Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so markiert.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].
HANS WATZLIK
Fuxloh
oder
Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel
*
Ein Schelmenroman
L. STAACKMANN VERLAG / LEIPZIG
1922
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
Für Amerika:
Copyright 1922 by L. Staackmann Verlag, Leipzig.
Gedruckt bei Dr. Kurt Säuberlich in Leipzig
Das grüne Holz.
Fuxloh lag ganz hinten in der Welt zwischen den Örtern Blaustauden und Grillenöd, abseits von den breiten Straßen duckte es sich verloren in den Wäldern, ein gar rauhes Dorf voller Tannen. Obst trug dort nur ein einziger Mostbirnbaum, der über hundert Jahre alt war, doch waren seine Birnen so grausam herb, daß man schreien mußte, wenn man hineinbiß. Sonst gediehen nur noch ein paar Vogelbeerbäume und Elexstauden droben an den felsigen Wegen. Aber in ihrem Schatten blühte die weltentlegenste Einfalt in tausend Blumen aus.
Heute findet man das Dorf nimmer, die Wälder sind darüber gewachsen.
Der Fuxloher Wind blies scharf und brannte den Bauern den Schlund aus. Drum war in dem Ort der Durst daheim. Besonders vorzeiten blieben die Männer oft wochenlang auf der Wirtsbank, sie knöpften sich den Latz vom Hosenboden ab und saßen auf dem rohen Fleisch, um das Hirschleder zu schonen. Am Samstag brachten ihnen die Weiber frische Hemden ins Wirtshaus. Und hie und da banden sich die Säufer mit Stierketten aneinander, daß keiner sich heimlich von der nassen Mette wegschleiche und sie alle gemeinsam in des Rausches Elend fuhren.
Dazumal waren die Fuxloher als grobe Schelme, Wilderer und Raufer verrufen, im Lauf der Zeiten aber verloren sie allmählich den übeln Leumund. Es geschah kaum mehr, daß einer den Grenzstein in des Nachbarn Acker rückte, Rösser wurden überhaupt nimmer gestohlen, und selten nur weckte einen nachts das alte Raubschützenblut aus der Rast, daß er aufsprang und an der bayrischen Grenze irgendwo auf einer Waldschneise einen Bock niederknallte.
Nur im Dullhäubelhof hatte sich die alte Art der Fuxloher treulich erhalten.
In einer Schlucht am Wolfsbach, wohin die Bauern vom Dorf herab immer die Gänse trieben, daß sie schwimmen lernten, lag das Gehöft mit dem moosgrünen Schopfdach, darunter an die Mauer ein verschmitztes Gesicht gemalt war mit dem Spruch:
Gott, gib jedem Lumpenhund
zehnmal mehr, als er mir gunnt!
Vor langer Zeit, als die ungarische Königin Resel mit dem Preußen Krieg führte, hauste der Pankraz Dullhäubel auf dem Hof. Bei dem kehrte der Reichtum ein. Den Kopf deckte er sich allweil mit einem dreieckigen Hut, an seinem Rock glänzten mehr Knöpfe, als Tage im Jahr waren. Er ließ das Geld springen und hatte die nötige Münze dazu, denn er war ein Werber, und damals, wo Soldaten gegen Preuß und Türk sein mußten, da lohnte sich sein falsches Gewerb. Manch armen Schlucker fing er, der sich über die Grenze herüber verirrt hatte, und der wurde ohne Erbarmen ins Regiment gestoßen, und viele hatte der Pankraz am Gewissen, die im Krieg auf der blutigen Fleischbank verdarben.
Dazumal kam auch ein Erdspiegel ins Haus, der Pankraz handelte ihn einem wallischen Juden ab, und die Fuxloher fürchteten jetzt den Bauer, der das zauberische Gerät verborgen hielt und dadurch Macht gewann über alle andern.
Aber einmal fing er mit seinen Helfershelfern einen Handwerksburschen und kettete ihm die Hände, und als er ihn gen Hirschenbrunn führte, um ihn dort zu stellen, mußte er sich unterwegs bücken, die Schuhschnalle zu schließen, die ihm aufgesprungen war. Den Augenblick nutzte der Gefangene aus, er schlug dem Werber die Fesseln auf den Schädel, daß er hin war.
Ein arger Vogel legt ein arges Ei.
Der Nachkömmling des Pankraz war der Servaz Dullhäubel. Der trieb sich in grünen Jahren in den Wäldern des Lusens umher und schoß die stolzen Hirsche und die starken Bären. Das Wildern fiel ihm leicht, da er sich dazu himmlische Hilfe zu sichern wußte: er schaffte oft des Nachts ein Wildbret in die Blaustaudner Pfarrküche, und dafür schloß der damalige Geistliche ihn und seine Wege täglich ins Meßgebet ein.
Als dem Servaz einmal von einem Jäger der Fuß krumm geschossen wurde, mußte er das freie Wildschützleben lassen, aber sein zorniges Blut gab ihm keine Ruhe, und er wurde der wildeste Raufer waldauf und waldab. Wenn er zum Kirchweihtanz ging, gab ihm die Bäurin immer sein Totenhemd mit. Die Haut war ihm von Messern zerstochen, der Schädel zerschrammt von splitternden Krügen, das eine Ohr abgebissen, die Zähne eingeschlagen. Mit heraushängenden Därmen schleppte er sich einst von Fuxloh nach Blaustauden zum Balbierer, dort schob er fein lind das Gedärm zurück in seine alte Stätte, steckte Speck in das Loch und nähte es sich selber mit des Balbierers Nadel zu. Die Naht hielt hernach noch dreißig Jahre.
Er rühmte sich oft, der Richter solle ihm in seinem Buch ein Gesetzlein vorweisen, danach er noch nicht abgestraft wäre. Kurz vor seinem Absterben noch erschlug er auf der Kegelbahn den Waldheger von Daxloh mit einem Kegel.
Der Apfel rollt nicht weit vom Baum.
Der Nachkömmling des Servaz war der Bonifaz Dullhäubel. Der hatte es wiederum auf das Bier und den groben Bauernwein abgesehen und soff und schlampampte, daß es ihm schier zu den Ohren herausrann. Fuhr er mit dem Rössel in die Stadt, so schob er dort Kegel auf volle Flaschen und streute das Geld den Kellnerinnen hin. Bei jedem Krug, der ihm vorgesetzt wurde, tat er einen von den fünfundzwanzig Gupfknöpfen an seinem Brustfleck auf; war die Weste ganz offen, so zahlte er seine Schuld, knöpfelte wieder zu und hub von frischem an. So wurde er auch in der größten Zeche nicht irr. Wenn er keinen Trunk mehr bewältigen konnte, so bahrten Wirt und Hausknecht ihn auf seinem Wagen auf, das Rössel zog an und trabte mit dem Schlafenden durch Wald und Sternschein heim. Doch hielt es vor jedem Wirtshaus an, beim grünen Kuckuck, beim Posthorn, bei der Siebenkittelwirtin, bei der Mausfalle, beim blauen Mondschein, und wie die Einkehrstätten alle hießen, und der Trunkene reckte sich aus dem Schlaf und gröhlte: »He, Wirt, füll nach!«
Ein anderes Anwesen wäre unter den Hammer gekommen, der Dullhäubelhof aber hielt den Säufer aus. Viel Grund und Boden und Holz und Vieh gehörten dazu, und die Bauern hätten noch viel reicher sein können, wenn es sie darnach gelüstet hätte. Denn der Pankraz, der Guckähnel, hatte einen schönen Schimmel im Stall stehen, und der Waldfürst hätte das schneeblührieselweiße Roß gar gern geritten und dafür den ganzen weitmächtigen Wald bis zum Lusen hingegeben. Der Pankraz aber hätte nimmer getauscht, und wenn der Fürst vor ihm auf den Knieen gerutscht wäre.
Wie gelebt, so gestorben. Vor lauter Gesundheittrinken kam der Bonifaz Dullhäubel um die Gesundheit.
Die Fuxloher mähten gerade die Wiesen, da kroch der Bonifaz in der Scheuer des Wirtes »zum pfalzenden Hahn« ins Heu, seinen schweren Rausch zu verschlafen, und die Mäher verschütteten ihn aus Übermut unter dem Heu. Sie vergaßen ihn aber hernach in ihrer heißen Arbeit und erinnerten sich erst, als die Bäurin ins Dorf kam und nach dem Bonifaz fragte. Schnell räumten sie das Heu weg; da lag der Vergrabene mit lustigem Gesicht, aber erstickt. Weil die Burschen den Weg zum Gericht scheuten, so halfen sie sich, wie sie es verstanden: sie schlugen einen Haken in die Scheuer, wo sie am finstersten war, hängten den Toten dran und drückten ihm seinen breiten filzenen Scheibenhut in die Stirn. Dann schrieen sie das Unglück im Dorf aus: »Leut, Leut, der Bonifaz hat sich aufgehängt!« Und weil eben ein Sturm anfing, glaubten die Fuxloher ihnen gern und sahen mit Grausen, wie der Strick sich dem Bonifaz um Hals und Bart schnürte, und der Totengräber in Blaustauden drunten grub das Grab um drei Schuh tiefer als sonst, daß der Bonifaz nimmer heraus und umgehen könne.
Die Bäurin gab ihm den Scheibenhut mit in die Truhe. Sie meinte, in der Ewigkeit sei es hübsch lüftig, und der Selige sei allweil heikel gewesen auf den Zugwind. Auch steckte sie ihm die Pfeife ins Maul, er möge sich jenseits etwas vorqualmen, daß ihm Zeit und Ewigkeit besser vergingen. Sie war ein fürsorgliches Weib, die Sodonia.
Wie die alten Vögel pfeifen, so stümpern die jungen.
Der Nachkömmling des Bonifaz war der Isidor Dullhäubel. Der schlug sich, als er zur Mannheit kam, mit einem Stein die vordersten Zähne aus, womit die Soldaten das Papier von den Patronen reißen, daß das Pulver ins Gewehr rinne. So blieb der Isidor vor dem Krieg verschont.
Der neue Bauer meinte, ein richtiger Mann müsse neun Kinder zeugen, und da mußte nicht bloß seine Bäurin daran glauben, sondern auch alle Mägde, die auf dem Hofe dienten. Die Kinder außerhalb der Ehe wuchsen frisch und fröhlich heran, die eheleiblichen aber wurden nicht alt. Sein Weib, die Sanna, sorgte sich nicht um die Brut, sie schlief gern und schlief allweil ein, wenn sie säugte, und der Säugling fiel ihr dabei oft aus dem Schoß. So blieben ihr, ein einziges ausgenommen, keine Kinder, trotzdem daß sie sehr fruchtbar war und nur Zwillinge und Drillinge gebären konnte.
Sie grämte sich nicht um die Liebschaften des Bauers. Doch die Sodonia, die Altbäurin, war ob der heidnischen Vielweiberei ihres Sohnes schwer bekümmert. Aber wenn ihm wieder einmal ein Staudenkind auf die Welt kam und die Sodonia ihm es als Sünde heftig verwies, lachte er nur: »Fürs Lebendigmachen ist noch keiner gestraft worden.«
Der Isidor Dullhäubel führte allzeit sein Tabakglas mit, und weit und breit tat es ihm keiner gleich im Schnupfen. Nicht einmal der Blaustaudner Schulmeister, der, selbst wenn er die Orgel zum Hochamt schlug, den Tabak nicht völlig entbehren konnte und darum auch beim Spiel allweil ein braunes Häuflein auf dem Handrücken trug und die Nase oft und oft inbrünstig dazu niederstoßen ließ und mitten in Gottes Lobpreisung andächtig hineinschnupfte.
Als der Isidor noch frommer war, schnupfte er in den Fasten nicht, so sehr es ihn auch lüstete; er tat sich einen Abbruch, um Gott wohl zu gefallen. Erst am letzten Kartag, wenn der Pfarrer sang: »Christ ist erstanden!«, da nahm er sich wieder das erste Schnüpflein. Als aber am Auferstehungstag einmal der Geistliche kein Ende fand und Gebet an Gebet, Litanei an Litanei knüpfte und nimmer in den Erlösungsruf ausbrach, schlug sich der Isidor ungestüm den Tabak auf die Hand: »Ob der Herrgott auferstanden ist oder nit, – ich schnupf!« Seither fastete seine Nase nimmer, und wenn ihm einer dies als Laster vorrückte, wehrte er sich: »Das Schnupfen ist keine Sünd. Der Pfarrer Eusebius hat seine Tabakdose sogar auf dem heiligen Kelch zum Altar getragen. Freilich hat der mit seiner geistlichen Nase nur Spaniol mögen, und ich schnupf brasilianischen Tabak. Aber unser Herrgott kennt keinen Unterschied.«
Dazumal, als sie den alten Bonifaz vom Nagel herunternahmen, lümmelte der Isidor mit seinem Nachbar, dem Mußmüller, im »pfalzenden Hahn«, ließ sich von ihm über den Tod seines Vaters trösten und lüpfte eifrig den Krug.
»Sei froh, daß er hin ist,« redete der Müller. »Es ist dein Glück, daß er im Ausgeding gesessen ist, er hätt dir sonst den ganzen Hof versoffen.«
Der Isidor schaute finster. »Soviel kann keiner versaufen, als ich hab. Und vergönn es ihm, neid es ihm nit in die Grube nach!«
»Dullhäubel,« der Müller hob beschwörend die Stimme, »Dullhäubel, ich weiß es: der Durst schluckt den Bach samt der Mühl.«
»Deinen Bach freilich, Gori, der hat kein Wasser,« grinste der Bauer. »In aller Früh gehst du aus, schlagst mit der Stange den Tau von den Erlen, daß du Wasser aufs Rad kriegst.«
In des Mußmüllers Stirn schnitten sich zwei scharfe senkrechte Falten, er packte das Stutzenglas und hieb es dem Isidor auf den Schädel, daß die Scherben flogen. Jetzt hob auch der Bauer sein Glas und trümmerte es dem Müller auf das Hirn. Das alles geschah ohne sonderlichen Lärm.
Derweil der Wirt neue Gläser holte, saßen sie blutig und lachten.
»Nix für ungut, Müllner.«
»Tu her ein Schnöpflein, Isidor, daß wir einen andern Sinn kriegen!«
Der Bauer zog von dem blauen, geschliffenen Tabakglas den Stöpsel weg, den er aus Weiberhaaren geflochten hatte, und die zwei kräftigten sich an dem scharfen Brasil.
Der Wirt stolperte in die Stube. »Dullhäubel, dein Weib hat sich ein ungeschicktes Wochenbett ausgesucht. Gerad vor der Kapelle hat die Wehstund sie angepackt.«
Der Bauer pfiff halblaut vor sich hin; die Hand, die sich mit einem Schnöpflein heben wollte, sank ihm.
»Sie ist über den Erhängten zu stark erschrocken,« redete die Wirtin zum Fenster herein.
Der Müller riet: »Nachbar, drück die Knie zusamm, daß sie leichter niederkommt!«
»Bei der Kapelle?« besann sich der Bauer. »Das ist kein ungeschickter Ort, Wirt. Da springt der heilige Blaumantel heraus und steht ihr bei.«
»Wir Weiber helfen uns schon selber,« schwätzte die Wirtin. »Ich für mein Teil komm um einen weißen Laib Brot nieder, ich geh dreimal in der Stube hin und her und beutel das Kind ab.«
Der Isidor blähte sich auf. »Studieren muß er, der Bub. Ein hoher Herr soll er werden; Steuern soll er einmal ausschreiben, den Müllnern und den Wirtsleuten!« lächelte er mit pfiffigem Querblick.
»Was? Mir neue Steuern?« brauste der Gori. »Jetzt, wo wir Müllner so schwer geschädigt sind von den neuen Zeiten? Alle Gerechtigkeit haben sie uns genommen. Früher haben wir im Bach fischen dürfen, so weit unsereiner den Hammer hat werfen können. Heut nimmer. Früher ist meine Mühl eine Zwangmühl gewesen; heut schafft ein jeder sein Korn nach Trippstrill und Schlampampen.«
»Dullhäubel, drei Buben!« rief die Wirtin in die Stube.
»Sakerment, wie viel?« Der Bauer hielt wie schwerhörig die Hand ans Ohr.
»Drei Buben. Bis jetzt.«
Der Dullhäubel faltete die Hände. »O Herr, halt ein mit deinem Segen!«
Die Tür knarrte, und auf der Schwelle stand die Hebamme mit einem mächtigen Wickelpolster, drin zwei Büblein kläglich winselten. Eine Magd trug das dritte Kind.
»Drei Buben, Bauer!« meldete die Hebamme. »Eine harte Geburt! Gerad vor der Kapelle.«
Der Isidor Dullhäubel ergrimmte. »Hat er ihr also nit geholfen, der Blaumantel? Da steht er schon so lang auf meinem Grund, und jetzt, wo meine Buben anrücken, jetzt rührt und ruckt er sich nit. Jetzt reicht er keine Hand.«
»Er ist halt ein Heiliger und keine Hebmutter,« beschwichtigte ihn der Müller.
Aber der Bauer eiferte: »Ist doch schon die Muttergottes selber aus ihrem silbernen Gewölk gestiegen und den Weibern beigesprungen in ihrer Stund! Hätt nit der Tropf auch aus seiner Kapelle treten können?!«
»Wischt euch das Blut ab, Männer,« sagte die Hebamme, »und geht gleich mit zur Taufe, daß die Würmer nit als Heiden absterben. Daß sie ins Engelreich kommen und drüben einen Namen tragen. Der ist traurig dran, der keinen Namen führt. Und die Drillinge werden nit lang leben, es sind Siebenmonatkinder.«
Die zwei Männer standen auf und wankten mürrisch den Weibern nach ins Pfarrdorf Blaustauden hinunter.
Dort in der Kirche legte die Hebfrau ihr Paar dem Müller in die Arme, derweil der Bauer den einschichtigen Sprößling hielt. So traten sie zu dem Taufstein.
Der Pfarrer ließ nicht lange warten.
»Hollah, drei auf einem Schub!« lachte er. »Die drei Eismänner haben schon auf deinem Hof gehaust, sind wunderliche Heilige gewesen, Dullhäubel. Taufen wir die da nach den drei Königen!«
Und er taufte sie Kasper, Melcher und Balthauser. Die Büblein hielten sich mäuselstill, und erst, als bei der Taufe des Kasper, den der Bauer selber hielt, der geistliche Herr fragte: »Widersagst du dem Teufel?« da schrie der Bub gar mörderlich auf, als sei er von dem besessen, dem er absagen sollte, und sei mit der Taufe gar nicht einverstanden.
»Halt das Maul, Kerl, oder ich schlag dir die Zähne ein!« drohte der Pfarrer.
»Segnet ihn mir gut ein, Hochwürden, den Kasper!« bat der Bauer. »Spart kein Wasser nit!«
Als die Männer den Weibern wieder die Täuflinge überließen, merkten sie, daß der Melcher und der Balthauser kein Schnäuferlein mehr taten. Der Müller mochte sie wohl ein wenig zu fest an sich gedrückt haben, und es war ungewiß, ob sie getauft oder heidnisch ins Jenseits eingefahren waren.
Der Bauer aber freute sich an dem Kasper. Der hielt die lebendigen Augen offen und sah scharf darein. »Der hat gescheite Augen,« frohlockte der Alte, »das ist ein Kreuzköpfel.«
»Er ist zu früh auf die Welt gekommen, der Spitzbub,« sagte die Hebamme. »Ich will ihn auf der Schaufel dreimal in den Backofen schieben, dann geratet er. Und gespieben hat er auch schon. Speibendes Kind, bleibendes Kind!«
Der Isidor ließ im Wirtshaus noch einen gezuckerten Wein auftragen, wie ihn die Weiber gern mögen, hernach schickte er die zwei mit dem Lebendigen und den Toten heim.
Er selber trollte erst spät seinem Hof zu.
Vor der Kapelle rastete er. Der Mond lugte glashell hinein.
»Blaumantel, ob du schon schlafst?«
Der hölzerne Heilige drin redete nicht und deutete nicht.
»Geh, reck die Nase her und schnupf, heiliger Blaumantel!« spottete Isidor. Er tappte sich zu dem Heiligen hin und schüttete ihm das Tabakglas in den Bart.
Da nieste es auf einmal so schrecklich auf, daß die Kapelle zitterte. Mit schlotternden Knieen floh der Bauer. Und eine grobe Stimme schrie hinter ihm her: »Du wirst deine Schnutel, deine Schnufel nimmer lang tragen!«
Was der beleidigte Heilige geweissagt hatte, das geschah. In ein paar Jahren starb dem Isidor Dullhäubel die Nase am lebendigen Leib ab, wie eine Blume an der grünen Staude verwelkt, und weil er hörte, daß die alten Ritter, wenn ihnen die Hand abgehauen worden war, sich für die fleischene eine eiserne an den Arm hatten schnallen lassen, so suchte er einen Kupferschmied heim, und der setzte ihm eine kupferne Nase zwischen die Augen.
Doch das Leben freute ihn nimmer, seit er nimmer schnupfen konnte, und er vergaß es dem Blaumantel nicht, daß er ihn um das eindringlichste Ergötzen seines Lebens betrogen hatte; schimpfend stampfte er an ihm vorbei und rückte den Hut nimmer.
Als der Kasper so hoch wie der Stubentisch war, und sich schon selber die Tür auftun konnte und ganz listig schon aus den engen Augen herauslugte, da stellte der Bauer ihn vor die Kapelle und schalt unflätig hinein. So keimte in dem kleinen Kasper ein Widerwille auf, und der wuchs, als die Altbäurin Sodonia dem Buben, wenn er etwas Schlechtes getan, mit dem Zorn des Heiligen drohte und diesen als Vorbild eines wohlgefälligen Wandels hinstellte.
Die Alte rüstete den Heiligen mit der Pracht der wunderlichsten Wunder aus und dichtete ihm alle Gewalt über Himmel, Hölle und Welt zu, so daß der Herrgott, an ihm gemessen, nur ein ohnmächtiger Schatten schien. Vor seinem Zauber wurde der Gichtbruch tanzend und wanderte der Lahme, versiegte alles Gebrest; Stumme lobsangen ihn, Blinde wurden geheilt an dem Schimmer seines blauen Mantels.
Der Kasper lehnte oft vor der Kapelle und staunte voll Angst und Trutz hinein.
Am Bach, in dem gemauerten Häuslein, hinter der Gittertür geborgen vor Regen und Schnee, hatte der Heilige seinen Unterschlupf. Mit krausem, rotem Schädel, mit strengen, quellenden Augen und langer Nase stand er drin, das Haupt geneigt unter der Last des Heiligenscheines, am Kinn angeleimt einen fuchsfarbenen Bart aus Menschenhaar, den Mund weit offen und die Arme abwehrend von sich gestreckt, als seufze er: »Gott, hüt mich frommen Bruder vor dieser Welt!«
»Dein Guckähnel hat ihm einmal frevelmütig den Bart gestutzt, aber gleich ist er ihm wieder nachgewachsen, dem Heiligen,« erzählte die Sodonia dem Buben.
»Warum ist er denn heilig?«
»Weil er in einem Felsenloch gehaust hat sein Lebtag.«
»Da ist der Fuchs auch ein heiliger Mann, der schlaft auch in einem Steinriegel hinter der Mühl.«
»Ein Vieh ist nit heilig,« sagte die Altbäurin verdrossen.
Der Kasper faltete die Stirn. »Woher ist der Blaumantel gekommen? Hat er sich die Kapelle selber gebaut?«
Sie zog den Buben auf den Schoß und erzählte: »Gar überlang ist es schon her, da haben die Hirten den hölzernen Heiligen in einem hohlen Baum gefunden, da auf der Stelle, wo er jetzt steht. Sie haben ihn nach Blaustauden geschafft und dort auf den Altar gestellt, aber er ist davon und wieder zurück in seinen Baum. Jetzt haben sie ihn in die Stadt gebracht, daß er nit in einen so langweiligen Einöd trauern müßt, sondern ein paar ansehnliche Heilige um sich hätt, und daß er sich dran gewöhnt, haben sie ihn in der ersten Nacht in eine Truhe unter Schloß und Eisenband gelegt, und der Pfarrer und der Meßner haben sich darauf gesetzt, daß der Vogel nit ausfliegt. Aber der Blaumantel hat die Truhe gesprengt, Pfarrer und Meßner über den Haufen geworfen, und ist wieder zurück in die Heimat. Er hat wollen in der Wildnis geehrt werden, wo er gebetet und gebüßt hat. Da hat man über ihn die Kapelle gebaut.«
Der Kasper schielte mit den verzwinkerten Äuglein hinauf. »Mir hat aber der Vater gesagt, die Fuxloher hätten den sakrischen Blaumantel auf der Wallfahrt gestohlen, daß sie einen wohlfeilen Heiligen hätten. In einem Sack hätten sie ihn daher gebracht.«
»Sei still, Bub,« warnte die Altbäurin, »sonst straft er dich auch. Denk an dem Bauer seine Nase!«
»Meiner Nase darf er nix tun,« trotzte der Kasper.
»Still, still! Sonst kommt gar der Gankerl, steckt dich in den rußigen Kessel, bratet dich, frißt dich.«
Es war, als würde dem Buben die kecke Rede vergolten, denn nach ein paar Tagen wuchs ihm auf der Nasenspitze eine Warze, die ihm gar nicht gut zu Gesicht stand. Das wurmte die Altbäurin, der an des Kasper Sauberkeit gelegen war, aber das Hörnlein blieb, wie oft es auch mit Wolfsmilch und mit Warzenkraut betupft, mit Fensterschweiß gewaschen und mit Roßhaar gedrosselt wurde. Es frommte nicht heißes Schusterpech, und als die Sodonia den Mißwuchs gar mit Zunder wegbrennen wollte, brüllte der Bub entsetzlich und ließ keinen mehr an sich heran.
Da kam die Ulla daher, ein buckliges Bettelweiblein mit einem kleinwinzigen Kopf, drin ein Hirn kaum Platz zu haben schien. Ihr spitzes, haariges Kinn schlotterte, geschäftig drehte sie sich in der Stube hin und her und knüpfte mit einem Faden fünf Knoten über der Warze des Kasper, der sich wie verhext unter dem sonderbaren Tun des Weibleins duckte. Nachher betete sie fünf Vaterunser und murmelte noch ein Heimliches in sich hinein, daß den Buben ein Grausen anflog. Schließlich humpelte sie hinters Haus, und wo die Tropfen vom Dach in die Erde schlugen und eine Rinne gegraben hatten, dort verscharrte sie den Faden.
Als der Mond neu wurde, war die Warze verschwunden, und der Kasper war ein sauberer Bub mit blühroten Wangen, großem, kugelrundem Kopf und flinken Füßen.
Die Ulla aber fürchtete er noch mehr als den Erdspiegel, der im Keller unzugänglich verschlossen lag. Oft stahl er sich zu der verfallenen Hütte der Alten und belauschte sie, wie sie zwischen den Felsen wilde Kräuter brockte und eintrug, wie sie mit den Raben redete und den Schlangen oder einer Staude etwas sagte oder gar einem Stein.
Sonst war er ein Waghals. Er ritt auf den Ochsen und Rössern, kletterte auf die Tannen hinauf bis zur höchsten Spitze, rannte über den Dachfirst, wo der Hauslauch grünte, und niemals stieß ihm ein Unglück zu.
Nur einmal blieb ihm eine Bohne in der Nase stecken, sie wollte nicht heraus und keimte schon.
»Sie wachst dir ins Hirn, Kasper,« jammerte die Altbäurin. »Der Blaumantel wird dich ganz gewiß an der Nase verderben lassen. Ich seh dich schon verkupfert.«
Der Bauer aber klemmte den Kasper zwischen die Kniee und drückte ihm das Gesicht in eine Hand voll Tabak hinein. Da riß es dem Buben den Kopf in die Höhe, er nieste sprühend, und die Bohne flog aus der Nase an die Wand.
Jetzt haßte der Kasper den Blaumantel. Den heilsamen Tabak aber begehrte er, und bald wußte er sich aus des Vaters ungenütztem Vorrat den bräunlichen Staub zu verschaffen, der das Hirn so lieblich kitzelt und erfrischt und das ganze Blut riegelt, wenn der Niesreiz von inwendig her an die Nase herankriecht und schallend zerstäubt.
Weil der Kasper gar so waghalsig und ungebärdig aufwuchs und von den Wipfeln schier nimmer herunter zu kriegen war, wo er die Krähennester ausraubte, sorgte sich die Sodonia um des Enkels leibliches Wohl und Seelenheil und fürchtete, er schlage allzusehr in die Art der Vorfahrer am Dullhäubelhof.
Drum meinte sie zur Bäurin: »Du, Sanna, wir müssen den Daumen mehr auf den Buben halten, daß er nit ausartet. Er hat nit Rast, nit Ruh, wie aus Schlangenschwänzen ist er zusammgesetzt. Er zerreißt zu viel Hosen.«
Die Bäurin gähnte: »Das tut nix. Der Schneider bittet auch ums tägliche Brot.«
Die Alte ließ nicht nach. »Der Kasper hat ein gutes Gemerk, wir sollten ihm einen Schulmeister halten. Der Brunnkressenhannes wär ein gelehrter Mann.« –
Da fand sich der Brunnkressenhannes im Hof ein.
Er war ein magerer, krummhälsiger Gesell, der den Bauern gegen einen Jahrlohn das Vieh hütete. Auch bekam er alljährlich von der Gemeinde ein neues Kuhhorn, und er prahlte oft, zu seinem Begräbnis brauche er keine Musikanten, da würden alle Hirten aus dem Gebirg kommen und auf den Hörnern, die in seiner Kammer hingen, ihm zu Grabe blasen.
Jetzt aber fragte ihn der Isidor Dullhäubel: »Hannes, kannst du schreiben und lesen und rechnen?«
»Und singen auch,« nickte der Hannes stolz.
»Du sollst das alles unserm Kasper in den Kopf bringen. Triffst du das?«
Der Hirt bäumte sich auf. »Das vermag ich wohl. Ich hätt schier selber in der Stadt die Schulmeisterprüfung hingelegt.«
»Warum hast du es nit getan?«
»Ei, da haben mich die Herren von der Schulmeisterschul gefragt, was ich vom Specht wüßt. Ich hab langmächtig hin und her gedacht, und zuletzt hab ich zugeben müssen, daß mir derselbige Specht ganz unbekannt ist und daß ich ihnen überhaupt nix davon erzählen kann, und wenn sie mich erschlagen. Da hat mich einer erschrecklich scharf durch die Augengläser angeschaut und hat auf die Tür gedeutet. ›Behüt Gott! Ich geh gern,‹ sag ich. Und wie ich glücklich draußen bin, steht einer dort, der ist aus der Blaustaudner Pfarrei gewesen. ›Du,‹ sag ich, ›hörst, jetzt gesteh mir auf dem Fleck, was ist denn das – ein Specht?‹ ›O du lieber Landsmann,‹ schreit der, ›du wirst doch schon einmal einen Baumhackel gesehen haben?!‹ Nein, Dullhäubel, wenn ich gewußt hätt, daß der Baumhackel in der Stadt sich Specht schreiben laßt, den ganzen Tag hätt ich den studierten Herren davon erzählen können.«
Der Dullhäubel holte den Hirschenbrunner Volkskalender vom Fensterbrett, schlug ihn vorn auf und hielt ihn dem Hirten hin. »Jetzt will ich mich überzeugen, ob du gut lesen kannst.«
Der Brunnkressenhannes holte aus der Brusttasche eine Brille herfür, rüstete sich damit und setzte ein gelehrtes Gesicht auf.
»Mit Brillen lesen, ist keine Kunst,« rief der Bauer. »Das trifft ein jeder.«
Der Hannes kehrte sich nicht dran und las langsam und gewichtig: »Sankt Kilian stellt die Mäher an. Wann Maria im Regen übers Gebirg geht, dann geht sie im Regen wieder zurück.«
Schnell deutete der Dullhäubel auf eine Eintragung, die auf der andern Seite stand. »Ob du die Schrift auch verstehst?«
Der Brunnkreßner wischte mit dem Ärmel über die Nase und las: »Am Montag nach Mariä Himmelfahrt ist der Kasper auf die Welt kommen. Den Tag hernach ist unsere gelbfleckete Kuh, die Docke, beim Stier gewesen.«
»Selbes ist wahr,« freute sich der Bauer, »meine Mutter hat das geschrieben. Die Zeit stimmt.«
Nun schlug er den Kalender hinten auf und hielt ihn lauernd dem Hirten hin.
Der las: »Viehmärkte in Hirschenbrunn sind zu Georgi, am Tag vor Peter und Pauli, zu Ägidi und zu Martini.«
Der Isidor wunderte sich über die Maßen. »Sakerment, wahr ist es, vorn und hinten kann er lesen. Aber, Hannes, ich muß dich noch mehr versuchen.«
Er rannte davon und kam nach einer hübschen Weile mit einem andern Kalender zurück.
»Den hat mir der Mußmüllner geliehen, es ist ein Linzer Stadtkalender. Ob du den auch verstehst?«
»Das wär nit schlecht.«
Der Hannes las, worauf des Dullhäubel derber Finger zeigte: »Ein Bauer begehrte einen Viehpaß. Der Schreiber fragte: ›Auf wieviel Ochsen?‹ – ›Auf Zwei‹. – ›Und der dritte treibt sie‹, lachte der Schreiber. – ›Und der vierte schreibt sie‹, lachte der Bauer.«
»Sakerment, ist das eine schöne, kurze Geschichte. Und ist sie auch wahr? Und steht das wirklich so drin?« staunte der Dullhäubel.
»Ganz genau, ich beschwör dir es. Tausend Schwüre leg ich darauf ab in einer Viertelstund!«
»So kannst du also einen jeden Kalender lesen vorn und hinten?«
»Oben und unten, geschrieben und gedruckt,« sagte der Hirt.
»Sakerment, wenn du jetzt noch die Gitarr zupfen könntest, du könntest um die größte Schul einreichen,« meinte der Bauer.
Damit war der Brunnkressenhannes als Schulmeister aufgenommen. –
Am andern Tag hütete der Hannes auf der Weide vor dem Vogeltänd das Vieh. Das Kuhhorn im Gürtel, saß er auf einem Stein, und vor seinen Zehen brannten die feurigen Nägelblumen. Rings graste das Vieh, ein rotblümetes Stierlein scherzte, ein Heuschreck hüpfte aus dem Gras auf. Am Himmel glänzte eine linde Wolke.
Da brachte der Isidor Dullhäubel seinen Schüler daher.
»Er wird bei mir Zucht lernen,« rief der Brunnkressenhannes. »Gute Zucht tragt gute Frucht. Da setz dich her zu meinen Füßen, Kasper!«
Er räusperte sich und fing an: »Zuerst müssen wir von der Welt lernen. Drum merk auf, und sag es mir dreimal nach: Die Welt ist eine Kugel.«
»Oha!« schrie der Bauer, der zuhörte. »Weitaus gefehlt! Die Welt ist ein Teller.«
Der Hannes bog den krummen Hals und sah den Dullhäubel scheel an. Nachher begann er wieder: »Du kannst es mir glauben, Kasper! Die Welt ist so rund wie dein Schädel.«
Betroffen tastete der Bub seinen Kopf ab, als wolle er den rechten Begriff von der Gestalt der Erde gewinnen.
Derweil widerstritt der Bauer: »Alles ist gerad und eben. Wo sieht man es denn, daß die Welt kugelrund ist? Wenn es so wär, müßt man ja auf der Seite hinunterfallen. Bucklet ist die Welt, aber rund nit.«
»Die Welt ist rund wie eine Kegelkugel und dreht sich,« sagte der Brunnkressenhannes scharf und unwillig. »Schwätz mir nix drein, Bauer!«
Der Isidor erwiderte: »Wenn die Welt sich dreht, müßt einmal das Wasser aus dem Brunn fallen, du Aff du! Und mit dem Kopf nach unten müßt man zeitweilig gehen, du Aff du! Stell dich einmal auf die Stubendecke hinauf, du Aff du, und fall nit herunter!«
Der Hirt ward hitzig. »Und dennoch dreht sich die Erde um die Sonne!«
Da holte der Bauer weit aus und reichte dem Hannes einen schallenden Hieb. »Ich vertrag viel, aber so arg laß ich mich nit narren, du falscher Lügenteufel. Hab ich es doch erst heut wieder gesehen, wie die Sonn aus der Erd heraus gerodelt ist! Und die Sonn steht nit, sie geht; doppelt so geschwind geht sie wie ein Mensch.«
Der Hannes rieb sich die Wange. »Du bist ein grobes Wetter, Bauer. Aber es hilft dir nix. Und die Gelehrten wissen allerhand, was dir seltsam ist, und sie haben recht. Wie könnten sie sonst die Stund genau ansagen, wo sich der Mondschein verfinstert?«
»Das nehmen sie ja aus dem Hirschenbrunner Kalender, du Narr!«
»Und wer macht denn den Kalender, he?«
»Den Kalender hat es allweil gegeben, du Narr. Hör mir auf mit deinen neugescheiten Gelehrten! Die wissen am End gar, wann Gott die Welt erschaffen hat.«
»Jawohl, Bauer, am dreizehnten März.«
Da schlug der Isidor Dullhäubel ein Kreuz, daß er sich dabei schier die kupferne Nase aus dem Gesicht gerissen hätte, und ging und überließ den Kasper seinem Schulmeister.
Der hob den Finger. »Jetzt, Bub, mußt du einen Spruch lernen. Sag mir ihn nach!
Kind, horch, was dein Gewissen spricht
und handle so, dann fehlst du nicht!
Die innre Stimme ruft uns zu:
Böses meide! Gutes tu!«
Zeile um Zeile drillte er dem Schüler ein, und der konnte es bald auswendig.
»So, jetzt lernen wir Lieder singen!«
Der Hannes zog das Maul schief, sah ins Gras und begann mit meckernden, hohen Lauten:
»Morgens, wenn die Sonn aufgeht
und der Tau im Gras da steht,
treib ich mit verliebtem Schall
meine Viehlein aus dem Stall
auf die grüne Hutweid hin,
ob ich gleich ein Hirt nur bin.«
»Nun, Kasper, wie gefallt dir das Lied? Es hat eine recht sittsame Weis.«
»Gar nit gefallt es mir,« rief das Bauernbüblein.
»Du Lump, du fauler, du geringschätziger!« tadelte gekränkt der Hannes. »Du wirst auch einmal so ein Bauer werden, der alle Tag Sonntag und alle Sonntag Kirchweih hat und nix tut, als an den Zäunen lehnen. Weißt du vielleicht ein schöneres Lied?«
Der Bub ließ es sich nicht schaffen und gellte aus höchstem Hals:
»Ich schrei hü,
ich schrei ho,
ich schrei allweil
hüstaho!«
»Da loset dem jungen Dullhäubel zu, der braucht keinen Schulmeister nimmer,« sagte der Hirt bissig.
Er kramte einen messingenen Ring heraus, das war seine Sonnenuhr, stellte sie gegen das Licht und sah nach der Stunde.
»Bub,« meinte er, »meine Zeit ist da, mich schläfert. Nimm derweil das Vieh in acht!«
Er unterwies den Kasper noch, wie er sich als Hirt zu halten habe, verblümelte dabei seine Rede mit vielerlei nutzbaren Sprüchen, sank dann auf einmal steif und mit gläsernen Augen ins Gras zurück und schlief.
Der Kasper kümmerte sich nicht um das Vieh, sondern kitzelte die Grillen aus ihren Nestern, und hernach fing er ein paar Bienen, sperrte sie in ein Schachtel, und die war der Stall, dort sollten sie Honig melken. Dann grub er ein tiefes Hummelnest aus. Eine Hummel entkam ihm und irrte herum wie ein fliegendes Baßgeiglein, eine andere aber ertappte er und steckte sie zu den Bienen, denen sollte sie der Weisel sein. Auch die Hummelzellen gab er ihnen in den Stall, sie sollten sich ihrer als Schüsseln und Bratscherben bedienen.
Bald war sein unruhiger Sinn des stillen Spieles überdrüssig, und er schlich sich zu zwei weidenden Kühen hin und knüpfte ihnen die Schwänze zusammen, und als er hernach böse zu summen anhob wie eine Blutfliege, wurden die zwei Tiere vor Angst irr, sie wollten fliehen und konnten nicht, sie versuchten sich zu scheiden, und es gelang nicht, das eine zerrte hin, das andere zog her, sie sprangen immer närrischer.
Der Kasper ergötzte sich daran, und daß seine Lust noch höher steige, stahl er dem Hirten das Horn und stieß mit aller Wut seines Atems darein.
Der Brunnkressenhannes taumelte auf. Er sah, wie die Kühe mit verknüpften Schwänzen, die eine rechts, die andere links, einen jungen Ahorn schier umrissen. Verzweifelt griff er sich ins Haar, das so karg stand wie der armen Leute Hafer.
»Herrgott von Blaustauden, laß nur die Schwänze nit reißen!« Mit diesem und noch manch anderem Stoßgebet rannte er den Kühen zu Hilfe.
Da tauchte der Meßner Grazian aus einer Staude, ein spitzköpfiger, einseitiger Mann; die eine Achsel stand ihm höher als die andere. Er deutete mit krummem Finger auf den Kasper. »Das ist ein liederlicher Bursche. Der wird es zu nix bringen.«
Der Bub blies mißtönig auf dem Stengel einer Ringelblume und schaute, kalt bis ins mittelste Herz, zu, wie der Hannes die ungeduldigen Kühe auseinander tat.
»Dem liederlichen Burschen wird es einmal schlecht gehen,« weissagte der Meßner Grazian, »der wird noch einmal Mäus und Grillen fressen.«
Indes hatte der Hirt sein umständliches Amt vollbracht und fiel nun mit einem heimtückischen Sprung über den Kasper her, lieh sich dessen Ohrwäschlein aus, tappte ihm nach dem Schopf und riß ihm eine dicken Schübel Haare aus. Dabei keuchte er: »Dank hab die Rut, sie macht das Knäblein gut!« und der Kasper sollte den Spruch wiederholen. Der aber stampfte und strodelte unter den Krallen seines Meisters und krähte wie ein junger Rabe, der aus dem Nest gefallen ist.
Der Grazian hingegen predigte aus der Staude heraus: »Der liederliche Bursche rennt dem Galgen zu, er kann ihn nimmer erwarten. Hau zu, Hannes! Hau so viel Ruten an ihm ab, als auf einem Joch wachsen!« –
Damals endete das kurze Schulmeistertum des Brunnkreßners.
Der Isidor Dullhäubel nahm seinen Buben her. »Kasper, du wirst ein großer Bauer wie ich. Du wirst einmal Vieh und Felder und Holz haben. Holz macht die Erde stolz, und du kannst einmal stolz den Kopf heben, und die andern Fuxloher Bauern werden nur Notleider gegen dich sein. Lernen sollst du nit viel, es ist nit gesund. Wer viel weiß, wird nit feist.«
»Zum Hannes geh ich nimmer,« trotzte der Bub.
»Du brauchst auch nit, Bub. Die richtige Meinung über die Welt bring ich dir bei, und lesen und schreiben lernst du von der Altbäurin.«
Es war die lustigste Lehrzeit, die der Kasper bei seinem Vater verlebte. Weil der Bauer glaubte, das Gedächtnis sei die wichtigste Arbeit des Gehirns, so mußte der Bub die scheckigsten Lügenmärlein auswendig lernen, davon die Geschichte vom brennenden Wasser, das mit Feuer gelöscht worden ist, und von der papierenen Kapelle, drin der hölzerne Pfarrer eine haselne Messe liest, noch am glaubwürdigsten war. Hernach brachte der Dullhäubel seinem Schüler, der lebhaft wie ein Hirschlein darein sah, manchen Spottreim und manchen spitzigen Stichelschwank bei und erzählte ihm die Streiche, derer die Dörfer diesseits und jenseits des Gebirges bezichtigt wurden, und bald wußte der Kasper jedem Ort ein Narrenglöckel anzuhängen, und er spottete über die Bärnloher, denen einmal ein Ochs auf den Kirchturm hinaufgestiegen war, und über die Daxloher, wo die Kühe so bitterlich hungern, daß eine der andern den Schwanz abfrißt. Quackten im Mai die Frösche, so lachte der Kasper: »Die Grillnöder singen!« Und wenn die Blaustaudner Glocken über den Wald herauf klangen, sang er:
»Die Blaustaudner läuten,
sie läuten vor Not,
sie fangen den Bettelmann
und nehmen ihm's Brot.«
Der Bub konnte auch bald so kunstvoll mit der Peitsche schnalzen wie ein alter Fuhrknecht. Er schob die Finger ins Maul und pfiff schrill, daß es den ganzen Wald Vogeltänd durchdrang und die Krähen in den Nestern sich duckten.
Weil er den Großen und den Kleinen seine Sprüche und Stichelnamen anhängte, traute sich schier niemand am Dullhäubelhof vorüber, und der Kasper war von allen gefürchtet wie ein bissiger Enterich. Drum fand er auch zu seinen Spielen keinen Gesellen.
Nur des Mußmüllers Gid, ein stämmiger, vertrotzter Bub, vertrug sich mit ihm, und die zwei bauten Wasserräder in den Wolfsbach, durchstöberten die Felder nach gesprenkelten Rebhuhneiern und die Wipfel nach Nestern, fingen Schnerrer und Kranwitvögel, brieten und fraßen sie, fischten und krebsten, schopften und prügelten sich weidlich und söhnten sich wieder aus.
Die Nachbarsbuben waren bald nimmer zu trennen. Und kam einmal der Gid nicht früh genug aus dem Haus, so stellte sich der Kasper vor des Müllers Tür und lockte mit seiner feinsten Kehle durchs Schlüsselloch hinein: »Müllnerin, wenn du den alten Mostbirnbaum magst, mein Vater laßt dir ihn ausgraben. Ist der Gid nit daheim?«
Er tat so fein und so schmeichelnd, weil die Mühle der einzige Ort auf der Welt war, der ihm unheimlich schien. Denn der Müller Gori drohte oft den unbändigen Buben: »Ich laß den Wassermann los, er liegt in der Kuchel im Ofenloch an der Kette.« Und sprang gar der schwarze Hund Zikan, den einmal böhmische Komödianten zurückgelassen hatten, hinter dem Ofen hervor und fletschte den Kasper an, da verzog er sich schnell und blieb eine kleine Weile artig.
Aber das Blut der Buben verlangte allmählich nach verwegeneren Dingen, und die vererbte Rauflust regte sich. So zogen sie oft an die Gemarkung des Dorfes und forderten schreiend die Widersacher heraus.
»Salz in der Butten,
Mehl in der Gruben,
die Grillnöder sind
Hagbutzelbuben.«
Die Grillnöder Buben litten den Schimpf nicht, und sie trauten sich über die Schmäher, und so kam es zu zerkratzten Gesichtern, verbeulten Schädeln und blutigen Häuten, wobei aber der Kasper meist gesund davonging, denn er hielt sich zur rechten Zeit zurück und überließ den Hauptanteil an dem Streit dem Gid.
Der Müllerbub war auch weitaus stärker als Kasper. Nur im Gedächtnis fehlte es ihm.
Einmal schickte der Mußmüller seinen Gid zum Schuster, und dort richtete der Bub den Auftrag ganz verkehrt aus. »Gelobt sei Jesus Christus, Schuster,« sagte er, »da schickt dir der Schuh ein paar Müllner, er laßt dich gar schön doppeln, daß du ihn bitten tätst, und daß du ihm morgen die Schuh machst, er will sie heut noch anlegen.«
Als der Kasper das erfuhr, kannte er die verdrehte Rede gleich auswendig, und er schonte den eigenen Freund nicht und sagte sie ihm allweil wieder ins Gesicht, so daß oft bitterer Unfriede wurde zwischen den Buben und zwischen den Vätern, denn keiner, der Dullhäubel nicht und der Mußmüller nicht, ließ etwas über seinen Sprößling kommen.
Bald traute sich der Kasper mit seinen Schwänken an die großen Leute.
So saß einmal der Schmied mit seinem Gesellen beim Mittag, die Suppe rauchte, und das Weib schnittelte Brot in den Topf. Da sprang der Kasper in die Stube und schrie: »Schmied, helft, helft, euer Brunn brennt!« Hurtig rannten Meister und Meisterin und Gesell hinaus zum Brunnen, und als die Genarrten zurück kamen und alle Sakermenter schalten, stand ein Ochs in der Stube, der hatte die Suppe ausgesoffen und leckte sich noch die Nasenlöcher. »Den Hammer her!« brüllte der Schmied. Er hätte das Bürschlein mit den Ohren vor seine Werkstatt genagelt, wenn es nicht gar so entsetzlich um Erbarmen gebettelt hätte.
Der Kasper lernte dazumal, daß die Leute alles und auch das Unglaublichste glauben, man braucht es ihnen nur zu sagen.
Derlei Unfug trieb er noch viel. Der Bauer litt es und nahm lachend den Missetäter in Schutz. Ein einziges Mal nur vergriff er sich an ihm.
Die Grillnöder Buben brachten dem Kasper einen seltsamen Schimpf auf. »Erdspiegelbub! Erdspiegelbub!« kreischten sie und zeigten auf ihn. Er konnte sich nicht wehren, weil er nicht wußte, was das Wort bedeutete.
Der Brunnkressenhannes sagte ihm hernach, daß im Dullhäubelhof in einem schauerlichen Loch neben dem Krautkeller der Spiegel aufbewahrt sei, drin alles offenbar werde, und in dessen Glas jeder Dieb und Räubersknecht sich zeigen müsse, wenn es der Bauer verlange.
Er erzählte: »Vor alter Zeit ist mein Ähnel einmal durchs Gehölz gefahren. Plötzlich geht der Wagen nimmer vom Fleck. Die Ochsen legen sich ins Joch, daß sie züngeln und der Schweiß ihnen rinnt wie ein Bach, der Ähnel haut mit dem Geißelstecken auf das arme Vieh los, umsonst, der Wagen steht wie angefroren. Da nimmt er vor lauter Zorn die Axt und haut sie ins Hinterrad. Gleich rollt der Wagen wieder fort, als ob nix gewesen wär. Wie der Ähnel hernach zum Dullhäubelhof kommt, hört er es drin ächzen. Er schaut nach. Da liegt der Servaz Dullhäubel blutig im Keller bei dem Erdspiegel und sein Fuß abgehackt neben ihm. Der Servaz hat in dem Glas meinen Ähnel fahren sehen, hat ihm einen Possen tun wollen und den Fuß aufs hintere Rad in den Spiegel gestellt. Und wie mein Vorfahr dreingehaut hat, hat er dem Servaz den Fuß abgehackt. Er soll hernach krumm gegangen sein, der Servaz.«
Der Kasper schlich sich am selben Tag noch in den Keller. Aber die Tür zum Erdspiegel war vernagelt, und als er sie aufsprengen wollte, ertappte der Bauer den neugierigen Buben und legte ihn übers Knie.
Das war das erste und letzte Mal, daß der Kasper des Vaters Faust spürte.
Als die Sodonia den Enkel in solchen Ränken und Schwänken aufwachsen sah, kränkte sie sich arg. Sie machte sich wunderliche Gedanken über ihn und fürchtete sogar eine Zeitlang, der Kasper sei ein Wechselbalg und in der Wiege vertauscht worden, und darum habe er auch einen gar so großen Kopf und ein so boshaftes Gemüt, und sie bereute, daß sie ihm nicht gleich nach der Geburt Märzhasenaugen um den Hals gehängt hatte, den höllischen Tausch zu hindern.
Nun wollte sie seinem Übermut stauen, indem sie ihm die ewigen Leiden vorhielt. Sie blätterte mit ihm durch des Kapuziners Cochem »Goldenen Himmelsschlüssel« und wies ihm drin die Bilder, wie die Sünder am Bratspieß des Teufels gespickt wurden und ihnen der Leibhafte mit feuriger Axt das Fleisch vom Bein metzgerte und das Glied aus dem Gelenk riß, wie Nattern mit giftigen Zungen die Verdammten mitten ins Herz stachen und schleimige Kröten ihnen ins Maul krochen, und wie ein derart gepeinigter Mensch sich nicht helfen und nicht wehren konnte, zumal da er durch den Bauch an den Erdboden genagelt war.
In des Vaters Cochem Höllenspiegel gilbten dürre, duftende Nußblätter. Die Sodonia ließ den Buben oft daran riechen und sagte dazu traurig: »Die Blätter wachsen nit in Fuxloh, sie wachsen in einem Land, wo die Leut milder sind.« Die Alte hatte aus einem fernen Dorf aus dem Vorland des Gebirges herauf geheiratet.
Obschon der Kasper sich in der Nacht abergläubisch fürchtete, am lichten Tag schreckte ihn der Ahnin Warnung nicht, daß auch er einmal in den Höllenkessel hinabquirlen und drunten brennen und braten müsse. Er wurde im Gegenteil immer begieriger, die marterlichsten und verwickeltsten Peinen des Satans kennen zu lernen, als wolle er diesem einstmals als gelernter Gesell behilflich sein. Das merkte die Sodonia mit blutendem Herzen, und sie hakte bald den Höllenspiegel zu und malte den Teufel nimmer an die Mauer.
Der Kasper schlief in ihrer Kammer, und wenn er nachts aufkam, sagte sie mit ihm das Einmaleins auf, um ihn von bösen Gedanken abzuhalten, und lehrte ihn kopfrechnen. Auch die Schrift brachte sie ihm bei, und beim Lesen zeigte er sich recht anstellig, dabei aber geschah der große Fehler, daß das abgegriffene Buch, darin er lesen lernte, »Die lustigen Streiche des Till Eulenspiegel« hieß.
Die einzige Hoffnung der Sodonia war, daß der mißratene Mensch sich schon geraderecken werde, wenn er einmal die Lehren des Glaubens aus berufenem Mund hören werde.
Und es kam die Zeit, da versammelte der Pfarrer Sebastian Knaupler die Fuxloher Kinder vor der Kapelle des Blaumantels, um sie für die erste Beicht würdig vorzubereiten. Er lehrte sie die himmelschreienden und die lässigen Sünden hersagen, erzählte ihnen die biblischen Geschichten und münzte, was er da an geistlichen Dingen vorbrachte, in fröhlichen und handgreiflichen Augenschein um.
Also hob er, als er von der Sündflut erzählte, die Kutte immer höher und höher, damit das steigende Wasser recht anschaulich den Kindern ans Herz schwölle, kletterte schließlich, von den Buben gehoben, auf die Kapelle, das wachsende Meer zu verdeutschen, und rang droben die Hände. Dem Häuflein drunten ward angst, mit weiten Augen schauten sie zu dem geistlichen Herrn auf und in ihren Hirnen dämmerte der Umfang des Strafgerichtes.
Da riß ein Lärm die kleine Gemeinde aus den Schauernder Sündflut in das alltägliche Fuxloh zurück.
Der Brunnkressenhannes, der dem Pfarrer Sebastian Knaupler das schulmeisterliche Amt neidete, sah von der Viehweide nieder, tutete und näselte:
»Auf der Wies und auch am Klee
ich so lange umher geh,
bis sich laßt ein Brünnlein finden,
daß mein Vieh daraus kann trinken,
allda setz ich mich in Ruh,
nehm die Schwegel, pfeif dazu.«
Wie neugierige Gänse reckten die Kinder die Hälse und lauschten dem Störer. Der Pfarrer drohte: »Da alter Grillenkitzler, jetzt halt schon einmal das Maul!«
Um die Sinne der Kinder wieder an sich zu reißen und die bergüberschwellende Flut in einem verwogenen Bild auszulegen, packte er den Ast über sich und schwang sich in die Föhre. Er glitt aber dabei aus und stürzte. Zum Glück verhängte er sich mit den Füßen in eine Astgabel, die Kutte sank ihm über den Kopf verhüllend nieder und entblößte zwei dünne, borstige Beine, die von einem kurzen Lederhöslein nur spärlich bedeckt waren. Aus der Kutte heraus flehte er gedämpft um Hilfe.
Die Kinder meinten, das gehöre alles zu der biblischen Geschichte, drum rührten sie sich nicht, warteten und staunten. Schließlich kam der Hannes mit einer Leiter gelaufen und erlöste den Herrn Sebastian Knaupler aus seinem absalomischen Zustand.
Der Pfarrer wischte sich den Schweiß. »Kinder, für heut ist es genug. Habt ihr alles begriffen?«
Der Kasper hob die Finger in die Höhe. »Ich begreif nit alles.«
»So mußt du mich fragen, kleine Seele!«
Hellauf rief der Bub: »Was für eine Himmelssünd ist das, die Unkeuschheit?«
»Die Unkeuschheit,« brummte der Geistliche, »das ist, wenn einer die Hosen verkehrt anzieht. Und frag nit zuviel, Bengel, und bet zu deinem Schutzengel, er soll dich nit verlassen!«
»An den Schutzengel glaub ich nit,« sagte der Kasper keck.
»Warum nit?«
»Wenn ich einen Schutzengel hätt, so hätt er mir helfen raufen, wie mich der Schmied in der Beiz gehabt hat.«
Da fiel der Pfarrer über den Buben her und rüttelte ihn beim Kragen. »Du frevelhafter Teufel, wirst du gleich an deinen Schutzengel glauben!« –
In der Woche vor dem Freudensonntag beichtete der Kasper zum erstenmal. Der Pfarrer spitzte seine Ohren scharf, und der Sünderling wispelte hurtig hinein: »Bei der Mußmühl weiß ich ein Nest, sind fünf Eierlein drin, fliegt allweil eine Bachstelze hin. Dir sag ich es. Daß du es aber niemanden sagst, Pfarrer!«
Der Herr Sebastian Knaupler zog das Schneuztuch heraus und schneuzte sich lange. Dann schlug er ein ellenlanges Kreuz in die Luft und segnete. »Geh hin, o Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!«
Der Kasper ging hin und wuchs sich gemächlich zu einem stämmigen Burschen aus, stark und gelenkig. Sein Kopf war noch größer geworden, nur die Augen blieben winzig und die Stimme hoch und dünn und kichernd, wie er sie als Kind gehabt hatte.
Er plagte sich nicht, mit seiner Arbeit hätte er sich kaum das tägliche Brot verdient. Viel lieber schlüffelte er im Dorf umher und lauschte überall hin mit offenem Maul und verschlagenem, flinkem Blick. Hemdärmlig stand er auf der Kegelstatt und wog und warf die Scheibkugel, daß es donnerte.
Die Sodonia verwarnte ihn oft und rieb ihm vor, wie Müßiggang bösen Ausgang nehme, besonders bei einer Bauernwirtschaft, er aber pfiff sich ein Lied lustiger als das andere, rückte sich den Hut schief und sang:
»Und ein bissel bin ich bucklet,
und ein bissel bin ich krump,
und ein bissel bin ich tilltapp,
und ein bissel bin ich Lump.«
Weil er in der Rede gut beschlagen war und keinem die rechte Antwort schuldig blieb, und weil er schier aus lauter schönen Spitzbübereien zusammengesetzt war, wählten ihn die Burschen, die im Fasching vermummt durch die Dörfer reisten, zu ihrem Hanswurst, und in diesem Amt trug er einen strohenen Dreschflegel, einen Spitzhut und ein Kleid, aus hundert bunten Flecken närrisch zusammengewürfelt wie seine Seele.
Der Müllergid ging als der Hauptmann voran, ein gefranstes Handtuch als Schärpe vor der Brust, auf der Achsel einen Spieß, der sich unter dem Speck bog, den sein tolles Gesindel aus den Rauchfängen der lachenden Bauern heimste.
Und der Kasper stürzte jäh ins Knie, hob die Hände auf und schrie kläglich: »Ihr lieben Daxloher, ich bitt euch um Gottes willen, gebt her ein Pfund Teufelsspeck! Leugnet es nit, vor Dreikönig habt ihr den Teufel abgestochen und in den Rauch gehängt. Und ich bitt euch gar schön um eine kuhwarme Blutwurst, so lang muß sie sein, daß sie sich neunmal um den Blaustaudner Turm wickeln laßt und dreimal um eure Bürgermeisterin.«
Dann sprang er wie ein Heuschreck auf und schlug sich mit dem Strohflegel eine Gasse durch die Gaffer, und während seine Gesellen am Dorfanger tanzten und der Pritschenmeister einen der Zuschauer auf die Bank legen ließ und ihm fünfundzwanzig auf die Hinterlandschaft maß, durchstöberte der Kasper die Speckkammern und Ofenröhren der unbewachten Gehöfte, und kam dann üppig beladen zurück zu seiner Bande und jauchzte: »Die ganze Welt ist ein Fasching, juchu!«
In Blaustauden trieb der Kasper einen verreckten Geißbock auf. Sein Gesindel grub hinterm Dorf ein Loch und senkte den Bock hinunter. Der Kasper hielt die Grabrede: »Unser lieber, guter Herr Burgermeister ist tot.« Und einer kniete neben ihm, als Wittib verkleidet und jammerte, daß es einem das Herz zerspaltete und den Weibern rings das Wasser aus den Augen sprang. »Ein guter Hausvater ist dahin,« hub der Kasper wieder an, »ein braver Ehemann. Ihr Jungfern von Blaustauden, ich wünsch euch allen einen so eifrigen Mann.«
Der Meßner Grazian aber, der unter den Leuten stand, begehrte auf. »Ich laß den Blaustaudner Jungfern ihre Ehre nit angreifen,« schrie er und drängte sich scharf zu dem Redner hin.
Gleich wurden die Köpfe rot, ein Knäuel ballte sich zusammen, Fäuste reckten sich, und der Meßner lag auf einmal in der Grube auf dem Geißbock.
Es wäre zu blutigen Schlägen gekommen, wenn nicht der neue Pfarrer Nonatus Hurneyßl eingegriffen hätte, ein aufrichtiger und entschlossener Mann. Mit dem Regenschirm jagte er die Leute auseinander, verfolgte damit den Kasper, der sich mit dem Strohflegel nur schwach wehren konnte, zum Ort hinaus und half schließlich mit dem nämlichen Schirm seinem Meßner aus der Grube.
In der Nacht vor dem Fastensonntag trommelte es dem Grazian ans Fenster. Der Grazian, in der Meinung, es gelte, einen Kranken zu versehen, tat den Laden auf, und blitzschnell wurde etwas Gehörntes, Fürchterliches, an eine Stange Gebundenes in die Stube gestoßen, und das roch abscheulich.
»Der Teufel ist es, er stinkt nach Schwefel!« schrie die Meßnerin und fiel aus einer Schwäche in die andere.
Der Grazian dachte gleich an seine Höllenfahrt und kroch plärrend unters Bett.
Als die aufgeschreckten Nachbarn in die Stube leuchteten, fanden sie einen halbverwesten Geißbock.
Der Grazian wollte sich den Fastenbraten und den daran hängenden Spott nicht gefallen lassen und übergab die Sache dem Gericht. Der Täter aber kam nicht auf, trotzdem daß alles mit den Fingern auf ihn hätte weisen können.
Damals geigte die Sodonia dem Kasper tüchtig die Wahrheit, und es schien, als ginge der Bursch in sich und verabscheue seinen Wandel, der die Leute ärgerte.
Er stellte sich Tauben ein, züchtete sie und handelte damit und redete von nichts mehr als von Schopf- und Kropf- und Trommeltauben, von rotgesudelten und schwarzgesudelten, spiegelnden und rauhfüßeten Tauben und pfiff den Vögeln den ganzen Tag und lockte sie, die über den First des väterlichen Hauses trippelten.
Und in der Zeit dieser zärtlichen, weichen, sehnsüchtigen Pfiffe, und während er die Spiele und Scherze der Vögel betrachtete, wie der Tauber sein Weiblein umtanzte und girrend scharwenzelte und sie am Schnabel zog, und wie die beiden beleidigt und dann wieder schön mit einander taten, da wurde das Blut des Kasper ganz wunderlich, und er konnte sich selber nicht begreifen.
Und einmal, der Mond blinkte in die Stube, wo Bauer und Bäurin in dem breiten Himmelbett schliefen, da tappte sich der Kasper zur Tür. Aber er stieß an einen Stuhl, und der Bauer fuhr auf und sah den Burschen schleichen.
»Wohin denn, Bub?«
»Vater, heiraten möcht ich,« lallte der Kasper halb im Schlaf.
»Du hast recht. Heut noch nit, aber morgen, Bub. Und jetzt leg dich nur wieder!«
Folgsam kehrte der Kasper um und schlief weiter. –
Seit jener Mondscheinnacht lachte der junge Dullhäubel den Dirnen in die Augen. Und um sich vor ihnen ein Ansehen zu geben, handelte er sich vom Krämer eine Tabakspfeife mit buntem Kopf ein, die steckte er in die einwendige Brusttasche, daß das Mundstück herausguckte. Auch putzte er sich mit einem blauen Hut, grasgrünen Hosenträgern und einer breiten Uhrkette auf und ließ sich unter der Nase einen fuchsfeuerroten Schnurz wachsen. Und seine Schultern wurden breiter, seine Hände fester und griffiger. Nur die Stimme blieb ihm hoch und kindisch schrill.
Einmal saß die Sodonia nachts im Bett auf, weil sie sich den Schlaf nicht erzwingen konnte. Da hörte sie es wie mit Diebestritten das Haus umspüren und bald hernach den Kasper draußen halblaut singen:
»Dirndel, tu auf
und laß mich zu dir,
bin ein armer Kaplan,
sollst beten mit mir!«
Die Alte witterte neuen Unfug, und sie wollte die Hand über des Burschen Unschuld halten. Denn seine Mutter, die Sanna, kümmerte sich nicht um ihn, sie lag den halben Tag hinter der Scheuer unter der Hollerstaude, und die Stalldirn fing ihr die Läuse.
Die Sodonia wurde wachsam, und bald darnach merkte sie, wie sich der Kasper nach dem Essen davon zog und auch die Geißdirn verschwunden war. Schleunig suchte sie Dachboden, Stall und Stadel durch, bis sie schließlich zu einem alten, von Brombeergebüsch verwucherten Backofen kam, dort sah sie vier Füße heraus stehen. Sie packte das eine Paar kräftig an und zog den Kasper heraus.
Scheltend führte sie ihn zum Bauer. Aber der lachte unbändig und freute sich über den Ort, wo die Verliebten ihre Zuflucht gefunden hatten.