Hans Bethge

Die Kurtisane Jamaica

Novellen

1922
Gyldendalscher Verlag Berlin

Zweites bis viertes Tausend

Copyright by Gyldendalscher Verlag Berlin 1922
Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

[Die Kurtisane Jamaica][7]
[Schloß Carnin][29]
[Das Bildnis der Geliebten][71]
[Nebelnacht][89]
[Ebeth][107]
[Die Hochzeit des Freundes][131]

Wilibald Hachfeld
gewidmet

Die Kurtisane Jamaica

Sie wurde Jamaica genannt, des holden, südlichen Ovales wegen, das ihr Gesicht zeigte, und wegen der bräunlich hingehauchten Farbe ihres Teints, der an eine eben angerauchte Meerschaumpfeife gemahnte.

Jamaica hatte seelenvolle Hände, ihr Mund war wie ein Schwertstich, ihre großen Augen hatten einen perlenhaften Glanz. Sie war schlank, schmalschulterig und biegsam, ihr Wesen war stolz und konnte unnahbar sein. Gewiß, sie war eine Kurtisane, wie man hören wird, aber sie hätte auch für eine Fürstin aus irgend einem exotischen Lande gelten können.

Als ich sie das erstemal sah, war ein Frühsommertag. Sie ging langsam und aufrecht über die Straße, mit etwas gerafftem Kleid, von einem großen, schwarzen Hut überdacht. Eine vollendete Dame, dachte ich, ein märchenhaftes Geschöpf.

Ich folgte ihr straßenweit. Wie eine holde Verlockung schritt die schlanke Gestalt vor mir her, mit dem vollen braunen Haar und dem schwarzen Hut, dessen Federn sich schwankend bewegten wie die dunkeln Segel eines Schiffes auf dem Ozean. Dann stieg sie unvermutet in einen Wagen, fuhr fort, – und ich hatte das Nachsehen.

Nach einiger Zeit sah ich sie wieder, – ich folgte ihr von neuem, lebhaft erregt, da trat ein Freund an mich heran, klopfte mir auf die Schulter und fragte:

»Wohin?«

»Einer Frau nach«, entgegnete ich. »Sie geht dort vorn, wie eine Fürstin aus dem Süden.«

»Schwärmer«, sagte der Freund, dann lugte er aus. Ein Lächeln ging über sein Gesicht.

»Das ist Jamaica«, sagte er.

»Jamaica?«

»Ja, – eine Kurtisane. Sie hatte ein Verhältnis mit einem Prinzen aus dem Hause Hohenzollern. Später war es ein Künstler, jetzt ist es ein schwedischer Graf, wenn ich nicht irre.«

»Wie gut Du unterrichtet bist«, sagte ich, mit einer kleinen Bitterkeit in der Stimme. »Kennst Du sie übrigens?«

Er nickte.

»Stelle mich doch vor«, sagte ich.

Wir gingen schneller, erreichten sie bald, mein Freund begrüßte sie und stellte mich vor. Dann schlenderten wir alle drei durch den Frühsommertag, Jamaica in der Mitte. Sie plauderte reizend, etwas bestrickend Graziöses war in der Art, wie sie sich gab. Ich war hingerissen.

Plötzlich sagte mein Freund, der sehr geschickt in solchen Dingen war: »Ah, Irene!« Er tat, als sähe er eine Bekannte in einem Omnibus, verabschiedete sich schnell, lief fort und sprang auf das Vehikel. Ich war mit Jamaica allein. Plaudernd schritten wir weiter.

Ich sah sie mitunter von der Seite an; ein feines Profil, zart und kapriziös, lange, dunkle Augenwimpern und eine ziemlich sinnliche Nase. Sie hatte so etwas Unbefangenes, wie sie sprach, so etwas Natürliches in Gang und Haltung, daß man sich wohl und froh an ihrer Seite fühlte. Wir setzten uns vor ein Café und tranken etwas Kühlendes, während das bunte Leben der Großstadt an uns vorüberflutete. Von einem Blumenmädchen kaufte ich einen Strauß roter Nelken, sie steckte ihn sich vor die Brust und sog aus dem Strohhalm die braune Flüssigkeit der Eisschokolade in ihren schlanken Hals.

Nachher trennten wir uns, da sie, wie sie sagte, zur Schneiderin mußte. Wir bestimmten einen der nächsten Abende, um in den Zirkus zu gehen. Sie gab mir die dünne Hand und sagte: »Auf Wiedersehen!«, wobei sie zwischen den roten Lippen die Perlenreihe ihrer Zähne sehen ließ. Dann stieg sie in eine Droschke, die Nelken auf der Brust.

Ich schlenderte durch die Menschen hin und hatte immer noch Jamaica in meinen Augen und in meinem Hirn, ihre Gestalt, ihr Lächeln, ihr Profil, die Meerschaumfarbe ihrer Haut, ihre reizend rieselnde Stimme. Mir wurde die Zeit lang bis zum Wiedersehen, ich saß zu Haus, und statt zu arbeiten, malte ich den Namen Jamaica aufs Papier, – und dann kam der Abend, aber Jamaica kam nicht.

Ich wartete auf dem kleinen Platz in der Nähe des Zirkus, wo wir uns verabredet hatten, ging auf und nieder, ein paar Rosen in der Hand, sah nach der Uhr, war ungehalten, wartete weiter, sah mich, ironisch lächelnd, selbst, wie ich als ein genarrter Liebhaber hier wartend auf und nieder ging, dann, als schließlich eine öde Stunde verronnen war, stampfte ich unwillig mit dem Fuß auf, schenkte die Rosen einem vorübergehenden Ladenmädchen und ging allein in den Zirkus.

In einer Loge mir schräg gegenüber saß Jamaica. Sie schob gerade ein Stück Konfekt in den roten Mund, an ihrer Seite saß ein blonder Herr, vermutlich der schwedische Graf.

Ich merkte bald, sie hatte mich gesehen, hin und wieder schweifte ihr Auge über mich hin. Nachher in der Pause begegneten wir uns im Marstall, sie tat, als kannte sie mich nicht. Als wir einmal betrachtend nebeneinander bei demselben Pferde standen, sie zwischen mir und dem Grafen, nahm sie flugs meine Hand und drückte sie ein wenig, ohne mich anzusehen, und während sie im Gespräch mit ihrem Freunde blieb.

Es war doch etwas, es war doch ein Händedruck! Nachher saß sie mir wieder gegenüber, hoheitsvoll, und schob Konfekt in ihren Mund. Nach Schluß der Vorstellung sah ich sie mit dem Grafen in einem Automobil fortfahren, Blicke der Bewunderung folgten ihr. Ich fühlte mich ausgestoßen, ich war voll Neid, voll quälender Eifersucht, voll trotziger, aufrührerischer Gefühle. Ich wollte an ihrer Seite sein, – was scherte mich dieser schwedische Graf!

Mürrisch, ein angeführter Liebhaber, ging ich allein durch die nächtlichen Straßen und dann in eine Weinstube, um zu Abend zu essen. Ein vermaledeiter Zufall wollte, daß dort schon Jamaica saß, mit ihrem Freunde, bei Austern und Wein. Sie sah mich erstaunt an und lächelte. Sie mußte denken, daß ich ihr nachgefahren sei. Ich verließ also das Restaurant, ging in ein anderes und ertrank meinen Groll in Burgunder.

Am nächsten Morgen traf ein Briefchen ein, in dem sie sich entschuldigte, höhere Pflichten hätten sie verhindert usw. Der Ausdruck »höhere Pflichten« amüsierte mich nicht etwa, sondern ärgerte mich.

Sie kam eines Nachmittags zum Tee. Schlank, in brauner Seide, diskret und musterhaft angezogen. Sie rauchte von meinen türkischen Zigaretten, plauderte von Theater und Rennplatz und fühlte sich offenbar sehr wohl in meinen weichen Sesseln und auf dem Lamafell meines Diwans. Es war mir eine Lust, ihr zuzusehen. Weiß Gott, sie hatte zuweilen Bewegungen, bei denen man zu fühlen meinte, daß sie von einem unsichtbaren Hermelin umflossen sei. Mitunter saß sie plötzlich schweigend da, mit einem klugen, etwas schwermütigen Glanz im Auge, als dächte sie an etwas ungeheuer Ernstes. Sie war ein wenig nervös, besonders ihre Hände, im übrigen machte sie den Eindruck einer weltlichen, aber vornehmen jungen Frau. Nur wie sie küßte und wie sie mitunter saugend die Arme um mich legte, das war Kurtisanen-Art.

Sie kam öfter. Wir sprachen nicht von Liebe, obwohl ich sie von mal zu mal heftiger liebte, aber ich wollte ihr meine Gefühle nicht zeigen. Da, eines Nachmittags, als ich plaudernd auf dem Diwan ausgestreckt lag und sie bei mir saß, warf sie plötzlich die Arme um mich, starrte mich an, mit den Augen eines schönen Tieres, und während sich die Farbe ihres Gesichts verdunkelte, quoll es ihr wie Lava zwischen den Lippen durch: »Ich liebe Dich!« Darauf folgte ein Ausbruch so ungezügelter Leidenschaft, daß ich glaubte, sie wollte mich ersticken.

Von diesem Tage an war eine Nuance der Demut in ihrem Wesen zu mir, die ich liebte und die mich entzückte. Wir verlebten glückliche Stunden, nur der Gedanke an den schwedischen Grafen marterte mich und verursachte mir schlaflose Nächte. Immer, wenn ich zu ihr davon anfangen wollte, drückte sie mir schweigend ihre kleine Hand vor den Mund, so daß ich nicht sprechen durfte. Ja, ich war eifersüchtig, aber ich merkte, sie hatte nicht die mindeste Absicht, sich von dem Grafen zu trennen. Ich hatte keine besonderen Mittel, und sie war sehr verwöhnt.

Eines Tages sagte sie mir lachend, sie wolle auf einige Wochen in ein Seebad reisen, der Schwede ginge auf einen Monat zu Verwandten in seine Heimat. Sie bat, ich möge mit ihr reisen. Ich sagte sogleich zu, worauf sie ausgelassen durch das Zimmer tanzte.

Ein paar Tage später trafen wir in einem reizend gelegenen Ostseebade ein, das ganz von Buchen- und Nadelholzwäldern umgeben ist. Wir mieteten in einer schön gelegenen Villa auf der Höhe, von der Veranda aus übersahen wir den Strand und die weite Fläche des Meeres.

Entzückend waren die Tage, welche folgten. Wir ritten viel, es gab ganz brauchbare Pferde zu mieten, und Jamaica fühlte sich im Sattel sehr glücklich. Wir trabten häufig in erster Frühe am Meere entlang, wenn die Sonne noch mit den silbernen Morgenwolken kämpfte und der Frühwind kräftig über das Wasser wehte.

Am Strand hatten wir eine Burg geschaufelt und mit zahllosen bunten Wimpeln geschmückt. Jamaica trug gewöhnlich einen dunkelblauen Tuchrock, eine helle Seidenbluse und Panama. Sie lag am liebsten faul im Sande, indem sie die rinnenden Körnchen behaglich durch die Finger gleiten ließ und in den blauen Himmel starrte; oder sie las Maupassant und rauchte Zigaretten. Ich sah sie immer mit einem feinen, wohligen Empfinden des Verliebtseins vor mir liegen: den schlanken Körper, das dunkle Haar auf dem hellen Sande, die blutlosen Hände, die zierlichen Fesseln der Füße unter den durchbrochenen Seidenstrümpfen.

Das Essen nahmen wir auf der Veranda unseres Zimmers. Nebenan aß ein Ehepaar mit seinen zwei halbwüchsigen Buben, auf der anderen Seite ein Engländer. Diesen sahen wir öfter, wie er über die Balustrade seiner Veranda hinauslehnte und eine Shagpfeife rauchte. Er hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht und klare, wasserfarbene Augen. Jamaica ahmte ihn mitunter nach, indem sie sich grotesk auf die Balustrade stützte, mit steifem Nacken und etwas vorgeschobener Unterlippe hinausstarrte, ein paar Tabakswolken vor sich hinpaffte und ein langgezogenes »o yes« hören ließ. Eines Morgens begegneten wir ihm zu Pferde. Das Pferd war zu klein für ihn, seine Beine hingen lang herab, und aus der Ferne sah er aus wie Don Quichotte. Er grüßte uns, als er vorüberritt. Jamaica sah sich mehrmals lachend nach ihm um, was ich überflüssig fand.

Ja, erst lachte sie über ihn und machte sich über ihn lustig, aber ich merkte bald, daß er sie näher zu interessieren begann, mehr als sie selber vielleicht noch ahnte. Als ich eines Mittags nach Hause kam und auf die Veranda trat, sah ich, daß sich Jamaica über die Balustrade lehnte, ebenso der Engländer nebenan, und daß sie miteinander plauderten. Ich gestehe offen, es durchfuhr mich heiß vor Eifersucht. Jamaica hatte ein so strahlendes und, wie ich fand, beinahe hingebendes Gesicht, während sie mit ihm sprach, daß ich innerlich empört war über diesen Verrat und wie in einem Blitz schon jählings alles voraussah, wie es kommen mußte. Als sie mich erblickte, war sie ganz unbefangen und stellte mich als ihren Gatten vor. Nachher bei Tisch sagte sie: »Er ist wirklich sehr nett.« »So?« fragte ich.

Sie war auch fürderhin zutraulich und liebevoll zu mir, wie ich es gewohnt war, aber jene Nuance der Demut, von der ich vorhin sprach und die ich so liebte, meinte ich nicht mehr zu empfinden. Ich wurde wohl etwas verschlossener in meinem Wesen, ich lachte nicht mehr so unbefangen, und dann kamen bald Tage, wo ich deutlich merkte, daß Jamaicas Gefühle lauer wurden. Sie hatte noch immer etwas Anschmiegsames, aber ich fühlte, sie zwang sich dazu, sie gab sich Mühe, liebevoll zu mir zu sein, da sie mich nicht betrüben wollte. Mit Schmerzen nahm ich dies alles wahr und konnte es nicht hindern. Ihr verändertes Wesen hatte zur Folge, daß meine Liebe nur noch wuchs. Sie merkte diese sich steigernde Leidenschaft, und ich fühlte, wie peinlich sie ihr war. Die gegenseitige untergründige Quälerei, die zwei Menschen so nervös machen kann, fing schon an, in mir strudelte es schon wie in einem aufgeregten Gewässer, aber ich beherrschte mich noch völlig. In diesem Zustand trat ein unsinniger Gedanke an mich heran, nämlich der Gedanke, Jamaica zu heiraten, damit sie mir nicht entrinnen könne, und dieser Gedanke nahm bald ganz von mir Besitz.

Eines Morgens besuchte uns der Engländer in unserer Burg am Strande. Jamaica las gerade, sie sah auf und ein schnelles Glänzen ging über ihr Gesicht. Er zeigte uns eine kleine Versteinerung, die er gefunden hatte, und da Jamaica so begeistert davon war, schenkte er sie ihr. Sein Betragen war im übrigen völlig korrekt, nur verdroß mich die übermäßige Ruhe in seinem Wesen, die etwas Überhebliches hatte. Er bat, gelegentlich in der Frühe mit uns ausreiten zu dürfen; Jamaica zeigte sich sehr erfreut über diesen Vorschlag. Dann reichte er uns beiden die Hand und ging.

»Du hättest freundlicher zu ihm sein können«, sagte Jamaica, als er fort war.

»Findest Du?« fragte ich nur; sonst nichts.

Sie las weiter und hielt dabei, ich sah es wohl, die kleine Versteinerung fest umschlossen in ihrer seelenvollen Hand.

Für den Nachmittag hatten wir Pferde bestellt. Wir ritten den Strand entlang, es war ein heißer, erschlaffender Tag. Wir sprachen wenig, es war etwas zwischen uns, das uns die Lust zum Sprechen nahm.

Wir ritten einen kleinen Galopp; ich sah Jamaica scharf von der Seite an, dann sagte ich:

»Jamaica, ich will etwas von Dir wissen.«

»Was?« fragte sie tiefatmend und sah mich erstaunt an.

»Liebst Du den Engländer?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Doch«, sagte ich, »denkst Du, ich merke es nicht? Ich halte es nicht aus.«

Sie reichte mir die Hand herüber, mit einem freundlichen, teilnahmsvollen Lächeln. So gibt man die Hand einem guten Kinde zum Abschied, dachte ich. Ich nahm sie nicht.

»Jamaica, ich liebe Dich!« sagte ich nun. »Ich wüßte nicht, wie ich meine Tage in Zukunft ohne Dich verbringen sollte. Ich will, daß Du von jetzt ab nur mir gehörst – verstehst Du? – nur mir und keinem andern. Sag, willst Du meine Frau werden?«

Sie entgegnete nichts und sah nur mit gedecktem Blick auf die Mähne ihrer Stute.

»Ich möchte, daß wir uns heiraten. Jamaica, sag doch etwas!«

Meine Worte klangen, als ob sie vor ihr auf den Knien lägen, – aber sie lächelte.

»Nein, nie!« sagte sie bestimmt.

»Du willst nicht?« rief ich gekränkt und hart.

»Nie!«

Die Wut packte mich. Sie widersetzte sich diesem Wunsch, sie sträubte sich gegen dieses Geschenk, durch das ich mich ihr ganz zu eigen geben wollte?

»Ich will es!« rief ich noch einmal. »Ich werde Dich zwingen!«

»Ich hasse Dich!« schrie sie mir nun entgegen, während ihre Augen vor Zorn erglühten. »Ich verachte Dich! Ich liebe den Engländer!«

Da hob ich die Reitpeitsche und ließ sie mit Wucht auf ihren schönen Rücken niedersausen. Sie stieß einen verängsteten Schrei aus, wobei sie wie ein Kind in sich zusammensank, und ihr Pferd ging durch.

Ich sah, wie sie rasend fortjagte, und konnte nichts dagegen tun. Hallo, dachte ich, was wird das werden? Sie hielt sich eine Weile, dann merkte ich, die Kräfte verließen sie, sie taumelte hin und her und fiel schließlich zu Boden. Glücklicherweise blieb sie nicht im Bügel hängen, ich atmete auf. Das Pferd machte kurz darauf halt, sah sich verwundert um und sprang in kleinen Sätzen verlegen hin und her.

Ich eilte herzu, stieg ab und hob Jamaica auf. Sie war kreideblaß und halb ohnmächtig.

»Verzeih«, sagte ich; sie entgegnete nichts und sah mich nicht an. Sie atmete hastig und lehnte sich ein ganz klein wenig an mich, sehr ermattet.

»Verzeih«, sagte ich nochmals. Schließlich gab ich ihr die Zügel meines Pferdes und ging hin, um das ihrige einzufangen. Es ließ sich ganz willig festnehmen; es war durchnäßt und dampfte wie ein Schornstein. Ich führte es zu Jamaica, diese hatte sich vor Schwäche in den Sand gekauert; da hockte sie, schön und blaß wie eine Perle, es sah rührend aus. Jetzt erhob sie sich, ich merkte, sie wollte das Pferd wieder besteigen.

»Hilf mir«, sagte sie.

Ich half ihr in den Sattel und sprang dann selbst auf.

»Ich reite allein nach Haus«, sagte sie tonlos. Ich wagte nichts zu erwidern. Im Schritt, ganz gebrochen, ritt sie am Meere entlang heimwärts, ein trauriges Bild.

Ich trabte in die entgegengesetzte Richtung. Noch oft sah ich mich um, – es war immer derselbe melancholische Anblick: in müdem Schritt trottete der dampfende Gaul dahin, die müde Jamaica über sich. Ich bog in die Wälder ein, kam an einem See, an Forsthäusern, an mehreren Dörfern vorüber und zögerte stundenlang, ehe ich heimritt.

Als ich abends heimkam, war Jamaica fort, ohne ein Wort hinterlassen zu haben. Durch den Wirt erfuhr ich, daß auch der Engländer abgereist sei. Ich mußte lächeln, obwohl mir übel zumute war. Ich zündete mir eine Zigarre an, setzte mich auf die Balustrade der Veranda und sah lange aufs Meer, trotzig, allein, mit wirren, durcheinander stürmenden Gefühlen.

Am nächsten Tage reiste ich auch, nicht nach Haus, sondern zu einem Freunde aufs Land. Wir saßen stundenlang, während die Sonne brannte, in einem Boot und angelten, schossen nach Raubvögeln, schwammen, ritten, sahen den Pfauen zu, wie sie auf der Wiese Rad schlugen und schrieen: Päo! Päo! – und abends kamen der Förster und der Pastor des nächsten Dorfes, um mit uns zu zechen.

Als ich nach Wochen braungebrannt wieder in der Stadt eintraf und in einer Droschke vom Bahnhof aus meiner Wohnung zustrebte, sah ich Jamaica an mir vorüberfahren, in einem reizenden Sommerkleid, das ich noch nicht kannte. Sie saß an der Seite des Engländers, ihr Gesicht war von unaussprechlicher Heiterkeit. Wie eine biegsame Blume des Südens saß sie da, aufrecht und stolz den schönen Rücken, den ich schlug.

Lebwohl, Jamaica. Lebwohl.

Schloß Carnin

Ich, Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, erzähle eine Geschichte. Ich spiele eine traurige Rolle darin, dennoch erzähle ich sie.

Ich war zu Gast bei dem Grafen Lockwitz auf Schloß Carnin. Das Schloß ist ein altes Herrenhaus mit hohen Fenstern und einer Terrasse vor der Auffahrt. Auf dieser Terrasse saßen wir oft. Sie war das Zentrum, wo man sich traf, – hier nahmen wir den Kaffee nach Tisch, hier saßen wir an den Abenden, in leichte Mäntel gehüllt, plauderten und pafften blauen Rauch in die Luft, während aus den Wiesen das Gebrüll weidender Kühe herüberdrang oder vom Dorfe her ein Lied der jungen Mädchen, die durch den Abend gingen.

Ein runder Rasenplatz, von Kieswegen eingefaßt, lag vor der Terrasse. Dann ging der Blick in eine Allee gekappter Linden, welche die Zufahrt zum Schlosse bildete. Hinter der Allee sah man Felder und in ihnen eine Mühle mit Sparrenflügeln. Der Raps blühte in den Feldern, zitronengelb, und Wolken seines Duftes quollen herüber, wenn ein Luftzug kam. Zu beiden Seiten des Schlosses lag der Park. Er hatte köstliche alte Bäume, die weit in das Land ragten, und war von einem Gewässer durchflossen, das sich an manchen Stellen teichartig erweiterte, und in dessen versteckten Winkeln giftgrüne Algen und unentwirrbarer Froschlöffel wucherten. Hatte man den Park durchwandert, so kam man an den Deich. Und war man den Deich hinangestiegen, so blickte man in die Niederung der Elbe, in der Weiden an schmalen Wasserprielen wuchsen und wilde Enten flogen. Ganz hinten, ein silbergraues Band, sah man den Fluß. Große Schiffe fuhren auf ihm zu Tal, gespenstisch wie Phantome, und in der Ferne, meilenweit, ahnte man das Meer.

Pfingsten stand bevor; es fiel in die zweite Juniwoche. Ich wollte das Fest noch auf Carnin verleben, dann wollte ich Abschied nehmen von diesem einsamen Haus, von diesem Park und diesen Menschen, die mir teuer waren. Ich hatte mancherlei auf Carnin gemalt. Der Graf war kunstliebend und zeichnete mit Geschmack. Wir saßen oft vor den gleichen Motiven, ich malte und er zeichnete. Die Gräfin, scheinbar jünger als ihre Jahre, war musikalisch. Nicht selten, wenn ich im Park saß, drangen ihre Melodien herüber: sie spielte Klavier und sang mit einer seelisch bewegten Stimme. Zuweilen sang sie auch kleine Lieder zur Laute, abends, wenn wir auf der Terrasse saßen. Tagsüber widmete sie sich ihren Kindern. Die älteste Tochter, Komteß Anna, war siebzehn Jahre alt und schien eher die Schwester der Gräfin zu sein. Auch äußerlich ähnelte sie der Mutter, nur daß sie größer war. Ja, wenn die beiden schlanken Gestalten Arm in Arm durch den Garten gingen, und man sah sie von weitem, so hätte man schwören mögen, daß sie Schwestern seien.

Dann kam ein dreizehnjähriges Komteßlein namens Charlotte, ein ernstes Kind mit zarten Gliedern und einem regen Geist. Sie machte Verse und schrieb sie in ein rosaseidenes Buch, sie ging oft allein und nachdenklich unter den Bäumen des Parkes oder fuhr in der Gondel, Blumen im Schoß, und man hörte dann, wenn man in der Nähe vorüberging, wie sie sang. Sie war ein reich und fast zu frühe entwickeltes Kind, und ihre träumerischen Augen waren oft weit entfernt, in heimlichen Regionen der Wünsche und der Gedanken. Sie hatte Tage, an denen sie sich müde fühlte und bleich aussah, und gerade an solchen Tagen trieb es sie, ihre Verslein zu dichten und sich einsamen Gedanken hinzugeben. Wir hatten Freundschaft geschlossen und wandelten häufig zusammen die Lindenallee hinunter in die Felder, pflückten Feldblumen und sahen den Flügeln der Mühle zu, die, wenn man näher kam, unheimlich durch die Luft rauschten und knarrten, so daß man, wenn es gerade dämmerte, Angst verspürte und am liebsten schnell davongelaufen wäre.

Ferner gab es zwei Buben von acht und zehn Jahren, Fred und Klaus, zu allen tollen Streichen aufgelegt, zu denen sie nicht selten auch mich zu verführen suchten. Sie wurden von einem Hauslehrer unterrichtet, einem jungen blauäugigen Theologen aus Husum. Außerdem war eine Gouvernante da, ein gescheites Wesen, das mehr zu beobachten als mitzuerleben liebte. Das waren die Menschen auf Schloß Carnin.

Ich hatte die blonde Charlotte gemalt, wie sie auf einer Bank unter einer blühenden Kastanie saß, dicht neben dem Schloßgraben, über den eine weiße Brücke führte. Ich hatte die beiden Jungen gemalt, wie sie im Grase lagen. Und in der Dämmerung hatte ich das Schloß gemalt, als ein graues, mystisches, weltentlegenes Haus, mit den weißen, geheimnisvollen Gestalten der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. Dies Bild schien mir das beste zu sein, das ich auf Carnin gemacht hatte. Es hatte etwas Mystisches, die Luft der Dämmerung war weich und lau, man spürte den Frühling darin.

Nun kam Pfingsten. Komteß Anna erwartete den Besuch einer Freundin, der Graf den eines jungen Freundes, eines Assessors aus der Kreisstadt. Zwei Tage vor dem Fest kamen die beiden an. Die Komteß war ihrer Freundin bis zur Eisenbahnstation entgegengefahren. Es war gegen Abend, ich hatte bei Tag im Sonnenlicht gemalt, nun schlenderte ich mit Charlotte durch den Park, dann durch die Felder, wo wir im Westen die Glut des Himmels anstaunten, in der ungeheure goldene Wolken schwammen. Charlotte hatte ein leichtes Sommerkleid an, das die dünnen Ärmchen freiließ. Die Luft war schwül und windstill, und der gelbe Raps duftete verschwenderisch. Wir gingen schweigend. Da fuhr die Kleine plötzlich auf, wies zur Landstraße hinüber und rief: »Sie kommen!«

Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, eine Staubwolke schwebte hinter ihm. Charlotte und ich faßten uns bei der Hand und liefen zur Landstraße hinüber. Dort pflanzten wir uns auf und winkten mit den Taschentüchern, während der Wagen vorüberfuhr. Auch Komteß Anna winkte und die Freundin und der Assessor. Die Freundin war schwarzhaarig, sie hatte schöne, freie Augen und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres und Feines an ihr, eine bezaubernde Anmut. Ich sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung. Ein feines Kind, dachte ich, das wäre etwas für deinen Pinsel, Tedrahn!

Ich schlenderte mit Charlotte zum Schloß zurück. Wir hatten den Wagen so lange vor uns, bis er in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs Blumen gepflückt, sie gab mir davon ab, als ich auf mein Zimmer ging, um mich zum Essen umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, sondern in einem alten weißen Hause, das quer daneben lag, und das man das »Kavalierhaus« nannte.

Als ich dann zum Schloß hinüberschritt, stand Komteß Anna mit ihrer Freundin auf der Terrasse. Die Komteß hatte ein weißes Tuch um die Schultern und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin war kleiner von Gestalt. Ich wußte, daß sie auch siebzehnjährig war. Sie hatte ein bordeauxrotes Tuchkleid an, das Haar lag ihr üppig im Nacken. Ich schritt die Stufen zur Terrasse hinauf, Komteß Anna stellte vor: »Herr Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, Fräulein Leonore Helfinger aus Lübeck.«

»Ah, Lübeck!« sagte ich sofort, »ich kenne die Stadt und liebe sie. Wie lebt man dort eigentlich? Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?«

In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas lässig, sie war ja siebzehn Jahre alt, also ein Kind.

»Nein«, entgegnete sie in gleichgültigem Ton, »ich gehe nicht viel aus.«

Sie wendete sich wieder an die Komteß und plauderte mit ihr, als ob ich nicht vorhanden sei.

›Etwas eigensinnig‹, dachte ich, – ›aber schön, mit allen Reizen der Jugend, feingliedrig und stolz, vielleicht etwas hochmütig. Hier ist etwas zu tun, Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten Kopf mit dem schwarzen Haar und den Augen des erwachenden Mai, – wo bringe ich ihn hin? Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor den blauen Himmel, der von dünnen, weißen, wehenden Wolken bewegt ist? Ich möchte sie tanzen sehen, ich möchte auch sehen, wie sie läuft. Ich möchte die Bewegungen ihres Körpers sehen, die Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft, beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.‹

Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende Malereien. Ich verwünschte es im stillen, daß Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, denn ich fühlte, sie würde mich malerisch beschäftigen, ich würde Bilder der Phantasie komponieren, während ich mit meinen wirklichen Bildern während dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun hatte. Denn in drei Tagen mußte ich reisen, also wozu diese unnütze Verwirrung in meiner Arbeit.

Ein Diener erschien in der Glastür und bat zu Tisch. Wir gingen hinein, die andern waren schon in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf machte mich mit dem Assessor bekannt. Man begab sich in das schöne Eßzimmer, in dem schon die Lichter brannten und die Gardinen gegen den Park zu herabgelassen waren. Ich hatte meinen alten Platz neben der Gräfin, Leonore Helfinger saß mir schräg gegenüber. Der Graf begrüßte sie und den Assessor, indem er sein Glas erhob. Es wurde Champagner getrunken, wie immer, wenn ein neuer Gast aus Carnin einzog.

Ich sagte leise zur Gräfin: »Die kleine Helfinger ist ja wundervoll. Durch meinen Kopf schwirren Bilder auf Bilder, wie ich sie malen möchte.«

»Ich kenne sie kaum«, sagte die Gräfin, »nur aus Annas Erzählungen. Die Mädchen haben die Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist schön zu nennen.«

Nach Tisch warfen wir die Mäntel über und gingen auf die Terrasse. Die Herren rauchten englische Zigaretten. Auch Komteß Anna zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl zurück und stieß kleine Wölkchen in die Luft. Leonore stand am weißen Geländer der Terrasse und sah in den Abend. Es war ein schöner Abend, im Dorf Carnin sangen die Mädchen wieder, der Mond stand am Himmel. Der Graf und der Assessor kamen in ein Gespräch über Brahms. Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man hörte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema angeschlagen wurde. Charlotte stand neben mir und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen geschoben.

»Heute steht der Mond schon über dem Kavalierhaus«, sagte sie, »gestern stand er noch über den gescheckten Ulmen.«

Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit fast strengem Mund hinauf, – aber so streng dieser Mund erschien, es lag etwas Schwärmerisches um ihn her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich das Mondlicht auf den feuchten jungen Lippen brach. Der Mond stand über dem Dach des Kavalierhauses und wandelte dem riesigen Wipfel einer Kastanie zu. Nicht die mindeste Bewegung lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der geöffneten Glastür lehnte, sagte etwas von allzu lauen Frühlingsnächten, es würde einen regnerischen Sommer geben.

»Wir sollten eine Gondelfahrt machen«, schlug die Gräfin vor.

Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, aber gerade sie mußte zurückbleiben, da ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu kühl für sie. Wir verließen die Terrasse: die Gräfin, Komteß Anna, Leonore und ich. Wir schritten um das Schloß herum und durch den dunklen Park hinab zum Teich.

Die Gräfin setzte sich an das Steuer des Bootes, ich nahm die Ruder. Wir trieben sacht dahin. Mitunter hörten wir am Ufer ein Plumpsen, es waren aufgeschreckte Frösche, die in das Wasser sprangen. Leonore und Komteß Anna saßen dicht vor mir, der Mond schien in ihre Gesichter. Ich spürte den Duft dieser frischen, jugendlichen Gestalten. Leonore hatte ein grünes Jäckchen an, ihr Kopf war unbedeckt. Sie sah herrlich aus. Einmal merkte ich, wie sie zusammenschauerte. Es war die Abendluft über dem Wasser. Ich lenkte zum Bootssteg zurück.

Plaudernd schritten wir über den Rasen zum Schloß hinan. Leonore lachte ein paarmal hell auf, ich weiß nicht mehr worüber. Das Lachen höre ich noch, es war wie das Plätschern eines Brunnens. Ich fühlte immer deutlicher, daß ich sie malen müßte. Als ich ihr Gutenacht wünschte, sagte sie: »Morgen zeigen Sie mir Ihre Bilder.«

»Gewiß!« sagte ich. Meine Augen umfingen ihren Kopf mit dem schwarzen Haar wie ein Gemälde.

In meinem Zimmer brannte die Lampe schon. Ich setzte mich hin, nahm Kreide und Papier und suchte den Umriß von Leonores Kopf zu zeichnen. Dann machte ich einen Umriß von ihrer ganzen Figur. Dann wieder nur die Stirn mit dem Haar. Dann strich ich alles aus, da alles Unsinn war.

Ich zündete eine Zigarette an und schritt im Zimmer auf und ab. Ein schöner Kopf, ein süßer Kopf. Am schönsten so: halbes Profil und ein klein wenig nach unten geneigt. Bei Tisch hatte ich sie so gesehen und dicht vor mir im Kahn. So, dachte ich, müßte sie mir einmal sitzen, mit dieser geneigten Nase, mit dieser großen Linie des Haares. Ich ging wieder an den Tisch und machte von neuem ein paar Zeichnungen aus der Erinnerung. Warum war dieses Mädchen jetzt nach Carnin gekommen! Sie nahm mir beinahe das Interesse an meinen großen Bildern fort, an denen ich noch zu arbeiten hatte. Wäre sie doch geblieben, wo sie war! Unwillig warf ich die Kreide fort, entkleidete mich und legte mich schlafen. Draußen schrie eine Eule in den Ulmen. Durch die Dunkelheit sah ich noch immer ein junges, holdes Profil, Züge von einer verhaltenen Leidenschaft, zartrosige Wangen und schwarzes Haar ... Pastell, dachte ich, in Pastell muß man es machen. Lockere, leichte Farben, das Ganze nur wie ein Hauch. Mit diesen Gedanken schlief ich ein.

Der nächste Tag war der Sonnabend vor dem Fest. Ich stand früh auf und nahm das Frühstück auf meinem Zimmer. Dann schleppte ich eins der Bilder in den Park, um es im Frühlicht fertig zu machen. Es stellte ein Rosenbeet dar, rechts und links hohe Taxusbäume, hinten ein altes Gartenhäuschen mit hohem Dach. Ich malte also. Während ich malte, dachte ich: das Bild ist leer, es ist unvollständig. Vor dem Hause fehlt etwas. Die Gestalt der Leonore Helfinger müßte vor dem Gartenhaus stehen, rechts von der Tür, und sich neigen, um eine Blume zu pflücken. Ich kniff die Augen zu und stellte mir vor, wie das Bild dann aussehen würde. Gut, gut. Aber es war ja zu spät! Schade um dich, du leeres Bild. Ich seufzte und malte weiter, unlustig und unzufrieden.

Ich hörte Lachen, blickte mich um und sah die beiden Freundinnen im Sonnenlicht daherschlendern. Sie waren beide in Weiß und hatten gelbe, großkrempige Strohhüte auf.

»Guten Morgen, Herr Maler!« rief Leonore lachend. »Schon so früh bei der Arbeit?«

»Ja, aber es fleckt nicht«, erwiderte ich, »ich bin unzufrieden.«

»Wie schade!« sagte sie, indem sie meine Malerei betrachtete. »Ihr Bild gefällt mir, das ist wirklich der tauige Morgen, der da webt. Ich fände es freilich schöner, wenn eine Figur vor dem Häuschen stünde. Das Bild würde voller dadurch. Finden Sie nicht?«

Ich mußte lächeln.

»Gewiß finde ich das«, entgegnete ich. »Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, sich einmal dort vor dem Hause aufzustellen, damit ich die Wirkung sehe.«

Sie lief hinüber.

Komteß Anna sprach: »Leonore hat recht, – sehen Sie, wie reizend sie dort zwischen den Blumen steht?«

»Ja«, sagte ich, »schade, daß ich nicht eher darauf gekommen bin! Schade! Wenn Sie wüßten, Komteß, wie Ihre Freundin mich malerisch entzückt!« Zu Leonore rief ich hinüber: »Kommen Sie, ich werde sonst traurig, wenn ich Sie noch länger so stehen sehe. Warum sind Sie nicht eher nach Carnin gekommen? Wie gern würde ich Sie malen! Ich möchte eine Skizze von Ihnen machen, heute nachmittag, darf ich?«

»Gern.«

»Hier im Park, in der Sonne, ich freue mich darauf.«

Komteß Anna drängte, zu gehen. Die Mädchen wollten eine Morgenwanderung in die Marsch unternehmen. Sie verabschiedeten sich und verschwanden zwischen den Bäumen. Ich sah die hellen Kleider sich verlieren im Dunkelgrün. Dann arbeitete ich weiter, voll Mißmut. Ich sehnte mich nach andrer Arbeit, aber ich mußte doch meine armen Bilder fertig machen ...

Gegen Mittag kam ich, eine Leinwand unter dem Arm, vom Park her über den Rasenplatz vor dem Schloß. Ich hörte schon aus der Ferne Lachen und Rufe. Die Mädchen spielten Tennis, mit Charlotte und dem Assessor. Fred und Klaus hoben die Bälle auf. Ich blieb, um die Ecke des Schlosses biegend, stehen und sah gerade, wie Leonore, den Schläger mit allen Kräften schwingend, sich hoch auf den Zehen erhob und den Ball durch die Lüfte jagte. Sie stieß einen kleinen Schrei dabei aus, ihr Kleid hatte einen wirbelnden Schwung um die Fesseln der Füße.

Schön, schön, schön! dachte ich. Wundervoll! Sie hat eine Hingabe in der Bewegung ...

Oben von meinem Fenster aus sah ich dem Spiel noch eine Weile zu. Ich setzte mich ans Fenster, hinter die Gardine, so daß mich keiner sah, und skizzierte einige Bewegungsstudien. Dann mußte ich wieder in den Park hinab zum Malen. Nach Tisch kamen die Freundinnen samt Charlotte auf mein Arbeitszimmer, um die Bilder anzusehen. Leonore sah auch die Studien vom Tennisspiel auf einem Stuhle liegen.

»Stammt das von heute?« fragte sie.

»Ja«, entgegnete ich, »erkennen Sie sich nicht? Das sind Sie. Sie hatten ein paar Bewegungen, die mich begeisterten.«

Sie sah mich an, etwas fragend. Ihr Blick war sehr schön. Ein seelenvolles Auge, dachte ich, beinahe kobaltblau, eigentümlich.

Dann gingen wir in den Park. Ich setzte Leonore in die Sonne vor eine grünumsponnene Laube und skizzierte sie. Komteß Anna und Charlotte gingen ans Wasser hinab. Sie schritten singend über eine Brücke. Singend entschwanden sie.

Ich skizzierte Leonore von vorn. Das Licht lag spielend in ihrem Haar. Es flirrte über die weiße Stirn und die rosigen Wangen, und das Grün der Laube gab der Haut und dem weißen Kleid einen eigentümlichen Ton; dies alles war schwierig zu malen.

Leonore plauderte. Erst antwortete ich, wenn auch zerstreut, dann hörte ich nicht mehr hin. Schließlich sagte sie nichts mehr. Es kam etwas Mattes in ihre Züge, ich merkte es wohl. »Verzeihen Sie«, sagte ich, »wenn ich schlecht darauf achte, was Sie sagen. Ich bin zu sehr beschäftigt mit dieser Studie. Wenn mich etwas malerisch in Anspruch nimmt, empfinde ich nichts andres. Verzeihen Sie.«

»Aber bitte«, entgegnete sie. Es klang müde, es klang ein wenig trotzig, es klang herb. Damals achtete ich nicht darauf, ich malte sie ja, das war mir genug. Ich hatte keinen andern Wunsch, als Bilder nach ihr zu malen, ich alberner Geselle!

Die Skizze wurde gut. Ich hörte zur richtigen Zeit auf, so daß sie das Unmittelbare, im Moment Empfundene behielt. Es war Leben darauf, das Gesicht lebte und das Licht der Junisonne auch.

»So habe ich doch wenigstens einen Begriff, einen Anhaltspunkt«, sagte ich. »Ich danke Ihnen.«

Auch ihr gefiel die Studie. Wir schritten zusammen zum Schloß hinüber, ich sprach vom Malen im Freien im allgemeinen. Unterwegs pflückte sie eine rosa Rose und reichte sie mir. Dann ging sie ins Schloß und ich ins Kavalierhaus, um mir eine andre Leinwand zu holen. Die Rose legte ich oben auf den Tisch, ich vergaß, sie ins Wasser zu stellen. Es war ja auch nur eine Rose, es gab deren viele im Park von Carnin.

Dann kam wieder einer der schönen Abende. Wir saßen wie meist auf der Terrasse, der Mond stand am Himmel, die Sterne hatten einen metallisch blanken Glanz. Die Gräfin, ein weißseidenes Tuch um die Schultern, griff Akkorde auf der Gitarre und sang ein französisches Lied. Dann spielte sie deutsche Volkslieder, und wir sangen mit. In den Pausen hörten wir ein süßes Tönen aus der Ferne, das waren die wandernden Mädchen in Carnin. Einmal hörten wir ein unterdrücktes Kichern ganz in der Nähe. Der Graf wußte sofort, was es zu bedeuten hatte. Er sah zu den Fenstern hinauf, hinter denen Fred und Klaus jetzt eigentlich schlafen sollten. Die Jungen lugten in ihren Hemden zum Fenster hinaus und hörten unserm Singen zu. Jetzt, da der Graf sie energisch zu Bett schickte, riefen sie noch einmal »Gute Nacht!«, man hörte, wie sie lachten, dann schlossen sie die Fenster, und es war wieder still.

Man begab sich in den Salon, um noch eine Tasse Tee zu trinken. Vorher verabschiedete sich Charlotte, da ihre Schlafenszeit gekommen war. »Charlotte«, sagte ich, »morgen ist Pfingsten, da kommen ganz früh die Elben von der Geest herunter, um die Maien zu bringen, du weißt. Ich möchte die Elben gern zu Gesicht bekommen, hoffentlich finde ich früh genug aus dem Bett. Ich werde sie für Dich um eine kleine Maie extra bitten, – ja?«

»Das wäre reizend«, sagte sie, »aber Sie müssen auch für Fräulein Leonore eine Maie zu bekommen suchen, sie hat doch heute so fein stillgehalten beim Malen.«

»Das ist wahr«, sagte ich.

»Fräulein Leonore liebe ich sehr«, flüsterte Charlotte, als verkünde sie mir ein Geheimnis, »ihr Mund ist doch bezaubernd, und auch ihre Augen, – nicht wahr?«

Dann ging sie, ich sah dem Schreiten ihrer Kinderfüße nach. Darauf sah ich zu Leonore hinüber. Sie saß in einem großen geblümten Polsterstuhl und führte gerade eine Schale Tee an die Lippen. Das rote Licht einer Lampe, auf der ein karmoisinfarbener Schirm lag, fiel auf sie. Natürlich sah ich sofort wieder ein Bild. Es war mein Verhängnis, daß ich immer Bilder, Bilder, Bilder sah, wenn meine Augen auf dies Mädchen fielen. Das rötliche Licht war magisch um sie her. Der zwanglos gehobene Arm, das schimmernde Haar, – ich war schon wieder ganz mit einem malerischen Problem beschäftigt. Da brachte mir ein Diener Tee. Und kurz darauf trat der Assessor auf mich zu und verstrickte mich in ein Gespräch.

Der Graf machte, ehe er sich zurückzog, einen Vorschlag, der von allen freudig begrüßt wurde. Er schlug nämlich vor, daß man am folgenden Tage in den seidenen Kostümen des achtzehnten Jahrhunderts, deren es in der Kleiderkammer des Schlosses eine Menge gab, zum Diner kommen sollte. Auch er und die Gräfin versprachen, sich zu kostümieren.

Man trennte sich. Der Assessor und ich saßen noch eine Weile in den alten Lederstühlen der Bibliothek bei Tabak und Bier.

Endlich fingen wir an zu gähnen, erhoben uns und schlenderten zum Kavalierhaus hinüber. Es war eine laue, windstille Nacht, der Jasmin duftete betäubend. Unsere Schritte klangen einsam hallend auf dem hellen Kies, sonst hörte man nichts.

»Übrigens, dies Fräulein Helfinger«, sagte der Assessor, ehe wir in das Kavalierhaus eintraten, »ein entzückendes Geschöpf. Man möchte sie immer ansehen, finden Sie nicht?«

»Ein Bild«, entgegnete ich, »ein wirkliches Bild, ich versichere Sie, ich kann es beurteilen, ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie sie will, es ist immer ein Bild. Es macht mich rasend, daß ich keine Zeit habe, sie zu malen. Was ist eine Skizze?«

»Ja, ja, ich glaube Ihnen«, sagte der Assessor.

Pfingstsonntag. Früh hatte ich zu arbeiten, nachher läuteten die Glocken zum Kirchgang; müde ließ ich meine Hände ruhen. Ich sah, wie das gräfliche Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die Jungen gemeinsam zur Kirche schritten. Der Assessor streifte durch den Park, in weißen Beinkleidern und blauer Jacke. Als er mich sah, kam er auf mich zu und fragte, ob ich mit Tennis spielen wolle; die jungen Damen warteten schon auf der Terrasse. »Jawohl«, sagte ich, »mit Vergnügen.« Der Assessor half mir die Malsachen schleppen, dann spielten wir Tennis.

Die Mädchen hatten dunkelblaue, fußfreie Kleider und weiße Blusen an. Komteß Anna hatte einen roten Filzhut über das Haar gestülpt, Leonore trug das Haar frei. Ich spielte mit Komteß Anna, der Assessor mit Leonore. Ein Diener suchte die Bälle. Ich verwünschte es im stillen, daß ich an diesem Spiel teilnahm, ich hätte viel lieber daneben gesessen und Studien nach Leonores Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig und doch von so starkem Temperament.

»Warum sehen Sie mich immer so an?« fragte sie einmal, nicht unwillig, sondern mit einem Lächeln.

»Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch«, entgegnete ich, »verzeihen Sie, wenn ich Sie so oft ansehe.«

Ich machte eine Verbeugung wie vor einer Dame, wobei ich dachte: Diese Verbeugung ist unnötig, sie ist ja ein Kind. Ich bemühte mich, sie in Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile gelang es mir. Dann fiel ich in meinen alten Fehler zurück.

Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach ihr zu machen. Sie hatte Bewegungen beim Spiel, die sie wie eine Blüte erscheinen ließen; das war, wenn sie den Hals streckte und den Kopf etwas zurückwarf. Einmal gab sie mir einen Ball in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre Augen, als sie mir den Ball gab. Das sind süße, leidenschaftliche Augen, dachte ich, und dieses sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie ich das malen könnte. Ich dachte immer nur ans Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle!

Nachmittags probte alles alte Kostüme. Ich hatte mir einen Rock aus hellgrauer Seide hervorgesucht, der mit Rosengirlanden bestickt war; dazu einen Kavalierdegen und Eskarpins. In diesem Kostüm saß ich noch eine Weile am Tisch meines Zimmers und machte aus der Erinnerung Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. Dann tönte das Gong, ich ging zum Diner hinüber ins Schloß.

In dem blauen Salon traf ich die beiden Freundinnen. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Die Mädchen sahen so überraschend echt in ihren Kostümen aus, daß ich meinte, ich sähe eine Vision aus der Zeit des ancien régime. Leonore trug ein langes, silberbesticktes Gewand aus blaugrauem Brokat, das hinten schleppte. Hals und Schultern waren frei. Sie trug eine hohe bepuderte Coiffüre, in der eine mattrote Rose steckte. Auf der einen Wange, nahe der Schläfe, lag ein schwarzes Pflästerchen. Ich sah sie zuerst im Profil, sie blickte gegen das Licht zum Fenster hin und hielt spielend einen alten Fächer in der Hand.

Komteß Anna war in Grünblau. Auch sie hatte bepudertes Haar, ihr Gewand war glockenförmig. Sie trat mir lachend entgegen und fragte:

»Wie gefallen wir Ihnen, Marquis?«

»Ich bin hingerissen«, sagte ich, »Sie sollten immer solche Kleider tragen. Auch Sie, Fräulein Helfinger.«

Leonore sah mich an, mit einem Lächeln. Wie wundervoll war die blaßrote Rose in ihrem bepuderten Haar! Wie mädchenhaft hold die Linie von dem feinen Hals zu den Schultern.

»Wahrhaftig, man sollte das malen«, sagte ich, »ganz in Silber und Grau.« Ich kniff die Augen ein wenig zu und betrachtete sie.

Da verschwand das Lächeln von ihrem Mund.

Sie wendete sich ab, fast verdrossen, und sah wieder zum Fenster hinaus, mit verhangenem Blick, als dächte sie an Fernes. Ich sah hinüber zu ihr und dachte: Wie reizend wäre es, wenn ich sie jetzt skizzieren könnte! ...

Nun kamen die andern. Die Gräfin kam in schwarzer Seide, mit grauer Perücke. Der Graf hatte eine Uniform aus der Zeit der Freiheitskriege angelegt. Charlotte trug ein geblümtes Kleidchen von 1830. Auf ihrem offenen Haar, das zu langen Locken gedreht war, lag ein dünner Kranz aus Tausendschönchen. Dieses zarte Kind war wie ein schwebendes Lied, wie eine verwehende Melodie.

Der Assessor trug ein Kostüm vom Schnitt des meinigen, aber in Hellblau. Die Gouvernante hatte ein Gewand aus der Schwedenzeit angelegt. Der Hauslehrer ging in einem altväterlichen Rock mit breiten Aufschlägen aus Samt. Fred und Klaus kamen in ihren Matrosenkitteln und machten bösartige Glossen über die andern.

Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte Leonore zu führen. Leicht und ernst hing sie an meinem Arm, ein Traum.

Bei Tisch war ich mir immer bewußt, daß ein Profil von seltener Kostbarkeit an meiner Seite war; daß ich jammervoll die Zeit versäumte, da ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie Grubbe zu sprechen, den Roman von Jens Peter Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch gelesen habe.

»Ja«, sagte sie, »ich habe es gelesen, aber ich habe es zerrissen und verbrannt.«

Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt!

»Später werden Sie das Buch wieder lesen«, sagte ich, »dann werden Sie es nicht verbrennen, sondern Sie werden es lieben.«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Wissen Sie, wie ich Sie malen möchte?« sagte ich. »Wie Marie Grubbe möchte ich Sie malen, als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo sie in der Laube sitzt und mit den nackten Armen in den Rosen wühlt.«

Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches in ihren Augen. Ich nahm das Glas, in dem der Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf ihr Wohl. Auch sie nahm ihr Glas, wir stießen an. Ich sehe noch die holde Neigung ihres Kopfes, da wir anstießen. Auf ihren rosigen Wangen waren Spuren weißen Puders zu bemerken, der aus dem Haar herabgeglitten war.

Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich suchte alles Wichtige der Form und der Farbe in mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend, daß ich immer nur ihr Äußeres betrachtete?

»Sie ahnen nicht«, sagte ich, »wie die mattrote Rose zum Grau Ihres Haares steht. Es ist eine Harmonie, die mich begeistert.«

»Darf ich Ihnen die Rose schenken?« fragte sie demütig.

»Nein, nein«, entgegnete ich, »lassen Sie die Blüte in Ihrem Haar, es gibt keinen besseren Platz für sie!«

Ich nahm die Rose nicht, die sie mir anbot.

Sie sah müde vor sich hin. »Ich werde sie Ihnen heute Abend schenken, ehe wir uns trennen«, sagte sie leise.

»Oh, ich danke Ihnen«, erwiderte ich, »ich danke Ihnen.«

Nach Tisch ging alles in den Park. Ich lief hinüber auf mein Zimmer, ergriff ein Skizzenbuch und steckte es in die Brust. Es war gegen Sonnenuntergang. Es war die Stunde, wo die Bäume des Parks in einer stillen Verklärung in die Lüfte ragen, wo alle Umrisse größer und feierlicher zu werden beginnen. Die Abendsonne hing goldig in den Wipfeln der Kastanien. Wir schritten paarweis die gewundenen Kieswege hin, Leonore und ich zuletzt. Es war ein traumhaftes Bild, die bunten, in Seide gekleideten Menschen zwischen den Bäumen und blühenden Bosketts des alten Gartens, der solche bepuderten Menschen schon früher gesehen hatte und sehr erstaunt sein mochte, sie plötzlich noch einmal auftauchen zu sehen.

Wir kamen über eine weiße Brücke und spiegelten uns in dem dunkeln Wasser. Leonore und ich verweilten einige Zeit auf der Brücke, die andern entschwanden. Es war nicht genau zu erkennen, wohin sie gegangen waren. Wir schlenderten durch den Eichenhain, jenseits des Wassers, Leonore und ich allein. Wir kamen an den Deich, ein schräger Pfad führte empor. Ich mußte Leonores Arm freilassen, sie schritt langsam vor mir hinan. Ich sehe noch den schönen Umriß der schlanken, aufwärtsschreitenden Gestalt, den bloßen Nacken und das graue Haar ...

Auf dem Deich umflammte uns die Abendsonne. Zu unsern Füßen lagen die Wiesen der Marsch, ganz mit rotblühendem Sauerampfer bestanden und übergossen von den purpurnen Strahlen des vergehenden Lichts. Es war ein so ungeheures Rot in den Wiesen eingefangen, daß man glaubte, man sähe über ein blutiges, loderndes Meer. Wir blickten hinaus, Leonore hatte ein kleines süßes Staunen im Gesicht, ihr Mund war ein wenig geöffnet. Etwas Wehes war um ihre Gestalt. Ich holte schnell das Skizzenbuch hervor, um die Linien ihres Profils festzuhalten. Da sah sie, was ich tat, – und es geschah etwas ...

Sie starrte mich an, mit flammendem, zornigem Blick, aus dem eine ersterbende Leidenschaft grüßte. Dann hob sie die Arme empor und dehnte sie mir entgegen, sehnsüchtig, mit einer Gebärde des Überschwangs! Dann ließ sie die Arme sinken, ermüdet, mit einem Zittern.

Ich stand da wie ein geschlagener Knabe. Mir war, als sei auf einmal eine Binde von meinen Augen gerissen. Ja, plötzlich sah ich klar. Dieser junge stolze Mensch da vor mir war erfüllt gewesen von einem strahlenden Gefühl der Liebe, – ich aber hatte sie immer nur malen wollen, meine blöden Augen hatten nichts weiter als das Malerische an ihr gesehen! Jetzt merkte ich, wie sehr ich sie durch mein Betragen verletzt hatte. Ich hatte sie ja mit Füßen getreten! In ihr war eine schöne Welle aufgestiegen, die ihr Gefühl mit Macht zu mir hinübertrug, – ich aber hatte kalt nur ihr Äußeres betrachtet, um es für meine Malereien zu verwenden!

Für einen Augenblick kam etwas Unruhiges in sie. Dann hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen.

»Kommen Sie«, sagte sie kühl, »wir wollen zu den andern gehen.« Damit war sie schon auf dem Wege den Deich hinab. In mir siedete es. Was sollte ich tun, um diesen tiefgekränkten Menschen zu versöhnen? Es kreiste und schwankte vor meinen Augen.

»Fräulein Leonore –«, sagte ich, wie um Verzeihung bittend.

Aber sie hörte nicht. Etwas Abweisendes lag um ihren Mund, auch ihre Augen waren streng und herbe. Wir hörten Lachen, die Kleider der andern schimmerten vor uns durch das Laub.

»Hallo!« rief Leonore.

Begrüßung. Dann stieg alles hinauf auf den Deich. Man plauderte, lachte, staunte laut über das purpurne Lichtmeer in den Wiesen. Leonore sprach unbefangen mit Komteß Anna und dem Assessor. Ich wagte mich nicht an ihre Seite, ich war innerlich zerschmettert. Mir war elend zu Sinn wie in einer Krankheit.

Leonore lachte, scherzte, und auf dem Rückweg nach dem Schloß hängte sie sich plaudernd in Charlottes Arm. Sie schien sehr fröhlich zu sein, aber mich sah sie nicht. In mir wallte es auf und nieder, es fiel mir schwer, an der Unterhaltung teilzunehmen, in die mich der Graf und die Gräfin verstrickten. Ich tappte wie ein Traumwandler hin.

Nachher Tanz im Schloß. Die Gräfin drehte einen kleinen Leierkasten. Ich tanzte zuerst mit Leonore; sie bat bald, aufzuhören. Ich sprach ein paar Worte in demütigem Ton zu ihr, sie antwortete nicht. Mit den andern war sie froh und unbefangen, mitunter beinahe ausgelassen, so daß ich erstaunte. Ihre Mienen wurden streng und abweisend, sobald sie in meine Nähe kam. Einmal stand sie in der Nische eines Fensters allein und sah in den dunkelnden Park. Ich trat neben sie, voll Demut, bittende Worte stammelnd, und suchte ihre Hand zu küssen. Sie verhinderte es, sie schüttelte abwehrend das Haupt und winkte Charlotte zu uns herüber, damit wir nicht allein in der Nische ständen.

Der ganze Abend war eine Qual. Es sah elend in mir aus. Ich dachte daran, wie ich sie mit kühlem Auge und ruhigem Blut gemalt und skizziert hatte – und hätte mich züchtigen mögen. Du verdientest, daß man dich an den Pranger stellte und öffentlich auspeitschte, dachte ich. Ich begriff mich selbst nicht, mir graute vor meinem albernen Künstlertum, ich haßte mich wie einen Feind.

Leonore wußte es einzurichten, daß wir während des Abends nur in die flüchtigste Berührung kamen. Hin und wieder warb ich voll Demut um einen freundlichen Blick von ihr, aber umsonst. Es war zum Verzweifeln.

Beim Gutenachtwünschen trat sie vor mich hin und sagte: »Ich versprach, Ihnen die Rose aus meinem Haar zu schenken. Sehen Sie doch, sie ist verloren gegangen, ich kann Ihnen die Rose nicht schenken. Verzeihen Sie.«

Ich verneigte mich, sie wendete sich zu den andern. Sie hatte die Rose fortgeworfen, das ist klar. Ich biß mich auf die Lippen, in mir stieg es auf vor Weh und Gram. Ich sah ihr nach, wie sie mit Komteß Anna und Charlotte das Zimmer verließ. Das schleppende Gewand sah ich und die blassen, jugendlich schönen Schultern und die Haltung der Arme im Kerzenlicht ... Aber diesmal dachte ich nicht ans Malen, ich war erfüllt von Qual und Sehnsucht.

Der folgende Tag war entsetzlich. Es war mein letzter Tag auf Carnin, er machte mich krank und matt. Leonore wich mir aus, sie vermied es, auch nur einen Augenblick mit mir allein zu sein. Wir spielten Tennis, sie lachte und schwang den Schläger mit Obacht und Grazie, sie plauderte harmlos mit den andern, aber zu mir sprach sie niemals. Ich merkte: Es ist alles hoffnungslos; du hast ihr Gefühl zu heftig mit Füßen getreten; hier ist nichts mehr gutzumachen; es geschieht dir recht, Kunstmaler Tedrahn!

Wie warb ich um einen Blick, um ein freundliches Wort von ihr, wie habe ich mich gedemütigt! Aber sie blieb hart und kalt, sie beachtete mich nicht, sie war nicht zu erweichen, sie strafte mich mit Verachtung.

Ich litt, ich dachte: wenn doch dieser Tag erst zu Ende wäre, du erträgst es ja nicht! Aber ich wußte auch, daß nach diesem Tage alles vorüber sein würde, daß ich sie nicht wiedersehen würde, daß ich ruhelos sein würde und voll Kasteiung gegen mich selbst, im Bewußtsein meines verrückten Benehmens, das mir dieses Glück für immer verscherzt hatte.

Und der Tag ging hin, dieser qualvolle, zermürbende Tag. Abends saßen wir das letztemal auf der Terrasse. Der Graf ließ Sekt reichen, als Abschiedstrunk. Wir stießen an, mein Glas stieß klirrend an Leonores, sie lachte Charlotte dabei an, mich sah sie nicht. Sie sah schön aus, sie hatte ein blaues Tüchlein über dem schwarzen Haar. Ich hielt es nicht aus, ich verabschiedete mich, da ich noch zu packen hätte. In aller Frühe des folgenden Tages mußte ich fahren, ich sagte allen Lebewohl. Leonore gab mir die Hand, sie war ruhig und kühl.

Dann schritt ich in meinem Zimmer auf und ab, wie ein gemartertes Tier im Käfig, stundenlang. Ich hörte die Stimmen von der Terrasse her. Mitunter hielt ich an und lauschte, – wenn ich Leonores Stimme zu hören meinte. Ich war voll wirrer, qualvoller Empfindungen, und ein Gefühl unbeschreiblichen Ekels quoll in mir auf, wenn ich die Bilder sah, die gegen die Wand lehnten. Einmal erhob ich den Fuß und rannte ihn blindlings in eins der Bilder hinein, voll Wut auf diese verfluchte Kunst, die mich um das schönste menschliche Erleben gebracht hatte. Mit diesem Fußtritt des Hasses hatte ich mein bestes Bild zerstört, das Bild des abendlichen Schlosses mit den Gestalten der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. Es war hinüber, ich stieß ein Gelächter aus.

Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Ich packte, ich suchte zu lesen, ich sah lange Zeit, Zigaretten rauchend, aus dem Fenster in die warme, duftende Nachtluft, zum Schloß hinüber, wo ich das Fenster erkennen konnte, hinter dem Leonore schlief. Dann wanderte ich wieder hin und her. Ich begann einen Brief an Leonore zu schreiben und zerriß ihn wieder. Ich legte mich aufs Bett, ohne mich auszukleiden, und erwartete den Morgen.

In aller Frühe klopfte der Diener und brachte Tee. Dann hörte ich den Wagen auf dem Kies vorfahren, mein Gepäck wurde aufgeladen, ich warf den Mantel um, ging hinunter, und die tauige Luft tat meinen erhitzten Wangen wohl. Das Handpferd wieherte in die Frühe, voll Übermut. Ich blickte noch einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem Leonore lag. Ich fühlte mich elend, ausgestoßen und krank. Mich fröstelte, als hätte ich Fieber. Die Schimmel zogen an, es ging die Lindenallee hinunter, dann durch die gelben Rapsfelder, aus denen schwere Wolken von Duft aufstiegen.

Die Sonne lag golden über den Feldern, die Lerchen sangen. Mich marterten die Lerchen und die Sonne. Ach, könnte ich doch schlafen, dachte ich.

Das Bildnis der Geliebten

Gregor, ein Student der Medizin, war ein hübscher Bursche. Er war schlank gewachsen, hatte eine schöne Stirn, und seine Augen waren groß und klug. Aber der Arme war brustkrank. Man sah es ihm zwar kaum an, nur wenn er hüstelte und seine schlechten Tage hatte, merkte man es.

Seit kurzer Zeit hatte er eine Geliebte mit Namen Mimi, eine kleine Verkäuferin in einem Weißwarengeschäft. Dort hatte er sie das erstemal gesehen, als er sich einige Taschentücher gekauft hatte. Er hatte dabei, während sie ihm die Tücher vorzeigte, besonders ihre Hände bewundert, die schmal und rosig waren und deren Finger sich so auffallend vornehm und ruhig bewegten. Dann hatte er, ganz erstaunt über die schwermütige Schönheit der Hände, in das Gesicht des Mädchens hinaufgeblickt und hatte ein Paar Augen darin gesehen, die noch viel schöner waren: silbergraue Augen, mit einem zärtlichen Glanz und von langen, braunen Wimpern eingefaßt. Gregor starrte so lange in diese Sterne hinein, bis das Mädchen unwillig wurde. Sie fing an mit Nachdruck von den Taschentüchern zu sprechen. Er entschloß sich für irgendwelche, ließ sie sich einpacken und stolperte hinaus.

Er kam bald wieder, sah sich von neuem Taschentücher an und benahm sich diesmal besonnener und gesitteter. Sie war freundlich zu ihm und dachte bei sich: ›Ein hübscher Mensch; nur etwas kränklich sieht er aus; aber eine so schöne Stirn habe ich selten gesehen.‹

Er empfand es wohl, daß sie liebenswürdig war, und bemerkte mit innerem Jubel die Gefälligkeit ihrer Hände. Er ging, nachdem er sich wieder von den Tüchern hatte geben lassen, wie ein Trunkener heim, öffnete zu Haus das Paketchen und befühlte lächelnd den weißen Stoff, den auch ihre Hände berührt hatten.

Als er dann das drittemal kam, fand er schon den Mut zu einem scherzenden Wort. Sie ging darauf ein und dachte wieder: ›Wie hübsch und schlank er ist.‹ Zum Schluß reichte er ihr die Hand, und sie zögerte nicht, die ihrige hineinzulegen. Dies war das letztemal, daß er Taschentücher bei ihr gekauft hatte.

Am Abend des folgenden Tages nämlich, um die Stunde, da man die Läden schließt, tat er so, als ginge er zufällig an ihrem Geschäft vorüber, irgendeinem andern Ziele zu. Als sie den Laden verließ, stellte er sich, als sei er ganz erstaunt, plötzlich ihr Gesicht auftauchen zu sehen, grüßte, richtete ein paar Worte an sie, und auf einmal waren sie im Gespräch. Sie gingen zusammen durch die Straßen, plauderten, und wenn ihre Augen sich trafen, erkannte ein jeder von ihnen die sehnsüchtigen Gefühle des andern. So schritten sie durch den sanften Herbstabend und kamen in einen öffentlichen Garten, wo gerade das erste Laub von den Bäumen fiel. Sie fanden eine stille Bank, legten die Arme umeinander und küßten sich. Er griff glücklich in ihr braunes Haar und entzückte sich an der sanften Linie ihrer Schultern.

So hatte der Student Gregor eine Geliebte bekommen, die Mimi hieß.

Sie waren viel zusammen. Er holte sie des Abends vom Geschäft ab, dann gingen sie zu ihm und aßen etwas. Danach nahmen sie sich bei der Hand und wanderten durch die Straßen oder in einen Park, bis sie müde wurden.

So lebten sie dahin, jung und glücklich. Nur die Stunden, in denen er sich elend fühlte, warfen graue Schatten in ihr Dasein. Er suchte zwar diese Zustände und Stimmungen zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Sie fühlte wohl, wie es mit ihm stand.

Eines Abends, als Gregor seine Geliebte nach Haus begleitete, klagte sie über Schmerzen im Halse. Am nächsten Morgen hatte sich der Zustand so verschlimmert, daß sie nicht fähig war, das Geschäft zu besuchen. Sie fieberte und mußte das Bett hüten. Gregor ahnte etwas und ging schon im Laufe des Vormittags zu ihr, um nachzusehen. Er fand Mimi blaß und müde in den Kissen. Sie freute sich wie ein Kind, als sie ihn kommen sah, und küßte lächelnd seine Hände. Gregor ließ sich an ihrem Lager nieder, fühlte ihren Puls und sah in den Hals. Dann schrieb er ein Rezept und gab es der Wirtin, die forteilte, um die Medizin zu besorgen. Gregor nahm Mimis Hand, neigte sich auf ihr Bett und sprach freundliche Worte zu ihr nieder.

Allmählich schlossen sich ihre Augen, und ihre Brust begann ruhiger zu gehen. Sie schlief ein. Gregor betrachtete die Ruhe ihres weißen Gesichtchens und dachte: ›Nun ist sie auch krank.‹ Mit diesem Gefühl mischte sich ein anderes, merkwürdiges. Es war beinahe wie ein Triumph. Ihm war, als empfände er es als eine Befriedigung, daß er nun nicht mehr allein von ihnen beiden der Bemitleidenswerte sei. Aber dieses Empfinden, kaum entstanden, verdroß ihn aufs tiefste, und er schalt sich niedrig und gemein. Er mußte husten. Er wußte ja, daß er unendlich kränker war als sie. Sie war nur erkältet, das ging vorüber. Bei ihm saß es tiefer.

Es klopfte. Die Wirtin kam und brachte die Medizin. Er nahm sie ab, entkorkte die kleine Flasche und stellte sie auf das Nachttischchen. Er wollte Mimi nicht wecken, der Schlaf tat ihr besser als alle Medizin. Er blieb an ihrem Bette sitzen, horchte auf ihren Atem, und tausend Vorstellungen zogen durch sein Gehirn. Sein Auge wanderte in dem Zimmer umher, das er noch nicht sehr oft betreten hatte. Es war ursprünglich ein Mietszimmer nach der Schablone gewesen, aber jetzt konnte man überall die Spuren sorgender Hände entdecken. So war das Zimmer wohnlich und freundlich geworden, es hatte ein Gesicht bekommen, es war das Zimmer der kleinen Mimi mit dem beweglichen Sinn für das Bunte und Heitere.

An der dem Bett gegenüber gelegenen Wand stand ein schmaler Schreibtisch, der den Eindruck machte, als würde er selten oder nie benutzt. Allerhand Sächelchen standen darauf herum, kleine Tiere aus Porzellan, chinesische Figürchen und ein paar Flacons und bunte Kästen. In der Mitte von dem allen prunkte eine flache silberne Schale, angefüllt mit Photographien. Gregor ging auf leisen Füßen hinüber, holte sich die Schale an das Bett und stöberte in den Bildern herum. Es waren Freundinnen und Verwandte Mimis, die Kinder ihrer Wirtin und dergleichen mehr. Ganz zuunterst lag ein kleines Bildnis, das den Studenten, sobald er es sah, auf das sonderbarste berührte. Es stellte Mimi dar. Auf der Rückseite war vermerkt: sechzehn Jahre alt.

Sie stand in einem weißen Kleidchen da, und die ganze Figur war zu sehen. Ihre schönen Augen blickten geradeaus, die Hände hielt sie auf dem Rücken verschränkt. Es war das Bildnis eines reinen, unberührten Kindes, das noch von dem Brausen der Welt und von sich selbst nichts weiß. Wie eine weiße Blüte im Frühling stand sie da.

Gregor staunte das Bild an wie ein enthülltes Geheimnis. Er vergaß darüber ganz, daß die lebende Geliebte da neben ihm lag und atmete. Er empfand nichts weiter als die Schönheit dieses lieblichen Bildes. Seine Augen sogen sich förmlich fest daran.

Mimi bewegte sich und sprach einige zusammenhanglose Worte. Gregor steckte die gefundene Photographie in die Brusttasche und trug die silberne Schale auf den Schreibtisch zurück. Dann trat er wieder an das Bett, gerade als Mimi erwachte. Sie sah ihn aus fieberigen Augen an. Er wagte kaum in diese Augen hineinzusehen, wie in dem Bewußtsein einer Schuld. Er goß einige Tropfen Medizin in einen Löffel und reichte sie ihr. Sie nahm den Trank und ließ den matten Kopf schnell wieder zurück in die Kissen sinken.

Nachher, als sie wieder schlief, nahm er das Bild von neuem vor. Er meinte, nie so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, da er sich im Besitz dieses Schatzes wußte. Er führte das Bild an die Lippen und küßte es mit geschlossenen Augen. Es wollte ihm scheinen, daß er erst jetzt gefunden habe, was er bisher noch immer unbewußt entbehrt hatte. Ja, ihm war, als müßte die Zukunft nun hell und freundlich sein. Er drückte das Bild an die Brust, voll leidenschaftlichen Fühlens, und sprach zu ihm in erregten Gedanken. Aber wenn seine Augen dann neben sich auf die ahnungslos Schlafende niederfielen, trübten sie sich und verloren den Ausdruck der Freude.

Nach einer Woche ungefähr war Mimi leidlich wiederhergestellt. Als er sie das erstemal ausführte, lenkten sie ihre Schritte in jenen Park, in dem sie sich das erstemal geküßt hatten. Sie fanden auch die Bank wieder, auf der sie damals gesessen hatten, und da gerade ein schöner sonnendurchwobener Tag war, ließen sie sich für ein Weilchen auf dem vertrauten Sitze nieder. Mimi sah noch bleich aus, aber sie wurde von einem unsagbar wohligen Gefühl durchströmt, wie es die Genesenden zu empfinden pflegen. Er hatte seinen Arm in den ihrigen gelegt, und ihre Hände ruhten vereint in Mimis Schoß. Das Mädchen sprach mit sanfter Stimme:

»Jetzt sind die Bäume leer. Damals hing noch fast alles Laub zu unseren Häupten. Weißt Du noch?«

»Ich weiß.«

»Damals küßtest Du mich in großer Liebe. Hast Du mich noch so lieb?«

»Ja, ja, ja, ich habe Dich noch so lieb. Immer.«

Er mußte, indem er es sagte, an das Bild denken, das auf seinem Herzen lag. Daher kam die Innigkeit in seine Stimme. Aber er vergaß, Mimi zu küssen.

»Warum küßt Du mich nicht?« fragte sie.

»Mimi, warst Du sehr schön, als Du sechzehn warst? Schön wie ein Engel warst Du, glaube ich.«

»Ich verstehe Deine Worte nicht. Hast Du mich nicht mehr lieb?«

»Doch, doch. Aber ich gäbe meine Seligkeit hin, wenn ich Dich hätte sehen können, als Du sechzehn warst.«

Dann legte er schnell sein Gesicht auf ihres und küßte ihre Augen, ihre Stirn, ihre Wangen, ihren Mund, mit wilder Leidenschaft. Es war, weil seine Gedanken meinten, ein süßes, vielgeliebtes Bild zu küssen.

Mimi merkte, daß eine Veränderung in Gregor vorgegangen war. Er zeigte sich über die Maßen zerstreut, hustete mehr als früher und wurde immer spärlicher in den Äußerungen seiner Liebe. Das bekümmerte Mädchen dachte nach, worin diese Veränderung ihren Grund haben könnte. Sie meinte zuerst, daß sie eine Folge der offenbaren Verschlechterung seines körperlichen Zustandes sei. Gregor war zweifellos sehr krank. Er sprach gar nicht mehr über sein Leiden, desto schwerer mußte es ihn innerlich bedrücken. Aber dann kamen auch gute Tage, an denen er sich leicht fühlte wie ein Vogel in der Luft: sein Benehmen aber blieb das gleiche. Er griff ihr nicht mehr mit der Hand übers Haar, und aus seinen Küssen schlug kein Feuer.

Mimi fühlte: seine Krankheit ist es nicht. Zumindest ist es seine Krankheit nicht allein. Es ist ein anderes Mädchen, das seine Gedanken beschäftigt und ihn zu mir so lau sein läßt. Er liebt eine andere und will es nicht gestehen, mir nicht und vielleicht sich selber nicht. Aber er soll es mir sagen, das ist er mir schuldig, denn ich kann diese grauen, schleppenden Tage nicht länger ertragen.

Eines Abends, es war in seiner Wohnung, sprach sie dann ganz ruhig zu ihm, – freilich, es kostete sie große Mühe, daß sie diese Ruhe erzwang –:

»Gregor, Du liebst mich nicht mehr. Ich fühle es an allem, Du trägst das Bild einer andern in Dir. Lüge nicht. Erlöse mich, gestehe es ein.«

Gregor sah bleich und mit verlorenen Augen an dem Mädchen vorüber, wie in eine Ferne. Dann rang es sich tropfenweise von seinen Lippen:

»Das Bild einer andern? Das ist nicht wahr! Dein Bild und kein anderes trage ich in mir, bei meiner Seele!«

Er senkte den Kopf zu Boden und starrte vor sich hin, dumpf und schweigend. Mimi wagte nichts zu erwidern. Sie sah ihn an, verängstigt und in großem Mitleid. Sie wußte nicht, was sie tun oder sagen sollte. Da bemerkte sie, daß sich ein paar Tränen aus seinen Augen stahlen und zu Boden stürzten. Ein unendlicher Jammer ergriff sie, daß sie selbst laut hätte weinen mögen. Aber das tat sie nicht. Sie stand auf und setzte sich neben ihn, ergriff sein Haupt, lehnte es an ihre Brust und sprach:

»Armer Gregor.«

Da schlang er seine Arme um ihren Leib, fest, als übermanne ihn die Furcht, daß er die Geliebte verlieren könne. Er schluchzte zum Herzzerbrechen, es war, als ob eine wilde innere Zerrüttung ihn wahnsinnig machen wolle.

Aber als er sich beruhigt hatte und Mimi ihn mit Vorsicht zu fragen wagte, was ihm sei? was ihn quäle? er solle sich doch durch eine Aussprache erleichtern, schüttelte er abwehrend den Kopf und sagte nur:

»Es ist nichts. Du kannst mir nicht helfen. Es wird alles vorübergehen.«

Damit mußte sie sich begnügen. Es schmerzte sie freilich, daß er es verschmähte, sich ihr anzuvertrauen. Früher hatte er ihr nie etwas verschwiegen. Aber sie dachte bei sich: Ich werde es dennoch erfahren. Es ist eine andere, ich weiß es gewiß. Es wird alles offenbar werden.

Für einen Sonntagnachmittag hatte man sich derart verabredet, daß Mimi um drei Uhr zu Gregor kommen sollte, um ihn abzuholen; bis dahin hatte er in der Klinik zu tun. Mimi verfrühte sich und traf schon vor der festgesetzten Stunde in Gregors Wohnung ein. Sie wartete, und als sie ihn endlich die Treppe heraufkommen hörte, schlüpfte sie schnell in das anstoßende Schlafzimmer, um sich zu verbergen und dem Geliebten eine Überraschung zu bereiten. Gregor trat in sein Zimmer, legte Hut und Mantel ab, hustete heftig und legte sich auf den Diwan. Mimi beobachtete ihn durch die Portière, ohne daß er eine Ahnung von ihrer Anwesenheit hatte. Er fühlte eine Weile seinen Puls und neigte bedenklich den Kopf hin und her, als ob er einen fremden Patienten vor sich habe. Dann griff er in die Brusttasche und holte eine Photographie hervor. Er sah sie lange an, mit verzückten Augen. Darauf führte er sie an den Mund und küßte sie mit Leidenschaft. Er drückte sie an sein Herz, an seine Stirn, auf seine Augen und küßte sie wieder, unablässig, aufgeregt wie ein Wahnsinniger.

Mimi traute ihren Augen nicht. Es schwirrte ihr durch den Kopf wie ein Schwarm nächtiger Vögel. Ein Gedanke jagte den andern. Dann stand es ihr klar im Bewußtsein: das Bild da ist es, das Bild!

Sie wußte kaum, was sie tat. Sie stürzte aus ihrem Versteck zu Gregor hinein, vor den Diwan. Gregor schrie laut auf, dann starrte er sie an, mit verglasten Augen, unwissend was das zu bedeuten habe. Sie riß ihm mit Windesschnelle das Bild aus den Händen. Es berührte sie fast lächerlich, als sie dann sah, wen es darstellte. Sie zerriß das Bild, ehe er es hindern konnte, in kleine Fetzen und warf sie verächtlich beiseite. Gregor stand auf und reckte seine Arme hoch über den Kopf, mit einer verzweifelten Gebärde. Dann brach er zusammen und fiel rücklings über den Diwan. Ein kleiner Streifen hellroten Blutes war ihm auf die Lippen getreten. Auch aus der Nase quollen einige rote Tropfen.

Als Mimi ihn so sah, rief sie um Hilfe. Sie warf sich über ihn und nannte seinen Namen. Erst laut, als wollte sie ihn wecken, dann flüsternd und schmeichelnd, wie ein Kind. Es war fruchtlos, Gregor rührte sich nicht.

Die Wirtin hatte die Schreie gehört und trat in das Zimmer. Sie erkannte, was not tat, und lief zum Arzt. Als dieser kam und die bewußtlose Mimi mit Mühe von dem Körper Gregors losgelöst hatte, sagte er:

»Ein Blutsturz. Er ist tot.«

Nebelnacht

Einmal brachte ich im Sommer einige Wochen in dem kleinen norddeutschen Dorfe Silben zu. Es ist anmutig gelegen, in einer fruchtbaren, an Bäumen reichen Gegend, durch die sich ein helles Flüßchen schlängelt. Dieses ist auf beiden Ufern mit Weiden bestanden, die ihre trauernden Zweige in das Wasser niederhängen lassen; und in größeren Abständen mit hochragenden Silberpappeln, die wispernd auf ihre heroischen Spiegelbilder niederschauen. Ich streifte damals viel im Freien herum und kam während des Tages mit Menschen wenig in Berührung. Nur an einigen Abenden der Woche ging ich ins Wirtshaus, um ein paar Stunden mit dem Arzt, dem Förster, mitunter auch dem Pfarrer, zu verplaudern.

Es war ein besonders heißer Sommer. Wir hatten nichts als Tage voll Sonne. Alle Menschen sahen kupfern aus, wie Zulus.

Am Abend stellten sich zuweilen unvermutet Nebel ein und verhüllten das Land. Es waren gewöhnlich feine, weiße Strichnebel, die über die Felder und Wiesen zogen, gleich durchsichtigen, seidenen Geweben oder wie verfitztes Garn. Sie verschoben sich unablässig, zerstoben hier und tauchten dort wieder auf, geisterhaft schön. Wenn dann über ihnen die Sterne zu scheinen anfingen oder der Mond seine blassen Strahlen in sie hineinwarf, daß sie funkelten gleich Silbersträhnen oder perlenbesetzten Gewändern, so schien diese Landschaft ganz unwirklich, als ob sie einem Traum entstiegen wäre.

Eines Tages kam ich bei anbrechender Dunkelheit und klarstem Wetter, von allerlei Streifereien ermüdet, ins Dorf zurück, begab mich in meine einfache Behausung, lieferte der Bauersfrau, deren Dach mich beherbergte, einige Vögel aus, die ich geschossen hatte, und fiel über das ländliche Abendessen her. Ich weiß noch, daß es rosenroten Schinken gab, kerniges Schwarzbrot, Eier und Bier. Dann las ich bei der Lampe in einem Buch und machte mich schließlich, als es draußen an der Kirchuhr zehn schlug, auf, um in das Gasthaus zu gehen und dort den Rest des Abends mit den Stammgästen zu verbringen. Als ich zur Haustür hinaustrat, lag das Dorf im Nebel. Er stand dick, wie eine Mauer, nach allen Seiten hin und regte sich nicht. Ich war überrascht. So massig und leblos hatte ich ihn noch nicht gesehen. Aus den einzelnen Häusern in der Nähe schimmerten die abendlichen Lichter, blutrot und trübe, von einem Dunstkreis umgeben. Ich tappte, halb aufs Geratewohl, vorwärts und langte endlich bei dem Wirtshaus an. Als ich aber die Tür öffnete und eintreten wollte, bemerkte ich, daß es das Wirtshaus gar nicht war. Der Nebel hatte mir einen Streich gespielt, ich war fehlgegangen. Und ich hätte doch, als ich das Haus so vor mir hatte liegen sehen, wetten mögen, daß es der Gasthof gewesen sei. Ein Kind des betreffenden Hauses brachte mich in die Wirtschaft hinüber, wo der Arzt und der Förster schon auf mich warteten. Es war noch ein dritter Mensch bei ihnen, ein Geschäftsreisender, der das Dorf gerade passierte. Die Männer rauchten Zigarren, nur der Förster Tabak aus einer Handpfeife mit grünem Porzellankopf, tranken Bier und spielten Skat. Als ich mich zu ihnen setzte, ließen sie die Karten ruhen, begrüßten mich, man stellte mich dem Geschäftsreisenden vor, und dann ließ ich mir einen Schnaps geben und erzählte, was mir soeben in dem Nebel zugestoßen sei, d. h. daß ich das Wirtshaus nicht habe finden können und in die Irre gegangen sei.

»Seien Sie froh, daß Ihnen nichts Schlimmeres zugestoßen ist«, sagte der Arzt. »Wer diesen Nebel nicht kennt, soll sich vorsehen. Ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen.«

»Erzählen Sie doch«, sagte ich.

Der Arzt erzählte:

Es ist schon eine Weile her. Ich wohnte erst ein halbes Jahr in diesem Nest. Sie wissen, ich habe Pferd und Wagen, wegen der Patienten in den umliegenden Dörfern. Eines Tages wurde mir der Gaul krank und durfte den Stall nicht verlassen. In einer der folgenden Nächte kommt man und ruft mich dringend zu einem Kranken nach Riebach, einem Ort etwa eine Meile östlich. Ich fluche und wettere, und am Ende muß ich den Mann zu Fuß zu seinem schwerkranken Vater nach Riebach begleiten. Es war eine helle, sternklare Frühherbstnacht, weich und duftig, und eigentlich war es eine Lust, so durch die mondbeschienenen Felder zu schreiten. Die unbequeme Müdigkeit war mir bald aus den Gliedern gewichen, mit ihr die schlechte Laune, und ich empfand eine wahre Freude an diesem nächtlichen Spaziergang. Ich sah und hörte allerhand Heimliches, Ungewohntes, das mir reizvoll war. So das Piepsen mancher Vögel im Traum, von denen man nicht wußte, wo sie schliefen. Das merkwürdige Säuseln mancher Baumkronen, von Luftzügen bewegt, die man sich in der stillen Nacht nicht zu erklären wußte. Das unvermutete Rascheln und Rennen im Feld, das von aufgescheuchten Tieren herkam.

Auf einer alten Steinbrücke hatten wir den Fluß zu überschreiten. Das lautlose Wasser blitzte und strahlte in unzähligen feinen Silberstrichen, durch die eine rastlose flimmernde Bewegung ging. Gleich jenseits der Brücke duckte sich eine kleine Schenke an den Weg. Auf dem Dach lag der Mond wie Schnee. Aus einem der niedrigen Fenster schien ein Licht in die Nacht. Wir gingen daran vorüber und hörten von drinnen einige lachende Stimmen. Mein Begleiter sagte mir, daß es italienische Arbeiter seien, die eine Straße in der Nähe ausbesserten und in der Schenke wohnten. Bald war wieder die große Stille um uns her.

Schließlich gelangten wir an unser Ziel, in das von ziemlich baumarmen Feldern umgebene Dorf, dessen Turm wir schon vorher gegen den hellen Himmel hatten aufragen sehen. Bei dem Kranken war nicht viel zu tun. Es handelte sich um einen der Fälle, die man allein sich zu Ende kämpfen lassen muß. Es war vorauszusehen, daß der Alte spätestens am Abend des folgenden Tages sich für immer ausstrecken werde. Ich konnte mich nur bemühen, ihm das Letzte möglichst leicht zu machen. Ich blieb etwa eine halbe Stunde am Krankenbett und wandte mich dann zum Gehen. Da ich das Wohnzimmer der Leute durchschritt, fragte mich der junge Bauer, ob ich nicht, ehe ich wieder heimwandere, irgendeine Stärkung zu mir nehmen wolle. Dieses Anerbieten kam mir sehr erwünscht, denn die nächtliche Wanderung hatte mir Hunger verursacht. Ich setzte mich also und befriedigte mit Genuß meinen gesunden Appetit, während sich einige Schritte von mir entfernt ein Mensch unter gelinden Schmerzen langsam auflöste. Endlich erhob ich mich, schärfte dem jungen Bauer noch einmal die Verhaltungsmaßregeln ein und ging davon. Als ich ins Freie trat, sah ich, daß sich vielfache silberne Nebelstriche über die Felder gelagert hatten. Sie schweiften und wehten leise hin und her. Der Himmel war noch klar und voller Sterne, und der Weg war gut zu erkennen. Ich schritt zu und merkte nun auch, daß es kühler geworden war. Mitunter, wenn die Nebel an mir vorbeistrichen, wehte mich ein eiskalter Hauch an. Nach und nach bezog sich das Firmament, die Gestirne erloschen, und die Nebel wurden dichter und zahlreicher. Weiß der Himmel, woher sie kamen, sie schienen aus der Erde zu wachsen, sie türmten sich wie Wolken übereinander, sie schoben und drängten sich, bis sie schließlich feststanden und sich nicht mehr rührten. Ich kam wieder an der Wegschenke vorbei, die jetzt ohne Licht, schlafend und lautlos, an dem Flußufer hockte. Sie hob sich im Nebel wie eine dunkle, klobige Masse ab, wie etwas unheimlich Lebloses, in dem aber das Leben doch wohnte und nur darauf lauerte, daß man es weckte. Dann passierte ich die Brücke. Ich schritt an dem linken Geländer entlang und konnte das rechte nur noch wie einen Schatten wahrnehmen. Jenseits des Flusses wurde es noch schlimmer. Es kam mir vor, daß kleine Wirbel von Nebeln um mich her tanzten, zuweilen eröffnete sich einmal ein Ausblick, einige Bäume, ein Stück Feld oder Gebüsch wurden sichtbar, dann schnürte sich wieder alles zu, es wehte trügerisch durcheinander, jetzt schob sich von da, jetzt von dort eine Nebelwand gegen mich vor, und ich bereute es durchaus, diesen nichtswürdigen Weg unternommen zu haben. Angst überfiel mich. Zur Umkehr war es zu spät. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand, ob ich überhaupt auf dem richtigen Wege war und in welcher Richtung unser Dorf lag. Ich hatte gar keine Anhaltspunkte mehr und tastete einfach auf gut Glück in die Finsternis hinein. Dabei traten allerhand scheußliche Vorstellungen vor mich hin. So: wenn jetzt einige von den italienischen Arbeitern betrunken irgendwoher auf mich zuwankten und mich niederschlügen. Oder: wenn ich jetzt mit dem Kopf gegen den Stamm eines Baumes stieße und besinnungslos hinstürzte. Oder: wenn ich jetzt an den Fluß käme und sähe ihn nicht.

Zuweilen machte ich kopfschüttelnd halt. Ich sagte mir, daß eigentlich jeder Schritt, den ich tat, eine Torheit sei. Vielleicht ging ich in einer Richtung, die mich von Silben immer mehr entfernte. Vielleicht war ich auch schon längst an dem Dorf vorbeigegangen, denn der Zeit nach hätte ich wohl schon zu Haus sein müssen. Es war eine Lage zum Verzweifeln, und ich machte mich auf das Schlimmste gefaßt. Dabei merkte ich zum Überfluß, daß ich von dem Fußweg abgekommen war und mich auf einem Stoppelfeld befand. Es war, um die Fassung zu verlieren. Ich schimpfte wütend vor mich hin, aber das war zu nichts nütze. Ich tastete weiter, wie ein Blinder, den sein Führer im Stich gelassen hat. Plötzlich mußte ich denken: wenn ich jetzt stürzte, in eine Sandgrube oder irgendwohin, und müßte da die Nacht durch liegen bleiben und vielleicht auch noch den kommenden Tag und immer so fort, – es war ein abscheulicher Gedanke. Während ich ihm noch nachhing, merkte ich, daß ich den Boden unter den Füßen verlor, ich fiel, schlug mit den Armen in die Luft, fühlte ein Krachen im Kopf, ein Schwindel folgte, und dann war alles still.

Als ich zur Erkenntnis der Dinge kam, spürte ich ein dumpfes Gefühl im Kopf und einen feinen Schmerz im Knöchel des linken Fußes. Ich betastete mich vorsichtig, fühlte nasse Erde an den Kleidern, und als ich mich rühren wollte, tat der Fuß heftiger weh. Ich riß die Augen auf. Es war stockdunkel und nicht die Hand vor dem Gesicht zu erkennen. Ich versuchte mich zu erheben, aber der Fuß ließ es nicht zu. Sobald ich ihn bewegte, hatte ich einen Schmerz, als ob mir einer mit einem stumpfen Messer die Sehne durchschneide. Ich wußte, daß das zum mindesten eine heftige Verstauchung, vermutlich aber ein Knochenbruch war.

Da lag ich nun, krank, hilflos in einer schauerlichen Nacht. Ich überlegte, was ich tun könnte, aber ich kam auf nichts. Ich fühlte mit den Händen nach allen Seiten und stieß überall auf Erde. Es war allem Anschein nach eine leere Kalkgrube, in die ich gefallen war. Ich befand mich also sicher in der Nähe des Dorfes. Ich dachte daran, daß man mich vielleicht hören würde, wenn ich tüchtig schrie. Und nun schrie ich, laut und lauter, immer von neuem, in immer anderen Tönen, und dann brüllte ich wie ein Tier. Meine eigene Stimme begann mir unheimlich zu werden. Ich hörte auf. Es war ja doch alles vergebens. Eine Antwort erfolgte nicht. Überhaupt war ringsum nicht der leiseste Laut zu vernehmen.

Nun kam mir in den Sinn, was wohl aus mir geworden wäre, wenn die Grube schon mit dem gelöschten weißen Kalk angefüllt gewesen wäre. Ich sah mich in Gedanken hineinsinken, langsam, ohne daß ich die Glieder regen konnte, und dann kam mir der schwammige Brei an die Kehle, ich schrie noch einmal, der Schrei erstickte im Kalk, und dieser drang mir ätzend in Mund und Nase. Die Sinne vergingen mir.

Meine Lage war gewiß nicht beneidenswert; aber wenn ich an den Kalk dachte, – das war noch teuflischer.

Andere Bilder traten vor mich hin. Wenn sich jetzt zum Beispiel – so dachte ich – die Erde oben durch irgendeinen Zufall lockern würde, und die Grube bräche in sich zusammen und verschüttete mich. Ich würde es mir ruhig gefallen lassen müssen, denn ich konnte mich ja kaum bewegen, viel weniger mich erheben. Ich würde eben einfach nach einigen Minuten in der Finsternis ersticken. Unwillkürlich richtete ich das Auge nach oben, an die Ränder der Grube. Sie hoben sich kaum gegen das graue Einerlei des Nebels ab, der über ihnen hinzog. Ich sah noch eine ganze Weile nach oben, voll Furcht. Mein Herz schlug, daß ich es hörte. Es stand mir ganz außer Zweifel, daß die Grube einfallen müßte, ich wollte nur den Augenblick abwarten und dann die Augen schließen. ...

Der Augenblick kam nicht, und ich wurde wieder ruhiger. Ich begann zu frieren. Es schien mir, als stelle sich Fieber ein. Ich hüllte mich, so fest es ging, in meine Kleider und zog den Hut über die Ohren. So lag ich, dösend, mit durcheinanderschwirrenden Gedanken, und jede Minute wurde mir zur Ewigkeit. Was sollte aus mir werden?!

Ich brüllte noch einmal, mit Aufbietung aller Kräfte, wild, wahnsinnig. Es verhallte ungehört. Alles blieb still. Nun gab ich es endgültig auf.

Einmal war mir, als ob ein Knistern über mir am Rande der Grube hinhusche. Zuerst wagte ich nicht aufzuschauen. Die Angst packte mich schon wieder, dann schielte ich doch hinauf, und nun schien mir, daß dort oben in dem ziehenden Nebel sich eine Gestalt über den Rand der Grube zu mir niederneige, eine vage, zerfließende, schweigende Gestalt, nur wie ein Schatten. Ich strengte meine Augen an und verhielt mich still. Als ich ganz fest hinschaute, sah ich schließlich gar nichts mehr, und nun hätte ich über meine dummen Einbildungen beinahe gelacht. Es war nichts als ein Nebelstreifen gewesen, natürlich, was sollte es denn sonst gewesen sein? Ja, und was war mir Narren denn überhaupt Schlimmes geschehen? War nicht diese ganze Angst verrückt und meine Lage im Grunde recht harmlos? Ich lag da in einer Kalkgrube, mit verletztem Fuß und übrigens vollem Magen, fror etwas und hatte einfach dem Morgen entgegenzusehen, wo die Arbeiter kommen und mich finden würden. Man würde mich hinaufholen, auf einen Wagen bringen und nach Hause fahren. Da, das war das ganze. War das nun so etwas Gräßliches, wovor man ein Grauen haben konnte? Ich war doch recht kindisch.

Ich fing an, ganz ruhig und geduldig zu werden und fügte mich in meine Lage mit Gleichmut. Bald spürte ich, daß ich müde wurde. Ich lehnte den Kopf an die Wand der Grube und schloß die Augen. Es war mir alles gleichgültig, ich wußte nur, daß ich sehr müde war und schlafen mußte. Ab und zu fühlte ich noch kalte Schauer mich überfallen. Zuweilen war mir auch, als ob mein Herz stillstände. Dann trat mir endlich nichts mehr in das Bewußtsein, und ich begann hinüberzudämmern.

Als ich erwachte und die Augen aufschlug, war es heller Tag. Ich hustete, fror und fühlte mich schlecht. Mein Fuß brannte wie Feuer. Ich sah ein, es war höchste Zeit, daß etwas mit mir geschah, es konnte sonst leicht zu spät werden. Der Nebel war völlig verschwunden, ein hellblauer, strahlender Himmel leuchtete durch die viereckige Grube zu mir herab. Plötzlich hörte ich ganz in der Nähe Stimmen. Hallo! Ich rief, rief. Dann lauschte ich. Die Stimmen brachen ab; mir schien, sie flüsterten. Einige Augenblicke später neigte sich der Körper eines Menschen über die Grube. Es war unser Pfarrer im Amtsornat. Ich sehe noch seine großen, verwunderten Augen und das mächtige Sammetbarett auf dem blonden Kopf. Dann drängten sich andere Köpfe vor, alle erschreckt und erstaunt. Man holte schnell eine Leiter und schob sie zu mir hinunter. Es kam jemand herabgeklettert und half mir behutsam an der Leiter auf. Nun sah ich, daß ich mich auf dem neuangelegten Teil des Kirchhofs befand. Ich hatte die Nacht in einem frisch geschaufelten Grab gelegen. Man trug mich vorsichtig in das Leichenhäuschen hinüber, damit ich dort warte, bis ein Wagen käme. Während des Wartens sah ich durch die Fenster des Häuschens, wie man einen Sarg vom Leichenwagen lud und auf jene Stelle hinabließ, wo ich die vergangene Nacht zugebracht hatte.

Ebeth

An einem Herbsttag, als die Ahornblätter in der Sonne wie Kupfer waren, sah ich Ebeth das erstemal. Es war in einem Vergnügungsgarten vor den Toren der Stadt. Sie fuhr mit einer Freundin auf einem von Glasbehängen überglitzerten Karussell, zu dem eine Drehorgel spielte, in den Akkorden der Melancholie. Die Mädchen aßen Schokolade, sie saßen lachend quer über glotzäugigen Holzpferden da, und an Ebeth floß ein weißes, welliges Kleid herunter. Sie wiegte sich sacht in den Hüften, zur Melodie des klagenden Walzers. Wie hell und lustig war ihr Lachen, wie weich war dieses Wiegen der Hüften, wie wallte das Kleid an ihren schlanken Gliedern hin! Nachher tanzten wir. Ich fühlte sie kaum beim Tanz, sie tanzte nicht hüpfend, sondern schwebend, und man hatte das Empfinden, daß sie einem zwischen den Armen zerrinnen könne wie ein Gebilde aus Nebel.

Als Ebeth das erstemal zu mir kam, hatte sie weiße Schuhe an den Füßen, und unter dem Kinn trug sie eine blaue Schleife aus Seide, – aber das Blau ihrer Augen war seidiger, zarter und schimmernder. Wie sie die Arme um mich warf! Mir war, ich sollte in einer Wolke duftender Rosen untergehen. Wie sie dann sprach, gleich einem zwitschernden Vogel, der Lieder singt, von denen er nichts weiß. Ihre Lippen waren rot wie Blutstropfen und hatten einen sanften rhythmischen Schwung. Sie waren es besonders, die dem Gesicht jenen schwer zu beschreibenden Reiz verliehen, dem man nicht widerstehen konnte.

Ebeth! Wenn ich an das Jahr zurückdenke, das wir zusammen durchlebten, so ist mir, ich sähe in einen Sommergarten mit unzähligen Blüten und Düften und mit Sonne, in der die Flügel schillernder Schmetterlinge gaukeln. Wenn ich an Dich denke, so ist mir, als höre ich den warmen Sommerwind leise wehend über die Felder treiben, die rot sind von wucherndem Mohn, und ich vernehme das geheimnisvolle Schlürfen kleiner, lange vergangener Schritte.

Wenn Ebeth kam, war Jugend, Glück und Licht in meinem Zimmer. Bis in die Stunden des Nachmittags arbeitete sie in einem Bureau. Dann kam sie. Meist brachte sie Blumen mit, zumal gelbe Rosen, die sie abgöttisch liebte. In gewissen übermütigen Launen war sie fähig, ihr ganzes Vermögen für diese Blüten hinzugeben. Sie hatte gar keinen Begriff von der Bedeutung des Geldes. Was sie hatte, gab sie ohne Bedenken aus, auch für Fremde und selbst auf die Gefahr hin, daß sie selber dadurch in Verlegenheit kam. Zu Hause hatte sie Berge von Schokolade liegen, die sie an Kinder zu verteilen pflegte. Ihr Herz litt es nicht, daß ein armer Blinder oder Lahmer an ihr vorüberging, ohne daß sie ihm eine Gabe zusteckte.

Geradezu eine Leidenschaft aber waren die Käufe in den Blumenläden. Sie war unverbesserlich darin, und alles Ermahnen blieb fruchtlos. Wenn ich ihr Vorstellungen über ihren Leichtsinn machte, stand sie mit ihrem Kindergesicht da, sah mich schweigend an, und wenn ich geendet hatte, wußte ich, daß alles an ihr vorübergerauscht war wie an einer Wand. Einmal, es war im Februar, schleppte sie ein Rosenbukett von der Größe eines Wagenrades ins Haus. Sie sei so glücklich, sagte sie, sie möchte am liebsten allen Menschen etwas Freundliches sagen, denn die Sonne sei so goldig um alles draußen, und man merke deutlich, daß der Frühling in Kürze kommen müsse. Da habe sie sich nicht bezwingen können, sie habe den wundervollen Strauß, der ihr aus dem Schaufenster so verlockend entgegengelacht habe, ohne Besinnen gekauft. Sie rankte sich an mir auf wie eine Rebe und wühlte in meinem Haar. Als sie sich beruhigt hatte, sagte ich ihr wieder, wie lieb, aber wie unvernünftig sie sei. Meine Rede wurde sehr inständig, und als ich am Schlusse sicher glaubte, diesmal Eindruck auf sie gemacht zu haben, sprach sie kein Wort, sondern nahm nur meinen Kopf in beide Hände und lachte.

So war Ebeth.

Ganz aus dem Häuschen geriet sie, wenn sie schöne Kinder zu Gesicht bekam. Hier fand ihre Zärtlichkeit keine Grenzen, und nicht selten machte sie auf der Straße halt, um sich in den reizendsten Liebkosungen zu ergehen, wenn sie einem solchen anmutigen Wesen begegnete. Sie verstand es, so vertraut mit Kindern zu verkehren, als hätte sie nie in ihrem Leben etwas anderes getan. Sie hat mir auch oft gestanden, daß es ihr sehnlichstes Wünschen sei, solch ein Geschöpfchen ihr eigen zu nennen, und ich weiß, daß ihr nicht selten vor stillem Neid die Tränen nahe waren, wenn sie eine junge Mutter mit ihrem Kinde an sich vorübergehen sah.

Für gewöhnlich freilich erinnerte sie nicht an eine Mutter. Sie war vielmehr wie ein Kind: unbedacht in allem, was sie tat, immer nur dem Andrang des Gefühls nachgebend und unfähig, über den Tag hinaus zu denken, an dem sie lebte. Sie war von einer Offenherzigkeit, die erstaunlich war; von einer Ehrlichkeit im Gebrauch der Worte, die ich bewunderte. Nie hat sie mich belogen, nie ein Gefühl geheuchelt, das sie nicht hatte, nie hat sie mir etwas verborgen, was in ihr vorging. Wenn wir zusammen durch die Stadt gingen und einem Manne begegneten, dessen Gesicht ihr gefiel, sagte sie einfach, wenn er vorüber war: »Der war schön, findest Du nicht?« Sie sagte es in einer Weise, daß es mich nicht verletzen konnte. Freilich, ich war immer erstaunt, so oft sie es sagte. Ich verstand ihren Geschmack nicht. Die Gesichter, die ihr gefielen, auch die weiblichen, hatten immer etwas Stumpfes, Geistloses, und zuweilen fand ich sie von einer bedenklichen sinnlichen Roheit, so daß ich mich nicht enthalten konnte, Ebeth gelegentlich zu fragen: »Sehe ich denn auch so aus?« »Nein«, sagte sie und schmiegte sich an mich, »das ist ja gerade das Gute, daß Du nicht so aussiehst.«

Sie kleidete sich immer nett, sauber und geschmackvoll, meist in heiteren Farben. Sie bevorzugte weiß und blau. Einmal, im Frühling, hatte sie sich einen kostbaren großkrempigen Hut in diesen Farben hergestellt, der lange mein Entzücken war. Unter diesem Hute sah sie aus, als wäre sie ein verirrtes Prinzeßchen aus dem Märchenland. Ich fühlte, daß die Leute auf der Straße still standen und ihr nachsahen, wenn sie plaudernd an meinem Arme hing.

Ihr Körper war so geschmeidig und wohlgeformt, daß die Kleider immer als etwas Herabrieselndes bei ihr erschienen. Als bade sie sich in den dünnen, gleitenden Wellen dieser Stoffe, welche die schwebende Leichtigkeit ihres Ganges und den Liebreiz ihrer Bewegungen nur wenig behinderten.

Wenn wir ausgingen, gab es etwas, was wir aufs peinlichste vermeiden mußten: nämlich einem Fuhrwerk zu begegnen, dessen Kutscher auf die Pferde einhieb. Wenn Ebeth sah, daß man ein Tier quälte, geriet sie in eine heftige nervöse Aufregung, daß sie kaum mehr zu besänftigen war. Ich habe eine ganze Reihe von Szenen mit ihr durchgemacht, wo sie Fuhrleute zitternd mit den liebevollsten Worten zu bewegen suchte, von dem Auspeitschen auf die Pferde abzulassen, und sie konnte so rührend bitten, daß ihr Bemühen zuweilen von Erfolg gekrönt war. Brutalere Burschen suchte sie durch Geld zu bestechen, und wenn alles nichts fruchten wollte, die rohen Gemüter zu erweichen, so hatte sie in der schmerzlichen, zuweilen wahnsinnig gesteigerten Erregung, in der sie nichts mehr von sich selber wußte, Worte der Beleidigung für jene Gesellen bereit, die, wenn sie ihr gerichtlich zur Last gelegt worden wären, was natürlich nie geschah, ihr obendrein noch ärgerliche Strafen zugezogen hätten.

Das Ende solcher Szenen war immer, daß Ebeth körperlich auf das Jammervollste ermattet war, quälende Atemnot bekam und mitunter noch stundenlang nachher von Schüttelfrösten heimgesucht wurde. Sie sah dann bleich aus wie eine Wand, und ich ängstigte mich um sie, denn ich wußte, daß ihre Gesundheit nur zart und besonders das Herz nicht in Ordnung war. Darum gab ich mir alle Mühe, sie vor jenen Erregungen zu bewahren. Ich lag auf der Straße eigentlich immer auf der Lauer. Sobald ich bemerkte, daß man irgendwo in der Ferne auf ein Pferd einschlug, machte ich unter irgendeinem Vorwand kehrt oder bog mit ihr in die nächste Seitenstraße ein. In den meisten Fällen freilich hatte sie die Quälerei schon eher als ich bemerkt, denn ihr Instinkt war nach dieser Richtung erstaunlich entwickelt.

Ebeths Kränklichkeiten machten mir Sorge. Ich wußte, sie tanzte zuviel. Aber sie tanzte so leidenschaftlich gern, daß es unmöglich war, es ihr ganz zu verbieten. Es war ihr fast notwendig wie Brot und Atmen. Ich wehrte so viel es ging. Nicht selten hörte sie auch auf mich. Einmal aber übernahm sie sich so, daß sie gezwungen wurde, das geliebte Vergnügen auf lange hinaus ganz zu meiden.

Es war ein Frühlingsabend, lau, müde machend und verworrene Wünsche bringend, die man nicht zu nennen weiß. Wir saßen, es war ein Sonntag, mit einer kleinen Gesellschaft Bekannter im Tanzsaal eines Vergnügungsgartens, nachdem wir nachmittags in den Wäldern gewesen waren. Ebeth sprudelte über von Laune und Lustigkeit. Aber sie sah blasser aus als sonst. Unter ihren viel zu glänzenden Augen lagen dunkle Schatten. Sie hatte ein paar gelbe Rosen auf der Brust, zu denen sie sich öfter niederneigte, um den Duft einzusaugen. Sie tanzte unbändig und trällerte obendrein die Melodien mit. Ich bat sie, sich mehr zu schonen, aber sie lachte nur. Ich sah sie hinschweben durch die Reihen der Tanzenden, verlor mich in die heitere Grazie ihrer Bewegungen und dachte: Kind. Da sah ich, wie sie erschlaffte, taumelte und umfiel. Ich sprang auf, eilte hinüber, nahm sie auf den Arm und trug sie in ein Nebenzimmer. Sie war bewußtlos und bleich wie der Tod. Ihr Atem röchelte. Ich knöpfte ihr die Brust auf und besprengte sie mit kaltem Wasser. Allmählich kam sie wieder zu sich. Als sie die Augen aufschlug, sah sie mich groß an und erkannte mich.