Nixchen.
Sämtliche Rechte vorbehalten
von
Hans von Kahlenberg.
Umschlag von Hermann Liebich.
Maschinensatz
von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217
Erster Brief.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin, Nettelbeckstrasse.
Mein lieber, alter Mephisto!
Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute in meiner schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war ich recht wütend auf Dich, wütend und entrüstet und etwas traurig von unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und köstlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten über ein gewisses Thema auseinandersetztest.
Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher, hartgesotte[pg 2]ner Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist, was wäre das Leben überhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit, die Freude an dem, was man in sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen, wenn man sich nicht mitteilen könnte, wenn die lieben Frauen nicht wären, die liebe, schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein eigen zu nennen.
Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst nun sagen was Du willst und Erfahrungen haben so viele Du willst – ich bedauere Dich oft darum. Ich behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es für Unsereinen überhaupt erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, süsse, unschuldige Blumen, tausendmal besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom Himmel herunter gesandt, damit man eine [pg 3]Ahnung behalten soll hier unten im Staube, wie’s da oben aussah.
Lache nun wie Du willst über den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es ist zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich bin glücklich, unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig glücklich! – Ich liebe.
Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenüber. Weisst Du überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter Sachverständiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor der Gefühle? – Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker und dörflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht.
Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen Häuserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, berühmt mit sechsundzwanzig, vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen des Salons zu Füssen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie Keiner, Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale Messalinen, Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die für mich schlechter sind, als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys und präraffaelitischen Faltenwurf.
Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem grünen, glatten Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnörkeln und den beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten, verräucherten Bude mit den Hirsch[pg 5]geweihen und den alten Preussenkönigen und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann möcht’ ich es gerade an die Wand werfen und hinausstürmen. Freie Luft! Bäume! Erdgeruch! Hier ist doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit!
– – – – Und doch ist auch sie keine Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht, die schon drei Winter ausgegangen sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte, hat einen Fleck darauf zurückgelassen.
Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige Felswand gedrückt, blass und zitternd mit ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnässte wie ein Lümpchen.
Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte, Schrittchen für Schrittchen an meinem langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher durchsteuern durch das ängstliche, riesige Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber derjenige, dessen man sich am häufigsten und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schützen, das Einen mit einem Lächeln um den winzigen Finger wickelt.
Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises – allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen [pg 8]Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde – etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. – Wie ich den Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die Mutter, die echte deutsche Frau, blühend, mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde – ich hasse Abkürzungen. Ich nenne sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder [pg 9]gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen, blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes. Ich schwärme für schönen Teint bei Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld.
Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben. Blatt für Blatt möchte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche Aufgabe!
Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen [pg 10]von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krückstock ausging, dass ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? Meine Aufgabe wird es sein, sie einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt, wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer liebevoller Brust!
Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist. Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen, unheimatlichen Orten unter ungenügender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen können. Ich habe meine ländliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. Und wenn Ihr mich nachher als [pg 11]„reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen Kursen, mit Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste Freundin ist die Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr liebliches, beständiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich rührend diese Einfalt gerade ist! Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
Lache über mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf über den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem sechzehnjährigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine Krone, eine Erlösung!
Ich bin glücklich! Dein Achim.
Zweiter Brief.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis Jüterbog in der Mark.
Teurer Parzival!
Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische Miene aufgesetzt. Ich kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling.
Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der Mensch nie aus dem Zahnen heraus!
Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen [pg 14]Backfisch herein, einen Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch! Die Götter wollen Dein Verderben.
Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz, manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das äugelt und kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge erröten, und träumt von chambres séparées, alten Männern mit Millionen und Hausfreunden, die Gesandtschaftsattachés sind.
Der Schändliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune.
Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine ärgere Komödie als ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.
Übrigens ja doch! lachen musste ich doch.
Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter aus W.....
Weisst Du noch, wenn Du mir Stand[pg 16]reden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer Verführungskünste?
Diesmal wirst Du wenigstens zugeben müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen Freunden u. s. w.“
Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus Armen, als Martin zwei Damen meldet.
Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er hat dann förmlich etwas Priesterliches, die Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste öffnet.
Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in München der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste, ehrlichste, fidelste Frauen[pg 17]zimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen Leben. Martin bediente uns während des Essens mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit, die anfing lähmend zu wirken. Jule wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den geringeren Göttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie einen fast schüchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches Gesicht.
Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen – notabene es war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft [pg 18]wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin präsentiert Feuer von dem züngelnden Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht. Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder gelber Seidenkouvertüre. Über dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches Flämm[pg 19]chen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert, Kämme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
„Du –“, sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr energischen Klink der Thür, der ihm durch und durch gehen musste. „Wenn der im Paradies dabei gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott sich sparen können.“
Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit gegen das weibliche Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest, was ich durch diese Höflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die [pg 20]Halsbinde. Der äussere Mensch wäre gerüstet.
Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und Martin ist darin gut erzogen. En avant donc!
„Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! ein blonder und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus gutem Hause – Handschuh, Stiefel – viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl? Wir haben Ihr Buch: „Verbotne Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen lernen.“
Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen Augen. Die Blonde steht verschämt mit schlagenden Wimpern.
„Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende Bekanntschaft [pg 21]vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine Damen?“
Sie setzen sich, beide natürlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend.
Die ist schon ganz frech: „Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für moderne Litteratur. Meine Freundin schwärmt für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“
„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich – ein alter Mann mit einem kahlen Kopfe....“
Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen müssen sehr solide Knochen haben, dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen so gut vertragen.
„Unsre ganze Klasse schwärmt für: „Ver[pg 22]botne Früchte“. Wir haben es Alle gelesen. Oh wir lesen Alles!“
Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Sätzen.
Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch aber eigentlich in Ihrem Alter ....“
„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi und „Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“
„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“
„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen,“ (schriftlich nicht wiederzugebende Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte Beschäftigung des wackren alten Herrn). „Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Kätzchenmiauen und [pg 23]Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher Vorname ebenso unmöglich wäre wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein – –, „Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptsächlich Garde und Kavallerie.“
„Aber Kitty!“ ...
Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste.
Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen.
Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem Wein nippten sie nur.
Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten förmlich vor Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem Schreibtisch enttäuschte sie sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige Bou[pg 24]chers entschädigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten. Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Wände voll nackender Frauenzimmer zu finden, alle fünf Barrisons mindestens!
„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt es.“
Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen. Ich zeige männliche Bescheidenheit: „Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen ihre Gunst erweisen.“
„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?“
„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“
„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich gewesen?“
„Unsäglich!“
Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende Ungeheuer, [pg 25]ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknöpfen und das traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten werde.
„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gänzlich unromantischen Person ..“
Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten, einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die Andre, – die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ... Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme!
Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu äussern wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man hatte ja seine Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System [pg 26]funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser Faktoren blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu verlieren, Kundschaft einzubüssen.
Ich sage Dir, es war entzückend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen Käfer!
Es schlägt sechs Uhr.
Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen wir aber gehn.“
„Schon?“
Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“
Ich! „Wenn ich auf ein solches Glück hoffen dürfte?“ ...
„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die Blonde.
Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfürchtig, bescheiden, viel[pg 27]sagend – und stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. – – –
Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch.
Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas heiratet man. Mit sowas setzt man Töchter in die Welt, die wieder schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr .....
Da hast Du was für Dein glühendes Herz!
Dritter Brief.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter!
Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich sieht, schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher entrüstet sich nicht einmal moralisch.
– – – – Sie ist noch immer geschlossen, süss und ahnungslos.
Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die schlanke Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung künf[pg 29]tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher Sonnenwärme.
Wir sassen auf dem Balkon.
Ich sah sie wohl zu heiss an.
Sie verwirrte sich. Sie war still.
Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren Ausdruck als den Koriolans an sein Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt darin eine solche Tiefe der Unberührtheit. Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, auf Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen – der See – der Himmel – die Frau ...
Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im Hause ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hält sie selbst in Ordnung, die kleinen Röck[pg 30]chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen. Die Mutter hat sie schlicht und häuslich erzogen, wie sie selber ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen selber führen. Ich finde das entzückend.
Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich. Wie das schwätzt und schnäbelt! – all diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn Jahre.
Das thut mir manchmal fast weh.
Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, für das wir kein Verständnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, [pg 31]ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenüber ein schüchterner Stümper!
Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein!
Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten. Unsre Mark hat Schönheiten, ihre sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, Italien, Norwegen – das Meer ...
Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich bin, soviel Schönes erschliessen kann für mein Lieb.
Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische Berlinerin, die nichts kennt!
Alle meine Lieblingsbücher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm.
Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck.
Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“
Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens würdig finden.
Bin ich ihrer würdig?
Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein ausschweifendes Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen, sowohl bei Männern wie bei Frauen, und keine künstlerische Verklärung, keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr [pg 33]verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner Josephhaftigkeit.
Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke – was man vielleicht nur gehört, gesehen hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu mässigen.
Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche mit ihr! Ich frage und sie antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge mich wert machen, dass es die rechte Schrift sei!
Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.
Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es geht nicht anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage.
Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse!
Auch Mathilde war im Salon. Sie sprach mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna!
Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig, hat ihre Partei.
Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen.
Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen sah mich halb erschrocken an, welche böse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt, seit ich Dich habe!
Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige Thränen einer süssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl öfters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt?
Noch ein entzückender Zug.
Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte.
Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man besorgen müsste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll wie vor einer Weihnachtsbescherung.
Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen.
„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau von B. lächelnd.
Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben, wenn Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
Vierter Brief.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, mehr von der psychologischen als von der persönlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit.
Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich, kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J.
Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem Astrachan, glühendrot.
Diesmal küsste ich sie natürlich.
Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst [pg 38]halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ... Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen, leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher.
Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“
Ich beruhigte sie: Eine Etage höher wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer hingehen können, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist verschwiegen wie das Grab.
Sie hatte über das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher.
Dann die moralischen Garantien.
„Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen bin?“ (in Parenthese – hast Du schon jemals eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trägt Jägerwäsche und philosophiert im Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen habe – und es ist so schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist.“
Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse sie ins Ohrläppchen.
Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner, [pg 40]rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton.
Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen, unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!
Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt: „Ich liebe Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! Du bist der einzigste, himmlischste Mann, den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.
Dazu kein lautes Wort, keine hässliche Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr Ästhetiker dazu.
Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar.
Dann wird sie Meister und ich demütiger Schüler. Ich staune, was der Balg weiss. Und woher weiss sie es?
Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“
Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten, am Schlüsselloch Erlauschtes, eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzählte mir eine Geschichte von einer Bekannten, einer vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, [pg 42]die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, während er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen, perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.
Dann hat man Brüder, Vettern ... Der „Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen. Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen Übergangsstadien, éclaireur-Dienste, Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte. Sie hat Angst [pg 43]vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist er überall mal dagewesen. Du magst noch so früh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir das als Axiom.
Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersättlich. Es ist die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht: Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die halbe Religion mindestens ist für sie nur das. Das merkt sie sich, das hat sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! – Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“
Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen, Martin, der bric à brac.
Und Küssen zwischendurch!
Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig Natur.
Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie lässt sich küssen, streicheln, anfassen ....
Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen, die Angst vor dem Wehthun, dem Baby, die Heiratschance.
Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir haben kein Vermögen. Else und Dada haben auch geheiratet.“
Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernünftige, die Versorgung.
Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau.
Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
Die falsche, unnatürliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die Würmer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht mal selbst aussuchen können, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas Champagnerschaum schlürfen wollen?
Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv, so ’n kleines, dummes Ding, nicht für zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie eine orientalische Haremsdame!
Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: „Der ist der Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer.“
„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre ein[pg 46]zige Angst, eine süsse, gruselige Angst. Dann kichert sie über die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute, da unten auf der Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in seiner Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist so unmoralisch!“ ..
Dann küsse ich sie wieder.
Sie legt mir die Ärmchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling, süsses Herz – und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
Kleine Kanaille! – Na, das sind sie Alle.
Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Männer, der Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder passiert.
Fünfter Brief.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Weisst Du, dass ich manchmal förmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt, als müsste ich Dich bekehren.
Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest glauben und niederknieen wie ich.
Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. Wenn er erst männlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach, eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen Beschluss.
Ich habe jetzt auch den Bruder kennen [pg 48]gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimütig gestand, etwas über die Stränge geschlagen hat.
Natürlich stellte ich ihm für vorkommende Fälle meinen Kredit zur Verfügung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder ihres Bruders?
Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur leere Phrase sein soll.
Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen Liebhabereien des [pg 49]Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements für Gesellschaften. Sie schmückt dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören, denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.
Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufällig so gefunden.
Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten Gefühl von etwas Aussergewöhnlichem, Nahendem.
Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges zu sprechen, wo ich ihr doch am liebsten zu Füssen gefallen wäre.
Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerührt hat.
Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.
Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich ja nie. Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, grosser, weisser Schürze. „Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens Stübchen.“
Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess mich in der Thüre stehen, während sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete.
Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Über dem Bett die Raphaelschen Engelsköpfchen, – ein Bücherbrettchen, Geibel, [pg 51]Frauen-Liebe und Leben, Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische Tauchnitzromane ...
Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstören, zart genug zu sein, hochherzig, ritterlich!
Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Süden zurückgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. Sie ist sehr schön. Ein Schatten von Schwermut macht dies schöne, stolze Gesicht fast noch anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote stehen, können ja einem Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.
Bei der ältesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausser[pg 52]ordentlich tüchtiger und strebsamer Offizier.
Sie müssen sich einschränken. Wie ich sie liebe, diese Einschränkung um der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben, der Stimme des Herzens zu folgen.
Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mütter sind. Es ist solch hübsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung erst der Frau, die Erfüllung überhaupt des Lebens, vor der die ganze sündige Welt niederkniet, gläubig und erlöst.
Sechster Brief.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren.
Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts stossend, fortwährend thätig, um mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwährende Nörgeleien, Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch dieser Familie ist Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stübchen haben, [pg 54]Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden.
Das Nixchen steht natürlich auf Seiten der Mutter. „Mama“ ist eine grosse Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht.
Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. Mit der Ersten haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er hatte ja Karriere vor sich. Thränen und Szenen in der Familie. Man hielt ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter Dach und Fach waren. Seitdem ersticken sie in Brut.
Das ist Mamas Hauptärger. Auch das Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie kann man nur! Sie könnten doch wirklich [pg 55]„was thun“ – wo er noch nicht mal Major ist.“ – Über das „was“, das man thun könnte, scheint sie sich ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn die Diskussion heftig wird.
Die Zweite war die Schönheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrücklich wie effektiv ein Ende. Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld. Dada entschädigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das Nixchen erzählt mir Alles: „Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben eine Wohnung hier irgendwo.
Es findet Dada nicht zu bedauern.
Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des geheimrätlichen Küchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens. Daher fortwährende Szenen. Der reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen. Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei uns.“ Ich glaube es gern.
Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise eingefangen, ein ländlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen.
Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann hat er so grosse Hände!.. Nicht halb so nett wie Du!“ ....
Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie natürlich fest entschlossen ist, ihn zu neh[pg 57]men, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
Oh, Weiber!
Arme Natur, wo bist du?
Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie einige ganz hübsche Details.
„Natürlich musst du immer thun, als wüsstest du von nichts. Das ist die Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti, was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind wäre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer eingerichtet auf [pg 58]seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun! Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!“
Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!
Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren kleinen, prüden Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über den Schopf fährt, die Küsse .. sie drückt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal küsst sie mich sogar auf den Mund jetzt: „Ich könnte sterben für dich! Wahrhaftig!“
Man könnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: „Wir könnten uns doch heiraten“ ....
Sie wird dann sofort wieder Nixchen: [pg 59]„Ein Künstler wie du .. und sieh mal, er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – Man muss doch vernünftig sein, Schatz.“
Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna.
Ich liege auf der Chaiselongue und staune.
... „Und sieh mal, Dich liebe ich doch. Du bist doch meine wirkliche, einzige Liebe. Du hast mich doch.“
Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden:
„Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch nichts Schlechtes.“ ...
Eigentlich könnte man sie durchprügeln.
Aber echt ist sie.
„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“
Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Köpfchen an meinem Halse und küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....
Ich kitzle sie. Voilà.
Weisst Du, an was sie mich erinnert?
Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten neuen Ziergläser in den Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine Schwärmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen, hohe geschmeidige Glockenblumen.
Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern, und lässt sie in der Sonne spiegeln. –
Früher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge sieht [pg 61]sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grüne, alles Schillernde, Flimmernde, Äderchen, Nerven ...
Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
Das ist sie.
Siebenter Brief.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu lieben.
Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur für sie leben möchte. Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fühlt das.
Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie fängt an, für mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen Serviettenring, die sie kennt.
Ich habe sie geküsst .......
Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen berührt, die Rosenrundung der Wangen gestreift.
Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes Mund ihr aufdrückt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt beim Weibe wie bei uns!
Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das Mädchen des Gärtners in Templin. Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft lag in der Abendstille. Das Mädchen hatte frische Lippen und weisse Zähne ..... Ich küsste sie ...
Ich will würdig werden.
Ich bin es schon.
Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle, Tanten- und [pg 64]Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine Schüchternheit. Mama, liebenswürdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört seit Mamas Tode. Ich könnte es immer von ihren Lippen hören.
Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich möchte sie nicht erschrecken. Diese plumpen, öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen Brautpaare einander überhäufen, sind mir widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen und Tändeln um den einen Punkt. Die Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht. Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte, jungfräuliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden Liebe.
Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt Klavier mit ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen, Ereignisse und Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurückgerufen, an denen ich keinen Teil habe .. Ich möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine Beleidigung dieser Unschuld des süssesten, holdesten Geschöpfes.
Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich.
Ich war unglücklich hinterher.
Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist besser so, obgleich sie sehr jung ist.
„Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind,“ sagte Mama, als sie einwilligte.
Bin ich gut? Ich will es sein.
Mein Weib soll die Liebe nie anders als [pg 66]heilig empfinden, ein Sakrament in sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes willen keine Scham!
Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen.
Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch.
Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im tiefen Grunde.
Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von flüchtigen Verhältnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die seligen Götter nicht beneide.
Achter Brief.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen.
Das machte sich so ganz natürlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und lag im Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes, mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen, durch die man undeutlich einen Lärm vom Hofe aufsteigen hörte.
Sie liess sich ein bischen bitten erst. [pg 68]Dann handelte sie: „Aber nicht das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich Angst hatte sie. Sie haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Mädchenerzählungen sind wir Oger, wilde Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und hässlich, jung und alt, jede Nacht eine Andre, grässliche Orgien feiernd.
Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgelüst, das das dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu können, eines Bismarcks alle Tage.
Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines Pensionsmädchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterröckchen, Höschen, die Strumpf[pg 69]knipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt auf das Nachttischchen.
Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr hübsch war. Sie mussten das oft besprochen haben. „Meine Arme sind noch zu dünn, aber in ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschöne Schultern. Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der Seite – das ist hässlich! Kathi solltest Du sehen! Die ist wunderhübsch, rund und weiss überall. Aber sie weiss es auch.“
Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich küsse sie. Ich halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich ....
Sie lässt sich Alles thun mit einer Art schläfrigen Wollust. Vielleicht denkt sie an [pg 70]den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig, Liebchen“ ...
Ich empfinde nichts, gar nichts für sie, eine Art lässigen, physischen Wohlbehagens.
Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie.
Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt fängt sie an zu weinen, hülflos, wie ein kleines Kind.
Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie hat dann ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn man seine Hand dem Löwen in den Rachen legt.
Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: „Du liebst mich gar nicht. Du spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“ Dann thut sie eifersüchtig oder versucht mich zu beleidigen.
Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie dächte, ich erschösse mich ihretwegen, das würde sie noch mehr kitzeln.
Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl in ihre vornehme, ehrbare Ehe gehen.
Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: „Wenn ich dich nun nicht freigäbe? Wenn ich dich verriete?“
Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen, flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: „Das thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman, mein lieber, süsser Herri!“
Wie klug sie ist. Fischschwanz!
Und manchmal denke ich, man müsste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es fühlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..
Dann würde vielleicht noch was aus ihr, dann würde sie ein Weib.
Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum Hohne!
Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner – Gentlemen – auf Kosten unsrer Mannheit?
Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein süsses, junges, warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft?
Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle, die uns das Leben gaben, zur Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen, die man mit den Zähnen kostet.
Ach, das grosse, adelige, echte Volk, ar[pg 73]beitend, liebend, Kinder zeugend, die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, über den Tod hinweg – und die Toten!
Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich fasse sie fester. Ich atme stärker .....