The Project Gutenberg eBook, Robert Blum, by Hans Blum
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Druck von F A Brockhaus in Leipzig
Robert Blum.
Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk
von
Hans Blum.
Mit einem Portrait in Stahlstich und dem Facsimile des letzten Briefes Robert Blum’s.
Leipzig,
Verlag von Ernst Keil.
1878.
Seinem lieben Vetter
Christian Wahl
in Chicago (Illinois, Nordamerika)
in freundschaftlicher Gesinnung
zugeeignet
vom
Verfasser.
[Vorrede.]
Mein lieber Vetter und Freund!
Der Sohn hat es unternommen, des Vaters Leben zu schreiben. —
Unter allen Umständen ein großes Wagniß, doppelt schwierig im vorliegenden Falle, wo es sich handelt um die Darstellung von Ereignissen, die der Verfasser selbst gar nicht oder nur als Kind erlebte, und um die Zeichnung einer politischen Richtung und Bewegung, welcher der Verfasser keineswegs vollkommen sympathisch gegenübersteht. So war denn das einfache Verhältniß, in welchem der Biograph zu seinem Helden stehen soll, das Verhältniß reiner Uebereinstimmung oder Gegnerschaft, von Anfang an nicht vorhanden. Die Gefahr lag nahe, daß entweder die Pietät des Sohnes auf Kosten historischer Wahrheit und Treue oder die Parteimeinung unserer Tage auf Kosten der vollen Pietät und Gerechtigkeit gegen den edeln Todten in dem Widerstreit dieser beiden Anschauungen siegen werde.
Daß ich das offen ausspreche, mag ein Beweis dafür sein, daß ich nicht blos die Gefahr erkannt habe, die dem Gelingen eines seit achtzehn Jahren beharrlich und freudig verfolgten Planes entgegenstand, sondern daß ich auch Alles aufgeboten habe, um diese Gefahr zu überwinden.
Das erste Erforderniß zur Erreichung meines Ziels schien mir zu sein die volle Herrschaft über den Stoff. Nur dadurch war ein unbefangenes Urtheil zu gewinnen. So wie ich daran ging, den Stoff zu sammeln, zeigte sich, daß diese Sammlung wohl kaum jemals abgeschlossen werden könne. Jedes Jahr — um nicht kürzere Zeiträume zu nennen — hat uns seit 1848 werthvollere Bereicherungen unseres Wissens und Urtheils über die vierzig Jahre geboten, in denen Robert Blum lebte, namentlich über das Jahr der deutschen Revolution selbst. Damit war mein Unternehmen von Anfang an auf die bescheidenen Grenzen des Versuchs einer Lösung angewiesen. Mehr will es auch nicht bieten, da es nun hinaustritt in die Welt. Mögen Andere, Bessere, sich dazu angeregt fühlen, diesen Versuch weiter zu führen. Ich selbst werde fortfahren zu sammeln und zu sichten und werde die Resultate dieser fortgesetzten Arbeit, wenn die deutsche Nation diesem Versuche ihre Gunst leiht, in einer anderen Auflage niederlegen.
Ihrer Art nach zerfallen meine Quellen in drei Klassen: in Jedem zugängliche gedruckte Schriften und Blätter, in schriftliche und mündliche Mittheilungen von Zeitgenossen Robert Blum’s über denselben an mich und Andere; endlich in handschriftliche Aufzeichnungen Robert Blum’s selbst, die sich theils in seinem Nachlasse vorfanden, theils von den Besitzern mir überlassen wurden. Allen, die mir bei der Sammlung irgend einer dieser Quellengattungen behülflich waren, sage ich hierdurch öffentlich meinen herzlichsten Dank. Leider ist Mancher darunter, der längst die Augen für immer geschlossen hat und meinen Dank nicht mehr vernehmen kann. Das gilt z. B. von Johann Jacoby, Ludwig Simon, Prof. Wuttke und vor Allem von jenem Manne, der sich wenige Wochen vor seinem Ende noch dazu entschloß, dieses Buch zu verlegen, von Ernst Keil.
Am 9. November 1878 ist ein Menschenalter erfüllt, seitdem Robert Blum auf der Brigittenau verblutete. Dieser Zeitabschnitt schien den vorläufigen Abschluß und die Veröffentlichung dieser Arbeit zu rechtfertigen. Aber auch innere Gründe drängten dazu, nicht länger mit der Ausgabe dieser Blätter zu zögern. Es schien hohe Zeit, jenes falsche und unsaubere Bild Robert Blum’s, zu welchem Herr Alexander Frhr. v. Helfert die Grundlinien scheinbar aus dem ehrwürdigen Schrein österreichischer Privat- und Staatsarchive zusammengetragen hatte, und das seit etwa acht Jahren fast unberichtigt geblieben war, geschichtlich treu zu zeichnen. Außerdem erschien der Versuch, das Leben und Wirken jenes Mannes, welcher die treueste Fürsorge für den „vierten“ Stand mit einer gut-deutschen Gesinnung vereinigte — das Leben und Wirken Robert Blum’s darzustellen besonders geboten in einer Zeit, in welcher ein vaterlandsloses Demagogenthum den rohen Klassenhaß predigte und die Verhöhnung und Zerstörung der deutschen Vaterlandsliebe als die Grundbedingung der wahren Freiheit pries. Die Wahrheit über Robert Blum mußte bald gesagt werden, da dieselbe Partei mit der ihr eigenen Virtuosität der Lüge diesen Mann seit Jahren in ihren unsauberen Blättern als einen ihrer socialistischen Parteiheiligen pries. Noch ehe dieses Buch vor die Welt tritt, ist allerdings auch die Fortsetzung dieser Lästerung Robert Blum’s unterbrochen worden durch das Sozialistengesetz, welches dem frechsten Mißbrauch der Preßfreiheit das verdiente Ziel setzt; und damit ist scheinbar einer der Gründe weggefallen, die mich zur Vollendung meiner Arbeit antrieben. Aber gerade zu der Aufgabe, welche das Sozialistengesetz verfolgt: eine Wandlung der ethischen und nationalen Gesinnung jener Kreise anzubahnen, die von dem zersetzenden Gifte der Socialdemokratie angefressen sind, kann dieses Lebens- und Charakterbild wohl ein Scherflein beitragen. Denn es zeigt einen Mann, der sich aus dem tiefsten socialen Elend aus eigener Kraft emporgearbeitet zu dem höchsten Ehrensitz seines Volkes und der sein Leben einsetzte um die höchsten Güter der Nation. Vor solcher Größe tritt die ganze Erbärmlichkeit der socialistischen Heilslehre und die Kleinheit ihrer Apostel besonders grell zu Tage.
Ob es mir gelungen ist, dem theuren Manne und seiner Zeit gerecht zu werden, darüber steht mir kein Urtheil zu. Aber auch wenn man mir das rundweg bestreiten sollte, so wird mein Buch ein Verdienst immer behalten, das freilich mein Verdienst nicht ist: zum ersten Male ist hier der Werdegang dieses merkwürdigen Mannes fast ausschließlich an seinen eigenen Worten dargestellt, seine Weltanschauung und Parteimeinung an der Hand aller eigenhändigen Aufzeichnungen Robert Blum’s, die nur irgend in seinem Nachlasse, im Gewahrsam seiner Gattin, seiner Schwester, vieler seiner Freunde und in Folge öffentlicher Aufforderung zu benützen waren, dargelegt worden.
Wenn ich Dir, lieber Vetter Christian, dieses Lebensbild widme, so wählte ich Dich als einen Typus der besten Deutschen des fernen Westens der Vereinigten Staaten; jener Deutschen, welche nicht mit vorgefaßten unabänderlichen Meinungen und nicht mit ärgerlichem Besserwissen die Zustände und die geschichtliche Entwickelung ihrer alten Heimath betrachten, sondern mit demselben nüchternen, kritischen, aber auch ideal-patriotischen Blick, mit dem sie inmitten des großen Lebens der Union selbstthätig stehen. Das treue Andenken dieser Deutsch-Amerikaner an Robert Blum ist mir von größtem Werthe und ihnen wollte ich durch meine Widmung an Dich einen Dankesgruß über den Ocean rufen.
In treuer Freundschaft
| Leipzig, | Dein |
| am Reformationsfeste 1878. | Hans Blum. |
[Inhaltsverzeichniß.]
| Seite | |
| Vorrede | [V] |
| Inhaltsverzeichniß | [XI] |
| 1. Kindheit (1807–1817) | [1] |
| Die bisherige Literatur über Robert Blum’s Leben. [1]. Seine Charakteristik. [3]. Herkunft. [5]. Der Vater. [5]. Die Mutter. [7]. Erste Kindheit. [8]. Des Vaters Tod. [9]. Der Stiefvater. [11]. Tiefstes Elend. [13]. Frühe Gemüths- und Charakterbildung. [14]. Die Hungerjahre 1816/17. [16]. | |
| 2. Schule und Kirche (1813–1820) | [17] |
| Die Rheinprovinz in den ersten Jahren ihrer Zugehörigkeit zu Preußen. [17]. Erster Schulunterricht. [20]. Tante Agnes. [20]. Communion. [25]. Robert, Meßdiener. [26]. Seine Beobachtungen. [26]. Zweifel. [28]. Ketzergericht. [29]. Absolution. [30]. Im Gymnasium. [31]. Plötzliches Ende der Schulzeit. [32]. | |
| 3. Lehr- und Wanderjahre (1820–1827) | [33] |
| Roberts Lehrjahre. [33]. Beim Goldarbeiter Asthöver. [35]. Beim Gelbgießer Räder. [37]. Gesellenfahrten und Wandertagebuch. [39]. Arbeitslos. [41]. Von Schmitz angestellt. [42]. | |
| 4. Bei J. W. Schmitz (1827–1830) | [43] |
| J. W. Schmitz. [43]. Blum’s Stellung bei demselben. [47]. Süddeutsche Reise mit Schmitz. [48]. In München. [49]. (Arbeiten und Studien. [50].) Zurück nach Köln. [52]. Reise nach Berlin. [53]. In Berlin. [54]. Einberufung zur Fahne. [56]. Wieder in Berlin, mittellos. [57]. Correspondenz und Conflikt mit Schmitz. [58]. Entlassung Blum’s. [60]. | |
| 5. Theaterdiener und Dichter (1830–1832) | [61] |
| Stellung bei Ringelhardt. [62]. Erstes poetisches Schaffen. [65]. Politische Gedichte. [66]. Nationaler Standpunkt. [68]. Idealismus. [69]. Erneute schwere Sorgen. [70]. Die Theaterbibliothek. [70]. Humor und Satire. [71]. Sentenzen. [72]. Dramen. [73]. („Die Befreiung von Candia“. [74].) Nach Leipzig! [75]. | |
| 6. Die ersten Jahre in Leipzig (1832–1836) | [76] |
| Leipzig Anfang der dreißiger Jahre. [76]. Die Literatengesellschaft. [80]. Blum über die Leipziger Messe (1834). [81]. Ueber die Leipzig-Dresdner Bahn (1834). [83]. Ueber die literarische Production (1834). [84]. Eigenes Schaffen. [85]. Stellung beim Theater. [86]. Reise in die Sächs. Schweiz. [86]. Auguste Forster. [87]. Eintritt in den Freimaurerbund. [89]. Späteres Urtheil darüber. [91]. | |
| 7. Erstes politisches Wirken. Eigene Häuslichkeit (1837. 1838) | [92] |
| Das politische Leben in Sachsen von 1831 bis 1836. [92]. Der Leipziger Freundeskreis. [94]. Erste Schritte in die Oeffentlichkeit. [96]. Das Fest zu Lützen. [96]. Die sieben Göttinger. [101]. Die erste Rede Blum’s. [103]. Prolog. [104]. Verkehr mit der Provinz. [105]. Adelheid Mey. [105]. Heirath. [107]. Theaterlexicon. [107]. Reise nach Berlin. [109]. Erkrankung Adelheid’s. [110]. Ihr Tod. [112]. Begräbniß. [113]. Visionen. [114]. Allmählicher Trost in Arbeit. [115]. | |
| 8. Neue Hoffnungen. Eugenie Günther (1839. 1840) | [117] |
| Neue Hoffnungen. [118]. Eugenie Günther. [119]. Briefwechsel mit Eugenie Günther. [121]. „Wühlerei“. [131]. Die Mainzer Besprechung. [135]. Die Reise nach Frankfurt. [137]. Hochzeit und junge Häuslichkeit. [139]. | |
| 9. Wachsendes öffentliches Wirken (1840–1844) | [140] |
| Sachsen seit 1840. [140]. Jubiläum der Erfindung der Buchdruckerkunst. [143]. Der Schriftstellerverein. [145]. Schillerverein und Reden zum Schillerfest. [147]. Agitation in der Presse. [149]. Die Vaterlandsblätter. [150]. Der Verfassungsfreund. [152]. Das Taschenbuch Vorwärts. [155]. Sächsischer Landtag 1842/43. [157]. (Gährungsstoffe. [157]. Adresse. [158]. Preßgesetz. [159]. Strafproceßordnung. [160].) Nachwirkung der Kammerverhandlungen. [161]. | |
| 10. Die Reaction unter Könneritz. Die deutsch-katholische Bewegung (1843–1845) | [163] |
| Die Reaction unter Könneritz. [163]. Maßregelung von Schriftstellern. [164]. Anklage und Prozeß gegen Blum. [164]. Verurtheilung. [166]. Ein fideles Gefängniß. [167]. Persönliche Verhältnisse dieser Zeit. [168]. Ueber den Beruf des Mannes. [171]. Die deutsch-katholische Bewegung. [172]. (Rede bei Gründung der Leipziger Gemeinde. [175]. Das Leipziger Concil. [179]. Weltliche Zwecke. [180].) | |
| 11. Wachsende Gährung in Sachsen. Die Leipziger Augustereignisse (1845) | [181] |
| Die kirchliche Haltung und Politik der Regierung. [181]. Die Juli-Verordnung. Wachsende Gährung. [184]. Prinz Johann. [186]. Der [12]. August in Leipzig. [187]. Aufregung. [194]. Der [13]. August. Gerüchte. Rathlosigkeit der Behörden. [196]. Schützenhausversammlung. [197]. Robert Blum’s Auftreten und Rede. [198]. Auf dem Rathhaus. [200]. Lähmung der Behörden. [201]. Adressen der Gemeindebehörden. [203]. Bescheid des Königs. [204]. Das Begräbniß. [204]. Standpunkt der Regierung (Herr v. Langenn und Militärmassen in Leipzig). [205]. Des Königs Antwort. [207]. Die Leipziger Untersuchungscommission. [208]. Erörterungen gegen Blum. [209]. Verbote. [210]. Klägliche Haltung der Gemeindevertretung. [211]. Entrüstung in Deutschland. [212]. Dankadressen an Blum. [212]. Wahl desselben zum Stadtverordneten. [213]. Sein Brief über die Augustereignisse an Joh. Jacoby. [213]. | |
| 12. Die letzten Jahre vor der Revolution (1846. 1847) | [215] |
| Der Sächsische Landtag 1845/46. [215]. (Die Opposition. [216]. Blum’s Petition. [216]. Thronrede und Adresse. [217]. Adreßdebatte. Strafprozeßordnung. [218]. Die kirchlichen Fragen. [219]. Die Preßzustände. [220]. Der Feudalismus. [221]. Die Leipziger Augustereignisse vor dem Landtag. [221].) Ovationen für die Getreuen und Vaterlandslieder. [225]. Persönliches (Stellung Blum’s im Stadtv.-Collegium) [227]. Die Constit. Staatsb. Zeitung. [229]. Ernst Keil’s Leuchtthurm. [230]. Häusliche Sorge. [231]. Heldenthaten der Reaction. [231]. Nichtbestätigung Blum’s als Stadtrath. [233]. Blum’s polnische Schwächen. [234]. Die Theuerung 1846/47. [235]. (Broschüre Blum’s. [236].) Außerordentlicher Landtag 1847. [237]. Carlowitz, Ministerpräsident. [238]. Volksbuchhandlung Blum’s auf Actien. [238]. Kündigung an den Theaterdirector Schmidt. [239]. Verlag von R. Blum & Comp. und das Volksthüml. Staatslexicon. [241]. Urtheil Robert v. Mohl’s darüber. [241]. Blum über Socialismus und Communismus. [243]. „Den Frauen!“ [246]. | |
| 13. Die Jubelwochen der Revolution (Februar und März 1848) | [247] |
| Das Jahr 1848. [247]. Leipzig nach der Februarrevolution. [250]. Einmüthigkeit der Parteien, Adresse. [251]. Blum’s Rede am 3. März. [253]. Stadtv.-Sitzung, v. 4. März. [254]. Die zweite Deputation und Beginn einer Nachgiebigkeit in Dresden. [255]. Falkensteins Rücktritt. [256]. Proclamation des Königs. [257]. Stadtv.-Sitzung vom 7. März. [257]. Die Vorstellung der Universität. [258]. Schwankende Haltung der Regierung. [259]. (Strenge Maßregeln. [260]. Carlowitz in Leipzig. [261]. Bedenkliche Gährung. [261]. Die Landesversammlung im Schützenhause. [262]. Carlowitz’ Abreise. [263].) Das Märzministerium. [264]. Programm desselben. [265]. Das Sächs. Parteiwesen. [267]. Die Vaterlandsvereine. [268]. Abreise Blum’s zum Vorparlament. [269]. | |
| 14. Im Vorparlament und Fünfzigerausschuß (Ende März bis 18. Mai 1848) | [269] |
| Allgemeines über Blum’s Stellung. [269]. Das Vorparlament. [286]. Blum, Vicepräsident, seine vermittelnde Stellung. [287]. Herrn Laube’s Zerrbilder von Blum. [289]. Erster Tag im Vorparlament. [291]. Erste Rede im Vorparlament. [292]. Das Wahlgesetz. [294]. Die Permanenzfrage. [295]. Der Antrag Zitz. [297]. Das Amendement Bassermann und Blum’s Erklärung. [298]. Die Wahlen zum Fünfzigerausschuß. [299]. v. Soiron’s „Einzig und Allein“. [300]. Der Fünfzigerausschuß. [302]. Sendungen Blum’s (nach Aachen, Köln u. s. w.). [303]. Der Badische Aufstand. [305]. Beschuldigung der Begünstigung gegen Blum. [306]. Das Triumvirat und v. Lepel’s Promemoria. [307]. Schluß des Fünfzigerausschusses. [309]. | |
| 15. Im Parlament (Bis zur Einsetzung der provisor. Centralgewalt. Mai bis Juli 1848.) | [309] |
| Wahlsorgen Blum’s. [309]. Parlamentseröffnung. [315]. Gagern’s Präsidialantritt. [316]. Der Verfassungsentwurf der Siebzehner und die Regierungen. [317]. Die Linke und Blum’s Führerschaft. [318]. Arbeitslast. [319]. Die Parlamente der Einzelstaaten. [320]. Die Mainzer Angelegenheit. [321]. (Blum’s Rede. [322]. Die Entscheidung. [323]. Folgen für Blum. [324].) Verhandlungen über den Antrag Raveaux. [325]. (Blum’s Rede. [327]. Die Versöhnung. [328].) Der Conflikt Blum-Auerswald. [329]. Die Pfingstreise der Linken in die Pfalz. [333]. Die deutsche Flotte. [339]. Die Verhandlungen über die provisorische Centralgewalt. [340]. (Blum’s Rede am 20. Juni. [342]. am 24. Juni. [348]. Die Entscheidung, Gagern’s kühner Griff. [357].) Der Reichsverweser. [357]. Dessen Wahl und Einsetzung. [359]. Briefe Blum’s aus diesen Tagen. [361]. | |
| 16. Im Parlament und Daheim (Juli und August 1848 bis zum Conflikt über den Malmöer Waffenstillstand.) | [366] |
| Auseinandersetzungen mit dem Bundestag. [366]. Conflikt mit Hannover. [369]. Reichsminister. [370]. Preußens Vorschlag vom 17. Juli. [370]. Die Huldigung der Bundestruppen an den Reichsverweser. [371]. Vermehrung des deutschen Heeres. [372]. Die Polenfrage. [374]. (Blum’s Rede. [375]. Entscheidung und Folgen. [381].) Die Amnestiefrage und Hecker’s Wahl. [382]. Die Grundrechte. [382]. Die Zustände in Sachsen. [384]. (Der Landtag und das Wahlgesetz. [385]. Stellung zum Deutschen Verfassungswerk. [386]. Die Versammlung der Vaterlandsvereine in Dresden, am 9. Juli. [388]. Zwiespalt in den Vaterlandsvereinen. [392].) Blum’s Reise nach Leipzig. [393]. (Daheim, S. [394]. Die Rede im Schützenhause am 16. August. [396].) Spaltung der Vaterlandsvereine. [409]. Jäkel, der Sieger. [411]. | |
| 17. Der Waffenstillstand von Malmö. Die Frankfurter Septembertage | [414] |
| Der Waffenstillstand von Malmö. [414]. Der Conflikt mit dem Parlament. [417]. Die Redeschlacht. [418]. Ministerkrisis. [419]. Das Ende der Krisis. [420]. Die zweite Verhandlung im Parlament. [421]. (Blum’s Rede am 16. Sept. [422]. Die Entscheidung. [436].) Sturm. [437]. Das Gewitter zieht herauf. [438]. (der Artikel der Reichstagszeitung vom 19. September. [439].) Die Versammlung der Pfingstweide. [440]. Die Clubs der Linken am Abend. [422]. Der 18. September. [443]. Der Sieg und seine Folgen. [446]. Briefe Blum’s aus diesen Tagen. [447]. Die Verhältnisse in Sachsen. [450]. (Jäkel gegen die Frankfurter Linke. [451]. Absage Blum’s an die Vaterlandsblätter. [454]. Rüder’s Brief. [455]. Bruch mit Jäkel. [456].) Motive der Reise nach Wien. [456]. | |
| 18. Nach Wien und in Wien. (Wiener Octoberrevolution 1848) | [457] |
| Die Verhältnisse Oesterreichs. [458]. Die Verhältnisse in Wien. [463]. (Der 6. October in Wien [464]. und die Frankfurter Linke [466].) Blum’s Reise nach Wien. [467]. Die Lage in Wien bei seiner Ankunft. [467]. Jelačić. [468]. Blum’s erste Tage in Wien. [470]. Entschluß zur Rückreise. [472]. Die Wiener Behörden. [473]. Wenzel Messenhauser. [474]. Anarchische Elemente. [478]. Gezwungenes Ausharren in Wien. [479]. Fürst Windischgrätz. [482]. (Seine geheime Verschwörung mit dem Hofe. [482]. Seine Auflehnung gegen Latour. [483]. Intriguen mit dem Hofe in Olmütz. [484]. Windischgrätz. Dictator. [485]. Sein historischer Charakter. [486].) Aufmarsch gegen Wien. [488]. Die Proclamation vom 20. October. [488]. Die Reichscommissare. [489]. Stimmung in Wien. [489]. Blum’s Rede in der Aula den 23. Oktober. [490]. Sein Artikel im „Radikalen“ vom 24. Oktober. [493]. Windischgrätz’ Proclamation und Bedingungen vom 23. October. [495]. Beginn des Kampfes. [497]. Fortschreitender Angriff auf die Stadt. [498]. Blum, Hauptmann im Elite-Corps. [499]. (Sein Antheil am Kampfe. [500]. Im Feuer. [501].) Siegreiches Vordringen der Truppen. [504]. Die Gräuel der Soldaten. [506]. Die Kapitulation. [508]. Blum für Uebergabe. [510]. Verhängnißvolle Zögerung des Fürsten. [511]. Die Ungarn kommen! [512]. Kapitulationsbruch und Pöbelherrschaft. [513]. Herrn v. Helfert’s Verleumdung gegen Blum. [514]. Unterwerfung Wiens. [516]. | |
| 19. Robert Blum’s Gefangennehmung, Proceß und Tod | [517] |
| Militairdespotie in Wien. [517]. Schreiben Blum’s an Csorich vom 2. November. [520]. Csorich an Cordon am 2. November. [521]. Blum und Genossen an Cordon den 3. November. [522]. Verhaftung Blum’s und Fröbel’s. [523]. Das Verhalten des sächsischen Gesandten v. Könneritz. [525]. Das Unverletzlichkeitsgesetz vom 29/30. Sept. und seine Gültigkeit für Oesterreich. [531]. Schreiben Blum’s vom 5. Nov. an den Präsidenten der Nationalversammlung. [533]. Geheime Verhandlungen Windischgrätz’ mit Olmütz. [534]. Stimmung Blum’s. [537]. Der räthselhafte Padovani. [539]. Beschwerde Blum’s vom 7. November. [543]. Verfügung Cordon’s. [544]. Beweiserhebungen am 8. November. [544]. Protest Blum’s am 8. November. [545]. Der Befehl aus Schönbrunn. [548]. Verhör Blum’s. [549]. Rechtliche Beurtheilung des Processes wider Blum. [554]. Politische Beurtheilung des Processes. [559]. Das Urtheil. [561]. Blum’s letzte Nacht. [561]. Blum’s letzte Stunden. [564]. (Gespräch mit P. Raimund. [564]. Bekehrung?! [565]. Letzte Briefe. [568].) Die Fahrt nach der Brigittenau. [569]. Blum’s Ende. [570]. | |
| 20. Deutschlands Todtenklage | [572] |
| Offizielle Schritte. [574]. Todtenklage des Volkes. [577]. Schluß. [579]. | |
| Alphabetisches Namensverzeichniß | [581] |
[1. Kindheit.]
Einer langen Einleitung bedarf das Unternehmen, das Leben Robert Blum’s zu schreiben, nicht.[1] Obwohl beinahe dreißig Jahre seit seinem Tode verflossen sind und Deutschland seither in allen seinen öffentlichen Verhältnissen sich von Grund aus verwandelt hat, ist Robert Blum dennoch bei der großen Mehrzahl des deutschen Volkes unvergessen. Viele seiner Mitstreiter und Gegner aus der ersten deutschen Nationalversammlung haben ihn überlebt und seither hervorragenden und rühmlichen Antheil an der politischen Arbeit des deutschen Volkes genommen: Präsident Simson, Biedermann, Grumbrecht, Löwe, Schaffrath, Ruge &c. Aber dennoch kann sich kaum Einer von ihnen mit der Popularität des todten Robert Blum messen. Mit rührendster Beharrlichkeit und Zähigkeit hängt das deutsche Volk an dem Andenken dieses Todten. Zeugniß dafür bietet die Thatsache, daß noch heute das Bildniß dieses Mannes nicht nur in Sachsen, dem Hauptschauplatz seines Manneswirkens, in so vielen Häusern und Hütten getroffen wird; auch hoch oben im baierischen und badischen Gebirge, wo Robert Blum nie gewesen, hat Verfasser dieses noch Jahrzehnte nach Blum’s Tode dessen Bildniß in Wirtschaften und Privathäusern getroffen. Von dem Stuhl Robert Blum’s in der Paulskirche zu Frankfurt war zuletzt kaum ein Spahn mehr übrig. Jeder Besucher des einstigen Sitzungssaales des ersten deutschen Parlaments nahm sich, soweit der Vorrath reichte, einen Splitter dieses Sessels zum Andenken mit.
Der Grund der unverwelklichen Liebe und Verehrung, die das Volk an diesen Namen heftet, ist einfach genug. Robert Blum hat in seiner Kindheit und Jugend die Leiden der Armuth gekostet, wie selten ein Anderer. Er hat schon als ganz junger Mensch lange schmerzliche Blicke gethan in die tiefsten Tiefen leiblichen und geistigen menschlichen Elends. Ihm ist der herbste Schmerz nicht erspart geblieben, der eine reichbegabte, wissensdurstige Natur erfüllen kann: der Schmerz aus Armuth dem Lernen, jeder höheren Bildung entsagen, mit einfacher Handarbeit sein Brod verdienen zu müssen. Robert Blum ist mit eigener Kraft aus diesem ihm von einem harten Schicksal vorgezeichneten, scheinbar unübersteiglichen Lebenskreise immer freier und größer herausgewachsen. Er hat begonnen, mit unvergleichlicher Ausdauer an seiner eigenen geistigen Fortbildung, seiner Befreiung aus den Banden der Armuth und Unbildung zu arbeiten. Er hat mit jedem Schritte, der ihn unabhängiger stellte und seine Gesichtspunkte erweiterte, auch weitere Ziele in’s Auge gefaßt. Von den Interessen seiner Person, seiner freien Seele, seiner Familie, seines Standes, seiner Stadt, seiner Religionsgenossen, ist er vorgeschritten zu dem Streben, die heiligsten und wichtigsten Angelegenheiten seines ganzen Volkes zu vertreten. Die Leiden und Kümmernisse wie die berechtigten Forderungen des Arbeiters haben niemals einen beredteren und uneigennützigeren Anwalt gefunden, als Robert Blum.
In wunderbarem Maße war ihm die Macht der Rede gegeben: niemals hat ein Mann so wie er verstanden, aufgeregte Massen zu beschwichtigen, als wären Tausende seines Sinnes, als geböte ein milder Vater dem ungeberdigen Kinde. Und dieses reiche, kraftvolle Leben, dessen letzter Theil, mit Aufopferung und großherziger Verleugnung aller eigenen Interessen, nur seinem Volke gewidmet war, hat Robert Blum gekrönt durch seinen in der Blüthe der Jahre muthig erlittenen Tod. Dieser Tod vor Allem macht ihn noch der Gegenwart theuer. Denn Robert Blum ist nicht erschossen worden wegen irgend einer persönlichen Handlung, welche auch nur den Vorwand eines Todesurtheils gegen ihn gerechtfertigt hätte. Vielmehr geben die heute bekannten Acten seines sehr kurzen Processes volle Gewißheit darüber, daß jener Schrei der Entrüstung vollkommen berechtigt war, der bei der Nachricht von seiner Hinrichtung Deutschland durchzitterte von den Gestaden der Nordsee bis zum schwäbischen Meere, und der vom grünen Tische des Gesammtministeriums in Dresden mit derselben Naturgewalt ertönte, wie von den Tribünen des deutschen Parlaments zu Frankfurt und in zahllosen Volksversammlungen: daß in Robert Blum nicht die Person, sondern der Vertreter des deutschen Volkes, die Unverletzlichkeit des deutschen Reichstagsabgeordneten habe gemordet werden sollen; daß mit einem Worte die siegreiche österreichische Reaction in dieser Tödtung symbolisch zeigen wollte, daß sie Alles was seit dem März des großen Jahres 1848 geschehen, nicht anerkenne und nun die Stunde gekommen erachte, um Deutschland wieder das Joch des alten österreichischen Bundestages auf den Nacken zu legen. So gilt denn Robert Blum noch heute mit Recht als eines der edelsten Opfer, welche Deutschland jemals seiner nationalen Freiheit und Einheit gebracht hat.
Auch die Geschichte der Familie, aus der dieser bedeutende Mann hervorging, ist schnell erzählt. Auf eine lange Ahnenreihe konnte Robert Blum nicht zurückblicken. Das Wenige, was hierüber bekannt ist, muß berichtet werden, da es für die Kindheit und Jugend Robert Blum’s von Wichtigkeit wurde.
Aus dem Dorfe Frechen, zwei Stunden von Köln, siedelte der Faßbindermeister Johann Blum und dessen Frau um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Köln über. Von sieben Söhnen übernahm der älteste, Robert Blum, das Geschäft des Vaters und wohnte als fleißiger Meister auf dem Fischmarkte in Köln. Er hatte drei Kinder: Engelbert, Heinrich und Agnes. Der im Jahre 1780 geborene älteste Sohn Engelbert war zu schwächlich, um sich dem Geschäfte des Vaters widmen zu können; namentlich hatte er eine schwache Brust und taugte daher für schwere Arbeit nicht. Auch hätten die ziemlich wohlhabenden und streng katholischen Eltern gern gesehen, wenn ihr ältester Sohn Theologie studirt hätte und „geistlich“ geworden wäre. Er besuchte daher das Kölner Gymnasium und hatte fünf Classen desselben absolvirt, als Untersuchungen und Verfolgungen gegen die Schüler stattfanden, die verdächtig waren, sich den verruchten Lehren ketzerischer Freigeister zugewendet zu haben[2]. Engelbert Blum war in dieser Hinsicht bei den frommen Vätern sehr schlecht angeschrieben. Er hatte für die Verbreitung der ketzerischen Irrlehren Propaganda gemacht und wurde von nun an streng bedroht und scharf beobachtet, sodaß ihm die Studien ernstlich verleidet wurden. Er schwankte, ob er freiwillig abgehen, sich wegschicken lassen oder heucheln solle und war — wohl hauptsächlich mit Rücksicht auf die kirchliche Treue und die für ihn getroffene Berufswahl der Eltern — über seinen Entschluß noch nicht im Reinen, als die Franzosen in Köln einzogen, der Staatsherrlichkeit des Krummstabes daselbst ein Ende bereiteten und das Gymnasium schlossen.
Engelbert verzichtete nun definitiv auf seine Ausbildung zum Theologen und versuchte abermals sich zum Faßbinder auszubilden, um das väterliche Geschäft zu übernehmen. Aber auch diesmal zeigte sich, daß ihm hierzu die nöthige Körperkraft mangle. Das nährende Gewerbe des Vaters ergriff der jüngere Sohn Heinrich, ein stämmiger Bursche, mit Kraft und Umsicht. Er ist in hohem Alter wohlhabend gestorben. Die Tochter, Agnes Blum, hat ein Zufall, wie wir sehen werden, zur Lehrerin gemacht; sie stand als solche viele Jahre der Elementar-Pfarr-Mädchenschule der Maria-Himmelfahrt-Pfarre vor. Ihr werden wir später noch begegnen. Der halbstudirte, zu dem Gewerbe seines Vaters zu schwächliche Engelbert Blum aber hatte seine liebe Noth, sich sein tägliches Brod zu verdienen. Er suchte nach Beschäftigungen, die seinen Kenntnissen entsprachen, doch ohne Erfolg, und mußte endlich für kargen Lohn eine Schreiberstelle an einem Kölner Lagerhause annehmen, die er nach einiger Zeit mit der Aufseherstelle in einer Stecknadelfabrik vertauschte. Das tagelange Sitzen am Schreibtisch war jedoch seiner schwachen Brust kaum nachtheiliger gewesen, als die verdorbene Luft, die er in seinem neuen Beruf den ganzen Tag athmen mußte. Denn in engem Raume mußte er hier mit einer großen Anzahl arbeitender Kinder aus den niedrigsten Ständen sich aufhalten. Für Ventilation war so wenig gesorgt, wie für Reinlichkeit der armen Kinder. Schulzwang und Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken waren noch unbekannte Dinge. Kinder im zartesten Alter wurden von ihren Eltern schon als Erwerbsquelle ausgebeutet.
Als Engelbert nach dem Schiffbruche seiner theologischen Hoffnungen zum zweiten Male den Versuch gemacht hatte, Küfer zu werden, hatte er ein junges Mädchen kennen gelernt, das mit sechszehn Jahren nach Köln gekommen war, bei verschiedenen Herrschaften gedient hatte und in den Jahren 1804 und 1805 bei einer wohlhabenden Faßbinderfamilie Wolff, die mit Blums verwandt war und in deren Nachbarschaft wohnte, in Diensten stand. Dieses Mädchen hieß Maria Katharina Brabender. Sie war über ihren Stand gebildet, etwas romantisch veranlagt, aber voll tüchtigen Selbstgefühls. Die jungen Leute liebten sich, und trotz des heftigsten Sträubens, der Eltern Engelbert’s wie der Familie Wolff — weshalb die letztere sich sträubte, ist etwas räthselhaft — heiratheten sich die jungen Leute am 25. November 1806. Sie wohnten in den ersten Jahren im Hause der Eltern Engelbert’s in der zweiten Etage des sehr schmalen Hauses Fischmarkt Nr. 1490 und erfreuten sich trotz ihrer Armuth des freundlichsten Familienlebens. Der junge Ehemann verdiente freilich nur achtzig Pfennige (einen Franken) den Tag. Die junge Frau aber nähte für die Leute, und da sie geschickt und fleißig, gut und gefällig war, so war sie überall gern gelitten, und es fehlte ihr nie an Arbeit.
Hier im Hause seiner Großeltern, wurde am 10. November 1807 dem jungen Paare der erste Sohn, Robert Blum, geboren. Nichts charakterisirt wohl so sehr die damalige Lage des Vaterlandes, dessen kraftvoller Streiter der Neugeborene später werden sollte, als die Thatsache, daß der Geburtsschein dieses deutschen Kindes in der französischen Stadt Köln französisch ausgestellt wurde. Er lautet (Nr. 1421 vom Jahre 1807): „Acte de naissance de Robert Blum, né le dix novembre entre huit et neuf heures du matin, fils d’Engelbert Blum, tonnelier, et de Catharine Brabender, époux, demeurant rue Fischmarkt No. 1490.“
Das Kind war der Abgott der ganzen Familie. Vergessen war der Groll über die Heirath Engelbert’s. Der Großvater und Taufpathe Robert’s, der damals schon kränkelte, fühlte sich in dem Enkelchen wieder verjüngt und glücklich und wünschte sich nun noch ein langes Leben, das ihm indessen nicht beschieden sein sollte, denn im Jahre 1810 starb er. Der kleine Robert wuchs indeß herrlich heran; ungemein früh lernte er sprechen. In zartester Jugend entwickelte er außergewöhnliche Anlagen. Mit drei Jahren bekam er die Masern, an denen er so heftig erkrankte, daß man ihn bereits verloren gab. Von dieser Krankheit behielt er schlimme Augen und wurde schließlich blind, neun Monate lang: Alles versuchten die Eltern, um ihm das Augenlicht wiederzugeben. Zuletzt riefen sie die Hülfe eines Dr. Bracht an, der ihnen als Augenarzt gerühmt worden war und der den Kleinen mit der größten Sorgfalt behandelte. Immer sprach er den Eltern Muth und Hoffnung ein und bestellte endlich eines Tages die ganze Familie auf den kommenden Morgen zusammen. Der Arzt erschien pünktlich, nahm den kleinen Robert auf den Schooß, spielte mit ihm, erzählte ihm und schwenkte dazwischen, wie spielend ein weißes Tuch hin und her. Zur unaussprechlichen Freude der Seinen griff Robert nach dem Tuche und gab so den ersten Beweis wiedererlangter Sehkraft. Doch blieben seine Augen immer schwach, eine Schwäche, die ihm auf seiner Lebensbahn recht hinderlich ward; um so höher steht jener eiserne Fleiß und Muth, mit welchem später der Mann, ohne Schonung seiner schwachen Augen, in durchwachten Nächten den Lücken seiner Bildung abzuhelfen bemüht war.
Das gute Gedächtniß, welches Robert sehr frühzeitig bekundete, veranlaßte seinen Vater, ihm das Meßdienen, das Knaben in lateinischer Sprache verrichten, zu lehren. Bald konnte Robert, kaum vier Jahre alt, die ganze lateinische Messe auswendig. Sein Vater zeigte ihm nun auch in der Nähe eines Altars, an dem gerade Messe gelesen wurde, was die Knaben dabei zu beobachten hätten. Und als Robert sich auch das eingeprägt, ließ der Vater ihn, unter Beihülfe eines größeren Knaben, am Altar mit dienen, und Robert sagte sein auswendig gelerntes Latein so schön und deutlich her, daß der Geistliche, ein gutmüthiger alter Herr, den Vater bat, ihm doch das liebe Kind täglich zum Meßdienen zu senden; den kleinen Robert aber beschenkte der freundliche alte Herr häufig mit Bildern, Büchern, Bonbons &c. Von dieser Zeit an ging der Kleine täglich in die Messe, bis er später wirklicher Meßdiener wurde.
Aber auch irdischere Künste brachte der Vater seinem Kinde bei: er lehrte ihm Lesen, Schreiben und Rechnen in sehr frühen Jahren. Sicher ist, daß Robert zu der Zeit, als sein Vater im letzten Viertel des Jahres 1814 am Ende seiner Kräfte in seiner aufreibenden Thätigkeit angelangt war und für immer auf’s Krankenlager geworfen wurde, also mit sieben Jahren, bereits in allen diesen Künsten ganz tüchtig Bescheid wußte. Nach neunmonatlicher Krankheit am 24. Juni 1815, starb Engelbert Blum. Er hinterließ eine Wittwe mit drei Kindern, Robert, Johannes und Gretchen, von denen Robert beim Tode des Vaters noch nicht acht Jahre zählte.
Die schlichten Aufzeichnungen, die mir vorliegen, über das Elend der Armuth, das die lange Krankheit und der Tod des Ernährers über die Familie brachte, und das Verhalten dieses jungen Knaben seiner Mutter und seinen Geschwistern gegenüber, als er in so zartem Alter Waise geworden war, gehören zu dem Rührendsten und Ergreifendsten, was man lesen kann, und lassen namentlich die ganze Verlogenheit der socialistischen Declamationen erkennen, wenn diese heutzutage danach trachten, die vergleichsweise beneidenswerthe Ueppigkeit einer heutigen Arbeiterfamilie, bei den jetzigen Löhnen, Lebensbedürfnissen und Lebensgewohnheiten auch der ärmsten Classen, als den Gipfel des Elends und der Würdelosigkeit zu bezeichnen.
Robert erkannte mit seinem klaren Verstande, seiner herzlichen Liebe für Mutter und Geschwister viel schärfer als sonst Kinder in seinen Jahren, wieviel mit dem Vater für die arme Familie verloren war. Aber statt seiner Mutter Schmerz durch die Offenbarung seiner frühreifen Erkenntniß zu vergrößern, suchte er seine Mutter zu trösten durch die treuherzige Versicherung, er sei schon groß und stark und werde deshalb fleißig mit ihr arbeiten; nur solle sie nicht mehr weinen, sonst werde sie auch noch krank. Er that aber mehr. Er ließ die scheinbar prahlerischen Worte zur That werden. Die Mutter gewann mit ihrer Nadel den ganzen Unterhalt der Familie — kümmerlich genug. Damit sie keine Minute versäume, holte Robert die Arbeit von den Kunden und trug das Fertige wieder fort. Er rathschlagte ernstlich mit der Mutter darüber, was jeweilig zuerst beschafft werden müsse, ganz wie ein ordentlicher Finanzminister, und holte das Nöthige herbei. Er unterhielt und ermahnte die jüngeren Geschwister, damit die Mutter ja beim Nähen bleiben konnte. Er blieb auf, wenn die Jüngeren im Bette waren, und strickte für die Geschwister und für sich selbst, weil die Mutter darauf keine Zeit verwenden konnte. Er verrichtete freudig und geschickt aus freien Stücken die meisten Hausarbeiten. Und als sein Bruder Johannes zu kränkeln anfing, pflegte ihn Robert mit rührender Geduld und Ausdauer.
Aber so traurig es der armen Familie ergangen war seit der Erkrankung und dem Tode des Familienhauptes, so sollte doch nun eine noch viel traurigere Zeit über sie kommen. Bisher hatte es wenigstens am Besten nicht gefehlt: an dem Frieden des Hauses. Die Ehegatten hatten sich aus Liebe geheirathet und sich herzlich geliebt, bis der Tod Engelbert’s sie trennte. Das Verhältniß zwischen Eltern und Kindern war das beste gewesen. In der Liebe, dem Gedeihen und dem Gehorsam ihrer Kinder sah auch die arme Wittwe einen unermeßlichen Schatz. Aber dieser Schatz wurde ihr mehr und mehr auch zu großer Sorge, namentlich als Johannes’ Krankheit sich verlängerte und als böses väterliches Erbtheil sich ankündigte. Da glaubte die arme Frau, sie werde doch auf die Dauer ihren Kindern das Brod nicht allein mit ihrer eigenen Kraft verdienen können, und nahm den Antrag an, den der Schiffer Kaspar Georg Schilder ihr machte, seine Frau zu werden.
Schilder hatte einen etwas stürmischen Lebenslauf hinter sich. Er war zuerst Schmuggler gewesen, ein Beruf, der die Betheiligten nicht immer mit den Spitzen der Gesellschaft zusammenführen soll. Dann, vor acht Jahren, war er als Soldat mit Napoleon nach Spanien gezogen und dort bis jetzt verblieben, ohne auch hier unablässig an der Spitze der Civilisation zu marschiren. Nun war er eben aus dem Kriege zurückgekehrt und hatte zwar ein hübsches Stück Geld, aber auch eine kleine Schwäche mitgebracht, welche geeignet war, einer zu großen Ansammlung von Ersparnissen mit der größten Aussicht auf Erfolg energisch entgegenzutreten, nämlich eine liebevolle Anhänglichkeit an alkoholhaltige Flüssigkeiten. Es ist begreiflich, daß diese mit dem Charakter eines alten Troupiers sonst keineswegs unvereinbare Leidenschaft nicht an Liebenswürdigkeit gewann, als der spanische Krieger, der dort gewöhnt gewesen war, die ältesten, feurigsten Klosterweine im Namen des einen und untheilbaren französischen Kaiserreiches à discrétion durch die rächende Gurgel zu gießen, sich, nach seinem geliebten Heimathlande zurückgekehrt, gezwungen sah, für weit saurere oder gemeinere Getränke sein gutes Geld Zug um Zug hinzugeben. Sehr bald konnten sich die besten Freunde Schilder’s der Erkenntniß nicht länger verschließen, daß der einstige Bändiger Hesperiens nicht blos dem Trunke, sondern sogar einem bösen Trunke ergeben sei.
Ob nun die arme Frau, die diesem Manne ihr Jawort gab, seine Schwäche weniger bemerkt hat, ob sie hoffte, ihn in dieser Hinsicht zu bessern, oder sich angezogen fühlte durch die wirklich guten Eigenschaften Schilder’s — denn er war kerngesund, gutmüthig, grundehrlich, treu und fleißig — sicher ist, daß sie vor Allem einen Ernährer ihrer Kinder in ihm zu heirathen meinte. Aber sie sah sich schwer getäuscht. Auch in nüchternen Stunden zeigte sich der neue Gatte argwöhnisch, eifersüchtig, jähzornig und nur zu geneigt, bösen Einflüsterungen ein williges Ohr zu leihen, mit denen seine Mutter und Schwestern ihn reichlich versorgten. Bedauert und aufgehetzt von seiner Familie, trug er dieser das verdiente Geld zu und gab murrend von dem Reste Weniges in den Haushalt seiner Frau. Während diese also schon wenige Monate nach Eingehung der neuen Ehe erkannte, daß sie nur den lieben Frieden ihres Heims geopfert habe, ohne irgend eine Erleichterung in ihrer vielen und schweren Arbeit zu gewinnen, im Gegentheile nach wie vor für ihre Kinder allein sorgen müsse, und ihre Verbindung mit Schilder tief bereute, brachte dieser eines Tages ganz plötzlich und unerwartet, zum größten Schrecken und Staunen seiner Frau, seine Mutter und drei Schwestern dauernd in’s Haus. Das häusliche Elend, welches dadurch für Robert, dessen Geschwister und vor Allem für dessen Mutter geschaffen wurde, war grenzenlos. Die neuen Ankömmlinge waren völlig ungebildete, rohe und zanksüchtige Menschen, die unter einander und mit Schilder’s Frau und Stiefkindern unaufhörlich haderten und stritten. Den Mann gegen die Frau aufzuhetzen, schien ihnen Lebensbedürfniß. Robert stand mit blutendem Herzen in dieser heillosen Wirthschaft. Das Leiden der Mutter erdrückte ihn fast. Inniger als je schloß sich Robert’s Herz an Mutter und Schwester. Stolz und ohne jede Heuchelei von Liebe, die er nicht empfand, trat er den neuen Tanten gegenüber. Mit Stichelreden und rohen Mißhandlungen wurde ihm von der Sippschaft vergolten. Unwirsch und gereizt durch das stete häusliche Gezänk, ward Schilder immer verdrießlicher und liebloser; zuletzt mißhandelte er im Trunke sein treues Weib, zum Lohne für ihre unendliche Anstrengung und Arbeit. Mehrere Monate dauerte dieses unselige Verhältniß — bis endlich Robert’s Mutter mit dem Muthe der Verzweiflung ihrem Manne die Wahl stellte: mit ihr ohne die Seinen, oder mit den Seinen ohne sie und ihre Kinder zu leben. Dieser Energie der Frau beugte sich der im Grunde gutmüthige Mann, indem er sie dauernd von seinen Angehörigen befreite.
Elend blieb auch so genug noch übrig. Johannes starb im ersten Jahre der neuen Ehe an der Schwindsucht, bis an’s Ende von Robert treu gepflegt und nach Kräften erheitert. Der lange Zwist, Verdruß und Kummer hatten tief am Herzen der Mutter genagt. Viermal nach einander hat sie nach Eingehung der neuen Ehe zu früh geboren. Fortdauernde Kränklichkeit und Entkräftung waren die Folgen. Gicht und Lähmung traten schon jetzt bei ihr ein, um sie niemals mehr zu verlassen.
Mit besonderer Liebe wandte sich Robert nach dem Tode seines Bruders dem Schwesterchen zu. Er war der Schutzgeist ihrer Kindheit und Jugend; er unterrichtete sie, spielte mit ihr, darbte sich oft einen guten Bissen ab, um ihr eine Freude zu machen, und hatte er Kleinigkeiten an Geld, so wurden sie zu einem Spielzeug, einer Leckerei &c. für die Kleine. War Gretchen einmal unartig, so brauchte er nur zu sagen: „Lieb’ Gretchen, thue das nicht mehr!“ und das Verbotene wurde keinesfalls wieder gethan. Bei schönem Wetter führte er, so oft er Zeit fand, sein Schwesterchen nach dem fast dreiviertel Stunden entfernten Friedhof, an das Grab ihres Vaters, das durch ein einfaches schwarzes Holzkreuz bezeichnet war, in dem sich hinter Glas ein Todtenzettel des Vaters befand. Hier hielt er Gretchen an zu beten und erzählte ihr jedesmal, wie gut der Vater und wie glücklich sie alle bei seinen Lebzeiten gewesen. Bei einem solchen Besuche auf dem Friedhofe bemerkte Robert Nachbarn, die sich zugleich mit den beiden Kindern von dort entfernten und in einen Wagen stiegen, um nach Hause zu fahren. Er trat an die gutmüthigen Leute heran und sagte, daß Gretchen so müde und außerdem noch nie in einem Wagen gefahren sei. Sie würden ihr wohl ein Plätzchen einräumen und ihr einmal diese Freude machen. Die Leute — eine Faßbinder-Familie Namens Merzenig — meinten, es sei auch für ihn noch ein Plätzchen übrig. Er aber war durchaus nicht zum Einsteigen zu bewegen, sondern eilte, so schnell er konnte, voraus, um das Schwesterchen in Empfang zu nehmen, brachte sie eilig nach Hause und erzählte der Mutter glückselig, wie es ihm gelungen sei, Gretchen in einem Wagen fahren zu lassen.
Ein anderes Mal sahen die Kinder, gleichfalls auf einem ihrer Gänge nach dem Friedhofe, am Wege einen Judenknaben, der ein Murmelthierchen zeigte und dafür Pfennige einsammelte. Um ihn hatte sich eine Schaar Buben zusammengerottet, die den Knaben verhöhnten, schimpften und mit Stöcken nach ihm und selbst nach dem Thierchen schlugen. Robert trat, voller Entrüstung über dieses Gebahren, auf die theilweise viel größeren Knaben zu und redete sie mit seiner lauten Stimme also an: „Schämt Ihr Euch denn gar nicht, den armen Jungen und selbst das unschuldige Viehchen zu mißhandeln? Das Kind ist arm und hat gewiß zu Hause noch kleinere Geschwister, die auf seine Pfennige mit Hunger warten. Braucht Eure Stöcke zu was Anderem und gebt dem Knaben was!“ und damit gab er dem Kinde einen halben Stüber (etwa zwei Pfennig), den ihm die Mutter zum Ankauf einiger Brezeln mitgegeben hatte. Unterdessen hatten sich auch mehrere Erwachsene um den Judenknaben und Robert versammelt und riefen: „Der Knabe hat Recht. Gebt dem armen Kinde was und mißhandelt es nicht!“ und der arme kleine Jude wurde reichlich beschenkt. Ein Herr aber sagte zu Robert: „Das hast Du gut gemacht, mein Junge. Sage Deinen Eltern, sie sollen Dich Pastor werden lassen! Predigen kannst Du schon jetzt.“
Mißhandlungen Seiten seines Stiefvaters hat Robert, obwohl das vielfach behauptet und auch in einigen biographischen Arbeiten über Robert Blum zu lesen ist, nie erfahren. Die Mutter hielt ihre Kinder so streng und folgsam, auch ihr selbst gegenüber, daß der Vater, auch in seinen reizbarsten Augenblicken, nie Veranlassung fand, gegen die Kinder auszufallen.
Die größte Hingebung und Aufopferung für die Seinen bewies Robert aber in den schweren Hungerjahren 1816 und 1817. Schilder verdiente damals täglich vierzig Stüber, anderthalb Mark. Die Familie brauchte aber jeden Tag sieben Pfund Brod, und diese kosteten achtundvierzig Stüber. Also nicht einmal zum täglichen Brode reichte der Verdienst des Vaters. Der tägliche Brodverbrauch der Familie mußte um die Hälfte reducirt werden. Und dieses theure Brod war zudem noch so selten, daß Robert im Winter schon um fünf Uhr Morgens, bei grimmiger Kälte und schlecht bekleidet, an den Bäckerladen gehen mußte, um nach langem Warten und Kämpfen das kloßähnliche, heiße, kaum genießbare Gebäck zu erhalten. Nicht selten wurde es ihm von Stärkeren entrissen. Denn Noth kennt kein Gebot. Bald aber war auch dieses Brod nicht mehr zu erschwingen, und die Familie mußte sich durch ein Gebäck aus Hafer und allen möglichen anderen halb oder ganz ungenießbaren Dingen vor dem Hungertode zu schützen suchen. Es gab Leute genug, die Robert deutlich zu verstehen gaben, er solle sich auf’s Betteln legen. Aber dagegen bäumte sich der ganze Stolz seiner edlen Natur. Er hungerte, aber er bettelte nicht. Als dagegen die Noth zu Weihnachten 1816 auf’s Höchste gestiegen war und das frohe Fest herannahte, freudlos und gramvoll wie die anderen Tage, da leuchtete ein anderer Gedanke in dem Haupte des gesunden Buben auf. Er eilte zu einem alten, wohlhabenden, geizigen Großonkel, einem der sieben Söhne des Johann Blum, mit dem wir die Genealogie des Hauses eröffneten, erschien hier mit rothgefrorenen Backen und blitzenden Augen und begann ungefragt dem biedern Onkel mit der ganzen überzeugenden Kraft, der echten Gottesgabe der Rede, die er in sich trug, die Drangsal und Noth der Seinen ergreifend zu schildern. Der alte Geizhals that, was er seit Langem nicht gethan: er vergoß einige Zähren des Mitleids. Er that aber noch ein Uebriges, was Robert sehr viel werthvoller war: er beschenkte Robert mit einem Sack Erbsen und Kartoffeln, einem Stück geräucherten Fleisches und sechs Stübern. Außer sich vor Freude, keuchend unter der schweren Bürde, flog der Knabe athemlos die Straßen entlang, seiner Wohnung zu. Da stolperte er, stürzte hin, Erbsen und Kartoffeln rollten über das Pflaster; doch Robert las sie bis auf die letzte zusammen und trat mit den völlig unerwarteten reichen Gaben unter die Seinen, mit Jubel und hoher Festfreude aller Herzen erfüllend.
Keinen Stachel und keinen Schatten von Verbitterung hat diese überaus trübe Kindheit, welcher ebenso peinvolle Lehrjahre folgten, in Robert’s Herzen zurückgelassen. Er hat daraus nur eine eiserne Charakterstärke und Willenskraft gewonnen, eine Aufopferungsfähigkeit, die keine Grenzen kannte, wenn das Gebot der Liebe sie ihm zur Pflicht machte.
[2. Schule und Kirche.]
Vieles von dem, was erzählt wurde und noch zu berichten sein wird, ist nur dann für möglich zu halten, wenn man versucht, in die damaligen öffentlichen und wirthschaftlichen Zustände sich einzuleben. Hier können selbstverständlich nur Andeutungen gegeben werden.
Jenes großartige Gesetz, welches die gesammte preußische Monarchie, einschließlich der neuerworbenen Rheinprovinz in ein einziges Zollgebiet verwandelte, die zahlreichen Binnenzölle aufhob, welche bis dahin innerhalb der einzelnen Landestheile bestanden, und damit die Grundlage zum künftigen deutschen Zollverein legte, ist erst 1818 erlassen worden. Seine Segnungen kamen mithin den Armen Köln’s in den Hungerjahren 1816 und 1817 noch nicht zu Gute. Während der Hungerjahre stand der Preis eines Scheffels Weizen am Rhein um sechs Mark fünfundneunzig Pfennig, also beinahe sieben Mark höher als gleichzeitig in Posen[3], so kolossal waren damals die Verkehrshindernisse. In den fünfziger Jahren war der höchste Preisunterschied innerhalb Preußens eine Mark sieben Pfennig. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß Preußen, der Staat, der in den Befreiungskriegen gegen Napoleon das Größte gethan für ganz Europa, um sechshundert Geviertmeilen kleiner aus dem siegreichen Kampfe hervorging, als er vordem gewesen, und obendrein in der denkbar ungünstigsten Gestaltung seines Gebietes, zerrissen in zwei weit entlegene Massen. Der Bevölkerungszuwachs von 5½ Millionen, den die Monarchie 1815 gewann, vertheilte sich auf ein Gewirr von Ländertrümmern, vor Kurzem zu mehr als hundert deutschen Kleinstaaten gehörig, zerstreut von der Prosna bis zur Maas. In den altpreußischen Landestheilen allein galten nach dem Frieden siebenundsechszig verschiedene Zolltarife, nahezu 3000 Waarenklassen umfassend. Dazu kamen die besonderen Zollsysteme der neuerworbenen Sächsischen und Schwedischen (Neuvorpommern) Landestheile, die Zollanarchie am Rhein, wo man die verhaßten Douanen und droits réunis der Franzosen einfach gestürzt hatte, ohne einstweilen Neues an ihre Stelle zu setzen. Wer billig denkt, und namentlich Sinn besitzt für jenes Zartgefühl, mit welchem die Preußische Staatskunst von jeher das historisch Gewordene und Gegebene pietätvoll würdigte, wird begreiflich finden, daß nicht vor dem Jahre 1818 die Schöpfung eines einheitlichen Zollgebietes in Preußen verwirklicht werden konnte.
Die neue preußische Rheinprovinz besonders litt außerdem hart unter der schlechten Verkehrsverbindung mit den östlichen Provinzen der Monarchie und vor Allem unter der Concurrenz mit England. Denn mit Aufhebung der von Napoleon drakonisch gegen England durchgeführten Continentalsperre wurden die seit Jahren aufgespeicherten englischen Waaren massenhaft auf den Continent geworfen. In dem einzigen Jahre 1818 hat England für 129 Millionen Gulden Waaren nach Deutschland ausgeführt. England bedurfte damals kolossaler Baarmittel, weil es in den Jahren 1816–19 die Englische Bank zur Wiederaufnahme der Baarzahlungen durch Parlamentsbeschlüsse nöthigte und das Gold demgemäß wieder zum allgemeinen Tauschmittel machte. Dieser Bedarf wurde durch vermehrte Waarenausfuhr gedeckt. Der einzige Vortheil der deutschen Industrie gegenüber der englischen, der billige Arbeitslohn, ging während der späteren Hungerjahre 1816 und 17 vollständig verloren. Am schwersten litt das Rheinland unter allen preußischen Provinzen; denn kaum waren hier unter dem napoleonischen Mercantilsystem Fabriken aufgeblüht, so verloren sie nun mit der veränderten Gebietsabgrenzung des Friedens plötzlich ihre Absatzquellen nach Frankreich, Holland, Italien, den Niederlanden; sie waren durch die Provinzialzölle der altpreußischen Landestheile vom Osten Deutschlands abgeschlossen und schutzlos der übermächtigen Concurrenz Englands preisgegeben. Die schwere Krisis, die wir jetzt durchleben, erscheint als eine Kleinigkeit gegenüber diesem wirthschaftlichen Elend.
Unter allen Städten des Rheins war nun aber wieder Köln vielleicht am härtesten durch die Franzosenzeit und die veränderte Staatsangehörigkeit heimgesucht worden. Schon mit dem Eindringen der als Retter aus aller Noth begrüßten Jacobiner war das städtische Eigenthum Nationalgut geworden, der beste und wohlhabendste Theil der Bürger geflohen, die Aufhebung der Klöster und mancher milden Stiftung beschlossen. Nach Beendigung der Fremdherrschaft konnten nur noch wenige alte Convente und klösterliche Institute Zeugniß ablegen von der Art, wie im alten Köln die Noth gelindert, die Krankenpflege betrieben worden war. Auch wurde Köln unter der neuen Regierung wichtiger Institute und Behörden beraubt, die ihm wohl gebührt hätten. Die Universität ward nach Bonn, das Oberpräsidium nach Coblenz, die Malerakademie nach Düsseldorf, das Polytechnikum nach Aachen verlegt. Erst später verstand die betriebsame Stadt, sich trotz der Ungunst der Verhältnisse zum Mittelpunkt des rheinischen Großhandels zu machen.
Damit dürfte zur Genüge erklärt sein, wie das Elend der Hungerjahre sich zwei Jahre lang in der großen Stadt behaupten, wie Robert Blum auf seinem ferneren Lebenswege so gut wie gar keine unterstützende Aufmerksamkeit von Seiten der Vaterstadt finden konnte.
Wir sahen, daß der junge Robert schon mit dem siebenten Jahr lesen, schreiben und rechnen konnte. Er hatte sich bis zum zehnten Jahr in diesen und allen sonstigen Künsten, die in seiner Pfarrschule gelehrt wurden, so weit vervollkommnet, daß er anfing, manchem Lehrer als unbequemer „Ueberflieger“ zu gelten, das heißt als ein Bursche, dem Alles zu leicht wird, dem nichts mehr gelehrt werden kann.
In diesem Stadium seiner Bildung bethätigte seine Tante Agnes Blum (wie wir sahen, die einzige Tochter seines Großvaters Robert) die volle Staatskunst der Frauen, indem sie nach dem alten machiavellistischen Grundsatz den gefährlich-oppositionellen Denker in das Ministerium ihres Lehramtes berief und ihm zunächst das Portefeuille der Mathematik verlieh — mit zehn Jahren!
Das ging so zu. Die gute Tante Agnes hatte sich niemals träumen lassen, Lehrerin zu werden. Sie war vielmehr Jahre lang blos Pflegerin einer alten Dame gewesen, welche in dem Gebäude der Elementarschule der St. Maria-Himmelfahrts- oder Jesuiten-Pfarre wohnte. Als diese Dame das Zeitliche gesegnet hatte, wurde Agnes die Universalerbin der Verstorbenen und als solche sehr wohlhabend. Sie übernahm nun gleiche Samariterdienste bei der Lehrerin der genannten Schule, wohnte ihrem Unterrichte vielfach bei, vertrat sie in der Schule, als die Lehrerin kränker und kränker wurde, und erhielt — wahrscheinlich zu ihrem eigenen nicht geringen Schrecken — die Lehrerinstelle der hochehrwürdigen Jesuiten-Pfarr-Elementarschule angetragen, als die Lehrerin die Augen für immer geschlossen hatte. Freilich tobte damals noch nicht der Culturkampf. Auch der Schulzwang und die Schulordnung hatten die Pforten der Hölle noch nicht überschritten. Jeder konnte nach seiner Façon Lesen, Schreiben und Rechnen lehren. Jeder, der zahlen konnte, schickte seine Kinder wohin ihm beliebte. Wer nicht zahlen konnte, schickte sie — in die Stecknadelfabrik zum Verdienen. So war’s unter dem menschenfreundlichen Krummstab gewesen. So war’s auch noch Anno 1817. Das Geld, welches für die Schulstunden zu entrichten war, gehörte der „Lehrperson“. Dieser letztere Gesichtspunkt scheint für Tante Agnes entscheidend gewesen zu sein, als sie sich entschloß, ohne jegliche ausreichende Vorbildung zum Amte einer Elementarlehrerin, dem an sie ergangenen Rufe Folge zu leisten. Immerhin blieb ja doch der große Trost, daß in der Hauptsache, in der Religion, die armen Kinder von der Pfarrgeistlichkeit direct unterrichtet wurden. Nur in einem Punkte konnte sich ihr zartes Gewissen mit dem übernommenen Amte nicht abfinden: im Einmaleins, in den vier Species, vollends im Bruchrechnen, der Regeldetrie &c. Diesen Geheimnissen gegenüber war sie völlig rathlos. Um so besser, daß der kleine Neffe Robert so ausgezeichnet darin bewandert war. Er wurde also als Rechenlehrer bei Tante Agnes angestellt.
Die Einkünfte, die er für diese Thätigkeit genoß, waren verhältnißmäßig bedeutend. Denn Tante Blum überzeugte ihre Schülerinnen natürlich mit Leichtigkeit, daß die wunderbare Kunst des Rechnens nicht für den gewöhnlichen Unterrichtspreis mit verabreicht werden könne, daß vielmehr zur Aneignung dieser ungewöhnlichen Kenntnisse Privatstunden nothwendig seien. Selbstverständlich konnten auch nur die reiferen Schülerinnen an dieser Sahne des Unterrichts der Pfarrschule naschen. Der Preis von einem Stüber (vier bis fünf Pfennig) für zwei Rechenstunden in der Woche erschien als eine Kleinigkeit gegenüber der Errungenschaft dieses Wissens, welches — die Lehrerin selbst nicht besaß. Für Robert aber, der an vier Tagen der Woche Nachmittags von vier bis fünf Uhr zwei Classen der Tante unterrichtete, waren diese Kupfermünzen gerade ausreichend, um seiner guten Mutter die Ausgabe für einen Communionanzug zu ersparen. Denn Tante Agnes sammelte ihm die Einnahmen seines Rechenunterrichtes auf das Genaueste. Sie gab ihm aber außerdem durch eine bei ihrer Genauigkeit wahrhaft splendide Naturalleistung schamhaft zu verstehen, aus welcher Verlegenheit er sie durch seinen Rechenunterricht erlöste: sie verabreichte ihm nämlich, wenn er um vier Uhr aus seiner Schule zum Unterricht in die ihrige kam, eine ganze Tasse Kaffee und ein Brödchen. Die Tasse Kaffee mußte er nun schon als unübertragbare persönliche Rechtswohlthat für sich selbst hinnehmen. Aber das Brödchen allein zu genießen, ging über seine brüderlichen Begriffe. Sein Schwesterchen besuchte ja dieselbe Schule als Schülerin, in der er lehrte. So oft es ging, suchte er ihr das kleine Gebäck zuzustecken. War sie im Garten, auf dem Spielplatz, im Schulzimmer, so scheute er keinen Vorwurf, um seinem Liebling den hohen Genuß frischen Weißbrods zuzuwenden.
Der schmutzige Geiz dieser Tante und die Kränkungen, die sie Robert und seinem Schwesterchen durch Zurücksetzung der Kinder hinter die reichere Verwandtschaft zufügte, haben in Robert’s Herz früh die schmerzlichsten Eindrücke hinterlassen. Höchst charakteristisch für ihn ist ein in diese Zeit fallender kleiner Vorfall, der in der Familie noch heute als die „Geschichte von den Hobelspänen“ streng wahrheitsgetreu erzählt wird. Schwester Gretchen hatte mit etwa sechs Jahren — man staune nicht über die fanatische Menschenquälerei, welche die fromme Geistlichkeit zu Wege brachte! — aus Christoph Schmidt’s biblischer Geschichte ein unendlich langes, in kleinen lateinischen Lettern gedrucktes Stück „Jesu letzte leidensvolle Nacht“ auswendig lernen müssen, und was noch wunderbarer ist — das „Stück“ auch fehlerlos ihrem armen Gedächtniß eingeprägt und am Sonntag in der Kirche heruntergesagt. Diese Quälerei zur größeren Ehre Gottes war speciell in dem jungfräulichen Haupte der Schultante Agnes Blum ausgeheckt worden und sie war keineswegs gewillt, blos in der Kirche mit ihrer Wundernichte Staat zu machen. Sie gab unmittelbar danach auch eine Kaffeevisite, zu welcher selbstverständlich der Herr Pfarrer, ihr Bruder Heinrich Blum, der kräftige Böttcher mit Frau, und einem Gretchen Blum beinahe gleichalterigen Töchterchen u. A. eingeladen waren. Als das Gespräch zufällig auf die Wundernichte gelenkt war, wurde diese aus ihrer Schule heruntergeholt und mußte Jesu leidensvollste Nacht noch einmal ohne Murren zum Kaffee hersagen — den Andere tranken. Den Blick hoffnungsvoll auf den Teller mit „Hobelspänen“ — einem geringelten Butterteiggebäck — gerichtet, sagte das Kind „sein Sprüchel und forcht sich nit“ und so ging denn auch diese „leidensvollste Nacht“ rasch und anstandslos vorüber. „Ach wie schön!“ „Das ist viel für ein so kleines Kind!“ „Brav Gretchen, das hast Du gut gemacht!“ rief es in der Runde. Das Auge des geplagten Kindes haftete gespannter als je auf den Hobelspänen. Da greift denn auch einer der Herren nach dem Teller mit dem Gebäck — und schüttet fast dessen ganzen Inhalt der Cousine des kleinen Gretchen zu. Die brave Tante Agnes aber sagt zu dem Staatskind: „Gretchen, Du kannst nun wieder in die Schule gehen.“ Sie mußte die Aufforderung mehrmals, dringlicher wiederholen.
Darüber waren mehrere Jahre vergangen. Die Mutter nähte nach wie vor für die Leute und sandte eines Tages ihre kleine Tochter ein fertiges Kleid auszutragen und sechzehn Stüber Arbeitslohn dafür zu verlangen. (Dreizehn Stüber machten fünfzig Pfennig). Das Kind verlangte und erhielt siebzehn Stüber, und lief spornstreichs zum Hofconditor Maus — ich vermuthe beinahe, daß er zeitlebens wenig für den Hof conditort hat — und verlangte hier in der höchsten Aufregung für einen Stüber Hobelspäne. Der „Herr“ am Ladentisch fragte ängstlich, ob das Kind die Hobelspäne essen wolle — sie sah offenbar so aus, als ob sie damit zu jedem anderen Verbrechen fähig gewesen wäre — und als das Kind diese Absicht entschieden bejahte und als glaubhaften Beweggrund hinzufügte, daß sie ein andermal habe zusehen müssen, ohne welche zu kriegen, machte er ihr für den einen Stüber eine ganze Düte voll.
Aber das Verhängniß schreitet schnell. Die Empfängerin des Kleides beschwert sich bei Robert’s Mutter, daß sie soviel habe bezahlen müssen, und die Mutter stellt die Tochter zur Rede. Sprachlos vor Angst blickt Gretchen die Mutter an und vermag kein Wort herauszubringen. Robert ist zugegen und sagt: „Aber liebe Mutter, wie soll Gretchen nach so langer Zeit noch wissen, was Du ihr damals bestellt und was sie erhalten hat?“ Die Mutter stand von weiterem Forschen ab. Sowie aber Robert ausgehen mußte, sagte er: „Ich möchte Gretchen gerne mitnehmen.“ Er schlug einen ungewöhnlichen Weg mit ihr ein. In einer stillen Straße bleibt er stehen, sieht sie eindringlich an und fragt: „Gretchen, warum hast Du der Frau einen Stüber mehr abverlangt, als die Mutter gesagt?“ Sie erzählte ihm nun die ganze Geschichte. Da ballte er die Hände und knirschte mit den Zähnen. Die Schwester bat ihn, es der Mutter zu sagen, damit sie ihre Strafe bekomme. „Sei ruhig,“ erwiderte er stirnrunzelnd, „ich werde es der Mutter nicht sagen. Aber warum hast Du mir damals nichts gesagt, als man Dich zusehen ließ?“ „Dann hättest Du geweint,“ sagte Gretchen schluchzend. „Jetzt bin ich groß und weine nicht mehr,“ entgegnete Robert. „Du aber sollst mir versprechen und es nie vergessen, daß Du Dich stets an mich wenden willst, wenn Dir etwas fehlt, wenn Du Dir etwas wünschest, wenn Dir bange ist.“ Er hat redlich Wort gehalten.
Jener Fall mit den Hobelspänen war natürlich nicht der einzige, bei welchem die Tante die armen Kinder zurücksetzte. Als Robert eines Tages trübselig zu Hause saß, äußerte er seiner Mutter den Wunsch, ein wenig zur Tante zu gehen. Er ging, kam aber bald zurück mit der Nachricht, daß er nicht vorgelassen worden sei, weil die Tante Besuch habe. Neugierig, den Besuch zu sehen, hatte er durch das Glasfenster der Besuchsstube geschaut und den Onkel Heinrich nebst Frau bei der Tante sitzen sehen. Tief gekränkt, faßte er seinen Schmerz in die für einen so jungen Knaben höchst überraschende Wendung zusammen: „Die Schwester meines Vaters konnte mich nicht empfangen, weil sie den Bruder meines Vaters zum Besuch da hatte.“
So war das elfte Jahr seines Lebens herangekommen, in welchem Robert zum ersten Male das heilige Abendmahl empfing. Wohl der Einzige unter den gleichalterigen Genossen, hatte Robert die Festkleidung, die er am Altar des Herrn trug, sich selbst redlich verdient. Aber auch der kindlich tiefe Glaube an das Wunder des Gnadenmahls des Heilandes mochte vielleicht keinem seiner Gefährten so rein und kräftig innewohnen, wie ihm. Diesen schon seit seinem vierten Jahr durch täglichen Messebesuch und Messedienst bethätigten Glauben bezeugte Robert nun auf’s Neue, indem er seine Eltern nach der Communion bat, ihm zu gestatten, daß er in der St. Martinskirche (seiner Pfarrkirche) in die Reihe der Meßdiener eintreten dürfe. Da mit diesem Amte kleine Einnahmen verbunden waren, die Robert seiner Mutter zuzuwenden hoffte, und außerdem das Recht, die Pfarrschule der Kirche zu besuchen, so gaben die Eltern mit Freuden ihre Zustimmung.
Robert wurde also Meßdiener. Da dieser Dienst die Knaben nur in frühen Morgenstunden und an Sonn- und Feiertagen beschäftigte, so hinderte er nicht am Schulbesuch. Aber aus diesem Dienst, der Alles in sich zu vereinigen schien, was Robert glücklich machte, erwuchsen dem Knaben zum ersten Male in seinem jungen Leben seelische Leiden, die ihn mit tiefem Schmerz erfüllten und in ihrem Verlaufe den festen, treuen Kinderglauben Robert’s zerstörend ergriffen und vernichteten. Den ersten Anlaß hierzu bot folgender Vorgang. Die jungen Meßdiener verweilten in der Kirche schon ehe sie den Gläubigen geöffnet wurde und noch nachdem sie von den Kirchenbesuchern verlassen war. Die Jungen — mindestens aber Robert — beobachteten genau das Benehmen der Geistlichkeit in diesen Momenten, wenn diese unter sich zu sein glaubte. Klagend und weinend berichtete Robert der Mutter: „Er habe die traurige Bemerkung gemacht, daß die stets mit dem Heiligen beschäftigten Leute nicht frömmer als die Anderen seien, ja noch viel weniger fromm. Es falle Keinem derselben ein, vor dem Hochaltar das Knie zu beugen, wenn die Kirche von Menschen leer sei. Sie gingen vielmehr lachend und schwatzend vorbei. Er wolle aber versuchen, durch sein besseres Beispiel auf die Andern zu wirken.“ Bald klagte er der Mutter von Neuem: „Nein, nein, sie Alle sind nicht fromm. Sie haben keine Achtung und Ehrfurcht vor dem im Altar verborgenen Heiland. Es ist nur Scheinheiligkeit, wenn sie in der von Menschen gefüllten Kirche Ehrenbezeugungen an den Tag legen.“ Armes, reines Kinderherz! Du wußtest nicht, daß Jahrhunderte vor dir ein anderes Kind, aus so armem Hause wie du, am zehnten November geboren wie du, denselben Weg zur Erkenntniß gewandelt war, dessen rauhe Bahn du nun betratest. Auch Martin Luther war nicht zuerst irre geworden an der Lehre der römischen Kirche, sondern an ihren geistlichen Dienern. Und als er diese voller Lug und Trug fand, erstreckte sich sein Zweifel auch auf den von solchen Priestern verkündeten Glauben. Denselben Weg der Erkenntniß wandelte Robert Blum.
Jeder wahrhaftigen treuen Natur ist die erste Berührung mit Lüge und Heuchelei eine überaus peinliche Erfahrung. Hier wurde sie um so peinvoller, als die bisher untrügliche letzte Instanz in allen wichtigen Fragen, die Mutter, in ihrem blinden Glauben an die Heiligkeit und Frömmigkeit der Diener der Kirche, die Zweifel Robert’s nicht lösen konnte oder wollte. Er wurde daher nun auch der Mutter gegenüber einsilbig und verschlossen. Seine letzten Gedanken behielt er für sich. Finster und argwöhnisch ging er seinen kirchlichen Functionen nach. Immer weiter griff sein grübelnder Zweifel um sich. Das Nächste, was ihn aufregte, war zum Glück noch eine rein weltliche Betrachtung. Bei Trauungen, Kindtaufen, Begräbnissen &c. legten die Betheiligten Trinkgelder in eine für die Meßdiener bestimmte Büchse. Robert glaubte bemerkt zu haben, daß der Inhalt der Büchse, wenn er zur Vertheilung kam, mit den Einlagen nicht stimme, und seit der letzten Theilung begann er förmlich Buch zu führen über jeden Stüber, der eingelegt wurde. Bei der nächsten Vertheilung des Büchseninhaltes fand sich nicht einmal die Hälfte der von Robert berechneten Einlagen vor. Er nahm seinen geschmälerten Theil, brachte ihn weinend der Mutter, legte ihr sein Verzeichniß vor und berechnete ihr danach, wie viel jeder der jungen Meßdiener eigentlich hätte erhalten müssen.
Die Mutter nahm Geld und Verzeichniß ging zum Hülfsküster, der die Büchse in Verwahrung hatte, und beschwerte sich über solchen „Betrug“. Dieser hörte die Klage staunend an; dann lachte er laut auf und rief einmal über das andere: „Also jetzt rechnen die Jungens nach, was in die Büchse kommt!“ Die gute Mutter mochte in diesem Gebahren des Küsters auf die schwere Anklage nur die Bestätigung Alles dessen finden, was Robert ihr bisher aus seinem vollen Herzen geklagt hatte, und war deshalb wenig geneigt, die Sache von der heiteren Seite aufzufassen. Sie nannte daher dem Küster die Namen aller Personen, die Geld in die Büchse eingelegt hatten, und gab genau die Summe an, die ein Jeder gegeben. Da legte sich der Küster auf’s Beruhigen. Er versprach, die Büchse solle in Zukunft besser aufgehoben, Veruntreuung dadurch unmöglich gemacht werden. Und er hielt Wort.
Für Robert war jedoch dieser Sieg, den sein Scharfsinn für sich selbst und die Kameraden erfochten hatte, mit nichten erfreulich. Bot er ihm doch die traurige Bestätigung, daß er mit seinem Argwohn auf richtiger Fährte gewesen. Da die Mutter nur einen Theil seiner Zweifel zu lösen vermochte und sein Glaube ihm gebot, alles Herzeleid und alle seelische Bedrängniß in der Beichte dem verschwiegenen Priester anzuvertrauen, so flüchtete er mit seinem stillen Weh in den Beichtstuhl. Alles, was er der Mutter geklagt, und mehr noch, so namentlich auch den Zweifel an dem Glauben, daß der mächtige Herrgott in Person sich tagtäglich leiblich von den Gläubigen werde verzehren lassen wollen, schüttete er vor dem lauschenden Ohre des Beichtigers aus. Rauhe Worte und Drohungen mit ewiger Verdammniß waren die Antwort. Er ging nun von einem Beichtvater zum andern. Manche gaben ihm freundlichen Zuspruch, liebevolle Ermahnungen. Aber harte Zurechtweisung war vorherrschend. Der letzte Beichtvater namentlich, an den er sich gewandt, nannte ihn einen verstockten Sünder und verweigerte ihm die Absolution.
Kurze Zeit darauf wurde er zum Pfarrer beschieden. Er ging natürlich hin und fand eine ganze Anzahl Geistlicher beisammen, unter ihnen auch Denjenigen, bei dem er, von Zweifeln gefoltert, Trost, Beruhigung, Glauben suchend, gebeichtet hatte. Vor Allen nimmt dieser Beichtvater das Wort und schildert Robert als einen frechen, anmaßenden Buben, der sich unterstehe, den Lauscher und Aufpasser abzugeben, sich erdreiste zu beurtheilen, ob das Betragen eines geweihten Priesters passend oder unpassend sei, der Rebellion unter den Meßdienern gestiftet und sie gelehrt, ihren Vorgesetzten zu mißtrauen, ihnen aufzupassen, sie wohl gar zur Rechenschaft zu ziehen. Der Knabe, aufgefordert sich zu rechtfertigen, stottert, verwirrt durch den ungeheuren Vertrauensbruch, die Worte heraus: daß er im Beichtstuhl sein Herz offenbart und nun unverbrüchliche Geheimnisse verrathen sehe. „Ach, wir wissen doch Alles“, wird ihm höhnisch entgegengerufen, mit zeitlicher und ewiger Strafe, mit Hölle und Verdammniß ihm gedroht und, um sein Elend vollzumachen, die Mutter gerufen, um auch sie von der Ruchlosigkeit ihres Sohnes in Kenntniß zu setzen. So endete Robert’s Rolle als Meßdiener.
Seine gute Mutter trug vor Allem Fürsorge für das Seelenheil ihres Kindes, dessen Herz sie so ganz anders geartet kannte, wie das grausame Ketzergericht, das nun gesprochen hatte. Sie brachte ihren Robert zu dem alten, würdigen, gutmüthigen Geistlichen, der sie und Robert schon so lange kannte, klagte diesem, wie Alles gekommen, und bat ihn, sich ihres armen Kindes anzunehmen und ihn auf den Weg des Glaubens zurückzuführen. Robert folgte lammfromm den Worten des Einzigen, dem er vertraute, erhielt die früher verweigerte Absolution, ging nach wie vor zur Beichte und Communion — aber trotzdem war für ihm immer dahin die selige Glaubenswelt seiner Kindertage. Als er mehr als ein Vierteljahrhundert später sich öffentlich lossagte von der römischen Kirche und das praktischste und energischste Haupt der neuen Deutsch-katholischen Kirche wurde, hat, wie später an seinen eigenen Bekenntnissen gezeigt werden wird, gewiß der Gedanke, politische Ziele durch die religiöse Bewegung zu fördern, vollen Antheil an seinen Entschließungen gehabt. Dennoch aber war dieser Schritt nur die letzte Consequenz jener Seelenkämpfe, die in ihm erregt wurden in Jahren, wo wir kaum über uns und Andere zu denken beginnen.
Den Besuch der Pfarrschule wegen dieser Ketzereien Robert zu verbieten, wagte man doch nicht. Er lernte hier mit gleichem Eifer fort. Da ließ eines Tages Robert’s Lehrer, der verwachsene, fleißige und hochgeachtete Herr Burg, die Mutter zu sich bitten und sagte ihr: „er sei jetzt fünfunddreißig Jahre lang Lehrer an einer und derselben Schule — aber ein Talent und solchen Fleiß, wie er bei Robert gefunden, sei ihm in dieser langen Zeit noch nicht vorgekommen. Er rathe der Mutter, Alles aufzubieten, um ihn studiren zu lassen.“ Die Mutter wendete ein, sie sei nur eine arme Frau, der Knabe habe einen Stiefvater, es werde ihr unmöglich sein, Robert studiren zu lassen. Da meinte Herr Burg: „gerade für strebsame und arme Kinder und Waisen habe ja die Stadt ihre reichen Stiftungen. Er rathe, ihren Sohn nach dem Gymnasium zu bringen und dann sich um Erlangung einer ‚Stiftung‘ zu bemühen.“
Robert war selig, als er von diesem Plane hörte, und ließ es natürlich an Bitten nicht fehlen, um das hohe Ziel zu erreichen. So brachte ihn denn die Mutter nach dem Kölner Jesuitengymnasium. Seine Freude, sein Fleiß waren grenzenlos. Immer hatte er zu wenig Arbeit. Als er die Sexta durchlaufen hatte und am Schlusse des Schuljahrs öffentliche Prüfung stattfand, wurde ihm, dem Fleißigsten und Aermsten, der erste Preis, das „goldene Buch“, zuerkannt. Vor mir liegt unter all den ähnlichen Zeugnissen, welche Robert aus seiner Schulzeit davongetragen, auch das Zeugniß über dieses letzte Vierteljahr seines Schulbesuchs. Es lautet: „Vierteljährige Censur. Vorbereit. Classe des Jes.-Gym. Nro. Ein. Schuljahr 1819–20, viertes Vierteljahr. Namen Robert Blum. Betragen gegen Mitschüler gut, gegen Vorgesetzte lobenswerth. Fleiß lobenswerth in allen Fächern; der häusliche Fleiß sehr groß, und mit dem besten Erfolge. Fortschritte vorzüglich in allen Fächern. Abwesend und zu spät gekommen vacat. Also ausgestellt von den Lehrern Weiß, Breuer, Religionslehrer. Unterzeichnet von dem Director Heuser. Köln, 27. August 1820.“ An den Fuß dieses Zeugnisses hat die ungelenke Hand des Stiefvaters geschrieben: „Mit Freuden gesehen von Caspar Georg Schilder.“
Mit noch erhöhter Freude ging Robert natürlich zu Anfang des folgenden Jahres nach Quinta. Die Mutter hatte sich nun ein volles Jahr übermäßig angestrengt, um Schulgeld, Bücher, Kleidungsstücke &c. zu beschaffen. Aber trotz aller unablässigen Bemühungen wollte es ihr nie gelingen, eine Stiftung für ihren Sohn zu erlangen. Immer hieß es: es seien keine Gelder vorhanden. Jetzt wurde ihr eröffnet, es könne noch anderthalb Jahr währen, ehe er in den Genuß einer solchen Freistelle treten könne. Das war ein furchtbarer Schlag. Es fehlte an Allem, an Büchern, Geld, vor Allem an dem so nöthigen Anzuge. Aber es gab ja noch eine Hoffnungsaussicht, welche die Mutter um ihretwillen nie angerufen hatte, aber um des reichbegabten Sohnes willen nicht unversucht lassen wollte: die wohlhabende Verwandtschaft. Trostsuchend wandte sich die Mutter zuerst an den früheren Lehrer Robert’s, Herrn Burg, und auch von diesem wurde sie vertrauensvoll gewiesen an Alles, was sich Robert gegenüber mit dem Namen „Onkel“ schmückte. Verheißungsvoll wiesen sämmtliche Onkels ihrerseits auf die reiche Tante Agnes, zumal da Robert sie ja in ihrer bekannten mathematischen schweren Noth über Wasser gehalten hatte. Diese treffliche Dame aber sagte: „Ich habe keine Kinder. Wer Kinder hat, mag dafür sorgen!“ Damit war die Entscheidung gesprochen. Robert mußte der Hoffnung, weiter zu lernen, entsagen und zu Hause bleiben.
Schweigsam und traurig, alle bisherigen Genossen seiner Studien sorgsam meidend, schlich der sonst so muntere, frohe Knabe einher. Ernstlich fürchteten seine Eltern und Alle, die ihn damals sahen, er möchte in Gemüthskrankheit verfallen. Dann aber, als er, finster vor sich hinbrütend, Tag und Nacht sein Mütterlein an der Arbeit sah, um ihm und seinem Schwesterchen Brod zu schaffen, ohne ein Wort des Vorwurfs für seine Unthätigkeit, da warf er den letzten schmerzlichen Blick rückwärts nach den für immer verlorenen Gefilden der ewigen Jugend des Alterthums und beugte seinen kräftigen Nacken unter das Joch gewöhnlicher Handarbeit. Als er etwa fünfzehn Jahre später um Aufnahme in den Freimaurerbund nachsuchte, faßte er selbst den Schmerz seiner Seele, der ihn damals bewegte, und die heroische Entscheidung, die er am Ausgange seiner Knabenjahre traf, in die schönen Worte zusammen: „So mächtig mich auch damals die Sehnsucht festhielt am Wissen, ich war gezwungen, ein Handwerk zu erlernen, und trat nach vollendetem siebenzehnten Jahre eine traurige Selbstständigkeit an, indem die Kindespflicht mich hinaustrieb in das Leben, um meinen Eltern die Sorgen für meinen Unterhalt abzunehmen.“
[3. Lehr- und Wanderjahre.]
Wenn das lebhafte Rechtsgefühl, das Robert Blum Zeit seines Lebens beseelte, überhaupt auf eine bestimmte Erfahrung zurückgeführt werden kann, so hat er es sicherlich in der Hauptsache den Leiden und der Rechtlosigkeit seiner Lehrjahre zu danken. Denn geradezu das Gegenbild des heutigen Rechtsverhältnisses zwischen Lehrherrn und Lehrling boten jene Tage, da er Lehrjunge wurde. Hinweggefegt mit allen anderen historischen Einrichtungen früherer Jahrhunderte wurden auch die ehrsamen Zünfte, als die Jacobiner Frankreichs über Köln sich ergossen hatten. Keine Thräne soll etwa hier dem alten Zunftwesen nachgeweint werden. Unleugbar wurde der Lehrling im Zunftstaate der guten alten Zeit mehr als billig vom Meister ausgebeutet: das Lehrgeld kam sehr theuer zu stehen, und viel zu lange währte die Lehrzeit. Dagegen hatte die alte Zunftzeit auch jede herzlose Ausbeutung und Behandlung des Lehrlings von Seiten des Meisters, die über die Grenzen des nach damaligen Begriffen Erlaubten hinausging, streng geahndet. Kein Meister durfte wagen, dem Ehrenrathe der Zunftgenossen zu trotzen: wenn er es that, stellte er seine ganze Existenz auf’s Spiel.
Von diesen heilsamen Schranken gegen die Willkür des Meisters hat Robert Blum in seinen Lehrjahren nichts mehr vorgefunden. Wir Deutschen von heute können uns kaum eine Vorstellung von den Verhältnissen eines Lehrjungen jener Tage machen. Wir sind eben im Begriffe, die Zuchtlosigkeit und die Geneigtheit zu Vertragsbruch, die in erschreckendem Maße unter den heutigen Lehrlingen — in Folge bekannter Hetzereien — sich ausbreitet, durch gesetzliche Bestimmungen einzuschränken. Wir würden es einfach für unmöglich halten, daß heute ein Meister wagen sollte, seinen Lehrling nur als den Sclaven der Launen aller Hausgenossen und außerdem als „Mädchen für Alles“ zu benutzen ohne auch nur den Versuch zu machen, den Lehrling in dem Gewerbe zu unterrichten, das er lernen soll. Der starke Arm des Gesetzes schützt auch den Aermsten und Schüchternsten vor solcher Ausbeutung. Robert Blum dagegen hat mehr als einmal Lehrherren von diesem Schlage kennen gelernt.
Lange hatte der dreizehnjährige Knabe nachgesonnen, welchem Handwerke er sich zuwenden solle, als die Pforten des Gymnasiums sich ihm für immer geschlossen hatten. Seine Eltern ließen ihm freie Wahl. Robert entschloß sich, Goldschmied zu werden. Das edelste der Metalle, den Rohstoff, auf dessen Besitz das einzige Streben vieler Millionen unablässig gerichtet ist, wollte er bearbeiten und zu schmückendem Zierrathe künstlerisch gestalten lernen. Tiefer Sinn lag in dieser Berufswahl, die der denkende Knabe gewiß mit vollem Bewußtsein traf. Da nun einmal das reine Gold der Wissenschaft, das er ohne jeden unedeln Beisatz auszumünzen hoffte, seinen Händen für immer entrückt war, so wollte er wenigstens täglich jenes wichtigste Element unter den Händen haben, das so Viele noch höher schätzen, als das reine Gold der Wissenschaft. Seine Eltern billigten die Wahl. Robert wurde zum Goldarbeiter Asthöver in der Mauthgasse in die Lehre gebracht.
Es ist nun eine von allen bisherigen Biographen Robert Blum’s mit rührender Einstimmigkeit berichtete Fabel, deren „Moral“ nicht erst erläutert zu werden braucht: Robert habe bei Asthöver — den Namen des Meisters nennt übrigens keiner der bisherigen Biographen — ein halbes Jahr lang Draht gezogen, ausgeglüht und als erste selbstständige Arbeit endlich Ketten machen sollen, dazu aber habe er sich vollständig unfähig erwiesen. „Allerdings war sein späteres Streben nur darauf gerichtet, alle Ketten zu sprengen, welche die Menschheit noch ihrer Freiheit berauben“, bemerkt einer dieser gemeinplatz-wandelnden Biographen. Aus diesem Grunde soll Robert von dem Meister, den man sich nach der Nutzanwendung der Fabel eigentlich als ränkeschmiedenden Reactionär vorstellen müßte, fortgejagt worden sein. Allein diese allerliebste Geschichte hat nur den einen Fehler, daß sie nicht wahr ist. Nach den Familienaufzeichnungen, die wir eben wegen ihrer Schmucklosigkeit und Tendenzlosigkeit und ihrer Fülle von Detail und Localfarbe für völlig glaubhaft halten dürfen, hat sich die Sache so zugetragen:
Meister Asthöver war ungefähr das, was man im gewöhnlichen Leben einen guten Menschen, aber schlechten Musikanten nennt. Er scheint seinerseits einen ansehnlichen Beitrag zu der den Franzosen und anderen lateinischen Völkern völlig unbegreiflichen deutschen Volksvermehrung geliefert zu haben. Wenigstens hat Robert während der neun Monate seiner Lehrzeit bei Asthöver außer den Functionen der Magd auch diejenigen des Kinderwiegens, -Tragens und -Laufenlehrens, kurz alle Aufgaben eines ersten Erziehers überkommen und vollzogen. Und wahrscheinlich wäre bei längerer Fortdauer seiner Lehrzeit in dieser Art von Werkstatt derselbe Kreislauf der Pflichten ihm noch mehr als einmal beschieden gewesen. Jedenfalls war es nicht der Fehler Asthöver’s, daß dies nicht der Fall war. Vielmehr klagte Robert Blum selbst seiner Mutter nach dreivierteljähriger Lehrzeit, daß er die Werkstatt des Meisters kaum zu sehen bekomme, und meist nur als Kinderwärter, höchstens als Küchenjunge verwendet werde. Die Mutter, welche die Wahrheitsliebe ihres Robert schon so oft erprobt hatte, ging zu Asthöver und beschwerte sich über den Mißbrauch. Da fand auch der biedere Meister eine flotte Ausrede. Er erklärte, daß er den kurzsichtigen Knaben mit den schwachen Augen zur Berufsarbeit nicht brauchen könne. Wann und wie lange er diese betrübende Entdeckung gemacht, verrieth er der Mutter nicht. Zum Kettenschmieden ist Robert jedenfalls nicht gekommen.
Es scheint, als habe Robert nun zunächst den Zufall über seine Berufswahl bestimmen lassen. Bei einem Gürtler war eine Lehrstelle offen. Er nahm sie an. Aber nach einem halben Jahre schon war auch dieser Berufszweig verdorrt; denn der Meister mußte wegen verschiedener schlechter Streiche, welche die Nachfrage der Behörden nach seiner werthen Person in bedenklichem Maße steigerten, Köln verlassen und das Weite suchen.
Zum dritten Mal stand also Robert in dem ärmlichen Hause der Eltern vor der dringenden Frage: „was nun?“ Da wurde durch die Zeitung bekannt gemacht, daß ein Gelbgießer in Köln einen Lehrling suche. Robert bot sich sofort an. Der ehrsame Meister, der den Lehrling suchte, war Peter Räder, Gelbgießer aus Düsseldorf, seit Kurzem erst nach Köln gezogen. Robert gefiel dem Meister sehr, und der Contract wurde daher sofort geschlossen. Ob das Gefallen auf Gegenseitigkeit beruhte, wissen wir nicht. Jedenfalls verbreiteten sich bald die schlimmsten Gerüchte über die Vergangenheit des Meisters. Er sollte in Düsseldorf seine Frau so lange gequält und geärgert haben, bis sie habe in’s Grab steigen müssen. Nach Köln sei er nur gezogen, um seinen Schwägern aus den Augen zu kommen, die ihm Rache geschworen. Vor Robert hatte er einen Lehrling gehabt, der aus Aerger über des Meisters stetes Zanken und seine Unzufriedenheit mit jeglicher Leistung erst die Gelbsucht bekommen hatte, dann an der Auszehrung gestorben war.
Das Verhalten Räder’s Robert gegenüber rechtfertigte vollkommen diesen bösen Leumund. Dieser Meister der Gelbgießerei zeigte sich geizig, zänkisch, kleinlich und von Herzen bösartig. Gleichwohl suchte Robert durch vier lange Jahre es ihm recht zu machen, um nur von sich selbst den drückenden Verdacht abzuwehren, als sei er unstet und ungeschickt, unwillig zum Lernen eines ordentlichen Handwerkes. Niemals gewann er in dieser langen Zeit von seinem Meister die geringste Aufmunterung, das bescheidenste Zeichen der Zufriedenheit. Daß der Meister mit Robert nicht fortwährend zankte, war schon ein Beweis der treuesten Pflichterfüllung des Lehrlings.
Ein Vorkommniß ist besonders bezeichnend für den Charakter dieses Lehrherrn. Räder erhielt eines Tages eine große Bestellung von Seiten des Militärfiscus, wie wir heute sagen würden. Eine sehr erhebliche Anzahl der mit einzelnen Messingplättchen belegten, spitz zulaufenden Riemen an den Czakos der (preußischen) Soldaten sollte in größter Eile geliefert werden. Räder konnte nur durch ungewöhnliche Anstrengung aller seiner Leute hoffen, die lohnende Arbeit in der vorgeschriebenen Zeit zu bewältigen. Er sicherte daher Allen, die vier bis fünf Stunden des Nachts während sechs Wochen an dieser Arbeit mit helfen würden, einen bestimmten Lohnsatz pro Stunde für diese Extraarbeit zu. Robert speciell versprach er für jede dieser Arbeit geopferte Nacht fünf Groschen. Freudig ging das junge Blut auf dieses Angebot ein. Fortan kam Robert Abends acht Uhr, wie sonst, zum Essen nach Hause und ging vor zehn Uhr wieder an die Nachtarbeit. Bis drei Uhr Nachts war er thätig. Dann gönnte er sich im Hause des Lehrherrn einige Stunden Ruhe, kam zum Frühstück nach Hause und ging, wie gewöhnlich, um sieben Uhr an sein Tagewerk. Voller Freude sprach er mit den Seinen von der schönen Summe Geldes, die er sich durch das Opfer seines Schlafes erkauft habe. Mit der reichen Hoffnung der Armuth malte er sich schon eine königliche Bescheerung aus, die er sich selbst leisten werde. Nun waren die schweren sechs Wochen um. Die Gesellen, die jede Woche, auch für die Nachtarbeit, abgelohnt worden waren, hatten längst ihr Geld in der Tasche. Räder hatte ein vortreffliches Geschäft gemacht. Aber Robert erhielt nichts; kein Wort des Lehrherrn verrieth dessen Absicht, sich dem armen Lehrling gegenüber an das gegebene Versprechen zu erinnern. Endlich geht die Mutter entschlossen zu Räder und bittet um das Geld für ihren Sohn. Da meint der Meister: „es sei doch spaßhaft, wenn selbst der Lehrling komme und seine Mühe bezahlt haben wolle. Wenn Arbeit da sei, müsse eben der Lehrling arbeiten — dafür sei er Lehrling; auf ein bischen mehr oder weniger komme es nicht an.“ Dabei blieb es. Kein Pfennig war aus dem hartherzigen Knauser herauszupressen. Von diesem Tage an fehlte es nun für Robert auch an stetem Zanken und Schelten nicht. So meinte Räder am bequemsten die Stimme des Gewissens zu übertäuben.
Endlich waren auch diese vier bösen Jahre um. Robert zählte neunzehn Jahre, als er zum Gesellen gesprochen wurde (November 1826). Aber der Geselle und der Prophet gelten nichts in ihrem Vaterlande. Beide müssen wandern. Auch Robert wanderte, natürlich nicht als Prophet, sondern als Gelbgießergeselle. Diese Tage der Wanderschaft kann ich nun auf Tag und Stunde, an der Hand der eigenen Aufzeichnungen des Wanderers verfolgen. Robert Blum hat nämlich durch seine Wanderjahre ein „Reise-Journal“ geführt. Das ist der früheste eigenhändig von ihm geschriebene und, was die Glaubwürdigkeit erhöht, auf der Wanderschaft selbst tagebuchartig fortgeführte Bericht aus seinem Leben, den ich besitze. Er wurde unter seinen nachgelassenen Papieren vorgefunden. Leider sind alle seine Briefe an die Seinen aus jener Zeit, deren er trotz des theuren Portos viele schrieb, verloren gegangen. Aber das Reise-Journal läßt, obwohl es nur die Reiseroute in Meilen, die Zeit des Aufenthaltes an den einzelnen Orten angiebt und diese Orte nebst Umgegend schildert, alles das zwischen den Zeilen lesen, was aus den mir vorliegenden Zeugnissen seiner Meister und sonstigen Quellen über seine Wanderschaft berichtet wird: daß Robert nämlich, in Folge seiner schwachen Augen, überall zu feinerer Arbeit sich wenig tauglich zeigte, und daher überall nur kurze Zeit kaum lohnende Arbeit fand, obwohl er sich überall „honett betrug“, wie es in den Zeugnissen heißt.
Am 25. November 1826, genau zwanzig Jahre nach dem Hochzeitstage seines Vaters, trat Robert, nach seinem Reisejournal, die Wanderung an. Er erreichte an diesem Tage Bonn. Es war der erste Schritt in die Welt, den er that. Man sieht den ersten Seiten des Journals deutlich an, mit welcher Begeisterung der arme, zeitlebens bisher an die Scholle gefesselte junge Mann oder „Jüngling“, wie er sich selbst noch drei Jahre später nannte, die Wunder des Rheinlandes begrüßte. Die für die „Bemerkungen über die Gegend“ eingerichtete Spalte des Journals reicht überall nicht zu, um das volle Herz ausströmen zu lassen. Dabei spricht Robert natürlich wie ein Buch. Er will vor sich selbst zeigen, daß er doch schon Einiges gelernt und nichts vergessen hat. So versichert er, kaum in Bonn angekommen, und ohne jede eigene Kenntniß von anderen Städten als Köln und Bonn: „Die Reste von Bonns ehemaliger Herrlichkeit als kurfürstliche Residenz, verbunden (!) mit der Universität und ihren gelehrten Instituten, machen die sonst unbedeutende Stadt zu einer der merkwürdigsten am Rheine.“ Schon am 27. November wanderte er über Remagen, Andernach, Neuwied nach Weißenthurm, am 28. bis nach Coblenz. „Ihm gegenüber liegt auf der fast unersteigbaren Zinne eines schroffen Felsens die Bergveste Ehrenbreitstein, das deutsche Gibraltar, ein vollendetes Meisterwerk deutscher Befestigungskunst“, schreibt er in sein Journal. Und dann schildert er die Gegend auf seinem Weitermarsch nach Caub, Bacharach &c. also: „Von hier aus wird die Gegend immer wilder und romantischer. Gigantische, jeder Vegetation (?) unfähige Felsenmassen, deren Gipfel mit den Denkmälern grauer Vorzeit und deutschen Heldenmuthes gekrönt sind, wechseln mit lieblich grünenden Weinbergen; der stolze Fluß, in enge Schlünde zusammengedrängt, bahnt sich in mäandrischen Krümmungen den Weg durch das Felsenlabyrinth und scheint oft mit dem Donnern und Brausen seiner Wogen das ganze Bett sprengen zu wollen.“ Gewiß haben wenige wandernde Gelbgießergesellen damaliger Zeit so gut geschrieben und so wenig Arbeit gefunden, wie Robert. Denn schon am 10. December traf er, auf demselben Weg rückwärts wandernd, wieder in Köln ein.
Der Schrecken der Seinen über die rasche Heimkehr scheint kein geringer gewesen zu sein. Schon nach zwei Tagen ergreift er abermals den Wanderstab und zieht über Opladen und Solingen nach Elberfeld. Die Landschaft, die er durchwandert, schildert er in seinem Reisejournal also: „Die Gegend, welche an den Ufern des Rheins flach bleibt, beginnt östlich von Opladen sich zu erheben; Hügel von Sand und Mergel sind die Vorboten größerer Berge, die in romantischen Gruppen die Gegend bedecken und ihr ein wahrhaft schweizerisches (?) Ansehen geben. Ackerbau findet man meistens nur in den Thälern und am Fuße der Berge und auch hier nur unbedeutend. Die Einwohner ernähren sich größtentheils von Fabrikarbeit, und ihr Fleiß und ihre Arbeitsamkeit sind bewundernswerth und fast beispiellos. In den verborgensten Tiefen klappern unaufhörlich die Hämmer der zahlreichen Eisenwerke, und nicht selten tönt uns von der unwirthbarsten Spitze der Berge aus einer einzelnen Hütte das Knarren der Webstühle entgegen oder wir hören die einförmigen Schläge einer Schmiede, die auch in der schaurigsten Einöde an das Dasein uns ähnlicher Wesen erinnern.“
In Elberfeld und Barmen blieb Robert vom 12. December 1826 bis zum 6. Juni 1827 in Arbeit bei verschiedenen Meistern. Der zweite, der ihn beschäftigte, sagte ihm beim Abschied — gewiß nicht mit Unrecht —: „er passe nicht zu einem Handwerksmann; er solle lieber ein Federfuchser werden.“ So viel Wahrheit und Menschenkenntniß in diesem Worte lag, für Robert enthielt es das Schmerzlichste, was ihm ein Mensch damals offenbaren konnte: die rückhaltlose Aussprache der furchtbaren Erkenntniß, die er selbst im tiefsten Schrein seines Herzens bewahrte — daß er seinen Beruf verfehlt habe, daß ihm aber zur Durchführung seiner Lebensaufgabe, der productiven Geistesarbeit mit der Feder, das Nöthigste abgehe, Wissen und die Mittel zur Fortbildung.
Unter der ganzen Wucht dieser erdrückenden Erkenntniß, völlig überzeugt, daß ihn sein Handwerk, bei dem so viele Andere ihr reichliches Auskommen fanden, nicht nähren könne, trat Robert am 6. Juni 1827 wieder den Heimweg nach Köln an[4], wo er verzweifelt den Seinen das ganze Herz ausschüttete.
Da begünstigte ihn zum ersten Male in seinem Leben ein fast wunderbarer Glücksfall. Als er hoffnungs- und aussichtslos die Zeitung durchblätterte, um nach irgend einer Stellung zu suchen, welche ihm wenigstens ermöglichte, seiner guten Mutter die Sorge für seine Ernährung abzunehmen, fand er die Anzeige eines Herrn J. W. Schmitz, eines Lieferanten der vor Kurzem neu eingeführten Straßenlaternen mit einem Licht. Dieser Vertreter der öffentlichen Aufklärung suchte „einen jungen Mann mit hinlänglichen Schulkenntnissen, der in Arbeiten in Metallen erfahren und geneigt sei, Arbeiten zu beaufsichtigen und selbst mit zu arbeiten“. Robert bot sich sofort bei Schmitz an. Er gefiel dem Manne und Schmitz nahm ihn gleich an. Als die Mutter, die wohl kaum an das gute Glück ihres unglücklichen Kindes glauben mochte, nun auch zu Schmitz eilte, um einen „Accord“ mit ihm zu machen, sagte der Straßenbeleuchter: „Liebe Frau, es bedarf keines Accordes. Ich habe in Ihrem Sohne einen Schatz gefunden. Ich kenne ihn erst sehr kurze Zeit, aber ich habe seine herrlichen Eigenschaften erkannt und weiß sie zu würdigen. Für die Beschäftigung, zu der ich ihn anfangs anzunehmen gedachte, ist er zu gut. Seine Ausbildung und seine Zukunft nehme ich auf mich. Ich habe ihn lieb gewonnen.“
So glücklich und verheißungsvoll eröffnete sich Robert’s Stellung bei einem Manne, der trotz der widersprechendsten Anlagen seines Charakters und trotz der schroffsten Wandlungen in seinem Verhalten Robert gegenüber doch eine der bedeutsamsten Rollen im Leben desselben gespielt hat. Denn Schmitz hat dem jungen Manne zum ersten Male Gelegenheit gegeben, sein Vaterland kennen zu lernen, es sorgenlos und behaglich beobachtend zu durchmessen. Er hat Robert zum ersten Mal Muße, Anregung und — wenn auch dürftige — Mittel geboten, um an seiner wissenschaftlichen Fortbildung zu arbeiten. Er hat ihn die reichen Bildungsmittel, welche schon der bloße Anschauungsunterricht des damaligen München und Berlin bot, monatelang benützen und genießen lassen. Und derselbe Mann hat dann andererseits seinen treuesten, begeistertsten und dankbarsten Mitarbeiter tiefer gedemüthigt und härter behandelt, als irgend ein Anderer, von dem Robert mit seiner Existenz abhing. Schon vom psychologischen Standpunkte aus verdient daher dieser merkwürdige Mensch besondere Beachtung, hier aber insbesondere auch darum, weil der Dienst bei ihm für Robert’s Lebensziel und Ausrüstung nach dem Obigen von größter Bedeutung war. Daher scheint es gerechtfertigt, daß der Dienstzeit Blum’s bei J. W. Schmitz ein besonderer Abschnitt gewidmet wird.
[4. Bei J. W. Schmitz.]
J. W. Schmitz war, als Robert Blum am 8. Juni 1827 bei ihm engagirt wurde, ein Mann in der Vollkraft seiner Jahre; höchst unternehmungslustig, den Gewinn, wie alle Sanguiniker, im Voraus nach den denkbar höchsten Sätzen discontirend, auf Verluste und andere böse Chancen gänzlich unvorbereitet, und darum durch jedes Mißgeschick, das ihn traf, in die übelste Stimmung versetzt, nur allzu bereit, in mißlicher Lage Andern sein Wort so wenig zu halten, wie das Glück ihm Wort gehalten. Dabei war er in gewisser Hinsicht, nämlich in der Mechanik und Astronomie und in einigen anderen Zweigen der Naturwissenschaft gut unterrichtet. Sein ganzes Leben hindurch betrachtete er die Beseitigung des allgemeinen Vorurtheils, welches seit Kepler und Newton an die Schwerkraft der Erde glaubte, als die wichtigste Unterbeschäftigung neben seinem eigentlichen Lebensziele, der Straßenbeleuchtung. Seine Opposition gegen die Anziehungskraft der Erde bildete gewissermaßen die noble Passion seines ganzen Daseins. Er bediente sich zur Beseitigung dieses Vorurtheils der im Kampfe gegen Naturgesetze auch heute noch etwas zweifelhaften Angriffswaffe der Broschüre im Selbstverlage. Ungeheure Stöße Maculatur hat er in seinem langen Leben für diese Ueberzeugung auf eigene Kosten drucken lassen. Glücklicher Weise folgten auch diese Stöße dem von ihm gehaßten Gesetz und blieben liegen, wo sie lagen. Schmitz war in den Niederlanden aufgewachsen und erzogen und hat immer in seinem Stil, seinem Charakter und seinem Geschäftsgebahren einen stark mynheerlichen Accent bewahrt.
Als Robert Blum bei Schmitz eintrat, glitt dessen Glücksschiff eben mit voller Fracht und vollen Segeln auf hoher Fluth vor dem Winde dahin. Schmitz’ Erfindung, die Straßenbeleuchtung durch Laternen mit einem Lichte zu besorgen, schien für ein Jahrhundert die Concurrenz auf diesem Felde auszuschließen. Eine große Anzahl speculativer Männer heftete sich an seine glückverheißenden Schritte. Nicht lange nach Blum’s Eintritt bei Schmitz wurde dessen Geschäft in eine Actiengesellschaft umgewandelt. Auch mit Robert schloß der Principal eine seltsame Art von Gesellschaftsvertrag. Mir liegt ein Originalvertrag vor vom 1. September 1828, unterzeichnet von J. W. Schmitz und dessen Ehefrau Antoinette Schmitz, neé Astrupp, in welchem Schmitz bekundet, daß Robert ein Viertel der Versicherungssumme von zwölftausend Franken, die laut Versicherungsvertrages vom 9. August 1828 bei Schmitz’ Ableben von der Pariser Compagnie d’assurances générales zahlbar seien, zu fordern habe, „weil ein Viertel dieser Versicherung für Blum und aus seinen Mitteln bestritten worden sind, und ein Viertel von der jährlichen Prämie selbst bezahlt.“ Das Letztere wird aus den von dieser Zeit an bis 1848 beinahe vollständig mir vorliegenden Buchungen Blum’s über seine Einnahmen und Ausgaben[5] bestätigt.
Indessen sehr bald stellte sich für die Unternehmungen Schmitz’, die auf Rüböl als Beleuchtungsstoff basirten, ein sehr böser Concurrent ein, der nach kurzem theoretischem Zweikampfe einen wahrhaft glänzenden Sieg davontrug: das Gas. Schmitz und seine Actiengesellschaft blieben bankerott auf dem Platze — Schmitz natürlich nur, um im Bunde mit dem siegreichen Gegner, dem Gase, neue Siege zu erfechten. Aber die Erzählung dieser Schicksale seines Lebens liegt jenseits der Aufgabe dieser Blätter. Robert Blum ist bei Schmitz nur zur Propaganda für die Laterne mit einem Licht und Rübölflamme verpflichtet gewesen und ist mit diesem Panier gestiegen und gefallen. Das Gas hat er in einer ganz anderen Berufsstellung, beim Stadttheater zu Leipzig, schätzen gelernt — aber erst viel später.
Bei diesen kurzen Mittheilungen über Schmitz’ Charakter und Lebensschicksale ist sein Hauptverdienst um Robert Blum, die Förderung der geistigen Ausbildung des jungen Mannes, bisher nicht berührt worden, um dieses Verdienst dem Leser nun um so eindringlicher vorzuführen. Daß Schmitz selbst in seinem Greisenalter für dieses hohe Verdienst keine Erinnerung mehr gehabt, kann bei seinem bewegten Leben kaum Wunder nehmen. Er sandte mir am 3. Februar 1865 auf meine Anfragen zwar eine vollständige Sammlung der Schriften seiner Opposition gegen Ihre Majestät die Schwerkraft, antwortete mir aber auf meine Fragen über den Einfluß, den er auf die geistige Entwickelung Robert Blum’s geübt, wörtlich nur Folgendes: „Er war Gelbgießer und klagte über schlechte Behandlung in diesem Stande. Gelesen hatte er von Allem nichts. Es mag wohl eine erste Veranlassung (zu seiner Fortbildung) gewesen sein, daß ich ihn häufig aus der Werkstatt zu meinen Bureaugeschäften rief. Er so wenig wie ich dachte an andere Kenntnisse, als die Straßenbeleuchtung. Wir dachten nicht an Bücher zu lesen. Es gab keine Zeit zum Reisen. Im Jahre 1827“ — soll heißen 1828 (und zwar erst am 23. December) — „begleitete er und ein Kutscher (!) mich nach Berlin, das damals nur hundertsiebenzigtausend Einwohner hatte. Er verwünschte alle Täuschungen, wie ich auch. Es hat gewiß manche Veranlassung gegeben, zu Correspondiren, ich finde aber keine Spur davon wieder.“
Für Schmitz freilich hatte die Correspondenz mit Robert Blum, wie wir sehen werden, durchaus nichts Reizvolles, da Blum in seinen Briefen an Schmitz rein geschäftlich blieb, andere Fragen gar nicht berührte, und die Wendung dieser Geschäfte, wie die Entschlossenheit, mit welcher Blum schließlich auf seinen von dem Herrn Principal todtgeschwiegenen Ansprüchen bestand, zu den unangenehmsten Erinnerungen gehöre, die Schmitz in seinem langen Leben angesammelt haben mochte. Die interessante Correspondenz dieser späteren Conflictszeit hat Robert Blum, mit einem Papierstreifen umschlossen, auf welchem nur der Name „J. W. Schmitz“ steht, hinterlassen. Sie offenbart besser als bogenlange Abhandlungen den Charakter der beiden Männer, die sich dabei gegenüberstanden. Da sie zugleich das Dienstverhältniß Blum’s zu Schmitz abschloß, so steht sie am Ende dieses Capitels.
Als Robert Blum seinen Dienst bei Schmitz antrat, störte kein Wölkchen den beiderseitigen Frieden. Täglich mehr überzeugte sich der Principal, daß er in dem neuen Gehülfen einen wahren Schatz gefunden habe. Die complicirtesten Aufträge und Arbeiten erledigte Robert geschickt, umsichtig, rasch, zu Schmitz’ vollster Zufriedenheit. Eine Treue, einen Fleiß und Eifer entwickelte Robert im Dienste, eine so glückliche Auffassungsgabe und ein solches Talent zu eigener Initiative, daß Schmitz ganz erstaunt war. Gern gab er seiner Zufriedenheit durch freiwillige Gehaltszulagen Ausdruck. Zuletzt, 1830, war der Gehalt Roberts, bei freier Station, auf — fünf Thaler pro Monat gestiegen. Mit dieser Summe hat Robert seine Wäsche und Garderobe beschafft, das Hoftheater in München und später Vorlesungen an der Berliner Hochschule besucht, seine Eltern und Geschwister unterstützt und alle seine unschuldigen Vergnügungen bestritten. Mit diesem Einkommen hielt sich Robert für einen Krösus; demjenigen, der es ihm gewährte, hat er sein ganzes Leben, trotz der schmählichen Behandlung, die derselbe Mann ihm später angedeihen ließ, die aufrichtigste Dankbarkeit bewahrt.
Das Leben bot ja Robert auch in dem neuen Dienste ein so heiteres, glückliches Antlitz, wie der Arme es bisher noch nie geschaut hatte. Jetzt durchflog er das blühende Rheinland, das er früher mühsam und sorgenvoll am Wanderstabe durchmessen, dazu den ganzen sonnigen Süden Deutschlands in einem bequemen Reisewagen, an der Seite eines leidlich gebildeten, ihm zugleich aus Eigennutz und natürlicher Regung gewogenen Mannes, der viele Menschen und Länder gesehen, der in den Naturwissenschaften zu Hause war, der dem erstaunten jungen Manne sogar offenbarte, daß Erde, Sonne, Planeten und Fixsterne eigentlich auf ganz falschen Bahnen wandelten und reuig umkehren würden, wenn er, Schmitz, ihnen das schriftlich bewiesen haben würde. Dazu nun das Robert bis dahin unbekannte herrliche Gefühl völliger Freiheit von drückender Erdensorge, das Bewußtsein, daß er und seine Arbeit geschätzt werde von Demjenigen, von dem sein Wohlergehen abhing, bald nachher auch zum ersten Male die stolze Befriedigung, daß ihm wichtige fremde Interessen allein, zu selbstständiger verantwortlicher Erledigung übertragen wurden. Man kann sich denken, welches Maß von Glückseligkeit und Dankbarkeit in dieses reine arme Herz einzog.
Schon am 9. Juni 1827 verließ Robert mit Schmitz Köln und fuhr nun wochenlang durch das frühlingsgrüne reiche Land; das ganze Entzücken über die herrliche Reise mit wenig Worten in sein „Reisejournal“ eintragend[6]. Am 10. Juni ist Mainz, am 12. Juni Frankfurt erreicht. Hier wird einige Tage gerastet, die alte Kaiserstadt — in der später der „Gelbgießer“ Blum seinen Sitz im deutschen Parlament finden sollte — mit Andacht durchwandert. „Hier wurden ehemals die römisch-deutschen Kaiser gewählt und jetzt ist sie der Sitz des deutschen Bundestages. —“ Der Gedankenstrich steht wirklich im Reisejournal. „Zu den vielen Merkwürdigkeiten der Stadt gehören besonders das Rathhaus, der Dom &c., die herrlichen ‚Neuen Anlagen‘ und die schöne Brücke, wodurch sie mit der Vorstadt Sachsenhausen zusammenhängt; auch wurden Goethe und Klinger hier geboren.“ Charakteristisch für den späteren Begründer des Leipziger Schillervereins ist es, wie viel wärmer als hier Goethe’s er wenige Seiten später in seinem Reisetagebuch Schiller’s gedenkt. Er schreibt da neben „Ludwigsburg“ bei Stuttgart: „vom Hohenasperg Aussicht auf Marbach, Geburtsort unseres unsterblichen Schiller’s.“ Am 16. Juni ging es weiter nach Darmstadt, den folgenden Tag bis Heidelberg. „Von hier,“ schreibt er bei Darmstadt, „beginnt die schon von den Römern angelegte Bergstraße, welche sich bis nach Heidelberg hinzieht. Das alte Rheinthal zwischen Darmstadt und Heidelberg ist einer der reizendsten und fruchtbarsten Landstriche Deutschlands; die Berge im Osten sind mit Wein und stolzen Waldungen bedeckt, und das Thal prangt bis an das Ufer des Rheines allenthalben in der üppigsten Fülle.“ Bis zum 21. Juni wird Württemberg (Stuttgart, Eßlingen, Göppingen bis Ulm) durchfahren, dann zwei Tage später, über Günzburg, Augsburg und Dachau, München gewonnen.
In München ist Robert vom 23. Juni bis 29. November 1827, also über fünf Monate geblieben. Er hat den größeren Theil dieser Zeit allein den Schmitz’schen Geschäften vorzustehen gehabt, die in der Hauptsache darin bestanden, die Laterneneinrichtung im königlichen Schlosse zu leiten. Bei dieser Gelegenheit hatte Blum eines Tages eine flüchtige, aber bedeutsame Unterredung mit König Ludwig dem Ersten von Baiern.
Viel Zeit blieb Robert übrig, um seinem Wissensdrange zu genügen und welche Fülle von Anregung gewährte hierfür München! Ein Gang durch München schon bietet, wie Moritz Carrière mit Recht einmal bemerkt, dem Nachdenkenden ein Bild der Bau- und Kunstgeschichte von zwei Jahrtausenden; ein Gang um München zeigt die unendliche Gestaltungskraft der Natur in aller Fülle und Mannigfaltigkeit. Im Jahre 1814 erst hatte König Maximilian der Erste begonnen, das enge und traurige Nest, das in seinem Aeußeren seit 1791 noch immer aussah wie eine geschleifte Festung und sich seit 1806 noch nicht ordentlich als Residenz hatte fühlen lernen, in eine stattliche, heitere Königsstadt umzuschaffen. Und dieses Werk hatte König Ludwig der Erste mit augusteischer Freigebigkeit und kunstsinniger Prachtliebe fortgesetzt. Eben als Robert in München eintraf, war unter Klenze’s Leitung das neue Hoftheater nach dem Brande von 1823 in vollendeter Schönheit aus dem Schutte erstanden, die herrliche Glyptothek ihrer Vollendung nahe, dem öffentlichen Besuch bereits geöffnet, der Königsbau des Alten Schlosses am Max-Joseph-Platz, die Alte Pinakothek und andere Prachtbauten im Entstehen begriffen. Durch den Reichthum und die Bedeutung seiner Kunstschätze, vor Allem durch die Sculpturensammlung der Glyptothek, überragte München damals unstreitig alle anderen deutschen Städte bei weitem, obwohl die Stadt kaum mehr als fünfzig- bis sechszigtausend Einwohner gezählt haben mag. Dazu nun das ganz eigenthümliche, von den Gewohnheiten des Rheinländers so weit abliegende und doch jeden Fremden so gemüthlich anheimelnde Volksleben des altmünchener Bürgers, mit seinem trockenen Humor, seiner biederen Schwerfälligkeit und genußfreudigen Behaglichkeit. Alles das hat Robert lebhaft angezogen und gefesselt. Die Architektur- und Kunstschätze der schönen Kirchen Münchens, die Hoftheater, die Gemäldegallerie und Glyptothek, das polytechnische, anatomische und naturhistorische Museum, vor Allem aber die königliche Bibliothek hat er, nach seinem Reisejournal, fleißig besucht.
Alle Freistunden des Tages widmete er dieser Bereicherung seines Wissens, seiner Geschmacks- und Kunstbildung; der Abend wurde so oft als möglich im Theater, ein guter Theil der Nacht in ernsten Studien in allen möglichen Fächern des Wissens, in denen Robert bei sich Bildungslücken entdeckt hatte, hingebracht. In dieser Hinsicht war die Reise mit Schmitz von Köln nach München von großer Wichtigkeit für Robert gewesen. Sie hatte ihm bei sich selbst überall eine, wie er meinte, fast bodenlose Unwissenheit enthüllt, an deren Ausfüllung er nun mit eisernem Fleiße arbeitete. Leider sind auch aus diesen Tagen Briefe Robert’s an die Seinen nicht erhalten. Dagegen finde ich in seinem „Stammbuche“ Blätter von den wenigen jungen Männern, mit denen er in München Anknüpfung suchte, welche beweisen, daß er damals mit größtem Eifer insbesondere philosophischen Studien nachgegangen sein muß und das Bedürfniß empfand, das in der Stille der Nacht beim Lampenschein aus weltweisen Büchern in sich Aufgenommene mit den Freunden zu durchsprechen. Einige der Genossen scheint der metaphysische Gelbgießer, nach ihren Stammbuchblättern zu schließen, beinahe bis über die Grenzen vernünftiger Erkenntniß hinaus gefördert zu haben. Sicher ist, daß Robert sich sowohl in München, wie später in Berlin, seiner sorgenlosen Freiheit vollkommen würdig gezeigt, von jeder Verirrung, welche die fröhliche Großstadt nahelegen und leicht verzeihen mochte, ferngehalten hat.
Auf demselben Wege, den er auf der Hinreise genommen, kehrte Robert Ende November nach Heidelberg, von dort über Mannheim und Worms nach Hause zurück, wo er am 12. December eintraf; jedoch nur, um bereits am 15. Elberfeld aufzusuchen, wo er bis zum 20. September 1828 in der Gesellschaft Schmitz’ verweilte, da dieser sein Geschäft dahin verlegt hatte. Hier wußte er sich seinem Principal immer unentbehrlicher zu machen. In jeder Freistunde aber, namentlich in der Nacht, wurde an der Erweiterung des Wissens und der Bildung gearbeitet, auch die erste sehr bescheidene Grundlage einer eigenen Bibliothek gelegt. Nur ganz vorübergehend ist er im September und October 1828 auf einer Geschäftsreise nach Coblenz und Kreuznach bei den Seinen in Köln gewesen. Auch dort hatte sich inzwischen Manches besser gestaltet. Die garstige Mutter des Stiefvaters Schilder war schon seit zehn Jahren todt, die eine der beiden zänkischen Stieftanten war ihr bald in’s Grab nachgefolgt, die andere hatte Köln verlassen. Dadurch war das Verhältniß seines Stiefvaters zu seiner Mutter ein wesentlich besseres geworden. Im November 1819 hatte diese das erste lebende Kind zweiter Ehe, Elise, und nach zwei weiteren bösen Wochenbetten am 20. März 1827 das letzte Kind, Agnes, geboren. Dadurch war freilich auch neue Sorge in das Elternhaus eingekehrt. Am 12. October theilte Robert den Eltern mit, daß Schmitz beabsichtige, einen Theil seines Geschäfts nach Berlin zu verlegen, und ihn dorthin mitnehmen wolle. Auf unbestimmte Zeit nahm er Abschied von den Seinen.
In der That wurde dieser Aufenthalt in Berlin zu dem längsten, freudigsten und bedeutsamsten, den Blum seiner Verbindung mit Schmitz verdankte. Am 24. November 1828 wurde die Reise von Elberfeld aus angetreten. Sie führte über Iserlohn, Paderborn, Warburg nach Kassel — dessen herrliche Umgebungen tiefen Eindruck auf Robert machten — dann nach Münden, Göttingen, Mühlhausen, Langensalza, Gotha, „Erfurth“ und Weimar — mit Behagen verzeichnet er in seinem Reisejournale jede landschaftliche Schönheit, welche ihm die Winterreise durch Norddeutschland bietet. Nirgends sucht er seinen Genuß zu verkümmern durch Vergleiche mit dem so viel verschwenderischer ausgestatteten, im Sommer besuchten Süden. Vom Weine Naumburgs sagt er höflich, er sei „dem Moselwein an Geschmack ähnlich“. Mit Andacht erblickt er bei Merseburg in der Ferne das Schlachtfeld von Lützen, tritt er in Wittenberg an Luther’s und Melanchthon’s Gruft. Dann aber schreibt er in sein Reisejournal am 21. December: „Jenseits der Elbe nimmt die Fruchtbarkeit allmählich ab und nicht weit von ihren Ufern beginnen die einförmigen, traurigen und unabsehbar-flachen Sandwüsten, die sich bis zur Ost- und Nordsee fortziehen und nur selten von einzelnen Hügeln desselben Stoffes unterbrochen werden. Auf den reizenden Fluren dieser deutschen Sahara erblickt man nichts als elende Dörfchen, magere Tannenwälder und nur zuweilen pflanzen sich auf kleinen, sehr mühsam bearbeiteten Sandflächen verkrüppelte Haber- und Kornähren und etwas Kartoffeln fort, die den genügsamen Bewohnern ihre kärgliche Nahrung geben; nicht selten aber giebt es auch unabsehbare Strecken, auf welchen weder ein Strauch noch ein Gräschen fortkommen kann. Daß es Ausnahmen und einzelne fruchtbare Stellen giebt, ist bekannt; allein sie sind selten!“ Von dem heldenmüthigen Kampfe, den in dieser „deutschen Sahara“ das preußische Volk mit der Ungunst der Elemente durch Jahrhunderte geführt, um den Boden überhaupt culturfähig zu machen, und wie durch diesen Kampf nicht am wenigsten die Entwickelung des Charakters jenes deutschen Volksstammes möglich wurde, der vereint mit seinem hochsinnigen Fürstenhause die ebenso feindseligen Naturgewalten bändigte, welche der Gründung eines deutschen Nationalstaates entgegenstanden, davon konnte der heißblütige junge Rheinländer freilich damals noch keine Ahnung haben. Er urtheilte vorläufig so herb und verächtlich über Preußen, wie die meisten seiner Heimathsgenossen damals thaten. Und noch nachdem er Berlin kennen gelernt, und dieser Stadt die wichtigste Förderung seiner Kenntnisse verdankte, schrieb er, allerdings in tiefster gemüthlicher Depression, in Oranienburg in sein Reisejournal: „Die Gegend ist sandig, traurig und einförmig, kurz preußisch.“
Noch in ganz anderem Maße als in München wurde ihm in Berlin Gelegenheit geboten, seine Kenntnisse zu vervollkommnen, alle Lücken seiner Bildung zu ergänzen. Mancherlei Ursachen wirkten hierfür zusammen. Trotz seiner noch nicht 200,000 Einwohner und der gegen die „Präsidialmacht“ Oesterreich in deutschen Angelegenheiten — mit Ausnahme der Zoll- und Handelspolitik — äußerst vorsichtigen Politik der Regierung Friedrich Wilhelm’s des Dritten, war Berlin doch schon damals unzweifelhaft die geistige Hauptstadt Deutschlands. Solche Vielseitigkeit von Interessen vertrat keine Stadt in so vorzüglicher Weise wie Berlin. Es ist ein schönes Zeugniß sowohl für die Klarheit der Beobachtung, wie für die Gerechtigkeit Robert Blum’s, daß er sehr bald nach seiner Ankunft in Berlin in sein Reisejournal schrieb: „Prächtige Haupt- und Residenzstadt, ohnstreitig die schönste in Deutschland.“ So schrieb der junge Mann, der noch begeistert war von den Kunstschätzen und Kunstbauten Münchens und sehr gering dachte vom „traurigen preußischen Wesen“. In der That hatte aber auch Berlin damals eben durch Schinkel’s und Rauch’s geniale Schöpfungen auch in künstlerischer Hinsicht ein ganz neues Gepräge gewonnen. Alle die monumentalen Bauten und Bildwerke, die sie bis zu Robert’s Ankunft in Berlin geschaffen, feiert dieser begeistert in seinem Journal. Ebenso entzückt ist er von den älteren Meisterwerken Schlüter’s und Anderer, dem Brandenburger Thor, den Kunstsammlungen Berlins, für deren Schätzung sein Verständniß in München geschärft war. Freudig ergeht er sich in den einzig-schönen Anlagen des Thiergartens, die Lenné kurz zuvor in einen der herrlichsten Parks der Welt umgeschaffen hatte. Hier überkommt ihn auch ein Begriff von der gewaltigen, fast heroischen Arbeit, die dazu gehörte, auf solchem Boden diese Stadt und Umgebung zu schaffen. „Man wähnt sich in diesen Pflanzungen wirklich auf einen ganz anderen Boden versetzt,“ schreibt er, „es macht daher einen ganz eigenen Eindruck, wenn man aus dieser künstlichen Ueppigkeit heraustritt und auf einmal die mageren, einförmigen Sandflächen vor sich sieht.“ Bei einem Besuche in Charlottenburg spricht er gerührt von dem Grabmal „der verewigten Königin Louise“.
Zu dieser Freude an den Kunstschöpfungen, die seinen in München gebildeten Schönheitssinn vollauf befriedigten, trat nun hinzu die Wahrnehmung, daß der Volkscharakter der Berliner weit entgegenkommender, redelustiger, in Vielem mit seinem eigenen Naturell weit übereinstimmender sich erwies, als der Münchener. Den energischen Fleiß, den durch keine Widerwärtigkeit zu störenden fröhlichen, immer zu einem Scherz bereiten Gleichmuth, die durchaus realistische, immer kritische und vorsichtige Beobachtungsgabe des Berliners gewahrte er mit Vergnügen an dem Völkchen der Hauptstadt. Er fühlte sich wohl da, wie zu Hause, denn er fand hervorragende Eigenthümlichkeiten seines Wesens hier allgemein verbreitet. Daß er alle Bildungselemente, die Berlin bot, so vollständig und segensreich in sich aufnahm, verdankt er außerdem der Länge seines dortigen Aufenthaltes. In München hatte er nicht ein halbes Jahr zugebracht. In Berlin blieb er mit kurzen Unterbrechungen fast zwanzig Monate, bis zum 9. August 1830.
Den allerbedeutendsten Einfluß aber dankte er der Berliner Hochschule. Sie war in den schlimmsten Jahrzehnten, welche die Reaction über Deutschland gebracht hat, immer der Freistuhl der deutschen Wissenschaft und Forschung geblieben. Kein Censor und kein Demagogenriecher durfte es wagen, das freie Wort des Katheders in Fesseln zu schlagen. Die Redefreiheit, die heute für die deutschen parlamentarischen Versammlungen gewährleistet ist, bestand damals eigentlich nur für die Lehrstühle der Hochschulen, gewiß für die Berliner. In allen Facultäten lehrten die gefeiertsten Namen deutscher Wissenschaft. Im Jahre 1829 hatte man in Berlin auch formell gebrochen mit dem System argwöhnischer Ueberwachung, welches die unseligen Karlsbader Beschlüsse seit einem Jahrzehnt auch Preußen scheinbar zur Pflicht gemacht hatten. Von da ab übten Rector und Universitätsrichter die Ueberwachung, die bis dahin einem Regierungsbeamten übertragen war. Von 1830 an wurde auch Nichtstudenten der Besuch der Vorlesungen gestattet: vierhundertsechsundfünfzig machten sofort davon Gebrauch, unter ihnen Robert Blum. Die systematische und rein wissenschaftliche Behandlung der Lehrfächer, zu denen Robert sich besonders hingezogen fühlte, machten seine fleißigen nächtlichen Studien erst wahrhaft fruchtbar.
In dieses über alle Erwartung glückliche Leben schlug plötzlich wie ein Wetterstrahl aus heiterem Himmel die Ordre, Robert solle sich unverzüglich zur Ableistung seiner Militärpflicht in Prenzlau beim vierundzwanzigsten Infanterieregiment stellen. Selbstverständlich mußte er Ordre pariren, obwohl dieser Gehorsam voraussichtlich gleichbedeutend war mit dem Verluste seiner Stellung und dadurch auch mit der plötzlichen Vernichtung seiner schönsten Fortbildungshoffnungen. Damals, auf der Fußwanderung von Berlin nach Prenzlau (30. März 1830) schrieb er das „traurig und einförmig, kurz preußisch“ in sein Reisejournal. In Prenzlau erging es ihm weit besser, als er erwartet hatte — denn er sehnte sich niemals darnach, zu untersuchen, ob er einen Marschallsstab im Tornister trage — nach sechs Wochen schon (15. Mai 1830) hatte man sich überzeugt, daß der Rekrut Blum zu schwache Augen habe, um einen ordentlichen Vierundzwanziger abzugeben, und entließ ihn daher zur Reserve. Er hat des Königs Rock nie wieder angezogen.
Am 17. Mai schon traf er wieder in Berlin ein. Er hoffte Schmitz so vernünftig zu finden, ihn nicht für die allgemeine Wehrpflicht — die einem holländischen Gemüth allerdings ein Gräuel war und heute noch ist — verantwortlich zu machen. Aber Schmitz war in Geschäften eben in Holland und Frankreich abwesend. Seine Geschäfte gingen schlechter und schlechter. So beging er die Ruchlosigkeit, seinen treuesten Mitarbeiter gänzlich mittellos in Berlin zu lassen, ohne auf seine Briefe zu antworten. Robert wußte freilich von der mißlichen Lage des Principals nichts. Alles, was der treue Mensch eingenommen, hatte er, selbstlos denkend, und Anderen vertrauend wie immer, dem Principal vorher eingesendet. Endlich, nachdem in zwei Briefen Schmitz’ die dringende Bitte Robert’s um Geld ganz unberücksichtigt gelassen, schrieb Robert am 1. Juli 1830 unter Anderem: „Es wird überflüssig sein, Ihnen eine Schilderung von meinen jetzigen Umständen zu entwerfen, da Sie sich selbst leicht vorstellen können, wie dem zu Muthe ist, der bei einem, wie Sie selbst wissen, impertinenten Wirthe eine Zeit lang seine Bedürfnisse borgte, und nun am Ende des Monats nicht im Stande ist zu zahlen. Außerdem daß ich schlechtes Essen für einen zu theueren Preis“ — er zahlte für Kost und Logis elf Groschen pro Tag — „nehmen muß, wird mir nun jede Mahlzeit mit verächtlichen und mißtrauischen Blicken vorgesetzt und Spottreden und Sticheleien als Gewürze aufgetragen. Denn ohne Geld ist es unmöglich auszuziehen. — Hätten Sie die Güte gehabt, mir nach Prenzlau zu melden, daß Sie hier mit Niemandem wegen meines Unterhaltes ausdrücklich gesprochen hatten, so hätte ich mir die mich hier erwartenden Unannehmlichkeiten eher vorstellen können und würde auf militärische Kosten meine Reise nach Köln gemacht haben; ich hatte alsdann pro Meile einen Groschen, und wenn auch Dürftigkeit mich auf der Reise drückte, so war ich doch jetzt der Gefahr nicht ausgesetzt, die mich nun bedroht, nämlich: daß mein Wirth mir den ferneren Unterhalt verweigert und mir die Thür weist. Wenn ich durch Ausschweifungen in Vorschuß gerathen wäre oder durch Nachlässigkeit der Gesellschaft einen Schaden von einigen tausend Thalern verursacht hätte, so würde ich das jetzige Verfahren als eine Vorsichtsmaßregel von Ihrer Seite und als Strafe für meine Fehler betrachten; da ich mir aber nichts dergleichen vorzuwerfen habe, &c.“
Darauf antwortete Schmitz von Köln am 18. Juli: „Lieber Blum. Ihre Klagen vom 1. dieses thun mir sehr leid und sind gegründet. Ihr früheres Schreiben schien mir Vorwürfe oder einen der Sache nicht angemessenen Ton zu enthalten, und da ich Sie übrigens gern habe und Sie selten zurecht zu weisen habe, zerriß ich es lieber, als es zu beantworten. Verlieren Sie den Muth nicht, ich habe manche Schwierigkeit überstiegen.... Ich konnte bis jetzt weder Kleinigkeiten noch große Summen berichtigen. Jetzt werden Sie nicht lange mehr warten und alle Bedürfnisse erhalten.... Ich hoffe nur, Ihr jetziger Müßiggang wird auf Ihr ferneres Betragen keine nachtheilige Wirkung haben und daß ich Sie wie zuvor zurückfinden werde.“
Noch ehe Blum diese Antwort besitzen konnte, schrieb er am 20. Juli 1830, daß er sich wundere und erstaunt sei, daß Schmitz auf einen Brief von Blum’s Eltern „ganz kaltblütig einige Bemerkungen niedergeschrieben habe, ohne es der Mühe werth zu halten, über meine Erhaltung nur ein Wort zu erwähnen, und man braucht doch gewiß keine großen logischen Kenntnisse zu haben, um zu wissen, daß der Lebensunterhalt, den Sie als eine nicht bemerkenswerthe Nebensache zu betrachten scheinen, zum Fortbestehen durchaus nothwendig ist.... Es scheint mir die Pflicht eines jeden Mannes zu sein, für die in seinen Diensten stehenden Leute zu sorgen ... und ich glaube, daß es gewiß gegen die Billigkeit ist, einen Menschen mit in der Welt herumzuführen und ihn dann plötzlich an einem fremden Ort brod- und hoffnungslos sitzen zu lassen, wenn er sich keines Fehlers schuldig machte, der solches Verfahren rechtfertigen könnte.“
Um diese Rechtsdeductionen zu würdigen, muß auf Grund der mir vorliegenden Abrechnung Blum’s für die Jahre 1828 bis 1830, die Schmitz später anerkannte, constatirt werden, daß Blum schon am 30. März 1830 ein Guthaben von acht Thaler elf Silbergroschen zwei Pfennig an Schmitz hatte, welches neuerdings auf fast siebenundzwanzig Thaler gestiegen war, wie Schmitz später gleichfalls anerkannte. Der Gehalt, den Blum bescheiden immer „Lohn“ nennt, war am 30. März 1830 seit sechszehn ein viertel Monaten nicht mehr baar gezahlt worden! Daher war das weitere Verlangen Blum’s in diesem Briefe, in Zukunft möge pünktlicher gezahlt werden, gewiß gerechtfertigt; „sonst müsse er seine Stelle aufgeben, da er gar nichts besitze, um zuzusetzen.“ Er verlangte deshalb schriftlichen Vertrag und betonte, daß er Arbeitsüberstunden bisher nie berechnet habe.
Die Antwort (etwa vom 28. Juli) auf diesen Brief war überschrieben: „N. für R. Blum“ und lautete: „Wenn man Leute zu ernähren hat, die nichts verdienen, und von denen, die man für schönen Vortheil betheiligt, hinterrücks verlassen wird, bis man ihnen mit eignem Fond wieder Courage macht, so bieten sich leicht viele Schwierigkeiten.... Sie sind eben aus dem Dienst entlassen worden. Ich erneuere Ihnen Solches hierbei.... Ich finde es auch nicht für gut, für die Dienste, die Sie mir bis heran zu leisten fähig waren, mehr als das nothwendige Unterhalt zu geben. Auch bin ich weit entfernt, Ihnen einen schriftlichen Vertrag als Sinecure zu geben.“ Wenn Blum für Ueberstunden keine besondere Vergütung gefordert habe, „so mögen Sie dies gegen Monate müßig sitzen compensiren, während welchen mancher Sie entlassen hätte. Geht es Ihnen bei anderen gut, so werde ich diesen Verlust, sowie den eines anderen Jungen Mannes, den ich früher erzogen hatte, gern ersehen.... Später können Sie einmal bei mir anfragen, nachdem Sie eine bessere Schule der Erfahrung durchgegangen seyn werden, als die, deren Sie sich jetzt rühmen. Hr. Grebin wird Ihnen zustellen, was Ihnen gebürt. Schmitz.“
Robert war zu arm, das schnöde hingeworfene Almosen auszuschlagen. Am 5. August quittirte er Herrn A. L. Grebin in Berlin über sechsunddreißig Thaler, mit welchen der „Lohn“ vom 18. Mai bis „ultimo July d. J.“ und die „Reisekosten von hier nach Cölln“ beglichen waren, und machte sich am 9. August über Potsdam, Brandenburg, Genthin, Magdeburg, Helmstedt, Braunschweig, Hildesheim, Hameln, Paderborn, Soest, Lennep zu Fuß auf den Heimweg nach Köln. Am 22. August langte er hier an, nachdem er neunundsiebenzig ein halb Postmeilen in dreizehn Tagen zurückgelegt.
Das Verhältniß zu Schmitz war für immer gelöst, der Riß unheilbar geworden. Es nützte nichts, daß Robert auf die Rückseite einer leeren Schulheftseite seiner ältesten Stiefschwester, die sich auf der Vorderseite abmühte, den Worten: „Mit dem Maß, womit ihr messet, wird auch euch gemessen werden“ einen bedenklich unkalligraphischen Ausdruck zu geben, das Concept eines rührend-versöhnlichen Briefes schrieb.
Die Geschäfte des Beleuchtungsmannes gingen noch zu schlecht. Das Rüböl war soeben auf’s Haupt geschlagen. Das Gas triumphirte. Das war der Grund von Roberts Entlassung, alles Andere Vorwand.
Nichts charakterisirt aber wohl den Egoismus und die unedle Empfindung des Herrn Schmitz besser als die Thatsache, daß er nach einer solchen Behandlung Blum’s es wagte, schon nach einem halben Jahr, als Blum literarische Verbindungen in Köln gewonnen hatte, sich unverfroren an den mißhandelten jungen Mann zu wenden, um von diesem eine Reclame für eine von Schmitz neu herausgegebene Zeitschrift zu erlangen. Blum war großmüthig genug, die Unterstützung des Unternehmens zuzusagen.
Vorläufig aber, d. h. im August 1830, verdankte Blum dem nämlichen Herrn Schmitz den Blum leider nicht mehr ganz unbekannten Zustand der Brodlosigkeit.
[5. Theaterdiener und Dichter.]
In tiefster Kümmerniß sahen wir Robert Blum jene Julitage des Jahres 1830 verleben, welche für die geistige Bewegung von ganz Europa im Laufe der folgenden achtzehn Jahre tonangebend werden sollten. Während der Thron der Bourbonen zusammenstürzte und das Triumphlied des siegreichen Bürgerthums in allen Landen ein frohes Echo weckte, weil hier zum ersten Male seit fünfzehn Jahren die geistlose Metternich’sche Politik des absoluten Stillstandes, die den Continent beherrschte, eine furchtbare Niederlage erlitt, sahen wir Robert Blum mit seinem harten Brodherrn um die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens kämpfen; die Jubelwochen des Bürgerkönigthums fanden Robert auf einer mühsamen Fußreise von Berlin nach Köln begriffen, hier brodlos. Aus purer Barmherzigkeit warf J. W. Schmitz dem jungen Manne, dem er in seinem Dienstzeugnisse nachrühmte, daß er „fleißig und willig zu jeder Arbeit sei, und daß seine erprobte Treue, Gehorsam, bescheidenes und gesittetes Betragen das ausgezeichnetste Lob und Empfehlung verdienen“, in Köln noch vier Thaler zu. Das war aber auch Alles, was Robert vom 22. August bis 1. October 1830 einnahm. Und an diesem Tage trat er mit einem Monatsgehalt von acht Thalern (vom December ab von zehn Thalern) und fünf Thalern Neujahrsgeschenk in die Dienste des Schauspieldirectors Ringelhardt als Theaterdiener.
Man sollte kaum für möglich halten, daß ein Mann in solcher Lage, so schwer gefesselt an die niedersten Erdensorgen, so tief gestellt in der menschlichen Gesellschaft, den sittlichen Muth und die kühne Schwungkraft besessen hätte, in den wenigen Stunden seiner Muße rein geistig, ja dichterisch zu schaffen, und allen Wandlungen der großen Zeitgeschichte mit gespanntestem Interesse zu folgen. Und doch hat Robert Blum dies gethan. Um die Charakterstärke völlig zu würdigen, die dazu gehörte, einen so tiefen Gegensatz zwischen der Wirklichkeit und der Welt des Dichters zu überwinden, muß man die traurige Lage, in der Robert Blum damals lebte, doch etwas näher in’s Auge fassen. Nach seinen eigenhändigen Buchungen[7] hatte er in Berlin an Kostgeld durchschnittlich acht Thaler pro Monat bezahlt, einschließlich des Logisgeldes elf Thaler. Daß er für diesen Preis nichts Vorzügliches erhielt, haben wir früher in einem seiner Briefe an Schmitz von ihm selbst erfahren. Hier in Köln aber hatte er seinen Eltern für Kost und Logis bis October 1830 nicht mehr als — einen Thaler pro Monat zu bieten. Von der Zeit seines Engagements bei Ringelhardt an konnte er anfangs vier, 1831 bis 1832 (bis 20. Juli) fünf Thaler und schließlich sechs Thaler an seine Eltern pro Monat zahlen. Wir sind aber wohl berechtigt anzunehmen, daß in diesem Betrage mehr gegeben wurde, als er dagegen empfing[8]. Denn zu allen Zeiten hat er Eltern und Geschwister nach Kräften unterstützt, und gerade damals war seine Familie der Unterstützung bedürftiger als je: der Stiefvater und die Mutter kränklich, die Stiefschwesterchen noch nicht erwerbsfähig; sogar zu gerichtlichen Klagen scheint es gekommen zu sein, denn im Monat Mai 1829 bucht Robert drei Thaler „an meine Eltern für Gerichtskosten“. Man kann sich also denken, wie kümmerlich Robert in jenen Jahren für seine materiellen Bedürfnisse sorgen konnte — ohne deren reichliche Fülle nach Ansicht unserer heutigen Materialisten nicht einmal die gemeine Gehirnsubstanz normal functioniren, geschweige denn einen solchen Ueberschuß an Durchschnittsleistung zu Tage fördern kann, wie ihn die Beschäftigung mit dem allgemeinen Wohl und poetisches Schaffen unter allen Umständen darstellt.
Man vergegenwärtige sich aber weiter auch die Niedrigkeit und Widerwärtigkeit der Dienste, aus denen Robert Blum seinen Lebensunterhalt gewann. Mit jenem unverwüstlichen Humor, der dem Manne in allen Lagen des Lebens treu geblieben ist, hat er selbst später seine damaligen Leistungen für die Kölner Schaubühne also geschildert: er mußte als Theaterdiener alle Bestellungen des Directors und der Schauspieler besorgen — sie enthielten nicht immer Liebenswürdigkeiten — Rollen, Geld austragen, Vorstellungen und Proben ansagen und dabei alle Anmaßungen und Plackereien der „Künstler“ ruhig und lammfromm hinnehmen. Er mußte „dem überstolzen Schauspieler die Grobheiten des Directors“ — möglicherweise, schalten wir ein, auch der Frau Directorin, denn Madame Ringelhardt war eine sehr energische und geschäftseifrige Dame — „dem zweiten Liebhaber die Ungezogenheiten des dritten Bösewichts hinterbringen, bald der Primadonna den Hund bewachen, bald einer anderen Dame einen andern Dienst besorgen.“ Zudem behandelte und benutzte ihn Ringelhardt zwar ohne jede herrische und verletzende Form, doch nur als Theaterdiener, das heißt als einen der untersten Angestellten seiner Bühne.
Dem stolzen Gefühl, Berather und Mitarbeiter des Chefs zu sein, das Blum in den letzten Jahren seiner Stellung bei Schmitz hegen durfte, war hier schlechthin zu entsagen. Der üble Geschäftsgang in Köln hat zudem den Director jedenfalls nicht mit der rosigsten Laune erfüllt. Gleichwohl hat Blum auch diesem Brodherrn mit größter Treue und Dankbarkeit gelohnt. Ohne ein Wort vorher zu verrathen, schrieb Blum anonym gegen Ende des Jahres 1830 in einem der gelesensten Kölner Blätter mehrere Zeitungsartikel unter der Ueberschrift „Ein Wort zu seiner Zeit“, in welchen er den schweren Druck, der auf dem Theaterunternehmer durch die enorme Armenabgabe von einem Zehntel jeder Brutto-Einnahme, die fast unerschwingliche Miethe von zwanzig Thalern pro Abend, die vielen Freibillets &c. lastete, mit warmen Worten und großer Sachkenntniß darlegte. Als Ringelhardt erfuhr, aus welcher Feder die tapfere Vertheidigung seiner Interessen geflossen war, hat er seinem Theaterdiener alles Liebe und Gute gethan, was er konnte, vor Allem ihm die Theaterbibliothek zu freiester Benutzung angeboten und ihn für außergewöhnliche Arbeiten durch Geld besonders entschädigt, auch später bei seiner Uebersiedelung nach Leipzig dafür gesorgt, daß Robert ihm dahin nachfolgte.
In dieser Stellung und Lage fand nun Robert Blum die Freude und den Muth zu dem eifrigsten poetischen Schaffen.
Schon in Berlin, vom Jahre 1829 an, hatte er sich schriftstellerisch versucht. Sein erstes Werk war freilich der reinsten Geschäftsprosa gewidmet, der Straßenbeleuchtung[9]. Aber hauptsächlich war seine schriftstellerische Thätigkeit doch auf „poetische Versuche“ gerichtet. Die Gedichte, die er unter diesem Titel selbst zusammengestellt, umfassen im Manuscript 308 Ouartseiten und vertheilen sich auf die Jahre 1829 bis mit 1834. Einige derselben sind schon 1829 und 1830 in der von Saphir herausgegebenen „Schnellpost“ erschienen, andere von 1831 an in Kölnischen Zeitungen, das Meiste erst später in der „Abendzeitung“, der „Eleganten Welt“ von G. Kühne, in „Unser Planet“ und anderen belletristischen Blättern.
Das einzige unübersteigliche Hinderniß der Herausgabe dieser Gedichte war jene fluchwürdige Einrichtung, welche in Deutschland damals noch auf fast jeglichem literarischen Schaffen, mindestens aber auf der Presse lastete: die Censur. Denn der bei weitem größte Theil dieser Gedichte ist politischen Inhalts. Und so maßvoll uns Deutschen von heute die Freiheitsbegeisterung, so natürlich uns die Vaterlandsliebe des dreiundzwanzigjährigen Dichters erscheinen muß, so war doch der Censor, der über diese Blüthen der Dichtkunst sein maßgebendes Urtheil abzugeben hatte, ganz anderer Meinung. Er strich Blum’s politisch-poetische Offenbarungen unbarmherzig zusammen und gerieth über die Unermüdlichkeit, mit welcher der junge Dichter immer neue Kinder seiner patriotischen Muse überreichte, schließlich in solche Wuth, daß er Allem, was nur Blum’s verhaßte Handschrift trug, schlechthin die Druckerlaubniß versagte. Um sich volle Gewißheit über das parteiische Vorurtheil und die leidenschaftliche Pflichtwidrigkeit dieses Wächters des Staatswohls zu verschaffen, beging Blum die Bosheit, ihm, von seiner Hand geschrieben, unter einem recht verdächtigen Titel einige Gesangbuchsverse zur Censur zuzuschicken — und richtig, der Censor strich auch diese Verse als staatsgefährlich und wiederholte dasselbe noch zweimal, als Blum ihm die nämlichen Verse, die in jeder Kirche zur Erbauung der Gemeinde gesungen wurden, noch zweimal unter anderer Ueberschrift zusendete. Von solchen Menschen hing damals die Entscheidung darüber ab, was das deutsche Volk gedruckt sollte lesen dürfen.
Von den politischen Ereignissen der damaligen Zeit stehen dem Dichter die französische Revolution, dann die große Erhebung Polens und natürlich die Verhältnisse des eigenen Vaterlandes im Vordergrunde des Interesses. Doch verfolgt er auch ferner liegende Dinge mit größter Aufmerksamkeit. Eine der schwungvollsten Dichtungen der Sammlung ist z. B. die ergreifende Klage um den Tod Bolivar’s, des Befreiers Südamerikas vom spanischen Joche († 10. December 1830):
Bolivar ist nicht mehr! klagte der Glockenton,
Bolivar ist nicht mehr! brauste der Ocean,
und von den Andes rückhallte die Klage
Ueber den Erdball.
Sinkt denn der Gott dahin, fragt’ ich erschüttert mich,
So wie der Wurm des Staub’s? Ist Er, der seinem Volk
Mehr gab als Leben: die heilige Freiheit!
Sklave des Todes?
So übertrieben, wie alle liberalen Zeitgenossen, pries auch Blum die Helden der Pariser Julitage. Vom gesündesten politischen Urtheil zeugt dagegen das Scherzgedicht über Griechenland, das er unter dem Titel „Literarische Anzeige“ schrieb, und von dem so Vieles noch heute auf den Staat der Hellenen paßt:
„Im Jahre ein Tausend acht Hundert und dreißig
Erschien, nachdem man erst lange und fleißig
Zu London daran war, mit Drucken und Pressen —
— Auch hat man es nicht zu beschneiden vergessen —
Ein Werkchen, betitelt: Neugriechischer Staat,
In einem sehr niedlichen Taschenformat.
Dasselbe ist ganz nach der neuesten Mode,
So zierlich als möglich, und kurz, die Methode,
Nach der man zu Werk ging, ist eigener Art,
Und überall Ordnung mit Schönheit gepaart.
Zwar wagte der Neid schon von manchen Gebrechen
Und Fehlern, die drinnen sein sollen, zu sprechen;
Doch können dies höchstens nur Druckfehler sein,
Und diese sind dann um so mehr zu verzeih’n,
Da mehrere Setzer am Werkchen gezimmert,
Und Niemand um die Correctur sich gekümmert.
Man suchet nun Jemanden, der den Verlag
Des Werkchens gleich zu übernehmen vermag.“
Ganz überraschend klar und kräftig tritt aber bei Blum der deutsch-nationale Gedanke hervor. In einer Zeit, in der fast Alle, gelegentlich auch er selbst, berauscht waren von einem unbestimmten Freiheitsdrang und kosmopolitischer Schwärmerei und die Erkenntniß, daß erst auf dem Boden eines festen, einigen, deutschen Staatslebens alle höheren Güter der Nation, vor allem die Freiheit, errungen werden könnten, höchst vereinzelt, von Männern wie Pfizer und Dahlmann ausgesprochen wurde, während Männer wie Börne und Heine nur Hohn und Spott für ihr Vaterland hatten, in dieser Zeit erscheint ein Gedicht wie dasjenige, das Blum 1831 „an Germania“ schrieb, als ein hervorragendes Zeugniß politischer Einsicht und nationaler Klarheit. Es heißt darin unter Anderem:
„Völker siehst Du auferstehen,
In des Freiheitsodems Wehen,
In der Zeiten hehrem Lauf;
Erntend längst gestreute Saaten.
Treten sie im Feld der Thaten
Kühn als Nationen auf.
Ach, der Hebel aller Staaten,
Die Erzeug’rin großer Thaten,
Aller Völker Kraft und Macht.
Die allein nur Muth und Stärke
Geben kann zum großen Werke: —
Einheit — ist Dir ja versagt!
In die einzeln schwachen Glieder
Gießt sie Kraft und Fülle wieder;
Einheit ist der Staaten Mark.
Kein Erob’rer stellt verwegen
Dann sich lüstern uns entgegen;
Werdet eins, dann sind wir stark.
Deutsche, nützt die hehren Stunden!
Wenn sie einmal hingeschwunden,
Sind sie ewig uns vorbei;
Laßt das große Völkerringen
Etwas wenigstens uns bringen:
Werdet eins! dann sind wir — frei!“
Ueberhaupt ist der gesunde Realismus, der bei aller Begeisterung des jungen Herzens aus diesen Gedichten spricht, doppelt wohlthuend in einer Zeit, die sich anschickte, mit Heine einem krankhaften sentimentalen Weltschmerz sich zu ergeben. Nirgends fingirt Blum Liebesleiden, die er nicht kannte, nirgends zeigt er sich mit der Welt zerfallen, lebensmüde, obwohl er hierzu mehr Grund haben mochte, als mancher Andere. Dagegen dringt wiederholt die bittere Klage über das harte Geschick, das ihm gerade die Erreichung der höchsten Lebensziele so unendlich schwer machte, mit der vollen Kraft eines gewaltigen Naturlautes aus seiner gepreßten Brust. Aber immer richtet ihn auf der felsenfeste Glaube an den Sieg der idealen Mächte, denen er sein Streben geweiht, und damit auch an die eigene Sendung, die er zu erfüllen bestimmt ist.
Besonders merkwürdig für seine Weltanschauung ist dabei, zumal bei dem rein rationalistischen Glauben, den er z. B. in seinem „Glaubensbekenntniß“ ausspricht, die feste Ueberzeugung an die Unsterblichkeit der Seele, die er in diesen Gedichten wiederholt ebenso deutlich bekennt, wie — in dem letzten Briefe an seine Gattin, den er Angesichts des Todes schrieb. In einem seiner frühesten Gedichte „An die Zeit“ (1829) heißt es am Schlusse:
„Du veränderst und wechselst nur jede Gestalt,
Die im Staub sich erzeugte vom Staube;
Doch dem Geiste droht nie der Zerstörung Gewalt,
Er wird nie der Verwesung zum Raube.
Zerstöre Du nur ohne Ende und Ruh’ —
Ein Theil meines Wesens ist ewig, wie Du.“
In der That bedurfte es eines so festen Glaubens an das Walten der sittlichen Mächte und solcher Bedürfnißlosigkeit, wie Robert Blum sie gewöhnt war, um auch in jenen bösen Tagen den Kopf oben zu behalten, als Ringelhardt Anfang Juni 1831 gezwungen war, plötzlich „aus Geschäftsrücksichten“, das heißt mit Rücksicht auf die Geschäftslosigkeit, die Bretter, die die Welt bedeuten, in Köln abzubrechen und Robert Blum zu entlassen. In dieser traurigen Lage griff dieser nach dem ersten Erwerb, der sich ihm bot — er wurde Schreiber beim Gerichtsvollzieher Kümpeler und bezog in dieser Stellung einen Monatsgehalt von — sechs Thalern! Davon war Alles zu bestreiten. Glücklicher Weise dauerte diese harte Prüfung nur bis 15. September. Da engagirte ihn Ringelhardt von Neuem für den früheren Gehalt.
Eine erhebliche Förderung verdankte Robert Blum diesem Dienstverhältnisse durch die bereits erwähnte freie Verfügung über die Theaterbibliothek des Directors. Bereits im Winter 1830 auf 1831 wurde der größte Theil der hier vorräthigen dramatischen Werke geradezu verschlungen, später mit Muße das Beste — vor Allem Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und was an antiken Dramen da war, wieder und wieder gelesen, halb auswendig gelernt. Mit Schiller vor Allen gewann Blum die größte Vertrautheit. Aber auch Goethe lernte er mehr und mehr schätzen. Als der deutsche Dichterfürst starb, schrieb Blum ein tiefempfundenes „Sonett auf Goethe’s Tod“ in seine Gedichtsammlung. Daneben regten die dramatischen Novitäten des Tages den kritischen Theaterdiener an, sein Urtheil über dieselben in kurzen scharfen Distichen auszusprechen. Viele dieser Urtheile über Stücke, die heute noch auf dem Repertoire stehen, sind noch jetzt recht interessant.
„Dummheiten, Malicen und Xenien“ hat Robert Blum selbst die kleine Sammlung überschrieben, aus der hier einige Beispiele folgen.
Sonst und jetzt.
Derbe Komik, kräft’ge Witze,
Leicht und treffend wie die Blitze,
Traf man sonst im Lustspiel an.
Aber jetzt sind wir verwöhnt,
Alles Kräft’ge ist verpönt,
Weil man’s — nicht mehr schaffen kann.
Raupach.
Als er noch Dichtungen gab, da waren die Stücke zu tadeln,
Jetzt sind die Stücke zwar gut, doch ach! nicht Dichtungen mehr.
Moderne Kritik.
Reiße den Einen herunter, erhebe den Andern zum Himmel;
Beides mit Brutalität, doch ohne Sinn und Verstand.
Schreibe das Ganze — aus Scham, aus Furcht theils auch, ohne Namen,
Nennt man Dich bald ein Genie, denn das heißt heute Kritik.
Das Orchester.
Welche unendliche Zahl von Musikern und Instrumenten!
Schade, daß durch das Gewühl man die Musik nicht mehr hört.
Die Stumme von Portici.
Glänzend brichst Du Dir Bahn in allen Ländern Europa’s
Weil Du mit sprachlosem Mund, sprichst aus dem Herzen des Volks.
Mozart.
Würde Musik vom Unsinn auch ganz verdrängt von der Erde,
Deine Werke allein geben ihr ewig Asyl.
Gleichniß.
Wie die Fische ewig dürsten,
Bei beständ’gem Ueberfluß,
Schlürfen Schmeichelei die Fürsten,
Ohne Maß und Ueberdruß.
Schwere Wahl.
Allopathie! Homöopathie!
Ich schwanke schon seit vielen Tagen
Und bitte, Freundchen, sagen Sie,
Mit welcher darf ich es wohl wagen?
Das ist Geschmack, der wechselt ab,
Und richtet sich nach Zeit und Mode;
Merkt nur den Unterschied vorab
Und wählt dann selber die Methode:
Die Eine bringt uns in das Grab,
Die Andre aber blos zum Tode!
Der Reformator.
Thebaldus will die Welt verbessern;
Was da besteht ist ihm zu schlecht,
Er will ein neu Gesetz und Recht
Um Glück und Wohlfahrt zu vergrößern;
Doch eine Plag’, die — wenn auch klein —
Doch alle bessern Menschen fliehen,
Die will er nicht der Welt entziehen;
Er ist es selbst mit seinem Schrein!
Lehre.
Meidet das starke Getränk, es schadet den Nerven, dem Geiste!
So spricht der Weise und wahr. Merkt den erhabenen Spruch!
Wasser hat furchtbare Kraft; es treibet das Schwungrad der Mühle,
Brüder, das ist uns zu stark, darum — so rath ich — trinkt Wein.
Glück und Unglück.
Feindlich getrennt, im Thun und Wirken unendlich verschieden,
Wandelt Ihr dennoch vereint, Hand stets in Hand durch die Welt.
Nützlich seid Ihr uns Beide, die Tiefen des Lebens zu kennen:
Lehrt uns das Glück den Genuß, lehrt uns das Unglück den Werth.
Stolz und Hochmuth.
Stolz, wenn er würdig ist, hält uns in ehrerbietiger Ferne
Hochmuth stößt uns zurück, füllt mit Verachtung die Brust.
Liebe und Treue.
Liebe hält mit zärtlichen Armen das Leben umschlungen,
Treue kettet sich fest, sei es auch an — den Tod.
Tugend und Scham.
Unzertrennliche Genien durchwandeln sie liebend das Leben
Diese voll Anmuth und Reiz, jene voll Würde und Kraft.
Fällt die Scham, sie reißet die Tugend mit sich zu Grabe;
Sinket die Tugend, die Scham hält sie mit kräftigem Arm.
Bald aber drängte die Begeisterung zu dramatischem Schaffen, die er dem Studium der Ringelhardt’schen Theaterbibliothek dankte, jede andere Dichtung zurück; glaubte er sich doch zum Theaterdichter ganz besonders vorbereitet durch die tiefen Blicke, die er als Theaterdiener hinter die Coulissen, in die Mache der Bühnentechnik gethan zu haben meinte. Pilzartig schossen die Lust-, Schau- und Trauerspiele unter seiner Feder in’s Kraut. Die wenigen „Literaten“, die ihn ihrer Freundschaft würdigten, Dr. Rave, Köhler, der Schauspieler Porth, der mit ihm viele Jahre später noch von Dresden aus treu correspondirte, natürlich auch Ringelhardt selbst, wurden von ihm unablässig mit der unheilverkündenden Bitte heimgesucht, wieder ein neues Drama von ihm zu lesen. Diejenigen, welche diese Freundschaftsprobe bestanden, sind ihm für’s Leben treu geblieben. Sie haben ihm auch als gute Freunde offen und stets von Neuem erklärt, daß seine Dramen nichts taugten. Er soll eine ungemessene Zahl seiner dramatischen Schöpfungen in’s Feuer geworfen haben, nachdem ihnen so das Todesurtheil gesprochen worden. Wären doch alle unberufenen dramatischen Dichter so reich an Selbsterkenntniß!
Trotzdem habe ich noch eine sehr große Anzahl dramatischer Dichtungen aller Art, die Robert Blum selbst verfaßt hat, in seinem handschriftlichen Nachlaß vorgefunden. Schon ihre Titel verrathen zum Theil ihren Inhalt: „Der Vaterfluch oder die Schrecken des Fanatismus. Trauerspiel in fünf Aufzügen.“ „Das Opfer der Bruderliebe. Ein Bild seltener Seelengröße aus unsrer Zeit“ u. s. w. Auch eine große Zahl „Einlagen“ von seiner Hand, Prosa und Verse, die in beliebten Operetten, Possen u. s. w. als Neuheit eingeschaltet wurden (wie heute neue Couplets), habe ich vorgefunden, namentlich aus der Leipziger Zeit — noch aus den Tagen, da er schon deutschkatholischer Kirchenvater geworden war. Den größten Schrecken muß Robert Blum den Freunden, die er zu Kunstrichtern über seine dramatischen Werke berief, schon durch den Umfang seines „dramatischen Gedichtes“ Kosciuzko eingeflößt haben. Denn der erste Theil dieser Riesentragödie oder in Scene gesetzten Biographie würde schon mindestens zwei Theaterabende füllen und das ganze Stück hat drei solcher Theile aufzuweisen. Von allen Bühnenschöpfungen Blum’s ist nur eine einzige gedruckt worden, aber auch diese ist Buchdrama geblieben und niemals aufgeführt worden — „Die Befreiung von Candia“ (Leipzig, C. H. F. Hartmann, 1836). Das Stück behandelt eine Episode des griechischen Befreiungskampfes der zwanziger Jahre (1822) und ist geschrieben in der pathetischen Rhetorik der großen französischen Revolution und voll von beziehungsreichen Anspielungen auf das damalige Deutschland; im Munde freiheitsdürstender Neugriechen konnte diese der Censor nicht gut streichen, selbst nicht die bezeichnenden Schlußworte des Helden:
Seid einig, Griechen! Wenn Ihr einig seid,
Dann seid Ihr frei und keine Macht der Erde
Vermag es, Euch die Freiheit zu entreißen.
Ein einig Volk ist stark, unüberwindlich!
Um dieses stille Schaffen im Zusammenhang darzustellen, sind wir dem Gange der Lebensschicksale Blum’s um Jahre vorangeeilt. Denn die letzten dieser Dichtungen sind schon auf Leipziger Boden erwachsen.
Nach Leipzig war Ringelhardt mit dem Ende der Kölner Wintersaison von 1831 auf 1832 gezogen und hatte hier das Stadttheater übernommene: Blum sollte Mitte Juli als Theaterdiener folgen. Da wurden dem jungen Manne gleichzeitig zwei lohnendere Stellen angeboten: die eine in der Redaction einer Kölnischen Zeitung, die andere als Theater-Secretär bei einer wandernden Truppe der Rheinprovinz. Beide Angebote meldete er Ringelhardt nach Leipzig, und dieser antwortete am 24. Mai von Ostrau: „In Bezug einer Anstellung für Sie in Leipzig kann ich Ihnen vorläufig Folgendes berichten: ... ich will Ihnen einen monatlichen Gehalt von fünfzehn Thaler zahlen, mit der Zusicherung, daß, wenn Sie sich in die Geschäfte eingearbeitet haben, ich die 200 Thaler“ (pro Jahr) „voll machen will. Sie arbeiten dafür alle Schreibereien im Bureau, die ich Ihnen übertrage, sei es das Schreiben von Briefen, seien es Copialien oder Rechnungen oder das Ausschreiben von Rollen (!). Sie übernehmen ferner (!) die Geschäfte bei der Casse und Controlle, die Ihnen übertragen werden, sowie andere Arbeiten des Theaters, die in das Fach einschlagen.“ Blum sagte zu. Darauf lief, nach einer längeren Abwesenheit Ringelhardt’s in Wien, von diesem ein zweiter Brief vom 25. Juni ein, in dem es hieß: „Ihr Engagement können Sie am 15. July hier antreten, weil ich mit Ihnen alle Casseneinrichtungen vorbereiten will und die Billets einrichten, sowie Bibliothek und Musikalien, die ich unter Ihre Aufsicht stelle. Demnach werden Sie Theatersecretair, Bibliothekar und Cassenassistent (!), das ist die Stellung, die ich Ihnen gebe .... Sagen Sie dem Friseur Deveney, den ich bestens grüße, er solle Ihnen das Recept von dem Spiritus zur Stärkung der Haare geben, und bringen Sie mir es mit!“ Die weiteren Anordnungen des Briefes, welcher unter Anderem versicherte: „Sie können mit Vertrauen zu mir kommen, auch finden Sie hier ein anderes Treiben und Leben als in Köln“, waren der mit Rücksicht auf die Cholera zu wählenden Reiseroute gewidmet, damit Blum unterwegs nicht etwa „Contumaz“ halten müsse.
Ob das heißbegehrte Recept zur Stärkung der Haare mitgenommen worden ist, weiß ich nicht. Jedenfalls konnte Blum erst am 20. Juli nach Leipzig reisen.
Er eilte der Stadt entgegen, die ihm mehr als die eigene Vaterstadt zur Heimath werden sollte, zur Stätte seines Glückes, seines vielseitigsten Wirkens, zur Wiege seines Ruhmes, der weit über die Grenzen seines Vaterlandes und seiner Zeit hinausdringen sollte.
[6. Die ersten Jahre in Leipzig.]
(1832–1836).
Leipzig war, als Robert Blum hierher übersiedelte, eine Stadt von wenig über vierzigtausend Einwohnern, die sich hauptsächlich in der inneren Stadt zusammendrängten[10]. Große Privatgärten bedeckten noch dicht vor den Thoren der inneren Stadt weite Flächen Landes. Heute ziehen dort zahlreiche Straßenzeilen nach allen Richtungen hin. Zu Vorstädten waren damals überall erst Ansätze vorhanden. Pünktlich um zehn Uhr Nachts wurden alle Thore geschlossen, an denen strumpfstrickende Stadtsoldaten für die Ruhe der Bürger gewacht hatten, bis die glorreiche Errungenschaft der Communalgarde diese Sorge übernahm. In der städtischen Verwaltung herrschte noch unleidlicher Zopf; erst allmählich lernte die Bürgerschaft die Freiheiten üben, welche die neue Städteordnung vom 2. Februar 1832 gewährleistete. Eng war im Allgemeinen der Horizont des Eingeborenen. Von einem Feuer, das in der Stadt ausbrach, konnte man sich eine Woche lang ausschließlich unterhalten. Das Leibblatt des Leipzigers, das „Tageblatt“, hatte damals ein Format von 22:29 Centimeter und bot höchstens — aber sehr selten — zwei Druckseiten eigene Artikel, einschließlich der amtlichen Bekanntmachungen; die übrigen zwei Druckseiten wurden von der berühmten „Eselswiese“ und Anzeigen ausgefüllt. Die große Leipziger Revolution vom 2. September 1830 war in der Hauptsache das Werk von Handwerkern und Studiosen und hatte die Kraft ihrer Sturmeswogen an einigen Fenstern und Mobilien offenbart. Selbst die Kaufmannschaft, das hervorragendste Element der Bürgerschaft, widerstrebte unklar und pessimistisch der wirthschaftlichen Hauptaufgabe der Zeit: dem Anschluß Sachsens an den Zollverein. Von ihr ging der Angstruf aus, der sich zum Glaubenssatze des Leipzigers jener Tage ausgebildet hatte: daß Leipzigs Blüthe dahin sei, und mit dem Anschluß an den Zollverein der ganze Leipziger Handel einpacken müsse! Die neue Verfassung des Landes war noch kein Jahr alt. Als die Weissagung einer neuen besseren Zeit war sie auch in Leipzig begrüßt worden.
Die Feier des Verfassungsfestes (4. Sept.) bietet von 1832 an den fortschreitenden Elementen der Bürgerschaft den legitimen Anlaß, sich feierlich zu versammeln und in Trinksprüchen und Reden Umschau zu halten über die öffentlichen Zustände, die noch unerfüllten Wünsche des Landes. Mit großer allgemeiner Illumination wurde 1832 das Verfassungsfest gefeiert. Der reiche geadelte Wollhändler und Schafzüchter Speck von Sternburg ließ an seinem Hause in der Reichsstraße ein Transparent erscheinen, das die Worte trug:
O möchte doch in unserm schönen Sachsen
Electoral veredelt wachsen.
Den nächsten Abend erschien gegenüber ein Transparent, das diese beiden Verse wiederholte und hinzufügte:
Damit der Speck auf dieser Erde,
Noch immer fetter, fetter werde.
Ueberhaupt liebte es der gesunde Bürgersinn des Leipzigers, an Denjenigen seinen Witz zu üben, die nach Standeserhöhung trachteten. Als ungefähr um dieselbe Zeit ein Mitinhaber der alten Firma Limburger und Frosch geadelt wurde, war am Tage nach der Bekanntmachung des Ereignisses an dem Geschäftslokal der Firma folgende Schrift zu lesen:
Ici demeure le chevalier sans peur et sans reproche, Autrefois Limburger et Frosch.
Wie eigenartig, vielseitig und vielversprechend für die Zukunft pulsirte überhaupt das geistige Leben in dieser deutschen Mittelstadt! Wohl kaum ein Schriftsteller der damaligen Zeit hatte nicht Verlagsbeziehungen zu Leipzig; fast Jeder von ihnen ist irgend einmal vorübergehend oder für längere Zeit nach Leipzig geführt worden. Nicht die unbedeutendsten hatten in Leipzig dauernd ihre Heimath gewählt. Sie alle lernte Blum allmählich kennen. Weithin glänzte schon damals der klare Stern der Leipziger Hochschule. Mit dem Verfassungsbruche in Hannover (12. Nov. 1837) ward auch der bedeutende Germanist Albrecht der Universität dauernd gewonnen. In der Musik braucht man nur an Namen wie Mendelssohn, Robert Schumann, Rietz, zu erinnern[11]. Das Theater, von jeher ein Liebling des Leipziger Publicums in Freud und Leid, in Fried und Streit, war von 1817 bis 1828 unter Küstner’s Leitung gestanden, 1829 sollte es unter königlicher Aegide neu organisirt werden. Unter Ringelhardt (1832) und noch mehr unter Schmidt (1844 flg.) wurde es zu einer Pflanzstätte der reinsten künstlerischen Bestrebungen und Darstellungskunst. Kaum ein berühmter Schauspieler, der hier nicht längere Zeit wirkte! Rasch und freudig hat endlich die rege, gesunde Stadt von den Freiheiten, welche Verfassung, Städteordnung, Zollverein boten, kräftig Besitz ergriffen. Am Ausgange der dreißiger Jahre schon regt sich Handel und Industrie der Stadt nicht minder hoffnungsvoll wie politischer und communaler Freisinn. Die stillen Freundschaftsgemeinden, die hier zahlreicher und intensiver wirken, als anderswo, thaten das Beste zu dieser Wandlung.
Von selbst bot das Theater und Robert Blum’s Stellung als Secretair an demselben, mit einem so großen Wirkungs- und Pflichtenkreis wie die contractliche Vereinbarung mit Ringelhardt ihn Blum auferlegte, zahlreiche Gelegenheiten zur Anknüpfung interessanter Bekanntschaften. Das Theater führte ihn mit allen Kreisen der Gesellschaft in Berührung, zumeist mit Schriftstellern, Musikern, Künstlern, aber auch mit dem Rathe, Redacteuren, Buchhändlern, Gelehrten. — Mit Herloßsohn, Marggraff, Gustav Kühne, Julius Mosen, Burkhardt, Dr. Apel, Sporschil, Georg Günther, Carl Cramer, Lortzing, Hofrath Winkler (Th. Hell), sehen wir ihn bald in eifrigem, persönlichem oder schriftlichem Verkehre. Mit dem Geographen Dr. Carl Andree wurde er auf eigenthümliche Weise bekannt. Blum pflegte, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, am frühen Morgen mit irgend einem Buche im Rosenthal sich zu ergehen. Hier fand ihn Dr. Andree, wie er im Grase lag und sein Buch studirte. Andree redete ihn an. Die Männer wurden bald innig befreundet.
Selbstverständlich hielt sich der junge Theatersecretair in den ersten Jahren seines Leipziger Aufenthaltes fern von politischer Parteinahme und fern von dem regen Parteitreiben Leipzigs in communalen Angelegenheiten. Unklar und formlos sprudelte ein grenzenloser Freiheitsdrang in den Köpfen der „Literaten“, die Robert Blum’s hauptsächlichen Umgang ausmachten. Einer dieser trutzigen Denker, die Oesterreich ausgespieen hatte und die nun an der Pleiße ihre tiefen Offenbarungen der Welt kundthaten, schrieb in jenen Tagen die denkwürdigen Verse:
„Deutschland braucht noch viele Seife,
Daß es sei gewaschen reiner,
Und es braucht zu seiner Reise
Noch viel Kerls wie Unsereiner“.
Unendlich roh und materiell führten Manche dieser Schriftsteller ihr Leben. Einer der fruchtbarsten unter ihnen, Sporschil, arbeitete wochenlang unablässig und trank dann zur Abwechslung tagelang unablässig. Er verbarg sich dann auf irgend einem Bierdorfe bei Leipzig, bestellte hier 24 oder 36 Glas Bier auf einmal und rastete nicht, bis sie vertilgt waren.
Einer der begabtesten und maßvollsten dieses Kreises, Dr. Georg Günther, später Blum’s Schwager, reckte sich bei einer Kegelei, zu der befreundete Meßfremde der Provinz eingeladen waren, plötzlich in die Höhe und verkündete mit heiliger Begeisterung die harte Nothwendigkeit, „daß alle deutschen Fürsten sofort zum Teufel gejagt werden müßten“. Blum wandte sich mit würdevoller Ruhe, als ob er die blutige Rede Günthers durchaus ernst nehme, an einen der entsetzten Provinzler mit der Frage: was er dazu meine? Und als der Biedermann schaudernd versicherte, daß sich bei ihm zu Hause nicht fünf Leute zu einem so ungeheuren Frevel finden würden, klopfte ihm Blum lachend auf die Schulter und sagte: „Brav so. — Siehst Du, Günther, das habe ich Dir immer gesagt.“ Vielleicht hat Robert Blum gerade durch den Umgang mit so excentrischen, unklaren Menschen den Werth der maßvollen Ruhe und der realistischen Betrachtung der Dinge, zu welcher seine Natur hinneigte, um so besser erkannt.
Bald versuchte er das Leipziger Leben, wie es ihm sich darstellte, zu schildern. Der erste Versuch dieser Art ist eine Satire, betitelt „Die Poetenfacultät der Universität Leipzig und Kronos“, gedruckt im „Verkündiger am Rhein“, Köln 4. Aug. 1833. Der breite und wenig witzige Artikel gipfelt in der Versicherung des Kronos, daß er „drei Sächsische Dinge wahrhaft unsterblich machen wolle: einen Leipziger Doctorhut, eine Inauguraldissertation und ein Titelblatt vom Brockhausischen Lexicon.“ Sehr viel interessanter und werthvoller ist eine Abhandlung Blum’s über die Leipziger Messen, welche im „Kölner Correspondenten und Staatsboten“ Nr. 147–155 im Jahre 1834 erschien. In diesem Essay wird zunächst sehr hübsch der segensreiche Einfluß des Zollvereins auf den Leipziger Meßverkehr dargelegt, dann eine in der Hauptsache noch heute richtige Aufzählung der Waarengattungen geboten, welche hauptsächlich auf der Leipziger Messe gehandelt werden und Ziffern für ihren Umsatz gegeben. Besonders lebendig und interessant aber sind die Schilderungen des Leipziger Meßlebens. Trefflich ist das Hasten der Meßvermiether, die Verscheuchung der Studenten durch die Meßfremden, das Gewühl unter den Buden mit seinem gräulichen Chaos von Tönen, Gestalten und Genußanerbietungen aller Art, die Eigenthümlichkeit der Budenstädte auf den Hauptplätzen der Stadt und endlich das charakteristische Gepräge jeder einzelnen Meßwoche, beschrieben. „Das Tageblatt selbst, diese literarische Fundgrube, die schwerlich in Deutschland ihres Gleichen finden möchte[12], wird täglich voluminöser. Ganze Schaaren langbärtiger Israeliten mischen sich in frohem Zuge, als ob es zum gelobten Lande ginge, in das bunte Gewühl. Männer aller Länder und aller Meinungen leben in der ungetrübtesten Eintracht nebeneinander. Die leider nur zu sehr Mode gewordene politische Kannegießerei ist verschwunden; Alles spricht, denkt und empfindet nur den Handel und entwirft Speculationen und Hoffnungen für die beginnende Messe.“ Auch längst verschwundene Eigenthümlichkeiten der Leipziger Messe, der Pferdemarkt und der Judenmarkt, sind hier geschildert. Ueber letzteren heißt es: „Vor dem Hallischen Thore, an einer Stelle, wo die sich rings um die Stadt ziehende Promenade am breitesten ist, wird den Söhnen Isaaks und Jakobs ein Breter-Eldorado aufgeschlagen, in welchem sie vierzehn Tage ihr Wesen treiben. Achtzig bis hundert eng zusammengedrängte kleine Buden vereinigen hier die bärtigen und unbärtigen Hebräer aller Zonen zu einer dichtgeschlossenen Handelskolonie; und in ewig entzweiter Einigkeit — da einer dem andern beständig den Käufer abzulocken sucht — feiern sie im Kleinen das Fest der Wiedererhebung ihrer großen Nation. Band aller Art, englische und deutsche Manufacturwaaren und Bijouterien sind ihre vorzüglichsten und fast einzigen Handelsartikel und es ist interessant zu beobachten, welche unzähligen kleinen Künste in Bewegung gesetzt werden, um die Waare anzupreisen und den Durchwanderer zum Kaufe zu veranlassen. Findet auch der Unkundige den beim Einkaufe gemachten Profit, bei Lichte besehen, zuweilen weit unter Erwartung, so steht der Judenmarkt doch im Allgemeinen im Rufe der möglichsten Billigkeit und wird sehr zahlreich, selbst von den höheren Ständen besucht.“ Dann heißt es weiter: „Auch die deutschen Buchhändler tragen wesentlich zur Belebung dieser Woche bei; denn schaarenweise kommen sie im Anfange derselben aus allen deutschen Gauen hierher und beginnen gegen Mittwoch oder Donnerstag, nach Durchsicht der ihnen vorangegangenen Krebse, ihre sonderbare Berechnung, bei der gewöhnlich große Summen, aber wenig Baarschaft zum Vorschein kommen!“
So irrig Blum hier über das Abrechnungssystem des deutschen Buchhandels urtheilt, so falsch urtheilt er wenige Zeilen nachher über die „in der letzten Zeit stattgefundene Anregung einer Eisenbahn nach Dresden.“ Er sagt, „man habe mit Recht gegen dieses Project eingeworfen, daß man eine Bahn in der Richtung anlegen müsse, wo sie Handelsvortheile gewährt, nicht aber in einer Richtung, wo sie, wie nach Dresden, als eine bloße Promenadenbahn zu betrachten sei, die nach klaren (?) Berechnungen nicht einmal das Anlagekapital decken, viel weniger einen soliden Gewinn geben könne[13]. Die Urheber des Planes scheinen jedoch darauf beharren zu wollen und streben durch einen unrichtigen Patriotismus ihre Landsleute zur Theilnahme zu bewegen, welche Mühe jedoch bis jetzt fruchtlos blieb, da noch kein Groschen zum Anlagekapital unterzeichnet ist. Ueberhaupt dürfte, wenn man auf dem bisher verfolgten Wege beharrt, die Bahn in den nächsten 25 Jahren nicht zu Stande kommen.“ Die Bahn wurde bekanntlich wenige Jahre später eröffnet, und erfreute sich unter dem wackeren Gustav Harkort, dem jüngst in Leipzig ein Denkmal gesetzt wurde, Jahrzehnte lang einer trefflichen Leitung. Seltsamerweise finden wir Robert Blum, der in dem obigen Urtheil die allgemeine öffentliche Meinung jener Tage sowohl, als die Ansicht kluger Volkswirthe aussprach, fast auf allen Generalversammlungen der Actionäre der Leipzig-Dresdner Bahn als Oppositionsredner gegen die Verwaltung[14].
Endlich enthält dieser Essay Blum’s über die Leipziger Messe am Schlusse noch folgendes bemerkenswerthe Urtheil über den Buchhändler-Meßkatalog von 1834: „er ist sehr arm, so voluminös er sein mag, und fast keine einzige ausgezeichnete literarische Erscheinung ist darin zu bemerken. Die Pfennig-Gelehrsamkeit scheint sich immer mehr auszudehnen, und das Pfennig-Magazin von Bossenge père, die erste Erscheinung in diesem Genre, welches jetzt 50,000 Abonnenten zählt, hat nach Ablauf seines ersten Jahrganges ein neues Reizmittel für die Leser erfunden, indem es ein historisches „Gratis-Magazin“ als Zugabe giebt, die jedoch auch allein für den Preis von 12 Gr. jährlich zu haben ist. Im Gebiete der Musik hat sich ebenfalls die Pfennigmanie — über die die Aerzte so wenig wie über die Cholera einig sind, ob sie contagiös oder epidemisch ist — verbreitet und wir zählen jetzt bereits drei musikalische Pfennig-Magazine, die manches Gute, aber auch manches höchst Mittelmäßige bringen, was nicht einmal einen Pfennig werth ist.“
Eifrige Selbstfortbildung, namentlich in Geschichte und Staatswissenschaften, und ebenso eifrige schriftstellerische und poetische Production füllen in diesen ersten Jahren seines Leipziger Aufenthaltes Robert Blum’s Mußestunden. An der Hochschule hörte er bei Drobisch Logik, bei dem Privatdocenten Dr. Burkhardt, seinem intimen Freunde, Geschichte der neuesten Zeit. Fast sämmtliche belletristische Zeitschriften jener Tage bringen lyrische Gedichte, Recensionen, auch größere Essays über literarische Tageserscheinungen von Robert Blum. Die Honorareinnahmen, die er von der „Aurora“, der „Abendzeitung“, den „Rheinblüthen“, „Unser Planet“, der „Zeitung für die elegante Welt“ u. s. w. von 1832 bis 1837 bucht, sind theilweise bedeutend, namentlich für damalige Honorarverhältnisse und den damaligen Geldwerth. Vortrefflich versteht er in diesen Artikeln seine politischen Ansichten und Tendenzen vorzutragen unter der Maske wissenschaftlicher oder harmlos plaudernder Recensionen epochemachender geschichtlicher und socialer Werke der Zeit, namentlich der Revolutionsgeschichte von Mignet und Adolf Thiers und der interessanten Schrift Bulwer’s „über Frankreich in socialer literarischer und politischer Beziehung“, so daß der Censor ihm nichts anhaben kann. Für seine Arbeit über die Geschichte der französischen Revolution allein erhielt er (1837) zehn Friedrichsd’ors bezahlt. Auch ist er einer der gesuchtesten Prologdichter der Zeit. „Vom Prinzen-Mitregent[15] 10 Thaler,“ bucht er am 31. Mai 1833. Aehnliche Honorare trugen ihm die wiederholten Prologe zum Sächsischen Constitutionsfest (1834, 35 u. s. w.), ein Festspiel für Meiningen und ein Prolog bei der Wiedereröffnung der Magdeburger Bühne (1834) ein. Seine finanziellen Verhältnisse waren sehr befriedigend geworden. Die Seinen daheim erhielten reichliche Unterstützungen und Geschenke von ihm.
Am Theater ist er schon um die Mitte der dreißiger Jahre die Seele des Unternehmens geworden. Bei den häufigen Reisen Ringelhardt’s und des Regisseurs Düringer dirigirt Blum den Musentempel mit weiser Oeconomie, großem Geschick und zur vollen Zufriedenheit der Künstler wie der Bürgerschaft. Ihn selbst führen Dienstreisen häufig von Leipzig fort, nach Frankfurt, Stettin, Danzig, Berlin u. s. w. Auch literarisch-polemisch stand er seinem Director treu zur Seite. Mit einem Herrn von Alvensleben, einem Theaterrecensenten Leipzigs, führte er unter dem Namen seines Directors schlagfertig und überzeugend eine kritische Fehde vor dem Publikum[16]. Sogar „Ein Hochlöbliches Ober-Censur-Collegium hierselbst“ rief Ringelhardt um Beistand an in einer von Blum verfaßten, mir im Concept vorliegenden Eingabe, die mit der Bitte schließt: „daß es E. H. O. C. C. gefallen möge, unbeschadet jeder wahren Kritik, die in den hiesigen Blättern häufig enthaltenen Schmähungen, persönlichen Beleidigungen und boshaften Pasquille gegen das hiesige Theater und die einzelnen Mitglieder desselben zu unterdrücken und dem Institute den zu seinem Bestehen nöthigen Schutz gütigst zu gewähren.“
Die ersten Ferientage in seiner anstrengenden Arbeit, die erste Erholungsreise auf eigene Kosten gönnte er sich am 21. Juni 1835. Er reiste in die Sächsische Schweiz. Er hat die Erlebnisse niedergeschrieben und veröffentlicht. Das volle Gefühl glücklicher Freiheit, das ihm hier zu Theil ward, faßt er gleich zu Anfang seiner Reiseerinnerungen in die Worte: „Um nicht gar zu früh nach Pillnitz zu gelangen, nahm ich in Dresden einen Einspänner, der mich nach der Pillnitzer Fähre brachte. O, wie mir wohl war auf diesem knarrenden, stoßenden Throne, den ich mir für das Opfer von 20 Gr. errungen hatte, und wo mich, statt des Weihrauchs, die gleich angenehmen Wolken von dem Kneller meines redlichen Schwagers[17] und dem in dichten Massen aufwehenden Staube umwallten. Es muß doch etwas Herrliches sein um die Erhabenheit, um die Herrschaft. Ich fühlte mich so groß auf meinem erhabenen Droschkensitze, so reich und so glücklich! Hinter mir lag ein anstrengendes, mich stets belastendes Geschäftsleben, das drei Jahre wie ein ehernes Joch auf meinen Schultern geruht hatte, ohne mir nur einen einzigen Tag der Erholung zu gönnen; in mir wallte das selige Bewußtsein, daß ich diesem Joche auf volle acht Tage entronnen sei und mich frei ergehen könne in der freien Natur; vor mir der Kreis der ersehnten Berge, eingehüllt in einen grauen Schlafrock und den Dampf ihrer riesigen Morgenpfeife in dichten Nebelwolken gegen Himmel sendend, über mir der halb heitre, halb bewölkte Himmel“ u. s. w. „So kam ich nach der Fähre, im Fluge tanzte der leichte Kahn über den gekräuselten Spiegel des lachenden Stromes und den Wanderstab in der Hand, die grüne Reisetasche wie ein Botaniker umhängend, stand ich bald am jenseitigen Ufer. Aber es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“
Das ist der Grundgedanke, der ihn inmitten der höchsten Reize der Natur erfaßt, welche diese Wanderung verschwenderisch vor ihm ausbreitet. Zum vollsten Genusse der frohen Tage fehlte ihm die Gegenwart des Mädchens, bei dem sein Herz weilte auch inmitten der reinen Freuden, welche die Natur ihm bot. Er konnte sich nicht versagen, diese Stimmung in seinen Reiseerinnerungen wiederholt anklingen zu lassen. Denn er las diese Erinnerungen, wie Alles, was er dichtete und schaffte, daheim der Auserwählten seines Herzens vor. Die junge Dame hieß Auguste Forster und muß mit dem Theater in irgend einer Verbindung gestanden haben. Bald war Robert Blum so glücklich, Gegenliebe zu finden. Sein ernster Sinn war nur darauf gerichtet, das geliebte Weib zur Genossin des bescheidenen Glückes zu machen, das er nach langem harten Ringen um eine gesicherte Existenz nun sein nannte. Doch sollte ihm der Schmerz nicht erspart bleiben, in seiner ersten Liebe getäuscht zu werden. Den Seinen in Köln wurde die Braut, wie die Briefe der Schwester Blum’s aus den Jahren 1835 und 1836 ergeben, schon 1835 als „theure Freundin“, dann immer deutlicher als künftige Lebensgenossin bezeichnet. Im Juli oder August 1836 muß er den Seinen den Besuch Augustens in Köln bestimmt angezeigt und beabsichtigt haben, dorthin zu folgen, um das Jawort der Eltern zu seiner Verbindung mit ihr zu erbitten. Schwester Gretchen berichtet ihm am 28. August 1836 ausführlich, wie freundlich sie Alles hergerichtet hatten, um die Braut des Haussohnes zu empfangen. Aber Auguste ist nie nach Köln gekommen. Ein reizender Mädchenkopf (Aquarelle) in Etui unter convexer Glasdecke, eine bräunliche Locke, die das Oval des Bildes umschließt, einige leidenschaftliche unglückliche Gedichte an Auguste sind die einzigen Erinnerungen, die Robert Blum an seine erste tiefe Herzensliebe bewahrt hat. Im August 1836 ist dieser Traum dahingegangen zwischen dem Morgenroth zweier Tage. Der Inhalt seiner Gedichte und der Briefe seiner Schwester läßt keinen Zweifel darüber zu, daß das schwere Wort „Untreue der Geliebten“ den Hoffnungen seines Herzens ein Ziel setzte.
Der Stimmung seines Herzens in jenen Tagen gibt am besten Ausdruck das Gedicht, das er „Abschied“ überschrieben.
„Ein Schifflein schwebt auf dem empörten Meere
Und ringt verzweifelnd mit des Sturmes Noth,
Verloren ist ihm Richtung, Ziel und Fähre,
Der Mast zerschellt, der seinem Lauf gebot.
Und durch die düstre ungeheure Leere,
Die wild erbrausend rings Verderben droht,
Starrt hin der Schiffer in des Ostens Ferne,
Als sucht’ er dort nach einem Rettungssterne.
Du kennst das Meer, das wilde, sturmempörte,
Das Leben ist’s, an Schmerz und Freuden reich;
Du kennst das Schifflein, das der Sturm verstörte:
Ein Menschenglück ist’s, ach! so hoffnungsreich;
Du kennst den Schiffer, dem es angehörte,
Ein treues Herz ist’s, liebevoll und weich;
Du kennst den Hafen, den er heiß ersehnte
Und selig schon erreicht zu haben wähnte.
Erglänzt ihm einst das Licht mit seinem Segen,
Es findet einen morschen, müden Mann;
Und mag der Hafen in der Ferne winken,
Er wird ihn sehen, aber untersinken.“
Freunde, die Seinigen in Köln, Arbeit in Menge, erfüllten ihn bald mit tröstlicherer Stimmung und brachten ihm das schwere Leiden des Herzens in Vergessenheit. Den wesentlichsten Antheil aber an seiner Aufrichtung und Tröstung hatte die Loge. Ihr war er seit Anfang des Jahres 1836 beigetreten. Schon früher (S. [33]) ist eine Stelle aus der interessanten „biographischen Skizze“ mitgetheilt worden, die er den Ordnungen des Bundes gemäß vor seiner Aufnahme in denselben einreichen mußte. Es heißt hier u. A.: „Mein Bildungsgang ist der eines Menschen, den ein widriges Schicksal in seiner Entwicklung hemmt und zurückstößt. Der Durst nach Wissen, vom zwölften bis achtzehnten Jahre unterdrückt durch Mühen und Arbeit, erwachte erst dann wieder, als es zu spät war, die mangelnden Grundelemente in die Seele zu legen und nur mit großer Mühe und anhaltendem Fleiße ist es mir gelungen, das Versäumte einigermaßen nachzuholen. Noch jetzt füllen Studien alle meine Mußestunden aus und meine größte Freude besteht darin, meine geringen Kenntnisse allmählich zu erweitern, und wenn mir das Glück zu Theil wird, als Mitglied eines Bundes aufgenommen zu werden, der die schönsten geistigen Kräfte in sich vereint, so hoffe ich davon vertrauensvoll einen wesentlichen Einfluß auf meine geistige und sittliche Vervollkommnung, nach der ich stets aus allen Kräften ringen werde. Heil dem Bunde“, heißt es später höchst charakteristisch, „wenn die nothwendige, aber dem Herzen drückende Sonderung der Stände im conventionellen Leben jenseits seines Kreises liegt, wenn der Mensch im Menschen nur den Bruder sieht und sich nur freiwillig neigt vor der höheren Tugend desselben. Lieblich vereinen sich dann die Wohlthaten und Vorzüge unserer gesteigerten Bildung und Intelligenz mit den süßen kindlich-reinen Freuden der patriarchalisch-brüderlichen Vereinigung, die nur in der Kindheit der Gesellschaft dem Menschengeschlecht gelächelt haben. Es wohnt dann im Bunde die wahre reine Freiheit und Gleichheit, an welcher der Lichtblick des Denkers hängt, als an dem Ideale menschlicher Glückseligkeit; nicht jene Freiheit, die auf den Trümmern der vernichteten socialen Zustände ein blutiges Banner schwingt und der unglücklichen Menschheit Gleichheit gibt, indem sie Allen gleiches Elend bereitet; sondern jene Freiheit, die ein Kind ist des Lichtes und des Rechts, der Ruhe und des Friedens, und die nur dann allen Menschen gleiche Glückseligkeit geben kann und wird, wenn Alle aus allen Kräften an ihrer sittlichen Vervollkommnung arbeiten und festhalten an der Tugend, ohne welche keine Freiheit möglich ist.“ Am Schlusse heißt es: „Mit frohem Herzen darf ich mir sagen, daß ich bis jetzt keinem Menschen Veranlassung gegeben habe, mich zu hassen und kann die Versicherung hinzufügen, daß ich frei von jedem Hasse bin. Religion und Moral machen uns die Duldung zur Pflicht und das Leben — besonders in der jetzigen vielbewegten Zeit — macht sie zur unbedingten Nothwendigkeit eines friedlichen Daseins. Ich habe nach Kräften gestrebt mir diese Tugend, wenn ich sie so nennen darf, anzueignen, und traue mir den Muth zu, sie in allen Verhältnissen auszuüben.... So fest ich überzeugt bin, daß die Religion — im weiteren Sinne — das höchste Gut des edlen Menschen ist, so klar liegt es vor mir, daß dieselbe rein und vollkommen gefunden werden muß in einem Bunde, der die Tugend als Cultus übt und nur für die höheren Interessen des menschlichen Daseins wirksam ist.“
So hoch Robert Blum die Erwartungen spannte, welche die Aufnahme in den Freimaurerbund ihm befriedigen sollten und so sehr ihn in den ersten Jahren der geheimnißvolle Kreis der Brüder anzog, so gering hat er später über den Orden geurtheilt. Der überaus harte Artikel „Freimaurer“ in seinem „Volksthümlichen Handbuch der Staatswissenschaften und Politik“[18] ist aus seiner Feder, wenn auch dabei aus naheliegenden Gründen sein Signum fehlt.
Wenn am Schlusse dieses Artikels gesagt ist: „die Freimaurervereine sind jetzt nichts weiter als Wohlthätigkeitsanstalten“ und dann weiter „die Formen, Gebräuche und Symbole des Ordens eines denkenden Menschen geradezu für unwürdig“ erklärt werden, so liegt das Ungerechte des Urtheils auf der Hand. Aber deutlich und treffend ist in dem Artikel ausgesprochen, was Blum allmählich den Bund entfremdete: „Die Aufhebung jedes Unterschiedes in den Logen ist nicht wahr. Man nennt sich zwar Bruder, aber Stand, Rang und Geld haben in den Logen dieselbe Bedeutung wie außerhalb derselben. Auch die Bekenntnißverschiedenheit macht sich in den Logen geltend und steigt bei vielen bis zur völligen Unduldsamkeit; so sind z. B. in vielen Logen die Juden ausgeschlossen.“ Der eigentliche Grund aber, der Blum mehr und mehr die Loge gleichgültig, ja widerwärtig machen mußte, ist in diesem Artikel nicht ausgesprochen: je mehr die politische Agitation in den Vordergrund seiner Strebungen trat, um so ferner rückte ihm der Wirkungskreis der Loge, in der jede politische Discussion grundsätzlich verpönt ist.
[7. Erstes politisches Wirken. Eigene Häuslichkeit.]
(1837. 1838).
Selten hat ein Land in den ersten Jahren seiner constitutionellen Aera so wenig politische Regsamkeit gezeigt, als das Königreich Sachsen. Im Jahre 1831 war die Verfassung gegeben worden. In den andern deutschen Staaten, namentlich in Süddeutschland, waren die ersten Jahre des constitutionellen Lebens für die Betheiligung der Bürger an öffentlichen Dingen die lebendigsten und fruchtbringendsten gewesen. In Sachsen dagegen verhielt sich der Unterthan im ersten halben Jahrzehnt des Verfassungsstaates fast so ruhig und langweilig, wie in den vergangenen Tagen des absoluten Königthums. Mannigfache Gründe wirkten hierfür zusammen. Schon der erste Landtag des neuen Verfassungsstaates hatte eine lebhafte Reaction am Werk gefunden: die Bundesbeschlüsse von 1832 standen in frischer Wirksamkeit, die Presse war noch mehr gefesselt als zuvor, weit wurden die Rechte der Krone, eng diejenigen der Landtage überall ausgelegt. Zudem war den Mißständen, welche in Sachsen die Bewegungen von 1830 hervorgerufen hatten, schon durch die Verfassung im Wesentlichen abgeholfen und das erleuchtete humane Ministerium Lindenau arbeitete eifrigst daran, alle noch unerledigten gerechten Wünsche des Landes auf dem Wege der Gesetzgebung zu befriedigen. Dem Ackerbau wurden die drückenden Lasten abgenommen, eine neue Städte- und Landgemeindeordnung gab den städtischen und ländlichen Gemeinden die Anfänge der Selbstverwaltung. Die ungeheuren Vorrechte des Adels wurden überall zum gemeinen Nutzen beschnitten. Außerordentlich bedeutend und epochemachend sind die Reformen des Rechtslebens, die Sachsen dieser Zeit verdankt. Die Finanzen des Staates erfreuten sich einer blühenden Lage; durchaus loyal gestaltete die Regierung den Ständen die verfassungsmäßige Feststellung und Controle des Staatshaushaltes. Ueberall ergreift die Regierung in diesem Zeitraum die Führung zu Reformen, gestützt durch das bürgerliche, oft auch durch das bäuerliche Element der Kammern, häufig gehindert und fast immer befehdet durch den Adel der ersten und zweiten Kammer. Die Regierung selbst erkennt schon in den ersten Jahren die schweren Fehler des Wahlgesetzes. Streng nach Standes- und Klasseninteressen sind beide Kammern zusammengesetzt. In ungeheurer Mehrheit befindet sich das Element des ländlichen Grundbesitzes. Der schwere Fehler, an dem noch heute die Sächsische Gesetzgebung in allen Zweigen krankt, daß sie von Bauern für Bauern gemacht wird, trat damals besonders grell hervor. Die Intelligenz, der selbstlose patriotische Idealismus fanden kaum Zutritt zur Kammer nach diesem Wahlgesetz, nach dem der Stand den Standesgenossen, und zwar immer aus dem eigenen Wahlkreise (!), wählen mußte. Die Kammerverhandlungen der ersten Jahre nach 1831 zeigen daher fast überall nur Standeshader, höchst selten die Erörterung wichtiger politischer Princip- oder Freiheitsfragen.
Das wurde schon in etwas anders, als das rührige Voigtland, das schon 1831 einen Preßverein nach dem Muster der süddeutschen gegründet hatte, im Jahre 1836 die Abgeordneten Carl Todt (Bürgermeister von Adorf) und von Dieskau (Advocat und Patrimonialrichter aus Plauen) in den Landtag sandte. Sie durchbrachen zum ersten Male die landesübliche Nüchternheit und Genügsamkeit und ließen zum ersten Male im „Landhaussaale“ zu Dresden jenen Ton des schwungvollen, kühnen und rücksichtslosen Liberalismus vernehmen, der bisher nur aus weiter südlicher Ferne nach Sachsen herübergedrungen war. Und wenn auch die beschränkte Bureaukratie und Aristokratie, welcher hauptsächlich die Gegnerschaft dieser jungen Opposition galt, sich über die Kleinheit dieser Fraction vorläufig nur lustig machte, so erweckte doch die Unverzagtheit und Ueberzeugungstreue, das unleugbare Geschick dieser Redner überall im Lande den freudigsten Wiederhall und regte an zur Bildung thätiger, die Opposition im Lande verstärkender politischer Kreise.
Aus dem großen, mehr zufällig zusammengewürfelten Kreise der Leipziger Bekanntschaften hatte Robert Blum allmählich einen kleineren Ring wirklicher Freunde ausgesondert, mit denen er und die mit ihm immer inniger zusammenwuchsen. Harmlose gesellige Heiterkeit hatte die jungen Männer anfangs zusammengeführt. Bald aber wurden die allgemeinen Angelegenheiten der Stadt, des Landes, des großen deutschen Vaterlandes in den Bereich der Verhandlungen gezogen und ernsthaft durchgesprochen; gemeinsam wurde zu wichtigen Tagesfragen Stellung genommen und in bestimmtem Sinne Einwirkung auf die öffentliche Meinung beschlossen, durch die Presse, durch persönliche Agitation in der Bürgerschaft, durch Betheiligung der Freunde an öffentlichen Festen mit patriotischer Tendenz. In diesem engeren Kreise verkehrten die Schriftsteller Hermann Marggraff, Carl Herloßsohn, Th. Hell, der feurige Julius Mosen, so oft er Leipzig berührte, der kenntnißreiche, ruhig erwägende Karl Andree, der joviale gottbegnadete Componist Lortzing und Kapellmeister Stegmeyer, der blinde Dichter Dr. Theodor Apel, der eifrig zur Localgeschichte der großen Völkerschlacht sammelte; sie Alle patriotisch bewegt, wenn auch der practischen Politik ihrer Natur oder ihrer Berufsthätigkeit nach nicht unmittelbar zugewandt. Auf ein unmittelbares politisches Wirken dagegen drängten andere Genossen dieses Freundeskreises: der feurige Dr. Georg Günther, Mitredacteur der Leipziger Allgemeinen Zeitung, nicht minder der von allen Revolutionen hoch begeisterte junge Historiker Burkhardt, der eben an seiner Geschichte der neuesten Zeit arbeitete, lange Jahre das beste Buch dieser Art, bis es durch die archivalischen Forschungen späterer Geschichtsschreiber in Schatten gestellt wurde; außerdem der bescheidene, fleißige und opferfreudige Journalist Carl Cramer; der gelehrte und in allen öffentlichen Dingen eifrig und scharfsinnig thätige junge Privatdocent der Rechte Dr. Schaffrath; die patriotischen jungen Advocaten Dr. Hermann Joseph und Dr. Rudolf Rüder, der formgewandte feine Buchhändler Robert Friese, der bald nachher es wagte, in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ das erste Sächsische Blatt herauszugeben, das, ganz unabhängig von der Regierung[19], die radicalen Wünsche des jungen Deutschlands und des vorgeschrittenen Sächsischen Liberalismus laut werden ließ. Bald, zu Anfang der 40er Jahre, war dieses Blatt die gelesenste politische Zeitung Sachsens, Blum einer der fleißigsten Mitarbeiter desselben.
Es darf nicht wunder nehmen, daß die ersten Schritte in das politische Gebiet, welche dieser Freundeskreis that, der Ermunterung und theilnehmenden Förderung patriotischer Feste galten. Haben wir Deutschen doch noch mehr als zwanzig Jahre später, vom Ausgange der Reaktionszeit 1859 an bis zum Kriege des Jahres 1866 in solchen patriotischen Festen die geeignetste Form gesehen, um vaterländische Gesinnungen und Wünsche auszusprechen und nationalen Sinn in den Massen zu fördern. In dieser Absicht wurde von Blum und seinen Freunden alljährlich das Constitutionsfest gefeiert, zu Schützenfesten angeregt und vor Allem die für den 6. November 1837 projectirte Einweihung des Gustav-Adolph-Denkmals bei Lützen zu einem großartigen vaterländischen Volksfeste gemacht. Selbst ein so rein sächsisches Gemüth wie das Große’s hat in seiner Geschichte Leipzigs mit Rührung bekannt, wie mächtig der Hauch deutschen Geistes an jenem Festtage zu spüren gewesen und daß diese Richtung der Feststimmung vor Allem Leipzig zu danken gewesen sei[20]. Schon wochenlang vorher hatten Blum und seine Freunde in diesem Sinne gewirkt. Wir besitzen eine höchst weihevolle Schilderung des Festes aus Blum’s Feder[21], aus der hier einige der characteristischsten Stellen folgen mögen:
„So ist er denn glücklich vorüber der feierliche Tag, der die Völker zweier Nachbarländer in eine ungewöhnliche Bewegung setzte und im ganzen norddeutschen Vaterlande einen freudigen Anklang fand, oder doch finden sollte. Himmel und Erde schienen sich verschworen zu haben, das Fest zu stören; in Leipzig stürzte am Abend vorher die Brücke zusammen, über welche die ganze Karawane der Theilnehmer ziehen mußte, und am Morgen regnete der Himmel unbarmherzig herab auf den langen Zug der Fahrenden und Gehenden und machte ein so unfreundliches Gesicht, daß man glauben mußte, er wolle allein trauern an diesem Tage. Aber es war nur Verstellung; der Himmel hatte uns eine Ueberraschung vorbehalten und gab ohne Subscription und königliche Beisteuer eine Darstellung des 6. Nov. 1832 aus eigenen Mitteln, denn die Geschichte erzählt uns ja, daß an diesem Tage der Himmel in einen grauen Nebelmantel gehüllt war bis gegen Mittag, und dann erst Licht herabsandte auf die kampfdürstenden Schaaren, daß sie sich erkennen und erfassen konnten.... Viele mochten den Sinn der Feier fühlen, für den Gedanken der Religionsfreiheit, der sich an den Schwedenkönig knüpft, begeistert sein; allein an den Ausspruch einer Begeisterung ist die deutsche Menge noch nicht gewöhnt. Hier und da blickte aus dem Gewühl ein Auge gen Himmel oder ins nebelhafte Weite und suchte nach einem Gustav Adolph, wie er der Gegenwart Noth thut.
Ziel- und zwecklos schlenderten wir durch die Straßen, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Aber auf dem Markte war plötzlich ein graues Denkmal zu erblicken, ein wanderndes, ein verwittertes Monument vergangener Zeit: der alte, biedere, viel verketzerte, vielgekränkte, aber gewiß ehrwürdige Jahn. Seine Erscheinung erregte Aufsehen und sammelte einen Kreis von Menschen um sich, die ihn mit neugierigen Blicken, wie einen Fremden aus ferner unbekannter Welt anstaunten. Und er ist ein Fremder in unserer Zeit; seine historische Bedeutung, seine öffentliche Existenz knüpft sich an einen Himmelsstrich der Weltgeschichte, der dem unsrigen sehr fern liegt, und dessen Dasein unsere Enkel gar nicht mehr begreifen werden. Jahn ist das Monument des Deutschthums von 1812 und 1813. Mochte dieses Deutschthum abstoßend sein in einigen Formen, unfreundlich in seiner äußern Schroffheit, es war eine Zeiterscheinung voll Kraft und Hoffnung, voll Mark und volksthümlichen Lebens, voll schöner Keime und mächtig schwellender Fruchtknospen; es war begreiflich, daß ein Mann sich dieser Richtung ganz hingab und den geistigen Kern der Sache zur Anschauung brachte durch seine Bestrebungen. Jahn hat das gethan, mit Liebe und Eifer gethan, und seine ganze Individualität daran gesetzt. Das eben ist sein Unglück, daß sein geistiges Sein aufging in diesen Bestrebungen; denn als die Gestalt der Dinge sehr bald sich änderte, als man ihn von sich stieß, er aber auf der eingeschlagenen Bahn beharrte, da verstand ihn bald die Welt nicht mehr und er ward zur Carricatur seiner selber. Das alte Lied vom Franzosenhaß klang inmitten neuer Lebensfluthen wie ein altes Zauberlied in Ossianischer Sprache, das ein grauer Barde vom einsamen Felsen singt, um die Fluth zu beschwören; aber die Fluth will sich nicht mehr bannen lassen, und die Schiffer, die mit neuen Wimpeln segeln, lachen über die alte seltsame Weise. So stand Jahn vereinsamt da im wechselvollen Leben und tappte blindlings umher, um die neuen Zustände zu erfassen, die ihm entschlüpften, weil die Spekulation an die Stelle der That getreten war. Da wurde er Greis aus Verzweiflung, und als eine Ruine vergangenen Lebens wandelte er gespenstisch durch die Gegenwart. So steht er noch da; seine Gestalt, seine männliche Haltung und der kräftige Ausdruck seines Gesichtes repräsentiren die Kraft der That und den eisernen Muth der Hoffnung, indessen sein schneeweißes Haar an den Verfall seiner Epoche gemahnt. Sein silberweißes Bart- und Haupthaar flattert verstreut im Winde, wie die Hoffnungen und Entwürfe von 1813 spielend verweht wurden von dem Zugwinde wankender Menschentreue. Lacht nicht über diese Ruine, Zeitgenossen! Ehrt sie und denkt an unser eigenes Schicksal! Unsere Zeit ist ganz geeignet, das männlich schlagende Herz zu beruhigen in harmlosem Wahnsinn. Wer weiß, ob nicht auch wir stereotyp werden mit unsern Träumen künftiger Weltgestaltungen, ob wir nicht fortphantasiren und an der Speculation hangen bleiben, wenn das Leben erwacht ist zur That. Man soll uns dann nicht verlachen! Es war ja das heiße Herzblut, die schöne Kraft der Jugend und die goldene Hoffnung der Zukunft, womit wir diese Träume gepflegt und genährt.“
Nachdem dann der Festzug und die begeisterte Ovation geschildert ist, welche die Leipziger Studentenschaft dem alten Jahn darbrachte, heißt es weiter: „Der Bischof Dräsecke aus Magdeburg hatte jetzt die geschmückte Kanzel bestiegen und die Seminaristen von Weißenfels sangen eine Motette, worauf der Bischof das Gebet sprach. Dann ward ein von Würkert gedichtetes Festlied gesungen. Der Bischof hielt nun die Weihrede, die, wenn auch nicht das beste Product dieses genialen Kanzelredners, ganz der Feier angemessen, voll erhabener schöner Gedanken, geistreicher Wendungen und tiefer Empfindung war. Historische Erinnerungen und eine treffliche Anwendung der Bibelstellen auf das Denkmal bildeten den Inhalt. Mit wahrhaft begeisternden Worten bereitete der Redner die Enthüllung des Denkmals vor, die auf seinen Wink erfolgte; die Hülle wollte nicht herab, das Monument des edlen königlichen Helden und einer thatkräftigen, lebensrüstigen Zeit hielt sein graues Gewand fest, um nicht enthüllt zu erscheinen vor einer blos denkenden, thatunlustigen Gegenwart. Und der Bischof war der einzige, der es feierlich und freudig begrüßte; die fernen Instrumente schmetterten ex officio einen obligaten Jubel, und die Kanonen riefen ein dumpfes „Willkommen!“ Man hatte das Pulver gespart, oder beim Laden Rücksicht genommen auf das zarte Geschlecht; sie knallten wie eine Windklapper, die ein Knabe sich von Papier faltet. Nicht ein Ruf der Freude, nicht ein Zeichen des Beifalls, der Theilnahme und Erhebung gab sich kund bei der versammelten Menge. Begeisterung und Enthusiasmus standen nicht in der Festordnung, und der Deutsche hält fest am Vorgeschriebenen. Nur eine Lerche flog trillernd über das Monument hin und schmetterte die Jubelhymne der Freiheit durch den weiten Himmelsraum; sie verschwand im unendlichen Dome, wie der Lichtgedanke der That, den Himmel suchend, verschwindet. — Auch die Sonne trat heraus aus ihrem grauen Morgenanzuge und grüßte hellstrahlend das Denkmal eines leuchtenden Menschengestirns; aber sie zog den Schleier bald wieder zu, als sie die kalten Menschenherzen erblickte, die es umstanden.
Eine bunte Menge trieb sich nach der Feierlichkeit um das Monument herum, dasselbe bewundernd, erklärend und kritisirend. Die weite Ebene war bunt bewegt und glich in ihrer wirren Lebendigkeit einem aufgescheuchten Bienenschwarme. Ich hatte mich an den alten Invaliden gedrängt, der freudestrahlenden Blickes dastand in der Volksmenge und mühsam sich aufrecht zu erhalten suchte im wilden Gedränge. Er war sehr glücklich der gute Alte, über seine Versorgung, die ihm monatlich 8 Thlr., freie Wohnung und freies Holz bringt. Hier kann er träumen von Schlachten und Siegen, kann die Gespenster ziehen sehen, Nachts über die Todesebene, bis der Tod ihn zur Ruhe ruft mit dem letzten Zapfenstreiche. Der Alte war besonders sehr glücklich, daß der hochwürdige Bischof auch ihn erwähnt habe in seiner Rede und gesagt: „er solle in der Bewachung des Monuments seine letzte Erdenwache verrichten;“ es war noch Ehrgeiz in seiner Brust, denn er that sich viel darauf zu Gute, daß er der Einzige sei von allen Wächtern, der dieses Fest erlebte. Ich fragte ihn, wo er sein Bein verloren habe? er zeigte nach Leipzig und sagte mit selbstgenügsamem Witz: „dort habe ich’s gesäet, damit es keime und wachse und ich mir neue Beine holen kann, wenn dies eine alt und schwach wird. Ist’s nicht aufgegangen, lieber Herr?“ Armer Mann! begrabe deine Hoffnung, scharre deinen zerrissenen Kranz ein zu deinem Beine; du hast in ein unfruchtbares Feld gesäet. Leipzigs Auen geben die Saaten nicht vervielfältigt zurück, die man ihnen vertraute, sie liegen wie ein Lebendigbegrabener in der stillen Erde und ringen ununterbrochen den furchtbaren Kampf zwischen Tod und Leben. Wenn man einsam dahinwandert über die blutgedüngten Felder, so hört man ihr verzweifeltes Aechzen und das Blut stockt im warmen Herzen, die Nerven durchzuckt es fieberisch, und man möchte die Erstickenden befreien mit Aufopferung des eigenen Lebens. Aber ein böser Zauber hält sie gefangen, und noch ist der Glückliche nicht erschienen, der ihn zu lösen vermag. Gustav Adolf der neuen Zeit, wo weilst Du?“
Im Gegensatz zu der Gleichgültigkeit der Spießbürger Lützens wird dann die schöne Begeisterung der Studenten und Bürger Leipzigs, ihre in Lied und Wort mächtig durchdringende patriotische Feststimmung geschildert. Daß Robert Blum selbst einen der begeistertsten Trinksprüche ausbrachte, verschweigt er bescheiden. Zum Schlusse schreibt er: „Um die Lohe der rings um das Denkmal aufgehäuften Pechfackeln schallte brausend das frohe „Gaudeamus“ als Schlußgesang zu dem lichten Nachthimmel empor. Während desselben stiegen in der Ferne zwei Raketen auf, wahrscheinlich eine Ueberraschung, die die Stadt Lützen ihren Gästen bereitet hatte!“
Die Menge verlief sich, nur der Invalide blieb einsam an dem stillen Denkmal, welches zu wachsen schien in der dunklen Nacht, als ob es emporsteigen wolle zu den Sternen. „Wir bedürfen großer Mahlzeichen, sagte der Bischof Dräsecke, an denen wir ausruhen von großen Thaten und uns ihrer erinnern.“ Dort standen zwei Mahlzeichen vergangener kräftiger Epochen nebeneinander; das eine erhob sich siegend in der Gegenwart, obschon es zwei Jahrhunderte trug; das andere stand nur gespenstig noch aufrecht und wankte, mit nur 24 Jahren belastet, der Vergessenheit zu. Wie verschieden die Ergebnisse der Weltgeschichte sind. Der Himmel lag licht und sternenklar ausgebreitet über der Ebene und der Mond erhellte sie mit freundlichem Lichte; Sternschnuppen flogen durch die stille Nacht und berührten wie tröstende Gottesgedanken das schmerzlich zuckende Herz, tief im Innern neue Hoffnung und Zuversicht erweckend, und in die Seele tönte es wie Engelchöre, welche sangen:
Eine feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Noth,
Die uns itzt hat betroffen.Wir wollen ihm vertrauen, dem Gotte der im Himmel thront und in der reinen Brust des Menschen, die nach Licht und Freiheit dürstet.
Ehre sei Leipzigs Bürgerschaft und Universität! sie waren es, die dem Feste den Glanz verliehen, worin es prangte.
Robert Blum.
P. S. Ich habe das Wichtigste vergessen: es fand durchaus keine Ruhestörung Statt.“
Bald ward der Bürgerschaft Leipzigs Gelegenheit geboten, die patriotischen Gelübde, die an dieser geweihten Stätte dargebracht worden waren, zur That werden zu lassen. Am 17. November 1837 hatten die mannhaften sieben Göttinger Professoren Dahlmann, Albrecht, Gervinus, die Gebrüder Grimm, Weber und Ewald dem Curatorium der Universität einen Protest überreicht gegen die eidbrüchige Verfassungsverletzung des Königs Ernst August von Hannover. Der Protest wurde veröffentlicht und jubelnd in ganz Deutschland begrüßt von Allen, welche Recht und Gesetz und geschworene Eide hoch hielten. Das waren unter dem allgemeinen Molluskenthum, das seit den Bundestagsbeschlüssen von 1832 an der Oberfläche unseres öffentlichen Lebens schwamm, doch einmal sieben ganze Männer! Sie wagten dem eidbrüchigen Verbrecher auf dem Throne zuzurufen: „das ganze Gelingen ihrer Wirksamkeit beruht nicht sicherer auf dem wissenschaftlichen Werthe ihrer Lehren als auf ihrer persönlichen Unbescholtenheit. Sobald sie vor der studirenden Jugend als Männer erscheinen, die mit ihren Eiden ein leichtfertiges Spiel treiben, ebensobald ist der Segen ihrer Wirksamkeit dahin. Und was würde Sr. Majestät dem Könige der Eid unserer Treue und Huldigung bedeuten, wenn er von Solchen ausginge, die eben erst ihre eidliche Versicherung freventlich verletzt haben.“
In Leipzig namentlich fand der kühne Schritt der Göttinger Sieben wohl den begeistertsten Widerhall. Nur Hamburg und Kiel konnten sich mit Leipzig in thatkräftigem Handeln messen. So rein und naturgewaltig drang von Leipzig die Zustimmung zurück zu Dahlmann und seinen Genossen, daß, als das Schicksal des treuen „Siebengestirns“ sich erfüllt hatte, Dahlmann und Albrecht nach Leipzig ihre Augen und Schritte lenkten, als nach einer neuen Heimath. Doch schon lange ehe es soweit kam, hatte Leipzig gehandelt so kräftig und opferbereit wie keine andere Stadt. Am 7. December gaben die Liberalen Leipzigs den aus der Ständeversammlung heimgekehrten Abgeordneten ein Festmahl, das hauptsächlich Blum angeregt und zu Stande gebracht hatte. Ein kräftiges Tafellied aus seiner Feder wurde gesungen. Hier regte er mit Andern an, eine Adresse an die Sieben Göttinger zu senden. In wenigen kräftigen Worten hob sie das große Verdienst der eidestreuen Männer hervor und erregte bei Dahlmann, an dessen Adresse sie gesandt wurde, besondere Freude. Dabei begnügte sich aber Leipzig nicht. Schon am 9. December erließen hervorragende Kaufleute, Gelehrte, Buchhändler der Stadt einen Aufruf zur Zeichnung von Beiträgen für den Fall, daß „jene biedern Männer ihres Amtes verlustig gehen sollten“ und in den ersten zwölf Stunden schon hatten Reich und Arm, Jung und Alt, Männer und Frauen der Leipziger Bürgerschaft fast tausend Thaler für die Göttinger Sieben gezeichnet. Wenn Robert Blum’s Name unter diesem schönsten Zeugniß fehlt, das der Patriotismus der Leipziger Bürgerschaft in den dreißiger Jahren sich ausstellte, so sprechen doch zahlreiche Beweise dafür, daß er mit der ganzen ihm eigenen Thatkraft für die Sache der sieben Göttinger wirkte. Er hat noch manches Jahr später, als er schon der anerkannte Führer des vorgeschrittenen Liberalismus in Leipzig war, immer, wo es irgend anging, vermieden, seinen Namen an die Spitze zu stellen oder hervorzudrängen, vor Allem deßhalb, weil er sich seiner abhängigen Stellung als Theatersecretair bewußt war und mit Recht annahm, daß in den Augen des Publikums höhere Titel, die Namen gelehrter, reicher oder berühmter Männer mehr wirken würden, als der seine. Aber man braucht nur die Leipziger Allgemeine Zeitung, die Elegante Welt, das vom Abgeordneten Todt herausgegebene Adorfer Wochenblatt, und alle sonstigen Zeitungen jener Tage, auf welche Robert Blum direct oder indirect Einfluß hatte, aufzuschlagen, um zu erkennen, wie begeistert und nachhaltig er die Sache der Göttinger Sieben förderte. Hat doch auch Johann Jacoby, sein getreuer Gesinnungsgenosse, in Königsberg sich an die Spitze der Agitation und Sammlungen für die sieben tapfern Gelehrten gestellt.
Und als dann das Erwartete geschah, und der König seinem Eidbruch den schnöden Rechtsbruch hinzufügte, die sieben Professoren am 11. December ihres Amtes enthob und sie als Verbannte in die weite Welt trieb und dann Dahlmann und nach ihm Albrecht in Leipzig ein Asyl suchten, da hat Robert Blum die armen Vertriebenen öffentlich angeredet und ihnen, umgeben von Hunderten gleichgesinnter schlichter Bürger, die trostreiche Versicherung zugerufen, daß sie nicht zu verzagen brauchten, da das Herz des ganzen deutschen Volkes mit ihnen schlage, das ganze deutsche Volk sie stütze und trage. Das war die erste öffentliche Rede Blum’s: sie galt der Anerkennung opfermuthiger Pflichterfüllung, unbeugsamer Manneswürde, der Brandmarkung rechtloser und eidbrüchiger fürstlicher Willkür.
Wie tief Robert Blum die lebendige Erinnerung an die Frevelthat des Königs von Hannover und den Heroismus der Göttinger Sieben bewahrte, erhellt aus seinen Reden, Briefen und Schriften der folgenden Jahre. Als längst die öffentliche Theilnahme für das Ereigniß und seine Opfer erkaltet war, wies er immer von Neuem darauf hin. Auch das nächste Geburtstagsfest des Königs von Sachsen gedachte er zu diesem Zwecke zu benützen. Er hatte, wie gewöhnlich, den Theater-Festprolog verfaßt. „Es ist des Königs Fest“ heißt es da:
„Des Königs, der, als in den jüngsten Tagen
Ein ferner Sturm das Völkerheil bedroht,
Ein Königliches Wort nur durfte sagen,
Das jeder Sorge, jeder Furcht gebot,
Das seinen Namen weit hinaus getragen
Und anknüpft an der Zukunft Morgenroth,
Das dem Verdienst, dem freien Männerworte
Eröffnet des Asyles heil’ge Pforte.“
„Bezieht sich auf die Aufnahme der Göttinger Professoren,“ hat Blum in einer Anmerkung zum besseren Verständniß Eines Hohen Theater-Ober-Censur-Collegiums dieser Strophe hinzugefügt. Aber gerade diese Deutlichkeit der Anspielung brachte die Strophe zu Fall. Man war in Dresden in banger Sorge über Dahlmann’s Anwesenheit in Leipzig. Selbst der wackere freisinnige Minister Lindenau berief sich ihm gegenüber auf die 1832er Bundestagsbeschlüsse[22]. Nur Albrecht duldete man und stellte man an, da gegen ihn der welfische Rachezorn bei weitem geringer tobte, als gegen den Führer der Sieben. Unter solchen Umständen durfte natürlich die Regierung zu Königs Geburtstag nicht erinnert werden an ihre großen Worte, da die Armseligkeit ihrer Thaten bald aller Welt kund werden sollte.
Oben ist schon angedeutet worden, daß die Leipziger Messen Robert Blum auch in rege persönliche Verbindung mit hervorragenden, an öffentlichen Angelegenheiten lebhaft theilnehmenden Männern der Provinz brachten. Die zwanglose gesellige Form des Blum’schen Kreises, persönliche Beziehungen zu dem einen oder andern Mitgliede dieses Kreises führte nach und nach fast alle bedeutenderen Männer der Provinz, die in den Messen oder außerhalb derselben Leipzig berührten, in diesen Kreis: den wackeren Weber Franz Rewitzer aus Chemnitz, die rührigen Fabrikanten Böhler und Mammen aus Plauen im Voigtland, zahlreiche Buchhändler und Verleger aus ganz Deutschland, die Abgeordneten der Sächsischen Kammer Dieskau, Todt, später Braun und zahlreiche Andere, die in den kommenden Jahren eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte ihres engeren und weiteren Vaterlandes gespielt haben. Mit ihnen allen fast hat Blum die persönlich in Leipzig geknüpften Beziehungen in regem Briefwechsel unterhalten und auf diese Weise stets ein treues, durch die Erweiterung seines Freundeskreises immer umfassenderes Bild von dem politischen Leben der Provinz erhalten.
Das Jahr 1837 sollte nicht scheiden, ohne die Wunde, welche die Untreue der Auguste Forster in Blum’s Herzen zurückgelassen, vollständig zu heilen und ihm das schönste Glück für die Zukunft zu verheißen. Schon im Sommer 1837 meldete er den Seinen nach Köln, daß er ein junges Mädchen kennen gelernt habe, das ihn mächtig anziehe. Im Frühjahr desselben Jahres war er durch einen Freund, Ferd. Mey, in dessen elterliches Haus in Leipzig eingeführt worden. Dieses Haus lag an der Dresdener Straße, unweit des äußeren Grimmaischen Thores, das vierundzwanzig Jahre zuvor die Königsberger Landwehr unter Friccius gestürmt hatte. Noch hafteten überall die Kanonenkugeln der Völkerschlacht in den Mauern der Häuser. Jenseits des Thores, wo das Mey’sche Haus zur Rechten lag, war damals fast Alles noch Garten. Mit der Rückseite stieß das Besitzthum an das üppig-grünende Heiligthum des Johanniskirchhofes. Wer konnte ahnen, daß auch der jungen Liebe, die dort emporkeimte, die Trauerweide des Friedhofes in so furchtbarer Nähe erwachsen sollte!
Ein achtzehnjähriges Mädchen (geboren 1. Mai 1819) war Adelheide Mey, als Robert Blum sie zuerst kennen lernte; in kleinbürgerlichem, leidlich wohlhabendem Hause, unter den Blumen und Bäumen des Vaters war sie aufgewachsen, ein Naturkind, schlicht, offen in allen Empfindungen und Gedanken, gleichgültig fast gegen alle tiefsten Zweifel des Menschenherzens, da keiner dieser Zweifel noch den Frieden ihrer Seele getrübt hatte, bis der geistvolle neue Freund leise tastend ihrem Glauben, ihrer Erkenntniß nachspürte. So zog ihr Wesen, ihre Erscheinung den Vielgeprüften mächtig an, gerade wegen des Gegensatzes ihrer Art und Entwickelung zu der seinen. „Jeder Schritt in das Leben war ihr neu, reizend,“ schreibt Blum später an seine Eltern, „es war mir vorbehalten, sie jeden dieser Schritte zu führen, und ihr freudiges Erwachen zu einer höheren Erkenntniß, zu einem geistigeren Lebensgenusse, war mein süßester Lohn. Auch erhob sie sich in geistiger Beziehung mit jedem Tage; ich sah sie gedeihen unter meiner Leitung wie eine sorgsam gepflegte Blume und freute mich so innig an ihrer immer reicheren Entfaltung.“
Sehr bald schloß sich der Bund der jungen Herzen. Die Eltern und Brüder der Braut waren der Werbung gewogen; der Vater liebte Blum wie seinen besten Sohn, und bis an Blum’s Ende hat der kreuzbrave schlichte Mann große Stücke auf den Schwiegersohn gehalten. Das Bild Adelheids steht vor mir in Lebensgröße; sie ist vom Maler Storck in Oel gemalt, in ihrem blaßblauen Brautkleide, das dunkle Haar kunstlos und kurz in Locken um die Stirn ausgehend, das braune Auge lebhaft, die Lippen üppig, Gesicht und Gestalt lieblich, aber in Nichts ungewöhnlich; doch Maler Storck war kein Schmeichler.
In der Nummer des Tageblattes und der Leipziger Zeitung vom 3. Februar 1838 war die Verlobung des Paares öffentlich angezeigt worden. Am 1. Mai 1839, dem neunzehnten Geburtstage Adelheids, widmete ihr Robert ein Gedicht, das beginnt: „Ein schöner Maitag gab Dir einst das Leben,“ und das endet mit der Frühlingshoffnung des Bräutigams, der in wenig Wochen Gatte werden sollte: „Und unser Leben wird ein Maitag sein.“ Ja — ein Maitag, ein kurzer Frühlingstag, in der That! Um in Leipzig heirathen zu können, mußte der Kölner Robert Blum zuerst in Sachsen staatsangehörig werden. Die einfachste Form hierzu war die Erwerbung eines Grundstückes. Am 20. April bucht er „Kaufgeld für das Haus und Kosten 126 Thlr. 6 Gr.“ Es war eine Breterbude in der Nähe Leipzigs. Am 21. Mai fand die Hochzeit statt. Da gab das ganze Theater dem beliebten Secretär Beweise seiner freundlichen Zuneigung in Versen, Gratulationen, Geschenken. Regisseur Düringer hatte sich in Dichtkunst gewaltig angestrengt. In der ersten Etage des Mey’schen Hauses wohnte das junge Paar seit der Hochzeit.
Die Mußestunden jener glücklichen Wochen füllte die Arbeit am Theaterlexicon, mit dessen Plan und Vorarbeiten sich Blum schon lange getragen hatte und das nun bald erscheinen sollte. Am 29. Juni 1838 hatten Blum, Herloßsohn und Marggraff mit dem Major Pierer in Altenburg und Carl Heymann „aus Berlin“ als Verleger, einen schriftlichen Verlagsvertrag über das Unternehmen abgeschlossen, das unter dem Titel „Allgemeines Theaterlexicon“ in drei Bänden von höchstens 75 Bogen in Duodez erscheinen sollte. Für den Druckbogen zahlten die Verleger drei Friedrichsd’ors; bei einem Absatz von zwei Dritteln der Auflage, die auf 3500 Exemplare bemessen wurde, sollte noch eine Nachzahlung von 14 Gr. pro Bogen stattfinden. Ursprünglich war statt Marggraff’s Dr. Carl Andree als Mitredacteur in Aussicht genommen. Andree hatte den Plan und die Vorarbeiten wesentlich fördern helfen. Aber seine Berufung nach Mainz hinderte ihn, an der Ausführung des ihm selbst lieben Planes mitzuwirken. Leider führte dieser Vorfall zu einem völligen Bruche mit Düringer, der sich eingebildet hatte, er werde an Andree’s Stelle in die Redaction berufen werden. Den gekränkten Biedermann trieb die Leidenschaft soweit, daß er zusammen mit dem Inspicienten des Leipziger Stadttheaters, Barthels, der nicht einmal orthographisch schreiben konnte, an einem Gegenwerke arbeitete, welches das Theaterlexicon Blum’s und seiner Freunde todt machen sollte. Dieser Plan ist freilich mißlungen. Blum’s Theaterlexicon darf noch heute als ein fleißiges, gründliches, seinen Stoff vollkommen beherrschendes, durchaus ehrenwerthes Werk bezeichnet werden, das zu der Zeit, wo es erschien, zweifellos eine wesentliche Lücke der Literatur ergänzte und auch heute noch für die Geschichte der Theater, namentlich die Theaterzustände vor vierzig Jahren, mit Nutzen gebraucht werden kann. Unter allen schriftstellerischen Arbeiten, die Blum hinterlassen, steht es in unsern Augen am höchsten, weil der Verfasser bei diesem Werke seinen Stoff am vollständigsten beherrschte — während das z. B. in seinem Staatslexicon durchaus nicht der Fall war — und am wenigsten Tendenz hineintrug, vielmehr rein sachlich und mit weiser Objectivität arbeitete. Auch kam dem Werke zu Gute die Mitarbeiterschaft einer großen Anzahl praktischer Kenner der Sache, in deren Herbeiziehung Blum unermüdlich war. Schon bei Abschluß des Verlagsvertrages mit Pierer und Heymann, der seit der Ostermesse 1838 allerdings in den Grundzügen schon verabredet war, hatte die Zahl der Briefe, die Blum in Sachen des Theaterlexicons an die Mitarbeiter geschrieben, bereits vierhundert überschritten.
Die Beziehungen zu Pierer und Heymann und eine lohnende Arbeit, welche Blum unerwartet im August übertragen wurde (die Durchsicht und Correctur eines Lexicons) machten es ihm möglich, nachträglich, gegen Ende August noch eine Hochzeitsreise anzutreten. Diese Reise, mit ihrer langen, achtzehnstündigen Postfahrt und den vielen Gastereien, welche die Freunde in Berlin boten, war bei dem Körperzustand der jungen Gattin ein starkes Wagniß, das leider in der verhängnißvollsten Weise enden sollte. Am 9. September 1838 schrieb Robert Blum darüber an seine „lieben Eltern.“
„Im Juli ersuchten mich unsere Verleger im Interesse unseres Unternehmens und auf ihre Kosten eine Reise nach Berlin zu machen, was ich auch zusagte. Meine Frau war theils ganz verstört, daß ich sie vier bis sechs Tage verlassen solle, anderntheils sprach sie den lebhaften Wunsch aus, mich zu begleiten; doch war sie so vernünftig einzusehen, daß dies bei unsern Verhältnissen nicht anging. Da führte mir der Zufall eine Arbeit zu, die sehr schwierig aussah, aber schnell vollendet sein mußte; ich nahm sie für vierzig Thaler an und vollendete sie in einer Woche Nachts. Dieser Verdienst, an den ich nicht dachte, den ich als gefunden betrachten mußte, veranlaßte mich, meiner Frau die große Freude zu machen, sie mitzunehmen. Mußte die Arme doch den ganzen Tag allein sitzen und ich konnte ihr, bei meinen vielen Arbeiten, so wenig Vergnügen machen. Heute würde ich untröstlich sein, wenn ich ihr diesen Wunsch versagt hätte. —
Am 20. August reisten wir froh und munter ab und Adelheid hatte eine unendliche Freude, als sie die pompöse, riesige Stadt sah. Dienstag und Mittwoch war sie ganz wohl und heiter, Donnerstag bekam sie ein leichtes Erbrechen, was wir jedoch ihren Verhältnissen und dem Umstande zuschrieben, daß sie Vormittags ein Glas Eis gegessen hatte; auch war sie zu Mittag ganz wohl und ließ sich sogar den Champagner trefflich schmecken. Freitags war sie unwohl, hatte Kopfschmerz, Erbrechen, keinen Appetit, und da wir Abends reisen wollten, so fragten wir einen Arzt, ob es nicht besser sei, die Reise um einen Tag zu verschieben. Dieser aber, als er hörte, daß wir von einem Gastmahl zum andern geschleppt worden waren, erklärte ihre Unpäßlichkeit für eine Magenüberladung, die sich von selbst verlieren würde, ehe wir den halben Weg zurückgelegt hätten, und hieß uns muthig reisen. So reisten wir denn Abends ab“ (25. August).
Die Krankheit der Frau wird nach der Ankunft in Leipzig, die am Sonnabend Mittag (26. August) erfolgte, immer schlimmer. Ein Arzt und außerdem Professor Braune werden gerufen. Durch energische Mittel wird das Fieber so weit gemildert, daß die Kranke sich bis Mittwoch (29. August) leidlich wohl fühlt. Gegen halb elf Uhr Nachts tritt eine Frühgeburt ein. Obwohl die Hebamme Alles für ungefährlich erklärt, schickt Blum „zum Hofrath Jörg, dem ersten Geburtshelfer Sachsens und hinsichtlich seines Ruhmes von ganz Deutschland, mit dem ich durch seinen Sohn, der mein innigster Freund ist, bekannt bin. Er erklärte, meine Frau wenigstens sehen zu wollen. Beim ersten Anblick nahm er mich bei Seite, erklärte mir, daß die Frau sehr krank sei, und ließ sich ihre Krankheitsgeschichte ganz genau erzählen, prüfte dann alle Recepte, billigte das Verfahren des Professor Braune und verschrieb vier verschiedene Arzneien. Der Hofrath blieb bis ein Uhr“ (Nachts den 30. August) „bei mir, gab selbst die erste Arznei, entließ die Hebamme, gab mir die genauesten Anweisungen und hieß mich jeden Athemzug bewachen. Als ich ihn begleitete und meine Frage wiederholte: ob die Sache lebensgefährlich werden können sagte er: ‚Es thut mir von Herzen leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist schon lebensgefährlich. Wenn sie ruhig bleibt, so haben wir Hoffnung; wird sie unruhig, so hat unsere Kunst ein Ende.‘ Mit welchem Gefühle ich mich nun an’s Bett setzte, könnt Ihr leicht ermessen, nie habe ich ängstlich Secunden und Athemzüge gezählt wie die folgende Stunde. Adelheid war ganz ruhig, nahm ihre Arznei und klagte nur zuweilen mit tiefer Schmerzensstimme: ‚Ach, Robert, mir ist’s sehr schlecht.‘ Gegen halb zwei Uhr schlief sie ein, das Herz schlug weniger stark und ein Hoffnungsblitz zuckte durch meine Seele. So dauerte es fort, die alte Mutter legte sich auf’s Sopha, ich, der ich drei Nächte nicht geschlafen hatte, fühlte mich sehr müde und legte mich um drei Uhr auf’s Bett auf Zureden der Wartefrau, der ich den Befehl gab, mich bei der geringsten Anwandlung von Unruhe, bei jedem stärkeren Athemzuge, zu wecken. Ich war wohl kaum eingeschlummert, als sie mich aufrief. Adelheid war erwacht, die Herzschläge wurden wieder heftig, der Puls zeigte Fieber, sie hatte heftigen Durst und wollte nicht ruhig liegen. Jetzt kannte ich mein fürchterliches Loos, und während mir das Herz brechen wollte, mußte ich mit der scheinbar größten Ruhe für sie sorgen. Gegen vier Uhr wurde das Fieber heftiger, die Unruhe krampfhaft, der Verstand entwich und nur ich war der leitende Faden in ihren Phantasien. Ich ließ Eltern und Brüder wecken, schickte eiligst zu allen drei Aerzten und hielt mit allen Leibeskräften mein leidendes Weib. Den Jammer der Mutter erkannte sie, ohne ihn zu verstehen. Vater und Brüder erkannte sie nicht mehr; mich umklammerte sie fest und bat um Schutz und Hülfe gegen wer weiß welche äußere Dinge; der Todeskampf schien die Gestalt äußerer Anfeindungen für sie angenommen zu haben. Um fünf Uhr kamen die Aerzte zusammen, deliberirten lange, verschrieben noch eine Arznei, legten Senfpflaster hin und wieder; leere Versuche, sie war hin! Um sechs Uhr kam der letzte Krampf, sie hatte Streit mit Jemand in der Theaterloge und drohte, ihren Mann zu rufen. Auf meine Frage, ob sie mich noch erkenne, schlang sie einen Arm heftig um meinen Nacken und sagte: ‚Ich heiße Karoline Blum und mein Mann heißt Robert!‘ Das waren ihre letzten Worte; die Pulse stockten plötzlich, sie hatte ausgelebt und ausgelitten! Das Herz schlug noch heftig bis gegen sieben Uhr, die Lippen zuckten convulsivisch, aber die Seele war entflohen; ein Nervenschlag hatte ihrem Dasein ein Ende gemacht.“
„Ich unternehme es nicht, Euch unsern Jammer zu schildern; wozu soll ich Worte machen über Dinge, die sich nicht beschreiben lassen. Meinen Verlust könnt Ihr selbst abschätzen in seinem ganzen ungeheuren Umfange. Von allen Aussichten, von allen Glücksträumen, die ich mir mit so vielen Mühen, Sorgen und Kosten erworben hatte, ist mir nichts geblieben: das ist die ganze Ernte von dem üppig prangenden Felde meiner Hoffnungen. Was ich im vorigen Jahre so sehnsüchtig zu verlassen wünschte, das öde, einsame, herzlose Junggesellenleben, ich werfe mich jetzt in dasselbe zurück, um den marternden Erinnerungen zu entfliehen, die in meiner zertrümmerten Häuslichkeit mich verfolgen. Ich muß mein schönes freundliches Logis verlassen, denn ich kann keine Ruhe und keinen Arbeitsmuth darin finden und doch muß ich arbeiten, viel, viel arbeiten, wenn ich die drückenden Nachwehen der entsetzlichen Woche verlöschen will.... Ach, das Schicksal hat uns fürchterlich betrogen; nur den kürzesten Frühling hat es uns gegeben und dann ungerechter Weise den herbsten Winter folgen lassen. Doch ich will ja nicht klagen.“
„Sonntags den 2. September wurde Adelheid beerdigt; der traurige Fall hatte die Stumpfheit der Menschen ungewöhnlich aufgeregt und Theilnahme erweckt; Sarg und Träger vermochten kaum die Kränze zu fassen, die von allen Seiten geschickt wurden. Schaarenweise waren die Menschen gekommen, sie zu sehen. Ach, sie sah so friedlich still und lieb aus; ihre schönen Brautkleider hatte sie seit der Trauung nicht wieder angezogen, jetzt liegt sie darin im Sarge. Fürchterlicher Wechsel, einmal zur Trauung, einmal im Sarge! und in so kurzer Zeit. — Wir hatten nur drei Wagen angenommen, die der Leiche folgten; aber alle meine Bekannten kamen uneingeladen in eigenen Wagen und es wurde ein langer feierlicher Zug. Auf dem Gottesacker waren Hunderte von Menschen zusammen, das ganze Theaterpersonal stand um das Grab und empfing den Sarg mit feierlichem Gesange; Düringer[23] hielt eine vortreffliche Rede, ein erhebender Chor, von Stegmayer componirt zu diesem Zwecke, folgte darauf und der Geistliche, der uns getraut hatte, sprach den letzten Segen. Dann sank mein armes junges Weib in die Tiefe, aus der sie ewig nie wiederkehrt! Ich habe von alle dem fast nichts bemerkt, denn alle meine Sinne hafteten auf dem schwarzen Sarge und dem tiefen Grabe; aber ganz Leipzig sprach drei Tage lang von dieser Leichenfeier, wie selten eine gesehen wurde. Der oft verketzerte Schauspielerstand hat sich darin ein schönes Monument gesetzt.... Es ist dies der bitterste Brief, den ich in meinem Leben geschrieben habe.“
Arbeit die Fülle fand Robert Blum in seinem tiefen Schmerze. Aber Trost gewährte auch sie ihm nicht. Vergeblich suchten die Freunde ihn zu zerstreuen. Bis zu Visionen steigerte sich sein aufgeregter Seelenzustand. Am 24. September und 1. October erschien ihm die Verstorbene und führte lange Gespräche mit ihm, die er niederschrieb[24].
Etwa acht Wochen nach dem Tode der Frau sandte er den Eltern und Schwestern kleine Andenken an die Geschiedene aus deren Nachlaß und schrieb dazu u. A.: „Damit sende ich Euch denn die letzten Zeichen meiner guten Frau und bitte Euch, sie nun nicht mehr erwähnen zu wollen, wie ich es auch nicht mehr thun werde. Ach, es ist sehr schmerzlich, daß man sich das einzige Ueberbleibsel eines grausam zerstörten Glückes, die Erinnerung, auch noch verkümmern muß; aber es ist nothwendig und heilsam. — Ich bin nun ausgezogen[25], wohne in der Nähe des Theaters mit freundlicher Aussicht auf die Promenade und habe freundliche Wirthsleute gefunden. Die Arbeit, deren ich in den letzten sechs Wochen sehr viel hatte, hat mich zerstreut und ich bin ziemlich ruhig. Nur wenn ich das Bild meines armen Weibes — doch ich will ja nicht mehr von ihr reden. — Meine Freunde bemühen sich, mich zu zerstreuen und führen mich häufig fast gewaltsam in Privatgesellschaften; dort bin ich allerdings ein trüber Genosse und wenn der weinfrohe Muth oft das Wohl von Weib und Kindern ausbringt, verkündet sich mein Unglück in unwillkührlichen Thränen; aber häufig fühle ich auch, daß mir die erheiternde Unterhaltung recht wohl thut und mir zu neuer Geschäftigkeit Lust und Muth gibt. Zu den Eltern gehe ich sehr oft, bringe einen Theil meiner freien Abende dort zu und damit wir uns nicht gegenseitig mit trüben Erinnerungen quälen, gebe ich (Schwager) Carl Unterricht im Französischen. So sind meine Tage ein reizloses Einerlei und fließen unersehnt und ungenossen dahin, wie ein seichter Bach. Mein Lexicon ist indessen soweit gediehen, daß in künftiger Woche der Druck des ersten Heftes[26] beginnt.“ In einer Nachschrift heißt es: „Ich lege Euch eine kleine Erzählung von mir[27] zur Unterhaltung bei. Frau R. hat mir einen ganzen Brief voll Glückwünsche geschrieben. Glück und ich!! Ach Gott!“
Wiederum einige Monate später schrieb er der Schwester Gretchen nach Köln, auf deren Vorschlag zu ihm zu ziehen und ihm die Wirthschaft zu führen: „Für den Fall, daß ich wieder heirathen sollte — und dieser Fall ist nicht unwahrscheinlich, da die Häuslichkeit so ganz mit meinen Neigungen übereinstimmt — wer bürgt Dir dafür, daß Du Dich mit meiner Frau verträgst?“ Und bei Aufzählung der Gründe, die ihn veranlaßt hätten, die Wohnung im Hause der Schwiegereltern zu verlassen, sagt er u. A.: „Es hätte mir den Anschein gegeben, als wollte ich mir bei den alten Leuten einen Theil der Erbschaft erschleichen, auf die ich durch den Tod meiner Frau keinen Anspruch mehr habe. Bei einer möglichen Heirath wäre es unendlich schwerer gewesen, mich von ihnen zu trennen, als jetzt. Auch hätten sie für Wohnung und Kost nichts genommen und ich kann mich nicht umsonst ernähren lassen u. s. w. Es ist somit besser, ich bin selbstständig und unabhängig und stehe doch mit den Eltern auf dem besten Fuß.“
[8. Neue Hoffnungen. Eugenie Günther.]
(1839. 1840.)
Die „mögliche Heirath,“ welche Robert Blum in dem letzten Briefe an seine Schwester erwähnte, war im Frühjahr 1839 wenigstens soweit aus dem Gebiete eines bloßen hypothetischen Wunsches herausgetreten, als er bereits das Mädchen gefunden zu haben glaubte, das ihn seinem Ermessen nach allein trösten konnte über das so plötzlich vernichtete Liebesglück: das ihm voll ersetzen konnte die Liebe, die er verloren. Dieses Mädchen war die Schwester seines Freundes Dr. Georg Günther, Eugenie Günther.
Sie war geboren in Penig in Sachsen am 13. Februar 1810. Ihr Vater war dort Kattunfabrikant. Er war mit seiner zahlreichen Familie 1820 nach Prag übersiedelt, als technischer Leiter (Factor) einer dortigen Kattunfabrik, hatte sich mit Fleiß und Geschick auch dort zum selbstständigen Fabrikanten gemacht und hatte, als er 1834 starb, ein blühendes Geschäft hinterlassen. Der einzige Sohn Georg, der in allen Facultäten herumstudirt hatte, ohne bis zum Tode des Vaters es zu einer festen Existenz zu bringen, übernahm leider nach dem Willen des Vaters dessen Geschäft und führte es durch Geschäftsunkunde und gutgläubiges Menschenvertrauen binnen kurzer Zeit zum Bankerott. Er und die Schwestern opferten ihr ganzes ererbtes Vermögen, um den Bruch des Hauses den Gläubigern so schmerzlos wie möglich zu machen. Die Mutter folgte dem Vater schon nach zwei Jahren im Tode. Drei der Schwestern heiratheten. Mit seiner älteren Schwester Emilie und der jüngeren Jenny übersiedelte Georg Günther nach Leipzig, wo er, wie bereits erwähnt, in die Redaction der Leipziger Allgemeinen Zeitung bei Brockhaus eintrat.
Eugenie war gut erzogen und belesen, sehr lebhaften Geistes, voller Interesse für alle bewegenden Ideen der Zeit, eine schwärmerische Freundin von Naturschönheiten, von dem innigsten Gemüthsleben erfüllt. Sie war nicht groß, leidlich gebaut, lebhaft und anmuthig in ihren Bewegungen. Das dunkelbraune Haar war auf der Stirn gescheitelt und fiel in langen dichten Locken beinahe bis auf die Schultern; die Stirne schmal, die Nase charactervoll, etwas lang, doch nicht unschön. Der liebliche Mund zeigte, wenn er lächelte, zwei Reihen schöner Zähne. Das ganze tiefe Gemüths- und Seelenleben des Mädchens blickte aber aus den freundlichen braunen Augen. Sie sah weit jünger aus als neunundzwanzig Jahre[28].
Mit ihrem Bruder hatte Eugenie dem Hochzeitsfeste Robert Blum’s mit Adelheid Mey beigewohnt. Schon damals erschien ihr der bedeutende Mann nicht gleichgültig, und ein unbeschreibliches Gefühl, als ob sie ein theures Gut für immer verliere, drückte ihr Gemüth an seinem Hochzeitstage. Als Blum als Wittwer häufig das Haus ihres Bruders aufsuchte, mit dem Eugenie zusammen wohnte, und fast täglich mehrere Stunden in gemeinsamem Gespräch verstrichen, fühlte sie den Bann, den die Vollkraft des Characters, der Reden und Gedanken dieses Mannes auf sie ausübte, immer enger und fester die Freiheit ihrer Neigung und Empfindung umstricken, und um sich mit Gewalt aus diesen drückenden Fesseln zu befreien, trat sie vor ihren Bruder und beschwor diesen, Blum nicht zu trauen, er meine es nicht ehrlich mit ihm, könne es nicht ehrlich meinen[29]. „Der Bruder tobte und schimpfte auf mich,“ schreibt Eugenie später, und — Blum kam tagtäglich wie zuvor. Er kam anfangs nur um Zerstreuung zu finden im Freundesgeplauder — er fand mehr als das. Er ahnte in Eugenie mehr und mehr die Einzige, an deren Seite er wieder glücklich werden könne. Aber er barg diese leise Hoffnung, die ihm der Frühling 1839 brachte, still und verschwiegen in seinem Busen; weder Georg noch Eugenie erfuhren ein Wort. Nur der Klang der Stimme, nur die Augen hatten bis dahin gesprochen.
Aber andere Leute hatten auch Augen und dachten und wußten viel genauer, was den Wittwer Blum zu Günther’s führe, als die jungen Leute selbst es wußten. Hervorragend in dieser Erkenntniß war vor allen die „betrogene“ Mutter der todten Adelheid und sie beeilte sich, in sehr klaren Briefen an ihren Schwiegersohn diesem die Früchte ihrer vernichtenden Menschenbeobachtung angedeihen zu lassen. „Sie schwindeliger Mensch!“ beginnt der zweite dieser Briefe. „Eine zu bedauernde Mutter legt noch einmal die zitternde Hand an die Feder um Ihnen wissen thun zu lassen, daß ich alle Kleidungsstücke, welche Sie noch von meinem verstorbenen Kinde haben, zurückverlange, desgleichen auch die ganze Wäsche und andere (!) Kleinigkeiten, u. s. w. und sämmtliche Hochzeitsgeschenke aus unserer Familie[30]. Denn da Sie nun eine große mariage mit der Tochter eines Factor’s eingehen, so glaube ich kaum, daß diese die Sachen meiner Tochter brauchen wird. O hätten Sie diese Person doch gleich anfangs gewählt, so lebte mein Kind noch und ich hätte noch meine Ruhe und Zufriedenheit! Die betrogene Mutter. I. Rosine Mey.“ Der Brief ist von fremder Hand geschrieben und stilisirt. Dagegen erhielt Robert Blum bald nachher ein unverfälschtes Autograph seiner Schwiegermutter folgenden Wortlauts: „Sie lügenhafter Mensch und Mörder meines Kindes. Das Maaß der Schändlichkeit ist voll gewesen, darum kommt immer noch mehr vor meine Ohren. Sie wollen aufrichtig sein, und gehen mit lauter Lügen um, denn Concert und Theater ist Zeige ihrer Schändlichkeit, denn rechtschaffene Leute, wo Sie die Ursache sein, sie in schlechten Ruf zu bringen und unsres ganzes häusliches Glück zerstören. So sollen sie es auch in Köln erfahren Ihre Aufführung.“
Nach Empfang dieser Briefe faßte Blum einen raschen Entschluß. Er theilte Freund Günther deren Inhalt mit, und beschwor ihn, die Schwester aus Leipzig zu entfernen, um zu verhindern, daß die wüsten Laute solcher Dissonanzen etwa auch an ihr keusches Ohr drängen. Der Bruder beeilte sich, dem Rathe zu folgen. Jenny erhielt eine Einladung nach Kappel bei Chemnitz von ihrem Schwager Jost; im Hause des Fabrikanten Schnäbeli sollte sie wohnen. Am 5. Mai 1839 wurde die Reise angetreten. Dieser Reise danken wir eine Correspondenz, die ein wahrer Schatz genannt werden kann. Niemals vorher und nachher hat Robert Blum soviel Muße und Neigung gefunden, sein Innerstes so rückhaltlos zu offenbaren, über alle möglichen Fragen der Zeit, wie über die ewigen großen Räthsel des Menschenherzens und Menschendaseins so eingehend sich zu verbreiten wie in diesem Briefwechsel. Darum zeichnet er besser als jeder Versuch eines Dritten Robert Blum’s Charakter, seine Welt- und Lebensanschauung. Doch ist der Stoff ein so überreicher — der Abdruck dieses Briefwechsels allein würde ein dickes Buch füllen — daß der Raum gebieterisch vorschreibt, nur Weniges auszulesen, was für Blum’s Denkweise und Charakter von besonderer Wichtigkeit ist[31].
Bei der Abfahrt der Freundin war der Freund aus naheliegenden Rücksichten nicht zugegen.
Er sandte ihr dagegen an die Post ein Briefchen, in dem es heißt: „Meine Freundin! Sie haben mir ein Recht gegeben auf diese Anrede, als Sie eine ähnliche an mich richteten, und es würde mir sehr weh thun, mich dieses — wenn auch nur geschenkten — Rechtes entäußern zu müssen. So komme ich denn, Ihnen als Freund ein herzliches Lebewohl und eine glückliche Reise zu wünschen. Mögen Sie die frohen und glücklichen Tage rein und ungetrübt genießen, möge der mächtig hervorquellende Lenz in Ihrer Seele ein treues, grünend’ und blühendes Abbild finden und so der Doppelreiz jugendlicher Schöpfung und Empfindung Sie durchglühen und Ihnen die prangende Natur doppelt schön machen — mögen Sie aber auch nach diesem Genusse gesund und heiter zurückkehren und beim Wiedersehen eben so mild und freundlich sein Ihrem Sie herzlich grüßenden R. Blum.“
Dieser Brief mußte natürlich beantwortet werden. Man fuhr damals dreizehn und eine halbe Stunde von Leipzig nach Chemnitz. Es ist daher jedenfalls eine achtbare Leistung, daß Eugenie ihre Antwort noch am Abend ihrer Ankunft zur Hälfte vollendete.
Blum antwortete erst am 14. Mai. „Soll ich mich entschuldigen? Der Civilisationsmensch hat immer eine große Schublade von Entschuldigungen bereit liegen, von denen er bei jeder Pflichtversäumniß dem ersten Besten eine Hand voll ohne Wahl in’s Gesicht wirft. So kann und will ich Sie nicht behandeln, daher kurz: es ging halt nicht! — Daß Sie glücklich angelangt, hat mich herzlich gefreut, mehr noch, daß Sie auch meiner noch gedachten, als eine schöne Natur Sie mit ihren Reizen umgab und Ihrem Geiste eine schöne Feierstimmung mittheilte.... Aber ungerecht ist es, daß Sie uns das Trennungsweh vergrößern. Nicht genug, daß Sie uns verlassen haben; nicht genug, daß Sie in den Bergen umhereilen und den ganzen Frühling allein verzehren, Sie beschreiben uns Ihre Genüsse noch so reizend, daß uns Armen, die wir auf der ödesten Fläche des mercantilen Materialismus in dem traurig-dumpfen Gefängnisse einer Stadt eingesperrt sind, der Aufenthalt noch unerträglicher wird. Aber fahren Sie doch fort, Sie erinnern uns wenigstens, daß es draußen noch ein Stückchen Natur giebt; wir wollen sie genießen in Ihrer Schilderung, wie man das Glück genießt in Romanen, wenn man’s im Leben nicht finden kann.... Wohnt denn die Freiheit auf den Chemnitzer Bergen? wie der Phantast Schiller geträumt hat; dann bitte ich Sie, senden Sie mir nur eine kleine Quantität derselben. Ich will damit auf den Jahrmärkten umherziehen und sie als die größte Seltenheit der Welt zur Schau stellen. — Wie es mir geht? Nun, ich könnte sagen schlecht und recht! Ich habe sehr viel zu thun. Die Messe über muß man pro patria schwärmen, muß bald mit diesem, bald mit jenem verzweifelnden Provinzialen sich zusammen setzen, Hoffnungen affectiren, wenn auch complete Trostlosigkeit im Herzen wohnt und so die Leute davor bewahren, daß sie nicht ganz versauern. Nach der Messe erschrickt man vor der Arbeit, die sich anhäufte. So war’s nun die letzte Zeit und ich athme jetzt froh auf, daß ich bald etwas Luft sehe und fühle. Er will nun, um „nebenbei auch einmal Luft zu schlucken,“ in den nächsten Tagen in Geschäften nach Dresden reisen, um „zwei Hofräthe und einen sonstigen Esel zu besuchen; indessen hoffe ich auch einige liebe Freunde zu finden“ “ (Porth, Mosen, Th. Hell). Endlich sagt er: „Sie haben Anlage zur Dichterin. Es würde nur auf einen Versuch ankommen, auch der Form zu genügen. Wollen Sie denselben nicht machen? Doch wozu? Die Poesie ist ein weiter Wiesenplan, auf dem tausend Blumen form- und regellos emporschießen, aber sie sind reich an Duft und Farbe und erfreuen und erheben Geist und Auge. Ordnet man sie nach Gattung und Farbe, bindet sie an den Stab der Form und schneidet jeden frisch hinaustreibenden Schößling ab, um der Pflanze die schmächtige Gestalt modernen Geschmackes zu geben, so vernichtet man den schönsten Reiz. Senden Sie also zuweilen ein rein der Natur entkeimtes Blümchen mit einem grünen Hoffnungsblättchen Ihrem dankbaren Freunde Blum.“
Auf die rasche herzliche Antwort der Freundin erwidert er nach seiner Dresdner Reise, wie schwer es ihm werde, seine Empfindung in Worte zu fassen: „Mögen Sie den Vergleich arrogant finden, ich kann nicht anders, als mich mit einer Blume vergleichen, die dasteht auf dem ausgedörrten rauhen Boden der Zeit und des Lebens, versengt ist von brennenden Strahlen schwerer Schicksalsschläge und welk geweht von den Stürmen unserer Verhältnisse. Geben Sie ihr den lebenden Thau, das erquickende Wasser, sie wird die Wollust des neuen Lebens fühlen bis in die äußersten Fasern ihrer Form. Aber sie bedarf Zeit, um die welken Blätter wieder aufzurichten und Ihnen ihren Dank zu bringen in der freudigen Entfaltung ihres neuerweckten Organismus.... Ob das Werk es verdient, ob es Ihnen lohnen wird? — wer weiß das vorher bei unserm Thun; wenn die Handlung an und für sich keinen Reiz hätte, so würde wenig Gutes geschehen auf dieser elenden Welt.“ Der Rest des Briefes gilt der Dresdener Reise.
„Von meinen Hofräthen traf ich keinen und kam mit dem bloßen Schreck und einer Visitenkarte davon.“ Dagegen fuhr er mit den Freunden vierspännig nach Tharand. — Wie genügsam war jene Zeit! Man braucht nur seine Worte über die vollendete Leipzig-Dresdener Eisenbahn nachzulesen: „ein großartiges Werk, das Bewunderung verdient, besonders der Tunnel macht einen großartigen Eindruck. In dem Felsengewölbe selbst herrscht die tiefste Nacht, und das Brausen der Maschine und der dahinsausenden Wagen bricht sich schauerlich an der düstern Wölbung. Die Damen, die im Wagen saßen, wurden ordentlich ängstlich! Ich habe auf dem Wege gedacht, daß in der Menschennatur ein gewisses Etwas liegt, was zur Knechtschaft hindrängt, was ihn ebenso sehr fähig und geneigt macht zu tyrannisiren, als tyrannisirt zu werden. Sehen Sie sein ganzes Treiben an, es ist eine fortgesetzte Knechtung der vorhandenen Wesen und Kräfte; er knechtet die Thiere, die Elemente, den Boden und zieht jetzt gar einige schwere eiserne Ringe um die arme Erde. Ueberall ein Ringen nach Vermehrung harter Bande, nirgend, nirgend nach Sprengung derselben, nach Befreiung. Wie sollte der Mensch, der so großartige Dinge vollbringt, nicht augenblicklich das Joch zersprengen können, welches ihn drückt seit Jahrhunderten, wenn er ernstlich wollte. Aber das ist das Schlimme, daß nur so Wenige wollen.“ —
Es ist unschwer zu errathen, was nun folgt, nachdem schon der Anfang dieses Briefes einer unterdrückten Liebeserklärung so ähnlich gesehen. Eugenie schlug dem Freunde vor, nach Amerika zu ziehen, wenn ihm Europa unerträglich geworden. Darauf antwortete er am 14. Juni: „Nein, liebe Jenny, nach Amerika gehen wir nicht, wenigstens nicht, so lange noch ein Fünkchen Hoffnung vorhanden ist, für die Freiheit und einen besseren Zustand des Vaterlandes wirken zu können. Ja, wenn hinten weit in der Türkei die Völker nicht aneinander schlagen, wenn Louis Philipp seine ganze Nichtswürdigkeit durchsetzt; wenn Ernst August[32] triumphirt und, wie sich von selbst versteht, einige Dutzend Nachahmer findet — dann wollen wir wieder davon reden, das heißt, wenn wir dann noch können und nicht füsilirt sind. Das Wirken für die Freiheit, nur die Aussicht, die entfernte Hoffnung dazu, ist äußerst reizend und wohl eines trübseligen Harrens werth. Aber ich glaube nicht, daß das Streben nach dieser einen, allerdings heiligsten Pflicht es ausschließt, daß wir uns das einmal unvermeidliche Harren so angenehm wie möglich machen; ja insofern eine das Herz und den Geist gleichmäßig befriedigende Existenz dazu dient, uns zu veredeln und unsere Kräfte zu stärken und zu entwickeln, so dürfte es nicht bloßer Egoismus sein, wenn wir trachten, uns eine solche Existenz zu begründen. Eine solche fehlt mir, und mein Herz sehnt sich darnach mit aller Inbrunst, sehnt sich hinaus aus dem öden farb- und reizlosen Allein. — Können und wollen Sie’s versuchen, mir einen stillen, freundlichen Tempel der glücklichen, anspruchslosen Häuslichkeit zu bauen und das traulichste Plätzchen darin nach eigener Wahl für sich zu behalten? ihn ganz und gar mit mir theilen, bis uns eine höhere Pflicht hinausruft in das rauhe Leben, oder in das unerforschte Jenseits? — Sehen Sie, wie ich anfing, stand ein langer Brief vor meiner Seele, mit dieser einen gewichtigen Frage aber bin ich erschöpft; ich lege sie Ihnen trocken vor, ohne Schmuck, ohne Commentar. Sie kennen die Verhältnisse, Sie glauben den Menschen zu kennen.... Nun harre ich Ihrer Entscheidung entgegen; sagen Sie nein, so thun Sie das kurz, ohne Gründe, ohne Bedenken. Sie wissen, ich habe eine derbe Schule durchgemacht und kann etwas vertragen. Denken Sie dann, ich habe Ihnen einen neckischen Traum erzählt, Sie haben darüber gelächelt und ihn vergessen. Aber darum bitte ich dringendst, stehen Sie mir deßhalb in der Folge nicht ferner als bisher! Lassen Sie, liebe Jenny, nicht zu lange zwischen Hoffnung und Furcht schweben Ihren Robert.“
„Und ich sollte nein sagen?“ beginnt Eugenie am 15. Juni ihre Antwort und schließt mit „Ewig Deine Eugenie“.
„So ist denn mein Loos gefallen, und ich habe den glücklichsten Wurf gethan,“ schreibt Blum am 16. zurück. „Mein Leben hat wieder ein Ziel, mein Streben einen erkannten Zweck, und die Mühen, die täglichen Begleiterinnen meines Lebens, werden süß und leicht in dem Hinblicke auf den Genuß ihrer Frucht....
Ach, und so froh ich bin über Deinen Entschluß, so möchte ich ihn doch auch fast bedauern; nicht allein, daß ich Dir nur die Existenz einer kargen, vielleicht dürftigen Mittelmäßigkeit bieten kann, so verlierst Du bei meinem ernsten (oder soll ich sagen stumpfen?) Sinne, auch die lieblichste, wenn auch flüchtigste Blüthe der Liebe, jenen süßen Champagnerrausch, aus Gefühl und Sinnlichkeit gemischt, der uns kurze Zeit wenigstens in den schönsten Taumel versetzt. Kann Dich die auf wahrhafte Achtung begründete ruhige Liebe, die treueste Sorgfalt für Dein Wohl und die durch die That mehr als durch das Wort sich verkündende Zuneigung des Herzens dafür entschädigen? Diese, liebe Jenny, soll Dir in möglichst reichem Maße zu Theil werden.“
Nachdem er Eugenie dann erzählt hat, wie schmerzlich ihn Frau Mey gequält habe, und daß „ich nur um meinem armen, alten und wirklich biedern Schwiegervater Ruhe zu schaffen, mich gänzlich“ (von Mey’s) „zurückgezogen und bei George Deine Abreise betrieben habe“, fährt er fort: „deßhalb bitte ich Dich auch — nachdem die Vernunft im Kampfe mit dem Herzen den Sieg, wenn auch schwer, errungen — den Sommer über dort zu bleiben. Wahrlich, Du glaubst nicht, welches Opfer ich mir auferlege, indem ich auf Deine Nähe verzichte und mich des Vergnügens beraube, die wenigen freien Stunden, die mir bleiben, mit Dir durch die Felder zu streifen!
So haben wir denn, liebe Jenny, den Grundstein unserer Zukunft gelegt; laß uns vereint daran fortbauen und uns bestreben, unter den tausend unglücklichen Ehen eine glückliche zu bilden! Es scheint mir dies so leicht, da der innige Anschluß an ein anderes Herz dem Menschen unerläßliches Bedürfniß ist, und es nur in seinem Willen liegt, das Band, das die Natur gegeben, so fest wie möglich zu schlingen. Wir wollen mit unbegrenztem Vertrauen, begründet auf Wahrheit und Offenheit, uns entgegenkommen. Sage mir ohne Rückhalt, was Dir an mir mißfällt. Gestatte mir dasselbe und sei dabei der zartesten Schonung gewiß! Du wirst allerdings bei diesem Contracte sehr im Vortheil stehen. Wir wollen unsere Charaktere studiren, unsere Schwächen gegenseitig zu stärken, uns um die schroffen Seiten zu schmiegen suchen und so im eigentlichsten Sinne des Wortes für und in einander leben. Denk’ ich an dieses süße lohnende Geschäft, so möchte ich allerdings den Schluß der vorigen Seite streichen und Dir zurufen: Komm, komm! Indessen ertragen wir’s! Ist es möglich, so sehen wir uns wenigstens einen Tag.
Und nun noch Eins: Dein Geist hat Dich längst darüber erhoben, den Abschluß der Ehe in irgend einer gesetzlichen oder kirchlichen Formel zu suchen; wenn man sich auch diesen, der Convenienz wegen, unterwerfen muß. Das Erkennen und Anschließen der Herzen, das gegebene und empfangene Wort, das ist die Ehe und so ist die unsere geschlossen. So laß mir denn wenigstens die süße Pflicht, für Dich zu sorgen! Betrachte Dich als mein und nimm von mir Deine Bedürfnisse! Du erleichterst dadurch zugleich Deinem — nein unserem Bruder seine Lasten, deren er viele zu tragen hat, wie Du selbst am besten weißt. Also keinen Widerspruch, Weib, ich bin der Herr der Schöpfung und ‚soll Dein Herr sein‘ (die alte Ausgabe mit ‚Narr‘ wird confiszirt). Gehorche!“
In einem Briefe vom 30. Juni hatte Eugenie dem Gedanken Ausdruck gegeben, der jeden Ueberglücklichen beschleicht: „Wie, wenn Du diesem Glücke jetzt entsagen müßtest? Es ist ein Wetterstrahl aus heit’rem Himmel, begleitet von einem dumpfen unheilverkündenden Schlag.“ Robert antwortete am 6. Juli: „Unsre Zeit, die mit furchtbarem Drucke nicht allein auf dem öffentlichen Leben lastet, sondern auch mit den Krallen der Tyrannei hineingreift in das Heiligthum der Familie und mit roher Gewalt die zartesten Bande sprengt, ist wohl geeignet, uns mit derartigen Betrachtungen vertraut zu machen. Eugenie, wärst Du ein Weib wie tausend andere, selbst von der besten Sorte, ich würde Dir bei dieser Betrachtung sagen, tritt zurück! Oder ich würde gewaltsam mit Dir brechen oder mich bestreben, Dir unerträglich zu werden. Da mir aber ein gütiges Geschick in Dir nicht blos ein gutes und liebendes, sondern auch ein edles, denkendes und des höchsten Aufschwunges fähiges Weib so unverdient zuführte, so schließe ich Dich mit um so größerer Inbrunst an das Herz und rufe Dir zu: „Laß uns genießen das süße Glück der Stunde; aber laß uns vorbereitet sein, daß die nächste Stunde Alles zertrümmern kann! Laß uns gestählt sein für die Leiden, die da kommen; ja, ich sage fast mit Zuversicht, kommen werden und nie vergessen, daß die neidischen Götter Opfer verlangen, ehe sie der Menschheit ersehnte Güter gewähren. Die Liebe sei uns dann der leuchtende Sterne in dunkler Wetternacht, er schimmert ja durch Gitter und Mauern und verscheucht die Finsterniß. Liebe und Freiheit sei uns ein unzertrennliches Zwillingsgestirn, dem wir folgen, auf welche Bahnen es uns auch führen mag! Du kannst nicht glauben, wie glücklich es mich macht, zu wissen, daß diese Worte in Deinem Herzen wiederklingen, daß Du das starke Mädchen bist, welches sie nicht allein mitzufühlen, sondern auch darnach zu handeln vermag. Der Himmel weiß, warum ich unter allen Männern so bevorzugt bin, Dich gefunden, mir Deine Liebe errungen zu haben. Aber ich bin’s und daß ich’s bin, ist meine Seligkeit.“ “
Diesem Briefe waren einige Geschenke beigefügt. Jenny dankte dafür und schrieb im schmerzlichen Bewußtsein ihrer Armuth: „Du beschenkst mich so reich und ich habe nichts, gar nichts, was ich Dir dagegen bringen kann, nicht einmal das, was man auch nur die bescheidenste Ausstattung eines Mädchens nennen kann.“ Darauf antwortete Robert am 13. Juli in einem langen Briefe, dem das nachstehende Gedicht beilag:
„Du hättest nichts dem Bräutigam zu bieten
An Werth und Schmuck? Das thut mir wahrlich leid;
Man zieht solch’ inhaltleere Menschen-Nieten
Nicht gern in unsrer materiellen Zeit.
Und bringst Du mir nicht Heirathsgut und Schätze
An Silber, Gold und Perlen reichlich ein,
So sag’ ich nach modernem Zeitgesetze:
Laß’ ab von mir mein Kind, es kann nicht sein!
Ja, Silber will ich! Zwar nicht jenes weiße
Und glänzende Metall, das aus dem Schooß
Der Erde holt der Mensch in blut’gem Schweiße,
Damit zu feilschen und zu prunken blos; —
Ich will das Silber innig wahrer Liebe,
Die sich als haltbar, ächt und rein bewährt,
Die selbst der Schicksalswolken bange Trübe
Mit mildem Glanz erhellet und verklärt.
Und Gold will ich! Zwar nicht das vielverfluchte,
Das in der Berge tiefen Gründen ruht;
An das der Menschen Habgier, die verruchte,
Die Seele setzt und Ehre, Recht und Blut; —
Ich will das Gold der felsenfesten Treue,
Das jeder Probe, auch der schärfsten, steht;
Das Gold, das stets im Herzensschacht auf’s Neue —
Wie viel man auch davon verbraucht — ersteht.
Und Perlen will ich! Zwar nicht aus den Tiefen
Des Meers, wo von Dämonen sie bewacht
Den süßen Schlummer des Vergessens schliefen,
Eh’ sie die frevle Gier an’s Licht gebracht.
Ich will die Perlen heiliger Empfindung,
Des Mitgefühls bei Andrer Schmerz und Lust,
Das Sinnbild göttlich-menschlicher Verbindung,
Wie’s thront im Tiefen einer edlen Brust.
Und daß zum Reichthum Reichthum sich geselle,
Biet’ ich Dir — karg zwar — gleiche Mitgift dar;
Wir bergen für des Lebens Wechselfälle
Die Güter auf der Laren Hochaltar. —
Du hast und bringst mir reichlich diese Schätze!
und wüßt’ ich nicht, Du brächtest sie mir ein,
Dann nach dem ewigen Vernunftgesetze
Sagt’ ich: laß ab, es kann, es darf nicht sein!“
Am 19. Juli besuchte er einen Tag die Braut in Kappel. Da die Verlobung noch geheim bleiben sollte, so hatte das junge Paar vor Zeugen strenge gesellschaftliche Förmlichkeit zu beobachten. Diesen Besuch mußte Blum mit siebenundzwanzig Stunden Postfahrt erkaufen. „Jetzt geht’s an die Wühlerei!“ meldete er am 20. Juli nach seiner Rückkehr der Braut. „Gott sei Dank, nun ist doch die ärgste Wühlerei vorüber und man kann wieder athmen,“ schreibt er am 27. Es handelte sich um die Agitation für die Landtagswahlen, welche die Opposition wesentlich verstärkten. v. Dieskau schied zwar aus der Kammer aus. Aber außer Todt trat nun Braun ein (Advocat und Patrimonialrichter), in juristischen und staatswissenschaftlichen Fragen bald der Führer der Opposition, ja sogar bald der stehende Referent der zweiten Sächs. Kammer, 1848 März-Justizminister; außer ihnen ein dritter Voigtländer, Otto von Watzdorf, Vertreter der Ritterschaft, der schon auf dem letzten alten Ständetage von 1830 den überlebten Schrullen seiner Standesgenossen im Sinne moderner Staatsauffassung und Freiheit lebhaft opponirt hatte, ein Mann von eben so großer Unabhängigkeit, als Wohlhabenheit; dann Georgi von Mylau, ein angesehener Kaufherr, 1848 Minister, Vater des heutigen Oberbürgermeisters von Leipzig. Dippoldiswalde sandte den Advokaten Klinger (1848 Bürgermeister von Leipzig), die Oberlausitz den ersten liberalen Staatsbeamten, den Sachsen in der Kammer sah, Hensel.
Mit welchem Maße von „Wühlerei“ Robert Blum an diesem Resultate betheiligt gewesen, erhellt, abgesehen von einer starken Correspondenz mit fast allen den Abgeordneten, die eben genannt wurden, auch aus der Aufnahme, die ihm kurz nachher in Plauen beschieden war. Er war dort, wie er Eugenie vom 27. Juli bis Ende August wiederholt meldet, schon seit Wochen erwartet worden, um Reden in Versammlungen zu halten. Endlich gegen Ende August konnte er sein Eintreffen in Plauen an den jungen Fabrikanten Böhler melden. Ueber den Verlauf dieser Reise berichtet er der Braut am 2. September: „Montag Nachmittag brachte ich in Altenburg damit zu, den dortigen höchst pomadig und schlaraffenartig gewordenen Gesellen derb den Text zu lesen und ihnen das Versprechen größerer Thätigkeit abzunehmen.“ In Plauen kommt er Dienstag früh nach durchfahrener Nacht an. Als er nach Böhler fragt, ist dieser in Frankfurt zur Messe, Blum’s Brief demselben sorgfältig couvertirt nachgesendet worden; v. Dieskau dagegen, der Blum Logis angeboten hatte und von dessen Ankunft nicht unterrichtet war, ist schon halb fünf Uhr früh aufs Land gefahren und kehrt erst Abends zurück. Bis sieben Uhr Morgens werden daher in der „Post“ fünf Tassen schlechten Kaffee’s getrunken und die Wochenblätter der letzten drei Monate, einschließlich der Annoncen gelesen, dann wird Mammen in seiner jungen Häuslichkeit besucht. In Mammens Gesellschaft wird der Tag bis zum späten Nachmittag verbracht. „Ich fand dabei sehr oft Gelegenheit, aus Mammens traulich schöner Häuslichkeit einen Blick hinüber zu werfen in eine Zukunft, die auch mir ein ähnliches Asyl verheißt. Als gegen Abend v. Dieskau zurückkehrte, machten wir, eingedenk unseres schönsten und rührendsten National-Characterzuges zuerst aus, daß wir den Abend zusammen — essen wollten; dabei sollten dann auch die brauchbarsten Leute zusammengerafft, die Angelegenheiten vorläufig besprochen und eine gemeinschaftliche Fahrt etc. nach Adorf etc. auf den nächsten Morgen verabredet werden.“ Da sich indessen noch am nämlichen Abend Blum beim Kegeln den Fuß verdrehte, mußte man nach Adorf und Mühldruff schicken, um Todt, Braun und Watzdorf nach Plauen zu bescheiden; da erfährt man, daß die drei Herren zusammen eine Parthie gemacht haben, von der sie erst Freitag zurückkehren wollen! Dennoch wurde noch am dritten Tage in Plauen großer Kriegsrath über die Taktik des Fortschritts in Sachsen gehalten und dann stieg Blum mit geschientem Bein wieder in die Post nach Leipzig. „Ist es möglich, von allen diesen Dingen abzusehen, schreibt er der Braut, so kann ich sagen, ich habe die Tage höchst angenehm verbracht: ich fand eine Aufnahme, die mich fast stolz machen könnte, wurde von Gastmahl zu Gastmahl im eigentlichsten Sinne des Wortes geschleppt und fand, was mich mehr als Alles freute, einen gesunden reinen Sinn und Bereitwilligkeit zu handeln und zu opfern für das Wahre und Gute.“
Eine noch bedeutsamere „Wühlerei“ hat Blum damals mit Süddeutschland geplant. Es handelte sich anscheinend um die Begründung eines großen liberalen Blattes, an dem alle namhaften liberalen Männer, namentlich die fortschrittlichen Abgeordneten aller deutschen Länder sich durch Beiträge und Rath betheiligen, und das unter Oberaufsicht eines Ausschusses liberaler Vertrauensmänner stehen sollte. Sitz des Unternehmens sollte wie es scheint Mainz sein, die Leitung der vorbereitenden Schritte ruhte in der Hand des altehrwürdigen „Vater Winter“, badischem Abgeordneten zu Heidelberg. Jedenfalls hat auch Adam von Itzstein und der ganze süddeutsche Liberalismus darum gewußt. Indessen geben doch alle Andeutungen, welche die Briefe Blums an seine Braut darüber bieten, noch kein vollständig klares Bild von dem Plan und Umfang des ganzen Unternehmens, das mindestens nebenbei jedenfalls auch auf Gründung eines liberalen Vereins über ganz Deutschland und periodische Wanderversammlungen der Führer abzielte. Offenbar hatte Blum der Braut mündlich am 19. Juli darüber alles Mittheilbare anvertraut und begnügte sich in seinen Briefen nun mit Andeutungen. Wie hoch die Erwartungen gespannt waren, die Blum auf dieses Unternehmen setzte, erhellt am besten aus einem Briefe an Eugenie vom 13. August 1839: „Von Heidelberg habe ich noch immer keine Antwort, was uns sämmtlich sehr verstimmt macht. Ein Project, welches mit unendlicher Mühe eingeleitet wurde, an welches Geld und Zeit und Geist gewendet wurde, wie nicht leicht ein anderes, dessen Folgen unberechenbar schienen und welches wichtiger und bedeutender war, als irgend ein Ereigniß der letzten 6 Jahre (!) — das scheitert an der Unentschlossenheit, Nachlässigkeit oder Zaghaftigkeit der Süddeutschen, die sonst so rüstig und gesund waren. Es ist wirklich entsetzlich und man möchte es verschwören, jemals nur die geringste Anstrengung wieder zu machen. Und als gescheitert betrachte ich es bereits, denn käme auch heute oder morgen die Bestimmung“ (daß die Vertrauensmänner zusammenkommen sollten), „so würde die Ausführung vor Anfang September doch nicht mehr möglich sein. Und dann haben die Leute, die nothwendig waren, keine Zeit mehr. Das Schlimmste ist unzweifelhaft, daß die Leute sich und ihre Sache dabei compromittirt sehen. Denn wer soll in Zukunft noch Vertrauen zu irgend einem Vorschlage haben, wenn dieser mit Pomp und Energie gemachte und eingeleitete zerplatzt wie eine Seifenblase, ohne daß man nur zu sagen weiß, weshalb? Wahrlich, das bischen Vaterlandsliebe wird einem sauer gemacht; lieber Kampf, Verfolgung und Gefängniß, als diese gräßliche Apathie und Gleichgültigkeit! Jene stärken, ermuthigen und erfrischen den Sinn, diese entnerven und erschlaffen die Seele und tödten vollends die letzte Spur von Thatenfreudigkeit und Hoffnung.“
So schlimm stand es indessen nicht. Der Heerruf erging freilich erst gegen Ende October an die Getreuen und Blum folgte ihm sofort nach Frankfurt und Mainz. Er konnte dafür der Braut am 3. November von Leipzig nach seiner Rückkehr melden: „Was das Resultat meiner Reise betrifft, so hat dasselbe zwar nicht allen Wünschen entsprochen, aber doch die Erwartungen übertroffen. Es ist zu hoffen, daß bei der Einigkeit zwischen Verlegern und Redacteurs ein tüchtiges Werk zu Tage gefördert werde, wozu einstweilen rüstige Vorbereitungen getroffen werden. Gott gebe seinen Segen.“
Da später die literarisch-politische Unternehmung, die hier beschlossen und rüstig vorbereitet worden sein soll, auch nicht einmal dem Namen nach erwähnt wird, so ist es wahrscheinlich, daß alle die Stellen, die in der Correspondenz Blum’s mit seiner Braut auf ein journalistisches Unternehmen mit Süddeutschland deuten, einfach fingirt sind, und daß es sich bei diesem Unternehmen überhaupt nur darum handelte, eine werkthätige Vereinigung aller entschlossenen Liberalen Deutschlands zu Stande zu bringen. Da dieses Vorhaben nach damaligem Bundesrecht einfach hochverrätherisch war oder wenigstens mühelos als hochverrätherische Verschwörung angesehen werden konnte, so war bei jeder brieflichen Aeußerung über diesen Plan die größte Vorsicht geboten. Dieselbe Vorsicht und ähnliche Fictionen[33] wie hier Eugenie gegenüber, finden sich in allen Briefen Blum’s, welche diese geheime Verbindung betreffen. Was mich aber vor Allem veranlaßt anzunehmen, daß die Frucht dieser Reise nicht der Beschluß und die Vorarbeit für eine liberale Zeitung gewesen sei, sondern die Gründung einer festen Verbindung freisinniger deutscher Männer, vor allem der Abgeordneten, über ganz Deutschland, ist die Thatsache, daß von dieser Zeit an diese Verbindung besteht. Alljährlich treffen sich fortan Winter, Itzstein, Hecker, Johann Jacoby, Heinrich Simon (von Breslau), Robert Blum, Watzdorf, Todt u. A., bald auf Itzstein’s Gut Hallgarten im Rheingau, bald bei Blum in Leipzig, bald in Cassel &c., um gemeinsam die Pläne und Taktik der Genossen und aller liberaler Kammermitglieder in Deutschland für das nächste Jahr zu berathen[34].
Von da ab tritt Blum in ununterbrochene Correspondenz mit den Führern des Liberalismus in Deutschland. Für die Größe und Bedeutung der Aufgaben, die er schon damals in politischer und nationaler Hinsicht sich setzte, giebt daher dieser Briefwechsel mit seiner Braut überraschende Aufklärung.
Speciell der Brief Blum’s vom 3. November ist aber auch interessant wegen der Kulturbilder, die er bietet, sowohl über die damalige Reiseart wie über die Methode und Form, in welcher damals Politik gemacht wurde. „Meine Reise war wirklich mühsam. Nur von hier (Leipzig) bis Naumburg saß ich im Hauptwagen und in einer Ecke, dann ging es um Mitternacht von dort nach Jena in einem Kasten, der wahrscheinlich zu den Zeiten der Folter dazu benutzt wurde, den armen Opfern alle Rippen zu zerbrechen. In Jena war auch kein Rasttag. Von 6 Uhr Morgens an, wo ich ankam, war ich in Beschlag genommen; wir zogen von einem Orte zum andern, betrachteten die Umgegend, die Merkwürdigkeiten (die sieben Wunder Jena’s genannt) und besuchten die wissenschaftlichen und Wohlthätigkeitsanstalten, vulgo Wirthshäuser. Und als wir aus den letztern um Mitternacht von der heiligen Polizei verjagt wurden, öffnete uns eine freundliche Privatwohnung ihre glühweindurchwürzten Räume und hier weilten wir, bis der bestellte Postbeamte um 2 Uhr sagte: Marsch! Dann nahm mich ein eben so schöner und bequemer Wagen auf, in welchem ich nach Weimar gerädert wurde. Von dort aus genoß ich die Wonne der Beiwagen bis Frankfurt, ein treffliches Institut, welches die verpönten Turnanstalten ersetzen könnte; denn wer 8 Tage darin fährt, hat die stärkste Gliederprobe bestanden, die es in der Welt giebt. Und nun werden diese herrlichen Dinger blos stationsweise gegeben, und man wird alle 2–3 Stunden aus- und in einen andern Kasten eingepackt, was besonders in der Nacht höchst angenehm ist. So sah ich denn Frankfurt mit wirklich ungetrübter Freude und machte mir nachher bittere Vorwürfe darüber, daß ich im ersten Augenblicke nicht einmal die Erinnerung an den göttlichen Bundestag in meine frohen Empfindungen gemischt hatte. In Frankfurt ging nun das Jubelleben los. Zwei bekannte Voigtländer[35] grüßten mich gleich bei der Ankunft, Böhler’s Bruder hatte mich schon lange gesucht; mit einigen andern guten Literaten[36] gings nun zu Tische, wobei es wie am Rheine darauf abgesehen ist, zu versuchen, was ein Menschenmagen im äußersten Falle zu ertragen vermag. Dann ging’s fort auf die Promenade, Vergnügungsorte u. s. w., Abends zu Böhler, der uns ein förmliches Festmahl gab, zu dem er die Literaten, die Frankfurt aufzuweisen hat, eingeladen. Kurz, ich sage Dir, ein Leben wie im Himmel. — Freitags früh reisten wir nach Mainz ab, fanden aber in Hattersheim, einem kleinen Neste an der Straße, wo wir nur frühstücken wollten, eine so angenehme Gesellschaft, daß wir uns gefesselt fühlten und — es ist fast unglaublich — bis zum folgenden Tage gegen Mittag weilten und uns höchst angenehm unterhielten. Dann fuhren wir in großer Gesellschaft nach Mainz, begrüßten mit wahrer Seelenfreude den schönen, schönen Rhein und trennten uns von den neuen Freunden nach frohem — und im Gefühle des Scheidens auch trübem — Mahle und betrachteten dann Mainz. Nie im Leben habe ich Theil an einer Gesellschaft genommen, bei der eine solche Herzlichkeit, Innigkeit und Heiterkeit herrschte, wie bei dieser.“