Anmerkungen zur Transkription
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Ein Fest im Hause der Schiffergesellschaft im 16. Jahrhundert.
Deutsche Flagge,
sei gegrüßt!
Friedens- und Kriegsfahrten
der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten
der deutschen Marine.
Von
Hans Satow.
Mit zahlreichen Bildern nach alten Stichen und Originalaufnahmen, sowie nach Gemälden von Professor Hans Bohrdt, F. Müller-Münster und Professor Hans Petersen.
7. bis 12. Tausend.
Reutlingen.
Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung.
Nachdruck verboten.
Alle Rechte vorbehalten.
Printed in Germany.
Inhaltsverzeichnis.
Erster Teil
Seite
Deutsche Flagge. Gedicht von Ernst Scherenberg
Einleitung
Geschichtlicher Rückblick auf die Zeit der Hanse
Eine Septembernacht (1845). Gedicht von Emanuel Geibel
Schiffbau und Schiffahrt zur Hansezeit
Der hansische Kaufmann
Der hansische Kaufmann im Auslande
1. Nowgorod
2. Bergen
3. Spiele der Hansen zu Bergen
4. Der Stahlhof in London
Die Handelswaren der Hansezeit
Der Hauptmann von Wismar
Klaus Störtebeker und seine Raubgesellen
Der Tag von Stralsund
Hauptmann Paul Beneke, ein Danziger Seeheld aus der Zeit der Hanse
1. Vorgeschichte
2. Die Seeschlacht bei Bornholm 1455
3. Der Tag von Anholt
4. Überlistet
5. Die Gefangennahme König Eduards IV.
6. Der Kampf an der Maasmündung
7. Das erfolgreiche Ende
Ditmar Koel nimmt den Seeräuber Kniphoff gefangen (1525)
Die Seeschlacht bei Gotland — eine letzte Ruhmestat
Admiral Karpfanger, seine Taten und sein Tod
Unter dem Adler des Großen Kurfürsten
Zweiter Teil
Seite
Die Geschichte der deutschen Flotte — ein kurzer Überblick
Der Tag von Eckernförde (5. April 1849)
Das Preußendenkmal auf dem Friedhofe zu Gibraltar — ein Erinnerungszeichen an das Gefecht bei Tres Forcas
Die bedeutendsten Ereignisse zur See im Kriege 1864
1. Das Seegefecht bei Jasmund
2. Das Seegefecht bei Helgoland
3. Die Gefangennahme einer kleinen Dänenflotte im Wattenmeer
Die deutsche Kriegsflotte im Seekriege 1870/71
1. Allgemeiner Überblick
2. Auf der Wacht an der Seeküste
3. Die Kreuzfahrten der ‚Augusta‘
4. Das Seegefecht bei Havanna
Michel, horch, der Seewind pfeift! Gedicht von Gottfried Schwab
Die deutsche Flotte im Kampf um den Kolonialbesitz
1. Ostafrika
2. Die Opfer der Samoainseln
3. Die Helden des Kanonenboots ‚Iltis‘
Die Helden vom ‚Iltis‘. Gedicht von Rudolf Presber
Der neue ‚Iltis‘ vor Taku (17. Juni 1900)
Deutsches Flottenlied. Gedicht von Reinhold Fuchs
Der Pflicht getreu bis in den Tod
Wichtige Daten zur Geschichte der deutschen Marine
Vorwort.
In allen Teilen unseres Vaterlandes begeistern sich Jugend und Volk für die See, den Handel, die Schiffahrt und die Marine.
Das Verständnis hierfür zu fördern, betrachtete mein Buch: „Von der Wasserkante“[1] als seine Aufgabe. Die vielseitige, freudige Anerkennung, die ihm gezollt wurde, ist hoffentlich auch der vorliegenden Arbeit beschieden.
Sie will unsere heutige raschlebende Zeit erinnern an vorwärtsstrebende Gemeinwesen und ihre tatkräftigen Führer, die in den Tagen der Hanse für die deutsche Seegeltung sich mühten. Sie will ferner Jugend und Volk erinnern an die Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine, die Zeugen sind für den opferfreudigen Mannesmut der Führer und Mannschaften; damit in der heranwachsenden Generation der Gedanke fortlebt, der jene zu den Taten begeisterte:
Die deutsche Flagge soll in Ehren wehen!
Lübeck.
Hans Satow.
Erster Teil.
Deutsche Flagge.
Deutsche Flagge,
Sei jubelnd gegrüßt!
Flatternd von tausend friedlichen Masten,
Trägst du, ob Sturm oder Sonne dich küßt,
Über die Meere die köstlichen Lasten.
Und von dem eisengepanzerten Bord
Sprichst du des Reiches donnerndes Wort,
Deutsche Flagge!
Deutsche Flagge —
Unsägliche Schmach
Haben wir, da du uns fehltest, erlitten!
Deutsche Hoffnung und Ehre zerbrach,
Da wir ohn’ Banner in Zwietracht gestritten.
Neben den Fähnlein allen kein Raum,
Wehtest den Deinen nur trauernd im Traum,
Deutsche Flagge!
Deutsche Flagge,
Da kam der Tag,
Flammenden Morgenröten entsprungen,
Daß wir siegend im Wetterschlag
Dich als herrlichen Preis uns errungen!
Scheuchend der Nebel nächtlichen Flor,
Stiegst du zum Lichte leuchtend empor,
Deutsche Flagge!
Deutsche Flagge
Schwarz, weiß und rot,
Öffne zu fernsten Welten die Tore,
Schütze die Deinen in Glück und in Not,
Birg in den Falten uns Sieg, Trikolore!
Doch wenn im Kampf wir darniedergestreckt,
Sei du’s, die einst noch im Tode uns deckt,
Deutsche Flagge!
Ernst Scherenberg.
Einleitung.
Wenn zur heißen Sommerzeit die Steinmauern und die Straßenpflaster der Großstädte glühen, dann ziehen viele der Stadtbewohner hinaus ans Meer. Dampfroß oder Dampfschiff bringen die wanderfrohen Städter in schneller Fahrt an das Ziel ihrer Wünsche, und gleich unseren germanischen Vorfahren, die vor einem Jahrtausend und noch früher Besitz nahmen von den Küsten der Ost- und Nordsee, bauen die Städteflüchtigen am Strande des Meeres Burgen mit starken Wällen und wehenden Fahnen, welche die Künder sind der Freude und des Frohsinns der Burgbesitzer. Nur kurze Zeit währt der Jubel, nur zu schnell sind die Ferientage vorübergerauscht, und die Herbststürme peitschen wieder die Meereswogen, die hochaufrauschend alle Herrlichkeiten der Sandburgen zerstören; in ihnen fällt alles der zertrümmernden Gier des Meeres zum Opfer.
An solchen Sturmtagen werden die Geister unserer Vorfahren wieder lebendig.
Heute braust und brandet das Meer wie ehedem, seine schaumgekrönten Wogen rinnen über blanken Seesand, über glatte und rauhe Kiesel; hier und da häuft sich am Strand der Seetang, den das Spiel der Wellen aus seinem Lager riß, an anderen Plätzen liegen Reste von Schiffsplanken und Balken, deren dunkle Massen zu erzählen wissen von schrecklichem Sturm, namenlosem Unglück, von Not und Tod.
Wir aber stehen am Strande und freuen uns über das sonnenbeglänzte Meer, dessen leuchtende Wogen in rastloser Folge heranrauschen, jubelnd ringt sich auch von unseren Lippen der alte Gruß: „Thalatta, sei uns gegrüßt, du ewiges Meer!“
Lübeck um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts.
Unsere Augen folgen den Schiffen, die schwerbeladen ihren Weg über das Meer suchen und nach den Hafenstädten eilen, deren rote Ziegeldächer und schlanke Türme sich widerspiegeln im Wasser der Küstenflüsse. Im Geiste sehen wir die Orte vor uns und hören auf das, was sie zu erzählen wissen von der Tatkraft ihrer Bewohner und vom Unternehmungsgeist der Vorfahren, die schon auf unbedeutenden Fahrzeugen den Weg nach fremden Ländern fanden und die Produkte der Heimat austauschten gegen die der Fremde. Die jahrhundertealten Türme, die trutzigen Stadttore, die in ihrer Ruhe nicht mehr hineinpassen in das Hasten unserer Tage, sind Zeugen der Tatkraft und des Mutes ihrer Gründer, die sich und die Ihrigen zu schützen wußten gegen räuberische und arglistige Feinde. Das reichgeschmückte Innere der Bauten umfaßt herrliche Kunstschätze, Erinnerungszeichen des Reichtums und der Freigebigkeit der Stifter. In Domen mit mächtigen Kirchenschiffen, hohen Pfeilern, prächtigen Altären und reichgeschnitzten Kirchenstühlen dankten die Zeitgenossen der Hanse Gott, wenn er sie glücklich heimbrachte nach sturmreicher Fahrt. Jene Tage der Hanse sahen ein stolzes Geschlecht. Fest verbündet hielt es sich lange Zeit in Genossenschaften zusammen, immer bestrebt, die Vorteile des Handels, die Quelle seines Reichtums, auszunützen. Die Zeit der Hanse sah ein freiheitliebendes, mutiges Geschlecht. Zahlreiche stattliche Schiffe sandten die Mitglieder des Bundes hinaus, um fremde Staaten und fremde Fürsten zu bezwingen und botmäßig zu machen, meerbeherrschend gebot lange Zeit die freie Reichsstadt Lübeck als das Haupt der Hanse. An jene Glanzzeit erinnern Geibels Worte:
„Wie steigst, o Lübeck, du herauf
In alter Pracht vor meinen Sinnen
An des beflaggten Stromes Lauf,
Mit stolzen Türmen, schart’gen Zinnen.
Dort war’s, wo deiner Erker Zahl
Der Hanse Boten wartend zählten;
Dort, wo die Väter hoch im Saal
Ein Haupt für leere Kronen wählten.
Denn eine Fürstin standest du,
Der Markt war dein und dein die Wege;
Du führtest reich dem Süden zu,
Was nur gedieh in Nordens Pflege.
Es bot dir Norweg seinen Zoll,
Der Schwede bog sein Haupt, der Däne,
Wenn deine Schiffe segelvoll
Vorüberflohn, des Meeres Schwäne.“
Nur ein freies Geschlecht, geführt und geleitet von den tüchtigsten unter seinen Einwohnern, konnte die herrlichen Bauwerke, die die Jahrhunderte überdauerten, schaffen, nur jenes freie und stolze Geschlecht fand nach Mißerfolgen, die auch ihm beschieden waren, den Mut, neue Flotten hinauszuschicken zu neuen Ruhmestaten im Frieden und im Kriege.
Von dieser Zeit der Pracht und der Macht des freien deutschen Bürgertums, deren Zeugen die hochragenden Türme und die prächtigen Rathäuser sind, sollen die folgenden Abschnitte erzählen.
Geschichtlicher Rückblick auf die Zeit der Hanse.
Auf den Weltmeeren zeigt die deutsche Flagge ihre leuchtenden Farben, freudig und stolz begrüßt von den Angehörigen der deutschen Nation, respektvoll beachtet von den Konkurrenten Deutschlands im Welthandel.
Unsere an Ereignissen so reiche Gegenwart läßt die Tage der Vergangenheit besonders lebendig werden, und die heutige Jugend hat die Pflicht, sich mit der Geschichte der Hanse zu befassen, um an der Hand der Erfahrungen einer ruhmreichen Vergangenheit zu erkennen, was die Zeit von unserer Generation fordert.
Unsere Beziehungen zur See bedingen es, daß wir uns mehr mit der glanzvollen Zeit der Hanse beschäftigen, damit unser Volksbewußtsein sich stärkt und zu einer Quelle der Kraft wird für die Ereignisse der Zukunft.
Wohl hat die Geschichte der Hanse etwas Eintöniges an sich, und doch fehlt es jener Epoche der deutschen Geschichte nicht an Ereignissen und Männern, die die tatenfrohe Jugend reizen, von ihnen zu hören und zu lesen.
Die Germanen waren Anwohner der Meeresküste zu der Zeit, aus der die älteste Kunde uns von ihnen berichtet. Die Gestade der Nordsee hatten sie ganz besetzt, an der Ostsee reichte ihr Einfluß bis etwa ans Kurische Haff. Geschichtliche Zeugnisse beweisen, daß sie seekundig waren, und die Besitzergreifung der englischen Inseln spricht für ihren unternehmungsfrohen Seefahrergeist. Jedoch in den Tagen der Völkerwanderung verschwanden die Germanen von den baltischen Küsten, und die Slawen traten an ihre Stelle.
Als dann im 9. und 10. Jahrhundert sich ein gesondertes deutsches Reich nach dem Vertrage zu Verdun im Jahre 843 zu entwickeln begann, stießen an der Kieler Bucht Dänen und Wenden als Grenznachbarn aufeinander.
Karl der Große (768 bis 814) und Heinrich I. (919 bis 936), zwei bedeutende Männer unter den deutschen Herrschern, die den Grund zu unserem deutschen Städtewesen legten, indem sie Niederlassungen an wichtigen Punkten gründeten und diesen dann Vorrechte und Selbständigkeit verliehen, versuchten auch die deutsche Oberherrschaft in den Küstengebieten auszudehnen, weil ihnen die Bedeutung der Seefahrt und des Handels bekannt war. Heinrich I. besonders schützte durch einen siegreichen Kriegszug gegen die Dänen den deutschen Handel vor deren Räubereien, ihren König Gorm machte er sich tributpflichtig.
Otto der Große setzte die Bemühungen seines Vaters fort und wirkte noch mittelbar für das Seewesen durch seinen Heereszug in die Nordmark im Jahre 965, durch den er König Harald zwang, sein Lehnsmann zu werden. Von nun an blieben Könige und Kaiser dem Meere fern, die deutschen Seefahrer waren auf sich allein angewiesen, und bis zum Ende des 11. Jahrhunderts beherrschten die kühnen Normannen die Küsten Deutschlands.
Der deutsche Seehandel erreichte trotz der Seeräubereien der Normannen im 9. Jahrhundert eine große Ausdehnung. Seine Wege führten nach England, nach den nordischen Königreichen und nach Rußland. Deutschen Kaufleuten sollen schon um das Jahr 1000 in London besondere Vorrechte bewilligt worden sein, die später Wilhelm der Eroberer ergänzte. Von Köln kamen reiche Mengen Rheinwein nach England. Etwa um 1070 wurde der Stahlhof am Strande in London gegründet und damit der Mittelpunkt geschaffen, der jahrhundertelang die deutschen Kaufleute in England vereinigte und so einen wichtigen Stützpunkt des deutschen Handels in England bildete.
Im 12. und 13. Jahrhundert begann die große Kolonisation im Ostseegebiet, die eine Ausdehnung des Seeverkehrs mit sich brachte und dadurch zu einem der wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung Deutschlands wurde. Bei Beginn der Regierung Kaiser Lothars im Jahre 1125 kannte die Ostseeküste keine deutschen Bewohner, und als im Jahre 1254 der letzte Hohenstaufenkönig starb, hatten Deutsche das ganze Gebiet bis zum Finnischen Meerbusen inne. Blühende deutsche Gemeinwesen reichten von Kiel bis nach Riga; sie bildeten den Boden, auf dem die deutsche Hanse entstand.
Im Jahre 1158 begann das Werk. Das raschgewachsene, an Bedeutung zunehmende Lübeck gründete in Wisby auf Gotland eine deutsche Handelsgesellschaft. Die zentrale Lage von Wisby, das sich ungefähr auf halbem Wege zwischen Newa und Trave, zwischen dem Sund und dem Meerbusen von Riga, zwischen Weichsel und Mälarsee befand, wurde zu einer bedeutsamen Station für die damalige Schiffahrt, die große Reisen noch ängstlich vermied. Zu jener Zeit begann auch die Kolonisation der Ostseeprovinzen, indem bremische Kaufleute am Meerbusen von Riga Niederlassungen schufen, die erst mit dem Verfall der deutschen Seemacht verloren gingen. Einige Jahrzehnte später kamen Mönche in diese Gegenden, um das Christentum zu predigen, und ihnen folgten niederdeutsche Kreuzfahrer, die diese Landstriche eroberten und die Stadt Riga anlegten.
Die Städte, die auf dem Kolonialboden, der an Größe Deutschland glich, entstanden, wurden Träger eines regen Warenaustausches, einerlei, ob sie im Binnenlande oder an der See lagen; namentlich die letzteren gaben die Mittelpunkte ab für die Verkehrswege nach den nordeuropäischen Meeren. Die vielseitige und umfangreiche Tätigkeit der Städte ließ die deutsche Hanse entstehen. Die Bildung der deutschen Handelsgesellschaft in Wisby, von der oben die Rede war, weist auf die Begründung der Hansen hin. Das Wort Hansen ist eine vlämisch-gotische Zusammensetzung für den Ausdruck Genossenschaft und schließt die Bedeutung „Verbindung zu gemeinsamem Zweck mit Zahlung von Beiträgen“ in sich. Um das Jahr 1200 bildete sich die erste Hanse in Brügge, die sogenannte flandrische Hanse, die eine Genossenschaft von siebzehn Städten umfaßte und regelmäßigen Großhandel mit England betrieb. Ihr Vorort war Brügge, damals die erste Handelsstadt Nordeuropas.
Wisby zur Zeit der Hanse.
Nach einem Stich von Merian.
Im Jahre 1229 schlossen die deutschen Kaufleute von Wisby ein Abkommen mit dem Fürsten von Smolensk, das für Lübeck, Bremen, Riga, Groningen, Münster, Soest und Dortmund Gültigkeit hatte. Zum ersten Male traten deutsche Kaufleute in der Ferne einig auf, um sich durchzusetzen, und für ihre Verbindung prägten sie das Wort: ‚Der gemeine deutsche Kaufmann‘. Die Bezeichnung ‚Hanse‘ brachte eine spätere Zeit auf. Die Vorrechtstellung von Wisby, an dessen Größe und Herrlichkeit noch heute die Ruinen der mächtigen Stadtmauer, die hohen Gewölbe der ehemals prächtigen Kirchen und die alten Treppengiebelhäuser erinnern, gründete sich insbesondere auch auf die Privilegien, die sich die ‚Kaufleute von Gotland‘ im Jahre 1257 von Heinrich III. in England erwarben. Handels- und Zollfreiheit wurden ihnen zugesichert; dies war nicht ein Vorrecht der Gotländer oder der Bürger von Wisby, sondern der gotländischen deutschen Genossenschaft, deren Mitglieder aus den verschiedensten Städten vom Rhein bis zum Finnischen Meerbusen stammten und im Osten wie im Westen Handel trieben. Den Angehörigen der Genossenschaften sollte der Weg nach beiden Richtungen offen stehen.
Die Schlacht bei Bornhöved am 22. Juli 1227.
Nach einer alten Lithographie.
Der Einfluß und die Bedeutung der Genossenschaft wuchs, als eine der in der Vereinigung vertretenen Städte — Lübeck — die Führung an sich brachte. Die günstige Lage am inneren Winkel der Ostsee, die Nähe der Salzwerke Lüneburgs, der schiffbare Strom, dazu die gesicherte Lage auf einem Hügel zwischen Trave und Wakenitz machten es zu einer Niederlassung, in der die Fäden der Handelswege zwischen Westdeutschland und den baltischen Plätzen zusammenliefen. Mächtig förderte Herzog Heinrich der Löwe Lübeck, und die ihr verliehenen Vorrechte blieben der Stadt erhalten zum Vorteil der deutschen Sache, als Friedrich Barbarossa Lübeck im Jahre 1188 zur Reichsstadt erhob.
Die Jahre des Zerwürfnisses zwischen Hohenstaufen und Welfen brachten den Aufstieg Dänemarks und eine Ausbreitung seines Gebietes. Im Jahre 1214 überließ Friedrich II. die Siedelungen bis nach Vorpommern dem Dänenkönig Waldemar. Erst die glücklich verlaufene Schlacht bei Bornhöved in Holstein im Jahre 1227 brachte den deutschen Ländern und den Städten, darunter auch Lübeck, die ersehnte Befreiung. Jetzt begann die Stadt sich emporzuarbeiten; die Anerkennung des Kaisers als freie Reichsstadt erhielt Lübeck. Dänemark ließ nicht leichten Kaufes die aufblühende Stadt fahren und schloß im Jahre 1234 Lübeck zur See und zu Lande ein. Lübecks Kriegskoggen, schnell ausgerüstet, durchbrachen die dänische Sperrflotte und vernichteten sie gänzlich, und damit hefteten sie den ersten deutschen Seesieg über eine bedeutende feindliche Übermacht an ihre Fahnen. Dieser erfolgreiche Kriegszug begründete, gestützt auf die Tüchtigkeit der lübeckischen Flotte, die Vormachtstellung dieser Stadt. Zum ersten Male waren die Deutschen Herren der Ostsee. Im Jahre 1241 ging Lübeck ein Bündnis mit Hamburg ein, um eine Flotte zu schaffen, deren Unterhaltung auf gemeinsame Kosten geschah und deren Aufgabe Offenhaltung des Seeverkehrs war.
Lübecks Flotte verheerte wenige Jahre darauf in einem Kriege mit Dänemark die dänische Küste. Sie zerstörte das Schloß von Kopenhagen und zertrümmerte auch das den Dänen unterworfene Stralsund. Trotz einiger Fehlschläge erbrachte der Friede vom Jahre 1254 nur Günstiges für die Stadt.
In der deutschen Geschichte begann die Periode der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit, in der Zuchtlosigkeit und Raub herrschten. Die deutschen Städte an den Seeküsten, die sich bis dahin immer noch auf deutsche Fürsten stützen konnten, blieben mehr auf sich allein angewiesen und mußten ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. ‚Der gemeine deutsche Kaufmann‘ hatte sich dank seiner Tüchtigkeit und Rührigkeit im Auslande günstige Stellungen erworben. Weitgehende Vorrechte kamen ihm sehr zustatten und brachten ihm Erfolge. In Brügge, London, Bergen, Nowgorod, überall hatten die deutschen Kaufleute ihre besonderen Kontore, denen die Landesherren jener Gebiete Vorrechte überließen, und die damit zu wertvollen Stützpunkten des Handels wurden. Von ihnen soll weiter unten noch die Rede sein.
In jener Zeit schloß Lübeck ohne besonderen Auftrag im Namen ‚des gemeinen Kaufmannes römischen Reiches‘ Verträge, in denen es die gleichen Vorteile für alle deutschen Städte forderte. Eine edle Gesinnung, ein weitblickender staats- und kaufmännischer Geist sprachen aus solchem Vorgehen, das außerdem das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit offenbarte. Gerade die Berührung mit dem Auslande brachte die Anschauung hervor, daß der Deutsche ohne Unterschied des Standes oder Wohnortes als Angehöriger und Gleichberechtigter angesehen wurde.
Wie im Binnenlande gegen das Raubrittertum ein rheinischer Städtebund aus siebzig Städten, die von den Niederlanden bis hinauf nach Basel lagen, sich bildete, um durch die Selbsthilfe der Bürger sich in der Zeit der Gesetzlosigkeit zu schützen, so vereinigten sich auch die Seestädte. Über etwaige Verhandlungen, die über den engeren Zusammenschluß der späteren Hansestädte gepflogen worden sind, wird nichts in den Chroniken berichtet. Um das Jahr 1260 trat der erste Hansetag in Lübeck zusammen. Das Jahr kann nicht genau angegeben werden; nur spärliche Nachrichten berichten über diesen wichtigen geschichtlichen Vorgang. Schon die Zahl der Städte, die sich dem Hansebund anschlossen, schwankt. Man darf als sicher betrachten, daß manche der binnenländischen Städte die Verbindung mit der Hanse nur wegen der damit verknüpften Handelsvorteile suchten; dem Geschick des Bundes brachten sie nur geringe Anteilnahme entgegen.
Doch wenden wir uns nun den besonderen Merkmalen der Hanse zu. Die Eigenart der Vereinigung wurde gekennzeichnet durch das Fehlen einer festen Organisation. Eine zentrale Gewalt gab es nicht. Gemeinsame Streitkräfte zu Wasser und zu Lande waren nicht vorhanden, und darum erübrigte sich auch eine gemeinsame Finanzverwaltung. Die Gleichberechtigung aller Mitglieder gestand dem Vororte Lübeck nur die freiwillige Leitung zu, weil seine Bürgermeister und Ratsherren sich durch politischen Blick und staatsmännisches Geschick auszeichneten. Lübeck war weitsichtig und auch opferfreudig genug, die Lasten der Unterhaltung einer Kriegsschiffsflotte zu übernehmen.
Die deutschen Fürsten wehrten sich oft gegen das Reich- und Mächtigwerden der Städte. Wenn sie nicht zu bestimmten Zeiten des Beistandes der freien Reichsstädte dringend bedurften, standen sie ihnen feindlich gegenüber. Und doch umschlossen die Städte in jenen Tagen die Mittelpunkte des religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens.
Hamburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Nicht nur gegen ausländische Feinde mußten sich die Hansestädte wehren, — denn alle fremden seefahrenden Nationen waren ihre Konkurrenten, die ihren Einfluß geltend machten, um die Handelswege der Hansen zu stören, — sondern oft hatten die Städte eine Frontstellung gegen einheimische Fürsten inne. Aus dieser Schilderung erkennt man die Schwierigkeiten des Bundes, die nur eine ebenso vorsichtige wie kluge Leitung überwinden konnte. Auch an inneren Reibereien und Feindseligkeiten fehlte es dem Bunde nicht. Die Wünsche der Seestädte und der Binnenstädte gingen oft weit auseinander, und das einzige Zwangsmittel, das den Bund in sich festigte, war das ‚Verhansen‘, das heißt: Ausscheiden und in Verruf erklären. Mit dem in Verruf erklärten Orte durfte kein Verkehr gepflogen werden. Eine Polizei, die die Durchführung der Maßnahmen des Bundes überwachte, gab es nicht. Beschwerden konnten nur auf den regelmäßig stattfindenden Hansetagen, die von den Abgesandten der Bundesstädte besucht waren, vorgebracht werden. Wie wirksam die Verhansung sein konnte, erfuhr Bremen, das im Jahre 1355 in die Acht kam und nach drei Jahren, nachdem es schwere Verluste erlitten hatte, um seine Wiederaufnahme ersuchte.
Die Städte, die das Gebiet der Hanse umfaßten, gliederten sich in drei Gruppen. Zur wendischen Gruppe gehörten: Lübeck, Hamburg, Wismar, Rostock, die pommerschen Städte Stralsund, Greifswald, Anklam, Stettin, Kolberg usw. Sie hießen die Osterlinge. Zur friesisch-holländischen Gruppe gehörten Köln, die westfälischen Städte Soest und Dortmund, ferner Groningen usw. Sie wurden die Westerlinge genannt. Die letzte Gruppe bestand aus Wisby und den Städten in den Ostseeprovinzen: Riga usw.
Die Hanse wuchs aus den Verhältnissen ihrer Zeit heraus und war die Form, welche der deutsche Kaufmann zu seiner Machtstellung im Auslande sich schuf. Der hansische Kaufmann, namentlich der Lübecker, erkannte den Wert der Seemacht und stellte deshalb die Mittel bereit, die zur Unterhaltung see- und kampftüchtiger Schiffe dienten. Die Machthaber der Hanse errangen mit Geschick günstige Stellungen im Handel der Nord- und Ostseegebiete. Nicht unangebracht wäre es, das Wort Monopol dafür zu setzen. Ihr Streben richtete sich darauf, in den fremden Staaten große Vorrechte zu erhalten, wie freie Niederlassung, freien Betrieb des Handels, geringen oder gar keinen Zoll für Waren, Freiheit von Abgaben, Gründung von eigenen Häusern und Höfen und schließlich eine eigene Gerichtsbarkeit. Die hansischen Handelsherren, namentlich die von Lübeck, nutzten vortrefflich die Schwächen der Nachbarstaaten für sich aus. In den umliegenden Ländern wußten sich die Hansen nach den verschiedensten Seiten hin unentbehrlich zu machen, so daß dort die Erkenntnis aufkam, der Verkehr mit den deutschen Seestädten schließe einen Vorteil in sich. Um diese Vormachtstellung für die Hansen zu erringen, war man in der Wahl der Mittel nicht immer ängstlich. Verhalfen Geschenke und Bestechungen nicht zum gewünschten Erfolg, so schufen der Angriff zur See und zu Lande, Gewalttaten allerlei Art meistens eine zufriedenstellende Lösung. —
Im nun folgenden geschichtlichen Überblick können nur einige der wichtigsten Abschnitte der Hanse gekennzeichnet werden, weil die deutsche Geschichte des Mittelalters, wie auch die der nordischen Reiche eine Mannigfaltigkeit von rasch wechselnden Ereignissen in sich birgt, die nicht alle berücksichtigt werden können.
Es war im Jahre 1280. — Lübeck und Wisby schützten gemeinsam den Handel im Gebiete der Ostsee. Schon drei Jahre später nach diesem Seepolizeidienst verband sich die Hanse mit den Herzögen von Mecklenburg und Pommern gegen die Markgrafen von Brandenburg, um den Frieden zu erhalten, und König Erich Glipping von Dänemark trat dem Bündnis bei, da er in Verwicklungen mit Norwegen stand. Der erste, der die Stärke des neuen Bundes fühlte, war König Erich von Norwegen, genannt ‚der Priesterfeind‘. Die enge Verbindung der Hansen mit Dänemark beantwortete der norwegische König mit allerlei Gewaltmaßregeln, durch die er die Hansen ernstlich treffen wollte. Der Norweger beschlagnahmte nicht nur in Bergen deutsche Handelsschiffe, sondern eignete sich auch das dort lagernde deutsche Handelsgut an, um den Handel der Hansen zu stören.
Unter der Oberleitung Lübecks rüsteten die wendischen Städte Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Stettin, ferner Riga und Wisby eine Flotte aus, auch verboten sie die Getreide- und Bierausfuhr an die arme Küste. Norwegische Häfen wurden eingeschlossen oder verwüstet, die Schiffe fortgenommen, so daß dem bedrängten Fürsten nichts weiter übrigblieb, als mit den Hansen den Frieden zu Kalmar im Jahre 1285 zu schließen. 6000 Mark Silber zahlte König Erich, dazu lieferte er die beschlagnahmten Schiffe aus, ferner bestätigte und erweiterte er die alten Vorrechte der Deutschen, dazu versprach er, in allen künftigen Streitigkeiten mit Dänemark sich dem Schiedsspruche von drei Hansestädten zu unterwerfen. Unerwartet hatte damit die Hanse eine bedeutende Hebung errungen, sie wurde Schiedsrichterin in Streitfällen zwischen den nordischen Reichen.
Die innere Ordnung der Verhältnisse in Dänemark unter Erich Menved (1286 bis 1319) raubte der Hanse wieder die Vorrechtsstellung, merkwürdigerweise wurde Lübeck diesem Dänenfürsten untertan. Im Jahre 1307 stellte es gegen Zahlung eines jährlichen Tributs sich wegen der schweren Angriffe der holsteinischen Grafen auf zehn Jahre unter seinen Schutz. König Erich umschloß Rostock mit Hilfe ‚aller deutschen und slawischen Fürsten jener Gegend‘ zu Wasser und zu Land, und er bezwang die Stadt trotz des Beistandes von Stralsund. Aus diesen Kriegen ging die Hanse geschwächt hervor, ihr Waffenruhm war für eine Zeit dahin.
Die Gründe für das überraschende Ergebnis, dreißig Jahre nach großen Kriegserfolgen, hat man in den Mängeln der politischen und militärischen Ordnung des Bundes zu suchen. Außerdem haben die Fehden mit ihren deutschen Nachbarn schwer auf die Städte gedrückt. Zwei Jahre nach diesen Schlägen bot das Glück den Hansen wieder die Hand. König Erich Menved starb, und damit hörte die Ruhe und Ordnung in seinen Staaten auf. Die Dänen, die mit sich selbst genug zu tun hatten, gaben ihre auswärtigen Errungenschaften auf, im Jahre 1320 kauften die Lübecker die dänische Feste von Travemünde zurück, die Rostocker wurden die Danskeburg vor dem Hafen los.
Als Christoph II., der Bruder und Nachfolger von König Erich, von den Großen seines Reiches verjagt wurde, hielten sich die Lübecker zu ihm und führten ihn in sein Land zurück. Aus Dankbarkeit gewährte er dem deutschen Kaufmann wiederum große Handelsvorteile. Dies gleiche führte auch Magnus von Norwegen im Jahre 1343 wieder durch, trotzdem er der Hanse keineswegs günstig gesinnt war. In jenen Jahren verschwand der Handel der nordischen Reiche und der russischen Gebietsteile aus der Ostsee. Englands Handel spielte eine minder bedeutende Rolle, die Hanse aber herrschte von der Newa bis an die Küste Hollands, ihr Einfluß über die See und über den Handel war so groß wie nie zuvor. Auch in England faßte die Hanse wieder festeren Fuß, weil der bedrängte König Eduard IV. mit hansischer Unterstützung aus seiner Lage befreit wurde. Für die ihm gewährten Geldunterstützungen verpfändete er die Zolleinnahme auf Wolle, die Zinngruben in Cornwall und anderes mehr an die Hansen. Die große Zeit der Hanse begann, ihre machtgebietende Stellung in Nord- und Ostsee gab ihr eine Ruhezeit, in der sie sich kräftigte für die kriegerischen Auseinandersetzungen mit König Waldemar IV. von Dänemark. Von 1340 bis 1375 führte Waldemar das Regiment in Dänemark, und ihm glückte es, nachdem er zwei Jahrzehnte an der Festigung und an der Mehrung seiner Macht gearbeitet hatte, ohne mit den Hansen in Streit zu geraten, Kräfte seines Landes für auswärtige Unternehmungen freizubekommen.
Wohl erkannte der Hansebund, daß die Erstarkung Dänemarks eine Gefahr für ihn bedeute, jedoch raffte sich die Hanse zu keinem Entschluß auf, die Entwicklung Dänemarks mit Gewalt zu hindern, auch ließen innere Streitigkeiten die Lösung dieser Aufgabe zurücktreten.
Die Hansen glaubten genug getan zu haben, wenn sie durch Anstiftung von Unruhen in Dänemark die Kräftigung des dänischen Staates hinderten. Ihre Bemühungen blieben ohne Erfolg. Im Jahre 1360 traf Waldemar durch die Eroberung von Schonen zum ersten Male den Hansebund; noch zauderten die Städte mit dem Losschlagen, da traf sie auch schon der zweite Schlag. Waldemar landete im Jahre 1361 auf Gotland, nahm das reiche Wisby und plünderte es gegen ein gegebenes Versprechen. Die Sage berichtet:
„Nach Zentnern wogen die Goten das Gold,
Zum Spiel dienten die edelsten Steine;
Die Frauen spannen mit Spindeln von Gold,
Aus silbernen Trögen fraßen die Schweine —“
Eine Menge Kostbarkeiten, viele Wertsachen und Vorräte wurden eine Beute König Waldemars. Wie die Sage weiter berichtet, gelang es ihm nicht, die geraubten Schätze nach Dänemark zu bringen. Bei einem mächtigen Sturm in der Nähe der Karlsinseln versanken sie in die Fluten, und der König rettete mit genauer Not sein Leben.
Jetzt waren den Hansen die Augen geöffnet, und die Ratssendboten der preußischen und wendischen Städte, die in Greifswald versammelt waren, beschlossen am 1. August, vier Tage nach dem Einzuge Waldemars in Wisby, ein Handelsverbot gegen Dänemark. Noch in demselben Monat verbanden sich die wendischen Städte mit den Königen von Schweden und Norwegen.
Brandschatzung der schwedischen Hansestadt Wisby durch den dänischen König Waldemar IV.
Nach einem Gemälde von C. G. Hellquist.
In großzügiger Weise trafen die Verbündeten die Vorbereitungen, um gegen den dänischen Fürsten ihre Rechte zu verteidigen. Im Frühjahr 1362 begann der Feldzug. Die Eroberung der Insel Gotland samt Wisby, die Plünderung des ‚deutschen Hofes‘ durch die Dänen erforderte Sühne. Die hansische Flotte unter Admiral und Bürgermeister Wittenborg erschien in rascher Fahrt im April vor Kopenhagen und im Sunde, die Belagerung der Hauptstadt gab sie jedoch auf Wunsch der nordischen Verbündeten auf und wandte ihre ganze Kraft gegen Helsingborg, das damals noch allein den Eingang zum Sund beherrschte. Schweden und Norwegen hielten ihr Versprechen nicht, die von ihnen zugesagten zweitausend Mann trafen nicht ein. Zwölf Wochen belagerten die Hansen die starke Feste; um auch am Lande stark zu sein, entblößten sie die Schiffe zu sehr von Mannschaften. Dem König Waldemar entging diese günstige Gelegenheit des Angriffes nicht. Es gelang der dänischen Flotte, die sorglosen Hansen unter Admiral Wittenborg zu überraschen und zu schlagen. Zwölf Koggen wurden in diesem Kampfe erobert oder vernichtet, zahlreiche Gefangene und eine Anzahl Handelsschiffe fielen in die Hände der Dänen. Unter großen Verlusten schifften sich die hansischen Söldner ein und fuhren nach Lübeck zurück. Die Heimkehr brachte dem besiegten Feldherrn kein Glück. Die Lübecker hielten scharfen Gerichtstag, und mit dem Tode, den er auf dem Marktplatze zu Lübeck durch Henkershand im Jahre 1363 erlitt, sühnte Admiral Wittenborg seine Sorglosigkeit. Die gegenseitigen Anstrengungen erforderten nach diesem harten Schlage eine mehrjährige Waffenruhe.
Hinrichtung des Bürgermeisters Joh. Wittenborg auf dem Markt zu Lübeck.
Nach einer Federzeichnung in Rehbeins Chronik, etwa 1620.
In dem Vertrage wurden den Hansen ihre Handelsvorteile gelassen, jedoch Waldemar kümmerte sich wenig um die Vereinbarungen, und bald kamen aus den Städten die heftigsten Klagen über allerlei Vergewaltigungen.
Im November des Jahres 1367 beschlossen auf dem Hansetag in Köln siebenundsiebzig Städte einen neuen Krieg gegen Dänemark und Norwegen. Eine machtvolle Flotte wurde ausgerüstet. Den ersten Angriff der vereinigten Flotte hatte Norwegen auszuhalten. Im Frühjahr 1368 verheerten die Hansen die Küste Norwegens so nachdrücklich, daß König Hakon um einen Waffenstillstand nachsuchte. Dann fuhren die verbündeten Hansen nach dem Sunde, eroberten in kurzer Zeit Kopenhagen, das feste Schloß Helsingör und verwüsteten Seeland. Gleichzeitig eroberte Albrecht von Schweden, der mit den Hansen gemeinsame Sache machte, Schonen und belagerte Helsingborg. König Waldemar weilte als Flüchtling im Ausland. Am 24. Mai 1370 schloß der Hansebund den ruhmreichen Frieden zu Stralsund, in dem ihm neben einer Kriegsentschädigung das bedeutungsvolle Recht zugesprochen wurde, die Könige der nordischen Reiche zu bestätigen. Damit stand die Hanse auf ihrem Gipfelpunkt, ein Städtebund triumphierte über Könige und Fürsten.
Nach diesem großen Erfolge ließ die Hanse es an der nötigen Aufsicht und an der notwendigen Einheit fehlen. Die Seekaperei und der Seeraub begannen überhandzunehmen. Wismar und Rostock hielten es im Jahre 1390 für angezeigt, Kaperbriefe gegen Schiffe der drei nordischen Reiche auszugeben. Statt daß die Verhältnisse sich besserten, verursachte dieses Vorgehen nur eine Verschlimmerung. Eine feste Seeräubergesellschaft mit dem Hauptstützpunkt in Wisby bildete sich; ihre Anhänger nannten sich ‚Likendeeler‘, auch unter dem Namen ‚Vitalienbrüder‘ sind sie bekannt geworden. Alles, was nicht zu diesen beiden Städten gehörte, sahen die Raubgeschwader als willkommene Beute an. Nicht nur, daß sie die See unsicher machten; ihre Wege führten sie auch nach Bergen, das sie plünderten und damit der Hanse großen Schaden zufügten. Im Jahre 1394 schickte Lübeck eine Flotte von vierunddreißig Koggen gegen sie aus, ohne jedoch einen bemerkenswerten Erfolg zu erringen.
Erst als die Likendeeler im Jahre 1398 Wisby und Gotland durch das Vordringen des deutschen Ordens verloren, suchten sie ihren Hauptstützpunkt in der Nordsee, wo sie noch lange ihren Räubereien oblagen.
Von einem ihrer verwegensten Anführer, Klaus Störtebeker und seinen Genossen, soll in einem anderen Kapitel die Rede sein. Im Jahre 1401 wurde er durch die Hamburger gefangengenommen und hingerichtet.
Unter den Seehelden der Hanse, die in den nachfolgenden Jahren eine Rolle spielten, müssen Kurt Bokelmann und Paul Beneke, die beiden Danziger Anführer, genannt werden, da sie in der Mitte und gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts die Tüchtigkeit der hansischen Seehelden durch bemerkenswerte Taten bewiesen; von ihnen wird noch die Rede sein.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts begann der Hansebund sich zu lockern; die mancherlei Eigenwege, die die im Hansebund zusammengeschlossenen Städte einschlugen, zersetzten den Bund immer mehr und mehr.
So führten die holländischen Städte Handel auf eigene Faust, der sie durch ihre günstige nähere Lage zum Ozean besonders fördern konnte. In den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Hanse und König Erich von Dänemark, die wegen der Erhebung eines Sundzolles in den Jahren 1427 bis 1435 entbrannten, hielten die Holländer strenge Neutralität und schufen sich dadurch Vorteile, der Hanse aber Nachteile, die schließlich im großen und ganzen das festhielt, was sie besaß.
Hin und her schwankte in jenen Jahren das Kriegsglück; unter sich uneins, griffen die Hansestädte wieder zum Kaperkriege, bei dem ihnen die Vitalienbrüder willkommene Bundesgenossen waren. Rostock und Stralsund bröckelten im Jahre 1430 vom Bunde ab, indem die beiden Städte durch einen Sonderfrieden, den sie mit Dänemark eingingen, die Gesamtinteressen verletzten. Die übrigen Hansestädte schlossen im Jahre 1435 mit dem Dänenfürsten den Frieden zu Vardingholm. Der König bestand nicht mehr auf dem Sundzoll und zahlte sogar eine geringe Entschädigung, nicht in Rücksicht auf die Kraft der Hansen, sondern weil die Verhältnisse in seinen Reichen ihn zum Nachgeben zwangen.
Die größte Bedeutung in der Lockerung des Hansebundes hat die Tatsache, daß vom Jahre 1425 an der große Zug der Heringe zur Ostsee ausblieb. Die an der Südwestspitze Schonens bei Skanoer und Falsterbo im Sommer und im Herbst errichteten umfangreichen Heringslager, unter dem Namen ‚Fitten‘ in der Geschichte bekannt, büßten an Bedeutung ein. Tausende von Fischern, Schiffern und Kaufleuten aller Nationen hatten sich viele Jahre hindurch hier zusammengefunden, und nun, da der Hering auf seinem Zuge jetzt die südliche Nordsee aufsuchte, büßten die alten Niederlassungen ihre Bedeutung ein. Die Niederlande aber nahmen an Bedeutung zu, da sie jetzt der Welt die bedeutsamste Fastenspeise — den Hering — lieferten.
Ein Kaperkrieg, der zwischen der Hanse und Holland ausgefochten wurde, brachte den Hansen Verluste und hatte als Endergebnis im Jahre 1441 die endgültige Trennung der holländischen Seestädte von der Hanse; das kleine Holland begann zuversichtlich seinen Welthandel zu entwickeln. Die Politik der Hansen war nicht mehr so sicher, so tatkräftig und so umsichtig wie früher. Ein vorsichtiger Krämergeist verursachte, daß nicht mehr wie sonst eine hinreichend starke Flotte unterhalten wurde, und als dann die drei nordischen Reiche in einer Hand vereinigt waren, bildeten sie eine Macht wie nie vorher. Die Hanse ließ es zu, mußte es zulassen, weil sie untätig war und sich mit der papierenen Zusicherung ihrer alten Vorrechte begnügte.
Inzwischen begannen die Verwicklungen mit England, die zu Kriegen führten, da die Engländer in den hartnäckigen französisch-englischen Auseinandersetzungen sich zeitweise mit Gewalt an den hansischen Schiffen bereicherten; die Engländer taten dies, weil sie wußten, daß hinter den einzelnen deutschen Städten keine Macht stand, und an eine Einigkeit der Hansestädte glaubten sie nicht. König Eduard IV. von England nahm im Jahre 1468 den Hansen ihre Vorrechte, setzte den deutschen Kaufmann gefangen, schloß den Stahlhof zu London und beschlagnahmte die deutschen Güter; nur die Kölner blieben verschont. Jetzt einigten sich die Städte. Auf dem Hansetag im Mai 1469 wurde auf Antrag von Lübeck beschlossen: 1. der Krieg gegen England, 2. das Verbot des Verkaufs englischer Waren im Gebiete der Hanse, 3. die Unterbindung des Verkehrs mit England.
Große Unternehmungen leiteten die Hansen nicht ein, sie versuchten es vorwiegend mit einem Kaperkriege, in dem sich besonders der Danziger Schiffsführer Paul Beneke hervortat.
Als eine starke Hanseflotte englische Küstengebiete viele Meilen weit verheerte und eine Reihe Schiffe fortgenommen hatte, bequemte sich Eduard IV. im Jahre 1474, Frieden zu schließen, der Hanse ihre Vorrechte wieder zu bestätigen und eine Kriegsentschädigung zu zahlen. Er tat dies, weil England die Absatzgebiete der Hanse noch brauchte.
Gegen Rußland konnte die Hanse bedeutsame Schritte nicht unternehmen, da diesem Staate ein Küstengebiet fehlte. Als Iwan I. im Jahre 1494 den deutschen Hof in Nowgorod ausplünderte, legte er die dort wohnenden neunundvierzig Deutschen in Ketten und fügte dadurch der Hanse schweren Schaden zu. Wohl rief sie den Kaiser um Hilfe an, der aber half nicht.
Wenige Jahre später erwirkte sich König Johann von Dänemark einen Achtbrief gegen Schweden. Die Hanse wurde hierdurch in ihrem Handelsverkehr gehindert. In diesen Zeiten erfuhr das feste Gefüge des Bundes eine große Lockerung. Als Lübeck am Ende des Jahres 1509 Dänemark den Krieg erklärte, schlossen sich ihm nur noch Rostock, Wismar und Stralsund an. Aber die Tatkraft der Hansestädte erfocht noch einmal den Sieg. Am 9. August 1510 wurde bei Bornholm den Dänen in einer Seeschlacht ein großer Verlust zugefügt; sie blieb aber nur unentschieden, weil die Stralsunder Schiffe zu spät kamen. Die dänischen Inseln waren schon vorher von den Hanseschiffen heimgesucht worden. Wenige Tage nach dem 9. August griffen die Hansen vor Danzig eine holländische Handelsflotte an und erbeuteten zahlreiche Schiffe. Am 18. August des gleichen Jahres kam es erneut zu einem Treffen bei Hela, in dem die dänische Flotte geschlagen wurde, dazu betrieben Lübeck und Kolberg den Kaperkrieg mit Erfolg, so daß die Überlegenheit der Hanse zur See bestehen blieb und der Friede zu Malmö im Jahre 1512 ihre Vorrechte bestätigte.
Wohl hatten die Hansen ihre Macht noch einmal gezeigt, aber die politischen Verhältnisse hatten während der zweieinhalb Jahrhunderte eine große Veränderung erfahren. Die Staaten, in denen die Hanse so große Vorrechte besaß, waren zu einem Lehns- und Beamtenstaat geworden; die Macht der Königswürde wuchs und damit auch das Bestreben jener Größen, nicht mehr den Seehandel des eigenen Landes in fremden Händen zu sehen. Dazu wollten die Fürsten sich des Rechtes, an ihrer Landesgrenze Zölle zu erheben, nicht länger begeben, noch sich Einschränkungen auferlegen lassen. Auch die günstigen Vorrechte, die der Hanse zustanden, wurden als lästig und drückend empfunden. Kurzum, die Zeit, in der sich Monopole des Seehandels aufrechterhalten ließen, war mit dem Mittelalter vorbei.
Leider erkannten die sonst so weitsichtigen Staatsmänner der Hanse diese Veränderungen der Zeitverhältnisse nicht. Sie hielten zu stark und zu fest an alten überkommenen Zielen. Die Seegrenzen, die die Haupthansestädte umfaßten, waren viel zu groß, dazu das Einflußgebiet der einzelnen Hansestädte zu verschiedenartig. Als notwendige Folge konnte die Abbröckelung des Bundes nicht ausbleiben. Die großen Entdeckungen des Mittelalters, die Reformation mit ihren durchgreifenden Erregungen der Gemüter führten auch zu einer Änderung auf sozialem Gebiete, durch das Schwankungen in die Verhältnisse hineinkamen.
In den Hansestädten wollten auch die minderbemittelten Kreise, die Handwerker, Einfluß auf die Regierung der Stadt haben und nicht allein alle Macht in den Händen der Kaufleute sehen. Die Gärung der Geister ging nicht spurlos im Treiben der Zeit vorüber, allein zum Ausbruch kam sie erst später.
Bürgermeister Jürgen Wullenweber (1492–1537).
Gemälde im Museum zu Lübeck.
Noch einmal griff die Hanse in die Geschicke der nordischen Reiche ein. Es war im Jahre 1520, als Karl V. Kaiser von Deutschland wurde und bei den Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Ferdinand die Niederlande, Westfriesland und Utrecht für sich behielt. Damit ging das Gebiet des Reiches von der Ems bis nach Dünkirchen für Deutschland verloren und kam in enge Beziehungen zu Spanien. Diese Trennung von Deutschland kam dem niederländischen Handel zugute und erfuhr noch eine bedeutende Steigerung, als Christian II. von Dänemark, ein Schwager Karls V., die niederländischen Handelsbeziehungen besonders begünstigte. Sein Plan ging dahin, ganz Schweden zu erobern; Schonen, den südlichen Teil Schwedens, besaß er schon. Dazu erstrebte er, Kopenhagen zum Mittelpunkte der Ostsee zu machen, um die alte Vormachtsstellung des hansischen Handels vollständig zu untergraben. Im Jahre 1519 floh Gustav Wasa, König von Schweden, vor Christian II. nach Lübeck und erbat hier Hilfe und Beistand. In den kriegerischen Auseinandersetzungen der nachfolgenden Jahre machte sich Christian II. durch das Stockholmer Blutbad furchtbar verhaßt. Einen Aufstand, den Gustav Wasa erregte, begünstigte die Hanse offen; sie unterstützte Schweden durch die Entsendung einer Flotte, die Bornholm verwüstete, Kopenhagen und Stockholm belagerte. Der dänische Kommandant von Stockholm übergab im Jahre 1523 dem hansischen Admiral die Schlüssel Stockholms, und Gustav Wasa zog als Gustav I. in seine Hauptstadt ein. Eine Reihe von Vorrechten bildeten den Lohn für die Mühe der Hanse. Christian II. mußte sein Land verlassen, da mit Hilfe der Hanse in Jütland Friedrich I. von Holstein zum König ausgerufen wurde. Für den neuen König eroberten die Hansen Seeland und belagerten Kopenhagen, das am 24. April 1524 sich ergab. So kam der neue dänische König durch die Hansen in den Besitz seines Reiches und seiner Hauptstadt. König Christian II. entfloh vorher und versuchte nach einigen Jahren mit Hollands Hilfe Norwegen für sich zurückzuerobern. Es gelang ihm, für eine kurze Zeit an der Küste festen Fuß zu fassen, jedoch eine Flotte der Hansen schlug ihn aufs Haupt. Christian begab sich in die Gefangenschaft seines Oheims Friedrichs I., der ihn siebenundzwanzig Jahre lang in harter Haft bis zu seinem Tode im Jahre 1559 im Schlosse zu Sonderburg hielt.
Diese Leistungen: die Einführung Gustav Wasas in sein Reich, die Erhebung Friedrichs I. zum König von Dänemark nach dem Sturze Christians II., bedeuteten die letzten Äußerungen der Kraft der Hanse. Das Ende nahte. —
Schon vor dem letzten Seezuge gegen Christian II. von Dänemark brachen in Lübeck um das Jahr 1500 herum Unruhen aus, deren Endziel darin bestand, die alte Verwaltung zu stürzen und an ihre Stelle eine neue zu setzen. Jürgen Wullenweber, der gefeierte, in Romanen und Dichtungen verherrlichte Bürgermeister der Zeit der Aufstandsbewegung, trat an die Spitze Lübecks und damit auch in den Vordergrund des Hansebundes. Sein Ziel war, die alte Stellung der Hanse unter der Vorherrschaft Lübecks im Handelsverkehr des Ostseegebietes wiederherzustellen. Insbesondere richtete sich seine Tätigkeit gegen Holland. Im Krieg gegen diesen Staat schickte er Marx Meier mit einem Geschwader nach der Nordsee. Er selbst fuhr mit einer Flotte nach dem Sunde und versuchte hier, Dänemark und Schweden zum Kampfe gegen Holland zu gewinnen. Gustav I. schlug diese Forderung nicht nur ab, sondern widerrief auch die früher bewilligten Vorrechte.
In Dänemark starb gerade Friedrich I., und Wullenweber versuchte, die dänische Krone Herzog Christian von Holstein zu geben. Dieser verband sich mit Schweden, Dänemark und Holland gegen die Hansen, da er die Krone aus den Händen der Hansen nicht annehmen wollte. Im Jahre 1534 begann Wullenweber den Feldzug mit Erfolg. Ein Teil der Truppen fiel in Holstein verheerend ein. Wullenweber selbst fuhr mit einer starken Flotte nach Kopenhagen, das er belagerte. Eine Reihe dänischer und schwedischer Schiffe fielen ihm zur Beute. Die holländischen Schiffe wurden ausgeplündert und im Sunde ein Sundzoll erhoben. Durch eine angestiftete Verschwörung erreichte er, daß Malmö und die Häfen auf Seeland sich ergaben, ebenso Kopenhagen; die dänische Flotte vereinigte sich mit der seinigen; die kleineren dänischen Inseln und Schonen schlossen sich ihm an. Allüberall begannen die Bauern in Aufständen gegen die Vorherrschaft des Adels zu wüten. Christian von Holstein ward in Jütland als König Christian III. ausgerufen. Graf von Rantzau, der holsteinische Adelsmarschall, zog während dieser Zeit vor Lübeck und belagerte es. Um der Bedrängnis der Stadt abzuhelfen, kehrte Wullenweber zurück. Eine Aufhebung der Belagerung erreichte er nicht. Vielmehr erkaufte er sich nur einen Waffenstillstand mit Holstein. Anfangs des Jahres 1535 wurde Marx Meier von Christian III. und Gustav I. nicht nur geschlagen, sondern auch bei Helsingborg gefangengenommen. Die vereinigten Flotten dieser beiden Fürsten im Bunde mit der preußischen schlugen sich mit den Hansen am 9. Juni in einem unentschiedenen Gefecht bei Bornholm; am 11. Juni trafen sich die Gegner bei Assens am Kleinen Belt, und die Verbündeten wurden Sieger. Einige Tage später fielen durch den Überfall der Reede von Svendborg neun hansische Schiffe ohne Gefecht in die Hände der Feinde. Wullenweber sah binnen kurzer Zeit seine hochfahrenden Absichten zertrümmert.
Der Sieg der Lübecker in der Seeschlacht bei Gotland.
Nach einem Gemälde von Professor Hans Bohrdt.
Ein Hansetag, der jetzt einberufen wurde, sollte Hilfe bringen. Dieser Tagung wurde die entscheidende Frage vorgelegt: „Soll ein König von Dänemark ohne Zustimmung der Hanse herrschen?“ Inzwischen hatten die durch Wullenweber vertriebenen lübeckischen Bürgermeister ein Urteil des Kammergerichts herbeigeführt, in dem zum Ausdruck kam, daß die demokratische Verfassung durch Wullenweber widerrechtlich in Lübeck eingeführt sei und er mit der Reichsacht bedroht würde. Dies reichte hin, um die Lübecker zur Absetzung Wullenwebers zu bewegen.
Wullenweber ging an die Weser, um dort Landsknechte zu sammeln, er wurde jedoch vom Bischof von Bremen gefangengenommen und zu Wolfenbüttel hingerichtet. Die Pläne Wullenwebers paßten sich nicht den Zeitverhältnissen an, noch fügten sie sich in die Machtfaktoren ein. Und da weder Bündnisse, noch Heer und Flotte vorbereitet waren, mußte sein Unternehmen zugrunde gehen, und das zum Schaden des Vorortes der Hanse, Lübeck. Die Hanse galt nichts mehr. Gustav I. von Schweden hob kurzerhand die Vorrechte auf, Christian III. von Dänemark kümmerte sich auch nicht mehr darum. Der Verfall schritt rasch weiter. Im Jahre 1560 gingen die Ostseeprovinzen für Deutschland verloren, indem im Jahre 1558 Iwan II. von Rußland Narwa und Dorpat eroberte und der Hanse die Schiffahrt nach Livland verbot; Esthland unterwarf sich Erich XIV. von Schweden, und Kurland wurde im Jahre 1561 polnisches Lehen. —
Der ‚Adler‘.
Nach einem Gemälde im Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.
Gegen Schweden führte Lübeck im Bunde mit Dänemark von 1563 bis 1570 den letzten Seekrieg, Lübeck stand allein. Als die hansischen Abgeordneten den Fehdebrief an König Erich XIV. überbrachten, verwies er sie an den Rat der Stadt Stockholm. „Könige müßten Königen, Bürger und Bauern aber ihresgleichen den Absagebrief senden.“
Lübecks Macht war noch nicht ganz zu verachten. Die Stadt gesellte der einundvierzig Schiffe starken dänischen Flotte unter Peder Skramm noch dreizehn lübische zu.
Der Krieg begann auch nicht ungünstig. Das Jahr 1564 brachte ein unentschiedenes Gefecht bei Öland. Am 30. Mai 1565 errangen die Verbündeten zwischen Öland und Gotland einen Sieg über die Schweden. Drei Tage lang wurde gefochten und das schwedische Admiralschiff, der Makeloes, das 173 Geschütze trug, erobert. Jakob Bagge, den schwedischen Admiral, brachten die Lübecker als Gefangenen heim.
Von nun an neigte sich das Glück den Schweden zu. Im Jahre 1565 flog das größte lübische Schiff, der ‚Engel‘, infolge einer Unvorsichtigkeit der eigenen Besatzung in die Luft. Dann führten die Schweden einen Handstreich gegen Travemünde aus, dem das neue hansische Admiralsschiff, der ‚Morian‘, nur mit knapper Not entging. Im Juli siegten die Schweden in einer Zweitageschlacht zwischen Rügen und Bornholm. Die Verbündeten verloren diesmal den dänischen und deutschen Admiral und fünfhundert Mann.
Nach einem unentschiedenen Treffen bei Gotland im Jahre 1566 wurde die dänische und deutsche Flotte bei Wisby vom Sturm überrascht. Drei lübische und zehn dänische Schiffe gingen zugrunde, darunter der ‚Morian‘ mit dem Admiral und dem Bürgermeister von Lübeck an Bord.
In den letzten Kriegsjahren gab’s keine Seeschlachten mehr; die Schweden gingen nicht mehr in See. Die Stadt Lübeck ließ ein für die damalige Zeit sehr großes Schiff, den ‚Adler‘, in diesen Jahren gegen die Schweden kreuzen.
Lübeck bemühte sich, die übrigen Hauptstädte der Hanse zum Beitritt zu bewegen, doch vergebens. Der alte Unternehmungsgeist war dahin, von der Hanse war nichts mehr zu erwarten. Äußerlich hatten die alten Städte noch den Anschein von Kraft und Wohlstand, aber der Geist der alten Seefahrer war nicht mehr lebendig, die Hanse war fortan bis zur Auflösung im Jahre 1630 nur noch ein Name, den die Ausländer nicht achteten.
Es fehlte keineswegs an Bemühungen, die Hanse wieder zur Bedeutung emporzuheben. So hieß es in der Botschaft Ferdinands II. an die hansische Versammlung zu Lübeck im Jahre 1627:
„Der Kaiser Ferdinand II. wollte die Gelegenheit nicht versäumen, die Hansestädte wieder zu altem Flor, Ansehen und Hoheit herzustellen, da sie durch die Ausländer seit geraumer Zeit nicht allein merklich unterdrückt, sondern ihnen auch von fremden Potentaten die freie Schifffahrt gesperrt, ihre Schiffe überfallen, geplündert oder in Grund geschossen und ihnen zum Hohn und Spott deutscher Nation von ausländischen, monopolischen Gesellschaften das Brot gleichsam vor der Faust abgeschnitten sei.“ —
Bei der Botschaft blieb es; die Ereignisse bewiesen, daß der kriegerische Geist dahin war. Erst unsere Zeit konnte dem Deutschen Reiche wieder zu einer Seegeltung verhelfen.
Eine Septembernacht.
(1845.)
— Unde was der tidt tho Lübeck börgermester Jürgen Wullenweber; de hedde by sik geswaren, schot unde regiment van den Oeresundt an the hänsischen tho bringen, unde scholden de uth den steden myt eren schepen vortan nycht enes penniges wert an den Dänen betalen —
Lübische Chronik.
Zu Lübeck im Ratskeller saßen spät
Wir Freunde noch beim Wein und tranken,
Wo tief gebräunt die Eichentafel steht
Aus unsres letzten Kriegsschiffs Planken.