anblick blieb er stehen, und sie sahen sich eine lange Weile stumm in die Augen. Dann trat er heran und reichte ihr die Hand.
»Bernhard,« sagte das Mädchen in schmerzlichem Ton.
Der Jüngling preßte die Lippen aufeinander und erwiderte nichts.
»Wie jubelte es doch noch vor kurzem in meinem Herzen«, klagte Sonnhild, »heute ist es still darin. Das Schicksal ist uns mißgünstig …«
»Wir werden ihm trotzen!« fiel Bernhard ein und warf den Kopf in den Nacken.
»Jungfrau,« fuhr er fort, »ich danke Euch für Eure Worte, die Ihr soeben gesprochen. Bestätigen sie mir doch, daß auch Euer Herz von dem bewegt ist, was ich fühle.«
Sonnhild fuhr bestürzt auf. Denn ihr ward bewußt, daß sie ihr zartes Geheimnis verraten hatte.
»Junker,« stammelte sie, »um Gottes willen, was sprechen wir. Nein, es darf nicht sein. Die tiefe Abneigung der beiden Stände voreinander, denen wir angehören – der Haß – – –«
»Sonnhild,« versetzte der Jüngling mit Ernst, »sprecht nicht also, ich bitte Euch! Was uns trennend im Wege steht, ist nichts anderes, als ein schlimmes Vorurteil. Wie lange noch, und die sich heute so bitter bekämpfen, werden nicht mehr verstehen, warum sie dies einst getan. Adel und Bürgertum werden noch einmal die Schranke zwischen sich niederreißen und sich versöhnen. Dann erst können sie die großen Aufgaben lösen, die ihnen gemeinsam gesteckt sind.«
»Wie edel Ihr seid,« antwortete Sonnhild. »Aber wann wird dies eintreten? Die Abneigung ist ja so tief eingewurzelt. Und dazu der grimme Glaubenshader!«
»Wir beten alle zu einem Gott,« sagte Bernhard, »und wer ihn aus tiefem Herzen verehrt, der allein dient ihm wahrhaftig.«
Das Mädchen vermochte nicht, zu erwidern. Aber ein innig dankbarer Blick lohnte die Worte des Jünglings.
»Man hält uns für Kinder, Sonnhild, und was wir tun, für kindisches Spiel. Aber sie wissen nicht, wie sie irren. Zeigen wir es ihnen, daß wir stark sind im Beharren und daß wir dulden können. Heute ist unser Himmel trübe, aber wir werden auch wieder die Sonne an ihm heraufziehen sehen!«
Des Mädchens Brust arbeitete heftig.
»Junker!« rief sie plötzlich, »nein, nicht diese Worte! Mein Vater ist unversöhnlich. Er würde nie erlauben – – –«
»Euer Vater? Wohl ist er heftig gewesen, und ich habe seinen Zorn schwer empfinden müssen. Aber ich habe ihm das verziehen. Denn das Heil seines Kindes steht ihm über allem. Und er ist ja Euer Vater!«
Da ergriff Sonnhild beide Hände des Jünglings und drückte sie warm.
»Mein Vater gleicht dem Euern,« fuhr Bernhard fort. »Er hat mich streng gescholten, als er es erfuhr, und es ist zu einem Auftritt gekommen, so schlimm, daß ich zeit meines Lebens erröten werde, wenn ich daran denke. Aber auch bei ihm ist väterliche Liebe der Grund zu seinem Zorn gewesen. – Ach, wenn nur die Anschauungen nicht so verblendet wären!«
Von Traurigkeit erfüllt, schwiegen sie und sahen hinab auf den Strom, auf dessen Rücken die breiten Schiffe schwammen, und auf die Brücke, über die gerade eine Herde Vieh getrieben wurde, denn es war heute wieder Markttag, und auf die sanften Hügel elbaufwärts, die vom hellsten Grün bis zum dunkelsten Braun in reichster Farbenpracht prangten. Glanz und Flimmern erfüllte die Luft, und auf dem schmalen Streifen Wiese zu ihren Füßen gaukelten schillernde Schmetterlinge von Blume zu Blume. Die Sonne schien von hinten her auf das Schloß, dessen kolossalen Schatten mit seinen scharf abgegrenzten Rändern weithin werfend.
»Sonnhild,« sagte Bernhard, »wißt Ihr, was mein Vater für mich bestimmt hat? Ich soll einen Abgesandten des Herzogs nach Worms an den kaiserlichen Hof begleiten. Übermorgen schon reise ich.«
Das Mädchen krampfte die Hände zusammen, antwortete aber nicht.
»Jeder meiner Altersgenossen wird mich darum beneiden. Und wenn dieser Auftrag mir geworden wäre, bevor ich Euch wiedergesehen, hätte er mich mit Stolz erfüllt. Heute macht er mich traurig. Denn die Wahl ist nur auf mich gefallen, damit ich für längere Zeit von der Heimat entfernt werde. Ich soll Euch vergessen. Aber Sonnhild,« versicherte der Jüngling mit überquellender Wärme, »ich werde Euch nie vergessen!«
Da raffte sich das Mädchen auf.
»Nein, Bernhard,« sprach sie mit Festigkeit, »Ihr dürft nicht also sprechen! Preist diese Sendung als ein Glück und heißt sie willkommen. Die lange Trennung wird uns über die schwerste Zeit hinweghelfen. Weiltet Ihr hier, so würden sich unsere Herzen nicht beruhigen, weil eines die Nähe des andern immer fühlen müßte.«
Hier schwieg das Mädchen und wurde blutrot, daß sie so geplaudert.
»Liebe Sonnhild,« erwiderte Bernhard mit Bestimmtheit, »mein Herz wird sich immer nach dem Euern sehnen, und wäre ich noch so weit von Euch entfernt.«
Die Verwirrung des Mädchens wuchs bei diesen Worten, und sie wandte ihr glühendes Gesicht ab. Da konnte der Jüngling nicht mehr an sich halten. Er ergriff Sonnhilds Hand und bat:
»Scheltet mich nicht, wenn ich so spreche. Ach, wenn Ihr wüßtet, Jungfrau, wie es um mich steht! Alles, was gut ist in mir, gehört Euch. All meine Gedanken weilen am liebsten in Eurer Nähe, und wenn ich bei Euch sein darf, und wenn ich in Eure lieben Augen schaue – – –«
»Haltet ein, Bernhard!« rief das Mädchen mit fliegendem Atem, »was sprecht Ihr! Schonet meiner!«
»Nein,« fuhr der Jüngling mit gesteigerter Erregung fort, »laßt es mich einmal sagen, was ich für Euch empfinde. Die Riesenlast möchte mich sonst noch erdrücken. Sonnhild, ich liebe Euch mit meinem ganzen Herzen, mehr, als ich Vater und Mutter liebe, und Euch zu besitzen, wäre mir das höchste Glück auf Erden!«
»Aber es darf doch nicht sein!« schrie Sonnhild gequält auf.
»Vergeßt einmal alles,« bat Bernhard in weichem Tone, »was uns scheidet, und sprecht das aus, wozu das Herz Euch drängt. Ach, sagt es mir doch nur ein einziges Mal, wonach meine Seele bangt.«
»Bernhard, lieber Bernhard,« flehte Sonnhild mit rührender Stimme, »seid stark!«
Und er sah, wie ihre Lippen zuckten, und wie ihre Augen umflort waren. Sie war ein tapferes Mädchen und bezwang sich besser als er!
Sonnhild mußte alle Kraft zusammennehmen, um ihre Rührung zu bekämpfen.
Da bemerkte sie die tiefe Niedergeschlagenheit Bernhards. Und als sie ihn heimlich noch einmal ansah, liefen ihm zwei dicke Tränen über die Wangen. Aber sie wollte standhaft bleiben. Dann handelte sie, wie es ja auch für ihn das beste war.
Sonnhild wandte sich ab und tat, als ob sie die Tränen des Jünglings nicht bemerke. Sie fühlte in ihrer Brust einen nagenden Schmerz, und sie mußte an sich halten, daß sie nicht verzweifelt schrie: »Bernhard, ich kann ja nicht leben ohne dich!«
Minuten vergingen in lautlosem Schweigen. Endlich hob Bernhard an:
»Sonnhild, wollen wir nicht du zueinander sagen, wenn wir uns wieder begegnen?«
»Ja, Bernhard,« antwortete das Mädchen freudig, »seien wir fortab Freunde. Nimm mein schwesterliches Du!«
»Ich danke dir, Sonnhild,« sprach der Jüngling bewegt. »Aber nun bitte ich noch um eins: übermorgen reise ich. Sonnhild, ich gehe weit fort. Auf wie lange, weiß ich nicht. Möchtest du mir nicht morgen noch ein einziges Viertelstündchen schenken, daß wir uns Lebewohl sagen?«
Das Mädchen schrak zusammen. Heute hatte sie ihr Herz bezwungen, ob ihr dies noch einmal gelingen würde …?
»Ach, Bernhard« stammelte sie bestürzt, »steh davon ab. Ich bitte dich darum. Es ist des Schweren nun genug für uns!«
»Sonnhild,« antwortete er leise, und sein ganzes Herz lag in der Stimme, »gewähre mir diese letzte Bitte! Laß uns morgen Abschied nehmen.«
Das Mädchen schlug die Hand auf die Augen und wandte sich ab. Da ergriff er ihre Rechte, und sie fühlte sein flehendes Verlangen noch einmal im Druck seiner Hand.
»Wenn du es wünschest, Bernhard, so sei es,« sprach sie leise.
Darauf gingen sie stumm auseinander.
Am nächsten Tag schritt Bernhard mit schwerem Herzen den Hohlweg hinauf. Sein Gesicht zeigte die Spuren starker seelischer Erregung, sein Gang war müde. Er hatte die letzte Nacht wachend auf seinem Lager zugebracht. Liebte ihn Sonnhild nicht? Doch, er fühlte es. Aber sie konnte ihr Herz bezwingen.
Bernhard empfand leise Scham, wenn er daran dachte, was für ein starker Charakter das Mädchen war. Und er war fest entschlossen, heute keine Schwachheit zu zeigen.
Als er den Ausgang des Hohlwegs erreicht hatte, stand geradeaus am Stadttor das Judenmädchen, ihm den Rücken zuwendend. Ob sie in den jüngst vergangenen Tagen, wo er nicht vor das Tor gegangen, seiner geharrt?
Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke Bernhard gekommen, entschwand er ihm wieder. Er bog links ab zur Schloßfreiheit und kam zum Afrakloster. Als er dieses erreicht hatte, trat ein Priester aus der Tür, angetan mit dem Meßgewand und in den Händen das Kruzifix und den Kelch mit der Hostie. Er befand sich auf einem Versehgang, daß er einem Sterbenden sein letztes Stündlein erleichtere. Die beiden Ministranten gingen voran. Und da gerade ein paar Leute des Wegs kamen, ließen sie die Klingeln ertönen. Aber die Männer beugten das Knie nicht, sondern schritten mit abgewendeten Blicken vorüber. Es waren Lutherische. Bernhard kniete jedoch nieder. Und als ihm der Priester das schwarze Kreuz entgegenhielt, küßte er entblößten Hauptes die silberne Gestalt des Erlösers. Alsdann faltete er die Hände, neigte das Haupt darüber und flüsterte: »Hilf uns, heilige Maria, Gottesmutter, in unserem schweren Herzeleid!«
Darauf schritt der Mönch die Stufen des Steigs hinunter, während Bernhard am Schleinitzer Hof vorbei über die hohe Brücke ging, deren gewaltiger steinerner Bogen, den Hohlweg überspannend, den Schloßberg mit dem Afrafelsen verbindet. So kam er zum Burgtor, durchmaß den kleinen Schloßhof und ging dann am Kornhaus vorbei quer über den Domplatz.
Vor dem Domkeller zu seiner Rechten standen ein paar Handelsjuden, die mit lauten Worten und unter lebhaften Gebärden ein Geschäft abschlossen. Die Domherrenhäuser, die Dechanei und das bischöfliche Wohnhaus lagen in tiefster Ruhe.
Im Vorbeischreiten warf der Jüngling träumend den Blick auf das Schloß und auf die hohen Fenster des alten Doms. Dann gelangte er auf den hinteren Schloßhof. Da blieb er stehen und schaute zurück, ob kein neugieriges Auge ihm folge. Aber er sah keinen Menschen. Oder täuschte er sich? War dort hinter der Ecke des Doms nicht blitzschnell eine flüchtige Gestalt verschwunden? Bernhard schalt seine Phantasie. Nun sah er schon am hellichten Tage Gespenster!
Mit raschen Schritten gewann er den lauschigen Platz. Da stand wie gestern Sonnhild und wartete.
Das Mädchen kam ihm ein paar Schritte entgegen, und sie begrüßten sich. Sonnhild sah bleich aus, und tiefer Ernst lag auf ihrem Gesicht. Sie betrachtete den Jüngling forschend und fragte endlich:
»Bist du krank, Bernhard?«
»Nein, Sonnhild,« erwiderte er, »nur der Schlaf und die Lust am Essen fliehen mich. Nun ich bei dir bin, ist ja alles gut.«
Das Mädchen antwortete nicht.
»Wie der Tag doch wieder herrlich ist,« sagte Bernhard und schaute versonnen in den goldenen Glanz, der auf den Weinbergen und über den Fluren lag. »Das eine bleibt mir, und wenn ich auch noch so weit von dir sein werde: die Sonnenstrahlen, die dich wärmen, kommen auch zu mir. Und wenn ich in wachen Nächten an meinem Fenster sitze und zu den Sternen aufsehe, dann werde ich Trost in dem Gedanken finden, daß auch deine Augen diese Sterne erblicken.«
»Bernhard,« sagte Sonnhild leise, »es ist besser, wenn du die schönen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, bald vergißt. Zerquäle deine Brust nicht. Laß das Neue auf dich wirken. Du wirst andere Länder und Menschen sehen und viel Herrlichkeit und Pracht. Auch an andern Mädchen wird es nicht fehlen, die viel schöner sein werden, als ich. Und du wirst nicht mehr begreifen, wie du mich einst begehren konntest.«
Der Jüngling schüttelte mit abgewandtem Gesicht den Kopf.
»Wohl bin ich noch jung,« versetzte er langsam, »aber ich fühle eine Lebensreife in mir, die höher ist als meine Jahre. Darum ist das, was ich empfinde, die Überzeugung eines Mannes, der sich geprüft hat. Gefühle, so heilig und stark, wie sie mich jetzt erfüllen, können für eine andere nicht noch einmal erwachen. Mein Herz wird sich verhärten, und die frühlingsjungen Pflänzlein, die in ihm sprießen, werden verdorren bis zur Wurzel.«
»Sieh, Bernhard,« sagte Sonnhild mit tiefem Weh in der Stimme, »es muß aber doch sein!«
»Ich bin nicht davon überzeugt. Starke Liebe, die treu und wahr ist, überdauert alle Stürme des Lebens!«
Sonnhild wollten die Sinne schwinden, und jeder Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht. Aber sie blieb stumm.
»Morgen zu dieser Stunde sind wir schon weit von Dresden entfernt,« sagte Bernhard in Gedanken verloren. »Und in acht Tagen? Wer mag es wissen. – Aber ich bin heute nicht gekommen, um noch einmal zu klagen,« fuhr er mit Festigkeit fort. »Jetzt heißt es kämpfen. Täglich und stündlich mit der Macht ringen, die dem beschwichtigenden Verstand und dem wohltätigen Vergessen trotzt. Doch – schweig' ich still davon …«
Ein düstrer Zug umspielte die Lippen des Jünglings und gab seinem bleichen Gesicht etwas Herbes. Während der letztverwichenen fünf Jahre hatte ihn die Erinnerung an Sonnhild nie verlassen. Wie eine überirdisch schöne Erscheinung war ihr Bild in seiner Seele heraufgestiegen, wenn sich der ernste Jüngling inmitten seiner anders gearteten Altersgenossen einsam gefühlt hatte. Und dann war nach all dem langen Hoffen und Harren das heiße Sehnen erfüllt, der herrliche Traum war zur Wirklichkeit geworden.
Diese Erfüllung war auf seinen Lebensweg wie strahlender Sonnenschein gefallen, dessen milde Wärme er bis ins Innerste gespürt. Dem Mädchen hatte sein ganzes Denken, hatten seine edelsten Empfindungen gegolten!
Nun war alles aus! Rasch war das Glück gekommen, wie ein glänzendes Himmelslicht in dunkler Nacht, – und ebenso rasch war es wieder verschwunden. Er sollte Sonnhild vergessen …
Bernhard empfand unsägliche Bitterkeit bei diesem Gedanken.
Da sah er auf: in Sonnhilds Augen standen Tränen. Das tapfre Mädchen! Auch sie bewegte der Abschied tiefinnerlich.
Er nahm ihre Hand in die seine und sagte gerührt:
»Sonnhild, ich sehe, wie du leidest. Ich will dir den Schmerz der Abschiedsstunde verkürzen. Laß uns Lebewohl sagen.«
Sie versuchte sich zu fassen und drängte die Tränen zurück. Da schloß sie plötzlich die Augen, und ihr jungfräulicher Körper bebte so stark, daß Bernhard sie umfing. Und als ihr Kopf mit dem kummerbleichen Gesicht und dem goldglänzenden Haar willenlos an seiner Brust lehnte, flüsterte sie:
»Bernhard, – mein Bernhard, – ich liebe dich ja über alles!«
Da schoß es heiß nach dem Herzen des Jünglings, und in seine Augen trat ein seltsamer Glanz.
»Sonnhild,« fragte Bernhard eindringlich, »vergißt du auch nicht das schier Unüberwindliche, das zwischen uns steht?«
»Nein, ich vergaß es nicht,« flüsterte sie, »aber zwischen unserer Liebe soll nichts stehen!«
Da drückte er das zitternde Mädchen an seine Brust, und ihre Lippen fanden sich zum ersten Kuß.
»Bernhard,« sagte Sonnhild, sich aufrichtend, »ich konnte dich nicht so ziehen lassen. Nun werde ich stark genug sein, die Trennung zu ertragen. Meine treue Liebe wird dich begleiten und mein Gebet dich beschützen.«
In seligem Empfinden zog Bernhard das Mädchen von neuem an sich.
»Mein Geliebter,« sprach Sonnhild innig, »wir wollen Geduld üben. Welch wunderbare Fügungen sendet zuweilen der Himmel! Mag es noch so schwer erscheinen. Wahrhafte Liebe – du sagtest es bereits – überwindet alles!«
Da vernahmen sie ein leises Brechen von Zweigen. Und wie sie rasch die Umarmung lösten und sich umwandten, blickten sie eine Sekunde lang in ein Frauenantlitz, das so blaß und verzehrt war, wie das Gesicht eines schwer leidenden Menschen. Aber die großen, blauen Augen unter dem pechschwarzen Haar glühten vor innerm Feuer. Dann schlug das Gebüsch wieder zusammen, und die Erscheinung war verschwunden.
»Wer war das?« fragte Sonnhild in banger Besorgnis.
»Ängstige dich nicht, mein Lieb,« antwortete Bernhard begütigend. »Ein junges Judenmädchen war es, dem ich wiederholt begegnet bin, als ich vergebens vor das Stadttor ging.«
Sonnhild atmete erleichtert auf.
»Hast du die drohenden Augen gesehen?« fragte sie, sich das Haar aus der Stirne streichend.
»Du bist erregt, liebste Sonnhild,« antwortete Bernhard beklommen. »Das Mädchen starrt immer so.«
Und wieder fiel ihm die Ähnlichkeit dieser Augen mit denen Sonnhilds auf.
»Geh mit Gott, mein Geliebter,« sagte Sonnhild und schmiegte sich an Bernhards Brust. »Was nun auch kommen mag, – unsere Liebe soll sich als stark und wahr erweisen.«
»Du inniggeliebtes Mädchen! Nicht Raum noch Zeit können unsere Liebe vermindern. Und so stark die Stürme auch brausen mögen, wir werden allem trotzen!«
Sonnhild zog einen schmalen Reif ab und steckte ihn an seinen Finger. Hierauf legte sie noch einmal ihre Hand in die seine. Ein letzter, langer Blick – dann stand Bernhard allein. Wohl fühlte er, wie ihn der Abschied tief betrübte. Aber die Traurigkeit, mit der er gekommen, war verschwunden, und die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang aus diesem Wirrsal erfüllte ihn.
Zehntes Kapitel
Der neue Herr
Das deutsche Volk hat bange Zeiten durchleben müssen, bevor es sich seine Einheit und Machtstellung und damit den langjährigen, segensreichen Frieden erkämpft hat. Einen der denkwürdigsten Abschnitte seiner Entwickelung bildet die Zeit dieser Erzählung.
Wohl hatte draußen der deutsche Namen einen guten Klang. Aber im Innern des Landes nahm der Kampf kein Ende. Starke Mächte wüteten gegeneinander, und das Eisen und die Seuchen hatten furchtbar aufgeräumt. Der Landadel mißbrauchte vielenorts seine Gewalt, daß die bäuerliche Bevölkerung unter dem schweren Druck seufzte. Dazu trat der nicht endenwollende Streit der Fürsten untereinander, die sich mit Haß und Krieg verfolgten. Die glänzenden Erfolge der gewerbfleißigen Städte wurden von den Adligen mit Mißgunst betrachtet. Der Wohlstand des Bürgers war ihnen ein Dorn im Auge, und sein Selbstbewußtsein und seinen Stolz erwiderten sie mit Verachtung.
Neben diesem erbitterten weltlichen Hader lastete schwere Kümmernis auf den Seelen der Menschen. Schon lange war von vieler Mund der Ruf erklungen, die Kirche an Haupt und Gliedern zu verbessern und den Mißbrauch zu beseitigen, den sie trieb. Aber diese Stimmen blieben von den Päpsten ungehört. Die Abgaben an die Kirche wuchsen von Jahr zu Jahr und bildeten eine drückende Bürde für das Volk. Der höhere Klerus strebte nach weltlicher Macht. Die fürstliche Prachtentfaltung, die er übte, und sein Schwelgen in sinnlichem Genuß brachten es mit sich, daß er das Wirken für die Lehre des Evangeliums vernachlässigte.
Die niedere Geistlichkeit fühlte kaum noch die schwachen Zügel dieses Regiments. Viele wurden träge, vernachlässigten ihre Pflichten als Seelsorger und warfen sich der Sittenlosigkeit in die Arme. In den Klöstern machte sich das Laster breit, daß die schamlosesten Vorgänge dem Volke bekannt wurden.
So war es um die verordneten Diener der Kirche bestellt!
Ein großer Teil der Bevölkerung war tief verstimmt. Bangigkeit lastete auf dem geistigen Leben, und die Herzen der Menschen litten schwer unter der ungestillten Sehnsucht nach der ewigen Liebe und zerquälten sich in bangem nach Gott Suchen.
Die Not war auf das höchste gestiegen, als von Wittenberg her eine Stimme erklang, der das ganze Volk mit verhaltenem Atem lauschte. Der Kapuzinermönch Doktor Martin Luther erhob laut Einspruch gegen die unhaltbaren Zustände, unter denen er die wahre Religiosität der Menschen gefährdet sah. Und Hunderttausende jubelten dem Unerschrockenen zu, als er sich den Schmeicheleien verschloß, mit denen der Papst ihn von weiteren Schritten gegen die Kirche abhalten wollte.
Des kühnen Mönchleins kernhafte Schriften und Reden zündeten in Millionen deutschen Herzen. Wonach man seit Jahrzehnten gebangt, was man unklar empfunden, hier wurde es deutlich ausgesprochen. Eine große Partei entstand, die sich für Luther erklärte und die dessen weiteres Wirken mit Spannung verfolgte. Die Studentenschaften scharten sich zuerst um das neuentrollte Banner, auf dem der Kampf für die Freiheit des Geistes in goldenen Lettern geschrieben stand. Dann folgten die Städte und endlich das breite Land.
Wie auf Sturmesflügeln eilte die Botschaft durch die deutschen Lande, daß der beherzte Reformator Papst und Kaiser getrotzt, indem er auf dem glänzenden Reichstage zu Worms vor einer großen Anzahl von Fürsten und hohen Würdenträgern der Kirche in gewaltiger Rede seine neue Lehre verteidigt hatte.
Begeisterung riß das Volk hin, und endloser Jubel brach allerorts aus. Man fühlte: es waren Ketten abgefallen. Und vom Knäblein bis zum Greis sprachen die Menschen wie ein Gebet das herrliche Wort: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen!«
Wohl begann noch einmal ein großes Streiten, bevor die erhitzten Geister zur Ruhe kamen: der Bauernkrieg loderte auf, und auch die Fürsten zogen aufs neue vom Leder. Aber bei diesen Kämpfen und allen feindseligen Anfechtungen erstarkte die neue Kirche immer mehr und entwickelte sich zu einem unüberwindlichen Bollwerk gegen ihre Widersacher. Zahlreich waren die Übertritte. Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen war der erste deutsche Fürst, der mit seinem ganzen Volke die neue Lehre annahm. Andere folgten. Besonders groß war der Eifer im Bürgerstand.
Die herzoglichen Sachsen sahen mit scheelen Augen nach Dresden, wo ihr Landesherr, Herzog Georg, den die Nachwelt den Bärtigen nennt, seinen Hof hatte. Dieser Fürst wollte nichts von dem neuen Evangelium wissen.
Die beiden Söhne des Herzogs waren gestorben. Damit nun das Land nicht an seinen eifrig protestantischen Bruder Heinrich falle, hatte Herzog Georg ein Testament errichtet, wonach Sachsen nur unter der Bedingung Heinrich vererbt werde, daß dieser den alten Glauben unangerührt lasse. Andernfalls sollten der Kaiser und König Ferdinand das Herzogtum erhalten.
So lagen die Verhältnisse um die Zeit, da Bernhard von Sonnhild Abschied genommen hatte. Wie alle andern Städte des Herzogtums, grollten auch die Bewohner Meißens ihrem Landesfürsten. Denn mit Ausnahme weniger war das ganze Land für die neue Lehre. Aber es wollte kein Hoffnungsschimmer heraufdämmern, daß das heiße Sehnen des Volkes gestillt würde.
Da eilte die überraschende Kunde von dem schnellen Tode des Herzogs Georg durch Sachsen. Darauf hörte man, daß Herzog Heinrich sich von seinem Aufenthaltsort Freiberg nach Dresden begeben habe, wo er das allgemein bekannte Testament vorfinden mußte.
Würde er die Regierung antreten oder das Land fremden Machthabern überlassen? Für die durch des Verstorbenen letzten Willen gesicherte Beibehaltung des alten Glaubens war es gleich, wie er sich entschied. Aber allenthalben ward der Wunsch laut, daß das angestammte Fürstenhaus dem Herzogtum erhalten bleiben möchte. Denn im Grunde war das sächsische Volk den Wettinern ehrlich zugetan.
Noch waren erst wenige Tage seit der Todeskunde verstrichen, als eine neue Nachricht von Dresden kam, die das Land geradezu alarmierte. Herzog Georg, so hieß es, habe zwar das Testament ausfertigen lassen, aber die Vollziehung sei von ihm hinausgeschoben worden. Nun habe ihn sein plötzlicher Tod daran verhindert, die Urkunde zu unterschreiben und sie damit rechtskräftig zu machen. Herzog Heinrich sei der gesetzmäßig Erbe, und keine Beschränkung hindere seinen Willen.
Da brach unter der Bevölkerung großer Jubel aus, der sich erneute, als die Bestätigung dieser Nachricht eintraf. Denn niemand zweifelte daran, daß der zum neuen Glauben treu stehende Herzog Heinrich die Wünsche des Volkes erfüllen würde.
An den Rat der Stadt Meißen aber kam in diesen Tagen eine Verordnung des neuen Regierenden, wonach der Verstorbene an der Seite seiner Vorgänger im Dom beigesetzt werden sollte.
Burgemeister Waltklinger berief sogleich die Ratmannen zur Versammlung, und man beriet die Feierlichkeiten, mit denen die Stadt dem verstorbenen Landesfürsten die letzte Ehre erweisen wollte. Aller Hader war verstummt. Der Tod hatte die Zwietracht ausgelöscht.
Die Gassen, die der Zug berühren mußte, wurden gründlich vom Schmutz gereinigt. Denn zu Zeiten des Mittelalters war in den Städten die Gasse der natürliche Abladeplatz für allen Abfall, der im Hause entstand, und der Tummelplatz des lieben Stadtviehs. An diese Unreinlichkeit hatten sich die Bewohner so gewöhnt, daß nur bei hohem Fürstenbesuch gründlich aufgeräumt wurde, – doch durfte solcher nicht öfter als einmal im Jahre kommen. Erschien hingegen der Landesherr in kürzeren Zeiträumen, so mußte er sich's gefallen lassen, wenn sein Wagen, wie der jedes andern Sterblichen, bis zu den Achsen der Räder in dem Morast versank.
Als der Tag herangekommen, hatte sich die ganze Einwohnerschaft in Festkleidern vor den Häusern versammelt. Die Gilden und Innungen waren mit umflorten Fahnen aufmarschiert und bildeten eine Ehrengasse für den toten Herzog. Der Burgemeister und die Ratmannen, angetan mit ihrer feierlichen Amtstracht und goldenen Ketten, empfingen die Leiche am Stadttor und schritten ihr vorauf bis zum Dom. Langsam bewegte sich unter großem Gepränge der Zug durch die Gassen, während die Stadtpfeifer Trauermelodien aufspielten.
Vor dem Dom angekommen, war der Stadtrat unschlüssig, ob er das Gotteshaus zur Teilnahme an der Totenfeier betreten sollte. Da aber der Burgemeister und die Ratmannen ihren Herzog, den sie als guten Lutherischen kannten, der Leiche hinterdrein schreiten sahen, folgten auch sie ins Innere.
Da ward plötzlich allen Teilnehmern eine große Überraschung. Kaum war der Sarg auf dem schwarzumkleideten Katafalk vor dem Hochaltar niedergesetzt worden, als Herzog Heinrich noch vor Beginn des Gottesdienstes den Dom wieder verließ. Der Stadtrat und ein großer Teil der Versammlung schloß sich ihm an.
Das war eine deutliche Kundgebung des Herzogs für seine Stellung als regierender Landesfürst zum neuen Glauben. Die Bürgerschaft Meißens frohlockte, wenn sie an die Zukunft dachte, und die Nachricht von dem Geschehnis flog pfeilschnell durch das Land.
Jeder fühlte, daß eine neue Zeit anbrach. Ein weiterer Vorbote ließ nicht lange auf sich warten.
Die katholische Partei mit der Geistlichkeit an der Spitze beabsichtigte, zu Ehren des verstorbenen Fürsten den Dreißigsten besonders glanzvoll zu begehen. Da erhielt der Amtmann Ernst von Miltitz eine Verordnung des Herzogs, daß die beabsichtigte Zeremonie zu unterlassen sei.
Dieses Verbot bildete eine empfindliche Niederlage für die Anhänger des alten Glaubens, besonders aber für den Klerus. Bisher hatten seine Mühlen lustig geklappert, – der Wind von Dresden her war immer günstig gewesen. Herzog Georg hatte sich als verläßlicher Anhänger und Beschützer der Kirche erwiesen, und durch das Testament wußte die Geistlichkeit das Land für den alten Glauben erhalten.
Da starb ihr Schirmherr, und die Zuversicht, die man auf das Testament gesetzt, ging in Trümmer. Alsbald hatte sich im katholischen Lager eine Gegnerschaft wider den protestantischen Herzog Heinrich gebildet. Nun war freilich, wie befürchtet, die Erhebung der lutherischen Lehre zur Staatsreligion bisher ausgeblieben. Aber das Verhalten des Herzogs bei der Beisetzung kennzeichnete klar seine Gesinnung.
Die Feier des dreißigsten Tages nach dem Hinscheiden des Herzogs Georg sollte als eine große Prozession stattfinden. Da kam das Verbot. Der Bischof geriet in hellen Zorn, und Ernst von Miltitz hatte es als Anhänger der alten Kirche nicht leicht, der Weisung des Herzogs Nachdruck zu geben. Die Feier würde dem Verstorbenen nichts nützen, hatte der neue Herr gesagt, denn sie sei nur ein Mißbrauch Gottes.
Zuletzt blieb der Geistlichkeit aber doch nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Sie tat es widerwillig und nur mit Rücksicht auf die heimliche Befürchtung, man möchte im Weigerungsfalle den Herzog zu schärferem Vorgehen gegen die Kirche reizen.
Das sächsische Volk aber pries seinen Fürsten und stellte all seine Hoffnung auf ihn.
Elftes Kapitel
Der Kurier des Herzogs
Nun waren schon Wochen seit dem Tage vergangen, an dem die beiden Liebenden Abschied genommen hatten. Sonnhild fühlte sich vereinsamt. Das Verhältnis zum Vater war anfänglich gespannt gewesen. Sie hatte gemerkt, wie schwer es ihm gefallen war, die seinem Zorn folgende Betrübnis zu überwinden. Gleichwohl war er immer freundlich zu ihr und hatte den schlimmen Vorfall mit keinem Worte berührt. Auch schien ihm seine Heftigkeit nachträglich leid zu tun. Er wiederholte seine Liebkosungen wie früher und versuchte, Sonnhilds Schwermut durch kostbare Geschenke zu vertreiben.
Mit müdem Lächeln dankte das Mädchen dem Vater. Doch empfand sie, wie er überzeugt war, daß er ihr mit all diesem doch nicht helfen konnte. Und so kam es, daß wohl die äußeren Liebesbeweise zwischen Vater und Kind ebensooft wie früher ausgetauscht wurden, daß sie aber nicht mehr so herzlich waren, und daß beide von Gefühlen bewegt wurden, die sie voreinander verbargen. Statt der bisherigen Offenheit, herrschte jetzt heimlicher Zwang zwischen ihnen.
Sonnhild litt sehr unter diesem Zustand. Zum Glück war der Vater in dieser bewegten Zeit oft auf dem Rathaus und ließ sie viel allein.
Heute war Sonntag. Man schrieb den 15. Juli 1539.
Sonnhild saß schon zur zeitigen Vormittagsstunde am Fenster, um auf das gewohnte bunte Treiben hinabzusehen, das sich Sonntags auf dem Markt entwickelte. Zudem war heute Schützenfest. Hierzu waren die Landleute aus der Umgegend schon am frühen Morgen als Zuschauer in die Stadt eingezogen. Denn das Schützenfest war das größte Volksfest des ganzen Jahres.
Eine Zeitlang schaute Sonnhild auf die geputzten Menschen. Dann lehnte sie sich in den Stuhl zurück und sann. Das letzte Fest, bei dem sie von Herzen fröhlich sein konnte, war das Maienfest gewesen. Da hatte ihr die gute Hanne den Festschmuck aus der Lade geholt und sie damit schmücken helfen und ihr den Maienkranz ins Haar gewunden. Der Vater hatte beim Beutler eine neue zierliche Tasche für sie erstanden, die köstlich nach Ambra gerochen, und einen silbergefaßten Handspiegel, der an einer Kette als Zierat an der Seite getragen wurde.
So war sie hinaus auf den grünen Anger neben dem Kuttelhof gegangen. Dort hatten sich die jungen Mädchen getroffen. Alle geschmückt mit Schappel und Dupfing und in prächtigen Frühlingskleidern.
Zwar ging dem Maienfest alljährlich noch ein anderer Tag voran, an dem man draußen mitsammen fröhlich war. Denn schon Wochen vorher, als die ersten Kätzchen aus Weide und Hasel ausgebrochen, waren alle jungen Mädchen und Jünglinge hinausgezogen. Und wer das erste Veilchen fand, der verkündete dies laut. Dann eilten alle dahin und tanzten im Kreise um diesen frühen Abgesandten des lieblichen Lenzes.
Doch beim Maienfest ging es noch lustiger her. Da wurden die großen Reihen getanzt. Der Vorsänger stimmte an, worauf der Chor der Umstehenden laut den Text des Reihens sang, und leise sangen die tanzenden Mädchen die Weise mit. Dann wurde der bunte Federball geworfen und noch einmal um die Linde getanzt.
Die jungen Bürgersöhne waren gleichfalls im Festschmuck erschienen, die sammetnen Wämser an Kragen und Ärmeln mit köstlichen Spitzen besetzt. Auch waren immer einige Junker dabei in wallendem Haar, den Gürtel wohl beschlagen mit glänzendem Metall, und die Spitze des Schwertes beim Gehen an der Ferse klingen lassend.
Die Bürgersöhne sahen deren Kommen aber nicht gern und betrachteten sie mit stolzen Blicken, wofür die jungen Edelleute hochmütig um sich schauten. Zuletzt wurde die schönste Jungfrau mit einem Kranz von frühen Feldblumen als Maienkönigin gekrönt und im Triumphzug und unter lautem Singen nach Hause geführt. In diesem Jahre war Sonnhild Maienkönigin gewesen.
All diese freundlichen Bilder stiegen in Sonnhilds Erinnerung herauf. Und bald nach dem lieblichen Fest war ja die schönste Zeit ihres Lebens angebrochen: sie hatte den Jugendfreund wiedergesehen!
»Bernhard, – mein Bernhard,« flüsterte Sonnhild. Und sie merkte, wie es ihr warm in die Augen stieg. –
Mittlerweile hatte die Menge auf dem Markt zugenommen. Da sah man die Bürgerfrauen, die keine Frau eines Dienenden in ihren Kreis ließen. Abseits von ihnen standen die Frauen der reichen Familien. Aber den unterwürfigsten Gruß erwiesen die Gesellen und Dienenden den Frauen und Töchtern aus den Patriziergeschlechtern. Die gleiche Auszeichnung erfuhren die Männer. Doch von diesen waren nur wenige auf dem Markt; sie weilten zum Frühtrunk in den Schenken.
Die Frauen wachten streng darüber, daß die feinen Abstufungen in der Rangstellung, die von der Größe des Reichtums abhängig waren, äußerlich aufs peinlichste gewahrt wurden. Wer unter dem eigenen Kreis stand, mußte sich's gefallen lassen, kühl behandelt zu werden. Nach oben aber wurde viel Freundlichkeit aufgewendet.
Die eleganten Frauen unter den Reichen trugen ein langes Gewand von kostbarem Stoff und reich besetzt. Der Schleppenschwanz war sechs Fuß lang und nahm auf der Straße allerlei Unrat auf. Wenn sie zum Tanz gingen, befestigten sie die lästige Schleppe mit einem großen, eisernen Haken hinten am Rücken, wo sie wie ein schweres Gewicht niederhing. Dafür hatten aber die Kleider oben fast gar keinen Stoff. Sie waren so weit offen, daß man den ganzen Busen und den größten Teil des Rückens sah. Die jungen Herren waren mit dieser Schaustellung recht zufrieden. Aber die Prediger wetterten von den Kanzeln grimmig dagegen – natürlich erfolglos.
Die einfacheren Bürgerfrauen gingen zwar weniger kostbar, aber immer noch recht anspruchsvoll gekleidet. Denn es bestand in den Städten unter den Frauen ein wahrer Wetteifer in der Entfaltung von Luxus.
Ferner sah man unter der Menge langlockige Bauern in altfränkischer Kleidung: kurzen, tuchenen Jacken, Kniehosen und hochschäftigen Lederstiefeln, dazu ihre Weiber mit hellen Kleidern in schreienden Farben. Auch herzogliche Landsknechte vom Schlosse waren da, mit martialischen Bärten, einheimische und fremde Schützenbrüder und endlich Bürger, bewaffnet mit Ober- und Untergewehr.
Denn jeder Bürger, soweit waffenfähig, war wehrhaft. Zu ruhigen Zeiten gingen sie ihrem Handwerk nach. Sobald aber die Waffenübungen riefen, dann stand die Werkstatt leer. Hoch aufgereckt stolzierte der Angehörige der Bürgerwehr durch die Menge. Auf dem Kopfe den großen Schlapphut, geschmückt mit Birkenreis oder Hopfenblüte, Sporen an den Füßen, die Flinte auf dem Rücken und den Degen vorm Herzen. Die Bürger eines Viertels hatten ihr eigenes Fähnlein, und an ihrer Spitze stand der Viertelsmeister.
Auch Franziskanermönche aus dem Kloster am Heinrichsplatz drängten sich durch das Gewimmel, den Apostolischen Friedensgruß bietend. Sie gingen ohne Schuhe und unbedeckten Hauptes. Die lange Kutte mit der Kapuze auf dem Rücken war von grauer Wolle und mit einem knotigen Strick umgürtet. Sie waren Bettelmönche und standen in engem Verkehr mit den Bürgern, da viele von ihnen Meißner Stadtkinder waren.
Vom Turm der Frauenkirche wurden fromme Lieder mit Posaunen geblasen, und dann begann von allen Türmen das Läuten der Glocken.
Ein Teil der Fremden staute vor der Rathaustür, neben der an einer Kette ein Halseisen hing, als Zeichen, daß der Markt die Richtstätte war. In dem hohen Gewölbe des Eingangs stand die Ratswage. Wer freilich in den großen Saal im Oberstock hätte einen Blick werfen können, der würde die Ratsherren an einer reichgeschmückten Tafel haben sitzen sehen. An jedem Sonntag hatten sie freien Tischtrunk, heute aber bot ihnen die Stadt einen Festschmaus.
Vom Dom schlug gerade die zwölfte Stunde, und schon schickten sich die ersten an, zum Mittagessen nach Hause zu gehen, als mit einemmal in der Menge eine Bewegung entstand. Vom Heinrichsplatz her drang dumpfer Lärm und pflanzte sich bis zum Marktplatz fort. Gleichzeitig wichen die Menschen zurück, und durch die so geschaffene Gasse sprengte auf schweißbedecktem Pferde ein Postreiter der herzoglichen Hofpost.
Als er den Markt erreicht hatte, hielt er inmitten der vielen Neugierigen an, riß die auf seinem Rücken hängende, bestaubte Ledertasche auf den Bauch und entnahm ihr einen dicken Brief, der mit großen roten Siegeln verschlossen war.
»Wo treffe ich den Burgemeister?« rief er in die Menge. Worauf es durcheinander schrie:
»Auf dem Rathause!«
Der Reiter sprang vom Pferde, warf einem der Nächststehenden die Zügel zu und stampfte zur Rathaustür hinein.
Die Ankunft eines Eilboten vom herzoglichen Hof in Dresden war etwas Außergewöhnliches und rief eine starke Spannung unter der Menge hervor. Niemand entfernte sich. Dafür drängten alle nach dem Rathaus hin, und einer gab dem andern seine Ansicht über den Inhalt des Schreibens kund.
Die Erwartung stieg immer höher. Und da eine geraume Zeit darüber hinging, bis die Neugierde gestillt wurde, schwoll das Stimmengewirr zum Lärm an.
Da erschallten plötzlich laute Rufe nach Ruhe. Aller Blicke richteten sich auf das Rathaus, wo der Burgemeister eben ein Fenster aufriß. Hinter ihm und an den andern Saalfenstern erschienen die Ratsherren.
Georg Waltklingers Gesicht war bleich vor innerer Bewegung; nur die Stirn zeigte sich von dem genossenen Wein leicht getötet. In der Hand hielt er ein großes Pergament mit herabhängendem Siegel.
Der Lärm auf dem Marktplatz verstummte augenblicklich. Aller Herzen klopften vor Spannung; man ahnte eine bedeutsame Kundmachung.
Waltklinger beugte sich weit aus dem Fenster und rief mit gewaltiger Stimme in das Schweigen hinein:
»Mitbürger, vernehmt die hohe Botschaft des Herzogs an seine treuen Landeskinder: Alle Kirchen der Stadt, den Dom dazu gerechnet, werden dem neuen Evangelium geöffnet! Von den Kanzeln und in den Schulen darf fortan nur die protestantische Lehre verkündet und das Abendmahl soll in beiderlei Gestalt gereicht werden!«
Der Burgemeister ließ das Blatt sinken. Kein Beifallsruf erscholl. Die Überraschung hatte die Zungen aller gelähmt.
Da rief er noch einmal:
»Bürgerschaft Meißens! Euer tiefes Sehnen während langer Jahre ist erfüllt. Die Botschaft bedeutet die Einführung der Reformation im meißnischen Sachsen! – Lang lebe Herzog Heinrich!«
Jetzt brach ein beispielloser Tumult aus. Alles schrie und jubelte durcheinander. Des Herzogs Name wurde immer von neuem gerufen. In manchem Auge standen Tränen. Die einen blieben stumm vor Rührung, andere umarmten sich oder warfen die Hüte in die Luft und stießen laute Freudenrufe aus. Ja man mußte sich's wiederholen, daß das Unglaubliche Geschehnis war: der Herzog hatte dem Lande die Reformation geschenkt!
Lange noch hielt der betäubende Lärm an, bis sich die Menge allmählich verlaufen hatte. Es gab aber kein Haus in der Stadt, in dem man während des Mittagessens nicht über das große Ereignis gesprochen hätte. Der heutige Tag war ohnehin ein Festtag. Durch die frohe Botschaft hatte er aber eine hohe Weihe erhalten!
Zwölftes Kapitel
Benedikt Biertimpel
Bald wurde die Einwohnerschaft wieder auf die Gasse gelockt. Der große Festzug der Bürgerschützen zog mit Trompeten- und Paukenschall vor das Jüdentor, allwo der Schießanger lag. Und die Menge hastete dem Zug hinterdrein.
Den kleinen Platz inmitten der Fleischgasse, der Hundewinkel genannt, schlossen lauter niedrige Häuser von gewinnendem Aussehen ein, bestehend aus Unter- und Oberstock. Eines von ihnen machte einen besonders freundlichen Eindruck. Es war frisch weiß gestrichen und mit einem hölzernen Spalier versehen, an dem sich edle Reben hinaufrankten, daß die grünen Weinblätter die ganze Vorderseite des Hauses bis zu dem moosbewachsenen Ziegeldach bedeckten. Das steinerne Türgewände stellte einen verzierten Rundbogen dar, in den hüben und drüben ein Sitzstein eingelassen war. Die Haustür war in der Mitte teilbar, die obere Hälfte stand tagsüber immer offen. Vor dem Haus befand sich ein schmales Gärtchen, das ein niedriger Lattenzaun einfriedigte.
Auf den Sitzsteinen saßen ein Mann und eine Frau. Sie waren beide alt und daher wohl dem Festtrubel abhold. Aber ihre Augen, mit denen sie die Vorübergehenden musterten, glänzten noch frisch.
»Ach, Gevatterin,« sagte der alte Mann, »mein Weib kann noch immer nicht vom Treiben der Jugend lassen. Natürlich mußte sie mit zum Festplatz ziehen.«
Dazu seufzte er so komisch, daß die Zuhörerin leise lächelte. Sie war seit langen Jahren die Nachbarin des Ehepaares und dessen Vertraute.
»Euer Weib ist eben noch lebenslustig, daran müßt Ihr denken, Gevatter. Eine so rüstige Sechzigerin wie sie …«
»Ja, ja, – wenn sie erst an die Siebzig kommt, wird sie's wohl auch lassen,« unterbrach sie der Alte kopfnickend.
Benedikt Biertimpel war seines Zeichens Löffelmacher, betrieb aber sein Handwerk schon seit Jahren nicht mehr. In der Jugend war er lange auf der Wanderschaft gewesen und hatte viel gesehen, so Prag und Wien. Auch nach Ungarn hinein war er ein Stück gekommen. Da war er wieder auf Schusters Rappen gestiegen, und der Wind hatte ihn quer über das liebe deutsche Vaterland hinweg bis nach Flandern getrieben. Von dort war er eines Tages heimgekehrt, aber nicht allein, wie er ausgezogen. An seiner Seite hatte sich ein blutjunges Frauenzimmer befunden, ein immer lustiges Ding, das sein vom Vater ererbtes Häuschen täglich fast auf den Kopf stellte.
Der gute Biertimpel war ein sinnierender Geselle und von langsamem, bequemem Wesen. Da brachte ihn sein junges Weib zuweilen höllisch in Trab. Sie fuhr wie ein Irrwisch umher, und zu keiner Minute war er sicher vor ihr. Als temperamentvolle Rheinländerin mochte sie es nicht leiden, wenn ein Mensch gemächlich war. So führte sie ein straffes Pantoffelregiment über ihren Biertimpel, worein er sich nach kurzem Widerstand ergeben hatte, und das er still seufzend erduldete.
»Ach, Gevatterin,« hob der allwege philosophierende Biertimpel redselig an, »nein, Gevatterin, Ihr könnt daher reden, was Ihr mögt, aber wir leben in einer verderbten Zeit! Denkt einmal nach, als wir jung waren, wie friedlich da alles zuging.«
»Aber Gevatter, Ihr dürft nicht denken …«
»Die Menschen sind es,« schnitt Biertimpel der Matrone gewandt das Wort ab, »die Menschen selbst, sage ich, verschlechtern die Zeiten. Wo sind die guten Tage der Einfachheit geblieben! Heute? Glanz, Pracht und Hoffärtigkeit!«
Die Zuhörerin fügte sich lachend in das aufgezwungene Stillschweigen. Wenn Meister Biertimpel also sprach – und dies pflegte er nie in Gegenwart seiner Frau zu tun –, dann war gegen ihn nicht aufzukommen. Also schwieg sie. So konnte Biertimpel sein Lieblingsthema gemächlich ausspinnen.
»In den Weibsbildern sitzt der Teufel! Das habe ich immer behauptet, und noch keiner hat mir's widerlegt. O, diese Töchter und Mütter, die nicht wissen, wie sie prangen sollen! Sie treten einher und schwänzeln und haben köstliche Schuhe an den Füßen und tragen güldene Hauben, und auf den Kleidern Perlborten und hohe Krausen und sonstiges Gefetz. Auch in durchsichtigen Gewändern laufen sie und strecken die bleckenden Hälslein aus wie Hirsche. Dazu werfen sie die Äuglein um sich und wissen ihre Gebärden danach zu richten, daß alles lieblich und lustig anzusehen ist.
Die jungen Weibsbilder wollen alle gern schön sein, klar Gesichte und weiße Händlein behalten. Und da manche diese von Natur nicht hat, untersteht sie sich, solches durch Kunst und andere Mittel zuwege zu bringen. Und es will traun allenthalben gemein werden, daß die jungen Frauen beginnen ins Töpflein zu blasen und das Angesicht zu färben nach ihrem Gefallen, damit sie desto schöner mögen anzusehen sein. Wo bleibt da Zucht und Sitte?«
Hier sah der wackere Biertimpel die Matrone entsetzt an. Aber an einer Antwort war ihm nichts gelegen, deshalb fuhr er rasch fort:
»Vorzeiten ließen sich's die Menschen genügen an dem Zeuge, das sie selbst gemacht. Sie kleideten sich in wollene Tuche und in Barchent und wußten nichts von Sammet und Seiden. Purpur und köstliche Leinwand waren der Könige und großer Potentaten Tracht!
Itzund lassen sich's Adlige und Bürgertöchter daran nicht genügen. Sie wollen es hohen Personen nachtun und das Beste von Damast und Atlas haben und weiche Kleider an ihrem Halse und auf ihrem Leibe tragen. Ist fast keine Dienstmagd zu finden, sonderlich in fürnehmen Städten, sie will seidene Ärmel, einen Rock von bruggischem Atlas oder von Zindeldort mit zwei, drei Schweifen und sammetnen Borten tragen. Und in den Röcken muß ein Stahlreifen sein, damit sie wie eine Glocke aussehen und weit um sich sperren. Darin walzen sie daher wie Bierfasse und können nicht aus den Gestühlen der Kirche kommen. Wenn sie aber eine Hausmutter werden soll, kann sie nicht wohl ein Windeltüchlein bezahlen oder zuwege bringen.«
Benedikt Biertimpel hatte sich in Eifer geredet. Jetzt nahm er sein Käppchen ab und wischte die Schweißperlen von der Stirn. Diese Gelegenheit benutzte die Nachbarin klug und versetzte:
»Gevatter, erzürnt Euch nicht! Auch in unserer Jugend …«
»War alles viel besser!« eiferte der Entrüstete von neuem. »Was bei den Alten vor dreißig und vierzig Jahren ehrbar gewesen, taugt jetzt nicht mehr. Ist alles nur aufs Prangen gerichtet. Man will immer was Neues, was Seltsames haben. Was fremd – ausländisch, hat man am liebsten! Alle Völker haben ihre sonderliche Tracht und Manier, allein wir Deutschen wollen bei nichts Gewissem bleiben. Was man einmal gesehen, will man nachtun! Muß alles verschnürt, verbrämt, gekräuselt und wunderlich und seltsam gestickt sein. Möchte doch bald eine jede Frau von Adel oder bei fürnehmen Bürgern eine eigene Nähterin und Bortenwirkerin haben, die übers Jahr ausnähet. Da muß man mehr auf Kleidung und Schmuck wenden, als sonsten in der Haushaltung. Ei, behüte Gott!«
Der Sprecher wischte flugs wieder einmal über die Stirn.
»Es sind ihrer viele, die schändliche und greuliche Hoffart treiben mit den Haaren ihres Hauptes. Die natürlichen Haare taugen nichts mehr, sie müssen blond gebleichet sein und über einen Draht gezogen. Das soll sonderlich hübsch sein! Und manche trägt auf ihrem Haupte Haare, die aus dem Beinhaus von einem toten Kopfe sind.
Um den Hals muß man ein großes, dickes Gekröse haben aus teurer Leinwand. Das muß gestärkt und mit heißem Eisen ausgezogen werden. Da steht das Haupt in der Mitte, wie Sankt Johannes' Haupt in der Schüssel. Ja, die Kleider müssen auch nicht mehr vorn, sondern hinten im Nacken zugemacht sein, als stünde das Gesichte auf dem Rücken. Und gar die Ärmel! Die müssen unter dem Arm durchsichtig sein, daß man die weiße Haut sehen und erkennen mag. Geht doch manche Dienstmagd dermaßen daher, daß sie es wohl einer reichen Bürgerstochter zuvortut. Danach, wenn sie zur Ehe greifen soll, da ist weder Bett, Decke, noch Strecke. Die jungen Frauen lernen sich fein in die Hoffart schicken. Weiß manche nicht, wie sie treten soll. Weiß die Füße so zierlich zu setzen, daß sie nicht ein rohes Ei entzwei trete. Das ist jetzund der Welt Lauf!«
Die gutmütige Greisin war bei dieser langen Rede wirklich ein wenig ungeduldig geworden und begann jetzt, ihr vielgeschmähtes Geschlecht zu verteidigen. Da sah Meister Biertimpel auf und maß die Sprecherin mit erstaunten Blicken. Nicht lange vermochte er an sich zu halten. Dann fuhr er ihr hitzig ins Wort:
»Gevatterin, was Ihr daherredet! Die Zeit ist verderbt, sage ich. Hat nicht unlängst selbst der Burgemeister laut gescholten, daß die Frauen ungesellig seien und steif wie Ölgötzen bei der Tafel säßen und Prunk über alles liebten und adelsüchtig wären? Das war der Waltklinger, Gevatterin, der das sprach, kein Geringerer! Und ist es nicht wahr, daß die jungen Weibsbilder mit den Äuglein nach den jungen Gesellen werfen? Und wie sie sich verantworten können! Sollte sie einer zur Rede setzen, dem würde es wohl gehen, wie jenem alten Vater. Der sagt zu einer jungen Frau, so ihm auf der Gasse begegnete: ›Junge Frauen sollen nicht nach Mannspersonen sehen, sondern ihre Augen zur Erden niederschlagen.‹
›Nein‹, antwortete sie darauf, ›nicht also! Ihr selbst sollt die Erde ansehen, denn der Mann ist aus der Erden. Das Weib aber ist aus einer Mannesrippen erbaut. Drum sehe ich mich nach dem um, von dem ich genommen und gemacht bin.‹«
Meister Biertimpel betrachtete die Gevatterin triumphierend. Diese zuckte die Achseln und schwieg. Sie bekannte sich geschlagen. Da zeterte er weiter:
»Jeder will freien, wann und wo er will. Junge Rotzlöffel, die kaum achtzehn Jahre alt sind, wollen Weiber haben, die man noch billig in der Schulen schicken möchte.
Will jetzund schweigen des losen Gesindels, fürnehmlich unter den Frauen, das die Ehe hält, wie der Hund die Fasten …«
Hier brach der Zürnende plötzlich ab und wurde sichtlich unruhig. Die Gevatterin sah verwundert auf – da kam des guten Biertimpels wackeres Eheweib über den Platz geschritten. Sie kehrte erhitzt vom Schießanger heim. Jetzt lächelte die Gevatterin, sie verstand den raschen Schluß der eifernden Rede.
Nun nahm die Angekommene ihres Ehegatten Sitz ein, und ihre Lippen flossen über von der Lust und Freude, die sie heute wieder erlebt hatte. Meister Biertimpel schwieg dazu und machte sich in dem kleinen Vorgarten zu schaffen.
So bestand zwischen den beiden Ehegatten eine Harmonie, bei der sie alt geworden waren. Ab und zu freilich protestierte Biertimpel einmal gegen die leise Flöte, nach der er gezwungenermaßen tanzte. Bei solchen Gelegenheiten hörte die Nachbarin immer einen kurzen Streit, dessen Ende ein wiederholtes, kräftiges Klatschen bildete. Darauf wurde die brummende Stimme des Hausherrn still.
Jedenfalls wußten die Umwohnenden, daß in dem weißgetünchten und mit grünen Reben umrankten, freundlichen Häuschen die ehelichen Verhältnisse aufs beste geregelt waren.
Dreizehntes Kapitel
Drei Fragen
Auf dem Festplatz ging es hoch her. Das Gewühl war stark und die Luft an einigen Stellen schier unerträglich, denn es wurde viel Staub aufgewirbelt, und der Tag war heiß.
Da die Bürger die Verteidigung der Stadt in Kriegszeiten übernehmen mußten, hatte der Rat ein großes Interesse an der Erhaltung ihrer Schießfertigkeit. Deshalb begünstigte er die bürgerlichen Waffenübungen mit Freibier und Prämien. Bei den alljährlichen Schützenfesten – so pflegte er es seit langem – bestand sein Preis in einem Stück Tuch von zwanzig Ellen zu Hosen oder in dreißig Stück zinnernen Tellern.
Zu diesem Freischießen kamen die Schützen von weit her. Es galt als Ehrensache, den einmal gewonnenen Ruf der Treffsicherheit zu verteidigen. Die Schützenfeste mancher Städte standen hoch im Ansehen, so die von Leipzig, Chemnitz, Dresden und Meißen.
Das Schützenzelt stand am Jüdentor. Die Schießbahn lief elbwärts längs der Stadtmauer bis zu einem dicken Turm, der Fronfeste.
Geschossen wurde auf zweierlei Art: mit der Armbrust nach einem aufgerichteten Vogel und mit der Büchse oder dem Haken nach einer Scheibe von dritthalb Schuh um den Nagel. Die Schützen saßen beim Schießen und mußten ohne Anlehnen mit freischwebenden Armen zielen. Wer einen Fehler schoß, wurde geneckt. Er bekam unter großem Hallo auf einem hölzernen Teller inmitten eines Nesselkranzes einen Quarkkäse und ein Glas Bier. Dazu wurde ein Tusch geblasen.
Das Hauptvergnügen für jung und alt bildeten die Lustbarkeiten. Auch bei dem diesmaligen Schützenfest gab es deren im Überfluß. Unmittelbar vor dem Fleischtor stand ein weithin sichtbares Gerüst, des Pritschmeisters Predigtstuhl. Das Amt des Pritschmeisters war ein uralter Brauch bei Volksfesten. Wer es ausübte, zog von Stadt zu Stadt, und es gab etliche, die eine Berühmtheit erlangten. Der Pritschmeister war als Hanswurst gekleidet und mußte Späße machen und komische Reden halten. Dann wieder befand er sich unter der Menge, wo er mit seiner langen Pritsche die erkorenen Opfer bearbeitete. Das mußte sich jeder gefallen lassen.
Seine Gehilfen waren Knaben in Narrentracht. Sie überfielen den Erstbesten und schleppten ihn zum Predigtstuhl. Hier eröffnete der Pritschmeister ein hochnotpeinliches Gericht, von dessen verhängten Strafen sich der Verurteilte nach Rang und Ansehen mit einem Biergeld loskaufen konnte. Dieses unaufhörliche Spiel bildete die Hauptbelustigung für jedermann.
An einer andern Stelle wurden die Kräfte im Steinstoßen versucht. Ein fünfundvierzig Pfund schwerer Stein mußte nach Stoßensrecht fortgeschleudert werden.
Dort wieder stand ein wilder Mann, dem man neun Kugeln um einen Kreuzer in den Mund warf. Unweit von ihm war ein Degenschlucker. Daneben kauerte in einem Topf ein Hahn, der bei verbundenen Augen mit Dreschflegeln getroffen werden mußte. Dudelsackpfeifer spielten dazu auf. Auch ein glatter Kletterbaum war da und mehrere Kegelbahnen. Wer sein Glück versuchen wollte, griff in den Glückstopf, gefüllt mit Anweisungen auf Gewinne und mit noch mehr Nieten.
Hier galoppierten Bauernburschen an einer Puppe vorbei und warfen Bälle danach. Am Abhang zur Triebisch stand eine junge, ungezähmte Kuh, die den Hügel hinabgepeitscht wurde und mit fettigen Handschuhen zurückgehalten werden mußte.
Auch ein alter Landsknecht wartete mit seinen Darbietungen auf. Er mochte sich viele Jahre seines Lebens und für manchen deutschen Potentaten herumgeschlagen haben. Zuletzt war er Fähnrich gewesen und verstand sich meisterlich aufs Fahnenspiel. Mit dem weiß-grünen Tuch am langen Stock führte er Ober- und Unterhiebe, Paraden und Stockaden und zeigte das Rosenbrechen. Dann drehte er die Fahne im Zirkelschwung um das Haupt und warf sie in die Höhe, um bis zum Auffangen ein Pistol abzuschießen. Endlich schlang er das Fahnentuch malerisch um sich und machte seine Reverenz, indem er beide Knie beugte. Dazu spielte sein zahnloses Weib auf einer Mundharmonika den Burgundermarsch.
Zwischen zwei Bäumen hatte ein verwegener Seilfahrer sein Seil aufgespannt, auf dem er vom Jüdentor bis zum Fleischtor lief.
Ferner wurde ein kluger Hund gezeigt, der einen Luftsprung machte, wenn einer sein Liebchen nannte, der aber heulte, wenn man den türkischen Kaiser nannte. Zuletzt hing ihm sein Herr ein Hütlein an die Pfote und schickte ihn auf den Hinterbeinen zu den Zuschauern um einen Zehrpfennig, dieweilen er noch eine große Reise vorhabe.
Hier gab es einen Vater mit sechs Kindern, die alle musizierten, dort ein Weib, das mit Händen und Füßen essen und nähen konnte, und wieder anderswo ein einjähriges Kind, ganz voll Haare und mit einem Barte.
Schließlich waren noch zwei Affen zu sehen, ein Meerschwein und eine Löffelgans. Auch Bänkelsänger und verblüffende Taschenspieler warteten mit ihren Künsten auf.
So fehlte es nicht an allerhand Ergötzlichem. Und doch war mit diesem allen der Reichtum an Sehenswertem noch keineswegs erschöpft.
Da handelte einer mit Wurmsamen, der andere mit Bilsensamen gegen das Zahnweh. Hier stand einer, der fraß Werg, stopfte es bis in den Hals hinein und spie Feuer heraus. Einer verkaufte Läusesalbe, das Gedächtnis damit zu stärken, einer wusch die Hände und das Gesicht mit geschmolzenem Blei, ein anderer zog Schnüre aus dem Mund. Wieder einer hielt ein Büchslein hin. Ein einfältiger Tropf blies neugierig hinein, worauf ihm eine Rußwolke das ganze Gesicht bestäubte. Wer von den Umstehenden darob lachte, zahlte einen Kreuzer.
Das waren die Griffe der Landfahrer und Gaukler, womit sie sich durch die Welt brachten.
Recht Erkleckliches wurde im Essen und Trinken geleistet. Dazu saßen die Gäste auf Bänken um lange Tische herum, deren Pfähle in den Boden gerammt waren. Da gab es Bratferkel, Reis in griechischer Weise, Hähne, französisches Blancmanger und orientalisches Konfekt. Auch Sauerkraut mit Riesenbratwürsten und gekochte Elbfische in saurer Milch. Alles mußte kräftig gewürzt sein.
Dazu wurde einheimisches Bier und Meißner Landwein geschenkt.
Alten Landsknechten mit ausgepichten Kehlen, die gewohnt waren, jeden Batzen durch die Gurgel zu jagen, war der dargebotene Stoff zu wenig herzhaft. Sie hätten am liebsten gehackte Glassplitter drein getan. Daher bestellten sie sich ein Gemisch von verdorbenem Wein, scharfem Pfeffer und Honig. Das hieß der Lautertrank. Dieser war so sauer, daß er die eisernen Schnauzen der Gefäße abfraß.
Die Frauen knabberten unablässig Süßigkeiten. Marzipan galt nicht mehr für fein. Dafür war Zitronat aufgekommen.
Die Ratsherren saßen an einer Ehrentafel im Schützenzelt. Auf der Wiese drängte sich die Menge, lachend, schreiend, schwitzend.
Alle Stände waren vertreten. Natürlich kam auch der alte Unfriede zwischen Adel und Bürgertum wieder zum Vorschein. Als Vertreter dieser beiden Klassen fühlten sich Handwerksgesellen mit losem Mundwerk und Landsknechte berufen. Das waren sonnverbrannte, starkknochige Männer mit kühnem Antlitz und scharfer Wehr. Zwar waren sie gerade keine Tugendspiegel, aber treu und verläßlich. Jeder einzelne hätte sich bei rittermäßiger Veranlassung für seinen Herrn ohne Bedenken totschlagen lassen.
Da flogen die Sticheleien herüber und hinüber; Handwerksgesellen und Bauern bildeten eine Partei.
»Eisenbeißer,« höhnten sie die Landsknechte, »Hahnenreißer, Bärenstecher, stolze Federhansen!«
Und »Heringsnasen«, gaben die zurück, »Krippenreiter, Wurstreiter, Pfeffersäcke, Misthammel!«
»Haha, haha,« lachte ein junger Gesell. »Als unlängst der Teufel ein paar Krippenreiter fortschaffen wollte, riß ihm in der Luft der Sack. Da hat er den ganzen Plunder an der nächsten Ecke ausgeschüttet.«
Hier verlor einer der Gefoppten die Geduld und stürzte dem Lachenden seinen frisch gefüllten Becher Lautertrank ins Gesicht. Aber der Begossene lachte nur noch ärger. Da guckte der alte Landsknecht betrübt in den leeren Becher, doch war es nun einmal geschehen.
Dicht daneben spielte der Stadtpfeifer mit seinen Gesellen auf. Der grüne Wiesenplan war der Tanzplatz. Mit sicherem Griff packte der Bursche sein Mädchen um die Hüfte und riß die vor Lust Kreischende im Wirbel herum. Wange war an Wange gepreßt, und die Schweißperlen auf ihren Stirnen flossen ineinander. So drehte man sich, so lange der Atem reichte.
Heiahei und hei! Wie flog da Mantel, Rock und Gugelhut!
Unter den Festteilnehmern befand sich auch Sonnhild. Zwar wäre sie am liebsten zu Hause geblieben, sich ihren Träumereien überlassend. Aber die alte Hanne hatte zum Gehen gemahnt, da das Mädchen andernfalls den Vater betrüben würde.
Einsilbig stand sie unter ihren Freundinnen und betrachtete mit gezwungenem Lächeln die Lustbarkeiten. Das golden leuchtende Haar war mit einem Schappel von kostbaren Bändern geschmückt, und das enganschließende, weiße Kleid mit roter Schärpe und ebensolchen Schleifen hob den jugendfrischen Eindruck ihrer zarten Gestalt. Aber die rosigen Wangen waren bleich geworden, und die großen, traurigen Augen gaben dem lieblichen Gesicht einen rührenden Ausdruck.
Ein Spielmann fesselte für kurze Zeit ihre Aufmerksamkeit. Er trug die Fiedel samt Bogen an einem Bande auf dem Rücken und übte die Kunst des Wahrsagens aus den Linien der Hand.
Seine Prophezeiungen wurden viel begehrt, besonders von den jungen Mädchen. Mit heißen Wangen stellten sie die um einen Kreuzer erlaubten drei Fragen, die fast immer den noch unbekannten Zukünftigen betrafen. Wie alt er sei, wollten sie wissen, ob schön, blond oder braun, wie gewachsen, welchen Zeichens sein Handwerk wäre, ob er ein guter Junge sei, oder ob er gar tränke und später sein Weib prügele. Alles dies interessierte.
Der Prophet war mundgewandt und verstand es, nicht zu viel des Guten, aber auch nicht zu wenig zu sagen, fast immer aber die Wißbegierde der jungen Dinger zu befriedigen.
Sonnhild war aufmerksam geworden und hörte eine Weile den Fragen und Antworten zu. Sie verspürte den brennenden Wunsch, sich ebenfalls die Zukunft entschleiern zu lassen. Schon hielt sie ihre Hand hin, als die Scham das Begehren überwand und sie sich abkehrte.
Teilnahmlos ging sie durch die Menge, vor dieser und jener Darbietung kurze Zeit stehen bleibend. So hatte sie allmählich das Ende des Festplatzes erreicht, wo sich nur wenig Menschen befanden.
Hier blieb sie stehen und sah gedankenschwer einem Trupp weißer Federwolken nach, die in dem blauen Luftmeer pfeilschnell hoch über ihrem Haupte dahinzogen, nach Westen zu. Wenn sie mit ihnen ziehen könnte! Nur einen Gruß möchte sie diesen flüchtigen Reisenden mitgeben können, die des Raumes sieghaft spotteten.
Da vernahm sie, wie von hinterher jemand zu ihr sprach. Und als sie sich umwandte, stand der Bursche vor ihr, der den Mädchen wahrgesagt hatte.
»Mit Gunst, Herrin,« versetzte dieser, »möchtet nicht auch Ihr einem armen Spielmann einen Zehrpfennig verdienen lassen?«
»Ich habe keine Fragen an Euch,« antwortete Sonnhild abweisend.
»Nun, so erlaubt, daß ich drei Fragen an Euch richte,« versetzte er keck.
Sonnhild horchte auf. Der Ton seiner Worte machte sie stutzig. Verbarg sich hinter ihnen etwas?
Sie betrachtete den Spielmann genauer. Er war ein hübscher, junger Bursche mit freiem Blick und glänzendweißen Zähnen.
»Fragt immerhin,« erklärte sie, auf den Scherz eingehend; »ob ich Euch aber antworten werde …«
»Hoffentlich vermögt Ihr's,« fiel er ihr in die Rede. »Die erste Frage also. Sie soll entscheiden, ob ich die zweite und dritte tue. Herrin, wo träumt sich's besser, unter dreizehn Linden oder unter sieben Eichen?«
Sonnhild war betroffen. Sie heftete den Blick durchdringend auf den Spielmann, um in seinem Gesicht zu lesen. Der aber stand gleichgültig vor ihr, und seine Züge offenbarten keinen seiner Gedanken.
»Unter sieben Eichen,« antwortete Sonnhild zögernd.
»Die zweite Frage: so der Ausgezogene seiner Herzallerliebsten ein Gegenangebinde sendet, von derselben Art, wie er beim Abschied empfangen, was müßte dieses dann sein?«
Sonnhild wurde dunkelrot. War es Zufall, was der Fremde sprach? Durfte sie sich ihm anvertrauen? Sollte wirklich …? Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen.
»Ein Ringlein,« sagte das Mädchen endlich mit gepreßter Stimme.
»Die dritte Frage! Und wie nennt Ihr jenen, von dem Ihr solches empfangen möchtet?«
Sonnhild kämpfte mit einer großen Verwirrung. Sie schlug die Augen nieder, und es währte eine Weile, bevor sie sich gesammelt hatte. Nach einem tiefen Atemzug sah sie wieder auf; alles Blut war aus ihren Wangen gewichen.
»Bernhard,« sagte sie kaum hörbar.
In des jungen Spielmanns Augen trat ein Leuchten.
»Dann seid Ihr die ehr- und tugendsame Jungfrau Sonnhild Waltklinger!« rief der Landfremde freudig, »und ich habe recht geraten. Zweierlei präge dir wohl ein, sagte der edle Junker zu mir: die Reinheit und Bläue der Luft – das sind ihre Augen, sowie das goldene Glänzen der Sonne – das ist ihr Haar. Und das Ganze ist mein Himmel, setzte er für sich hinzu.«
Zugleich tastete der Bursche nach der dunkelroten Wollschärpe, die er um den Leib gewunden trug, und deren goldgefranste Enden von der linken Hüfte herabhingen. Aus ihren Falten zog er einen niedlichen Gegenstand, sorgsam in weiches Papier eingeschlagen. Und als er die Hülle entfernt, hielt er einen Ring zwischen zwei Fingern, den er Sonnhild verstohlen reichte.
»Empfangt ihn, o Herrin; nun bin ich meines Auftrags ledig.«
Bebend griff das Mädchen nach dem teuern Liebeszeichen und barg es rasch in dem Täschchen, das ihr an der Seite herabhing.
»Ja Nürnberg war es,« erklärte der Spielmann, »wo Junker von Miltitz mich mit dieser Sendung betraute. Dort sollte sein Begleiter ein kostbares Geschenk für den Kaiser einhandeln. Ihr wißt, o Herrin, daß in dieser Stadt die weltberühmten Meister der deutschen Goldschmiedekunst ihr edles Handwerk betreiben. Bei einem derselben erstand er das Ringlein. Er war auf der Reise nach Worms; ich trug meine Fiedel gegen Wien. Da ward mir der Auftrag. Sein Vertrauen ehrte mich, und so wandte ich die Spitzen meiner Schuhe nach Sachsen.«
»Viel herzlichen Dank, wackerer Fremdling,« stammelte Sonnhild, »und als äußeres Zeichen meiner Erkenntlichkeit für Euern guten Dienst nehmt das.«
Während dieser Worte hatte das Mädchen von einem feingliedrigen, goldenen Kettlein einen Florentiner Dukaten genestelt, den sie auf der Brust trug.
»Nein, edle Jungfrau,« sagte er, mit der Hand wehrend und leise den Kopf schüttelnd, »nicht also. Schon dem Junker habe ich die Annahme einer Entlohnung verweigert. Denn er steht nicht in meiner Schuld, wohl ich aber tief in der seinigen. Hört meinen raschen Bericht, wie das gekommen.«
Und mit fliegenden Worten erzählte der Jüngling:
»Also zu Nürnberg war's, auf dem Marktplatz, just vor dem Schönen Brunnen, wo ich gerade im Begriff bin, mit dem ersten Bogenstrich, den ich in der Stadt tue, Zuhörer anzulocken. Ich war todmüde von der Wanderung. Magen und Beutel waren leer. Da entsteht ein wüster Tumult. Gedränge um mich herum und laute Rufe nach dem Dieb, der einer vornehmen Frau, wie mich die ausgestoßenen Worte belehren, ein zierliches Agnus Dei von Gold und blitzenden Steinen im Gewühl von der Brust gerissen. Das Getümmel wächst lawinengleich. Da schreit eine Stimme: Der Spielmann! Hundert Augen haschen nach mir, und im nächsten Augenblick dringt die erregte Menge auf mich Ahnungslosen ein. Rohe Fäuste fallen nieder und zerren mich nach allen Seiten. Der Landfahrer war's, kein anderer! Schlagt ihn tot, zerreißt ihn, den Hund! Ich fühle Grabesodem auf meinem Gesicht, und: Maria, du Gebenedeite! durchblitzt es mein Hirn. Da haften meine Augen verzweiflungsvoll auf zwei anderen, hoch über der Menge, die träumerisch blicken. Ich sehe, wie diese Augen erwachen und meine Todesnöte erkennen. Viel schneller, als ich's erzähle, drängt ein Reiter sein steigend Roß in das Getümmel, – ein schöner Jüngling, mit feinem und bleichem Antlitz.
›Vernunft, Leute!‹ ruft er, den Lärm übertönend. ›Die Bürger Nürnbergs, meine ich, werden keinen ohne Urteil richten!‹ Aber die Wut der Menge läßt den Einspruch abprallen. Schon dringt ein riesenhafter, wild aussehender Gesell auf mich ein und greift mit beiden Fäusten nach meinem Halse – da saust ein blankes Schwert flach auf seinen breiten Rücken nieder. Der Getroffene brüllt wie ein Hengst und wendet sich gegen seinen Angreifer. Der aber hat den Degen schon wieder emporgerissen und mit flammendem Antlitz und zornfunkelnden Augen beugt er sich weit über den Hals des Pferdes.
Elender! ruft er, wagt es, diesem ein Leid zu tun!
Der Geschlagene fühlte seine Wut verrauchen; der herrische Zorn seines Angreifers entwaffnete ihn. Auch die Menge war im Nu ernüchtert, ebenso rasch, wie sie mich andernfalls zerrissen hätte. Und als nun noch der Begleiter des Jünglings, ein älterer Edelmann, wie ich sogleich erkannte, beruhigend einsprach, ließen sie von mir ab. Eine Sekunde später war es um mich herum leer: die Wütenden waren zur Kirche unserer lieben Frauen hinüber geeilt, wo man den Dieb im Besitze des Kleinods erwischt hatte.
Daß ich's vollende,« schloß der Erzähler. »Der mutige Jüngling wehrte meinen Dank, warf mir einen Goldgulden zu und sprengte seinem voraufreitenden, arg bestaubten Begleiter nach. Aber ich lief bis zur Nacht die Gassen ab, bis meine wegwunden Sohlen in den Schuhen in Blut standen. Gerade vor der Herberge der beiden Herren sank ich nieder.
Am nächsten Tag trat ich vor meinen Retter und flehte um einen Dienst. Da ward er mir; ich kam ihm gelegen. Und so bin ich hier.«
In Sonnhilds Brust war beim Zuhören mehr als einmal heller Jubel erklungen. Ihr Busen wogte stürmisch auf und nieder. Das war der edle Charakter und die Unerschrockenheit Bernhards! Sich zur Ruhe zwingend, sprach sie:
»Möchtet Ihr, Fremdling, diese Gabe nicht doch als Andenken an mich mit Euch nehmen?«
Die Augen des Jünglings ruhten versunken auf dem schönen Mädchen.
»Das Gold, das Ihr mir bietet,« sagte er traurig, »würde bei mir keine bleibende Statt haben. Der Hunger ist der grimmigste Feind der Fahrenden. Ich weiß, daß ich mich von Euerm Dukaten einstmals doch trennen müßte, und das täte mir im Herzen weh! So Ihr meinen schlechten Dienst aber reich lohnen möchtet, schenkt mir das blutrote Schleiflein von Euerm Kleid, das Euch just am Herzen sitzet.«
Errötend lächelte Sonnhild und willfahrte der Bitte. Der Jüngling empfing mit zitternder Hand das Geschenk und führte es andächtig an seine Lippen. Dann sprach er leise:
»Er nannte Euch seinen Himmel! Ich begriff nicht, wie ein Liebender so sprechen könne. Jetzt aber, wo ich Euch gesehen, das jähe Erröten und Erbleichen Eurer Wangen beobachtet und Euern lauten Herzschlag vernommen, als Ihr ihn nanntet, jetzt verstehe ich seine Worte. Ihr zeigtet Euch gütig gegen mich und huldvoll und gewährtet mir dieses Geschenk. Jungfrau – das ist der beglückendste Lohn, der dem Spielmann werden konnte!«
Mit diesen Worten wandte er sich rasch ab und verschwand in der Menge.
Sonnhild sah dem Davonschreitenden mit warmen Blicken nach. Und selbst dann, als sie seine Gestalt in dem Gewühl nicht mehr unterscheiden konnte, stand sie noch eine Weile traumverloren. Endlich erinnerte sie sich des Ringleins und verließ mit schnellen Schritten den Festplatz.
Zu Hause angekommen begab sich Sonnhild heimlich in ihre Kammer und verriegelte die Tür hinter sich. Dann lauschte sie atemlos. Ob die alte Hanne ihr Kommen gehört hatte? Nichts regte sich. Alles blieb still, als wäre das große Haus mit den vielen Stuben und dunkeln Winkeln ausgestorben. Die Hanne saß gewiß strickend auf dem Lustgänglein in ihrem bequemen Stuhl. Und die Mägde weilten noch auf dem Festplatze.
Jetzt trat Sonnhild zum Fenster und zog den Ring hervor, ein eben nicht breiter goldener Reif und ein kleines Kunstwerk. Er stellte eine Schlange dar, die sich in den Schwanz biß – das Symbol der ewigen Liebe. Der immer schwächer verlaufende Leib war mit kunstvoll geschliffenen, überaus zierlichen Edelsteinen besetzt, die den Schuppenpanzer der Schlange darstellen sollten. Der Kopf des Tieres war abgeplattet, und die Augen bildeten zwei köstliche Rubinchen, von denen purpurleuchtende Strahlen ausgingen.
Das Mädchen stand wie geblendet. Dieser wunderschöne Ring! Keiner der ihrigen, soviel sie als vornehme Bürgerstochter deren auch besaß, glich ihm an Schönheit. Und dazu kam er von dem Geliebten! Sein Auge hatte auf ihm geruht und seine Hand ihn berührt. Im Überschwang ihrer Gefühle preßte Sonnhild einen Kuß auf das köstliche Liebeszeichen, und in ihren großen Augen schimmerten Freudentränen.
Dann entnahm sie einem aus Zedernholz gefertigten und mit Perlmuttereinlagen kunstvoll verzierten Schmuckkasten, der bis zum Rande mit Kostbarkeiten angefüllt war, eine dünne, goldene Kette und zog sie durch den Ring. Hierauf betrachtete sie ihn noch lange mit zärtlichen Augen, und es war dem Mädchen, als ob sie Zwiesprache mit dem Ringe halten könne.
Er erzählte ihr, wie oft der ferne Geliebte ihrer gedenke, und daß er zuweilen leise ihren Namen flüsterte. Und Bernhards feines, blasses Antlitz stieg vor Sonnhilds Geist herauf. Sie sah es in edlem Zorn wie mit Blut übergossen, als er hoch zu Roß, alle Gefahr verachtend, in die wütendes Menge hineinsprengte, sein Leben für einen arg Bedrängten aufs Spiel setzend. Denn wie leicht hätte sich die Leidenschaft des Volkshaufens gegen ihn kehren können! Das Mädchen erschauerte.
Die Dämmerung stahl sich herein, und Sonnhild hörte, wie die Besucher des Festplatzes in die Stadt zurückkehrten. Da hing sie das Kettlein um den entblößten Hals und barg den Ring an ihrem Herzen. Denn sie mußte ihn vor dem Auge des argwöhnenden Vaters verborgen halten.
Darauf kühlte sie die brennenden Augen und begab sich in das Familienzimmer.
Nach beendeter Abendmahlzeit stand Georg Waltklinger auf, streichelte Sonnhild liebevoll das Haar und drückte ihr den gewohnten Gutenachtkuß auf die Stirn. Dann ging er nach dem Ratskeller. Denn der heutige Tag war hoch bedeutsam, der denkwürdigste vielleicht, den das lebende Geschlecht feiern durfte. Herzog Heinrich hatte ja dem Lande die Reformation geschenkt!
Draußen war es dunkel und still geworden. Da überkam Sonnhild mit einem Male eine tiefe Sehnsucht, den Platz aufzusuchen, wo sie von dem Geliebten Abschied genommen.
Mit fliegender Hast eilte sie in ihre Kammer, schlang ein Tuch um die Schultern und stahl sich aus dem Hause. Die köstliche Luft des Sommerabends mit tiefen Zügen einatmend, schritt sie quer über den Markt und die Burggasse hinauf.
Der Mond war in einer schmalen Sichel aufgegangen und beleuchtete die Gassen hinreichend. Nur die im Schatten liegenden Häuserreihen waren in tiefes Dunkel getaucht. Aus den Schenken schallte Lärm, und durch die Fenster drang das Licht auf die Gasse. Sonnhild begegnete nur ein paar verspätet Heimkehrenden. Wenn sie an ihnen vorüberging, zog sie das Tuch sorgsam über das Gesicht.
So erreichte sie den Hohlweg. Als sie seine Steigung mit verlangsamten Schritten zurücklegte, hallte ihr Tritt leise von den hohen Mauern zurück. In diese schmale Schlucht fiel kein Lichtstrahl. Kaum konnte das Auge in der pechschwarzen Finsternis das Nächstliegende unterscheiden. Nichts regte sich; Kirchhofsstille. Sonnhild fühlte eine leise Beklemmung. Aber der Gedanke an den Geliebten verlieh ihr Mut.
Da hatte sie den Ausgang des Hohlwegs erreicht, und nun schimmerte in kurzer Entfernung vor ihr das matte Licht der Lampe des Torwarts vom Lommatzscher Tor.
Schon wollte sich Sonnhild linksab wenden, um dem Wege zu folgen, der am Afrakloster vorbei über den Domplatz zum Schlosse führte, als sie plötzlich jäh stehen blieb. Zu ihrer Linken hatte sich von der hohen Mauer ein Schatten gelöst, der durch die tiefe Dunkelheit unhörbar auf sie zukam. Ein furchtbares Angstgefühl überfiel das Mädchen. Sie wollte fliehen, aber ihre Glieder waren wie gelähmt.
Jetzt stand die Gestalt dicht vor ihr. Das Mondlicht fiel ihr voll ins Gesicht. Sonnhild fühlte, wie ihr Herzschlag aussetzte: sie sah in ein erschreckend bleiches Antlitz, aus dem ein Paar tiefliegender Augen sie starr betrachteten. Blitzschnell erinnerte sie sich des Abschiedes von Bernhard, bei dem diese Augen aus dem nahen Gebüsch heraus drohend auf sie gerichtet waren.