Märchen und Erzählungen.

Erster Teil.

With vocabulary and questions in German on the text

By H. A. Guerber.

Cloth. 163 pages. 60 cents.


Märchen und Erzählungen.

Zweiter Teil.

With vocabulary. Can be used to follow the above or as an independent reader

By H. A. Guerber.

Cloth. 202 pages. 65 cents.

Heath's Modern Language Series

Märchen und Erzählungen
für Anfänger

EDITED WITH COMPLETE VOCABULARY

BY
H. A. GUERBER

Zweiter Teil

D. C. HEATH & CO., PUBLISHERS
BOSTON NEW YORK CHICAGO

Copyright, 1896,
By H. A. Guerber.

PREFACE.

This second part of “Märchen und Erzählungen” is intended to continue the work begun in the first, and to bridge over the remaining space between German for Americans and German for Germans. The stories are carefully graded so as to enlarge the pupils’ vocabulary and to familiarize them with many new idioms, while introducing most of the terms used in the first part.

It is provided with a complete vocabulary, and can hence be used either as an independent reader, or in the manner indicated in Part I; but the questions have been omitted, as at this stage teachers prefer to frame their own questions, which they can best adapt to the age and needs of their pupils.

None of the tales in this little collection are original, but all have been completely rewritten and modified to suit the purpose for which they are intended. “Der Weihnachtsabend,” “Rosa von Tannenburg,” “Das hölzerne Kreuz,” and “Die Taube,” can be found, related at great length, in Christoph Schmidt’s collection of mediæval tales. “In sicherer Hut” and “Das Neujahrslied” are two of the popular stories of Johanna Spyri, a writer who in German literature holds about the same place as Miss Alcott does here.

“Barbarossa” and “Anekdoten” are semi-historical folk tales of Germany, “Der Bauer und der Advokat” is a proverb-story, and “Die zehn Feeen,” “Tisch, Sack und Pack,” “Der Lange, der Breite und der Scharfäugige,” and “Rübezahl” are genuine northern fairy-tales from various sources.

In the last tale only—which is by Hoffmann—have I retained a few sentences of the original, but it has been greatly shortened to sustain the interest of young readers, who weary of long descriptions. All these stories can be used to advantage with more advanced pupils for rapid sight-reading and for reproduction.

The collection of poems at the end of this little volume represents the most famous poets of Germany; and while the most usual pieces are not given here, care has been exercised to select such as can be easily memorized and are suitable for pupils of all ages.

To sustain the reader’s interest and to secure sufficient incident and action, several mediæval tales have been told in this volume. They have not been related in the conventional mediæval style, however, because at this stage of the pupil’s advancement it is of paramount importance that every word and idiom should be such as can be put to immediate use. Hence “Sie” and “Du” are used in preference to all other forms in the conversation, the former being introduced even more freely than the latter, because it is the person which the pupils will have the most occasion to employ.

The stories in this reader are a means and not an end. They are merely intended as stepping-stones to guide beginners across what often seems to them the almost impassable Slough of Despond, which divides the two languages, and to lead them safely to the attractive field of true German literature.

It is in the hope that pupils will learn to love and appreciate the standard German works all the sooner, that these efforts have been made to shorten and simplify the preliminary stages, which have hitherto been proverbially hard.

The writer is specially indebted to Miss Eva von Blomberg for the kindly interest she has shown in the work, and for her help in the reading of the proof-sheets.

Inhalt.

Seite
I.Der Weihnachtsabend[1]
II.Die zehn Feeen[9]
III.In sicherer Hut[13]
IV.Tisch, Sack und Pack[21]
V.Barbarossa[30]
VI.Das Neujahrslied[35]
VII.Rosa von Tannenburg[47]
VIII.Der Bauer und der Advokat[77]
IX.Das hölzerne Kreuz[81]
X.Der Lange, der Breite und der Scharfäugige[88]
XI.Die Taube[96]
XII.Anekdoten[107]
XIII.Rübezahl[116]
XIV.Kleine Gedichte[127]
Vocabulary[143]

Märchen und Erzählungen.

1. Der Weihnachtsabend.

In einem großen Tannenwald wanderte ein kleiner Knabe ganz allein. Tiefer Schnee lag auf dem Boden; es war sehr kalt, und es [dämmerte] schon. Der Knabe hatte ein Bündel auf dem Rücken und während er langsam vorwärts ging, sah er ängstlich rechts und links. Endlich stand er still. Die Thränen rannen ihm über die Wangen, die vor Kälte blau waren, und er rief ängstlich:

„Was soll ich thun! Ich habe den Weg sicher verloren. Wo bin ich? Die Nacht kommt, ich sehe keine Häuser, der Wald scheint endlos und ich werde hier vor Kälte sterben, wenn die Wölfe mich nicht erst fressen! Wenn die liebe Mutter hier wäre, würde sie sicher sagen, daß Gott helfen würde. Nun, ich kann versuchen, ob Er das Gebet eines Kindes erhört.“

Der Knabe kniete jetzt auf den Schnee nieder, und während er betete, hörte er auf einmal entfernten Gesang. Erfreut sprang er auf, ging schnell durch das dichte Gebüsch, und stand einige Minuten nachher vor der Thür eines kleinen Hauses im Walde, aus welchem die Töne eines Weihnachtsliedes schallten.

Die Musik klang so schön, daß das Kind die Thür öffnete, und schüchtern herein blickte. In der Stube (Zimmer) stand ein künstlich aus Steinen, Moos, und grünen Zweigen geformter Berg, an dessen Seite eine Höhle war, worin Joseph und Maria standen, und wo das Christkind in einer Krippe lag.

Vor diesem künstlich geformten Berg saßen ein Mann, eine Frau und drei Kinder. Sie schauten das Christkind an und sangen ihr Weihnachtslied.

Als der letzte Vers zu Ende war, sprang die Frau auf, und sagte:

„Es ist so kalt. [Ist wohl die Thür offen]?“

Sie ging auf die Thür zu und sah dort das Gesicht des kleinen Fremden.

„Ach, Kind! Was machst du da?“ rief sie erstaunt. „Komm’ doch herein. Du siehst ja so kalt aus!“

Sie zog den Knaben in die warme Stube, machte die Thür zu, setzte einen Stuhl vor das Feuer und sagte freundlich:

„Setze dich dahin! Wenn du dich ein wenig erwärmt hast, kannst du mir sagen, woher du kommst, und was du so allein in dem großen Wald thust.“

Nach einigen Minuten war der Knabe erwärmt genug, um ihre Fragen zu beantworten. Er erzählte, daß sein Vater im Kriege gefallen, daß die Mutter sehr krank gewesen, und daß sie auch endlich gestorben sei. Er erzählte auch, daß er ganz allein auf der Welt sei, ohne Eltern, ohne Verwandte und ohne Geld.

Als die Mutter starb, hatte sie ihm gesagt, daß er zu ihrer einzigen Freundin in dem fernen Dorfe, wo sie einst gewohnt hatte, gehen solle, und daß die Leute dort, obschon selbst sehr arm, ihm vielleicht Brot und Hülfe geben würden, bis er groß genug wäre, um sein eigenes Brot zu verdienen.

Als die Frau im Forsthause hörte, daß der Knabe ein verwaistes (ohne Vater und Mutter) Kind sei, und daß er seit früh morgens gar nichts zu essen gehabt, gab sie ihm schnell eine gute, warme Suppe, ein großes Stück Brot, und ein Stück Weihnachtskuchen dazu.

Während der Knabe aß, und mit den drei Kindern plauderte, sprachen Mann und Frau zusammen. Die Frau sagte:

„Lieber Mann, du hast gehört! Der Himmel hat uns das Kind sicher hierher geschickt! Wir sind zwar nicht reich, aber wo es genug für fünf zu essen giebt, kann ein sechster auch etwas zu essen finden. Wenn wir unsere Kinder so jung allein in der Welt lassen müßten, wie diese armen Eltern, würden wir sehr dankbar sein, wenn Jemand sie freundlich aufnähme.“

„Ja, das ist wahr,“ erwiderte der Förster. „Wenn der Knabe die Wahrheit gesprochen, und er das Kind guter ehrlicher Leute ist, soll er bei uns ein Obdach finden.“

Der Förster rief jetzt den Knaben zu sich, stellte ihm noch einige Fragen und las die Papiere, welche der Knabe aus seinem Bündel zog. Der Förster fand dabei einen Brief von dem Kaplan des Regimentes, worin geschrieben stand, daß die Eltern des Kindes gute, ehrliche Leute gewesen, und daß der Knabe selbst ein begabtes und folgsames Kind sei.

Nachdem der Hausvater diesen Brief gelesen, zögerte er nicht länger, dem Knaben zu sagen, daß er bei ihm bleiben solle.

August, so hieß der Knabe, war so froh hier zu bleiben, denn es gefiel ihm in der Försterfamilie schon gar gut. Mann und Frau waren beide so freundlich, und mit den Kindern hatte er schon Bekanntschaft gemacht.

Ehe er zu Bett ging, stand der kleine August mit den anderen Kindern vor dem künstlich aus Moos, grünen Zweigen und Steinen geformten Berg, und stimmte ein, als sie das Weihnachtslied noch einmal sangen.

Der Knabe, den die armen Leute so mitleidig in ihre Familie aufgenommen, war so gut und folgsam, daß sie nie bereuten, sich seiner [erbarmt] zu haben. August half immer, so viel er konnte. Er brachte der Frau Holz und Wasser, half ihr auch sonst im Hause, und war immer munter und dienstfertig.

Die Försterfrau sagte oft: „August, du bist ein folgsamer, fleißiger Knabe, und wenn meine Kinder immer so folgsam sind wie du es bist, werde ich eine glückliche Mutter sein.“

In der Dorfschule war August der fleißigste von allen Schülern, und lernte so schnell und so gut, daß der Lehrer ihn sehr lobte. Zu Hause, wenn er nichts für die Mutter oder für den Vater thun konnte, zeichnete August immer.

Jedes Stück Papier, jeder glatte Stein, jedes Stück glattes Holz war ihm dazu gut, und bald konnte er Blumen, Bäume und Tiere so gut zeichnen, daß die Försterfamilie sie sehr bewunderte.

Als der Förster einmal auf den Jahrmarkt ging, brachte er jedem der Kinder ein kleines Geschenk. August bekam da einen kleinen Malkasten. Der Knabe war so glücklich über dieses Geschenk, daß er seine Freude gar nicht genug aussprechen konnte und jetzt malte er sehr eifrig.

Eines Tages schickte ihn der Förster in das Schloß, um einige Vögel dorthin zu bringen. Unterwegs sah August einen Mann im Walde sitzen. Dieser malte eifrig und bemerkte August nicht, bis dieser voll Bewunderung ausrief:

„Ach, wie schön! Da ist der Bach, und das Wasser sieht so klar aus. Da sind die bemoosten Steine und durch die Zweige des großen Baumes kann man hie und da einen Fleck blauen Himmels sehen.“

Der Künstler, denn es war ein Künstler, war über diese Bewunderung so erfreut, daß er mit dem Knaben sprach, und als August ihm sagte, daß er so gerne Blumen und Bäume zeichne, gab er ihm ein Stück Papier und sagte ihm, daß er den Baum auf seinem Bilde abzeichnen solle.

August setzte sich neben den Künstler hin und zeichnete eifrig. Seine Zeichnung war so gut, daß der Künstler den Förster besuchte und ihm sagte, daß August sehr begabt sei, und daß er ein Künstler werden solle.

„Da der Knabe verwaist ist und ohne Mittel, will ich ihn in mein Haus nehmen und ihm Unterricht geben,“ fügte er hinzu.

August ging nun mit dem Künstler in die Stadt und arbeitete sehr fleißig, aber jede Weihnacht brachte er bei der Försterfamilie zu. Als August siebzehn Jahre alt war, besuchte der Künstler den Förster wieder.

„Guter Förster,“ sagte er, „August ist ein guter junger Mann, und er hat schon alles gelernt, was ich ihm lehren kann. Er wird einmal ein berühmter Künstler werden, aber dazu sollte er jetzt nach Italien gehen und fünf Jahre dort studieren. Das Geld zu der Reise kann ich ihm nicht geben, aber wenn Sie es ihm geben können, werden Sie es nie bereuen.“

Der Förster sann lange nach und entschloß sich endlich, seine kleinen Ersparnisse herzugeben, damit August nach Italien reisen könnte, um dort die berühmten Kunstwerke und Künstler zu sehen und viel zu studieren.

August ging; er schrieb jedes Jahr an die Försterfamilie, und die guten Leute freuten sich immer über seine Briefe. Nachdem er fünf Jahre in Italien gewesen, konnte August so schön malen, daß er einige Bilder verkaufen und das geliehene Geld dem Förster zurückschicken konnte.

Zugleich sandte August einen Brief und eine große Kiste. Der Förster las den Brief mit Freuden, denn August erzählte, wie gut es ihm [gegangen], wie viel er gelernt, und wie dankbar er dem Förster und seiner Familie sei, für all das Gute, das sie ihm erwiesen (gethan). Dann fuhr er fort:

„Hiermit sende ich dir ein Bild, mein erstes, und ich hoffe, daß es euch allen gefallen wird. Zum Andenken an den Weihnachtsabend, an dem ihr mich in euere Familie aufnahmet, habe ich eine heilige Familie gemalt.“

Als der Förster den Brief fertig gelesen, holte er den Hammer und öffnete die große Kiste. Daraus nahm er endlich ein wunderschönes Bild der heiligen Familie, und die guten Leute konnten es nicht genug bewundern.

Mehrere Jahre vergingen wieder, der Förster wurde sehr krank und er mußte sein erspartes Geld alles verbrauchen. Während seiner Krankheit war sein Sohn Christian Förster an seiner Stelle. Christian war ein braver, junger Mann und that seine Pflicht sehr gut, aber ein böser Mann, welchen der Vater einmal hatte bestrafen müssen, weil er Holz gestohlen, schrieb dem Prinzen, daß der alte Förster krank sei, und daß dessen Sohn träge sei.

Ohne die Sache zu untersuchen, schrieb der Prinz jetzt dem Förster einen Brief, indem er sagte, daß er auf Neujahr das Forsthaus übergeben solle, und daß er seine Dienste nicht mehr brauche.

Als der arme Förster diesen Brief gelesen, war er sehr traurig. „Ach,“ sagte er, „der alte Prinz, der Vater dieses jungen Mannes, hatte mir versprochen, daß ich dieses Haus nie verlassen solle, und daß Christian an meiner Stelle Förster sein solle, wenn ich zu alt dazu sein würde. Das bin ich noch nicht. Ich war nur krank; aber jetzt müssen wir alle verhungern, denn im Winter werden weder Christian noch ich Arbeit finden.“

Christian, der verheiratet war, und zwei kleine Kinder hatte, war ebenso traurig; aber obgleich er in die Stadt ging, um den Prinzen zu besuchen, konnte er ihn nicht sehen.

Es war wieder Weihnachtsabend [geworden]. Die Försterfamilie saß wie vor zwanzig Jahren in der warmen Stube. Der Förster schaute das schöne Bild an, das August gemalt hatte, und als die Kinder baten:

„Großvater, wir wollen doch das schöne Weihnachtslied singen,“ antwortete er:

„Ach, Kinder, ich kann nicht singen. Ich bin zu traurig. Wo werden wir nächste Weihnacht sein? Ach wenn der gute August nur hier wäre, würde er auch traurig sein, denn er hat das Forsthaus auch lieb.“

Während der alte Mann so traurig sprach, hatte sich die Thür leise geöffnet, und jetzt trat ein großer, junger Mann herein.

„Vater!“ rief er, „Vater, du hast Recht!“ Das Forsthaus ist mir sehr lieb! Sei nicht mehr traurig, du wirst noch manche Weihnacht hier zubringen können. Als ich gestern in der Stadt ankam, erzählte mir mein alter Lehrer alle deine Leiden. Ich kenne den Prinzen sehr gut. Er besuchte mich oft in Italien, und stand gern dabei, während ich meine Bilder malte.

„Als ich hörte, daß er befohlen, daß du das Forsthaus verlassen sollest, ging ich sogleich zu ihm, und erzählte ihm, daß der Mann, der ihm gesagt, daß Christian unfähig sei, als Förster zu dienen, ein Lügner sei. Der Prinz ließ den Mann kommen und fragte ihn, warum er den Christian und die ganze Försterfamilie verleumdet habe.

„Der Mann fiel sogleich auf die Kniee, bat um Verzeihung und gestand Alles. Der Prinz gab mir ein Schreiben, das ich dir als Weihnachtsgruß überbringe.“

August zog jetzt ein Papier aus der Brusttasche, und gab es dem Förster. Darin stand, daß der Förster im Hause bleiben solle, so lange er lebe, und daß sein Sohn Christian Förster sein solle, wenn der Vater nicht mehr stark genug sein würde, in den Wald zu gehen.

Der Prinz sicherte Vater und Sohn einen viel größeren Gehalt zu, als sie noch je gehabt, und die ganze Familie war sehr glücklich.

Der glücklichste von allen aber war der schon jetzt berühmte Künstler August, welcher der Försterfamilie endlich hatte helfen können, nachdem sie ihm so lange geholfen hatte.

2. Die zehn Feeen.

Vor langen Jahren wohnte ein Bauer und seine Frau auf einem schönen Gute in Nord-Deutschland. Das Paar war so arbeitsam, daß sie bald sehr reich wurden; und da sie nur eine einzige Tochter hatten, ließen sie dem Mädchen alle Freiheit, und sie arbeitete sehr wenig. Sie ging zwar regelmäßig in die Schule und lernte viel, aber die Hausarbeit war ihr immer zuwider, und sie wußte sehr wenig davon.

Das Mädchen, welches Elsa hieß, war so schön und so munter, daß es bald viele Freier hatte, und als es zwanzig Jahre alt war, heiratete es einen reichen, jungen Bauer, den es von ganzem Herzen liebte.

Das junge Weib (Frau) kam in das große Bauernhaus, wo viele Knechte und Mädchen es erwarteten, und da die Mutter seines Mannes eine sehr tüchtige Hausfrau gewesen war, dachten sie Alle, daß die neue Herrin die Hausarbeit übernehmen und ihnen alle nötigen Befehle austeilen würde.

Natürlicherweise versuchte die junge Frau dies Alles zu thun, aber da sie sehr unerfahren war, und gar nicht an die Arbeit gewöhnt, wurde sie bald sehr müde, und schon während der Flitterwochen weinte sie sehr viel. Ihr Mann, dessen Mutter immer früh und spät gearbeitet hatte, und die ihrem Haus gut obgewaltet, wurde oft ungeduldig, als er das unordentliche Haus sah, kein Essen bereit fand und die Mägde und Knechte umherschlendern sah.

Eines Tages, nachdem sie schon mehrere Monate verheiratet gewesen waren, verließ er murrend das Haus, Elsa zurufend, daß es kein Wunder sei, daß Alles so unordentlich sei, wenn sie so tagelang mit den Händen im Schooß sitze!

Elsa weinte bitterlich, nachdem er fortgegangen war, und dachte, daß es doch schade sei, daß sie so unwissend wäre, und daß sie zu Hause so verwöhnt gewesen, daß sie jetzt keine gute Hausfrau wäre und ihren Mann so unglücklich machte.

„Ach,“ seufzte sie, „hätte ich nur zehn kleine Feeen, die mir willig dienten, dann würde ich die Arbeit fertig bringen können!“

Diese Worte waren kaum heraus, da stand ein großer Mann, in einen grauen Mantel gehüllt, vor ihr und fragte wohlwollend:

„Nun, mein Kind, was haben Sie? Warum weinen Sie so bitterlich?“

„Ich weine, weil mein Mann nicht zufrieden ist. Ich kann die Hausarbeit nicht besorgen. Ich kann weder die Mägde und Knechte leiten, noch Alles in Ordnung halten. Wenn ich nur zehn Feeen da hätte, vielleicht [ginge] es mir besser.“

„Nun,“ antwortete der stattliche Mann, „zehn Feeen sollen Sie haben!“

Er schüttelte seinen Mantel aus, und zehn kleine Feeen sprangen auf den Boden und standen dienstfertig vor ihrer neuen Herrin.

„Da,“ sagte der alte Herr, „da sind Ihre neuen Diener. Sie sind treu und sehr fleißig, und sie werden Ihnen die Hausarbeit erleichtern. Aber da alle Leute sich sehr wundern würden, wenn sie diese kleinen Feeen herumhantieren sähen, so will ich sie verstecken, damit sie Niemand sehen kann. Strecken Sie Ihre Hände aus, kleine Frau.“

Elsa streckte ihre kleinen, weißen, unthätigen Hände aus und der Mann rührte jeden Finger an und sagte: „Daumen, Zeige-Finger, Mittel-Finger, Ring-Finger, Kleiner-Finger. Feeen, nehmt alle euere Plätze darin!“

Denselben Augenblick sprangen alle zehn kleinen Feeen auf Elsas Schooß, und versteckten sich schnell in ihre zehn Finger!

Der alte Mann mit dem weiten Mantel verschwand auch, und die erstaunte, kleine Frau blieb ganz allein. Sie sah ihre Finger verwundert an. Aber bald regten sich ihre Finger ungeduldig. Die darin versteckten kleinen Feeen waren nicht gewöhnt, träge still zu liegen, und von ihnen aus ihrer Träumerei geweckt, sprang die junge Frau auf und machte sich an die Arbeit.

Ihre Hände waren jetzt so flink, ihre Finger so geschickt, daß die Arbeit lustig herging, und als Mägde und Knechte die Hausfrau so fleißig arbeiten sahen, schämten sie sich ihrer Trägheit und arbeiteten auch wieder fleißig wie zuvor.

Das Haus wurde bald ein Musterhaus, und der junge Hausherr sagte oft stolz:

„Meine Mutter und meine Schwiegermutter waren beide tüchtige Hausfrauen, aber meine Frau kann Alles noch besser und schneller thun. Man könnte behaupten, daß sie ebensoviele flinke Diener, als Finger hätte!“

Die schöne und glückliche Elsa lächelte oft, als sie ihn dieses sagen hörte, denn sie hatte Niemand anvertraut, daß sie zehn geschickte, kleine Feeen in ihren Fingern versteckt hatte.

Elsa hatte viele Kinder, und man sagt, daß ihre Töchter die kleinen Diener erbten, denn sie waren auch fleißig und arbeitsam, und man rühmte ihre flinken Finger überall.

3. In sicherer Hut.

In einer der schönsten Straßen in Dresden steht ein steinernes Haus. In diesem Hause wohnt eine glückliche Familie, bestehend aus Vater, Mutter, und drei Kindern. Die älteste Tochter ist fünfzehn Jahre alt, der einzige Knabe zwölf Jahre alt, und das jüngste Kind, die kleine Rita, ist erst fünf Jahre alt.

Dieses kleine Mädchen liebt das Stadtleben nicht. Sie ist viel glücklicher auf dem Lande, und sie freut sich immer, wenn die Ferien herankommen, daß sie Dresden wieder verlassen kann.

Eines Tages stürmte sie in das Zimmer, wo ihr Vater in einem Lehnstuhl saß, seine große Zeitung lesend.

„Vater, lieber Vater, morgen fangen die Ferien an! Wann können wir auf das Land gehen?“

Der Vater küßte das Kind und erwiderte zärtlich: „Wir reisen übermorgen ab, und diesmal gehen wir in die Berge, wo es noch viel schöner ist, als auf dem Lande.“

Rita tanzte vor Freude, als sie dieses hörte, und als sie drei Tage später in dem kleinen Gasthof hoch auf dem Berge ankamen und sie die schönen Wälder und die herrlichen Blumen sah, war sie sehr glücklich.

Rita sprang herum bis der Vater sie mit einer kleinen Heuschrecke verglich. Er schickte sie bald ins Freie unter Aufsicht der Gouvernante, die das Kind ja nicht aus den Augen lassen sollte, denn es waren viele gefährliche Stellen im Walde, wo man sich leicht hätte verirren können.

Nicht sehr weit von dem einsamen Gasthofe war eine kleine Hütte, wo ein Holzhacker mit seiner Familie wohnte. Die Holzhackerfamilie bestand aus fünf barfüßigen Knaben, welche die vornehmen Kinder erstaunt ansahen.

Der jüngste von diesen Knaben, der kleine Hans, konnte seine Augen von dem fremden Knaben nicht abwenden, denn dieser hatte eine Peitsche, die er laut knallen ließ.

„Oh, wenn ich nur eine solche Peitsche hätte, die so laut knallt!“ sagte Hans endlich, und sah seinen Stock, mit dem kleinen daran befestigten Strick, traurig an, obschon er ihn bis dahin als seinen größten Schatz angesehen.

Aber diese Peitsche konnte nicht knallen, wie diejenige des kleinen Fremden, und jetzt hatte Hans alle Freude daran verloren.

Am folgenden Morgen kam die kleine Rita zur Thür heraus. Der Vater stand da, und Rita lief fröhlich herum. Sie war so glücklich in den Bergen zu sein, und als sie die schönen Blumen sah, schlug sie vor Freude in die Hände.

Sie pflückte die Blumen und hatte bald einen großen Blumenstrauß. Nach und nach, als der Blumenstrauß größer wurde, näherte sie sich der kleinen Hütte, wo Hans stand. Er sah Rita an, und als sie näher trat, sagte er:

„Ich weiß, wo schöne Blumen wachsen!“

„Schöner als diese?“ fragte Rita, den Blumenstrauß hinhaltend.

„Oh, ja; viel schöner. Dort in dem Walde sind große Büsche roter Blumen.“

„Ach, wie herrlich!“ rief Rita entzückt. „Vater,“ schrie sie, „komm’ [doch], wir wollen gleich in den Wald gehen. Der Knabe sagt, daß da große Büsche ganz voll roter Blumen stehen. Bitte, komm’ doch!“

„Nein, Kind, nicht jetzt,“ erwiderte der Vater lächelnd. „Jetzt mußt du in das Haus kommen, um dein Frühstück zu essen. Deine liebe Mutter ist krank, und du sollst heute sehr artig sein.“

Rita ging jetzt in das Haus. Später aber kam sie wieder heraus, von der Gouvernante begleitet. Sie wäre gern in den Wald gegangen, aber die Gouvernante sagte, sie solle da bleiben, damit die Mutter sich nicht allein fühle, denn Vater, Schwester und Bruder waren den Berg hinabgegangen, um den Arzt für die kranke Mutter zu holen.

Bald rief die kranke Mutter die Gouvernante wieder in das Haus und Rita blieb allein. Sie spielte eine Weile mit der Puppe, dann dachte sie an die schönen, roten Blumen.

„Der Wald ist nicht weit,“ sagte sie zu sich selbst. „Ich will schnell dahin gehen und einen Strauß roter Blumen für die liebe Mutter pflücken.“

Das Kind sprang schnell fort, und kam bald in den Wald. Da war es kühl und grün, aber zuerst sah sie keine roten Blumen.

Sie wollte eben zurückgehen, als sie durch die Bäume etwas rotes sah. „Das sind die roten Blumen!“ rief sie entzückt, und rannte weiter in den Wald hinein.

Als sie dahin kam, sah sie, daß die Blumen nicht mehr sehr frisch waren. Ein wenig weiter sah sie einen anderen Busch. Die Blumen darauf schienen viel frischer. Sie ging dahin und hatte bald beide Hände voll Blumen.

Unterdessen war der Vater mit dem Arzte angekommen. Der Arzt sagte, daß die Dame nicht gefährlich krank sei, und daß die gute Bergluft sie bald wieder gesund machen würde. Darauf ging er fort.

Die Gouvernante mußte nun der Mutter vorlesen und dachte dabei, Rita sei entweder bei dem Vater oder bei der großen Schwester. Erst als es Zeit zum Abendessen geworden, dachte man wieder an das kleine Mädchen.

„Wo ist das Kind?“ fragte der Vater.

„Ich habe sie draußen unter dem großen Baume gelassen, als die gnädige Frau mich rief,“ erwiderte die Gouvernante. „Aber da Sie einige Minuten nachher zurückkamen, dachte ich, daß Rita bei ihrer Schwester sei,“ fuhr sie fort.

„Mit mir ist Rita nicht draußen gewesen,“ antwortete die große Schwester. „Sobald der Arzt fortging, bin ich in mein Zimmer gegangen um mich auszuruhen, denn ich war sehr müde und wollte schlafen. Rita war aber nicht mehr unter dem Baume, als wir zurückkamen.“

Der Vater sprang jetzt erschrocken auf. „Wir müssen das Kind finden,“ rief er, und alle folgten ihm nach. Sie gingen überall hin, riefen laut, aber sie sahen und hörten nichts von ihr.

Der Vater war blaß vor Angst. Er rief die Dienstboten des Gasthauses herbei, um ihm zu helfen, das Kind zu suchen. Sie suchten den ganzen Abend umsonst, und als es dunkel wurde, nahmen sie Fackeln und Laternen und suchten die ganze Nacht. Der Holzhacker suchte auch, obschon er den ganzen Tag gearbeitet hatte und sehr müde war.

Am Morgen erst kam er mit dem müden Vater zurück in sein Haus.

„Das kleine Mädchen muß in den Fluß gefallen sein,“ sagte er traurig. „Ich weiß nicht, wo wir jetzt noch suchen können, ich weiß nicht wo sie ist.“

„Aber ich weiß es!“ rief der kleine Hans.

„Du!“ rief der Vater erstaunt.

„Ja, ich weiß es,“ wiederholte Hans.

„Nun, dann zeige uns, wo sie ist,“ rief der Holzhacker.

Der kleine Hans ging sogleich in den Wald. Die zwei Väter folgten ihm. Hans ging auf den ersten roten Busch zu und schien erstaunt, das kleine Mädchen nicht da zu sehen.

„Wo ist sie?“ fragte er den Vater. „Sie ist hierher gekommen, um rote Blumen zu pflücken.“

Der Holzhacker sagte: „Rote Blumen wollte sie? Dann ist sie vielleicht weiter gegangen.“

Er ging jetzt mit dem Vater etwas weiter in den Wald. Bald kamen sie an einen Busch, wo Jemand viele Blumen gepflückt hatte.

„Hier ist sie sicher gewesen,“ sagte der Holzhacker. „Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr, der Busch ist dicht an dem Abhang! Sie werden hinunterfallen!“

„Ach!“ rief der Vater, „vielleicht ist mein armes Kind da hinunter gefallen!“

Der Holzhacker hatte sich auf den Boden geworfen, und bog sich jetzt über den Rand des Abgrundes.

Bald sagte er erstaunt, aber doch sehr leise: „Das Kind liegt nicht weit von hier auf einem vorspringenden Felsen. Sie liegt so still! Entweder ist sie fest eingeschlafen, oder ...“

„Ach!“ rief der Vater, „ich muß [hinunter]!“

„Das können Sie nicht, mein Herr!“ rief der Holzhacker. „Sie kennen unsere Felsen nicht, und es ist eine gefährliche Stelle. Ich will selbst hinuntergehen!“

Während er noch sprach, hatte der Holzhacker die Schuhe schnell ausgezogen, das Seil, das er trug, um den Leib gebunden und das andere Ende desselben an einem Baume befestigt.

Der Vater half ihm mit zitternden Händen und der Holzhacker sagte: „Mein Herr, Sie wissen, daß ich nur ein armer Holzhacker bin. Wenn ich verunglücken sollte, sorgen Sie für meine Frau und die Kinder, deren Vater sein Leben für Ihr Kind gewagt.“

„Ja, das will ich!“ rief der Vater ernst. Er konnte nicht weiter reden, denn die Angst um das kleine Mädchen nahm ihm die Sprache.

Als der Holzhacker eben bereit war, kamen mehrere Männer herbei. Den ängstlichen Winken des Vaters folgend, kamen sie sehr leise herbei und nachdem sie vernommen, daß das Kind auf einem vorbringenden Felsen liege, halfen sie dem Holzhacker langsam hinunter. Dieser klammerte sich mit den Händen und mit den nackten Füßen an den Felsen und als er endlich das Kind erreichte, legte er die Hand auf dasselbe.

Sobald er Rita berührte, wachte sie auf, denn sie war wirklich nur eingeschlafen. Sie machte eine rasche Bewegung, und wenn der Holzhacker sie nicht festgehalten hätte, wäre sie sicher in den Abgrund hinab gestürzt.

„Gott sei Dank!“ rief er. „Das Kind war nur eingeschlafen.“ Der wartende Vater hörte diese Worte auch und wäre er nicht vor Angst sprachlos gewesen, hätte auch er „Gott sei Dank!“ gerufen.

Der Holzhacker sagte jetzt zu dem Kinde: „Siehst du, Kleine, du sollst jetzt deine Arme um meinen Hals schlingen, und festhalten, denn ich brauche Hände und Füße zum hinaufklettern. Das Seil allein ist nicht stark genug, und sonst müssen wir in den Abgrund fallen.“

Rita versprach festzuhalten, schlang beide Arme um den Hals des guten Mannes und jetzt ging es langsam aufwärts.

Endlich kamen beide wohlbehalten oben an. Als der glückliche Vater sein Kind in den Armen hielt, rief es fröhlich:

„Ach, Vater, ich bin so froh, daß du gekommen bist. Ich habe so lange gewartet. Ich wollte die schönen Blumen pflücken und dann bin ich plötzlich hinunter gefallen.

„Ich konnte weder hinauf noch hinunter gehen. Ich war so müde und schläfrig, daß ich die Augen nicht mehr offen halten konnte. Doch fürchtete ich, weiter hinunter zu fallen. Da dachte ich: Wenn ich mein Abendgebet bete, so schickt der liebe Gott einen schönen Engel herunter, um mich zu schützen, bis der Vater kommt. Hast du den Engel wohl gesehen, Vater?“

„Nein, gesehen habe ich ihn nicht, aber der liebe Gott hat ihn doch heruntergeschickt,“ rief der glückliche Vater.

Der Vater war so glücklich, sein Kind wieder wohlbehalten in den Armen zu haben, daß er seine Freude nicht genug aussprechen konnte.

Die kleine Rita wurde von der Mutter, Schwester und Gouvernante fröhlich empfangen; und an demselben Tage ging sie noch mit dem Vater, um den Holzhacker und seine Familie zu besuchen.

Der wackere Mann wurde sehr reichlich belohnt, und als Rita den kleinen Hans fragte, was er sich wohl wünschte, da er sie doch gefunden, rief er:

„Ich möchte am allerliebsten eine große Peitsche haben, die so laut knallen kann, wie diejenige Ihres Bruders.“

Schon am folgenden Tage wurde sein Wunsch erfüllt. Der kleine Hans knallte mit seiner Peitsche vom Morgen bis zum Abend und war der glücklichste Junge in dem ganzen Riesengebirge.

4. Tisch, Sack und Pack.

Vor langen Jahren wohnte ein armer Mann in einer ärmlichen Hütte mit seiner Frau und seinen drei Söhnen Jacob, Michel und Heinrich.

„Jacob,“ sprach der Vater sehr oft, „Jacob, du wirst bald Hausherr sein, denn ich bin sehr krank, und sterbe bald. Wenn ich nicht mehr da bin, sollst du Mutter und Brüder wohl versorgen.“

Jacob versprach immer, daß er Mutter und Brüder wohl versorgen wolle; aber er hielt nicht Wort, und als der Vater gestorben und begraben war, rief er aus:

„Jetzt will ich in die Welt gehen, um mein Glück zu suchen. Michel, du kannst mitkommen, aber Heinrich soll hier zu Hause bleiben, denn er ist zu dumm.“

Die Mutter aber bat die zwei ältesten Brüder so sehr, daß sie den jüngsten endlich mitnahmen.

Die zwei ältesten Söhne nahmen alles Geld und alles Essen im Hause, aber Heinrich nahm nichts; er ließ Alles, was er hatte, seiner Mutter und ging weinend fort.

Nachdem sie einige Stunden gegangen waren, setzten sie sich am Wege nieder und die zwei ältesten Brüder nahmen ihre Lebensmittel und fingen an zu essen.

Heinrich hatte keine Lebensmittel mitgebracht und die Brüder lachten ihn aus, aber er sagte gelassen, daß er besser Hunger leiden könnte, als seine arme, verwitwete Mutter.

Als die Brüder das hörten, schämten sie sich doch ein wenig, und gaben ihm von ihren Lebensmitteln zu essen, ehe sie weiter gingen. Nach zwei Tagen kamen die drei Brüder in ein Schloß, wo niemand zu sehen war. Da die zwei ältesten sich fürchteten, zuerst einzutreten, schickten sie den jüngsten voran. Er trat in das erste Zimmer und blieb erstaunt stehen, denn da war ein großer Haufe kupferner Pfennige.

Die zwei Brüder folgten ihm und als sie das Geld sahen, leerten sie die Lebensmittel schnell aus ihren Säcken und packten sie voll kupfernes Geld. Heinrich nahm nur ein einziges Stück Geld und dann öffnete er eine zweite Thür und trat in ein zweites Zimmer, wo ein großer Haufe silbernen Geldes war. Als die zwei ältesten Brüder das silberne Geld sahen, leerten sie ihre Säcke wieder, und packten sie voll Silbergeld.

Heinrich aber nahm wieder nur ein Stück Silber, dann öffnete er eine andere Thür und trat in ein drittes Zimmer, wo ein großer Haufe Gold war.

Als die zwei ältesten Brüder das Gold sahen, leerten sie das Silber schnell aus ihren Säcken, füllten sie mit Gold und gingen schnell aus dem Schlosse, denn sie hatten jetzt viele Reichtümer und fürchteten, daß Jemand käme und sie ihnen fortnähme.

Der jüngste Bruder, der nur ein Stück Gold genommen, nahm die Lebensmittel, und indem er seinen Brüdern folgte, aß er alles. Endlich kamen alle drei in einen Wald. Da die zwei ältesten das schwere Gold getragen, waren sie sehr müde, ließen ihre Säcke fallen, und legten sich nieder, um etwas auszuruhen. Sie waren beide sehr hungrig und hießen Heinrich in das Schloß gehen, und ihnen die Lebensmittel, die sie dort gelassen, bringen.

„Ach,“ erwiderte Heinrich, „zu dem Schlosse will ich doch nicht allein gehen, und ohne dieß würde ich keine Lebensmittel da finden, denn ich habe sie ja alle gegessen!“

Als die hungrigen Brüder das hörten, wurden sie sehr böse, prügelten den armen Heinrich, ließen ihn halbtot am Boden liegen, nahmen ihre goldgefüllten Säcke, und gingen heim.

Der arme Heinrich durfte ihnen nicht folgen. Er hatte nichts zu essen, und dachte endlich:

„Ich will wieder in das Schloß gehen. Vielleicht finde ich noch etwas zu essen da, und wenigstens kann ich Gold genug fortbringen, um reich zu sein, denn ich weiß ganz gut, daß meine Brüder mir nie ein einziges Stück Geld geben würden.“

Er ging allein in das Schloß, ging durch die Zimmer wo Kupfer und Silber lag, und als er in das Zimmer, wo das Gold lag, gekommen war, nahm er seinen Rock und füllte ihn mit Goldstücken. Er wollte soeben fortgehen, als er einen schrecklichen Lärm hörte, und als er zitternd da stand, kamen drei große Riesen, die laut riefen:

„Wo ist der Räuber? Er soll sterben!“

Sie wollten den Jüngling töten, aber da er laut um sein Leben bat, sagten sie endlich, daß sie es ihm lassen wollten, aber daß er ihr Schatzhüter sein sollte.

„Damit du ja nicht Hunger leidest,“ fügten sie hinzu, „stellen wir hier einen kleinen Tisch hin. Klopfe darauf, wenn du zu essen wünschest, und rufe laut: ‚Lebensmittel für einen König!‘ und du wirst Alles haben, was du nur wünschen kannst.“

Der Jüngling, der sehr hungrig war, klopfte sogleich auf den Tisch, und in einem Augenblick war er mit vielen Speisen bedeckt, und der Jüngling konnte nach Belieben essen.

Heinrich blieb ein ganzes Jahr hier im Schlosse. Aber da er immer allein war, langweilte er sich endlich sehr. Eines Tages nahm er den Tisch, rief laut:

„Hütet euere Schätze selbst, Ihr [Herren] Riesen,“ und ging aus dem Schlosse.

Er ging lange und kam endlich in einen dichten Wald. Hier begegnete er einem armen Manne, der bittend sagte:

„Geben Sie mir etwas zu essen, guter Jüngling, ich bin ja so hungrig!“

„Das will ich [gern] thun, armer Mann,“ sagte der Jüngling. Er stellte seinen Tisch unter einen Baum, klopfte darauf, rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ und sobald der Tisch mit guten Speisen bedeckt war, lud er den Mann zum Essen ein.

Der alte Mann aß und trank und sagte endlich:

„Das ist ein schöner Tisch! Sehen Sie, guter Jüngling, ich werde Ihnen diesen Pack für den Tisch geben. Es ist ein wunderbarer Pack. Öffnen Sie ihn und sagen Sie laut: ‚Soldaten herbei!‘ und Sie werden so viele Soldaten haben, als Sie wollen. Dann sagen Sie wieder, ‚Soldaten hinein!‘ so werden sie alle wieder in dem Pack verschwinden.“

„Nun,“ sagte Heinrich, „das ist mir schon Recht. Sie sollen den Tisch haben. Geben Sie mir den Pack.“

Der alte Mann gab ihm den Pack, nahm den Tisch und Beide gingen ihres Weges. Heinrich war nicht weit gegangen, so dachte er:

„Es ist doch schade, daß ich meinen guten Tisch nicht mehr habe. Was werde ich jetzt thun, wenn ich hungrig bin?“ Dann dachte er auch: „Ich muß sehen, ob mein Pack gut ist.“

Er öffnete den Pack und sagte laut: „Zwei hundert Husaren herbei!“

Aus dem Pack sprangen sogleich zwei hundert Husaren, auf schönen Pferden, und der Oberst fragte ehrerbietig:

„Was wünschen Sie, mein Herr?“

„Gehen Sie den Weg entlang. Sie werden bald einem kleinen, alten Mann begegnen. Er hat einen Tisch, bringen Sie mir denselben,“ erwiderte Heinrich.

„Gut!“ antwortete der Oberst, und er sprengte mit seinen Husaren davon.

Nach einigen Minuten kamen sie mit dem Tische zurück. Heinrich öffnete den Pack wieder, und rief laut:

„Zwei hundert Husaren hinein!“ und sogleich sprangen Husaren und Pferde in den Pack.

Jetzt hatte der Jüngling Tisch und Pack und er war sehr froh. Er ging getrost seines Weges. Endlich begegnete er einem Bettler mit einem Sack, der ihn um etwas zu essen bat.

„Ja, das kann ich Ihnen geben,“ sagte der Jüngling. Er stellte seinen Tisch unter einen Baum, klopfte darauf und rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ und in einer Minute war der Tisch mit reichen Speisen bedeckt.

Der Jüngling lud den Bettler zum Essen ein. Er aß und trank und sagte endlich:

„Sie haben da einen gar schönen Tisch. Geben Sie mir den Tisch. Ich gebe Ihnen meinen Sack dafür. Es ist ein wunderbarer Sack. Öffnen Sie ihn und sagen Sie laut: ‚Schloß heraus!‘ so wird ein schönes Schloß vor Ihnen stehen. Dann, wenn Sie ‚Schloß hinein!‘ rufen, verschwindet das Schloß in dem Sack.“

„Das ist mir Recht!“ sagte Heinrich und er gab seinen Tisch für den Sack.

Er war nicht sehr weit gegangen, da dachte er: „Ach, ich möchte meinen schönen Tisch doch wieder haben!“

So öffnete er den Pack, rief laut: „Drei hundert Uhlanen heraus!“ und als sie alle schnell aus dem Sack krochen, gebot er ihnen, dem Bettler nach zu gehen, und den Tisch zurückzubringen.

Die Uhlanen gehorchten sogleich. Dann öffnete Heinrich den Pack, rief laut: „Drei hundert Uhlanen hinein!“ und sie verschwanden alle in dem Pack. Heinrich ging getrost seines Weges und kam zuletzt in die Stadt, wo seine Brüder jetzt wohnten. Sie aßen und tranken den ganzen Tag, da sie jetzt so viel Gold hatten. Die Mutter hatten sie in die Stadt mitgebracht, aber die arme Frau mußte Tag und Nacht kochen, damit ihre Söhne genug zu essen hatten.

Heinrich ging in das Haus seiner Brüder, aber er sah so ärmlich aus, daß sie ihn auslachten, und obwohl sie ihn in dem Stalle schlafen ließen, gaben sie ihm kein [einziges] Stück Brot zu essen.

Der Jüngling, der seinen Tisch, seinen Pack und seinen Sack in dem Garten versteckt hatte, wartete nur bis die Nacht herankam. Dann öffnete er den Sack und rief laut, „Schloß heraus!“ In einer Minute wurde er ein schönes Schloß da im Garten gewahr. Dann öffnete er den Pack und rief laut: „Zwanzig Soldaten heraus!“

Sobald die Soldaten heraus waren, befahl er ihnen, das Schloß zu bewachen, und ihn morgens um vier Uhr aufzuwecken.

Die Soldaten bewachten das Schloß sogleich, und er ging mit dem Tisch, dem Sack und dem Pack hinein.

Dann stellte er den Tisch in das prächtige Eßzimmer, klopfte darauf und rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ und als der Tisch mit den besten Speisen bedeckt war, setzte er sich und aß und trank nach Belieben.

Dann schlief er auf einem goldenen Bette ein, und früh morgens weckten ihn die Soldaten auf, wie er befohlen. Er nahm Tisch, Sack und Pack und ging in den Garten. Dann öffnete er den Pack, rief laut: „Zwanzig Soldaten hinein!“ und die zwanzig Soldaten verschwanden in dem Pack. Dann öffnete er den Sack, rief laut: „Schloß hinein!“ und das Schloß verschwand auch.

Heinrich versteckte Tisch, Sack und Pack und ging in den Stall, wo die bösen Brüder ihn fanden, und ihn wieder auslachten. Sie fragten ihn auch, warum er kein Gold aus dem Schlosse gebracht.

„Ach,“ erwiderte er stolz, „ich habe etwas Besseres als Gold,“ und er zeigte ihnen den Tisch. Die Brüder waren erstaunt und sie sprachen von dem Tisch mit allen ihren Freunden. Endlich hörte der König auch davon. Er schickte zwei Offiziere und ließ dem Jüngling sagen, er solle ihm den Tisch leihen.

Heinrich sagte: „Ja, der König kann den Tisch haben, aber wenn er mir in drei Tagen nicht zurückgegeben ist, so erkläre ich dem König Krieg.“

Der König freute sich sehr über den Tisch. Er wollte ihn behalten. Er ließ Zimmerleute und Schreiner kommen und sagte streng:

„Zimmerleute und Schreiner, Sie müssen binnen drei Tagen einen anderen Tisch verfertigen, der diesem so gleich ist wie ein Ei dem anderen!“

Die Zimmerleute und Schreiner arbeiteten Tag und Nacht und binnen drei Tagen hatten sie einen Tisch verfertigt, der dem anderen glich wie ein Ei dem anderen.

Als der König diesen Tisch dem Jüngling schickte, klopfte er darauf und rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ aber da der Tisch sich nicht sogleich deckte, merkte er, daß der König den Wundertisch noch hatte.

„Tragen Sie diesen Tisch zu dem König!“ rief er den Dienern laut zu, „und sagen Sie ihm, daß wenn er mir meinen Wundertisch nicht sogleich schickt, ich ihm den Krieg erklären werde.“

Als der König dieses hörte, lachte er laut, denn er dachte: „Der Jüngling ist arm, er hat weder Soldaten noch Geld, er kann mir keinen Schaden thun.“ Aber bald lachte der König nicht mehr, denn der Jüngling kam vor das Schloß, öffnete den Pack, rief laut: „Hundert tausend Infanterie und hundert tausend Kavallerie heraus!“ und in einem Augenblick hatte er ein großes Heer (Armee) von zwei hundert tausend [Mann].

Der König fürchtete sich sehr vor diesem großen Heer, und schickte einen Boten mit einer weißen Fahne, um dem Jüngling zu sagen, daß er seinen Tisch wieder haben solle, und die Hand der Prinzessin dazu, wenn er das Heer nur fortbringen wolle.

Der Jüngling sagte: „Nun, das ist mir schon Recht, aber die Hochzeit muß noch heute stattfinden!“

Dann öffnete er den Pack, rief laut: „Hundert tausend Infanterie und hundert tausend Kavallerie hinein!“ und das große Heer verschwand sogleich in dem Pack. Der Jüngling ging allein in den Palast. Da wurde er mit der schönen Prinzessin getraut und der Wundertisch wurde für das Hochzeitsfest gebraucht. Alle Gäste aßen und tranken so viel sie wollten, und nachdem sie lange getanzt hatten, sagte der König:

„Nun, Schwiegersohn, gehen Sie jetzt schlafen!“

„Ich muß zuerst noch einmal in den Garten gehen!“ erwiderte Heinrich. Er ging in den Garten, machte den Sack auf, rief laut: „Schloß heraus!“ und augenblicklich stand ein schönes Schloß da. Dann ging der Jüngling wieder in den Palast, nahm seine Braut bei der Hand, und führte sie in sein Schloß.

Da wohnte er lange Jahre glücklich mit Frau, Mutter und Kindern. Dank dem Tische, dem Sack und dem Pack, hatte er immer Alles, was er nur begehren konnte. Er starb in hohem Alter und seine Kinder erbten das Reich und die drei Wunderdinge. Diese wurden in den Keller gebracht, da man ihrer nicht mehr bedurfte, aber da wurden sie morsch. Es kam endlich eine Zeit, wo Krieg im Lande war. Da erinnerte sich der Erbe des Packes. Er ließ ihn holen, aber er zerfiel in Stücke. So ging es auch mit dem Tische und mit dem Sacke, und jetzt sind die Nachkommen Heinrichs wieder sehr arm.

5. Barbarossa.

Auf dem Kyffhäuser Berg in Thüringen, stehen noch die Ruinen eines uralten Schlosses, wo Friedrich Barbarossa, der rotbärtige Hohenstauffen Kaiser, einmal wohnte.

Ein Bauer ging eines Morgens früh über den Berg; er wollte sein Pferd, ein schönes Tier, auf den Markt bringen, um es als Streitroß zu verkaufen. Da er das Pferd frisch nach dem Markte bringen wollte, führte er es langsam am Zügel, und als er eine schöne, kleine, blaue Blume an dem Weg sah, pflückte er sie, und steckte sie in sein Hutband. Es war so neblig, daß man nicht weit sehen konnte, und Bauer und Pferd erschraken ein wenig, als sie plötzlich einen kleinen, alten Mann vor sich stehen sahen.

„Guten Morgen, Bauer,“ sprach er freundlich, „wohin gehen Sie?“

„Auf den Markt, um mein Pferd zu verkaufen.“

„Das Pferd da? Ein schönes Tier!“ rief der Mann. „Um welchen Preis denken Sie es zu verkaufen?“

„Um vier hundert Thaler,“ antwortete der Bauer, „denn das Pferd ist jung und gesund. [Es] wird ein prächtiges Streitroß geben.“

„Ja, das ist wahr,“ erwiderte der kleine Mann nachdenklich. „Darum möchte ich es um den Preis kaufen. Kommen Sie mit mir, Bauer,“ fügte er hinzu, „und ich werde Ihnen das Geld geben.“

Der Bauer, der den kleinen alten Mann noch nie gesehen, war ein wenig erstaunt über diese Begegnung, aber dennoch erwiderte er langsam:

„Nun das ist mir schon Recht!“

„Dann folgen Sie mir!“ rief der kleine, alte Mann, und anstatt den gewöhnlichen Weg zu gehen, führte er ihn durch Wald und Gestrüpp. Bald kamen sie zu einem kleinen Pfad, der in eine große Höhle führte.

Der Bauer hatte nie von einer Höhle in dem Berge gehört, aber der kleine Mann ging schnell hinein, und winkte ihm zu, mit dem Pferde herein zu kommen.

Der Bauer war sehr erstaunt als er in die Höhle kam, denn da waren tausende von schlafenden Pferden, und bei jedem Pferd war ein schlafender Knecht in Rüstung.

Der kleine Mann nahm jetzt den Zügel aus der Hand des Bauers, führte das Pferd an einen leeren Platz, band es fest, und sogleich schlief es auch fest ein. Dann führte er den Bauer noch weiter, und brachte ihn bald in einen weiten, unterirdischen Saal, der mit Edelsteinen und Gold reichlich verziert war. Viel Gold und viele Edelsteine lagen in Haufen herum, und der kleine alte Mann nahm einige Goldstücke und reichte sie dem Bauer als den bestimmten Preis für das Pferd.

Der Bauer steckte das Gold in seine Tasche und sah sich verwundert um. Sein Erstaunen wurde immer größer, denn mitten im Saale stand ein großer Marmortisch. An dem Marmortisch saß ein schlafender Ritter. Er war in voller Rüstung, nur den Helm hatte er abgelegt, der lag auf dem Boden, mit seinem Schwerte, seiner Lanze, und seinem Schild. Der Ritter schlief fest. Ein langer, feuerroter Bart hing ihm tief über die Brust herab, und war fast dreimal um den Marmortisch gewachsen. Um ihn her waren viele schlafende Ritter, die auch wie Helden aussahen, und hinter dem Lehnstuhl des schlafenden Rotbarts stand ein kleiner, schlafender Zwerg.

Während der Bauer erstaunt still stand, regte sich der Rotbart auf einmal, öffnete die Augen und rief dem Zwerg ernst zu:

„Geh hinauf, mein Zwerg, und sieh, ob die Raben noch um den Berg fliegen.“

Auf einmal wurde der Zwerg wieder lebendig, ging eilig hinaus, kam bald wieder zurück, und meldete feierlich:

„Die Raben fliegen noch um den Berg herum.“

„Dann muß ich noch hundert Jahre schlafen!“ seufzte der Rotbart. Seine Augen fielen wieder zu, und er schlief bald fest ein.

Der kleine Mann, der auch regungslos da gestanden, führte jetzt den Bauer wieder hinaus, und als sie an der Öffnung der Höhle standen, sagte er höflich:

„Sie haben da eine wunderschöne kleine Blume, in Ihrem Hutband, ich möchte sie gar gern haben; wollen Sie sie mir gefälligst geben?“

„Ja, gewiß!“ erwiderte der Bauer. Er riß die Blume schnell aus dem Hutband, legte sie in die Hand des alten Mannes, und wollte ihn eben fragen, wer der schlafende Rotbart sei, und warum so viele Krieger und Kriegsrosse in dem Berg versammelt wären, aber der kleine Mann war verschwunden.

Der Nebel war auch dichter geworden, und der Bauer suchte vergebens nach der Öffnung der Höhle, die er soeben verlassen. Es war erst nachdem er einige Stunden lang umher geirrt, und der Nebel endlich vom Winde weggeweht worden war, daß er den Heimweg finden konnte.

Er ging schweigend nach Hause, sagte seiner Familie nichts von seinem Abenteuer, und ließ seine Frau glauben, daß er das Pferd auf dem Markte verkauft.

Am folgenden Morgen ging er früh auf den Berg, suchte eifrig nach dem Pfad zu der Höhle, aber konnte ihn doch nicht finden. Tagelang suchte er vergeblich, und endlich erzählte er Alles einem alten Nachbarn, der ihm sagte:

„Ach, du hast ja den Kaiser Friedrich Barbarossa gesehen! Meine Mutter erzählte mir schon vor langen Jahren, als ich noch ein sehr kleiner Bursche war, daß der Kaiser nicht gestorben sei, wie die Gelehrten es in ihren dicken Büchern geschrieben. Er ist nach dem Heiligen Lande gezogen, auf einem Kreuzzug, und viele Leute erzählten damals, daß er in einem Fluß ertrunken sei, aber meine Mutter behauptete immer, das sei nicht wahr, und sagte mir oft, daß er unter dem Kyffhäuserberg schlafe. Ja, sie hatte doch Recht, siehst du, und sie sagte auch, daß der Kaiser dort mit seinen Helden lange schlafen würde. Nur einmal in hundert Jahren löst sich der Bann auf einige Minuten. Dann schickt der Kaiser den Zwerg hinaus, um nachzusehen, ob die Raben noch um den Berg fliegen. Wenn sie nicht mehr herumfliegen, wird der Kaiser wissen, daß die deutsche Freiheit und Macht in Gefahr ist. Dann wird der rote Bart den Marmortisch dreimal umringt haben. Alsdann wird der Kaiser aufspringen, den Kriegsruf durch den Berg erschallen lassen, und dann werden die schlafenden Helden erwachen, ihre Kriegsrosse besteigen, und von dem Kaiser geführt, aus dem Berg heraus steigen!

„Dann wird der Kaiser seinen Helm auf dem Kopfe haben. Seinen Schild wird er auf einen dürren Birnbaum hängen, der sogleich wieder blühen und Früchte tragen wird. Dann wird der tapfere Kaiser für das liebe Vaterland streiten, die Feinde besiegen, und Deutschland wird, Dank dem Kaiser Friedrich Barbarossa, frei und noch mächtiger und größer sein, als je zuvor.“

Der Bauer hörte diese Prophezeihung mit Freuden, aber trotzdem er manchmal suchte, konnte er weder die Höhle noch solche schöne blaue Blume finden, wie diejenige, welche er an dem nebeligen Morgen gepflückt.

6. Das Neujahrslied.

Das Dorf B. liegt in einem schönen Thale, wo man grüne, mit herrlichen Blumen bestreute Wiesen sehen kann, und wo die Nußbäume ihre kühlen Schatten werfen. Von dem Dorf aus geht ein Fußweg den Berg steil hinauf, und diesem Fußwege entlang stehen mehrere ärmliche Häuschen mit kleinen Ställen.

Das kleinste Haus von allen steht am höchsten. Die Thür des Hauses ist sehr niedrig. Das Haus hat nur zwei kleine Räume (Zimmer), und der Stall dahinter ist auch sehr klein. Wenn die Ziege, die hineingeht, nicht so mager wäre, könnte sie unmöglich Platz genug darin finden.

In diesem Häuschen hat der Joseph gewohnt, aber er ist schon seit vier Jahren tot und nun wohnen seine Frau und zwei kleine Kinder allein da.

Das ältere Kind, ein gesunder, starker Bube (Knabe) heißt Sebastian oder Basti, wie ihn die Mutter nennt, denn der Name scheint zu lang für einen so kleinen Buben. Er ist jetzt sieben Jahre alt und sehr stolz auf die zarte, goldlockige, fünfjährige Schwester Franziska. Diesen langen Namen haben Mutter und Bruder nach der Sitte des Landes zu Fränzchen abgekürzt, wenn sie das kleine lockenhaarige Kind anreden.