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DAS NEUE
ULLSTEIN-BUCH

Die
heimtückischen
Champignons

und

andere Geschichten

von

Gustav Meyrink

*


Verlag Ullstein / Berlin

Inhalt

Die heimtückischen Champignons [7]
Der Opal [25]
Das Wildschwein Veronika [33]
Izzi Pizzi [45]
Bal macabre [55]
Der Buddha ist meine Zuflucht [65]
Das Wachsfigurenkabinett [72]
Bologneser Tränen [89]
Der Albino [98]
Chimäre [120]
Die Geschichte vom Löwen Alois [126]
Der violette Tod [136]
Die Königin unter den Bregen [147]
Bocksäure [153]
Der Schrecken [162]
Der Fluch der Kröte [168]
Eine Suggestion [173]
Der Mann auf der Flasche [184]
Das Präparat [198]
Das ganze Sein ist flammend Leid [207]
Tut sich — macht sich — Prinzeß [215]
Das Fieber [222]
Die Pflanzen des Dr. Cinderella [231]
Tschitrakarna, das vornehme Kamel [245]

Die heimtückischen Champignons

„Das Geld liegt auf der Straße, man braucht sich nur danach bücken, um es aufzuheben“, ist ein alter Satz, den ich des öfteren von smarten Geschäftsleuten äußern hörte, ohne daß es mir jedoch bis heute gelungen wäre, seine Stichhaltigkeit einwandfrei zu erproben. Um so mehr bin ich deshalb geneigt, die pessimistische Weltanschauung jener zu teilen, die auf den — allerdings apokryphen — Nachsatz schwören: „Wer sich bückt, um es aufzuheben, dem fällt die Brieftasche aus der Jacke.“

Als fanatischen Verfechter dieses hämischen Glaubensbekenntnisses lernte ich vor Jahren in Prag einen Agenten namens Dowidl Taubeles kennen; wenn ich nicht irre, war er nebenbei mosaischer Konfession, wenigstens konnte er mir — insbesondere solange ich mit ihm noch keine Geschäfte gemacht hatte — nicht oft genug im Sprudelton felsenfester Überzeugung versichern:

„Ihnen gesagt, junger Mann, die Brieftasch’ fällt einem ’raus!“

Wahrscheinlich, um Widersprüche meinerseits im Keim zu ersticken, faßte er mich dabei jedesmal beim zweiten Rockknopf und versuchte, ihn abzudrehen, was jedoch mißlang, da ich den Knopf in weiser Voraussicht solcher Fälle vom Schneider mit Blumendraht hatte annähen lassen.

Begab es sich, daß Dowidl Taubeles Kenntnis erhielt, ich stünde im Begriff, mit andern Agenten in Verkehr zu treten, pflegte er mir seine Warnung sogar dreimal hintereinander, ohne Atem zwischen den Worten zu schöpfen, zu erteilen.

Ohne Zweifel kannte er die magische Kraft, die derartigen seelischen Einhämmerungen innewohnt.

Geraume Zeit hindurch war es mir gelungen, den Wackeren nicht mehr zu Gesicht zu bekommen, da ereignete es sich, daß er mich in einer einsamen schmalen Gasse, aus der ein Entrinnen unmöglich war, stellte.

Besorgt griff er nach meinem Knopf: Gott sei Dank, ich hatte zum Glück den Blumendrahtrock an.

Aber das Schicksal wollte es anders; diesmal überlistete mich Taubeles.

Ohne den Knopf Nummer zwei auch nur eines Blickes zu würdigen, faßte er den dritten, hatte ihn im Nu abgedreht, hielt mir ihn triumphierend vors Gesicht und sprudelte:

„Ihnen gesagt, junger Mann, Sie wissen doch ...“

„Ja, ja, ich weiß“, stammelte ich niedergeschlagen.

„Nein, Sie wissen nicht!“ fuhr er auf mich los; „nix wissen Sie! — — Das Geld liegt auf der Straße, mer braucht sich nur dernach zu bücken und — und mer hat ihn schon!“ Ich bezog seine letzten Worte auf das Geld; erst viel, viel später wurde mir klar, er könne vielleicht den Knopf oder gar mich selbst damit gemeint haben.

Ich sah meinen Besieger forschend an: seltsam, wie treuherzig er heute aus runden Kinderaugen in den brühwarmen Sonnendampf hineinblickte! — Was für eine merkwürdige Wandlung war in ihm vorgegangen?

„Ich heiß nämlich von jetz an Kunz Peter Taubinger“, vertraute er mir lächelnd an, als habe er meine Gedanken gelesen.

„Doch nicht etwa meinetwegen?“ fragte ich bestürzt.

„Wie mer’s nimmt“, gab er kopfwiegend zu, und wieder rundeten sich seine Augen. Ich spürte förmlich, wie seine Seele sich — allerdings vergebens — abmühte, ihnen die dazugehörige arisch-himmlische Bläue zu verleihen. — „Wie mer’s nimmt. — Ich hab’ mer nämlich vorgenommen, von heite ab nur mehr mit die bessern Kreise zu verkehren. — Iebrigens: ich mach jetz in Schampiohns.“

„Worein?“ forschte ich.

Ohne weiter ein Wort zu verlieren, schleifte er mich in das nächste Kaffeehaus und machte mir mit einer Eindringlichkeit, die mir außer den übrigen Rockknöpfen zwei Stunden Zeit kostete, den keine Widerrede duldenden Vorschlag, mich mit ihm behufs Gründung einer Champignonzucht zu assoziieren.

Die Vorteile leuchteten mir ohne weiteres ein — wurden doch, wie in einer Broschüre stand, die er mir wies, jährlich in Paris über fünf Millionen an Champignons verdient.

Auch die plötzliche Sinnesänderung Taubingers, was die Deutung des Satzes vom Geldverdienen betraf, schien mir nicht weiter wunderbar; wußte ich doch vom Gymnasium her, daß weiland der griechische Seher Teiresias sich über Nacht aus einem Weibe in einen Mann verwandelt hatte. Warum sollte sich da ein Agent nicht aus einem Pessimisten in einen Optimisten verwandeln?

„Roßmist!“ unterbrach Taubinger meine Reflexionen und deutete ringbefingert durch die Spiegelscheibe auf mehrere runde, spatzenumworbene Gegenstände auf den Pflastersteinen, — „mer braucht sich nur danach zu bücken. — Roßmist ist alles!“

„Reif sein ist alles!“ verbesserte ich unwillkürlich, das bekannte Zitat gebrauchend, denn ich hatte Herrn Taubingers sprunghaften Gedankengängen nicht ganz zu folgen vermocht und erfuhr überdies erst im Laufe der kommenden Geschäftsverbindung, daß der Champignon die tadelnswerte Eigentümlichkeit besitzt, sich auf mangelhafte Beschaffenheit des Pferdedüngers auszureden, wenn er nicht wachsen will.

„Jenne Äppel brauchen nix reif zu sein!“ belehrte mich Taubinger, das Mißverständnis dadurch ins Uferlose erweiternd.

Das Studium des wissenschaftlichen Elaborates, das er mir sodann mit geheimnisvoller Miene aushändigte — plötzlich finster werdend, als er bemerkte, daß ich keinen Knopf mehr zum Abdrehen besaß —, verfolgte mich in selbiger Nacht bis tief in den Schlaf hinein.

Oh, hätte ich damals doch der holden Traumgöttin ein williges Ohr geliehen!

Falstaff behauptet, Träume kämen aus dem Bauche; mag sein, daß dies bei ihm zutraf, — bei mir kamen sie damals aus der verfluchten Broschüre, die die Rentabilität der Champignonzucht in überschwenglichen Tönen pries, — das weiß ich bestimmt. Von Grotten war darin die Rede, in denen zu sprießen — wie einstens des gottseligen Barbarossas Bart — die Champignons versprächen, wenn man nur gewissenhaft darauf achte, daß das Wärmemaß den 34. Grad Réaumurs nicht überschreite und genügend Lüftung vorhanden sei.

Ich wanderte im Traum durch unterirdische dämmerige Gefilde, oft bis zum Knie einsinkend in rätselhaft weiche Massen — vermutlich mein Plumeau —, sah mich selbst, als sei ich der leibhaftige Tod, eine Sense schwingend nach den Scharen bleicher Pilzköpfe, die sich aber leider jedesmal, wenn mein Hieb sie treffen und in Goldstücke verwandeln wollte, mißgünstig duckten und meiner Mordgier entzogen.

Immer weiter und weiter ausholend, schwang ich den mähenden Arm, und wer weiß, vielleicht hätte ich doch noch glücklich die Stunde verschlafen, wo Kunz Peter Taubinger meiner in einer Advokatenkanzlei behufs gemeinsamer Besiegelung des Gesellschaftsvertrages harrte, wäre nicht mein Traum jählings dadurch unterbrochen worden, daß ich mit wild fuchtelnder Faust meine arglos über dem Bette hängende Geliebte mitten auf den Bauch traf, das schirmende Glas in sternförmige Splitterstrahlen verwandelnd.

Eine Stunde später hatte ich mit ähnlichem Schwung den Kontrakt unterschrieben, der mich berechtigte, monatlich die Hälfte des zu erwartenden Riesengewinnes mittels Panzerautos abholen zu lassen, während meine Pflichten — abgesehen von der Einzahlung des Betriebskapitals — auf umfassende Tatenlosigkeit beschränkt waren.

Da Herr Taubinger, mein nunmehriger Kompagnon, jedoch miserabel vom Start ging, d. h. deutlicher gesagt: da er, was den Beginn der geschäftlichen Tätigkeit betraf, in eine seltsame Art Totenstarre verfiel, die er nur jeden Freitag unterbrach, um sich von mir einen Gewinnvorschuß geben zu lassen, so beschloß ich, das Rennen nach dem Mammon selbst zu leiten.

Die Folgen wurden bald sichtbar: „Waas? Ä Grotte suchen Sie?“ war jedesmal die mißtrauische Gegenfrage, wenn ich mich in den Kaffeehausspielklubs an meine Bekannten forschend gewandt hatte.

„Ä Grotte sucht jenner!“ wurde das Gespräch, halblaut geknurrt, von Schachbrett zu Schachbrett weitergegeben, bis es nach geraumer Zeit die intimen Gettoschranken durchbrochen hatte, um in der ganzen Stadt zu kursieren wie ein Sphinxproblem, das trotz seiner Unlösbarkeit die Menschengehirne immer wieder zum Grübeln zwingt.

„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich hinter mir dreinraunen, wenn ich, den Kopf voller Zahlen, schnellen Schrittes Geschäftsleute auf der Straße überholte.

„Ä Grotte sucht jenner!“ las ich von den murmelnden Lippen der violettrasierten Herren, wenn sie abends unter dem Vorwand, dem Kunstgenuß zu frönen, die Theatersperrsitze füllten.

„Ä Grotte sucht jenner!“ fühlte ich, sprachen in stummer Geste die Dutzende heimlich unter Liderzwinkern auf mich gedrehten Daumen neugieriger Fahrgäste, wenn ich, des Angestarrtwerdens überdrüssig, die „Elektrische“ zu verlassen mich anschickte.

„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich sogar einmal mitten im Telephongespräch sich eine krächzende Stimme in meine Rede verirren.

Wie ungemein schwierig es ist, Grotten im Weichbilde einer Großstadt zu entdecken, das weiß nur jemand, der wie ich sich wochenlang darauf versteift hat, welche zu finden.

Aber Fleiß bricht Eisen! In meinem Falle brach er es auf folgende Weise:

Nahe daran, das Vorhandensein von Grotten überhaupt ins Reich der Fabel zu verweisen — siehe: Konversationslexikon, Artikel „Untersberg“ —, hatte ich nach und nach eine mir schon von Kindesbeinen an liebgewordene Beschäftigung wieder aufgenommen, nämlich die Veranstaltung von Rendezvous mit jungen Damen, und zu diesem Zwecke mehrere gleichlautende Briefchen dem Postkasten hinter die gefletschten Zähne geschoben.

Leider fiel mir erst zu spät ein, daß sie auch hinsichtlich des Ortes und der Zeit des Stelldicheins gleichlautend gewesen waren. Die Rasseveredelung in Prag zu fördern, hatte ich von je als hohes Ziel angesehen, aber in diesem Falle schien sie mir kaum durchführbar, denn angesichts des betrüblichen Überflusses an seelischem Ballast, der allen meinen Geliebten leider eigen war, durfte es wohl als ausgeschlossen gelten, sie am gleichen Ort und zu gleicher Stunde sozusagen unter einen Hut zu bringen.

Als ich im Geiste den Inhalt der Liebeskorrespondenz nochmals überflog, kam ich gesträubten Haares — ich war damals noch jung — zu dem Resultat, daß ich nicht weniger als vier Stück auf den Wyschehrad bestellt hatte. Darunter Msi (eine Abkürzung von: „Mein süßes Julchen“, denn ich pflegte meine Geliebten des schnelleren Überblicks wegen stets mit Anagrammen zu bezeichnen), ein junges Mädchen von furienhaftem Temperamente und einer so gellenden Stimme, daß bei ihrem Ertönen sicherlich jeder Durchschnittsjochgeier entmutigt die Segel gestrichen hätte.

Der Wyschehrad ist ein hohes viereckiges Hügelmassiv, das die Stadt nach Süden, unberufen, abschließt; die eine Seite fällt steil in die Moldau ab. Uralte Mauerreste, mehrere Meter über dem Flusse, führen den Namen Libussabad. Hier soll die sagenhafte Königin Libussa einst ein Bad genommen haben. — Ob seitdem eins fehlt, weiß ich nicht.

Die Tatsache an sich wird von Geschichtsforschern bezweifelt, die Bevölkerung jedoch hält stolz daran fest.

Einwandfrei läßt die Wahrheit sich heute nicht mehr feststellen; freilich, trüb ist das Wasser an jener Stelle immer noch.

Den Hügel krönt eine Art Festungswerk, bestehend aus langen, ein Viereck bildenden Wällen.

Beim Erklimmen der steinernen Stufen fiel mir die bange Ahnung schwer aufs Herz, daß eine fünfte, in der Nähe wohnende Geliebte möglicherweise mittels Zeißbinokels Augenzeugin des unabwendbar bevorstehenden Eifersuchtsdramas werden könnte, aber ich raffte meinen Mut zusammen und schwang mich auf die oberste Zinne.

Allerdings der Anblick, der sich mir bot, ließ mich erbleichen: sämtliche vier Stück lustwandelten bereits, scheinbar unbefangen, auf den Wällen, aber doch schon halb und halb einander umkreisend wie ein giftgeschwollenes Planetensystem, — keines vom andern weiter als je fünfzig Meter entfernt.

Unten auf der grünen, von den Schanzen umschlossenen Wiese übte außerdem noch ein Feldwebel vor schwarzgelbem Schilderhaus rastlos Angriffssignale auf einer Trompete.

Ein vierfaches Winken mit Sonnenschirmen verriet mir, daß ich erkannt sei, und bereits im nächsten Augenblick hatte Msi die Situation erfaßt.

In den ersten Sekunden ihrer Unschlüssigkeit, auf welche der Rivalinnen sie sich stürzen solle, plusterte sich ihr rosa Tüllkleid auf wie das Gefieder einer Truthenne, dann legte es sich wieder glatt an, und mit zunehmender Geschwindigkeit sauste Msi auf eine Feindin los.

Die beiden andern lenkten ihre Flugbahn auf mich zu.

Ich flüsterte: jetzt bin ich verloren! Da! — Was tut Gott? — Ein schriller Schrei! — Msi war verschwunden. Spurlos.

Ich ließ mir keine Zeit zum Überlegen, ob es sich hier vielleicht um einen ähnlichen Fall handeln könne wie im Altertum bei Proserpina, die bekanntlich die Erde verschlang, sondern eilte auf die Unglücksstelle zu.

Kein Zweifel: Msi war in ein kreisrundes Loch, in eine Art Luftschacht, hinabgestürzt.

Von Entsetzen gepackt, suchten die drei restlichen Geliebten mit Hechtsprüngen das Weite.

„Wenzel!“ brüllte ich hinunter dem unentwegt schmetternden Feldwebel zu, — „Wenzel!“ (denn anders konnte der Mann doch nicht gut heißen) — „Wenzel! — Ein Unglück! Herbei!“

Mit Hilfe des Trefflichen, der mir am Fuße des Luftschachtes eine Tür aufschloß, gelang es bald, Msi’n nicht nur wohlbehalten zu bergen, denn sie war lediglich auf einen Reisighaufen gefallen, sondern auch ihre Eifersucht durch den Hinweis zu beschwichtigen, die drei andern Mädchen seien zum Teil Luftspiegelungen, zum Teil Bräute des Feldwebels gewesen.

Der bleibende Gewinn, den ich aus jenem Abenteuer zog, war die Entdeckung einer für Champignonzucht geradezu einzigartigen Brutstätte. — Vier Schanzengänge tief unter der Erde! Trocken! Dunkel! Und überdies mit Luftschächten zum Hinabwerfen des Mistes versehen!!

„In dem, was die linksene is, ise sich, här ich, eine Marktweib drin mit Gemüs’“, erklärte mir Wenzel, nachdem ich ihn eine Weile lang mit Zehn-Kreuzer-Stücken behagelt hatte, die drei anderen könne ich mir bestimmt beim k. k. Korpskommando mietweise sichern, wenn ich gegen entsprechenden Preis eine Pacht von dreißig Jahren nachsuchen würde. — Hurra, die Grotte war also gefunden! — — —

Ein Gesuch in diesem Sinne gab ich natürlich noch am selben Abend zur Post.

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„Roßmist sucht jenner!“ fing bereits wieder wenige Tage später ein neues Gerücht, mit meinem Namen in enge Verbindung gebracht, an, das alte, bis dato in Handelskreisen umlaufende zu verdrängen.

Die paar Konservativen, die an dem „Ä Grotte sucht jenner“ festhalten wollten, waren in Bälde von der lawinenhaft anschwellenden Zahl derer, die dem ein energisches: „Roßmist!-Ihnen-gesagt!-Was-heißt-Grotte?!“ entgegensetzten, niedergestimmt.

Das Bild meiner mich stets belauernden bürgerlichen Umgebung fing an allmählich den Charakter zu wechseln.

Der roßkammartige Typus im Gesichtsschnitt wurde von Tag zu Tag ausgeprägter.

Unter den Nebentischen im Caféhaus klirrten „Sporen“ an den Gummizugstiefeletten von Füßen, die ich früher sicherlich als ausschließlichen Börsengalopinbesitz angesprochen hätte — Fiakerhalter mit Pepitahosen baten mich zutraulich auf der Straße um Feuer, Trainleutnants fixierten mich drohend — Reitpeitschen hingen statt Regenschirmen reihenweise in den Garderoben der von mir bevorzugten Restaurants.

Beunruhigend wirkte auf mich jedoch nur das eine, daß, wohin ich auch meine Schritte lenkte, mich wie mein eigener Schatten ein gewisser Löwy verfolgte, ein plattfüßiges, hämisches Individuum mit geschäftseilig zuckenden Hosenbeinrändern, von dem die einen behaupteten, er sei Akquisiteur für eine Privatirrenanstalt, während die andern seiner Glaubensgenossen den Verdacht zu mildern suchten, indem sie versicherten, er sei selber — „meschugge“.

Keineswegs günstig für ihn stimmte mich die Art, wie er mich durch seine brennglasdicke Brille, hinter der seine Augen etwas unheimlich glotzend Haifischartiges bekamen, anzugrinsen liebte. Auch daß er trotz meines unwilligen Stirnrunzelns in immer gleichen Intervallen krampfhaft im Kehlkopfton gurgelte: „Roßmist sucht jenner“, buchte ich zu seinen Lasten.

Es ging mir nachgerade auf die Nerven.

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Um mir möglichst viel Betriebsstoff und so rasch wie möglich zu sichern, hatte ich Taubingern beauftragt, weder Mühe noch Kosten zu scheuen, sämtlichen in der Stadt verfügbaren Pferdedüngers habhaft zu werden.

Ein Börsenleben, wie es Prag noch nie gesehen, war die Folge jener Verfügung.

Eine Unzahl dicker jüdischer Reitlehrer (ich hatte bis dahin gar nicht geahnt, daß mosaischerseits in Prag so viel geritten wurde) hatte das sogenannte Hotel „Gänsebristel“ belagert, betrieb eine Art Kulissenhandel, und bis heraus auf die „Langgasse“ konnte man ihr emsiges:

„Mit Nulle gebb’ch,“

„Mit dreiviertel kaaf’ch“

hören.

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„Nu, was sagen Sie jetzt?“ fragte mich eines Morgens Taubinger, als ich ihn in unserem neugemieteten Bureau aufsuchte, und deutete triumphierend auf die frischlackierte Ladentafel, auf der sein Name, mit dem meinigen zur Firma legiert, prangte, und darunter:

„Erster christlicher Champignon-Export.“

Ich sagte nichts, denn ich war sprachlos.

Noch sprachloser wurde ich, als mir Taubinger eröffnete, wir seien nunmehr glückliche Besitzer sämtlichen Pferdedüngers der Stadt auf Jahre hinaus. Allerdings für einen Preis, der sich ungefähr auf eine Krone pro Karat belief.

Am sprachlosesten wurde ich jedoch, als ein Soldat hereinkam und mir einen Brief gab, dem ich ungefähr folgendes entnahm:

„Hierorts eingelaufenes Gesuch des Privaten G. M. um mietweise Überlassung der Schanzengänge auf dem Wyschehrad behufs Einrichtung von Pilzkultur wird unter Hinweis auf die kriegsoberstliche Entscheidung vom 31. Februar 1712, daß zurzeit Privatpersonen keinerlei Zugang zu den k. k. Festungswällen zu gewähren ist, und insbesondere unter Beachtung, daß deren Anlage strategischer Geheimhaltung untersteht, sowie angesichts der damit verbundenen Mauerschwammgefährdung abschlägig beschieden.

Das k. k. Korpskommando.“

Also wieder keine Grotte!!

Wutschnaubend verfaßte ich auf der Stelle einen Protest an das Kriegsministerium in Wien, die unter fächerförmigem Entfalten sämtlicher zehn Finger vorgebrachten Warnungen Taubingers: „Nor mit de Balmachomes keinen Streit anfangen; sie sind doch unsere Hauptlieferanten!“ mißachtend.

Wochenlanges Telephongeklingel mit darauffolgenden Drohungen, da und dort stünden die Düngerwagen bereit, mir den erworbenen Betriebsstoff in die Wohnung zu bringen, wenn ich nicht sofort anders verfügte, warfen mich schließlich aufs Krankenlager.

Nur Taubinger, der eines Morgens melden kam, es sei ihm nach unsäglicher Mühe gelungen, in der Vorstadt ein leeres Haus zu mieten, in dessen Keller nunmehr heimlich und nächtlicherweile der Mist abgeladen würde, habe ich es zu verdanken, daß das Fieberthermometer endlich sank.

Den Tag meiner Genesung feierte ich jedoch erst, als Bonifazius Felbermeier, ein mir von der Gärtnerinnung als hervorragender Champignonzüchter warm empfohlener Schlot und Fachmann, mit Eilzug aus Wien herbeigeeilt, mein Zimmer betrat und mir alle Qual vom Herzen nahm, indem er beteuerte: „Dös lassen S’ alles mich mochen, gnä Herr! — Werden S’ segen, gnä Herr“ — und wie zum Schwur erhob er seine Palmenblatthände — „wann s’ erst sechs Wochen gärt hat, dö Schwammbrut — ‚Mühzählium‘ heißen mir’s in die entern Gründ’ — nachher, Herrschaft, i’ kenn dös, da wurrln’s a so außer wia dö Soldaten.“

Voll neuer Zuversicht atmete ich auf.

Ja! Das Proletariat! Es ist eben immer unsere — Rettung! Der Mann, der da vor mir stand — verriet nicht schon sein Äußeres, daß es für ihn keine Champignonfragen, sondern nur Champignonlösungen geben mußte? — Die gelben Augen, die niedrige Stirn, das hutkrempenartig geschnittene Haar, überhaupt der ganze Höhlenmenschentypus: kann die Natur noch deutlicher sprechen? Nein, das Gesetz der Mimikry lügt nicht! Der da steht, ist mehr als ein sterblicher Mensch: er ist die Personalunion mit dem Gotte der Champignons! —

Er war sogar viel mehr, sage ich mir heute: er war ein klassenbewußter Proletarier! Was schon daraus hervorging, daß er fast keinen Tag verstreichen ließ, ohne sich nicht einen Lohnvorschuß auszahlen zu lassen oder mir eine Rechnung über allerlei angeschaffte phantastische Gerätschaften zu präsentieren.

Von nun an jeglicher Mistsorge enthoben, zahlte ich willig und gern, und fröhlich ging ich wieder daran, meine Rendezvous zu regeln, um das vernachlässigte, massenhaft angesammelte Material, soweit es meine erschütterte Gesundheit und die Umstände erlaubten, aufzuarbeiten.

Monat um Monat schwand dahin; wie üblich, begann der Herbst das Laub zu bräunen; die Lausbuben in den Parkalleen bewarfen den sinnenden Wanderer bereits hinterrücks mit Wildkastanien, aber immer noch hoffte ich vergebens der erlösenden Kunde, daß es in dem Vorstadtkeller zu „wurrln“ begänne.

Allmählich beschlich mich ein tiefes Unbehagen, das sich schließlich bis zu einem Anfall nicht mehr zu bändigenden Mißtrauens gegenüber Felbermeier steigerte.

Ich warf mich in einen Fiaker und fuhr auf die Suche nach dem mir bis dahin nur aus Taubingers Schilderungen bekannten Champignonhaus.

Schon von weitem glotzten mir die blinden Fensterscheiben des erbarmungswürdigen Gebäudes entgegen.

Übernächtig, ungepflegt, vom gramdurchfurchten Mauermörtel angefangen bis hinauf zur triefenden Dachrinne, erregte es mein heftigstes Mitleid.

Es hatte förmlich Ringe um die Augen.

„Felbermeier!“ schrie ich in den einsamen Flur hinein.

Keine Antwort; nur ein schwindsüchtiges Echo stöhnte: „— — ber — — mei — —“

„Felbermeier!“ brüllte ich aus voller Lunge. — Niemand.

Der Höhlenmensch schien abwesend zu sein.

Ich stieg zur Kellertür hinab, faßte die Klinke; sie war glühend heiß. Ich nahm einen Stein und hämmerte gegen die Pfosten.

Endlich tat sich gespenstisch leise die Pforte auf, und ein Gluthauch, wie Wüstensamum, schlug mir entgegen.

Mitten in der wabernden Luftsäule stand entblößten Oberleibes, die Reste einer roten Krawatte um den nackten Hals geschlungen, der champignonkundige Bonifazius.

„Sie — Sie — Sie entarteter Troglodyt, Sie!“ schrie ich ihn an. „Das ist ja viel zu heiß! Da muß doch jede Schwammbrut verbrennen!“

„Dös is gar nöt heiß“, erwiderte er gelassen; „dös is nur a so a g’spannte Luft! — — Murgen, werden S’ segen, gnä Herr, da wurrln s’ scho!“

Zwar hatte ich noch am selben Tage den pflichtvergessenen Schlot seines Amtes enthoben und ihn nach Begleichung seines vertragsmäßig ausbedungenen Halbjahrsgehaltes im Schwunge aus dem Hause entfernt; aber nachts ließ es mir keine Ruhe: Was, wenn sie morgen doch wurrln sollten?!

Ich fuhr nochmals hin; vielleicht hatte der liebe Gott in letzter Stunde ein Wunder getan!

Nein! Er hatte keins getan.

Sie wurrlten nicht.

Alles, was ich im Keller vorfand, war:

Stück 1 — geplatztes Thermometer;

Stück 1137 — morsche Sargbretter;

Stück ca. 1016 — Kubikmeter einer tiefschwarzen mir fremden Substanz;

Stück 188 — leere Schnapsflaschen;

Stück 1 — Frauenmieder (Herkunft und Zweck für den Keller nicht zu erklären);

Stück 1 — infolge übermäßiger Inanspruchnahme zusammengeschmolzener Koksofen.

Von Champignons war nichts zu sehen.

Nur alle fünf Schritt weit ragten aus dem Humus ein oder zwei stricknadeldünne, mir gänzlich unbekannte pilzartige Gewächse mit durchsichtigen winzigen Hütchen auf den unendlich langen Stengeln.

Sie bildeten später den Gegenstand eifrigsten Studiums seitens der botanischen Stadtkoryphäen. Das Gutachten lautete, es seien zwar Pilze, aber diese Art käme nur in den heißesten Distrikten der Äquatorialgegend vor.

Von ihrem Genusse müsse aufs dringendste abgeraten werden.

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Der Winter nahte, trostlos angefüllt mit Eis, Schnee, nicht endenwollenden Rechnungen, einer Mordsunterbilanz der „Ersten christlichen Champignonexportfirma“ und schließlich einer Gerichtsklage des Vorstadthausbesitzers: ich hätte unverzüglich den Roßmist aus dem Keller zu entfernen, sonst ... Überhaupt sei der ganzen Sauwirtschaft unverzüglich ein Ende zu bereiten ...

Beim Ausräumen des nebenbei bemerkt unheilbar erkrankten Gebäudes stellte sich wunderbarerweise heraus, daß, seit die fachmännische Beaufsichtigung aufgehört hatte, heimlich doch noch sieben Stück Champignons gewachsen waren. Offenbar hatten sie keine Ausrede mehr gewußt, ihr mangelndes Gedeihen zu entschuldigen.

Ich habe sie aus Rache ganz allein aufgegessen.

Das Stück hat, wie ich aus meinen Büchern genau nachweisen kann, fl. öw. 6347 und 41 Kreuzer gekostet.

„Bald wird der Mai kommen,“ tröstete ich mich nach der Mahlzeit, „dann will ich nur noch der Liebe leben, und alles wird rasch vergessen sein.“

Freilich, der Mai kam — was hätte er auch sonst tun sollen —, aber er kam nicht allein; ein Brief des Kriegsministeriums aus Wien kam mit, und drin stand, daß nunmehr meinem Begehren stattgegeben worden und ich als alleiniger Mieter der Wyschehrader Schanzengänge für 30 Jahre anzusehen sei!

Kunz Peter Taubinger blickte mir über die Schulter, als ich es ächzend las, und triumphierte:

„Nu, was hab’ ich gesagt! Das Geld liegt auf der Straße, aber die Brieftasch’ fallt einem ’eraus, wenn mer sich danach bückt.“

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Nachträglicher Stoßseufzer des Autors:

Hoffentlich nimmt mich die neuentstandene tschechoslowakische Republik nicht beim Wort!

Der Opal

Der Opal, den Miß Hunt am Finger trug, fand allgemeine Bewunderung.

„Ich habe ihn von meinem Vater geerbt, der lange in Bengalen diente, und er stammt aus dem Besitze eines Brahmanen“, sagte sie und strich mit den Fingerspitzen über den großen schimmernden Stein. „Solches Feuer sieht man nur an indischen Juwelen. — Liegt es am Schliff oder an der Beleuchtung, ich weiß es nicht, aber manchmal kommt es mir vor, als ob der Glanz etwas Bewegliches, Ruheloses an sich hätte, wie ein lebendiges Auge.“

„Wie ein lebendiges Auge“, wiederholte nachdenklich Mr. Hargrave Jennings.

„Finden Sie etwas daran, Mr. Jennings?“

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Man sprach von Konzerten, von Bällen und Theater — von allem möglichen, aber immer wieder kam die Rede auf indische Opale.

„Ich könnte Ihnen etwas über diese Steine, über diese sogenannten Steine mitteilen,“ sagte schließlich Mr. Jennings, „aber ich fürchte, Miß Hunt dürfte dadurch der Besitz ihres Ringes für immer verleidet sein. Wenn Sie übrigens einen Augenblick warten, will ich das Manuskript in meinen Schriften suchen.“

Die Gesellschaft war sehr gespannt.

„Also hören Sie, bitte. (Was ich Ihnen hier vorlese, ist ein Stück aus den Reisenotizen meines Bruders — wir haben damals beschlossen, nicht zu veröffentlichen, was wir gemeinsam erlebten.)

Also: Bei Mahawalipur stößt das Dschungel in einem schmalen Streifen bis hart ans Meer. Kanalartige Wasserstraßen, von der Regierung angelegt, durchziehen das Land von Madras fast bis Tritschinopolis, dennoch ist das Innere unerforscht und einer Wildnis gleich, undurchdringlich, ein Fieberherd.

Unsere Expedition war eben eingetroffen, und die dunkelhäutigen tamulischen Diener luden die zahlreichen Zelte, Kisten und Koffer aus den Booten, um sie von Eingeborenen durch die dichten Reisfelder, aus denen nur hie und da Gruppen von Palmyrapalmen wie Inseln in einem wogenden hellgrünen See emporragen, in die Felsenstadt Mahawalipur schaffen zu lassen.

Oberst Sturt, mein Bruder Hargrave und ich nahmen sofort Besitz von einem der kleinen Tempel, die, aus einem einzigen Felsen herausgehauen, eigentlich herausgeschnitzt, wahre Wunderwerke altdrawidischer Baukunst darstellen. Die Früchte beispielloser Arbeit indischer Frommer, mögen sie jahrhundertelang den Hymnen der begeisterten Jünger des großen Erlösers gelauscht haben, — jetzt dienen sie brahminischem Shivakult, wie auch die sieben aus dem Felsrücken gemeißelten heiligen Pagoden mit den hohen Säulenhallen.

Aus der Ebene stiegen trübe Nebel, schwebten über den Reisfeldern und Wiesen und lösten die Konturen heimziehender Buckelochsen vor den rohgezimmerten indischen Karren in regenbogenartigen Dunst auf. Ein Gemisch von Licht und geheimnisvoller Dämmerung, das sich schwer um die Sinne legt und wie Zauberduft von Jasmin und Holunderdolden die Seele in Träume wiegt.

In der Schlucht vor dem Aufgang zu den Felsen lagerten unsere Mahratten-Sepoys in ihren wilden malerischen Kostümen und den rot und blauen Turbans, und wie ein brausender Lobgesang des Meeres an Shiva den Allzerstörer dröhnten und hallten die Wogenschläge aus den offenen Höhlengängen der Pagoden, die sich vereinzelt längs des Gestades hinziehen.

Lauter und grollender schwollen die Töne der Wellen zu uns empor, wie der Tag hinter den Hügeln versank und Nachtwind sich in den alten Hallen fing.

Die Diener hatten Fackeln in unseren Tempel gebracht und sich in das Dorf zu ihren Landsleuten begeben. Wir leuchteten in alle Nischen und Winkel. Viele dunkle Gänge zogen durch die Felswände, und phantastische Götterstatuen in tanzender Stellung, die Handflächen vorgestreckt mit geheimnisvoller Fingerhaltung, deckten mit ihren Schatten die Eingänge wie Hüter der Schwelle.

Wie wenige wissen, daß alle diese bizarren Figuren, ihre Anordnung und Stellung zueinander, die Zahl und Höhe der Säulen und Lingams Mysterien von unerhörter Tiefe andeuten, von denen wir Abendländer kaum eine Vorstellung haben.

Hargrave zeigte uns ein Ornament an einem Sockel, einen Stab mit vierundzwanzig Knoten, an dem links und rechts Schnüre herabhingen, die sich unten teilten: Ein Symbol, das Rückenmark des Menschen darstellend, und in Bildern daneben Erklärungen der Ekstasen und übersinnlichen Zustände, deren der Yogi auf dem Wege zu den Wunderkräften teilhaftig wird, wenn er Gedanken und Gefühl auf die betreffenden Rückenmarksabschnitte konzentriert. —

„Dies da Pingala, großer Sonnenstrom“, radebrechte bestätigend Akhil Rao, unser Dolmetsch.

Da faßte Oberst Sturt meinen Arm: „Ruhig — — — hören Sie nichts?“

Wir horchten gespannt in der Richtung des Ganges, der, von der kolossalen Statue der Göttin Kala Bhairab verborgen, sich in die Finsternis zog.

Die Fackeln knisterten — sonst Totenstille.

Eine lauernde Stille, die das Haar sträubt, wo die Seele bebt und fühlt, daß etwas geheimnisvoll Grauenhaftes blitzartig ins Leben bricht, wie eine Explosion, und nun unabwendbar eine Folge todbringender Dinge aus dem Dunkel des Unbekannten, aus Ecken und Nischen emporschnellen muß.

In solchen Sekunden ringt sich stöhnende Angst aus dem rhythmischen Hämmern des Herzens — wortähnlich, wie das gurgelnde, schauerliche Lallen der Taubstummen: Uggger, — Uggger, — Uggger. —

Wir horchten vergebens — kein Geräusch mehr.

„Es klang wie ein Schrei tief in der Erde“, flüsterte der Oberst.

Mir schien es, als ob das Steinbild der Kala Bhairab, des Choleradämons, sich bewegte: unter dem zuckenden Lichte der Fackeln schwankten die sechs Arme des Ungeheuers, und die schwarz und weiß bemalten Augen flackerten wie der Blick eines Irrsinnigen.

„Gehen wir ins Freie, zum Tempeleingang,“ schlug Hargrave vor, „es ist ein scheußlicher Ort hier.“

Die Felsenstadt lag im grünen Lichte wie eine steingewordene Beschwörungsformel.

In breiten Streifen durchglitzerte der Mondschein das Meer, einem riesigen, weißglühenden Schwerte gleich, dessen Spitze sich in der Ferne verlor.

Wir legten uns auf die Plattform zur Ruhe — es war windstill und in den Nischen weicher Sand.

Doch es kam kein rechter Schlaf.

Der Mond stieg höher, und die Schatten der Pagoden und steinernen Elefanten schrumpften auf dem weißen Felsboden zu krötenähnlichen phantastischen Flächen zusammen.

„Vor den Raubzügen der Moguln sollen alle diese Götterstatuen von Juwelen gestrotzt haben — Halsketten aus Smaragden, die Augen aus Onyx und Opal“, sagte plötzlich Oberst Sturt halblaut zu mir, ungewiß, ob ich schliefe. — Ich gab keine Antwort.

Kein Laut als die tiefen Atemzüge Akhil Raos.

Plötzlich fuhren wir alle entsetzt empor. Ein gräßlicher Schrei drang aus dem Tempel — ein kurzes, dreifaches Aufbrüllen oder Auflachen mit einem Echo wie von zerschellendem Glas und Metall.

Mein Bruder riß ein brennendes Scheit von der Wand, und wir drängten uns den Gang hinab in das Dunkel.

Wir waren vier, was war da zu fürchten.

Bald warf Hargrave die Fackel fort, denn der Gang mündete in eine künstliche Schlucht ohne Deckenwölbung, die, von grellem Mondlicht beschienen, in eine Grotte führte.

Feuerschein drang hinter den Säulen hervor, und von den Schatten gedeckt schlichen wir näher.

Flammen loderten von einem niedrigen Opferstein, und in ihrem Lichtkreis bewegte sich taumelnd ein Fakir, behängt mit den grellbunten Fetzen und Knochenketten der bengalischen Dhurgaanbeter.

Er war in einer Beschwörung begriffen und warf unter schluchzendem Winseln den Kopf nach Art der tanzenden Derwische mit rasender Schnelle nach rechts und links, dann wieder in den Nacken, daß seine weißen Zähne im Lichte blitzten.

Zwei menschliche Körper mit abgeschnittenen Köpfen lagen zu seinen Füßen, und wir erkannten sehr bald an den Kleidungsstücken die Leichen zweier unserer Sepoys. Es mußte ihr Todesschrei gewesen sein, der so gräßlich zu uns emporgeklungen.

Oberst Sturt und der Dolmetsch warfen sich auf den Fakir, wurden aber von ihm im selben Augenblick an die Wand geschleudert.

Die Kraft, die in dieser abgemergelten Asketengestalt wohnte, schien unbegreiflich, und ehe wir noch zuspringen konnten, hatte der Fliehende bereits den Eingang der Grotte gewonnen.

Hinter dem Opferstein fanden wir die abgeschnittenen Köpfe der beiden Mahratten.“

—————————

Mr. Hargrave Jennings faltete das Manuskript zusammen: „Es fehlt ein Blatt hier, ich werde Ihnen die Geschichte selber zu Ende erzählen:

„Der Ausdruck in den Gesichtern der Toten war unbeschreiblich. Mir stockt heute noch der Herzschlag, wenn ich mir das Grauen zurückrufe, das uns damals alle befiel. Furcht kann man es nicht gut nennen, was sich da in den Zügen der Ermordeten ausdrückte, — ein verzerrtes, irrsinniges Lachen schien es. — Die Lippen, die Nasenflügel emporgezogen, — der Mund weit offen und die Augen, — die Augen, — es war fürchterlich; stellen Sie sich vor, die Augen — hervorgequollen — zeigten weder Iris noch Pupille und leuchteten und funkelten in einem Glanze wie der Stein hier an Miß Hunts Ring.

Und wie wir sie dann untersuchten, zeigte es sich, daß sie wirkliche Opale geworden waren.

Auch die spätere chemische Analyse ergab nichts anderes. Auf welche Weise die Augäpfel hatten zu Opalen werden können, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Ein hoher Brahmane, den ich einmal fragte, behauptete, es geschähe durch sogenannte Tantriks (Wortzauber), — und der Prozeß gehe blitzschnell, und zwar vom Gehirn aus vor sich; doch wer vermag das zu glauben! Er setzte damals noch hinzu, daß alle indischen Opale gleichen Ursprungs seien, und daß sie jedem, der sie trüge, Unglück brächten, da sie einzig und allein Opfergaben für die Göttin Dhurga, die Vernichterin alles organischen Lebens, bleiben müßten.“

Die Zuhörer standen ganz unter dem Eindruck der Erzählung und sprachen kein Wort.

Miß Hunt spielte mit ihrem Ring. — — — —

„Glauben Sie, daß Opale wirklich deswegen Unglück bringen, Mr. Jennings?“ sagte sie endlich. „Wenn Sie es glauben, bitte, vernichten Sie den Stein!“ — — —

Mr. Jennings nahm ein spitzes Eisenstück, das als Briefbeschwerer auf dem Tische lag, und hämmerte leise auf den Opal, bis er in muschelige, schimmernde Splitter zerfiel.

Das Wildschwein Veronika

Ein dreifach geflochtener Kranz, niedergelegt auf dem Altare schlichter Heimatkunst

1
Gärungen — Klärungen

Vom Alpensee wehte kühl der Odem des keimenden Morgens, und voll Unruhe irrten die Nebel umher auf den nassen, schlummernden Wiesen.

Kein Auge hatte Veronika, die Gezähmte, geschlossen die ganze Nacht und sich schlaflos hin und her gewälzt auf dem häuslichen Misthaufen. „Der Holzlapp’ von Miesbach“ von Xaver Hinterstoißer hatten sie drin im Saale gespielt gestern abend, und kein Auge war trocken geblieben, als so der „Pfarrer“ dreiviertelstundenlang laut mit sich selber gekämpft.

„Das nenn’ ich mir halt wahre Heimatskunst“, hatte der fremde Städter mit der krummen Hahnenfeder auf dem Hute, als er — aus dem Gasthause getreten — sich für einen Augenblick an den Misthaufen stellte, laut zu seinem Nebenmann gesagt und dabei voll Inbrunst zum Monde aufgeblickt. „Alles so grundwahr aus dem Volke herausgewachsen. Oh, Erdgeruch, du mein Erdgeruch. Und haben Sie auch beobachtet, Herr Meier, was für ergreifende Töne dem Oberniedertupferseppl als ‚Großknecht‘ zur Verfügung standen! Es ist doch kaum zu glauben! Dieser schlichte biedere Bauernsohn!“

„Ja, und gar der prächtige Schnackl-Franz. Dieses urwüchsige Dudludludl, so naiv und doch so innig — gar nicht mehr los werde ich die Weise“, hatte der andere freudig zugestimmt. Und dann waren beide wieder hineingegangen.

Dem Schwein Veronika auf seinem erhöhten Lager aber war kein Wort entgangen.

Stunde um Stunde verrann, und kein Schlaf kam mehr in seine Augen.

Der Mond war quer über den Himmel geschlichen; vorsichtig hatte der Misthaufen zuerst auf der linken Seite einen blauschwarzen Schatten herausgebleckt, ihn allmählich wieder eingezogen, dann rechts herausgebleckt — weiter, immer weiter, bis er endlich ganz und gar die Herrschaft über ihn verloren. Und nichts von alldem hatte das Schwein beachtet, wie doch sonst in hellen Nächten. So sehr jagten sich seine Gedanken!

Schon quoll der erregende Hauch des Morgengrauens aus der Erde, brutwarm stank es aus den Bauernhäusern, und immer noch grübelte Veronika. Grübelte und grübelte. Und Erinnerungen aus der Jugendzeit, an Alma, die liebliche Stiefschwester, und die andern — — alle — — alle, wurden wieder neu. Gott, wie war es doch damals nur gewesen?! Richtig, richtig, ja — — — der schöne Mann mit der Ballonmütze aus schwarzer Seide und dem blanken Messer als Hüftzier war eines Tages gekommen und hatte Alma genommen. Und der Papa hatte gesagt: „Es ist ein Theaterdirektor, er hat Alma entdeckt.“

Und die Mama hatte gesagt: „Wegen ihrer rosa Hautfarbe kam er, — sie ist nicht wie ihr; — ach, und so verführerisch konnte halt das Mädchen mit dem Busen wogen. Sie wird bestimmt Koloratursängerin.“

Eine ganze Woche hatten sie dann allesamt auf dem Misthaufen gelegen und rastlos geübt, verführerisch mit dem Busen zu wogen.

Wohl war von Zeit zu Zeit, wenn die Kirchweih nahte, der Theaterdirektor mit der Mütze immer wieder gekommen und hatte zur Feier des frommen Festes ein Familienmitglied an den Ohren weggeführt, aber von Alma sprach er nie.

„Soll ich denn auch auf ihn warten?“ überlegte Veronika. „Soll ich nicht?“

Unentschlossen zählte sie an ihren zwölf Knöpfen ab: soll ich, soll ich nicht — —

Soll ich nicht! — kam heraus. Da erhob sich Veronika, schüttelte den Tau von den Borsten und blickte in den Himmel. Es gähnte der Morgen, rosenrot barst der junge Tag. Rosenrot. — — Wie Schminke.

Da frohlockte das Schwein ob des günstigen Zeichens. Und suchend blickte es umher.

„Ja, was wär’ denn jetzt gar dös?! Ein grünwollenes Futteral liegt da?!“

Schnell biß es vier Stücke davon ab, zog sie über die Waden und setzte den Lampenschirm aufs Haupt, den grasgrünen, den die Wirtin neulich auf den Misthaufen geworfen hatte.

So, und jetzt noch eine Träne: „Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, — — — ihr Wiesen, die ich wässerte — —,“ und im Trab zum Herrn Uhrmacher ging’s, die zwölf Knöpfe versilbern lassen. Der machte das recht gern, wenn auch nicht billig, und sagte dabei ein- ums anderemal: „A Pferdsketten mit a paar Pfund Eberzähnt, dös fehlet halt no, und auf ’m Huat den Pinsel fein nöt vergessen!“

Denn er durchschaute des Schweines Pläne.

Dann zottelte Veronika von dannen, nach Norden der Hauptstadt zu.

Die Vöglein pfiffen, es glitzerten die Gräser, und hie und da stank ein Bauernlackel vorüber.

Unendlich rollte sich die Landstraße auf. Dichte Wolken wirbelte Veronika aus dem weißen verdursteten Boden, daß die engbrüstigen Pappeln mit ihren staubigen Blättern so husten mußten. Schon war die Sonne rot wie ein Krebs, und immer noch, in weiter, weiter Ferne, lag der Dunst der Stadt.

Doch emsig trottete Veronika dahin; ihre versilberten Knöpfe klirrten.

Eine vornehme Equipage rollte vorbei; es saß ein feiner Herr darin mit seiner Dame, und als er das Schwein erblickte in Landestracht, da ging ihm das Herz auf. „Grüß’ Gott“, rief er leutselig, dann schloß er die Augen und gellte mit viereckigem Mund jjjjiiijach-hu-hu, so laut er konnte, daß die Pferde erschraken und einen kleinen Hopser machten.

Und zu seiner Dame gebeugt, sprach er bewegt von den Fährnissen der Berge, von dem tosenden Wildbach und — piff — paff — der flüchtigen Gemse. „Und riechst du es auch, Cläre? Das ist Scholle. Ackerduft! Und nicht mal gedankt hat das Deandl auf meinen Gruß! Ja, so sind sie alle, diese stolzen unverdorbenen Naturkinder! Treu wie Gold!“ — — — — — —

2
Der Wurf gelingt

Nacht war’s, halb zehn, fahl wie ein Knochen stierte der Mond vom Himmel, da buchstabierte Veronika die Theaterzettel an der Ecke, und mißtrauisch sah ein Schutzmann von weitem zu.

Das Wildschwein nickte befriedigt.

Dann tat es plötzlich einen furchtbaren Satz, warf den Schutzmann um, raste durch die Straßen und zur Seitentür ins Theater hinein, durch lange Gänge kreuz und quer, trampelte den neuen Pappendeckel-Fafner kaputt und fuhr dem Tenoristen Herrn Povidlsohn zwischen den Beinen durch, gerade als er hinter der Szene sang:

„Mit dem Feil, dem Boochen

durch Gebürch und Dahl

kommt der Schütz gezoochen

frühüh, am Mohorgenstrahl.“

Der Vorhang war soeben in die Höhe gerauscht, hinter einem Leinwandfelsen kniete Wilhelm Tell, und das Publikum wartete gespannt auf einige Verse von ihm, ehe er aus dem Hinterhalt auf den ahnungslosen österreichischen Beamten abdrücken werde.

Da sprang das Schwein wie der Blitz auf die Bühne.

Und erst langsam, dann schneller, immer schneller vollführte es ein idiotisches Getrappel auf den Brettern.

Hie und da quiekte es schrill dazwischen.

Wilhelm Tell war geflüchtet und hatte sich laut weinend hinter die Kulissen verkrochen. Den Souffleur hatte der Schlag getroffen. Nur im Publikum rührte sich nichts.

Minutenlang kam kein Laut aus dem schwarzen gähnenden Rachen des Zuschauerraums.

Dann aber brach es los wie ein Erdbeben.

„Allppenkunscht, Allppenkunscht, der Dichchter ischt sichcherlichch ous der Schwiez gsi“, röchelte ein Schweizer Kritiker ohne Hemdkragen.

Rechtschaffene Männer mit Hirschhornknöpfen wuchsen aus dem Boden, hinter wallenden Bärten, die blauen treu-dreieckigen Augen mit deutscher Biederkeit gefüllt.

Im Stehparterre war eine Druse pechschwarz gekleideter Oberlehrer aufgeschossen, und aus ihrer Mitte stieg ein hohler Ton ekstatisch zum Himmel an: „Anz Pfaderland, anz dojre, schlüs düch an.“ Es war da des Patriotismus kein Ende mehr! Und der einzige Oskar-Wilde- und Maeterlinck-Verehrer der Stadt, ein degenerierter Zugereister, hielt sich zitternd in der Toilette verborgen.

Veronika war ein gemachtes Schwein von Stund an. Immer wieder mußte es den famosen Schuhplattler wiederholen und Arm in Arm mit dem Herrn Regisseur unzählige Male vor der Rampe erscheinen.

Das Stück konnte gar nicht zu Ende gespielt werden, — Geßler blieb unerschossen zum großen Ärger der anwesenden Schweizer — und in den Korridoren noch wollte sich die Begeisterung nicht legen. Und fast wäre es zu Tätlichkeiten gekommen, als der Herr Charcutier Schoißengeyer aus Linz es wagte, mitten in den allgemeinen Enthusiasmus hinein bedenklich den Kopf zu schütteln und sich zu den Worten: „I woaß nöt, i glaub halt allaweil, ’s is a Sau“, hinreißen zu lassen.

—————————

Veronikas Ruhm wuchs von Tag zu Tag. Ein „Veronikatheater“ wurde gegründet, und Schliersee, Bayerns berühmte Jodlquelle, als mutmaßlicher Geburtsort der Künstlerin, war in aller Munde. Kein Stück dürfe mehr die Zensur passieren, wenn es nicht mindestens 500 Meter über dem Meeresspiegel spielte, gellte der Schrei der Zeit.

An alle Fürstenhöfe drang die frohe Kunde, schon wieder sei die deutsche bodenständige Kunst auferstanden; — und selbst die scheue norddeutsche Herzogin Meta wurde aufmerksam und ließ sich berichten.

„Ach, lieber Graf,“ so sagte eines Tages die hohe Frau, „wie heißt doch nur das neue urwüchsige Bauerndrama, das so allgemein gefällt? Der — — der — — Seppell, — ach, es war ja aber noch ’ne Bezeichnung oder ein Vorname bei, der — — der — —“

„Es läßt sich nur unzulänglich ins Hochdeutsche übersetzen, Hoheit“, hatte da errötend der Zeremonienmeister erwidert. „Der äh, der äh, der — ‚Fäkalien-Joseph‘, das käme dem Sinne noch am nächsten. Ein neu aufgefundenes Fragment,“ fuhr er dann hastig fort, um das Peinliche des Eindrucks zu verwischen, „ein Fragment aus dem Nachlasse des leider allzu früh verewigten Volksdichters Hinterstoißer, voll packenden Realismusses und so ganz mitten aus dem pulsierenden Leben des Volkes geschöpft. Wie denn überhaupt Xaver Hinterstoißer es wie kein zweiter verstand, sich an die Natur anzulehnen. Ja, wahrlich, wahrlich: natura artis magistra.“

Und da hatte die hohe Frau neugierige Augen gemacht und sogleich die Reise nach Süddeutschland angeordnet, um nicht die letzte zu sein.

3
Stilles Glück

Wer kennt nicht Frau Veronika Schoißengeyers niedliches Landhaus draußen ganz am Ende der Vorstadt! Mit spiegelnden, fröhlichen Fensterlein guckt es gar schelmisch über die Flur, wenn Frau Sonne gütig herniederlacht.

Frau Veronika Schoißengeyers Villa.

Ja, staune du nur, schöne Leserin! Frau Veronika Schoißengeyers Villa. Denn kaum ein paar Jährlein, oder so, waren ins Land gegangen, seit wir Zeugen von Veronikas Triumphen gewesen, als die

Künstlerin dem wackern Charcutier errötend zum Altare folgte.

Ja, ja, und du, lieber Leser, hättest es wohl auch nicht vermutet! Ja, ja, demselbigen Charcutier Schoißengeyer, der damals die unbedachte Äußerung tat.

Und was ihn betrifft, selbst heute noch, wenn der Wackere, — beut das Kirchweihfest frischfröhliche Lustbarkeit, — ein wenig zu tief in das Krüglein geguckt, kannst du ihn plötzlich ein gar ernsthaft Gesicht machen sehen, und hast du ein scharfes Ohr, werden dir auch gewiß seine gemurmelten Worte nicht entgehen: Ich woaß nöt, i glaub halt allaweil, ’s is a Sau!

Doch du und ich, wir beide, wissen nur zu gut, was er damit meint. Daß es nur Reminiszenzen sein können an jenen Abend, da sich Veronika in aller Herzen sang und tanzte. Ein erkleckliches Sümmchen war es, das das heute so rundliche, aber immer noch so resolute Frauchen so ganz still und ohne viel Aufhebens durch ihre Kunst erworben hatte, ehe es den Brettern, die die Welt und — leider muß es gesagt sein — nicht immer die des Herzensreinen bedeuten, für immer Valet sagte, und von dessen Zinsen, nicht zu vergessen dessen, was der zielbewußte Gatte vordem durch nimmerrastender Hände Arbeit geschaffen, das Paar nun einträglich schaltete und waltete.

Und willst du jetzt, geneigte Leserin, Zeugin sein eines stillzufriedenen Glückes, — komm, folge mir in das behagliche Stübchen, wo Vater Schoißengeyer von des Tages Unrast und Mühsal verschnaufend, an dem grünen Kachelofen sitzend, der derben Stiefel entledigt, in den stets weißen blitzsaubern Socken die fleißigen Füße — die von treubesorgt emsigem Auf- und Niedergang in dem schmucken Anwesen so ermüdeten — Erquickung atmen läßt.

Frau Veronika, wie immer in der geliebten Tracht ihrer Heimat, wehrt den übermütigen Rangen, die, zwölf an der Zahl, bei der stämmigen Gestalt ihres Erzeugers doch alle der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, sie jauchzend umdrängen. Gestehet, ist das nicht ein entzückendes Bild?! Ein erhebendes Symbol wahren dauernden Glückes zweier, die mit klarer Besonnenheit ihren gegenseitigen schlichten Wert erkannten und jedem Tande abhold, stets ihrem Stande, ihrem Stamme treu geblieben waren. Die nie zu hoch hinaus gewollt ins Unreale und flugs zugegriffen, wenn es galt, ehrlichen irdischen Vorteil beim Schopfe zu fassen. Oh, könnte sich unser Auge, wohin es in der Welt auch blicke, doch stets an solch inniger Vollkommenheit erlaben!

Doch jetzt geht das Öl der Lampe zur Neige, und alles sucht die schwellende Lagerstätte auf.

Nur Frau Veronika bleibt noch ein Weilchen und gedenkt im stillen der bewegten Vergangenheit, der nahen und doch, ach, so fernen.

Wie ihr guter Mann verlegen die Ballonmütze in den Händen gedreht, damals, und sie ihm ohne viel Federlesens um den Hals gefallen war. Und der Ärger des verschmähten Freiers, jenes windigen Gecken, dem es ja doch nur um ihr Geld zu tun gewesen.

Und dann die Hochzeit! Die Hochzeit in Linz, der Vaterstadt ihres Schoißengeyer — —!!

„Brock’ mer uns a Sträuß-la,

Steck’ mer’s uns aufs Hüat-la.

So san mir Landsleut’,

Linzerische Bua’m — —“

Frau Veronika wiegte summend das Köpfchen, und ihre Augen wurden feucht.

Wiederum, als sei es eben erst gewesen, sah sie im Geiste die Deputation des oberösterreichischen Dichterbundes feierlich auf sich zuschreiten und ihr die Ehrengabe überreichen, einen breiten, wunderschönen roten „Andreas-Hofer“-Gürtel und dazu, wie der Sprecher schelmisch hervorhob, für ihren künftigen Erstgeborenen einen prachtvollen künstlichen Kropf aus fleischfarbenem Leder zum Umschnallen, falls ihn dereinst die Zünfte zum Abgeordneten für die Alpenländer wählen sollten. Rasch sich in die Lage findend, hatte Veronika damals in schmuckloser Einfachheit das „Zu Mantua in Banden“ vorgetragen, und als sie mit dem herzzerreißenden Wehruf:

„Franzosen, ach, wie schießt ihr schlecht“

schloß, da wischten sich die bärtigen Männer mit den rauhen Handrücken über die Augen.

Es ging ein Schluchz durch Österreichs Gaue!

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Selig lächelte Frau Veronika vor sich hin. Dann sehnte auch sie sich nach der labenden Ruhe des Schlummers an der Seite des geliebten Gatten —

„Sie nimmt das Licht und geht zu Bett

Und spricht: der Abend war so nett.“

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Schlußgesang

Und wir? Lasset uns kommen zu Hauf allesamt und dem Wildschwein Veronika ein treulich Andenken bewahren auch fürder. Und drohe auch welsche Art wie nächtlich grimmer Wolf unsere Hürde zu beschleichen, die tückischen Krallen zu wetzen nach dem Hort teutscher Kunst, — nein, Herz, sei unverzagt, nimmermehr sollen sie es uns entfremden — die Pierre Lotis, die Oskar Wildes und Maeterlincke, die Strindberge, Wedekinde und der grämliche Ibsen und wie sie alle heißen mögen, diese ausgestoßenen Stiefkinder bodenständiger unverfälschter Fabulierkunst, — nimmermehr entfremden das holde, innigschlichte Bild

unserer, unserer, unserer Veronika.

Das walte Gott!

Izzi Pizzi

Die letzte Sehenswürdigkeit, die ich auf einer Gesellschaftsreise zu mir nahm, war das „goldene Dachl“ in Innsbruck gewesen.